8 den 2. Juni 1923 1. er vom Kahlen Asenberg Monatsbeilage zur Sauerländer Zeitung Druck und Verlag von Hans Albrecht, Brilon. Glockentracht. Es steht manches Kirchlein im Lande, von dem es schwer zu sagen wäre, wie es an seinen Heiligen gelangt ist. Um Rummershude, einen Weiler im Walde, dagegen ist es ein Leichtes, die Kapelle mit Sankt Christophorus darin auf seinen Tag zurückzuführen, wenn auf die Chronika einigermaßen Verlaß ist. Darin steht gleich anfangs von einer großen Wasserflut berichtet, die zur Zeit der Schneeschmelze von den Bergen in die Täler geschossen kam. Den ehrsamen Rummershudern spülte sie die Treppensteine vor ihren Häusern gründlich blank, obschon solches gerade nicht sehr nötig gewesen wäre; denn es war an einem Sonntag, und die Frauensleute hatten sich am Abend vorher die gleiche Arbeit gemacht. Ueber die Treppen hinweg reichte das Wasser bald bis durch die Türen und von dort in die Stuben und Ställe, dann aber war ihm dieser Weg zu ausgetreten: es stieg kurzerhand durch die Fenster. Nun hätte es lustig sein können, wenn es micht toternst gewesen wäre; denn es wimmerte das Kind in der schwimmenden Wiege, und es brüllte das Vieh und riß an den Ketten. Immer höher stieg das Wasser und wäre den Rummershudern schlecht zu schmecken gekommen, wenn nicht einer von ihnen, da er über die Flut hinspähte, plötzlich an Sankt Christopherus gedacht hätte. Er ging also den großen Wassermann um seine Hilfe an und gelobte ihm eine Kapelle mit seinem Standbild darin für die Befreiung aus dieser Gefahr. In der Tat schien auch bald darauf das Wasser zu stehn, und da bedachte sich denn der fromme Mann, daß er doch nicht eigentlich allein den Bau auf sich nehmen könne. Er suchte darum von seinem Fenster aus, so gut es bei dem Wellengang gelingen wollte, den Nachbarn zur Teilnahme an dem Gelöbnis zu gewinnen. Der gab es gleichfalls weiter, der dritte tat mit lufen und Winken dasselbe. So verständigten sich die bedrängten Rummershuder an diesem Morgen und verpflichteten lich durch ein feierliches Gelübde für die Kapelle des heiligen Christophorus. Bald darauf sank das Wasser zusehends, um dann in der Nacht wie ein geschlagenes Heer in seine alten Stellungen zurückzuweichen. Die Rummershuder aber fingen den Bau des Kirchleins an, wie sie versprochen hatten; nach kurzer Frist schon stand es vollends da, nicht eben sonderlich kunstvoll, aber recht und schlecht nach ihrer Art. Einem wandernden Bildhauer, der sich im Walde verirrt hatte, übertrugen sie es, ihren heilige etter in Stein zu hauen und am Pfeiler recht mitten im Kirchlein aufzustellen. Bald war es geschehen, und nun stand er dort groß und gewaltig und über alles Menschenwerk hinausgewachsen mit vorgebeugten Schultern, als müsse er das ganze Dachwerk tragen, wie er zu Lebzeiten das Christkind getragen hatte. Indessen zu ruhiger Rast schien der himmlische Riese, entgegen den Gepflogenheiten sonstiger Kirchenheiligen, nicht an seinem Pfeiler verweilen zu wollen, wenn solches aus seinem Gewand zu schließen war, das er gerafft hielt, als müsse er gleich wieder stehenden Fußes durch ein mannestiefes Wasser waten oder weite Wege wandern. In der Tat erwies es sich auch bald schon als begründet, wvon seiner steinernen Ruhe auf dem Postament nicht zuviel zu erhoffen In der ersten Frühlingszeit nämlich, da die Bäche rauschend zu Tale drängten und die wanderweite Welt durch die eisengegitterten Fenster lockte, kam ihn die alte Sehnsucht nach dem Laufen und Traben seiner einstigen ErdenDie Rummershuder sahen in diesen Tagen zu ihrem Erstaunen, wie er ab und zu die Füße hob, als wolle er versuchen, ob sie nicht steif geworden, sondern noch tauglich zu einem guten Marsche waren. Ob dieses sonderlichen Gebarens hatten sie ein Auge auf ihn, trotzdem sahen sie sich eines Morgens in der Karwoche überlistet; denn der Heilige war von seinem Pfeiler verschwunden, und es war leer in der Kirche, wie in dem Nest, das der Vogel verlassen hat. Wenngleich sie auch an seinen Füßen längst gemerkt hatten, daß ihm das Reisefieber darin saß, so hätten sie doch nicht geglaubt, daß er sich auf diese Art empfehlen und sie im Zweifel über sein Verbleiben lassen würde. Nun war ein Rohlenbrenner zu später Nacht aus dem Walde heimgekommen, der vermeinte gesehen zu haben, wie einer im gewaltigen Ausschreiten an ihm vorbeigeeilt sei in der Richtung der Mittagssonne zu. Leicht hätte es der Heilige sein mögen, da er von mächtigem Körperwuchs gewesen sei. Es habe ihm aber geschienen, als schleppe er etwas auf seinen Schultern, a hr zu onter. Keitem de Melkerinnen sommerdie Eimer. Nun waren gerade die Tage wo die Glocken nach Rom müssen, um sich vom Papst der Ehristenheit für das neue Jahr segnen zu lassen, daß sie mit ihren Schwingen die bösen Geister der Luft fern halten von den Menschen. Darum und weil ihn der Kohlenbrenner also beladen gesehen haben wollte, kamen die Rummershuder auf den Gedanken, ob nicht etwa Sankt Christoffer die Glocken nach Rom trüge. Wenn es richtig darum war, würde er nach seiner Zeit zurückkommen. Sie warteten also die Kartage, und es war auch nichts von seiner Rückkehr zu verspüren. In der Östernacht aber, da es schon gegen Morgen anging, wurden sie in ihren Kammern wach von einem sonderbaren Klingen, das über die Felder hergetragen schien und immer näher kam. Wer schnell ans Fenster sprang, sah noch, wie der heilige Wandersmann tatsächlich mit seiner Glockenlast dahereilte, aber nur mit einem Blick sah er ihn, dann war er schon wieder in der Kapelle verschwunden. Gleich hernach erllang du de elaute und lud zur Östermesse ein wie alle Feiertage. Darinnen