Wie die alle tathbiische Kirche in Gastrop ihren schönen Zwiedeitarm erhielt den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts mußte der alte Turm der Lambertuslirche wegen Einsturzgefahr abgebrochen werden. Wesches Aussehen er hatte, ist uns nicht überliefert worden. Aus den Akten, die sich mit dem Bau des damals neuen, uns durch Abbildung bekannten Turmes. befassen. geht iedoch hervor, daß er erheblich höher und schmaler als dieser war. Die erste behördliche Anordnung zur Revaratur des alten, baufällig gewordenen Turmes datiert vom 1. Oktober 1772. In ihr befiehlt Vincke von Altendorf aus, daß unverzüglich mit den Vorbereitungen zu der Arbeit begonnen werden müsse, sonst werde die Behörde selbst auf Kosten der katholischen Kirchengemeinde den Abbruch vornehmen. Gleichzeitig richtet Vincke folgende Fragen an den Kirchenvorstand. damals Konsistorium genannt: 1. Ob ein Kapital angeliehen werden könne: 2. Ob entbehrliche Gemeinheitsgründe entbehrt werden könnten: 3. Ob sich auch die Evangelischen in Castrov des Geläutes der katholischen Kirche bedienten: 4. In welchem Verhältnis die Freiheit(Stadt) Castrop zu den beiden Jurisdiktionen(Gerichtsspren= geln) Alt= und Neu=Castrop*) beizutragen habe; Ob ein Schatzzettel(Verzeichnis der steuerfähigen Einwohner) vorhanden sei. Bald nach diesem Schreiben lud Vincke Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde zu einer Besprechung nach Altendorf ein. Es erschienen: Pastor Gerthmann, Bürger und Provisor (Armenvorsteher) Caspar Feldhoff. Klein=Alstede aus Sodingen. Gericht Alt=Castrov. Schulte=Oestrich aus Holthausen, Gericht Neu=Castrov. Lueg zu Börsinghausen. Neu=Castrop. Koop aus Frohlinde. AltCastrov. Hubbert zu Bövinghausen, Alt=Castrop. Türich aus Merklinde. Alt=Castrov. Man war sich bald einig darüber, daß der alte Turm durch einen neuen ersetzt werden müsse; auch die evangelischen Vertreter stimmten in diesem Sinne bei. Pastor Gerthmann zeigte auch schon ein„Besteck“(eine Zeichnung) vor. nach der die Konstruktion des neuen Kirchturmes erfolgen sollte. Auch darüber herrschte Einmütigkeit, daß der neue Turm eine Zierde der Stadt Castrov sein würde. Wie immer in solchen Fällen, so machte auch hier die Kostenfrage Kopfzerbrechen. Das Projekt war auf 1005 Reichstaler 16 Stüber veranschlagt. Wie sollten die Mittel ausgebracht werden? Barmittel aus Kirchenvermögen waren angeblich nicht vorhanden. Daher sollte eine Umlage erfolgen. und zwar nach folgender Verteilung: Es zahlt 1. ein ganzer Bauer. der mit 2 Pflügen zu Felde zieht, zweimal so viel wie ein halber Bauer. der nur für einen halben Pflug Ackerland unter sich hat. 2. ein halber Bauer zweimal so viel als ein Kötter. welcher nur einen halben Pflug unter sich hat. 3. ein Kötter zweimal soviel wie ein kleiner Kötter, der nur einen Garten oder ein paar Scheifel unter sich hat. Die in der Stadt wohnenden Honorationen sollen von der Kriegs= und Domänenkammer veranschlagt werden. Mit dem Plan einer Umlage ist jedoch die Behörde nicht einverstanden. weil die Bewohner ohnebin schon mit Lasten beschwert seien, die wohlbegüterte Kirchengemeinde solle selbst nach Mitteln suchen. die Kosten aufzubringen. Auch von evangelischer Seite werden Einwendungen gemacht. Zunächst wird betont, daß Koov und Hubbert gar nicht berechtigt gewesen