* unermusrrcher, sahrelanger Arbeit zusammengesteil: hat, alles jur sie Wissensierie aus dein Eisenbahn=, Post=, Wasser= und Luiiverkehr So praktisch vorgebilde: Iür das Leben, finden sie sich ohne Zweisel heute überall schneller und besser zurecht als diejenigen, denen solche Lehrsächer verschlossen bieiben. In andern Schuten st für die Mädchen praktisches Kochen ein Lehrich geworden; wieder anderswo wird prakt: er Musikunterricht erteilt. Amerika ist ir ser Hinsicht vorbildlich zu nennen, es hat ne Schulen ganz auf das Praktische einget; erste Hilfe bei Unglücksfällen, Werkunricht, für die Mädchen Hauswirtschaftsuntercht, praktische Buchführung, Blumenpflege, rankenpflege u. a. m. Der Vorzug solcher auf das Praktische organisierten Lehranstalten ist nicht zu verkennen gegenüber denjenigen, die sich im Theoretischen erschöpfen. Hoffen wir und helfen wir, daß bei uns die so notwendigen für das Leben erziehenden Lehrsächer sich durchsetzen; sie werden ein brauchbareres Geschlecht heranbilden und zugleich ein gesünderes; überlasten doch diese Fächer den Geist unserer Schüler nicht annühernd in dem Maße, als es etwa durch die rein wissenschaftlichen Fächer zu geschehen pflegt. —— Eheberatung In ihrer letzten Delegiertenversammlung nahm die Züricher Frauenzentrale Stellung zu der vom Stadtrat beschlossenen Einrichtung einer Eheberatungsstelle, um zu deren Ausgestaltung und Betrieb Wünsche zu äußern. Prof. v. Gonzenbach gab als Berichterstatter einen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte dieser Angelegenheit, wobei er darauf, hinwies, wie sich aus der Arbeit der Mütterberatungsstellen heraus das Bedürfnis nach einer solchen Einrichtung gezeigt habe. Tatsächlich hat die Eheberatungestelle eine große Lücke auszufüllen und etwas zu leisten, das von der Erziehung bisher fast völlig vernachlässigt wird. Auf keinem Lebensgebiet herrscht eine solche Unkultur, eine solch ungeheure Unwissenheit und Ratlosigkeit, wie gerade auf dem der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Zahllose, Konflikte und unglückliche ehen sind die Folgen. Keine salsche Scham darf davon abhalten, hier Hilfe zu schaffen. Der Redner führte in dieser Beziehung u. a. aus: Die Eheberatungsstelle ist nach folgenden Richtlinien zu führen gedacht. Ihre erste und wichtigste Aufgabe ist die Beratung der Ehewilligen, deren Verantwortungsgefühl es zu wecken und zu steigern gilt. Richt etwa die Kinderverhütung steht im vordergrund, sondern im Gegenteil der Gedanke, daß die Verbindung zweier Menschen die Grundlage zur Schaffung der neuen Generation und daß es deshalb von größter Bedeutung sei, daß-er körperlich und seelisch Gesunde in die Che kreten. Die zweite Aufgabe ist die Beratung in bereits geschlossenen Ehen, wo sich Unstimmigkeiten und Differenzen ergeben. Hier besonders, aber auch bei der ersten Aufgabe, kann es nur Sache eines seinfühlenden, gut ausgebildeten Menschen(Arzt oder Aerztin) sein, die Beratung durchzuführen. Der Erfolg der Beratungsstelle steht und fällt mit der Persönlichkeit, die sie leitet. Bei der dritten stehen vielleicht Fragen d. Kindererzeugung im Vordergrund. Für Fälle besonderer Art(spezielle Erkrankungen. Rechtsfälle, Erziehungsschwierigkeiten bei Kindern usw.) ist vorgesehen, mit andern Organisationen Fühlung zu suchen und el Bie Tcheberat. u a t“ soll die ehrverulung emp,ehlen, sie son vielmehr Erziehung von innen heraus sein. auf die ethischen Grundlegen der Ehe hinweisen und den Willen zum Kind in die Menschheit hineinzutragen versuchen. In äußersten Fällen, durch soziale Not oder den Gesundheitszustand der Mutter bedingt, darf auch die Konzeptionsverhütung bei der Cheberatung in Betracht gezogen werden. Denn es gilt, mit der Wirklichkeit und mit den tatsächlichen Verhältnissen zu rechnen. Die Eheberatungsstelle soll der Mütterberatungsstelle angegliedert und von der Stadt subventioniert und überwacht werden. der Erörterung wurde allgemein das Einverständn's mit der Schaffung einer ethisch wahrhaft hockstehenden Eheberatungsstelle bekundet, aber von der Empfehlung oder gar Verabreichung antikonzeptioneller Mittel entschieden abgeraten. Durch Besserung der sozialen Verhältnisse, durch Wohnungsfürsorge, Familienzulagen, Mütterrenten und ähnliche Hilfsmittel sollte es jeder Familie möglich gemacht werden. ihre Kinder ohne künstliche Einschränkung auszuziehen. Auch wurde empfohlen, neben Arzt und Aerztin an der Beratungsselle Fürsorgerinnen mitwirken zu lassen, damit jeweils nicht nur medizinisch, sondern auch fursolgerisch eingegriffen werden könnte. Das gleiche gelte übrigens auch für die Polikliniken, wo dieser Mangel längst deutlich fühlbar sei. Schließlich wurde noch der Wunsch ausgelsprochen, daß nicht vorwiegend medizinischer, sondern in allererster Linie sittlicher und seelsorgerischer Rat erteilt werde, und daß die Leitung einer verheirateten, nicht einer lediger Aerztin anvertraut werde. Der Abendhut— die Abendhaube Endlich im Besitz des heiß ersehnten Bubenkopfes(den Zopf daheim in der Kommode) wollte man die heiß erkämpfte Frisur in den letzten drei, den Bubenkopf=Kampfjahren, natürlich auch zeigen, sich gebührend bewundern lassen. Der Abendhut mußte demzufolge unmodern werden. Heute ist das anders. Man wendet wieder dem Lut erhöhte Aufmerk'amkeit zu. Der märchenhafte Luxus, der sich in den Avendtoiletten und Abendumhängen der Nodedame kund gibt, spiegelt sich auch in Abendhut wieder Dieser hat meist die Turbanform, ist aus Gold= oder Silberlame, Metallbrokat, mit viel Stein= und Similischmuck oder mit einem von rückwärts nach vorn wippenden Reiher