Lüdepscheider Zeitung G Amtlicher Anzeiger für den Kreis Altena. Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonntage. Preis pro Quartal frei ine geliefert M. 1.50 Durch die Polt ber ter abgeholt„ 1.50 Durch den Bri s gebracht„ 1.92 Anzeigen werden bis späteltens 9 Uhr Vorm. erbeten. Preis für die 5 gespaltene Garmondzeile oder deren Raum 15 Pfg., Reklamen 30 Ptg. Die Expedition befindet sich: Friedrichstraße 91. Druck u Verlag von Tilgenkamp& Ruhl in Lüdenscheid. Verantwortlicher Redakteur: Georg Häffcke in Lüdenscheid. Nr. 289. Dienstag, den 10. Dezember 1907. 40. Die Reden des Fürsten Bülow in französischer Beleuchtung. Die Etatsdebatten des Reichstags, vornehmlich die Reden des Fürsten Bülow, bilden fortgesetzt den Gegenstand lebhafter und interessierter Erörterungen in der Pariser Presse. Allgemein kommt dabei ein Gefühl der Bewunderung für die oratorische Energie zum Ausdruck, mit welcher der Reichskanzler seine Politik vertritt.„Drei Reden in zwei Tagen," schrieb z. B. der „Gaulois",„noch niemals hat Herr v. Bülow eine ähnliche rednerische Fülle gezeigt. Wir haben keinen Anlaß, uns darüber zu beklagen; haben wir es ihr doch zu verdanken, daß wir nunmehr die Ansichten des Kanzlers über eine Menge von Fragen der inneren und äußeren Politik Deutschlands kennen." Das wichtigste ist für die Franzosen nach wie vor die Haltung des Fürsten Bülow zur Marokofrage.„Man erwartete," versichert der„Radical",„mit wohlbegreiflicher Neugier die Erklärungen des Reichskanzlers zur marokkanischen Frage; diese Erklärungen kennen wir jetzt, und wir stehen nicht an zu sagen, daß sie in höchstem Grade beruhigend sind. Die Rede des Fürsten Bülow, sagt dies einflußreiche Blatt abschließend, ist ganz auf den Frieden, ganz im Sinne der besten Beziehungen gestimmt, die zwischen uns bestehen können, hinsichtlich Marokkos— darum allein handelt es sich hier. Dies festzustellen, war wohl der Mühe wert“. Bemerkenswert ist auch die Nüance, welche der im royalistischen Fahrwasser schwimmende„Gaulois" seiner Betrachtung über denselben Gegenstand gibt:„Die Rede des Kanzlers ist erfreulicher Weise zwar frei von allen verletzenden Spitzen, sie ist jedoch nicht mehr, nicht weniger beruhigend als die frühern; sie bestätigt lediglich die der marokkanischen Frage gegenüber eingenommene Haltung, die sich in die Formel bringen läßt: Zustimmen mit allem Vorbehalt. Und ich gestehe anderseits: wenn eine Persönlichkeit von dem Gewicht und der Bedeutung des Reichskanzlers in dieser selben Rede kühl versichert, Deutschland hätte ebenso wenig um Marokko den Krieg erklärt wie 1870 um die spanische Thronkandidatur, so ist man berechtigt, sich unrubig zu fragen, wo bei ihm die Ironie aufhört.“ Wieder andere Eindrücke hat die„Laterne" gewonnen: „Die Gelegenheit schien dem Fürsten Bülow günstig, um der Welt zu zeigen, daß die äußeren Ereignisse wie die skandalösen Vorfälle am Hofe sein Ansehen nicht getroffen, seine Autorität nicht gemindert haben. Seine leichte, vertrauliche Beredsamkeit ist nicht mit vorsichtigen Künsten gepolstert, wie es andere auswärtige Minister lieben. Man hat den Eindruck, daß Herr von Bülow geradeaus schreitet, bald liebenswürdig und lächelnd, bald mit gebieterischer Entschlossenheit. Was er sagt, das denki er auch. Aber natürlich sagt er nicht alles, was er denkt." Recht beachtenswert sind auch die Nutzanwendungen, die man von den Aeußerungen des Kanzlers über den„König Demos" in verschiedenen Blätern auf die französischen Zustände gemacht findet. Selbst ein Blatt wie die„Republique Francaise" erklärt den französischen Wählern, daß auch sie alle die ronischen Worte verdienten, die der Kanzler im Reichstage über die Umschmeichelung der Massen gesprochen hat. Und es ist wiederum der„Gaulois“, der der französischen Demokratie die bösesten Wahrheiten sagt.„Deutschland, so beginnt dieser gallenbittere Artikel, hat. wie Frankreich zum Premierminister— dort nennt man das einen Kanzler— einen geistvollen Mann. Man braucht nicht zu betonen, daß der eine mehr, ja zuviel Pariser ist. Dafür ist der andere mehr Staatsmann. Beide sind übrigens sehr modern in der Art, ihre Ansichten zu entwickeln und ihre Gedanken mitzuteilen. Man muß zugeben, daß Herr v. Bülow den mißlichen Fragen nicht aus dem Wege geht; unser Ministerpräsident sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Der Kanzler spricht selbst im Reichstag mit aller Offenheit von jener Hofkamarilla, über welche die Regierungsorgane ein vorsichtiges Schweigen breiteten. Herr v. Bülow bestreitet ihren Einfluß, er trägt den Kampf in Feindesland und klagt in lebhaften Ausdrücken die Massenkamarilla an, deren Haupt Herr Bebel zu sein scheint. Diese Kamarilla ist in der Tat gefährlicher als die andere, und Frankreich leidet täglich unter ihrem verderblichem Einfluß. In Deutschland befteht die Kamarilla— wenn sie überhaupt vorhanden ist— nur am Hofe. Sie kann auf den Geist des Herrschers einwirken, aber sie vermag sich nicht an den Platz des Herrn zu setzen und seinen Willen aufzuheben. Bei uns vervielfältigen sich die Kamarillen ins Unendliche. Jeder republikanische Abgeordnete hat die seinige, sie diktiert ihm ihre Befehle und leitet ihn fast ganz nach ihrem Wunsche. Die Senatoren sind in der gleichen Abhängigkeit, die Minister auch, selbst Herr Fallieres, jedoch erkenne ich an, daß dies von minderer Bedeutung ist. Die Kamarillen herrschen in allen französischen Ge meinden, und die Unterpräfekten sind ihre ergebensten Diener; sie sind in den meisten Fällen von Haß und Begierden bestimmt und bekümmern sich nicht um die Interessen des Landes. Die Kamarilla ist die große Wunde unserer Demokratie; sie umschließt und fesselt das französische Volk und wird es schließlich ersticken, wenn nichts sich ereignet, um ihre Macht zu brechen." Das sind Stimmen, die man beachten darf; sie haben, wenn man will, für deutsche Leser etwas Tröstliches. Deutsches Reich. Liebknecht, Harden, Gaedke. Wie die Norddeutsche Allgem. Ztg.“ an der Spitze des Blattes mitteilt, sei es infolge des Schlusses der Etatsberatung nicht dazu gekommen mehrfache unrichtige Behauptungen über die Strafprozesse, die in letzter Zeit die Oeffentlichkeit besonders lebhaft beschäftigt haben, im Reichstage selbst zu berichtigen. Das offiziöse Blatt unterzieht sich jetzt dieser Aufgabe, indem es wie folgt, schreibt: Die Anklage gegen den Rechtsanwalt Liebknecht wegen Hochverrats ist von dem Oberreichsanwalt als dem dazu allein zuständigen Beamten aus eigener Entschließung erhoben worden. Weder die preußische Justizverwaltung, die zu einer Einwrkung auf den Oberreichsanwalt gar nicht befugt ist, noch irgend eine andere Stelle hat daran irgend einen Einfluß geübt. Die Uebernahme der Verfolgung in dem Prozesse MoltkeHarden seitens der Staatsanwaltschaft beruht auf völlig selbstständiger und von keiner Seite beeinflußte Entschließung der preußischen Justizbehörde. Sie mußte erfolgen, nachdem der Gang des Verfahrens vor dem Schöffengericht klar ergeben hatte, daß das öffentliche Interesse an dieser Sache in hohem Maße beteiligt war. Nachdem die Staatsanwaltschaft dem Gerichte angezeigt hatte, daß sie die Verfolgung übernehme, hat letzteres, der Rechtsprechung des Reichsgerichts folgend, das Verfahren eingestellt. Für die Staatsanwaltschaft war hiernach das weitere Vorgehen vorgezeichnet, es konnte nur in der Einleitung eines neuen Verfahrens bestehen. Endlich ist der ebenfalls mehrfach besprochene Fall Gaedke dahin klarzustellen, daß Gaedke von der gegen ihn wegen unbesugter Führung des Titels„Oberst“ erhobenen Anklage allerdings in zwei Instanzen freigesprochen, daß aber diese Freisprechung von dem obersten Gerichtshofe, dem Kammergerichte, lediglich wegen eines formellen Mangels bei der Bekanntmachung der ehrengerichtlichen Entscheidung aufrechterhalten worden ist. Nachdem Gaedke auch nach Bebebung dieses Mangels den Titel „Oberst“ weitergeführt hat, ist ein neues Verfahren gegen ihn eingeleitet worden. In diesem Verfahren ist in erster Instanz Freisprechung, in zweiter Instanz aber Verurteilung erfolgt. — Bassermann über die Blockkrisis. In Hamburg sprach in einer von mehr als 1500 Personen besuchten Versammlung, die der dortige Reichstagswahl=Verein einberufen hatte, der nationalliberale Führer Ernst Bassermann über die Politik des Reiches. Er sprach dabei auch über die Inaugurierung der Blockpolitik und führte dann aus: „Eine schwierige Sache ist diese geänderte Politik gegenüber der Politik der hinter uns liegenden Jahre, und man kann, wenn man billig denkt, nicht verlanegen, daß ohne weiteres, ohne Reibungen und Schwierigkeiten, diese Politik funktioniert und so kam es bei der ersten Lesung des Reichshaushaltsetats zu manchen Unstimmigkeiten in den Kreisen der Parteien, die sich im Block zusammengefunden haben, aber auch zu manchen mehr oder weniger scharfen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen des Blocks und Vertretern der Verbündeten Regierungen. Daraus wurde mit einem Male das, was die Presse Krisis genannt hat. Man sprach von dem Rücktritt des Reichskanzlers und dem Zerfall des Blocks. Diejenigen, die auf ein rasches Auseinanderfallen des Blocks und den Rücktritt des in den Kreisen des Zentrums vielgehaßten Reichskanzlers gehofft haben, sind enttäuscht, und ich hoffe, daß diese Enttäuschung eine langwährende sein wird, daß der Block dauern wird.(Bravo.) Diese Unstimmigkeiten führten dazu, daß wohl in dem leitenden Staatsmann der Gedanke Stärke gewann, daß in der gegenseitigen Auseinandersetzung der Blockangehörigen und des Blocks mit den Ministern die Keime des Zerfalles liegen und daß Wandel geschaffen werden muß, und darus entwickelten sich die Vorgänge, daß gestern die Erklärungen der Blockführer erfolgten, die das Bekenntnis zu der Blockpolitik erneut enthalten.