Nr. 171 Samstag=Sonntag A7h9n Gratisbeilage zum Warburger Kreisblatt IIIIUIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIIE Erscheint wöchentlich zweimal Geeignete Beiträge willkommen= Nachdruck der Originalbeiträge= verboten Schriftleiter Paul Quick, Warburg Druck und Verlag des Warburger Kreisblattes SIIMNn Nr. 58 WARBURGVM. 23. Juli 1930 5. Jahrgang die Hauen undder Hamde Urheber=Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa. 15. Fortsetzung.) Und nun drüben, jäh hingezaubert, Kopf und Träger eines praven Zehners, scharf umrissen, wie herausgemeißelt gegen den helleren Himmel.— „Oeöh——Oach—— Ahh!" Heran preschte es durch schlagende Zweige, Steine polteren—— Wannenbreit vor mir stand der Zwölfer, wie aus Erz gegossen, den Träger mit der zottigen Brunftmähne vorgestreckt, weißlicher Brodem quoll aus dem Geäß.— Zoll um Zoll hob ich die Doppelbüchse, mitten in der parschen Decke stand das silbernblitzende Perlkorn, suchte astend das Blatt—— „Pang!"——„Klatsch!“ Im Kugelschlag stieg der Kapitale kerzengerade mit den Vorderläufen in die Luft wie ein sich bäumendes Pferd, trachte auf der Hinterhand zusammen.— Und drei— viermal wurde das Echo des Schusses von der Waldwand, den zerklüfteten Schroffen und Schrunden den zurpurschimmernden Berghäuptern zurückgeworfen Mit hartem Druck umspannte der Oberförster mein Handjelenk. „Der Kapitale liegt, aber wir wollen noch warten. Na— hirschfieber?" Ich brannte mir eine Zigarette an, lächelte: „Ja," sagte ich ehrlich,„und ich beneide keinen, der ebenso zuhig auf ein edles Stück Schalenwild abkommt wie auf eine Scheibe!“ Immer neue, lodernde Feuerbrände entzündeten sich hoch über uns am Lup, Tiva, lupuliu, am Rusul, Tilvagina Toplita mic, Toplita mare, am Mosviac, Cracu brazilov. Pusrasin mare und Hunca purcului. Von innen heraus schien das Urgestein in Rotglut, in schimmerndes Gold und Silber verwandelt zu werden, gleich gigantischen Fackeln flammten die höchsten Zacken und Zinnen. Nur in den Kaminen lagerte loch geheimnisvolles, violettes Dämmern.— Sieh! Nun euchteten an den Steinhängen purpurne Rosen, Zauberjärten.—— Herr Pipér klopfte seine Jagdpfeife aus. „Wir wollen zum Anschuß gehen.“ Sparriges Geäst griff nach uns, der Standhaue mußte freie Bahn schaffen.— Und da—— da—— ein ragender knörriger Eichenast?! Nein— eine Geweihstange!— Mit einem Sprung stand ich neben dem längst verendeten Zwölfer, über dessen gebrochenen Lichtern smaragdener Glanz ag— stand stumm, nahm den verwitterten, zermürbten Lodenhut ab, erwies dem schmerzlos gefällten Recken, die etzte Ehre. Waren es Sekunden, Minuten, Viertelstunden? In solchen Augenblicken wägt man nicht, die Zeit scheint still zu stehen. Hinter mir knackte es. Auf blankem Hirschfänger überreichte nir der Oberförster den schweißgetränkten Latschenbruch: „Weidmannsheil!“ „Weidmannsdank!“ Und nun kniete ich nieder— prüfte den Sitz der Kugel— ein klein wenig Hochblatt, da wo Herz und Lunge sich decken, vo die Hauptnervenstränge, die Schlagadern zusammenreffen— der Kapitale hatte den Knall nicht mehr vernomden! Ein Haupthirsch, der stärkste Hirsch meines langen Jägerlebens, lag vor mir.— Nur ein Zwölfer— aber was ür einer! Kohlschwarze, edelgestellte, tiefgerillte Stangen, übersät mit erbsengroßen Perlen, von der matt gelblich=rötichen Tönung der Pfirsichblüte, unterarmlange Enden, an denen schneeweiß die Spitzen schimmerten, Spitzen die über)aucht waren von dem durchsichtigen, silbrig flimmernden Blanz köstlichster Jabaperlen— Und Kronen wie Keulen o stark!