Heirat nicht ausgeschlossen Von Hilde Stein. „Junger Mann im Löwen geboren, sucht Ehegefährtin mit guten Mondaspekten. Angb. unter:„Horojkop 2345“ Seit kurzem finden wir in den kleinen Anzeigen der Zeitungen solche und ähnliche Annoncen. Wie immer nach großen Kriegen ist der Mystizismus in die Welt eingebrochen und hat den merkwürdigsten Aberglauben hervorgerufen. Einen Aberglauben, der sich auch auf Liebe und Ehe erstreckt und sein Dasein sogar in den verhältnismäßig realen und kaufmännischen Heiratsannoncen beweist. Inserate, Aufrufe und Benachrichtigungen finden sich schon in der ältesten vorchristlichen Zeit. Die Sockel der antiken Götterstatuen, die Nauern der Häuser von Pompeji und Herkulanum— von Knidos und Theben waren voll von Annoncen. Besonders pflegen Damen, die den Männern wohlwollend gegenüber standen, ihre Reize und Vorzüge öffentlich anzupreisen. Dann kam eine lange, lange Zeit, in der die Frau nicht mehr in dieser oder auch anderer Form in die Oeffentlichkeit treten durfte. Erst Ende des achtzehnten— Anfang des neunzehnten Jahrhunderts liest man wieder den Namen von Frauen in den Zeitungen. Zu Anfang waren es Aufrufe von Gattinnen, die so über ihre im Kriege verschollenen Männer um Auskünfte und Nachrichten baten— und dann kamen langsam— langsam auch die Heiratsannoncen in die Blätter. Hier in Deutschland hat sich dieses Inserat nur sehr schwer durchgesetzt. Roch Anfang des vorigen Jahrhunderts weigerven sich die Zeitungen, die etwas auf ihr Rezu bringen, viel oft die 6n0 noatmer gaben, derartige Anzeigen zu brin Und die Frauen haben sich auch erst sehr später, als das starke Geschlecht dazu entschlossen, diesen„nicht mehr ungewöhnlichen Weg“ zu beschreiten. In England war es gerade umgekehrt. 1797 erschien im„Observer" die erste Heiratsannonce und die war von einer Frau! Es war wohl überhaupt die erste Anzeige dieser Art, die es gab. Sie erregte denn auch ein so großes Aufsehen, daß die Zeitung wochenlang in verdoppelter Auflage erscheinen mußte, um all die Zuschriften bewältigen zu können. Wie man hörte, hat denn auch die heiratslustige Miß eine sehr gute Partie gemacht, die auch noch dazu glücklich ausgelaufen ist. Vor ungefähr acht Jahren hat es die erste Mohammedanerin versucht, sich ihr Eheleben lauf eigene Faust zu gestalten. Auch dieses Inserat wirbelte ungeheuren Staub auf. War es doch in ihrem Glaubenslande ein Skandal, oaß sich eine Frau derart der Oeffentlichkeit preisgab! Die Zeitungen konnten sich gar nicht g tun an Empörung— bis nach einem halen Jahre ein Artikelchen erschien, in dem die griffene Dame erklärte, tatsächlich auf diesem Wege ihr Glück gemacht zu haben. In Deutschland hat man sich in den letzten zwanzig Jahren wohl völlig mit dieser Form des Glucksuchens abgefunden.„Angebot" und „Nachfrage“ sind gleich stark vertreten. Und immer wird das Resultat ein Lotteriespiel sein. Wer weiß denn, ob die„seelenvolle Zweizimmerwohnung“(so las ich tatsächlich vor ein paar Tagen) nicht nur aus Kammer und Küche besteht und die Besitzerin ihre Seele in viel Speck verpackt hat— wer weiß, ob bei der „schönen, aber mittellosen Waise“ nicht noch irgend etwas anderes dahinter steckt— ob nicht die„Dame mit den Dollars" bloß einen aus der Inflationszeit übrig hat? Wer weiß— wer weiß....! Und doch ist statistisch nachgewiesen, daß 90 u. H. dieser Leutchen einander tatsächlich heirateten. Leider jedoch fehlt uns die Aufstellung, wie dann die Ehen ausgefallen sind. Aber schließlich werden ja von nun an, wenn man sich nach seinem Horoskop den Partner sucht, die Heiraten immer voller Glück und Frieden sein. Denn wenn selbst die Sterne in die Berechnungen der Menschen einbezogen werden, dann muß es ja gut enden!— —s2— Speisen nicht zu heiß zu sich. Wer denno mit Magenkrampf zu tun hat, der halte sich die guten Pfefferminzplättchen zur Hand, die durch ihre kühlende Wirkung den Krampf sofort lindern und aufheben. Gegen rote Nase wird Zinkschwefelpasta nach folgender Vorschrift empfohlen: Zinksalbe 20, Reismehl 5, Schwefel 2 Teile während der Nacht aufzulegen. Warme Bäder. Diese sind besonders im Winter zu empfehlen. Durch die kalte Witterung vermag sich der Körper nicht immer selbst voll zu erwärmen Da hilft ein warmes Bad tüchtig nach. Die Zimmertemperatur muß aber 22 bis 25 Grad Celsius sein, weil sonst leicht nach dem Bade Erkältungen eintreten. Bei Geippe sorge man für gründliche Darmreinigung eotl. durch Einnehmen von Rizinusöl. Auch Pyramivon hilft. Und: Nicht zu frühzeitig das Bett verlassen. Togaltabletten sind zu empfehlen. Der Kaffee als Desinfektionsmittel. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, daß der Kaffee, welchen so viele als Getränk für unentbehrlich halten, noch andere wichtige Eigenschaften besitzt als die, angenehm anzuregen. In der jetzigen kalten Jahreszeit ist der Kaffee das beste Mittel, das man in Krankenzimmern zum Reinigen der Luft und zur Verhütung von Ansteckung verwenden kann ein Mittel, das außerdem noch den Vorzug hat, keinen unangenehmen Geruch zu verbreiten, wie zum Beispiel Chlor= oder Karbolsäure. Der gebrannte und gemahlene Kaffee wirkt zersetzend auf tierische und pflanzliche Ausdünstungen ein und macht diese dadurch unschädlich. Der französische Arzt Barbier erwähnt die lindernde Wirkung des Kaffees bei narkotischer Betäubung durch Tabak. Eisschränke nehmen infolge der Aufbewahrung von Fleisch und Fischen nicht selten einen üblen Geruch an. Auch hier gibt es kein besseres Mittel als gemahlenen Kaffee. Wenn man Wildpret mit gemahlenem Kaffee bestreut, hält es sich länger frisch dern das Mädchen um den Bräutigum.— Fe Norwegen dürfen Mädchen erst dann standessamtlich getraut werden, wenn sie ein Zeugnis vorweisen können, aus dem hervorgeht, daß sie richtig kochen können.— Im 16. Jahrhundert war jedes Weib, das ein König von Spanien berührte, geheiligt und mußte in ein Kloster gehen.— Nachdem im Jahre 1791 in Frankreich die Ehescheidung als gesetzlich zulässig erklärt worden war, wurden im ersten Jahre bereits 6000 Ehen geschieden.