“ — Die Mannschaften des Beurlaubtenstandes werden in noch weiterem Maßstabe als bisher ihre gesetzlichen Uebungen in größeren Reserveverbänden ableisten. Es sollen, der„Mil.pol. Korrespondenz" zufolge, bei jedem Armeekorps im Jahre 1908 ein Reserve=Infanterie=Regiment und eine Reserve=Feldartillerie=Abteilung auf 1 Tage zur Einziehung gelangen. Ferner werden bei denjenigen Infanterie=Regimentern, die nur zwei Bataillone haben, für die Manöver durch Einziehung von Reserven auf die Dauer von 28 Tagen dritte Bataillone aufgestellt werden. Die im vorigen Jahre bereits versuchsweise vorgenommene Ausbildung der Offiziere des Beurlaubtenstandes der Infanterie,Jäger und Schützen auf Truppenübungsplätzen soll, da sie sich gut bewährt hat, 1908 nach den gleichen Grundsätzen fortgesetzt werden. Die feindlichen Königssöhne. Ein Belgrader Sonderberichterstatter des Pester Lloyd be schäftigt sich mit den Verhältnissen am serbischen Königshofe und namentlich mit der Zwietracht, die zwischen den beiden jugendlichen Söhnen des Königs Peter herrscht:„Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich unumwunden behaupte, Prinz Alerander sei vor einiger Zeit in aller Eile nach Petersburg befördert worden, weil sich sein Verhältnis zu seinem Bruder, dem Thronfolger Georg, unleidlich gestaltet hat. Vor der schleunigen Abreise soll allerdings eine„Versöhnung" stattgefunden haben: trotzdem steht es fest, daß sich die beiden Brüder nach wie vor feindselig gegenüberstehen. Nun wird man auch die von derselben verbrecherischen Seite in Umlauf gesetzten tollen Gerüchte über den serbischen Thronfolger auf das gebührende Maß zurückführen können. Kronprinz Georg ist zweifellos ein temperamentvoller, vielleicht auch ungestümer Jüngling. Der gewe sene serbische Minister und Gesandte in London, Tschedomil Mijatovics, der eben deshalb pensioniert in London lebt, hat während der letzten Balkanausstellung in der englischen Hauptstadt die Bekanntschaft des Thronfolgers gemacht und war ihm während feines Londoner Aufenthaltes nicht von der Seite gewichen. Seine Eindrücke saßte dieser jetzt offenbar unparteiische Staatsmann in einem kürzlich verfaßten und veröffentlichen Satz zusammen: Ich hatte einen Kiesel erwartet und stieß auf einen Diamanten, allerdings einen— ungeschliffenen." Der ungeschliffene Diamant wird sich schleifen lassen, das wollen aber diejenigen verhindern, die daran kein Interesse haben und derer Benehmen ihn empört und mitunter außer Rand und Band gebracht haben mochte. Der Prinz verwahrt sich nämlich in erster Reihe dagegen, daß ihn die Herren Mörder bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit daran erinnern, daß die Karageorgiewitschs ihren Thron ihnen zu verdanken haben. Der Prinz rwahrt sich mit aller Entschiedenheit dagegen, daß ihn dieselben Herren Mörder zu ihrer Kreatur gestalten. Der Prinz ist ganz Soldat, er beschäftigt sich mit Vorliebe mit militärischen Wissenschaften. Ihn empört die Unwissenheit und Verkommenheit gewisser Offiziere. Als kürzlich einer der Mörder des Königs Alexander Einzelheiten über seine Heldentaten zum Besten gab, unterbrach ihn der Prinz mit der scharf betonten Frage:„Und Du bist noch immer serbischer Offizier?"„Entrüstung“ rief auch eine Bemerkung des Prinzen hervor, wonach es ihm gleichgültig sei, wem sein Vater den Thron zu verdanken habe, ihm gebühre er nach dem„Wortlaute der serbischen Verfassung". So wächst denn die Opposition gegen den Thronfolger in„Hofkreisen“ von Tag zu Tag. Die„Gegner“ gehen so weit, den Prinzen nicht grüßen zu wollen. In diesem Falle übt er Selbstjustiz. Er haut los, wie es„einem Soldaten geziemt“. Die Rohen und Ungebildeten behandelt er„en canaille“. Die heutigen Wächter König Peters haben einen König, den sie ebenso bewachen sollten, umgebracht. Darin erblickt der Thronfolger von Serbien ein schnödes Verbrechen. Dabei stellt er sich auch die Frage: Quis custodict custodes ipsos? und meint, er sei dazu berufen. Grund genug, um die Betroffenen schon jetzt zur Gegenaktion zu veranlassen. Diese Gegenaktion begann mit einer planmäßigen Verhetzung der beiden Brüder. Dem Prinzen Alexander wurde zugeslüstert, daß der Thronfolger ob seines ungestümen Temperaments regierungsunfähig sei, und daß daher ihm die Aufgabe zufalle, den serbischen Thron dem Geschlechte der Karageorgiewitsch zu erhalten. Selbstredend unterließ man nichts, was geeignet schien, Mißtrauen und Feindseligkeit zwischen den beiden Brüdern zu erregen. Sie kamen hart aneinander. Ihr Verhältnis wurde von Tag zu Tag unhaltbarer. Einer der Prinzen soll von Kain und Abel erzählt haben. Dem besorgten Vater blieb nichts anderes übrig, als sie einstweilen voneinander zu trennen. Prinz Alexander studiert in Petersburg... Immer rechnen die Ränkeschmiede auch mit der Möglichkeit einer aufrichtigen Versöhnung, zu der es ja kommen muß, sobald die beiden königlichen Jünglinge das schnöde Spiel durchblicken. Eben deshalb wurde auch der tertius gaudens ausfindig gemacht. Es ist der Neffe des Königs und Sohn des Prinzen Arsen Karageorgiewitsch aus dessen Ehe mit seiner geschiedenen Gemahlin, einer Demidow=San=Donato. Er soll von seiner Mutter ein Vermögen von einigen Millionen erhoffen dürfen(?). Der Vater ist ein bekannter Lebemann und weilt, wenn ich nicht irre, auch jetzt in Paris. Der kleine Paur wohnt im Konak. Er ist gefälliger, liebenswürdiger und geschmeidiger als seine beiden Vettern. Das bekannte Intrigennetz beginnt sich bereits um ihn zu spannen. Prinz Arsen ist russischer Offizier, hat den japanischen Krieg mitgemacht und soll mit russischen Hofkreisen Fühlung haben. Darauf pochen die Ränkeschmiede. Der neue Kurs hat in Serbien keinen Wandel geschaffen. Alles ist beim alten geblieben." Von Nab und Fern. Hattingen, 7. Dez. Eine böse Nacht verlebte der Agent W. von hier. Er wollte des Abends an der Diergardtschen Fähre, gegenüber der Eisenbahn=Haltestelle Burg Blankenstein, in einem Nachen über die Ruhr setzen, wurde aber von der Strömung fortgerissen und über das Wehr getrieben, hinter dem er sitzen blieb und, da alle Hilferufe ungehört verhallten, die ganze kalte Nacht hindurch sitzen bleiben mußte, bis am anderen Morgen in der Person des Polizeisergeanten Gröper ein rettender Engel erschien. Herr Gröper war zwar in Ermangelung eines Nachens außer stande, den von der Wellen Tücke verschlagenen und vor Kälte zitternden Mann aus seiner üblen Lage zu befreien; immerhin konnte er ihm den Weg zeigen, auf dem sich nach einem Marsche durch die kalten Fluten ohne Lebensgefahr das rettende Ufer erreichen ließ. Hofsentlich hat die böse Nacht keine schlimmen Folgen für die Gesundheit des Herrn W., um dessen Ausbleiben seine Angehörigen nicht wenig besorgt gewesen sind. Gevelsberg, 8. Dez. Eine Millionenüberschreitung bereitet dem Kreise Schwelm schwere Sorgen. Bei den drei vom Kreise in den letzten Jahren ausgeführten Bauwerken Kreishaus, Wasserwerk und Elektrizitätswerk sind erhebliche Ueberschreitungen zu verzeichnen. Beim Kreishaus beträgt die Ueberschreitung 18000 Mark, beim Wasserwerk 200 000 Mark und beim Elektrizitätswerk schließlich die enorme Summe von 978 000 M. Zur Deckung dieser Ueberschreitungen in Höhe von insgesamt 1 196 000 Mark soll eine Anleihe von 1230 000 Mark aufgenommen werden. Da Gevelsberg als größte Gemeinde des Kreises erheblich interessiert ist, so kam es anläßlich der Bekanntgabe dieser Mehrausgabe zu erregten Erörterungen, zumal als feststehend betrachtet werden muß, daß das Elektrizitätswerk große Zuschüsse erfordern wird. Die Stadt vertritt den Standpunkt. daß Ausfälle aus gewerblichen Unternehmungen nicht auf die Gemeinden abgewälzt werden können und verlangt eine andere Tarifierung. Gevelsberg, 7. Dez. Einen dreisten Schwindel verübten heute mittag gegen 12 Uhr zwei Frauen aus Dortmund in hiesiger Stadt. Sie betraten zusammen den Laden des Spezereihändlers B. von hier. Während die eine der beiden Frauen für 10 Pfennig Wurst forderte, bot die andere Frau der Ehefrau des B. Wechselgeld an. Beim Wechseln des Geldes ließ die andere Frau einige Mark in ihrer Tasche verschwinden. Beim Nachzählen des Geldes bemerkte Frau B. sofort den Diebstahl und benachrichtigte einen gerade vorbeigehenden Polizeibeamten. Diesem gelang es, die beiden Frauen festzunehmen, während die Ehemänner, die bei dem Vorfall„Schmiere“ gestanden hatten, sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen. Die verhafteten Frauen wurden nach dem Amtsgerichte in Schwelm überführt. Elberfeld, 7. Dez. Den Erstickungstod erlitt der Händler Eduard Idel. Er war vor der Zimmertür seiner Wohnung zu Fall gekommen und zwar so unglücklich, daß er mit dem Gesichte in seine Mütze fiel. Da Idel angetrunken war und sich nicht zu erheben vermochte, auch niemand da war, der ihn aus seiner gefährlichen Lage befreien konnte, starb er den Erstickungstod. Er wurde am anderen Morgen von den Hausbewohnern als Leiche aufgefunden.— Gestern abend bemerkte ein Straßenbahnschaffner, wie aus der Wohnung des Zuschneiders Burkhardt Rauch herausschlug. Da er die Zimmertür verschlossen fand, schlug er sie ein und fand das Zimmer voller Rauch. In der Nähe der Tür lag das 5 Jahre alte Mädchen des Burkhardt in schwer verbranntem Zustande tot auf dem Boden, während zwei weitere jüngere Kinder halb erstickt im Zimmer lagen. Den herbeigeeilten Hausbewohnern gelang es, die beiden letztgenannten Kinder ins Leben zurückzurufen. Das verbrannte Kind hatte anscheinend mit Papier am Ofen gespielt. Die Mutter der Kinder war kurz vorher weggegangen, um Einkäufe zu machen, und hatte die Kinder in dem verschlossenen Zimmer zurückgelassen. Wiesbaden, 7. Dez. Der Aberglaube ist bekanntlich international. Allgemein gilt die Zahl 13 als Unglückszahl, und so auch in unserem Nassau. In keinem der vielen Badehäuser findet sich eine Badezelle, die die Nummer 13 führt. In den meisten Wiesbadener Kurhotels, wie auch in den übrigen nassauischen Kurorten ist an Stelle der Zimmernummer 13 stets 12a gesetzt. Bemerkenswert ist nun, daß auch der preußische Fiskus diesem internationalen Aberglauben Rechnung getragen und in den fiskalischen Badeanstalten, zum Beispiel in Langenschwabach, die Badezelle 13 beseitigt und an ihre Stelle 12a gesetzt hat. Berlin, 8. Dez. Das Verschwinden einer Offiziersfrau beschäftigt seit acht Tagen die Polizei. Bei einer Familie B. in der Motzstraße 36 wohnte die Frau Oberleutnant Irene Löfselhold v. Colberg geborene Satten=Eckhardt=Wehrschoppe. Im vergangenen Monat reiste Frau L. nach Dresden und besuchte dort ihre Freundin, eine Frau von Oertzel in der Sedanstraße 31. Am letzten Sonnabend fuhr sie von Dresden ab, um wieder nach Berlin zurückzukehren. Hier ist sie aber bisher noch nicht eingetroffen. Dieser Tage traf aus Paris die telegraphische Nachricht ein, daß die Verschwundene dort gesehen worden sei. Das Telegramm war aber allem Anschein nach fingiert. Die Ermittelungen der Polizeibehörden nach der Vermißten, die erst im 24. Lebensjahre steht, hatten keinen Erfolg. Dresden, 6. Dez. In die Totenhalle des St. Pauli=Friedhofes wurde vor einigen Tagen ein Toter gebracht, dessen Ableben ein Arzt bescheinigt hatte. Er wurde zwischen die anderen Verstorbenen aufgebahrt und dann die Halle, wie üblich verschlossen. In der Nacht ist nun der Scheintote, ein Fleischermeister, an dem in einer ärztlichen Privatklinik eine Operation vollzogen worden war, bei deren Ausführung die Narkose seinen Tod scheinbar herbeigeführt hatte, wieder erwacht, und hat in dem Glauben, sich in seinem Bett zu befinden, die Hand nach seiner Gattin ausgestreckt. Diese Hand berührte aber das eiskalte Gesicht eines Toten und durch den Schreck erlangte