Beilage zur„Lüdenscheider Zeitung“ Verlag von Tilgenkamp& Ruhl in Lüdenscheid. die Schwestern Schlieben. Roman von K. Schütze. (12) (Schluß. nd sie hatte dann doch das Bewußtsein, ihre Menschenpflicht erfüllt, ihn und sie glücklich gemacht zu haben. Sie ging fort, irgend an einen entlegenen, fremden Ort, denn nach Haus, das würde ja wohl den Eltern des Geredes wegen nicht erwünscht sein, dann würde sie noch ein Weilchen wunschlos und matt dahin dämmern. Und dann sterben. Aber dem mußte doch eine gerichtliche Scheidung vorangehen, denn ohne die konnten Otty und Günther ja nicht heiraten. Der bloße Gedanke daran berührte sie wie kaltes Eisen. Scheidung, das war etwas Häßliches, vor dem sich ihr Gefühl aufbäumte. Ihr tiefinnerstes, allergeheimstes Erleben sollte sie preisgeben, betastet, abgeschätzt werden. Die Oeffentlichkeit, die Gerichte sollten sich damit beschäftigen—? Sie schlug, vor Scham erglühend, die Hände vor ihr Gesicht. Nein, nein, das ging ja nicht, das würde sie nie ertragen, ganz abgesehen davon, daß sie ja eigentlich überhaupt keinen vor dem Gesetz gültigen Scheidungsgrund angeben konnte. Daß ihr das jetzt erst einfiel. Verzweifelt preßte sie die Hände gegen die Schläfen. Wie konnte eine Ehe denn sonst getrennt verden, wenn nicht durch Richterspruch? Durch den Tod!— Der Gedanke durchblitzte sie so jäh, daß sie vom Kissen auffuhr. Sterben— warum denn nicht. War es nicht die große Weisheit des Lebens zu gehen, wenn man überflüssig war? Dort drüben in dem Wandschränkchen bewahrte Günther die Tropfen.„Wenn man die ganze Flasche auf einmal tränke, hätte die ganze Quälerei ein Ende!“ hatte er einmal gesagt. Davon trinken und dann still hinüberschlummern, würde das so schrecklich sein? Würde es nicht den Weg frei machen und Luft und Licht für sie alle schaffen? Sie lag zitternd. Kalter Schweiß bedeckte ihren Körper. Neben ihr tönten die tiefen Atemzüge ihres Mannes. Einen letzten Brief würde sie ihm schreiben. Darin durfte sie dann endlich alles das sagen, was ihr Mund nie den Mut gefunden hatte. Von ihrer großen, unerschöpfEigenartige Dekoration eines Hauses in Belgrad. lichen Liebe wollte sie ihm sprechen, und von dem tiefen unerträglichen Leid was sie um ihn gelitten. Und dann wollte sie sagen: Sieh ich bin nicht unterlegen. Das Bitterste, was das Leben seinen Kindern bietet, habe ich klanglos und stumm auf mich genommen. So lieb habe ich Dich. So lieb wie niemand sonst in der Welt. In einem großen Erschrecken schauerte sie zusammen. Ach, das alles ging ja nicht, durfte nicht sein. Wenn sie den Brief schrieb, mußte er ja merken, daß sie freiwillig aus dem Leben gegangen war. Und dann gab es ja erst recht kein Leben, kein unbefangenes Glück mehr für ihn.6 Nein, wenn ihr Opfer nützen sollte, mußte sie stumm und heimlich aus dem Dasein schleichen. Er durfte nicht einmal wissen, daß sie um ihn gelitten. Das war das Größte, was sie für ihn tun sollte. Und sie mußte es als Buße dafür auf sich nehmen, daß sie einen Augenblick lang— o, wie schämte sie sich für ihn— Otty den Tod gewünscht hatte.— Die sterblichen Ueberreste Axel von Gagerns waren in der Familiengruft beigesetzt. Otty ging in langen schleppenden schwarzen Gewändern aus Krepe und Spitzen umher. Unier der Witwenhaube leuchtete das Haar noch goldener als sonst. Ob sie durch den Tod ihres Gatten erschüttert war, konnte niemand feststellen. In ihrem Gesicht war nichts verändert, es sah genau so weiß und glatt aus wie früher. Sie war ein täglicher Gast im Hause des Schwagers. Als die erste tiefe Trauerzeit vorüber war, sagte Flora eines Tages: „Otty, ich wollte Dich um etwas bitten. Lange schon, aber des armen Axels Tod verhinderte mich daran.— Günther leidet darunter, niemand für seine heilige Cäcilie zu finden. Könntest Du Dich nicht entschließen, ihm dazu zu sitzen. Es ist sein sehnlichster Wunsch." Otty sah auf. Ueberrascht, mißtrauisch musterte sie die Schwester, die den Kopf über ihre Stickerei gebeugt hielt. „Du— gerade Du bittest mich darum?“ fragte sie dann, langsam die Lider halb schließend. „Ja, gerade ich. Warum soll ich es nicht?" Ich weiß, es würde ihn glücklich machen." „Du bist sehr selbstlos!" Otty lächelte etwas spöttisch.„Aber es geht doch nicht. Ich bin doch in Trauer." 90 Die Scweßern Schlieven 90 „Ist das ein Hindernis? Für die Stunde am Tage, wo Dich niemand sonst als Günther sieht, darfst Du wohl das Gewand der Cäcilia anlegen. Ich denke, es muß auch für diesen Fall gelten, der Zweck heiligt die littel." Ihre Lippen kräuselten sich verächtlich. Wollte Otty die Spröde spielen. „Ich will es mir überlegen. Wenn Günther selbst den Wunsch hat und mich darum bittet, ginge es wohl." Noch an demselben Nachmittag stieg Flora zu ihrem Mann hinauf und sagte tym, daß Otty bereit sei, für sein Bild zu sitzen. Zu ihrer Ueberraschung nahm er die Nachricht sehr ruhig auf. Nur zuerst sah er sie verblüfft an. „Hast Du sie darum gebeten?" „Ja!" entgegnete sie in möglichst gleichgültigem Ton.„Ich habe längst eingesehen, daß ich einmal Dir gegenüber sehr im Unrecht war. Hoffentlich hast Du mir jene Stunde vergeben?" Er faßte nach ihren Händen. „Aber Flora, längst. Das Unrecht lag wohl übrigens auf beiden Seiten. Ich danke Dir für den schönen Beweis Deines Vertrauens.“ Rasch bückte er sich, um ihre Rechte zu küssen, aber sie entzog sie ihm. Ihr Blick war seltsam umstrickt— träumend.— Otty hatte sich auf Günthers formelle Sitte doch entschlossen, zu seiner Cäcilia zu sitzen. Es war eine so nette Abwechslung in der einförmigen Witwenzeit. Zudem reizte es sie, ihre Macht aufs neue an diesem Mann zu probieren, obgleich ihre wärmeren Gefühle längst für ihn erkaltet waren. Er schien sich ja wirklich mit dieser spießigen, kleinen Flora begnügen zu wollen. Mochte er nur. Wenn das Witwenjahr vorüber war, flog sie hinaus in die Welt und konnte unter den Männern wählen. Aber bis dahin war so eine kleine Vorübung für ernstere Herzensplänkeleien ganz amüsant. Die Sitzungen nahmen ihren regelmäßigen Fortgang. Günther arbeitete angestrengt, aber, so viele Mühe er sich auch gab, das Resultat seiner Arbeit befriedigte ihn nicht. Woran es lag, war schwer zu sagen. Er grübelte Tag und Nacht darüber nach, aber einen Grund konnte er nicht finden. „Ich muß es herausbringen, ich muß!" dachte er unzähligemal. Aber es blieb immer der gleiche negative Erfolg. Er wurde noch nervöser und gereizter als früher. Sein Schlaf ließ zu wünschen übrig. Große blaue Ringe liefen unter seinen Augen hin. Flora litt unaussprechliche Qualen. Er zerreibt sich in dem ewigen Kampf zwischen Pflicht und Neigung dachte sie. Es geht über seine Kraft, ihr täglich gegenüberzusitzen und doch durch Welten von ihr getrennt zu sein. Es war Zeit den Entschluß auszuführen, den sie in jener Nacht nach Axels Tod gefaßt hatte. Ihr Weg war deutlich und klar vorgezeichnet, sie bedurfte nur des Mutes, um ihn zu beschreiten. Und sie wollte ihn beschreiten. Es war ein Sonntag im September. Nach langen Regenwochen zeigte die Welt wieder ihren ganzen Reichtum an Sonne und Farben. Auch im Hause war alles sonnenstill. Otty saß oben im Atelier dicht neben dem Fenster vor dem Harmonium, das Günther hatte hereinschaffen lassen. Ihre Rechte lag auf den Tasten, die linke hing lassig in den Falten des fahlblauen Gewandes. Langsam stieg Flora die Treppe zum Atelier hinauf. Sie wollte die beiden zum Frühstück herunterbitten. Schwer und schleppend war ihr Gang. Sie öffnete leise die Tür. Niemand von beiden bemerkte sie. Günther stand neben seiner Leinwand. Die Hand mit dem Pinsel fiel schlaff herunter, mit der Rechten drehte er nervös den blonden Bart, dann warf er plötzlich Pinsel und Palette mit einem Krach zu Boden. „Ich kann nicht mehr— ich kann nicht mehr—“ schrie er auf.