— Verlobungsringe sind biblischen Ursprungs.— Eine japanische Braut liefert die erhaltenen HochzeitsGeschenke ihren Eltern ab, als eine kleine Entschädigung für die Mühe und Unkosten, die diese für ihre Erziehung gehabt haben.— Auf Korsika trägt man für die Gattin drei bis vier Jahre, für den Gatten das ganze Leben Trauer. Jamilienleben in Sowjetrußland. Bei der jüngsten Volkszählung in Petersburz hat sich, der Sowjetpresse zufolge, deutlich eren, welche weitgehenden Aenderungen im nilienleben seit der volschewistischen Revolution eingetreten sind. Zunächst fällt die hohe Zahl sogenannter„Famitien ohne Vorstand“ auf, d. h. Familien, die aus einer arbeitenden Frau und einem oder mehreren Kinderno hne männlichen Ernährer bestehen. Dieser Familientypus, der vor dem Kriege eine Ausnahme darstellte, ist heute zahlreich vertreten. Ebenills häufig sind Familien, bestehend aus einer rau und einem oder mehreren Kindern ohne von finanziellen Zuschüssen des Vaters der Kinder leben, sei es des geschiedenen Mannes oder des unehelichen Vaters. Ferner ist häufig Polygamie anzutreffen, d. h. das Zusammenleben eines Mannes mit zwei Frauen; das Umgekehrte scheint, den Rapporten zufolge, nicht vorzukommen.— Die Wohnungszustände lassen in Petersburg noch viel zu wünschen übrig; das Zusammenwohnen mehrerer Personen, die nicht miteinander verwandt sind, in einem einzigen Zimmer kommt noch immer sehr häufig vor. Schönheitskonkurrenz für Damen über 50 Jahre. Um Gäuse oder Enten wohlfeil zu mästen, gebe man ihnen neben ihrem gewöhnlichen Futter täglich mehrere Male gelbe oder weiße, sehr klein gestoßene Rüben. Die Tiere bekommen davon in drei Wochen ein fingerdickes Fett und ihr Fleisch wird süß und angenehm. Das sogenannte Nudeln ist gar nicht erforderlich, um eine Gans fett zu bekommen. Durch Nudein bekommt man nur Fettklumpen. Die natürlich gemästeten Gänse geben einen viel schmackhafteren und appetitlicheren Braten, als die künstlichen Fettklumpen. Der Braten einer natürlich gemästeten Gans ist auch viel nahrhafter und gesünder, als der Braten einer genuEngland hat eine sehr gute natürliche Mästung der Gänse und zwar: Die werden durch gelbe Rüben, Kartoffeln und Malz zu Fleischgänsen gemacht. Die Mast wird mit grünem Hafer beendet. Man gibt 14 Tage lang den Hafer eingequollen und später Gerstenmehl mit Milch in Breiform. Um Kleider für Regen undurchdringlich zu wachen koche man 17 Gramm Hausenblase solange, bis sie vollständig aufgelöst ist; inzwischen löse man 35 Gramm Alaun in 1 Liter Wasser auf und 10 Gramm weiße Seife in 1/ Liter Wasser. Jede dieser drei Mischungen seiht man durch ein grobes Tuch und mischt sie dann gut zusammen. Beim Gebrauch erwärmt man diese Masse und trägt sie mittels einer Bürste auf die innere Seite des zu dichtenden Stoffes. —1..— Aus dem Engen und Weiten — Rasaligr mnd Mnte. Magenkrampf. Dieser schmerzhafte Zustand rührt in den meisten Fällen vom Genuß zu heißer Speisen und Getränke her, die übermäßigen Blutzufluß nach dem Magen und schließlich schmerzhafte Geschwüre darin hervorrufen. Man nehme also Allerlei Wissenswertes für die Frau. In Persien werfen sich vornehme Damen bei gesellschaftlichen Besuchen zur Begrüßung Rosen zu.— Ein Frauenhaar kann das Gewicht von 178 Gramm halten, ohne zu zerreißen. Der Menschenkopf hat durchschnittlich 30000 Haare, die zusammen also eine Riesenlast von 5340 Zentner zu tragen vermögen.— Solon schrieb den Bräuten vor, einen Apfel vor der Hochzeit zu essen, um die Lieblichkeit ihres Kusses zu erhöhen.— Auf der ägäischen Insel Kos freit nicht der Mann um die Braut, sonEin Newyorker Modenhaus hat kürzlich die originelle Idee gehabt einen Schönheitswerrbewerb auszuschreiben, dessen Beteiligung aber nur für Damen offenstand, die das 50. Lebensjahr überschritten hatten. Trotz der pessimistischen Voraussage der Skeptiker die sich auf die Erfahrung gründete, daß die Vertreterinnen des schönen Geschlechts im allgemeinen wenig Neigung bekunden, ihr Alter der Oeffentlichkeit preiszugeben, war die Beteiligung an dem Wettnewerb außerordentlich zahlreich. Die Preistrügerinnen haben dafür die Genugtuung. ihre Bilder in einer amerikanischen illustrierten Zeitung veröffentlicht zu sehen. —1— „Müchertach 1 Weltfürst— Geldfürst. Einem Aufsatz im neuen Daheim(163 Ihrg. Nr. 18) entnehmen wir nachstehende Anekdote:„Napoleon hatte seit Moskau und Leipzig sein Bestes, das Selbstvertrauen, verloren und wurde vernichtend geschlagen,— der Weltfürst war erledigt. Als die tragische Entwicklung des kaiserlichen Heldenschauspiels bei Waterloo vor sich ging, setzte Nathan Mayer Rothschild für Napoleons Armee auf der Route von Brüssel nach Ostende Relaispferde an. Kaum aber hatten Blüchers Kanonen die letzten Reste der glorreichen Bataillone des Korsen zertrümmert, als Nathan Mayer schon zu Pferde stieg und nach Ostende abreiste. Am Hafen angekommen, verlangte er eine Barke, er wollte in demselben Augenblick nach England hinüber; aber ein großer Sturm bestrich das Meer, kein Mensch war zur Ueberfahrt bereit. Um Goldespreis fand sich endlich ein Schiffer hierzu, und die Barke trug den künftigen Geldfürsten nach England. Kaum den Boden Englands berührend, besteigt Nathan Mayer schon ein Pferd, fliegt nach London und hemmt den Lauf erst an den Stufen der Börse. Er kauft alles, was zu kaufen ist. Vierundzwanzig Stunden später ist die Niederlage Napoleons bekannt, Nathan Mayer hat 20 Millionen gewonnen, und er legte so die Grundpfeiler einer neuen Dynastie. Das Bankhaus Rothschild wird das größte Handelshaus Europas, ja der ganzn Welt, gewaltig ist der Reichtum.