der Erwachte das volle Bewußtsein zurück. Er lärmte nun solange, bis man ihn hörte. Schreckensbleich trat der Totenbettmeister in die Halle, wo er von dem erregten Manne über den Vorgang aufgeklärt wurde. Der Fleischermeister wurde unverweilt nach den Stadtkrankenhause überführt, wo er dann am Tage darauf tarsächlich verschieden ist. Losheim(Kr. Merzig), 7. Dez. Mit strahlendem Gesichte erschien dieser Tage auf dem hiesigen Bürgermeisteramte ein Mann aus B., einem Orte des hiesigen Standesamtsbezirks und meldet, beglückwünscht von allen Anwesenden, die Geburt seines siebenten Sohnes an. Der Geburtsfall wurde eingetragen in das Register. Da wird der Standesbeamte durchs Telephon angerufen und zur unbeschreiblichen Heiterkeit der Versammelten läßt die Hebamme dem glückberauschten Vater sagen, er möge das Kind nicht Peter Josef— so war es bereits eingetragen— nennen, sondern Susanna, es sei nämlich ein Mädchen. Tableau! Lokales und Allgemeines. den 10. Dez. Die Verhaftung des Altenaer Lustmörders. Ueber die Verhaftung des mutmaßlichen Mörders berichtet die„Hagener Ztg." wie folgt: Der mutmaßliche Mörder der Hedwig Hartmann von Hagen, der 40jährige Waldarbeiter Franz Hesse in Lenhausen, wurde am Samstag nachmittag von dem Gendarmen Augerer in Heringhausen bei Meschede verhaftet. Der Gendarm erkannte Hesse als dieser auf dem Wagen neben einem Mädchen saß. Er ließ den Wagen ruhig fahren und folgte ihm unauffällig. Hesse machte, als seine Festnahme erfolgte, nochmals einen Fluchtversuch, wurde aber, als er etwa 500 Schritte gelaufen war, von Arbeitern der elektrischen Zentrale wieder ergriffen und dann gefesselt. Wie uns aus Lenhausen mitgeteilt wird, hat der Gendarm A., der Hesse jetzt festnahm, ihn seinerzeit auch in Plettenberg verhaftet, wegen des vor 8 Jahren versuchten Mordes zwischen Lenhausen und Finnentrop. Die uns sofort telephonisch mitgeteilte Verhaftung wurde von uns durch Aushang am Fenster unserer Expedition und durch Extrablätter bekannt gegeben und verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt. Eine ständig wachsende Menschenmenge fand sich am Bahnhof ein, um die Einlieferung Hesses zu erwarten. Dieser traf mit dem 5,45 Uhr hier einlaufenden Zuge ein. Unter Bedeckung eines starken Polizeiaufgebots wurde er, die Hände auf dem Rücken gefesselt, zum Gefangenentransportwagen geführt, den man bis zum Eingang des Lüdenscheider Bahnsteiges vorgefahren hatte. Die Versuche der Menge, die sich in lauten Verwünschungen erging, an dem Verhafteten Volksjustiz zu üben, scheiterten an den umsichtigen Vorkehrungen unserer Polizei„die diesen rasch zum Wagen brachte und ihn unter sicherer Bewachung in das Gerichtsgesängnis überführte. Einem Privattelegramm zufolge hat Hesse eingestanden, an dem Tage der Mordtat bei der Frau Hartmann gewesen zu sein und sich auch später mit der Hedwig Hartmann entfernt zu haben. Er gibt weiter an, es habe sich dann ein ihm unbekannter Stellenvermittler zu ihnen gesellt, mit dem die Hedwig Hartmann sich von ihm getrennt habe. Ist Hesse der Mörder? Bekanntlich lag von der Kleidung des bei der Mutter der Ermordeten am Milchhäuschen erschienenen Mannes eine ziemlich genaue Beschreibung vor. In der Wohnung Hesses wurden nun ein Ueberzieher und ein Schlips sowie ein schwarz und weiß gestreiftes Hemd beschlagnahmt, und diese Sachen von den beteiligten Zeugen mit Bestimmtheit als diejenigen wiedererkannt, die der betr. Mann getragen hat. Ein steifer Hut und Schirm, die er gleichfalls trug, fanden sich in der Wohnung nicht mehr vor. In einer Brusttasche des Ueberziehers fanden sich mehrere Zigarren, die der Wirt Alberts=Altena bestimmt als diejenigen wiedererkannte, die der Begleiter des Mädchens bei ihm entnommen hatte. Eine der Schwestern hat erklärt, daß Hesse am Montag früh fortgegangen und erst am Dienstag nachmittag wieder nach Hause zurückgekehrt sei. Am Samstag und gestern hat schließlich die Gegenüberstellung der Mutter der ermordeten Hartmann und der übrigen in Frage kommenden Zeugen stattgefunden. Die Mutter, die längere Zeit mit ihm gesprochen und verhandelt hat, erklärte mit Bestimmtheit in Hesse den Mann wieder zu erkennen, der ihre Tochter engagiert und begleitet hat. Beim Anblick des Hesse rief die unglückliche Mutter aus:„Das ist der Lump!“ und brach dann zusammen. Auch die übrigen Zeugen erkannten in ihm mehr oder minder bestimmt den Begleiter des Mädchens wieder. Zu berücksichtigen bleibt dabei, daß Hesse sich den Schnurrbart abgenommen hat und daß er infolge der auf ihn veranstalteten Jagd der letzten Woche im Gesicht etwas schmaler geworden ist. Hesse selbst bestreitet entschieden, die Tat begangen zu haben. Wegen schweren Sittlichkeitsverbrechens hat er bereits eine Zuchthausstrafe von 7 Jahren verbüßt, die ihm vor acht Jahren vom Schwurgericht in Arnsberg zudiktiert worden war. Wie erzählt wird, soll der Verhaftete im Gesängnis jegliche Nahrungsaufnahme verweigern. Postpersonalien. Versetzt sind die Postassistenten Burgardt von Herscheid nach Lüdenscheid, und Lohmecke von Ramsbeck nach Lüdenscheid. Prämiiert. Bei der am Sonntag in Altana stattgefundenen Vogelschutz= und Kanarienausstellung erhielten von Lüdenscheid folgende Aussteller Auszeichnungen: Ferdinand Rentrop 5. Ehrenpreis, Berechtigung zur großen goldenen Medaille, Emil Stute 3. Ehrenpreis, Berechtigung zur großen goldenen Medaille für ausgestellte Vögel, ferner Fr. Hesterberg, Diplom zur silbernen Medaille; für eine Kollektion Käfige, ausländische Vögel, Utensilien, Sämereien, Muscheln usw. *Die Versendung mehrere Pakete mittels einer Postpaketadresse ist für die Zeit vom 10. bis 25. Dezember sowohl im innern deutschen Verkehr als auch im Auslandsverkehr nicht gestattet. Ueber die am besten zutreffende Antwort der Frage„Wer freut sich am meisten auf Weihnachten?" hat man sich schon öfter gestritten, obwohl hierüber eigentlich gar keine Meinungsverschiedenheit bestehen sollte, jedenfalls nicht zu bestehen brauchte. Die kleinen Kinder haben ein sehr großes Anrecht auf die Weihnachtsfreude, ein noch größeres aber die„großen Kinder", die jungen Mädchen von tausend Wochen— mit Spielraum nach oben und unten—, die zum„Fest" sich vom nKecht Ruprecht den Bräutigam bescheren lassen, also Braut werden wollen. Daß sie noch froher sind wie die Jugend, ist nur berechtigt; die kleinen Kinder bleiben am Ende auch zu Weihnachten auf der Erde, aber die jungen Bräute sind wie im Himmel, und da müssen sie etwas voraus haben. Es gibt viele historische und andere Dokumente von hohem"Interesse und bedeutendem Wert, aber alles Kostbare auf diesem Gebiete verschwindet doch vor dem Verlobungsbrief resp. der Karte, auf der zu Weihnachten glückstrahlende Augen ruhen. Lang ist's ja meist her, denn auch in unserer modernen Zeit will es überlegt sein, ob eine Annäherung sich zum festen Verlöbnis verstärkt, daß der erste heimliche Seufzer erklang, aber nun wird auch alles wett, Weihnachten bringt eine Unmenge von erfreulichen Familien=Nachrichten. Natürlich wird die Freude noch verstärkt durch sinnige Ueberraschungen, die ihre Finger herstellen. Es ist schon so oft das Kapitel der„weiblichen Handarbeiten“ mit Spott bedacht, genau so, wie das der Schwiegermütter. Aber warum alles Reden? Gäbe es keine Schwiegermütter, gäbe es auch keine Bräute und Frauen, und da es keine männlichen Handarbeiten geben kann, haben doch die weiblichen ihre Daseinsberechtigung. In unseren Tagen wird schon genug alles nach der Mode uniformiert; lassen wir Jedem sein Recht auf Erfreuen auf Freude, es tut nie gut, sich in Familienangelegenheiten zu mischen. Und solche Ueberraschungen sind Familiensachen! gemein gelrossen. Die Spartassen besorgen namtih zuge eines Sparers auf dessen Wunsch die Uebertragung des Sparguthabens auf die Kasse seines neuen Wohnortes ohne Unterbrechung der Zinsen und ohne Kosten für die Sparer. Die Vorteile für den letzteren bestehen nicht allein darin, daß die Verzinsung nicht unterbrochen wird und Auslagen nicht entstehen, sondern auch weiter darin, daß er je nach Belieben bei der Kasse seines alten oder seines neuen Wohnortes die Ueberweisung beantragen kann, wodurch Zeit und Weitläufigkeiten erspart werden. Fehlt es z. B. dem Sparer bei seinem Verzuge an der nötigen Zeit, den Gang zur Sparkasse zu verrichten, so begibt er sich demnächst an dem neuen Wohnorte zur Kasse und beantragt dort unter Vorlegung des Sparbuchs die Ueberweisung seines Guthabens; es wird ihm eine Bescheinigung über die Einlieferung des Buches ausgehändigt und alles andere besorgen dann die Kassen untereinander. Theater=Spielplan. Stadttheater Barmen. Dienstag, den 10. Dez. Die Puppenfee und Das füße Gift.— Mittwoch, den 11. Dezember: Die Puppenfee und Martha.— Donnerstag, den 12. Dezember: Die Puppenfee und Hänsel und Gretel.— Freitag, den 13. Dezember: Philister.— Samstag, den 14. Dezember: Alt=Heidelberg.— Sonntag, den 15. Dezember: Die lustige Witwe und Hans Heiling.— Montag, den 16. Dezember: Der Kaufmann von Venedig. Stadttheater Elberfeld. Dienstag, den 10. Dezember: Die lustige Witwe.— Mittwoch, den 11. Dezember: Die Meistersinger von Nürnberg.— Donnerstag, den 12. Dezember: Die Jungfrau von Orleans.— Freitag, den 13. Dezember: Die lustigen Weiber von Windsor.— Samstag, den 14. Dezember: Der Lehrer von Seespitz.— Sonntag, 15. Dezember, nachm.: Bergfer'n. Abds.: Der zweite Schatz. Hus den Kreilen Altena und Iserlohn. (1) Halver, 9. Dez. In unserem Orte werden nach dem Be schlusse der Gemeindevertretung die Straßen in Zukunft folgende Namen führen: Berlinerstraße, Amtsstraße, Frankfurterstraße, Herpienerweg, Südstraße,„Helle", Kölnerstraße, Talstraße, Lohstraße, Kronprinzenstraße(in dem in dieser Straße gelegenen, jetzt Herrn August Wippermann gehörenden Hause stieg der spätere König Friedrich Wilhelm 4., als er im Jahre 1838 als Kronprinz Halver besuchte, ab), Elberfelderstraße Hagenerstraße, Kirchplatz, Kirchstraße, Gartenstraße, Friedhofstraße, Hochstraße, Jägerstraße, Langenscheiderweg, Haus Heide, Schwarzenbach. In Schalksmühle wird man folgende Straßennamen in Zukunft finden: Höhverstraße, Bahnhofstrtße, Worthstraße, Wippekühlerweg, Kuhstraße, Kirchgasse, Bergstraße, Hochstraße, Viktoriastraße, Friedhofstraße, Grabenstraße, Sackgasse, (o) Werdohl, 8. Dez. Gestern nachmittag gegen 3½ Uhr fand in Burchsteinfurt bei Münster unter zahlreicher Beteiligung der dortigen Bürgerschaft in feierlicher Weise das Be gräbnis des Pastor Selver statt. Von hier aus beteiligten sich an der Feier ca. 40 Personen. Das Presbyterzum der evgl. Kirchengemeinde und Abordnungen der verschiedenen kirchlichen Vereine, denen der Verstorbene gedient und die als letzten Gruß herrliche Kränze gespendet hatten. Der hiesige Posaunenchor gab mit seinen Trauerweisen dem Leichenkondukt das Geleit. Am Grabe widmete Herr Psarrer Mecher dem treuen Seelsorger seinem lieben Amtsbruder die herzlichsten Abschiedsworte. Am heutigen Sonntag wurde im Hauptgottesdienst eine Gedächtnisfeier für den Verschiedenen abgehalten, welche Herr Synodal Assessor Pastor Kepp aus Hülscheid(in Vertretung des Super intendenten, welcher zurzeit zum General=Synode nach Berlin berufe war) hielt.