Nr. 17 2 Ler 1904. Herero-Aufstand #####n Abbobts Die Lage in DeutschSüdwestafrika hat einen sehr ernsten Charakter angenommen. Beistehend geben wir unsern Lesern eine Karte des in Betracht kommenden Gebietes, nebst einer besonderen Skizze von Swakopmund. Hier werden die bereits auf hoher See befindlichen Entsatztruppen lande n, denen es hoffentlich bald gelingen wird, den Aufstand niederzuwerfen. die Leiter derselden im Stande, die besten Künstler veranzuziehen und Aufführungen zu bieten, die zwar nur wenige Monate wahren, aber dafür mit das Vollendetste sind, was in dieser Hinsicht georacht werden kann. * Eindlung und Beteerung von Straßen. Behandlung des Straßenpflasters mit Oel zur Erzielung einer moglichst geringen Staubbildung hat in den verschiedenen Ländern ungleiche Erfoige gezeitigt, so daß sich üder den Wert dieser vom yygienischen Standpunkt gedotenen propholakrschen Maßrege noch kein endgültiges Urteil abgeden läßt. In Frankreich wurden in den letzten zwei Juhren mit geölten Straßen gute Erfahrungen ge macht In England dagegen mussen die nach dieser Ria tung umernommenen Versuche als gescheitert betrachtet werden. So wird aus der Grafschaft Surrey von komperenter Seite berichtet, daß geolte Straßen sich daselbst als durchaus unprattisch erwiesen. Innerhalb eines Zeitraumes von secho Monaten nach ihrer Vollendung wurden nie klumpig und trocken, und die Overfläche fast so staudig, als bo sie überhaupt nicht eingeölt worden waren. Die aufgewandten Kosten standen also hier in gar keinem Verhältnis zu dem erzielten minimalen Erfolg, wobei freilich zu berucksichtigen in. od für diese schlimme Erfahrung nicht: gewisse lokale Momente in Betraan kommen, die nicht ohne weiteres verallgemeinert werden durfen. Zweisellos erscheint es, daß der erfolg der Einblung vom Charakter des Bodens in erner Linie und in zweiter Linie von der Be sprengung abhängig ist. In Amerika hat man neuerdings mit Einölungen Versuche gemacht, bei welcem die eingeolten Straßen um. einer etwa einen halben Zoll dicken Sandschicht bedeck werden, die, nach dem das Oel das ganze Straßenden durchdrungen hat, unter die Einwirlung einer schweren Dampfwalze gebracht wird. Von fachlicher Seite in Amenka werden die auf diese Weise imprägnierten Straßen als staublos, wasserdicht, elastisch und dauerba## bezeichnet und man glaubt, daß sie für einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren zu keinerlei Reparaturen An laß geben werden. Die steigende Erkenninis von der Gemeingefährlcchlen des Staubes als Bazillenträger läßt um mehr auch in den Stadten die Frage der Einschränkung des Staudes dunch enysprechende Behandlung der Straße als durchaus aktuell erscheinen und Dank den energischen Hinweisen bedemender Hygieniker beginnt man an maßgebenden Stellen dieser Frage erhöhte Aufmertsamkeit zu schenken Mit der Beicerung von Straßen, die sich in der franzosischen Provnz und im Auslande als ein ausgezeich neter Bundesgenosse im Kampfe gegen den Staub erwiesen hat, sollen jetzt in Paris großerc Versuche unternommen werden. Mai wird zunächst die Avenue de la Grande Armee in entsprechender Weise bebandeln, und von dem Ausfalle des Erpermentes eine Ausdelnung der Maßrege. auf alle großen Pariser Vertehrenratzen abbängig machen. Die Mittel für den Versuch konnten— so großes Interesse nimmt dar Publikum an diesen Bestrevungen— durch private Substription aufgebracht werden. Der Vorgang bei der Bercerung in ein ähnlicher wie bei der Einölung. Die Teermischung wird auf eiwa 160 Grad Fadrenheir erhigt und dann in einer Dicke von einem halben Zou aufgetragen. Nach einigen Stunden vat sich der Teer bereits sentgesaugt und bildet schließlich mit der over awe der Straße eine fest zusammenbäugende wanerdichte Masse. Die von Europa ausgehende Anregung in auch in Amerika gerne aufgegriffen worden. In den Vereinigten Staaten wurde im Novemver dieses Jahres zum ersten Male ein Versuch mit der Beteerung einer Straße gemacht In der Nähe von Westfield(New=Jersey) unterzog man eine tausend Fuß lange Straße der oben beschriebenen Behandlung. Das Resuldat dieses Expermmentes, vo dem weitere Versuche abhängig gemacht werden, wird vorzüglich auch in den Kreisen der Automobilinteressenten mit großer Spaimung erwartet, da die lästige und gesundheitsschädliche Staubentwickelung sich auch für den Fahrer als ein Uebelstand erweist, gegen den man mit allen Waffen anzukämpfen sucht. Ein endgültiges Urtei! üder den Nupen der Straßenbeteerung wird erst möglich sein, wenn reichlichere experimentelle Beobachtungen vorliegen, und es ware im Interesse der Gesamtheit zu wunschen, daß man auch bei uns der aufgeworfenen Frage prakrisch näher treten würde. Die gegenwärtig bestehenden Ansichten über den Wert des Verfahrens bedürfen noch einer Klärung. Während eine Anzabl von Fachleuten sich unbedingt zu gunsten des Systems aussprechen, sind andere der Ansicht, daß das Straßenmaterial, das widerstandsfahig genug sein soll, um der durchschmiitlichen Ver kehrsbelastung zu genügen, zu hart ist, um sich in der wünschenswerten Weise mit dem Teer mischen zu