. 21 10 P* Juristischer Briefkasten für Frauen. Fran M. L. Frage: Können Eltern verlangen, daß Kinder, die dem Hausstand ange= hören, im Geschafte mithelfen? Antwort: Der§ 1617 des Burgerlichen besetzbuches bestimmt, daß ein Kind, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, in einer seinen Kraften und seiner Lebensstellung ent sprechenden Weise den Eltern und ihrem Hauswesen und Geschafte Dienste zu leisten hat. Diese Voraussetzungen müssen also gegeben sein. Es würde also z. B. nicht angangig sein, wenn ein Vater seinem Sohn, der Referendar ist, zumuten würde, Semmeln mit auszutragen, oder seinem kränklichen Jungen in seinem Geschäfte mit dem Tragen schwerer Lasten beschaftigen würde. Fräulein J J. Frage: Ich bin Klavierlehrerin: ich habe auch ganz nett zu tun, nur haben einige meiner Schülerinnen die üble Angewohnheit, unregelmäßig zur Stunde zu kommen und die Absage erst nachträglich zu schicken, so daß ich ganz umsonst dasitze und warte. Ich wollte nun gern mal wissen, ob ich diese Stunden bezahlt verlangen kann? Antwort: Ganz gewiß. Zeit ist Geld. Wenn die Schülerin ohne Absage nicht kommt, ist sie selbst daran schuld, daß sie die Gegenleistung, die Stunde, nicht bekommen kann. Be zahlen muß sie aber die nicht abgesagte Stunde. Nur wenn Sie in der für die unpünktliche Schülerin reservierte Zeit gleich eine andere unterrichten könnten als Ersatz für sie, brauchte die unpünktliche Schülerin nichts zu zahlen. Am besten tun Sie aber, um Unannehmlichkeiten vermeiden, wenn Sie gleich von vornherein mit den Eltern ihrer Schülerinnen ausmachen, daß nicht rechtzeitig abgesagte Stunden bezahlt wer den müssen. Frau A. Frage: Ich bin von meinem Manne geschieden. Mein Mann ist für allein schuldig erklärt worden: er muß mich also doch wohl unterhalten. Er will sich nun wieder verheiraten. Kann es da wohl möglich sein, daß meine Unterhaltsansprüche beeinträchtigt werden oder gehe ich der zweiten Frau vor? Antwort: Ihre Sorge ist nicht unberechtigt. An sich muß Sie Ihr Mann natürlich unterhalten. Er lann alleroings von seinen Einkünften zur Bestreitung seines eigenen standesgemaßen Lebensunterhaltes zwei Drittel, mindestens aber sociel zurückbehalten, als er zu seinem notdürftigen Lebensunterhalt braucht. Wenn er sich aber wieder verheiratet, so beschränkt sich seine Alimentationspflicht auf das, was mit Rücksicht auf die Beourfnisse und die Vermögens= und Erwerboverhältnisse der Beteiligten der Billigkeit entspricht. Und dabei kann es allerdings vorkommen, daß Ihr Unterhaltsanspruch ganz wegfäll Gottesdienst=Ordnung. Sonutag, 8. März 1911. Vollekte für bedürftige Gemeinden der Provinz Westfalen Christuskirche. Vorm. 8 Uhr: Frühgottesdienst, Past. Schmidt II. Hauptgottesdienst vorm. 9¾ Uhr: Past. Bockamp. Kindergottesdienst vorm. 11½ Uhr: Past. Taufstunde nachm. 3 Uhr: Past. Poensgen. Freiag abend 8 Uhr: Passionsgottesdienst mit Vor bereitung und heiliges Abendmahl, Past. Bockamp. — Lutberkirche. Hauptgottesdienst vorm 9¾ Uhr: Past. Klose. Kindergottesdienst vorm. 11¼ Uhr: Past. Schmidt II.— Pauluskirche. Hauptgottesdienst vorm. 9½ Uhr:: Past. Schneider. Abendgottesdienst 5¼ Uhr: Past. Klose.— Friedenskirche. Hauptgottesdienst vorm. 9½ Uhr: Past. Schmidt I. Kindergottesdienst vorm. 11 Uhr: Past. Schmidt I.— Johannes kirche. Kindergottesdienst vorm. 11¼ Uhr: Past. Bockamp. Mittwoch nachm. 5 Uhr: Masu rische Passionsandacht.— Kapelle des ev. Krankenhauses. Gottesdienst vorm. 9½ Uhr: Past. Poensgen.— Ev. Jünglings u. Maunerverrein Sonntag abend 3½ Uhr: Monatliche Hauptversammlung. Montag abend 8½ Uhr: Turnen in der Turnhalle an der Alleestraße. Dienstag abend 8½ Uhr: Männerchor. Mittwoch abend 8½ Uhr: Bibelbesprechstunde. Freitag abend 8½ Uhr: Gem. Chor. Samstag abend 8½ Uhr: Unterricht in Naturholz= und Kerbschnitzarbeiten.— Kirchl. Stadtmissionsverein, Joachimstraße 8, Sonntag nachm. 