— verbu! im Winter 19.8 und im Sommer 66,9 Prozent. Es müssen also in den Sommermonaten zwei Drittel der hannoverschen Landarbeiterjugend über 60 Stunden in der Woche arbeiten! Und Landarbeit ist nicht leicht. Hinzu kommt, daß Urlaub in den seltensten Fällen gewährt wird. Es erhielten 1 bis 3 Tage 4,8 Prozent, 4 bis 5 Tage 0,9 Prozent, 6 bis 8 Tage 5 Prozent, 9 bis 10 Tage 0,9 Prozent, 11 bis 14 Tage 1,4 Prozent und über 14 Tage 2.6 Prozent; keinen Urlaub erhalten 82,8 Prozent. Sonntagsarbeit ist auf dem Lande, besonders in der Erntezeit, die Regel. Daß die Jugend bei solchen rückständigen Arbeitsverhältnissen lieber in der Fabrik als beim Bauer arbeitet, ist selbstverständlich. Die Landflucht, um die von bürgerlichen und nationalen Kreisen so viel Geschrei gemacht wird, hat hier ihre stärksten Ursachen. Wer ernsten Willens ist, die Entvölkerung der Dörfer und die Leutenot in der Landwirtschaft zu beheben, muß sich mit allen Kräften einsetzen für bessere Arbeitsbedingungen der Landjugend. Führerin um die bitter notwendige Besserung der Freizeitverhältnisse der werktätigen Jugend ist die Soziakistische Arbeiterjugend. Sie fordert für die schulentlassene Jugend Festsetzung einer täglichen Höchstarbeitszeit von sechs Stunden; Gewährung einer ununterbrochenen 36stündigen Sonntagsruhe; drei Wochen bezahlten Urlaub. Für die Jugendlichen von 18 bis 20 Jahren 14 Tage bezahlten Urlaub. Diese Forderungen sind die Forderungen der gesamten deutschen Arbeiterbewegung; die freien Gewerkschaften treten für sie ein in Tarifverhandlungen; die Sozialdemokratie streitet für sie in den Parlamenten. Erfüllt werden diese Forderungen um so schneller, je mehr sich die arbeitende Jugend für Jugendschutz und Jugendrecht zusammenschart im Verband der Sozialistischen Arbeiterjugend. Gustav Weber. Fampf dem Rausch! A.:„Ich will dir erzählen, warum ich gegen den Alkobol bin. Einst lebte auch ich sorg= und arglos in die Welt hinein und ahnte nicht die großen Gefahren, die mit dem Genuß von Alkohol verbunden sind. Meine Eltern wußten das wohl auch nicht, sonst hätte mich der Vater nicht schon als kleinen Jungen aus seinem Glase trinken lassen und die Mutter hätte mir nie in den Tee Rum hineingegossen. Aber dadurch wurde das Trinken von alkoholischen Getränken eine Selbstverständlichkeit, die nach meiner Meinung nicht gesundheitsschädlich sein konnte. Darum trank ich als Lehrling und als junger Geselle genau so, wie alle übrigen das auch taten— ob ich nun durstig war oder nicht.„Das wäre schon traurig, wenn es einen nicht mal ein Schlückchen zum Trinken mehr leiden würde!“— so sagte ich, wie alle übrigen gedankenlosen Gewohnheitsmenschen auch sagten. Also ich trank so mäßig, wie viele andere Menschen auch. War ich müde oder sorgenvoll— ein Gläschen machte mich munter, ja sogar ausgelassen. Dafür war ich eine Stunde später noch trager, mißmutiger, schlapper. Einmal hatte ich einen wirklichen Rausch. Schlechte Freunde, Wirt und Wirtspersonal und eigene Willenlosigkeit ließen mich(wie so viele Menschen) irren, wo die Grenze meiner„Leistungsfähigkeit" lag. Der Katzenjammer, der diesem Rausch folgte, zeigte mir zum ersten Male die vergiftende Wirkung des Alkohols auf.“ V.:„Ich meine, wenn man mäßig trinkt, dann kann es einem nicht schaden! Es gibt viele Menschen, die auch trinken und trotzdem ein hobes Alter erreichen! Wovon sind die alten Germanen so gesund und stark geworden, als vom Trinken? Sie lagen auf der Bärenhaut und tranken eben immer noch eins!