Nr. 6. Samstag, den 12. Mai 1923. 1. er vom Kahlen Asenberg Monatsbeilage zur Sauerländer Zeitung. Druck und Verlag von Hans Albrecht, Brilon. Vom Wandern. „O Lust, vom Berg zu schauen Weit über Wald und Strom; Hoch über sich den blauen Tiefklaren Himmelsdom! Immer mehr ist die Jugend durch ihre Berufsarbeit gezwungen, sich in dumpfen Stuben, in licht= und luftarmen Häusern aufzuhalten. Deshalb hinaus ins Freie, wenn es eben geht! Wandern! Durch Wandern wird man bewandert.„Was ich nicht erlernt habe“, sagte Turnvater Jahn vor 100 Jahren schon, „das habe ich erwandert“. Aber wandern, Freund! Nicht rennen und Kilometer fressen!n Das rechte Wandern bedeutet keine große KraftanstrenAung. Es kommt nicht darauf an, daß du weit wanderst, rn darauf, daß du dich rechts und links umschaust und an Geist und Körper erfrischt werdest. Schon das Schauen in die grune Weite ist eine Wohltat für angestrengte Augen. Die Ruhe und Erhabenheit der Natur bleibt selbst bei kürzeren Wanderungen nicht ohne Einfluß auf die Nerven. Treibe beim Wandern Heimatkunde! Burgen, Ruinen, Kirchen, Klöster magst du besuchen. Forschen nach Valksliedern, Sagen, Märchen, Sprüchen und Gebräuchen, das wird deinen geistigen Gesichtskreis angenehm erweitern. Du magst auch zeichnen und photographieren. Abkochen draußen ist ein Hauptspaß. Aber nach festem Plan wandern. Nicht ins Blaue. Du mußt dir ein bestimmtes Ziel setzen. Nicht Sonntags nachmittags sich einfach auf den Bummel begeben und den Plan zehnmal ändern. Sondern diesen Gang wollen wir machen, dieses Bachtal entlang, diese Anhöhe hinauf und dann auf bestimmten Wegen wieder heim. Auch Halbtagswanderungen, sogar Wanderungen von zwei Stunden, haben ihre wohltätige Wirkung. Selbst wenn du den Wald oder die Landschaft schon tausendmal gesehen hast, sie werden immer ihre Reize haben. Am taufrischen Morgen werden sie dich anders anmuten als beim sinkenden Abendbrod. Anders werden sie sein im frischen Maiengrün, anders in Rauhreif und tiefem Schnee. Nicht nur der helle Sommertag ist ein Wandertag, sondern auch der graue Herbstnachmittag und ein Tag mit Sturm We ein echter Wanderer geworden ist, ein Freund und Sucher der Natur, den werden lärmende und künstliche Freuden nicht befriedigen können. Der holt sich Anregung und Schwung für seine Seele auf einem Gang durch blühende Wiesen oder durch den verschneiten Wald. Dem wird das Herz weit beim Schauen all der Schönheit und bei dem Gedanken an den Schöpfer all dieser Herrlichkeit. Noch eins: Nimm die Gitarre oder Mandoline mit, wenn du eine hast. Betrachte aber das Wandern nicht als Fastnachtsspaß. Kleide dich vernünftig. Wähle als Wanderanzug einfache, brauchbare, aber kleidsame Sachen. us dem Wanderstab für Knaben„Da stehst du nun“. Butzon und Bercker, Kevelaer.) Wann soll die Frau heiraten? Der kürzlich erschienenen Schrift„Mit 20 Jahren heiraten" von Dr. E. W. Maybach(Zeitspiegelverlag Oskar Zillig, Berlin) entnehmen wir folgenden interessanten AbIst das junge Mädchen mit seinen häuslichen Fähigkeiten zur Ehe gerünt? Schon die äußere Kenntnis von den Geheimnissen der Kuche wird bestenfalls auf theoretische Schulung beschränkt sein. In ver Regel wird ein zwanzigjähriges Mädchen weder einen Kalbsbraten zubereiten, noch eine Mastgans kunstgerecht ausnehmen können. Ein Apfelkuchen mit aufgegossener Sahne ist ihr eine ebenso wesensfremde Angelegenheit, wie eine delikat abgeschmeckte Tomatensuppe. Vermag ein achtzehnjähriges Mädchen die nötige Gemütsruhe die zerrissenen Strümpfe des Ehegemahls Zu sopfen. Wird sie nicht vor der Österreinigung der Wohn zittern wie vor dem Tag des jüngsten Gerichts! dae micte nerelen, daß bei dem Mädchen, das lichen Hauses die souveräne halts wird. Alles Herrschen en eines eige n Haus innerer Festigkeit und Entwilong sohztgeinen gewissen Grad Also ist die Ehe mit 20 Jahrenorausas iunge Asdchen auf alle Fälle verfrüht? Die Ausnahmer i. Oft verlangt der Mann ja gar nicht hausfrauliche 8 Von jeher hat es Männer gegeben, die in lichkeit gerne alles drunter und drüber gehen sehen nur ihre junge Frau abends in Gesellschaft als blendende Erscheinung der allgemeineus iugendfrische ist. Oder der Mann bringt in die ewunderung eine alte Haushälterin mit; ane oder an gefährdete Hausfrieden m danded von Anveginn se weniger hausfrauliche Kenntnisse und Gepflogenheiten junge Frau mit in das neue Heim bringt.d Darüber hinaus spielt die Individualität des jungen Mädchens eine ausschlaggebende Rolle. Es gibt Mädchen, die, je länger sie in dem wohleingeführten Haushalt der Mutter verbleiben, um so nachhaltiger jeder häuslichen Arbeit entwöhnt werden. Den Tag mit Lektüre und Besuchen, mit Einkäufen zweitwichtiger Natur und allem mögZeitvertreib auszufüllen, wird ihnen zur SelbstverKommen sie erst mit 28 oder 30 Jahren dazu, der Sler: so werden sie sich nie recht in den Wirkungskreis Hausfrau einfinden und leicht zeitlebens jede häusliche Sarisechsen unverhohlenen Gefühlen der Verachtung und atzung begleiten. Anderseits hat es bei all den rdcen die entweder aus rein rechnerischen Gründen