Nr. 8. Der Erzähler. 1904. hatigigkeit von sich zu bringen, daß siuh absolut jeder Einzelne um nient zu verhungern, auf die Gnade sei ner Tyrannen angewiesen sah. Da niemand für den arbeiten wollte und selbst keine Lust hatte, den Ertrag seiner Einzelarbeit an Jane und Genossen abzugeben, so arbeitete eden niemand. So walr, da die Kolonie doch nicht von der Luft leben konnte, der Schindet schon langst zu Ende gegangen, hatte nicht der geniale Genosse Lane ein perfektes Snstem gemeinster Bauernfängerei in Szene gesetzt, um auch ohne Arbeit die Mittel zur Regierung seines„Zukunftsstaates" auszutreiben. Er hatte nämlich eine Monatsschrift gegründet„The bosme Montyln“, für das er Agenten in aller Herren Länder anstellte. Dieses Blatt enthielt die verlockendsten Schilderungen von den herrlichen Zu ständen in dieser sozialistischen Gemeinschaft, wo nienand Sorge oder Rot kenne, wo es keine Ausbeu tung gebe, weil Arbeit und Genuß das gleiche Teil aller seien umm Um den Effekt zu erhöhen, wurden dern Blattr noch verführerische Bilder beigegeben und Briefe von einzelnen„Genossen" abgedruckt, welche die Herrlichkeit ihres Daseins in Coome in den schön sten Farden malten. So wurden arglose. schwärme risch veranlagte Menschen in großer Zahl gefunden, welche den Agenten des Herrn Lane einen großen Teil ihres Barbesitzes einhäudigten und dafür des Glücks teilhaftig wurden, der Gemeinschaft von Cosme anzugehören. Viele von den auf diesen Schwindel hineingefallenen armen Teufel haben ihr Hab und Gut in den Händen des sozialistischen Musterstaates, in welchem ihnen nur ein Skla venloos beschieden war, gelassen, und haben sich dann zur Freude der Regenten von Cosme anderen Gegenden zugewandt, um dort i Schweiße ihresAngesichts ihr Brot wenigstens als freie Arbeiter zu verdienen. Zu bemerken ist hierbei, daß es sich in Cosme um ein rein sozialistisches Unternehmen handelt, dem auch nicht ein Schein von religiösem Wahne oder idealer Täuschung gegeben ist. Es ist einfach ein realisusches Freibeutertum, das sich da ein Räubernest gegründet hat, und Herr de Ginnen will durch seinen Bericht auch nur dazu beitragen, daß den Herren Lane und Genossen nicht noch weitere Dumme ins Garn gehen. Denn schon ist, wie er sagt, die Ko lonie io gut wie bankerott, die Getäuschten klagen selbsterständlich ihre Not nach der Heimat zurück. Daß die Betrogenen in Paraguay mit Klagen keinen Erfolg haben, ist natürlich. und Cosme ist ein Zu kunstsstaat für sich in einem Raubstaat. Da die Mit tel nun nicht mehr so reichlich fließen, wie vordem, und Regieren Geld kostet, so haben denn die Notabeln von Cosm= ein Heer von Eingeborenen zum Fällen der Bäume in den es undgebenden reichen Wäldern engagiert und bezahlen diese pro Tag und Mann mit 7 d(etwa 7 Pfg.).„ Der Berichterstatter Dr. Ginnen gibt noch manche andere Einzelheiten der Verwaltung, welche diesen sozialistischen Staat der von Raub und Ausbeutung sein Dasein fristet, so charakterisiert, däß niemand gelüsten wird, dahin auszuwandern * Der Freund des Herrn Direktors. Die„Breslauer Morgenzeitung“ schreibt: Recht erdauluhe Dinge berichtet eine Fachschrift für das Theaterwesen über die Tätigkeit eines Theaterarztes der an der Sonnnerbühne eines recht bekannten Badeortes die Gesundheitskontrole über das Völkchen der Künstler und Künstlerinnen ausübt. Dieser Arzt nun war ein so warmer Freund des sommerlichen Theaterdirektors, daß er diesem zu Liebe die Mitglieder seiner Truppe durchaus nicht krank lassen werden wollte: der samose Doktor wußte sie auf dem Papier inzner als dienstfähig hinzustellen. So stellte er der Heroine, die sich wegen Halsichmerzen krank gemeldet hatte folgendes Attest aus: Frl. C. leidet an der Rachenbräune, es steht, jedoch dem Theaterdirektor frei, sie zu beschäftigen.“ An Liedenswürdigkeit überboten wurde das Attest durch folgende Bescheinigung: „Herr R. leidet an einer Lungenaffektion verbunden mnt Fieder, welches gewöhnlich Vormittags auftritt; es int daher dem Direktor auheim gegeben. den Schauspieler R. des Abends auf der Bühne zu beichafigen: Als angloge Atteste, die evenfalls der Nachweit überliefert zu werden verdienen„ühren wir noch an: „Der Schauimeler B. i augeblich die Trevve heruntergefallen und leidet angevlich an schweren mneren Verletzungen, welche augeblich große Schmerzen verursachen sollen. Aeußerlich ist wohl am rechVon der Nordenskjüld-Expedition Nordenskjöld. Vor einigen Tagen ist in Hamburg der Dampfer „Tijuka“ eingelausen mit den Mitgliedern der Nordenskjöld=Expedition. Auf dem flaggengeschmücktem Dampfer„Köhlbrandt" fuhr ihnen eine Begrüßungskommission entgegen. Nordenskjöld ein pfing die Gesellschaft am Fallreep. Dann erfolgte die Begrüßung im Salon. Der schwedisch=norwegische Generalkonsul Bödtker] hielt eine Ansprache, in der er die Verdienste feierte, die sich Nordenskjöld und seine Expedition