“ A.: aber lieber Freund, glaubst du denn wirklich diesen alten aufgelegten Schwindel? Die alten Germanen waren doch keine Sippe von Fettbauchen! Und desbalb, weil auf dem höchsten Fest der Germanen gäriger Meth getrunken wurde, darn du ncht glauben, die Alten hätten täglich ihren Humpen geleert.— Aber zum andern! Gerade das „mäßige". Trinken hat seine großen Gefahren, weil die schädliche Wirkung des Alkohols eine ganz langsame, schleichende ist. Das für viele Menschen übliche Quantum wirkt im Körper gewöhnlich 24 Stunden. Wer also täglich trinkt, kommt aus der Alkoholwirkung nie heraus. Der Alkohol wirkt wie ein Dieb. Er stiehlt aus den Zellen des Körpers die feinsten und edelsten Stoffe fort, so daß diese Bausteine unseres Organismus schwach werden. Es werden besonders Gehirn= und Keimzellen geschwächt, und das ist sehr nachteilig für diese Menschen, noch mehr aber für ihre Nachkommenschaft!" B.:„Da wäre ja der Alkohol an vielen Entartungserscheinungen der Menschen schuld?“ A.:„Aber selbstverständlich! Hast du noch nie von der erblichen Belastung der Trinkerkinder gehört? Hust du nie davon gelesen, daß die Töchter von Trinkern bis zu 70 vom Hundert ihre Säuglinge nicht mehr stillen können? Weißt du nicht, daß Idiotie und Verblödung sehr oft der Trunksucht der Eltern zuzuschreiben ist? Kennst du den Jammer jener Mütter, die mit solchem Nachwuchs geschlagen wurden?" B.:„Nein, darum habe ich mich nie bekümmert! Mir ist nur aufgefallen, daß in den Wirtshäusern die meisten Raufereien sind, Messerstechereien usw., und daß gerade an Samstagen und Sonntagen die meisten Gewalttaten geschehen. Ich dachte aber immer, das sind eben rohe Arbeiter, die keine Kultur haben.“ A.:„Du würdest da der Arbeiterschaft im ganzen sehr unrecht tun. Der Alkohol ist es, der bei allen Menschen die besseren Regungen erstickt und sie zur Roheit erst fähig macht. Der Alkohol macht egoistisch, behaupte ich. Die einen prügeln Frau und Kinder— die andern lassen sie hungern und tragen das mühsam erworbene Geld zur Schenke— oder versäumen mindestens, höhere kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen. Denk mal an: 4 Milliarden Mark sind durch diesen volksvergiftenden Egoismus, durch die Trinksitten, in diesem Jahre in die Kanäle und Gossen Deutschlands nutzlos geflossen. Von den vielen Schäden, die den Einzelnen durch Krankheiten, Unfälle usw. zugefügt wurden, ganz zu schweigen!" B.:„Ueber die vielen Straftaten, die Zahl der Trinker unter denjenigen, die reif für die Irrenhäuser sind, habe ich mir schon Gedanken gemacht, ob man das nicht verhindern könnte. Aber ein Alkoholverbot, meine ich, wird noch mehr Schwindler, Schieber usw. bringen, wird also die Zuchthäuser erst recht füllen...“ A.:„Lieber Freund! Ein Alkoholverbot droht in Deutschland vorläufig doch nicht! Im übrigen wissen die Arbeiterabstinenten nur zu gut, daß in der kapitalistischen Gesellschaft sich immer käufliche Elemente finden werden, um Betrügereien und Schiebereien zu machen. Das geschieht ohne Alkobolverbot auch in reichstem Maße! Als junge Menschen wollen wir uns lieber vom Alkohol völlig frei machen durch unseren Willen! Wir wollen uns von keinem Gift des Kapitalismus das Hirn verseuchen lassen— nicht von seiner Presse, nicht von seiner Lehre und nicht von seinem Hauptgifte: dem Alkohol! Unsere Parole muß lauten„Nie wieder Alkohol!" Sepp Kiene. Die kleine Jür Es ist nur eine kleine Tür, Zwei Meter hoch, nicht einen beeit, Und dennoch geht daraus herfür Das allergrößte Weh und Leid. Es geht durch diese