oder eshalb, weil sie es nicht zu Hause aushalten, berufstätig „erden, wenig Sinn, ihnen ein spätes Heiraten anzuempfehdie— gibt— so unglaublich es klingt— Stenocypistinnentoften" nicht einmal wissen, zu welchem Zeitpunkt Pellkarm gar sind und die mit einem Staublappen so hilflos aker" Wie es sonst nur ein Mann tun kann. Manche Verwenrest, hat es im Laufe der Jahre gerade gelernt, einen astens einigermaßen trinkbaren Kaffee zuzubereiten. In Eintriet n. Fällen erscheint jedes Jahr gewonnen, um das der oder. in die Ehe früher erfolgt. Junge Mädchen, die nichts gemicht viel von der Haushaltung verstehen, erfahrungspätere noch immer leichter und williger zurecht, als es in Oder 35 Jahren der Fall ist. Die Frau, die erst mit 30 schämt„ahren in Sachen Haushalt Lehrgeld zahlen soll, uneingestandenermaßen vor sich selbst, züchtet sich heran und bleibt so zeitlebens eine perin. Mag sein, daß sie auch zu selbständig ist, nachdem sie vorher im Laden oder im Büro eine führende Rolle gespielt hat, jetzt am Küchenherd, Spülstein oder Nähtisch, wie es ihr vorkommt,„untergeordnete Arbeit“ zu verrichten. Tagebuch eines Steuerpflichtigen. Von Sling. Der erste Gindruck. Ich habe meine Steuererklärungsformulare zum Buchbinder geschickt. Es wird zwar kein sehr dicker Band werden, aber das Format ist nett, und in echtem Pergament mit sparsamer Goldverzierung wird sich die Sache sehr nett machen. Ich schicke nämlich alle Rezensionseremplare von Werken, die ich nicht verstehe, zum Buchbinder. Es ist das Mindeste, „was Autoren von unverstandenen Werken verlangen können; daß man sie einbinden läßt. Mir macht das weiter nichts aus. Ich habe so viele Bücher, die i chnicht verstehe, warum soll ich gerade die Steuererklärung verstehen? Ich komme mir nicht mal besonders dumm vor. Es ist richtig, daß ich seit zwanzig Jahren kein philosophisches Buch gelesen habe. Als ich nämlich merkte, daß die Pr losophen davon leben, Fragen aufzuwarfen, ansat sie zu beantworten, mag ich mit ihnen nichts mehr zu tun haben. Ich gebe zu, daß die Fragen der Philosophen gelegentlich verständlicher sind als die der Steuerbehörde. Und sie werden trotzdem nicht beantwortet. Ich zweifle nicht daran, daß die Steuererklärung ein philosophisches Werk ist. Soll ich es durch meine Antworten entweihen? Bevor ich das Werk zum Buchbinder schickte, habe ich mir eine der kürzesten Bestimmungen notiert: „Sämtliche Fragen sind zu beantworten! Nichtzutreffendes ist zu durchstreichen.“ Also ich muß sämtliche Fragen beantworten; erst wenn ich eine„nichtzutreffende“ Antwort gegeben habe, kann ich diese streichen. Warum muß ich aber erst die nichtzutreffende Antwort geben? Warum, frage ich, werde ich erst etwas Nichtzutreffendes gefragt? Herr, gib mir eine richtige Antwort auf so viel nichtzutreffende Fragen! Und laß mich bis zum 30. April, oder meinetwegen zum 31., eines nicht unnatürlichen Todes verbleichen! Die Wahrheit. Trotz kühler Witterung sah ich einen Herrn kühlen Geistes, den Direktor einer Aktiengesellschaft, am Rande seines nach Norden gelegenen Schreibtisches schwitzen. Er sah auf seine Steuererklärung und sagte: „Jetzt muß ich erst meine Handelsbilanz machen, und es wird sich herausstellen, daß ich soundsoviel Dividenden zahle. Dann werde ich die Bilanz meines Besitzes ziehen, und ich werde sehen, daß ich pleite bin. Dann werde ich mein Einkommen deklarieren, und es wird sich ergeben, daß ich entweder zuviel Dividenden bezahlt habe, oder daß ich nicht pleite bin, oder daß ich im vergangenen Jahre gar nicht gelebt habe.“ Und nach einer Weile sagte er tiefsinnig: „Es ist sehr schwer, auf Seit el eine wahre Antwort zu geben, die nicht durch eine ebenso wahre Antwort auf Seite 4 zu einer Lüge gestempelt würde.“ Eine Kleinigkeit. „Vor Ausfüllung des ersten Teils sind die Bewertungsvorschriften im zweiten Teil genau durchzulesen.“ Schön, denk ich,— gut: les' ich durch. Dann will ich den ersten Teil ausfüllen, da stellt sich heraus, daß ich den zweiten Teil wieder vergessen habe. Gut— denk ich—emal durch. Kann wieder nicht ausfüllen, hav schon d. der vergessen. Jetzt habe ich zum zwanzigsten Male gelesen— und hab keine Ahnung„was. Goethe hat schließlich auch den Ersten Teil nicht erst ausgefüllt, nachdem er den Zweiten Teil genau durchgelesen hatte. Und auch dieses hätte ihm nichts genützt, da er ihn selbst nicht ganz verstand. Und nun ich! Das Grab des Pharas. Professor Steindorff über die Sargkammer des Tutenchamun. Der einzigartige ägyptische Fund der englischen Forscher ist jetzt von dem hervorragenden Leipziger Archäologien Professor Georg Steindorff zugänglich gemacht worden, soweit das ohne persönliche Besichtigung der Originale möglich war. So bieten seine Ausführungen, die er in der Festgabe der Deutschen Literatur=Zeitung zum Orientalistentage veröffentlicht, die erste Darstellung der Funde von gelehrter Seite. Das Hauptverdienst an den Funden gebührt danach englischen Forscher Carter, dem der für ägyptische Fun begeisterte Carl of Carnarvon die nötigen Mittel zur Setsig stellte. Carter hat jahrzehntelang