„Geh— geh— so gehen Sie doch!" Wild fuchtelte er mit der Rechten in der Luft herum. Dann fiel er schwey und stöhnend in einen Sessel. Otty war in die Höhe gesprungen. Ein halb erschrecktes, halb triumphierendes Lächeln hob die Lippen, daß der rote Zahnfleischstreifen leuchtete. „Günther—“ rief sie—„aber lieber Günther, was ist Ihnen denn—“ Flora drückte die eben geöffnete Tür geräuschlos wieder zu. Ein jäher, entsetzlicher Schmerz brach in ihre Seele ein. Sie hatte zu lange gezögert. Nun standen die beiden und sahen, daß all ihr Fühlen, daß all ihr Leben Sünde geworden war——— Jetzt galt kein Säumen mehr. Sie taumelte weiter, die Treppen hinunter bis sie in ihrem Schlafzimmer vor ihrem Bett zusammenbrach. Sie dachte fortwährend nur das eine: jetzt tue ich es. Jetzt bringe ich Günther die Erlösung. Sie tastete sich an den Wandschrank. Dort stand die Flasche. Günther hatte sie sich neulich erst füllen lassen. Schnell riß sie den Kasten heraus, setzte an und trank. Gellend schrie sie auf.„Günther, Günther— so liebe ich Dich—“ Dann warf sie sich auf das Bett. Woher kommen plötzlich diese dicken Nebel? Sie mußte doch sehen— ihn noch einmal sehen. Nun wurde es schwarz vor ihren Augen. Und noch einmal mit ihrer letzten Kraft rief sie heraus:„Günther—“ Hier bin ich. Was hast Du denn? Aber mein Gott, Liebling, süße einzige Flora was ist denn geschehen?" Es war Günther, der vom Atelier heruntergekommen war, um sich umzukleiden. Sie kämpfte schon mit der Bewußtlosigkeit. „Ich— hatle— Dich— solieb— sterben—“ lallte sie. In wahnsinniger Angst raste er hinaus. Der telephonisch herbeigerufene Arzt kam bald. Er schüttelte den Kopf. Danken Sie dem Himmel, es war nicht meyr genug in der Flasche. Ich denke, wir bringen sie durch!" sagte er schließlich. Als Flora eine Stunde später die Augen wieder aufschlug, sah sie Günthers angstverzerrtes Gesicht über sich gebeugt. „Aber Flora, warum hast Du mir das getan?" flüsterte er vorwurfsvoll. „Ich hatte Dich so lieb—“ stammelte sie, „aber ich weiß, daß Dein Herz Otty gehört, ich wollte, daß Ihr beide glücklich werden solltet— ach, warum bin ich nicht gestorben, Günther!“ Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Sie standen voll Tränen. Flora, süße, dumme, kleine Flora. Ich habe doch nur Dich lieb gehabt. Hast Du das denn nie gemerkt. Otty haben meine Augen bewundert, aber mein Herz habe ich Dir geschenkt. Das hat Dir schon damals gehört, als Du so tapfer für uns in die Schranken tratest. Aber ich dachte immer, Du liebtest mich nicht. Du warst so kalt, so gleichgültig gegen mich." Glückselig lächelte sie ihn an. „Ach, Günther, und ich bin beinahe gestorben vor Liebe zu Dir. Aber vorhin, dort oben, sagtest Du da nicht, Du könntest nicht mehr malen?" fragte sie dann schüchtern. „Ich glaubte, Du ertrügest die Qual nicht mehr. Deshalb Günther—“ eine Blutwelle schlug über ihr Antlitz.—„Deshalb wollte ich Euch aus dem Wege gehen!" „Du Böse Du!" Er streichelte leise ihr Haar.„Wir haben uns da in ein schönes Netz von Irrungen verstrickt. Weißt Du, was das vorhin da oben war? Ich erkannte, daß mir mit Ottys äußerer Schönheit auch nicht zu meinem Bilde gedient war. Wie ich Dir schon früher einmal sagte: ich kann nichts aus ihr herausholen. Es ist keine Seele hinter der glänzenden Hülle. Ich glaube, ich werde mir meine heilige Cäcilie wo anders holen!" Er lächelte neckend.„An des armen Axels Todestage habe ich hier in diesem Zimmer eine wunderliebliche Frau gesehen, an die ich so oft habe denken müssen. Meinst Du, daß sie mir zu meinem Bilde sitzen wird?" Vorsichtig drückte er seine Lippen auf ihre Stirn, ihre Wangen, ihren Mund. „Ich glaube es!" stotterte sie erglühend unter seinen Küssen.— Auf der nächsten Kunstausstellung in M. bekam Professor van Aken für den Entwurf zu dem Froskogemälde der„heiligen Cäcilie" die große goldene Medaille. Lachend schritt Günther mit der stolzen Nachricht in das Zimmer seiner Frau. Flora ließ ihren kleinen, strammen Buben von drei Monaten auf ihren Armen tanzen. „Die goldene Medaille!" rief Günther und schwenkte vergnügt den Brief. „O, Günther, wie herrlich!" lachte Flora.„Ich gratuliere!" „Ach was," lachte er.„Was sind alle goldenen Medaillen der Welt gegen diese Belohnungen!"— Er umfaßte mit beiden Armen Mutter und Sohn.„Und Euch habe ich doch auch eigentlich der Heiligen zu danken. Der verkleinerte Entwurf, den bekommst Du in Dein Zimmer. Damit wir immer demütig bleiben in all unserm Glück. Was, Flora?" Er küßte sie heiß und innig auf den Mund. 91 Sonnenwende Skizze von El,e Krafft. ter Christine ging ganz vorichtig. In der einen Hand rug sie den Korb, in dem leise die Schüsseln gegeneinander klirrten, und mit der andern hielt sie die große Weißbierflasche gegen die Brust gepreßt, in welche sie den Kaffee hineingefüllt. Die alten, müden Füße erlaubten keinen weiten Weg mehr zur Arbeitsstätte ihres Mannes. Und der Sommer war heiß, und die Straßen vor den Toren Berlins staubig und schattenlos. Vater Jentsch war der älteste unter den Arbeitern der neu erbauten Straße. Er pfiff nicht und sang auch nicht mehr bei der Arbeit wie die andern. Auch blickten seine Augen nicht so oft in den blauen, lachenden Himmel oder auf fröhliche vorüberwandernde Menschenkinder, die gedankenlos in des Lebens goldener Fülle die nahen Felder durchstreiften. Heute aber schlich die Zeit doch gar zu langsam. Nach Sonnenhöhe hätte es um den Alten längst Mittag sein müssen. Immer wieder lösten sich die Hände von dem Arbeitswerkzeug und strichen die nassen, spärlichen Haare unter die Mütze. Und schon das dritte Mal hatte Vater Jentsch den gebeugten Oberkörper gerade zu machen versucht, um besser nach der alten Frau ausschauen zu können, die ihm seit fünfzig Jahren in immer gleich bleibender stiller Pflichterfüllung das Mittagsmahl an seinen Arbeitsplatz brachte. Als Mutter Christine am Wiesengraben, der neben der neugepflasterten Straße lag, auftauchte, verkündete auch schon ein Pfiff am Wärterhäuschen der Chaussee den Beginn der Mittagstunde. Vater Jentsch, in dessen Steinreihe noch gerade zwei Quadrate der Füllung bedurften, um in glatter Linie am Straßenrande abzuschließen, griff plötzlich noch einmal nach dem Hammer und begann sein Klopfen. Erstaunt, lachend sahen die andern von ihren Ruheplätzen zu ihm herüber. „s doch en dummer Mensch, der alte Jentsch," meinte ein junger, kecker Bursche, indem er behaglich die Schnapsflasche an die Lippen führte. Mutter Christine, die ihren Korb abseits von den andern, unter einen hohen alten Kastanienbaum gesetzt hatte, ging langsam auf den gebeugten Mann zu. „'s is Mittag, Vater!