geziert. Schmuckagraffen werden ebensalls reichlich zur Garnierung des Abendhutes herangezogen. Sehr in Gunst stehen auch die Spitzen, welche, auf aparte Drahtgestelle gespannt, zu Abendhüten verarbeitet werden und deshalb entzückend aussehen, weil sie das Haar durchschimmern lassen. Vielfach tritt beim Abendhut auch der moderne kleine Nasenschleier jetzt in Erscheinung, der da meist zarter, aus Goldund Silberspitze, arrangiert ist und sehr reizvoll wirkt. Während es erlaubt ist, zum modernen Abendhut sowohl Nacken= Stirn=, wie auch Ohrlöckchen zu tragen, verzichtet die zweite Art der Abendbedeckung, die Abendhaube, vollständig auf die Umrahmung des Gesichts durch das Haar; im Gegenteil: es ist verpönt, auch nur eine zarte kleine Locke aus der eng umschließenden herben, aber aparten Haube herauslugen zu lassen. Diese Haube ist in Anlehnung an die seinerzeitigen Flieger=(Lindberg=) Mützen gearbeitet, umspannt eng den Kopf und weist als markantes Charakteristikum über den Ohren zwei originelle Klappen auf Auf diese Klappen ist das Hauptaugenmerk des Putzes gelegt. Sie sind kostbar bestickt, oft auch nur auf der einen Seite, mit Jettsteinen ganz eingesäumt und durchweg; aus pompösen Stofsen gearbeitet. Da das Gesicht durch den kühlen glitzernden Metallrahmen der Abendhaube jedoch nackt und plastischer als unter dem Abendhute erscheint eignen sich diese Kappen nur für wirklich ebenmäßige oder sehr gepflegte, schöne Gesichter. Im Rahmen der modernen Kopfbedeckung muß noch des Tanz=Turbans gedacht werden, welcher auch schon während der NachmittagsTees getragen wird. Er unterscheidet sich dann vom Abendturban dadurch, daß sein Kopf aus schwarzem, jedenfalls aber dunklen Filz ist nur der Rand bandeauartig aus glitzerndem Stoff gewunden ist. Viel Freunde wird sick die neueste Hutschöpfung jedenfalls nicht erwerben, denn die Dame, die sich sowieso nach jedem Tanze mit der Puderquaste über das Näschen wischt, hat sicher nicht die geringste Lust, etwa durch den warmen anschließenden Tanzturban auf der Stirne hervortretende Schweißperlen abzutupsen! H. Hutter. zimmer betreten.„Meine Damen,“ sagt er sehr ruhig,„ich bedaure, Ihr Mißfallen erregt zu haben. Aber wir können dem bis zu einem gewissen Grad abhelfen. Mein schielendes Auge z. B. will ich gern künftig zu Hause lassen, es st sowieso nur aus Glas. Auch mein steifes Bein kann ich entbehren, es ist ein künstlicher Ersatz, den ich leicht jederzeit ablegen kann Das Stottern freilich müssen Sie auch weiterhin mit in Kauf nehmen, damals vor Verdun war ich zwei Tage lang verschüttet!" Farmer. Zwei Farmer, Vater und Sohn, leben in der Steppe. Weitab von den Menschen. Ihr Umgang sind tagaus, tagein nur Pferde, die sie einfangen, zureiten, züchten und an reisende Händler verkaufen. Bricht ein Pferd den Fuß, wird es erschossen. So leben die beiden ihr ganzes Leben in Eimsamkeit, und ihre Gedankenwelt sind allein die Pferde. Eine Tages sagt der Vater: „Wir werden morgen in drei Tagesmärschen in die Stadt reiten. Du wirst zum ersten Male in deinem Leben viele Menschen sehen und die Stadt mit ihren tausend Wundern." Am nächsten Morgen reiten sie los. Als sie in die Stadt kommen, sperrt der Junge Mund und Nase auf. „Was sind das für seltsame Wesen, Vater, die lange, runde Kleider tragen und vorn auf der Brust so dick sind?“ „Das sind die Frauen, mein Sohn.“ „Was macht man mit ihnen?“ „Das wirst du bald sehen. Suche die eine Frau aus und reite mit ihr in die Steppe zurück. Ich komme in acht Tagen nach.“ Am kommenden Tage reitet der junge Farmer mit einer Frau nach Hause. Acht Tage später kommt der Vater nach. „Na, wo ist deine junge Frau?“ „Ach, Vater, mit der haben wir Pech gehabt. Kaum sind wir angekommen, bricht sie sich den Fuß, und ich habe sie erschießen müssen.“ —0— Zerknittertes Schreibpapier zu glätten. Wer viel schreibt, hat zuwellen über einen sonst noch ganz guten, zerknitterten Bogen seines Briespapiers zu klagen. Um den Bogen wieder tadellos herzustellen, beseuchtet man die Druckstellen und legt einen sauberen, aber recht schweren Briesbeschwerer, etwa eine Kaschel oder einen Marmorbriefbeschwerer darauf. So bleibt das Papier drei Stunden lang liegen und wird nachher glatt und brauchbar sein. Ersatz für Korken. —.— Heilsame Lektion für junge Damen. Die Obersekunda eines Mädchengymnasiums, so wird in Reclams„Universum“ erzählt, ist empört über den neuen Klassenlehrer. gitt, er hat eine Narbe übers halbe Gesicht!“ „Und habt ihr schon beachtet, wie er geht? Lächerlich steif und ungeschickt!" „Außerdem schielt er mit dem einen Auge!“ „Er stottert sogar!“ Eine schüchterne junge Stimme:„Aber sein Unterricht ist doch sehr interessant!" Allgemeine Entrüstung:„Wir wollen ihn nicht. Sein Anblick beleidigt unser ästhetisches Gefühl!" Währenddessen hat der Geschmähte, unbemerkt von den jungen Mädchen, das KlassenEinen tadellosen Ersatz für fehlende Pfropfen oder Korken in Flaschen schafft man sich, indem man sterilisierte Watte in der gewünschten Größe zu einem festen Röllchen aufrollt und in die Flaschen steckt. Mit einem solchen Pfropfen kann man z. B. auch Fruchtsäfte; die man in Flaschen gefüllt hatte, solange sie noch heiß sind, verschließen, ohne ein Verderben befürchten zu müssen. Auch Kölnisches Wasser, Essig usw. verschließt man damit luftdicht. Der Verschluß hält sehr fest. Es ist jeder Hausfrau anzuraten, immer sterilisierte(keimfreie) Watte, die man in Apotheken und Drogerien erhält, m Hause zu haben. Sie ist natürlich auch das beste für medizinische Zwecke, beispielsweise zum Auswaschen kranker Augen. Soufflee von Karotten. 