— Ruhe in Frieden! 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Jahrtausende schon, tiefblaue Flut, Die Skandischen Klippen umfangend, Wie hebst du im Lenz dich mit Jünglingsmut, Zur Freiheit des Meeres verlangend! Dich grüßt mein Gesang, und ich sehn' mich hinaus, Wenn die Wogen umtosen die Schären. O Seemannsleben, so frisch und so kühn, Wenn Lenzwind furchet die Fluten! Wenn wechseln die Wogen in Blau und Grau Und glitzern in Sonnengluten. Der Brandung Schaum ist wie Flocken und Schnee, Wenn die Wogen umtosen die Schären. Doch schüttelt die Flügel mit Macht der Orkan, Aschgrau sind der Meerjungfrau Wangen, Und flattern die Segel von brechenden Raa'n, Daß nieder in Fetzen sie hangen: Da schwillt mir das Herz zu der wagenden Fahrt Durch die Wogen, umtosend die Schären... Ach, hart ist der Kampf, den in Sturmesnot Der Segler besteht mit dem Meere; Aus tiefblauem Grab aufbäumt sich der Tod; Doch der Seemann setzt sich zur Wehre Und bahnt sich den Weg, dem Verderben zum Trotz, Wenn die Wogen umtosen die Schären. Du freie, du stolze, du brausende Flut, Meer in leuchtender Schöne, Und sahst du die Wunder von Kampfesmut O lehr' mich die himmlischen Töne! Laß tauchen die Saga aus feuchtem Schoß Aus den Wogen, umtosend die Schären. Neueste Nachrichten a. Telegramme Im Reichstag begann gestern die Beratung über das Reichsvereinsgesetz. Staatssekretär des Innern, v. Bethmann Hollweg leitete die Verhandlungen durch eine großzügige, sich auf die entscheidenden Vorschriften des Entwurfes beschränkende Begründung ein. Er hebt zunächst hervor, daß die Vorlage, im Gegensatz zu zahlreichen landesgesetzlichen Vorschriften der Gezenwart, keine Beschränkung auf Alter und Geschlecht enthält. Die Frauen haben infolge ihrer selbständigen Stellung im wirtschaftlichen Leben auch politische Interessen und müssen sich über diese auch in der Form von Vereinen und Versammlungen verständigen können. Die Vergiftung jugendlicher Seelen durch den Klassenhaß, durch den Haß gegen Staat und Gesellschaft, den die Sozialdemokratie predigt, kann nicht dadurch verhindert werden, daß man jugendliche Personen von Vereinen und Versammlungen ausschließt. Gegen diese ernste und immer mehr zunehmende Gefahr muß mit anderen Miteln vorgegangen werden, und daran müssen und sollen die bürgerlichen Parteien mitwirken. Zahlreiche andere Neuerungen, die der Entwurf bringt, mehr oder weniger flüchtig streifend, begründet der Staatssekretär eingehend und überzeugend die Notwendigkeit der in§ 7 gegebenen Vorschrift, daß die Verhandlungen in öffentlichen Versammlung in deutscher Sprache zu führen sind. Das deutsche Reich ist ein Nationalstaat, kein Nationalitätenstaat. Die Gerichtssprache ist die deutsche. Es wäre ein nationales Versäumnis, wenn man es unterließe, das gleiche auch für die öfsentlichen Versammlungen— nur für diese— zu fordern. Die Unsicherheit des nationalen Empfindens ist ein Pfahl in unserm Fleisch.(Lebhafter Beifall.) Es gilt, die eigene Nationalität kräftig zu behaupten und zu vertreten. Wirksam schließt der Staatssekretär mit einem Hinweis gegenüber dem süddeuschen Parteiführer von Payer, der in seiner Etatsrede sein Befremden geäußert hatte, darüber, daß die Regierung, wie ihre Vorlagen bewiesen, zum Volke nicht Vertrauen fassen können. Nun, diese Vorlage zeugt wahrhaftig nicht von Mißtrauen.(Sehr wahr!) Aber nur bei gegenseitigem Vertrauen können wir zu einem wirklich freiheitlichen Zustand kommen.(Lebhafter Beifall.) Revolverattentat. Berlin, 10. Dez. Vor dem„Romanischen Cafee" in der Auguste Viktoriastraße unternahm der 36jährige Karl Freitag gegen den Rentier Knopp einen Mordversuch, indem er auf denselben einen Revolverschuß abfeuerte. Die Kugel durchdrang den Paletot, den Anzug und blieb schließlich in einer aus Tuchpapier hergestellten Bauzeichnung, welche der Rentier in der Tasche trug, sitzen. Der Attentäter erklärte, daß er sich an dem Rentier habe rächen wollen, weil ihm vor einiger Zeit von dem Dienstmädchen desselben eine vergiftete Suppe vorgesetzt worden sei. Schwere Schneestürme in Oberschlesien. Breslau, 9. Dez. Während in Breslau am Sonnabend nachmittag ein vielfach mit Schneevermischter Regen niederging, erlebte Oberschlesien einen gewaltigen Schneefall, der bis nahezu an Brieg heranreichte und den Verkehr von ganz Oberschlesien fast zum Einstellen zwang. Der Schnee liegt an vielen Orten bis zu Meterhöhe. Die Eisenbahnzüge konnten nur mit Mühe und mit gewaltigen Verspätungen ihre Fahrt fortsetzen. Die Personenzüge 280 und 230 und die Schnellzüge 2, 12 und 6 konnten über Oppeln hinaus nicht weiter befördert werden, weil fast sämtliche Telegraphenstangen umgebrochen waren und die Gestänge mit den Drähten die Strecke bedeckten. Der Telegraphen= und Telephonverkehr wurde eingestellt. Der Zugverkehr konnte nur auf einem einzigen Schienenstrang aufrechterhalten werden, und es konnten nur die Züge in der Richtung nach Oderberg bezw. Myslowitz 5, 35, 225 und 6 abgelassen werden. Zur Hilfeleistung bei den Aufräumungsarbeiten wurden einige Kompagnien Infanterie von Oppeln abkommandiert. Der Bahnhof in Oppeln bot ein äußerst bewegtes Bild. Die Reisenden konnten erst am Sonntag früh um 7 Uhr durch Sonderzug über Jelowa=Kreu=burg und von da mit dem Frühschnellzuge nach Breslau weiter befördert worden. In Kohlfurt traf der Schnellzug 2 nach Berlin, der um Mitternacht in Breslau hätte sein müssen, erst gestern nachmittag ein, und auch die anderen Schnell= und Personenzüge hatten aus Oberschlesien her bedeutende Verspätungen. Der Auswandererzug Myslowitz—Bremen, der um 12 Uhr in Kohlfurt ein treffen soll, war gestern nachmittag um 4 Uhr noch nicht in Sicht. Zum Tode König Oskars von Schweden. Stockholm, 10. Dez. Aus Stockholm wird der„Neuen Fr. Pr.“ gemeldet, daß König Oskar Memoiren hinterlassen habe, jedoch ausdrücklich letztwillig bestimmt hat, dieselben erst 30 Jahre nach seinem Tode zu veröffentlichen. Großherziger Spesen=Erlaß. Rom, 10. Dez. Der Papst hat den neuen französischen Kardinälen mitgeteilt, daß sie den üblichen Betrag von 50 000 Franks Spesen, welcher mit der Ernennung zum Kardinal verbunden ist, nicht zu zahlen brauchen. Schiffsunglücke. Cherbourg, 10. Dez. Infolge der heftigen Unwetter werden zahlreiche Schiffsunfälle gemeldet: Der Dampfer„Kronland“, welcher Sonnabend Antwerpen mit mehr als tausend Passagieren verließ, hat bei den Skilliinseln Schiffbruch erlitten, er mußte seine Reise aufgeben und in den Hafen von Liverpool zurückkehren. Paris, 10. Dez. Drei französische Schiffe sind bei der Rückfahrt von Neu=Fundland nach Frankreich mit 125 Mann Besatzung untergegangen. Man hat seit dem 1.Oktober, wo die Schiffe Martinique verließen, nichts wieder von ihnen gehört. Die Mannschaften sind Schiffer, die alle Jahre nach Neu=Fundlaned fahren. Barbarisches Massakre. Sofia, 10. Dez. Von der türkischen Grenze hier eingetroffene Reisende berichten, daß 178 Bulgaren aus dem Gebiet Newrokup durch eine griechische Bande überfallen und massakriert worden sind, in dem Gemetzel fielen auch vier türkische Gendarmen. Kurzer Getreide=Wochenbericht. der Preisberichtsstelle des Deutschen Landwirtschaftsrats vom 3. bis 9. Dezember 1907. Es stellten sich die Preise für inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 Kilogramm je nach Qualitat, wie folgt: Königsberg Danzig Stettin Posen Breslau Berlin Magdeburg Halle Leipzig Rostock Hamburg Hannover 228 Weizen Roggen Hafer 4) 199(—1) 163(— 231(—) 198(+1) 165(— 218(—3) 197(—) 167(—2 232(—4) 200(—2) 164(—3 224(— 10) 203(—6) 163(— 3 219(—4) 206(—3) 182(—3 212(— 5) 204(—3) 168(—2 216(—1) 206(— 4) 165(— 215(+7) 210(—3) 174(—1 220(—) 200(—3) 169(—1 211(+ 1) 195(—1) 178(—2 216(—2) 206(—2) 170(— Braunschweig 214(—5) 210(—2) 174(—4 Düsseldorf 215(—7) 208(—) 180(— 2 Köln 210(— 10) 206(—2½) 182½(—5 Frankfurt M. 217½(— 2½) 207½(—) 185(— Mannheim 238(—1) 215(—) 187½(— Straßburg 239½(—5) 212½(—2½) 205(— 2½ Stuttgart 240(—2½) 225(—) 192½(— 2½ München 238(—4) 212(—) 196(— 1 Scotts Smullion Itets bei der Hand! Oeffentlicher Wetterdienst Wetteraussichten für Mittwoch, den 11. Dezember: Morgen keine Witterungsveränderung. Nass kalte Tage und eisige Hächte, das ist jetzt so die Regel und die halbe Welt ist erkältet. Aber darum braucht man nicht zu verzagen. Fays ächte Sodener Mineral=Pastillen räumen mit jeder Erkältung der Luftwege gründlich auf. Schon der Gebrauch einiger Pastillen bringt Erleichterung auch in schweren Fällen und verwendet man die Pastillen weiter nach Vorschrift, dann wird man stets— vorausgesetzt, daß nicht eine Krankheit im Entstehen ist— in kürzester Zeit sein Leiden los sein. Aber auch wenn nicht nur eine Erkältung vorliegt, wird die Anwendung der Pastillen immer nur nützen und nie schaden. Fays ächte Sodener kauft man in allen Apotheken, Drogerien und Mineralwasserhandlungen für 85 Pfennig die Schachtel. Gar viele Eltern, die immer wieder Gelegenheit hatten, die vorzügliche Wirkung von Scotts Emulsion bei Schwächezuständen jeder Art zu erproben, werden verstehen, warum Herr Stöbe dieses Nährmittel in seinem Haushalte nicht mehr ausgehen lassen wollte. Köln, Kurfürstenstr. 7, 18 Oktober 1900. „Mein jetzt 2 jähriges Töchterchen Charlotte, das in den ersten 6 Wochen ziemlich schwächlich war und sehr weichen Kaochenbau hatte, so daß wir kaum daran dachten, daß sie im ersten Jahre Gehversuche machen würde, entwickelte sich prächtig unter Beihilfe von Scotts Emulsion, fing bereits wit 10 Monaten an zu gehen und blüht und gedeiht zu unserer Freude. Infolge dieses guten Erfolges machte ich auch einen Versuch bei meinem jüngsten Söhnchen Hans, der obschon er damals erst 5 Monate zählte und sehr zart und schwächlich war, die Emulsion ebenfalls vorzüglich vertrug. Aus dem ehemals so zarten Kindchen ist jetzt dank Ihres Präparates ein pausbäckiger, gesunder Junge geworden, bei dem insbesondere sein kräf tiger Körperbau und sein festes Fleisch hervorzuheben sind. darf Scotts Emulsion vorläufig in meinem Haushalte nicht ausgehen lassen, denn beide Kinder nehmen sie mit Vorliebe, und die Kleine verlangt täglich ihre Ration, wenn sie die Flasche nicht selbst erwischen kann." (gez.) Paul Stöbe. Die außergewöhnlich hohe und rasch wirkende Nährkraft von Scotts Emulfion rührt von den allerfeinsten Rohmaterialien her, die in dem mit größter Sorgfalt geleiteten Scottschen Verfahren leicht verdaulich und wohlschmeckend gemacht sind. Scotts Emulsion wird von uns ausschließlich im großen verkauft, und zwar nie lose nach Gewicht oder Maß, sondern nur in verstegelten Originalflaschen in Karton mit unserer marke der Fischer mit dem Dorsch). Seott u Bowne, G. m. b. H., Frankfurt a. M. 