Tür hinaus Bei heis'rer Kehlen wirrem Schall Manch schöner Hof. manch stattlich Haus, Fabrik und Mühle, Scheun' und Stall. Es ist nur eine kleine Tür. Zwei Meter hoch, nicht einen breit, Und doch geht durch die Wirtshaustur Biel deutscher Frau'n und Kinder Leid. v. Kaufnicht * * * Karl Kautsku Zum 75. Geburtstag des Denkers und Führers des Proletariats. Von Willy Scholz. Kautsky, dieser Name ist ein Symbol der proletarischen Klasse. Kautsky stammt nicht aus dem Proletariat— sondern aus einer Bürgerfamilie aus Prag. Dort wurde er am 16. Oktober 1854 geboren, in einer Zeit, wo die Reaktion Morgenluft witterte. Kautfkys Vater war Tscheche und zeitlebens tschechisch=national veranlagt, seine Mutter dagegen war eine Deutsche. Die erste Zeit schwärmte Kautsky für die nationale Idee tschechischer radikaler hussitischer Art. Besondere Männer übten früh einen Einfluß auf sein Leben. Huß, der revolutionäre Erheber gegen Kirche und Kaiser, Kossuth, der Empörer gegen das habsburgische Regiment und Garibaldi, der Befreier Italiens. Die Wirkungen blieben nicht aus Von dem Krieg(1870) wurde der 16jährige Gymnasiast sehr ergriffen. Daß nach dem Sturz Napoleons und des französischen Kaiserreiches die Ausrufung der Republik folgte, begeisterte ihn. Zum ersten Male wurde er auf eine Bewegung gestoßen, die ihm bis zu der Zeit fremd war. Zum ersten Male hörte er da von dem Gedanken des Sozialismus. Mit aller Aufmerksamkeit verfolgte Karl Kautsky die Idee der aufstrebenden proletarischen Klasse. Nie konnte er genug darüber erfahren— denn die Zeitungen verschwiegen den Sozialismus. Nach einigen Jahren kam Kautfky in nähere Berührung mit der sozialistischen Bewegung. Zuerst mußte die Enge des Elternhauses zerstört werden. Dies war schwierig, aber Kautsky vermochte alle Hindernisse zu überwinden. Seine erste sozialistische Literatur waren die Romane von George Sand und die historischen Werke von Louis Blancs, die die Epoche des Revolutionsgeschehens von 1848 behandelten. Diese geistige Kost brachte den damaligen jungen Streiter auf die Ebene des Sozialismus. Im Herbst 1874 bezog Karl Kautsky die Universität Wien. Die Stätte der„freien Forschung und Lehre“ stand ihm nunmehr offen! Im Anfang des Jahres 1875 trat der junge Kautjky der Sozialdemokratischen Partei bei— um in ihr seine Kräfte zur Entfaltung zu bringen, sich zu beteiligen an der Befreiung der proletarischen Klasse Die Zeit der Vergangenheit erforderte die Hingabe des ganzen Menschen für die Idee. Es war damals schwer, sich zum sozialistischen Gedanken zu bekennen. Besonders in Oesterreich war die herrschende Klasse bestrebt, die keimende Saat der klassenbewußten Arbeiterschaft zu vernichten. Kein Mittel wurde gescheut. Zudem hatten die österreichischen Gewalthaber leichtes Spiel, weil die junge und nicht starke Partei in viele Gruppen getrennt nebeneinander marschierte. War es schon schwer, als Handarbeiter Sozialdemokrat zu sein, so war es noch schwerer, als Kopfarbeiter Sozialdemokrat zu sein, aus dem einfachen Grunde— wei! die betreffenden Menschen, die zur Sozialdemokratie gehörten, überhaupt keine Gelegenheit hatten, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaftsordnung ihr Leben zu formen. Die Partei konnte Kautsky in der Frühzeit nicht befriedigen, aber später, als die sozialistische Bewegung immer mehr an Macht und Bedeutung zunahm und Kautsky mit Führern nicht nur des österreichischen Proletariats, sondern auch mit Führern des Auslandes in Berührung kam, schwoll seine Kampfbegeisterung