8 Uhr: Gonntagsschule. Uhr. Jugendbundstunde. 5½ Uhr: Gem. Chor. Abends 7 Uhr: Bibelstunde. Montag abend 8½ Uhr: Gebetstunde. Mittwoch nachm. 3 Uhr: Frauenverein. Donnerstag abend 8½ Uhr: Bibelbesprechstunde.— Lydtaverein(Weibliche kaufmännische Angestellte), Weilenbrink 12. Sonntag abend 7½ Uhr im Evang. Vereinshause: Vortrag der Missionsschwester Schmitz über:„Missionsarbeit unter Frauen in China“. Dienstag 8½ Uhr: Missionskränzchen. Mittwoch 8¼ Uhr: Bibelstunde. Freitag 8 Uhr: Turnen.— Ev. Blankreuzverein, Vereinshaus, Sonntag nachm. 2½ Uhr: Bibelstunde. Montag abend 8¼ Uhr: Gebetstunde. Donnerstag abend 8¼ Uhr: Bibelbesprechstunde.— Kirchenchor der Christuskirche. Montag abend 6½ Uhr: Uebungsstunde im oberen Saale des Vereinshauses.— Christl. Berein junger Männer, Ottostr. 11. Mittwoch abend 8½ Uhr: Bibelbesprechung. Freitag abend 8 Unr: Freie Unterhaltung.— Kirchl.=Eo ang. Gemeinschaftsverein E. B. zu Bochum, Adolfstraße onntag nachm. 3 Uhr: Gesangsfest. Redner: Past. Klose und Past. Moeller Langerfeld. Dienstag 8½ Uhr: Gebetstunde. Donnerstag 8½ Uhr: Bibelstunde.— Sonntag 4 Uhr: Jungfrauenverein Metzstraße 16; 3% Uhr: Jungfrauenverein, Fahrendellerstraße 14. Mittwoch abend 8 Uhr: Bibelstunde, Fahrendellerstraße 14; 8 Uhr: Bibelstunde, Kontirmandenfaal der Friedenskirche. Mittwoch nachmittags 3 Uhr: Taufstunde, Past. Schmidt l. Mittwoch nachm. 3 Uhr: Missionsrauen= und Jungfrauenverein, Bereinshaus, Mühlenstraße 25. Donnerstag abend A Uhr Vorbereitung für den Kindergottesdienst in der Christus= und 8½ Uhr in der Friedenskirche Freitag abend 8 Uhr: Vorbereitung für den Kin dergottesdienst in der Johannes= und der Lutherkirche. Bochum(7. Pfarrbezirk). Jungfrauenverein Sonntag nachm. 4 Uhr: Castroverstraße 282 Dienstag abend 8 Uhr: Chorübungen, Kon firmandensaal der Lutherkirche. Frauentulfe Mittwoch nachm. 4 Uhr: Castroperstraße 282. Bibelstunde Freitag abend 8 Uhr, Lutherkirche. Chrenteld.(Versommlungen: Kleinknder= schule, Divergstr. 46.) Sonntag vorm. 11½ Uhr: Pastor Hentschel. Jungfrauenverein. Sonntag nachm. 3 Uhr. Hamme. Kirche. Vormiltags 9¾ Uhr: Hauptgottesdienst mit Beichte und Feier des bl. Abendmahls, Past. Rausch; 11 Uhr: Kindergottesdienst fällt des Abendmahls wegen aus; nachm. 2 Uhr: Taufstunde, Past. Wittenberg; 5 Uhr: Abendgottesdienst, Past. Heyder. Freitag 13. März, abends 8 Uhr: Pasionsgottesdienst mit Feier des hl. Abendmahls: Past. Heyder. — Kleinkinderschule an der Feldsieperstraße. Vorm. 954 Uhr: Hauptgottes= dienst, Pastor Heyoer; 11 Uhr: Kindergottesdienst, Pastor Heyder; nachmittags 5 Uhr: Masurische gottesdienstliche Versammiung.— Gemeindebücherei(Saal an der Kirche). Sonntag vormittags 11 Uhr: Bücherausgabe. Freitag abend 8 Uhr: Vorbereitung für den Kindergottesdienst 1. Mittwoch abend 9 Unr: Vorbereitung für den Kindergottesdienst 2.— Jungfrauenverein von der Reckestr. 57. Sonntag nachmittags 3 Uhr: Versammlung, Anmeloung zur Turnstunde. Jungfrauennerein Feldfieperstraße 69a. Sonntag nachmittags 3 Uhr: Versammlung.— Jünglings= und Männerverein. a) Jugendabteilung. Sonnlag nachm. 2½ Uhr: Spielen; 3 Uhr: Monatsversammlung; 4 Uar: Borlesung: Zu Besuch bei Unkle Sam. b) Aeltere Abteilung. Sonntag abend 6 Uhr Versammlung. Montag und Mittwoch abend 8 Uhr: Turnen. Samstag abend 8 Uhr: Trommler u. Pfeifer. Dienstag abend 8 Uhr Bibelstunde. Frauenverein. Mittwoch nachm. 3 Uhr: Arbeitsstunde in beiden Kleinkinder schulen. Blaukreuzverein. Sonntag abd. Uhr: Versammlung in der Kleinkinderschule, Feldsieperstraße. Dienstag abend 8 Uhr: Bibelstunde im Saal an der Kirche. Kirchenchor 1. Donnerstag 8 Uhr: Chorprobe. Kirchenchor 2. Dienstag abend 8 Uhr: Chorprobe. Kirchlicher Stadtmissionsverein(Anstalt Overdyck). Sonntag nachm. 5 Uhr: Bibelstunde. Donnerstag nachm. 