Der iustrierte Nummer 5 Sonntag, den 2. Februar 1941 10. Jahrgang (Gaowiikal VON FRANZ KESTING M. Durch den verschneiten Bergwald glitt ein ann auf Schneeschuhen. Was mochte er dort m Dämmern des bleigrauen Wintermorgens chon wollen? War es ein übereifriger Jünger des schönen Schneesports, den das Fieber erfaßt Hatte, noch ehe es recht hell wurde? Federnd leicht duschte er fast geräuschlos über die weiße Fläche. Dier wich er einer sperrigen Stechpalmenkanzel“ dort schob er sich über ein fast verwehtes Stepen oder über ein vereistes Bächlein. Sein war auf den Boden gerichtet, als lese er in einem großen, geheimnisvollen Buche. „ Ja, er las in ihm, denn über Nacht war eine leue gefallen, und alles, was auf nächtlichen Schleichwegen den Wald durchzogen hatte, hatte seine Runen im Schnee hinterlassen. Doch heute interessierten ihn nicht die Fährten des Rotand Rehwildes, nicht die Spuren von Füchsen, ardern, Hasen und Kaninchen, nicht das Gedes Auerwildes, sondern die Fährten der Sauen. Alle die andern Schriftzeichen auf den eißen Blättern des großen Buches streichelte er Leichsam nur kurz mit den sorgenden Augen des Jügers und Hegers, doch die Fährte der Sauen, te in einer neunköpfigen Rotte bald hier, bald ort gebrochen hatte, folgte er mit Zähigkeit und Verbissenheit über Berg und Tal. Eine riefige Fichtendickung hatte die Sauen aufgenommen. Vorsichtig umschlug der Schneeschuhmann, ein junger Förster, das ihm bekannte and vertraute Revier, und nachdem er festgestellt zurte, daß die Sauen in der Dickung steckten, „derprüfte er noch einmal die Fährten und schrieb inn in sein Notizbuch:„Im Brandkopf eine alte „ache mit sechs Frischlingen und zwei Ueberlaufern." Weiter ging's durch ein schmales Tal, durch elches ein Hartweg führte, zur jenseitigen Höhe. beschwerlicher wurde der Weg, und der Schweiß brach dem jungen Weidgesellen aus allen oren. Da steckte er Handschuhe und Kopfschal den Rucksack, schlaufte auch den Mantel darauf to zog dann weiter Am jenseitigen Hang lag eine ausgedehnte uchenverjüngung, nicht allzu groß, aber so dicht „Hulzt, daß ein Mensch sie kaum zu durchdringen mochte. In dieser Dickung hatte sich ein angehendes Schwein versteckt, und auch diesen Fall „lerte sich der junge Förster nach einwandfreier estätigung in seinem Notizbuche. Nun warf er einen Blick auf die Uhr. Es erde Zeit zur Heimkehr, denn die Vorbereitunur Jaad erforderten noch mancherlei. Es war gestern etwas spät geworden, doch nahm er und" die Zeit, die Thermosflasche zu öffnen esein n Durst zu löschen. Eine Handvoll Schnee sene ihm, den trockenen Gaumen etwas anzun. Doch zum Anzünden einer Zigarette Lym er sich noch Zeit, dann sauste er talab dem vorsthause zu. ort war inzwischen der Vorhauer der Waldschon eingetroffen. Er hatte in einem Jer. Teile des Reviers gekreist und meldete: E Schatern steckt ein gutes Schwein und im eine grobe Bache ohne Frischlinge, wahrscheinlich Geltbache“ ensaun erfolgte Anruf auf Anruf, und bereits um fest hatten ein Dutzend Jäger ihr Erscheinen inigesagt.. Es waren neben einigem„Jungedurchweg alte, erfahrene Herren, die sich Mittag am Forsthause trafen. eine Jagdherr war in rosigster Laune; denn derartig reiche„Speisekarte" hatten ihm die er noch nicht vorgesetzt.