aber an seinem Pfeiler stand der große Heilige in steinerner Sühe, als sei er keinen Herzschlag von dort verschwunden gewesen. sich ds ganze lange Jahr stand er so und regte und rührte lag nicht. Als es indessen wiederum Frühling wurde, überkam cyn abermals die Unrast. Ehe sie es sich versahen, war er wieder verschwunden und kam auch richtig erst in der Osternacht mit den Glocken heim. Da es auch das dritte Jahr also ging, wußten sie, was es mit ihm war. Er konnte die alte Wandersucht seiner heidnischen Zeit nicht unterdrücken; nun er aber der große heilige Christ geworden, stellte er sie und seine breiten Schultern in den frommen Dienst und trug alle Jahre die Glocken nach Rom. Dagegen hätten nun gewißlich die ehrsamen Rummerse ae e en gen gern die fromme Fahrt. Indessen bald schon regte n ihnen das Mitleid, wie sie dachten, daß er in dem igen Gewande aus seiner Wasserzeit die weite Reise Alpenkälte und Bergfrische zu machen hatte. Sie bezllossen daher, daß sie dem Heiligen für seine Wanderung rechtschaffenen Kittel, wie sie ihn selber trugen, zur Serfügung stellen wollten. Es ergaben sich jedoch SchwierigObige Erzählung entnehmen wir mit Erlaubnis des Ferlags Josef Kösel u. Friedrich Pustet, K. G., München, Perlagsabteilung, Kempten, dem reizenden Legendenbuch untes westfälischen Landmannes Heinrich Luhmann, Die in Holzschuhen. keiten, weil der Meister Schneider, dem er in Arbeit gegeben werden sollte, sich nicht daran wagte, da er bislang noch keinen Heiligen in seiner Kundschaft gehabt hatte. Da jedoch über allem bereits der letzte Abend vor seiner gewohnten Ausfahrt gekommen und kein Zögern mehr statthaft war, legten sie dem Heiligen kurz entschlossen die sieben Ellen des rohen Leinens vor die Füße in der festen Zuversicht, daß schon ein Kittel daraus entstehen würde. Der Küster, der in der Nacht durch die Türspalte lugte, wollte gesehen haben, wie die heilige Jungfrau Barbara und die fromme Anna, deren Bildnisse an der Wand hängen, aus ihrem Rahmen gestiegen und mit Nadel und Zwirn an der Arbeit gewesen seien Jedenfalls steckte Sankt Christophorus diesmal wärmlich in einem blauleinenen Kittel, als er gegen Morgen seinen Lauf begann. Bei seiner Rückkehr aber geschah etwas, was eigentlich nicht im Plane der Rummershuder gestanden hatte. Bis zum Dorfeingang nämlich trug er seinen Kittel, dann aber streifte er ihn ab, warf ihn der ärmsten Dorfwittfrau über den Gartenzaun zu und bedeutete ihr, sie möge ihn für ihre Kinder verwenden, er reiche für viere. Auf solche Wohltätigkeitsäußerungen waren sie in Rummershude nicht gefaßt gewesen, vielmehr hatten sie gedacht, sein Kittel möge manches Jahr ausreichen. Es blieb ihnen also nichts übrig, als ihm für die nächste Frühjahrsreise einen neuen zu verschaffen, mit dem er aber nach seiner Heimkehr gleich verfuhr. Da sahen sie denn ein, daß er aus dem Schenken ein Gewerbe machen wollte; weil es indessen um die Dorfehre ging, sparten sie nicht, sondern legten ihm nach wie vor die sieben Ellen hin, die er treulich auf seinen Wegen umhing, dann aber ebenso treulich der ärmsten Armen zur weiteren Nutznießung zukommen ließ. Bei diesem Handel blieb es manches gute Jahr; als aber das alte Geschlecht verstorben und ein neues herangewachsen war, das von Wassernöten noch nichts erfahren hatte, glaubte man, der Gemeindesäckel würde durch die Ausgaben für den ewigen Kittel zu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Es wurde daher beraten, wie man sich der Verpflichtung am besten entziehen könnte. Nun hatte gerade damals in Rummershude der löbliche Stand der Junggesellen besonders zahlreiche Mitglieder. Auf diese verfielen die hohen Gemeindeväter nach langem Sinnen. Sie bestimmten nämlich, daß allemal der älteste von ihnen als eine Art Buße für sein Wohlleben dem heiligen Christophorus die sieben Ellen Leinen zu liefern habe. So lange müsse er diese Steuer entrichten, bis er sich zur Ehe bequemen würde. Also wurde es denn auch gehandhabt. Dem Heiligen schien es gleich zu sein, daß seine Lieferanten gewechselt hatten; er enthielt sich jeder Aeußerung und schaute in immer gleichmäßiger Güte auf alle hernieder, ob sie nun ledig gingen oder das Joch der Ehe trugen. Die ersten Jahre nahmen die von der Genossenschaft der Unbeweibten die Sache von der lustigen Seite und opferten bereitwilligst ihre sieben Ellen; allgemach aber wendete sich das Blättchen. In jener Gegend war nämlich die Beschaffung eines guten Stückes Linnen, wie es sich für den Heiligen geziemte, nicht gerade leicht, da auf dem steinigen Berggrund der Flachs nicht gedieh. Wer daher eine Zeit dem heiligen Christoffer verpflichtet gewesen war, sah bald ein, daß es immerhin eine angenehmere Sache sein müsse, einem blonden Mädchenzopf nachzulaufen als einem blauleinenen Kittel. Das aber war schon das Ende; denn der Mädchenzopf führte die meisten geradewegs ins Land der Ehe, und da gab es andere Dinge, als für den steinernen Mann am Kirchenpfeiler zu sorgen. Während also auf dieser Art keiner lange in der Kundschaft des Heiligen verblieb, fügte es sich doch einmal, daß er einen Dauerlieferanten gefunden zu haben schien, und zwar in Gestalt des Kaspars Kord, zubenannt der Unterste. Damit hatte es dieses Bewandnis: Der Kaspar Kord betrieb in der hellen Aar eine Wassermühle, und außerdem trieb er einen Esel, der ihm das Korn beisammenholte. Es war indessen nicht weit her, und eine gute Zeit im Jahre gingen Rad und Esel umsonst. Da ihr Herr da nichts Besseres zu tun hatte, lehnte er sich auf die Halbtür und besah sich die Welt von dort aus. Nun hatte er von seinem Vater außer der Mühle und dem