5 Uhr: Bibelbesprechstunde. Hofstede=Riemke. Vorm. 8½ Uhr: Frühgottesdienst, Past. Mühge; 10 Uhr: Hauptgottesgottesdienst, Direktor Past. Wolf=Witten:; 11 Uhr: Kindergottesdienst: nachm. 3 Uhr: Taufstunde. Freitag nachm. 5½ Uhr: Passionsgottesdienst. Past. Hübner. Freitag abeno 6% Uhr: Vorbereitung für den Kindergottesdienst.— Jung lingsrerein. Sonntag nachmittag 5½ Uhr: Versammlung. Montag, Mittwoch und Don nerstag abends 8 Uhr: Turn= und Posaunen stunde. Jungfrunenverein Hofstede tag nachm. 3 Uhr und Jungfrauenverein MarKirchenchor Hofstede=Niemke, Mittwoch 8 Uhr: Chorprobe. neng betstunde. Freitag abend 8 Uhr: Bibelstunde Evang. Arbeiterverein Hofstede Riemke, Marmelsbagen und ostpreußischer Arbeiterverein, Sonntag nachm. 4 Uhr in Keppers Saal: Bortrag von Direktoc Wolf:„Der Christ und was er liest“. Wiemelhausen. Petrikirche. Vorm. 10 Uhr: Prüfung der Konfirmanden, Past. Reckert; 12¼ Uhr: Kirchentaufen; nachm. 3 Uhr: Jungfrauenverein Wiemelhausen im Konfirmandensaal, 3 Uhr: Jünglingsverein im Schwesternhaus. Mittwoch nachm. 3 Uhr: Frauenverein Wiemelhausen im Schwesternhaus. Freitag abend 6 Uhr: Passionsgottesdienst, Past. Reckert. Sonnabeno nachm. 5 Uhr: Beichte.— Melanchthonkirche. Vorm. 10 Uhr: Gottesdienst, Pastor Althuser; 111. Uhr: Kirchentaufen; 11½ Uhr: Kindergottesdienst. Im Konfirmandensaal: Sonntag 3 Uhr: Jungfrauenverein. Im christlichen Verein junger Männer, Ottostr. 11: Dienstag abend 8½ Uhr: Melanchthonkirchenchor und Mitt woch 81. Uhr: Bibelbesprechung. Im Berg mannsheil: Dienstag abend 7½ Uhr: Gottesdienst, Past. Althuser. Freitag abeno 8 Uhr: Passionsgottesdienst. Im Konfirmandensaal: Freitag abend 9 Uhr: Vorbereitung der Helferinnen zum Kindergottesdienst. Altenbochum. Vorm. 9½ Uhr: Gottesdienst: Past. Niederstein. 11 Uhr: Kindergottesdiensu 12 Uhr: Taufstunde. Freitag abend 6 Uhr: Passionsgottesdienst, Past. Niederstein; 7 Uhr: Vorbereitung f. d. Kindergottesdienst.— Frauenverein. Donneistag abend 7½ Uhr: 3. Unterhaltungsabend. Jungfrauenverein. Sonntag nachmittag 3 Uhr: Versammlung. Mittwoch abend 8 Uhr: Missionsarbeitsstunde. Kirchenchor. Don nerstag abend 8½ Uhr: Probe. Männer= und Jünglingsverein. Sonntag nachm. 4 Uhr: Ingendabteilung; 5½ Uhr: Hauptversammlung. Mittwoch abend 8½ Uhr: Versammlung Gerthe. Vorm. 10 Uhr: Hauptgottesdienst: Past. Hardieck; 11 Uhr: Kindergottesdienst: 11¾ Uhr: Taufen. Nachm. 3 Uhr: Jugendabteilung; 3 Uhr: Blaukreuzverein; 4 Uhr: Jungfrauenverein; 5 Uhr: Jünglingsverein. Montag und Samstag 8¼ Uhr: Jünglingsverein(Turnabteilung); Mittwoch 4 Uhr: Jugendabteilung Mittwoch 7 Uhr: Blaukreuzverein. Donnerstag 1 Uhr: Frauenverein. Freitag 8 Uhr: Passionsgottesdienst, Post. Hardieck. barpen Vorm. 10 Uhr: Gottesdienst, Past. Dieckerhoff: 11¼ Uhr: Kindergottesdienst, Past. Leich: 11¾ Uhr: Kirchentaufen. Nachm. 3 Uhr: Jungfrauenverein. 4½ Uhr: Elternavend in der Nirche 5 Uhr: Jugendverein. Mittwoch abeno 8 Uhr: Turnen im Jugendverein. Freitag 5 Uhr: Passieonsgottesdienst, Past. Dieckerhoff. Freitag abend 8 Uhr: Vorbereitung zum Kindergottesdienst.— Die Amtswoche hat Past. Leich Uemmingen Vorm. 9½ Uhr: Past Freitag 5 Uhr: Passionsgottesdienst, Past. Möller. 2 Uhr: Jünglingsverein. 3 Uhr: Jungfrauenverein. Mittwoch: Frauenverein Querenburg. Donnerstag: Frauenverein Laer. Wattenscheid. Friedenslirche. Vorm. 8 Uhr: Frübgottesdienst, Past. Bonne; 10 Uhr: Hauptgottesdienst, Past. Kuhlmann; nachm. 2 Uhr: Jugendgottesdienst, Past. Bonne; 3 Uhr: Taufstunde, Past. Kuhlmann.— Alte Kirche. Vorm. 9 Uhr: Masurischer Gottesdienst: Pastor Mückeley. Freitag nachm. 6 Uhr: Passionsgottesdienst, Past. Bonne.— Krankenhausgottesdienst vorm. 10 Uhr: Gemeindehelfer Schneider.— Amtswoche: Past. Engelbert.— ontrov. Vorm. ½10 Uhr: Hauptgottesdienst, Missionar Meis; nachm. 2 Uhr: Kindergottesdienst. Bochum Evangel.=Lutherische Gemetnde Bochum, Dibergstr. 52. Nähe Bergmannsheil. Sonntag, nachm. 