mächtig an. Nicht nur praktische Arbeit verrichtete er, sondern die wissenschaftliche Arbeit war sein Lebenswerk. Sein ganzes Denken beruhte auf der materialistischen Geschichtsauffassung. Dem großen sozialistischen Denker Karl Marx stand damals Karl Kautsky kühl gegenüber. Er gab im Frühjahr 1878 ein Buch heraus, das betitelt war „Der Einfluß der Volksvermehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft". Dieses Buch erschien aber erst im Herbst 1879 in Wien. Hindernisse waren an dem verspäteten Erscheinen schuld. Wir sehen daraus, daß der junge Karl Kautjky sehr früh geistige Waffen für das Proletariat schmiedete. Noch war es ihm nicht klar, welchen Broterwerb er ergreifen sollte, denn je aktiver er im Kampf für den Sozialismus seine Kraft einsetzte— um so mehr verschlechterten sich seine Aussichten, Mittel= oder Hochschulprofessor zu werden. Als kein anderer Ausweg blieb, entschloß der junge Kautfky sich. weiter zu studieren, um den Doktor zu machen. In die Doktorarbeit fiel plötzlich ein Ereignis, das ihn mitten in die Welt des Sozialismus versetzte. In Deutschland wurde um das Jahr 1879 herum die aufstrebende Klasse der Menschheit stark unterdrückt. Die gesamte Bewegung war verboten durch das Ausnahmegesetz und die deutsche Sozialdemokratie verlegte ihren Sitz nach Zürich. An diesem Orte wirkte unermüdlich auch Karl Kautjky neben Wilhelm Liebknecht und Eduard Bernstein und anderen großen Sozialisten für die Weiterverbreitung der sozialistischen Ideen. Bernstein, der zu der Zeit des Einigungskongresses der beiden sozialistischen Parteien in Gotha 1875 sich zur BebelLiebknecht=Richtung bekannte und ausgerüstet war mit dem Schlagzeug des politischen Tageskampfes, machte auf den jungen Karl Kautsky tiefen Eindruck. Gemeinsam studierten sie den marxistischen Gedanken des großen Lehrmeisters Karl Marx. Karl Kautsky stellte nicht nur dem„Züricher Sozialdemokrat" seine großen Kräfte zur Verfügung, sondern stand auch sonst mitten in dem Tageskampf des arbeitenden Volkes. Manchmal wurde die Schreibweise des „Sozialdemokrat“ mit kritischen Bemerkungen bedacht, weil die Schreibweise Karl Marr und Friedrich Engels nicht ganz befriedigten. Die Mißverständnisse schaffte Karl Kautsky aus der Welt, als er im Jahre 1881 von Bebel nach London gesandt wurde, um mit Karl Marx sämtliche Koufliktsstoffe zu beseitigen. Dieses Zusammentreffen war das erste. Karl Marx war damals schon ein kranker Mensch, nack einem halben Jahre raffte ihn der Tod hinweg. Die Freundschaft Karl Kautskys mit Friedrich Engels wurde unzertrennlich. Mit aller Intensität beschäftigte sich Kautrky von nun an mit dem sozialistischen Wissensstoff. Alle seine öko streng nach marxistischer Methode geschrieben. Aber Kautsky war nicht einer von denen, die im Weg zum Ziel gleichen Schritt hielten, sondern seine Gedankengänge kamen sehr oft ins Gehege mit denen anderer sozialintischer Theoretiker — vor allem mit Eduard Bernstein, der um das neunzehnte Jahrhundert eine Stellung innerhalb der deutschen Sozialdemokratie einnahm, die Karl Kautsky zum Gegengefecht herausforderte. Bernstein, der für Reformarbeit im Staate des monarchischen Systems eintrat, bezeichnete viele theoretischen Abhandlungen als Utopie. Auf dem Parteitag in Stuttgart 1898 wurde mit aller Heftigkeit der Prinzipienstreit zum Ausdruck gebracht. In der Schrift„Bernstein und das sozialdemokratische Programm“ schält Karl Kautsky eingehender seine Ansichten hervor. Kautsky tritt in derselben für die Zusammenbruchstheorie