“ Er blickte nicht eher auf. als bis die Steinreihe vollendet. Und als sie sein braunrotes, hageres Antlitz sah, auf dem die Furchen des Alters mit dunklen Spuren gezeichnet waren, wischte sie mit der frischgewaschenen, kühlen Schürze leise darüber hin. „Karbonade hab' ich heut jemacht, Vater, un unse ersten Mohrrüben aus'n Jarken." Er atmete schwer. Doch ging er mit hocherhobenem Kopf. „Is Sonnenwend' heute?" fragte er nach einer ganzen Pause. Sie nickte eifrig. Neben ihm, im Schatten des Kastanienbaumes kauerte sie nieder und leerte den Korb. „Haste jedacht an den vierundzwanzigsten, Vater?“ Da sah er sie an. Unter dem weißen Scheitel schimmerte es noch ebenso blau wie vor fünfzig Jahren, als ihn die Augen der jungen Frau voller Tränen anlachten. Am Hochzeitstage zur Sonnenwende! Damals in den heimatlichen Bergen, im Schlesierland, da wußte man von diesem Zauber, der um Johanni über die Menschenkinder kam, und der nun in der Fremde, beim Lärm der Großstadt wie ein plötzlicher, wunderbarer Traum die alten Sinne beschlich. „Haste jedacht an den vierundzwanzigsten, Vater?" Der alte Mann lächelte. Vor fünfzig Jahren hatte ihm sein blonder Schatz wie ein müder Vogel im Arm gelegen. „Bist mer wirklich gut, Willem?"—— Späterhin vergaß sie diese Frage. Er hätte auch kaum eine Antwort darauf gefunden. Im Kampf und Sorge ums tägliche Brot gab's nicht viel Zeit für unnütze Worte. Ein stummer Blick am Schmerzenslager der Wöchnerin, ein Händedruck an den kleinen Gräbern, die sich in so schrecklicher Anzahl mehrten, und dann ein kurzes, erleichtertes Aufatmen, als der letzte, der einzige im schwarzen Rock vor seinem Gott die Kniee beugte. An jenem Tage hatte Vater Jentsch der kleinen, fassungslosen Frau wie einem Kinde die Wangen gestreichelt. Und der Sohn hatte die jungen Arme in brausender Lebenskraft dem Vater hingehalten. „Nu hol' ich mir die ganze Welt, Vater!“ Und er war ausgezogen und war wiedergekommen, und er hatte gearbeitet, gedarbt und gehungert, und immer tiefer waren die jungen Schultern herabgesunken. Doch immer fester hielten der Eltern Hände über seinem Haupte zusammen. Eine Schwiegertochter kam in das Haus, neues Leben umschwirrte die Alten, und neue Sorgen kehrten ein. Bis es wieder still wurde und Sohn, Tochter und Enkelkinder ihre eignen Wege gingen. Die beiden Alten konnten ja nicht mehr Schritt halten mit den Jungen. Und immer wieder lockte der Kampf ums tägliche Brot die müden Füße auf andre Wege unter andre Menschen und in neue, fremde Sitten hinein. Bis die Alten dicht vor der Großstadt rasteten, bis sie wieder ein Stückchen hatten, ein Gärtchen daran mit Kohl und Rüben, und auch Reseden vor dem Fenster, wie sie damals in der Heimat blühten. Vater Jentsch hielt plötzlich im Essen inne und schob die Schüssel auf den Schoß der Frau.„Da—— eß, Mutter.“ Sie schüttelte den Kopf. Schon eine ganze Weile hatte sie die Hand in den Rockfalten und hielt krampfhaft ein Papier in der Tasche umspannt. „Wilhelm hat geschrieben," sagte sie leise. Er rührte sich nicht. Nur seine Augen, die schon halb zugefallen waren, öffneten sich wieder. Da er keine Antwort gab, zog sie das Schreiben hervor, lächelte und wischte sich dabei die Tränen vom Gesicht, 91 Er wollte lesen, konnte aber nicht. Da nahm sie ihm den Brief wieder ans. der Hand, glättete das zerknitterte Papier und setzte sich die Brille auf. Unwillkürlich faltete er die Hände, als sie las. Es war ein mühsames Werk, so ein Wort richtig an das andre zu setzen, aber es ging doch. „Liebe Aeltern! Mich fällt ein, das ihr die Goldene habt zu Johanni. Wir hatten lange gespart, und wollen alle rüberkommen zu den Tag liebe Aeltern. Aber was die Anna is, die is immer krank gewesen. Und gestern is ein kleiner Junge angekommen. Und Mutter is hingemacht nach mein Schwiegersohn und unse Tochter. Darum fare ich mit Paule erst heute ab, liebe Aeltern. Er hat ausgelernt gehabt vorrichtes Monat. Alle grüsen und alle sind gesund. Nun habt ihr ein Urenkel, und ich bin ser froh, euch wiederzusehen. Am Abend von eure Goldene sind wir da, ich und Paule. Eurer lieber Sohn Wilhelm." Die alte Frau ließ den Brief sinken und sah auf den gebeugten Kopf neben sich. Die Mütze lag im Grase, und die weißen Haarsträhnen klebten einzeln an der Stirn des alten Mannes. Lautlos bewegte er die Lippen, und verfolgte mit halbgeschlossenen Augen ein paar tanzende Schmetterlinge über den Gräsern. Da griffen ein Paar zitternde Hände nach den seinen.„Urgroßvater!"——— Er nickte. Ein paar große Tränen rannen über das braune faltige Gesicht. Von den Schmetterlingen sah er über das flammende Feld, über dem hoch, ganz hoch die Junisonne stand. Und plötzlich richtete er den gebeugten Körper empor, und tastete langsam und zärtlich an den welken Armen herum, die ihm die alte Frau hingestreckt. „Siehst Du's Sonnenwendfeuer? Ja, Tine, siehst Du's?" Sie schüttelte den Kopf und verfolgte seine Blicke, die mit kinderhaft glücklichem Ausdruck an dem glühenden Himmel hingen. Etwas Wunder=, Wunderschönes mußten sie dort sehen. Ja wirklich, sie sah es auch. Das flache Feld, die Steine der Chaussee und die ruhenden Arbeiter drüben am Wege verschwanden vor ihren Blicken; und neben sich fühlte sie einen jungen, starken Arm, der nach ihren blonden, wehenden Zöpfen griff. Die Johannifeuer flammten wieder auf, die großen, zitternden Gluten des Hochzeitsabends vor fünfzig Jahren. Im heimatlichen Dorfe tanzten die Burschen mit ihren Mädchen um die prasselnden Holzscheite und der hellste, der prachtvollste Jauchzer galt dem Brautpaar, das über die Felder in die leuchtende Juninacht hineingelaufen war. Mutter Christine lächelte verträumt. Vorsichtig stand sie auf und räumte die Schüsseln in den Korb. Heute noch würde sie den Wilhelm sehen, und den großen Enkel. Und irgendwo in der Ferne gab es noch ein Menschenkind, ein kleines winziges Urenkelchen, das ihr auch gehörte. Und ganz früh Feierabend mußte er heute machen, der Vater. Das gehörte sich so, wenn die Kinder kamen. Andächtig legte Mutter Christine den 92 Sonnenwende.— Leuchtende Tiere. 99 Brief zusammen und trat hinter den alten Mann. „Kehrst früh heim heute, Vater?“ Er nickte, nickte wieder und griff mit der Hand nach der entblößten Brust, die sich aus dem blauen, geöffneten Arbeitshemd dunkelbraun hervorhob. „Unser Wilhelm, Mutter,..... unser Junge kommt wieder," sagte er geheimnisvoll lächelnd. Am Wärterhäuschen der Straße rührten sich bereits die Arbeiter und erhoben sich schlaftrunken von ihren Ruheplätzen. Gleich würde die Mittagsstunde erneuter Arbeit weichen. Vater Jentsch blieb still im Grase sitzen. Er lehnte sogar den Körper noch fester gegen die alte Frau, die hinter ih stand. „In mein' Bett soll er schlafen, der Willem! Haste gehört, Mutter?“ Sie hielt seinen Kopf mit beiden Händen fest. Immer schwerer nestelte er sich in ihre Finger ein. Ein langgezogener Pfiff ertönte, und an den Steinen begannen wieder die ersten Hammerschläge. Frau Christine klopfte gegen die zusammengesunkenen Schultern. „Vater! Hörste nich, Vater?" Er schüttelte mit wirrem Lächeln den Kopf.„Meine Straße is ja all fertig, Mutterchen!