„Herrschaften“, sagte wie seiner kurzen Begrüßung:„wir haben, ne aus den Mitteilungen der Kreiser entSiennten, unsere Schuldigkeit getan, tuen sehen die Ihrige. Sollte aber jemand aus Vererserummes Pulver eingesteckt haben, so möge nen, daß jeder Fehlschuß mit zwei Mark und esten des Winterhilfswerks notiert wird. Vor.„eidmannsheil, meine Herren, aber erst Vorsicht, Vorsicht! Die Waffen werden Abbrat. dem Stand geladen und sind nach dem Selseen wieder zu entladen! Eigentlich eine dertane die aber nicht oft genug wieHern woerden kann. Und dann noch eins, meine zur a. chonen Sie bitte die Bachen. Wenn diese mücheuc weder tragend noch führend sind, so esse desch die schwarzen Schönen im InterNachwuchses erhalten.“ Ldar. n Schnee stapften zwölf Jäger, sechs und zwei Hunde. Es war eine anstrengende Arbeit Kaum daß ein Wort gesprochen wurde, nur ab und zu unterbrach ein Prusten, Schnaufen oder Schneuzen des Waldes feierliche Stille. Endlich lag der Brandkopf vor ihnen. Der Jagdherr übernahm das Anstellen der Schützen, der Vorhauer dirigierte die Treiber und gegen ein Uhr begann die Jagd. Ohne Radau, nur ab und zu mit den Knitteln an die Bäume klopfend, trieben die aufs beste geschulten Leute durch die fast undurchdringliche Dickung. Säcke, zu Kapuzen geformt, schützten Kopf und Nacken, Säcke, zu Schürzen gebunden, verhinderten das Durchnässen der Beinkleider. Ab und zu kontrollierte ein Ruf die Ordnung der Treiber. „Kiffkiff!", ein Terrier schlug an.„Blaffblaff!“, der Stichelhaar des Försters gab ihm Antwort, und bald vereinigte sich ihr„Kiff" und„Blaff“ zum schönsten Duett. „Schwiene, Schwiene!" rief ein Treiber, „Schwiene, Schwiene, en ganzen Haupen!“ Den Hunden gelang es alsbald, die Rotte zu sprengen, und dann ging die Jagd hin und her. Auch die Treiber vergaßen manchmal ihren Vorsatz, ihren Mund zu halten. Der eine brüllte vor Freude, der andere wohl mehr aus Furcht vor den borstigen Gesellen.„Hoyo, packpack, Kiffkiff, wauwau!“ Und das fiel den Sauen doch auf die Nerven. Auf dem Rückwechsel, wo der Förster und ein ziemlich beleibter Gutsbesitzer standen, peitschten drei Schüsse. Der erste zerschmetterte einem Frischling das Rückgrat, und klagend drehte sich der arme Kerl im Kreise, bis ihn der Fangschuß erlöste. Der Gutsbesitzer schoß einen Ueberläufer so, daß dieser in voller Flucht noch zweimal wie ein Hase rollte. „Jiffiiff, blaffblaff, packpack!" Jetzt knallte es in rascher Folge an der andern Seite des Treibens; hier einmal, dort zweimal, da viermal.„Dat soll mik wünnern!" sagte der Gutsbesitzer zum Forster hin gewandt und verpaßte einen Fuchs, der hinter seinem Rücken über die Schneise flitzte, Das Treiben näherte sich seinem Ende. Die Treiber schwiegen, und der Jagdhund lief an den Schützen entlang, um seinen Herrn zu suchen. Aber der Terrier gab noch einmal giftig Hals. Dann schwieg auch er, doch bald darauf überfiel ein Ueberläufer den Weg, und an seinem rechten Gehöre hing festverbissen Flock, der schneidige Terrier. Das Treiben wurde abgeblasen, und die Treiber trugen die Skrecke zusammen: drei Frischlinge, einen Ueberläufer und— die Bache. Letztere war einem der Jungschützen zum Opfer gefallen. Der stand nun, noch kreidebleich vor Glück und Aufregung, neben seiner Beute, seinem ersten Schwein. Der Jagdherr aber riß ihn aus allen Himmeln in die rauhe Wirklichkeit und machte ihm energisch klar, daß er gar keine Ursache habe, sich zu freuen, er solle vielmehr dreimal an seine Brust schlagen und mit zerknirschtem Herzen beten:„Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!