Grauen noch einen ansehnlichen Rückenhöcker geerbt, der durch die löbliche Beschäftigung über der Tür nicht gerade dünner wurde. Alles andere seines Körpers war leidlich geraten, insonderheit die vordere Front wies keinerlei nennenswerte Mängel auf. Nun hatte der Mühlenkaspar ein Weib ins Haus nötig; da er indessen keine einseitige Politik treiben wollte, sondern auch mit seiner Rückenansicht rechnete, bildete er sich mit der Zeit ein, er dürfe es niemals wagen; denn wer sollte solch krummbuckliges Häuflein Elend, wie er es doch nach seiner eigenen Erkenntnis war, zum Manne begehren? Auf solche Art wuchs sein Höcken in seinen Gedanken zum Kirchturm aus, und er war es auch schuld, daß sein Träger Jahr um Jahr treu im Dienste des heiligen Christophorus blieb und die beste Aussicht hatte, bis an sein Lebensende darin zu verharren. Indessen, es kam doch anders. Als nämlich der Kaspar 5ie„ Dereits seine neun Jahre pünktlich und ohne Murren sebunhen. Elle.. geliefert hatte und gerade in der schönsten insofern. lging bei ihm eine große Veränderung vor sich e M a. eme Ansichten über seine Tauglichleit zur Ehe eine Wandlung erfuhren. Um diese Zeit war gerade eine Muhme, di. iym bislang sein bescheidenes Haus geführt hatte, z Sir mühle seinen Brei alleine rühren. Dazu ande, im dae dieler Fri der Flachs ausnehmend shlecht imn von eloedes e ies, das Linnen im Preise, daß er es 2 von se g Maylgelde erschwingen konnte. Diese äubeso daß er den Senaten das Kasperlein mehr als sein Höcker, er de darunter mehr und mehr zu vergessen shsen. Und jetzt dachte er sich über seine Türe aus, daß es vielleicht doch noch angangig wäre, auf natürliche Weise von der Kundenliste des Heiligen gestrichen und dafür auf die der Ehestandsanwärter gesetzt zu werden. Freilich, so vermessen war er auch jetzt noch nicht, daß er auch nur in Gedanken wagte, auf ein junges, fehlerloses Mädchen zu hoffen. Vielmehr glaubte er, daß es nur eine sein könnte, die entweder gleichfalls mit einem Höcker ging oder etwa an einem Holzbein schleppte oder mit Blattern geschlagen war. Nur von einem solchen Muster von Schönheit versprach sich der Kaspar Kord etwas, und danach hielt er denn auch fleißig Umschau. Wie es nun aber das Schicksal wollte, waren gerade in jener Zeit die Mädchen von Rummershude und Umgegend alle wohlgebildet am Leibe und schön von Angesicht. Nur zmei von ihnen kamen den Anforderungen des sonderlichen Freiers in etwa nach, und davon war die eine noch Wittfrau, von der es als erwiesen galt, daß sie ihren Mann in ein frühes Grab gebracht hatte. Außerdem hielt man davon. daß sie Haare auf den Zähnen habe; die auf ihrem Haupte waren jedenfalls von einer lieblichen Röte. Als zweite kam für den Kaspar Kord eine Weißnäherin in engere Wahl, die zwar von den gewünschten Häßlichkeiten keine, dafür aber ein lebendiges Angebinde menschlicher Schwachheir in die Ehe gebracht hätte, das alles Fehlende ersetzte. Schon wollte der Müller straas in sein Verderben hinein heiraten, als plötzlich und gerade rechtzeitig ein anderer Wind wehte. Den hatten nun eigentlich auch hier zwei Mädchenzöpfe hergetrieben, und das ging so zu: Durch seine Beziehungen zu dem Rummershuder Pfeilermann war der Kaspar Kord in Freundschaft mit dem Kirchenküster gekommen. Dieser betrieb als Hauptgeschäft den ehrsamen Beruf eines Korbflechters, bei welcher Arbeit er es aber ebensowenig zu Reichtum brachte wie der Müller bei der seinen, zumal er noch ein Weib und fünf Kinder zu versorgen gehabt hatte. Nun legte sich eines Tages die Küstersfrau hin und drohte allen Ernstes, nicht wieder aufzustehen. Der Meister Körber ging zwar mit aller Kraft dagegen an, und auch der Untersten Kaspar legte sich ins Mittel, indem er herbeischleppte, was er in seinem verwahrlosten Hausstande nur auftreiben konnte: ein Päckchen Mehl, ein verlorenes Ei, eine Schürze Wintererbsen. Die beiden brachten aber das kranke Weibslein nicht wieder auf die Beine, und daher rie fder Vater Küster seine Aelteste, die Eve, die bereits anderweitig in Diensten stand, nach Hause. Die war es nun eben gerade, die das Mühlenkasparlein von seinem Unglückssprung, zu dem er schon die Knie gebeugt hatte, zurückhielt. Sie war nämlich in der Fremde ein ausnehmend schönes Menschenkind geworden und hatte auch das Herz auf dem rechten Fleck sitzen, wie es sich noch erweisen sollte. Das erste nun, was sich für den Untersten Kaspar hieraus ergab, war die Einsicht, daß er wohl besser täte, die Wittfrau und die Näherin andern zu überlassen. Zum Zweiten entstand in seinem Herzen eine große Liebe zu der Eve. Und zum Dritten wuchs in seinen Gedanken der zusammengeschrupfte Höcker auf seinen Schultern kräftig weiter und war bald über die Kirchturmhöhe hinaus. Ganz im Gegenteil dazu wurde sein Mut kleiner und kleiner, und damit verschwand wieder alle Aussicht, vom Heiligen Christophorus las= und an ein Weib zu kommen; denn ehe er es der Eve gesagt hätte, eher wurde sein Rücken über Nacht gerade wie ein Wachslicht, Ueber all diesem war es wieder österlich geworden, und der Müller mußte sich um seine sieben Ellen bemühen. Nun hatte ihn die Liebe nicht gerade eifriger im Dienste des Heiligen gemacht, und zudem waren gerade dieses Jahr die Silbertaler für das Linnen bei ihm spärlicher als je vorhanden. Schon das letzte Mal hatte es nicht für die alte Güte gereicht, und er mußte ein schlechteres erhandeln. Als er sich aber jetzt ans Zählen gab, erwies es sich, daß es auch für das dünnste Leinengespinst nicht reichte, es mußte schon ein Nesselstoff sein. Darüber bekam der Kaspar Kord keine sonderlichen Gewissensbisse, denn er sagte