1901. Ja, der Widerspruch gegen eine Mode dient oft zur Verstärkung und Erhaltung des Unsugs. Ein Ding. üder das so viel geredet und so heitig gestritten wird ei, das muß doch etwae besonders Elegantes und Feines sein: das muß ich auch haben! Mein schleppenhassender Gönner meint nun, die Manner müßten die Frauen zur Vernunft bringen. Kein Mann dürfe seiner Frau ein neues Kleid kaufen, wenn ur nicht das Versprechen gäbe, es fußfrei machen lassen. Kein Jüngling solle sich verloben, ehe nicht seine Auserwählte sich verpflichtet habe, ihr Leben lang sich der Staubauswirbelung zu enthalten. Da sieht man, daß der perr wirklich ein Junggeselle tst. Souft wäre der Aberglauben von der Macht der Manner in diesen Dingen ihm schon ausgetrieben worden. Und nun gar noch der Appell an den Jüngling auf Freiersfuße Ach, der verliebte Fani, stellt keine Bedingungen, sondern ist herzlich froh, wenn„sie" ihm keine Vorschriften macht. Und wer auf eine sog. Vernunftehe hinaussteuert, der kummert sich ern recht nicht um die Gesundheitsschädlichkeit der langen Kleider seiner Künftigen, sondern berechnet die Mitgilt und denkt: Eaner reichen Braut tritt man nicht auf die Schleppe Verehrter Junggeselle, mit der spinzüngigen Weiblichkeit ist überhaupt schlecht streiten, und in Modesachen am allerschlechtesten. Erstens behaupten sie alle steif und fest, daß wer Männer davon nichts verständen, und zweitens daß es uns auch gar nichts anginge, und drittens, daß wir mit unserer eigenen Tracht genug zu tun hätten. Nun läßt sich freilich die Tatsache nicht leugnen, daß unsere Beinfutterale auch nicht fußfrei sind. Wir lassen die Schlothosen so tief auf die Stiefel herunterhangen, daß bei stärkerem Schmut die unteren Rander befleckt werden. Dieser Schmuß reibt sich dann an der Stiefelkappe recht unlieblich ab, durch die Feuchtigkeit wird die Hose schwerer und sinkt noch etwas tiefer, die Schmugaufsaugung wird immer ärger. Das Heilmittel dagegen ist die Aufkrempelung. Diesen Notdehelf haben die Gigerl bekanntlich als normalen Zustand einführen wollen, indem sie auch bei dem saubersten Wetter mit aufgekrempelten Hosen herumliefen, was übrigens keineswegs die dümmste ihrer Sonderbarktiten war. Das Auftrempeln der Männerhosen steht auf demselden Blatt, wie das Aufrafsen des Frauenkleides: beides ist ein Beweis, daß die normale Tracht unzweckmäßig ist. Nun liegt es aber auf der Hand, daß der Mann viel leichter, als die Frau, das untere Ende seiner Kleider in die Höhe bringen kann. Warum macht der Mann, der doch sonst so viel Wert auf die Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit seiner Tracht legt, sich nicht sußfrei? Er ist eben auch ein Sklave der Mode. Das lange Bleinkleid läßt den Fuß kleiner und zierlicher erscheinen, weil es den größten Teil des Stiefels verdeckt. Wir haben uns so sehr an den Fall der pose dis auf den Absag gewohnt daß es auf der Straße sofort Aufsehen erregt, wenn mal ein ausgewachsener und sonn ordentlich gekleideter Mann die Hosen etwas höher hinaufgezogen vu., so daß man die Stiefelkappe frei sieht. Bei den grünen Jungen erwacht schon der Modetrieb, den Hosen unten einen eleganten Fall auf den Fuß zu geben. Freilich sind die langen Hosen nur dem Träger gefährlich. weil er sie leicht beschmugt und abtritt. Sie wirbeln keinen Staub auf und belästigen also nicht so die Mitwelt, wie die langen Damenkleider. Im Wesen aber ist das eine dem andern gleich, und die Damen können den strafpredigenden Männern mit Recht sagen, sie mochten sich erst selbst an die Modenase fassen. Von den fürchterlichen Stehkragen und der steifen Hemdenbrust wollen wir schon gar nicht reden. Mein Hintermann leat nun gerade den Hauptton auf den gesundheitsschädlichen Staud. Aber daraus wird er den schleppentragenden Damen edenso wrnig das Gewissen rühren, wie den Automobilen. Leztere wirheln bekanntlich den Staud on gros auf; aber was machen sich die nobeln Töff=Töss=Ritter daraus? Der Staub bleidt hinter ihnen; mag das Publikum sich mit der Staubwolke abfinden. Die Modedamen lassen auch den Stand hinder sich, weil ihnen die Schleppe nicht vorn, sondern hinten hungt: S s machen sie sich daraus, ob andere Leute Staub zu schlucken kriegen? Damit bezahlen sie den Anblick eines sein geschittenen und elegant abfallenden Nockes nicht zu teuer. Wenn überhaupt eine Modedame sich abschrecken ließe, so mußle es der Staub und der Schmutz tun, den sie in ihren eigenen Kleidern ansammelt. Wenn eine Dame mit Schleppkleidern einen längeren Weg über den Unrath der Straße gemacht hat, so könnte man an ihrer unteren Hälfte die Inscheift anbringen: Der Mensch versuche die Götter nicht und begehre nimmer zu schauen, was hier sich gesammelt mit Schrecken und Grauen! Bei trockenem Wetter ein wandelnder Müllkasten, bei nassem Wetter ein Bundel von Straßen=Wischlappen! „Oho, man nimmt sich doch auf!