“ Und das hat er wohl auch im Laufe des Tages mehr als dreimal getan. Es ging zum zweiten Treiben. Das angehende Schwein in der Buchenverjüngung hatte sich aber inzwischen auf Hundegebell und Büchsengeknall einen Vers gemacht und sich empfohlen. Das wurde schon vor Beginn des Treibens festgestellt, und man sparte sich infolgedessen jede weitere Mühe Der Weg zum Schallern war weit und mühevoller, und mancher Schweißtropfen wurde trotz des beißenden Östwindes vergossen, ehe die Schützen ihre Stände bezogen hatten. Einer, der Braumeister von der Aktienbrauerei des nahen Städtchens, hatte aber schon auf halbem Wege den Rückzug angetreten, weil ihm die Puste ausging. Der Apotheker des gleichen Städtchens, der das sah, meinte dazu:„Der Kerl nimmt zuviel vom eignen Gift“, worauf ihm ein anderer antwortete: „Wenn du aus deinen Pillen Bier machen könntest, lägest du schon längst auf dem Kirchhofe.“ Adolf Hitler sagt: kämpfen sind wir geboren, denn aus dem Kampf sind wir gekommen! Oben: Winterfreuden im hohen Norden. Links: Im Kopenhagener Tierpark nähern sich die Tiere fast ohne Scheu den Menschen und lassen sich gern mit einem Stück Zucker oder ähnlichen Kleinigkeiten füttern. (Aufnahmen: Weltbild, M.) Merkwürdig still war es bei diesem Treiben. Hunde und Treiber blieben stumm, trotzdem das Schwein noch im Treiben steckte. Die Sonne hatte inzwischen das graue Gewölk vertrieben, und mit Milliarden Kristallen blitzte und flimmerte es auf allen Zweigen. Einige Meisen plurrten ängstlich von einem Baum zum andern, und ein Häher schimpfte lästerlich über die unliebsame Störung. Da rief das Horn die Treiber zum Rücktreiben, und ganz in der Ferne auf dem letzten Stand fiel dann noch ein einzelner Schuß, dem nach einiger Zeit ein zweiter folgte. Dort stand der Jagdherr, der das Schwein mit sauberem Blattschuß gestreckt und ihm noch den Fangschuß auf den Hals gegeben hatte. Jetzt setzte er sein Horn an, und jubelnd klang es durch den Wald:„Sau tot, Sau tot!“ Da der Tag sich bereits neigte, erfolgte der Aufbruch zum Erlmoor in ziemlicher Eile. Doch die alte Geltbache hatte noch einmal Glück. Einer der Jungschützen, vom Jagdfieber geschüttelt, fehlte sie zweimal. Dann löste sich auch der Apotheker noch zweimal auf sie, aber auch ohne Erfolg; denn einmal war es für ihn reichlich weit und zudem war die Kimme seiner Doppelbüchse mit Schnee verkleistert. Die Jagd wurde abgeblasen. Müde und hungrig trotteten Jäger und Treiber dem Forsthause zu, wo einige Schlitten bereit ständen, um sie ins Quartier zu bringen. Bei Aktienbier, Casseler Rippenspeer und Sauerkraut wurden die Strapazen der Jagd alsbald vergessen, und es entwickelte sich eine Stimmung, die für manche eine ernstliche Vergiftung zur Folge hatte. Nur der Bachentöter blieb still und verdrossen. Er machte anscheinend noch immer„Mea culpa!" Ganz fuchsteufelswild aber wurde er, als ihm und den anderen Schützen am nächsten Tage ein säuberlich mit der Maschine geschriebenes Gedicht vam Postboten überbracht wurde, das folgenden Wortlaut hatte: Heiler oder Heilerin? Der Keiler macht mit seinen Waffen, Dem Jägersmann oft viel zu schaffen, Die Keilerin mit Haken beißt, Wenn sie jemand zu Boden schmeißt. Drum blitzen dich die Hauer an, So ist das Borstentier ein Mann, Wenn du jedoch nur Haken siehst, Ist eine Frau das schwarze Biest. Der