“ Die Sonne stand bereits etwas tiefer und streifte den Schatten unter dem Kastanienbaum mit rötlich zitternden Lichtern. Da griff Vater Jentsch noch einmal nach der Brust. Sein Kopf sank schwer herab, und Mutter Christine mußte niederknieen, sonst wäre sie hingefallen. Ein Schrei stieg aus ihrer Kehle empor, ein kurzer, banger Ruf, der den Mann aufrütteln sollte aus seiner Lethargie. Aber Vater Jentsch hörte ihn nicht. Die andern Arbeiter, die den Ruf vernommen hatten, kamen herbeigelaufen, und einer rüttelte den stillen Kameraden lachend am Arm. „Denkst woll, i's schon Feierabend, oller Mann?" Doch schon war er zurückgewichen und riß unwillkürlich die Mütze vom Kopf. „Der is ja dot, Mutter Jentsch, maufedot,—— merkt Ihr das denn nich, Menschenkinder?" Ja, jetzt sehen es die andern auch. Scheu und stumm blickten sie von dem stillen Mann nach der Frau. Sie weinte nicht und schrie auch nicht mehr auf. Nur die Lippen preßte sie plötzlich auf die noch warme Brust des Toten. Gerade auf die Stelle, wo ihr fünfzig Jahre ein Leben voller Liebe und Treue entgegengeströmt. Nun konnte sie aber das taktmäßige Schlagen nicht mehr hören. Nun war es still, ganz still geworden. Und doch sagte sie plötzlich ganz laut und deutlich, geradeso, als ob Vater Jentsch es noch hören konnte?„Ich dank' Dir ooch, Willem,— ich— dank' Dir— ooch.“ Und als die Männer ihn emporhoben, und der jüngste, der kräftigste die Hände n dem weißen Haupt ausstreckte, stieß Rutter Christine ihn zurück. Vorsichtig breitete sie die Schürze über das stille Gesicht, und drückte den verhüllten Kopf zärtlich gegen ihren Körper als sie ihn heimtrugen. „Es wird ja balde wieder hell,— Vaterchen.“ Tiere. Von H.=Tiemann. 8 gewährt für den Naturfreund enen eigenartigen Reiz, wenn er zur Zeit der Sommersonnenwende in stiller Nacht über die Wiese oder durch den Park geht, und überall, im Grase und im Moose, helleuchtende Funkrüppelten Flügeldecken vor uns, das eher einer häßlichen Kellerassel als einem Käfer gleicht: Wenn es uns gelingt, eines der leuchtenden, in der Luft umherschwärmenden Sternchen zu erhaschen, so finden wir, daß wir einen geflügelten grauen Käfer, mit weichen Flügeldecken über den häutigen Flügeln, vor uns haben, der ebenfalls den Phosphorglanz aus den letzten Hinterleibsringen ausstrahlt. Beide Tiere, das im Grase liegende ungeflügelte, und das in der Luft umherfliegende, gehören zusammen; ersteres ist das Weibchen, letzteres das Männchen des Johanniswürmchens(Lampyris splendidula). Das Johanniswürmchen oder der Leuchtkäfer gehört zu den Weichkäfern, weil die Flügeldecken des Automatische Tunnelreinigungs und Tünchmaschine. Die ungeheuren Strecken der Londoner Untergrundbahnen erfordern ein fortgesetztes Reinigen und Neuanstreichen der Tunnelwände. Um der mühseligen Arbeit durch Menschenhände zu en gehen ist an einen Untergrundwagen ein Röhrensystem angebracht, das mit feinen Löchern durchbohrt ist. Während der Fahrt wird mittels einer elektrischen Pumpe die Tünchflüssigkeit hindurchgepreßt und an die Tunnelwände gespritzt, die somit höchst mühelos und einfach mit einem neuen Anstrich verfehen nerden. *********************** J 2%%%% 4* ken glühen, oder wenn er sieht, wie durch die Luft nahe dem Erdboden leuchtende Sternchen sich wie im Tanze auf und ab bewegen. In manchen Jahren und in besonders warmen und lauen Nächten ist dieses Funkengewimmel bisweilen so groß, daß es in der Tat einen herrlichen Anblick gewährt. Gehen wir nun einem dieser im Grase leuchtenden Pünktchen nach, so entdecken wir, daß es ein winziges Käferchen ist, dessen drei letzte Hinterleibsringe jenen hellen Phosphorglanz ausströmen. Wir brauchen uns nicht zu fürchten, denn dieses Feuer brennt nicht, wir können das Tier ruhig in die Hand nehmen, und wir finden dann, daß das ausstrahlende Licht hell genug ist, um in finsterer Nacht die Zeiger der Taschenuhr zu erkennen. Nehmen wir aber das Tierchen mit in die Stube und betrachten es beim Lampenlicht, so haben wir ein unscheinbares graues Käferchen ohne Flügel und mit verMännchens nicht hornartig hart, sondern lederartig weich sind. Es ist etwa men Centimeter lang, von dunkelgrauer Farbe mit neun Hinterleibsringen. Seine Fühlhörner sind fadenförmig, der Brustschild ist im Verhältnis zum übrigen Körper ziemlich groß und der mit sichelförmigen Kinnbacken versehene Kopf ist unter demselben fast ganz verborgen. Wodurch das Leuchten dieser Tierchen hervorgerufen wird, ist noch nicht völlig aufgeklärt. Nur so viel hat die Forschung bis jetzt festgestellt, daß die leuchtenden Werkzeuge aus Zellen bestehen, die in zartwendige Kapfeln eingeschlossen sind und eine gallertartige, durchsichtige Masse enthalten. Es ist auch noch nicht entschieden, ob das Leuchten eine physische Eigenschaft des Tieres ist, oder ob dieses imstande ist, das Leuchten willkürlich hervorzubringen. Mit Sicherheit scheint nur festzustehen, daß Weren! das Leuchten dazu dient, die Geschlechter Nachts verbreiten, soll so stark sein, daß die zusammenzuführen. Auch will man beob= Eingeborenen jener Länder sich ein solches achtet haben, daß fliegende Tiere intensiver leuchten als ruhig auf ihrem Platz verharrende. Das ungeflügelte Weibchen legt 50 Tier an die Fußbekleidung binden, wenn sie eine Nachtwanderung machen müssen, einerseits, um sich durch dieses Licht den Carrarischer Marmor. Die wunderbar blitzend polierten Blöcke und Sockel der Denkmäler und Bauten, die oft unsere Blicke wohlgefällig fesseln, entstammen den Marmorbrüchen von Carrara in Italien. Unser Bild zeigt den Transport eines der rohen Blöcke, die in bald fein weißer, bald schwarz und gelb grünlich geaderter Nuance schon seit 2000 Jahren dort gebrochen werden. Glanz und Politur erhält der Stein in den Schleifereien und Polieranstalten in der Nähe, in denen neben den Brüchen fast die ganze Bevölkerung von Carrara ihr Brot findet. Die Ausfuhr über den Hafen von Arenza beträgt jährlich fast 80000 Tonnen Blöcke und Platten im Werte von 6 Millionen Lire. bis 60 zarte, gelbliche Eier von der Größe eines Stecknadelkopfes in eine Erdhöhlung oder unter fallendes Laub, und dann folgt es dem ihm bereits vorangegangenen Männchen im Tode nach. Die Eier leuchten auch im schwachen Phosphorglanz; und nach etwa drei Wochen kriecht aus jedem Ei eine sechsbeinge Larve hervor. Diese geht nun auf Raub aus und verzehrt, wenn sie größer wird, andere Larven, vornehmlich aber Schnecken. Mit Vorliebe macht sie sich an die Gartenschnecke(Helix nemoralis), die sie in ihrem Gehäuse angreift, verspeist und dann das leere Gehäuse als Wohnung benutzt. Auch die Larve leuchtet, jedoch nur in geringem Maße. Außer dem gemeinen Leuchtkäferchen kommt im mittleren und südlichen Deutsch land noch eine größere Abart vor, die wohl 1½ bis 13 Ctm. groß wird. Der Glanz dieses Käferchens ist stärker als der des im nördlichen Deutschland heimischen, dem es im übrigen in der Lebensweise völlig gleich ist. Noch heller leuchtet das italische Leuchtkäferchen, das in ganz Südeuropa heimisch ist. Es unterscheidet sich von den deutschen Arten hauptsächlich dadurch, daß beide Geschlechter geflügelt sind. Eine gewisse Berühmtheit durch seine Leuchtkraft hat ein zur Klasse der Halbflügler gehöriges Insekt erlangt, der surinamsche Laternenträger