“ Gewiß, das ist ein Notberelf, der bei nassem Wetter von den meisten bei trockenem Wetter teifweise ergriffen wird. Das Aufraffen und Tragen des Kleiderendes ist lästig, aber was tun die Deinen nicht der Mode zu Liebe? Es ist zudem ein unzureichendes Mittel, da meistens doch von der Stelle, die der raffenden Hand entgegengesetzt liegt, ein Stück mit dem Schmuße in Berührung kommt. Die Modedame int ihr eigener mangelhafter Schleppenträger. Diesen Gesichtspunkt halte ich aber durchaus nicht ür abschrecend. Im Gegenteil: die gefallsüchtigen Damen wollen gerade ein Kleid haben, das Anlaß zum Aufraffen gibt. Denn dabei sollen sich besondere Künste entfalten, die oft gar nicht harmloser Natur sind. Aus diesen Betrachtungen ergibt sich, daß die Mode ein eigentümliches, sehr kompliziertes, auf einem sammenspiel von Instinkten, Zufällen und Künsten beruhendes Ding ist, dem weder mit Vernunftgründen noch mit Machtgeboten beizukommen ist. Ja, wechselnde Ausartung der Mode ist eine Art ansteckende Seuche; die Epidemie laßt sich nicht beschwören, sondern sie muß austoben, bis ihre Kraft gebrochen ist. Der eine Bazillus wird durch den anderen vertrieben. Eine wirklich vernünftige Mode wird es wohl nie geben, weil die Menschen in ihrer Gesamtheit niemals ganz vernünftig sein werden. Man muß sich schon freuen, wenn die allerneueste Mode nicht ganz so haßlich und unsinnig ist, als die absterbende neueste Mode von gestern. Die Mode ist eine Dummheit, aber man macht sie doch mit! Ja. wir machen sie alle mit, die Alten wie die Jungen, die Männer wie die Frauen; in gewissem Sinne sind wir allzumal Sklaven dieser fürchterlich launischen Despotin. Die volle Freiheit kann niemand erlangen, nicht einmal der Buschmann, der sich den jematigen Ge brauchen seines Stammes in der Bemalung oder Behängung seines Körpers auch anpassen muß. Aber bei der unvermeidlichen Nachgiebigkeit gegen den allgemeinen Gebrauch kann man doch seine persönliche Vernunft seinen eigenen Geschmack und sein Anstandsgefühl noch geltend machen, indem man Maß hält, und die haßlichsten oder schädlichsten Auswüchse vermeidet und nur den Launen der Mode soweit nachgibt, daß man nicht gerade auffällt. Die Welt ist ein Narrenhaus. Wer erwas weniger narrisch ist, als der Durchschnitt, kann schon als klug und weise gelten. * Der Saharakaiser, der immer noch fern von seinem Reiche im Londoner Savoy-Hotel haust, hatte sich bisher mit ziemlichem Geschick den Nachstellungen berufsmäßiger Ausfrager zu entziehen gewußt, allein zuletzt ist auch seine Stunde gekommen, und der Londoner„Daily Expreß“ kann sich rühmen, den ersten Bericht über eine Unterredung mn Jacques dem Ersten gebracht zu haben. Die Dichtkunst hat dem findigen Schreibersmann zu diesem Erfolge verholfen. Er hat den Sa harakaiser angesungen und diesem damit eine solche Freude gemacht, daß, als er sich ein paar Tage später im Savoyhotel bei ihm melden ließ, er empfangen wurde. Oberst Gourand, der Generalgouverneu: der Sabara, stellte den Dichter und Ausfrager vor, und der afrikanische Potentat gerubte, seine Freude an den erhaltenen Versen auszusprechen, und erklärte die Absicht, sie als Nationalhymne für die Sahara einzuführen. Es waren noch zwei Herren und eine Dame zugegen- und die Unterhaltung beschäftigte sich erst eine Weile mu der französischen Repudlik, an der Jaques der Erste viel auszusetzen fand. Nach seiner Ansicht fuhrt der Mangel an wirklicher Frei heit und die allgemeine Unzufriedenheit den großen sogenannten Freistaat mit raschen Schritten dem Ende entgegen. Dem Sabarareich wird die Republik hauptsächlich als Muster dienen, wie man es nicht machen soll. Freiheit soll dort auf allen Gebieten berrschen, Freiheit der Rede. Freiheit der Presse und der Religion, überhaupt soll dort eigentlich jeder ziemlich so tun können, was er will, so lange er nicht in fremde Rechte eingreift. In letzterem Falle freilich wird kurzer Prozeß gemacht, aber auch dann nicht nach alten Mustern, sondern der„Störenfried wird abgeschoben, nicht auf administrativem Wege der schickt,“ wie bei Frankreichs nordischem Verbündeten, sondern einfach aus dem Lande geschafft. Keine Steuern sollen in dem neuen Musterstaate erhoben werden, und keine Staatskirche wird es darin geben. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Eine katkolische und eine griechische Kirche werden bereits im neuen Troja in Angriff genommen. Mit einer protestantischen ist man noch nicht soweit gediehen, weil sich so viele Sekten gemeldet haben, daßwenn man jeder eine Kirche bauen wollte, ein ganzes Stadtviertel voll Gotteshäuser errichtet werden müßte. Was der Saharakaiser über sein Land und dessen Geschichte bis zu der neuen Staatsbildung sagte, ist allgemein dekannt. Es melden sich Massen von Leuten zur Einwanderung. Alle anständigen. brauchbaren Menschen, einerlei welcher Herkunft, sind willkommen. Engländern und Amerikanern würde Sr. Majestät den Vorzug geben. Es liegt nur eine kleine Schwierigkeit vor, weil bei dem letzten(englischen) Kolonialversuch der North African Company der bekanntlich fehlschlug, die damalige englische Regierung(Lord Roseberys Kabinett) durch öffentliche Bekanntmachung alle britischen Untertanen, überhaupt jedermann, der dort landen würde, mit ihrem Mißfallen bedroht habe. Anscheinend stehe das dem Unternehmen jedoch nicht ernstlich im Wege, was übrigens nicht zu verwundern sei, da er. der Kaiser, nur kolonisiere, seine eigenen Kosten bezahle und jedermann die offene Türe zugestehe. Für die Sabara glaube er jedenfalls an Freihandel. Bei England liege die Sache allerdings anders, aber das neue Saharareich habe einstweilen noch keine Industrie schützen. Was die in Paris erschienene Nachricht anbelangt, die Flagge des neuen Reiches sei gestoblen worden, so