Nr. 41 Der Orzähler. 2 9 4 dem Unternebmertum zur Verfügung gestellt worden waren, um einen Kohlendampfer zu löschen. Daß aus Wismar Weimar geworden war, merkten wohl nur die wenigsten Leser. Einige besondert nette Scherze sind kunzlich bei der zweiten Beratung des Etats des Reiassamts des Innern, bei der über alles Möglich= und noch vieler andere geredet wird, entstanden. Aus„sterilisierte Medien“, über die ein süddeutscher Adgcordnete: sprach, waren„sterili sierte Madchen“ und aus der chemischen Bezeichnung„Aldehnde“(für eine gewisse Gruppe or ganischer Vervindungen)„Alte Hüte“ geworden. * Vergungungsreisen zum Kriegsschauplat. Wie man in Amerika aus dem Krieg zwischen Rußland und Javan Kapital zu schlagen sucht, zeigt eine Mitteilung des„Daily Expreß“ aus New-York. Es wird nämlich berichtet, daß zwei unternehmungslustige Dampfschiffahrts=Gesellschaften in San Franzuko und Seattle bereits angekündigt baben, daß sie Bergnügungsfahrten nach dem Kriegsschauplatz arrangieren. Auf den Plakaten, die sie aushängen lassen. sind die folgenden Worte zu lesen:„Man komme und sehe sich den großen Kampf und die großen Schlachten an. Mächtige Schemwerjer werden mitgenommen, für den Fall. daß die Schlachten bei Nacht geschlagen werden sollten. Es handelt sich um die großen Schlaaen des modernen Seekriegs, die man bisher noch miemals gesehen hat. Absolute Sicherheit wird garamiert. Unsere Schiffe sind die schnellsten auf dem ganzen Stillen Ozean und unsere Maschmen kenner wr Geschäft. Man beuutze diese einzige Gelegendeit.“ Besondere Preise sind für diese Fahrton ausgeschrieben und in Verbindung mit denselben werden bereits ermäßigte Rundreisekarten durch alle japanischen Häfen ausgegeben. Gleichzeing verschicken diezelden Eisenvahn- und Dampfschtnahrtsgesellschaften mit den Einladungen zu dieson Fahrten, die sie als absolut sicher bezeichnen. Reklamebriefe von Lebensversicherungsgesellschaften, in denen es heißt, daß es vielleicht doch klüger sein wurde, sein Leben zu versichern ehe man eine solche Reise antrikk. Weiter wird berichtet, daß das Publikun sich ganz auße rordentlich zu diesen Fahrrten drängt. Von einem reichen kalifornischen Landwirt vird berichtet, daß er die Mitglieder seiner Familie i#gte, od sie lieber die Schlachten zwischen den Jazanern und Russe= ansehen oder aber die Weltaustellung von St. Louis senn wollten, worauf alle, der kleinen siebenjährigen Sohn eingerechnet sich für der Krieg entschieden.— recht amerikanische Unternehmen zeugt von einer Rabbeit der Sitte und Besuhle, wie man sie bisher nur aus dem untergezenden Romerreiche kannic. * Ein boser Aprilscherz außer der Zeit ge: in diesen Tagen dem Bürgeimeister und Gemeinderai der guten Stadt Kilmarnock in Schottland viel Kummer und Aerger dereitet. Kilmarnock ist ein Ort, der sich nit dem Andenken des großen schottischen Dichters Burns besonders eng verwachsen fühlt. In seinen Mauern ist die erste Sommlung von Jurns Gedichten im Druck erhienen, und auch son: hat die Stadt mit dem in seinem Baterlende hochverehrten Dichter manche Berührungspunkte. Run ist aber bekannt, daß der schottisch=amerikanische Veroßmiklonär Andrei Cernezie, der Mann, der mit Vorliebe Volkshibliotheken stiftet, in besonderm Grade für deu nationalen Dichter schwärmt, und Bürgermeister und Stadtoäter waren daher bei weitem mehr erfreut als über#oscht, als ihnen diese: Tage aus Edingdurg ein Schreiin zuging. worin Herr Hew Morrison, Carnegies delnnter Ratgeber in Bibsiothekangelegenheiten, die Miteilung machte, der Stoi##### deabsichtige, in Kilmar= zock dem Andenken des Dichters zu Ehren einen kostdaren Mormortempel zu errichten, der indesten nicht über 100 000 Pfd. St. kossen dürfe. Es wurde da ausgeführt, on der Prachtbau aus Grankt, weißem Mamor und anerm kostberen Maierial erhaut werden solle, wie Standbilder berühmter Zeitgenossen des Tichters und bekannter Gestalten aus seinen Schöpfungen darin aufgestellt werden und unter der Kuppel eine keusche Figur des unsterdlichen Genius ihren Platz finden solle. Die Stadtväter horten diese Schilderung mit stolzem Entzücken. Sie sahen bereits im Geiste Kilmarnock als Walljahrts tatte und Scharen von inländischen und ausländischen, besonders amerikanischen Pilgern zusammenströmen, die im Tempel des Dichters Kränze niederlegen und außerdem die Fremden=Industrie heben werden. Die Mitteilung über die hochherzige Spende ging von Hand zu Hand. Sie war sauder mit der Schreibmaschine hergestellt. Auch die Unterschrift Morrisons war damit angefügt und daneben stand, ganz geschäftsmäßig geschrieben,„per J. C.“. Niemand sand an der ganzen Zuschrift etwas Aufälliges, und Bürgermeister und Rat taten, als sie vom ersten Ansturm freudiger Aufregung sich erholt hatten, das, was sie und andere unter solchen Umständen für richtig hielten: Sie satzten in schwungvoller Sprache die nötigen Beschlusse und beeilten sich, Herrn Morrison und dem: großmütigen Spender die Annahme und den Dank der Stadt für das großartige Geschenk pflichschuldigst zur Kenntnis zu bringen. Auf den Rausch der Freude folgte aber sehr bald der Katzenjammer der Ernüchterung, denn umgehend lief ein weiteres Schreiven des bereits genannten Herrn Morrison, diesmal aber oon dessen eigener Hand. ein, worin Bürgermeister und Rat von Kilmarnock seiner herzlichen Teilnahme für den grausamen Scherz versichert, den man sich mit ihnen erlaubt habe, und auch bedauert, daß man das warme Interresse, das perr Carnegie für den vaterländischen Dichter empfinde und auch bei seinem Besuch in Kilmarnock kundgegeben habe, mißbrauche, um ihm ganz grundlos eine törichte Geschmacklosigkeit auszubürden. Seitdem spähen die schwergeneckten Stadtrate wutend, doch bishei vergebens, nach dem Urheber des mutwilligen Streiches, sie den unter den schlimmen Gesellen des Ortes suchen, und alle Welt spricht mit lauter sittlicher Entrustung von dem ruchlosen Frevel und lacht doch im stillen mit über die Väter von Kilmarnock Ein lehrreiches Denkmal. Man schreibt der„Frankfurter Ztg.": Für wen werd eigentlich Denkmäler errichtet? So fuhlt man sich oft versucht zu fragen, wenn man sieht, wie heutzutage die Tenkmaler wie Pilze aus der Erde schießen. Daß die auf vielen von ihnen genannte Veranlassung nicht die eigentliche Ursache ihrer Crrichtung gewesen ist, das leuchtet ja bei manchen sofort ein, es ziebt aber ein Denkmal, das in dieser Hinsicht besonders lehrreich ist, nicht bloß zur Erklärung der Denkmalssucht, sondern auch zur Eharakterisierung der Bevölkerung, die es errichtet hat. Dieses Denkmal stebt zu Orange in Südfrankreich, das bekannt ist wegen der zwei großartigen Zeugen aus seiner gewaltigen römischen Vergangenheit, die schon von weirem den Blir des Reisenden auf sich ziehen, da sie die niedrigen, kleinen Hauser des Städichens hoch überragen: das sind der Triumphbogen und das antike Theater. Ein zweistündiger Aufenthalt genügt für gewöhnlich den Besuchern zur Besichtigung dieser beiden Sehenswürdigketten. und die meisten gehen an jenem anderen Denkmai achtlos vorüber. Aeußerlich ist es ja auch unscheinbar genug: ein gewöhnlicher Sandsteinobelisk, dazu noch ziemlich abseits am Fuße des Hügels gelegen, an den sich das Theater anlehnt. Doch lesen wir die Aufschriften auf den vier Flächen. Da heißt es auf der einen Seite: Die Gesellschaft der Kämpfer von 1870/71 hat dieses Denkmal mit Hilfe einer öffentlichen Subskription für das Arondissement Orange errichtet. Divisionsgeneral Colonien(in ganz großer Schrift,) Ehrenpräsident. Dann folgen alle mit Namen aufgezählt: die Herren.... Präsident, zwei Vizepräsidenten, der Sekretär, der Untersekretär, der Schazmeister, der Unterschagmeister und acht Ausschußmitglieder. — Auf der entgegengesetzten Seite steh:: Die Einweihung des Denkmals fand statt am 12. August 18944 unter dem Vorsiitz des Herrn Leygues. Ministers des öffentlichen Unterichts und der schönen Künfte. Casimier Perier, Präsident. Darauf folgt die ganze Stufenleiter der staatichen und städtischen Behörden: Präfrekt, Unterpräjekt, zwei Senatoren, der Beymerte, Bürgermei#er.#0 Adjunkte und sage und sche is: swazzig Siad. 5 gemerkt, alle mit Namaausoinkun ung 0 Rückseite lesen wie: Zur Ereichtung des ven m#s Aur beigetragen die Gemeinden. und nun folgen 30 S isnanle. aus dem Arrondissement.— Die Vordet##eie endih ent hält die Worte:„Das Accondissement Orange seiner 1870/71 für das Vaterland gestorben: Kind r.“ Ader die Namen diesec Gefallenen suht man vergebens auf dem Denkmal! Fir sie war offenbar neben jenen 46 Personen= und 30 Octonamen kein Raum mehr. Wozu auch? Sie sind ja doch schon lange tot, aber die Hecren vom Denkmnalsnuschuß, die leben noch, die können sich auch ihrer in Goldschrift eingegradenen Namen noch freuen! Wie richtig hat doch Dautet seine südlichen Landsleute geschildert! Orangliegt ja auch gar nicht so weit von Tarascon. Vom * Gaskraft und Gasbeleuchtung haben allen gewaltigen Errungenschften der Elektrizum Srand gehalten und auf weiten Gebieten des Handels und der Industrie, des gewerblichen und wirtschaftlichen Lebens ihr Feld erkämpft oder siegreich behauptet. Staunenswerte Fortschritte der Chemie und der Technik werden sie noch auf lange Zeit hinaus nicht allein konkurrenzfähig, sondern auch geradezu unersetzlich erhalten. Zu Beleuchtungszwecken dienen heutzutage bekanntlich neben dem Steintohlen=, dem Luft= und Wassergas auch die Gasc von Fetten, Oelen, Petroleum, Spiritus und Calciumkarbid(Acetilen). Noch vor wenigen Jahren kannte man ausschließlich die offene und kostspielige Flammenbeleuchtung; heute ist diese fast ganzlich durch die Auersche Erfindung, das Gasglühlicht, verdrängt, das mit weniger Gas bedeutend mehr Licht erzielt. Stetig wird an der Vervollkommnung dieser ungemein wertvollen Erfindung gearbeitet; es hat sich ein eigene Gasglüllichtindustrie entwickelt, deren Vertreter einander durch möglichst große Ausnutzung des Gases, Verbesserung der Brenner und der Glühkörper zu überbieten trachten. Neuerdings ist auch das Petroleum= und ganz besonders erfolgreich das Spiritusglühlicht auf den Plan getreten. Beide haben gegenüber dem durch Leucht= Oeloder Luftgas erzielten Glühlicht vor allem den Vorzug der Transportfähigkeit. Wer sich über diese Beleuchtungsarten, deren verschiedene Systeme, die Zündvorrichtungen, Fern= und Selbstzünder etc. unterrichten will, findet eine ganz vortreffliche, die neuesten Errungenschaften der Technik berücksichtigende Darstellung in Heft 52 von Herders Konversationslexikon. Zahlreiche Abbildungen auf der besonderen Beilage„Gasbeleuchtung“ ergänzen den ausführlichen Tert. Von besonderem Interesse ist dir vergleichende