sich, es biete sich ihm jetzt vielleicht die Möglichkeit, auf natürliche Weise von der Lieferung befreit zu werden, indem er durch schlechte Bedienung bewirke, daß der steinerne Mann seiner überdrüssig wurde und selbst für Ablösung sorgte. Er erstand also den durchsichtigsten Nessel, obschon es für einen besseren gelangt hätte, und brachte ihn dem Heiligen. Begierlich, was werden möge, drückte er sich am Östermorgen hinter den Pfeiler auf die Kniebank und sah mit Herzklopfen zu dem Gewaltigen auf. Der aber stand in feierlicher Würde dort; es war ihm nichts anzumerken, und seine Augen schauten in der alten Fröhlichkeit hernieder auf Gerechte und Sünder. Von diesem Ausgang war nun der Kaspar Kord zunächst wenig befriedigt; dann aber folgerte er daraus, er müsse wohl oder übel das nächste Jahr deutlicher werden. Vorläufig aber setzte er seine Besuche in dem Küsterhause fort und schleppte alles, was der Kranken nur halbwegs zuträglich und von ihm ohne Rauben und Plündern zu erreichen war, herbei. Diese Beschäftigung und die Nähe der schönen Eve waren nun nicht gerade geeigner, seine Liebe zu ertöten Im Gegenteil, sie wurde von Tag zu Tag größer! Mit ihr wuchs aber auch der unglückselige Höcker, und gerade als die Küstersfrau wieder zurecht und außer Gefahr war, hatte der Höcker die Höhe des Babylonischen Turmes erreicht, die Liebe aber ging noch darüber hinaus. Da faßte sich der Kaspar Kord ein Herz, und von der Stunde an— mied er das Haus seines Glückes und Schmerzes wie der Dieb den Galgen. Es zeigte sich aber bald, daß diese gänzlich unerwartetWendung der Dinge nicht bloß auf den Meister Körber und sein Weib, sondern auch auf die Eve von Einfluß war, und gerade auf sie. Zunächst befiel sie eine große Einsamkeit unter den Alten, dann kam ihr die Erkenntnis, daß der Kaspar Kord eigentlich der beste Kerl der Welt sei; darauf erging sie sich in Betrachtungen über Einäugige, Stelzbeine und bucklige Mannsbilder; endlich stellte sie fest, daß solcherlei Gebrestige ein gutes Weib nötig hätten, ja gerabe vom lieben Gott zugewiesen verdienten. Damit befand sie sich im geraden Gegensatze zu den ehelichen Ansichten des Untersten Kaspars, und auch sonst war dieser Weg gefährlich; denn als sie sich richtig bedachte, wußte sie denn, daß sie den Kaspar Kord gründlich liebte. Diese Einsicht schreckte sie indessen durchaus nicht, vielmehr erkannte sie, wenn es schon so sei, daß dann auch etwas in der Sache geschehen müsse, zumal ihr auch mittlerweile klar geworden war, warum der Müller sich nicht mehr blicken ließ. Es war aber keineswegs leicht, in den Gang der Dinge einzugreifen, insonderheit nicht, weil der Hauptbeteiligte sich völlig abseits hielt und sich hinter seinem Höcker versteckte. Obschon sie es an Klugheit nicht fehlen ließ, sah sie doch bald ein, daß sie ihm mit ihren menschlichen Kräften nicht beikommen konnte. Nun hatte sie als Nachbarkind von Jugend an ein gutes Verhältnis zu dem heiligen Pfeilermann gehabt: auf ihn nun, der gleichfalls durch ein längeres Verweilen des Kasparleins in der Zunft der Junggesellen arg beschädigt würde, setzte sie ihre letzte Hoffnung. Sie hatte manche Abendstunde vor seinem Bilde zu tun, und von diesen heiligen Verhandlungen kehrte sie allemal heim mit einem heimlichen Schalk in den Augen. Auch dem Kasparlein war bei allem der Schalk noch nicht völlig abhanden gekommen. Abhanden gekommen war ihm vorerst nur sein Esel. Er hatte ihn nämlich verkaufen müssen, weil seine unglückliche Liebe ihn immer länger auf der Türe verharren ließ. Unter diesen Umständen war sein Geldsäckel nicht gerade straffer geworden, daher erwies es sich dieses Jahr als gänzlich ausgeschlossen, dem Heiligen am Pfeiler den Pflichtkittel zu liefern; selbst für das allerschlechteste aus Nesselfasern hätte es diesmal nicht gereicht. Darüber verspürtder Untersten Kaspar abermals keinerlei Gewissensbisse Im Gegenteil, nun schien es ihm an der Zeit, zu seiner Erlösung das Letzte zu wagen. zu seiner endgültigen Es war dies aber nichts anderes als ahan alter leinener Müllerkittel, der einmal won Nat egeigene wesen, durch die Jahre dann grün. letthin nam a 9 meiß gemorden mar und 2 letzthin vom deln vor dis Fiber. unchte gute Reise und empfahl sick: Abschiedege benfmune Sankt Christophorus ihm nun seine Raifanindessen noch jemand anders an diesem Abenog seine Reisewünsche zu überbringen, und das war die Eve. Ell der Mummershuder Chronik steht es leider nicht be — richtet, unter welchen Umständen der steinerne Mann in den Kittel geschlüpft ist; es wird nur in Kürze erwähnt, daß er tatsächlich als Müller gekleidet seinen heiligen Lauf angetreten habe. Alle Vermutungen über besondere Abenteuer auf dieser Reise entbehren daher auch jeglichen Beweises; man tut gut, sie in seinen Gedanken wie alle übrigen verlaufen zu lassen; danach hatte der Heilige auf seiner Hinfahrt die Glockenschlegel säuberlich gebunden, daß kein Laut erklinge, während er durch Dörfer und Städte, durch Felder und Wälder und über die Berge trabte. Auch auf der Rückreise blieben sie vorerst stumm; wenn er aber auf dem Kamm der Alpen stand und vor sich das deutsche Land wie einen Gottesacker liegen sah, da löste er die Schlegel, und nun klangen die Glocken dem lieben Land den ersten Frühlingsgruß. Fortan schwiegen sie nicht mehr den ganzen Weg; es schmolz aber unter ihren geweihten Lauten der Schnee an Bergen und Hängen, es trieb die junge Saat in den Aeckern, in den Rebstöcken stieg der Saft, an Bäumen und Sträuchern, quollen die Knospen. Also schritt der heilige Träger segenspendend durch die Östernacht seinem Kirchlein zu. Als das Glockenspiel