seien, im Namen der evangelischen Kirchengemeinde an den Beratungen teilzunehmen. Infolgedessen fühle sich die evangelische Gemeinde auch durchaus nicht an die gesaßten Beschlüsse gebunden. Außerdem erscheinen ihr die Kosten zu hoch; man müsse bedenken, daß die neue Spitze viel kürzer als die frühere sei. Dazu käme, daß die Evangelischen die Glocken nur den zehnten Teil soviel gebrauchten, wie die Katholischen. mithin auch nicht soviel beizusteuern brauchten. Nach ihrer Meinung genüge es überhaupt, wenn der Turm durch eine Kavve abgedeckt werde. Die Kosten beliefen sich dann auf nur 80 Reichstaler. Glücklicher Weise hat hier ein gesunder Bürgersinn eine solche Verschandelung des gewiß schon nicht überreichen Stadtbildes verhindert. Jetzt taucht ein anderer Plan auf. Die Baufirma Wegmann u. Cie.(vermutlich aus Harven) macht den Vorschlag. den bisherigen Turm beizubehalten. Er soll stark unterfangen und dann die ausgebesserte alte Spitze aufgesetzt werden. Die Kosten sollen dann nur 300 Reichstaler betragen. Eine Verhandiung „an der katholischen Wedeme am 8. März 1773“ bringt zunöchst keine Einigung: bald darauf eber erklären sich die Enangelischen bereit. 580 Reichstaler beizusteuern, wenn die Beanssichtigung der Arbeiten von beiden Seiten geschieht. So ist der Plan des Pastors(berthmann angenommen, weil man sich non ihm eine Verschönerung des Stadt bildes verspricht. Die Einziehung der Umlage bringt dann noch eine langatmige Beschwerde des Fürstlich Essenschen Rich ters Tacke in Castron. Er findet es ungerecht, daß er allein. Reichstaler zahlen soll, während die Vornehmsten und Reichsten in Castron nur zu 2½ Reichstaler veranschlagt seien. Es muß wohl damals wenig reiche Leute in Castrov gegeben haben: denn der damalige Bürgermeister Frowein bemerkt jedes*) In dem Gericht Costrop unterschied man damale das alte und das neue Gericht. In weicher Weise die Abteilung vorgenommen worden ist, habe ich noch nicht feustellen können. Oertliche Gesichtspunkte waren nicht maßgehend. mal, wenn Tacke von den Reichen und Vornehmen spricht: Wer(oder wo) sind diese? Tacke droht. er werde Castron überhaupt den Rücken lehren, weil er ohnehin seine Nahrung stichk in Castrop ziehe“ Ferner wären drei leerstehende Häuser gar nicht besteuert. nämlich 1. das Gerichtsschreiberhaus. Frowein zugehörig. 2. Wiesche=Mertens. Eigentum der Rentmeisterin Homborg. 3. das Gieleusche oder Wulfische Haus.(Vermutlich das spätere Schmiedingsche Haus, das heute noch in der Gasse hinter Röver steht.) Am 22. November 1775 ist nach Aussage des Pastors Gerthmann der Turm soweit sertig, daß er nur noch den Sch#ferbeschlag zu erhalten hat. Am Schluß fügen wir noch die Uebersicht über eine Kollekte bei. an der uns besonders auffällt, daß die Untosten die eingenommenen Gelder, bis auf einen kleinen Rest verzehren. Pastor Gerthmann führt aus: Die Kolleite hat eingebracht 273 Reichstaer. Danon gehen ab: 1. dem Advokaten für Bemühungen und vier Vorstellungen(Eingabe) zur Erhaltung der Erlaubnis 6 Reichstaler. 2. Um den Eingaben Erfolg zu verschaffen, hat sich Pastor Gerthmann in Düsseldorf. Bonn und Köln 14 Tage aufgehalten, für Verpflegung und Postfahrten 28 Reichstaler. 3. Porto 1 Reichstaler. 4. Für Präsente, um die Erlaubnis zu erhalten. (also für Bestechungsgelder!) 