oder die Leuchtzirpe. Wie schon der Name andeutet, ist die Heimat dieses Tieres, das eine Länge von 5—6 Ctm. erreicht, in Südamerika, besonders in Surinam und in den Urwäldern von Brasilien. Der Glanz, den die Kerfe des Weg zu erhellen, anderseits, um durch den Glanz giftige Schlangen und lichtscheue Skorpione in die Flucht zu jagen. Des Morgens aber binden sie das Tier wieder rühren mit der Hand, so bemerkt man, daß schnöde Undankbarkeit betrachtet werden. Ein indianisches Sprichwort sagt:„Nimm die Feuerfliege mit Dir, aber wenn es Morgen geworden ist, bringe sie wieder dort hin, woher Du sie genommen hast." Uebrigens gilt dieser Laternenträger(Fulgora laternaria) bei den Indianer für sehr giftig. Die erste sichere Kunde von diesem wunderbaren Tiere kam nach Deutschland durch die berühmte Tiermalerin Maria Sibylla Merian, die längere Zeit in Guyana verweilte. Spätere Reisende verwiesen zwar die Berichte der Malerei in das Gebiet der Fabel, indem sie das Leuchten dieses Insektes überhaupt leugneten; jedoch scheint die neuere Forschung ihr Recht zu geben, so daß wohl nicht an der Wahrheit zu zweifeln ist. Wenig bekannt dürfte es sein, daß die im Harz häufig vorkommende Singdrossel sich bisweilen ein leuchtendes Nest baut, indem sie dazu, wenn sie es bekommen kann, gern faulendes Holz(„Glümkenholz") nimmt und die Späne mit ihrem Speichel zu einer festen Masse zusammenkittet. Solche Nester sollen im Dunkeln phosphorartig leuchten, und es mag davon die Sage ihren Ursprung haben, daß im Harz Vögel wohnen, die ihre Eier in feurigen Nestern ausbrüten. Daß das Meeresleuchten ebenfalls auf phosphoreszierende Lebewesen zurückzuführen ist, ist wohl allgemein bekannt; weniger bekannt dürfte es aber sein, welcher Art diese Tiere sind. Bei meinem langjährigen Aufenthalte an der Küste habe ich oftmals Gelegenheit gehabt, das wunderbare Schauspiel des Meeresleuchtens zu beobachten, das mit zu dem Großartigsten gehört, was die Natur hervorzubringen vermag. Wenn man Seewasser in ein Gefäß schöpft und bringt es in der Dunkelheit in eine wirbeln de Bewegung, etwa durch starkes Umlos und setzen es auf einen Strauch am Wege. Ein solches Tier zu töten, würde von den Eingeborenen als ein Frevel, als Feuer getaucht erscheint, und daß die umdas Wasser im matten Pophorglanz leuch tet, daß besonders die Hand wie in flüssiges Briefmarken=Automaten. Eine wirkich praktische und nutzbringende Erfindung sind die in verschiedenen Postämtern in Berlin aufgestellten antsmatischen Briefmarkenverkäufer, die ihres Amtes mit einer erstaunlichen Präzision walten und damit nie nur der Post, sondern auch dem Publikum viel Zeit und Arbeit ersparen. Die stummen Verkäufer geben fast alle Sorte Briefmarken und Postkarten in kleinen Quanten und erfreuen sich der Gunst des Publikums, denen es großes Vergnügen bereitet, im Nu bedient zu werden. 94 Leuchtende Tiere.— Die alten Bäumle. 34 herspritzenden Tropfen ebenfalls wie Sterne aufblitzen. Diese Erscheinung wird in erster Linie hervorgerufen durch ein zur Klasse der Wurzelfüßer gehörendes mikroskopisch kleines Tierchen, das von den Gelehrten den Namen Noctiluca miliaris erhalten hat. Dieses winzige, mit dem unbewaffneten Auge kaum wahrzunehmende Tier lebt zu vielen Millionen in allen Meeren und wird als die Hauptursache des Meeresleuchtens angesehen. Freilich wirken auch noch viele andere Tiere mit, Quallen, kleine Leuchtkrebse u. s. w. Unter welchen Umständen das Meeresleuchten auftritt, ist durchaus noch nicht aufgeklärt. Erfahrungsmäßig tritt es an unserer deutschen Nordseeküste besonders in warmen Juliund Augustnächten, bei der Springflut und bei Neumond, und meistens nach einem voraufgegangenen Gewitterregen auf. Bisweilen vergehen Jahre, ohne daß das Meeresleuchten zu sehen ist; zu anderer Zeit kann man es mehrere Nächte hintereinander beobachten. In den Tropen tritt es übrigens Nel öfter und auch intensiver auf als in unseren nördlichen Gegenden. Ich erinnere mich eines herrlichen Meeresleuchtens, das ich im Juli des Jahres 1886 bei meinem Aufenthalte auf der Nordseeinsel Langeoog zu beobachten Gelegenheit hatte. Einem gewitterschwülen Tage war eine schwüle Nacht gefolgt, und ich begab mich am Abend gegen elf Uhr noch mit einigen Bekannten an den Strand. Von der äußersten Dünenreihe ließen wir unsere Blicke über die weite Wasserwüste schweifen, die im Nordwesten noch von der Dämmerung erhellt war, deren matter Schein sich immer weiter noch Norden fortpflanzte und die Stelle anzeigte, wo die Sonne nur wenige Grade unter dem Horizont stand. Als wir uns nun aber nach Südwesten wandten, lag plötzlich, wie mit einem Zauberschlage, die ganze Herrlichkeit der leuchtenden See vor uns. So weit wir sehen konnten, erhoben sich unzählige Wellen, jede mit einem leuchtenden Kamme gekrönt; die hohe Wellenreihe, die nahe dem Strande brandete, glich einer ewig beweglichen Bank, die im matten Lichte, ähnlich dem des Mondes, leuchtete; ja jede kleine Welle, die zu unsern Füßen im Sande zerrann, war mit einem silbernen Rande gesäumt. Etwa eine Stunde währte diese Erscheinung; dann begann das Leuchten allmählich schwächer zu werden, und endlich hörte es ganz und gar auf.— Jedem aber. der das Meeresleuchten auch nur ein einziges Mal gesehen hat, wird es unvergeßlich bleiben. Daß faulendes Holz, besonders Weidenholz, im Dunklen leuchtet, weiß jedes Kind; und mancher, der in der Nacht durch einen Wald ging, ist schon wohl durch den plötzlichen Anblick eines im Phosphorglanz strahlenden Baumes erschreckt worden. Aber auch verwesende Tiere glänzen oft in diesem magischen Lichte, besonders faulende Fische. Noch bei meiner letzten Anwesenheit auf der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht hatte ich Gelegenheit, einen großen toten Schweinfisch zu beobachten, der von der Brandung ans Land gespült war. Bei Tage hatten die Raubmöven sich über ihn hergemacht und große Stücke Fleisch abgerissen; als ich gegen Abend noch einmal an den Strand ging, leuchteten die noch vorhandenen Reste auf eine wirklich unheimliche Art. Dasselbe kann man an den großen Quallen beobachten, die von den Wellen ans Ufer geworfen werden. Dieses Leuchten bei Tieren, seien sie nun lebendig oder tot, sowie auch bei den leuchtenden Pflanzen(einigen Pilzarten) ist zweifelllos ein chemischer Vorgang, den man mit dem Namen Phosphorescenz bezeichnet. Mehrfache Versuche haben ergeben, daß die Leuchtkraft aufhört, wenn man den betreffenden Gegenstand— Tier oder Pflanze— in einen luftleer gemachten Raum bringt, oder wenn die Temperatur unter + 3 Grad sinkt. Ersteres ist dadurch zu erklären, daß der Phosphorglanz nur unter Zutritt des Sauerstoffes der Luft entstehen kann, letzteres dadurch, daß zu der Lichterscheinung ein gewisses Maß von Wärme erforderlich ist. Wie nun chemisch reiner Phosphor unter Einwirkung der athmosphärischen Luft leuchtet und verbrennt, so leuchten auch solche Gegenstände, die Phosphor enthalten, indem dieser sich mit dem Sauerstoff der Luft verbindet und langsam verbrennt, ohne jedoch eine wahrnehmbare Wärme hervorzubringen. So ist also das Leuchten der Tiere zweifellos auch ein Verbrennungsprozeß, jedoch ohne Wärmeentwickelung.