an der Mühle in der hellen Aar vorbeihuschte, erwachte gerade der Kaspar von einem glücklichen Traum. Es war ihm nämlich gewesen, als hielte ihn die schöne Eve in seinen Arm; dabei verschloß sie mit ihrer Linken beide Augen, mit der Rechten aber fuhr sie über seinen Höcker, der aber schrumpfte unter der Liebkosung zusammen und wurde klein wie eine Daumenwarze. Es dauerte eine ganze Weile, bis der Kaspar zu sich kam, und erst als er die Weste überknöpfte, wußte er, daß alles nur Traum gewesen war; gleichzeitig fiel ihm ein, was heute für ein Tag war. Da machte er sich schleunigst auf den Weg zur Messe. Er zitterte doch mächtig, wie er an seinen Streich dachte und was daraus werden möchte. Als er kaum die Hand ins Weihwasser getunkt hatte, hörte er in dem Kirchlein ein sonderliches Husten und Schlucken, ein mühsam unterdrücktes Lächeln und Kichern. Da er nun im kühnen Satze hinter seinen gewohnten Pfeiler schießen wollte und die Leute seiner ansichtig wurden, nahm die unheilige Bewegung zu, und jetzt war es ein lautes Gerede und Gelächter. Da überkam den Kaspar Kord eine böse Ahnung, die dann bestätigt wurde, als er seine Blicke erhob. Da stand, der Heilige groß und gewaltig an seinem alten Pfeilerplatz; er hatte aber nicht nach seiner Gewohnheit den Kittel zum Dorfeingang an die Armen verteilt, sondern trug die Zierde des Untersten Müllers noch an seinem Leibe, als sei er nicht eben von der Glockentracht heimgekehrt, sondern wolle sie gerade jetzt antreten. In dem Kittel des Kaspar Kord stand der Heilige auf dem Postament in der Kirche. Es war schon der rechte— wie männiglich an Farbe und Mehlstaub und an den aufgelegten Notpflastern sehen konnte. Er war es schon, wenngleich auch etliche Nähte gerissen waren und er kaum halbwegs das rechte Maß für die gewaltige Leibeslänge seines augenblicklichen Trägers hatte. Zudem verriet der geweitete Rücken allzu deutlich, daß sich allhier des Kaspar Kords Höcker in seiner ganzen Stattlichkeit gewölbt hatte. Groß und feierlich stand der Heilige in dem zerrissenen Erdenkleide. Der Kaspar Kord hätte nun alles andere erwartet, als daß ihre rein persönlichen Angelegenheiten auf diese Höhe gehoben und der Allgemeinheit von Rummershude zugänglich gemacht wären. Nun es aber geschehen, glaubte er, zu dieser Wendung der Dinge ein möglichst unschuldiges Gesicht machen zu müssen, obschon er im Herzen ganz anders aufgelegt war, weil es ihm zu seinem Schmerze gewiß schien, daß er auch diesmal noch nicht von seiner Pflicht loskäme. Es verwies sich aber, daß solches Gebahren nicht wohlgetan war; denn wie der Heilige sein harmloses Lächaln merkte, geriet er in eine große Unruhe hinein, so daß zu befürchten war, er möge von seinem Postament steigen. Es geschah indessen doch nicht, denn gerade setzte die Orgel ein mit mächtigem jubelndem Österalleluja. Da hielt Sankt Christophorus augenblicklich still und stand wie umgewandelt. Die frommen Klänge gemahnten ihn nämlich an die andere Welt, der er doch eigentlich angehörte und aus der er nur für ein paar Erdentage beurlaubt war. Zu lange schon verweilte er mit seinen Sinnen bei weltlichen Dingen— darum hub er schleunigst an, den Kittel zu lösen, um sein urdisches Gewand fallen zu lassen vor der himmlischen Gesinnung, die jäh wieder über ihn kam. Nun aber zeigte es sich, daß selbst ein alter Kittel, der von einer Glockenfahrt von Rom heimkommt, großes Begehren nach seinem rechtmäßigen Herrn haben kann. Wie nämlich der heilige Pfeilermann mit dem Fuß den letzten Rest seiner Erdenlust von sich schüttelte, fand sie sich zu ihrem Ausgang zurück, insofern, als die blauleinene Manneszier, gerade über dem Haupte des Kaspar Kord sich niederließ, dann aber mit ausgebreiteten Armen dem Müller lieblich an die Brust sank und also ihre Zugehörigkeit zu ihm allen vernehmbar bewies. Ob solcher Trefflichkeit gerieten die andächtigen Rummershuder völlig aus dem Singetert und lachten noch mehr als vorhin in ihre Gesangbücher hinein. Der Kaspar Kord aber lachte vorerst noch nicht, sondern strebte nach dem, was in seiner augenblicklichen Lage das Natürliche war: nach dem Kopfloch und den Aermellöchern seines anhänglichen Gewandes. Es gelang ihm indessen in der Aufregung nur, die untere Oeffnung zu fassen, in die er dann auch glücklich seine ganze Gestalt, den Höcker einbegriffen, hineinbeförderte. Nun es aber galt, die rechten Auswege zu finden, ergaben sich Schwierigkeiten insofern, als der Kopf in rechter Eigenwilligkeit immer zum Aermelloch hinausflüchten, der Höcker durch die untere Oeffnung an den Tag wollte und die Hände zum Kopfende oder zu den vielen Seitennähten fröhlich in das Leere griffen. In solcher Abwechslung ging es eine lustige Weile: mit Kopf und Händen und Höcker arbeitete sich der Kaspar Kord unter seinem Kittel ab wie die Katze im Sack. Bei dieser Beschäft,gung wurde ihm immer bedenklicher zumute, so daß er sich endlich allen Ernstes bemühte, alle die ringenden Elemente seines armen, gequälten Leibes auf dem gleichen Wege und gemeinsam zum Kopfloch hinaus an die Luft zu bringen. In diesem Bestreben verzichtete er bald auf alle Aehnlichkeit mit einem frommen Beter, der an der Östermesse teilnehmen will, sondern bildete ein Wesen für sich, das unten in langen Schlackerbeinen aus dem Kittel ragte, nach oben hin aber unter dem blauen Verdeck einen heftigen Krieg mit einem unsichtbaren Gegner zu kämpfen schien. Was dem unglücklichen Kaspar Kord aus der hellen Aar die dreizehn Jahre alle Morgen mit seinem Kittel ohne Schwierigkeiten gelungen war, in dieser Stunde und im Angesichte der ganzen Kirchengemeinde von Rummershude glückte