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Wirte-Verein von Stadt und Amt Lüdenscheid Zur Beerdigung unseres Kollegen, des Herrn Adolf zum Hohle versammeln sich die Mitglieder am Donnerstag, den 12. cr., nachmittags 2¼ Uhr, beim Kollegen Gustav Wislah, Schafsbrücke. Der Vorstand. Darleben ohne Vorschuß 5 Zinsen, ratenweise Rückzahlung Selbsigeber Schllinski, Berlin 26. Laulasstr. 21. Rückporés Stotternden! Unfehlbare sichere Selbsthilfe unter Garantie, es giebt hiernach keine Stotterer mehr! Ich als ehemal stark Stoiternde gebe Mitteilung wie leicht ich mich selbst gründlich von dem schlimmen Uebel dauernd befreite. Frl. G. Schraiber, Bad Kösen i. Thür, RadelsburgPromenade 2. Bei den am 7. d. M. stattgefundenen Handelskammer-Ergänsind folgende Herren gewählt bez. wiedergewählt worden: Stadt Lüdenscheid: Richard Gerhardi, Kommerzienrat E. W. Turck, Ernst Nolte, Karl Steinweg. Amt Lüdenscheid: Emil Noell zu Schafsbrücke. Amt Halver: C. A. Winkhaus zu Carthausen. Kierspe=Meinerzhagen: August Lohmann zu Meinerzhagen. Etwaige Einwendungen gegen diese Wahlen sind bis zum 23. d. Mts. bei unserm Vorsitzenden Herrn Richard Gerhardi hier anzubringen. Lüdenscheid, den 9. Dez. 1907. Die Handelskammer. Das Abladen Schutt und Geröl auf kirchlichen Grundstücken wird hiermit bei Strafe wiederholt unterWilh. Büren, Kirchmeister. Stadtfheater hüdenscheid Dotel zur Poſt. Montag, den 16. Dezembar 1907: Anfang 8 Uhr: IV. Gastspiel des Iserlohner Stadttheater- Ensembles (Direktion: Mar Sandhage) Durchlaucht Radieschen Operette in 3 Akten von V. Holländer. Preise der Plätze: Sperrsitz M. 2.50, 1. Platz M. 1.50, 2. Platz 70 Pf. Anfang 8 Uhr.— Vorverkauf bei Heinr. Delsterhaus, Zigarren=Importhaus. Vom 1. Dezember 1997 ab fallen die Sprechstunden an Sonn- und Feiertagen aus. In dringenden Fällen wird selbstverständlich ärztliche Hülfe geleistet Die Lüdenscheider Aerzte. Der Hagener Aerzteverein. samtliche Drucksachen epfiehlt Tügenkamp& Rakl. Ortskrankenkasse der Fabrikarbeiter. Wir machen unsere Mitglieder darauf aufmerksam, daß die des Kassenarztes für das Jahr 1908 während der Zeit vom 2. bis 13. Dezember ds. Is. auf dem Bureau der Kasse Humboldstraße 22 zu geschehen hat. Die diesjährige Arztkarte ist hierbei vorzulegen. Nach dem 13. Dezember kann eine Umwahl des Arztes nicht mehr zugelassen werden. Für die in der Rahmede ansässigen Mitglieder ist Herr Dr. Sismon, Altroggenrahmede, wählbar. Mitglieder einer Haushaltung können nur einen und denselben Arzt wählen. Bestimmend ist derjenige Arzt, den der Haushaltungsvorstand gewählt hat. Diejenigen Mitglieder, welche für das Jahr 1908 keinen anderen Arzt wählen wollen, werden ihrem bisherigen Arzt wieder zugeschrieben; einer Aeußerung bedarf es in solchen Fällen nicht. Die neuen Arztkarten(Mitgliedskarten) gelangen anfangs Januar 1908 zur Verteilung. Lüdenscheid, 30. November 1907. Der Vorstand. Rechnungsformulare empfiehlt billigst Tilgenkamp& Ruhl. 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Das Helden-Album ist tatsächlich imstande, nicht nur ein nützliches, belehrendes und unterhaliendes Geschenk für die Jugend zu sein, sondern es frischt auch dem Erwachsenen die Geschichte der alten wie neuen Zeit in unterhaltender Weise auf. Die neueste Ausgabe des Stollwerck-Sammel-Albums ist in allen Niederlagen der Stollwerck-Fabrikate zum Preise von Mk. 1.— käuflich oder wird von denselben gern besorgt lderbüicher. ärchen-u gesctichtenbäter (zum Teil zu ermäßigten Preisen), Gesangbüchar, Romane, Klassiker, Briefkasetten, Schreibmappen, Postkartenalbums hat in großer Auswahl Institut I. Comp. Brügge. Sonntag, den 15. Dezember, nachmittags 6 Uhr: Generalversammlung im Lokale des Komeraden Niggeloh in Brügge. Tages=Ordnung: 1. Neuwahl des Vorstandes. 2. Wahl der Rechnungsrevisoren. 3: Kuisersgebartstagsfeier. 4. Aufnahme neuer Mitglieder. 5 Verschiedenes. Der Vorstand. Für unsere Vernickelei suchen wir per fofort einige tüchtige Arbeiter. Lüdenscheider Metallwerke A.-G. vorm. Jul. 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Verlag von Tilgenkamp& Ruhl in Lüdenscheid. Verantwortlicher Redakteur: Geerg Däffcke in Lüdenscheid. Nr. 289 den 10. Dezember 1907. 40 Deutscher Adel in der New-Yorker Bohème. Ueber Personen und Verhältnisse der Newyorker Bohemne plaudert C. Stürenburg im Sonntagsblatt der„Newyorker Staats=Zeitung“. Ein recht malerisches Anhängsel— so schreibt er— erwuchs dem Zigeuner= und Abenteurertum der Riesenstadt, als zu Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts nicht wenige jener deutschen Öffiziere, die als in Deutschland gescheiterte Existenzen den amerikanischen Bürgerkrieg mitgemacht hatten, nach ihrer Verabschiedung, meist ohne einen Pfennig in der Tasche, auf dem Newyorker Pflaster erschienen, um hier von ihrem Witze zu leben. Nur in sehr vereinzelten Ausnahmefällen ließ sich einer dieser modernen Landsknechte aus Verzweiflung für die reguläre Armee der Vereinigten Staaten anwerben. Die Avancementsaussichten waren für den angeworbenen Mann die denkbar ungünstigsten; da war es denn kein Wunder, daß für den übers Meer verschlagenen deutschen Adel der bunte Rock des demokratischen Kriegsherrn keinen Reiz mehr besaß. Lieber zigeunern! Doch nicht jeder eignet sich für die Boheme und mancher dieser Glücksritter versank, ehe er sich's versah, in die Masse des Industrieproletariats, um nicht wieder hochzukommen. Die Poppenhusensche Gummikammfabrik in College Point auf Long Island, sewie die Singersche Nähmaschinenfabrik in Elizabeth können als Großbetriebe angeführt werden, die aus besonderen Umständen die Metamorphose gewesener preußischer Leutnants zu amerikanischen Blusenmännern erleichtern; an jeder der genannten beiden Fabriken hatte sich nämlich ein Sprößling aus altem Adelsgeschlecht zum Vormann einer bestimmten Abteilung emporgeschwungen, und beide Herren gaben früheren Kameraden, wenn sie sich zur Arbeit meldeten, unbedingt den Vorzug. So entstanden an den betreffenden Orten deutsche Arbeiterkolonien, die sich mehr oder minder ausschließlich aus deutschem Adel zusammensetzten. Mehr als einer dieser deklassierten Freiherren, Barone und Grafen vermochte sich freilich auf die Dauer den Erfordernissen des neuen bescheidenen Milieus so wenig anzupassen, daß er früher oder später noch verschiedene Stufen tiefer sank und endlich vollends zum Tramp wurde; mehrere fristeten als Marktjäger und Fischer in den Niederungen am Long Island Sund kümmerlich ihr Leben. Die letzten Spuren ihres Daseins sind inzwischen völlig verwischt:— verdorben, gestorben! Andere— und es waren ihrer nicht wenige mußten ihrem Schöpfer danken, wenn sie an den Pferdebahnen in der Stadt und Umgegend als Kutscher eine Anstellung sanden und dadurch vor dem Hungertode bewahrt blieben; an zwei Straßenbahnlinien besonders schien für die Betriebsleitung beim Ersatz des Dienstpersonals der Mensch erst bei den Trägern adliger deutscher Namen anzufangen. Der größte Teil des über das große Wasser verschlagenen deutschen Adels aber zog die Ungebundenheit des Lebens in der Boheme der harten Arbeit vor; man lebte aus der Hand in den Mund, ohne daß es in der Mehrzahl der Fälle klar gewesen wäre, woher die Existenzmittel eigentlich stammten, denn die Karriere des holsteinischen Barons B. muß als seltene Ausnahme gelten. Nach dem Bürgerkriege fand dieser Herr, der früher Leutnant erst der preußischen und dann der österreichischen Armee gewesen war, eine ihm zusagende Beschäftigung als Croupier in einem Spielhause. Auch als Schlepper tat der Baron gelegentlich diskrete Dienste, und man schätzte seine Wocheneinnahme auf mindestens 100 Dollars, die es ihm ermöglichten, im Sinclair House am Broadway als Junggeselle ein opulentes Leben zu führen, bis er sich mit einer Tänzerin deutscher Abkunft, einer auffallenden Schönheit, verheiratete. Baron B. war ein Glückskind, denn um die Mite der 70er Jahre starb sein älterer Bruder, der Majoratsherr, ohne Leibeserben, und so trat er, mit Weib und Kind den amerikanischen Staud von den Pantoffeln schüttelnd, als reicher Erbe die Reise nach Holstein an, und, wie es den Anschein hatte, fand selbst die Fran Baronin trotz ihrer Vergangenheit bei der in diesem Punkte sonst doch recht diffizilen hochadligen Nachbarschaft eine sehr freundliche Aufnahme. Während seiner Newyorker Zeit blickte Baron B. mit Abscheu auf jeden Kameraden, der durch ehrlicht Arbeit sich über Wasser zu halten suchte! So oft ihm von be freundeter Seite der Rat gegeben wurde, sich aus der Gemeinschaft mit gewerbsmäßigen Spielern zu befreien, machte er, und zwar oft mit verletzender Offenheit, kein Hehl daraus, wie gleichgültig ihm das Urteil der Welt über sein Tun und Treiben sei. So klar bei diesem Manne die Quellen der regelmäßigen Einnahmen zutage lagen, so geheimnisvoll erschien das Dunkel, in welches ein anderes Mitglied des Newyorker Adelskontingents jegliche Spur seiner wahren Verhältnisse geradezu virluos einzuhüllen wußte. So verstand der in Rede stehende Herr jeder Frage darüber, wo und wie er wohne, geschickt auszuweichen; während sein Aeußeres an Adrettheit nichts zu wünschen übrig ließ, mußte bei ihm in jeder anderen Beziehung Schmalhans Küchenmeister sein. Bargeld selbst in den bescheidensten Beträgen sah man nie bei diesem selten schönen Mann, der, ein Sproß aus einem der ältesten Adelsgeschlechter, als Rittmeister der Gardes=du=Corps in Berlin den Dienst hatte quittieren müssen, nachdem König Wilhelm zweimal den Versuch gemacht hat, ihn durch Bezahlung seiner hohen Schulden der Armee zu erhalten. Das Nutzlose weiterer pekuniärer Opfer einsehend, ließ der König den Freiherrn v. R. endlich fallen und mit schlichtem Abschied über das große Wasser ziehen. Hier teilte der Freiherr bald das Schicksal seiner früheren Kameraden: die Newyorker Boheme nahm ihn auf. Ueber 6 Fuß hoch in den Schuhen stehend, von imposanter Gestalt, mit dem wehenden rotblonden Vollbart an germanische Heldentypen erinnernd, erregte von R. wo er sich zeigte, Aufsehen, weshalb der Geschäftsleiter eines der damats in den ersten Entwickelungsjahren befindlichen Warenhäuser auf den Gedanken kam, den schönen Mann in seinem Laden öffentlich zur Schau zu stellen. Der Freiherr besaß aber trotz seiner mißlichen Lage inneren Stolz genug, um das Unwürdige einer solchen Stellung zu fühlen; er kam nach Empfang des ersten Wochenlohnes nicht mehr wieder. Obwohl