Vorurteile. Roman von Hans Halm. (1) er alte, stille Friedhof glich einem Blütenmeer. Blauer und weißer Flieder prangle mit üppigen Rispen über den verwitterten Kreuzen und Urnen, den von Efeu umsponnenen Steinen. Aus schluchzenden Kehlen sangen die Nachtigallen ihr wonnevolles Lied vom Lieben und Leiden. Wie ein großes, lachendes Auge sah die milde Morgensonne in den Garten der Toten hinab, und die rosigen Kinder des Dorfküsters liesen und lachten zwischen den blühenden Hügeln. Horch! Die fröhlichen Stimmchen verstummten Trauerglocken. Der Bläserchor. Ja, nun trug man ihn wohl zur Ruhe. Selbst die kleinen Kinder wußten, wer heute in dieses blumige Reich des Friedens einziehen sollte. Der Vater war ja vor einer Stunde fortgegangen, um seines Amtes zu walten, und sie hatten den freundlichen Herrn gekannt, der nun hier schlafen und ruhen sollte. Wie hatten sie gestaunt, wenn er in seiner schmucken Uniform die Dorfstraße hinabschritt! Wie waren sie stolz gewesen, wenn er sie lachend über die schmucken Löckchen strich und ihnen einen scherzhaften Gruß an Vater und Mutter auftrug! Alle kannten ihn ja, die hier im Dorfe wohnten, und selbst alte und mürrische Gesichter wurden heller, wenn man von dem Herrn Leutnant sprach. Er war mit seiner einzigen Schwester hier in der Gegend aufgewachsen— als Sohn eines reichen Steinbruchbesitzers. Aber seine Eltern starben, der Besitz ging in andre Hände über, und die Geschwister kamen unter die Obhut einer Tante, eines alten, alleinstehenden Fräuleins, welches im Schlößchen eine hübsche Wohnung innehatte. Das Schlößchen, welches inmitten eines großen, wenig gepflegten Parkes hart am Waldrand lag, hatte bis vor etwa fünfzig Jahren einer fürstlichen Familie als SomGedenktasel der Mutter Jos. B. v. Scheffels in Oberndorf a. Reckar. meraufenthalt gedient. Nun wurde es aber zum Teil an einige adlige Damen vermietet, deren Angehörige zur Umgebung des jetzigen Fürsten gehörten, und nur notdürftig in stand gehalten. Ohne Zweifel waren die Geschwister Rasmus nicht ohne Vermögen, denn der Leutnant hatte in der nayen Garnison sehr fröhlich und verschwenderisch in den Tag hineingelebt, und seine Schwester zählte zu den elegantesten Erscheinungen, welche man auf den Offiziers= und Landwirtsbällen feierte. Nun waren die Zwei, diese schönen und lebensdurstigen Menschenkinder, mit einemmal und für alle Zeiten von einander gerissen. Leutnant Rasmus verunglückte bei einem Rennen. Zu leiden hatte er nicht. Vewußtlos lag er unter seinem Pferde, als die entsetzten Freunde zu ihm stürzten, und er starb noch auf dem Rennplatz in den Armen seines ihm nächststehenden Kameraden, des Leutnants von Winterfeld.—— Neugierig liefen die Kinder an die breite Akazienallee, welche durch die Mitte des Friedhofs führte, und ihre roten Bäckchen erblaßten und erschauerten, als die feierliche, schwermütige Musik näher und näher kam und der mit Blumen ganz bedeckte Sarg ihren bangen Blicken erschien. Da das Haus ihrer Eltern hart am Friedhof lag, war ihnen dieser Anblick ein längst vertrauter, aber mit ganz besonderer Lebhaftigkeit suchten ihre Kindergedanken nach dem ursächlichen Zusammenhang zwischen diesem Sarg und dem fröhlich lachenden, stolzen Mann, der noch vor wenigen Tagen zu ihnen gesprochen hatte, und die unerbittliche Gewalt des blinden Schicksals schien sich ihnen hier zum erstenmal zu offenbaren. Die Bläser schwiegen. Eine große Zahl schwarzgekleideter Männer und Frauen, bunter Uniformen und blitzender Helme belebte und füllte plötzlich den eben noch so stillen Garten. Mit weit aufgerissenen Augen standen die Kinder beiseite und folgten klopfenden Herzens all jenen traurigen, wunderbaren Bräuchen und Ehren, welche gerade diesem Toten zum letzten Lebewohl erwiesen wurden. Ja, das war ein prächtiges Begräbnis! B „So schön ist noch gar keins gewesen," seufzte das kleinste Mädchen. „Weil er solch ein reicher Mann war!“ belehrte sie die ältere Schwester mit ernsthaftem Gesicht. „Nein, weil er ein Soldat war!“ rief der Knabe eifrig.„Darum haben sie auch geschossen." „Und weil er so gut war!" sagte die Aelteste wieder, und dann wurde sie plötzlich von einem tröstlichen Gedanken erfaßt.„Ach, kommt! Wir wollen in den Wald laufen und Maiblumen pflücken. Wollen sie ihm auf das Grab tun. Weil er so gut war!" Und ganz erfüllt von diesem schönen Plan, faßten sie sich an den Händen und liefen davon.——— Nun wurde es wieder still unter den blühenden Fliederbüschen. Menschenworte und Menschenschritte verklangen, und die verscheuchten Nachtigallen kehrten auf ihren Zweig zurück und schluchzten und jauchzten aus zitternden Kehlen. Nur drei Gestalten noch standen um das Grab: eine kleine alte Frau und ein großes, schönes Mädchen, beide in tiefschwarzen Trauerschleiern, vor ihnen in ehrfürchtiger Haltung ein junger Offizier. „Ich hoffe, nicht unbescheiden zu sein," wendete er sich an die alte Dame,„wenn ich Ihnen in aller Ergebenheit meine Dienste anbiete. Ich habe die Angelegenheiten Ihres Herrn Neffen ziemlich genau gekannt und bitte, dieselben ordnen zu dürfen. Vielleicht gestatten Sie mir, Ihnen dann Rechenschaft über das von meiner Seite Geschehene abzulegen. Und wenn ich Ihnen sonst mit meinem Rat dienen kann... Als nächste Angehörige—“ er verbeugte sich auch mit ernster Förmlichkeit gegen das junge Mädchen—„wird man Sie ja doch nicht ganz — unbehelligt lassen—“ Er sprach die letzten Worte etwas zögernd, und peinliche Verlegenheit malte sich in seinen straffen, klaren Zügen. Doch entging dies der schwerhörigen und immer noch heftig schluchzenden alten Dame, und sie streckte dem jungen Mann ihre schwarzbehandschuhte Rechte entgegen. „Tausend Dank, Herr Baron," weinte sie.„Ich würde Ihnen allerdings sehr verpflichtet sein— bin von andern Kümmernissen und Sorgen jetzt so ganz in Anspruch genommen. Alles kommt Schlag auf Schlag über mich." Das Mädchen horchte hoch auf. An ihren Wimpern hing keine Träne, aber ihr Gesicht war wie versteinert vor Schmerz. Was bedeutete dieses Zögern in der Stimme des Barons? War etwas zu verbergen in ihres Bruders Leben? Etwas, was dieser Mann wußte und sie nicht wissen lassen wollte? Peinvoll und fieberhaft arbeiteten ihre Gedanken in diesem Augenblick. Ohne Zweifel handelte es sich um geschäftliche Angelegenheiten. Egon warf ja das Geld mit vollen Händen um sich, und gewiß waren seine Verpflichtungen zu einer erschreckenden Höhe angelaufen. Entsetzlich war's, an dergleichen zu denken, während das Herz noch blutete vor Jammer um das schöne, blühende, fröhliche Leben des Verlorenen. Mußte dergleichen schon jetzt erörtert werden? Hier an seinem Grab? Vorurteile. Vielleicht war das Anerbieten des Barons ihrer Tante in dieser Stunde ein gewisser Trost. Ihr selbst erschien es als eine Herzlosigkeit, eine Zudringlichkeit, welche sie gerade von den Lippen dieses kalt