es ihm nicht; er kam nicht hinein. Wer ihm endlich bei diesen nicht gerade sehr kirchlichen Uebungen zu Hilfe kam, das war seine Freundschaft, nämlich der Meister Küster und Körber, der es von Amts wegen als seine Pflicht ansah, dem zappelnden Müller des Aergermisses wegen beizuspringen. Er bemühte sich nun zunächst, dem Kopfe des Armen zum rechten Ausgange zu verhelfen, indem er ihm von den Ohren aus Führerdienste tat. Es erchtes sich indessen bald, daß der Schaden, der dadurch entstand, als der Nutzen; denn der Müller hub unter seinem Eeinernen plötzlich zu beißen und zu kratzen an, welche Arbeit Ausdrücken begleitete, daß er nunmehr entfernt werdegernisses wegen aus der frommen Kirche Vater Küster zustel. Aufgabe, die wiederum dem Hatte er— eben der Küster und Körher— seinem Freunde trotz seines ernsthaften Strebens nur schlechte Dienste geleistet, so machte die Eve das väterliche Ungeschick vor der Kirchentür draußen reichlich wieder gut. Dahin war sie nämlich vor Schrecken und Mitleid dem beklagenswerten Kaspar Kord von ihrer letzten Bank aus vorausgeeilt, was ihr rasch von statten ging, da zu dem Mitleid auch der Zorn über die Spottenden und die Liebe zu dem Verspotteteten ihre Füße trieben. Nun erst recht, gegen ganz Rummershude und gar gegen den heiligen Christophorus an, wollte sie zeigen, wie solch einem armen, hilflosen Mannsbilde, wie der Kaspar Kord es doch nun einmal war, zu helfen sei. Indessen, sie hatte es doch nicht gedacht, daß ein praftisches Eingreifen ihrerseits gar nicht mehr von nöten war; erst recht aber hatte sie nicht gedacht, daß der Kittelmüller stracks in ihre Arme fliegen würde. Wenngleich die noch immer verhängten Augen dem Untersten Kaspar diesen Mut zu dem glücklichen Sprung verliehen— es schien ihnen beiden nicht übel zu bekommen. Der Müller wenigstens verharrte mäuschenstill eine gute Weile und verschnaufte von der großen Anstrengung. Die Eve aber hub darauf an, mit sanfter Liebe den Dienst zu tun, der ihm selber und gleicherweise dem Vater nicht gelingen wollte; sie verhalf Kopf Händen und Höcker zu ihrem Recht und wies den Abgehetzten die rechte Stelle ihrer Freiheit an. Und nun zeigte es sich, daß bei diesem Werk des Müllers Ohren nicht gerade unbedingt in Mitleidenschaft gezogen werden brauchten, sondern daß ein gutes Wort an der rechten Stelle auch zu nutzen vermag. Das Wort aber, das sie recht aus der tiefsten Seele heraufholte, war dieses: O du armes Kasparlein! Da fing es in dessen Herzen weit unter dem Höcker heimlich zu singen und zu klingen an. Er sagte aber noch immer kein Wort, sondern hielt beide Augen geschlossen, obschon sie längst aus dem Dunkel befreit waren. Dann machte er vorsichtig das linke auf, um zu sehen, ob es sich in seinem Glück nicht täusche, und ob es am Ende nicht doch noch die rote Wittfrau wäre. Darauf machte er es mit dem rechten genau so; denn er fürchtete, die Weißnäherin über sich zu erblicken. Dann aber öffnete er sie beide auf einmal— und dann war es dann richtig die Eve. Hierauf sang der Kaspar Kord im Innersten dreimal mit heller Stimme: Gloria, Gloria, Gloria!— trotzdem sie in der Kirche längst darüber hinaus und schon am Credo waren. Die ausgefallene Predigt aber hielt die Eve. Es war indes keine im gemeinen Sinne, sondern sie lief mehr auf ein reuiges Bekennen hinaus, als sie dem glücklich Horchenden schämig ins Ohr gestand, daß sie es gar nicht so abgemacht hätten, der Heilige und sie— solche Qual hätte ihm nicht bereitet werden sollen— es sei ihnen wirklich nicht ernst gewesen, nur ein klein wenig Mut hätten sie beide ihm machen wollen, denn das Kasparlein sei auch gar so töricht gewesen, wo sie es doch schon längst gewußt hatte, wie es mit ihm war; und das alles wegen dieses harmlosen, kleinen Höckerleins,— nein, darum könne sie ihm schon— habe sie ihn schon— lange, lange,—— Weiter kam die Eve indessen mit ihrer Predigt nicht; denn der Kaspar Kord setzte das Amen hierunter. Und zwar drückte er es mit einer Kunstfertigkeit, die bei seiner bisherigen Unkenntnis im Gebrauch dieses roten Siegels verwunderlich war, immer wieder auf dem weichen Grunde ab. Nach Erledigung dieses nötigen Geschäftes aber hielten sie es doch für ihre Christenpflicht, nun aber doch wenigstens den Schluß der Östermesse zu hören. Sie schritten also Hand in Hand durch das verwunderte Volk, das abermals eine kleine Störung erfuhr, und knieten wie glückliche Kinder auf der Bank am Pfeiler ihres Heiligen nieder. Der aber reckte sich wieder in feierlicher, erdentrückter Würde, nur in seinen Augen schien ein Lächeln zu stehen, daß es so vieler Mühen bedurfte, um das Anrecht auf seinen Kittel zu wahren, den Kaspar Kord zur Vernunft zu verbringen und der Eve zu ihrem Glück zu verhelfen. Von jetzt ab aber war er seines schwierigsten Lieferanten los und nunmehr fand er wieder willfährige Geber unter der läblichen Gilde der ledigen Leute von Rummershude. Alle Jahre brachten und bringen sie ihrem heiligen Pfeilermann die sieben Ellen säuberlichen Linnens für seine fromme Fahrt bis auf diesen Tag... Bis auf diesen Tag schreitet er zur Frühlingszeit Jahr um Jahr segnend durch das deutsche Land, der liebe heilige Riese, und läutet seinen Weihespruch aus über Erde und Gras, Kraut und Baum, Mensch und Tier und jederlei Kreatur. Fürwahr, bis auf diesen Tag! Wer ihn indessen zu sehen begehrt auf seiner wunderreichen Heimfahrt, der mag sich mühen, mit dem Herzen zu schauen, auf die Augen ist da kein Verlaß. Wem solches hingegen nicht gegeben ist, der wird sich begnügen müssen, ihn in seiner steinernen Rast zu sehen am Pfeiler von Rummershude etwa oder anderswo