können. Bedenkt man aver, daß mit Makadampflaster diesbezüglich bessere Erfahrungen gemacht wurden, als mit Granit, uno daß über die Konsistenz unserer Plasterungsmaterialien auch noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist, so wird man zugeben, daß auch die weniger sanguinische durchaus nicht einer Verurteilung des Systems gleichkomm. Erwahnt urdient schließlich zu werden, daß die Bewegung zu gunsten der Straßenbeteerung auf einen Schweizer Arzi Dr. Guglielminetti zurückzuführen ist, der fur seine Idee in Paris und Nizza eine sehr erfolgreiche organisatorische Tätigkeit entfaltet hat. Die nonen des Verfahrens sind sehr gering— in dem angeführten Fau der Avenne de la Grande Armee betragen sie kaum 1200 Francs— und würden also. selbst wenn se von Behörden bestritten werden sollten, durchaus keine Ueberlastung n# staatlichen oder städtischen Budgets bedeuten. Die Bestredungen der Tierschunvereine, swviel Zeit, Kraft und Kapital auch darauf verwandt wird, werden die richtige Uebersetzung in das prattische Leven doch erst dann erfahren, wenn jede Familie einen kleinen Tierschutzverein für sich bildet. Daß gerade im Familienkreise durch Gedantenlosigkeit furchtbar gesümdig: wird, wird ein aufmerksamer Beobachter nicht ableugnen können. Der Schaden, der dadurch geschieht, ist verhältnismäßig sogar noch größer als in den Fällen augenscheinlicher. bifenzlicher Mißhandlungen der wehrlosen Kreatur; denn kann die Aufsicht####ebörde einschreuen, die offemlich Meinung dagegen Einspruch erbeven, und Stellung dagegen neomen— wenn ne will! Was aver innerdalv der vier Pfähle geschiebt, entzieht sich fast ausnahmslos der Beobachtung, wird zur gedankenlos geübren dewohnheit; der Anstoß, die Sache einmal in ihrer wirklichen, traurigen Bedeutung und ihrer ungeheueren Tragwene zu erfassen, einm sich nur ausnahmsweise und so wird der Brauch fortgeübt— ohne dösen Willen, das ist wobl wahr! Aber tur Scmerz und Qual, die aus Denktägbeit einem fühlenden Wesen aufgeladen wird, weniger! wen, als solche, die gramamer Absich entspringt? Und! mu den ure###### nachahmenden Kindern wächnt das groß und binein in Geuerationen, die erst kommen sollen. Ueber die unsäglichen Peinigungen, die Eltern durch ihre Käfer und Schmetterlinge sammelnden Sprößlinge verüben lassen, indem ne entweder garnicht wehren oder ihrer erziederngen Pflicht mit der Mahnung:„Aber nicht quälen!“ genugen(einer Mahnung, die aus Unkenntnis und Ungeschick nie befolgt wird), in schon viel geschrieben worden. Es fehlt auch leider nicht an genügenden ähnlichen Punkten, an denen man anknüpfen kann. Wer gewohnt ist, die Menschen auch ein wenig nach dem Grade von Herzensgüte zu bewerten, den sie untergeordneten, aber dennoch aller Leiden fähigen Lebewesen gegenüber beweisen, bildet sich schnell eine Skala, nach deren einzelnen Stufen er Sympathie oder Abneigung verteilt. Ich möchte z. B. nichts mit einem Menschen zu tun haben, der bequem in der Elektrischen sitzt und das Studenbündchen mit lang beraushängender Zunge hinterdrein jagen läßt.(Doggen und Neufundländern kann man das wodl ohne Schaden bieten.) Wenn er so gefühlsarm gegen ein Tier ist, das er dat bezadlen müssen, wie mag er da wohl seinen Mitmenschen gegenuber sein, die er umsonst hat? Es wird trotz aller vielleich augenfälligen Liebenswürdigkeit, nichts anderes in ihm stecken, als ein Eavist, im besten Falle ein einsicht#loser, aus Bequemlichkeir selbstsüchtiger Gedankenschwachling, der nicht imstande ist, sich selbst zu sagen, daß um bei dem Beispiel zu bleiben, wenn eine eilige Angelegenheit ihn nötigt, die Straßenbahn zu benutzen, er nict ein kleines Tier mit sich führen darf, dessen ptysische Kräfte nicht ausreichen, ihr nachzukommen. Dan das unbeaufsichtigte Spielen der Kinder mit ihren vierfußigen Hausgenossen eine Quelle meist ungewollter Lierquälerei ist, das zu erläutern, ist wohl überflüffig. Ich habe auch mehr die unbedachten Robeiren der Ermaichsenen derühren wollen, jene Roheiten, die so oft von Frauenbänden verübt werden. Nicht etwa die Küchenfünden— das Thema ist viel zu groß, um es beranzuziehen! sondern solche, wie das Einkerkern von Vögeln in viel zu kleinen Käfigen, was fast in jeder zweiten Familie gesancht. Rastlos hüpft der arme Gefangene von Stange zu Stange, die Flügel wollen sich ausbreiten, aber drohi dieselbe verlemmende Enge. Wenn sich die die Rühe nehmen wollten, einmal darüber nachdenten, was sie empfinden wurden, wenn sie lebenslang einem Raume eingesperrt wären, dessen Größe zweimat ihre eigene Länge beträgt— es würde ihnen vielleicht eine Abnung aufgehen von der Grausamkeit, die sie an einem Tiere begeben, das in noch weit höherem Maße an Freiheit gewöbm m. als der Mensch. In dasselbe Gebier geport das meist von spazierenjevenden Vätern grübte Nitbringen lebender Tiere für die anzuwenden wäre dagegen nichts, wenn es zmecken des Anschauungsunterrichtes dienen sollte und das #etreffende Eremplar wieder in Freiheit gesetzt oder geWhtet würde. Aver das ist kaum der Fall— die Kinder iren sich so über das seltene Spielzeug, einen bumen ##ater. Imn droiliges