im Interesse der Wissenschaft erworben. Nordenskjöld dankte herzlich in deutscher Sprache. Die Expedition begibt sich über Kopenhagen nach Schweden zurück. Wir geben unseren Lesern beistehend die Porträts der beiden bemerkenswertesten Persönlichkeiten dieser Expedition, und zwar dasjenige von Dr. Otto Nordenstjöld, des Führers der Südvolarexpedition, und dasjenige des Retters der von einem argentini schen Kriegsschiffe heimbeförderten Expedition, des Kapitäns Yrizar, der das zur Rettung entsandte argentinische Kriegsschiff„Uruguay“ kommandierte. Nahezu zwei Jahre galt bekanntlich die schwedische Südpolarexpedition, die an Bord der„Antarctic“, eines bewährten Polarschiffes, am 20. Dezember 1901 unter Kapitän Larsen von Buenos Aires aufgebrochen war, für verschollen. Die eigentliche Expedition stand unter der Leitung Dr. Otto Nordenskjölds. Die„Antarctic“ selbst ist infolge Eispressung im Südpolarmeere untergegangen. ten Fuß eine Wunde sichtbar; wenn der Schauspieler B. aber eine„sitzende Rolle" hat, kann er im Theater immerhin mitwirken, aber auch„sich bewegende Rollen“ kann die Direktion nach Ermessen dem Schau spieler B. zuweisen.“ Abgesehen von dem etwas merkwürdigen Deutsch verdient die aus obigem Schriftstück sprechende bumane Gesinnung beachtet zu werden. Allem setzt aber noch nachfolgende Bescheinigung die Krone auf: „Herr A. leidet, wie es scheint, an der Schwind sucht, und ist derselbe, wie es scheint, in seinen Kräf ten herabgekommen, doch dürfte er imstande sein. morgen wieder aufzutreten.“ An nächsten Morgen. nach Ausstellung dieses Attestes, erwartete demgemäß der Herr Sommer Theaterdirektor den Schauspieler A. zur Probe, statt seiner aber erschien der Theaterarzt mit den Worten: „Sie müssen den A. schon entschuldigen, er kann, wie ich eben gesehen habe, nicht zur Probe kommen.“ „Warum nicht?“ „Er ist tot.“ Humoristisches. — Ein harter Schädel.„. Also ein Auomobil ist Dir über den Kopf gegangen, Girgl? Wie lange hat denn die Heilung gedauert?"— Girgl:„No, so a ver Woch'n is'3 beim Mechuniker g'standen!" — Ein gutes Herz.„Hafl Du schon die Zigarren geraucht, die Dir Deine Frau zum Geburtstag geschenkt hat?“—„Nein, ich konnte es nich übers Herz bringen, enne zu verbreunen, was sie nur gab!" Unbegreiflich. Garte zur jungen Frau):„Das: das Du zubereim bet, ist nicht zu genießen!" Jurge Frau:„.... Und im Kochduch nehr daß es so vorzüglich schmeckt!“ vom Büchertisch. Hochland. Mit dem vorliegenden 4. Hefte beginnt das„Hochland“ sein 2. Quartal, und zwar: würdig. Moritz v. Schwind ist anläßlich dessen 100. jührigen Geburtstag der erste Essai aus der Feder Hollands gewidmet. Verfasser, der Schwind noch persönlich gerannt hat, gibt ein mit Liebe gezeichnetes Bild des deutschen Künitlers. Das poesievolle Gemälde„König Krokus und die Walduymphe“ ist in Lichtdruck als Kunstvlatt beigegeben, ferner als großer Ausfaltebogen eine vortreffliche Wiedergabe der„Symphonie“, eines der echtesten Werke Schwinds. Dann findet die spannende Novelle„Im Nebel“ von Tim Kroeger ihren Schluß. Die kunstvoll komponierte und in feiner Weise dramatische und lyrische Elemente mengende Erzählung ist von hohem Wert. Der bekannte Pestforscher Prof. G. Sticker bietet einen hochinteressanten Aufsatz über den„Ursprung und die Verbreitungsmittel der Pest". Es sind furchtbare Tatsachen und Perspektiven, die Sticker hier in fesselnder Weise aufzeigt und die ob ihrer allgemeinen Konsequenzen weiteste Bedeutung beanspruchen. Dr. E. Drerup widmet dem verstor benen Monnusen eine eingetende und gerechte Wür digung. An den fast noch unbekannten Fall der taubstummblinden Marie Heurtin knüpft Dr.## Merker bedeusame Erörterungen in der Studie Taubstummmblind". Nach ausführlichster Darstellung dieses und ähnlicher Fälle kann der Verfasser mit Sicherheit eine letzte Unabhängigkeit der Entwicklung unserer Begriffe von der der Lautsprache kon statieren; ein Beweis, den unsere Materialisten kaum totschweigen können. Es folgt ein prächtiger Aufsatz „Bildende Künstler als Aesthetiker" von Dr. M. Ettlinger. Aus Feuerbachs, Böcklins, Stauffer Berns, Hildebrands und Klingers Schriften löst Ettlinger mit Gewandtheit und Verständnis die nunanschauungen dieser Künftler, stellt sie neben einander und gibt so kritisch abwägend wertvolle Ge danken über das Wesen der bildenden Künste, wie es im nachfolgenden Aufsatz Dr. Ph. Witkop unter ninmt, das„Wesen der Poesie" zu ergründen. Seine Ausführungen bekräftigt Verfasser mit wohlgewählten Worten unserer Größten. B. Wieman führt seinen eigenartigen Coklus„Er zog mit seiner Muse“ mit einigen poesievollen Novellen von großer Lebens tiefe zu Ende. Aus Jakob Baldes Werken folgen einige schöne Gedichte in Herder'scher Uebersetzung. Horaz oder mit einem Anachronismus Klorstock könnten zum Vergleich mit dem neulateinischen Dich ter herangezogen werden. Den Abschnitt„Kritik