— Vierzehn, sechzehn Enden mochte der Hochgeweihte jetragen haben, hatte dann zurückgesetzt,— nur das von Jahr zu Jahr die Stangen massiger, höher geworden waren! Und ein wehrhafter Kämpe in heißen Turnieren um Minneiold nußte es gewesen sein! Eine Eissprosse, ein Kronenende varen angesplittert, ganz leicht nur; denn die stahlharten Stangen brachen nicht wie bei den Gatter=Kraftfuzterhirschen. Narben, Ehrenzeichen'— „Soll ich den Hirsch aufbrechen?" frage Herr Piper Ich lachte nür. „Wo denken Sie hin? Das besorge ich selbst!“ Schwarzbraun, wie reife Haselnußkerne, lagen die stark abzeichliffenen Haken auf meiner Hand. knirschend, mühsam, viderwillig fraß sich das Blatt der kurzen, starken Handsäge zu lange dauerte, wurde mein Verdacht wach. Leise trat ich ins Nebenzimmer, eben zur rechten Zeit, um zu gänge begriff, sah er doch ohne weiteres, daß er es mit spricht. einem gefährlichen Gegner zu tun hatte. (Fortsetzung folgt.) Nr. 171 Marhurgor Samstag=Sonntag A-A0A Letzter Trunk. Skizze von Ossip Dymow.(Berecht. Uebertragung von Erich Boehme.) Der Abend dämmerte bereits, als der Schnellzug nach Chicago bei einer kleinen Station plötzlich halt machte. Im Innern des Waggons wurde es noch dunkler; vier Passagiere hasteten gepäckbeladen zum Ausgang. Draußen hörte man Umherlaufen und lautes Reden. Dann betrat ein neuer Reisender das Abteil, ein mittelgroßer Herr um die Vierzig, mit dem alltäglichen, in keiner Hinsicht auffallenden Gesicht eines in bescheidenen Verhältnissen lebenden grundehrlichen Vertreters des Mittelstandes. Er trug einen stark abgenutzten Paletot mittlerer Preislage, einen reichlich altmodischen, wohl vorjährigen Hut und ebenfalls abgetragenes aber sauber gehaltenes Schuhwerk. In der Hand hielt er einen auch nicht mehr ganz neuen, doch leidlich beschaffenen Koffer. Der Zugestiegene suchte mit den Augen, lange wählend, nach einem freien Sitz, möglichst entfernt von Mitreisenden, wie jeder tut, der es sich im Zuge zwanglos bequem machen möchte. In einem Abteil war eine ganze Seite frei. Er verstaute den Koffer oben im Gepäcknetz, legte bedächtig den Paletot ab und ließ sich nieder. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Dem Neueingestiegenen gegenüber saß eine junge Frau, die starr zum Fenster hinaus blickte. Ihr schönes, einnehmendes Gesicht zeigte dunkle, bräunliche Hautfarbe.„Wahrscheinlich Mexikanerin oder Brasilianerin“, riet der Reisende. Um Kopf und Schultern trug sie ein buntfarbiges Tuch aus teurer Seide. An den dunklen, anscheinend nicht ganz einwandfrei sauberen Fingern blitzten Ringe mit kostbaren Steinen. „Echt!" stellte der Reisende bei sich fest. Doch das Kleid war altmodisch, zerdrückt und ausgesprochen provinziell in der Machart. Es wurde immer dunkler. Plötzlich flammten die elektrischen Lampen im Wagen auf. Der Reisende zog eine etwas plumpe, wohl vom Vater ererbte Uhr aus der Tasche, warf einen Blick darauf und kam zu der Erkenntnis, daß er Hunger hatte. Er holte seinen Koffer von oben, entnahm ihm einige sorgfältig, wohl von der liebenden Gattin, zubereitete und säuberlich in Papier eingeschlagene Butterbrote und begann zu essen. Sein Gegenüber gab es auf, aus dem Fenster in die vorbei eilende Landschaft zu starren. Es war jetzt dunkle Nacht. So erblickte er jetzt ihr Gesicht von vorn: das temperamentvolle, schöne Gesicht einer Südländerin mit etwas geschwollenen, leicht vorgewölbten Augen. „Unser Zug hat keine Minute Verspätung“, bemerkte der Reisende, um doch etwas zu sagen.„Wir kommen ganz pünktlich an.“ „Ist es noch weit bis Chicago?