darf man sich berubigen. Die Saharaflagge war glücklicherweise nur hinter das Bett des Generalgouverneurs hinabgeglitten. * Eine verhäugnisvolle Gastfreundschaft haben die Bewohner der Inse. Barbados einem Tier gewährt, das sie sich aus Inden verschrieben darten. Vor einem Vierteljahrhundert lin der Anbau von Zuckerrohr auf der Insel aufs äußerste unter den Verwüstungen durch Rarten und man helt es dort für einen ausgezeichneten Einfall, sich aus Indien Mungos kommen zu lassen, eine kleine Raubtierart, die als Rantenfeind verühmt ist. Die Mungos räumten furchtvar unter den Ratten auf, aber gleichzeinig machten sie sich auch über alle möglichen friedlichen Tierbewohner des Eilandes her. Sie verschmähten z. B. nicht, den Eidechsen nachzustellen, und da diese wieder als Vertilger schädlicher Raupen geschätzt werden, so sah man bald ein, daß man den Teufel mit Belzebub ausgetrieben hatte. Gerade die von den Eidechsen in großen Mengen verzeorten Raupen bohren nämlich evenfalls das Zuckerrohr an und geben so den Keimen schädlicher Pilze Einlaß. Da nun die Raupen nach der Vernichtung der Erdechsen zunahmen, so traten neue große Verluste in den Zuckerrohrernten ein, die jetzt den Bewohnern von Barbados die Veranlassung gegeben haben, bei ihrem Gouverneur wegen Ausrottung der Mungos zu petitionieren, wie sie vor 25 Jahren um deren Einführung geberen harten * Immer hübsch dureautratisch! Die in Schwerin erscheinende„Mecklenb. Ztg." bringt folgende Eingesandt„Wie man zu einer polizeilichen Strafverfügung kommen kann, ergibr folgendes Inserat der Meckl. Zig.“ vom 10. Dezember v. I.:„Suche sofort nochmn v. hob. Lohn w. Krankbeit d. jetzigen. Frau Caroline Schomacker, Stellenvermittl., Gr. Paulstr. 31." Der Wortlaut der Verfügung lautet:„Die Inserarin hat es unterlassen, in der von ihr inserierten, ihren Gewerherrieb betreffenden Anzeige ihrem Namen den Zusatz„Gefindevermieterin" oder„Stellenvermittlerin“ hinzuzufügen Das Inserat ist mit dem Worte„Stellenvermittlerin" ausgeschrieben zur Expedition gebracht, der Setzer hai durch die Spaltenbreite des Inseratensatzes sich veranlaßt gefühlt, das Wort„wie oben zu sehen, abzukürzen, in der Meinung, daß ein Zweifel durch diese Abkürzung nicht enrstehen kann. Solche Abkürzungen sind des öfteren schon notwendig, um durch eine neue Zeile ein Inserat nicht noch zu verreuern. Ein Zweifel darüber, daß die Frau Caroline Schomacker sich als Stellenvermittlerin bezeichner hat, wird wohl auch bei keinem Leser enstehen. Gewiß hat der Geserzgever nicht geahm, daß der§ 4 der Verordnung vom 1. Dezember 1902 solche Auslegung erfahren könun" Vergag und Raaterggu er A ägrichen Verensbruckers. „ f 29. Januar 1904 Die kleine Kapelle. 23) Preisgekrönte Novelle von A. de worieux. Genehmigte Uebersetzung.(Nachdruck verboten.) Endlich waren die Aufgaben beendet, so gut es eben ging. Da schlug es neven Uhr vom Turme, und jeder Schlag hallte in dem Herzen der kleinen Heldin wieder die stolz wie ein Kreuzritter auszog, um ihr Vorhaben auszuführen. Alles schien iyr zu Statten zu kommen. Sie begegnete niemandem unf der Trevpe keiner der Kaufhändler aus der Häringsstraße zeigte sich an den Fenstern; kein Vorübergehender lenkte seine Schritte auf das Stadthaus zu, dessen Hauptportal schon halb geschlossen war. Ueber diesem Portale, ungefähr drei Meter vom Erdboden entferni, steht aufrecht der große heilige Michael. Die Augen zum Himmel erhoben, ein Schwert in den geschlossenen Händen, führt er den Vorsitz über die anderen Patrone Flanderns, die in bescheidener Haltung ihn umgeben. Drei Meier:.... Unruhig betrachtet Georgine die Entfernung, die sie von dem glorreichen Erzengel trennte, und schon schickte sie sich an, zu versuchen, an den vorspringenden Skulpturen hinauf zu klettern, als sie— o Wunder— in der Ecke eine kleine Leiter erblickte, die ein Arbeiter nach dem Reinigen der Laterne dort vergessen hatte. Aber das ist kein bloßer Zufall, daß die Leiter da steht, davon ist Georgine im tiefsten Herzen überzeugt. Sie nehmen und an die Mauer lehnen, leichfüßig auf ihr in die Höhe klettern und den Brief in die Hände des Heiligen legen, die eigens dafür so geformt zu sein scheinen, das alles war das Werk eines Augenblickes. Kaum nahm sie sich Zeit, die kühne Kleine, ihrem Beschützer einen Blick des Einverständnisses zuzuwerfen, aber der Heilige schien ihr zuzulächeln, als wollte er ihr schon jetzt die Versicherung geben, daß sie erhört werden würde. Stolz und glücklich, als hätte sie Orleans gerettet, eilte die neue Johanna triumphierenden Schrittes über den Rathausplatz und begab sich zu Lisbeth, wo sie zu ihrer Freude Marzeline wiederfand, die sie im Vorgefühl ihres Sieges stünmisch umarmte. 