ein. Er verwies auf die Notlage des Proletariats in den Großstädten. Mit aller Energie verteidigte Kautsky zum Ende der Schrift das Erfurter Programm und die herrschende Parteitaktik, die er gegen den Vorwurf des Blanquismus verwahrte, ohne den Charakter des Revolutionären zu bestreiten. Die Fragen, in die sich die Partei festgebissen hatte(Revolution oder Evolution) wurde die Partei nicht mehr los. Mit aller Deutlichkeit bewies das der Parteitag in Hannover 1899. Die einzelnen Debatten beherrschte der Revisionismus. In einer Resolution, die Bebel verfaßte, wurden sämtliche Klippen der Gegensätze überwunden. Der Kampf nahm zwischen Kautsky und Bernstein noch heftigere Formen an, als Kautsky die Schrift herausgab„Der Weg zur Macht“, und die langen Auseinandersetzungen, die sich daran knüpften, kristallisierten sich in der Frage, ob die gewerkschaftliche Betätigung der Arbeiterklasse eine Besserung ihrer Lage herbeiführen könne, oder ob die gewerkschaftliche Tätigkeit als„Sisyphusarbeit" zu betrachten sei. Die und Entwicklung ist die Lehrmeisterin der Geschichte. Mehr denn je wissen wir heute, daß sich die Partei durch die Gewerkschaften ergänzt. Wenn auch Karl Kautfky mit der Linken in der Sozialdemokratie marschierte, so unterschied er sich in der Frage des Massenstreiks von Rosa Luxemburg und Mehring, die die Vertreter der äußersten Linken in der Partei waren. Die Sozialdemokratie kam durch den Weltbrand 1914 in neue schwere Kämpfe, die sich nicht zum Gedeihen der sozialistischen Arbeiterbewegung auswirkten. Ein starker Riß machte sich innerhalb der Partei über die Stellung zum Kriege bemerkbar. Hier finden wir die Kriegspolitik Kautskys und Bernsteins in einer Linie marschieren. Karl Kautsky war das geistige Haupt der neuen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, bis nach dem Beginn der Revolution der Einfluß Karl Kautskys sank. Die Entwicklung nahm einen anderen Weg, wie er es erhoffte. In dieser Zeit war der Führer Karl Kautsky am heftigsten umstritten. Auf weiter Flur stand dieser Kämpfer des Proletariats allein, abseits von der Bewegung der Mehrheitssozialisten, ohne aber in der Unabhängigen Sozialdemokratie einen Rückhalt zu finden. Diese Zeit brachte Kautsky viele Enttäuschungen. Er verließ Berlin, die bisherige Wirkungsstätte, und siedelte nach Oesterreich über. Sein Bestrebe war, von dort aus konsolidierte Verhältnisse herbeizuführen. Diesem Ziele widmete Karl Kautsky seine ganze Arbeit. Mit aller Energie hat Karl Kautsky, sowohl als Wissenschaftler wie auch als Politiker, unermüdlich seine ganze Kraft in den Dienst des Proletariats gestellt. Als Theoretiker hat es Kautsky verstanden, trefflich aus dem praktischen Leben zu schöpfen. Da zeigt er sich vor allem als der kämpfende Marxist. Aus den Tatsachen der Entwicklung sucht er die Maßnahmen taktischer Art zu treffen. Er, der besonders ein Gegner der Kommunisten war, sollte mit allen Mitteln von diesen durch Verleumdung unmöglich gemacht werden. Kautsky kam später nach dem Revolutionsgeschehen 1922 zur Vereinigten Sozialdemokratie. In dieser wirkt er heute noch mit aller Enerige, nicht nur für das deutsche Proletariat, sondern für das gesamte Proletariat thoden, nach denen der proletarische Klassenkampf geführt werden soll. Alle seine Dienste am Proletariat bleiben der Jugend ein Vorbild. Die junge proletarische Klasse hat die Pflicht, mit aller Kraft den Geist Karl Kautskys wahrzumachen.