er seitdenHungerpfoten sog, lehnte er doch jede Einladung zum Essen mit verbindlichem Lächeln in einer Respekt erheischenden Weise ab. Man hatte niemals einen Menschen vornehmer hungern sehen! Eines Tages verschwand der Freiherr von der Bildfläche; er soll später in Philadelphia die lohnende Geschäftsvertretung einer großen Tintenfabrik erhalten haben. Die abendlichen Zusammenkünfte des im Newyorker Exil lebenden hohen deutschen Adels fanden an der Bower in Menzels Hotel statt; der Besitzer des Hotels, Herr Brückbauer, gewährte den Trägern großer deutscher Namen einen unbegrenzten Kredit. Wie weit er dabei seine Rechnung gefunden, bleibe dahingestellt! Mord in Moabit(Berlin). Entdeckung nach acht Tagen. Berlin, 9. Dez. Ein Leichenfund, der den äußeren Umständen nach auf einen Mord schließen läßt, ist gestern in Moabit gemacht worden. Am Vormittag 9½ Uhr fanden Bewohner des Hauses Alt=Moabit 114 den im dritten Stock des Quergebäudes wohnenden 36 Jahre alten Kaufmann Max Lehmann in seiner Wohnung mit schweren Verletzungen am Hinterkopf tot liegen. Der Todist anscheinend schon am 30. November eingetreten. Die Art der Verletzungen und die Lage der Leiche lassen auf einen Mord schließen. Ob der Tote auch beraubt worden ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Von dem Täter fehlt bis jetzt jede Spur. Bereits gestern abeno erschen an den Säulen auf knallrotem Papier folgende amtliche Bekanntmachung:„1000 Mark Belohnung. Heute vormittag 9 Uhr wurde der Kaufmann Max Lehmann in seiner, Alt=Moabit im Quergebäude drei Trepper gelegenen Wohnung tot aufgefunden. Die Leiche lag neben einem umgestürzten Stuhle auf dem Rücken, der Kopf in einer großen Blutlache. Der herbeigerufene Gerichtsarzt stellte fest, daß der Hinterkopf anscheinend mit einem schweren Instrument zerschmettert worden ist. Außerdem wies die Leiche eine Schießwunde in der rechten Backe und Stichwunden an der Stirn und am Halse auf. Die Schußwaffe wurde nicht gefunden, wohl aber ein Messer mit zerbrochener Klinge neben der Leiche. Ob etwas geraubt worden ist, hat sich nicht feststellen lassen. Ebensowenig ist eine Unordnung in der Wohnung zu bemerken gewesen. Allem Anschein naa liegt ein Mord vor, der schon einige Zeit zurückliegt. Neben der Leiche lag blutbefleckt eine Morgenzeitung vom 1. Dezember. Seit dem 30. November ist Lehmann nicht mehr gesehen worden und sind Zeitungen seit dem 2. Dezember vor der Tür liegen geblieben. Privatpersonen, die zweckdienliche Angaben zur Ermittelung des Täters machen können, werden unter Bezugnahme auf obige Belohnung gebeten, beim Polizeirevier 1 oder bei der Kriminalpolizei in Zimmer 25 ihre Mitteilungen zu machen. Berlin, 8. Dezember 1907. Der Polizeipräsident v. Borries.“ Ueber die näheren Umstände des Verbrechens und die bisherigen Ermittelungen der polizeilichen Untersuchung gehen uns folgende Einzelheiten zu: Seit dem 1. Mai ds. Is. bewohnt der am 2. Juli 1872 an Brakwitz im Kreise Colmar geborene Kaufmann Max Lehmann im Quergebäude des Grundstücks Altmoabit 114 eine kleine Wohnung, bestehend aus einem Zimmer, Küche und einer Kammer. Die Wohnung, die Lehmann selbst eingerichtet hatte, bewohnte er allein. Seinen Haushalt ließ er sich durch eine Aufwartefrau aus der Nachbarschaft besorgen. Sonst blieb er für sich allein und auch die übrigen Arbeiten für seine bescheidene Wirtschaft besorgte er sselbst. Gegenüber der für sich abgeschlossenen Wohnung Lehmanns befinden sich drei kleine Wohnungen, die ebenfalls vermietet sind. Die Stube, in der Lehmann tot aufgefunden wurde, ist ein zweifenstriges Zimmer, das von einer Wohnung des Seitenflügels abgeschlossen wird und einen eigenen Flur hat. Die Tür nach dem Seitenflügel ist verschlossen, sodaß das Junggesellenheim ganz abgesondert liegt. Der Flur endet mit einer Art Rumpelkammer, in der Lehmann Kaffee, Bier und dergleichen aufbewahrt. Der Flur, der links von der Treppe liegt, führt rechts durch eine Tür in das Zimmer. In diesem stehen an der linken Wand hinter einer Gardine eine Kochmaschine mit einem Gaskocher, der von einem Automaten geheizt wird. Lehmann führte, soweit dies die Hausbewohner beobachten konnten, ein regelmäßiges, anscheinend solides Leben. Am Samstag, den 30. November, sah man ihn zum letzten mal. Am 2. und 3. Dezember brachte der Zeitungsausträger noch die Zeitungen. Da das Blatt aber nicht weggenommen wurde, stellte der Spediteur die Lieferungen ein im Glauben, der Bezieher sei verreist. Um die Wohnung und ihren Inhaber kümmerte sich niemand mehr, bis sich gestern der Hauswirt nach seinem Mieter, der sonst seine Miete pünktlich bezahlt hatte, nach ihm erkundigte. Da auf sein Klopfen und Klingeln nicht aufgemacht wurde, rief er die Polizei. Diese ließ die Wohnung durch einen Schlosser öffnen. Beim Eintritt in den kleinen Flur machte sich sofort ein Geruch von Leichenverwesung bemerkbar. In er Mitte des Zimmers lag lang ausgestreckt die Leiche Lehmanns, neben dem Toten war eine große Blutlache. Es hatte zuerst den Anschein, als ob Lehmann Selbstmord verübt hätte, die Besichtigung ergab aber bald, daß ex ermordet und wahrscheinlich beraubt worden ist. Oliver Twilt. Die Laufbahn eines Findelkindes. Roman von Charles Dickens. Aus dem Englischen übersetzt von E. von Bauernfeld. (26. Fortsetzung.) Achtzehntes Kapitel. Wie Oliver in der lehrreichen Gesellschaft seiner achtbaren Freunden seine Zeit zubrachte. Den andern Tag um die Mittagsstunde, als der Pfiffikus und Master Bates ihren gewohnten Berufsgeschäften nachgegangen waren, nahm Mr. Fagin die Gelegenheit, dem Oliver eine lange Vorlesung zu halten über die schreiende Sünde der Undankbarkeit, deren sich, wie er bündig auseinandersetzte, der Knabe in nicht gewöhnlichem Grade schuldig gemacht, da er sich geflissentlich dem Umgang seiner besorgten Freunde entzogen, und noch mehr, da er den Versuch angestellt habe, ihnen zu entfliehen, nachdem so viele Mühe und so große Kosten aufgewandt worden, um seiner wieder habhaft z uwerden. Mr. Fagin legte großes Gewicht auf den Umstand, daß Oliver aufgenommen und versorgt habe, zu einer Zeit, wo er ohne diesen gelegenen Beistand vor Hunger hätte umrommen können; und erzählte dann die traurige und rührende Geschichte eines jungen Burschen, dem er unter ganz gleichen Umständen in seiner Menschenfreundlichkeit hilfreich beigesprungen wäre, der sich aber seines Vertrauens unwürdig erwies, und ein Verlangen an den Tag legte, mit der Polizei in Verbindung zu treten, was ihm das Unglück zuzog, eines Morgens beim Old=Bailey=Gesängnis gehängt zu werden. Mr. Fagin schloß mit einer etwas unangenehmen Schilderung der Unbehaglichkeit des Hängens, und drückte mit großer Freundlichkeit und Zuvorkommenheit seinen sehnlichen Wunsch aus, daß er nie in die Notwendigkeit kommen möge, Oliver dieser Operation zu unterwerfen. Dem Knaben gerann das Blut, wie er den Worten des Juden horchte, und die finsteren Drohungen, welche sie enthielten, unvollkommen verstand. Er hatte bereits erfahren, daß die Gerechtigkeit selbst den Unschuldigen mit dem Schuldigen verwechseln könne, wenn sie in zufälliger Genossenschaft standen, und es erschien ihm keineswegs unwahrscheinlich, daß tief angelegte Pläne zur Hinwegräumung von lästigen Mitwissern oder gefährlichen Schwätzern bei mehr als Einer Gelegenheit durch den alten Juden wirklich erdacht und ausgeführt worden, in welcher Vermutung ihn seine Erinnerung an den allgemeinen Charakter der kleinen Reibungen zwischen diesem Herrn und Mr. Sikes noch bestärkte, als welche auf irgend ein stattgehabtes Komplott dieser Art Bezug zu haben. Furchtsam blickte er auf, und begegnete dem forschenden Auge des Juden, wobei er deutlich fühlte daß sein bleiches Gesicht und seine zitternden Glieder dem scharfsichtigen Schurken weder entgingen, noch mißfielen. Mit einem scheußlichen Lächeln klopfte der Jude Oliver auf den Kopf, und sagte ihm, wenn er sich ruhig hielte und sich auf die Geschäfte verlegte, so würden sie immer noch sehr gute Freunde werden können. Dann nahm er seinen Hut, hing einen alten geflickten Ueberrock um, und ging aus, die Stubentür hinter sich zuschließend. Und so blieb Oliver den ganzen Tag und den größeren Teil vieler folgenden Tage, ohne irgend jemand vom frühen Morgen bis Mitternacht zu sehen, und während der langen Zeit nur seinen eigenen Gedanken überlassen: diese ermangelten nie, zu seinen gütigen Freunden und der Meinung, die sie längst von ihm gefaßt haben müßten, zurück zu kehren, und waren somit in Wahrheit trübe genug.— Nach Verlauf von etwa einer Woche, ließ der Jude die Stubentür unverschlossen, und es stand ihm frei, das Haus zu durchwandern. Es war ein sehr schmutziger Ort; aber die oberen Zimmer hatten große hohe Kaminsimse von Holz und breite Türen, Wände mit Täfelwerk und Karnieße an den Decken, welche zwar durch Staub und Vernachlässigung geschwärzt, aber auf mannigfache Weise verziert waren. Aus allen diesen Merkmalen schloß Oliver, daß vor langer Zeit, vor der Geburt des alten Juden, das Haus vornehmeren Leuten angehört habe, und vielleicht ganz heiter und schön gewesen sei, so öde und düster es auch jetzt aussah. In den Winkeln der Decken und Wände hatten Spinnen ihre Netze aufgespannt, und zuweilen, wenn Oliver leise in ein Gemach trat, rannten die Mäuse über den Fußboden und flüchteten sich erschrocken in ihre Löcher. Mit diesen Ausnahmen aber war kein lebendes Wesen weder zu sehen, noch zu hören, und ost, wenn es dunkel wurde, und er es müde war, von Zimmer zu Zimmer zu wandern, kauerte er sich in die Ecke des Vorhauses an der Haustür nieder, um so sehr wie möglich in der Nähe lebendiger Wesen zu sein, und dort lauschte er und zählte die Stunden, bis der Jude oder die Knaben nach Haus kamen. In allen Zimmern waren die verwitternden Fensterläden dicht verschlossen, und die Eisenstäbe, welche sie zuhielten, waren fest ins Holz eingeschraubt, so daß das einzige Licht, das zugelassen wurde, seinen Weg durch die oben befindlichen runden Löcher nehmen mußte, was die Zimmer nur noch unheimlicher machte, und sie mit seltsamen Schatten anfüllte. Hinten auf dem Boden war ein Dachfenster ohne Laden, von außen mit rostigen Eisenstäben verwahrt, und zu diesem hinaus blickte Oliver mit trübseligem Angesicht oft stundenlang hintereinander; aber es war nichts zu entdecken, als eine verworrene und dichtgedrängte Masse von Dachspitzen, räucherigen Schornsteinen und Giebaln. Vermischte Nachrichten. Von Stufe zu Stufe. Der Kaufmann Paul Radke, der Erbe eines Millionärs, der lange Zeit in Berl. Theaterkreisen be kannt war, mußte gestern als bettelarmer Mensch u. Betrüger auf der Anklagebank vor der 1. Strafkammer des Landgerichts 3 in Berlin Platz nehmen. Durch die Schuld des eigenen Bruders und durch