4. Die Auseinandersetzung. Während Georgine in kindlicher Weise mit dem heiligen Michael verkehrte und überlegte, wie sie den geschriebenen Brief in die Hände des Heiligen werde legen können, drängte in der Häringsstraße ein wich tiges Ereignis das andere, und Marzeline hatte allen Grund, den grausamen Tag des 23. September 1835 nie mehr aus ihrem Gedächtmis zu verlierel. Nachdem die Kleine zur Schule gegangen war, hatte sie ihre täglichen Arbeiten ausgenommen und putzte und stäubte ihre Wohnung in gewohnter Weise. Mit bedrücktem Herzen betrachtete sie dann die hübsche Toilette des vorhergehenden Tages, an die sich für sie nur bittere Erinnerungen knüpften: nicht für ihn hatte sie das mit Spitzen besetzte Kleid, den neuen Hut, der zu ihrem blonden Haare so gut stand, angelegt. Sie verabscheute alle diese Kleidungsstücke, seit sie wußte, daß sie nur dazu hatten dienen sollen, die Aufmerksamkeit eines anderen Mannes auf sich zu lenken. Sie war wieder sehr in Aufregung geraten. Ohne selbst zu wissen, was sie tat, setzte sie die Gegenstände in ihrem Zimmer bald hierhin, bald dorthin. Sie wollte nähen, aber die rebellische Nähnadel in ihrer Hand traf für den Stich nicht den richtigen Ort, und der Faden, der nicht regelrecht aufgezogen wurde. brach unter ihren Fingern. Dann verloren sich ihre Gedanken und eilten zu ihm. Mit Todesangst und Schrecken dachte sie an den Brief, den sie geschrieben hatte. Hat er ihn erhalten? Was wird er tun? Was wird er sagen? Jedes Geräusch ließ sie erbeben. Jetzt hört sie Schritte auf der Treppe. Es geht jemand auf die Tür des Herrn Panderfull zu; man klopft!.... Vielleicht ist er es!... Großer Himmel, was wird das geben!— Jetzt hört man sogar die Klingel der Wohnung. Es muß geöffnet werden. Mit Mühc, bezwingt Marzeline ihre Herzensangst und mit zitternder Hand entfernt sie den Riegel. Aber nein, er ist es nicht.... Es ist die Aufwartefrau, die sich mit der Schwerfälligkeit aller jener, die um ein Gewisses in der Stunde arbeiten, an ihre Verrichtungen gibt und selbst die Aufregung Marzelinens nicht bemerkt. Marzeline ist kaum im Stande die Fragen zu beantworten. die die Frau im Interesse des Dienstes stellt. Sie kann die Sorge nicht aus ihren Gedanken verscheuchen; sie fühlt das Unwetter nahen und weiß, daß dieser Morgen über ihr Schicksal entscheiden wiro... Sie muß immer wieder an den Brief denken, den sie gestern in einem Augenblicke der Ueberreizung und des Schreckens, der ne überwältigte, an„ihn" gesandt hat. Heute sieht sie die Folgen vor Augen, welche dieser fast willenlos getane Schritt der Hilfe ruf, den die Verzweiflung ihr diktierte, unzweifelhaft für sie haben wird. Der herrschsüchtige Charakter ihres Onkels, seine Vorurteile und sein Eigensinn stehen vor ihrem Geiste. Gestern hat sie unbedachter Weise geglaubt. Moritz brauche sich nur zu zeigen, um allen Widerstand zu besiegen;#### befürchtete sie eine grausame Enttäuschung... Hat sie ihn nicht vielleicht nur unhöflichen, beleidigenden Redensarten ausgesetzt? Ihr Herz droht zu brechen bei diesem Gedanken und sie fragt sich angsterfüllt, oo es nicht noch jetzt möglich ist, den Brief aufzuhalten oder wenigstens den Besuch zu verhindern, vor dem sie mehr und mehr zurückschreckt. Aber sie kann ja Onkel Panderfull vorbereiten, ihm ihren unerschütterlichen Entschluß mitteilen, den ersten Stoß aus ihre Schultern nehmen... Ja, das muß— das will sie tun... Marzeline erhob sich und der Mut der Verzweiflung, der selbst den schwächsten Wesen ungeahnte Kraft verleiht, beseelte sie. Ohne Zögern schritt sie auf die Tür zu, aber ehe sie dieselbe erreicht hatte, wu de laut angeklopft eine wohlbekannte Stimme rief:„Ich bin es“, und Herr Panderfull stand vor ihr. „Ich möchte über ernste, sehr ernste Sachen mit Dir sprechen“, sagte er mit bewegter Stimme. „Wir wollen uns setzen, Onkel.“ Er nahm einen Stuhl und schien sich zu sammeln. „Liebes Kind, Du weißt, ich kann keine Umschweife mochen und muß imme; direkt aufs Ziel losgehen: es handelt sich um eine Heirat für Dich.“ „Ich weiß es, Onkel.“ „Du hast es erraten?... Ich dachte es mir schon. O. die jungen Mädchen, die jungen Mädchen! Ich sehe, daß mein Werk schon halb gesan ist. Der Bräutigam gefällt Dir, das ist natürlich.“ Ich würde lügen, Onkel, wenn ich ja sagte. Ich denke. Du machst Scherz.“ Ich versichere Dich, daß ich keine Lust dazu verwire: Ach das ist gewiß ein Mißverständnis. Es handelt sich um Friedrich Warcollier, den schönen, jungen Mann, die gute Partie... Friedrich Warcollier „Herr Friedrich wird leicht eine andere Frau finden.“ Herr Panderfull rückte auf seinem Stuhl hin und her. „Bist Du närrisch?“ Nein, Onkel, ganz und gar nicht.“ „Ald was mißfällt Dir denn an ihm, wenn ich bitten darf?“ Marzeline schwieg still, aber Herr Panderfull fuhr fort: 8 58 S 85 *-Gg IxaNOSSOSAGEEEEU Nr. 19 Der Erzähler. 1901 „Willst Du mir sagen, was Du ihm vorzuwerfen hast?“ „Ich habe ihm nichts vorzuwersen, aber ich liebe ihn nicht.“ Und ihre Stimme klang so fest, wie ihr Onkel sie niemals gehört hatte. „O. wenn es nur das ist!— Das wird mit der Zeit schon konmien; das kommt immer.. „Nein. Onkel. nein, denn ich liebe einen anderen.“ Herr Panderfull sprang auf. „Was! Du liebst einen andern? Was soll das heißen, einen andern?... Einen andern, ohne mein Vorwissen ohne meine Erlaubnis?“ „Ja, das war Unrecht von mir,“ antwortete Marzeline, großes Unrecht, ich gebe es zu. Aber alles ist so unschuldigerweise gekommen, so vor und nach, ohne daß ich es selbst ahnte. Ich bin sicher, wenn Du ihn kennen lernst....“ Herr Panderfull hatte schon auf der Zunge, zu sagen:„Ich will ihn gar nicht kennen lernen“; aber dann fiel ihm ein, daß es doch besser sei. Marzeline in ihren Geständnissen nicht auszuhalten. Mit sanfterer Stimme fuhr er deshalb fort: „Und wer ist dieser Herr?" Ein sehr ehrenwerter Mann, ein Beamter am Rathause... „Ein Beamter!... schiie Herr Panderfull. der sich nicht mehr länger halten konnte,„ein Rathausbeamter!.... Der galante Herzensbrecher hat sicher hier Fensterparade gemacht, wenn ich nicht da war." „Durchaus nicht, Onkel. Ich habe ihn in Sainte Gudule kennen gelernt.