— In diesem Sinne gedenken wir des großen Lehrmeisters des Proletariats. Worte zum Nachdenken Mit zwanzig Jahren hat man die Welträtsel gelöst, mit dreißig Jahren fängt man an darüber nachzudenken, und mit vierzig Jahren findet man, daß sie unlösbar sind. August Strindberg. * Die nichts wissen, und wissen, daß sie nichts wissen, sind mir lieber als die, die nichts wissen und nicht wissen, daß sie nichts wissen. Bekanntes Wortspiel. Wissen ist Macht. Ferdinand Lassalle. Der Keißsporn Der Heißsporn ist ein Schädling in der politischen Bewegung des Volkes und vom politischen Feuerkopf wohl zu unterscheiden. Begeisterung soll und muß sein. Denn Begeisterung ist Leidenschaft und damit stärkstes Lebensgefühl. Der leidenschaftliche Mensch erlebt sich bis in die feinsten Fasern seines Wesens. In ihm glüht es und lodert es aus der Tiefe herauf. Da will es. Da muß es. Da kann es nicht anders. Und da kommt es dann nur auf das Eine an, daß sich diese herrliche Leidenschaft wollender Menschen nicht in Leidenschaften verpufft und im Wüten des Heißsporns. Herrschaft über die Leidenschaften, wie Nietzsche es einmal genannt hat. Leidenschaft von Erkennen zusammengehalten und geleitet auf den rechten, gangbaren Weg, der praktisch zum Ziele führt. In disziplinierten Menschen ist die Leidenschaft des lebendigen Wollens verbunden mit Wissen und mit Vernunft. Der disziplinierte Mensch ist Einheit von Sturm und Klarheit, von Begeisterung und Verstehen des Augenblicks. Wir lehnen die herrliche Leidenschaft nicht ab, wenn wir zur praktischen Besinnung mahnen. Nur den Heißsporn halten wir mit seinem schädigenden Treiben fern. Wir wollen zum disziplinierten Menschen bilden, zur geschlossenen Kämpferpersönlichkeit, in der sich das Hirn bindet mit dem Herzen. Schreiten von Feuer durchglüht, aber nicht nur von Feuer durchglüht sein, ohne zugleich zu schreiten. Praktisches Handeln. Positiv wirken zum stolzen Ziele hin. Durchlodertes Tatmenschentum: herrliches Ziel unserer Bildung! Und wir setzen so mit ungeheurer Fülle gespanntester Energie den Hebel gestaltender Freiheit an. Dr. Gustav Hoffmann. Gegen den Strom Was erstreben wir Sozialisten? Eine neue Ordnung der Dinge! Neue Gesellschafts=, Wirtschafts=, Staatsverhältnisse. Auch neue Menschen? Ja und nein. Nein antworten wir auf jene höhnischen Vorhaltungen unserer Gegner, welche uns darauf hinweisen, daß Mensch Mensch bleibt, daß der Mensch das Menschliche mit allen Fehlern, Schwächen und Unvollkommenheiten nicht abstreifen kann, daß wir keine Idealmenschen schaffen können. Aber freudig bejahen wir zugleich unsern Willen, das Denken und damit das Handeln der Menschen so vollkommen wie nur möglich zu gestalten. In dem Maße, wie unsere Gegner sich selbst und ihr Denken und Handeln für vollkommen halten, wollen wir die gleiche Ueberzeugung bei der großen Masse der Menschen hervorrufen, heranbilden, und zwar mit dem ge——. „ E.* * menheitsbewußtsein des„neuen" Menschen aus der Grundlage der Selbstlosigkeit, des absoluten Gemeinschaftssinns, der Freude am Leben und dem Drang nach Idealen beruht. Mit dem Strom zu schwimmen ist der Rat, der uns in verschiedenartigster Form immer wieder aus dem Munde unserer Gegner entgegenströmt. Sie möchten, daß wir in phlegmatischer und kritikloser Gleichgültigkeit die Dinge so hinnehmen, wie sie nun einmal sind, und höchstens mit der Hoffnung auf„naturgemäße", langsame Fortentwicklung zum„Besseren" begnügen. Sie, unsere Gegner selbst, haben gewöhnlich alle Ursache, mit dem derzeitigen Stande der Dinge zufrieden zu sein, denn sie sind die durch die