Tabelle über Materialpreis, Verbrauch und Preis pro Hefnerkerze und Stunde der am meisten verbreiteten Beleuchtungsarten, wobei auch das elektrische Licht(Bogenwie Glühlicht) in der Uebersicht mit einbezogen ist. Auch die Gaskraftmaschinen(Gasmotoren), denen im gewerblichen Leben eine so bedeutende Rolle zugeteilt ist, werden in Text und Bild auf einer eigenen Beilage geschildert. Eine Tabelle zeigt, daß die Gaskraftmaschinen für Leuchtgas bei kleinen Leistungen, für Kraftgas in jeder Größe hinsichtlich der Betriebskosten der Dampfmaschine gleichwertig sind. Die besonderen Vorteile: geringer Raumbedarf, unbeschränkte Wahl des Aufstellungsortes (auch unter bewohnten Räumen), gefahrloser Betrieb, stete Betriebsbereitschaft, Fortfall der Brennstoffkosten während des Stillstandes der Maschine, sichern der Gaskraftmaschine auch gegenüber dem zwar bequemeren aber teuerern Elektromotor gerade im Kleingewerbe eine noch stets fortschreitende Beliebtheit. Nicht unerwähnt bleibe daß der Leser auch über die beliebten Gasautomaten, die nur nach Einturf eines Geldstuckes eine abgemessene Gasmenge abgeben, ferner über die Gasmesser(oder Uhren), sowie die neuerdings so vielfach angepriesenen Gasdruckregler, endlich über die Vorsichtsmaßregeln bei Gasausströmung und über Gasein atmungskrankheiten, aufgeklärt wird, was besonders allen, die Gas im eigenen Hause, sei es zur Beleuchtung, zur Heizung, zum Kochen oder zu gewerblichen Zwecken benützen, gewiß sehr willkommen ist. Verlag und Rotationsdruck der Märkischen Vereinsdruckerei. Verantwortlicher Redakteur F. Z. Knappe in Bochum. Jean Pyra's Handelsiehranstalt, Bochum, Friedrichstrasse 30, Mitglied des Verbandes deutscher Handelsschullehrer und kaufmännisch gebildeter Bücherrevisoren. Gründliche Ausbildung ven Damen und Herren für die kaufmännische Praxis. Pür Damen Unterrichtssaal separat. Die feinsten Referenzen stehen zu Diensten. Bevor Sie einen Kursus beginnen, erkundigen Sie#s icn. — Prospekte gratis. ### Verbereitungskurse für Bergschüler. X Anmeldungen werden zu jeder Zeit entgegengenommen. Täglich erscheinendes Unterhaltungsblatt Eräume Und necht Coten: Ohne Erbait tohrt dir nichts geruten. Bei der Arbeit recht Begianen, Bein Gegießen rechter Schluß. Nr. 41. Gratisbeilage zur Westfälischen Volkszeitung. 20. Februar 1904 Lebenswege. „Nein,“ sagte sie.„alle meine Bemühungen sind fruchtlos. Was mag es nur sein, das zwischen uns getreten ist?— Kaum ist es mir gelungen, ihm einen freundlichen Blick, ein anerkennendes Wort abzugewinnen, so stellt er Tage lang seine Besuche ein. Ich könnte ihn hassen wegen seiner Gleichgültigkeit, wenn ich ihn nicht so unsagbar liebte!— O, diese Liebe, wie sie mich verfolgt!— Wie viele haben mir in den paar Jahren meines Bühnenlebens ihre Huldigungen zu Füßen gelegt, die mich wohl erfreuten, aber mein Herz nicht berührten. Als ich jedoch zum ersten Male in seine dunklen Augensterne blickte, war es um meine Ruhe geschehen. Wie glücklich machten mich seine Huldigungen, wie deutlich las ich auf seinem teueren Angesicht die Liebe zu mir. Wie pochte mein Herz in Seligkeit, wenn die Stunde seines Besuches schlug, wie sehnsüchtig lauschte ich auf seinen mir wohlbekannten Tritt, auf eine Stimme, die im Vorzimmer meinen Namen nennen würde. Und dann, ja— und dann—“, sagte sie,„dann folgte eine andere Zeit.— Wie oft lehnte ich mit pochendem Herzen oben am Treppengeländer, horchend, ob er nicht kommen würde; aber er kam nicht, heute nicht morgen nicht, die ganze Woche verging, ohne mir den Geliebten zu bringen.— O, wie habe ich gelitten, wie mich nach ihm gesehnt! Ich glaubte es nicht ertragen zu können. Ich fand kein Vergnügen mehr an den Beifallsspenden des Publikums, die zahllosen Huldigungen, die oft in den duftendsten Bouquets dargebracht, legte ich achtlos bei Seite; mit tausend Freuden hätte ich sie alle hingegeben um einen Liebesgruß, ein Lächeln des Einzigen! Doch dieses blieb mir versagt. Auf der Bühne suchten meine Augen in der Menge nur ihn, aber vergebens.— Die Mutter schalt mich zwar ein törichtes Mädchen; sie meinte es sei das Los der Schauspielerin, keinen Mann dauernd fesseln zu können; die Gattin, die Hausfrau, suche man sich nicht eben unter diesen. Die Mutter mag Recht gehabt haben, jedoch diese Schranke ist gefallen, ich bin keine Schauspielerin mehr, bir wie andere Mädchen auch. Warum kann ich ihn denn jetzt nicht mehr fesseln? Habe ich meine früher viel gepriesenen Reize verloren?“ Jäh sprang sie auf und eilte mit der Kerze zum Spiegel. Die schweren Flechten hatten sich gelöst und die dunklen Haarmassen umwogten das von großer Erregung gerötete Antlitz. Sie unterzog alles eine: genauen Prüfung; die hohe edle Stirn, die dunkelblauen blitzenden Augen, den schön geformten Mund. — Sie war sich h Erzählung von Clara Wilhelmi. zu haben; im Gegenteil, das schwarze Gewand hob ihren feinen weißen Teint vorteilhaft hervor. Zufrieden lächelnd schaute sie ihr Bild im Glase an. Sie dachte darüber nach, daß viele Mädchen von der Natur nicht so glänzend ausgestattet seien, wie sie, und doch ein liebendes Herz gefunden hätten.— Warum denn sollte es ihr nicht gelingen, diesen Einen zu gewinnen? „Nun wohl,“ sagte sie, sich vom Spiegel abwendend,„da die Schönheit mir treu geblieben ist, nehme ich den Kampf um sein Herz, seine Liebe auf. Mein muß er werden um jeden Preis! Ich will ihn durch mein Spiel begeistern, mein freundlichstes Lächeln, meine zarteste Hingebung ihm entgegenbringen, werde nicht eher ruhen und rasten, bis ich ihn nicht zu meinen Füßen, sondern in meinen Armen, an meinem Herzen sehe!" Von diesem Tage an war sie hinreißender, bezaubernder denn je. 10. Jetzt ist er hinaus in die weite Welt, Hat keinen Abschied genommen. Jos. Viktor Scheffel. Auf den frühen und sehr warmen Frühling folgte ein kühler, nasser Sommer. Der Regenschirm war des Spaziergängers unzertrennlicher Begleiter, die Bedenklicheren holten Ende Mai sogar ihre Winterüberzieher wieder hervor, und Mitte Juni wurde in verschiedenen Oefen ein Feuerchen angelegt. Da mit einem Male schien die krankelnde Sonne wie durch Götterkraft plötzlich genesen, und eine Sommerfreude ging über alles Land hinaus, noch einmal so wonnig und herrlich, als sollte das Versäumte doppelt vergütet werden. Die schönen, alten Bäume des Tiergartens der Residenz sahen unter dem wolkenlosen Himmel so groß, so majestätisch aus, als wären sie über Nacht um ein Bedeutendes gewachsen und die Menschen darunter liefen lachend aneinander vorüber und grüßten sich mit einer Herzlichkeit, als wären sie alle durch die größte Harmonie verbunden. In dem Trubel der lachenden und schäkernden Menge ging ein einzelne, elegant gekleidete Dame. Sie grüßte hier und da einige ihr Entgegenkommende, unterhielt sich auch wohl kurze Zeit mit ihnen, sobald diese aber weiter gegangen, suchte die Dame auf weniger besuchte Wege zu kommen. In Gedanken verloren, die Augen auf den Boden geheftet, war nden Augen, den schon geformten weund. 8ten berldien, die augen auf den Boben gehestel“ in sich bewußt, keinen ihrer Reize eingebüßt sie achtlos weiter gegangen, von dem Kiesweg (Nachdruck verboten.) über den jungen Rasen, über altes Moos, über eine Wiese, an deren Rand die vergilbten Blätter vergangener Jahre unter ihren frischgrünenden Baumer als ein undurchdringlicher Teppich lagerten. Bei einer Bank blieb sie stehen und schaute sich mn; hier war sie ganz allein und konnte ungestört ihren Gedanken nachhängen. Diese mußlen nicht erfreulicher Art sein, denn ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust, als sie sich auf die Bank niederließ; sie bedickte ihr Gesicht mit dem Taschentuch und gleich darauf ließ sich ein leises Schluchzen vernehmen. „O Gott diese Behandlung.“ klagte sie,„es ist nit mehr zu ertragen. Wie grenzenlos unglücklich bin ich! O, wer mir dies vor fünf Jahren gesagt hätte.“ Die Dame hatte eine kleine Weile sich dem Ausbruche ihres Schmerzes hingegeben, da bogen sich die Zweige dicht neben ihr auseinander, die welken Blätter rauschten dazu und ein elegant gekleidete# Herr trat aus dem Gebüsche hervor. Er blieb vor der Dame stehen. Das Rauschen des dürren Laubes ließ sie aufsehen und mit einem Tone, worin der Schreck nicht zu verkennen war, rief sie: „Mein Gott, Herr von Bergen. Sie hier?" „Jawohl, Frau Werner, ich bin es,“ war die Antwort,„darf ich mich zu Ihnen setzen? Bin außerordentlich überrascht, Sie hier zu sehen. Aber Du lieber Gott was sehe ich? Ihre schönen Augen sind ja vom Weinen gerötet.“ Während er sprach, hatte er sich neben Kätt auf die Bank gesetzt und ihre Hand ergriffen. wandte das Gesicht ab und suchte die Tränen zur zudrängen. „Ich glaube die Ursache Ihrer Tränen— kennen,“ fuhr er fort,„da Sie vorhin einige Worte aussprachen.“ „Wie Herr von Bergen, Sie haben...“ „Gehorcht, wollen Sie sagen, meine Gnädige.“ unterbrach er sie.„Nein, ich kam zufällig hierher, schlenderte durch das Gras unter den Bäumen ber. fand plötzlich ein wunderschönes, kräftiges Kleevierblatt und dachte darüber nach, welches Glück mir dieses verheiße. Da sah ich Ihr helles Gewand durch die Bäume schimmern, eilte hin, um mir das beschiedene Glück in Empfang zu nehmen und hörte Ihre Worte.“ Die junge Frau schwieg; es war ihr unangenehm. sich so überrascht zu sehen. „Uebrigens sagten mir Ihre Worte nuds Nauut.“ rn Munn Mu M M Bunsung M m an M M M M A M g n uiume Hung W 8 3 —JguzaLsSvjuuö— 9 Nr. 41 Der Erzähler. 1901. Nr. 41. Der Erzähler. 1904. unterbrach Hugo die Pause.„Glauben Sie, ich habe es nicht beinerkt, wie Ihr Gemahl Sie tyrannisiertwelcher unwürdigen Behandlung Sie im Hause ausgesetzt sind?. O, wie oft habe ich das tiefste Mitleid mit Ihnen empfunden.“ Bei diesen Wr##en richtete sich Kathchen stolz auf; sie wollte glücklich und beneidet sein, es wenigstens der Welt gegenüber scheinen; und jetzt wurde ihr gesagt, daß sie oft tiefes Mitleid erregt habe. Der Ton war daher recht herbe, als sie sagte: „Ihr Mitleid mein Herr, begehre ich nicht.“ „Nicht Mitleid allein fühle ich für Sie,“ entgeg neie er, ihre Worte verkehrt auffassend.„Nein, ich fühle mehr für Sie und will Sie dieser Ihrer unwürdigen Stellung entreißen. Ich habe auch öfters in Ihren Augen gelesen, daß ich Ihnen nicht gleichgültig bin: nun wohlan, werfen Sie die lästigen Fesseln ab und folgen Sie mir. An meiner Seite sollen Si= das herrlichste, das freudevollste Leben führen!“ Entrünntung hatte die junge Frau diesen Worten egehort; sie war sprachlos vor Erstaunen und verletztem Ehrgefühl. „An meiner Seite sollen Sie diese latzten bitteren Jahre vergessen," fuhr er. durch Käthchens Schweigen ermutigt, fort.