“ „So, das wird immer besser! Das sind die Kirchenläufer, diese frommen Leute, die den jungen Mädchen die Kopfe verdtel „O. Oukel! „Ja, mein Fräulein, die sie dem Gehorsam untreu machen, den sie ihren Eitern###uldin sind.“ „Aber, Onkel. wir haren noch nicht eimmal daran gedacht uns onne Deiu heiraten.“ „Nun gut. dann worde: In. uch überhaupt nicht heiraten; denninich#nnwen al „Du schlägst er abe Eu nin= Teine Einwillia ung nicht? lung „Er ist Beomter, das gennat mir! L. das ist ein hübsch. Einrich: n Herren täten n bekümmern. als 1.. unsere belgisch sich um ihre B 71 saperschnitze „Sage das nicht, Onkel," rief Marzeline und richtete sich hoch auf.„Es ist nichts Unschickliches zwischen Herrn Paster und mir vorgefallen. Er ist ein rechtschaffener Mann, und Du weißt wohl, daß ich ein braves Mädchen bin.“ „Gewiß, das fängt immer rechtschaffen an, um nachher ganz anders zu endigen: Du hast nichts darin gefunden, das glaube ich wohl; aber er— der Bandit er weiß, was er tut. Glücklicherweise komme ich früh genug, um der Sache ein Ende zu machen.“ „Was willst Du damit sagen, Onkel?" „Was ich sagen will?... Ich hoffe, daß die Intrique mit dem Schreiber nicht weiter fortgesetzt wird, sonst sperre ich Dich in ein Kloster ein!" Ich wollte Dich gerade darum bitten, Onkel. Ich will lieber ins Kloster gehen, als einen andern heiraten, als denjenigen, den ich liebe.“ „Gut also! Du gehst ins Kloster und denkst über die Geschichte nach. Dann hast Du Zeit zu überlegen, bis Du einundzwanzig Jahre alt bist; denn nach diesem Zeitpuntt gewahren uniere stupiden Gesetze den Mädchen das Recht, selbst über ihr Schicksal zu ent scheiden.— O. wie dumm bin ich gewesen, daß ich nicht gleich mit dem Kloster angefangen habe! Mit inem Kloster mit Gittern und Schlössern, aus dem Du nicht hättest heraus kommen dürfen bis zu Deiner Verheiratung. Dann solltest Du schon gerne den Mann genommen haben, den ich Dir vorgeschlagen hätte.“ Her: Panderfull sprach immer lauter: Fräulein zu verwahren?.. Nein, nie! Gebt mir Husaren, gebt mir Artilleristen, alles was ihr wollt, nur keine Fräulein. Was. Teufel, hatte ich uch nötig, mich mit der Sorte abzugeben. Ich lebte ruhig, ohne Aufregung, ohne Verantwortlichkeit: m brauchte nur an mich selber zu denken.— Und etzt... Panderfull, ich sage Dir. Du bist ein Esel!" Um des Himmels willen. lieber Onkel. sprich nicht so! Du zerreißest mir das Herz: Du weißt, wie Georgine und ich Dich lieben und wir dankbar nir Dir sinr Ja. ja, das beweisest Du mir!... Aber das nich an der Erziehung, die man jetzt den Mädren gibt: sie lernen raisonnieren. philosophieren und schwäner aber kochen, nähen und geborsarn sein, das n sie nicht! Die Kinder sind da um ihren Eltern zu geborchen, wie die Soldaten ihrem General Aber die ganze menschliche Gesellschaft ist per dreht! Es###i keine Ordnung. keine Disziplin mehr, nichts, was Stand hält, nichts, was taugt!.. Wir gehen immer mehr dem völligen Untergang entgegen.“ Herr Panderfull unterbrach sich selber. Ein quälender Gedanke fuhr ihm durch den Kopf: die Beschämung und Verwirrung, die er Warcolliers gegenüber empfinden würde. Daß er sich so weit vorgewagt hatte! Daß er versichert hatte, die Sache sei abgemacht und beschlossen, fast hätte er gesagt. beschworen, und daß er nun sein Wort zurücknehmen mußte... Er wollte noch einen letzten Versuch wagen. „Aber damit ist nichts gewonnen“, sagte er.„Ich bin überhaupt viel zu gut, mich mit einem so naseweisen Geschöpfe noch lange herum zu diskutieren! Eins, zwei, drei! Willst Du Dich mit Friedrich heiraten oder nicht?“ Zum Zeichen der Ablehnung wendete Marzelin den Kopf, aber der Onkel tat, als habe er es nicht gesehen. „.. mit dem braven, jungen Manne, der seine Mutter auf den Händen trägt und Dich glücklich machen wird. Die Mutter, eine solch ausgezeichnete Frau, die auf alles Acht hat, ein angenehmes, blühendes Geschäft besitzt und Taler in der Sparbüchse. Alles, was man sich nur wünschen kann, kommt dort zusammen. Du könntest keinen besseren Mann finden. Bedenke Dich gut, so lange es noch Zeit ist.“ „Ich habe mich bedacht, Onkel, und es tut mir sehr leid, daß ich Dir nicht zu Willen sein kann; aber ich ziehe es vor, mich nicht zu heiraten.“ Herr Panderfull verlor den Auftritt mit Frau Warcollier nach dem Diner am gestrigen Abend nicht aus den Gedanken. Ihm fiel alles ein: er dachte an die Einwendungen, die Frau Warcollier gemacht hatte. an die Antwort, die er ihr gegeben und an die Versicherung, daß er der Zustimmung seiner Nichte gewiß sei. Er stellte sich die eigentümliche, unangenehme und lächerliche Lage vor. in die Marzelinens Weigerung ihn brachte. Ihm, Panderfull, dem Hauptmann der Schützengilde, dem schrecklichen Panderfull, der überall zu Rate gezogen wurde und dem alle geborchten.— ihm wurde jetzt Schach geboten von einem kleinen Mädchen. Sein Gasicht rötete sich, seine Nasenflügel zuckten, und von neuem stieg der Zorn in seine Augen. dieser höse Zorn, der der verwundeten Eigenliebe en: springt. (Fortsetzung folgt.) Als sie gegen vier Uhr aus dem Hause trat, um ihren schweren Gang anzutreten, schlug eine drückende Schwüle ihr entgegen. Wie ein Alp legte es sich auf ihre Brust, in der das Herz ohnehin so unruhig klopfte. Noch ein wehmütiger Gruß ihrer ernsten, traurigen Augen.