3¼ Uhr: Predigtgottesdienst, Past. Ziemer. Evang Gemeinschaft. Auersiehnnes kirche, Alleestraße 48. Vormittags 9½ Uhr und abenos 6 Uhr: Predigt, Prediger Meinlardt. Vorm. 11 Uhr: Sonntagsschule; abends 7¼ Uhr: Jugendverein. Montag abend 8¼ Uhr: Gesangsstunde. Freitag abend 8¼ Uhr: Predigt, Prediger Ortmann. Wattenscheid, Bismarckstraße 9. Sonntag nachm. 3 Uhr: Predigt. Alttatholische Gemein Bochum. Sonntag vorm. 9¾ Uhr: Deutsche Messe mit Predigt in der Johanneskirche, Pfarrer Engel. k. a Christliche volkstümliche Beilage zur Bochumer Zeitung- Märkischer Sprecher(Khein.-Westf. Tageblatt). Nr. 10. Sonntag, den 8. März 1914. Irren und suchen. Wohl ist sie schön, die Welt!— In ihrer Weite Bewegt sich so viel Gutes hin und her Ach, daß es immer nur um einen Schritt Von uns sich zu entfernen scheint. Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben Auch Schritt vor Schritt bis zu dem Grabe lockt! So selten ist es, daß die Menssten finden, Was ihnen doch bestimmt gewesen schien, So selten, daß sie das erhalten, was Auch einmal die beglückte Hand ergriff Es reißt sich los, was erst sich uns ergab, Wir lassen los, was wir begierig faßten Es gibt ein Glück, allein, wir kennen's nicht; Wir kennen's wohl, und wissen's nicht zu schätzen. Goethe. Einsamkeit. Trotz des Königthrones, den er inne hatte, trotz der orientalischen Pracht, die ihn umgab, legt sich die Alterseinsamkeit so schwer auf das Herz des greisen königlichen Sängers David, daß er um Hilfe ruft. Gewiß, das Alter macht einsam, aber noch ehe das Alter kommt, kann sich über Meuschen eine trostlose Verlassenheit legen. Wenn zwei liebe Augen im Tode sich geschlossen, und wenn nach der Heimkehr vom Friedhof das Haus und das Leben so kalt und so leer geworden ist, wenn das Vermissen noch drückender als das Ver lieren sich in das Herz hineinzwängt, dann breitet sich die Einsamkeit wie ein schwerer Schatten=über die Seele aus. Als König Friedrich Withelm III. seine unvergeßliche Luise ins Grab legte, soll er oft das Psalmwort gesprochen haben:„Herr, wäre dein Wort nicht mein Trost gewesen, ich wäre vergan gen in meinem Elend!“ Nur die Welt der Ewigkeit befreit vom Druck und von der Einsamkeit der Zeit. Nur, wo Lebenskrafte aus dem Reiche der Offenbarung hinüberfluten in die E fah ungen unseres Menschenlebens, oa wird die Einsamkeit am stillgewordenen Abend oder die Einsamkeit der letzten Nacht erträglich, ja, zu einer Quelle inneren Fortschrittes oder zum Anfang eines seligen Ueberganges. Ja, nur die Gnade Gottes macht unerträgliche Einsamkeit zur stillen, beglückenden Gemeinschaft seines Verkehrs mit dem Vaterberzen und dem Vaterhause Gottes. Die verschwundenen Perlen. Von J. Held. (Nachdruck verboten.) IIm Park an dem kleinen dunkten Fischteich bauten mit emsiger Geschäftigkeit die beiden kleinen blondhaarigen Knaben des verwitweten Rittergutsbesitzers von Schakendorff mit blau gefrorenen Händen immer neue herrliche Schneemänner auf Neben ihnen stand die junge Erzieherin, an der sie mit schwärmerischer Liebe hingen, unterstützte sie und schalt auch wohl, wenn sie minter ihrem Nücken von neuem ein wolliges, weißes Fundament zu einem anderen Schneemann zusammenfugten. Bereits ein halbes Dutzend stand nämlich in Reih und Glied, hielt gravitätisch und kampfbereit einen Stecken in die kalte, sil berne Winterluft und sah aus runden, erllaunten Augen, die ihnen gesunde Dabersche Kar toffeln eingepflanzt hatten, in die verschneite und überzuckerte Jauberlandschaft, welche das Schloß und den Gutshof mit Hügeln und Felsen verzierte Plötzlich erllang der Name der Erzieherin. Herr von Schakendorff, der seit dem Tode der Gattin mit seiner Mutter hier zusammenlebte, rief ihn klingend.. Langsam klopfte Marie Hellwig den Schnee von den Kleidern und ging dem Rufe nach. Dabet wurde ihr junges, liebliches Gesicht heiß und rot und in ihre Augen kam ein Stralen Von der Treppe herab winkte ihr bereits auf= geregt der Schloßherr entgegen. „Bitte, Frautein Hellwig, gehen Sie schnell zu meiner Mutter herein.. Es hat sich etwas Unfaßbares ereignet Jja.. es war wirklich kaum glaublich... Die wundervollen Perten, die Marie Hellwig noch vor zwei Stunden so heiß bewundert hatte, sehlten aus ihrem Etui Fassungslos starrte die alte Freifrau auf den himmelblauen Plusch, der ihre zarte graue Farbe so besonders schön herausgehoben hatte und wie derholte unaufhorlich: „Wo können sie denn nur geblieben sein?