„Ich will Sie auf den Händen tragen wa....“ Kein Wort mehr!" rief ne jäh aufspringend. Also dahin war es gekommen mit ihrem Leichtsinn. Sie hatte die Huldigungen der jungen seinen Herrn gern##gegen genommen, weil sie ihrer Eitelkeit schmeichelten, ane weiter hatte sie nicht dabei gedacht. Ihre Stimme#itterte vor Erregung. „Ein jedes Ihrer Worte ist eine Beleidigung! Wie dürfen sich erlauben, eine solche Sprache zu führen?“ Jetzt war die Reibe des Erstaunens an von Bergen. Bewumndernd sah er dies stolze, zürnende Weib in, weches ihm noch nie so schön erschienen. Er mußte sie besiegen, hatte sie doch früher gern seinen Schmeicheleien Gehör geschenkt. Er war nicht gewornt, sich auf solche Weise ab fertigen zu lassen. deshall reizte das Benehmen Käthchens ihn noch mehr an. „Käthchen, höre mich," begann er wieder, indem ei von neuem ihre Hand ergriff und sie zu sich auf die Bank zu ziehen versuchte. „Zurück, berühren Sie mich nicht,“ rief sie seine Hand zurückschleudernd. O, wie fühlte sie sich beschämt, wie gedemütigt; welch niedrigen Charakter hatte man ihr zugetraut. Wie gut war es, daß niemand in der Nähe gewesen und die Worte, die zu ihr gesprochen wurden, gehört hate. Gehört waren sie freilich nicht, weder Hugo's noch Käthchen's Worte, aber einen Beobachter hatte das Wortspiel doch. Hätte Käthchen die drohenden blitzenden Augen gesehen, welche von jenseits der Wiese unter den Bäumen her zu der Gruppe hinüberblickten, sie würden noch mehr gezittert haben. Es war Paul, der da drüben stand. Am Nachmittag, als Käthchen sich zum Spaziergange bereit machte, saß Paul in seinem Komptoir am Schreibtisch und kramte in den verschiedenen Facern und kleinen Behältern. Heute Morgen hatte ihn der Buchhalter daran erinnert, daß morgen und an den folgenden Tagen verschiedene große Posten bezahlt werden müßten. Paul zählte seine Barschaft nach, aber sie reichte lange, lange nicht, die fälligen Posten zu decken. Er sah die vor ihm lie genden Papiere durch und fand, daß Käthchen mit ihrem Lurns und ihrer Prunktsucht große Summen vergeudet. Es fanden sich aber auch noch andere Papiere vor. Quittungen über bezahlte Spielschulden und verlorene Wetten von nicht geringer Höhe. Paul fand es, wie so viele, bequemer, die Schuld von sich auf andere zu schieben: so legte er den ihn drückenden Geldmangel auch einzig seiner Gattin zur Last, und machte ihr innerlich die bittersten Vorwürfe. Doch hiermit war ihm nicht geholfen, seine Lage wurde dadurch nicht verbessert. Grollend legte er die Paviere wieder zusammen an ihren Platz und rüstete sich zum Ausgang. Sein Freund Bergen mußte ihn nochmals aus der Verlegenheit helfen. Er ging zwar ungern hin, denn seit dieser so oft, fast täglich in seinem Hause verkehrte, haßte er ihn beinahe. Aber wohin sollte er sich onst wenden? Bei Hugo fand er immer einen offenen Beutel. deshalb ging er denn auch zu dessen Wohnung. „Der junge Herr ist ausgegangen,“ wurde ihm dort gesagt,„er ist spazieren, wahrscheinlich zum Tiergarten.“ So begab sich auch Paul dahin, denn er wollte je eher desto lieber mit Herrn von Bergen sprechen, damit er die Geldsorge vom Herzen bekomme. Er durchstreifte die belebtesten Wege des Gartens und spähte überall umher jedoch vergebens, nirgends war der Gesuchte zu finden. Da suchte er denn auch die einsameren Gänge auf, aber ohne Erfolg. Enttäusche entschloß sich Paul zur Heimkehr. Noch einmal ließ er seine Augen umherschweifen und siehe, dort jenseits der Wiese, war das nicht Hugo? Er ging näher; ja, er war es ohne Zweifel. Aber wie sonderbar! Hugo hatte sich auf einer Bank nie dergelassen, jetzt bewegte er sich zur Seite, er war nicht allein eine Dame wa bei ihm. Sah er recht? Ja, dort saß Bergen neben Käthchen auf der Bank. hatte ihre Hand erfaßt und redete eifrig mit ihr. Was hatten die Beiden nur so Heimliches mit einander zu reden, daß sie in seinem Hause nicht oft genung, oder befürchteten sie, dort durch eine Dazwischenkunft gestört zu werden? Die Eifersucht stieg in hellen Flammen auf, er hätte hineilen und seine Frau samt ihren Galan zur Rede stellen, nein, er hätte sie beide erwürgen mögen. Aber es war ja Hugo, der ihn so oft aus der Verlegenheit geholfen. dem er verpflichtet war; er durfte diesem gegenüber nicht so auftreten, wie er es möchte. Ha, Schlange, Du.“ knirschte er zwischen den Zähnen hervor während er die Faust in der Tasche ballte.„Du sollst mir dies büßen. An Deinem Galan darf ich mich nicht rächen, aber Dich will ich zertreten wie einen Wurm.“ Wäre Paul noch länger auf seinem Lauscherposten geblieben, er würde gesehen haben, wie Käthchen Bergen heftig zurückwies und sie allein den Heimweg antrat. Paul wartete aber nicht lange, sondern stürmte wie ein Rasender fort. „Auch das noch.“ zischte er:„nicht genug. daß sie mit ihrer übermäßige Prunktsucht mich fast zu Grunde richtet muß nic mir auch dieses noch zufügen.“ (Fortsetzung folat.) Nach kurzer Zeit wurde die Tür langsam und vorsichtig geöffnet und Elsa stand der Blinden gegen über, die ihre glanzlosen Augen auf die Fremde richtete, mit dem ängstlichen Gefühl, ob sie dem Besuche Einlaß gewähren solle oder nicht. „Ist Fräulein Helene daheim? ich mochte sie sprechen," begann Elsa- durch den starren Blick der armen Frau eingeschüchtert. „Wer sind Sie?“ lautete die ruhige Entgegnung. Doch kaum hatte sie den Namen gehört, als das Antlitz der Blinden sich erhellte und sie den Gast in das bescheidene Wohnzimmer führte. „Wie gut, daß Sie gekommen sino, Fräulein Elsa, ich fürchtete schon. Sie hätten uns vergessen,“ rief ihr die Kranke entgegen und deutete mit der Hand am einen Stuhl. dicht an ihrem Lager. Die Blinde hatte das Zimmer verlassen, jedenalls wollte sie Helene benachrichtigen und Elsa fand inzwischen Zeit, im Zimmer Umschau zu halten. Sie wunderte sich im Stillen über die Möglichkeit, daß Menschen in diesen elenden Räumen glücklich leben könnten. „Wir würden uns freuen, wenn Herr Willford morgen an unserer kleinen Festlichkeit teil nehmen wollte; es kommen viele Musikfreunde zu uns. und ich kann ihm in Voraus einen genußreichen Abend versprechen,, begann Elsa. „Sie meinen es gewiß gm," versetzte die Kranke freundlich,„aber mein Bruder wird Ihre Einladung doch ausschlagen. Er geht grundsätzlich nie in Ge sellschaft und seine zahlreichen Schüler nehmen fast seine ganze Zeit in Anspruch.“ „Wenn ich ihn heute selbst bitte, macht er vielleicht eine Ausnahme," beharrte Elja,„eine kleine Ab wechselung muß ihm doch eine Erholung sein.“ „Das ist unmöglich. Er ist nicht zu Hause." Elsa blickte ungläubig die Kranke an.„Er ist nicht zu Hause?" wiederholte sie kopfschüttelnd,„das ist doch sonderbar, ich habe ihn doch mit meinen eigenei Augen gesehen: er betrat nur wenige Augenblicke vor mir das Haus.“ Wirklich? nun, dann muß ich mich geirrt habenaber dennoch kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, der Organist lehnt jede Einladung entschieden ab; er nimmt hier im Hause noch nicht einmal Besuch von Fremden an.“ „Guten Morgen. Fräulein Elsa,“ ertönte in diesem Augenblick Helenen's heitere Stimme, als sie der Freundin die Hand zum Gruß entgegen streckte. „Wir mochten Sie bitten, einige Notenhefte mit zubringen, und meine Mutter hofft, daß der Herr Organist Sie begleiten wird.“ Das begreife ich, aber ich will ihn spater fragen, er ist jetzt nicht hier.“ Elsa sah betroffen auf: Hätte sie nicht imt ihren eigenen Augen den jungen Mann vor wenigen Minuten gesehen, so würde sie gern den Worten de: Schwestern Glauben schenken, aber jetzt wußte sie, daß sie absichtlich getäuscht wurde. Mißmutig und verstimmt erhob sie sich, bai Helene noch einmal. doch ja nicht die Noten zu vergessen und verließ bald die Hütte. „„* Die prächtig geschnnückten Gesellschaftsräume der reichen Kommerzienrats Laube waren mit zahlreichen Gästen gefüllt. Er pflegte diese musikalischen Umerhaltungsabende nur selten zu arrangieren, wenn es aber geschah. so waren dieselben so prunkvoll und anziehend wie irgend möglich. In der einen Ecke saß der alte Dr. Hartung im eifrigen Gespräch mit einigen jungen Gelehrten. Er war so sehr von der geistigen Unterhaltung gefesselt, daß er gänzlich darüber sein jüngster Töchterlein vergaß, und gar nicht darüber bemerkte, wie eifrig es sich hinter schlanken Palmenwedeln mit einem fremdländisch aussehenden Herrn unterhielt. „Wie gefällt Ihnen das gesellige Leben hier in Deutschland?" fragte soeben die junge Dame, worauf der Fremde lächelnd erwiderte, daß ihm emn olches Leben zu neu und fremd sei, um sich ein Urteil darüber zu erlauben. Gestehen Sie es nur, Herr Rock. Sie hatten in Canada von einem gesellschaftlichen Leben gar keine Ahnung.“ fuhr die junge Dame heiter plaudernd fort.— „Nicht die geringste. Mein Onkel kümmert sich sogar wenig um seine eigenen Gutsnachbarn. Er liebt ein freies, gesundes, ungebundenes Farmerleben, das er nur um meinetwillen aufgegeben hat" Wie kam das? Gefiel Ihnen das Leben nicht in Canada?“ „Im Gegenteil, ich war dort sehr glücklich. Aber mein Onkel Rovert, er ist gar nicht mein rechter Onkel; er adoptierte mich, als ich noch ein ganz kleines Kind war wollte mir eine ganz gute Ausbildung verschaften, wie ich sic dort drüben nicht recht haben konnte. Darum verkaufte er seine Besitzungen und reiste mu zr nach Europa. Vor einigen Monaten hat er sich in England angekauft, wohin ich ihm väter zu folgen gedenke.“ „Wie edel und bochherzig von ihm! Ist er verbeiratet? Nein, er lebt als Junggeselle. Es liegt ihm wenig an der Gesellschaft von Damen— wahrscheinlich hat er in seiner Jugend nicht die Richtige gefunden,“ setzte er scherzend hinzu, einen bewundernden Blick in das liebliche Antlitz der Dame werfend „Herr Rock, wo sind Sie denn eigentlich Sie haben sich sa versteckt“ erklang plötzlich die heitere Stimme der Wirtin.„Konimen Sie doch mit in das Musugiumer; ich höre soeben daß Sie eine prachtvolle Stimme und einen guten Tenor haben. Sie werden unserer Gesellschaft zu Liebe doch singen, nicht wahr?“ schmeschelte sie bittend.„Es sind hier viele Musikfreunde versammelt, dene Sie noch nicht vor gestellt sind. „Gewiß geye ich muit Ihnen, wenn Sic es wunschen= und gern will ich auch mein Bestei tun.“ en klärte der Angaredete bereitwillig.„Vielleich Fräutem Hartung meine Lieder begleiten, fügte er bittend vinzu. Martha lachte ve dieser Zumutung hell auf Ich würde es mut Vergnügen tun, aber aule meine Bekannte wissen, daß ich gar nicht musikalisch vin gestand sie offen.