seine Ehe mit einer bildhübschen aber ebenso leichtsinnigen Choristin war R. auf eine schiefe Ebene gedrängt worden. Im Jahre 1902 wurden ihm als Erbteil 160 000 Mark ausgehändigt. Mit diesem Gelde konnte der junge Mann, der stets eine gewisse Schwärmerei für das Theater an den Tag gelegt hatte, seinen Neigungen nachgehen. Er wurde bald einer der bekanntesten Theaterhabitues. Da er sich auch im Bühnenleben praktisch betätigen wollte, beteiligte er sich auch mit 75 000 Mk. an einem hiesigen Theater. Er hätte durch diese Beteiligung sicher einen nicht unerheblichen Vorteil gezogen, wenn nicht sein älterer Bruder in die Vermögensverhältnisse eingegriffen hätte. Dieser machte ihm Vorwürfe wegen dieser Beteiligung und erreichte es schließlich, daß ihm die Vermögensverwaltung übertragen wurde. Auf Anraten desselben Bruders erwarb R. ein ziemlich faules Patent auf ein Spiritusglühlicht für 16 000 M. Er hatte jedoch damit nicht den geringsten Erfolg, ebensowenig bei anderen„praktischen“ Unternehmungen, obwohl er sich die redlichste Mühe gab, Geld zu verdienen. Wie die Verhandlung ergab, hat er auch dem Bruder, der im Termin nicht erschienen war und deshalb in 50 Mark Geldstrafe genommen wurde, noch Teile seines Vermögens zedieren müssen und ist schließlich dessen Schuldner in einem höheren Betrage geworden. Der Umschwung der Verhältnisse des einst reichen Mannes war zu plötzlich gekommen, als daß er der Versuchung, Geld auf unredliche Weise zu erwerben, hätte widerstehen können. Er machte sich verschiedentlich betrügerischer Manipulationen schuldig. Der Staatsanwalt billigte dem Angeklagten weitgehende Milderungsgründe zu, beantragte aber doch ein Jahr Gefängnis. Das Gericht verurteilte ihn aber nur zu fünf Monaten Gefängnis unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft. Tragische Geschichte eines Kabelbruchs. In der vergangenen Woche gab das Reichspostamt bekannt, daß das deutsche Kabel Emden—Vigo seinen Dienst wieder versehen könne. Diese Bekanntmachung war nötig, denn drei Wochen vorher war das Kabel gerissen. Und das kam sa: Frankreich ließ vor einigen Jahren von Brest aus ein Kabel nach seiner Kolonie Senegambien legen. Dieses Kabel hat jedoch von vornherein seinen Beruf verfehlt; es war nicht nur zu kurz geraten, sondern wurde, statt auf dem Meeresboden aufgelagert zu werden, zwischen unterseeischen Felsriffen frei schwebend ausgespannt. Kein Wunder, daß das Kabel häufig seinen Dienst versagte und im letzten Frühjahr riß. Schon drei Monate später hatte man die Bruchstelle festgestellt, und wieder drei Monate später machte sich ein englischer Kabeldampfer— Frankreich besitzt keinen— auf den Weg, um die Kabelenden aufzufischen und wieder zu vereinigen. Das Kabel wurde gefunden und in den Ozean versenkt. Kurz darauf wurde die sranzösische Postverwaltung durch Beschwerden ihrer deutschen Kollegin darauf aufmerksam gemacht, daß der englische Kabeldampfer das deutsche Kabel Emden—Vigo erwischt hatte! Frankreich oder die englische Kabelgesellschaft müssen jedenfalls die Reparaturkosten bezahlen und Entschädigung für den verhinderten Depeschendienst leisten. Das Kabel von Brest nach Senegambien aber ruht immer noch unbelästigt auf dem dunklen Grunde des Meeres. Das Ende eines Falschmünzers. In seiner Wohnung in der im vornehmen Kaiser Ludwig=Viertel gelegenen Haydnstraße in München hat sich, als er verhaftet werden sollte, gestern früh der in den dreißiger Jahren stehende, als Sonderling geltende Kunstmaler Seraph Roschmann mit fünf Gramm bereit gehaltenem Morphium vergiftet. Er starb trotz der großen Dosis erst auf dem Transport zum Krankenhause. Den Kriminalbeamten, die nach vergeblichem Läuten unter Mithilfe des mitgebrachten Schlossers in die Wohnung eingedrungen waren, war Roschmann mit einem langen Messer entgegengetreten, flüchtete aber vor den ihm entgegengehaltenen Revolvern der Polizisten in sein Schlafzimmer und trank dort, ehe er davon abgehalten werden konnte, das bereitstehende Gift. In seiner Wohnung fanden sich falsche Goldstücke, sowie Spuren, die auf Banknotenfälschung schließen lassen. Er hatte allmählich Verdacht erregi, daß er auch für die kleinsten Beträge Goldstücke zum Wechseln in Zahlung zu geben pflegte. Der Nachbarschaft, die in sein Atelier blicken konnte, war auch seine Untätigkeit als Maler aufgefallen, da Leinwand, Pinsel und Palette monatelang un verrückt an ihrem Platze blieben. Die Falschmünzereinrichtung wurde beschlagnahmt und die Wohnung, die Roschmann seit einem Jahre inne hatte, polizeilich geschlossen. Eine robuste Natur. Am Sonnabend schoß sich in Magde burg ein 47 Jahre alter Buchbindergeselle mit einem Revolver von 7 Millimeter Kaliber in selbstmörderischer Absicht fünf Kugeln in den Kopf, ohne sein Ziel zu erreichen. Am Dienstag meldete er sich im Krankenhause mit der Bitte, ihm die Kugeln aus dem Kopfe wieder zu entfernen. Man glaubt, dies onne Lebensgefahr bewerkstelligen zu können. Feuer in einem Totengemach. In Kasten bei Böheimkirchen starb die 27jährige Tochter Katharina des Revierjägers Krause. Als nachmittags Trauergäste mit Kränzen kamen, verspürten sie im Hause Brandgeruch. Die Mutter der Verstorbenen eilte in das Aufbahrungsgemach und fand die Leiche in hellen Flammen. Auf ihre Hilferufe kamen Leute herbei, un zu löschen. Die die Leiche umhüllenden Kleider waren verbrannt die Leiche selbst teilweise verkohlt. Die Entstehungsursache des Brandes konnte vorläufig nicht festgestellt werden, jedoch dürfte die Vermutung richtig sein, daß ein bei der Leiche gestandenes umgestürztes Oellämpchen den Brand verursacht hat. Der Kinematograph als Verräter. Ein Geschäftsmann mußte zu seinem großen Leidwesen während seiner vielen Reisen seine schöne junge Frau sich selbst überlassen. Besonders erschwert wurde dem Gatten der Abschied jedesmal dadurch, daß er glaubte, Ursache zur Eifersucht zu haben. Wiederholt war er schon unerwartet von seinen Reisen zurückgekehrt um seine Gattin zu überraschen, allein die Teure harrte stets seiner Rückkehr in Liebe und Treue. Trotzdem nagte der Wurm der Eifersucht nach wie vor an seinem Herzen. Eines Tages weilte der eifer süchtige Gatte in einer größeren Stadt und um sich die lange Zeit seines Aufenthaltes zu verkürzen, beschloß er, einer kine matographischen Vorstellung beizuwohnen. Es wurden nach einigen langweiligen Sachen auch versichedene mehr als pikante Pariser Szenen vorgeführt. Der Besucher ließ die Bilder mit gelangweilter Miene an sich vorüberziehen griff jedoch endlich, da er sehr kurzsichtig war, halb mechanisch nach seinem Opernglas. Wer beschreibt seinen Schreck, als er in einer der pikantesten Szenen seine Gattin und deren„Hausfreund“ erkannte. Sofort veranlaßte der betrogene Ehegatte den Besitzer, ihm den Film zu überlassen und mit diesem Beweisstück ausgerüstet, trat er schleunigst die Heimreise an. Alle Zärtlichkeiten der Gattin prallten wirkungslos an ihm ab und am nächsten Tage reichte er die Scheidungsklage ein. Es wird ein interessanter Scheidungsprozeß zu erwarten sein, in dem die Vorführung des Films ein stummes aber trotzdem beredtes Zeugnis zugunsten des so chmählich Betrogenen ablegen dürfte. Die Koketterie im Gefängnis. Koketterie ist eine Eigenschaft, die den Frauen tief innewohnt, von der feinsten Modedame bis herab zur kleinsten Arbeiterin. Ja selbst im Gefängnis hört die Macht der Koketterie noch nicht auf, sondern spielt unter den weiblichen Sträflingen die wichtigste Rolle. Dafür gibt Paola Lombroso, die Tochter des berühmten Kriminalisten, interessante Belege in einem Aufsatz der Revue, die sie dem Gefängnisdirektor Cadalso verdankt. Obgleich die weiblichen Gefangenen so ganz von der Welt isoliert sind und außer den Aufsehern niemals einen Mann sehen, ist doch die Begierde, schön zu erscheinen und sich zu schmücken, in ihnen noch nicht erstickt. Die Gesetze des Gefängnisses sind bekanntlich sehr streng in allem, was sich auf die Kleidung der Verurteilten bezieht. So ist es streng verboten, irgend ein Puder oder ein anderes kosmetisches Mittel zu benutzen. Aber die Erfindungskraft der Mädchen überwindet alle Hindernisse. So verschafften sie sich einmal das zur Schminke nötige„Weiß“ auf folgende Weise. Sie leck ten geduldig die Mauern ihrer Zelle ab, kauten den Kalk und erhielten so eine Art weißen Puders, den sie stolz auf das Gesicht auftrugen. Eine Gefangene hatte sich eines Morgens das ganze Gesicht mit Rot geschminkt wie eine Prima Ballering. Ihre Zelle wurde von oben bis unten untersucht, ohne daß man irgend etwas von Schminke fand, schließlich löste sich das Rätsel. Sie hatte aus ihrer Unterjacke alle roten Fäden, die sich in dem Gewebe befanden, mühsam herausgezupft, diese Fäden längere Zeit im Wasser aufgelöst, bis der Farbstoff eine rote Flüissigkeit ergab und mit dieser das Gesicht eingerieben. Das Ideat der weiblichen Sträflinge, das höchste Ziel ihrer Träume, ist ein Korsett. Ein Mädchen verfertigte sich unter unsäglichen Mühen dieses geliebte Kleidungsstück, das sie nicht entbehren mochte, aus den Eisendrähten am Gitter des Zellenfensters. Sie hatte sich so stark damit geschnürt, daß sie eines Tages während des Morgengottesdienstes ohnmächtig wurde, und nun wurde das Geheimnis ihrer schlanken Taille entdeckt. Um die Stücke Eisendraht, die zur Verfertigung notwendig waren, zu erlangen, hatte sie sich in einer großen Anzahl von Fällen absichtlich in die Strafzellen bringen lassen, deren Fenster allein ein solch kostbares Gitter enthielt. Der Elesant als Rangierlokomotive. Von einem Augenzeugen wird den Stettiner Neuensten Nachrichten aus Prenzlau nachstehende Geschichte berichtet: Ein Zirkus wollte dieser Tage nach Beendigung der Vorstellungen von Prenzlau nach einen anderen Orte übersiedeln und war mit seinem vollständigen Apparate, dem Marstall und Personal an der Laderampe auf dem Bahnhof erschienen, wo einige Dutzend Wagen zur Auf nahme des Zirkus bereitstanden. Da natürlich nicht alle Wagen zu gleich an der Rampe Platz hatten, war eine häufige Verschiebung erforderlich und plötzlich stockte die Verladung, da die Rangierlokomotive anderweitig beschäftigt und das Schieben der schweren Wagen durch Menschenkräfte unmöglich war.„Na, dann kann„Bob“ kommen!“ sagte der Stallmeister, und auf seinen Wink erschien ein riesiger Elefant auf der Bildfläche und wurde vor die Stirnwand des letzten Wagens geführt. Auf die Aufforderung:„Bob, nun schieb mal," stemmte Bob seine eherne Stirn gegen den Wagen und schob die ganze Wagenreihe mit einer Leichtigkeit vor sich her— wie ein Kindermädchen ihren Baby=Sportwagen. Schließlich bestieg er sselbst mit hellem Trompeten seinen Wagen und fuhr unter dem Applaus der Menge davon. Civilstand des Amtes Lüdenscheid vom 1. bis 7. Dezember 1907. Geburten: Anneliese, T. des F.