Keiler eine Rute hat, Die Keilerin ein Feigenblatt. Der Keiler prunkt mit einem Bart, Die Keilerin ist schwach„behaart“. Der Keiler liebt die Einsamkeit, Die Keilerin Geselligkeit, Drum füllt sie ihre Kinderstuben Mit frischen Mägdelein und Buben. Doch bist du dennoch nicht gewiß, Ob's Keilerin, ob's Keiler ist, So frag' das fragliche Objekt, Ob's sich mit deiner Ansicht deckt; Und wird dir keine Antwort drauf, So laß die Kugel brav im Lauf. Nummer 5 Der illustrierte Sonntag 10. Jahrgang Friedrich Ruͤckert als vaterlaͤndischer Dichter Ein Gedenkwort zu seinem 75. Todestag am 31. Januar Der am 31. Januar 1866 im 78. Lebensjahr verstorbene Dichter der„Geharnischten Sonette“ ist ein treuer Sohn seines Stammlandes Franken gewesen. In Schweinfurt stand seine Wiege, in Neuseß bei Koburg beschloß er seinen Lebensabend. Nur wenige Jahre seines Lebens hat er außerhalb der Stammesgrenzen zugebracht. Diese Treue zum Volksstamm und zur Heimatscholle entspringt einem Wesenszug, der den Franken insgemein, Rückert insbesondere eignet, ja erst seine vaterländische Haltung erklärt. Die Bande von Blut und Boden waren in ihm fester als die Aussicht auf äußere Vvrteile. Deshalb legten er die Berufung nach Berlin, die unter ähnlich ehrenvollen Bedingungen wie die der Brüder Grimm im Jahre 1841 erfolgt war, nach wenigen Jahren in die Hand des Preußenkönigs zurück, da ihm die Einfachheit des idyllischen Landlebens im Frankenlad höher stand als die kalte höfische Luft des vormärzlichen Berlin. Hier in dem Lärm des großstädtischen Treibens verzehrten sich seine besten Kräfte in dem Heimweh nach dem stillen Frieden seines thüringischen Landhauses, wo er im belebenden Kraftaustausch mit dem Heimatboden, als dem eigentlichen Nährboden seines Schaffens, ungestört seine dichterischen Ideale vervollkommnen konnte. Dabei haftet der Heimatgedanke Rückerts keineswegs in einem engherzigen Partikularismus, wie es damals oft üblich war. Im Gegenteil: so urwüchsig und stark verwurzelt sein Stammesgefühl immer gewesen ist, so wurde ihm andererseits sein süddeutsches. Heimatgefühl zu dem Urquell, aus welchem nicht zuletzt der breite Strom der Vaterlandsliebe fließt, dessen Krönung er in einem mächtigen deutschen Kaiserreich erblickte. Nirgends glauben wir den Pulsschlag der Nation lebhafter zu verspüren, als in seinen tiefempfundenen vaterländischen Gedichten. So wuchs ihm aus dem Stammesgefühl das stolze Bewußtsein von deutscher Art und Weltgeltung. In den trübsten Tagen preußischer Geschichte, als sich zu der Schmach von Jena und Auerstedt der entwürdigende Frieden von Tilsit gesellte, suchte er das deutsche Selbstgefühl mitten in der Verzagtheit wachzurütteln, das Volk bei seiner nationalen Ehre zu fassen:„ daß ich stünde auf einem hohen Turme“— ruft er aus—„um in allen deutschen Landen die Schläfer wachzurufen.“ Er richtet seinen Weckruf an alle Schichten des Volkes, an die Schützen die Fischer, die Mütter, Dichter, Schmiede und Bauern: „Was schmied'st du, Schmied?—„Wir schmieden Ketten, Ketten!“ Ach, in die Ketten seid ihr selbst geschlagen, Was pflügst du, Bau'r?—„Das Feld soll Früchte tragen!“ Ja, für den Feind die Saat, für dich die Kletten.“ Er wird nicht müde, das Volk für die Stunde der völkischen Befreiung und der Erlösung aus Knechtschaft und Zwietracht reif zu machen. Er, der Süddeutsche, der unter Preußens Führung das Heil für Deutschland erwartet, beschwört den Geist Friedrichs des Großen: „Auf, meine Preußen unter ihren Fahnen! In Wetternacht will ich voran euch schreiten Und ihr sollt größer sein als eure Ahnen.