“ Verantwortlich: H. Semmelmann. Altena. Druck und Verlag: R. A. Santz. Altena. * Beilage zum Altenaer Kreisblatt zugleich Neuenrader Zeitung Nr. 5 Altena, den 1. Februar* 1927 Nur um versorgt zu sein Von Frida Freund. „Ich würde kein Mädchen heiraten, das nicht wenigstens so viel besitzt, um davon ihren bisherigen Gewohnheiten gemäß, leben zu können. So entgehe ich der Gefahr, genommen zu werden, weil sie versogt zu sein wünscht,“ hörte man vor dem Kriege nicht selten die jungen Männer sprechen, und auch wohl heute gibt es hier und da noch einen anspruchsvollen Jüngling, der von seiner zukünftigen Gattin materielle Reichtümer in diesem Maße verlangt. Klingt das nicht berechnend, hart und lieblos? Und doch kann man den Mann nicht verdammen, der bei dem wichtigsten und folgenschwersten Schritt seines Levens die Vernunft mitsprechen läßt. Ja, wenn das häßliche„Um versorgt zu sein!“ nicht wäre——! Sie ist über die erste Jugend hinaus. Sie zählt 28 Lenze. Der Vater, ein ehemals vermögender Mann, ist durch Krieg und Inflation verarmt Nichts weiter als eine gute Bildung kann er seiner Tochter mit in die Ehe geben. Sie selbst geht vielleicht ins Büro, um in der Tretmühle der Arbeit die erforderlichen Gelder, die eine zeitgemäße Ausstattung verlangt, zu erwerben. Das ist aber auch alles. Wenn sie heiratet, heiratet sie, um versorgt zu sein. Sie ist ein junges, frisches Ding von 22 Jahren. Der Vater bekleidet einen höheren Beamtenposten mit entsprechendem Gehalt. Wohl haben Krieg und Inflation auch seine Ersparnisse in ein Nichts zerrinnen lassen, doch die Einkünfte sind so, daß er weiterhin standesgemäß leben kann. Seine Gattin, an das luxuriöse Leben vergangener Zeiten gewöhnt, vermag nicht an Sparen zu denken, viel weniger noch sich zu bescheiden. Das Gehalt des Mannes geht in den Wün en und Anordrungen seiner eigenen und vergnügungssüchtigen Frar auf. So wächst auch die Tochter auf, sich weit über ihren Stand und ihre Verhältnisse kleidend, jede Zerstreuung, die der kleine Ort bietet, mit genießend. Wie ein gaukelnder Falter taumelt sie im Laufe der wenigen Jugendjahre von einem Vergnügen zum anderen. Und plötzlich wird sie gewahr, daß sie älter geworden ist, daß ihr die Landpartien und Tanzkränzchen nicht mehr so viel Vergnügen bereiten, als im vorigen Jahre. Jüngere sind in die Gesellschaft eingetreten, ein jedes Jahr hat einige Mädchenknospen sich zu lieblichen Jungfrauen entwickeln lassen, deren bescheidenes Wesen jetzt die Männerwelt mehr anzieht, als das selbstbewußte Auftreten der älteren Tänzerin. Ausnahmen machen nur die mit ungewöhnlichen Gaben ausgestatteten oder jene reichen Modepuppen, die man Goldfischchen nennt. Unsere Beamtentochter gehört weder zu den einen noch zu den anderen. Nur gezwungen macht sie noch die Vergnügungen mit, weil sie nichts weiß, womit sie sich sonst beschäftigen soll. Die Zerstreuung ist ihr zur Gewohnheit geworden, die die Einförmigkeit ihrer Tage unterdrückt., Damit soll allerdings nicht gesagt sein, daß sie dem lieben Herrgott die Tage abstiehlt, nein, sie ist durchaus nicht untätig, ihre Kleider, ihren Putz fertigt sie selbst. Ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiete würden ausreichen, um sie ein nicht unbedeutendes Taschengeld erwerben zu lassen, welches zurückgelegt ein Notgroschen für die Zukunft werden könnte. Aber der Dünkel, den man in derartigen Kreisen so häufig findet, hat die Eltern abgehalten, sie auf das Erwerben hinzuweisen.„Unsere Hilde— eine Schneiderin, eine Putzmacherin?“ Der Vater ist entrüstet bei der bloßen Vorstellung. Da kommt ein grauenvoller Tag der den Verhältnissen eine jähe Aenderung gibt: Der Vater wird vom Schlage getroffen, der Sprache beraubt, dienstunfähig! Die Angehörigen hoffen, daß der Zustand sich bessern werde, aber wie sich Woche an Woche, Monat an Monat reihen, da schwindet die Hoffnung, da In blauen Schatten ruhen noch die Gassen, Doch golden schimmert jedes stumpfe Dach Und müde Menschen steigen aus den blassen, Verstaubten Mauern still der Sonne nach. Hinauf zu jenes Hügels lichten Wo winterlich noch träumt der kahle Hain Doch plötzlich bleiben sie versunken stehen: Was singt und klingt dort aus der Häuser Reih'n? Ein Ton aus fernen, längst vergessinen Zeiten, Ein Liebeslied, so wehmutsvoll und süß. Und stumm und feierlich sie weiterschreiten Verklärt von der Erinn'rung Paradies. Doch unten in der Stadt, der dumpfen, engen, In kalten Gassen, ohne Licht und Glanz, Dreht sich die Jugend bei denselben Rängen Um einen Leierkasten flott im Tanz. Mathilde Donata von Beulwitz. taucht in der Mutter und Tochter Seele unabweisbar der Gedanke auf: Wie wird es gehen, wenn von der geringen Pension zunächst die kostspielige Pflege des Vaters bestritten werden soll? Wieviel wird für uns übrig bleiben? Und wie wird unsere Zukunft sich gestalten, wenn der Tod dem Kranken die ersehnte Erlösung bringt? Was dann? Ach, hätten sie früher an die Zukunft gedacht, für sie gesorgt, die Gegenwart würde ihnen weniger bitter werden, der Schmerz um den Vater könnte ein reiner, von Selbstsucht ungetrübter sein! Vielleicht nagt an des Kranken Gemüt jetzt die Reue, vielleicht möchte er jetzt noch warnen, jetzt noch so manches ändern, manches ungeschehen machen. Aber er sagt sich. daß es vergebens sein würde. Zu spät! Und das grausame: Zu spät! schließt dem siechen Manne den Mund, und wie wieder Monat auf Monat vergeht, da wird aus dem stummen Manne ein stumpfer, ein teilnahmsloser, da kauert der Tod neben dem Bett, begierig, die Beute zu entführen. In dieser Zeit tritt ein Bewerber um Hildes Hand auf. Er ist in derselben Stellung wie der Vater, hat dasselbe Gehalt und ist eine „gute Partie". Liebt sie ihn? Törichte Frage, die sie sich weder selbst noch jemand anders ihr stellt! Sie ist nun 26 Jahre alt, ohne Vermögen, so gut wie verwaist, erwerbsunfähig— und sie sollte überlegen, ob sie den Mann liebt? Im Bekanntenkreise hegt niemand solche Bedenken.„Welch' ein Glück für Hilde!“ heißt es da.„Wie gut, daß sie nun versorgt ist!