— O.. mein Gott.. ich bin von Dieben um= geben... Was soll ich jetzt nur beginnen?“ Das wußte freilich auch Marie Hellwig nicht Sie zitterte und mußte sich setzen, sonst wäre sie hilflos umgesunten. Ihre erblaßten Lippen murmelten unaufhörlich dabei: „Wer könnte hier denn wohl unehrlich sein? — Wer ich weiß es nicht...“ Tie alte Frau war ihr langsam näher ge tommen. Ihre immer noch scharfen Augen gru ben sich förmlich in das junge, entgeisterte Antlitz. Mechanisch steilte sie Fragen, die Marie Hellwig anfangs gar nicht begriff: „Warum nahmen Sie eigentlich heute morgen meine Perlen heraus, Fräulein Hellwig..?“ Die Erzieherin strich sich mit der zitternden Rechten über die Stirn „Ja warum hatte sie das getan? Aus Eitelkeit aus Bewunderung vor dem gleißenden, verführerischen Reichtum... Einen anderen Grund wußte sie nicht zu nennen. Die bleichen Frauenlippen in dem emvörten, stolzen Gesicht zuckten verachtlich... „Sonderbar und just danach... sehlen nun die Perlen.“ Marie Hellwig neigte den Kopf, als lausche sie einer fernen, grellen Melodie, die aus einem verstimmten Instrument, das ihre feine Seele zerreißen wollte, sprang „Sonderbar warum denn sonderbar.. Was hatte sie damit zu tun..? „Sehen Sie mich an, Fräulein Hellwig,“ befahl die harte Stimme jetzt... Das junge Mädchen gehorchte unwiltkürlich. Eine heiße Angst weitete schrecklich ihre Augen. Frau von Schalendorff nilte. „Wir werden sofort eine Untersuchung aller Sachen und Personen, die im Schloß ein= und ausgehen, vornehmen lassen,“ sagte sie langsam. „Daber läßt es sich natürlich gar nicht vermeiden, daß auch Ihre Sachen— Ihr Zimmer mit seinen wohlverschlossenen Schränken usw. einer genauen Durchsicht unterzogen wird...“ Die feinen Hände streckten sich flehend aus.. „Bitte, nein, gnädige Frau.. nicht in mein Stubchen das erlaube ich nicht Die alte hobe Gestalt schien zu wachsen. „Vergessen Sie nicht, daß Sie sich durch Ihre deutliche Erregung nur noch verdächtiger machen, Fräulein Hellwig.“ Ein Schrei antwortete. „Verdächtiger ich ja denkt man.., denn.. ich.. o mein Golt..“ —— Ja, das dachte die stolze alte Frau! Sie schätzte den lockenden Tand des Rei ytums sehr hoch ein, und meinte nun nichts anderes, als daß die junge, elternlose, arme Erzieherin seiner Lockung auch unterlegen sei... Marie Hellwig war aus dem Zimmer gestürzt und stand jetzt— schweratmend und sehr blaß vor dem Schloßherrn. „Ihre Frau Mutter meint, daß ich es gewesen sei,“ stammelte sie heraus..„und sie will jetzt meine Sachen durchsuchen. Aber... das darf sie nicht. Ich erlaube es nicht. Es ist mein Heiligtum— meine Geheimnisse bergen sich darin Helfen Sie mir doch.. ich vertraue Ihnen..“ Der schlanke Mann neigte sich tief zu ihr herav. Seine Hand strich— wie liebkosend, über ihr nußbraunes Haar. „Seben Sie mich an. Fraulein Marie," sagte er weich...„Ich weiß, daß Sie unschuldig sind.— Sie glauben es nicht?—— Nun gut, da will ich eine Bitte aussprechen, die eisentlich noch ein wenig reuen soilte— wenigstens so lange, bis sich meine Mutter erst mit ihr vertraut gemacht hatte.—— Ich habe Sie lieb gewonnen, Marie Hellwig, und frage Sie jent, ob Sie mein Weib und die Multer meiner Knaben sein wollen. Ste drohle ohnmächtig zu werden.. hre junge Kraft schaumte aber dennoch gegen die schwindenden Sinne an. Stolz und Augst peungten sie. Sie verbarg ihr Herz „Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise..„aver Ihres Opfers bedarf es doch nicht. Ich fühle mich auch allein ganz rein und stark genug, um nicht zusammenzubrechen.“ Er sah sie fest an „Mißversteuen Sie mich nicht, Marie es soll kein Opfer. kein Schutz sein. den ich Ihnen im Augenblick, etwa um Sie gegen die eigene, zur Zeit ungerechte Mutter zu schützen. gebe. ich spreche damit nur einen tanggehegten Herzenswunsch aus...“ Sie geauble ihm nicht.. Ihre Zähne bissen sich fest. Ihr Herz wollte stocken. Aber ihre Stimme behielt den Klang. als sie jetzt sprach: „Ich liebe Sie nicht.. ich könnte es gar nicht zun... Laisen Sie mich gehen.. — Der Schloßherr setzte es bei seiner Mutter durch, daß der Schreibtisch der Erzieherin nicht durchsucht wurde. Marie Heltwig stand mit hangenden Armen an allen Gliedern zitternd, dabei, als ihre sonstigen Sachen durchsucht wurden... Es war alles vergeblich, von den gestohlenen Perlen sand sich nichts. Am nächsten Tage, als der Unterricht de Knaben beginnen sollte, fehlte die junge Erzieherin. Sie war nirgends zu finden. Nur ein Zettel lag auf dem Schreibtisch des Schloßberrn für diesen. Ich kann nicht länger in Ihrem Hause bleiben. Von meinen Sachen nehme ich nichts anderes mit, als das Kleid, das ich auch gestern trug und dessen Taschen ja bereits durchsucht waren. Das andere lasse ich in Ihrem Schutz zurück.— Ich darf es mir abholen,— wenn ich einen neuen Unterschlupf erlangt habe.. Außer dieser Aufregung brachte der neue kalte Winterlag noch eine andere.— Der junge geschickte Diener, der sich des vollsten Vertrauenseiner Herrschaft erfreute, wurde neben den Schneemännern im Park— ertroren aufgefunden In seiner Hand fand sich eine geleerte Flasche deren Etilett einen alten, schweren Burgunder verriet, welcher dem sungen Menschen wohl einen tiefen Schlaf gebracht hatte... — Im Schloß wurde es sehr still. Marie Heilwigs Zimmer schloß der Vater der Knaben eigenbändig ab, nahm den Schlüssel an sich und befahl, daß der Nachfolgerin im ersten Stock ein anderes Zimmer angewiesen werde Seine Mutter lag seit langen Wochen zu Bett. Ihr war der Schreck und die Aufregung nare gegangen. Zuweilen wollte sie von Marie Heilwig zu sprechen beginnen. Aber ihr Sohn verstand es jedesmal, sie davon zurückzuhalten. „Ich kann ihren Namen noch nicht hören, Mutter,“ bat er leise. Da begriff die stolze Frau allmählich, was ihr Sohn, der seine erste Frau nicht aus Liebe, sondern lediglich auf den Wunsch seines ebenfails verstorbenen Vaters geheiratet hatte, unter diesen Unklarheiten gelitten hatte.. Aber sie vermochte ihm nicht zu helfen... Es hätte ein Wunder geschehen müssen, ehr sie ihre Einwilligung und ihren Segen zu einer Ehe mit einer bürgerlichen, armen Frau erteilt hatte.. Diesem Mädchen, auf dem immer noch — atet..9: t .n* t e . X 2 9. . ein schwerer Vordacht ruhte, hätte sie niemals den Namen einer Tochter gegeben.. Der Winter hatte sich ausgetobt. Bier lange Wochen drohten nun schon die Schneemänner im Park mit ihren Stecken und ihren runden, erstannten Augen zum grauen Himmel empor... Da geschah es endlich, daß einer von ihnen, der größte und stärkste, leise zu weinen begann, weil er sein Ende heranfühlte... Er wurde immer kleiner und schwächer... Die Knaben umstanden ihn in ihren Freistunden voller Mitleid.. aber zu helfen vermochten sie ihm nicht.— An einem Mittag war er ganz zusammengesunken und hockte jetzt elend und grauschwarz vor Todesangst auf dem feuchten Boden Da stieß Achim, der kleinere von beiden, plötz lich einen lanten Schrei aus... Er deutet mit seinen kleinen Händen auf das Erdreich. „Der Schneemann hat seine Zähne verloren.