berechnenden Mannes auf das tiefste verletzte. Ah! Sie durchschaute diese festen, unbewegten Züge. Er schmiedete eine Waffe mehr gegen sie. Hart und abweisend wurde ihr Blick. Hatte der arme Verstorbene Schulden hinterlassen,— gut, so wurden sie eben bezahlt, und wenn sie selbst den letzten Pfennig ihres Vermögens dazu hergab. Wozu dieser Zwischenträger? „Wenn Ihnen auch an meiner Antwort liegt, Herr Baron," sagte sie mit klangloser Stimme,„so bitte ich Sie, mir erst einige Stunden der Sammlung zu gönnen. Auch meine Tante wird sich inzwischen zu fassen wissen." Er zuckte zusammen und wurde um einen Schein fahler. „Verzeihung!" erwiderte er und schritt trotz ihrer fast beleidigenden Haltung neben ihr her dem alten verwitternden Tore zu, vor welchem zwei Wagen noch wartend standen. Dort blieb er noch einmal in fast bittender Haltung vor ihrer Tante stehn. „Es handelt sich um eine ganz bestimmte Angelegenheit," sagte er,„die noch im Lauf dieses Tages erledigt werden muß, eine leidige Geschäftssache, die ich Ihnen gerade in diesen bittersten Stunden fernhalten möchte. Sie wissen, daß ich das volle Vertrauen Egons besaß, und können überzeugt sein, daß seine Ehre und sein Andenken mir heilig sind wie Ihnen selbst." Und er richtete sich wieder förmlich auf.„Genügt Ihnen diese Versicherung, gnädigstes Fräulein?" Schluchzend drückte die alte Dame ihm beide Hände. „Sie guter, treuer Freund! Gott segne Sie! Darf ich Sie morgen vormittag zu einer kurzen Besprechung erwarten? Heute bin ich nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen." Und ihr kleines, tränenüberströmtes Gesicht glühte auf wie im Fieber. Noch eine kurze, ernste Verbeugung zu ihrer Nichte hin, dann trat er von dem Wagen zurück, welchen die Damen bestiegen. Die Pferde zogen an, und Magdalene Rasmus sah sich mit ihrer Tante allein. Es wurde während der kurzen Fahrt kein Wort zwischen ihnen gewechselt. In drückendem Schweigen saßen sie nebeneinander. Das alte Freifräulein von Diest weinte herzbrechend in ihrer Ecke. Wie erstarrt von Gram und Entsetzen blickte das junge Mädchen vor sich nieder. Nun war es also vorbei. Alles vorbei. Wie eine Kerze vom Hauch des Windes war das geliebte Leben verlöscht. Nun schlief es da draußen, und sie waren allein Der Wagen hielt am Eingang des stillen Parkes, und Magdalene führte ihre Tante sorglich am Arm über die breiten Wege, unter den wuchernden Büschen dahin. Auch hier Blüten, wohin man sah, und der süße Wonnelaut jubilierender Vögel. Zwischen dunklen Tannen und lichten Birken barg sich das kleine, graue Schloß. Die beiden betraten das Erdgeschoß, in welchem sie eine Flucht niedriger und altertümlich gebauter, aber behaglich und sehr geschmackvoll eingerichteter Zimmer inne hatten. Einige Verwandte und nahe stehende Bekannte traten ihnen entgegen und hießen sie mit wehmütiger Herzlichkeit willkommen. Mehrere derselben waren auf die Schreckensbotschaft von fernher gekommen. Man hatte sich lange nicht gesehen, und wenn die Stimmung auch eine tiefbedrückte war, so fand man in dem Beisammensein doch eine Erleichterung, eine Beruhigung. Man tauschte auch andre Gedanken aus, berichtete auch über andre Erlebnisse, und erst als der Abend kam und die Gäste eilig aufbrachen, um den Schnellzug noch zu erreichen, kamen Tante und Nichte wieder zum vollen Bewußtsein ihres Verlustes. Die erstere fühlte sich so erschöpft von seelischen Qualen und äußerer Unruhe, daß sie bald ihr Lager aufsuchte und das graue Haupt in ohnmachtähnlicher Schwäche auf das Kissen sinken ließ. Ernst und wortlos, wie sie den ganzen Tag über gewesen war, reichte Magdalene ihrer greisen Verwandten alles Erforderliche, um ihr Leiden zu lindern, und blieb bei ihr, bis die müde geweinten Augen sich zu wohltätigem Schlummer schlossen. „Wie bin ich dankbar," das war ihr letzter Seufzer gewesen,„den treuen Winterfeld zur Seite zu haben! Gebe Gott nur, daß es sich nicht um ernstliche Schwietigkeiten handelt, denn Egons aufgeregtes Wesen in letzter Zeit hat mich oft mit den schwersten Befürchtungen erfullt! Sehr bange ist mir vor den Eröffnungen, die Winterfeld mir morgen machen wird,— aber— er wird schon alles ordnen— er ist ja die Pflichttreue, die Ehrenhaftigkeit selbst...“ „Ja— natürlich!" erwiderte Magdalene und küßte die weiße, schmerzlich gefurchte Stirn. Wie gut, daß das alte Fräulein etwas schwerhörig war! Wie gut für sie selbst! Sonst hätte der herbe Klang der jugendlichen Stimme zu ihren Sorgen wohl noch eine neue hinzugefügt und den Schlummer noch einmal von ihren matten Lidern gescheucht. Mit leisen Schritten verließ Magdalene das Zimmer ihrer Tante und suchte den behaglichen Wohnraum auf, der ihr selbst zur Verfügung stand. Es war ein niedriges, aber geräumiges Gemach mit weißgetünchter Balkendecke und zarter Rokokotapete. Hellgrüne Möbstanden zwanglos umher, Tische und Schränkchen hatten die Damen aus der früheren Einrichtung des Schlößchens erstanden und paßten mit ihren zierlichen, geschnörkelten Formen sehr wohl in den alten Raum. Auf den breiten Fenstersimsen standen blühende Pflanzen, und ein allerliebstes, schneeweißes Prachtfinkenpaar duckte sich schlafend in einem freistehenden Messingkäfig. Vom Mittelbalken der Decke herab hing eine große helleuchtende Ampel, welche das heitere, kleine Paradies mit klarem übergoß. Wie ein Fremdling erschien sich schwarzgekleidete Mädchen heute in eignen Raum. Wie ein dunkler Schatten bswegte sie sich zwischen den hellen Möbeln icht nieber berichteter stehende hießen villkomuf die ommen. nd wenn kte war, in doch Man bericherst als ig aufuerreider zum pft von ihe daß 3 graue iche auf ganzen igdalene rforderid blieb igen sich n. dar ihr Winkerott nur, ege 3 Wesen schwerange ist nierfeld — ef ja die st..." igdalen. gefurchte t etwas e selbst! jugendohl noch lummer ern geigdalene den belbst zur äumiges ecke und Möbel F Ur der früerstanen, genalten en stanUerliebuckte sich Nessinge herab „welche em Lich ich des ih itten beeln. Vorurteile. Händen ruhelos mit gerungenen friedlos. Vor ihrem Schreibtisch blieb sie endlich für einige Augenblicke stehn, hob das Bild eines jungen Offiziers in schmucker Kürassieruniform von der kostbar eingelegten Platte, bedeckte es mit Küssen und schlug dann aufschluchzend die Hände vor das Gesicht. Ach! Die ersten Tränen, welche sie fand, seit die plötzliche Schreckenskunde sie erreichte! Wie zu Stein und Eis erstarrt, hatte das Herz ihr in der Brust gelegen und nun tat die Linderung wohl. Sie kniete vor einem der kleinen Sessel zu Boden und weinte wie ein müdes, verlassenes Kind, bis sie ruhiger wurde. Dann erhob sie sich, betrachtete das gesiebte Bild noch einmal und griff hierauf nach einem schweren, bronzenen Leuchter, um das Gemach zu verlassen. Wohl wenige ihres Geschlechts und Alters hätten in dieser Stimmung gleich ihr gehandelt. In fester Hand die