Schneckchen; ihnen zu Liebe behält ##s bis der bülflose Häftling verhungert ist. Woo lug es sein, daß das Empfindungsvermögen der niederen Tierwelt nicht so sein entwickelt ist, wie unser eigenes, aber de beiden wichtigsten Qualerreger sind ihnen genau so eigen, wie uns, weil auf ihnen zu zwei Tritteln der bestand alles von der Natur Geschaffenen beruht: Nahrungsbedürfnis und Lebensinstinkt. Wären diese beiden ssattoren nicht auch in der Tierwelt mächtig, so würde es an ein großes Aussterven gehen. Das aus Wald und Ffeld genommene Tierwesen, das zwischen gemauerten Wänden, auf bölzernem Fußboden, ohne Futter und Wasser Stunden und vielleicht Tage lang um sein Leben kämpft, leidet im Verbältnis dasselbe, was der Mensch eidet. Wenn man an all die Schrecken denkt, durch welche das berrschende Geschlecht der Schöpfung seine Macht dokumentiert, möchte man manchmal mit Carmen Syla sagen:„Zuweilen muß man sich schämen, ein Mensch zu sein!" Verlag und Rotationsdruck der Märkischen Vereinsdruckerei. Verantwortlicher Redakteur J. Z. Knappe in Bochum. Täglich erscheinendes Unterhaltungsblatt Bel der Arden recht Beginnen, Beim Segleßen rechter Schluß. 21) Die kleine Kapelle. Preisgekrönte Novelle von A. de Poiseux. Genehmigte Uebersetzung. (Nachdruck verbeten.) Endlich erscheinen die ersten Häuser der Stadt; der Kutscher läßt die Pferde scneller lausen, um eine recht brillante Auffahrt zu erzielen und in wenig Augenblicken wird man die Augustinerkirche erreicht haben, wo man sich trennen sollte. Plotzlich— in der Laetenerstraße, zuckte Marzeline zusammen. Sie glaubte zwei dunkle Augen zu gewahren: Augen, deren innige Tiefe nur sie allein kannte und die nun voll Trauer und Sehnsucht erfüllt waren. Was es Täuschung? War es der Ruf ihres ausgeregten Gewissens, das ihr immer lauter vorwarf, die bangen Zweifel ihres Freundes noch nicht gelöst zu haben? Vielleicht, ja. Gewiß ist, daß das arme Kind von seinen Gefühlen fast überwältigt wurde, und sie mußte sich auf den Rand des Wagens stützen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Glücklicherweise hinderten der Straßenlärm und die bereits eingetretene Dunkelheit ihre Schwäche zu bemerken; aber sie wankte noch, als sie den Wagen verließ, und Frau Warcollier war wohlwollend genug, den Abschied abzutürzen, damit Marzeline um so eher sich ausruhen könne. Sie werden bald von uns hören.“ lauteten die letzten Worte Herrn Panderfulls, als er sich mit Blicken des Einverständnisses und warmem Händedrucke von Frau Warcollier und ihrem Sohne trennte 0 Die Antwort. Die jungen Mädchen sind in ihr Zimmer zurückgekehrt und schicken sich an, zu Bette zu gehen. Marzeline ist sorgenvoll und schweigsam. Sie sieht beständig das traurige Gesicht vor sich, die flehenden Augen, das schmerzliche Erstaunen, das sich in denselben wiederspiegelt, ihr in so munterer Gesellschaft zu begegnen, während er wartet und leidet. Und doch ist es nicht ihre Schuld, wenn sie ihren Onkel und seine Freunde auf einer Landpartie begleiten mußte; die Vergnügungstour ohne ihn hat ihr ja im Grunde des Herzens nicht einmal Freude gemacht. Jetzt ist sie sogar mit sich selbst unzufrieden, daß sie m der Fröhlichkeit der anderen teilgenommen und zuf Augenblicke dessen vergessen hat, der doch allein ihr ganzes Herz besitzt. Georginchen betrachtete ihre Schwester mit ungepohnter Aufmerksamkeit. Auch sie ist tief bewegt. Sie scheinr erwas sagen zu wollen, und nur auf einen günstigen Augenblick zu warten. Aber nicht lange kann sie ein Geheimnis bewahren, und so platzt sie heraus: „Du siehst aus, als wenn Du traurig wärest, Marzeline.“ „Nein,“ erwiderte lebhaft die Angeredete, die aus einem Traum zu erwachen scheint,„ich bin müde.“ „Ach was, ich habe wohl gesehen, daß Dich etwas beschäftigt.“ „Ja, was meinst Du denn eigentlich?“ „Was ich meine? Du brauchst vor mir nichts zu verschweigen, ich weiß doch alles.“ Marzeline wurde unruhig und Georgine fuhr fort: „Ich weiß, daß Du heiraten willst, und ich weiß auch, wen.“ „Mein Gott, wer hat Dir das gesagt?“ rief Marzeline, die ganz rot wurde und ihre Schwester erschreckt ansah. „Ich weiß sogar, daß in einem Monat die Hochzeit gehalten wird.“ Bei diesen Worten wurde Marzeline ruhiger. Georgine wollte sie gewiß nur necken. „Du machst Scherz," antwortete sie. „Nein, nein, in einem Monat; die Sache ist ja in meinem Beisein geordnet worden.“ „Geh', Du bist närrisch.“ „Nicht im geringsten, höre nur alles. Du erinnerst Dich, daß ich auf dem Kanapee eingeschlafen war, als Du mit Herrn Friedrich gingst, um Dein Bouquet zu holen. Durch eine laute Unterredung, die der Onkel mit Frau Warcollier hatte, wurde ich geweckt. Die beiden schienen sehr erregt zu sein und ich wagte nicht, sie zu stören. Ich hielt mich deshalb ganz ruhig und so hörte ich gegen meinen Willen alles, was sie sagten.“ Marzeline erblaßte. „Was haben sie gesagt? O, ich bitte Dich, liebe Georgine, sage mir doch rasch alles, was Du gehört hast.“ „So, so, bin ich jetzt wieder Deine liebe Georgine?“ „O. bitte, bitte, sag doch schnell.