“ erkundigte sich die junge Frau. Der andere brachte wieder seine plumpe Uhr zum Vorschein:„Noch genau— anderthalb Stunden. Es lohnt eigentlich nicht mehr, sich noch schlafen zu legen..." Sein Gegenüber antwortete nicht. „Sie fahren auch nach Chicago?" fragte er.„Sehr große Stadt. Leben Sie dauernd in Chicago?" „Ich fahre zum ersten Male hin." „Ach so. Ich kenne Chicago sehr gut und möchte Ihnen raten, recht vorsichtig zu sein. Trauen Sie keinem Unbekannten über den Weg! Es gibt da schlimme Räuber, denen es nichts ausmacht, einen Menschen kurzerhand totzuschießen oder niederzustechen und dann auszurauben. Natürlich— Von schließlich fällen ja diese Halunken doch einmal herein. Ignatius Moorie haben Sie gewiß gehört?" Sie nickte mechanisch. „Jahrelang hat er die Polizei an der Nase herumgeführt. Schlau wie ein Fuchs war der Kerl und entglitt den Händen der Behörden immer wie ein Aal. Nun ist er zu guter Letzt doch hineingefallen. Heute ist sein letzter Tag.“ Die Mitreisende hörte offenbar nur halb hin und nickte lediglich bestätigend. „Heute nacht wird er gehenkt. Aber— er ist zweifellos ein begabter Mensch. Es hätte sicher etwas Vernünftiges aus ihm werden können.“ „Ja. Er hat einen Polizisten erschossen. Das war wirklich zu arg. Das war zu arg...“ ließ sich jetzt die Schweigsame vernehmen. „Allerdings. Vor Gericht ist alles an den Tag gekommen. Ich habe den Prozeß sehr genau verfolgt. Und wer hat ihn auf diesen Weg gebracht? Der Alkohol! Und die Weiber! Besonders seine letzte Freundin. Ihretwegen hat er sich auf die desperatesten Dinge eingelassen. Er hat sie zweifellos geliebt, aber sie verbrachte ihre Zeit mit anderen.“ „Das ist nicht wahr“, widersprach sie.„Sie hat ihn auch geliebt." „Nun ja. Andere und— nebenbei auch ihn. Ich kann nur eines sagen: Wäre diese Frau nicht gewesen, so würde man ihm nicht heute abend die Henkersmahlzeit vorsetzen.“ Plötzlich funkelten die geschwollenen, vorgewölbten Augen; die Reisende brach jäh in Tränen aus und rief heftig:„Sie brauchen mir das nicht erst zu sagen! Ich bin mir meiner Schuld selbst wohl bewußt. Ich habe kein Mitleid mit ihm gehabt. Ich habe ihn ins Verderben gestürzt..." Ihrem Gegenüber fiel das Butterbrot aus der Hand: Himmel!" stammelte er.„Sie sind... Sie sind..." „Ich fahre nach Chicago, um Abschied von ihm zu nehmen!“ fuhr sie fort.„Ich weiß, er erwartet mich. Obwohl ich ihm kein Glück gebracht habe. Er hat nichts Gutes von mir gehabt, der Arme!... Ich bringe ihm eine Flasche allerbesten Südweins mit, aus seiner Heimat, die Sorte, die er liebt. Bewilligt man eigentlich zur— zur letzten Mahlzeit eine Flasche Wein?" „Nein", erklärte der Reisende.„Das ist gesetzlich nicht zulässig. Wein wird keinesfalls bewilligt!“ „Öh— könnte man sich nicht an jemand wenden? Jemand bitten?" „Ja, sehen Sie“, antwortete er,„bevor ein Verurteilter zur Hinrichtung geführt wird, macht ihm der Arzt eine Morphiumeinspritzung, damit ihn der Anblick der Schlinge nicht zu sehr außer Fassung bringt. Morphium wirkt aber nicht, wenn man kurz vorher Alkohol zu sich genommen hat.“ „Ach, Dummheiten“, widersprach sie.„Er wird nicht vor der Schlinge erschrecken. Was meinen Sie: Wenn ich den Henker bäte, Ignatius die Flasche Wein zu geben? Ob der es wohl tun würde? Die Flasche Wein braucht der Arme nötiger als Morphium.“ Der Reisende warf einen raschen Blick auf die junge Frau, dann senkte er die Stimme zu einem rauhen, scheuen Flüstern und sagte:„Gut. Geben Sie mir die Flasche Wein. Ich finde schon eine Möglichkeit, sie dem Verurteilten zuzustecken..." 