“ Der Vater stirbt, Hilde wird Braut, Gattin, um— versorgt zu sein! Es wäre übertrieben, wollte man behaupien, daß alle in dieser Weise geschlossenen Ehen unglücklich seien. Bisweilen ist die Liebe des Mannes der starke Anker, der das Schifflein der Ehe vor verhängnisvollem Umherirren bewahrt; bisweilen versteht der Mann es, die eigenen praktischen Ansichten und vernünftigen Gedanken zu denen seiner im Grunde nicht schlecht angelegten Gattin zu machen. Aber die Fälle, da aus putz= und vergnügungssüchtigen Mädchen eine fleißige, sich bewährende Gattin wird, sind selten. Sie hat ihn genommen, nur um versorgt zu sein, und der Leichtsinn, mit dem die Heiligkeit der Ehe in den Staub gezogen worden,— er rächt sich bitter an ihr und dem schuldlosen Gatten. Mußte das sein? Mußte das Mädchen heiraten, um versorgt zu sein? Die Frage kommt zu spät, sie hätte früher erwogen werden müssen. Hätten damals die Eltern an die Zukunft ihres Kindes gedacht, das Kind wäre jetzt der Notwendigkeit überhoben gewesen, sich zu verheiraten um— versorgt zu sein. Wie gut hätten, wenn die Kleidung von Mutter und Tochter stets eine einfache gewesen, wenn sie nur ausnahmsweise ein Vergnügen mitgemacht, wie gut hätten in jedem Jahre tausend Mark oder mehr zurückgelegt werden können, die. Zins auf Zins sich häufend, ein kleines Kapital geworden wären. Und wie geachtet hätte die Tochter dastehen können, wenn sie schon bei Lebzeiten des Vaters sich beruflich betätigt hätte wie hätte sie auch diesen Erwerb zurücklegen und wie sicher und furchtlos hätte sie der Zukunft ins Auge schauen können, da sie arbeiten gelernt! Wäre dann ein Bewerber aufgetreten, in wie ganz anderem Lichte wäre er betrachtet und geprüft worden. Und hätte Hildens Herz sich für ihn entschieden, wie freudig und voller Vertrauen hätte sie ihm folgen können, Vertrauen nicht nur zu seiner Liebe, sondern Vertrauen auch zu der eigenen Kraft, die sich in regem Fleiße bereits bewährt. Es ist eine Schmach, die Ehe für nichts anderes anzusehen, als eine Versorgungsanstalt. Wehe den gewissenlosen Eltern, die ihre Tochter in einer Weise erziehen, daß solche Gedanken in dem jungen Gemüte Einkehr halten können, groß und alt darin zu werden! Seht ihr es nicht ein, ihr Eltern, welche verkrüppelten Bluten der Charakter eures Kindes treiben, welsche Mißbildungen er hervorbringen muß, wenn euer Kind aufwächst unter der Vorstellung:„Ich muß mich verheiraten, um versorgt zu sein?“ Kann angesichts dieser Vorstellung in der Seeie eurer Kinder der weibliche Stolz heranreifen, jener Stolz, der zur demutvollen Hingabe dem Manne gegenüber wird, der aber aufgerichtet und hoch dasteht, geboren von der Ueberzeugung, daß einzig die Liebe das entscheidende „Ja“ auf die Lippen zwingt, daß durch die Liebe und nur durch diese die Ehe geheiligt wird. Zum Glück hat die Nachkriegszeit, die schweren Nöte und Sorgen der Inslation den meisten Menschen die Augen geöffnet, sodaß sie wissen, was es heißt, für sich und seine Kinder Ersparnisse zurückzulegen. Darum spart in der Zeit, dann habt ihr in der Not, auch wenn ihr nicht geheiratet werdet. 79.— Gegen die obligatorischen Kindergärten Von Direktorin Dr. Metz, M. d. R. Bei Beratung des Berichts des Bevölherungspolitischen Ausschusses über den Schutz für Mutter und Kind wurde im Reichstag die Vorlegung einer Denkschrift über den Stand des Mutterschutzes und der vorhandenen Einrichtungen der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege beschlossen. Verschiedeneder dazu vorliegenden kommunistischen Forderungen sinb unbedingt zu unterstützen so die Einrichtung von Beratungsstellen für Schwangere, von Entbindungsheimen, Anstellung von Hebammen, Gründung von Heimen für Mutter und Kind und Förderung der Säuglings= und Kleinkinderfürsorge durch periodische Untersuchungen der gesundheitlichen und sonstigen Lage der Säuglinge und Kleinkinder. Bedenken wird man gegen die Forderung nach Einrichtung obligatori, scher Kindergärten mit Verpflegung und ärztlicher Behandlung für Kinder vom 3. Lebensjahre bis zum Schulbeginn haben müssen. An sich ist selbstverständlich die Unterbringung von Kindern arbeitender Mütter in Kindergärten nach jeder Richtung hin zu fördern. Dagegen muß man sich im Interesse der Aufrechterhaltung der Familienerziehung gegen den Zwang für alle Kinder zum Besuche olcher obligatorischer Kindergärten wenden. Egibt doch eine ganze Reihe von Elternhäusern, in denen die Mutter Zeit und Kraft aufwenden Der Marsch zur Jugend sizze von Harry Wien Sie hat schneeweißes Haar das bauschig umsihr der Kopf zurecht und schickt sie zum Teuihre Schläsen steht. Aber ihre Wangen sindsie.“— frisch. Man weiß nicht, ob von Natur oder obl Zwischen ihrer Staffelei und seiner stehl die stark Rot*: Der Rogen der Argen= Staßelei der Schülerin. Hedda malt. Und Arga Tlarisse ist es, die ihr Anleitungen geben muß und Belehrungen, denn ihr Mann hat nicht Lust, sich mit einer Anfängerin abzugebe.. Tlariss- tut es müht sich ab, seufzte aber heimich. Es ist doch eine Störung, Ablenkung. Immer muß man das Auge von der eigenen Staffelei zu jener anderen hinüber schweifen lassen, an der eine junge Frau, tollpatschig, aber kühn und unendlich freudig und begeistert Strich neben Strich baut. Sie hat Talent, diese Hedda Collin. Ihr Können wächst. Aber Gebuld gehör: dazu. Geduld der Meisterin und Geduld der Schülerin. Und viel Zeit wird noch vergehen, bis ein Bild der Collin reif ist für die Leßentlichkeit.