füllt Dr. Cardouns mit einer briklanten Besprechung der beiden Werke des schwedischen Reisenden Sven Hedin. Aus der geschickten Arbeit Cardams erfahren wir die interessantesten Ereignisse und Ergebnisse von Hedins kühnen Reisen. Das„Hochlandecho“ und die„Rundschau“, dieser bedeutende kritische Teil„Hochlands“, ist wiederum überaus reichhaltig und bestimmt den Standpunkt der Zeitschrift, unter Ablehnung oder Bestätigung der neueiten Kulturerscheinungen, über allen Zweifel klar. Manches Veremunduskapitel wird hier abgehandelt und fordert unsere freudige Zustimmung heraus. Ein Glück auf“ auf den weiteren Weg! Verlag und Rotationsdruck der Märkischen Vereinsdruckerei. Verantwortlicher Reoakteur F. Z. Knappe in Bochun. * Wettprah uunin Täglich erscheinendes Träume und nicht Coten: Ohne Hrbeit tird dir niche gewaen. Bel der Arbeit recht Beginnen, Beim Gegleßen rechter Schluß, Unterhaltungsblatt## Nr. 3. 12. Januar 1904 Die kleine Kapelle. Preisgetrönte Novelle von A. de Poisenx. Genehmigte Uebersetzung. (Nachdruck verboten.) „Zu gleicher Zeit mit dem Steigen der Kohlenund Eisenpreise, würden berlagenswerterweise Pferde und landwirtschaftliche Produkte ihren Wert verlieren, denn glauben Sie nur ja nicht, meine Herren, daß unsere Landbewohner sich jemals einem Beförderungsmittel zuwenden würden, das alle ihre Gewohnheiten über den Hausen wirft und sie zwingt. lange Strecken zu Fuß zurückzulegen während sonst der bequeme Postwagen vor ihrer Tür hielt.“ „O, das ist nur zu wahr," warf Herr Bomvo nance ein, der zu seinem Bedauern wahrnahm, daß der Ruhm der langen Reden für ihn heute verloren ging. Bei der Post ist immer ein Gnaden=Viertelstündchen. Man braucht nie vange sein, zu spät zu kommen. Man kann über die Preise unterhandeln, unterwegs aussteigen, um sich zu erfrischen und seine Einkäufe zu besorgen; überall findet man Nachgiebigkeit und Entgegenkommen; aber es scheint, daß mit der Eisenbahn jetzt alles anders werden soll: keine Minute Verzögerung, nicht ein einziges Anhalten, weil ein Reisender es wünscht, kein Nachgeben! Nein, nein, kein Landwirt, kein Kaufmann kann sich mit einem solchen Regiment einverstanden erklären.“ „Das sagt man aber in England nicht," flötere das seine Stimmchen, das augenscheinlich inmitten der Gruppe Brüsseler Kaufleute eine alleinstehende Meinung vertrat. So dringt oftmals aus der Menge eine schwache, furchtsame Stimme, auf die niemand hört und der nur die Zeit ihr Recht verschafft: die Stimme der A##isheit und der Voraussicht. Ja, meine Herren,“ sagte der Gegner des Herrn Bombonance mit sanfter Stimme,„die Engländer, die mit Recht eine praktische Nation genannt werden, gratulieren sich sehr zu der Eisenbahnlinie, die man dort angelegt hat, und schon sind sie beschäftigt andere an verschiedenen Enden ihres Landes anzulegen.“ „Lieber Herr," erwiderte die laute Stimme des Herrn Panderfull.„es ist, wie Sie sagen, die Engländer sind eine praktische Nation. und.s ist leicht möglich. daß sie ihre neuen Schienenwege nur zu dem Zwecke anlegen, um uns ihr Eisen und ihre Maschinen zu verkaufen.“ „Gut gesagt! Das ist wahr! Das ist wahr Herr Panderfull!" rief man von der Seite der Bierbrauer her, die sich um enorme Bierkrüge geschart in einer Ecke des Saales zusammengefunden hatten, und ob schon sie von der übrigen Gesellschaft getrennt saßen. kein Wort von der Unterhaltung verloren hatten Herr Panderfull fühlte sich durch die schmeichelhaften Zurufe angefeuert und fuhr fort: „Uebrigens, meine Herren, ich bin derselben Mei nung mit einem Staatsmann. dessen Verdienst sehr wohl mit den eigennützigen Anforderungen der eng lischen Kaufleute gleiche Wagschale hält. Ich spreche von einem der bedeutendsten Minister Frankreichs, von Herrn Thiers, einem der Anstifter der Volksrevo lution von 1830, was doch zweifelsohne beweist, nicht wahr, daß er ein Mann des Fortschritts ist. Nun wohl, Herr Thiers glaubt nicht an die Eisenbahnen, eben so wenig, wie ich selbst daran glaube.— Er hat von der Höhe seiner Rednertribüne herunter mit gewohnter Beredtsamkeit vorhergesagt, daß dies tolle Unternehmen zu Grunde gehen werde, sobald die ersten Versuche mit den Puppenspielzeugwagen, die man bisher gebaut hat, um diese Arr von Beförderung auf dem ganzen Erdboden auszubreiten, vorüber wären.