6 große Karotten oder auch zarte Mohrrüben werden zerschnitten und in Salzwasser gar gekocht, was in ½ bis ½ Stunde geschehen sein wird. Wenn es möglich ist, kocht man sie nur ½ Stunde in Wasser und nachher in guter Fleischbrühe vollends weich. Dann streicht man sie, möglichst noch warm, durch ein Haarsieb und läßt dann dieses Puree mit Salz und Pfeffer in einem Teil der Karottenbrühe nochmals aufkochen, gibt etwas Dr. Oetkers Gustin daran und rührt es darauf mit drei Eidottern und dem Schnee der Eiweiße zusammen, aibt es in eine dick mit Butter ausgestrichene Auflaufform und bäckt es etwa 15 Minuten bei Mittelhitze. Dies ist eine gute Beigabe zu Aufschnitt und verschiedenen Fleischgerichten. Verantwortlich: H Semmelmann. Aitena. Druck und Verlag: P. A. Sang, Altena. * Praden4 0 Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 1 Altena, den 3. Januar 1928 Frauen um große Musiker Die Sehnsucht nach der Mutter— Verirrungen der Gefühle. Von dipl. mus. Bahn=Heine. Wir müssen enttäuschen: kaum ein Genie, das nicht krank war, kaum eines, das Erfüllung bei einer Frau gefunden. Chopin irrt umyer zwischen Frauenliebe und Männern, Beethoven endet in Einsamkeit, die„unsterb liche Geliebte“ fand er nicht; Wagner klagt in den„Meistersingern":„Wahn, Wahn, überall Wahn,— Wohin ich forschend blickt...“: Mo zart zerbricht zwischen den Extremen der himmlischen Liebe und der irdischen. Sein Vetter Weber nur ist eine Ausnahme, nach tollem Wirbel mit Soldaten und deren Mädcher findet er die Sängerin Carolina Brandt und schreibt:„Ich finde mein Glück nur bei den Meinigen... möge auch die Welt mir die höchsten Ehren geben und ich mich zuhause un beachtet wissen". Aber die Liebe zu seiner Familie stört nicht seine künstlerische Produktivi. tät— auch dies eine Ausnahme. Mozart verstummte für Jahre, als er sechsundzwanzigjährig zum Entsetzen der Welt Konstanze Weber geheiratet hatte, und so in en Haus der unedlen Leidenschaften gekommen war: die Schwiegermutter Säuferin, die Frau verloddert und von primitiver Erotik und Koketterie. Gewiß, sie kam einer Seite seines Wesens entgegen. „Wenn ich alle heiraten müßte, mit denen ich gespaßt habe, so müßte ich leicht 200 Frauen haben“— gesteht er einmal dem Vater. Trotz= dem alles andere als der Don Juan, den er komponierte. Sie erhören mich alle nur aus Mitleid— war sein Glaube und seine Klage Die Gattin tat nichts dagegen.— Mozart hungerte, die kümmerlichen Einnahmen verschlang der Wein; er verhöhnte schließlich die Erotik, aber er trank mit Mädchen— und zerbrach. Konstanze Weber hatte ihn zur Ehe gezwungen — Aloysia, die Schwester, war seine unerreichte himmlische Liebe gewesen. Carl Maria, der Bruder, sein Vetter, wurde ein beglückter Gatte, aber welche Irrungen vorher auch hier! Zur Verzweiflung gequält von der Tänzerin Brunetti:„Ohne sie keine Freude! Bei ihr nur Verdruß!“ Angezogen von der mütterlichen Frau Carolina Brandt— aber er flieht aus dem Zwiespalt zwischen Carolina und der Brunetti nach Dresden. Carolina folgt ihm auf flehentliches Drängen. sie ziehen aufs Land in ein kleines Häuschen in den Wald— der Freischütz entsteht; er, der Max tötet den Kaspar, der die Männerliebe darstellt. und gewinnt Agathe, die weiche, reine Frau. Daß ihn die Tuberkulose bald töten würde, weiß er im neununddreißigsten Johr. Er wagt noch eine Konzertreise nach London, um seiner Familie Geld hinterlassen zu können— er kommt nicht mehr zurück. Seine Frau fühlt es beim Abschied.„Ich habe den Sarg zugeschlagen hören,“ ruft sie, als die Wagenkür schließt. Wagner, für den die Erotik die treibende Kraft alles Schaffens war, war der genaue Gegensatz zu Weber: Weber schwankend zw'schen zwei Frauen— Wagner stets der eine Pol im Liebesleben seiner Frauen und darum immer enttäuscht, immer in dem Gefühl. zurückgesetzt zu sein. Obgleich nie ohne Selbstbewußtsein; denn die Schuld an seinem ehelichen Unglück schiebt er der Frau zu, der Schauspielerin Minna Planer:„Mit einem geringeren Mann wäre sie glücklicher gewesen.“ Erst ein Jahr, nachdem schon Cosima Liszt. Bülows Frau, den Sohn Siegfried geboren hatte, wurde er geschieden und heiratete die Mutter des Kindes. Viel Erlebnisse vorher. Aber den Tristan schrieb Wagner nicht zur Zeit einer großen Liebe, sondern er entstand bereits ohne reales Erlebnis:„Man weiß aar nicht, wie abseits aller Erfahrung. aller Wirklichkeit diese Dinge vor sich gehen“— spricht er es aus. Nachklang Verklungen der Weihnachtsglocken Ton, Erloschen der Kerzen Schimmer Ich träum' ihn noch einmal, den Weihnachtstraum, Ich lausche, ich schaue noch immer. Verhallet der Kinder Jubellaut Aus frohen, festlichen Tagen! Verlass'nes Kinderspielzeug schaut Mich an mit tausend Fragen. Und letzter, müder Tannenduft Umfängt mich wie letztes Grüßen; Bald bist du verströmt— ein langes Jahr Werd' ich dich entbehren müssen! Du nüchterner Alltag, was starrst du mich an In deinem grauen Gewande? Noch zwingst du mich nicht, noch umschlingen zu fest Mich des großen Erlebens Bande! Erst will ich noch einmal— ein einziges Mal— Ih' mich drücken deine Ketten— Einen Strahl nur vom Weihnachtslichterglan. Zu dir hinüberretten. Horst Bendler. Nicht Matilde Wesendonk, die lange umworbene, nie errungene Freundin im Gesst, ist Isolde; man nimmt das fäls lich und oft an Die sublimierte Liebe zu Matilde blieb immer, die Schönheit der Briese ist unerreicht. „Wo findet die Seele die Heimat die Ruh?