10 Reichstaler. 5. Weil der Pastor ansänglich keinen Erfolg hatte. ist er noch zweimal nach Düsseldori gefahren und hat sich jedesmal 3 Tage aufgehalten. 10 Reichstaler. 6. Für einen Vertreter, der die Amtshandlungen während der Abwesenheit des Pastors in Castron besorgte, 10 Reichstaler. 7. Gerthmann hat 94 Tage kollektiert.(Er ist hauptsächlich im Ausland gewesen.) Für Verpflegung 94 Reichstaler. 8. Für den Mann. der„ihm über Berg und Tal die Häuser und Wege gezeigt hat". 62 Reichstaler, 40 Stüber. 9. Dem Boten, der ihn von Düsseldorf und Elberfeld abgeholt hat 5 Reichstaler. 20 Stüber. 10. Um eine Verlängerung der Kollekte zu erhalten. an Präsenten und anderen Auslagen noch 6 Reichstaler. Summa der Auslagen 233 Reichstaler. Einnahmen 273 Reichstaler. Bleibt für den Kirchturmbau ein Rest von 10 Reichstaler. Kornboden eingerichtet, ist 119 Fuß lang. 23 Fuß breit und 14½ Fus hoch, mit Ziegein gedeckt, tariert zu 596 Th., 3 Sagr. 3. Das Backhaus, 66 Futz lang. 35 Fuß breit. 13½ Fuß hoch, taxiert zu 313 Th., 25 Sgar. 4 Der Schafstall eine Blunghütte“), ein Häuschen zum Obsttrocknen 1231 Th. 2. An Ackerland sind im ganzen vorhanden 4 Morgen, 57 Ruthen, kölnisch à 268 Ruthen 7200 Th. 3. An Weiden mit Obstbäumen 32 Morgen. 104 Ruthen- 392 Th., 15 Sagr. 4. An Wiesen 5 Morgen, 136 Ruthen— 1753 Th., 4 Sagr. 5. An Garten 1 Morgen— 235 Th., 15 Sggr. 6. Hofraum= 90 Th., 17 Sggr. 7. Wald 35 Morgen. wovon aber 3 Morgen urbar gemacht worden sind— 2294 Th., 13 Sagr. Im ganzen wurde das Anwesen geschätzt auf 14177 Th., 14 Sgar. Zum Haus und Gut Callenberg gehörten außerdem noch folgende Kolonate: 1. Büchten=Kotten 125 Th., *) Diente vermutlich der Flachsbereitung. Originalbleischnitt von Gustav Adamy Die alte Lamvertitirche in Castrop=Rausel Wie haus und Gut Callenberg in Obercastrop vor 100 Jahren eingeschätzt wurden Um die Wende des 19. Jahrhunderts starb der Name Callenberg auf dem Gute gleichen Namens aus. Besitzer wurde ein Schwiegerionn Werne. der mit Bernhardine Callenberg verheiratet war. Unter dem Datum: Mengede, den 13. Juni 1828— besitzen wir ein Vermächtnis des Hermann Anton Karl Joseph Werne. des Sohnes von Bernhardine. geborene Callenberg. an die Kinder seiner Schweste: Antoinette. Diese war in erster Ehe mit dem Hannöverschen„Zoll=Verificateur“ Daniel Gerbard in Papenborg. in zweiter Ehe mit einem Kaufmann Schleger in Düsseldorf. verheiratet. Das Vermächtnis ist für Theresia Gerhard aus der ersten Ehe bestimmt. Es lautet auf 2000 Thaler, wovon 1670 Thaler von der evangelischen Kirchengemeinde Castron angeliehen werden. Zu dem Zwecke ist ein„Inventarium" des Callenberg=Gutes ausgenommen worden. und zwar am 8. Anril 1828 von den Sachverständigen Greve. Wiehage, genannt Schuite=Lemberg. und Nöthe in Castrov. Wir bringen hier die Aufnahme im Auszug: Titel: An unbeweglichen Gütern und liegenden Gütern: 1. Gebäude. Sind sämtlich alt und baufällig. 1. Das Wohnhaus ist massin von Ziegeln erbaut, zur Wohnung und Octonomie eingerichtet. 80 Fuß lang. 42 Fuß breit und bie auf die Grundmauer 11½ Fuß boch, mit Ziegeln gedeckt, taxiert zu 1070 Thalern, 19 Silbergr. 