“ Jedermann gab einer solch bewährten und sachgemaßen Entscheidung seine volle Zustimmung; die sanfte Flötenstimme bewahrte Stillschweigen, und man ging zu einem anderen Thema über. In Brüssel fehlte es damals nicht an Unterhaltungsstoff. Man sprach von Gas, von Eisenbahnen und von den an allen Enden der Stadt unternommenen öffentlichen Verschönerungsarbeiten und stritt lebhaft über die Verdienste und Erfolge der neuen Konstitution, die zu der Zeit gerade im Glanze ihres Honigmonds stand Die Brüsseler freuten sch, daß sie wieder einen König, einen Hof, eine ganze Regierung in ihren Mauern hatten, und man verdoppelte die Feste, die die Flamländer und Brabanter zu allen Zeiten so anziehend zu gestalten wußten. Gerade in diesem Augenblicke traf man auf dem Rathause die Vorbereitungen zu einer großen Abendgesellschaft, die zu Ehren der Geburt des jungen Prinzen gegeben werden sollte, mit welchem der König, der als vollendeter Herrscher alle seine Pflichten ganz genau kannte, so eben sein Volk beglückt hatte. Der festliche Tag war auf den 10. Okrober festgesetzt, und obschon man jetzt erst halben September hatte, waren doch schon alle ehrgeizigen Köpfe der Hauptstadt des neuen Königreiches in Aufregung. Was war natürlicher, als daß die brennende Frage auch also bald Gegenstand allgemeiner Unterhaltung wurde in einer Gesellschaft der angesehensten Kaufleute der Stadt, die an deren Glanze das größte Interesse hatten und dem Schauplatze der Festlichkeiten am nächsten wohnten. „Nun, meine Herren," begann Herr Bombonance= der mit Freuden das Feuer dem Zündfaden nahe brachte,„es scheint, daß in unserem Stadtviertel nicht so viele Einladungen verteilt werden, als man gehofft hatte.“ „Und doch hatte man mir von verschiedenen Seiten versichert,," erwiderte Herr Panderfull,„daß dieses Mal die Kaufleute am besten bedacht werden würden.“ „Die Kaufleute sind gut, um die Steuern zu bezahlen,“ sagte der Apotheker, der in seiner Eigenschaft als halber Gelehrter gern eine wichtig klingende Bemerkung zu Markte brachte. Früher hatten die Damen der Schützenmitglieder von Gent und Brügge bei den öffentlichen Empfangsfeierlichkeiten sogar den Vortritt vor den Edelfrauen, nicht wahr. Herr Bricold?“ Herr Bricold war Tierarzt; er fühlte sich geschnneichelt durch die Anrede, und wollte an Gelehrsamkeit nicht zurückstehen. Er antwortete:„Es hat sogar einmal eine Königin von Frankreich, als sie von sechshundert flamländer Bürgerinnen sprach, denen sie bei einer solchen Feierlichkeit begegnet war, gesagt: „Ich habe geglaubt, allein Königin zu sein; jezt sehe ich sechshundert, so wie ich.“ „Nun, meine Herren," rief aus dem Hintergrunde einer der Bierbrauer der eine wichtige Persönlichkeit sein mußte, nach der Art und Weise zu urteilen, wie Herr Panderfull ihn beim Eintreten begrüßt hatte,„mir liegt nichts an ihrem Feste, aber man hat doch auch sein Selbstgefühl, und es ist unangenehm, selbst einen Ball zu geben und nicht dazu eingeladen zu sein; denn schließlich wird doch das Fest auf dem Rathause gegeben, und was ist das Rathaus anderes, als unser eigenes Haus.“ „Gewiß“ antwortete der Apotheker lebhaft.„Gewiß. man hat revoltiert, man hat die neue Regierung eingesetzt, man sorgt dafür, daß sie bestehen kann— wenigstens bis jetzt noch, da ist es doch gewiß gerechtfertigt, daß uns auch etwas davon zu gite kommt.“ „Jedenfalls," erwiderte der Tierarzt,„muß man doch zunächst an die Bewohner des Rathaus=Viertels denken. Man versperrt ihnen die Straßen, macht sie taub vor Lärm, ladet sie ein, ihre Fenster zu illuminieren—, nach der Arbeit der Gewinn, sagt ein altes Sprüchwort.“ Nr. 8 Der Erzähler. 1901. „Und alle die Vorbereitungen, die unter unseren gen vor sich gehen,“ sagte ein Bierbrauer,„müssen doch notwendiger Weise unseren Frauen und Töchtern den sehr natürlichen Wunsch einflößen, dem Feste beizuwohnen.“ Von neuem erklang die sanfte Flötenstimme: „Sehr natürlicher Wunsch,, ganz gewiß, und um so viel lebhafter, als nicht Jedermann eine Einladung zu teil wird.“ Eine Einladung! Das Wort wurde aufgegrifsen von einem im mittleren Alter stehenden Manne, der eben ganz bescheiden eintrat. Er war ganz schwarz gekleidet, trug auf dem Kopfe einen großen, breit krämpigen Hut. eine Brille am der großen Nase, hatte ein glatt rasiertes Gesicht und eine schleppende, fast gelehrt klingende Stimme. Dem Aussehen nach konnte er ein Professor, ein Schriftsteller oder irgend ein anderer Gelehrter sein ... in Wirklichkeit war er der erste Sekretär für die direkten Steuern. „Eine Einladung!... Ich errate, wovon Sie sprechen... von dem Feste.. dem berühmten Feste,“ sagte er den Kopf schüttelnd und das Gesicht in sonderbare Falten legend. „Ah, ab.“ sagte Herr Bucolet.„Sie warten auch auf Ihre Einladung?“ Ganz im Gegenteil, meine Herren.“ „Wieso: ganz im Gegenteil?“ „Ich habe sie bereits erhalten!" „Ach so! Und nun?“ „Ich bin wütend!“ „Warum denn?“ „Du lieber Himmel. das ist doch sehr einfach: wenn ich nicht hingebe auf dieses... Fest— und er schnitt abermals eine Grimasse—. so wird meine Abwesenheit von meinen Obern bemerkt und man beschuldigt mich der Opposition: gehe ich hin, so muß ich Toilette machen, was ich verabscheue; ich verzichte auf meine Partie Domino, was mir sehr unangenehm ist. und komme erst um ein Uhr morgens zu Bett, und das bringt mir Kopfschmerzen." Nun ließ sich die süße Stimme von neuem per nehmen: „Tot capita, tot sensus!