“ „Nun ja. Frau Warcollier stand auf und der Onkel auch. Frau Warcollier bat ihn um Deine Hand für ihren Sohn, und Onkel Panderfull sagte Dich ihm zu.“ „Wie, er hat zugesagt?“ rief Marzeline erschreckt. „Zugesagt, ohne mich zu fragen?" „Er hat gesagt, das ware ausgemachte Sache. Es ist übrigens sicher, Herr Friedrich ist ein sohr liebenswürdiger, junger Mann, und Du wirst jedenfalls sehr glücklich mit ihm werden." „Nein, Georgine, nein! Ich will nicht! Ich will mich nicht verheiraten... mit Herrn Friedrich.“ Und die arme Marzeline zerfloß in Tränen. Georgine war zuerst starr vor Erstaunen, dann fiel sie ihrer Schwester um den Hals. „Verzeihe mir, meine liebe, liebe Marzeline", rief sie außer sich,„ich wollte Dir keinen Kummer machen, im Gegenteil...“ „Wieso, im Gegenteil?“ schluchzte Marzeline. „Ganz gewiß! Er gefällt mir so sehr, dieser Herr Friedrich! Er ist so liebenswürdig, so gefällig, so amusant. O. wenn ich nicht noch so klein wärel...“ Aber Marzeline hörte nicht auf das Geplauder ihrer Schwester. „Nein, nein“, wiederholte sie mit vor Weinen erstickter Stimme;„ich heirate diesen Herrn Warcollier nicht, und wenn man mich zwingen will, gehe ich ins Kloster.“ „Ins Kloster!" Diese Worte machten plötzlich allen Reflerionen Georginchens ein Ende. Jetzt fing auch sie zu weinen an. Mit beiden Armen hielt sie ihre Schwester fest umschlungen, und das Köpschen an ihre Brust gelehnt, flüsterte sie in zärtlichem Ton: „Marzeline, meine liebe Marzeline, Du darfst mich nicht verlassen! Ich habe schon Kummer gnug ausgestanden, als Du in Brügge warst.“ Marzeline neigte den Kopf hernieder. Mit den Lippen berührte sie die Stirn des vor ihr stehenden Kindes und ihre Tränen mischten sich in inniger Umarmung. O, wer Georgine gesagt hätte, daß dieser Tag so traurig enden würde! Endlich raffte Marzeline sich auf! Sie suchte ihres Kummers Herr zu werden und ihre Schwester zu trösten. „Komm, Georginchen,“ sagte sie herzlich,„wir wollen unser Abendgebet beten und Gott und die heilige Jungfrau und den heiligen Michael bitten, daß wir zusammenbleiben dürfen. Onkel Panderfull ist nicht böse und er läßt sich gewiß erweichen.“ „Aber warum willst Du den Herrn Friedrich nicht flüsterte Georginchen zärtlich und sah ihre Schwester unter Tränen lächelnd an. „Das sage ich Dir später einmal liedes Schwesterchen. Bis dahin laß uns auf Gott vertrauen.“ 2 *-.. n 53 " 47—— * K 2——= □ EBERTESOT 3 2— A EEEES aT 5 SEPbg TKSLASEETSESSEUEFG 6 S5 5 S###. S 5-E "* # 5 5 e—— * 2 uS E#rRT ERGOIERET * 0•— G 0 E R S ## EEZ S#S5TS # P. abSESSOREgbEF 55.35 BSTZSTASELUE"MES,E* 5#9 SSSGISEIEEES, SggEE So HarandabettesaraIcm ar ** P e f §“ S. •HTSÄEESte #EeSgr = SbSSEEEEE a 8 S5-SELSGSE Der Erzahler. 1904. „Aber Du könntest auch wohl Vertrauen zu mir „Ich bitte Dich mein Herzchen, dringe nicht nerter in mich! Ich würde nun wieder trautig werden, und Du siehst wohl, jetzt bin ich ruhig.“ Die beiden Schwestern knieten nieder und ihre weichen, wohlklingenden Stinmen klangen heute noch weit inniger als sonst. Dann umarmte Marzeline ihr Schwesterchen und holte ein kleines Packetchen aus ihrer Konrnode „Wie. Du willit noch nicht schlafen gehen. Marzeline?“ fragte Georgine. „Es fällt mir gerade ein, daß Onkel Panderfull morgen die Handschuhe denutzen wollte, die er mir zum Ausbessern gegeben hat, und gerade jetzt möchte ich seine Unzufriedenheit nicht erregen. Es ist übrigens nur um eine Viertelstunde zu tun. Sorge Dich nicht um mich, ich bitte Dich. Schlaf, liedes Kind.“ Georgine war nicht überzeugt, daß die Handschube durchaus heute Abend noch ausgebessert werden muß. ten. Sie hatte wohl gesehen, wie viel es ihre Schwester gekostet hatte, sich zu beherrschen. Jetzt wollte das gute, willensstarke Mädchen gewiß nur ihren Schmerz allein tragen und ungesehen ihren Tränen freien Lauf lassen. Nadem sie Marzeline noch einen recht herzlichen Kuß gegeben hatte, der alles enthielt, was sie ihr noch hätte sagen mogen, legte Georginchen sich nieder und blieb unbeweglich in ihrem Bettchen liegen: aber sie kämpfte mutig gegen den Schlaf an, der ihr wie ein Unrecht erschien, so lange ihre Schwester eine Beute ihres Kummers war. Sie wollte wenigstens zu ihrem Trost da sein, wenn der Schmerz von neuem ihr zum Ausbruch kime. Marzeline zündete die Lampe an setzte sich an ihr Arbeitstischchen und begann zu nähen: abe: schon bald ruhte die Nadel in ihrer Hand und das feuchte Auge des armen jungen Mädchens ließ erkennen, daß der Geist bei einer ganz anderen Arbeit weilte. Großer Gott, wie unglücklich war sie! Was sollte sie tun? Wie sollte sie es anstellen die Sinnesart ihres Onkeis zu ändern? Lieder alles Andere. als einen andern als Moritz beiraten. Das hieße, nicht nur ihrem Herzen zuwider handeln, sondern auch ihrem Gemissen, denn sie hielt sich mit ihm durch feierliche Versprechungen verbunden. Wenn also der Onkel auf seinen Absichten bestand. so dlieb ihr nichts weiter als das Kloster. Sie fürchtete zrur das Klosterlebon nicht. Sie war häuftg nührend idres Aufenthaltes in Brügge in dem Kloster der darinverzigen Schwestern gewesen, bei denen eine ihrer Freundinnen eingetreten war. Sie hatte oft genug Gelegenheit gehabt, den