sich bemüht, Wrabstätter Zeurtigen Königsfriedhofe des Neuen Reiches die „abstätten es Tutenchamun und einiger anderer Pharahnen aigen der leblae Erfolg i fidas Ergebris einer plarmahee Grabe Rche unter dem von Touristen, viel deAnternden, dul el, nemnt Steindorf besonders den aus geschnitzten, mit einem dünnen Goldüberzuge und Dowen änton nerzierten Königsthron. Seine Rückenlehne schmückte wundervolles Flachrelief, das den König auf dem Boden hockend zeigt, seine Hand reicht er der Königin neben ihm. darüber versendet die Sonne ihre Strahlen, die in Hände endigen, also der Aton, wie ihn der aus den deutschen Ausgrabungen wohlbekannte Amenophis VI. als einzige Gottheit verehrte. Die Fleischteile des Königspaares sind aus undurchsichtigem roten Glas gearbeitet, das Gewand der Königin aus Silber. Der Thron muß zu einer Zeit hergestelly sein, in der Tutenchamun noch dem neuen Glauben des Amennophis ergeben war. Unter den Ruhebetten sind besonders diejenigen merkwürdig, deren Seiten von buntgescheckten Hatherkühen gebildet werden oder aus Fabeltieren. Ein Prachtstück ist eine buntbemalte hölzerne Kleidertruhe mit prächtigen Bildern auf den Seitenflächen. Die Kleiderreste sind zahlreich. Ein Netzhemd, das der König zu Lebzeiten getragen haben wird, besteht aus birnenförmigen Fayenceteilen, die in Gold eingelegt sind, und hat auf der Brust einen Zierat, auf dem der König dargestollt ist, wie ihn der falkenköpfige Horus vor Amun führt. In einer lebensgroßen armlosen Holzbüste mit einem feinen Kopfputz hat man eine Art von Schneiderpuppe sehen wollen, die man zum Anprobieren der königlichen Gewänder benutzte: Steindorff denkt eher an den Gott Amun. Während alle Gegenstände in dem Vorsaal durcheinandergeworfen sind, stehen neben der Tür zu der Sargkammer noch zwei lebensgroße Königsstandbilder und bewachen den Eingang zu dem geweihten Raum. Die holzgeschnitzten Bildwerke tragen die volle Tracht des Herrschers bis auf die Schlange, die giftige Schildviper, die als fester Bestandteil der ägyptischen Königstracht sich an der Stirn emporringelt. Besonders gut gearbeitet in der Kasten mit Reliefs, der die Eingeweidegefäße des Königs enthält. In der Sargkammer, bei der man in die innerste der eingebauten Kapellen mit der Königsmumie noch nicht vorgedrungen ist, sind die Wände mit Inschriften und Darstellungen religiösen Inhalts bedeckt. Papyrus hat man nicht gefunden, aber auf Inschriften finden sich interessante Dinge wie auf dem Kasten, der die Seitenglocke des Pharaonen enthält, die er trug, als er noch Kind war, Rasierwasser, Sonden und Alabaster=Gefäße. Wesentlich Neues über den Pharaerfährt man daraus nicht. Wenn man jetzt die Aufdeckung dieses Grabes als die größte archäologische Entdeckung in Aegypten feiert, so weist Steindorff solche Uebertreibungen zurück. Wir Deutschen sollten besonders Borchardts Funde von El=Amarna nicht vergessen, die den Berliner Sammlungen die schönsten Meisterwerke ägyptischer Plastik beschert haben. Mit solchen Funden aber wird man immer den jetzigen Grabfund in die erste Reihe der wissenschaftlichen Entdeckungen stellen müssen, Aus Stadt und Land. = 10 Milliarden Defizit. In der Pressekonferenz in Hannover machte Senator Weber Mitteilung über den neuer Haushaltsplan, der die Einnahme und Ausgabe mit 47 Mart abschließt. Zur Deckung eines Fehlbetrages von fast 10 Milliarden plant man eine Verdoppelung der Gewerbesteuer und ein Finanzzuschlag auf die Preise für Gas, Wasser und Elektrizität. = Eine Stadt ohne Schulden! In der letzten Stadtverordnetenversammlung in Goslar wurde mitgeteilt, daß Dank der mustergültigen Finanzwirtschaft die Stadt ohne Schulden ist. In erster Linie ist dies auf den großen Holzreichtum der Stadt zurückzuführen. Die Einnahmen und Ausgaben schließen mit 2034 350 000 M'ark ab. Der Oberbürgermeister führte aus, daß die Schulden se gut wie abgetragen, und im verflossenen Jahre außerordentliche Ausgaben in Höhe von Hunderten von Millionen aus laufenden Mitteln gedeckt seien. — Ein hartnäckiger Selbstmordkandidat. In einem Gasthaus in Jena versuchte ein Gutsinspektor aus Lützen, sich die Pulsader mit einem kleinen Messer aufzuschneiden. Das Zimmermädchen fand den Bewußtlosen am Boden liegend. Mittels Krankenwagens wurde er in die Klinik gebracht. Auf dem Wege zum Krankenhaus sprang er plötzlich aus dem Krankenwagen heraus und stürzte sich in einen Bach. Er wurde herausgeholt und der Weg ins Krankenhaus wurde fortgesetzt. Wenige Stunden, nachdem er im Krankenhaus war, entdeckte man, daß er Sublimat genommen hatte. Man pumpte ihm den Magen aus und brachte ihn schlicßlich in die Nervenklinik. Aber auch hier gab er die Selbstmaroversuche noch nicht auf. Zwei Tage nach seiner Einlieferung in die Nervenklinik fand man ihn im Garten an seinem Leibriemen aufgehängt; doch gelang es, den Verzweifelten noch lebend abzuschneiden. — Der verhaftete Fesselkünstler. In das Zuchthaus in Celle wurde dieser Tage mit mehreren rechtskräftig verurteilten Personen ein Fesselkünstler eingeliefert, der in Verden bei seinem Abtransport einen