„Ich könnte kein Liedchen beglei ten selbst werm es gälte mein Leben damit zu rut Konimen Sie nur, Her: Rock ich stelle Sie einer Dame vor die Ihren Anforderungen vollkommen ge nügen wird. Sie ist vier Museklehrerin, es ist alse ihr Foch“ Herr Rock folgte seiner Wirtin ins Musikzimme Dicht vor dem Instrument, in den Noten blätternd. sand eine junge Dame in dunkelblauem Sammetlleide mit kurz gelocktem Haar und lebhaften fenrigen Augen. (Fortsetzung folgt.) Der Organist. Novelle von C. Borges. 5. Kapitel Wenn der Organist gehofft hatte, daß seine ganz energische Weigerung der Einladung des Pfarrers Folge zu leisten, zon allen gerellschaftlichen Pflichten überheben wurde#o hatte er uic grundlich getäuscht. denn zu seinem nicht geringen Erstrunen schien ge rade das Gegenteil eintreten zu woll... Wie ein Lamener verbreitete sich die Kunde, daß der talentvolle zung Künstler geflissentlich jeden geselligen Vertehr meide und die tauendzungige Fama stempelte ihn bereits zum Menschenbasser. In Folge dieses müßigen Geredes fingen die Leute an sich mehr als notwendig um die Bewohner der Rosenvilla zu bekümmern Einige Neugierige wagten sogar, die entlegene Hütte aufzusuchen um unter irgend einem erdachten Vorwande Gelegenhau zu finden, die Bekanntschaft des jungen Mannes zu machen. Ihr Bemühen war nußlos. In aber ganz entschiedener Weise, die keinen Wid#####ruch duldete, berichtete Helene oder die kranke Scha###er, daß der Organist zu sehr von seiner Zeit in Anspruch genommen sei und daher jeden Besuch abweisen lasse. Auch ein reicher Gutsbesitzer der Umgegend hatte von diesem Sonderling gebört. er kam selbst, um ihn als Musiklehrer fur seine Kinder zu gewinnen aber auch er wurde ab geniesen. Die Kranke gab ihm die Versicherung, daß Zeit lhres Bruders vollkommen besetzt sei und er neue Schüler nicht mehr annehmen könne. Der reiche, in seinem Stol; gekränkte Guteher: war über diese ablebnende Entgegnung emvört: eine heitige Ant wort schwebte auf seinen Lippen.doch da fiel sein Blick auf das forgenvolle Antlitz der blinden Frau. und die Worte blieben unausgesprochen: schweigend verließ er die Hütte. Bald flüsterte man von einem Geheimnis, das die Fremden umgab, und das seinen Höhepunkt in dem jungen Künstler mit den großen' blauen Brillengläsern erreichte. Er erfüllte nach wie vor gewissen haft alle übernommenen Pflichten, in der Kirche so wohl wie in Privatfamilien, aber er schloß mit nie mandem Freundschaft. Inzwischen lebte Helene Willford in ihrer heite ren Weise ruhig einen Tag in den andern. Ebenso wie der Bruder schlug sie jede Einladung aus. aber ab und zu machte sie doch eine Ausnahme. Es wider stand ihrem ofenen ehrlichen Charakter, immer nach leeren nichtigen Ausreden zu haschen, und war es gekommen, daß sie an einigen musikalischen Abend unterhaltungen einer befreundeten Familie, des Kommerzienrats Laube. dessen Töchter sie unterrichteie. Teil genommen hatte. „Martha“, sagte Else Laube eines Morgens zu ihrer Freundin. der jüngsten Tochter des Dr. Har tung.„Du mußt morgen zu uns kommen. Fräulein Willford kommt. und Du muß: sie kennen lernen.“ „Ganz wie Du willst." versetzte die Angeredete tonlos, denn ihre fruhere Munterkeit war;dahin „wird der Organist auch kommen?“ Er?! Nein ganz gewiß nicht. Wir bemühen uns gar nicht mehr, ihn einzuladen. Ich kann gar nicht begreifen, was die Leute Anziehendes an ihm finden, er ist ja fast noch ein Knabe. Nach meinem Geschmack könnte der nur ein Mann sein, der ein stattliches männliches Aeußere hat.“ Wie Herr Karl Schellenberg." war Martha neckend ein, denn die Zuneigung der Freundin zu dem jungen Agenten war unter den jungen Mädchen hinlänglich bekannt. Else errötete; dann lachte sie verlegen und zuletzt seufzte sie schwer. Der junge Agent war arm und seine Aussichten für die Zukunft wenig verlockend; (Nachdrut verboten.) aber mit Freuden würde sie Mangel und Entbehrung mit ihm geteilt naben, une ware doch an seiner Seite glücklich gewesen; aber ne wußte auch, daß diese Gefühle ihm gänzlich fremd waren. „Es ist eine sonderbare Welt.“ kligte ne. ihren geheimsten Gedanken Ausoruc nevend.„Leute. die uns gleichgültig sind, lieren un, und diejenigendie wir lieben—“ „Lieben andere.“ erganzte Mart#a. „Wie weißt Du das? wen liebt er?" fragte Elsa erschrocken und iore Wana farmen sich kunkler. „Iich sprach nur im allgemeinen und jede Personlichkeit ist ausgeschlossen," beruhigte Martha. Elsa fühlte, daß sie sich verraten hatte. Schnell gab sie dem Gespräche en andere Wendung erinnerte die Freundin, am nachsten Tage recht zeitig zu erscheinen und trat dann in Gedanken versunken, den Heimweg an. Plötzlich bemerkte sie, daß sie unbewußt eine falsche Richtung eingeschlagen hatte und sich in der Nöhe der Resenvilla befand. Sie wollte die Gelegenheit benutzen und Fräulein Willford bitten, einige Notenhefte für die geplante Festlichkeit mitzubringen. „Es ist eine gute Gelegenheit, jett hineinzugehen: vielleicht kann ich endlich einmal den Organinten sehen." dachte se bei sich seldst, denn die Mutter und die Schwestern waren ihr bekannt. „Da ist er!“, rief sie plotzlich überrascht stehen bleibend, als sie von der entgegengesetzten Richtung den jungen Mann sich raschen Schrittes der Hütte näbern sab. Ohne seine Blicke zu erheben, betrat der junge Mann das Häuschen, dessen Tür er hinter sich verschloß, und wenige Minuten jväter klopfte Elsa Laube an die Haustür, sich in stiller freuend, daß heute der junge Künstler ihr nich entgehen werde. Allerlei. Erinnerungen. 21. Februar. 1677: Spinoza, Philosoph, f.(Haag). 1785: Barnhagen von Ense, Schriftsteller, geb.(Tüsseldorf). 1809: K. E. Bock. ber. Arzt, geb.(Leipzig). 1815: E. Meissonier, fanz. Maler, gev.(Lyon). 1821: Li Hung Tschang, chines. Staatsmann, geb. (Nganwhei). 1861: Rietschel, Bildhauer, v. Dresden). 1862: Justinus Kerner, Dichter. t.(Weinberg). 1902: E. Holub, Afrikareisender, f. Wien). 22. Februar. 1455: J. Reuchlin, Humanist, geb.(Pforzheim). 1512: Amerigo Vespucci. Seefahrer, r.(Sevilla). 1732: George Washington. geb.(Westmoreland County, Virginia). 1788: Arthur Schopenhauer, Philosoph, geb.(Danzig). 1805: Rob. Reinick, Maler und Dichter, geb.(Danzig). 1817: N. W. Gade. Komponist, geb.(Kopenhagen). 1817: Die Jugendschriftstellerin Ottilic Wildermuth, geb.(Ro: tenburg a. Neckar). Ein origineller Fafinachusgebrauch herrichte früher in jenern weinreichen Landstrich Württembergs, der den Namen Zabergau führte. Gleich nach Neujahr nämlich wurden in jeder Ortschaft einige Frauen erwahlt, welche bei den Ortsschulzen um die Erlaubnis bitten mußten, zu Fast nacht die Weiberzeche abhalten zu dürfen, war ihnen selten abgeschlagen wurde. Dieses Fest abe: bestand in folgendem: Am frühen Morgen kamen die Frauen auf dem Rathause zusammen und hielten unter oem Vorsitz der Frei Pfarrer Gericht, wobei alle un ab gelaufenen Jahre vorgekommenen Ordnungswidrig. keiten in Küche und Hauswesen zur Verhandlung ge bracht und die für schuldig befundenen Frauen verurteilt wurden. Wer z. B. der Unsauberkeit bezichtigt wurde, mußte seine Kinder oder sein Küchenge schirr vor den Richtern im Rathause säubern, eine Widersetzlichkeit würde die Missetäterin aus alle: Ortsgemeinschaft ausgeschlossen haben. Man hüte: sich dahe: wohl, Ursache zur Zitation zu geben. Nach der Sitzung begann der Festschmaus, wobei alle son stigen männlichen Personen streng ausgeschlossen waren. Die beiden Ortsvorstände vertraten gewissermaßen die ganze übrige männliche Einwohnericha: und ihr. Bewirtung sollte symbolisch die Achtung und Anerkennung ausdrücken, die männiglich der„Hausehre" schulden. Woher schrieb sich aber der Name „Weiberzeche"? Kaum ist man befugt, mu Sicher heit eine Erklärung davon zu geben. Denn es war streng verboten, über das was bei diesen Zusammen kunften geran wurde, etwas zu verraten. Das Verbot scheint indessen nicht streng genug befolgt worden zu sein, denn einige Chronisten behaupten mit Sicherhen, daß man sich nach der Gerichtsverhandlung fleizig einschenken ließ. Tabei wurde Bocksbraten aufgetragen. Butterkuchen und Wearn verteili, auch fan. den sich unter dem Ratbause Musikanten ein, die musizierten, wofür sie ebenfalls bewirtet wurden, sowie Bäcker. die Gebäck feilboten. Vor Anbruch der Nacht durfte sich keine Teilnehmerin vom Schmause entfernen, und zu: Besänitigung der darüver scheltenden Ebeherrn bekam jede Frau noch ein Krugiein Wein mit nach Hause. Das Elend des 30jährigen Krieger verdrängte in vielen Orten des Zabergaues diesen originellen Brauch, in einigen kam er aber svater wieder auf und erhielt sich bis ins vorige Jahrhundert. * Heiteres aus den Reichstagsberichten. Wiederholt haben die Zeitungen ihren Lesern Redeblüten“ aus den deutschen Parlamenten mitgeteilt. Ee waren dies meist rednerische Entgleisungen von Vogeordneten. Zur Abwechsluna bringt das„Berliner Tageblatt“ einige unfrerwillige Scherze, die nicht den Abgeordneten, sondern Beichterstateen, Setzern und Hauskorrektoren zur La### fallen. Einige Beispiele! In einer der letzten Tognen bet alen Bechtlioge mache der Abgenrinen ischbeck dem Abgeordneten Fürsten Herbert ismarck den Vorwurf, er verdanke seine Wahl unlauteren Mitteln. Er führte ungefähr aus: Genn ich mein. Wahl solchen Mitteln zu verdanken hatte wie Sie. Herr Abgeordneter, so würde ich mich genieren in den Reichstag zu kommen. Was war aus diesem Satze in einer großen Berl. Zeitung ge worden?„Herr Abgeordnete:, wenn ich meine Wahl solchen Micheln zu verdanken hätte wie Sie, dann würde ich mich genieren, in den Reichstag zu kemmen.“— Der seither verstordene Abgeordnete Rickert erklärte gelegentlich der Beratung des Kultusetats im preußischen Abgeordnetenhause, er habe ein Herz fur die Frauenbewegung. Zu welchem Geständnis wurde diese Erklärung! In einer Zeitung stand:„Abgeordneter Rickert(freisinnige Vereinigung), erklärt, er habe ein Herz für die Frauen.(Bewegung!)" Daß die Namen von Rednern zuweilen im Satz aus Versehen fortfallen. sei nur nebenbei erwähnt. Auf diese Weise hat vor kurzem der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg in einer großen deutschen Zeitung außer seiner Rede die Rede des Reichskanzlers gehalten. Nach dem Abgeordneten Richter spruch einst der Abgeordnete von Unruh. Richter hielt in vielen Zeitungen auch diese Rede mit der doshaften Einschaltung(Unrune::— Nach dem Bericht einer Zeitung hatte der Abg. Dr. Herzfeld sich in vergangenen Jahre beklagt, daß in Weimei Soldaten 5 2 5 * * 2.5 * 5 a S 2. * 8• B—* —.B— R 0— Nr. 42 Der Erzähler. 