in Domen und Kirchen weitum im Lande... Annette v Dreste=Hülshoff und das Sauerland. Schön, wie der Alpengipfel glüht, Ein Gottesfinger allen, Tief, wie die Sternennacht erblüht In funkelnden Krystallen, Ein ew'ges Licht, dem Herrn geweiht Im stillen Heiligtume: So wirst du leuchten durch die Zeit— Westfalens Wunderblume. (Jos. Wormstall.) Bahnbrechende, neuschöpferische Geister hat die rote Erde wohl mur wenige hervorgebracht, weder die stillen, versonnenen Söhne des münsterischen Flachlandes noch das flinkere Völkchen der Berge, die frischen, fröhlichen Leute von der Ruhr und Weser machen darauf Anspruch. Nur die eine, Annette v. Droste=Hülshoff, ihres träumenden, ernsten Volkes echte Tochter, ragt wie ein einsamer Gipfel empor, freilich nicht nur über ihr westfälisches Heimatland. Darum haben wir ein besonderes Recht, dieser Dichterin heute zu gedenken, und was liegt da näher, als daß wir sie zu unserer engern Heimat, unsern sauerländischen Bergen, in Beziehung setzen! Ueber die Lyrik der Droste ist schon so oft und so viel geschrieben worden, daß man, wollte man darüber sprechen, nur längst Gesagtes wiederholen könnte, aber ihre Prosaschriften sind weit weniger beachtet worden. Und diese kommen für uns in Frage, wenn wir der Dichterin Urteil über das Sauerland kennen lernen wollen. Zunächst plante Annette in einem bequemen Rahmen eine umfassende Schilderung von Land und Leuten ihrer ganzen westfälischen Heimat„Das Buch wird drei Abteilungen enthalten, und den verbindenden Faden gibt der Aufenthalt eines Edelmanns aus der Lausitz bei einem Lehnsvetter im Münsterlande(erste und stärkte Abteilung), der dann mit dieser Familie ihre Verwandten im Paderbornischen besucht(2. Abteilung) und durchs Sauerland zurückkehrt, wo sie auch einige Zeit bei Verwandten und Freunden verweilen(dritte und kleinste Abteilung). Dies sind die drei hervorstechendsten Provinzen Westfalens und uudem die einzigen, wie ich hinlänglich eingebürgert bin, um festen Grund unter mir zu fühlen. Es werden alle normalen Charaktere, Sitten und Institute, so z. B. Damenstifte, Klöster, Sagen und Aberglauben dieser Gegenden darin vorkommen, teils geradezu in Szene gebracht, teils in den häufig eingestreuten Erzählungen."— Leider ist dieses Werk Fragment geblieben, nur die Einleitung liegt vollendet vor.— Einen nur unzureichenden Ersatz für das uns Vorenthaltene bieten Annettes Beiträge zu dem von Ferd. Freiligrath und L. Schücking herausgegebenen„Malerischen und romantischen Westfalen“ und die 1842 entstandenen„Bilder aus Westfalen“, aber auch hier findet das Sauerland Berücksichtigung. Den Anteil der Droste am„Malerischen und romantischen Westfalen“ hat Ed. Arens nachgewiesen und zu einem Bändchen zusammengestellt(A. v. Droste=Hülshoff, Westfäl. Skizzen und Landschaften; Münster 1912). Aus der Schilderung des Sauerlandes rühren danach von der Dichterin her die Abschnitte:„Büren“,„Almetal, Brilon, Antfeld",„Ruhrtal „Bruchhäuser Steine“,„Pleisterlegge, Wasserfall“,„Meschede", „Arnsberg“,„Fröndenberg, Hönnetal, Klusenstein,„Felsenmeer“ und„Schwarzenberg". Wann die Dichte: das Sauerland kennen lernte, wissen wir nicht genau. Im September und Oktober 1824 weilte Annette mit ihrem Bruder Werner über vier Wochen im Sauerlande,„wohl bei den Verwandten v. Wendt=Papenhausen". Ob sie nach 1825 nochmals dort war? Auf einen Aufenthalt in Arnsberg, 1817 oder 1833, könnte vielleicht hindeuten, daß sie den Besuch des Königs in dieser Stadt erwähnt. Das stimmt nun allerdings nicht ganz, da Arnsberg in dieser Zeit keinen Königsbesuch hatte, sondern Friedrich Wilhelm IV. besuchte 1817 und 1833 als Kronprinz die Stadt (Feaux de Bacroix, GGesch. Arnsbergs, S. 541, 54*, 547).— Büren und das Almetal konnte Annette leicht von Erpernburg, dem Wohnsitz des Frhrn. v. Brenken, erreichen; hier weilte sie mehrfach, auch noch nach 1841. Sehen wir nun zu, was die Droste vom Sauerlande berichtet! Einen gewaltigen Eindruck machten auf sie, das Kind des Flachlandes,„die dem Hochgebirge nahestehenden Bergkegel', die„von der Ruhr aus in immer kühneren Gebirgsformen in das Herz des Sauerlandes dringen und sich durch die höchste romantische Wildheit bis zur Oede steigern“; besonders hebt sie das„Felsenmeer“ hervor,„ein Tal, wo Riesen mit wüsten Felswürfeln gespielt zu haben scheinen.“ Ein prächtiges Bild entwirft Annette von der sauerländischen Landschaft in den„Bildern aus Westfalen“:„mit Felsblöcken halb verrammelte Schluchten“,„Wände, deren Unersteiglichkeit wir mit schwindelndem Auge messen und aus denen sich kolossale Balkone strecken“,„in den Talschlünden das Getöse der niederrauschenden und brodelnden Quellen, fast betäubend“. „Ueberall starren uns die schwarzen Eingänge der Stollen, Spalten und Stalaktitenhöhlen entgegen, deren Senkungen noch z. Z. nicht ergründet sind, und an die sich Sagen von Wegelagerern, Berggeistern und verhungerten Verirrten knüpfen. Das Ganze steht den wildesten Gegenden des Schwarzwalds nicht nach.“„Die Landschaft nimmt immer an Wildheit zu, zuletzt Klippen bietend— auf denen man schon verirrte Ziegen hat tagelang umherschwanken sehen— bis Zackenform der Berge allmählich kahlen Kegeln weicht, hohen Mai Schneeflecke lagern, der Baumwuchs fast ganzlich eingeht und endlich bei„Winterberg“ Bild trostloser Oede beut,— kahle Zuckerhutformen, an denen hier und dort ein Fleckchen magerer Hafersaat mehr gilbt als grünt."— Auch über die Bewohner des Landes spricht sich die Droste aus.„Der Sauerländer bildet den Uebergang vom friedlichen Heidebewohner zum wilden, fast südlich durchglühten Insassen des Teutoburger Waldes.