“ Mit messerscharfer Kritik erkennt er die geistigen und sittlichen Ursachen von Preußens Niedergang und geht mit den ewiggestrigen, vaterlandslosen Schwätzern ins Gericht:„Ihr nennt henteuer im Roten Meer Begegnungen und Schicksale— Von Th. Alexander Wir saßen schweigend an Deck und sahen in das helle Flimmern der klaren Nacht. Manchmal löste sich eine Sternschnuppe vom Firmament und zischte durch den Weltenraum. Der Rauch aus den beiden mächtigen Schornsteinen wurde gegen das Wasser gedrückt; es war schwül, die Luft zitterte leicht über den Ventilatorenöffnungen. Unser Schiffsarzt, der gern einmal die Spendierhosen anzog, schenkte die Gläser frisch ein und befahl dem Steward, neues Eis in den Sektkübel zu schütten. Ingenieur Brausinger hob ebenfalls das Glas an den Mund und trank es in einem Zuge leer. Es war vielleicht schon das zwanzigste in dieser Nacht. Der Ingenieur trank es wie Wasser hinunter. „Wenn man zwanzig Jahre im Innern Borneos gelebt hat, kann man die Heimat nicht mehr erwarten“, sagte Brausinger.„Wir trinken ja doch diese Nacht durch. Ich mache Ihnen einen Vorschlag, jeder erzählt eine Geschichte aus seinem Leben. Wer am packendsten erzählt, dem stiften die andern zehn Flaschen Sekt. Gilt es?“ „Angenommen!“ Der redselige Schiffsarzt begann sofort zu erzählen. „Wir fuhren einmal über den Indischen Ozean. Da entstand Feuer auf unserem Schiff. Im großen Saal wurde eben gekanzt. Unser Kapitän sprang hinab in den Maschinenraum, in dem ein Oeltank explodiert war. Auch der Erste Offizier arbeitete unten mit den Leuten. Nach zwei Stunden war der Brandherd gelöscht, die Gefahr für das Schiff beseitigt. Gerade in diesem Augenblick begann man im Tanzsaal unruhig zu werden. Irgend etwas hatte sich herumgesprochen. Man schrie nach dem Kapitän. Jede Sekunde konnte die Panik ausbrechen. Der Kapitän stand in seiner Kammer und ließ sich von mir einen Leinölverband um die Hand wickeln. Total verbrannt war diese Hand, meine Herren. Er biß die Zähne zusammen, kein Schmerzensschrei kam aus seinem Mund. Da meldete man ihm, was auf dem Schiff vorging. Panik?„Runter mit dem Verband, Doktor!“ schrie mich der Alte an.„Kleben Sie ein Pflaster über die Blasen... „Den weißen Handschuh!“ brüllte er seinen Steward an.„Macht rasch!“ Ich wollte mich weigern, wollte die Wunden desinfizieren. Da trieb der Kapitän seine Hand in den viel zu engen Glacéhandschuh. Sie wissen ja, daß man dabei aus der Haut fahren könnte. Nun, aus der Haut war der Kapitän bereits gefahren. Was die Hand betraf...! Seine Schmerzen mußten furchtbar gewesen sein. Eine Minute später stand der Kapitän im Tanzsaal, in Gala mit allem Gold, das er auf der Extrauniform trug. In weißen Glacéhandschuhen. Stand vor der schönen Frau Borchardt, der Gattin des Gesandten. Forderte sie zum Tanze auf. Die Musik schmetterte los. Es ist zu keiner Panik gekommen an diesem Abend. Fragen Sie mich nicht, wie wir den Glacéhandschuh wieder heruntergebracht hatten..." 2 „Eine verdammte Nacht!" begann jetzt der Erste Offizier seine Geschichte.