1994 Die Anmut, Frische, Leichtigkeit und Eleganz, die den zal überhaup: erst menschenwürdig machen, gehen in den späteren Stunden verloren. Man riecht den Schweiß, wenn nicht mit der körperlichen, dann doch mit der Seeler=Nase. und damit geve assle Poesie flöten. Wer klug ist, gehi nach Hause oder setzt sich wenigstens in ine ruhige Plander=Ecke, ehe die Bärme des Tanzdechers omm: Und wie ist's beim Spiel! Da setzen sich drei oder vier Skatbeuder in idre Spielecke. Schön; das ist, wenn um Bruchteile von Psennigen flott und freundschaftlich gespielt wird, ein ganz leid'icher Zeitvertreid. Aber die lenten Runden- die entscheiden ers: den Wert des Ver gnügens. Hört man zur rechten Zeit auf. so geht man mit freiem Kovf, leichtem Gewissen und angenehmen Erinnerungen nach Hause. Alge wenn immer noch einmal und noch einmal die leuten und allerletzten und unwiderruflich letzten Ru den angesagt werden, dann kommt die Bärme zu viel Jeit vertrödelt, zu viel getrunken, angegriffen im Kepf, im Gerinen. Aerger zu Hause 2c. Ist es da nicht kluger, em Gieden auf dem rechtzeitigen Schluß zu bestehen un den gierigen Genossen, die auf Fortsenung dringen, einfach die lihr unter die Nase zu halten mit der freundlichen Vertrönung auf das nächste Mal. Kürze ist auc der Unterhaltung Wurze. Wer irgendwo einen Besuch macht, der bedenke und behalte: Wenn du zu schnell wieder aufbrichst, so ist das längst nicht so schlimm, als wenn du zu lange dasigest! Diescs Kleden am Seuhl mit der Drehung des Hutes und dem mühsamen Daschen nach erdentlichem Gesprachsstof ist für beide Teile schrecklich. Der kluge Besucher muß gleichsam auf einer Joder sitzen, die rechtzeitig sich auslost und dann ihn sofort in die Hohe schnellt. Wenn die übliche Zeit verstrichen ist oder der Besuchte irgend ein Zeichen der Ermattung seines Iinteresses gibt, oder eine Sieckung im Gespräche eintrilt, dann sofort ohne lange Begründungsrede frisch und freundlich Abschied nehmen! Wenn sie nachher sagen, du seiest zu schnell gegangen, so bleibst du in gutem Andenken: aber wenn der achruf lautet, du habes: sie lange aufgehalten, so ist Bärme nachgekommen. Itwas Plundern mit guten Freundinnen und Nachdarinnen gil: als ein Lesonderes Vergnügen des weidlichen Geschlechts. Ader es gibi auch männlicke#audertaschen und Klatschbruder genug. Cb am Kaffeiisch oder am Stam tisch im Wietehaute geklatischt wird, macht in der Sache leinen Unterschied. Im allgemeinen ist ja nicht dagegen ainguwenden, wenn man sich über das mal ausspricht, so lange nicht Ehradschneiderei. Ohren blaserei oder gar Veiteumdun= betrieben wird. Aber wenn der Meinungsaustauch sich nur nicht so oft beillos in die Länge ziehen wollte! Da wird ein Garn ohne Ende abgehafreit, und ein: Scheere zum Durchschneiden des Gespräche##ens so eint niemand dee## zu fuhren. Man kommt vom nnder ins Tausenoste, und wenn man kein neue: Thema myr finde:, so wird das alte Shema nochmals erorurt; jeder Quarck wird breit und noch breiter getreten.#ie geschwätzigen Damen stehen an der raustür oder an der Straßenecke, als ob sie zu den Glücklichen gehörten, denen keine####unde schlägt, wahrend doch kie kleinen Kinde: oder die anbrennenden Löpfe nach ihnen schreien. Die Männer aver feuchten ihre redseligen -nnen. me non mut einem weiteren Glaschen an, und se mehr sie trinken, desto quaticiger wird die Unterhaliung. Schließlich neot jeder nach pause mit dem Bewußtsein, daß die anderen viel dummes Jzeug geprochen und ihm die lostbare Zeit gestohlen hütten. Der Ren ist Börme: Enttouschung, Verstimmung, Aerger. man dagegen rechtzeuig. nachdem jeder seinen intere anten Sto ausgepackt datte, die Debatte geschlossen. so ware eine angenehme Erinnerung und Erfrischung des Gemiites übri gedlieben. Im Rei#stag kann man gewohnlich keinen Schiuf der Dedatte machen, weil das Haus in der Regel nicht deschlußfabig ist und alto die Nache des abgeschnittenen Redners zu rchten hat. Das empindet man auch als einParlamentariches Verhungnie; denn die endlose Redere. hindert nicht blos die Arbeit, sondern drückt die gansen Verhanolungen herunter. Im Privatleden wird über den „Schlur der Debatte“ keine regeirechte Abstimmung herbeigeführt; ader jeder Beteiligte hat eo ja in der Hand enzweder durch seine rectzeitire Aufkundigung den Schluf verbeizufaren oder um selbst von der endlosen Unterhaltung zurückzunenen. Wer klug ist, macht daron Gebrauch, sobald iym das Bewußtemn auteigt, daß die Rederei keinen Wert mehr hak. Den„Schlur der Debatte“ kann man nicht doch genug schegen. Maß zu halten, ist in allen Dingen gut, und ganz besonders in aulem, was man zu nennen pflegt. Je schneller man aufhört, desto weniger bekonmt man von der Värme zu kosten, die allem Irdischen anhartet. Aus der Reichshauptstadt. Fastnacht in Berlin.— Großberlin.— Stiftung. „Berlin hat keine Fastnacht",—„doch. Berlin feiert das ganze Jahr Fastnacht!“ So unterhielten wir uns am letzten Dienstag Abend bei einem Glase Moselwein; das wir einem Abgeordneten des vielumsungenen Moseltals und seiner edlen Tropfen verdankten! Wer hat nun recht? Beide Teile! Einen eigentlichen Karneval gibt es hier nicht, weil der Karneval vom Aschermittwoch bis Fastnachtsdienstag dauert, wer es nicht glauben will, werfe nur einen flüchtigen Blick in die Anzeigen der Berliner Zei tungen und er wird uns recht geben. Nur an einer Taisache kommt es in Erinnerung, daß die Reichshauptstadt ihren besonderen Fasching hat.„Faschingsnummer",„Karnevalsnummer",„Neueste Nachrichten“ riefen von Sonntag bis Mittwoch die Zeitungsverkäufer aus! Das ist aber auch alles Aber sonst spielt sich viel„Fastnacht“ ab; ist doch ge rade in diesen Tagen ein früherer Hotelbesitzer Edu ard Drucker mitten in den Flitterwochen verhaftet worden; derselbe hat ein bewegtes Leben hinter sich. ein Vater hinterließ bei seinem Tode seiner Witwe und drei Kindern ein Venmögen von acht Millionen Mark. Eduard ließ sich alsbald in große Unternehmungen ein, baute in Frankfurt am Main zwei große Hotels und richtete sie vollständig ein. Hierbei ver lor er große Summen. Außerdem führte er ein kostspieliges Leben. so daß die ihm einstweilen aus geworfene bare Geldsumme bald verbraucht war, und seine in Zürich wohnende Mutter wiederholt mit großen Beträgen einspringen mußte, um die Schulden des Sohnes zu begleichen. In erster Ehe war Drucker mit der Tochter eines bekannten Weinhänd lers aus der südlichen Friedrichstadt verbeiratet. Die Frau ließ sich jedoch wieder von ihm scheiden. Dann lernte er in der Pension in der Neuen Wilhelmstraße Fräulein Ada Riebel aus Königsberg kennen. die Tochter eines Stadtrates, und ging mit ihr in London die Ehe ein. Während sich dann, das Paar auf der Hochzeitsreise durch Frankreich befand, wurde gegen den Ehemann auf Betreiben einer Automobilfabrik ein Haftbefchl erwirkt. Angeblich schuldet Drucker auf ein entommenes Automobil noch 7000 Mark. Als nun das Ehepaar nach Berlin zurückkohrte. und Drucker, eben seine Droschke verließ wurde er von zwei Kriminalpolizisten empfangen und sofort in Untersuchungshaft abgeführt. Seine Frau m daram zu ihrer Schwiegermutter nach Zurich gefahren. Gestern lief nun in der Pension ein Telegramm ein, in dem die Mutter des Verhafteten sin beren erklärt, dem Sohne zum letzten Male zu beiien. Das ist auch ein Stück„Fastnacht" des madtslebens. an die sich sofort der Aschermittwoch anschließt. Die Berliner Stadtverwaltung ist allerdings von einer gründlichen Acchermittwochstimmung beherrscht; Steuererhöhung und Eingemeindung der Vororte, in die immer mehr die steuerkräftigen Leute zieben. sind die Schmerzenskinder. Das reiche Schöneberg mit seinen Millionären— auch Bebel wohnt dort— sträubt sich noch sehr gegen die Umarmung durchk Großberlin. Oberbürgestneister Wilde von Schöngberg hat sich dieser Tage zu der Frage sehr eingehend er#einnert daran, daß die Einverleibung Schineberg in Vertin die Stadtverwaltung während der sechs Jahre ihres Bestehens unausgesetzt, aber aus sehr verschiedenen Gesichtspunkten beschäftigt habe. Vor de. Stadtwerdung und zwei Jahre nach or wünschte Schöneberg die Einverleibung in Ber lin, das diesen Wunich ader ziemlich schroff abwies. Dann wollte Berlin den besten Teil von Charlotten vurg und den Beiliner Ortsteil von Schöneberg aufnehmen. Das ging nicht aus finanziellen Grün den, und jetz“, wo finanzielle Bedrängnis Berlin zur Einverleibung, wenigstens der besser situienen west lichen Vororte drängt, jetzt wollen diese nicht, weil ne auf eigenen Füßen stehen können und wollen. in Berlin sind jüngst zwei Broschüren erschienen. ine offizielle des Magistrats und eine private des Stadtverordneten Haberland. In beiden wurde beanpte dar die Vororte an der finanziellen Deroute, in der sich Berlin gegenwärtig befindet, schuld seien, weil zu viel gut situierte Leute nach den Vororten nehen, und arme immer mehr nach Berlin kommen. inegen diese Behauptung will Oberbürgermeister sergnügen Wilde nicht Stellung nehmen, er wünsche vielmehr von Herzen, daß sie sich in vollem Umfange bewahrheiten möge. Erst dann werden wir in der Lage sein, für den schönen Teil Groß Berlins, den wir verwalten, so zu sorgen, wie es unser Wunsch ist. Wi haben jetzt keine Veranlassung mehr, die Eingemein dung zu erhoffen, sondern nur zu fürchten. Er halt die Eingemeindungsfrage für tot und beide Bro schüren für Nekrologe auf einen entschlafenen Riesen Schöneberg stehe wie die anderen westlichen Vor orte auf eigenen Füßen und brauche keine fremde Hülfe,„aber es könne um seiner Selbstachtung willen auch nicht daran denken, anderen zu helfen Die Millionen=Bauern von Schöneberg sind recht protzig geworden!— Derweil wachsen die Ausgaben der Stadt immer riesiger an: was kostet die Berliner Straßenbeleuchtung? Ueber ½ Million hat Berlin im letzten Jahre Zuschuß geben müssen. Bemerkenswert ist, daß die elettrische Beleuchtung der Straße„Unter den Linden" rund 58000 Mark pro Jahr kostet gegen nur 6500 Mark Resten der elektrischen Beleuchtung des Lustgartens und 14 350 Mark des Schloßplatzes. Die elektrische Beleuchtung der Leipzigerstraße und des Spittelmalktes verursacht jährlich 30 500 Mark Kosten. der Friedrichshain 19 750 Mark, der Tiergarten 31 350 Mark, die Oberbaumbrücke 10000 Mark die Siegesallee 17·000 Mark und die Brücken durchschnittlich je 3500 Mark. Unter den Linden brennen 32 Bogenlampen von je 15 Ampere und 82 Bogenlampen von je 17 Ampere. Die Leipziger Straße und der Spittelmarkt werden durch 60 Bogenlampen beleuchtet, von 15 Ampere Kerzenstärte, ferner müssen unterhalten werden im Tiergarten 92 Bogenlampen, in der Siegesallee 36, im Friedrichshain 70. auf dem Königsplatz 34, im Viktoria=Park vom 1. Mai bis 30. September 30 Bogenlampen. 34 solcher Lampen erhellen den Humboldtshain, 11 den Potsdamerplatz, 6 den Kemperplatz, 3 den Schloß= platz. 