flackernd brennende Kerze tragend, schritt sie den langen, unter ihren Schritten hallenden Korridor hinunter, erstieg einige schmale Stufen und betrat das leine Turmzimmer, welches ihr Bruder zu bewohnen pflegte, wenn er zu den Feierund Urlaubstagen in das stille Schlößchen lam. Sein Pferd trug ihn in einer halben Stunde von der Garnison bis in das heimatliche Dorf, und wie oft hatte Magdaienes Herz freudig geklopft, wenn sie den wohlbekannten Schall der schlanken Hufitte vernahm! Vorbei das alles... vorbei! Nichts Nieb ihr als dieser stille Naum, den sie wie ein Heiligtum halten und mit all den Andenken füllen wollte, welche das geistige Bild ihres Bruders in ihr immer wieder hervorzaudern würden. Im Augenblick sah es recht kahl hier aus. Das, was ihm wirklich lieb war, schmückte jetzt seine Stadtwohnung noch, und erst im Lauf der kommenden Tage wollte sie die traurige Pflicht erfüllen, und die gesamte Hinterlassenschaft wohlgeordnet hierher bringen. Die Ausstattung des Zimmers war sehr dunkel gehalten. Die dornigen Zweige der Kletterrosen schlugen von außen gegen die leise klirrenden, bleigefaßten Fensterscheiben, und unheimlich tönte der Ruf des Käuzchens um die alten Mauern des Schlosses. Schaudernd zog Magdalene nun doch die Schultern zusammen, aber sich rasch beherrschend, setzte sie den Leuchter auf den alten, sekretärartigen Schreibtisch, und zog einen seltsam geformten Schlüssel aus der Kleidertasche. Den hatte Egon ihr rätselhafterweise der einigen Wochen anvertraut. „Nimm ihn, Len!" sagte er.„Ich entbehre ihn nicht. Ich habe noch einen zweiten. Und es ist mir lieb, wenn Du für alle Fälle an meine Schriftstücke herankannst. Damit ist nicht gesagt, daß Du zun heute oder morgen in den Papieren herunstöbern sollst. Tust Du ja auch nicht. Dazu kenn' ich Dich viel zu gut. Aber— wie gesagt— für alle Fälle“ Aengstlich hatte sie ihn angesehn, aber gleich darauf hatte er sie lachend geküßt und sprang mit lustigem Pfeifen die Treppe hinunter. Das hatte sie wieder beruhigt, und stolz auf das unbedingte Vertrauen, welches er ihr schenkte, tat sie den Schlüssel behutsam in eine Kassette. Jetzt nun, da sie doch keinen Schlaf fand und voller Sorge an die seltsamen Bemerkungen des Barons dachte, hielt sie es für ihre Pflicht, sich so weit als möglich über seine Verhältnisse zu unterrichten, ehe ein Fremder kam, um sie darüber aufzuklären. Langsam öffnete sich die Schreibtischklappe, und ein halb unbewußtes Bangen hieß Magdalene noch zögern. Was würde sie finden? Sie ließ sich in dem breiten, braunledernen Sessel nieder, welcher hinter ihr stand, und krampfte die zitternden Hände ineinander. Ach, warum mußte gerade in dieser trüben Zeit eine so wenig angenehme Persönlichkeit, wie der Leutnant von Winterfeld wieder und wieder ihren Weg kreuzen! Es schien ihr, als würde die Trauer um ihren Bruder entheiligt und entweiht durch die peinlichen Empfindungen, welche dieser Mann in ihr wach rief. Selbst über das Grab des armen Verstorbenen fiel der Schatten des Tiefgehaßten, und in ihren stummen, bittern Schmerz hinein klang seine harte, kühle Stimme, wie der Ton eines widerwärtigen Instruments. Da er der Sohn eines erst kürzlich verstorbenen Domänenrates aus der Gegend war, kannte sie ihn seit langem, und die unüberwindliche Abneigung, welche er ihr einflößte, beruhte durchaus nicht nur auf einer trotzigen Mädchenlaune. Der größte Teil ihrer Bekannten beurteilte ihn ebenso hart, wie sie selbst es tat, nur daß andre sich doch immer wieder durch seinen ungeheuren Reichtum, seine männliche Erscheinung und sein zu gleicher Zeit vertrauenerweckendes und achtungheischendes Auftreten blenden ließen.— Jedenfalls hätte außer ihr niemand gewagt, ihn so unverhohlen und absichtlich zu kränken, und von niemand außer von ihr hätte er es immer wieder ertragen. Das, was die öffentliche Meinung so stark gegen ihn einnahm, war eine nun verjährte, und doch immer noch nicht vergessene Geschichte. Vor zwei Wintern war's, daß er sich mit einem hübschen und allgemein beliebten Mädchen verlobte, der Tochter eines höhern Regierungsbeamten, welche mit Magdalene sehr eng befreundet war. Sie war anfangs eine glückstrahlende Braut, die muntere, immer lachbereite Ellen, — aber schon in den Wochen nach ihrer Verlobung fing sie an, ernster und stiller zu werden, und mit Tränen klagte sie es Magdalene, wie sie unter der Reizbarkeit und den wechselnden Stimmungen ihres Bräutigams zu leiden habe. Bald überschüttete er sie mit Aufmerksamkeiten, bald hielt er tage= und wochenlang sich ihr fern und machte ihr das Leben dermaßen zur Qual, daß ihr Vater schon nach einem halben Jahre die Auflösung des Verlöbnisses erzwang. Man munkelte auch von einem harmlos verlaufenen Zweikampf zwischen Winterfeld und dem Bruder der trostlosen Braut. Doch lag wohl beiden Teilen daran, über diesen Vorfall Stillschweigen zu bewahren, denn das peinliche Aufsehen, welches das rasche und völlig unbegründet erscheinende Zerwürfnis in den weitverzweigten Bekanntenkreisen der beiden einst Verlobten erregten, war auch ohnedem lebhaft genug. Man nannte den Baron einen haltlosen und unberechenbaren Charakter, man wollte wissen, daß eine andre Frau, eine bekannte Künstlerin, mit im Spiel war, man warf ihm den schnödesten Leichtsinn vor, den er unter der Maske heuchlerischen Strebertums wohl zu verbergen wußte. Daß er zu den tüchtigsten Offizieren der Garnison gehörte, stand außer Frage. Sonst wäre ihm nach diesem unliebsamen Vorkommnis eine Versetzung sicher gewesen. So aber blieb er, und die Familie seiner Braut räumte das Feld. Zufällig oder mit Absicht, das wußte man nicht recht. Jedenfalls lagen nun Hunderte von Meilen zwischen den beiden, und da Ellen durchaus nicht schrieb, wußte Magdalene jetzt kaum, wie es ihr erging. Und nun kam das, was sie selbst betraf: Ein Jahr, nachdem er seine Verlobung mit Ellen aufgelöst hatte, warb der Baron von Winterfeld um sie! Sie mußte es ihm zugestehn, daß er sie auf Gesellschaften und Bällen niemals durch besondere Aufmerksamkeiten belästigt hatte. Auch bei den häufigen Besuchen, welche er als Egons Freund im Schlößchen abstattete, hielt er sich durchaus in den Grenzen ernster Höflichkeit. Doch dann— es war auf einem Spazierritt, welchen sie zu dreien unternahmen, und bei welchem Egon vorausgeritten war, um die etwas sumpfige Gegend zu erkunden,— schien seine Selbstbeherrschung ihn plötzlich zu verlassen, und in glühenden, leidenschaftlichen Worten bat er sie um Herz und Hand. Magdalene war noch sehr jung, und zum erstenmal vernahm sie die heiße, selbstvergessene Sprache verlangender Liebe. Das Blut schoß ihr in die Wangen,— eine Schmach dünkte diese Werbung ihr,— und Entsetzen lähmte ihre Glieder. Sie sah Ellens süßes, verweintes Gesichtchen vor sich, sah, wie sie die Hände in Verzweiflung rang, und ihr zierlicher Körper vor Schluchzen bebte. So hatte eine andre um diesen Mann gelitten, der nun auch zu ihr von Liebe und Ehe zu sprechen wagte, vielleicht, um auch sie nach kurzer Zeit wankelmütig und leicht übersättigt kalten Herzens wieder von sich zu weisen. Sie hörte kaum, was er sagte. „Nein, nein!" rief sie und streckte abwehrend die Hände aus.