“ murmelte sie. „Was sagten Sie?" fragte Herr Bombonance. „Ich sagte, was dem einen Freude macht.“ „Ich verstehe Sie, Herr Cameriche. Wissen Siedaß Sie ein großer Philosoph sind?“ „Mir sehr schmeichelhaft.“ * Der Abend schritt vor. Jetzt waren fast alle Stannngäste erschienen, und Casimier, der bemerkte, daß die Unterhaltung weniger lebhaft wurde, brachte die Dominospiele und breitete sie auf den Tischen aus. Das war das gewohnte Signal. Alle schwiegen, und die Spieler rückten näher zusammen. „Tun Sie mit. Herr Panderfull?" „Ich danke Ihnen, ich habe zu schreiben,“ antwortete dieser. Die einzelnen Partien fanden sich zusammen, und bald hörte man nichts weiter, als die Stimme des Marqneurs, der die Points: 9, 7, 2... doppelt sechs, doppelt=blank, feierlich verkündigte und notierte, das trockene Geräusch der Dominosteine auf den Eichentischen, die überraschten, befriedigten oder bedauernden Ausrufe der Mitspielenden und den be schleunigten Schritt Casimirs und Desiderius, die vollauf damit zu tun hatten, die leer werdenden Bierkrüge durch volle zu ersetzen. In einer Ecke des Saales plauderten einige Unbeschäftigte, und das dumpfe Gemurmel, das ihre Gegenwart verriet, legte zu gleicher Zeit Zeugnis dafür ab, wie sehr sie bemüht waren, die wichtigen Spiele nicht zu stören, denen die Teilnehmenden fast den gleichen Eifer widmeten, wie dem sonntäglichen Scheibenschießen, wenn sie den Bogen in der Hand, sich die hundertjährigen Preise, die Rose der Infantin Isabella oder den Kelch Karls des Kühnen streitig machten. Hier und da saßen einige Zeitungsleser. Herr Panderfull war in nicht geringer Aufregung. Zuerst war er stehen geblieben und folgte mit verstreuten Blicken dem einen oder andern Dominospiele, aber es fing schon an, spät zu werden, und so suchte er der Frau Warcollier näher zu kommen, setzte sich schließlich nieder und tat, als wollte er schreiben, in Wirklichkeit jedoch wartete er nur auf den günstigsten Augenblick, die schon lang vorbedachte Unterhaltung mit ihr zu beginnen. Die Gelegenheit dazu gab sie ihm selbst, und sie benutzte dazu einen Moment, wo der Schreiber, die Feder in der Hand haltend, seine Gedanken an der Saaldecke abzulesen schien. „Sie sitzen hier sehr schlecht, Herr Panderfull; das Geräusch um Sie her muß Sie stören. Wollen Sie nicht hier in mein Kabinet eintreten? Wenn es Sie nicht geniert, könnte ich gleichzeitig daselbst meine heutige Abrechnung vornehmen.“ „Gerne. sehr gerne, liebe Frau Warcollier, obschon ich nur einige Zeilen zu schreiben habe. Aber ich muß gestehen, ich bin so zerstreut heute Abend.“ Herr Panderfull stand auf. und von Casimir gefolgt, der dienstfertig Tintenfaß und Feder trug, drang er in das Heiligtum der Wirtin ein, und setzte sich an ein Tischchen nahe dem Fenster, gerade an dasselbe Tischchen, auf welches Herr Mauperthuis diesen Morgen seine Mappe und seine Vorsichtsmaßregeln niederlegte. Als Casimir wieder heraus gegangen war, eröft nete Herr Panderfull das Feuer. „Es fehlen noch einige Stammgäste heute Abendliebe Frau Warcollier.“ „Das ist wahr, Herr Panderfull. Es sind noch viele Familien auf dem Lande.“ „Aber doch Herr Leballier nicht.“ „Trotzdem ist er einer meiner Getreuen,“ erwiderte Frau Warcollier.„Ich denke nicht, bar, ihm etwas Unangenehmes passiert ist.“ „Beruhigen Sie sich, liebe Frau Warcollier, er hat im Gegenteil Glück; man erzählt sich, daß seine Tochter heiratet.“ „Wirklich?“ „Es ist einstweilen nur so ein Gerede. Ich würde mich übrigens nicht daüber wundern, man spricht so viel von neuen Heiraten augenblicklich.“ Herr Panderfull betonte das Wort„Heiraten“ ganz besonders. „Man fragt nach Frau Warcollier!...“ Mit diesen Worten trat Casimir in die Tür des Privatkabinets. und Frau Warcollier, die niemals einen Kunden unbefriedigt ließ, verließ das Zimmer. Pardon, Herr Panderfull, ich bin sogleich wieder da.“ „Lassen Sie sich durchaus nicht stören, Frau Warcollier, das Geschäft geht imnmer vor.“ (Fortsetzung folgt.) Frau Tore. Nach dem Kaffee wurde dem Assessor der Inspek tor gemeldet, der ihm die Meldung machte, daß der Herr Baron ihn am anderen Tage um zehn Uhr im Schloß erwarte. Mit den Worten: Ich stehe dem Herrn Assessor jederzeit zur Verfügung, schloß der alte, schlicht aussehende Mann seine Rede. So wollen wir denn einen flüchtigen Rundgang durch Hof und Ställe machen. Wie ist Ihr Name? Erdmann, Herr Assessor, und meine Frau ist bier Mamsell, sie hat die Molkerei unter sich. Ich bin schon dreißig Jahre im Amte, zuerst war ich Drescher, dann Hofinspektor und nun Inspektor. Ich kenne das Gut besser, als der gnädige Herr, und soll Ihnen Bescheid sagen, sagt der Herr Baron. Gut. Herr Erdmann. Bloß Erdmann. Herr Assessor, nichts vom Herrn. Nur die Leute nennen mich Herr Inspektor, des Reipekts wegen. Und dann wollte ich noch ergebenst gen. ob wir nicht Herr Leutnant statt Assessor sagen dürften. Das meinte der Herr Baron