“ sagte er erstaunt. Es schien wirklich so.. Da lagen ein paar Hände voll kostlicher, gleißender Dingerlein, die man wohl für Zahne halten konnte... Es waren aebr die alten, herrlichen Familienperlen, um derentwillen Marie Hellwig ihr Glück zertrümmert hatte. — Auch die Mutter des Schloßherrn erkannte sie als ihr Eigentum.. Immer dunkler und verworrener wurde jetzt das Rätsel ihres vorübergehenden Verschwindens. Nur ein kleiner Zettel, der sich, als der Schneemann gänzlich verloren war, ebenfalls zeigle, wies eine Spur auf. Er war augenscheinlich an ein Mädchen gerichtet, das eines Burschen Geliebte gewesen war. — Die halb verwischten Worte lauteten: „Verwahre die Perlen so lange, bis ich weiter Bescheid sage. Sie werden uns ermöglichen, zu heiraten. Wilhelm will sie verkaufen.“ Wilhelm war der Name des erfrorenen Dieners gewesen... dessen Bruder, ein leichtsinniger Geseile, wie allbekannt war, ein Auge auf die schöne Tochter des Försters geworfen hatte. Es dauerte nicht lange, da wurde die ganze Tragödie offenbar. Der junge Diener hatte sich verleiten lassen, den Schmuck zu stehlen und in den Schneemann zu versenken, jedenfalls um auch für sich daraus Nutzen zu ziehen... Der Bruder aber hatte jene Zeilen geschrieben— die mit den Perlen seine Braut abholen sollte. Warum jene niemals gekommen war, blieb verborgen, wie auch der Aufenthalt des Schreibers lange im Dunkeln lag. Erst später brachte eine Zeitungsnachricht die Kunde, daß auch er, wenige Tage nach dem Verschwinden der Perlen, zwanzig Meilen von dem Wohnort des Bruders entfernt, in einem Schnee treiben umgekommen war. Warum aber wollte Marie Hellwig denn nicht ihren Schreibtisch öffnen lassen.. Auch dies wurde offenbar, als der Schloßherr sie nach der Auftlärung suchte und endlich fand. Sie weilte auf einem stillen Gut und unterrichtete dort die Töchter einer kleinen Inspektorensamilie. —— Ihr Schreibtisch hatte das lebensgroße Bild des Schloßherrn enthalten, das sie für sich gezeichnet hatte, weil sie ihn liebte und später nicht ohne seinen Anblick leben zu können glaubte. Sie meinte vor Scham zu sterben, als sie dies enthüllte. Aber der Mann, der die Grüße und die heiße Bitte seiner alten Mutter um Vergebung über brachte, küßte ihr die Röte der Scham und die Tränen des Bangens sort.... Begabung. Einen neuen Beitrag zu der so viel erörterten Frage über die geistige Begabung der Fran und ihr Verhältnis zu der des Mannes bringt der englische Psychologe Michael West in einem Aufsatz von Pearsons Magazine. Er knüpft an die Forschungen der beiden niederländischen Ge lehrten Heymans und Wiersma an, die auf Grund von mehreren Tausend Antworten, die sie über den Charakter des Weibes einholten, zu dem Re sultat tamen, daß die Frau„leicht erregt, impulsw, mitleidig, religiös, taktvoll, nicht bejierig nach Gelderwerb, nicht kritisch, nicht ehrgeizig und nicht genau in der Erinnerung dessen, was sie gelesen hat,“ ist. Untersucht man die Sinnesempfindungen des Weibes, so kann man auf Grund zahlreicher Experimente feststellen, daß sie dem Mann in der Feinheit der Tastsinne bedeutend überlegen ist. Außerdem ergibt die Statistik, daß nur verhältnismäßig sehr wenige Frauen „konblind" und„farbenblind" sind; Farbenblindheit läßt sich nur bei 1 Prozent des weiblichen Geschlechts, dagegen bei etwa 4 Prozent des mannlichen Geschlechts nachweisen. Diese Schärse der Sinne ruckt die Frau näher heran an die Veranlagung des primitiven Menschen, der im Kampfe ums Dasein noch hauptsächlich auf seine sein ausgebildeten Sinnesempfindungen angewiesen war. Sodann laßt sich wissenschaftlich nachweisen, daß bei der Frau das Gefühl für Lust und Schmerz stärker entwickelt ist als beim Manne. Man kann diese Empfindungen an der Tätigkeit des Pulses und der Atmung messen und feststellen, daß das weibliche Geschlecht viel intensiver reagiert. Freude und Schmerz sind aber die Ueberreste einer intuitiven Art, die Welt kennen zu lernen. Die Frau denkt weniger, sie verläßt sich