—— Zeit rinnt, tropf unablässig. Ist das Jahr ein Becher so ist er schon übervoll. Zeit rinnt ind quillt über seinen Rand. Da lauten die Neujahrsglocken und auf dem Gabentische der Welt steht ein neues Gefäß, die fallenden Tropen der fallenden Tage aufzufangen. Im Frühling erkrankte Clarisse an einer Erkältung. Nicht gefährlich. Schleichendes Fieber. Entzündete Mandeln. Kopfschmerzen. Schwäche und Ziehen und Zerren in allen Gliedern Trotzdem dauert es drei oder vier Wochen, bis sie wieder an die Arbeit kommt. Und als sie ns Atelier zurückkommt, ist es Osterzeit. Es ist alles wie sonst. Sie malen zu dreien Plaudern. Frühstucken. In der Besuchsecke auf dem Diwan sitzt bald dieser, bald jener der Freunde, erstattet Bericht über irgend ein Ereignis der Saison, gibt sein Urteil ab über Clarissens Bilder, über ihres Gatten Bilder und auch über die Heddas. Wirklich, ein Kenner kann sie schon ermuntern. Sie hat ganz prächtige, ganz unglaubliche Fortschritte gemocht. Alles ist wie sonst. Und doch glaubt Clarisse eine Veränderung zu spüren. Es ist, als spräche zwischen zwei Stimmen, die miteinander telephonieren, eine dritte Stimme mit. Die dritte Stimme zwischen der ihren und der ihres Mannes ist die Heddas. Und auf einmal bemerkt Clarisse, daß ihr Mann fast allein den Unterricht von Collins Nichte in die Hand genommen hat. Er tritt zu ihr, weist ihr die Fehler auf den Bildern nach. Einmal nimmt er ihr den Pinsel aus der Hand greift über ihre Schulter hinweg und korrigiert in das Bild hinein einen kräftigen, grasgrünen Ton. Hedda ist kleiner als er. Sie trägt ein weißes, ausgeschnittenes Kleid, das ihren jungduftenden, braunen Nacken frei läßt. Ihr Haar Hedda Colin. Und wenn sie h. ein Talentlsteht kurz, kraus, störrisch zegt garig, gaß hat wie Rosa Vonheur oder Käte Kouwitz, setzt ihrem Kopfe ab. Und plötzlich steh. Clarisse, daß sie starn Rot auflegl. de. Bogen der brauen ist dunkel und fein gezeichnet. Das auge grau, aber in mancher Beleuchtung und vor allem bei jeder Erregung von einem dunklen sast schwarzen Glanze. Die Gestalt ist zart und schlank, noch sehr jugendlich in Haltung und Bewegung. Ihr Gatte liebt sie sehr. Sie sind Kollegen. Sie malen im gemeinsamen Atelier. Eine Ecke davon ist abgegrenzt als Besuchsraum. Hat Teppich, Diwan, Spiegel, Teetisch. Freunde kommen und gehen. Nehmen dort Platz, rauchen eine Z'garette. plaudern über Leben, über Kunst. Es sind gelstige, künstlerische Menschen mit noblem Geschmack, Feinfühligkeit und einer Sicherheit des Urteils über Malerei, das ihnen beiden wichtig ist. Frauen kommen nicht ins Atelier. Kommen haum in ihren Lebenskreis, der eng begrenzt ist, weil Arbeit ihn umfriedet. Clarisse hat nie Freundinnen gehabt. Ihr Studium, ihr Beruf brachte sie vorwiegend mit Männern zusammen. Sie hat die Frauen in ihrem Leber nicht vermißt. Die Kameradschaftlichkeit ihrer Kollegen und ihrer Freunde, im Untergrunde wie es dieser schönen Frau gegenüber nicht anders sein hann, mit ritterlicher Huldigung gemischt, hat ihr Frauengeplapper und Frauenfreundschaft vollkommen ersetzt. Aber eines Tages ist plötzlich doch ein weibliches Wesen da. Es wird. zum Erstaunen des Erepaares, über die Schwelle förmlich gestoßen Es stolpert herein, und er und sie sehen auf den ersten Blick, daß es schreckliche, plumpe Stiesel an hat und überhaupt maßlos geschmacklos gekleidet ist. Hinter der Stolpernden erscheint die korpulente, asthmatisch atmende Gestalt ihres Freundes Robert Collin mit einem äußerst verdrießlichen Gesicht. „Diese verrückte Person,“ knurrt er.„Erst setzt sie mir monatelang Tag und Nacht zu, wie ein Floh eine arme Menschenhaut nicht grausiger plagen kann, heult, weil sie nicht die Erlaubnis bekommt, Malerin zu werden, und da ich sie endlich zu euch herschleppe, diese Rabennichte, steht sie vor der Ateliertür wie ein Stock, der gerade im Begriff ist, wieder zum Baum zu werden und im Boden Wurzeln zu fossen“ Er wirft eine Mappe auf den Tisch und polter::„Seht sie euch an, die Zeichnungen der Hedda Collin. Und wenn sie nicht ein Talent sie diesen Kopf zurücksinken läßt und daß er an der Brust ihres Mannes ruht, als wäre es so in Ordnung und könne gar nicht anders zein.—— Clarisse kann es sich nicht mehr verhehlen: hr Mann liebt Hedda, diese kleine, braunhaarige Teufelin, die es nie lernen wird, sich geschmackvoll anzuziehen, sich damenhaft zu bewegen, und keine Aussicht hat, einmal wie sie, Clarisse, eine Frau von Welt zu sein. Aber es ist der Duft ihrer Jugend, ihrer Urwüchsigkeit, der dem Manne zu Kopfe steigt. Und Hedda nimmt seine Liebe ohne Skrupel, mit einr sicheren, raubtierartigen Wildheit, die etwas Sieghaftes hat. Clarisse tritt vor den Spiegel und mustert sich strerg. Ganz unparteiisch muß sie sich sagen: a, sie ist immer noch eine schöne Frau. Der Spiegel sagt es. Die Augen der Freunde sagen es. Und auch die Augen ihres Mannes. Wie kann dieser Gatte, dieser Liebende, dieser Kamerad. dieser Freund, sein Herz wenden zu Hedda Collin? Kann sie, Clarisse, es sich vorstellen, einen urderen als diesen. ihren Mann, mit ihrer Liebe zu umfangen? Wie kann es bei ihm anders sein? Sie sind in gleichem Alter. Nie hat das geschadet. Alter ist eine Katastrophe für die Häßlichen. Die schönen Frauen verlieren auch alternd nicht ihre Macht und ihren Reiz. Niemand hätte ihr die fünfzig Jahre geglaubt, ioenn sie sie lachend verkündet. So jung und anmutig hat sie sich gehalten, und das weiße Haar über ihren roten Wangen ist nur ein neuer sremdartiger Reiz. Plötzlich bemerkt sie, daß sie mechanisch immer eine Zahl auf einen Papierblock schreiht. Es ist immer wieder die Zahl: 50. Funszig Jahre ist sie. Fünfzig Jahre ist er. Und auf einmal hält sie die Lösung des Rätsels in der Hand. Gleich alt ist für Mann und Frau nicht gleich alt. Gleich alt heißt für den Mann zehn Jahre jünger sein als die Gefährtin. Sie weiß, er will sie nicht betrüben. Vielleicht ist es ihm nicht einmal bewußt, daß er sich von ihr getrennt und auf dem Marsche ist zur Jugend zurück. Clarisse sinnt: wie wird die Zukunft sein? Ein paar Jahre der Liebe werden noch blühen für ihren Mann. Dann, eines Tages, wird die wilde Hedda hinausstürmen ins Leben draußen, einem jungen Gefährten zu. So lange muß sie, Clarisse, schweigen und warten. Dann werden sie sich vielleicht wiederfinden und noch ein wenig gut und herzlich miteinander sein in der Abendsonne. hann, um selbst die Erziehung ihrer jungen Kinder zu leiten. Kein Kindergarten, sei er auch noch so vorzüglich nach pädagogischen und hogienischen Gesichtspunkten eingerichtet, kann das ersetzen, was mütterlicher Sinn im Kreise der Familie darbringen kann. Es hieße die Mütter, die zu einer solchen Erziehung ihrer jungen Kinder im Hause gewillt und in der Lage