“ Beethoven küßt vor dem Tode Therese Brunsviks Bild— sein guter Engel? Er sagt es, aber er hatte sie lange vergessen; hatte viele Lieben gehabt, die ihn nicht wollten; und wurde gewonnen von denen, die er nicht wollte. Er kam nicht los von den Frauen, aber er konnte sich nicht an eine binden: er kannte keine che. wo nicht ein Partner den Schritt nachher bereute, und er war sehr glücklich, daß keine der Angebeteten seine Frau wurde;„es ist gut, daß die Wünsche der Sterblichen oft nicht erfüllt werden"— so hat er zu Fanny Giannatasio gesprochen. Aber ein Kind wünschte er sich und nahm einen Neffen zu sich. Auch da Enttäuschungen. Ein wenig Trost bei einer mütterlichen Freundin, einer Gräfin Erdödyi. Unerotische Liebe, Sehnsucht nach Ruhe bei der Mutter..“ „Mein Herz soll beim Grab meiner Mutter bestattet werden"!— ist Chopins letzter Wunsch.„Meine unglückliche Mutter“— sein letztes Wort. Aber er hat nicht zu ihr zurückgefunden. Nach Irrungen war er eingefangen von der großen Amouröse, dem Mannweb George Sand. Er liebt sie nie, aber er kann nie von ihr fort. Unduldsam geworden, verfeindet er sich mit Liszt; auch die anderen Freunde verlieren sich. An Tuberkulose stirbt er mit 39 Jahren. Erotiker großen Stiles, ewig auch umschwärmt, doch nie glücklich. Ist es die Ruhelosigkeit, die das Genie zu höchsten Leistungen treibt? Die meisten Genies waren ruhelos; und Mozart wurde fast unproduktiv in seiner Ehe. Aber Weber nicht. Und doch wollte auch er um der Ruhe willen. die er haben konnte, auf Leben und Welt verzichten. Ist die Leistung erkaufbar nur um den Preis dessen, was man„Glück“ nennt? Strindberg zeigt in„Nach Damaskus“, daß die Ruhelosigkeit zum Genie gehört, Zwiespältigkeit. Unerlöstheit. Nie ist das Gegenteil gewesen. 717— Die Frau im Sprichwort Von Paula Gura=Ewald. Ueber die Frau gehen die Urteile von altersher weit auseinander. Es gibt heute die entgegengesetztesten Ansichten über das weihliche Geschlecht. Ja, sogar dieselbe Person urteilt je nach gemachten Erfahrungen oder jeweiliger Stimmung einmal„himmelhochjauch, zend"“, ein andermal„zu Tode betrübt“ über die Frauen. So ist es von jeher gewesen. Unsere Dichter und Denker wissen das Hehrste und— Absprecheneste über sie zu sagen, se nachdem sie ihre Gedanken in Augenblichen niederschrieben oder zu Gedichten formten, da „eine Frau“ ihnen„hold“, oder ein„Welb“ ihnen„abstoßend“ erschien. Ebenso ist es mit den Sprichworten. Merkwürdig muten jene Sprüchlein an die im Tode der Frau eine Vereicherung des Mannes sehen. Einige Beispiele:„Eine tole Frau ist so gut wie 200 Taler Geld",„Der Tod der Frauen und das Leben der Schafe machen Leute reich“.„Wem die Frauen gut sterben und die Bienen gut schwärmen, der wird bald teich“. Ein weiteres Sprichwort meint demgegenüber: „Auf der Welt ist nichts elender als eine re.che Frau zu haben.“ Von vorsintflutlichen Zuständen unterdrückter und gespringelter Frauen erzählen die Worte: „Eine nicht geschlagene Frau ist wie ungesalzener Kohl",„Schlage die Frau mit dem Hammer, und sie wird wie Gold“,„Wenn die Henne kräht vor dem Hahn, die Frau reset vor dem Mann, so soll man die Henne kochen, die Frau mit einem guten Prügel pochen". Tröstliche Pflaster auf diese lieblichen Anmaßungen verleihen folgende Sprüche:„Wer ohne Frau lebt. st ohne Wohl, Hilfe und Freude“.„In Käusern, wo Bildung herrscht und Sitte, da gehen die Frauen voran, die Männer folgen ihrem Schritte"(das läßt man sich schon eher gefallen!] und„Wo keine Frau, da geschieht dem Kranken weh." Dann aber hebt ein großes Mißtrauen an: „Frau, Mühle und Schif“ mangelt immer erwas",„Die Frauen haben immer anderthalbmal recht".„Wer eine Frau zu bewachen hat, ist keines Tages sicher“.„Einer Frau und einem Glas drohet jede Stund' etwas".„Die Frau verführt zum Guten wie zum Bösen, verführt aber immer". Aus weiteren Sprichworten läßt sich unschwer erraten, daß man die Hausfrauentugenden zu allen Zeiten geschätzt hat.„Eine gute Hausfrau kann aus der Kartofel viele Gerichte machen".„Was die Frau erspart, ist so gut ale was der Mann erwirb:“,(das sagen wir ja schon längst!),„Wenn die Frau die Kühe füttert, so geben selbst die Hörner Milch“. In Bezug auf Frauenliebe und=gunst hann man auch verschiedene Ansichten hören. Aus Klugheit schweige ich über die schlimmsten; muß es früher schlechte kokette Frauen gegeben haben! Ich will nur ein paar nette, auch auf die heutige Frauenwelt zutreffende Sprüchlein bringen:„Fraulichen Geschlecht redt übel nit, sondern ehre das zu allerzeit",„Frauengunst war nie umsonst".„Wer bei Frauen Gunst will behalten, leg' nie's Gesicht in ernste Falten“. (Na, so ganz stimmt das nicht, sonst wären wir ja alle nur mit Komikern verheiratet!) Ueber Frauenschörheit noch einige Sprüche großer Männer.„Wer ist reich! Wer eine schöne Frau hat. Schön besonders von Charonter.“—„Wer Frauenschönheit recht ermißt, erwarb sich immer Preis und Dank“,„Großen Herren und schönen Frauen soll man gern dienen und wenig trauen.“—„Verflucht sei Schönheit, wo kein Erbarmen wohnt, wenn Grausamkeit in schönem Weibe thront.“— „Frauenschönheit will nichts heißen, ist gar zu oft ein starres Bild.“—„Dem Mann magst wohl 15383859 S 1518 9 5 8 E 8 S SSOSESSEE - ESORESTATTT " Re □ S. 1•—* S □„-Wep aGmSsen eR Seine Frau und die Seestiefel Skizze von Ernst Römer Treffe ich da wieder einmal meinen alten Freund Jonny Kaphengst in Hamburg. Vor zwei Jahren waren wir uns in Rotterdam begegnet und hatten zunächst überlegen müssen wo und wann es cordem gewesen war. Woh! in Catania, 1921. Er als erster Offizier auf inem Levante=Dempfer, ich in derselben Stelung auf einem anderen. Das war nichts Neues. Solche Ergebnisse wurden von uns mit einer gewissen Sachlichheit behandelt. Vor zwanz.g Jahren fuhren wir beide als Schiffsjungen zusammen, verFlammen,„das ist nicht so einfach, wenn manmich das Blitzfeuer von Helgoland.