Gegenwartsverhältnisse Bevorrechtigten, Meistbegünstigten. Sie haben gut reden. Sie haben allen Anlaß, mit dem Strome zu schwimmen. Sieträgt der Strom. Die anderen reißter mit sich fort, willenlos, und, wenn auch nicht immer ins Verderben, so doch auf keinen Fall dem Lebensglück entgegen. Welcher Strom? Der des sich im Rahmen der kapitalistischen„Weltordnung“ abspielenden Lebens. Und gegen diesen Strom schwimmt die Sozialdemokratie, arbeitet der Sozialismus. Diesem Strom einer menschenunwürdigen Weltordnung setzen wir den einer besseren Ordnung der Dinge entgegen. Und mit dem müssen wir schwimmen, den müssen wir mit aller Kraft unseres Herzens, unseres Sinnes zu vergrößern, zu verbreitern, zu vertiefen, zu verstärken suchen. Und mit diesem Strom schwimmen, heißt gegen jenen Strom schwimmen. So weit und wo immer es möglich ist! Noch ist der gegnerische Strom der meistens mächtigere. Er beherrscht Staat und Gesellschaft, Wirtschaft und Geistesleben. Zähneknirschend sehen wir uns in das wirtschaftliche Joch der kapitalistischen Profitwirtschaft gespannt, an deren Stelle wir die sozialistische Bedarfswirtschaft zu setzen trachten. Zähneknirschend sehen wir mit an, wie dank der Unreife weiter Bevölkerungskreise auch der heutige Staat fast völlig auf die gegnerische Anschauung eingestellt ist. Aber geistig und gesellschaftlich sind wir frei, sind wir nicht an jenes gegnerische System gebunden, vermögen wir gegen den Strom zu schwimmen! Fast haarscharf ist für den Einzelnen die Grenze gezogen, diesseits welcher er zwangsweise„mit dem Strome schwimmen“ muß, jenseits welcher er aver gegen den Strom schwimmen kann, darf und daher soll! Und je selbstbewußter wir sind, je mehr in uns sozialistisches Ehrgefühl lebt, desto peinlicher beachten wir die Grenze. Und daher schwimmen wir(oder sollten wir schwimmen) gegen alle diejenigen Lebesformen der bürgerlichen Gesellschaft, welche diese letzteren im wesentlichen zum Zwecke ihrer Selbsterhaltung geschaffen hat. Wie oft werfen bei gewissen Gelegenheiten die Bürgerlichen uns vor, daß wir ihre Allüren, ihre Gepflogenheiten, ihre Formen usw., mitmachen, nachmachen! Wie unbändig freut sich dieser oder jener Zweig des Kapitalismus, daß das Proletariat— allen seinen theoretischen Kampfzielen zum Trotz— ihm so treue, so sklavische Gefolgschaft leistet! Wie unendlich weit entfernt uns all dieses unnötige, vermeidbare „Mit=dem=Strom=schwimmen“ von unseren eigentlichen Aufgaben, unseren hohen, unseren höchsten Idealen! Zur Schaffung einer neuen Ordnung der Dinge gehört vor allem die Erkenntnis dessen, was gut, was richtig, was zweckmäßig ist. Wahre Werte müssen erkannt, Scheinwerte verachtet werden. Wir leben in vielfacher Beziehung im Zeitalter der Oberflächlichkeit, der Unnatur, der Aeußerlichkeit, der Lüge. Gegen den Strom dieser Erscheinungen gilt es zu schwimmen. Nicht mit irgendwelcher, ebenso auf öder Tradition beruhenden Muckermiene, sondern aus Vervollkommnungsdrang, aus Fortschrittsbewußtsein, aus begeistertem Streben nach Befreiung, nach Idealen! Sie, die die Macht in Händen haben, werfen uns bekanntlich so gern„Materialismus“ vor. Dabei beruht gerade ihre Macht auf der Materie. Aber trotzdem würde sachen beruhen, wenn wir nichts weiter wollten, als schematisch unsere Macht an die Stelle der ihrigen setzen. Was wir wollen, ist eine neue Ordnung der Dinge, bei welcher das Materielle wie das Geistige seine gebührende Berücksichtigung im Rahmen des Rechtes findet. H. G. Die Freizeitnot der arbeitenden Jugend