„Niemals!" Und hob sich dann gebieterisch im Sattel.„Verlassen Sie mich, Baron!“ Er sah sie noch einmal an. Sein Gesicht war sehr bleich, aber aus seinen Augen blitzte unbeugsames, hartes Wollen. „Gewiß werde ich Sie verlassen. Ich bin nicht der Mann, der zweimal bittet. Heut sind Sie ein Kind und wissen nicht, was Sie tun. Doch wenn das Weib in ihnen erwacht ist, werde ich wiederkommen, — nicht um zu bitten, sondern um zu fordern!" Er grüßte kurz und wandte sein Pferd. (Fortsetzung folgt.) V Der mitessende Franzose. der mitessende Franzose. Heitere Familienszene von Augusta Reich. chwester Klara erzählte mir übrigens, Gustav, daß Gerta und Meta schon sehr niedlich französisch plappern," sagte Frau Gertrud Lange in Berlin und legte ihrem Manne, der in Papieren blätternd am Schreibtisch saß, eine kleine schmeichelnde Hand auf die Schulter.„Und dabei ist die Sache gar nicht teuer. Das Fräulein bleibt den ganzen Nachmittag und bekommt dafür willst; aber nochmals: um den Jungens, die ja erst sechs, sieben und acht Jahre alt sind, ein paar französische Brocken beibringen zu lassen, mach' ich mir keine Extra=Ausgaben. Die Sprache kommt sowieso zuerst heran in der Schule. Frau Gertrud fuhr ihm liebkosend über das volle, blonde Haar.„Denkst Du, das würde Deine sparsame und praktische Frau verlangen?... Und wenn ich es nun schon so einrichtete, daß, ohne Deinen Geldbeutel zu schmälern, die Kinder auch zu ihrem Recht kämen? Wenn Deine Trude nun ausbaldowerte, daß der erwähnte nette „Unsinn, das ist zu stark, Du weißt, wie die Bengels mir ans Herz gewachsen sind." Er stieß seinen Stuhl zurück und stand argerlich auf.„Hast Du denn schon bindendes abgemacht mit dem französischen Jüngling?“ „Jewiß, wo die Idee so besonders praktisch ist. Herr Deuxpont erscheint morgen." „Weißt Du.. eigentlich bin ich starr.." „Ach, Gustelchen! Und zwei Gänse zum Antrittsschmaus bestellte ich mir auch schon drüben im Geflügelgeschäft. Es ist alles eingeleitet. Nun sei so gut. Allons enfants de la patrie(Vorwärts Kinder des Vaterlandes)!" 2Bodenreparatur ohne Dock. Daß Docks bei Schiffsreparaturen nicht immer erforderlich sind, ersteht man aus unserer Abbildung. Wie leicht kommt es vor, daß Schiffen unterwegs ein Unfall zustoßt und sie gezwungen sind, den nächst gelegenen Hafen aufzusuchen, um an ihrem Kiel Reparaturen vornehmen zu lassen. Aber nicht jeder Hafen ist in dem glücklichen Besitz eines Docks, und so sucht man sich denn auf die oben veranschaulichte Art zu helfen. Das Schiff wird auf eine möglichst seichte Stelle gebracht und dann unter Aufwendung von großen Schwierigkeiten umgelegt, damit die Schiffszimmerleute an den Schiffsboden heran können.. Es beweist das, daß unsere moderne Schifffahrt mit ihren Riesenfahr eugen nicht nur Häfen, sondern auch Docks gebraucht, denn gerade die Schiffe der Jetztzeit sind infolge ihrer komplizierten Bauart weit eher Reparaturen ausgesetzt, als das früher der Fall war. nur dreißig Mark. Was will das heißen, wenn man bedenkt, den Kindern wird dafür, gleichsam spielend, eine hochwichtige Sache beigebracht. Mademoiselle Hortense soll dazu eine ganz reizende Person sein und einen sehr netten Cousin hat sie, der...“ finde die ganze Sache überflüssig," sagte Gustav.„Da spielt viel mütterliche Eitelkeit mit, die Kinder sollten vor allen Dingen erst ordentlich deutsch lernen— das andre kommt dann noch immer zur Zeit.“ „Aber Gustav," die junge hübsche Frau runzelte die Stirn,„das sind wieder Deine Ansichten von vor Anno X. Man muß doch den Ansprüchen der Jetztzeit genügen und darf nicht hinterher humpeln. Wir mit unsern drei Jungens nun schon garnicht, wir haben die ganz besondere Pflicht..." „Dafür zu sorgen, daß die Elle nicht länger wird, als der Kram," unterbrach ihr Gatte sie.„Ich weiß schon, wo Du hinaus Cousin bereit wäre, nur für sein tägliches Mittagsessen, was doch bei einem so reichlichen Tisch, wie dem unsrigen, immer abfällt, unsern drei Jungens seine elegante Muttersprache beizubringen? Wenn schon alles mit ihm abgemacht wäre— was dann?" Er fuhr sich mit der Hand an den Kopf. „Oh, ihr Weiber, ihr Weiber, wenn ihr etwas wollt! Und in der einzigen Zeit, wo wir uns mit den Kindern gemütlich haben, soll nun der fremde Mensch dabei sitzen. Sie konnte ganz streng und würdig aussehen.„Gustav, ich finde Dich kleinlich. Wir werden den Mann doch bald kennen lernen. Er ist eine bescheidene, vornehme Erscheinung. Die Kinder werden nebenbei auch beste Manieren lernen. Man sieht aber mal wieder den gewaltigen Unterschied zwischen Vater und Mutter. Wir bringen stillschweigend Opfer, während Ihr... Sie zuckte mit den Achseln. Tänzelnd und singend zog sie ihn, der ihrem frischen Uebermut nicht widerstehen konnte, im Zimmer herum, bis er atemlos ausrief:„Genug, genug. Aber, sag' mal Du— zwei Gänse? Ich denke, es soll kein Unkosten machen?" „Soll es auch nicht," bestätigte sie ihm. „Wir essen das übrige abends kalt. darf doch das erste Mal nicht knapp aussehn." Der nächste Mittag kam. Die Langeschen Jungens stürzten zur Entreetür, um den neugierigst erwarteten Herrn Deuxpont hineinzulassen— ein schmächtiges Herrchen, mit sehr schwarzem Schnurrbart und leuchtend weißen Zähnen. Man wartete mit dem Essen noch auf den Hausherrn. Der neue Lehrer benutzte die Zeit, um sofort mit dem Unterricht zu beginnen. Er war im Nu mit den Kindern bekannt. Bequem im Schaukelstuhl liegend, benannte er ihnen die Der Koppentalbrunnen in Eine neuartige Verschmelzung von Architekiur und Malerei enthält der neue Koppentalbrunnen in Stuttaart, ein Werk des Maler=Architekten Oberbaurat Professor Gustav Hahnhuber. Das Gemälde, die Darstellung der Heilkraft des Wassers in Fresko schildernd, wie der Brunnen selbst, ist eine Meisterschöpfung und gereicht Weinbergen, Gärten und Villen umgebenen und an sehenswerten Bauten und 14 ttavaischan Gauntitake an maltavan der von zahlreichen Nun erschien auch das Familienoberhaupt. Er begrüßte den mitessenden Präzeptor gezwungen, war jedoch von den Pflichten der Gastfreundschaft genügend durchdrungen, um ihn nicht geradezu vor den Kopf zu stoßen. An jeder Seite einen seiner hoffnungsvollen Zöglinge löffelte der Franzose mit schier affenartiger Geschwindigkeit die Suppe aus und hielt lächelnd der aufschöpfenden Wirtin den Teller zum zweitenmal hin. Wohl oder übel mußte sie ihm den Anteil des Dienstmädchens opfern, das ihr solche Entziehungen immer durch Aufsässigkeit heimbrachte. Was Frau Gertrud neuen Mut gab, war die Gewissenhaftigkeit, mit der der Mentor seiner übernommenen Pflichten eingedenk blieb. „Mama, ich weiß schon potage(Suppe)!" rief der achtjährige Paul. Ma mere(meine Mutter) wollte sich nicht lumpen lassen. Etwas französisch saß ihr noch fest im Kopf. Freilich hätte der Mensch abwarten können ob es Fisch gab. „Wir werden ein andermal du poisson (Fisch) essen," entgegnete sie etwas steif. „Ach, Madame verstehen nicht! Du boisson, zu tränken.... Eine kleine weiße Wein, ich bitte darum.