sind, eines Teils ihres Mutterglückes und ihrer Mutterfreuden berauben, wenn man auch diese Kinder zwangsweise den Kindergärten zuführen wollte. So wird man die Einrichtung von weiteren Kindergärten unterstützen, aber den Zwang zum Besuche ablehnen müssen. Daneben fordert auch der Vorschlag, daß vorhandene private Einrichtungen(Kinvergärten von den Gemeinden oder Gemeindeverbänden zu übernehmen sind, starken Widerspruch heraus. Einrichtungen öffentlicher Art haftet leicht ein gewisser Schematismus an, während die private Wohlfahrtspflege, die gerade auf diesem Gebiet in Deutschland außerordentlich gut ausgebaut ist und unter Einsatz vieler treuer, freiwilliger Liebesarbeit mustergültig wirkt, mehr eine persönliche Note trägt. Bisher haben sich die Gemeinden mit großem Erfolge dieser Einrichtungen der privaten Wohlfahrtspflege bedient und gut Hand in Hand mit ihnen gearbeitet. Eine allgemeine Ueberführung der privaten Kindergärten in die öffentliche Hand ist daher abzukehnen. Wenn sie Dich schmähten, wenn sie Dich schalten Widersprich nicht mit hitzigem Blut; Schweig' und schaffe, was schön und gut, So wirst Du zuletzt doch recht behalten. Geibel Die schwedische Frau als Gattin Von Ilse E. Tromm=Göteborg(Schweden). Das schwedische Mädchen heiratet durchschnittlich sehr früh. Es wird von Hause aus schon zur Ehe erzogen, und da die schwedischen Ehen mustergültig sind(Ausnahmen bestätigen hier wie überal! die Regel), so weiß sie von der Mutter her schon mit gutem Instinkt, sich dem Manne anzupassen und sich rechtzeitig auf ihn einzustellen. Es gibt nirgends weniger Mißhelligkeiten als in der schwedischen Ehe. Einen großen Anteil an diesem Vorteil haben natürlich auch die Männer, die ihre Frauen vergöttern und verwöhnen. Darin kommt der Schwede dem Amerikaner sehr nahe. Die Frau st für ihn das Höchste. Für sie schafft und arbeitet er gern, um ihr das Leben so behaglich wie nur möglich zu gestalten. Auf sie hat er sein Leben eingestellt, und gehen aus der Verbindung ein paar gesunde Kinder hervor, so ist des Schweden Gluck vollkommen. Niemals würde die verheiratete Schwedin auf den Gedanken kommen, sich zu vernachlässigen oder sich körperlich hängen zu lassen, weil sie ihres Mannes sicher ist. Sie zeigt immer ein freundliches Lächeln auf dem gut gepflegten Gesicht und ist immer appetitlich und schön. Das ewige Lächeln gibt ihrem Gesicht zwar nicht selten etwas Puppenhaftes, aber der Mann liebt dies; er tändelt mit ihr, putzt sie mit kostbaren Kleidern heraus, die oft wirkliche finanzielle Opfer für ihn bedeuten. Das Puppendasein der Schwedin hält sie in den jungen Ehejahren von fast aller Betätigung im öffentlichen Leben fern. Ihr fehlen die tiefgehenden Interessen der mitteleuropäischen Frau. Palitik und Frauenfragen bedeuten ihr vorerst nichts, desie größer und intensiver ist ihr Bestreben, dem Mann im eigenen Heim die größte Behaglichkeit zu schaffen, nach deren Ruhe er sich nach des Tages Last gern zurück Vollkommen in sich abgeschlossen ist das schwedische Familienleben. Es ist fast ausgeschlossen, daß man„auf einen Sprung" zu seinen Freunden geht, wie man es in Mitteleuropa zu tun gewohnt ist. Man wartet die offiziellen Einladungen ab, und die Abfütterungen die sich immer programmäßig bei allen Gelegenheiten abwickeln, verlaufen in formeller Konvenienz, bei denen fast nie eine gemeinsame Unterhaltung aufkommt. Man trinkt nur, wenn die Dame des Hauses ihr Glas erhebt, oder wenn der Herr des Hauses seinen Gästen zutrinkt. Nach dem Mahle verschwinden die Herren meist, um im Rauchzimmer von Politik oder Geschäften zu reden, während die Damen sich im Salon nach allen Regeln der Kunst tangweilen und sich das Gespräch— meist über Kleiderfragen— fortschleppt. Die erlösende Stunde schlägt erst bei der Ankunft im eigenen Heim. Die Schwedin will unter allen Umständen „süß" sein. Das Puppenhafte an ihr paßt zu ihrer Natur. Sie interessiert sich ihr ganzes Leben hindurch mehr für den Mann als für ihre Kinder, die immer erst in zweiter Linie kommen. Hier steht sie im vollständigen Gegensatz zu den deutschen Müttern, die ihre Männer zur Seite schieben, wenn es sich um die Kinder handelt. Die Schwedin überläßt die Erziehung ihrer Kinder, wenn ihre Vermögenslage es nur eben erlaubt, gern bezahlten Personen, und da die Kinder ihre Eltern nur in der dritten Person anreden dürfen, so bleiben sie einander meistens fern. Es wäre undenkbar, daß ein schwedisches Kind es wagen könnte, zu den Eltern„Du“ zu sagen. Die Kinder werden Tu# zu sagen,#### Kier werden ausstaffiert mit kostbaren und eleganten Kleidungsstücken, und da man die Persönlichkeit des Kindes in weit ausgedehnterem Maße als in Mitteleuropa respektiert, so schafft man nicht selten den unerquicklichen Zustand, daß das Kind des Hauses in vielen Familien herrscht. Dies wirkt auf mich, als Nichtschwedin, immer unsympathisch. Der schwedischen Mutter fehlt meist die Fähigkeit, Kinder zu erziehen. Dadurch, daß sie sich ungeteilt ihrem Gatten widmet, vermeidet sie eheliche Untreue, zu denen die Männer hier wie überall hinreichend Gelegenheiten hätten. Sie vermeidet es ferner, daß er seine Abende außer dem Hause verbringt. Sie macht das Heim behaglich und sich serost schön und er findet, es gibt keine schöneres und liebenswürdigeres Geschöpf als seine Gattin. Im Sommer wohnt die Familie selbstverständlich auf dem Lande, in der eigenen oder gemieteten Villa, weil sich die Gattin von den Anstrengungen des langen Winters ausruher muß. Der Mann fährt willig stundenlang täglich zu seiner Familie aufs Land hinaus und früh am Morgen wieder in die Stadt, um seinen Beruf auszuüben, wenn er nur weiß, daß die Seinen es draußen schön und angenehm haben. Die schwedische Ehefrau darf sich um Himmelswillen nicht anstrengen. Sie muß soviel wie möglich„ruhen“, damit sie ihre Schönheit behält. Ist zufällig kein dienendes Wesen im Hause, verrichtet der Mann hundertmal lieber die Wirtschaft, als daß er sie von seiner Gattin