5 1d en U. nd Angst. Aeußerungen des Unterbewußtseins. Von A. Diez=Langhammer. Augustus nannten sie ihn, den„Majestätischen", und bauten ihm Tempel. Er war der unumschränkte Herrscher, dessen Wink den Tod Hunderter bedeuten konnte. Alle Macht der damals bekannten Welt hielt er in seiner Hand. Und doch verkroch er sich in den tiefsten Keller seines Palastes und deckte die Toga schützend über die Augen, wenn der Donner über dem siebenhügeligen Rom grollte. Der Mächtigste auf Erden fürchtete sich wie ein Kind. Seinen Zeitgenossen erschien dieses Benehmen unverständlich und wert, der Nachwelt überliefert zu werden. Wir müssen dem schwatzhaften Geschichtsschreiber dankbar sein, der solche Symptome berichtete, half er doch der Wissenschaft. ein Problem zu lösen, das Jahrtausende lang als das Wirken einer geheimnisvollen höheren Gewalt betrachtet wurde— die Angst einzelner Individuen vor ganz natürlichen Erscheinungen des täglichen Lebens. Warum fürchten sich viele Menschen vor der Dunkelheit, auch wenn ihnen als Kindern niemals von unvernünftigen Erwachsenen erzählt wurde, Schreckgespenster lauerten in der Verborgenheit der Nacht auf sie? Wie kam es, daß kürzlich ein Geschworener dem Gerichtsarzt erklärte, er fürchte wahnsinnig zu werden, wenn man ihn zwinge, im abgeschlossenen Raum der Jury zu sitzen, so daß ein Ersatzmann gerufen werden mußte? Worauf ist die uns unverständlich erscheimir zu lange dauerte, wurde mein Verdacht wach. Leise gänge begriff, sah er doch ohne weiteres, daß er es mit spricht. trat ich ins Nebenzimmer, eben zur rechten Zeit, um zu einem gefährlichen Gegner zu tun hatte. (Fortsetzung folgt.) illioer nende Angst einer jungen Wienerin vor Schlangen zurück zu führen, über welchen Fall der österreichische Mediziner Dr. Steckel berichtet? Nur wenigen Menschen sind Schlangen sympathisch, doch wohl selten fürchtet sich jemand so vor ihnen wie diese junge Frau. Sie konnte in keinem Hotelzimmer schlafen, wenn sie sich nicht vorher davon überzeugt hatte, daß weder unter den Möbeln noch im Bett eine Schlange auf sie lauerte. Und wenn sie Bekannte besuchte, so mußte ihr vorher versichert werden, jeder Raum im ganzen Hause sei peinlich genau auf die entsetzlichen Reptile untersucht worden. Wies man ihr einen Raum zum Uebernachten zu, an dessen Außenwand eine Regenrinne lief, so weigerte sie sich, ihn zu beziehen:„Eine Schlange könnte an der Rinne zu meinem Fenster hochkriechen.“ Sie verbitterte sich das Leben mit dieser anderen und ihr selbst unverständlichen Angst. Unerklärlich war seinen Zeitgenossen Peter des Großen Furcht vor allen Insekten. Nie durfte in seiner Gegenwart eines Kerbtieres auch nur Erwähnung getan werden. Einen Offizier, der diese Vorsicht einst vergaß und den Kaiser auf einen Käfer aufmerksam machte, verwundete der Zar lebensgefährlich. Es wird von einem Manne berichtet, der sein Leben lang auf einer Matratze auf ebener Erde schlief, weil er Angst hatte, er könnte einmal aus dem Bett fallen und das Genick brechen. Eine Frau lebte einst zehn Jahre lang in einem einzigen Raume, obwohl sie sich eine große Wohnung hätte leisten können. Sie fürchtete, sie könnte über die Schwelle zwischen zwei Zimmern fallen und sich tödlich verletzen. Und erzählt nicht Johann Peter Hebel in seinem.„Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds“ in launiger Weisé von jenem närrischen Reisenden, der nachts im Bett ein paar Pantoffel anzog, weil er träumte, er träte in Glasscherben, und weil er sich zu verletzen fürchtete? Hier haben wir vielleicht eine Erklärung für diese uns nverständliche Angst. Ein Traum, der so lebhaft war wie die Wirklichkeit. Ein Traum kann es auch gewesen sein, der dem Mann auf der Matratze einen schrecklichen Fall vormalte, und vielleicht scheute sich der Gequälte, die Veranlassung zu seiner Angst zu verraten, weil er sich lächerlich zu machen fürchtete. Doch einleuchtender noch ist die Erklärung, die Dr. Bagby für einen eigenartigen Fall gibt. Er lernte ein junges Mädhen von zwanzig Jahren kennen, das eine maßlose Angst vor aufendem oder plätscherndem Wasser hatte. Schon als Kind war es von dieser Scheu besessen gewesen, und die gemeinamen Anstrengungen dreier Erwachsener waren erforderlich, um es baden zu können. Später fiel das Mädchen in Öhnmacht, wenn es das Rieseln eines kleinen Springbrunnens hörte. Reiste es, mußten die Vorhänge in seinem Abteil zugezogen werden, damit es nicht einen Strom, einen Bach, einen Wasserfall sah und sich zu Tode erschreckte. Den Grund für diese krankhafte Angst konnte das junge Mädchen nicht angeben. Durch langwierige Untersuchungen aber gelang es Dr. Bagby, zu ermitteln, daß einst ein mit Todesangst verbundener Vorfall im Unterbewußtsein des Mädchens haften geblieben var. Als kleines Kind stürzte es in ein fließendes Gewässer und wurde von der Strömung zwischen zwei Steinen festjeklemmt, auf die ein kleiner Wasserfall herunter rieselte. Sekundenlang schwebte das hilflose Wesen in Todesangst, bis von älteren Kindern gerettet wurde. Als erschwerender Umstand trat noch hinzu, daß die Kleine damals entgegen dem elterlichen Verbot am Wasser gespielt hatte. Sie scheute sich deshalb, sich Vater und Mutter anzuvertrauen und Trost für die überstandene Angst zu suchen. So blieb in ihrem Unterbewußtsein der Vorfall nur als eine ihr selbst unverständliche Ungst vor fließendem Wasser haften, während sie das Abeneuer selbst vergaß, weil sie damals noch nicht in dem Alter tand, in welchem Kinder sich zu erinnern beginnen. Als Dr. Bagby dem Mädchen diese Erklärung gab, verlor es rasch eine Angst, weil es keinen Grund dazu mehr einsah. Aehnlich liegt ein Fall, von dem Dr. Steckel berichtet. Ein Briefträger hatte eine allen seinen Bekannten unbegreifliche Angst vor dem freien Felde. Schließlich fand sich folzende Erklärung dafür: Der Postbote war in eine junge Frau verliebt und wollte mit ihr fliehen. Hierzu gehörten aber Mittel, über die er nicht verfügte. Deshalb kam er auf den Einfall, den ihm anvertrauten Briefen Geldsummen zu entnehmen. Als der geeignetste Ort zur Ausführung der Tat erschien ihm das freie Feld, wo er nicht überrascht werden konnte. Er fand nicht den Mut zum Verbrechen. Doch in seinem Unterbewußtsein blieb das freie Feld— ohne daß es ihm selbst zur Erkenntnis kam— mit der Erinnerung an eine dunkle Stunde seines Lebens verbunden. Als solche Aeußerungen des Unterbewußtseins sind wahrscheinlich die eingangs erwähnten Fälle des römischen Imperatoren, des russischen Kaisers, der Schlangenscheuen zu erklären. Auch die Frau, die in ständiger Angst vor allem lebt, die immer etwas zu verlieren fürchtet, die ohnmächtig wird, wenn ein Salzfaß seinen Inhalt auf die Tischdecke streut, die nochmals in die Kirche zurück eilt, weil sie glaubt, sie habe ihr Gebet nicht richtig gesprochen, braucht noch längst nicht hysterisch zu sein, wie ihre Mitmenschen denken. Vielmehr wird ein verständnisvolles Nachforschen von seiten eines Psychologen wahrscheinlich zu der Entdeckung führen, daß ihre Angst die Aeußerung ihres Unterbewußtseins ist, in welchem eine schlechte Erfahrung einen Eindruck hinterließ. Mit diesem Augenblick wird auch die bisher unverständliche Angst zu schwinden beginnen. Ein