heiteren Seetenfrieden der neuen Schwester, die ihr viel von dem Krankendienst erzählt hatte, zu bewundern. Wie viel Unglück, wie viel Elend lernte die Ordensfrau kennen! Wie viel Mühe und Selbstverleugnung brachte ihr ihr Stand, aber auch wie viel erhabenen Trost! Es gidt kein Leiden in der Welt, das nicht Erleich terung fände durch die hingebende Pflege dieser opferwilligen Seelen! Wie wissen sie über den Scnerz fortzuhelfen und wie groß ist ihre fast müt. terliche Freude, wein es gelungen ist, ihn zu bekämpfen. Wie oft verdanken die Kranken weit mehr noch deren aufmerksamer Pflege, ihrer gottergebenen Selbstverleugnung und heroischen Pflichterfüllung als den Aerzten und deren Heilmitteln die endlich erlangte Wiederherstellung. Gott allein kennt die Verdienste, die sie sich sammeln, und er allein wird sie lohnen. Hat vielleicht, dachte Marzeline, der barmberzige Gott, der seine Auverwählten überall zu finden weiß, und der die Liede zu ihrem Berufe in ihre Herzen legt. nar diesen Kumnmer geschickt, um mich in ihre Reihen zu rufen? Ja, ja, wiederholte sie, ich werde entweder die Frau von Moritz oder barmberzige Schwester.“ Barmherzige Schwester! Ja, ich, ich würde mich darein ergeben! Aber er! Ach, armer Moritz! Ach, teurer, unglücklicher Freund, was würde aus Dir werden, wenn mein Onkel... mein Onkel? Aber vielleicht ist mein Onkel gar nicht so unbarmberzig. wie wir glauben! Er liebt mich...“ Ja, ganz aewiß liebt er mich, und deshalb gerade wollte er mir einen Gatten nach seiner Wahl vorschlagen... Er mird Mitleid haben mit meinem Schmerz... er wird mich nicht unglicklich machen können. Und dann, er kennt Moritz nicht... wenn er ihn sähe .... ihn hörte... Wer könnte wohl, ohne blind zu sein, den jumgen Gecken von heute Nachmittag dem ernsten, so fianpathischen jungen Manne vorziehen? Mit Wohlgefallen vertiefte Marzeline sich in diese Gedanken. Hatte nicht gerade in seinem gestrigen Briefe Moritz den Wunsch ausgesprochen, sich Herrn Panderfull vorzustellen, ihn von seinen Absichten, seiner Stelkung in Kenntnis zu setzen und ihn um seiner reinen. innigen Liede willen anzuflehen, sie glücklich zu machen! Wenn Herr Panderfull erführe, daß diese Liebe erwidert wird, daß das Glück seiner Nichte davon abhängt, so müsse er doch nachgeben, oder aber— er wäre der grausamste der Menschen „Ja, das wird helfen, das wird ganz gewiß helfen," dachte Marzeline, und ein Hoffnungsstrahl verklärte ihre Züge:„Moritz muß mit meinem Onkel sprechen, dann sind wir gerettet!" Bie ober seille eine seiche Znsaurnentunft zu Stande kommen? Sollte sie ihrem ersten Gedanken folgen und Lisbeth ins Vertrauen ziehen, damit sie en helfe? Wie viel Zeit würde da unnütz verloren gehen, während Herr Panderfull sich immer mehr in seinen unglückseligen Plan vertiefte und vielleicht noch neue Verpflichtungen einging! Und dann, wenn Herr Panderfull nicht gleich nachgeben wollte, so war gewiß die arme, schückterne Kousine die letzte, die ihm entgegentreten würde! Und doch hing alles vorn ersten Eindrucke ab! Marzeline sah in Gedanken, wie der Onkel gleich zu Anfang der Mitteilungen in Zorn geraten würde, wie er mit der Faust auf den Tisch schlagen und ihrer erschrockten Abgesandten jedes weitere Wort vom Munde wegnehmen würde. Nein, nein, so würde man nicht zum Ziele kommen. Herr Panderfull mußte überrascht, überstürzt werden. Ein unerwarteter Besuch von Moritz würde ganz zweisellos weit mehr Erfolg haben, als die ganze ungeschickte Diplomathie der furchtsamen Lisbeth. Ein alter, eingefleischter Soldat, wir der Onkel war, konnte unmöglich dem offenen, rechtschaffenen Wesen dem sicheren Blick und dem stolzen, männlichen Auf treten ihres Bräutigams gegenüber unempfindlich bleiben. Das ist die beste Aussicht auf Erfolg; weder Lisbeth, noch Marzeline, noch irgend ein anderer kann seine— nein, ihre— Angelegenheit besser vertreten als Moritz selber. Marzeline stand auf: ihr Entschluß war gefaßt. Sie horchte nach der Seite hin, wo Georgine ruhte, auf den Fußspitzen schlich sie bis zu ihrem Lager und rief sie leise beim Namen, aber sie antwortete nicht. Sie schläft ganz gewiß, dachte sie. (Fortsetzung folgt.) Nt. 17. à K K•T,agi. im Forstgarten in einer Mondnacht in seine Arme hatte ziehen dürfen. „Ist da jemand?“ fragte Lore jetzt so mutig, wie ihr es ihr Herzklopfen zuließ. „Ich bin es, gnädige Frau. Habe ich Sie vielleicht erschreckt?“ Lore war nur zu froh, daß das Gespenst gleich Fleisch und Blut gewann, ob es nun zu einem Assessor von Schierstedt wurde oder zu einem anderen. Sie war nicht mehr allein. Der junge Mann sprang über den Graben und stand im nächsten Augenblick neben der jungen Frau, deren Hand edrerdietig an die Lippen ziehend. Er hielt sie länger als nötig. so daß sie ihm unsanft entzogen wurde, indessen Frau Lore sagte:„Ich gehe meinem Manne entgegen und begreise nicht, daß er noch nicht kommt. Haben Sie ihn vielleicht gesehen?“ „Ich komme aus dem tiefen Walde, gnädige Frau, und betrete soeben erst diesen Weg,“ log der junge Mann, obgleich er schon lange neben Frau Lore im Dunkeln einhergeschlichen war. Lore blickte unruhig umher:„Hier muß doch bald der Weg nach Waldfried abbiegen?