auch. Herr Leutnant. Schulz lachte Ja. das klingt forscher. Denn sehen Sie, Herr Assessor, das mit dem Gericht ist so ein eigen Ding. Bin ja gar nicht vom Gericht, unterbrach ihn Schulz verwundert. Weiß ich. Herr Assessor, und da drüben in der Overförsterei Rothentann ist ja auch oft so'n Herr. der sich Forstassessor nennt. Aber die Leute, sehen Sie, die sind doch nun mal wie sie sind, und war die nicht glauben, das glauben sie nicht, und wenn selbst unser Herr Pfarrer es ihnen auseinandersetzt. Und da Sie doch nun mal Leutnant sind, und der alte Erdmann seine Leute kennt und Ich nicht, fuhr Walter gut gelaunt fort, so mag es denn sein, aber nur i Fall der Herr Baron einRoman von J. Jobst. verstanden ist. Das erfahre ich ja morgen. Und nun lassen Sie uns geben. Als der Rundgang beendet war, suchte Erdmann seine Frau auf, die er um diese Zeit zu Hause nurzte. Mariechen, der Herr Leutnant versteht's. Nur ein Auge wirft er hin und weiß Bescheid. Dabei kein Wort zu viel, kurze Fragen, kurze Antworten, grad wie bei meinem alten Rittmeister. Und wo liederliche Arbeit getan war oder Dreck lag, zeigte er bloß mit dem Stock hin und sagte: Das muß anders werden. Ich sage Dir, Mariechen, bei dem stehlen sie nicht, paß auf, nun fängt die gute Zeit an für die ehrlichen Leute. Die Mamsell lachte über das ganze runde Gesicht: Hab' ich Dir's nicht gleich gesagt, Mann? Der Frau Siegfried konnt' man doch glauben, und als erst die vielen Wagen kamen mit all den Sachen, und alles so schön und so vornehm, da dachte ich mir gleich. das sind feine Leute, die sind nicht wie Oberinspektor Schäfer und nehmen, wo sie es kriegen können. Der Schäfer hätte auch seinen Weg direkt ins Zuchtbaus nehmen müssen, als daß er mit Kisten und Kasten frei ausrücken durfte. Ich wette, der kauft sich nachstens ein Rittergut von seinen Eriparnissen. Kann schon sein, Mariechen, aber uns geht es nichts an, das ist dem alten Herrn seine Sache, und venn er den Spitzbuben laufen läßt, haben wir nicht hinterdrein zu schimpfen. Halt bloß den kund. Alte. und laß uns froh sein, daß es jetzt anders wird. Hast Du die Frau gesehen Mann? Die ist nicht stolz, sie bat sich alles von mir zeigen lassen, vorhin. als Du mit dem Herrn Leutnant herumgingst. Und der kleine Bub lief immer mit. Der ist nun rein zum Aufessen. Als wir in den Kuhstall kannen, hob ion (Nachdruck verboten.) die Mutter hoch, daß er besser sehen konnte. Ach. die Augen, die er machte! Und dann schlug er in die Hände und rief: Wahrhaftig. Mutti, nun glaub' ich, daß es hundert sind. Wie die junge Frau da lachen konnte. Du hätt'st es hören müssen. Weißt Du. Mann, daß einer hier so lachen kann! Mög sie's nicht verlernen. Mariechen! antwortete der Alte ernst und ging dann hinaus; seine Frau aber warf den Kopf in den Nacken und sagte für sich hin: Die verlernt es nicht, und ich getrau es mir nun auch wieder.—— Die Sonne ging zur Rube: sie hatte ihr Tagewerk volldracht. Noch einmal, wie es ihre Gewohnheit war, blickte sie nach dem alten Schloßturm und traf mit vollem Strahl das große Fenster, das in die dicken Mauern gebrochen war, um dem lieben Sonnenlicht freien Eintritt zu gewähren. Dort wußte sie ein liedes, blasses Frauenbild, die feinen Hände lagen lässig im Schoß, die alten Augen blickten trübe und hoffnungslos in all das Glänzen und Flimmern, in den farbenbunten, lustigen Herbst da draußen. * Wer hätte es für möglich gehalten, gestern goldener Sonnenschein und heute dieser Nebel, dieser dicke, zu Wolken geballte Nevel. Am Fenster stand die hobe Gestalt des Barons. Kurzes, weißes Haar krönte die eckig hervorsprin gende mächtige Stirn, während die buschigen Augenbrauen mit ihrer tiefschwarzen Färbung einen eigenartigen Gegensatz dazu bildeten. Unter ihnen blickten dunkle, schwermütige Augen hinaus in das gespenstige Treiben: es war, als ob ein Nebelschleier auch über den Blicken des stolzen Mannes läge, solch geichgültige Arathie lag in ihnen, etwas weltverlorenes, wie es müden, einsamen Seelen eigen ist. Er sah es nicht, der sinnende Mann, daß da draußen der Kampf der lichtfeindlichen Geister unt den lustigen Sonnenstrahlen immer heftiger wurde. Endlich siegte die Sonne. Gleich einem leuchten den Auge brach das Licht durch das zerflatternde Ge wölk und umfloß plötzlich mit solcher Fülle den ein samen Mann, daß er förmlich zurückprallte, die Augen geblendet schließend, und als er sie wieder öffnete, stand inmitten des Innmers, verklärt von dem flutenden Licht, eine hochgewachsene jugendliche Gestalt, die mir warm aufleuchtenden Augen den sorschenden Blick des alten Herrn begegnete. Man hat mich hierher gewiesen, Herr Baron, und die Tür stand offen. Sie sind Herr Forstassessor von Schulz? Jawohl, Herr Baron, und zu dieser Stunde bin ich befohlen. Noch ein kurzes Prüfen von seiten der scharfen alten Augen, in die kurz aufblitzendes Leben trat, dann