Fluchtversuch gemacht hatte, der jedoch mißlang. Der Entsprungené wurde erneut in Ketten gelegt und so in den Zug gebracht dar ihn siben er aus seiner Zelle herausholen wollte, hatte er sich bereits einer Fesseln entledigt und dankte mit verbindlichem Lächeln für ste Freundlichkeit, ihm in seinem Beruf als Fesselkünstler Arbeit jegeben zu haben. =„Ehrensoldat" Mar Holz. Max Hölz und Erich Mühsam z Heil wiederfahren. Wie die kommunistische Presse aus Mosau berichtet, sind Holz und Mühsam in Anerkennung ihrer Verdienste um die Weltrevolution" zu Ehrensoldaten des 46. Kavallerieregiments ernannt worden. Wenn die Soldaten des 16. Kavallerieregiments alle vom Schlage Hölz sind, wird das segiment ohne Zweifel der Sowjetrepublik zur Zierde gereichen. = Ein furchtbarer Wirbelsturm, der fünf Stunden anhielt, sar im Berchtesgadener Land schwere Verheerungen angerichtet. besonders mächtig wütete er am Königssee, dessen Wellen saushoch geworfen wurden. Am Ländeplatz rollten die Wogen etwa 10 Meter über das Ufer herein und warfen die Ruhebante durcheinander. Hunderte von Bäumen wurden geknickt eder entwurzelt. Vom Hotel Größwang am Königssee wurde das Dach schwer beschädigt, auch in Berchtesgaden richtete der Ortan großen Schaden ar, nicht minder auch im Ramsauer Tal. Zu einer erheiternden Eifersuchtszene kam es dieser Tage luf dem Bodenseedampfer„Hohentwief“. Auf dem Schiff besand sich ein kürzlich aus einer Strafanstalt entlassener Mann nit seiner Frau, die sich während der Abwesenheit ihres Mannes nit einem valutastarken Schweizer befreundet hatte. Der Zufall vollte, daß auch dieser mit demselben Schiff fuhr. Als der Ehenann ihn sah, begann er plötzlich zum Erstaunen der Mitreisenden seine Frau kräftig zu verprügeln, Dies konnte nun der„ritserliches Schweizer nicht mit ansehen. Er schlug nun seinerseits auf den Ehemann ein, und es entwickelte sich zwischen den Angejörigen dieses dreieckigen Verhältnisses eine lebhafte Prügelzene, der die Schiffsleute schließlich ein Ende machen mußten, ( Ist die Zahnbürste unersetzlich? Die Frage taucht unwillkürlich auf angesichts der gesteigerten Preise auch für dieser Bedarfsartikel, den man zur Pflege der Zähne wohl für unentbehrlich hält. Es wird da gewiß interessieren zu hören, daß die Zahnbürste in dem Zeigefinger, der vor dem Gebrauch nafürlich zu säubern ist, einen wertvollen Ersatz findet. Kühn, der bei amtlichen Besichtigungen in Volksschulen schon früher, als die Zahnbürste noch billig war, die Beobachtung machte, daß nur recht wenige Kinder eine solche besaßen, empfiehlt in der Münchener Medizinischen Wochenschrift“ besonders im Hinblich auf die noch traurigere Entwicklung in dieser Richtung unter den heutigen Verhältnissen die Zahnreinigung mit dem Finger und er tut dies aus langer eigener Erfahrung. Denn dr Muedrbeirentenn ann die Zähne mit dem Zeigehierauf reinigt man mit einem Zahntocher die Zwischenraume, um zum Schluß nochmals mit dem et nachzureiben. So erhält man die Zähne vollkommen ** Die gerechte Verteilung des deutschen Volks ppfers wurde vor kurzem von einem pommerscher Landwirt auf eigenartige Weise festgestellt. Ein Bauer aus Sternin in Pommern, der sich überzeugen wollte ob die für das Deutsche Volksopfer gespendeten Kartoffeln auch in die richtigen Hände gelangen, vorsichtig eine Kartoffel aus und steckte einen kleiner Zettel mit einer Anfrage hinein. Zu seiner Freude erhielt er nun einen Brief aus dem besetzten Gebiet von einer armen Witwe, die ihm zunächst erzählt wvie erstaunt sie war, als sie den Zettel fand, und mitteilt, daß die Liebesgaben durchaus gerecht vertei werden. Die Frau schließt mit einem„Vergeltsgott“ für die Geber und Förderer des Deutschen Volksopfers nicht ohne noch einen Appell an die zu richten, die den standhaften Volksgenossen im besetzten Gebiet zu helfen vermögen und etwa noch nicht geholfen haben. * Eine aufsehenerregende Verhaftung. Wie die „B. Z. am Mittag“ berichtet, ist auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft der Direktor der Rathenower Dampfmühle, Bruno Dettmann, verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert worden. Wie das obengenannte Blatt hört, haben die Prüfungen des Status der Gesellschaft ergeben, daß 4500 Tonnen Brotgetreide, von denen 3500 Tonnen der Reichsgetreidestelle und 1000 Tonnen verschiedenen Kommunalverbänden gehörten, von der Mühle widerrechtlich verarbeitet worden sind. Bei dem Versuche, den fehlenden Betrag wieder einzudecken, sind enorme Verluste entstanden, die auf 4—5 Milliarden geschätzt werden. **Unfall auf einem Schweizer Schießplatz. Bei einer Gefechtsübung der Infanterierekrutenschule Bellinzona ereignete sich ein schweres Unglück. Ein Hauptmann Locher aus Basel begab sich zu einem Maschinengewehr, welches Störungen aufwies. Als er sich nach einer kurzen Ueberprüfung vor dem Gewehre befand, ging das Maschinengewehr plötzlich los. Der Hauptmann erhielt etwa 30 Schüsse. Der Kopf des Unglücklichen wurde vollständig vom Rumpfe getrennt. ** Einer größeren Salvarsanschiebung ist die Elberfelder Kriminalpolizei