“ „Nach der Schenke wollen Siek" fragte Schierstedt erstaunt,„aber die liegt doch weit hinter Ihnen Sie haben den Weg verfehlt.“ „Mein Gott, wie wird sich mein Mann ängstigen. Er ist sicher längst auf dem Heimwege und findet mich weder auf dem Wege noch zu Hause.“ „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, in meiner Begleitung kommen Sie rasch heim. Ich kenne einen Richtweg, der die Entfernung bedeutend kürzt.“ In dem Bestreben, so schnell als möglich nach Hause zu kommen, folgte Lore ohne Besinnen dem Voranschreitenden, der in eine schmale Schneise zur Linken einbog. Das Mondlicht war jetzt hell genug geworden, und bald eilte, wie eine leichte Else, Lore dem jungen Manne voran, der sie mit leidenschaftlichen Blicken umsing. Nun gehörte sie für einige Zeit ihm, ihm ganz allein Dichtes, weiches Moos bedeckte den Boden, die dahineilenden Füße weckten keinen Laut, schweigender Zauber der Mondnacht umfing traumhaft die Sinne. Wie die Gedanken kamen und gingen. Aus alten Zeiten tauchten Erinnerungen auf, gleich dem Springquell aus den Tiefen der Erde. Lauschte Frau Lore dem murmelnden Sang? Sie hielt ihr Körschen nicht mehr so stolz auf den Schultern, in den Augen lag es wie süßes Dämmern, ihr ganzes Sein atmete süßes Glück Ein liedliches Lächeln huschte übe: Frau LoreZüge, als sie jetzt ihre Schritte verhielt, um sich voll echt weiblichen Mitleids dem armen Sünder zuzuneigen, dessen zartes, ehrerbietiges Schweigen sie rührte. „Nun kann ich meinen Weg allein finden, Herr von Schierstedt,“ unterbrach sie freundlichen Tones das lange Schweigen. „Sie werden mir gestatten, daß ich Ihnen bis zum Schlufse das Geleit gebe, gnädige Frau? Wi: haben immerhin noch ein Viertelstündchen Weg vor uns.“ „Gerne. Herr von Schierstedt!“ lautete ihre Antwort, doch als sie von neuem weiterschritten, ging sie zu seiner Seite und plauderte fröhlich von allerband Dingen. Er sollte fühlen, daß sie vergessen wollte daß die Vergangenheit tot für sie sei. Sie bemerkte nicht, wie ihre Nähe ihn berauschte— zwang sie doch der schmale Weg, Seite an Seite zu wandern— sie ahnte nicht, daß der Wohllaut ihrer Stimne, das helle Lachen, der freundliche Blick ihrer blauen Augen das heimliche Feuer schürten, welches sein Herz verzehrte. So schrak sie jählings zusammen, als die Hand des jungen Mannes sich plötzlich mit leisem Druck auf ihren Arm legte, während die erstickten Laute:„Lore, ach Lore!“ sie vor etwas UnerwarAllerlei. letemn, Gefadriudem warnten. Was wußte sie von der Glut verschmädter Liede, die in wahufinnigem Verlangen nach ihr därstete. Daß Schierstedt Liede begehrte, wo sie ihm Mitleid bot, verdluffte sie zerst derart, daß sie ihn verwirrt andlickte, während er in hastender Rede sie verschwor:„Verzeihe mir, was ich an Dir tat. Du bist gerecht, Lore, denn ich liede Dich, heißer noch, als in der Mondnacht, da Du an meinem Herzen lagst. Einmal noch laß es mir Dir sagen, einmal noch fieh' mir ins Auge, wenn auch nicht in Liede, so doch in Erbarmen mmt meiner Qnol. Du bist glücklich Lore, und das ist meine gerechte Strafe. Ich fühle es ich lese es in Deinen Augen. Deine Liede zu mir ist erstorden, nicht ein Funke glüht mehr unter der Asche der Erinnerung. Oder irre ich mich, sprechen Deine Blicke noch von liedevollem Gedenken, hast Du den Mann Deiner ersten Liebe noch nicht ganz vergessen? Sprich. Lore um alter Zeiten willen.“— Fester legte sich die Män. nerhand auf den Arm des jungen, schonen Weides Schweigend machte sie sich los und schweigend blickte sie ihn an, wie er jetzt vor ihr stand, ungebärdig in den Augen ein heißes Leuchten, ein Bild trotziger Leidenschaft. Dann streckte sie ihmn mantig die Hand bin mit der innigen Bitte: Nicht so. Hans, wenn Sie mich wirklich lieden so stören Sie nur mein Glück nicht. Wir wollen Freunde sein. Hans. Versuchen Sie es nur. es wird schon gehen. Blicken Sie um sch und lesen Sie mn anderen Frauenaugen, als in den meinen. In Rotentann kenne ich ein paar, das eine nur zu verständliche Sprache redet. Und nun gehen Sie, lieber Freund, es wird alles gut werden, wenn Sie nur ernstlich wollen.“ Fortsetzung folgl I#b werde nicht klug darans. er preßt meine Hand, daß ich aufschreien möchte, oder er umarmt mich stürmisch— meist begnügt er sich damit. Bubi jubelnd in die Höbe zu schwingen und ihn mit strahlenden Augen ans Herz zu drücken. Gestern sagte der alte Herr seufzend zu Walter, der uns von der Terrasse abholte, wo ich mit den Kindern bei den Herrschaften saß:„Könnten wir nicht einen Kontrakt auf Lebenszeit schließen, Herr Assessor? Werden Sie nicht zu stolz werden, mein lieber Schulz, es ist nur wegen dem da.“ Damit schloß er Werner zum Abschiedskuß in die Arme. Und wissen Sie, was Waiter antwortete:„Ich mill's nicht verschwvoren, Herr Baron!" und schüttelte ihmn alsdann kräftig die Hand. Es war wohl nur ern Scherz von ihm, denn wenn er auch an diesem Stückchen Erde hängt, als wäre es sein Eigen, er wird doch nicht immer Administravor blieden wollen.