14 den Lustgarten, 5 das Kaiser Wilhelmenkmal, 8 das Kastanienwäldchen, 12 die Oberbaumbrücke, 8 die Alsenbrücke usw. Im ganzen hat die Stadt 604 Bogenlampen, 1 Januslampe im Personentunnel der Stettiner Bahn, 6 Nernstlampen in den Kolonnaden der Leipziger Straße und 118 elektrische Glühlampen von verschiedener Kerzenstärke und Brenndauer zu unterhalten. Groß=Berlin wächst riesig an; im Jahro 1903 hat es um 80000 Personen zugenommen; aber hiervon ist Berlin selbst„nur“ mit 33000 beteiligt. Unter den Vororten ist Charlottenburg mit einem Zuwachs von ziemlich 10000 vertreten. Ferner hat zugenommen Rirdorf um etwa 12000, Schöneberg um 10 000, Wilmersdorf um 7000 usw. Bleibt Charlottenburg außer Betracht, so nahmen die Vororte des inken Sprecufers, also die südliche und westliche Umgebung Berlins, zusammen um reichlich 31 000 Personen zu. Dagegen hat die östliche und nördliche Umgebung, die Vororte des rechten Spreeufers (ohne den hierher gehörigen Teil Charlottenburg) nur 6000 Einwohner hinzubekommen, davon Rummelsburg 1400. Reinickendorf 1200, Niederschön= ausen 1100 usw.. Lichtenberg hat diesmal nur um 20 zugenommen. Neu Weißensee hat sogar um 200 abgenommen. Erst wenn auch die Stadthälfte der Spree voll bebaut ist, wird auch die nördliche Umgebung stärkeren Zuzug bekommen.— Da kann es Stiftungen gu gebrauchen und die Dr. gor Stiftung kommt ganz erwünscht, nachdem sie die landesherrliche Genehmigung gefunden hat. Wie erinnerlich, hatte der Forschungsreisende Dr. Jagor, der vor mehreren Jahren hier starb, die Stadtgeteinde Berlin als Universalerbin seines Vermögens über 850000 Mark— eingesetzt. In dem Nachsse befanden sich auch sehr wertvolle Sammlungen on Kunstschätzen, die der Verstorbene von seinen neiten Reisen mitgebracht hatte. Gemälde, Tevriche. Waffen usw., ferner eine wohlgeordnete Bibliothek. Der Hauptteil dieser Sammlungen ist, dem Willen des Erblassers entsprechend, hiesigen Muscen iberwiesen worden, der andere Teil versteigert worden. Die Testamentsvollstrecker Direktor Dr. Jessen, Geb. Justizrat Arndt und Geh. Regierungsrat Friedel haben mit der Sichtung und Versilberung des Nachlasses bis in die neueste Zeit zu tun gehabt. Der etzte Rest von Kunstschätzen und Prachtwerken. der aus dem Jagorschen Nachlasse noch vorhanden ist, soll in nächster Zeit abgeschätzt werden, dann erst arr der Gesamtnachlaß als endgültig festgestellt erachtet werden. Verlag und Rotationsdruck der Märkischen Vereinsdruckerei. Verantwortlicher Redakteur F. Z. Knappe in Bochum. * 8 STT S SEEESSLS.* Ua 0 E— -BuThrsaaT Gratisbeilage zur Westfälischen Volkszeitung.] 22. Februer 1904 Lebenswege. Erzählung von Clara Wilheimi.„„(Nachdruck verboten.) Er stürmte weiter. Bei dem ersten Weinhause angekommen, kehrte er ein, im Wein seinen Aerger, seinen Verdruß, seine Eifersucht zu vergessen. Es war ihm nicht möglich, heute von Bergen um Geld zu bitten, er wollte sich überhaupt von ihm frei machen. Ja, aber wie? Er wußte dies selbst noch nicht, aber frei wollte er sein, wollte ihm sein Haus verbieten, wollte seiner Frau jeglichen Umgang mit ihm strengstens untersagen. Nachdem Paul in dieser Stimmung ein Glas nach dem andern getrunken, kehrte er nach seiner Wohnung zurück, wo er Käthchen schon anwesend fand. „Bist Du wirklich schon von Deinem Spaziergange zurück?“ fragte er ironisch.„Ich glaubte. Du würdest ihn länger ausgedehnt haben.“ „Bin ich Dir zu früh wiedergekommen?“ gab sie bitter zurück. „Rein, es wäre mir überhaupt lieber gewesen, wenn der Spaziergang unterblieben und ich verbiete Dir hiermit, je wieder allein auszugehen. Wo soll denn das nachste Rendez=vous mit Deinem Liebhaber stattfinden, he?“ „Das nächste Rendez=vous?“ fragte Käthchen betroffen.„Was meinst Du damit, wovon sprichst Du?“ Heuchlerin!“ rief er ergrimmt,„willst Du nun noch die Unschuldige spielen? Ha, ha. es hilft Di: nichts, meine Augen haben zu gut gesehen, Dich und Deinen Posseur, da hinten im Tiergarten. Ein schönes Bild war es, wie von Bergen den liebenswürdigen Schäfer machte. Aber ich will, ich dulde es nicht länger,“ rief er. mit dem Fuße stampfend. „Paul, die Begegnung war eine zufällige," beteuerte die junge Frau. „Ja, gewiß, rein zufällig,“ höhnte er,„man kennt das.“ „Ich habe Dir keine Veranlassung gegeben, so schlecht von mir zu denken,“ entgegnete sie stolz. „Nicht? meinst Du, ich habe es nicht bemerkt, wie Du Jahre lang vor meinen Augen mit ihm kokettiert hast? Aber für so ehrvergessen, wie ich Dich heute gesehen, habe ich Dich nicht gehalten.“ „Halt, nicht weiter,“ rief sie erbleichend,„ich habe nichts getan ,was eine solche Bezeichnung verdient; ich habe mich stets gut mit Deinem Freunde unterhalten, ich liebte seine Gesellschaft, aber das war auch alles.“ „Du lügst!“ Seine Stimme bebte und war heiser vor Wut.„Weib, ich sage Dir, hüte Dich. oder es geschieht ein Unglück.“ „O Gott,“ stöhnte sie, indem sie auf den Stuhl zurücksank,„wer mir dies vor fünf Jahren gesagt hätte. O, hätte ich Dich nie gesehen!" „Ja wohl, es wäre besser gewesen,“ sagte er schneidend,„jedoch von meinem Anblick kann ich Dich befreien,“ setzte er höhnend hinzu,„aber Du wirst mich zurückwünschen, wenn es zu spät ist.“ Dröhnend fiel die Türe zu und die unglückselige rau war allein; allein mit ihrem Schmerz, mit ihrer eue *** Am folgenden Tage, Käthchen war gerade mit der Kleinen beschäftigt, wurde sie durch rasches Pochen an der Tür erschreckt. Sie hatte Paul nach dem Wortwechsel noch nicht wieder gesehen. Sie war es längst gewohnt, wenn sie Morgens aufstand, oft das Lager ihres Gatten unberührt zu finden; aber heute hatte es sie beunruhigt. Sie erschrak daher auch heftig, als der Buchhalter in das Zimmer trat mit der Frage, ob Herr Werner nicht da sei. „Er ist nicht hier," antwortete sie bekümmerten Herzens. „Wissen Sie denn auch nicht, wohin er ist, oder wann er zurückkommt?“ „Leider nein.“ „Das ist schlimm, fatal,“ meinte der Buchhalter mit besorgter Miene. „Wie so denn, ist etwas vorgefallen?" fragte die junge Frau mit schlecht verhehlter Angst. „Es sind einige Wechsel präsentiert von ziemlich hohem Betrage; ich sprach gestern mit Herrn Werner darüber, und er sagte mir, daß er für Deckung sorgen wolle.“ „Können die Leute nicht wiederkommen? Ich hoffe, daß mein Mann bald wieder hier ist, da er weiß, daß heute so viel bezahlt werden muß.“ „Sie wollen sich nicht so abfertigen lassen, sondern verlangen dringend Zahlung,“ meinte achselzuckend Herr Müller. „Nun, so befriedigen Sie den Ungestümsten; so viel wird sich doch in der Kasse vorfinden.“ „Die Kasse ist verschlossen und der Schlüssel fehlt, er liegt wenigstens nicht an seinem Platze und ich kann ihn nirgends finden.“ „Dann will ich mit hinunter gehen, vielleicht paßt einer meiner Schlüssel dazu.“ Ihren vereinten Bemühungen gelang es zuletzt, vermittelst einem von Käthchens Schlüsseln die Kasse zu öffnen. aber bestürzt trat sie einen Schritt zurück: die Kasse war leer.— „Wie ist dies möglich?“ fragte erstaunt der Buchhalter,„ich weiß ganz bestimmt, daß sich gestern einige hundert Thaler in der Kasse befanden.“ Käthchen war fast betäubt auf den Stuhl gesunken. „Ich bitte Sie, Herr Müller, beschwichtigen Sie die Leute. lassen Sie dieselben heute Mittag oder morgen wiederkommen; mein Mann wird jedenfalls bald mit dem Gelde hier sein.“ Herr Müller tat, wie sie wünschte; die Leute entfernten sich, sprachen aber laut ihren Unwillen aus und meinten, wenn sie wieder kämen, würden sie sich nicht so abfertigen lassen, sondern sie verlangten Geld. Die junge Frau verlebte qualvolle Stunden; mach nie hatte sie Paul so sehnsüchtig herbeigewünscht, wie heute. Eine unsagbare Angst legte sich zentnerschwer auf ihr Herz und drohte sie zu ersticken. Es wurde Mittag, es wurde Abend, aber Paul kam nicht. Es stieg eine bange Ahnung in ihr auf; hatte er sich in der gestrigen eifersüchtigen Aufregung ein Leid zugefügt? Aber was war dann mit dem in der Kasse fehlenden Gelde geschehen? Hatte er sie verlassen In fieberhafter Unruhe ging sie von einem Zimmer in das andere; die Angst schien sie zu verzehren. Was sollte, was konnte sie tun, um Gewißheit zu erkongen? Nichts, gar nichts, als geduldiges Abwarten. Wenn Paul ein Unglück zugestoßen, oder er sich selbst ein Leid zugefügt haben sollte, so würde man sicher baldigst davon hören. „O. wäre die Nacht erst hin, wäre es schon morgen,“ klagte sie verzweiflungsvoll. Endlich ,endlich war der Morgen da, aber nicht Paul. Sie überlegte mit dem Buchhalter, was nun zu beginnen sei. „Sie müssen sich leider auf Schlimmes gefaßt machen,“ sagte dieser teilnehmend.„Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Zahlungen einzustellen.“ „Sie übertreiben, Herr Müller,“ meinte Käthchen, „ich denke, diese Summe ist wohl zu erlangen. wenn ich einen Teil meiner überflüssigen Sachen verkaufe.“ „Ja. wäre es mit dieser Summe allein abgeton; aber die binnen kurzem fälligen Wechsel belaufen sich bei weitem höher. Und wenn Sie auch einen Teil Ihrer wertvollen Einrichtung varkaufen,# haben Sie doch für den Augenblick kein Geld, und die Gläubiger lassen sich jetzt, in Abwesenheit Ihres Herrn Gemahls besonders, nicht länger hinhalten.“ h * 2 220 S 5g S38 □E * 1 1— 5 * Der Erzähler. Nr. 42. „Herr Müller, ich bitte, ich beschwöre Sie, verichen Sie, sich mit den Gläubigern zu verständigen. vielleicht einen Akkord zu Stande zu bringen. will ja gern alles Ueberflüssige verkaufen, nur keinen öffentlichen Konkurs," zammerte die Unglückliche. „Mit Vergnügen werde ich tun, was in meinen Kräften steht“ entgegnete dieser;„ich muß aber hinzufugen, daß ich wenig Hoffnung habe. Es wäre noch wohl zu retten gewesen, wenn wir in letzter Zeit nicht auch bedeutende Verluste gehabt hätten. Da ließ Herr Werner sich in sehr gewagte Unternehmungen ein, er wollte das Glück zwingen, ihm das Verlorene wieder zurück zu geben aber das Glück wendete ihm den Rücken und alles, was er unternahm,ging fehl. Gestern machte ich eine oberflächliche Bilanz, und sie ergab, daß die Passiva die Aktiva bedeutend übersteigen.“ Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von dem Verschwinden Paul Werners. Schon kamen die Gerichtsherrn in Begleitung einiger Gläubiger, um unten im Geschäftslokal die Siegel anzulegen. Auch die anderen Gläubiger Werners kamen nun schaarenweise, um Erkundigungen einzuziehen und zugleich ihrem Groll in wenig gewählten Worten Luft zu machen. Käthchen war mit einem Male von ihrer stolzen Höhe herabgestürzt: sie ertrug aber den Schlag gefaßter, als man hätte erwarten sollen. Sie hoffte noch immer, die Ehre des Hauses zu retten. Die Ungewißheit über Paul rieb sie fast auf; sie hatte bislang noch kein Lebenszeichen von ihm bekommen. Ein bitteres Weinen der kleinen Helene riß sie aus ihrem dumpfen Hinbrüten. „Mama, sieh einmal, hier steht ein Kind,“ sagte sie, auf ihr Bilderbuch zeigend.