Seit Jahrzehnten kämpft die organisierte Arbeiterschaft um Verkürzung der Arbeitszeit, um Gewährung von bezahltem Urlaub. Langsam hat sich die 48=Stunden=Woche in Industrie und Handel und in Verkehrszweigen durchgesetzt. In vielen Berufen sind bezahlte Urlaubstage wichtige Stücke in den Tarifverträgen. Es steht außer Zweifel: auf dem Gebiete der Freizeit ist die Arbeiterschaft im zählen Ringen mit den Unternehmern manchen Schritt vorwärts gekommen. Der Erfolg kann aber nicht genügen; schon deswegen nicht, weil die wachsende Mechanisierung und Entgeistigung aller Arbeitsprozesse die Notwendigkeit einer ausreichenden Freizeit in erheblichem Maße gesteigert hat. Verkürzung der Arbeitszeit, bezahlter Urlaub sind nach wie vor Losungen auf den Sturmfahnen der Arbeiterbataillone. Die Erfolge der Freizeitbewegung können ganz und gar nicht genügen für die jungen Arbeitenden. In„ der lebenswichtigen Zeit des Werdens und Reifens an Körper und Geist stehen sie am Schraubstock, an der Hobelbank, sitzen sie auf den Kontorschemeln und an Schreibmaschinen, laufen sie hinter schnaubenden Pferden durch lose Aecker und haben wenig Mußezeit zur Erholung und Besinnung. Nur wer selbst als junger Mensch eingespannt war in eine seelenlose Arbeitsfron, Tag für Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr und ohne Aussicht auf Aenderung, der weiß die Bedeutung eines frühen Feierabends, eines langen Sonntags und einer Ferienwoche zu würdigen. Jede arbeitsfreie Stunde ist für unverdorbene Jugend eine Quelle der Kräftigung. Jede Ferienwoche ist ein Born, an dem sich Hirn und werz gesund trinken. In Deutschland gibt es nach der letzten Volkszählung im Juni 1925 5,24 Millionen Jugendliche von 14 bis 18 Jahren und 3,86 Millionen Jugendliche von 18 bis 21 Jahren. Diese rund neun Millionen Burschen und Mädchen sind im Reichsdurchschnitt zu 80 Prozent erwerbstätig. Zu der Ausstellung„Das junge Deutschland“, die zum ersten Male im Sommer 1927 in Berlin und dann in einer Reihe weiterer Großstädte gezeigt wurde, waren umfangreiche Erhebungen über die Arbeits= und Lebensverhältnisse der arbeitenden Jugend angestellt. Von rund 90000 befragten Jugendlichen hatten 63 Prozent eine 48stündige Arbeitswoche, 29,2 Prozent arbeiteten 49 bis 60 Stunden, 7/8 Prozent mußten über 60 Stunden arbeiten. Ueber ihre Urlaubsverhältnisse machten 107000 Jugendliche Angaben. Davon hatten 23,1 Prozent überhaupt keinen Urlaub: einen einigermaßen ausreichenden Urlaub von mehr als acht Tagen hatten nur 15 Prozent. Sonntagsarbeit ist noch weit verbreitet. Von 103044 befragten männlichen Jugendlichen mußte jeder achte, und von 54 660 befragten weiblichen Jugendlichen jede siebente Sonntagsarbeit leisten. Diese Angaben beziehen sich durchweg auf städtische und industrielle Verhältnisse. Auf dem Lande ist die Freizeitlage der Jugend noch trauriger. Der Landesausschuß Hannover der deutschen Jugendverbände veranstaltete im Frühjahr 1928 eine Umfrage über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage der landlichen Jugend. Ueber Arbeitszeit und Urlaub machten 2456 ländliche Fortbildungsschüler folgende Angaben: Eine wöchentliche Arbeitszeit bis zu 48 Stunden hatten im Winter 14.8 Prozent und im Sommer 9,6 Prozent, 49 bis 50 Stunden mußten im Winter 4,6 und im Sommer 0,3 Prozent arbeiten, 51 bis 52 Stunden im Winter 1,2 und im Sommer 0,9 Prozent, 53 bis 55 Stunden im Winter 23,5 S S 483 85 E F 3 2 T S aEE —*#•.• SE * 5*= A10•T 1• * S Eu ihr, wenn auch noch so unberechtigter Vomuurf auf Tat