“ „Besonders nicht unter einem neuen Herrn, wenn der Baron einmal zu seinen Vätern versamnnelt wird.“ „Wer ist denn eigentlich der Grde dieses schonen Besitzes?“ fragte Lore aus tiefen Gedanken heraus. „Man hört nie etwas von ihm.“ „Baron Udo von Schulz. Sohn des jungsten, verstorbenen Bruders unseres Barons.“ „Und wo lebt der Glückliche?“ „Ich weiß es nicht. Der alte Herr war ganz zerfallen mit seinem Bruder und durch das furchtbare Unglück verbittert. Niemand darf an diesen Punkt rühren. Er haßt den Erben, der nicht sein Sohn R!“ „Wie traurig!“ sagte Lore wehmütig.„So war junge Mann nie hier?“ Frau Lore. Koman von J. Jobst. „Nein, und mir wurde einmal durch Umwege die Kunde, daß er sich sehr darüber grämen soll.“ „Der Aermste!" „Ach. Frau Lore, er ist nicht der am meisten zu Beklagende, viel mehr Mitleid müssen wir mit dem alten Herrn haben, der sich durch seine Härte um die Liebe seines einzigen Verwandten brachte. Seine beiden Brüder sind nämlich auch schon lange gestorben, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen. Doch ist es noch nicht aller Tage Abend, der alte Herr ist ein ganz anderer geworden, der alte Haß und die Verbitterung weichen. In letzter Zeit beginne ich mnanche Hoffnung zu begen, wenn ich an Ihren und der Ihrigen guten Einfluß denke. Gott segne Ihren Knaden.“ Zum zweiten Male hörte Frau Lore dieses Wort aus dem Munde eines Greises. Tief ergriffen von Glück und Wehrnut beugte sie sich demütig herab und zog die Hand des Geistlichen an ihre Lippen. Dann schieden sie. „Gott segne meinen Knaden!" Leise flüsterten es ihre Lippen, das Herz wurde ihr wen. Ihre Angen suchten den Himmel, der in nächtliches Dunkel tauchte, doch im Osten schimmerte es silberhell, in kurzem würde sich des Mondes mildes Licht ergießen über die schweigende Welt Wie einsam es hier war! Lore schritt rasch auf dem breiten Waldweg bin, der zur Waldschende führte. Walter mußte sich verspätet haben. Ob dem Vater etwas zugestoßen war? Eine heiße Angst stieg in ihr auf und sie flehte zu Gott:„Laß mir noch Zeit. ihm nahe zu treten, damit das Furchtbarfte meines Lebens in Versöhnung ende. Schenke mir die Kraft, damit ich seine Seele zur Reue bekehre und sie dem ewigen Leden (Nachdruck verboten.) Es kam über sie mit dem Drange, ihn gleichzeitig zu sehen, ihr Werk noch heute zu beginnen. Ihre Schritte wurden immer rascher, sie lief zuletzt mit glühenden Wangen dahin. Ihr Herz bebte vor innerer Aufregung und ihre Augen suchten nach dem Wege, der sich doch hier abzweigen mußte, um sie in zehn Minuten an das Ziel zu bringen. Sie wollte die Schenke erreichen, noch bevor ihr Mann sie verließ— zur Umkehr würde sie ihn doch nicht bewegen. Der Mond schwedte langsam emvor und sandte sein Licht in breiten Strahlen auf den schnurgerade verlaufenden Weg. Seltsame Schatten warfen die im Nachtwinde rauschenden Baumkronen auf die Umgebung. sie tauchte im Gegensatze zu der stetig sich steigernden Helle in rabenschwarze Nacht. Lores Blicke flogen scheu in das Dickicht zur Rechten und zu: Linken. Einen Augenblick war es ihr, als bedrohe sie etwas, und sie wandte sich zur Flucht. Dann aber flog ihr Köpfchen in den Nacken, und sie schalt sich ob ihrer Feigheit und eilte vorwärts: gleich mußte der Weg kommen, der sie direkt in die schützende Nähe ihres Mannes brachte. Daß der rechte Weg schon weit hinter ihr lag, und sie bei dem trügerischen Spiel der schwankenden Schatten vorüber gelaufen war, ahnte sie nicht. Ein Knacken ganz in der Nähe ließ sie empor. fahren, sie war zu Tode erschrocken. Dem unvorsichtigen Lauscher, der dort wohl verborgen hinter den Skämmen des Waldes stand, klopfte das Herz vor wahnfinnigem Verlangen. Hans von Schierstedt blickte wie verzückt auf die liebliche, helle Frauengestalt, die dort vor ihm stand, von Mondesstrahlen umwoben wie ein Feenmärchen. Es dünkte ihm wieder dieselbe Lore zu sein, die er fern von hier Tägliche Erinnerungen. 23. Jannar. 1536: Joh. v. Leyden und Knipperdolling, Wiedertäufer, in Münster hingerichtet. 1753: S. Berkeley, engl. Philosoph. f.(Orford.) 1761: Fr. v. Matthison, Dichter, geb.(Hobendodeleden). 1806: William Pitt. der Jängere, f.(London). 1814: Blücher erstürmt Ligny. 1830: Gallifet, französischer General, ged.(Paris.) 1843: Freiherr de le Motte=Fouque, Dichter, f.(Berlin). 1866: Lenne, Landschaftsgärtner, f.(Potsdam). 1883: Gustav Dore, Zeichner und Maler, f.(Paris). 1893: J. Zorilla y Moral, spanischer Dichter, f.