sagte der alte Herr: Wollen Sie nicht Platz neh men. Herr Assessor? mu unbeweglichem Gesicht, nur in den Augen das warme Licht, nahm Walter Platz an dem großen Tisch, der inmitten des Zimmers stand. Der Schloßherr setzte sich ihm gegenüber, ein kurzes Schweigen folgte, der alte Herr konnte den Anfang nicht finden und Walter wartete. Sie sind gern gekommen? fragte der Baron etwas kurz. Forstmeister Wieblitz glaubte, ich würde meiner Stellung gewachsen sein antwortete Walter ebenso wortkarg. Sie werden sehr selbständig sein. Um so schwieriger für mich, da ich noch keine Erfahrung habe. Die Antwort gefiel dem Baron sichtlich. Im Forstsache wissen Sie doch gründlich Bescheid? Das wohl, aber in der Landwirtschaft sind die Lücken desto größer. Dafür ist der Erdmann da, er ist eine herzliche Haut und versteht seine Sache, doch taugt er nicht zur Oberleitung, und Buchführung ist ihm fremd. Der Mann macht auf mich einen sehr guten Eindruck, ich werde viel bei ihm zu lernen haben, wenn ich auch von Jugend auf mit ländlichen Verhältnissen betraut bin. Ihr Herr Vater war Besitzer? Nein. nur Pächter. So. Die Privatverhältnisse des Administrators schienen den alten Herrn nicht weiter zu interessieren. Schulze atmete auf. die Gefahr war glücklich vorübergegangen. Ich werde Ihnen nachher alle Bücher Ihres Vorgangers herüberschicken, und denke, daß Sie sich darin ausfinden können. Nehmen Sie sich zu allem Zeit, und lernen Sie erst Grund und Boden, sowie die hiesigen Leute richtig kennen. Sollte Erdmann Ihnen irgend etwas nicht beantworten können, so bin ich in dieser Stunde stets für Sie zu sprechen. Außerdem empfehle ich Ihnen unseren alten Pfarrer, der Ihnen jede Auskunft zu geben vermag. Kutscher Christian wird Ihnen den Fuchs zeigen, der zu Ihrer Verfügung steht. Auch über Pferd und Wagen dür sen Sie frei verfügen, wenn Sie eine Ausfahrt machen wollen, im Falle Sie in der Umgegend Verkehr suchen. Wir leben ganz für uns und sehen niemanden, seit—— seit—— nun seit vielen Jah ren schon. Der alte Herr stand plötzlich auf, über sein Gesicht flogen tiefe Schatten, Walter fühlte es, die Audienz war zu Ende. Er erhob sich und wollte mit einer stummen Verbeugung verschwinden, da hielt ihn ein Handbenegung zurück. Noch eins, sollten Sie in den Büchern Unordungfinden, so gehen Sie der Sache nicht weiter nach. Ich habe den Kerl, den Schäfer, laufen lassen, und möchte nicht noch hinterher Aerger haben. Wie Sie befehlen, Herr Baron. So weit es sich mit meiner Ehre verträgt, werde ich schweigen, um Ihnen Verdruß zu ersparen. Baron Schulz blickte erstaunt auf; der neue Beamte hatte seinen eigenen Kopf und eigene Ansichten. Na, so lange sie sich nicht iit den seinigen kreuztenkonnte man ihm das ja gestatten. Der Assessor hielt dem Blick ruhig Stand, und setzte dann noch hinzu: Inspektor Erdmann bat um meine Erlaubnis, mich Herr Leutnant zu neunen. Ich sagte es ihm, ihm Falle Sie, Herr Baron, damit einverstanden seien. Der alte Herr ließ ein kurzes Lacheu hören; es rief wunderliches Echo wach in den Ecken des weiten Gemaches: Daran erkenne ich Erdmann, den früheren Karallerist, aber er kennt seine Leute. und er mag mit seinem Vorschlag Recht haben. Ich finde nichts dagegen einzuwenden, Herr Assessor Walter ging, ein langer Blick seines Herrn folgte ihm, und eine ganz leise Stimme flüsterte ihm zu: Der Mann gefällt Dir. Frau Lore war indessen nicht müßig gewesen, mit Frau Siegfrieds Hilfe hatte sie schon schier Urbermenschliches geleistet„und als Walter zum Mittagessen erschien, harrte ein sauber gedeckter Tisch im behaglich eingerichteten Eßzimmer des bungrigen Gatten. Werner sprang dem Vater fröhlich entgegen, und hatte so viel zu berichten von seinen Entdockungsreisen, daß der kleine Mund kein Ende finden konnte und energisch zur Ruhe gewiesen werden mußte. Man vertröstete ihn auf später, und so sprach denn ein jeder der einfachen Mahlzeit zu, welche nach den kulinarischen Kenntnissen der neuen Guste gewählt worden war. Befriedigt erhob sich Walter vom Tisch und zog sich mit der Erklärung, daß er in seinem Zimmer zu arbeiten habe, ium größten Bedauern Werners zurück. Lore tröstete den Kleinen und hieß ihn wieder hinausspringen, denn Ursel, das Schisterchen müsse jetzt schlafen. Du bleibst auf dem Hofe= damit wir Dich vom Fenster aus sehen können, schärfte die Mutter ihm ein.