— Walter blickte ihr aus dern Fenster seines Zimmers nach— und sie schritt die Allee entlang dem Walde zu. Sie hatte so viel zu denken, daß ihr der Weg ungemein kurz deuchte, und war sehr verwundert, als sie sich in der Näbe der Waldschenke sah, deren rotes Dach freundlich durch die Bäume schimmerte. Da stand auch Frau Siegfried auf der Schwelle: sie hielt Augen gen Himmel gerichtet, als ob sie dort etwas wahrnehme, doch jetzt bemerkte sie die junge Frau und schritt ihr so rasch entgegen, als es die Fülle ihrer Gestalt nur zuließ.„Ach solch ein lieber, guter Herr. Frau Lore.“ rief sie schon von weitem. Lore legte lächelnd den Finger auf den Mund und sab sich besorgt ringsum. „Hier ist kein Lauscher," fuhr Frau Siegfried fort und schüttelte Lores Hand.„Gäste sind keine da. Sie brauchen keine Bange zu haben. Auch vor ihm nicht.“ Frau Siegfried sab jetzt ern, daß Lore sehr bleich aussab und ein Zittern durch ihren Korper flog.„Wie ein Kind ist er. Heute Morgen ist er schon unter der Linde gewesen, wir haben ihm den bequemen Stuhl hingetragen, und da hat er eine Stunde lang gesessen. Der Hund kennt ihn auch schon. Hektor, sagte ich, hier setz Dich der. Und wahrhaftig, das kluge Tier setzte sich neben den Herrn, und er sprach mit ihm allerlei, wobei ihn dann der so klug ansah, wie nur so ein Hundevieh Frau Tore. Roman von J. Jobst. gucken kann. Der Siegfried sagt immer, der Hund hat Menschenverstand. So haben sich die Beiden ganz gut unterhalten und ich konnte meiner Arbeit nachgeben. Nachher hat er gegessen, recht mit Appelit. und dann hat er geschlafen bis nach drei Uhr. Er sitzt oben in seinem Zimmer am Fenster, wir dachten, es wäre Ihnen lieder, daß Sie ihn drinnen sähen, und haben ihn noch nicht heruntergebracht. Es ist auch so schwül, und da oben braut sich was zusammen: gut, daß sie noch trocken herkommen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn ein Wetter käme nach der Hitze.“ Lore hörte der redseligen Alten zu, ohne sie zu unterbrechen, warf aber bei den letzten Worten einen besorgten Blick nach oben. Sie schritten schon auf der Wiese dabin, und Lore sah jetzt die Spitzen mächtiger Wolkengebilde im Westen über den Baumkronen emvor steigen. Binnen kurzem konnte das Wetter da sein, der dichte Wald hatte bisher die Aussicht gewehrt. Tief aufatmend folgte sie dem Weg, der auf das Haus mündete. War es die entsetzliche Schwüle, die wie ein Bann auf ihr lag. oder die Furcht vor der Begegnung mit ihrem Vater? Energisch raffte sie sich auf und imes, als sie in die Haustüre trat, stumm jede weitere Begleitung ab. Allein stieg sie die schmale Stiege binauf, die zu den Giebelstuben führte. Nun stand sie oben auf dem niedrigen Flur und hielt sich einen Augenblick an dem Geländer fest, die Knie wollten ihr versagen. Lauschend bog sie den Kopf vor. aus der Zimmertü. dort vor ihr scholl leises Gemurmel. Ist er das? Ist es die Stimne des Vaters, die an ihr Ohr schlägt? Ein schmerzliches Lä(Nachdruck verboten.) cheln über ihre namenlose Feigheit flieht über ihre bleichen Züge- und sie streicht sich, wie um sich zu beruhigen, mit der schlanken Hand über die Stirn. „Ach. diese Schwüle,“ stammelt sie, ihr Zögern vor sich selbst entschuldigend. Schwankend legt sie die wenigen Schritte bis zur Tür zurück, hinter der jetzt ein leises Lachen erklingt und dann wieder das Murmeln. Mechanisch drückt Lore die Klinke, die Tür springt auf und sie tritt über die Schwelle. Noch ruht der volle Sonnenglanz in der Stube, soweit er durch die Vorhänge nicht abgehalten wird— der Kranke muß die Wärme lieben. In seinem beauemen Sessel sitzt er am Fenster und die glühenden Strahlen spielen um seine Knie, um die wachsbleichen, mageren Hände, indessen das totenbleiche Gesicht im Schatten ruht. Er hebt die Augen, sie treffen verwundert das schöne Frauenbild, welches mit traurig=mitleidigem Ausdruck zu ihm hinsieht. Lore zieht die Tür ins Schloß und kommt langsam näher, um die zitternden Lippen irrt ein schmerzliches Lächeln. Wie sich besinnend führt Herr von Nordmann seine Hand an die Stirn. in seine dunklen Augen tritt ein Bild aufwachender Erinnerung, und als Lore ihm die Hand entgegenstreckt,— sie kann vor Bewegung kein Wort hervorbringen— breitet der Kranke sehnsüchtig die Arme aus und ein rührender Ausdruck wehmütiger Freude legt sich über die eingefallenen Züge, und die Lippen flüstern:„Eleonore, bist Du endlich bei mir? Wo bleibst Du nur so lange?“ „Vater. Vater, mein armer Vater“, schluchzte Lore und sank neben dem Kranken nieder, der ihren Kopf streichelt und murmelt:„Wo bleibst Du so langeNer. 19. Ter(rzähler. 190• warum ließest Du mich allein, liebste Frau? Ich bin krank und schwach, und Du bist stark und schön. „Ich bin Dein Kind, Vater, Deine kleine Eleonore," unterbricht ihn Lore und blickt unter Trä nen lächelnd zu ihm empor. „Mein Kind, meine kleine Eleonore? Wo ist denn die andere, Kind? Sie sagen immer, sie ist tot. Aber Du bist doch auch da. und Du sollst auch tot sein, ganz tot.