„Ich habe schönere erlebt. Ich saß allein in einem Restaurant in Shanghai. Meine Kameraden hatten damals Dienst. Saß in einer Ecke und sah den fremden: Leuten zu, wie sie sangen und fröhlich waren. Es ist ein eigenes Ding, wenn andere irgendwo und aus irgendeinem Anlaß froh und glücklich sind, man selbst aber einsam an einem Tisch. Später bat ich eine der Tänzerinnen zu mir zu einer Flasche Sekt. Alles schien gut zu gehen, wir lachten, und ich machte ihr Komplimente. Wir waren ja Schicksalsgefährten. Beide einsam, beide sozusagen halb im Beruf, beide in der Ferne. Wir hatten uns schon längere Zeit unterhalten, da begann meine Kleine haltlos zu weinen. Ihr waren die Gedanken an„ihn“ gekommen. „Er" soll irgendwo gescheitert sein, an der chilenischen Küste drüben. Man hat nie mehr etwas von ihm gehört. Aber sie wartet auf ihn. Sie geht in den Hafen, wenn ein Schiff einfährt. Zu jedem Schiff! Was sagt ihr? Das erzählen sie alle? Oder so ähnlich? Nein, diese Frau sprach die Wahrheit, zum Teufel. Ich sage euch, wenn ich wieder nach Shanghai komme, hole ich sie aus der Bar. Und dann wird geheiratet!“ „Ich fürchte, unser Erster wird heute den Sekt von uns bekommen?“ sagte der Schiffsarzt düster. „Jetzt wollen wir aber unseren Passagier hören. Nun, Herr Ingenieur? Zwanzig Jahre auf Borneo, da erlebt man doch so allerhand. Der Ingenieur nahm die Flasche, füllte wieder ein Glas„Prost, meine Herren! Meine Geschichte? Aus Borneo? Nein, zwanzig Jahre auf Borneo sind nichts, gar nichts. Ich erlebe sie jetzt, meine interessante Geschichte. Sehen Sie dort... nein weiter links, sehen Sie nur...“ Wir sahen nichts als Dampf und Rauch aus den Schornsteinen.„Schnee! Es schneit! Ah, wie herrlich sind die kühlen, nassen Sternchen auf meiner heißen Haut Dort die kleine Hütte, meterhoch liegt der Schnee auf ihrem Dach. Dahinter die Bergwand Unten die verschneiten Tannen! Warum sehen Sie nicht hin! Ich schnalle jetzt meine Ski an, ich sause hinab über die Hänge. Hei, wie der Pulver staubt, wie der eisige Wind mein Gesicht streift Die Haut zieht sich in der Kälte zusammen der Hauch friert an meinen Lippen und vereist Dort unten steht Inge. Ich sehe ihre goldenen Haare in der Sonne leuchten. Wie der Sturm weht! Jetzt fliegt Inge über den Schnee, macht einen Bogen, hält auf mich zu. Kristallklar glänzt die Luft. Meine Hände erstarren, ich habe die Fäustlinge vergessen Jetzt einen Bogen, der Schnee staubt auf unter dem Kristiania. Inge ist nur mehr wenige Schritte von mir entfernt. Ich komme Inge, ich komme! In der verschneiten Hütte werden wir Verlobung feiern.“ „Nein.. halt... zurück, Inge... die Lawine.. siehst du dort oben... sie türmt sich auf, sie stürzt auf uns zu. Sie erfaßt uns... dich und mich... ich ersticke... Schnee dringt in meine Ohren, in meine Nase... Luft... Luft... Luft.“ Jetzt fiel der Ingenieur vornüber. Mit dem Kopf auf den Tisch daß die Gläser umfielen. „Verloren!“ meinte der Erste Offizier.„Steward, zehn Flaschen auf unsere Rechnung. Für den Ingenieur!“ „Den Sekt können Sie bezahlen", meinte trokken der Doktor, der sich über den Erstarrten gebeugt hatte„Wir können auf eine glückliche Heimkehr anstoßen Aber nicht mehr für den Ingenieur, Tropenkoller Kollaps. Kommt vor, wenn man zwanzig Jahre auf Borneo gelebt hat! Er ist tot!“ es Verschwörung, wenn Männer schwören, Männer sein zu wollen? Empörung, wenn Liegende sich emporraffen? Ich nenne es Selbstbetörung und Tollheit, dem eigenen Volke zu grollen, das sich aus der Zerstörung retten will. Euch aber möge der Abgrund verschlingen, der Rücken auf immer gekrümmt sein und die Stirn mit dem Brandmal der Schande gezeichnet, ihr Zwitterfeinde die ihr anstatt für das Vaterland, gegen dasselbe kämpfet, Fremdlingen verdungen zu Knechten.