— Hierdurch ist freilich noch nicht erklärt, woher es kommt, daß einige der leuchtenden Tiere, Leuchtkäfer und Laternenträger, nicht zu allen Zeiten leuchten, und daß bei anderen offenbar das Leuchten an äußere Umstände gebunden ist. Die Gründe für diese Erscheinung zu erforschen ist den Naturforschern bis jetzt nur unvollkommen gelungen, und so stehen wir bis jetzt noch vor derselben wie vor einem Problem, wofür uns eine völlig befriedigende Erklärung fehlt. die alten Bäumle. Von Julius Heiß. m Ende des Dorfes Glatzelbach, das saubere, gut gehaltene Anwesen mit dem Obstgarten hinterm Hause und der eingehegten Wiese daneben, auf der sich eben ein braunes Füllen tummelte, war bis vor wenigen Tagen das Gut des Bauers Martin Bäumle. Er hatte es ererbt von seinen Eltern und das alte Haus so in guten Zustand gesetzt, daß ihm sein Alter niemand ansah. Darin waren seine zwei Kinder, die Babette und der Anton, geboren und unter seinem Schutze zu braven Menschen aufgewachsen. In dem Hause war auch sein Anton, die einzige Stütze, nachdem sich Babette an einen Wirt der Stadt verheiratet hatte, gestorben, und das war der Grund, warum die Tochter sich unablässig bemühte, die Eltern zu bewegen, das Gütchen zu verkaufen und zu ihr in die Stadt zu ziehen. Sie seien jetzt so ganz allein, hätten ihrer Lebtag genug gearbeitet, um in ihrem Alter noch einige Jahre Ruhe zu verdienen, und im Hause ihres Mannes sei Platz genug für sie. Zuerst gewann sie die Mutter für ihren Plan, und dann bedrängten sie gemeinsam den alten Bauer, bis er schließlich zu allem ja sagte und das Anwesen zum Verkaufe ausbot. Wohl meldeten sich Kaufliebhaber genug, aber keine Bauern, sondern Güterhändler aus der Stadt, aber jeder dachte, dem Bauern das schmucke Gütchen um den halben Wert abzufeilschen. Da legte sich der Bürgermeister ins Mittel und bewirkte, daß die Gemeinde das Anwesen um den Anschlag ankaufte. Nun war der Tag des Abzugs da; der Leiterwagen stand beladen vor dem Tore. Zum Abfahren fehlte nichts mehr als der Bauer, der nochmals in das Haus hineingegangen war und lange auf sich warten ließ. Schon wollte die etwas ungehaltene Bäuerin ihn suchen gehen, als Bäumle aus der Stalltüre heraustrat, aber nicht auf die Harrenden zukam, sondern die Richtung nach der eingehegten Wiese einschlug. „Martin, wohin denn?" wollte ihn die Bäuerin zurückrufen. Doch der Bürgermeister, der eben zum Abschiednehmen gekommen war, wehrte ihr und sagte:„Laßt ihn doch, er wird schon kommen. Sie kommen noch früh genug in die Stadt.“ Der Bauer schob die den Eingang ins Gehege versperrenden Querstangen zurück und betrat die Wiese; die Stangen schob er wieder vor. Dann lockte er das Füllen, das, seiner Stimme folgend, in possierlichen Sätzen dahingesprungen kam. Er streichelte dem Tiere Kopf und Hals und ließ es etwas, das er aus der Tasche genommen hatte, aus seiner flachen Hand fressen. Dann gab er ihm einen leichten Schlag auf den Rücken, daß es wie ein mutwilliger Junge davonhopste. Jetzt kehrte er, zur Abreise bereit, zum Wagen zurück. „Behüt Gott, Bäumle Martin!" sagte der Bürgermeister, den Scheidenden die Hand schüttelnd.„Adje, Bäuerin! Laßt's Euch gut gehen und vergeßt uns nicht ganz.“ „Behüt Gott und vergelt's Gott, Herr Bürgermeister!" erwiderte Martin; das wei, tere sagte noch sein Blick und der kräftige Händedruck. Nur die Bäuerin machte mehr Worte. Den alten Leuten gefiel es anfänglich in der Stadt ganz gut.„Es ist doch schön, einmal so recht gründlich ausruhen zu können, sich morgens mit dem Aufstehen nicht so beeilen zu müssen und, wenn man kaum aufgestanden, schon mit der ganzen Arbeit fertig ist," meinte Frau Bäumle.„Gelt, Martin, jetzt haben wir es gut?" „O doch," erwiderte Martin, stopfte sich seine Pfeife und schaute rauchend zum Fenster hinaus in das Gewühl der Straße. Und das war vorderhand neben Essen, Trinken und Schlafen seine ganze Tätigkeit. Bald wurde ihm aber das Stillsitzen unbehaglich, es trieb ihn ins Freie. Da Frau Magdalene anfing, sich Kinderhüterin und auch ab und zu sonst im Haushalt der Tochter nützlich zu machen, mußte Martin allein seine Spaziergänge unternehmen. Eine Zeit lang verschaffte ihm die Betrachtung der Schaufenster in den Straßen Unterhaltung. Dann verlängerte er seine Wege bis vor die Stadt hinaus und noch weiter über die nun schon verschneiten Felder. Er war bald bei jedem Wetter halbe Tage lang fort und im Hause selbst kein geselliger Gast. Wenn seine Frau zu ihm sagte:„Martin, bei diesem Hundewetter oder bei dieser Kälte wirst Du aber doch in der warmen Stube bleiben, du bist doch genug bei Wind und Wetter draußen gewesen," lächelte er und sagte:„Ja, ja, hast recht," setzte sich an den 95 Ofen un in den und Not Ergebnis triebes de kommniss nochmals Als Zeit der war, sah in der S sah den sprach ar wenn ihr er meint Eine vor Tage ner Frai er:„Nic sich halt war.S und eilte gendsten schaute i Miene 1 on len ussehen dem Um stark gea Heute gewohnte genden? hof und der Glatz Von dor bach ein. wenig be büschen er einen wann, t. lagen. 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Kopfschüttelnd schaute ihm Frau Bäumle mit sorgenvoller Miene nach. Sein Benehmen gefiel ihr schon lange nicht mehr recht, und auch sein Aussehen war nicht mehr so gut wie vor dem Umzug. Er war diesen Winter über stark gealtert. Heute machte Martin Bäumle nicht den gewohnten Gang in die vor der Stadt liegenden Felder. Er ging nach dem Bahnhof und fuhr mit dem nächsten Zug nach der Glatzelbach zunächst gelegenen Station. Von dort schlug er den Weg nach Glatzelbach ein. Scheu wie ein Dieb schlich er auf wenig benützten Pfaden und sich hinter Gebüschen und Bäumen verbergend, sobald er einen Menschen gewahrte, nach dem Gewann, in dem seine früheren Grundstücke lagen. Eines nach dem andern beging er und überzeugte sich, ob die Anpflanzung ordnungsgemäß vorgenommen war, und da er einen Acker noch brach liegend fand, schalt er weidlich auf die Gemeinde, welche die besten Stücke in Unbau kommen lasse. Lange hielt er sich an der umhegten Wiese auf, auf der sich neben dem nun schon ziemlich entwickelten braunen Füllen ein ganz kleines schwarzes tummelte. Vorsichtig spähte Martin nach allen Seiten; es war niemand in der Nähe. Da getraute er sich näher an den Hof hin. Durch die Lücken einer Bretterwand, welche die Rückseite eines Wagenschuppens bildete, sah er hinein. Auf dem Hofe gackerten die Hühner. Dort hinten der Schweinestall mußte gut besetzt sein, denn das seinen Öhren wie liebliche Musik tönende Grunzen der sassen war ein mehrstimmiges. Auch der Viehstall schien ganz belegt zu sein. Aber der Misthaufen war nicht stilgerecht aufgesetzt, und reinlicher war der Hof zu seiner Zeit auch gewesen. Zwei Kinder spielten vor der Haustüre, diese mußten dem von der Gemeinde eingesetzten Pächter oder Verwalter gehören. Und das Weibsbild, das eben aus dem Futtergang herauskam, war das die Frau oder die Magd? Besonders sauber sah sie nicht aus. Der alte Mann seufzte. Nun kam die Person direkt auf den Schuppen zu. Erschrocken bückte sich Bäumle noch tiefer und lief gebückt davon, den Weg zurück, den er gekommen war. Der alte Mann, der in so geheimnisoller Weise sein einstiges Heim besuchte, war aber nicht unbemerkt geblieben. Der Bürgermeister von Glatzelbach war zufällig vorbeigekommen, hatte ihn bei dem Fohlen stehen sehen und dann hinter einem Baum versteckt sein weiteres Tun beobachtet. Gerne hätte er ihn angesprochen; aber Martin hatte es so eilig. vom Dorf hinweg zu kommen, daß er ihm gerade hätte nachspringen müssen. Als Martin Bäumle zum Mittagessen nicht nach Hause kam und sich auch den ganzen Nachmittag nicht sehen ließ, geriet seine Frau in große Sorge, es könne ihm ein Unfall zugestoßen sein; denn es war das erste Mal, daß er ausblieb. Sie hatte schon mit ihrem Schwiegersohn und ihrer Tochter vereinbart, daß jemand zur Polizei müsse, wenn er bei eintretender Abenddämmerung noch nicht zurück sei, und rüstete sich eben, den Gang selbst zu tun. Da kam der Erwartete die Stiege herauf, müde und matt und staubig. Gern hätte Frau Magdalene gewußt, wo ihr Mann den ganzen Tag zugebracht habe, sie erhielt aber nur ganz unklaren Bescheid.