“ Gustav schwoll die Zornader. Er nahm mittags nur Wasser und nun forderte dieser nichtskostende Praktikant als gutes Recht eine kleine weiße Wein. Abschlagen ließ es sich nicht. Unter Grollen gab er den nötigen Schlüssel. Das Mädchen brachte denn auch eine entkorkte Flasche nur, verärgert wie sie war, langte sie die erste beste— anstatt des bescheidenen Moseblümchens— Gustavs besten Tropfen, den teuren Rheinwein.... Herr Deuxpont nahm übrigens diese große Wein nicht übel, auch war es ihm keineswegs lagen. Nach kurzem Kampf zwischen Lust und Pflicht reichte die Hausfrau dem Franzosen vor der Schwieger=mère(Mutter) den zerschnittenen Braten. „Ich lieben diesen germanischen Spezialitäten," versicherte Deuxport, eignete sich ein Schürzenteil zu und nun beim freundlichen Grinsen seine blendenden Zahnreihen zeigend, auch das zweite. Es folgten, wohl um die Portion abzurunden, eine ganze Brustseite nebst Keule, hierauf gab er, selbst jetzt nach voller Anhänglichkeit für das herrlich duftende Geflügel, die Schüssel zögernd weiter an die entrüstete alte Dame. Er machte dann eine nur oberflächliche Anleihe bei der Kartoffelschüssel und wandte sich— vielleicht war ihm das deutsche Sprichwort bekannt„für nichts, ist nichts," — an Otto, den zweiten der Langeschen Buben, der an einem starken Schnupfen litt und fortwährend schnüffelte. 3 Alte Schule. Der mitessende Franzose.— „Ote ton mouchoir(nimm Dein Taschentuch heraus)", sagte er. Die beiden andern Brüder stießen sich an und kicherten. Endlich sagte der kleine Hans:„Aber der heißt doch nicht Otton, er heißt doch man bloß Otto.“ Ein grimmiges Lachen umspielte die Lippen des Hausherrn und seiner beraubten Mutter. Frau Trude fand den Witz bescheidenerweise ganz gut, und schon, um es zu unterstreichen, daß ihre französische Idee nicht nur praktisch, sondern auch amüsant sei, lachte sie herzhaft. Ihre Schwiegermutter blickte Dolche. Sie ging bald und nahm von ihrem Sohn mit betonter Wehmut, beinahe kondolierend Abschied, indem sie einflocht; sie kehre vorderhand nicht wieder, da sie eines fremden Eindringlings wegen unwürdig behandelt würde. In satter Seelenruhe strich Herr=Deuxpont sich das fettglänzende Schnurrbärtchen über den gesunden Kauwerkzeugen glatt, und verschwand mit den drei Zöglingen in deren Arbeitszimmer, um sie in allem Ernst vorzunehmen. Eine Viertelstunde später betrat Gertrud die Schlafstube, wo sie mit ihrem Gatten gemeinsam Mittagsruhe zu halten pflegte. Tiefe Röte brannte auf ihren Wangen— e zog die Stirn kraus. „Nanu," sagte er und sah von seiner Zeitung auf,„das dauert ja heute so lange bei Dir! Du hast Deinem französischen Schützling wohl erst ein paar appetiterregende Tropfen gegeben. Himmel, Trude, ich freu' mich wahrhaftig, wenn es jemand bei uns schmeckt— aber der! Eine Gans hat er beinahe allein aufgegessen; mit den kalten Resten können wir die Hunde füttern, da wir zufällig nicht auf Knochenkonsum eingerichtet sind." „Kommst Du mir auch noch?" fragte sie heftig, Tränen in der Stimme.„Nicht genug, daß Lene mir eben kündigte, weil sie sich das mit der Suppe nicht gefallen lassen will." Mit einem tiefen Seufzer sank sie auf dem Sofa nieder. Gustav aber fuhr hoch.„Was," rief er, das tüchtige Mädchen geht um den französischen Nimmersatt!... Das muß ich sagen, liebe Trude, Deine ganze Einrichtung ist auch in ihren Folgen hochpraktisch... und von einer Billigkeit!! Rechnen wir das Bare einmal zusammen. Eine Gans fünf Mark, eine Liebfrauenmilch vier, sind neun; die Mietsfrau für ein neues Mädchen sechs, macht fünfzehn, Du— fünfzehn Mark. Die Summe einen Monat lang macht vierhundertundfünfzig Mark.... Das würde mich in einem Jahr ruinieren.... Dabei ist es vorläufig nur der materielle Schaden. Der ideale ist gar nicht abzuschätzen. Die verlorene, tüchtige Arbeitskraft und auch, daß meine gute, alte Mutter wegbleibt.... Wie hoch schätzt Du das ein?" Trude räusperte sich.„Du sprachst selbst von idealen Werten, für die hat jeder seinen besondern Maßstab.... Immer würd' es auch nicht so gehen...“ „Aber ähnlich. Und nun möcht ich vor allen Dingen wissen— es läßt sich durch die Glastür vom Flur aus unbemerkt machen— was er mit unsrer Gesellschaft angibt." Der besorgte Vater schlich sich hinaus und war bald wieder da, indem er sich die Seiten hielt vor Lachen. „Ha, ha; ha, ha! Ich hab' eben eine schlafende Boa constrictor gesehen nach der Aetzung. Sie hatte ein rotseidenes Taschentuch übergebreitet und lag mollig zusammengerollt in einem Fauteuil, das sie sich wohl aus Deinem Zimmer herüber holte.“ „Ein bißchen frech. Aber die Jungens — er sollte ihnen doch etwas beibringen.“ „Hänschen saß artig und spielte mit Domino=Steinen. Die beiden Großen schrieben irgend etwas auf große Bogen. Nun, Trudchen, das ist doch wirklich nicht die vernünftige und praktische Weise. Sag' selbst; sei nicht eigensinnig." Er sah sie mit bittenden und sehr lustigen Augen an. Sie konnte nicht anders, sie mußte beistimmend nicken. Und dann, ja, dann lachte auch sie so herzhaft, daß aus der beabsichtigten Siesta nichts wurde. Nachdem Herr Deuxpont im Laufe des Nachmittag und Abend noch ein erstaunlich einnehmendes Wesen entwickelte allem Eßbaren gegenüber, nahm er unter Schmunzeln Abschied und versprach pünktliches Wiedererscheinen am nächsten Tage. Der Hausherr wehrte dies schriftlich sehr entschieden ab, es blieb bei dem einen Mal. Als einzige Erinnerung an die kurze Laufbahn des französischen Lehrers sind in dem Haushalt drei Worte verblieben, die er die Zöglinge während seiner Verdauungsruhe hundert mal niederschreiben ließ. Sie lauten: ots ton mouchoir(nimm den Taschentuch heraus). Mit der Zeit bürgerten sie sich so fest ein, daß man Otto Lange noch heute, wo er ein stattlicher Gymnasiast ist, der lange theoretisch und praktisch auf der Schule in das schöne Französisch eingeweilst wurde, hänselnd ruft„Otton Mouchoir!" Von S. Wenzel. Der alte Herr war mir sofort aufgefallen, als ich ihn zum erstenDs male sah. Er war mit geschmackvoller Einfachheit gekleidet, und der etwas altmodische Zylinderhut paßte gut zu dem feinen, blassen Gesichte mit dem stark ergrauten Haar und dem silberweißen, nach der Mode Kaiser Wilhelms I. am Kinn ausrasierten Barte. Keineswegs aber war es diese Aeußerlichkeit, die mich auf ihn aufmerksam machte, vielmehr sein ungewöhnliches Benehmen. Zuerst begegneten wir uns in der