ausführen ließe. Er kocht den Morgenkaffee, den er ihr am Bett anrichtet und fährt bereitwilligst seinen Nachwuchs mit dem Kinderwagen aus. Er kocht, wäscht das Geschirr, während seine Cheliebste sich ausruhen muß. Die Frau steht so stark im Vordergrund, daß bei Familienanzeigen in den Zeitungen immer zuerst der Name der Frau genannt wird. Undenkbar wäre es, daß z. B. bei einer Geburtsanzeige der Vater zuerst und selbstbewußt seinen Namen unter die Ankündigung setzen würde u. die Mutter ganz bescheiden hinterher kommt. Man sieht ungewöhnlich viel Frauen ein Asto führen. Sport ist der Schwedin lieb, sofern er ihrer Schönheit dienlich ist. Sie hat ständ'g Angst, an Körperfülle zuzunehmen, und sie versucht alles, überflüssiges Fett wieder zu beseitigen. Mit Behagen läßt sich der schwedische Ehemann von seiner Frau spazieren fahren und er ist stolz, wenn sie den Kraftwagen elegant zu bedienen weiß. Der Fernsprecher ist für die Schwedin eine Notwendigkeit. Täglich verbringt sie längere Zeit mit dem Hörer in der Hand, um mit ihren Bekannten zu sprechen und mindestens einige Male ruft sie bei ihrem Gatten an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und ihm zu erzählen, daß sie unsinnig vor Sehnsucht nach ihm ist. Immer wieder nimmt der Gatte den Hörer; selbst wenn er dringende geschäftliche Konferenzen hat, findet er doch noch Zeit, seiner Frau ein paar liebe Worte zu sagen. -1.— Ball oder einem Rout geht, das Gefühl hat, daß sie schamlos sei, und was die kurzen Röcke und die langen Seidenstrümpfe betrifft— du lieber Himmel! die Zeit ist wirklich lange her, wo unsere jungen Mädchen und Frauen in dem Schleppkleid ein Ideal erblickten. Objektiv betrachtet, hat es Frauentrachten in Europa gegeben, die weit schamloser waren als die heutigen. Wer die Modebilder aus der Zeit der französischen Direktoire mustert, wer die gemalten Bilder venezianischer Edelfrauen oder auch burgundischer und selbst deutscher Frauen des Mittelalters kennt, weiß, daß damals an Ent„Vom Himmel gefallen...“ Die Sache ihre poetische Rich.—. Manchmal. stigkeit. Manchmal aber fällt nicht ein einzeln Sternlein, es fauen ihrer gleich zwei. Zwei Bübchen dder zwei Mädeichen, oder gar ein Bübchen und ein Mädelchen. Dana werden im Standesamtsregister Zwillinge eingetragen. Und der Herr Papa, der zunächst genau so verdutzt guckte wie das pausbackige Bübchen auf dem Bild, quittiert dann mit schwungvollem Stolz in dem überlebensgroßen hüllungen, besonders der weiblichen Brust, ganz andere Dinge geleistet wurden als heute. Noch die Gesellschaftsbilder des zweiten Kaiserreichs zeigen in der Frauentracht eine Kunst des Dezolletes, welche den Neid manches; heutigen Schneiderkünstlers erregen dürfte. Es kommt eben immer daraus an, worauf sich gerade die weibliche Koketterie richtet. Denn darin unterscheidet sich das gebildetste europäische Mädchen nicht von dem einfachsten Naturkind in einer Negerhütte, daß es aus seiner Kleidung, seinem Schmuck eine Waffe der Koketterie machen muß, bestimmt, die Blicke der Männer anzuziehen und in dem erotischen Wettkampf der Geschlechter den Preis der Anziehungskraft davonzutragen. Eine einfache schamlose Bloßstellung wird allerdings den feiner empfindenden Mann eher abschrecken als anziehen, das ist heute noch so wie vor Jahrhunderten. Wenn das Charakteristische der Mode ist, daß sie niemals lange Dauer hat, so haben doch die Völker aus praktischen Gründen in Sachen der Geschlechtsmoral bestimmte Bräuche angenommen die dauernd sind und die sie Sitte nennen; mit dieser hat aber etwas so Aeußerliches, wie die Tracht, nichts zu tun. Dazu kommt, daß die ästhetischen Anschauungen vielfach wechseln. Dem 18. Jahrhundert, diesem so galanten Zeitalter, wäre eine Betrachtung über die Schönheit der weiblichen Beine ganz fremd gewesen; diese zu entdecken, blieb erst unserer Zeit, dem 20. Jahrhundert, vorbehalten. Und das ist auch der Grund, warum sich die kurzen Röcke so siegreich und so lange behauptet haben und in Tracht und Schamhaftigkeit Haben die Eiferer recht, die unseker modernen Frauentracht, besonders dem abendlichen Gesellschaftskleid, eine besondere Schamlosigkeit vorwersen? Die aus dieser Frauentracht ihren beliebtesten Beweis für die von ihnen behauptete moralische Zerrüttung der Nachkriegszeit zu ziehen pflegen? An Kapuzinerpredig= ten auf diesem Gebiet hat es nicht gefehlt. Wir sahen, daß hohe kirchliche Stellen es für nötig befanden, den Anzug der heutigen Frauenwelt bei feierlichen Gelegenheiten die Leviten zu K sen; die Männer, die das taten, haben Lebenserfahrung genug, um nicht ihr Urteil unnötig vor der heute recht kritischen Oeffentlichkeit bloßzustellen. Die ältere weibliche Generation, und diese besonders, nimmt ja auch noch oft Gelegenheit, über die Tracht der jungen Mädchen und Frauen von heute den Kopf zu schütteln— besondes. büber die beiden Steine des Anstoßes, über die„u kurz bekleideten Beine und über den Rückenausschnitt des Abendkleides. Und dieses Schütteln des Kopfes geschieht keinespegs allein in kleinen Marktflechen oder in entlegenen Provinzhauptstädten. Mit sem Kopfschütteln wollen die Kritiker des dernen Frauenkleides den Schluß ausdrücken, den sie alle sofort ziehen, auch wenn sie es nicht immer für klug halten, ihn auszusprechen— daß nämlich mit der schamlosen Tracht auch eine schamlose Gesinnung verbunden sei. Ist dieser Schluß aber auch nur zum Teil berechtigt? Das ist der Punkt, woran man zweifeln muß, selbst wenn der Zusammenhang zwischen Tracht und Schamlosigkeit so einfach wäre, wie jene annehmen. Ich bezweifle stark, daß eine moderne Gesellschaftsdame, wenn sie im Abendkleid zu einem unserem Zeitalter des Sports und der Massenverkehrsmittel schwerlich wieder ganz abkommen werden. Wir können aber auch aus den Berichten von Reisenden über Naturvölker oder primitive Kultur nicht schließen, daß das Schamgefühl bei der Frauentracht sich durch das Verhüllen bestimmter Körperteile ausdrücke Schon aus dem