“ Solche mannhaften Worte, die an Kleists„Katechismus der Deutschen“ gemahnen, in der Stunde der größten vaterländischen Not ins Volk gerufen, um das Gewissen aller Deutschen aufzurütteln, rühren an die tiefsten Saiten des vaterländischen Empfindens. Wie ein Seher ruft er sein Volk immer wieder zur Einigkeit auf— und als dann die glorreiche Zeit der Freiheitskämpfe anbrach, als Deutschland nach undenklichen Zeiten wieder den Anblick eines einigen Volkes in Waffen bot, als die heroische Saat, die Rückert in seinen„Geharnischten Sonetten“ ausgestreut hatte, wie eine reife, köstliche Frucht aufgegangen war da jubelte sein Dichterherz ob der siegreichen Auseinandersetzung mit dem Erbfeind in der Schlacht bei Leipzig: „Drei Tage und drei Nacht Hat man gehalten Leipziger- Messen, Hat euch mit eiserner Elle gemessen, Die Rechnung mit euch ins gleiche gebracht.“ Jetzt aber sieht er als die Krönung des Kampfes mit Hilfe der geeinten deutschen Stämme voraus: Die Errichtung eines neuen Deutschen Reiches:„Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich, im unterird'schen Schlosse hält er verzaubert sich." Schmerzlich berührt es, daß ihm die Erfüllung seines Traumes von Kaiser und Reich nicht mehr vergönnt gewesen ist, daß er nach den Enttäuschungen, welche der Wiener Kongreß und das Frankfurter Parlament allen vaterlandsliebenden Deutschen bereitet hatte an der Schwelle des gelobten Landes am 31. Januar 1866 dahinging. Als nach dem Einzug der deutschen Truppen in Paris am 31. März 1814 der diplomatische Kampf um die Napoleon entrissenen Gebiete und die Neugestaltung Europas begann, als die bange Sorge wegen eines faulen Friedens und die Enttäuschung wegen des diplomatischen Treibens auf dem Wiener Kongreß, der statt ernster Arbeit sich rauschenden Festlichkeiten hingab, alle Gemüter ergriff, da goß er die ganze Schale seines politischen Zornes, angewidert durch das Treiben des Kongresses, in ätzendem Spotte auf den„Herrn Kongreß“ aus: „Was hat der Herr Kongreß in Wien getan? Er hat sich hingepflanzt Und hat nach einem schönen Plan, Anstatt zu gehn, getanzt: Frau Deutschland war die Tänzerin, Was war ihr Gewinn? Im Schwung französischer Tänze Verlor sie vom Haupte die Kränze.“ Aber trotz der Nachgiebigkeit Preußens, das auf dem Wiener Kongreß um die Früchte seiner Siege betrogen wurde und nicht einmal die Rückgewinnung von Elsaß und Lothringen durchsetzen konnte, verließ den Dichter sein unverbrüchlicher Glaube an ein einiges Deutschland auch jetzt nicht. Mit dichterischem Seherblick kündet er die Heimkehr dieses uralten deutschen Landes ins Reich in seinem wundervollen Gedicht„Die Straßburger Tanne“: „Einst einer von euch allen, Wenn er so altersgrau, Wird, wie ich falle, fallen, Gibt Stoff zu anderm Bau, Da wohnen wird und wachen Ein Fürst auf deutscher Flur: Dann wird mein Herz noch krachen Im Bau der Präfektur.“ Den Gedanken an die Rückgliederung dieses Reichsgebietes verfolgte er sein ganzes Leben hindurch. Noch 1848 fordert er das Land zurück: „Dich auch fordr' ich heute wieder, Elsaß, lang verlorenes Kind; Ruh ist nicht, bis alle Glieder Deutschlands beieinander sind." Ebenso fordert er mit glühendem Herzen 1863 Schleswig=Holstein zurück. Wie eine Befreiung von schwerem Alpdruck wirkte auf ihn die Kriegserklärung Preußens und Oesterreichs an Dänemark: Friedrich Rückert Das Porträtbild ist eine Reproduktion des Gemäldes von Bertha Frorien.