„Jonny“ nach zwanzig Jahren endgültig vor Anker ge=ssagte ich,„gibst Tu noch zwei Grogs aus? Dann hen soll; vor beide Anker. Und wenn Du zenlist, nun ist alles Tuch sein säuberlich in die Segelkoje verstaut, dann hast Du doch vielleicht den Besan vergessen, und der steht mit einem vier Wochen verheiratet— gehe ich zum Zeitvertreib in die Bodenkammer und denke so bei mir: siehst dir mal wieder dein altes Seezeug an. Nur so zum Zeitvertreib, jawoll. Da steht plötzlich die kleine Frau vor mir, mit einem Gesicht—— Junge Junge! Ich lache und sage zu ihr:„Meine liebe Deern, denkst du. etwa—?" Aber schon schießt ihr das Wasser aus den Augen:„ja, das dächte sie— und gleich morgen will sie die ganzen Plünten an den ersten besten Lumxenkerl verkaufen. De trumpfe ich auf:„Was, meine guten Seestiefel, enlmeine treuen Kaphorntreter, die immer so irsschön dicht gehalten haben, solange kein Wasser an Deck war, und meinen Oelmantel, meinen Südwester und meinen woll'nen Schal, die dichen Winterbüxen— das wil'st Du dem Lumpenkerl geben? Nee, mien lew Deern, eher wandert me'n Hochzeltsfrack doh'n". Na, da gab's neue Tränen. Wie ich meinen Als ich Anfangs 1915 mit dem Matrosenregiment in den flandrischen Gräben lag und wir nachts vom anderen Vataillon abgelöst werden sollten— eine Gruppe machte der anderen an der Brustwehr Platz— hörte ich eine nicht unbekannte Stimme dicht neben mir fluchen: „Dunnerlüchting, nu hebb ick wehrhaftig mien Plep vergeten!" Diese Stimme gehörte Jonnr Kaphengst, und als Ersatz für seine vergessene Tabakspfeise gab ich ihm die meine. Die„glorreichen" Novembertage erlebte ich im La#arett. Auf den Straßen war es zu Zusammenstößer gekommen und am anderen Tage erzählte mir die Schwester, daß man über Nacht einen verwundeten Steuermann eingeliefert hätte. Kaphengst hieße er. Ob ich ihn zufällig kenne? Nein, das war uns nichts Neues. Aber Jonnr Kaphengst die Hand drücken und dabei feststellen müssen, daß an seinem Finger ein Trauring saß— das war zu viel, und ich teilte ihm bleich und gefaßt mit, daß ich schnell einen Grog krinken müßte. „Seit wann denn?“ erkundigte ich mich schonend, als wir uns gegenüber saßen. „Seit'nem halben Johr,“ meinte er und sah an mir vorbei durchs Fenster. Draußen, amsos erzähle, mein Freund Peter Harms führe Laumwall, standen Hafenarbeiter herum. Das nun auch als Kapitän——„Hättest Du ja war doch nichts Absonderliches. =Na— und„Was— und? Ich habe die beste Frau, die sich überhaupt finden läßt.“ „Entschuldige nur," verteidigte ich mich. „Du machst nämlich ein Gesicht, als seien Dir sämtliche Segel weggeflogen.“— Und sah zum anderen Fenster hinaus. Die Hochbahn fuhr gerade vorüber. „Na ja,“ hubrer an und starrte in sein Crogser in den Teerpott zu schütten.“ Und den ganzen Sonntag über war schlecht Wetter.“ Jonny nahm einen tiefen Schluck und drückte mit dem Finger die Pfeisentasche nieder.—„Sc st das nun immer, siehst Du. Wenn ich aus der Zeitung rorlese, bei Blohm und Loz sei ein neues Schiff vom Stapel gelaufen, gleich heiß! is:„Kannst ja mitfahren". Wenn ich ihr harmgas nun auch haben können.“ Was soll man da tun? Un doarbi hebbt wi uns so hannig leew“, lachte er und fuhr sich wie ein verlegener Junge über seinen gelben Haarschopf. . Da saßen wir nun mit unseren Kenntnissen. Ich hätte meinem alten Macker so gern geholsen. aber wie? Wir hüllten uns beide eine Zeitlang in Tabakswolken, damit einer den anderen nicht wie die Orakelpriesterin in magischeanzusehen brauchte. Auf einmal durchsuhr will ick Di wat vertelln!" Zwei ehrliche Seeleute knobelten so ernsthaft einen Plan aus, als ginge es darum, Amerika zum zweiten Male zu entdecken. Von diesem Tage an schien es Frau Kaphengst, als sei ihrem Manne für alles, was mit der Seefahrt zusammenhinge, das Gedächtnis abhanden gekommen. Wenn sie über Kreuzworträtseln brütete und eine deutsche Hasenstadt mit„a" brauchte, dann riet er Brandenburg; mußte es eine Schiffseinrichtung mit„eu“ sein, kam er auf Feuerwehr. Ging er abends noch einmal sort und erkundigte sie ssich teilnehmend, ob wieder eine Seeschiffer=Versammlung wäre, dann erklärte er, sich einen Vortrag über Kaninchenzucht anhören zu wollen. Die kleine Frau sing: an besorgt zu werden. „Vielleicht bekommt ihm der Bürodienst nicht gut“, überlegte sie.„Er muß doch wohl mal Seeluft haben. Solch ein guter Mann," empfand sie mit inniger Rührung,„alles versegt er sich mir zu liebe“. Am Sonnebend hakte sie sich zärtlich in seinen Arm:„Weißt Du, was wir morgen machen. Jonny? Wir setzen uns auf einen Elbdampfer und fahren bis nach Cuxhaven. Feine Idee. nicht? Damit Du wieder einmal ein Stück Wasser zu sehen bekommst.“ „Hoho“, feirte Jonny nach innen.„Kiek mal einer an! Aber der Doktor hat noch mehr Pillen verschrieben, sie sollen gleich kräftig wirken.“ Er antwortete also ruhig:„Laß nur, Trudel. Ich bin noch nicht in der Lebensversicherung; laß nur. Morgen Nachmittag hat ja die Heilsarmee ihren Umzug, wollen lieber den mitmachen.. —— Nach ein paar Wochen tresfe ich Jonny Karhengst mit seiner jungen Frau bei den St. Pauli=Landungsbrücken. Jonny stellt mich vor und grinst dabei wie ein Kongoneger. „Wo soll es denn hingehen, wenn ich fragen darf?“ Lebhaft und strahlend antwortet Frau Kavhenest:„Im Segelschifshasen liegt eine große Viermastbark, die wollen wir uns ansehen.“ Ich mache ein erstauntes Gesicht:„Soo? Für solche alte Kästen interessieren Sie sich?“ Frau Kaphengst widmet mir einen mitleidigen Blick:„Ich bitte Sie: wenn man eine Seemannsfrau ist!" ein Schiff vertrauen, aber dein Herz nicht schönen Frauen, denn sie viel unbeständiger sind, denn als das Meer und auch der Wind.