„es hat keine Schuhe und keine Strümr an und ist ganz allein, es weiß gar nicht, wohin 5 soll.“ Dabei rannen dem Kinddie Tränen über die zarten Wangen. Die Mutter preßte das Kind an ihr Herz. „Armes Kind," flüsterte sie,„Du weinst um das Leid anderer und ahnst nicht, wie sehr Du selbst zu beklagen bist. Was soll aus uns werden, wenn Dein Vater nicht zurückkehrt, wohin sollen wir denn?“ Da pochte es an der Türe und von Bergen trat ein. „Verzeihen Sie, wenn ich störe,“ sagte er in jenem vertraulichen Tone, den nur ein alter, bewährter Freund anschlagen darf;„ich komme nur, um zu hören, was Wahres an all den Gerüchten ist, welche die Stadt durchlaufen.“ Käthchen, die seit der Unterredung im Tiergarten v. Bergen nicht mehr als Freund betrachtete, war durch diesen Ton unangenehm berührt. „Und welcher Art sind diese Gerüchte?" fragte sie kalt. „Erlauben Sie, daß ich mich setze,“ sagte er, einen Sessel in ihre Nähe ziehend„worin er sich niederließ. „Man sagt, Werner sei verschwunden, ferner, das Geschäft so gut wie fallit.“ „Das Erstere muß ich leider bestätigen, mein Mann ist seit einigen Tagen fort, wohin weiß ich nicht,“ entgegnete sie mit bebender Stimme;„das Zweite sind Voraussetzungen, deren Eintreffen wohl abgewartet werden muß.“ „Also Werner ist wirklich fort;— dies ist für Sie, namentlich in der ersten Zeit sehr unbequem.“ sagte er, indem er an seinem Schnurrbart drehte. „Da werden die Gläubiger nicht säumen, ihre Forderungen geltend zu machen. Sie werden bei der Abwickelung der Geschäfte eines ergebenen Freundes bedürfen, der Ihnen zur Ver#üigung steht. Verfügen Sie in dieser Hinsicht gan, über mich; jeder Wunsch, den Sie aussprechen, ist mir Besehl.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr, für das Anerbieten,“ antwortete Käthchen kühl,„unser Buchhalter wird mir in dieser schwierigen Lage beistehen: ihm kann ich vertrauen.“ „Und meine Hülfe, meinen Beistand, lehnen Sie ab? Bedenken Sie, was Sie tun. Wissen Sie, daß auch mein Vater eine nicht unbedeutende Summe von Ihnen zu fordern hat? Er hat mich beaustragtdie Angelegenheit zu ordnen,“ sagte Bergen mit einem lauernden Blick. „Ich hoffe, Ihrem Herrn Vater gerecht zu werden, wenn Sie nur etwas Geduld mit mir haben,“ entgegnete sie bestimmt. „So, und wodurch?“ „Wenn ich dieses Haus, die wertvolle Einrichtung überhaupt alles Ueberflüssige verkaufe. hoffe ich allen gerecht werden zu können.“ „Das alles ist, nur ein Tropfen, der auf dem glühenden Stein verdampft," fuhr von Bergen fort. „Sie wissen nicht, wie hoch sich die Forderung beläuft, von meiner eigenen gar nicht zu reden. Sehen Sie her.“ Er nahm einige Papiere aus seiner Brusttasche und legte sie vor Käthchen auseinander. Nur einer flüchtigen Blick warf sie auf dieselben. „Mein Gott!" stöhnte sie; alle Farbe wich aus ihrem Antlitz.„Mein Gott, dies ist mehr, als ich befürchtete.“ „Sie sehen jetzt bald selbst ein, daß Sie meinen Beistand nicht zurückweisen dürfen da ich der Einzige bin, welcher Sie aus dieser Lage befreien kann.“ Die unglückliche Frau saß regungslos in dem Sessel, das bleiche Angesicht in den Händen vergraben. (Fortsetzung folgt.) 6) „Herr Oswald Rock— Fräkulein Willford“ und die Freinden waren hiermit vorgestellt. Dann bat die Wirtin dem jungen Herrn einege Lieder zu begleiten und ging darauf in ein anderes Zimmer, um für die weitere Unterhaltung der Gäste zu sorgen. Helene stutzte. Sie ließ prütsend ihre dunkeln Augen über die Gestalt und das Antlitz des Fremden schweifen, und unverkennbares Erstaunen malte sich in ihren Zügen. War es denn eine Sinnestäu schung oder ein neckisches Spiel ihrer erregten Phandasie? Sie sab ihr ganz getreues Ebenbild vor sich stehen: der Kanadier hatte ihre Augen, ihr dunkles Haar, ihre Züge, ihre ganze Gestalt. Herr Rock war ein Naturkind. Er verstand es durchaus nicht seine Gedanken zu verbergen. Als er daber einen flüchtigen Blick in das lieblich gerötete Antlitz der Dame geworfen hatte, riei er in sichtlicher Ueberraschung au: „Das in doch sonderbar, Fräulein Willford. Sie sehen ja gerade so aus, wie ich: Sie konnten meine Schwester sein.“ Die junge Dame beherrschte ihre Gefüble, sie sächelte als sie in leisem Flüstertone entgegnere: „Es ist wirklich eine auffallende Aehnlichkeit vorhanden. Herr Rock: aber sprechen wir nicht mehr davon wir erregen bereits Aufmerksamkeit. Haben Sie ein Lied ausgewählt? Die Gäste warten auf Ihren Portrag: Der Kanadier erinnerte sich seines Versprechens. suchte unter den Noten und bald erfüllte seine reine. klangvolle Stimme den Saal und hielt die Musikkenner in fast atemloser Spannung „Fräulein Willford, darf ich Sie in den Speisesaal führen?" fragte Herr Schellenberg als der Gesang beendet war. Helene nahm den dargebotenen Arm freundig an. „Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?“ flüsterte er ihr leise zu.„weichen Sie mir absichtlich aus? Hab ich Sir unwissend beleidigt? „Das in Einbildung. Herr Schellenberg, warum sollte ub„dnen ausmichen?" „Dus darf eine Landemännin auch gar nicht tun.“ scherzte er weiter, doch Helene schien seine Worte er Organi Nodelle von C. Borges. nicht zu verstehen. „Verzeihen Sie,“ lächelte er,„aber sind wir denn nicht Landsleute? Meine Mutter war eine Engländerin und daher darf ich mich doch auch zu Englands stolzen Söhnen rechnen.“ „Ja. wir kamen aus England“" versetzte Helene, doch diese Unterhaltung schien peinliche Erinnerungen in ihr zu wecken. Der junge Agent merkte den verlegenen Blick doch er mißdeutete ihn und fuhr daber unbeirrt fort: „Ich bin stolz auf meine Nationalität, aber lassen Sie mich auf meine erste Frage zurückkommen, wie kommt es, daß ich Sie jetzt so selten sehe?“ Das weiß ich wirklich nicht; bedenken Sie, die Stadt ist doch groß, da halt es schon schwer sich zu begegnen. „Wissen Sie, daß ich jetzt nur dem Gottesdienst in der Pauluskirche beiwohme? Sie mussen doch des Sonntags dort sein: Sie gebören zu der Kirche, und da Ihr Bruder dort Organist ist, haben Sie gewir, besonderes Interesse für diese Kirche. Wie komm: es, daß ich Sie niemals treffe?" Ich bin regelmäßig dort. Aber die Kirche ist groß. Sie können doch unmöglich die ganze Gemeinde überblicken.“ Das rue ich dennoch. Sie werden gewiß über mich lachen und vielleicht ie ich auch Unrecht, aber ich gehe sehr früh hinein setze mich verborgen hinter einen Pfeiler gerade der Tür gegenüber, daß ich jeden Eintretenden muntern kann. Nach Beendigung des Gottesdienstes bleibe ich so lange auf dem Kirch platz, bis die Letzten sich entfernt haben; aber es ist mir noch nicht gelungen. Sie zu sehen, und das ist doch sonderbar.“ Sie sollten nicht zur Kirche gehen, um mich sehen zu wollen, das ist ein Unrecht," wandte Helene vor wurfsvoll ein. „Ich weiß es. aber mir bleibt kein anderer Aus weg. Geben Sie mir die Erlaubnis. Sie in der Rosenvilla zu besuchen und Sie machen mich zum Glücklichsten aller Sterblichen.“ „Sie sind uns stets willkommen.“ „Ist das Ihr Ernst?“ jubelte er freudig überst. —(Nachdruck verhoken.] rascht, doch den schelmischen Ausdruck in ihren Zügen gewahrend, fügte er kleinlaut hinzu:„Sie treiben wohl Scherz mit mir, Fräulein Willford?“ „Ganz gewiß nicht! Meine Mutter spricht oft von Ihnen und wundert sich, warum Sie uns nicht mehr besuchen," versicherte sie. „Ich will jetzt häufiger kommen. Meine freie Zeit sell mich auf dem Wege zur Rosenvillo finden.“ „Während der ganzen halb ernsten, halb scherzenden leise geführten Unterhaltung, hatte Elsa Laube keinen Blick von dem Agenten und Helene abgewandt; und als an späten Abend die letzten Gäste das gastfreie Haus verließen und ein Licht nach dem anderen erlosch, eilte sie in ihr einsames kleines Schlafzimmer. Schluchzend barg sie ihr Haupt in die schneeigen Kissen ihres Lagers und weinte bitterlich über die Vergänglichkeit des irdischen Glückes und über die gänzliche Vernichtung ihres erdachten, kurzen Liebestraumes. 6. Kapitel. Als Franz Burgfeld an jenem Abend, nach der letzten Unterredung mit Martba im Restaurant allein in seiner bescheidenen Wohnung saß und über die Unbeständigkeit seines launenhaften Glückes gruvelte, wollte er fast verzweifeln. Die Zukunft lag dunkel und fast hoffnungslos vor ihm. Aus seiner Stellung als Organist entlassen, dachte er gar nicht daran, sich einen ähnlichen Wirkungskreis zu suchen: denn er mußte Martha Recht geben, die ihm offen erklärt hatte, daß seine Leistungen für eine solche Stellung nicht genügten. Der Gedanke an ihre treue Liebe war ihm ein Trost= und mit Bitterkeit gedachte er der Gattin seines alten Onkels, die es vermocht hatte, ihn aus dessen Gunst zu verdrängen. Er hatte ihn von Kindbeit an, wie einen Vater geliebt, ja, er liebte ihn immer noch, und er entschloß sich, um deiner Geliebten willen. noch einmal einen Versuch zu machen, das alte frübere Verhältnis wieder herzustellen. Dann erst konnte er offen vor den alten Dr. Hartung hintreten, um die Hand der jüngsten Tochter bitten und ihr eine glückliche Zukunft in Aussicht stellen. „Fü: Sie, Herr Burgfeld,“ rief in diesem Augen* 82 *— 5 5 *. 5# * S 6 5.—— 5- 8 ** OESIFSIEOR E BR.=1. 5S Nr. 12. s S S 2 S5 SEA-Ea STLEOEES SS512S5PPS 5 P#SEEE * EEHSS“JG gEEF E## ET . EEE 55 5 SEE S#tAnn hler. blick die Wirtin, die leise die Tür geöffnet hatte und jetzt ihrem Einwohner ein Telegramm entgegen hielt. Franz Burgfeld erschrak. Hastig ergriff er das verhängnisvolle Schreiben und überflog die wenigen Worte: Komme sofort. Dein Onkel gefährlich erkrankt. Scharlachfieber. Keine Pflege. Edmund Normann.“ Mehrere Minuten starrte der junge Mann auf die unheilverkündende Botschaft; die Worte tanzten vor seinen Augen; doch gewaltsam zwang er sich zur Ruhe. Dann ließ er seine Wirtin kommen, bezahlte seine Rechnung und teilte ihr seine nötig gewordene Abreise auf den folnenden Tag mit. Darauf nahrn er seinen Schreibka#ten und schrieb seiner Martha den Grund seiner plötzlichen Abreise. Er bat flehentlich um eine letzte kurze Unterredung im bekannten Restaurant am nächsten Vormittag, da er schon mit dem Mittagszuge nach der nächsten Hafenstadt abfahren wolle. Am folgenden Morgen. nachdem er seine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt, schlug er den Weg nach der Wohnung des Dr. Hartung ein. Er wagte nicht, selbst das Haus zu betreten, denn die finstere. älteste Tochter Marie hatte schon Argwohn geschöpft und würde nie eine Zusammenkunft mit der Schwester gestatten. Geduldig ging er in der Nähe des Hauses auf und ab, bis er endlich einen kleinen Mergerlehrling sah, der Fleisch herumtragend, gerade auf das Haus seiner Geliebten zuschritt. Im nächsten Augenblick, war der Kleine im Besiz des Briefes und mit der strengen Anweisung, denselben nur Fräulein Martha einzuhändigen, betrat er das Haus. Bald darauf kehrte er zurück. „Ich habe ihr den Brief gegeben und sie sagte mir„es ist gut," berichtete der Knabe, schmunzelnd die blanke Silbermünze in seiner Hand betrachtend, „kann ich noch einen Auftrag für Sie besorgen, mein Herr?" „Bist Du auch ganz sicher, daß es Fräulein Martha war. der Du den Brief gegeben hast, war sie jung und sehr schön?