auf die Spur gekommen. Fünf Personen, darunter als Hauptbeteiligter ein Kutscher aus Düsseldorf, wurden verhaftet. Ein Teil dieses Arzneistoffes konnte bei Abnehmern noch beschlagnahmt werden. ** Autounglück des jüngeren Stinnes. Auf einer Besichtigungsfahrt nach den Riebeckschen Montanwerken, deren Aufsichtsratsvorsitzender Hugo Stinnes ist, verunglückte das Automobil seines Sohnes durch Auffahren auf einen Baum. Frau Stinnes jun. wurde aus dem Wagen geschleudert und erlitt eine leichte Gehirnerschütterung und Schnittwunden am Kopf, Stinnes jun. und Bergwerksdirektor Schmidt kamen mit leichten Schürfungen davon. ** Weil sie ins Siechenhaus sollte. In Berlin wurde die Leiche einer etwa 65 bis 70 Jahre alten Frau aus der Spree gelandet. Die Mordkommission ermittelte, daß die unbekannte Frau zwei Tage vorher in einer Schankwirtschaft erzählt hatte, daß sie als Flüchtling aus Östpreußen nach Berlin gekommen sei, wo zwei Töchter verheiratet seien. Jetzt solle sie in das Siechenhaus gebracht werden. Sie gab ihrem Unmut über ihre Töchter wiederholt Ausdruck. Wahrscheinlich ist die Frau aus Abneigung gegen das Siechenhaus ins Wasser gegangen. X Brandenburg, 8. Mai.(Tel.) Gestern abend gegen 11 Uhr kam es in der Brandenburger Strafanstalt zu einer neuen Revolte, die eine Fortsetzung des Aufruhrs war, der Ansang April wegen der Herabsetzung der Verpflegungsration ausbrach. Am Nachmittag war der Präsident des Strafvollzugsimtes im Zuchthaus, um über eine Reihe von Forderungen zu verhandeln, die von den Gefangenen aufgestellt worden waren. Dem Vernehmen nach handelt es sich um die Forderung der Rauchfreiheit, Erhöhung des Arbeitslohnes auf 1000 Mark pro Tag und Verstärkung der Verpflegung. Als die Forderungen richt erfüllt wurden, brach gegen 11 Uhr der Aufruhr aus. Die Sefangenen zerschlugen die Gegenstände ihres Aufenthaltssaales, zertrümmerten die Fensterscheiben, versuchten eine Wand zu durchbrechen und warfen dann die Einrichtungsgegenstände vom Gitterfenster aus auf den Hof. Ein Schaden, der hoch in die Millionen geht, ist dadurch angerichtet worden, daß ein Teil der Gefangenen sich daran machte, das Dach des Zuchthauses abzudecken. Die im Zuchthaus stationierten Beamten waren den von blinder Zerstörungswut befallenen Gefangenen gegenüber vollständig machtlos und zogen sich aus dem Innengebäude zurück. Dann griff die alarmierte Polizei ein. Der Hof des Zuchthauses und die Straßen wurden von den Polizeibeamten und den Strafanstaltsbeamten abgesperrt, so daß der Verkehr zum Zuchthaus stark beschränkt wurde. Gegen die overen Stockwerke des Zuchthauses wurde dann dauernd Feuer aus Karabinern abgegeben. Ein Beobachten der Vorgänge war jedoch in der Dunkelheit unmöglich. Es wurde verkündet, daß gegen die Gefangenen geschossen würde, wenn sie sich an den Fenstern zeigen würden. Bis nachmittags ½2 Uhr war der Aufruhr noch nicht unterdrückt. Die Direktion der Strafanstalt teilt mit, daß irgendwelche Verwundungen oder Erschießungen nicht vorgekommen sind. ** Der Aufruhr im Brandenburger Zuchthaus. In der Strafanstalt in Brandenburg ist die Revolte der 700 Zuchthäusler, die nach Ablehnung ihrer Forderungen— Vermehrung der Verpflegung, völlige Rauch= und Lesefreiheit, Erhöhung des Arbeitslohnes usw.— sämtliche Einrichtungsgegenstände vollkommen demoliert und das Dach teilweise abgebrochen hatten, bis jetzt wenigstens insoweit beigelegt worden, als das den Beamten der Strafanstalt, die durch Polizeikräfte verstärkt waren, gelang, wieder die Oberhand über die revoltierenden Sträflinge zu gewinnen und sämtliche Sträflinge in ihre Schlaffäle zusammenzubringen. Nach einwandfreien Feststellungen ist die Beköstigung der Zuchthäusler besser, als sie sich 69 v. H. der Einwohnerschaft leisten können. Der durc die Ausschreitungen der Sträflinge angerichtete riesige Schaden ist vorläufig noch unschätzbar. Alles, was in den Schlafsälen nicht niet= und nagelfest war, wurde von den revoltierenden Zuchthäuslern durch die Gitterstäbe aus dem Fenster geschleudert. Die Betten waren kurz und klein gerissen, Tische, Schemel usw. völlig zertrümmert, selbst Mauerstücke waren losgerissen und auf den Hof geworfen. Alle Räume, in denen die Tumultuanten gewüstet haben, bieten ein Bild der Zerstörungsarbeit, die hier die ganze Nacht über geleistet worden ist. Zweifellos wäre auch das Dach in noch viel größerem Umfange obgebrochen worden, wenn nicht die Schüsse der Polizeibeamten die Gefangenen von dort vertrieben hätten. Der ganze obere Teil des Gebäudes wurde unter Feuer gehalten, dabei ist ein Sträfling leicht verletzt worden. Der eigentliche Grund, weshalb es in der Strafanstalt Brandenburg in den letzten Jahren wiederholt zu Revolten gekommen ist, liegt darin, daß die Sträflinge nicht in einzelnen Zellen, sondern in größeren Schlafsälen untergebracht sind und sich auf diese Weise mit Leichtigkeit über ihr Vorhaben vorher verständigen können. **Schwere Unwetterschäden in Mitteldentschland. Die Provinz Sachsen ist durch eine große Hochwasserkatastrophe heimgesucht worden. Am schwersten betroffen