“— „Schöne Tage soll man abends loben und schöne Frauen morgens.“—„Die Frau ist wie die Kastanie: auswendig schön, inwendig schlech:!" (Als ob jede Kastanie innen schlecht wäre!)— „Eine schöne Frau ist entweder töricht oder eitel.“(Sind wir froh, daß wir nicht schön sind!) Die Mutter ist im Sprichwort immer gut weggekommen, was man ja von der Frau nicht gerade immer behaupten kann. Höchstens erlub: der Spruch:„Allzuviel Mutterliebe schadet den Kindern“ einen Rurzschluß auf manche allzu schwache Mutter. Daß der Freier von der Mutter auf die Tochter schließt, lehren uns auch so manche Sprüche:„Ist die Mutter von guten Sitten, magst wchl um de Tochter bitu.„Wie der Baum, so die Birne, wie die Mutter, so die Dirne“,„Wie die Mutter so die Lochter!" Von der Güte und Selbstlesigheit der Mütter geben folgende Sprichworte Zeugnis: Pos der techt woomn der, die godte Mattert sag. nicht:„Wilist du? sondern gibt!“„Bei der Mutter ist dem Sohne wohl wie in der Sonne!"" Ist eine Mutter noch so arm, so gibt sie ihrem Kinde warm!“, Mutterhand ist weich, auch wenn sie schlägt!“ Den Unterschied zwischen Vater und Mutter sehen wir in zwei Sprichwörtern gekennzeichnet:„Wenige sind wie Vater, keiner wie Mutter!" und„Was der Mutter ans Herz geht. das geht dem Vater nur ans Knie!“, weshalb der Volksmund auch sagt:„Ick seh bei Muttern“(nicht„bei Vatern!“ heißt so viel wie heimgehen!) Vom Mutterfle iß noch zum Schluß ein nettes Sprüchlein:„An der Kinder Weis' erkennt mon der Mutter Fleiß.“ Das schönste Denkwal ist der Treve der Wutter gejetzt in den Worten:„Muttertreu ist täglich peut“ Zärtliche Neujanrswunsche im Mittelalter Von V. Witt. Wir sind in neueren Zeiten mit unseren Neujahrswünschen kurz und bündig, ja recht schematisch geworden. Demgegenüber liebte das redselice bombastische Mittelalter den Mund recht voll zu nehmen. Aber so derb und schwülstig es auch leicht war, so gefühlvoll und poetisch konnte es doch auch sein und es gibt reizende, meist an weibliche Wesen gerichtete Neujahrsgedichte in jener Zeit, die zum mindesten beweisen, wie ganz anders, ernsthafter, eierlicher und persönlicher man damals die allgemeine Pflicht der Neujahrsglückwünsche nahm. Die Meistersinger befaßten sich viel mit der Absassung von Neujahrsgedichten, die man dann vermutlich von ihnen beziehen konnte, und es wird gewiß nicht uninteressant sein, eine kleine hübsche Blütenlese aus jenen sinnigen Kunstäußerungen mitzuteilen. Da schrieb wohl der Geliebte der Angebeteten seines Herzens telgendes: Meines Herzens Schloß, meiner Freuden Schrein, Ich mein dich, liebliches Fräuelein, In Treuen wahr, ohn alls Gevar, Das wünsch ich dir ein seligs Jahr. Zu diesem neu Gelück und Heik, Auch alles Guts ein miche! Teil; Freud, Lust und Wonn in Chren Muß dir der Obrost mehren... Der Obrost ist der Herr, der just neu geboren ist, denn in damaligen Zeiten begann man ganz allgemein das neue Jahr bereits mit Weihnachten. Auf den Ton des Gedichtes stimmen auch alle übrigen, meist recht ausgedehnten zus denen hier nur die wesentlichsten Zeilen mitgeteilt werden können, die uns den innigen rührenden Sinn am tiessten oisenbaren. Denn wie anmutig und treuherzig klingt es, wenn der Anbeter der Geliebten versichert. Wes ich dir aber Gutes gönn, Des ist kein End' zu sagen; Ich wünsch von Tag zu Tagen Dir Glückes viel und alles Heil, Auch gib ich dir zu deinem Teil Mein Herz zu diesem neuen Jahr, Deln Eigen bin ich ganz und gar.. Oder wie ein anderes dieser Gedichte schließt: Damit ich gib zum neuen Jahr Dir, zartes, liebstes Fräulein, Mich selbst mit Herz und Mut... Sich selbst dem Gegenstande seiner Neigung zu widmen, war eine Wendung, deren man sich bei solchen poetischen Neujayrswünschen der Geliebten gegenüber gern bedient. So beginnt auch eines jener Lieder gleich mit diesem Selbstanerbieten: Mein Freud, mein Wonn, mein höchstes Heil, Meines Herzens Frau nimm mich zum Teil Zu diesem selgen, neuen Jahr! .. rück mich aus der Gemein, Verschließ mich in dein Herz allein! Des gleich ich auch verharren will Der dein bis an mein Endes Ziel. Ein andermal heißt es: Alles, was ihr Herz begehrt, [Tes werd sie in diesem neuen Jahr gewert! Handelt es sich nun bei den hier mitgeteilten Gedichten nur um solche Verse, die der Liebende an die Geliebte richtete, jo entzog sich dock auch die auf diese Weise Verehrte einer entsprechenden Erwiderung in zierlichen Rei#men nicht. Alle Gedichte dieser Art entstammen durchweg dem 15. Jahrhundert, der Zeit der Meistersinger; später haben sie sich verloren, und es ist wohl daraus zu schließen, daß in jener Zeit die porsievolle Neujahrsbeglückwünschung eine ganz besondere Beliebtheit und somit auch eine besondere Höhe und Blüte erreicht hatte. à 811 Gesetz und Gesetzlosigkeit Von Dr. Wolf Kastner, Weimar. Das gesamte Schöpfungswerk läßt das Bestehen von Gesetzen erkennen. Seit Urzeiten vollzog sich und vollzieht sich noch heute der ewige Kreislauf des Geschehens im Weltenall nach Gesetzen. Ueberall müssen wir ihre Notwendigkeit anerkennen. Nirgends ist etwas von Willkür, in immer sich gleichbleibender Regelmäßigkeit reiht sich Geschehen an Geschehen. So ist es im Kosmos, so ist es auch im täglichen Leben, so ist es überall. Gesetz und Ordnung, wohin wir blicken. Und wo sie fehlen, d. h., wo sie umgestoßen werden in törichtem menschlichen Kurzblick, da setzt Rückschritt ein, da wartet Untergang. Ehrfurcht erfüllt uns, wenn wir an sternklaren Abenden das Himmelsgewölbe betrachten. Wir wissen, daß alle diese Sterne ihre genau vorgeschriebenen Bahnen ziehen; so sind auch die