2. Das sogenannte neue Gebäude zu Stallung, zu Brauerei und Bäckerei, sowie zu Wertvolles westsälisches Heimatarchiv Eines wohl der bedeutendsten Heimatarchive Westsalens dürfte das Archiv des Rittergutes Dahlhausen in Bockum=Hordel sein. Als das Gut im Jahre 1891 in den Besitz der Firma Krupo überging. wurden die Archipvalien in besonderen Räumen untergebracht. In dem Inhalt dieser Unmenge von Atten und Urkunden spiegelt sich eine untergegangene Zeit wieder. Ritter. Grafen und Fürsten, Kurfürsten, Könige und Kaiser melden sich hier in Erlassen und„Publikanden" zu Wort. Man vernimmt den Guts= und Gerichtsherren sowohl als auch die Grafen von der Mark die Herzöge von Berg und Clevc, die Fürstäbtissinnen vorf Essen, den Erzbischof von Köln, wie auch die brandenburgisch=preußischen Könige und Kurfürsten, von des großen Friedrich Nessen(1786—1797), bis hinab zu dem„römischen Kaiser deutscher Nation. Ferdinand dem Ersten“(1556—1564). Der empfängliche Geist vernimmt hier die Leiden. Kämpfe und Kriege einer vergangenen Zeit. den Widerschein des immerwährenden Ringens auf der großen Weltenbühne. Die Geschichte der engeren Heimat ist in diesem Archiv für einen Zeitraum von 400 Jahren auszuhellen. Für die Rechtsgeschichte ist das Archin eine ergiebige Quelle hinsichtlich der Formen des adeligen und bäuerlichen Besitzes. der Aufgaben des Femegericht: und dergleichen mehr. Die Landesgeschichte wird durch die vielfachen Nachrichten über die ständische Gliederung. über führende Geschlechter und hervorragende Persönlichkeiten, über Kriegsereig= nisse usw. bereichert. Das einzige noch bekannte Landesgrundbuch des großen Amtes Bochum vom Jahre 1866 liegt in diesem Archiv. Ständegeschichtlich bietet das Archin noch insofern eine Besonderheit, als die Familie Düngelen(Besitzer von Gut Dahlhausen) fast ein halbes Jahrhundert das Erbschenkamt der gefürsteten Reichsabtei Essen innehatte. Die Herren von Düngelen sind bekanntlich durch Haus Bladenhorst, mit Castrov=Raurel verbunden. Eine Seltenheit ist es auch, über einen Schloßbau soviel Nachrichten. Rechnungen und Briefwechsel zu finden, wie es bei Haus Dahlhausen der Fall ist. über dessen Geschichte das Archin genau Auskunft gibt. Einen Teil des Archivs hat vor einigen Jahren die Stadt Wanne=Eickel erworben. Eine Reihe von Urkunden, die sich auf Bochum beziehen, ist inzwischen in den Besitz der Stadt Bochum übergegangen. Sicherheit des Eisenbahnverkehrs vor 75 Jahren Jedes Ding hat seine zwei Seiten. Die Bürokratie 55 Braugicen Staates. ihre Reigung, für Wohl ne der„Untertanen“ zu sorgen, hat im 19. Jahrhundert gewiß oft den technischen Fortschritt gehemmt. wie denn Friedrich Harlort seine Deilebahn(spätere Prinz=Wilhelm=Bahn) nicht als erste Dampfeisenbahn Deutschlands eröffnent durfte, weil Mister Stephenson in England mit seiner ersten Eisenbahn gerade einen Mann totgejahren hatte. Die strengen Sicherheitsvorschriften, die den ersten vreußischen Eisenbahnen auserlegt wurden, sind wohl manchmal als übertrieben empfunden worden. Aber sie haben ihre gute Seite gehabt. Vor 75 Jahren, 1861. standen die vreußischen Eisenbahnen, was die Betriebssicherheit anging. mit weitem Vorsprung an der Spitze in Eurova. Erst auf 17.5 Millionen Reisende wurde ein tödlicher Unfall verzeichnet, dagegen in Belgien auf.9 Millionen. in Frankreich auf.95 Millionen und in England sogar auf 556.000. Wandrer, schone Wald und Hur, Heilig sei dir die Natur! Halte Weg und Plätze rein, Laß das Spiel mit beuer sein!