sind die Gegenden von Naumburg, Merseburg, Burg und Hettstedt. Bei Naumburg ging ein Hagelwetter nieder. Die Hagelkörner in der Größe von Taubeneiern zerschlugen zahllose Fensterscheiben. Der Schaden an Gebäuden beträgt viele Millionen Mark. Die Obst= und Erdbeerenernte ist zerstört. Bei Burg wurden die Dächer von verschiedenen Häusern abgerissen. Bäume und Telegraphenstangen wurden wie Streichhölzer geknickt. Die Felder müssen neu gepflügt und gedüngt werden. In Hettstedt und im Hadeborntale führten die schweren Gewitter eine Windhose mit sich. Der Hadebornbach trat aus den Ufern und überschwemmte die Straßen von Hettstedt. Auf dem Landstrich Jüdendorf— Eichstädt—Schwirma sind die Straßen aufgerissen und die Brücken fortgespült. Die Felder sind überschwemmt. Das steigende Wasser drang in die Häuser bis in die oberen Stockwerke. Viele Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine sind ertrunken. ** Teutsch=polnischer Grenzzwischenfall. In Hindenburg(Oberschlesien) kam es nachts zwischen deutschen Zivilisten und polnischen Zollbeamten auf dem Bahnhof, wo bekanntlich auch die polnische Zollrevisionund Grenzkontrolle vorgenommen wird, zu Zwistigkeiten, in deren Verlauf die beiden polnischen Beamten tätlich angegriffen wurden. Die Streitigkeiten wurden dadurch verschärft, daß einer der polnischen Zollbeamten als ehemaliger Insurgent erkannt wurde unter dem einer der Zivilisten persönlich zu leiden hatte. Die polnische Regierung hat daraufhin durch die Wojewodschaft von der Grenze in Hindenburg sämtliche Zollbeamten wie auch Grenzpolizeibeamte zurückgezogen. Die gesamte polnische Grenzkontrolle wickelt sich in Ruda, also auf polnischem Gebiet, die deutsche weiter in Hindenburg ab. ** Verhaftung eines französischen Kommunisten In Erfurt ist der französishe Kommunist Dupont aus Paris, der in einer kommunistischen Versammlung sprach, von der Erfurter Kriminalpolizei verhaftet morden. Scherz und Ernst. tk. Osman Digna, der Beteran der Derwische. Vor vierzig Jahren war im Orient Osman Dignas Name in aller Munde, ging Furcht und Schrecken von ihm aus. Und heute?... Im britischen Unterhause hat ein Mitglied der Arbeiterpartei, Thomas Johnston, den Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes die tfrage gerichtet, ob die Regierung sich nicht entwolle, Osman Digna, der sich seit 22 Jahren im Gefängnis befindet, und jetzt mehr als 100 Jahre alt ist, freizulassen, damit er seine Tage in der Mitte seines Stammes friedlich beschließen könne. Vor vier Jahrzehnten war Osman Digna weltberühmt. Damals gehörte er zu den Unterfeldherren des Mahdi und führte die Derwische an im Kampfe gegen den englischen General Gordon. Mehrmals brachte er den von englischen Offizieren befehligten ägyptischen Truppen empfindliche Niederlagen bei, so 1884 bei El=Teb, vo er 2375 Feinde tötete. Im Hügelland bei Suakin behauptete er sich bis 1900, und nur der Verrat eines seiner Verwandten lieferte ihn in die Hände seiner Gegner. In der Gefangenschaft verfiel er in Wahnsinn und seine Freilassung würde ihn vermutlich innerlich ziemlich unberührt lassen. Eine der seltsamsten und der wildesten Gestalten des Orients wird dereinst mit diesem Veteran der Derwische verschwinden. Humo istisches eit. Kennen Sie, Frau Inspektor, die Familie da drüben?"—„Alle hochbegabt! Die Mutter dichtet, die ältere Tochter ist Malerin, die jüngere Siegerin im Tennis, der Sohn Radfahrer=Champion!“—„Und der Vater?“ —„An dem ist nichts besonderes— der sorgt für die Familie!“ * Aussichtsvoll.„Machst Du aber ein glückliches Gesicht, Freund! Der alte Erbonkel endlich heimgegangen?"—„Noch nicht, aber er fährt jetzt Automobil.“ * Wörtlich genommen. Patient:„Sie sollten sich doch schämen, Ihren Patienten vorzuspiegeln, das Zahnziehen wäre völlig schmerzlos!“— Zahnarzt:„Ich versichere Sie auf mein Ehrenwort: Mich hat noch nie das Zahnziehen auch nur im geringsten geschmerzt!“ Ohne Bedacht.„Haben Sie nun keine Sorge, Herr Doktor, daß in Ihrer Irrenanstalt aus Versehen auch mal ein Gesunder interniert wird?“—„O, das macht garnichts. Wenn der ein paar Wochen in meiner Anstalt drin ist, ist er auch verrückt!“ *Die Hauptsache. A.:„Ah, bon jour! Wissen Sie schon das Neueste? Habe mir eine Frau geleistet.“— B.:„Grätuliere! Na und wie— verzinst sie sich denn?“ Vorsichtig. Besuch.„Nun Hans, zeig mir doch auch einmal Dein Herbarium!“— Der kleine Hans(argwöhnisch): Sind„Sie auch kein Vegetarianer?—“ * Höchste Zeit. A.:(der in der Kneipe ans Telephon gerufen worden war):„Jetzt kann ich aber wirklich nicht mehr bleiben!“— B.:„Was hat denn Deine Frau telephoniert?“— A.:„Rur fünf Worte:„Entweder.... Du kommst.... oder ich....!