„Beim Hof drüben," sagte er;„Nachschau gehalten habe ich. Es klappt nicht alles." Dann versank er in Hinbrüten und am nächsten Tag blieb er den ganzen Tag zu Nun hatte aber Frau Bäumle keine Ruhe mehr. Sie sah, daß ihren Mann etwas plagte, über das er sich nicht aussprechen wollte, und unter seinem Mangel an Vertrauen litt sie selbst. Wenn sie nur jemand gehabt hätte, mit dem sie darüber hätte reden können; aber in der Stadt war sie bis heute noch ganz fremd, und mit Tochter und Schwiegersohn stand sie schon eine Zeitlang nicht mehr so, daß sie sich Hause recht heimisch fühlen konnte. im Der Schwiegersohn hatte erwartet, sie würden das aus ihrem Hofe erlöste Geld erheben und ihm auf sein eignes Haus als Hypothek eintragen lassen, und sie selbst wäre auch damit einverstanden gewesen. Aber Martin hatte hartnäckig darauf bestanden und war auch bis heute nicht davon abzubringen gewesen, daß der Kaufpreis auf den Hof eingetragen werde und die Gemeinde nur die regelmäßigen Zinsen zahle. Das hatte nun schon mehrfach Anlaß zu spitzigen Bemerkungen gegeben, welche bei ihr das Gefühl hervorriefen, als befände sie sich nur geduldet in diesem Hause, und das nagte ihr am Herzen. Dazu das sonderbare Benehmen ihres Mannes. Wie so ganz anders war es doch, als sie noch die Bäuerin auf ihrem Hofe in Glatzelbach war. So wird's hier wohl nie werden. Heüte saßen die alten Leute lange stumm nebeneinander, jedes mit seinen Gedanken beschäftigt. Da sagte die Frau plötzlich:„Wie meinst, Martin, wenn ich morgen einmal nach Glatzelbach ginge.“ Ueberrascht schaute Martin auf.„Du nach Glatzelbach? Was willst dort machen?" „Weiß es eigentlich selbst nicht; aber ich spür's, ich muß einmal hin." „So!" Wehmütig schaute der alte Mann seine Frau an, als wollte er sagen: auch Du!„Geh' nur," sagte er,„ich will Dich nicht hindern, und grüße mir die Glatzelbacher.“ „Willst nicht mit?" Martin lächelte.„setzt nicht, ein andermal vielleicht." Am andern Morgen reiste Frau Bäumle nach Glatzelbach. Sie ging aber nicht auf Schleichwegen, um nicht gesehen zu werden, sondern offen und geradenwegs zum Bürgermeister. Es war ihr gestern eingefallen, wie ihnen der Herr Bürgermeister vor ihrem Weggange so freundlichen Rat erteilte und ihnen zu einem preiswerten Verkauf des Hofes verhalf. Ihm wollte ste die Verhältnisse schildern, vielleicht wußte er auch hier einen guten Rat. Der Bürgermeister empfing sie freundlich. Bei ihrer Erzählung nickte er mehrmals beistimmend, als ob er das schon wüßte. „Ist Ihr Mann, als er letzthin hier war, gut wieder heimgekommen?“ fragte er. „Der Martin war hier? Davon weiß ich nichts." Frau Bäumle war recht überrascht. Es ging ihr aber auch ein Licht auf, und sie verstand ihren Martin plötzlich. Als nun der Bürgermeister mit einem halb ironischen Lächeln fragte:„Haben Sie keine Lust, wieder zu uns heraus zu ziehen?" wurde sie ganz verlegen. Kann denn der ihre Gedanken lesen? „Mir wäre es ja schon recht und ich glaube, dem Martin auch. Was sollen wir aber dann hier anfangen? Irgendwo in Miete wohnen und täglich unsern Hof vor Augen haben, möchte ich doch nicht." „So kaufen Sie doch einfach Ihren Hof zurück.“ „Ja, gibt ihn denn die Gemeinde wieder her?" „Natürlich, sie muß doch." „Die Gemeinde muß?!" Der Bürgermeister lachte über das verwunderte Gesicht der Frau. Dann erklärte er ihr, so wie er den Martin kenne, habe er vorausgesehen, daß dieser es nicht lange in der Stadt ohne seine gewohnte Tätigkeit aushalten werde. Er habe deshalb, um ihm den Rückweg offen zu halten in den Kaufvertrag die Bedingung aufnehmen lassen, daß dem Verkäufer drei Jahre lang das Wiederkaufsrecht zustehe. Das habe Bäumle nicht einmal bemerkt. Nun brauche dieser nur die Erklärung abzugeben, daß er den Hof wieder übernehmen wolle, dann bekomme er ihn wieder übertragen und die Hypothek für den Kaufpreis werde gelöscht. Gut sei es, daß er den Kaufpreis nicht ausbezahlt haben wollte, so brauche er jetzt auch nichts zurückzuzahlen. Als das die Bäuerin hörte, wurde ihr auf einmal ganz leicht ums Herz. Sie fühlte sich wieder ganz jung. Als sie am Bahnhof in der Stadt ihren Mann erblickte, der ohne Verabredung gekommen war, sie abzuholen, wurde ihr ganz eigen zu Mute, sie konnte sich selbst nicht sagen, wie. Aber sie dachte unwillkürlich an die Zeit, da sie erst kurz verheiratet waren. In lebhaftem Gespräch gingen beide in die Stadt hinein, oftmals unterwegs stehend bleibend. Als sie in ihrer Wohnung ankamen, waren sie vollständig im Reinen miteinander. Einige Wochen später stand wieder ein bepackter Leiterwagen zur Abfahrt bereit, aber in der Stadt vor dem Hause, in dem die alten Bäumle gewohnt hatten. Der Fuhrmann brauchte diesmal nicht auf Martin zu warten, denn der war mit seiner Frau schon voraus auf dem Bahnhof, weil ihm die Fahrt auf dem Leiterwagen viel zu langsam war. 3 1 96 Zu unsern Bildern.— Ernst und Scherz. Rätsel usw. 96 die beiden ersten Reihen an seiner Seite des Brettes mit den Armen bedeckte, so daß der Gegner nicht sah, ob Figuren auf denselben stehen oder nicht. Auch überschattete er das Schlachtfeld mit seinem Lockenhaupt, so daß die ZuEin bekanntes Radikalmittel gegen Trunksucht schauer seinem Spiel nur schwer folgen konnten. wurde in einer oesterreichischen Stadt an zwei Im Stegreifspiel sang er, wenn er das Ende Pfründnern angewendet. Dieselben, wieder olk machte, mit leiser Stimme einen Trauermarsch, von der Polizei wegen Trunksucht bestraft, bekamen welcher das Schicksal seines Opfers ankündigte vierzehn Tage lang keine Speise und kein Getränk und dessen Unmut vergrößerte. die nicht mit einer Qualität fuselhaltigen Brannt Wie annonciert ein Chinese? Folgendes ist die weins versetzt waren. Das Wasser, der Wein, die Milch, die Suppe, das Fleisch, ja selbst die Medikamente und das Bettzeug derselben wurden mit Branntwein imprägnirt. Am ersten Tage lachten die Patienten über diese Kur, am zweiten Tage wurde ihnen der Branntweingeruch zu viel, am dritten Tage ekelten sie die Steisen bereits an und sie baten, man möge sie vor jedem Branntweingeschmack verschonen. Seither nahm keiner auch nur einen Tropfen Branntwein mehr. In den„Sporting and Dramatical News“ werden die