(Scherl, M.) „Schleswig=Holstein, meerumschlungen, Schmach der Alten, Zorn der Jungen! Horch, das neue Schwertlied klingt, Das die Schmach mit Zorn verschlingt!“ Ja, den Erlös aus seinem Gedichtband Dutzend Kampflieder für Schleswig=Holsteir (1863 bestimmte er als tatkräftigen Beitrag für den nationalen Feldzug zum Besten für die Schleswig=Holsteinische Kriegskasse. Immer wieder zeigte Rückert, daß auch der Dichter, oder gerade der Dichter mit in der vordersten Front im Kampf um die Größe des Reiches gestanden hat. So gehört Friederich Rückert durch seine kämpferische Haltung und Einsatzbereitschaft ganz in unsere Gegenwart, da er als einer der ersten die Größe und Kraft unseres Volkes und seine einstmalige Weltgeltung erkannt und für die Erkenntnis gekämpft hat, daß die Zukunft eines Volkes auf dem Gefühl der Ehre und Freiheit beruht: „Erst fühl als Volk dich groß und stark, Gefürchtet und geehrt, Das ist der Freiheit rechtes Mark, Der Freiheit wahrer Wert.“ Dr. Wilhelm Schoof, Eisenach. Erzählte Kleinigkeiten Diogenes weilte in der Stadt. Sinnend stand er vor einem Hause, über dessen Tür zu lesen stand:„Nichts, was nicht gut ist, komme herein! Der Philosoph lachte aus vollem Halse: wie soll aber da dere Besitzer selbst hineinkommen?" X Auf seinen Wanderungen kam Diogenes in eine Stadt, machte sich aber durch sein sonderbares Auftreten bald so unheliebt, daß er zum Weiterziehen aufgefordert wurde. Da sich die Stadt nicht gerade durch Schönheit auszeichnete, sagte er höhnisch bei seinem Abzug„Viel ärger ist es für die Bewohner, daß sie hierbleiben müssen?" X Apelles, der größte aller hellenischen Maler, konnte zeitweilig recht sarkastisch sein. Nicht ohne Selbstgefälligkeit zeigte ihm ein anderer Maler ein Bild mit dem Bemerken, das habe er in zwei Tagen gemalt. „Man sieht's!" bestätigte der Meister kurz. 2 Demosthenes, einer von den Rednern, die dem Phokion entgegenarbeiteten, sagte einmal zu ihm. „Dich werden die Athener noch umbringen, Phokion!" „Ja," sagte Phokion,„wenn sie rasen, dich abet, wenn sie zur Vernunft kommen.“ Der siegreiche Themisthokles forderte von den Andriern eine große Summe Geldes. Und er seiner Forderung Nachdruck verleihen wollte, sagte er:„Ich komme zu euch in Begleitung zweier Göttinnen, der Ueberredung und der Gewalt!“ Aber die Andrier waren schlagfertig:„Wir 9 ben aber schon zwei Göttinnen, die deine Ansich vereitelt— die Armut und die Dürftigkeit.“ Pma. Der illustrierte Sonntag Verlag: C. Jos. Laumanns, Verlagsleiter: FriedrKarl Laumanns. Hauptschriftleiter:(Emil Red ber. z. Zt abwesend) i. V. Dr. Anton Hans M Anzeigenleiter: Herm. Schlepphorst. alle Lippstadt.— Anzeigenpreis: 8 Pfg. pro 46 mm breAnzeigenspalte Anzeigenpreisliste Nr. 3. Reiben Sie Ihren Schinken ein und zwar mit dem gesetzlich kenschutz dann mer und Maden schlachtung ist 35 Rpf. Zu hab Drogen-, KleinWitkop's Bamenit, geschützten Schinbleiben die Würfern. Ihre Hausgesichert. Paket im Lebensmittel und Großhandel. Bettnässen Preis RM. 2.90. In allen Apotheken Vorrätig in Lippetadt: Einhorn Apotheke und Engel Apotheke. 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