Straßenbahn. Ich saß bereits, als er mit höflichem Lüften seines Hutes eintrat und einen noch freien Platz neben dem Eingange einnahm. Was den Gruß anbetraf, so mußte er sich wohl in der Person geirrt haben, denn niemand dankte ihm. Das schien er aber nicht zu bemerken. Bald darauf war der Wagen dicht besetzt, auch auf dem Vorder= und Hinterperron herrschte Gedränge, denn ein plötzlicher heftiger Regenschauer hatte den Frieden des Sommertages jäh gestört und veranlaßte einen wahren Sturm auf den schützenden Wagen. Da wurde auf einer Haltestelle noch eine ärmlich aussehende Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arm vom Schaffner in den Wagen geschoben, ganz gegen die amtliche Anordnung und sehr zum Mißfallen der Mitfahrenden, unter denen einige ihrem Unwillen recht deutlich Ausdruck gaben. Die Frau stand allerdings auch im Mittelgange den Zunächstsitzenden sehr im Wege und hatte einen sogar auf den Fuß getreten. Da erhob sich der alte Herr von seinem Eckplatze, lud die bleiche Frau mit verbindlichem Gruße ein, sich an seine Stelle zu setzen, und suchte in dem Gedränge des Perrons ein Stehplätzchen zu gewinnen, wo er bis zum Ende der noch ziemlich langen Fahrt verblieb. Die Frau war ganz rot geworden, weil alle Blicke noch mehr als früher auf sie gerichtet waren, und anfangs zögerte sie, den ihr so freundlich und unvermutet angebotenen Sitz einzunehmen. Sie tat es erst, als ein dicker Stehgast vom Perron Miese machte, sich auf die freie Stelle zu setzen. Mehrere der Wageninsassen, die den Vorgang bemerkt hatten, schüttelten darob verwundert oder auch mit spöttischem Lächeln die Köpfe, ein vierschrötiger Herr, anscheinend ein Viehhändler, murmelte etwas, das wie„verrückt“ klang, in seinen borstigen Bart, während ein junger, eleganter Modeherr mit einer zierlichen braunen Aktenmappe, der später beim Amtsgerichtsgebäude ausstieg, sein Monocle neugierig auf die arme Frau richtete, die still und schüchtern sich mit ihrem Kindchen in die Ecke drückte. Damals prägte sich mir die Erscheinung des alten Herrn sofort ein, und seitdem habe ich ihn oft bei den verschiedensten Anlässen wiedergesehen. Im Theater saß er kürzlich in derselben Parkettreihe, in der auch mein Platz war. Als er kam, hatte die Vorstellung noch nicht begonnen, aber doch saßen schon mehrere Personen in dieser Reihe. Da bat er nun jeden, an dessen Sitz er vorbeigehen mußte, um Verzeihung für die Störung, ganz leise, nur mit einem Worte, und wenn man sich dann von den Klappstühlen erhob, um ihm das Durchkommen bequemer zu machen, so hatte er jedesmal ein freundliches Dankeswort. Ein seltsames Benehmen. As ob man nicht auf sein Billet hin des gute Recht hätte, unter allen Umständen den darauf verzeichneten Platz zu fordern und einzunehmen, ganz einerlei, ob dabe jemand belästigt wird oder nicht! Es ist doch allgemeiner Brauch, daß man selbst nach dem Beginn derartiger Aufführungen ganz ungeniert sich an seinen Platz begibt. Und dann das Bitten überhaupt! Wer bittet denn heutzutage noch um irgend etwas, ausgenommen die Bettler an den Türen!„Ersuchen" ist doch das höchste, was der moderne Mensch im gewöhnlichen Verkehr noch über sich gewinnt, vorausgesetzt, daß es sich nicht um einen Flirt im Ballsaal oder im Gesellschaftssalon handelt, wobei man selbstverständlich jeden unreifen Backfisch oder jeder hohlköpfigen Närrin „untertänigst zu Füßen" kriecht, oder um Unternehmungen, die unter dem Einflusse des studentischen Komments stehen, wobei das„sich gestatten" und„sich erlauben“ und „gehorsamst bitten" und„die schätzbare Ehre haben" kein Ende nimmt. Aber sonst darf 7 7 kleinen in den amtliche llen der ihrem en. Die telgange ege und ten. 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Da imponierte das Auftreten des stattlichen Herrn, der etwas nach ihm den Saal betrat, ganz anders. Der durchmaß mit wuchtigen Schritten, die das Schuhzeug laut und andauernd erknarren ließen, den Raum und ließ sich nach längerer Auseinandersetzung mit dem Saaldiener von diesem seinen numerierten Platz anweisen. Das war männlich, selbstbewußt, imposant. Eine merkwürdige Figur spielte der Alte auch in einem unserer großen GalanterieBazare, wo ich ihn kürzlich beobachtete. Während alle übrigen Herren mit bedecktem Haupte dastanden, einige sich auch während des Vorlegens und Auswählens auf Stühlen niedergelassen hatten, behielt er den Hut in der Hand, sprach mit den oft hart angelassenen Verkäuferinnen in einem Tone, als ob er in Gesellschaft mit Damen verkehre, und hatte auf die Aufforderung des Geschäftsinhabers, sich doch zu bedecken, nur eine sanft ablehnende Handbewegung und ein feines Lächeln. Im Restaurant weiß er sich ebenfalls nur sehr mangelhaft zu benehmen. Anstatt sich durch lautes Rufen oder Klopfen dem betreffenden Fritz oder Hermann bemerklich zu machen, wartet er still, bis ein dienstbarer Geist in seine Nähe kommt, und winkt ihn dann mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung herbei, ganz selten ruft er leise: „Kellner!" Ja, so wenig gebildet ist der Mann, noch„Kellner" zu sagen, obgleich doch alle Welt weiß, daß der Aufwärter „Ober" genannt werden muß. Merkwürdigerweise schienen ihn die Kellner trotz dieses schweren Mangels an Form recht gern zu bedienen. Sie überhören manchen, der überlaut nach dem „Ober“ rief, um zuerst des Alten Wünsche zu befriedigen. Vielleicht trug dazu die weitere Seltsamkeit bei, die der Sonderling dadurch an den Tag legte, daß er um jeden ihm zu leistenden Dienst auch hier bat und hernach sich dafür bedankte. Man denke: bei dem Kellner, der doch durch das Trinkgeld mehr als genügend abgelohnt wird! Auf der Straße benimmt sich mein Beobachtungsobjekt ebenfalls sehr sonderbar, weil er auf Schritt und Tritt Dinge tut, die keinem verständigen Menschen einfallen. Ich habe ihn schnell und ohne einen Blick zur Seite zu wenden, vorübergehen sehen, als eben ein Schutzmann mit dem Transporte einer sehr renitenten, betrunkenen Frauensperson beschäftigt war, was doch aller Augen auf sich zog; ich habe beobachtet, daß er ein schmutziges Proletarierkind, das niemand hätte anfassen mögen, aus der Gosse aufhob und ihm die blutende Stirn mit seinem eigenen feinen Taschentuch abwischte; ich habe darauf geachtet, wie er behutsam über die bunten türkischen Bohnen wegtrat, mit denen die Kinder auf dem Trottoir spielten, wie er einem wirbelnden Kreisel vorsichtig aus dem Wege ging, wie er den Staubfleck, den ein von Kinderhand getriebener Reifen an seinem Beinkleid verursacht hatte, ohne Erregung, ja mit freundlichem Lächeln abklopfte; er rief nicht nach der Polizei. Bei einem Leichengefolge sah ich den alten Herrn kürzlich still und ernst seines Weges gehen inmitten einer Gruppe laut sich unterhaltender„Leidtragender", deren fröhliche Mienen darauf schließen ließen, daß einer unter ihnen soeben einen