Erscheinungsformen unseres Planeten, der Erde; dem Wechsel der Jahreszeiten, dem Wechsel von Hitze und Kälte, von Tag und Nacht u. s. f. einem periodischen, aber unabänderlichen strengen Gesetz unterworfen. Für uns Menschen ist es Gesetz, daß wir uns diesen ehernen Naturgesetzen unterordnen. Wo es nicht geschieht, sei es aus Unverstand oder aus kindischer Ueberhebung, da offenbart sich unsere Ohnmacht gegenüber der Natur. Gegen diese Wehrheit anzurennen, würde nicht Mutwillen, sondern Torheit bedeuten. Dennoch liegt es in der menschlichen Natur, sich gegen Gesetze als solche aufzulehnen. Und je tiefer der Kulturstand eines Menschen oder eines ganzen Volkes ist, um so mehr macht sich dieser Gesetzeshaß geltend. Seit frühester Kindheit schlummert zweifellos in uns ein argeborener Widerwille gegen den Begriff„ich muß"! Schon vor Veginn des Ichbewußtseins beginnt das Kind seinen eigenen Willen gegen den der Mutter einzusetzen. Ein Beispiel: Immer wieder wirft der Säugling das Spielgers, guf die Erde, das ihm stets von neuem #inaufgereicht wird. Fast scheint es ihm Vergnugen zu bereiten, daß ein anderer sich danach bücken muß. Im Unterbewußtsein schlummert diese Erkenntnis und löst so den Drang aus, sich durchzusetzen. Später dasselbe Vild. Ein halbunbewußtes Sichauflehnen gegen den Willen des Höherstehenden begleitet den werdenden Menschen wie mit Naturnotwendigkeit und verläßt ihn auch dann nicht, wenn er als ausgereifter Erwachsener längst die Notwendigkeit des höheren Willens erkannt haben sollte. Eher wächt mit dem Aelierwerden des Menschen diese offene Feindschaft gegen alles, was Gesetz heißt. Wenigstens da, wo keine Kultur ist, die ihn zu der Erkenntnis kommen ließ, daß Gesetze notwendig sind. Und wie sich im Großen alles nach Gesetzen regelt, so ist es auch im Kleinen. Unser Korper lebt nach Gesetzen; wo nicht, da wartet Krankheit und Tod. Wir haben Beispiele an Mitmenschen, die solchen Gesetzen entgegenleben; und die uns Warner sein sollten, dennoch: Bisweilen vermag auch das krasseste Beispiel von der Not, die solchem Nichtachten der Gesetze folgt, nichts auszurichten. Urtere Zeit ist reich an Gesetzlosigkeit, d. h. an offener Feindschaft allen bestehenden Gesetzen gegenüber. Nie zuvor hat sich dies so gezeigt wie in der Gegenwart. Kinder entziehen sich dem Zwange der elterlichen Autorität. Und dies zu einer Zeit, da sie sie noch dringend nötig haben. Wodurch sich diese Strömung durchzusetzen vermochte, davon ein andermal, genug, daß es so ist. Und bei den Großen macht sich gleichfalls mehr und mehr dieser Haß gegen das bestehende Recht geltend. Ob Kirche oder Schule, ob Staat oder Sitte— überall dieses Rütteln am Althergebrachten, dieses Abschüttelnwollen alles „Zwanges“! Es paßt nicht mehr in unsere Zeit, dieses Sichfügen. Wir empfinden es als etwas Unbequemes. Unserer ganzen Einstellung entspricht das nicht mehr. Unser Wissen hat sich so geweitet, unsere Technik hat solche Riesenfortschritte gemacht— wir sind heute andere Menschen, als die Erde vor Jahrhunderten, vor Jahrtausenden sie trug. Was Wunder, wenn wir den Dünkel besäßen, alles, was Gesetz heißt, heute abzuschaffen? Wie aber dann? Ist es wirklich so, daß die Menschheit glücklicher würde, wenn sie so dahinlebte? Wenn dieser Gedanke sich wirklich in die Tat umsetzen ließe, würden wir nicht mit dem Augenblick, da dies geschieht, unsäglich verarmt, unsäglich ratlos sein? Zum neuen Jahr Ein neues Jahr— umbraust von Glockenklange— [Ringt aus der Ewigkeiten Raum sich los. Erschauernd stehn wir still und fragen bange Birgt's Glück— birgt's Leid in seinem dunklen Schob! Was fragen wir? Vermöchten wir's zu tragen, Wenn immerwährend uns die Sonne lacht? Und wer von uns erkühnte sich, zu sagen, Daß eines nur ihm nicht als Leid gebracht? Doch eine and're Frage gilt es heute, Vor der du nicht verschließen sollst dein Herz: kirst du zum Segen deinen Weggenossen Im neuen Jahre oder nur zum Schmerz? Was ist zum neuen Jahre deine Gabe? Bringst du auch Pflichten statt der Rechte dar? Wenn du vor dieser Frage kannst bestehen, So sei gesegnet dir das neue Jahr! " Lu Wagener Ist nicht zugleich mit jenem dunklen Gefühl des Sichauflehnens gegen das Gesetz auch jenes andere in uns: Jenes Sich=Geborgen=Wissen, jene unendlich wohltuende Sicherheit, die uns glücklich macht? Wo Gesetz, da Macht, und wo Macht, da auf der anderen Seite nicht nur ein Sichbeugen, sondern auch ein Sichrettenkönnen. Wenn das Kind imstande wäre, seinen eigenen Willen der Mutter aufzuzwingen, wie könnte es da in anderer Lage bei dieser selben Mutter Schutz und Zuflucht suchen? Wenn wir Menschen ohne Gesetze bestehen könnten, wenn wir die Macht besäßen, sie abzuschütteln, dann wären wir bei aller scheinbaren Freiheit doch unendlich unfrei, haltlos, eben um dieser Gesetzlosigkeit willen, eben darum, weil wir keine höhere Macht über uns wüßten. Gesetze im Weltall, in unserem Leben— das ist Gesetz für uns! Je tiefer unser Wissen dringt, um so mehr werden wir uns von dieser Wahrheit überzeugen. —5— Neujahrsscherze— Neujahrsgebräuche Von Ilse Steffens, Leipzig. Dem Silvesterernst folgt Neujahrsjubel. In stiller Freude oder in tolister Ausgelassenheit— je nach seiner Einstellung zum Leben— feiert der Mensch den Beginn des neuen Jahres. Aus innerstem Fühlen heraus drängt es jeden einzelnen dazu, seiner Freude über dies:„Du hast das neue Jahr erleben dürfen", Ausdruck zu jeben. Und über den einzelnen hinweg teilt es der Gesamtheit mit, reißt die Menschen mit fort, läßt sie für Stunden alles Trübe, alle Sorgen, allen Mtmut, ja auch wohl Neid und Haß vergessen. Jubel überall, der sich