Grunde, weil diese Körperteile sehr verschieden find. Wenn in einem großen Teil der mohammedanischen Welt(nicht überall!) das Verschleiern des Gesichts lange als unbedingtes Gebot weiblicher Schamhaftigkeit galt, so war man mit dem Verhüllen anderer Teile weit weniger eilig. Und in Afrika gibt es noch heute Negervölker, deren Anstandsgesetze für Männer und Frauen die Bedeckung der hinteren Körperteile erfordern unter Vernachlässigung aller übrigen. Auch das gebildete Europa mit seinem Anstand zeitigt sehr komische Kulturmanieren, wie der Ausdruck„die Unaussprechlichen" beweist. Es ist also immerhin nicht ganz leicht, aus der heutigen Frauentracht an sich den Schluß auf Schamlosigkeit zu begründen— immer vorausgesetzt, daß sie gewisse Grenzen beobachtet, die jede mit der Achtung vor der Sitte ihres Landes selbst fühlen muß. K. 3. —.2— Urkundenbuch die vom Himmel gefallene Doppelsendung. Zwillinge sind Sternlein, die einander suchten in ihrer vorerdlichen Existenz. Seltsame Ahnungen von dem Alleinsein, das vieler Menschen Herzen mit schneidender Kälte durchschauert, trieben sie zueinander, bevor sie sich auf die Erde verirrten. Deshalb stehen Zwillinge fest immer in unzertrennlicher Liebe zueinander. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Bruderzwists. Von Zwillingshaß aber wissen auch die dunkelsten Familienchroniken nichts zu berichten. Der Sternenhimmel liefert an die Erde recht verschiedene Ausgaben von Zwillingen. Eine ganze Weile machte er sich ein Vergnügen aus dem Versand solcher Zwillinge, die einander glichen sich wie ein Ei dem anderen. Zeitlebens mußte der eine ein blaues und der andere ein rotes Armbändchen tragen. Niemand konnte sie voneinander unterscheiden, nicht einmal die Eltern. Wenn das Zwillings=Peterchen den Birnbaum des Nachbarn— aus hochtouristischen Gründen natürlich— erstiegen hatte, kriegte das Zwillingsfritzchen nachher die Haue dafur. Und wenn Zwillingsfritzchen dafür gelobt wurde, daß er es unterließ. Onke! Gustav während des Mittagsschlafs unter den Fußsohlen zu kitzeln, so war es sicherlich das Zwillings=Peterchen gewesen, das diese brave Tat des Unterlassens getan hatte. Im Laufe der Jahre aber glichen sich Plus und Minus in der Lebensrechnung der Zwillinge aus. Das waren Zwillinge, für die Kastor und Pollux in Josef Babylonischem Turm“ ein Musterbeisviel sind, Es kriegte nicht nur einer für den anderen die Haue oder die Velobigung: es konnte auch eins nur durch das andere denken. Zwillinge Von Carl Ludwig Herbst=Bielefeld. Ihr kend es doch, das Ralf Peacop'sche Bild mit dem pausbackigen Bübchen, das gerad vor einer Minute nach einer sausenden Fahrt durch die Unendlichkeit auf dem buckligen Riesenball gelandet ist, den wir Menschen Erde und den die kleinen Mondkälber vielleicht„Dadabuy" nennen, weil dieser Riesenball so gespenstisch groß am Mondfirmament steht...„Vom Himmel gefallen“, so heißt das Bild. Und das pausbackige Bübchen, das da überrascht und verwundert in einer halb heroischen, halb idyllischen Landschaft sitzt, blickt sehnsüchtig nach oben. Ob da nicht jemand ist, der es zurückholt. Uns Menschen ist ja das ganze Leben hindurch so, als müßte uns irgendwer zurückrufen in ein buntes Traumland. In neuester Zeit aber, da Zwillinge— wahrscheinlich zum Ausgleich der Lücken, die der männermordende Krieg riß— außerordentlich songesterne dommen andew geartete Prilternrein zum Versand nach der arde. Aehnlichkeitszwillinge wurden durch Gegensatzzwillinge abgelöst, die als Ganzes eine merkwürdige Synthese ergeben. Es entspricht durchaus dem Geist der Zeit, individuell Verschiedenartiges in einer überindividuellen Form zu verschmelzen. Das, was wir Zeitgeist nennen, ist möglicherweise auch nur ein Exportartihel aus unerforschten Sternensphären. Ein typisches Beispiel für Gegensatzzwillinge sind Dölfchen und Wölfchen, denen ich nicht nur literarisch, sondern auch verwandtschaftlich nahe stehe. Wölfchen und Dölfchen werden nie zu verwechseln sein. Weder äußerlich, noch ihren Lebensäußerungen. Wölichen ist brauäugig und blondlockig. Dölfchen hat braune Augen, eine dunkel getönte Haut und vorerst noch eine Glatze. Während Wölfchen die Tendenz hat, sich strampelnd vom Zwang aus den weichen Daunendecken zu befreien, ist von Dölfchen stets nur die Nasenspitze, eine kleine sidele Nasenspitze, sichtbar, wenn er in seinem Körbchen liegt. Wölfchen ist in jeder Geste herrisches Fordern, Dölfchen dagegen beglücktes Danken. Wölfchen liebt den Betrieb und jauchzt laut auf, wenn sich sämtliche Kinder der Nachbarschaft um ihn versammeln, um zehnstimmige Lieder zu singen, die das elfjährige Lieschen in einer in Europa sonst unbekannten Tonart am Klavier begleitet. Dölfchen dagegen liebt die Stille. Er lächelt glücklich, wenn man ihm mit leiser Stimme Gedichte Rainer Maria Rilkes vorliest, von denen er natürlich kein Wort versteht, obgleich er doch bald ein Jahr alt wird. Aber es gibt eben nichts, was man leiser sprechen könnte, als Rilke=Verse. Wölfchen scheint Anwartschaft auf Sitz und Stimme in einem Magistrat oder gar in einem Aufsichtsrat zu haben. Döl'chen aber wird einen Rückfall in jene Zeitläufte erleiden, da Denken und Dichten nur in kümmerlichen Dachkämmerlein gediehen... Es gab einmal Zeiten, die wußten nichts von Spiramebeln und Glazialtheorien. Die Menscru glaubten, der nächtliche Himmel sei ein auch, in das hinein die Götter mit demantfunkelnder Schrift ihre hohe Gedanken schrieben. Und in den schimmernden Sternlein erblickte man die suchenden Seelen ungeborener Menschenkinder. Wenn so ein Sternlein vom Himmel zur Erde siel, ward ein Mensch geboren. Die Tage der Zwillingsähnlichkeiten scheinen endgültig dahin. Bald wird von ihnen vielleicht nur noch im Märchen die Rede sein. Vielleicht hängt das auch mit der zeitgemäßen Forderung nach individuellen Erziehungsmethoden zusammen. Absoluten Zwillingsähnlichkeiten aber müßte diese pädagogische Leidenschaft in tödlicher Verlegenheit gegenüberstehen... —0