“ forschte Herr Burgfeld nach. „In, ga. und sie sagte: es ist so gut,“ rief der Knabe, eilig davonlausend, denn er wußte ganz genau, daß die finsterblickende Dame durchaus nicht der gemachten Beschreibung entsprach. Franz Burgfeld wartet: volle zwei Stunden und ###weren Herzens lenkte er seine Schritte nach dem Bahrchofe, ohne die Geliebte gesehen zu haben. Er ahnte gar nicht, daß sein kleines Liebesdriefchen gar nicht in die richtigen Hände gelangt war. Marie hatte das Schreiben an sich genommen, es gelesen und sofort den Flammen übergeben, fest entschlossen in Zukunft noch ein wachsameres Auge auf die Schwester zu haben. Vorläufig war freilich jede Gefahr beseitigt, denn Her: Burgfeld war nach England gereist und voraussichtlich würde er nicht so bald wiederkehren. Inzwischen führte das Dampfroß den jungen ExOrganisten schnell der nächsten Hafenstadt entgegen Einer seiner Mitreisenden war ein altlicher Herr mit grauem Haar, hellen freundlichen Augen und wohlwollenden Zügen. Auch auf dem Schiffe nach England blieb er sein Reisegejährte, und ebe noch die englische Küste in Sicht war, wußte Herr Burgfeld den Namen, das Reiseziel und einen großen Teil der Lebensgeschichte des Freinden wahrend auch Herr Robert Rock aus Kanada mit inniger Teilnahme das Geschick seines jungen Freumdes angehört hatte. „Es unterliegt keinem Zweifel, die Frauen tragen oft viel dazu bei, das Elend hier auf Erden zu vergrößern, aber sie helfen uns auch manches Leid geduldig zu tragen, und den Kampf mit dem Leden stets von Neuem wieder aufzunehmen," tröstete er. „Hätre Ihr alter Oheim nicht dem Gerede seiner jungen Gattin gelauscht, so waren Sie jetzt noch sein Erbe. Hingegen trägt Ihre Geliebte in Deutschland dazu bei, daß Sie den Mut nicht sinken lassen, und um ibretwillen wird es Ihnen gelingen, alle Hindernisse zu beseitigen, um ihr dereinst als Ihre Gattin eine sorgenfreie Existenz zu sichern. Der junge Mann war von der aufrichtigen Teilnahme des Kanadiers fest überzeugt und drückte ihm warm die Hand. „Ich habe mich in fernen Landen nie viel um das schöne Geschlecht gekümmert," fuhr Herr Rock fort und ließ gedankenvoll seine Blicke über die unendliche See schweifen,„aber dennoch war der liebe Gott mir gnädig und schenkte mir einen prächtigen Sohn, der jetzt mein Stolz und meine Freude ist. Es sind jetzt sechzehn Jahre, da hörte ich, daß englische Auswanderer ein Kind in Winniveg in Kanada ausgesetzt und alsdann ihre Reise in das Innere des Landes fortgesetzt hatten. Meine Besttzung war ganz in der Nähe und ich ging hin, um mir des arme Kind anzusehen. Ein trostloser Andlick bot sich meinen Blicken dar. Das arme Kind war vom heftigen Fieder ergriffen und wälzte sich in wilden Zhantasien auf seinem elenden Lager, auf welche mitleidige Monschen es gebettet hatten. Ich fühlte Mitleid mit dem annen verlassenen Knaben, nahm ihn mit mir und pflegte ihn. Als er vollständig genesen war, verlangte er nach seinem Vater, nach seiner Mutter und nach seinen Schwestern. Aber er wußte nicht, wo er griffen und wälzte sich in wilden Phantasien auf einem großen Schiffe gewesen sei. Er konnte mir weder seinen Vaternamen noch sein(Heimatsland nennen; wahrscheinlich hatte das langanhaltende Fieber seine Erinerungen geschwächt. Ich nahm ihn an Kindesstatt an. gab ihm einen Namen und lehrte ion mich„Onkel" zu nennen. Der Kleine wuchs zu einem prächtigen, wundervar schönen Knaben heran, den ich wie mein eigenes Kind liedte, und noch täglich danke ich Gott für dieses Geschenl vom Hinmel. Da ich reich genug war, entschloß ich mich, meinem Knaben zu geben, was ich in meiner Jugend entdehren mußte— eine vorzügliche Erziehung. So lange es möglich war hielt ich ihm dort drüben die besten Lehrer, aber das ging nur wenige Jahre. Endlich erwachte auc das lang geschlummmerte Verlangen in nar, weine alte Heimat wiede.zusehen, wiewohl ich wußte, das kein Mensch mehr darin zu finden war, der den alten ergrauten Mann wiedererkennen würde der vor vierzig Jahren als armer fünfzehnjähriger Knade sein Vaterland verlassen hatte. Ich will mich kurz fassen. Mein Sohn blieb in Deutschland guten Handen anvertraut, und ich wußte, daß er gewissenhaft seinen Studien oblag. Dann reiste ich nach England, gerade wie heute. Niemand kannte mich oder erinnerte sich meines Namens. Die wenigen Leute deren ich mich entsann, waren todt oder fortgezogen; ich war ein Fremder geworden in meiner alten Heimat. Da durchreiste ich verschiedene Lander Europat unn mr ein Platz. chen auszusuchen, wo ich in Frieden den Rest meinet Ledens zubringen konne. Es fehlte mir nicht an den erforderlichen Geldmtteln, aber ich fand nicht, wat ich suchte und kehrte darmen nach England zurück. Er waren damals fallechte Zeiten untre den Edelleuten Ich lornte einen Lord Willford kennen, der durch fremde oder eigene Schuld in die großte Not geraten war. Er war ern stolzer, hochmünger Mann. hatt aber eine edle Frau und zwei liebe Tochter. Val! darauf stard der alte Herr und sein ganzes Eigentum kam unter den Hannner. Seine Frau hatto ihn unendlich geliebe; sie konnte diesen herden Verlust nicht ertragen und weinte sich blind in ihrem großen Schmerze; sie hatte von jeher schwache Augen. Die älteste Tochster war kranklich: ein Ruckenmarksleiden hielt sie seit Jahren auf das Lager gefesselt; aber die Ungste war ein Bild blühender Gesundhett, und es war eine Lucst ennen Blick von ihr zu erhaschen. kaufte die starkverschulldete Besttzung an einem ehr boben Preise, um die zahlreichen Gläubiger zu befriedigen, marßte aber leider erfahren, daß für die Familie verarmte Familie auch nicht einen Pfennia Ubrig blieb und sie in die größte Not geriet. Ich glaube, die Fammlie sah mach für ihren größten Feind an der gewaltiom ihr Eigentum an sich gerissen habe. ausgenommen die jüngste Tochter. Wenn ich durch einen glücklichen Zufall mit ihr zusammentraf, war sie so freundlich gegen mich als ob ich in Rang und Stellung ihr gleich stönde. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen. 23. Februar. 1685: G. F. Hoendel. Komponist, ged.(Halle). 1831: H. Meilhac, französischer Bühnendichter, geb. (Paris). 1834: G. Nachtigall. Afrikareisender, geb. (Eichstaedt). 1868: Fr. Sauk. Maler geb.(Tettenweis, Niederbauern). 1879: Generalseldmarschall d. Roon, f.(Berlin). Unpolitische Zeitläufe. (Nachdruck untersagt.) Berlin, 18. Fedruar. U“! Am Aschermittwoch ist die Vergnügungsjagd amtlich geschlossen. Schonzett! In diesem Falle nicht für das Wild, sondern für die ausgepumpten Jäger. Der Mensch muß doch mal wieder in das richtige Geleise und den ordentlichen Gang des Lebens kommen. Die sogen. „Erholung“ war sehr austrengend; darum will man nun eine wirkliche Erholung haben, und die besteht in regelmäßiger Tagesarbeit und ausgiebigem Nachtschlaf. Auch das Portemonnate muß Schonzeit haben; denn es hat in der letzten Zett an galoppierender Auszehrung gelttten. Nach der Erholung soll die Arbeit noch einmal so gut schmecken. Sol!! Manchmal schmeckt sie aber furchtbar sauer. Das ist denn ein sicheres Zeichen, daß man die sog. Erholung zu einer Blage und das Vergnügen zu einer Qual gemocht hat. Die Menschen nerden viel eher grau, als vernünftig. Allerlei. Wir schelten das Kind, das sich den Bauch voll Näschereien stopft, bis es vor Leibschmerz stöhnt. über wenn wir selbst mal am Becher der Lust zu naschen anfangen, so pflegen wir auch nicht eher aufzuhören, als bis sich Leib und Seele den Magen verdorden haben. Kürze ist nicht blos des Wizes Würze, sondern auch der Wonne Wehr. Der Mensch, der sich in's Bergnügen stürzt, ruft: Je länger, je lieder! Aber der Kaponsammer lehrt ihn nachträglich das wirkliche Naturgesetz des Vergnugens kennen: Je länger, je fauler. Es ist eine weise Sitte, wenn zu Aschermittwoch ein pünktlicher Schluß gemacht wird. Die„aufgeklärten" Leute, die noch dis nahe vor Ostern in den aufgehenden Frühling hinein das winterliche Vergnügungstreiben fortsetzen, haben das Pulver der Lebensweisheit nicht erfunden. „Was nachkommt, ist Bärme“, so pflegt man hierzulande zu segen. Eine Berliner Weiße einzugießen, in eine besondere Kunst. Die blinde Begehrlichkett will den legten Tropsen aus der Kruke haben; der kluge Einschenker aber paßt genau auf, ob der ausfließende Straßl auch noch ganz klar ist. Sobald sich die trübe Neigung zeigt, bricht er ab und laßt den Rest in der Kruke. Denn dieser Bodensaz tangt nicht und würde das ganze Getränk verderden. Wenn doch die Leute beim Becher des Vergnugens ebenso klug zu Werke gingen, wie die WeißbierPhilister, und die schlechte Neige stehen ließen Wenn über Festlichkeiten in den Zettungen berichtet wird, so kann man oft einen Lobgesang auf die lange Dauer lesen. Der Berichterstatter deutet schmunzelnd an, daß die lenten Gäste schon die Hahne gehört oder gar die Sonne gesehen hürten. Damtt soll des Vergnügen al wunderherrlich hingestellt werden. In Wirklichtett wirt nur die Unvernunft der Spätlinge dargetan. Sie haben den rechten Zeitpunkt zum Aufhören verpaßt. Eine Poltzeistunde der Polizei gab es nicht; aber die Vollzeistunde dar Bernuuft hätten sie beachten sollen. Was nochkommt, is Gärme. Essen, so lehrt eine alte Lehre, soll man aufm es em besten schmeckt. So bewahrt man sich den reinen, angenehmen Nachgeschmack und die fröhliche Berdauung. Edenso richtig und viel ubtiger schein: wür diese Regel für das Teinken zu sein. Denn gerade deim Trinken ist das rochtzeitige Ende so schwer zu finden. Wenn es rocht gut schmectt, so denkt man, das folgende Glat müsse noch besser schmecken. Das int's nicht; aber man bildet sich doch ein, daß noch ein schöner Durst handen sei, der duoch ein naues Glos seine biedigung finden werde. So bleibt man Weile beim„Vorlegten“, und das Ende in von Unlieblichkett. Hätte man etwas früher chluß so ware man am anderen Moogen als frischer, frößlicher Kerl aufgestanden, während man unn im Schraubstodk des Jammers steckt. Vom Tanzen kann ich aus eigener Erfahrung kaum reden; ich habe eigentlich blos in meine stude mit don Sprößlingen gekanzt, ass sie waren. Aber nach allem, was meine An meine Ohren gehört haben, nimmt auch debei des gnugen bei andauernder Springerei in bedonklechem ab und schläg: schüetzlich in