“ „Mutter schläft im Grabe, Vater, und mich nahm Onkel Röder zu sich,“ belehrte ihn Lore. „So, so, Mutter schläft im Grabe. Wenn ich doch auch schlafen könnte, immer schlafen. Ich bin so müde von allen Gedanken. Jetzt schlafen die auch aber wenn sie aufwachen und ich muß denken— denken ——— Nein ich will nicht denken,“ schreit Nordmann heftig auf und seine geballte Hand schlägt hart auf die Sessellehne auf. Du brauchst auch gar nicht zu denken. Vater," begann Lore wieder mit ihrer süßen Stimme— sie merkte, wie beruhigend ihr Klang auf die Aufregung des Kranken wirkte—„Du sollst nur zuhören, ich erzähle Dir von meinem lieben Manne—“ „Deinem lieben Manne," wiederholte lächelnd Nordmann. „Und meinen zwei Kindern.“ „Deinen Kindern?" „Die sind Deine lieben Enkel, Vater, Du bist ihr Großvater." „Großvater— Enkel," murmelte seine müde Stimme nach. „Mein Junge heißt Werner und das kleine Mädchen Ursula, und sie werden den Großvater auch besuchen und Du wirst sie sehr lieb haben.“ „Lieb haben,“ ertönte wieder das Echo. „Meinen Walter kennst Du schon, er hat Dich in Werbersdorf besucht, und gestern war er auch bei Dir. Der große, blonde Mann, weißt Du, der gestern bei Dir war, als Du im Bette lagst.“ „Ja, ja, der große- gute Mann, den mag ich leiden. Eleonore, kommt er bald wieder?“ Ein leises Klopfen an der Tür unterbricht das Gespräch. Nordmann nickt freundlich der behäbigen Frau Siegfried zu, die ihm vertraulich zuwinkt. Sie deckt geschäftig den Tisch und bringt Kaffee und frischen Kuchen, indes sie denkt:„Auf all die Aufregung wird ihr ein Bissen gut tun und ein Schluck kräftisen Kaffees." Lore läßt es sich nicht nehmen, den Vater zu bedienen, der in ihr zwei Personen sieht, die geliebte Frau und sein Kind. Wie er doch glücklich istder alte Mann! Wie er lacht! Bei der jungen Frau weichen alle trüben Ge spenster, nur die Gegenwart tritt in ihr Recht, ste sieht in dem Kranken den gebrechlichen Greis, den sie mit töchterlicher Liebe versorgt. Vergessen ist, was er gesündigt hat, vergessen das namenlose Leid, das einstens durch des Vaters Schuld über die sonnige Jugend hereingebrochen. Mitleid, Erbarden mit seiner Hilflosigkeit erfüllte ihre Seele. Wo blieb der Haß? Ein dumpfes Grollen unterbricht jäb ihr Plaudern. Das drohende Gewitter! Sie hatte es ganz vergessen. Wie bleigraue Schatten huschte es durch das soeben noch sonnige Zimmer. Erschreckt hält Lore Ausschau. So weit sie sehen kann, jegt es heran wie mit eilenden Rossen. Aus dem Westen, aus dem drohenden, dunklen Wolkenbogen wälzen sich die Mas sen, es quillt aus ihrem Unglücksschoß hervor. als ob das Meer seine Wogen ausgeschickt zur Zeit der Flut Wolke auf Wolke. Mit gierigen Zungen eilen die Vorlaufer einher. Sie rasen üder den Himmel, von der Windsbraut getrieden. Andere stellen sich ihnen entgegen, sie stoßen zusammen und einen sich in flammenden Blitzen, bevor ihre Regenströme sick auf die lechzende Erde ergießen. Es ist, als ob die Wolkenschlacht da droben sich dazu die Zeit nicht gönnte, so wirbelt und tobt es durcheiander. Wie der leuchtete ein Blitz, dem ein Donner unmittelbar folgte. Es ist ein Krachen, daß Lore voller Ent setzen vom Fenster zurücktaumelt. „Um Gottes Willen, Frau Lore," flüsterte Frau Siegfried erschreckt, neben ihr,„er darf kein Feuer sehen, sagte der Pfleger, dann bricht das Toben bei iym wieder aus.“ „Rufen Sie ihren Mann rasch.“ erwiderte Lore hnell gefaßt,„damit er für alle Fälle schnell bei der Hand ist. Das wird ein grausiges Wetter.“ Frau Siegfried eilte hinaus und Lore beobachtete voller Unruhe den Vater, der stumm zum Fenster hinausblickte in das Leuchten der Blitze, nur der Donner scheint ihn zu ängstigen. Nordmann preßt ängstlich die Hand der jungen Frau, die sich zu ihm setzt. Sie hat versucht, den Sessel mehr ins Innere des Zimmers zu schieben, aber ih: fehlt die Kraft, und sie will den Kranken nicht noch beunruhigen. Wie lange es dauert, bis Siegfrieds kommen Rindergebrüll tönt durch das Toben des WettersSiegfried ist wohl beim Vieh. Der Sturm rast weiter, die hohen Wipfel der Waldesmassen wogen auf und ab wie ein brausendes Meer, die Luft ist lebendig geworden. Wie mit Tausenden von Stimmer stöhnt und heult es draußen, die Blitze fahren in den Grund, die Donner krachen. Kaltes Grausen packt die junge Frau und doch verliert sie nicht ihre Kaltblütigkeit. Mit leiser Hand streichelt sie die zitternde Greisenhand, immer von neuem flüstert sie ihm beruhigende Worte zu, er fühlt es mehr, als daß er es versteht. Schon glaubte sie, die Schrecknisse überwunden zu haben, da züngelt es in glühendem Zickzack berab, das Haus erbebt bis auf den Grund, ein Krachen, als ob die Erde bersten wollte— und in lodernden Flammen, gleich einer Feuersäule drennt die hohe Tanne vor dem Hause lichterlob empor. Sie sinken beide in halber Betäubung, Lore und der Vater, nieder, und als sie das Bewußtsein wieder gewinnen. sehen sie die Riesenfackel gierig das Mark des Baumriesen verzehren. Schaurig schön ist der Anblick, auf den sich die weit geöffneten Augen des Kranken mit stierem Blick richten. Lore sieht das Verhängnis nahen, sie kann ihm nicht wehren, in wildem Drängen entzieht sich der Vater ihrer haltenden Hand. Er springt auf mit gellendem Schrei, und die geballte Faust trifft das Fenster, daß das Glas in Scherden hinausfliegt. „Die Flammen, die Flammen!“ stößt die keuchend arbeitende Brust hervor.„da sind sie wieder, und der Rauch, der dicke Rauch!" „Vater!" fleht jetzt Lores weiche Stimme,„komm, setz Dich her zu mir.