—— Aber zu Erdmann darf in doch auch, wenn er sagt, ich soll zu ihm hereinkommen. Gewiß, mein Junge. Und zu Christian in den Stall darf ich auch wenn er es durchaus will. Da steht Vaterö Fuchs, er will ihn mich zeigen. Du gehst aber nicht allein hinein, in keinen Stall. hörst Du, oder ich sag' es Vater, und Du mußt dann immer bei Schwesterchen bleiben und dem Kin dermädchen. Ich verspreche es Dich. Mutti, sagte der kleine Kerl bieder, und drückte Frau Lores Hand, so fest die Kinderhändchen nur zu fassen vermochten. Gerührt blickten die leuchtenden Mutteraugen ihm nach, wie er auf seinen stämmmigen Beiichen zur Tür hinausschritt, in jedem Zoll ein kleiner Mann. Es lag ordentlich eine gewisse Würde in seinem ganzen Auftreten. So, ertönte jetzt Frau Siegfrieds Stimme hinter Lore= nun setzen Sie sich ein Stündchen still in Ihr Zimmer und überlassen das Regiment mal wieder wie in alten Zeiten der gewesenen Frau Hunnnel. Lore lachte, doch nach einigem Strauben saß sie richtig an ihrem behaglichen Fensterplatz in ihrem kleinen Gemach, und horte durch die offene Tür das Knistern der Bläuer, die ihr Mann an seinem Schreibtisch unschlug. Er war so vertieft in seine Arbeit, daß er lamn mehr wußte, wo er sich befand und daß nebenan ein paar hellhörige Frauenohren seinem Tun liebevoll folgten. Immer rascher blätterten die Seiten, bald heer bald dort er machte Notizen, schüttelte den Kopf, die Augen draunten in unheimlichem Lichte, er merkte nicht, daß das Feuer seiner Zigarre längst erloschen war Jetzt flog mu kräftigem Ruck der Sessel ein Stuck zurück, die geballte Faust schlug auf den dicken Folianten, den er gerade vor sich hatte, und mit dem lauten Auscuf: Der Schuft. der Died! Der Teufel hole den Kerl! flog er empor und raste im Zimmer auf und ab. Lore war voller Schrecken aufgeflogen und stand an der Schuvelle des Zimmers, mit lautlosem Staunen dem rätselhaften Zornesausbruch ihres Manner folgend. Jetzt erblickte sie der aufgeregte Mann und eilte auf sie zu, einenn gegenüber mußte er sich Luft machen, oder er erstickte daran. Da liegen die Bücher meines Vorgängers, der Oberinspektors Schafer. Lore. Wie viel Tausend glaubst Du wohl, daß er gestohlen hat? Gestohlen? fragte Lore ganz verblufft, aber wer stiehlt, wird doch bestraft. Natürlich. Lore. gewöhnlich kommt es so, aber hier liegt die Sache anders. Der alte Baron hat uns ausdrücklich befohlen, den Lump laufen zu laisen. Er will nichts davon wissen, damit ihm die Unbequemlichkeiten erspart bleiben. Ha, ha, es ist nerm Lochen, wenn, es nicht dazu angetan wäre, aus der Haut zu fahren. Er kann nun ruhig weiter betrügen, dieser Herr Schäfer, wenn er nicht schon genug in Säckel hat. Na. der soll mir mal den Weg kreuzen, ich würde ihm schon klar machen, was ich über solche Ehrenmänner denke. (Fortsetzung folgt.) Allerlei. Tägliche Erinnerungen. 13. Jannar. 1559: S. Menno, Stifter der Mennoniter, f. (Oldesloe! 1—„ (Rom). 1749: Friedr. Müller, Maler und Tichter, geb.(Kreuznach). 1802: Eduard v. Bauernfeld. geb.(Wien). 1809: Graf von Beust, sächs. Staatsmann, geb.(Dresden). 1814: Erst bergs. 1882: Wilbelm Mauser, der Konstrukteur des nach ihm benannten Hinterladungsgewehres, f. Oberndorf). 1902: H. Kruse, Dichter, f. Bücke burg) Ein verkrachter sozialistischer Staat. Der Gelehrte Ernest de Ginnev, welcher vor kurzem Südamerika vereiste, schreibt aus=avn cay in Paraguay einem Lond#nr Blatte einen aus führlichen Bericht über einen Sozialist#naat, dem wir eimge interessante Details entnehmen. Als vor zwölf Jah am dem Arbeitsmark: treten war. sammelten ustralien eine Krisis Streiks eingeoige vo einen unter: m Lane, eine große Anzahl von Arbeitern und Kolonisten, welche sich binden ließen. in der südamerikanischen Provinz Paraguay ein„Neu=Australien“ auf sozial stisch=kommunistischen Grundsätzen zu gründen. Sämtliches Hab und Gut der Teilnehmer wurde in die Hände Willian Lünes gel den Genossen ger jation und Ver#### Konzessionen für wurden von der und ein erstes S# der mit seinem Sekretär und drei von hlten Vertrauensräten Organiltung der Bewegung übernahm. derlassung mit Staatsbilfe Regierung Paraauans erworden, un voll Genossen, dem bald ein zweites folate, mit im ganzen etwa 900 Köpfen, ging von Australien dem neuen Zutunitsstaat entgegen. Bald indessen stockte der Nachschub, denn es kamen Berichte von einer schon bald nach der Ankunft erfolgten Spaltung, welche rasch dahin führte, daß die genossenschoftliche Organisation gesprengt und die individualistische Arveit und Produktion Plaz griffganz genau, wie dies bei allen Kolonialunterneymungen der Fall ist, wo jeder sieht, wo er selbte bleibt, und das Einzelinteresse höher steht, als das. jenige des allgemeinen. William Jane, der von seinem Bruder John Lane unterstützt wurde, verließ mu den von ihm angesammelten Mitteln und sechzig auserwählten Genossen die undankbare Gemeinde und gründete inn dieser auserwählten Schar eine neue Kolonie, welche den Namen„Coeme“ erhielt. Dieses Corme hat Herr de Ginney besucht und zwar auf Veranlassung von Freunden, welche sich hatten verleiten lassen, dorthin auszuwandern und sich der Gemeinschaft anzuschließen. Um es kurz zu sagen: er and eine formliche Gesellschaft von Müßiggängern, uns als Regierung einen Rat von 10 Perionen, oder eigentlich Häuptlingen, welche unter Lanes Fuhrung es verstanden hatten, die Gemeinschaft in solche Ab