“ Nach Annettes Ansicht tritt der Typus des Bergbewohners am„verhältnismäßig in einem zahmen Lande aufgenährten Paderborner" stärker hervor als am Sauerländer, der durch seine Umgebung weit mehr dazu berechtigt wäre. Und den Grund dafür erblickt die Dichterin„in den Handelsverhältnissen des letzteren, die seine Heimat dem Fremden öffnen und ihn selbst der Fremde zutreiben, wo unter kaufmännischer Kultur die Sitten, durch auswärtige Heiraten das Blut seines Stammes sich täglich mehr verdünnen.“ Dem Sauerländer wird ja vielfach ein reger Handelsgeist nachgesagt, und eine alte Sage berichtet sogar, daß Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas dort schon einen mit Sensen handelnden Winterberger angetroffen habe! — Trotzdem erkennt Annette aber„die Kraft einer Ader“ an,„die, von so vielen Qellen verwässert, doch noch durchgangig einen scharfen festen Strich zeichnet.“ Dann entwirft sie von den Bewohnern unserer Berge folgendes Bild: „Der Sauerländer ist ungemein groß und wohlgebaut, vielleicht der größte Menschenschlag in Deutschland, aber von wenig geschmeidigen Formen, kolossale Körperkraft ist bei ihm gewöhnlicher als Behendigkeit anzutreffen. Seine Züge, obwohl etwas breit und verflacht, sind sehr angenehm, und bei vorherricheno lichtbraunem oder blondem Haare haben doch seine langbewimperten blauen Augen alle den Glanz und den dunkeln Blick der schwarzen. Seine Physiognomie ist kühn und offen, sein Anstand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten als irgend einen seiner Mitwestfalen; dennoch ist nicht leicht ein Sauerländer ohne einen starken Zusatz von Schlauheit, Verschlossenheit und praktischer Verstandesschärfe, und selbst der sonst Beschränkteste unter ihnen wird gegen den gescheitesten Münsterländer fast immer praktisch im Vorteil stehen.“ Daneben hebt die Dichterin aber auch Lichtseiten hervor:„Er in mutig, besonnen, von scharfem, aber kühlem Verstande; oowohl im allg meinen berechnend, doch aus Ehrgefühl bedeutender Aufopferung fähig; und selbst der Geringste besitzt einen Anflug ritterlicher Galanterie und einen naiven Humor de. sein. Unterhaltung äußerst angenehm für denjenigen macht, dessen Ohren nicht allzu zart sind."— Angenehm ist jecht alles, was Annette von DrosteHülshoff vom Sauerland und seinen Bewohnern sagt. Aber sollen wir darum grollen? Gewiß nicht, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die Leute an der Weser und im Sauerlande schlecht wegkommen. Als die„Bilder aus Westfalen“ 1845 gegenüber den regelmäßigen Münsterländern bei ihr allzu anonym in den„Historisch=politischen Blättern“ erschienen, riefen sie die Entrüstung von Adel und Geistlichkeit in Westfalen hervor, und Annette, deren Autorschaft niemand ahnte, mußte manches bittere Wort gegen den Anonymus hören; eine Erwiderung in derselben Zeitschrift zjeh sie sogar geradezu volksfeindlicher Tendenzen.— Manches von dem, was sie geschrieben, mag nicht zutreffen, aber umso besser ist auch wieder mancher andere Zug beobachtet, und hätte die Droste das geplante Werk„Bei uns zu Lande auf dem Lande“ vollendet, so hätte sie vielleicht auch manches Urteil noch in gebracht. Allgemeine Urteile über die geistige Verfassung eines ganzen Volkes oder auch nur eines NolfeSre ach Unsainden und Schicalen und aench nad eren die hönnewüste. dem erstMelte sich eine aus den Jahren nach schriftderWaltirres Gedenkplatte, deren Inmt damals lebende Dichter Castelle verfaßt hat. Sie Gegend, die a..„Zeitz da man mit der Verwüstung der beenn Die eute"Die Hönnewüste" heißt, in vollem Maße Suerrn. Die Platte ist ein paar Jahre an einem Felsen des Trat Hönnetales angebracht gewesen und gibt uns den daß man sich in jener verruchten Zeit des Materialismus, da man mehr an den Dollar als an den Herrgott dachte, wenigstens hie und da bei unseren Vorfahren gegen die Verwüstung der Gegend gesträubt hat. Es dürfte schon nicht mehr allgemein bekannt sein, daß dieser öde, verlassene Landstrich bis dahin eine der schönsten deutschen Landschaftsperlen war.Der Name der unfruchtbaren Steinwüste erinnert noch daran, daß hier einst ein munteres Flüßchen, die Hönne, durch ein wildromantisches Felsental floß, in dem mehrere Höhlen vielbesuchte Sehenswürdigkeiten bildeten. Fast drängt sich ein Fluch für jenes Geschlecht auf unsere Lippen, das nichts gefragt hat nach seinen Nachfahren, das seine Heimat verschacherte für eine Hand voll Papier. Weder Privatleute noch Gemeinden haben ihren Besitz geschont. Die damalige wirtschaftliche Not mindert zwar die Schuld in etwa, entschuldigt das fluhwürdige Unternehmen aber keineswegs. Alle Arbeit der Heimatfreunde, des Westfälischen und Sauerländer Heimatbundes und des Sauerländischen Gebirgsvereins war auf die Dauer umsonst. Immerhin minZorn auf jene Generatiot). rer Erfolglosigkeit unseren des Ponnelales a ln dent. Nr. Sasinde für die Erhaltung stellenweise einen#s destrebt war. Es gelang damals zwar, doch er hielt den malssen.9en Rand des Tales zu erhalten, ein paar Jahrenden Untergang des Tales nur für aus und wurde de derrre nach Abbruch des Hinterlandes des Hönnetales it ebenfalls abgebrochen. Der Untergang der damalge Zernas Konto des unseligen Unverstandes über den Sn ewohner zu setzen, die ihre Blindheit gegendenattsestrebungen selbst auf der eingangs genannten zu müssen, durch frevle Steinwürfe glaubten dokumentieren so ähnlich wird man nach ein paar Menschenaltern wohl irgendwo lesen können, wenn es an der Hönne wie heute. Ihr Hönnetaler, wacht auf! Begreift Hlab. An dem, um das Ihr Eure Heimat verkauft, klebt der Fluch Eurer Nachfahren. „Corr. d. Sauerl. Heimatbundes“. aus„Trutznachtigall“ IV 4.