irgenowie einen Ausweg schaffen muß. Am lustigsten und— am lautesten pflegt es wohl hierbei in den Großstädten zuzugehen. Wer daheim feiert, findet seine Freude daran, den andern einen Possen zu spielen, und in diesem Bestreben helfen ihm die Geschäfte, die sich seit Jahren geradezu darin überbieten, immer neue Herrlichkeiten anzupreisen, die aeignet sind, die Ausgelassenheit auf den Höhepunkt zu treiben. Da gibt es die wundervollen „quietschenden Stuhlsitze, die Bonvons. die„es in sich haben(unter einer süßen Außenschicht erwartet den nichtsahnenden Naschenden ein schauriges aus Pfeffer bestehendes Innere), da sind die Bestecke, die, wenn der Gast sie eben in Gebrauch nehmen will, in lauter einzelne Leile zerfallen; da ist das Zigarettenetui, dem beim Herumreichen eine meterlange Zigarette entspringt— und tausend andere Ueberraschungen mehr. Natürlich muß auch die Neujahrstafel besondere Reize aufweisen. In den Großstädten iebt man noch heute das Karpfenessen. Auch Pfannkuchen werden zu Grog und Schwedenvunsch in erschrecklichen Unmengen vertilgt. In Hessen reicht man gern Weißkraut, es bedeutet Geld im neuen Jahr. Wer anspruchsvoller ist. d. h. wer auf Gold seine Sehnsucht richtet, ißt ein Mohrrübengericht. In Thüringen, im Vogtlande und in Prandenburg gibt Ei gvif dem Lande häufig Hering und Hirsehrei.lien, Karten und Bildern, die Rektor Hauer### fauch das als Vorbedeutung für Reichtum und Wehlergehen. In manden Orten ist es vercoten, mit Champagner auf das neue Jahr anzustoßen, man wählt Portwein oder irgend einen Rotwein, da rot, die Farbe des Blutes. Kraft und Ersolg verkörpert. Für abergläubische Menschen ist die Neujahrsnacht eine wichtige Stunde; offenbart sie doch alles mögliche aus der Zukunft, was ihnen sonst vervorgen bliebe. So pflegen junge Mädchen im Dorse um diese Stunde ein verschlasenes Huhn aus dem Stalle zu hoien. Jedes von ihnen hat vor sich auf dem Tisch ein Häuflein Gerste. Bei welcher von ihnen das Huhn zuerst pickt, die wird im kommenden Jahre Braut. Im Rheinland herrscht die Sitte des Neujahrs=Gewinnes. Wer dem andern mit seinem Glückwunsch zuvorkommt, darf sich von ihm etwas wünschen. In der Großväterzeit war es vielfach üblich, mit dem Neujahrsgruß einen Rosmarinzweig zu überbringen; nan soh darin das Sinnbild für Fruchtcarkeit und Freude, aber auch der Treue.(Schon Shakespeare weist in seinen Dramen dem Rosmarin diese Rolle zu.) In der Schweiz ist ein Beschenken der Taufpaten(Halsen genannt), Sitte. Andere Gebrauche bestehen darin, daß man die Obstbäume tüchtig schüttelt oder in dieselben hineinschießt zum Zwecke einer kommenden reichen Ernte. Auf dem Brocken pflegt man mit Beginn der Mitternachtsstunde zu Paaren einen Umzug zu veranstalten, dabei das Lied„der Mai ist gekommen“, singend. Anderswo klopfen heiratsfähige junge Mädchen gern des Nachts dreimal an die Stalltür. Kräht drinnen ein Hahn, kommt im neuen Jahre ein Freier, gackert eine Henne, bleibt die Dirn noch ledig. Nach einem alten Brauche im Münsterlande finden sich die Bauern vor Beginn des neuen Jahreg zum Kartenspiel zusammen, mit dem Zwölfuhr=Glockenschlag steigen sie auf den Tisch, um sso ins neue Jahr hineinzuspringen. Bei den Russen und Poten spielt zu Beginn des neuen Jahres der Kirchgang eine große Rolle. Aber auch das Kartenlegen und das Wahrsagen aus„Teufels Gebetbuch“, den Spielkarten, wird fleißg geübt. Die Engländer begehen das neue Jahr(wie auch das Christfest) unter der Mistel. In den romanischen Landern steht der Kirchgang obenan, dann folgen Leben und Treiben auf den Straßen mit Konsetti, Schlangen, Maskenumzügen usw. In Japan ist Neujahr ein lärmendes Freudenfest, daheim und draußen ist alles auf Frohsinn und Lust gestimmt. Sänger und Gaukler durchziehn singend die Straßen, Wanderpriester und Pilger folgen ihnen, Häuser, Schiffe, Kähne sind bewimpelt. In den Hausern und Haustüren überall Blumen in Fülle. Als Wahrzeichen der große, weiße Reiskuchen in der Mitte des Tisches, umgeben von Dörrfischen, von eßbarem Seetang usw. In China lärmt man Tag und Nacht hinter verschlossenen Türen. Durch Paukendröhnen, Trommelgerasser und Geklingel sucht man alle bösen Geister zu verscheuchen. Der gleiche ohrenbetäubende Lärm auf den Straßen. Die Golden und Giljaken töten ihre zahmen Bären durch Pfeisschüsse; hierauf erweisen sie den toten Tieren göttliche Chren, besingen und beklagen sie, um sie zuletzt— zu verspeisen. Auch an deutschen Fürstenhöfen gehörte die Gratulationscour zu Neujahr zu den glänzendsten Hoffestlichkeiten. Bei dieser Gelegenheit trat eine Abordnung der Halloren auf. die ihre Glückwünsche mit einem Geschenk:„Salz und Eier" überbrachte. Beim Wiener Hofe war der Neujahrstag der größte Galatag. In Berlin wird noch heute vom Rathausturm herab von einem Bläserchor das neue Jahr durch einen Choral eingeleitet. So bricht sich überall irgendwie die Freude über das Erleben des neuen Jahres Bahn, und nicht nur die Freude, sondern auch— der Wunsch und das Verlangen, ein bißchen nachhelfen zu wollen, daß dieses neus Jahr— en. gut mit uns meinen möge. —1—.— Nachahmenswertes für Schulen Von Karl=Heinz Salten. Vereinzelt finden wir heute an Schulen— in der Großstadt, aber auch in kleineren Orten— Lehrfächer angeordnet, die so wichtig,— wichtig für das praktische Leben nämlich,— sind, daß nur eins unverständlich bleibt: Warum sie nicht schon überall Einlaß gefunden haben, sondern immer zu den Ausnahmesächern und zu den freiwilligen Fächern zählen. Der Rektor der 18. Berliner Volksschule läßt an seiner Schule„Verkehrsunterricht" erteilen, d. h., die Schüler lernen an Hand von Model