“ Der westfälische König von Corsika. Nach alten Aufzeichnungen bearbeitet von 4 Auf diese Ausführungen antworteten die Gesandten seufzend, ihnen sei die Wahrheit seiner Darlegungen nur zu sehr bekannt; es stehe um ihre Sache wirklich sehr traurig. Ihr Leben und ihre Habe seien voll und ganz der Gnade und Ungnade der Tyrannen ausgeliefert, die rechtschaffenen Leuten gegenüber furchtbarer seien, als gegen Verbrecher. Sie seien entschlossen, ihre Ketten um jeden Preis zu brechen. Aber dazu fei es notwendig, daß sie einen Mann an ihrer Spitze hätten, der ihnen durch seine Geburt Achtung einflößen und durch seine Fähigkeiten ihre Bemühungen in die rechten Bahnen leiten könne. Denn der Mangel an der rechten Führung sei der Fehler gewesen, an dem bislang alle ihre Umwälzungsbestrebungen gescheitert seien. Deshalb hetten sie ihren Blick auf ihn gerichtet, und sie bäten ihn flehentlich, sel doch eines so glänzenden Unternehmens anzunehmen, das der Nachwelt in hohem Maße Veranlassung geben werde, ihn ewig zu loben. Er möge also die Gewogenheit haben, ihr Befreier zu sein, und ihnen gestatten, daß sie ihm als Belohnung die Krone anböten. Wie man sich leicht denken kann, so fährt Frédéric fort, war Neuhoff durch das Anerbieten, auf das er nicht im entferntesten gerechnet hatte, angenehm überrascht. Er erwiderte den Gesandten, daß man nicht genug den Eifer loben könne, den sie für das Wohl ihres Vaterlandes bekundeten. Er sei ihnen außerordentlich verbunden für die Gefühle der Gewogenheit, die sie für ihn hegten. Er müsse es aber dennoch ablehnen, ihrem Wunsche zu entsprechen. Einige Tage später wiederholten die Gesandten ihre Bitte mit größerer Eindringlichkeit als zuvor. Daraufhin fragten sie Neuhoff, ob das ihm gemachte Anerbieten im Auftrage der Nationalversammlung oder ihres Anführers geschehen sei. Die Gesandten entgegneten, sie hätten es im Auftrage ihres Anführers getan; aber lie seien sicher, daß die Nationalversammlung nichts Besseres wünschen würde.„Nun gut,“ erwiderte Neuhoff,„wenn dem so ist, bin ich bereit, allen Fährlichkeiten entgegenzutreten, die ein so gefahrvolles Unternehmen mit sich bringt, um dieses brave Volk der Sklaverei zu entreißen. Und wenn ich unterliegen sollte, habe ich wenigstens den Ruhm, daß ich der Nachwelt ein großes Beispiel hinterlasse." Er schärfte ihnen ein, nach Corsila zurückzukehren, ihre Landsleute von seinen Gefühlen des Wohlwollens gegen sie zu unterrichten, sie zu ermahnen, fest und einmütig in ihren Entschlietzungen zu sein, und sich bereit zu halten, ohne jedoch ihre Absichten laut werden zu lassen. Während dessen wolle er seinerseits das vorbereiten, was zur Erfüllung ihrer Wünsche erforderlich sei. Die Sache war also entschieden. Neuhoff untersuchte sogleich mehrere Höfe auf ihre Absichten bezüglich Corsikas und fand, daß der Kaiser sowie Frankreich, Spanien und die italienischen Fürsten keineswegs etwaigen Neuerungen hinsichtlich der Insel geneigt daren, über sta: daß ihn diese Hindernisse abgeschreckt hätten, vergroßerte, sie seinen Mut und seinen Ehrgeiz. Er wandte sich an di. Pforte. Die Amständ waren ihm sehr günstig. Der Bruch zwischen der Türkei und Rußland ließ voraussehen, daß der Kaiser sich auf die Seite Rußlands stellen würde, zumal er mit ihm in enaen Beziehungen stand. Neuhoff erariff diese Gelegenbeit mit seiner natürlichen Lebhaftigkeit und Geschicklichkeit und schiffte sich nach Rodosto ein, in der Absicht, seinen Freund, den Fürsten Rakoczy um Rat zu fragen über seine Pläne und Maßnahmen, die erforderlich waren, um den Beistand der Pforte zu erwirken. Rakoczy war ursprünglich Fürst von Transsylvanien, aber vom Kaiser feiner Würde entsetzt worden, und deshalb hegte er gegen diesen einen unversöhnlichen Haß. Neuhoff, sehr bewandert in der Kunst, Gesinnungen zu erforschen und sich Leidenschaften zunutze zu machen, faßte ihn an seiner schwachen Seite: er schürte seine Rachegelüste gegen das Haus Oesterreich und entwickelte ihm einen Plan, der, gut ausgeführt, nicht fehl schlagen konnte, es vollständig zu vernichten. Er machte ihm keinen geringeren Vorschlag, als die Türken zu Herren von ganz Italien zu machen. Corsika solle den Mauren von Tunis und Algier als Waffenniederlage dienen, von wo aus sie bequem und gefahrlos an den Küsten Genuas oder Toskanas landen könnten, während die Mauren von Tripolitanien an der Küste von Calabrien und die Türkei in der Mark Ankona ihre Streitkräfte landen sollten. Er legte die Leichtigkeit dieses Unternehmens überzeugend dar und betonte dabei besonders, daß man sich durch diese Eroberung einen Weg in Deutschland hinein offen legen würde. Man dringe durch Friaul in Steyermark ein und könne dann die türkische Flagge mit größerer Leichtigkeit und besserem Erfolge vor den Toren von Wien aufpflanzen, als einst der Vezir Kara Mustaphaes getan habe. Hier könne man sich dann leicht mit einer anderen türkischen Armee vereinigen, die durch Ungarn vordringen müsse, und so das Haus Oesterreich rettungslai vernichten. Ganz entzückt von diesem Plan, sandte Rakoczy Neuhoff zu Osman Pascha, Grafen von Bonneval, auf dessen Rat und Veranlassung der Sultan alle Mittel, die seinen Waffen die Ueberlegenheit über die Kaiserlichen sicherten, zur Verfügung stellte. Bonnenal auch ein Deutschland feindlich gesinnter Abenteurer, schwelgte in großen Unternehmungen; noch angestachelt gegen den Kaiser, erkannte er bald die Feinheit dieses Planes und verschaffte ihm bei der Pforte Geltung. Man einigte sich über die dem Baron von Neuhoff zu gewährende Unterstützung, die ihm unter der Bedingung geleistet werden solle, daß er Corsika auf Treue und Glauben von der Pforte erhalten solle. Neuhoff machte diese Unterstützung, die er bei dem mächtigsten Fürsten der Welt gefunden hatte, ganz stolz. Er glaubte, daß niemas etwas in der Welt den Thron würde erschüttern können, den zu besteigen er jetzt im Begriffe stand. Von der Pforte mit bedeutenden Geldmitteln unterstützt, reiste er von Konstantinopel ab. Dazu besaß er noch einen Befehl an den Dey von Tunis, damit dieser ihm mit allem versorge, was er zur Ausführung seiner Pläne notwendig habe.