besonders guten Witz oder ein pikantes Geschichtchen losgelassen habe. In der Bildersammlung der KunstAusstellungen sehe ich ihn oft schweigsam vor den Kunstwerken, in deren Anblick er versunken scheint, ohne sich durch laute Ausdrücke des Beifalls oder des Mißfallens bemerklich zu machen. Auch wenn er dort Bekannte trifft, ändert sich sein Benehmen nur wenig. Höchstens durch ein leichtes Kopfnicken macht er seine Begleiter oder Begleiterinnen auf dieses oder jenes Gemälde aufmerksam, und tauscht er mit ihnen jemals eine Bemerkung aus, so geschieht es in diskretem Flüsterton. In unserer Stadt muß der seltsame Herr viele Bekannte haben, wenigstens sind der Leute nicht wenige, die ihn mit offenbarer Wertschätzung grüßen. Freilich sind darunter viele, die nicht gerade den„besser gekleideten Ständen" angehören, sondern in schlichtem Arbeitskleide ihren Lebensweg geyen. Und auch diesen gegenüber verleugnen sich die Eigentümlichkeiten des Alten nicht, indem er nämlich Grüße von augenscheinlich weit unter ihm stehenden Personen, selbst solche von halbwüchsigen Burschen oder von Kindern, nicht etwa vornehm ignoriert oder mit nachlässigem Handheben nach der Krempe seines Hutes erwidert, sondern stets den Cylinder vollständig abnimmt, als ob er mindestens einen Baron grüßte. Wer der Mann eigentlich ist, habe ich trotz mancher Nachfrage nicht in Erfahrung bringen können. Selbst mein Freund Schulze von der Firma Schulze, Lehmann& Co., der als hochmoderner Mensch in allen möglichen und unmöglichen Vereinen ist und eine unheimliche Menge Menschen aus allen Gesellschaftskreisen kennt, wußte mir keine Auskunft zu geben. Als ich ihn gelegentlich auf den alten Herrn aufmerksam machte und dabei meine Beobachtungen auskramte, meinte er, wenn es so um den stehe, so verlohne es sich überhaupt nicht, den Mann kennen zu lernen, denn das müsse ja ein ganz rückständiger, ein geradezu vorsündflutlicher Kerl sein, der von den Sitten und Rechten des modernen Menschen, namentlich von dem Recht der freien Entfaltung der Versönlichkeit keine Ahnung habe. Sein Benehmen erinnere geradezu an das, was in der alten, nun schon seit Jayrzehnten glücklich überwundenen Schule der Menschenerziehung als„Takt" bekannt gewesen sei. Mein Freund Schulze ist nämlich auf allen Gebieten sehr beschlagen. Er wird auch hierin recht haben. Lassen wir also den alten Herrn mit seiner alten Schule ruhig weiterlaufen. Es lebe der Fortschritt! Hasenbraten auf österreichische Art mit Salat und Kompet. Der Hase, an dem man nur den Rücken und die Keulen läßt, wird gespickt und einige Stunden in eine Beize von Essig. Zwiebelscheiben. Wurzelwerk, Gewürz mit einem Lorbeerblatt und etwas Petersilie gelegt, abgetrocknet, gesalzen, in der Pfanne mit Butter gebraten, zuletzt mit Rahm übergossen, und beim Anrichten mit Kapern bestreut. Gelleriegemüse. Nachdem man die gewaschenen und geschälten Sellerieköpfe in dünne, halbrunde Scheiben geschnitten hat, dämpft man sie in kräftiger Fleischbrühe weich, verdickt die Tunke mit in Butter gerösteter, geriebener Semmel und würzt das Gemüse mit dem nötigen Salz und etwas Muskatuuß. Französische Zwiebelsuppe. Man schneide kleine weiße Zwiebeln in feine Scheiben, schwitze sie mit Butter gelblich lasse einige Löffel Mehl damit durchschwitzen, gieße Fleischbrühe oder auch nur kochendes Wasser dazu, und koche hiervon, nachdem das Mehl klar gequirlt ist, eine dünnseimige Suppe, würze sie mit ein wenig gestoßenem weißen Pfeffer, Salz und Muskatnuß und richte sie über geröstete Scheiben von Milchbrot an. 9 R Muttersprache. Wohl wert noch bis zur letzten Stunde Bleibt uns der Muttersprache Klang, Das erste Wort, das aus dem Munde Des Kindes lallend sich entrang. Mag jeder auf der weiten Erde daran ungestört erfreu'n, niemals ihm verwehret werde, Sich diesem Kultus frei zu weih'n! Wie sie sich nennen die Nationen Auf diesem großen Weltenrund, Ob sie verstreut, vereinzelt wohnen, Ob sie vereint zum Völkerbund; Sie sollen ihre Sprache ehren, Sie ist des Herzens warmer Laut, Und treu und recht soll man sie lehren Als Grundstein allem, was man baut. Doch, wenn man gleiches Recht für alle, Wie sie auch heißen, kühn verlangt; Wenn mit gelehrtem Wörterschwalle Fast trotzig wird das Ziel erlangt; Dann sei das Eine nicht vergessen, Daß, welchem Land man angehört, Mit gleichem Masse wird gemessen Und jedem gleiches Recht gewährt. Die Sprache, die wir eben sprechen, Vom edlen deutschen Vaterland, Sie muß die Bahn sich siegreich brechen, Wenn jeder Deutsche sich ermannt; Und in der fremden Völker Mitte Da bringe sie den Friedensgruß, Das deutsche Herz, die deutsche Sitte, Und jedem Freund den Bruderkuß. Minna Schmitzhausen=Donau. Der Liebesstern. Hundertzwanzig deutsche Meilen Und noch mehr, was hinderlich, Schob die Erde jetzt einstweilen Zwischen mich und zwischen Dich. Besser meint es uns der Himmel: Liebesleute, die sich fern, Haben ja im Sterngewimmel Nächtlich einen Liebesstern. D'rum Kind, wenn der Abend dunkelt, Schau nach uns'rem Sterne Du— Wenn er dann recht golden funkelt, Glaub' ich an das Rendez-vous! S. Friz. 8 Ernst und Scherz.— Ratsel usw. 8 Ein Märchen von der Loangoküste. Der bekannte Afrikareisende Herr Peschuel=Lösche überliefert folgendes anmutige Märchen, welches er bei den Bewohnern der Loangolüste, die übrigens gutherzigere, freundlichere und friedfertigere Leute sein sollen, als wir gesittete Europäer uns gemeiniglich träumen lassen, oft hat erzählen hören: An einem frühen Morgen, wenige Tage vor dem Eintreten der Regenzeit, traf das Perlhühnchen auf seinem Spaziergange den Büffel. „Was sinnst Du, Freund?" fragte das Perlhühnchen, „Du siehst so nachdenklich aus; ist Dir böses widerfahren?" Der Büffel schüttelte sein dunkles Haupt; „nicht Böses eigentlich" antwortete er,„das mir wiederfahren wäre, beschwert mein Gemüt und verdüstert meinen Sinn. Ich sehe die Regenzeit nahen und bin jetzt ausgegangen, um bei den Freunden umherzufragen, ob keiner von ihnen für die schlimmen Tage mir ein Unterkommen gewähren mag?"—„Aber Büffel," sagte das Perlhühnchen,„wie möchte ich andre bitten, wenn ich selbst im stande bin mir zu helfen!— Baue Dir ein Haus, in welchem Du während der Regenzeit wohnst, so bist Du sicher, Deinen Peiz nicht durchwässern zu müssen, und keinem von Deinen Freunden brauchst Du ein gutes Wort zu geben.“ Damit war der Büffel zufrieden und beide veralredeten nun, sich miteinander ein Haus bauen zu wollen, für die Zeit des Regens.