=A. Wilh. Busch zu Hellersen. Lydia Traudchen, T. des Landwirts Alb. Höllermann zu Lösenbach. Hilda, T. des Hülfsschaffners Carl Wortmann zu Höh bei Brügge. Klara, T. des Walzers Heinr. Groll zu Twieströmen. Erich Eugen, S. des Landwirts Emil Plate zu Ellinghausen. Johannes Mar und Eduard Paul, Zwillinge des Lokomotivführers Johannes Wördehoff zu Brügge. Erna, T. des F.=A. Wilh. Krämer zu Flaßkamp. Paula, T. des Lokomotivheizers Aug. Klein zu Winkhausen. 1 uneheliche Geburt. Eheschließungen: Landwirt Julius Oefenscheid zu Kleinendrescheid u. Maria Dowy zu Horst. Sterbefälle: Ehefrau Maurer Fr. Conrad Baumann, Anna Maria gebe Bahl, zu Heerwiese, 31 J. 9 M. alt. Witwe Landwirt Wilhelm Piepenstock, Wilhelmine geb. Veese zu Reineberge, 68. J. 1 M. Zuweilen freilich konnte man einen zerlumpten grauen Kopf über die Brustwehr eines fernen Hauses herüberlugen sehen, aber schnell verschwand er wieder, und da das Fenster von Olivers Observatorium festgenagelt und das Glas durch jahrelangen Regen und Rauch getrübt geworden war, so hatte er schon genug zu tun, um die Formen der Gegenstände draußen zu entnehmen, ohne einen Versuch zu machen, sselbst gesehen oder gehört zu werden. Eines Nachmittags, wo der Pfiffikus und der junge Herr Bates für den Abend ausgeladen waren, setzte sich's der erstgenannte Jüngling in den Kopf, einige Sorglichkeit rücksichtlich der Ausstellung seiner Person zu zeigen(was, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, keineswegs eine alltägliche Schwäche bei ihm war), und zu diesem Zweck und Behufe hatte er die Herablassung, Oliver zu befehlen, daß er ihm schnurstracks bei seiner Toilette helfen solle. Oliver war nur froh, sich nützlich machen zu können; zu glücklich, Gesichter zu haben, und wären sie noch so verworfen, die er ansehen konnte, und zu begierig, die Menschen um ihn, wenn er es in Redlichkeit vermochte, zu versöhnen, als daß er diesem Vorschlag irgend ein Hindernis in den Weg hätte legen sollen. Demnach gab er ohne weiteres seine Bereitwilligkeit zu erkennen, kniete auf den Boden nieder, während der Verschmitzte si chauf den Tisch setzte, so daß er ihm den Fuß auf den Schoß legen konnte, und befaßte sich mit einem Verfahren, welches Mr. Dawkins als das„Firnissen seiner Trittlings=Röhren" bezeichnete, welche Redensart in allgemein verständlicher Sprache Stiefelputzen heißt. Der Pfiffikus sah eine kurze Weile mit gedankenvoller Miene auf Oliver herab, dann erhob er den Kopf und stieß einen leisen Seufzer aus, und sprach, halb in sich versunken, halb zum jungen Herrn Bates gewandt: „Wie schad' ist's doch, daß er kein Kochemer ist." „O!“ rief der junge Herr Charley Bates;„er weiß nicht, was gut für ihn wäre." Der Pfiffikus seufzte abermals und griff dann wieder zu seiner Pfeife; Charley Bates ingleichen. Beide schmauchten mehrere Sekunden lang schweigend fort. „Wahrscheinlich weißt du gar nicht einmal, was ein Kochemer ist?" fragte der Pfifsikus traurig. „Ich glaube, daß ich es weiß," versetzte Oliver hastig, in die Höhe blickend.„Es ist ein Dieb; du bist einer, bist du nicht?" fragte Oliver, sich selbst unterbrechend. (Fortsetzung folgt.) Die höwenbändigerin. Roman von Reinhold Ortmann, (Nachdruck verboten.) (15. Fortsetzung.) Dimitri Sarafows Stimme klang ruhig aber sehr ernst, als er zu Wassilissa sagte:„Nein, an eine solche Gefahr glaube ich nicht, Wassilissa!— Denn ich weiß, daß du eher sterben würdest, ehe du solche verbrecherische Liebe in deinem Herzen aufkeimen ließest. Wenn dieser Szamory oder irgend ein Anderer deiner Seelenruhe gefährlich zu werden drohte, so würdest du mich auffordern, dich seinem Einfluß zu entziehen. Du würdest von mir verlangen, daß ich auf der Stelle mit dir abreise. Und, nicht wahr— das würdest du doch auch tun?" „Aber weshalb in aller Welt sollen wir denn von solchen Möglichkeiten reden, Dimitri?— Was kümmert uns dieser Ungar, dessen Weg sich schon nach wenig Wochen wieder von dem unsrigen trennen wird— wahrscheinlich auf immer. Denn du hast mir versprochen, daß wir mit dem Beginn des Sommers Geld genug besitzen werden, um dies entsetzliche Vagabundenleben aufgeben zu können." „Ja.— Und ich werde mein Versprechen einlösen. Nach meinen Berechnungen werden wir in drei Monaten vierzehntausend Rubel erspart haben und die Löwen werden, wenn wir sie verkaufen, überdies mindestens das Doppelte ihres Ankaufspreises ergeben. Das wird genug sein, um unsere Pläne zur Ausführung zu bringen— vorausgesetzt, daß deine Vorsätze nicht inzwischen andere geworden sind." „Was bringt dich auf solche Vermutung?" fragte sie gepreßt.„Und wäre ich denn überhaupt noch die freie Herrin meiner Entschlüsse? Würdest du etwa geneigt sein, mich meines Schwures zu entbinden?" „Nicht deine Schwüre sind es, die dich fesseln können, Wassilissa, sondern einzig deine Leibe. Wenn Sergej deine Liebe nicht mehr besäße, was sollte ihm dann das Geschenk der Freiheit?"— Um die Mundwinkel des jungen Weibes zuckte es trotzig. „Du quälst mich," sagte sie im Tone des Vorwurfs.„Ich habe dir doch meines Wissens nicht die mindeste Veranlassung gegeben, mich durch solchen versteckten Zweifel zu kränken." „So werden wir denn nicht weiter davon reden.— Ich habe heute Vormittag zweimal das ganze Pensum mit den Löwen durchgearbeitet, und du könntest am Abend unbesorgt zu ihnen gehen. Aber es wäre mir doch eine Beruhigung, wenn du dich vorher noch einmal zeigtest. Ist dir's genehm, so gehen wir gleich jetzt." Sie war ohne weiteres bereit. Alles was dieser peinlichen Unterhaltung ein Ende bereiten konnte, war ihr willkommen. Schweigend legten sie den kurzen Wegnach dem Alhambra=Theater zurück und sie traten zusammen in den Löwenkäfig, dessen Insassen sich zwar ersichtlich nur ungern wieder aus ihrer Ruhe aufstören ließen, aber außer einigem Murren keinerlei Aufsässigkeit oder Unbotmäßigkeit zeigten. Als die Bändigerin und ihr Begleiter eine Viertelstunde später den Schuppen verließen, stießen sie auf den Gymnastiker Giovanni, der sich anscheinend zwecklos auf dem Grundstück des Theaters umhertrieb, denn seine Probe mußte schon seit Stunden zu Ende sein. Mit freudestrahlendem Gesicht kam er auf Wassilissa zu. Sie aber gedachte der von Laszlo Szamory ausgesprochenen Warnung und zum zweiten Mal seit ihrer heutigen Begegnung mit ihm handelte sie nach seinem Willen, wie wenn es selbstverständlich sei, daß sie ihm gehorchen müsse. Sie erwiderte den Gruß des Italieners so kühl und fremd, daß er danach wohl den Mut verlieren mußte, sie anzureden und daß er ihr mit einer Miene der schmerzlichsten Enttäuschung nachblickte. „In einer Stunde werden gnädiges Fräulein ein anderes Zimmer haben können," sagte ihr der Geschäftsführer des Hotels, als sie nach rascher Verabschiedung von ihrem Begleiter die Treppe emporstieg.„Es ließ sich nicht früher ermöglichen, da wir alles besetzt haben." „Macht es Ihnen solche Unbequemlichkeiten, so lassen wir es meinetwegen beim Alten," erwiderte sie.„Ich habe mich inzwischen schon an die Räume gewöhnt, die mir anfänglich eine zu geräuschvolle Lage hatten." Der Geschäftsführer verbeugte sich und schüttelte hinter ihr den Kopf. „Wie es scheint, sind die Löwenbändigerinnen nicht weniger launenhaft als die Damen vom Theater," dachte er.„Noch am Morgen konnte ihre Jungser mir diesen Logiswechsel gar nicht dringend genug zur Pflicht machen. Und nun hat er mit einem Mal alle Wichtigkeit verloren." Wassilissa aber hätte gerne schon wieder zurückgenommen. was sie ihm gesagt hatte, denn als sie das aus dem Schlafzimmer und aus dem kleinen Salon bestehende Appartement betrat, klang ihr von nebenan schon wieder Laszlo Szamory's gedämpftes Geigenspiel entgegen. Sie hatte ihm durch ihr Verbleiben beweisen wollen, wie wenig Bedeutung seine Nachbarsschaft für sie habe, aber in dem Moment, da ihr sein Dasein wieder so deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde, war auch die alte Beklemmung wieder da, und Dimitri's Warnung, daß dieser Mensch nur Unglück über ihr Leben bringen könne, ging ihr unablässig nach. Sie verschloß die Verbindungstür zwischen den beiden Zimmern und erst als das Spiel auf solche Art für sie fast unhörbar geworden war, fühlte sie sich einigermaßen beruhigt. Daß er jemals ein Spion gewesen sei, glaubte sie nicht. Wenigstens war er es sicherlich nicht in jenem schmachvollen Sinne gewesen, an den Sarafow gedacht hatte. Aber sie begriff, daß man ihn dafür gehalten hatte. Denn seine wunderbare Fähigkeit, Menschen und Verhältnisse zu durchschauen, mochte wohl auch Anderen unheimlich gewesen sein und die abenteuerlichsten Vermutungen in ihnen wachgerufen haben. Viel mehr als dieser Verdacht beschäftigten sie die Andeutungen, die Dimitri über eine romantische Liebesaffäre Laszlo Szamory's gemacht hatte. Sie beschwor in ihrem Gedächtnis die Erinnerung an alle weiblichen Wesen herauf die ihr während ihres Züricher Aufenthalts begegnet waren, um unter ihnen vielleicht diejenige zu erraten, auf die jene allgemeine Beschreibung passen konnte. Aber sie zerbrach sich vergebens den Kopf. Es waren ja recht hübsche darunter gewesen, doch keine, von der sie sich hätte vorstellen können, daß sie diesem ungewöhnlichen Menschen eine leidenschaftliche Liebe hätte einflößen können. Und anders als in schrankenloser Leidenschaftlichkeit vermochte Laszlo Szamory sicherlich nicht zu lieben. Das stand ihr als unumstößliche Gewißheit fest. In echt weiblichem Gedankengange war sie nach jener Mitetilung Dimitri's sogleich zu dem Schluß gelangt, daß der seltsame Berufswechsel des Ungarn und die geheimnisvollen Anspielungen, die er heute auf ein noch in weiter Ferne liegendes Ziel gemacht hatte, mit jener Liebesangelegenheit im engsten Zusammenhange ständen. Das Verlangen, Näheres darüber zu erfahren, hatte sie fast verzehrt und nur die Furcht, sich zu verraten, hatte sie abgehalten, mit weiteren Fragen in den Freund zu dringen. Nun schalt sie sich dieses Interesses willen eine Närrin und nahm sich zum hundertsten Mal mit festem Entschlusse vor die Person des Ungarn ein für alle Mal aus ihren Gedanken zu verbannen. Aber sie konnte damit doch nicht verhindern, daß ihr seine abgrundtiefen Augen aus jedem Blatte des Buches entgegenblickten, in dem sie zu lesen begonnen hatte, und daß sie mit pochendem Herzen auffuhr, sobald von der Seite seines Zimmers her irgend ein Geräusch vernehmlich wurde. Nichts anderes als eine Flucht vor Laszlo Szamory war es, daß Wassilissa schon zu ungewöhnlich früher Stunde den Weg nach dem Theater antrat. Sie fühlte sich in ihrer Garderobe sicherer vor ihm als in ihrem Hotelzimmer und heute, dessen war sie gewiß, würde sie nicht wieder die Zuschauerin bei seinem Auftreten machen. (Fortsetzung folgt.)