— Während man so im Schatten tiefster Heimlichkeit die Fäden für die Befreiung Corsikas spann, gaben die Genueser tagtäglich neue Beweise ihrer Treulosigkeit gegen die Insulaner. Ohne jede Rücksicht auf die Bürgschaft des Kaisers, und trotz der bekannt gegebenen Amnestie ließen sie die beiden Häupter des letzten Aufstandes unter dem Vorwande hinrichten, daß sie das Volk zu neuen Erhebungen aufreizten. Da die Corsen aber von Neuhoff seit der Zeit, da ihre Abgesandten mit ihm Rat gepflogen, nichts mehr gehört hatten und nichts wußten, wo er sich aufhalte, beschlossen sie, eine Adelsherrschaft zu errichten und sich durch sich selbst zu regieren, also die Republik auszurufen. Man beratschlagte sehr eingehend und legte Grundgesetze fest für die Verfassung des Landes; aber bei dieser Gelegenheit geschab wieder einmal das, was gewöhnlich dann in Beratungen eintritt, wenn sich niemand unterordnen will und jeder sich gleichberechtigt glaubt, zu entscheiden. Die Beratungen arteten zu Auseinandersetzungen aus, und die Genueser unterließen ihrerseits nichts, um ihren Vorteil daraus zu ziehen und das korsische Volk von neuem wieder zum Gehorsam zu bringen. Die Corsen erklärten denn auch, daß sie bereit seien, sich ihnen zu unterwerfen. Da sie sich aber über die Bedingungen nicht einigen konnten, beschlossen die Genueser, in Corsika Truppen zu landen und die Aufkändischen mit Gewalt zu unterwerfen. Als diese Angelegenheit noch in der Schwebe war, erfuhren die Abgesandten, die mit Neuhoff verhandelt hatten, durch Briefe von hm, daß er bald unter Segel gehen werde, um gestärkt durch kräfge Hülfsmittel, Corsika von dem schändlichen Joche seiner grausamen Bedrücker zu befreien. Gleichzeitig ermahnte er sie, es weder an der Treue ihrer Versprechungen, noch an Mut und Kraft in der Ausführung des Unternehmens fehlen zu lassen. e Abgesandten teilte diese Briefe der Volksversammlung mit, und dies hatte zur Folge, daß die heftigste Beunruhigung der lebhaflesten Freude wich. Man änderte daraufhin die Regierungsform und beschloß. Neuhoff bei seiner Ankunft auf der Insel zum Könige auszurufen. Infolgedessen wurden die Angesehensten ausgewählt, um Neuhoff zu empfangen und im Namen des Staates zu begrüßen. Am 13. März 1736 ging Neuhoff in Aleria vor Anker auf einem Schiff von 24 Geschützen, das unter englischer Flagge segelte, begleitet von zwei anderen Fahrzeugen, die mit Lebensmitteln und Schießbedarf beladen waren, und zwar mit 40 000 Sack Getreide, sechs Bronzegeschützen von zwölfpfündigem Kaliber, 20 000 Gewehren, Bajonetten und anderen Kriegsgerätschaften, ferner mit 40 000 Uniformröcken, ebensoviel Paar Schuhen und der gleichen Zahl Hüten. Außerdem besaß Neuhoff eine Börse, wohlgespickt mit 100 000 Zechinen(1 Zechine= etwa 9.50 Goldmark). Die nehmsten des Landes gingen an Bord und begrüßten ihn. Am folgenden Morgen stieg er an Land in sonderbarem Aufzuge. halb türkisch, halb europäisch gekleidet; er trug ein langes, scharlachrotes, mit Pelz gefüttertes Gewand nach morgenländischer Art, dagegen war sein Haupt statt eines Turbans mit einer sorgsam gepflegten Perücke und einem dreieckigen Hute bedeckt; an der Seite hatte er einen spanischen Degen, in der Hand einen prächtigen Stock mit gewundenem Knopfe. Sein buntes Gefolge bestand in sechzehn Personen, unter denen ein französischer Oberstleutnant, ein Sekrelär aus Elba, ein Haushofmeister aus Livorno, ein Kaplan, mehrer? Kammerdiener und Lakaien aus verschiedenen Gegenden und dreMohren aus Tunis waren. Man geleitete ihn nach Corte, mitten durch den Jubel der Menge, die in ihm einen Schutzgeist zu sehen glaubte, dessen Anwesenheit allein schon genügte, um all ihren Drangsalen ein Ende zu machen. Am 15. April wurde er in einer allgemeinen Volksversammlung, zu der der größte und edelste Teil der Bevölkerung des neuen Königreichs erschien, unter dem Namen Theodor der Erste zum König von Corsika und Capraja gewählt, und man erklärte, daß man ihn und seine Nachkommen als Herr cher anerkennen werde. Er wurde öffentlich zum König ausgeruen, mit Lorbeer gekrönt und, nach einem alten Brauche von der Vornehmsten des*3 auf den Schultern umhergetragen, geleitel man ihn mitten durch die jubelnden Volksmassen, die unaufhörlie in den Ruf ausbrachen:„Es lebe die Freiheit und Theodor unser könig!" Die eigentliche Krönungsfeierlichkeit fand in der Franz" anerkirche zu Tavagna statt. (Fortsetzung folgt.)