(Madrid). London als Musikstadt. Daß die mehr oder weniger vereinigten drei Königreiche England, Schottland und Irland sich durch die bedeutende musikalische Begabung ihrer Bewohner auszeichnen, wird außer diesen selbst niemand behaupten wollen. In den letzten Jahrzehnten haben sie zwar auch auf musikalischem Gedirte manchen Lorbeer eingeheimst, aber es war doch nu: das leichte Genre, die Operette, in der sie sich auszeichneten. Doch hat der„Mikado“ immerhin seinen Siegeszug fast über die ganze zivilisierte Welt genommen, und man wird es daher keine unverdiente Ehre nennen können, wenn dem Schöpfer desselben. Artbur Sullivan, in der St. Pauls-Katbedrale die letzte Rubestätte gegeben worden ist. Er hat entschieden ein ganz eigenartiges Genre geschaffen, vornehm und graziös, und sicher manche Lieddader für dasselbe gewonnen die früher seine ausgesprochenen Gegner waren. Aber so reizend die englische Operette auch sein mag, es genügt dies noch nicht, um die Nation, die sie hervorgebracht, eine musikalische, und den Schöpfer, der ie allerliebsten Melodien geschaffen, einen großen Meister zu nennen. Und wie sie bezüglich großer Komponisten nicht nur arm, man kann mit Recht sagen, absolut besitzlos ist, so auch betreffs hervorragender Virtnosen. Selbst großer Sänger oder Sängerinnen kann sich Großbritannien nicht rühmen. Die Melba allerdings ist eine Untertanin König Eduards, aber ihre Wiege hat in Australien gestanden, und die Albani hat das Licht der Welt in Kanada erbluckt. In beider Adern ader rollt lateinisches Blut. Die Englander haben sich auch daron gewöhnt, Adeline Patti als eine der Ihren zu betrachten, gleich wie sie gern Händel als einen Briten gelten lassen mochten, aber andere Völkei wollen weder die erstere noch den letzteren ale englische Berühmtheiten anerkennen und gerade diesen gegenüber möchte man doch als musikol### gelten. Aber troz dieser Untruchtdarken der drei Länder auf diesem Gebiete— Icland wird manchmal als sangreich hingestellt, hat aber in Wirklichkeit auch nichts geleistet—.. eine Unfruchtbarkeit, die unheilbar scheint, bringen die Engländer der Musik eine Liebe entgegen, die geradezu etwas rührendes hat. Wie die wahre Liede es soll, urteilen sie häusig gar nicht, sondern nehmen alles mit Entzücken auf, was ihnen in dieser Hinscht geboten wird Trotzdem wäre es nicht richtig, wenn man ihnen alles musikalische Verständnis absprechen wollte. Die Kavellen von St. Paul und Westminster steben den berühmtesten dieter Art nicht nach und prosane Rusik wird in London in einer Wesse ausgeführt, wie kaum in einer anderen Stadt. Gewiß sind es nicht eingeborene Künstler, die sie ertönen lassen, aber die englische Metrovole kann sich ebrn rühmen, die besten K-äfte heranzuiiehen. Es-bi'aum anen ungarischen, polnischen Virtuosen, der nicht die Bestätigung seines Ruhmes sich in einem Londoner Konzertsaale holte, wobei er es nicht als einen Nochtei! betrachtet, daß zugleich mit dem Lordeer Gold auf ihn derabregnet. Aber der internationale Chorafter zeigt sich noch mehr in der Opernmusik; nirgenot wird der Beweis, daß die Musik eine Universalsprache ist, besser geführt als hier. Allerdings nur während kurzer Zeit alljährlich. Die Pantomime und die Overette herrschen in den Theatern aller Teile der Riesenmetrovole vom 1. Januar bis zum 31. Dezember, die Musik findet selbst ihren Weg dort, wo Stücke in Prosa aufgeftort werden und seufzt bei jeder Liebesszene und zittert bei jedem dramatischen Vorgang. Die Oper berricht nur in einem Theater allein und während der Season, aber sie herrscht dann auch als mächtige Königin. Während drei Monaten, vom Mai bis zum August, bietet Covenk Garden ein wanderturet Rai lischer Bilder. In den Theatern wiederdolen sich die Vorstellungen ohne Unterdrechung oft während lan ger Monate. in Covent Garden zieden in kurzen Wochen dreihig und mehr Opern an dem Duhll. kumn vorüder. Aber jede eingige, abgleich sie nan zwei oder drei Mal gegeben werven fenn, wird aufe letgtalhgin einfussert und un die Szene gedracht. Wan kon lung meinen, sie sei eine ausnahmsweise zu erlauchter Gäste mit besonderem Glanze ausgestat. tete. Allerdings entsprechen die zu zahlenden Preise dem was geboten wird, und nur Leute, die ausd sonst gewohnt sind, stets das Beste zu erhalten, können sie sich im allgemeinen leisten. Die ersten Ränge bilden Logen, die fest vermietet werden zu enormen Preisen, die„Stalls“, unsoren Parkettplätzen ent, sprechend, kosten je 25 Mark. Jede Oper wird in der Sprache aufgeführt, für die die Musik geschrieben ist, und iait Künstlern, für welche dieselbe die Heimatslaute bedeutet. Nun sind die Englander nuchts weniger els volvglott, sie kennen im Gegentelle gewödnlich nur ihr eigenes Idiom, aber sie ziehen es vor das Lidretto in der Uebersetzung zu leien und das Werk in der Ursprache zu dören, mit der die Musik sich doch am intimsten verbindet. Es gibe kaum ei Theater des Kontinents, das biesem Beiviele zu folgen wagte, die Pariser schwarmen jet für Wagnersche Opern, aber in deutscher Sprache mächten sie sie doch nicht hören wollen. Die Overn sind nicht nur aufs prächtiaste eutgestattet sondern au Kunstler auerersten Ranges die„Stars“ aus aller Herren Länder bringen sie zur Darstellung. Das einzige, was nicht auf der Höbe steht, int das Theater selbst. Auf einem Platze gelegen, auf welchem der Frucht= und Gemüsemarkt statffindet,, durch enge, winklige, schmutzige Straßen zu erreichen bildet es auch innen kaum den richtigen Rahrnen für die n Damen in den eleganten Gesellschaftstoiler. ten. auf deren weißen Nacken, Armen und kunftvoll frisserten Haaren die kostbarsten Diamanten funkeln. Aber das hindert das vornehme Publikum, das Herrschervaar an der Spitze, nicht, die Vorstellungen zu besuchen, und auf die Weise kräftig unterftützt, sind