Eigenheiten der bekanntesten Schachspieler in folgender ergötzlichen Weise geschildert: Die Gewohnheiten der Schachspieler sind mitunter sehr seltsam, aber nichts weniger als uninteressant. Alexander Mac Donell pflegte so vollständig in das Spiel vertieft am Schachbrett zu sitzen, als ob sein ganzes Lebensglück von dem Ausgange der Partie abhinge. Er richtete niemals ein Wort an seinen Gegner, noch weniger wagte er irgend eine Kritik über dessen Spiel. Manchmal legte er seine Beine von der einen Seite auf die andere, und bei dieser Gelegenheit murmelte er etwas in sich hinein, was ungefähr klang:„Gefällt mir garnicht sehr." Buckle, der berühmte Historiker und gleichOriginal=Vexirbild. Gesetz v. 11. VI. 1870. Himmels“ und für alle Mandarinen des Reiches, Wie das Gebrüll des Tigers überall hinaustönt, so verbreitet sich der Ruhm des„Drachen=Juwels“ (d. h. seiner Tinte). Kommt alle, Ihr A=Kwantsaes, eilt nach meinem Laden, wo Ihr den Namen Tae=shing an der Seite der Tür findet. Es ist in der Seaonshwny=Gasse, jenseit der Südstraße." Der Hönigsberger Philosoph Immanuel Kant schilderte, als man in einer Gesellschaft über die Verschiedenheit der Volkscharaktere sprach, die europäischen Nationen mit folgenden Worten:„Die Franzosen sind lebhaft, leichtsinnig, veränderlich, freiheitsliebend. Die Engländer beharrlich, wohltätig, gewinnsüchtig und ungesellig. Die Spanier mäßig, stolz, religiös, gravitätisch, unwissend, grausam und faul. Die Italiener frohsinnig, fest, leidenschaftlich und meuchelmörderisch. Die Deutschen häuslich, ehrlich, beständig, phlegmatisch, fleißig, vescheiden, ausdauernd, gastfreundlich, gelehrt, nachahmend und titelsüchtig. Daraus folgt," sagte er lakonisch,„daß Frankreich das Modeland, England das Launeland, Spanien das Ahnenland, Italien das Prachtland und Deutschland das Titelland ist." Beruhigung.„Sei mir net bös', Schorschl, und bleib' mir treu! Ich hab's wirklich net g'wußt, daß die neue Herrschaft Vegetarianer sind — hab' gleich wieder kündigt!“ Aus einem Brief. Mein Herrl Nach Ihrem gestrigen Benehmen muß ich Ihnen mitteilen, daß ich nicht mehr die geringste Achtung für Sie habe und zeichne mit vorzüglicher Hochachtung Emil N. Druc Wortspielrätsel. zeitig einer der berühmtesten Schachspieler Eng lands, benutzte stels den Augenblick, wenn er seinen Sitz am Schachtisch einnahm, um seinen Hut mit beiden Händen abzuheben und ihn unter den Tisch zu stellen. Der angenehmste und süßeste Ruheplatz für den armen Hut war dies allerdings nicht!— Löwe ließ, wenn er spielte, fast ununterbrochen ein eigentümliches Geräusch hören, welches die Mitte zwischen brummen und pfeifen hielt. Er pflegte überdies eine nicht angebrannte Zigarre in den Mund zu nehmen und von Zeit zu Zeit ein Streichhölzchen anzuzünden, welches er dann etwa zwei Zoll weit von seiner Havanna hielt, ohne diese je in Brand zu stecken. Er hattte offenbar auch gar nicht die Absicht, dies zu tun, und war entschieden der ökonomischste Raucher, den es je gab.— Staunton war in seinem Benehmen sehr ruhig; er saß immer mit vor sich gefalteten Händen, die auf dem Tische ruhten Die Figuren handhabte er äußerst zierlich, machte nie eine Bemerkung während des Spiels und zeigte selbst bei der größten Langsamkeit des Gegners auch nicht die mindeste Ungeduld.— Boden hatte die Gewohnheit, während des Spiels mit sich selbst zu sprechen, und schloß gewöhnlich sein unartikuliertes Selbstgespräch mit einem kurzen, heiteren Lachen Seinen Hut behielt er stets auf dem Kopfe, mochte das Wetter oder das Zimmer noch so heiß sein.— Burder pflegte, wenn er eine gute Position hatte, seine Hände in einander zu fügen, sich auf diese zu setzen und den Körper hin= und herzuschwingen. Wenn er eine seiner schönen Opfer=Kombinationen machte, mit denen er häufig den Gegner schlug, öffnete er seine großen glänzenden Augen weit und stierte derart auf das Schachbreit, daß man fürchtete, seine Augen würden aus ihren Höhlen fallen.— Andersen stützte stets seine beiden Hände auf einen Eichenstock und erhob selten die Augen vom Brette, bever der Sieg für ihn entschieden war.— Schleinitz zeichnete sich bezüglich der mechanischen Bewegungen beim Spiele dadurch aus, daß er wörtliche Uebersetzung der Annonce eines Tintenfabrikanten: Im Laden Tae=shing— sehr reichl — sehr gute Tinte, fein! fein! Altes Geschäft. Urgroßvater, Vater und Sohn fabrizierten diese Tinle; fein und fest, ganz fest haftend! Material dazu gewählt und sorgsältig gereinigt. Ich verkaufe diese Tinte aus erster Hand. Die Tinte ist schwer— sie ist wie Gold. Wie das Auge des "en Abend, im prunkenden Glanze, Da wurde es prächtig gemacht, fehlten die Frauen im Kranze Als güldenste Blumen der Pracht. Doch als dann klein Suschen voll Grauen. Beklagt, daß dabei sie gefehlt, Sprach Murterchen:„Solltest Dich schämen, Ganz bist Du davon ja beseelt." G Scherzrätsel. Wd Wd Von Schach=Aufgabe. Robert Braune.(Barmer Problemturnier.) 2 90 Fluss Gang Schwarz. Jechssilbige Scharade. 3 abcdef Weiss.(9+-9=18) Weiß zieht und setzt in zwei (Auflösung folgt in nächster Nummer.) Drachen glitzert und funkelt, so auch diese Tinte. Kein andrer vermag sie herzustellen. Andre, die Tinte fabrizieren, tun das, um elendes Geld und Schätze aufzusammeln— ich tue es nur des Ruhmes wegen. Mancher A=Kwan=tsaes(gebildete, junge Mann) kennt meine Tinte. Kein andrer vermag sie herzustellen— meine Familie hat sich nie erniedrigt, sondern immer auf ihren guten Namen gehalten. Ich mache Tinte für„den Sohn des Hörst Du im Waldesschatten Das erste Silbenpaar? Siehst Du auf grünen Matten Dort seine bunte Schaar? Stets mög' die Dritte klingen Hell in der Tasche Dein! Auch möge stets durchdringen Sie kräftig Dein Gebein! Es ist die vierte Silbe Ein Fluß, mein liebes Kind, (— nenn' ihn geschwind!— Ein Ding wie eine Milbe Die fünft' und sechste sind. Du kennst wohl schon das Ganze Im weißen kleinen Topf? Mit seinem zarten Glanze Erhellt's manch dunkeln Kopf. Auflösungen folgen in nächster Nummer. Nachdruck aus dem Inhalt d. Bl. verboten. vom 11./ VI. 70. Verantwortlicher Redakteur A. Ihring, Berlin. Druck und Verlag von Ihring à Fahrenholtz, Berlin 8. 42, Prinzenstr. 86. Wern! Berl des Kaise Ostafrika 11. Juni hat am 1 angetreten bindung; de berg die die Aufst zur Unter gung zu tigen Hat terworfen Liwale. D. wärtiga die LandsAuflösungen aus voriger Nummer: des Original=Rebus: Einer gegen viel hat ein sch immes Spiel; des zweisilbigen Rätsels: Infant; der dreisilbigen Scharade: Nordhäuser; der Umstellungsaufgabe: Mahl, Erbe, Christ, Koran, Leben, Ernst, Relken, Bart, Alanen, Reise, Garten, Serbe, Torf, Raum, Elise, Lama, Ihna, Tafel, Zeus. „Mecklenburg-Strelitz.“ Peter Petersbur (Taurien) Scheremet digt wird, leitet zu h Pet ster noch e rittener P schüsse geti In Sche kurzes w tung von Warse deren Kor die Werkst Eisenbahn vernichtet. zurückzufül Kopen Grönlande forschers von hier abgeganger anwesend Expedition vor der Al ein, darunt welchem er Resultat si ausspricht. Madr vollmächti tionen in zugeben, schwebende hen, die si nien befin ster des A ist auf mor den dieselbe zuteil werd Madri Arbeiter in In Bedar 1 arbeiter. 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