“ Aber der Irre hört sie nicht, er rast immer im Kreise im Zimmer m#per und tobt weiter.„Ich ml seinen Kopf sehen, seinen Kopf.— Er hat das Geld genommen— das Geld genommen.“ Einen Augen blick steht Nordmann vor dem altmodischen Schreib sekretär still, der die eine Wand des Zimmers ein nimmt. und stiert auf denselben hin, wie in tiefen Gedanken. „Da lag es— das viele Geld," stohnte er von neuem, und er sucht, wie um Hilfe slehend, das Augseiner Tochter, die ihm gefolgt ist und ihren Arn zärtlich um ihn schlingt. Sie sehen es beide nicht daß draußen das wilde Flammenspiel zu Ende in. denn der Himmel öffnet endlich seinen Schoß um strömenden Regen herabzusenden. Das Toben der Lüfte erstirbt in sanftem Weyen. nur das Rauschen des niederstüzenden Wassers klingt durch das zertrummerte Fenste: in das Murmeln des Kranken, der vor den Augen der atemlos lauschenden Lore den Vorhang lüftet, welcher das grauenhafte Gespenst der Vergangenheit verhüllt. Es ist nur ein schmaler Spalt, der sich vor ihr auftut, aber er genügt, um in ihrem rastlos arbeitenden Hirn den Boden zu erschüttern, auf dem die Schuldfrage ihres Vaters so sicher ausgebaut war. lbwehrend hebt Lore jetzt die Hand, als durch die vorsichtig geöffnete Türe Siegfrieds weißer Kopf hindurchlugt, und die Türe schließt sich wieder so lautlos, als sie sich öffnete. Lore will allein bleiben mit dem Vater. Und der Kranke rannt weiter ab und zu die erloschene Stimme zu gellendem Tone oder wilder Klage erhebend:„Siehst Du ihn, Eleonore? Da schleicht er wieder, der Mann ohne Kopf. Wenn ich nur das Gesicht sehen könnte das Gesicht! Aber die Flammen— der Rauch um mich her.— Und das Geld— das viele Geld;— er hat es mir genommen, und sie sagen, ich hätte es getan. Sieh doch. er will sich verstecken in dem Rauch. Was er für Füße hat. groß und plump, die Hände so breit und rot.—Eleonore, wo bist Duk Hilf mir doch nur, ihn zu fassen, damit ich sein Gesicht sehe— sein Gesicht!"— Hier bin ich, liebster Vater," flehte Lore, aber Nordmann hörte sie nicht, die Wahnideen hielten ihn gefangen. Er starrte in die Ecke des Zimmers, der die Gebilde zu entschweden scheinen, welche das kranke Gehirn entfesselt haben:„Das Feuer— bu, wie er brennt— die Vorhänge, der Boden— aber das Geld— rasch das Geld. sonst verdrennt es——.“ Nordmann drehte den Schlüssel des Schreibtisches um, die Klappe fällt mit Krachen herab ehe Frau Lore noch zufassen kann, der Vater merkt es nicht seine Hände tasten in den Gefächern umber, die kei verlei Gegenstände bergen.„Lore! Alles leer.“ schreit der Kronke auf.„Mein Geld. mein Geld, ich will mein Geld wieder haben!" Gellend klingt de Schrei durch die Stude, dann nackt Nordmann Lore fest am Arm und deutet in die Ecke:„Da ist er wieder. Eleonore.“ „Nimm den Rauch fort, daß ich den Kopf sehe. den Kopf. Er hats getan, ich bin kein Dieb, ein nein, ich weiß es genau.— Brandstifter! Wer sagt daß ich ein Brandstifter din? Das ist nicht wahr Eleonore, sie lügen alle— alle. Glaubs nicht, glaubs nicht, Frau, ich habe das Haus nicht angesteckt. Dar Geld will ich holen, nur das Geld— und nun drennt es überall— überall— das Zimmer das Haus und der ganze Hof— die Menschen——— J tats nicht, nein, nein! O. die Flammen, die Flammen, hu— geht fort. Eleonore. Du sollft nicht ver brennen, fort, fort!" Fort, fort!“ ruft Lore mit erstickter Stimme, auf die Wahnidee des Kranken eingehend. Und er läßt sich willig leiten, er geht mit ins Schlafzimmer, das ebenan liegt— bald ruht er auf dem Bett in tiefem Schlaf. Siegfried sitzt neben ihm, denn Lore muß beim zu ihrer Familiz. Fortsetzung folgt. Allerlei. Tägliche Erinnerungen. 26. Jannar. 1347: Gründung der Universität Prag. 1764: Karl XIV. von Schweden(Bernadotte) geb.(Pau.) 1781: A. von Arnim, Dichter, geb.(Berlin). 1786: von Ziethen, Reitergeneral, f.(Berlin). 1860: Wilhelmine Schröder=Devrient, Bühnenkünstlerin, 1. (Koburg). 1885: Gordon Pascha, f.(Chartum). 1895: Giers, russ. Staatsmann. f.(Petersburg). Urpolitische Zeit’äufe. untersagt.) Berlin, 21. Janner Ein schmeichelbofter Ruf ist an mich ergangen. Ein woolwollender Leorer, der sich as Junggeselle vorstellt, traut mir den Beru und die Kraft eines Schleppenzoiers zu. Ich soll durch meine Jeder den anzen Kleidern, die in so ha licher und gesnadbet##schafliter Weise Staub aufwirbeln, das Lebenslicht ausbiaen. Ich tate es gern; aber wos hülft eo, wenn man den Mond der Mode andellt? Es gibt keinen Fürsten auf Erden, der mächtig genug wäre, der Mode Geseze vorzuschreiden, und alle Gesehrten zusammen können mit den besten Oründen den Mode=Un inn nicht besiegen. Auch das scharfe Schwert der Saticiker prallt wirkungslos an dem Modepanzer ab. Wir haben es ja erlebt, als der berühmte und überaus gerreice Protenor v. Bischer gegen die entsetzliche ode der Einschnürung der unteren Körperhätfte mit seinem scharfen Wig zu Felde zog. Diese Mode war nich: blos häßlich, sondern auch für die Trägerinnen selbst sehr lästig, da sie nicht ordentlich gehen konnten, ja teilweise sogar zur Schonung des straffgespannten Kleides sich wirkliche Beinsesseln anlegen mußten, die nur einen ganz kleinen Schritt gestatteten. Obendrein war die Mode schamlos im döchsten Grade. Aber die ehrbarsten Frauen trugen biefes Zuttenal, and nach der Seraiprndig