Eisanker für Luftschiffe. Eine Aufgabe des lenkbaren Luftschiffes, die ihm schon von Graf Zeppelin gestellt wurde, deren Lösung aber noch aussteht, ist sein Einsatz für die Erforschung der Pole. Eine der hierbei zu überwindenden Schwierigkeiten besteht im Fehlen jeder vorbereiteten Landungsmöglichkeit auf den ungeheuren Eisflächen. Landungen sind allein schon zu dem Zweck erforderlich, um die vielseitigen wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Eise zu ermöglichen. Ohne Haltemannschaften, Ankermaste usw. ist aber jede Landung namentlich staxrer Luftschiffe mit erheblichen Gefahren verbunden. Es wurde deshalb vorgeschlagen, das Luftschiff an einer starken, langen Trosse zu verankern. Als Anker dienen tellerförmige Platten, die elektrisch erhitzt werden. Auf das Eis niedergelassen, sinken sie infolge ihrer auftauenden Wirkung mehr oder weniger tief ein, wobei sie, da der elektrische Strom abgestellt wird, sobald die Platte das Eis berührt, erkalten und schließlich einfrieren. Voraussetzung dafür ist natürlich eine unter dem Gefrierpunkte liegende Temperatur, die man aber in den Polargebieten meistens antreffen wird. Soll das Luftschiff Anker auf gehen, wird der Strom wieder angestellt— die Zuleitung ist mit der Haltetrosse vereinigt— und der Anker losgetaut. Die Trosse dient gleichzeitig als Tragseil für einen Fahrkorb, der die Verbindung zwischen Eis und Luftschiff herstellt und Menschen und Material befördert. Sie muß durch ein besonderes Fesselungsgeschirr derartig am Rumpf— nicht an der Spitze— des Luftschiffes angebracht werden, daß dieses sich dem Wind wie eine Drachenfläche darbietet. Dann kann es nicht vorkommen, daß Böen das Fahrzeug auf das Eis niederdrücken, es wird vielmehr, je stärker der Wind weht, umso höher gehoben werden. Die notwendigen praktischen Versuche können natürlich nur auf dem Polareis selbst vorgenommen werden. Ein Buch mit zwanzig„ersten Kapiteln". Der Kampf ums Dasein ist hart, besonders für die Literaten. Zwar überschwemmen Jahr für Jahr Zehntausende von Neuerscheinungen in allen Ländern den Büchermarkt, aber wer zählt die weitaus größere Menge der Werke, die ungedruckt bleiben, sei es, weil die Verfasser entweder keinen Namen oder kein Geld haben, oder auch, weil die Bücher — allerdings ein nach Ansicht des betreffenden Autors undenkbarer Fall— einfach nichts taugen. Um nun den jungen hoffnungsvollen Talenten zu helfen, die sich gern gedruckt sehen möchten, aber keinen Verleger finden, der das immerhin nicht unbeträchtliche Risiko der Herausgabe eines noch unbekannten Verfassers auf sich nimmt, ist ein französischer Verleger auf einen guten Einfall gekommen, der sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Er hat kürzlich ein Buch erscheinen lassen, das die ersten Kapitel von 20 verschiedenen Romanen von ebensoviel verschiedenen Verfassern enthält, dazu eine Aufforderung an den geneigten Leser, das Kapitel zu bezeichnen, das ihm unter den zwanzig am besten gefallen hat. Der Roman, der bei dieser Abstimmung den ersten Preis davon trägt, wird alsdann auf eigene Kosten des Verlegers gedruckt. So ist beiden Teilen geholfen. Der unbekannte Verfasser sieht seinen Roman gedruckt, und der Verleger hat ein gutes Werk getan, zudem auch wohl ein nicht ganz schlechtes Geschäft gemacht, denn er kann mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, daß der siegreiche Roman auch gekauft wird. * k. . in ie in n 1g et ten r 5. eisin werl en nar. nd ten und nen . god Inserieren bringt Gewinn!! Warburger Kreisblatt boner cchene Lange Straße 36.