„Schleppe Du Holz und Schilf herbei," sagte das Perlhühnchen,„Du bist groß und stark und kennst die Wege; ich ebene unterdessen den Platz und füge die einzelnen Stücke zusammen." Auch das war dem Büffel recht; bald waren beide beschäftigt, das Haus zu rüsten, dessen Mauern schnell in die Höhe wuchsen. Als der Büffel endlich, nachdem er die letzte Last Schilf, mit welcher das Dach gedeckt werden sollte, herbeigeschleppt hatte, ausgezogen war, um auch seine wenigen Habseligkeiten noch zu holen, und mit diesen bepackt wieder vor dem fertigen Hause stand, konnte er zweierlei nicht finden! das Perlhühnchen und die Tür. „Wo bist Du, Perlhühnchen?" rief er deshalb vor dem Hause, Dich sehe ich nicht und kann auch die Tür nicht finden." Doch das Perlhühnchen antwortete:„Hier bin ich Büffel! hier im Hause, und hier unten, sieh nur hierher, hier ist auch die Tür." Da blickte der Büffel nieder und schaute ganz unten in der Ecke ein kleines Löchlein, durch welches das Perlhühnchen seinen Kopf steckte.—„Was,“ rief nun der Büffel entrüstet, „das soll die Tür sein?— Die Tür ist viel zu klein für mich, durch dieses Löchlein kann ich nicht hinein."„Das ist auch nicht notwendig," sagte das Perlhühnchen,„die Hauptsache ist, daß ich im Häuschen sitze. Für die Mühe, die Du Dir gegeben hast bei dem Bau des Hauses, danke ich Dir recht schön." Damit zog das Perlhühnchen seinen Kopf zurück, und der Büffel mußte nun doch noch, wollte er nicht naß werden, schnell zu einem seiner Freunde laufen und diesen um ein Unterkommen bitten, denn eben legte sich eine große schwarze Wolle vor die Sonne, es fielen sogar schon einige große Tropfen.— Und die Moral von der Geschichte?— Klugheit bettet im Leben oft weicher, trockener und wärmer als Stärke.— Der Weinessig ist seit den ältesten Zeiten bekannt. Bis in unsere Zeit hinein hat sich der Gebrauch desselben zu Heilzwecken und als Würze der verschiedensten Speisen erhalten; zwar kamen nach und nach auch andre Essigsorten als Surrogate in den Handel, als: Obst=, Bier=, Getreide,=Branntweinessig, neuern Datums die aus Holz destillierte Essigessenz. Aber Weinessig gilt doch seines lieblichen Aromas und angenehmen Geschmacks wegen als der feinste und beste; er wird deshalb mit besonderer Vorliebe in der feinern Küche benutzt. Neben 5—7 Prozent Essigsäure enthält er die Bestandteile des Weines, wie: Extraktivstoffe, Aether, Salze u. s. w. Durch den Gehalt all dieser Stoffe unterscheidet sich derselbe von den andern Essigsorten. Nun sind zwar bei Weitem nicht alle Weinessige, wie sie jetzt im Handel vorA Von F. von Minra. Ich, das Rätselwort Dir manches bringe. Kann Dein einfach„danke" Dir verwandeln, Daß es Deiner Seele frei entspringe, Zeuge gibt von Deines Geistes Handeln. Und was„dicht" bei Dir ist sonst erschienen, Wird durch mich sofort zur Poesie. Ob sie als die echte Dir kann dienen? Sicher kommt es an hier auf das„Wie“. Willst Du nützen auf der Erdenreise, Mache keinen„Halt" in Deinem Streben, Füge mich hinzu dann lieber weise, Suche das zu geben Deinem Leben. Kreuzt ein„Wicht" wohl einmal Deine Wege, Der sich zu leichtfüßig möchte rühren. An den Kopf dann schleunigst mich ihm lege, Oft ist's gut dem Menschen, mich zu spüren. Wer da eine böse Tat verbrochen, Deren„Wissen" oft ihm Pein bereitet, Fühlt im Innern leises, banges Pochen, Wenn dies Wissen wird durch mich begleitet. Eine„Wand", wenn je sie Dich genieret, Kann ich Dir entfernen jederzeit, Hast mit mir statt dessen, was Dich zieret, Was Dich wärmt und kleidet hilfsbereit. Rauscht ein„Wehr" Dir Melodien entgegen, Wird's mit mir erhalten andern Klang, Scharfe Töne dann die Luft durchbeben Statt des Wassers trautem, sanftem Sang. Doch, wenn ich allein für mich soll stehen, Bin ich nichts und gebe keinen Sinn; Stets mit Andern meines Gleichen gehen Muß ich, weil ich sonst nicht nützlich bin. Auflösung folgt in Nr. 3. Sprachverdrehungen. Uebertriebene Höflichkeit legt uns mitunter sonderbare Sachen in den Mund; so sagt man z. B., wenn man etwas wissen oder haben möchte:„Dürfte ich Sie vielleicht fragen, ob..."; oder:„Darf ich Sie bitten, um...“ Man verlangt hierauf ohne Weiteres das Gewünschte. Die richtigste Antwort auf solche Fragen ist aber immer:„Fragen dürfen Sie(oder auch nicht—), ob ich es Ihnen aber gebe, ob ich es überhaupt habe.—“ Jedenfalls hatte der Droschkenkutscher gar nicht Unrecht, welcher die Frage: „Kutscher, können Sie mich fahren?" beantwortete: „Na, wovor jloben Sie denn, dat ick hier oben sitze!“ Das Wörtchen„Ach" ist ursprünglich ein Ausruf des Schmerzes oder der Verwunderung, überhaupt des Gemütsaffektes. Wir brauchen dies Wörtchen „Ach“ aber heutzutage bei allen möglichen Gelegenheiten. Man hört gleichmäßig:„Ach, der Geliebte floh—" und„Ach, Anna, bringen Sie den Kaffee", worauf Anna mit derselben Ungenauigkeit antwortet: „Im Augenblick", und uns eine halbe Stunde warten läßt. Dieses„im Augenblick“ und„im Moment“ darf man überhaupt nie wörtlich nehmen, am allerwenigsten, wenn jemand uns bittet:„Borgen Sie mir doch fünfzig Taler; ich bin in augenblicklicher Verlegenheit!" Von Neunundneunzigen beim Hundert können wir annehmen, daß bei den Leuten die„angenblickliche" Verlegenheit sich in Permanenz besindet. Vorschlag zur Güle. Doktor:„So— Sie wollen die Rechnung bezahlen?" Bauer: „Ja, wissen S' Herr Doktor, für die Medizieh da zahl' ich recht gern, aber für die B'suach, do b'suach ich Ihna wieder." Bei Tisch. Sie:„Das Kochen ist aber ein großes Stück Arbeit!“ Er:„Und das Essen erst recht!" Viersilbige Scharade. Längst schon war die Nacht gesunken auf die Musenstadt die kleine, Oede lagen Erst' und Zweite, schwach erhellt vom Mondenscheine, Denn erloschen in den Kneipen waren Licht und Ofenfeuer, Und die erste Silbe war dem hohen Stadtrat viel zu teuer. Nur in einer kleinen Schenke saß ein Studio noch beim Becher, Bis der müde Schenkwirt endlich heimwärts trieb den letzten Zecher. Taumelnd trat er auf die Straße und im bleichen Mondesganze Sang mit biergetrübtem Basse er so manches lust'ge Ganze. Jammernd fuhren in den Betten die Philister aus dem Schlafe. Doch es traf den Unruhstifter schleunigst die gerechte Strafe, Denn ein Wächter, den das Singen minder als den Sänger freute, Hielt ihn fest, so wie der Eber mit den Letzten packt die ute, Und im Wacht okal— die Pritsche bietet unbequeme Lage— Mußt' Drei=Zwei der stark bezechte Studio bis zum andern Tage. Buchstaben-Rätsel. Beim Regen bin ich oft im Wald, Der kleinen Gnomen Aufenthalt, Denn ob es hagelt, donnert, blitzt, Sie stehen unter mir geschützt. Ein andres Zeichen vorgesetzt, Macht mich von Jägern sehr geschätzt, Just eben wenn es stürmt und droht. Auch bin ich einer, dem die Not Aus jedem Blick zu gucken scheint Und der doch Geld mit Geld vereint. kommen, lediglich aus Wein bereitet; im Gegenteil die wenigsten, da der hierfür vom Fabrikanten resp. Händler zu verlangende Preis nur selten angelegt wird. Diese nur aus Wein bereiteten Weinessige kommen vorzugsweise aus Frankreich. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Nachdruck aus dem Inhalt d. Bl. verboten. Gesetz vom 11. VI. 70. Berantwortlicher Redakteur A. Ihring, Berlin. Druck und Verlag von Ihring& Fahrenholtz, Berlin 8. 42, Prinzenstr. 86.