mehr auf ihr Gefühl und ist dadurch dem Manne überlegen. Wie steht es aber nun mit dem eigentlichen Verstande? West untersucht zunächst die Form des Gedächtnisses bei den beiden Geschlechtern. Es gibt zwei Arten von Gedächtnis, einmal das für sinnlose Dinge, willkürliche Worte, Zahlen usw. und dann das Gedächtnis für gedankliche Zusam menhänge Um die Resultate geistiger Arbeit bet beiden Geschlechtern zu vergleichen, wurde zunächst bei 500 Frauen untersucht, wie viel Rechen exempel sie in fünf Minuten lösen. Die Kurve der Leistungen verlief ziemlich gleichmaßig ohne sehr schlechte und ohne sehr gute Resultate; bei den Männern dagegen waren die beiden schlechtesten Resultate ein Exempel, dagegen die beiden besten Resultate neun Exempel; während bei den Frauen die schlechtesten 3 und die besten Remitate 7 vetrugen. Danach wird die geistige Begabung der Frau stets ein anständiges Mittel maß erreichen: die dummsten Frauen sind klüger als die dammsten Männer; aber anderseits blei ben ihnen, vorzügliche und außerordentliche Lei stungen versagt; die flügste Frau steht weit hin der dem llügsten Mann. Die Erfolge, die auf englischen höheren Schu len bes der Noedukation erzielt wurden, weisen in dieselbe Richtung. Die Mädchen liefern durchschnittlich bessere Arbeiten als die Knaben; sie zeichnen sich besonders in Literatur und Sprachen aus, zwei Fächern, die ihrer besonderen Art des Gedächtnisses entsprechen, aber sie stehen in aus gezeichneten Leistungen hinter den besten Resul taten der Knaben zurück. So ist und bleibt die FFrau Herrscherin im Reiche des Gefühls und der Sinne: nie wird sie sich zum Sieger in der Sphäre des Verstande= aufschwingen können, und kommt West zu dem Schluß, daß Unterricht und Erziehung des Weibes nach diesen besonderen Eigentümlichkeiten ihrer Beranlagung eingerichtet werden muß, daß die Mädchen nicht mit den Knaben wetteisern dürfen, sondern ihr Höchstes in der Ausbildung und Verfeinerung der ihnen von der Natur geschenkten Eigenschaften leisten werden. Berufswahl vom hygienischen Standpunkte aus. Von S. H. Penzig. (Nachdruck verboten.) Mehr als je ist die heutige Gesellschaft genötigt, bei den Beratungen über die Berufswayl ihrer Kinder ihren Blick fast ausschließlich auf die materielle Seite der Angelegenheit zu richten. Fragen, wie:„Wann wird es der Sohn, die Tochter zu einer selbständigen Stellung in dem zu ergreifenden Berufe bringen?“,„Wie lange wird die Tasche der Eltern in Anspruch genommen wer den?“, oder auch:„Wie hoch belaufen sich die Ausbildungskosten? sind darum an der Tages ordnung. Ihnen gegenüber treten mehr oder weniger alle andern Rücksichten beiseite. Zwar fragt man wohl hier oder da einen Sachverständi gen in dem oder jenem der vorgeschlagenen oder in nährere Erwägung gezogenen Berufe nach den verlangten Leistungen, aber nur gar selten bedenkt man, ob Körper und Geist den Anstren gungen des Beruses gewachsen sein werden, und noch seltener wird man finden, daß hierüber etwa der sachverständige Rat eines Arztes ein geholt wird. Welchen Grund diese Erscheinung hat, tut wenig zur Sache, meistens wird es Gleichgültig keit sein, nicht böswillige, aber man hat eben die Eltern auf diese wichtige Seite der Beruss wahl gar zu wenig aufmerksam gemacht. Denn wichtig bleibt diese Frage nach der körperlichen und geistigen Befähigung für einen bestimmten Beruf immer! Zunächst nach der materiellen Seite hin. Denken wir uns folgenden Fall: Ein Knabe lernt irgend ein Handwerk; mit Lust und Liebe folgt er den Lehren seines Meisters. Zwar sällt ihm die körperliche Arbeit oft schwer, aber er hofft mit allen anderen Beteiligten, daß der in der Entwicklung begriffene Körper die ansangs ungewohnte Arbeit spater besser leisten wird. Oft wird diese Hoffnung erfüllt, manchmal aber auch nicht. Einige Jahre vielleicht wird das Handwerk mit gewünschtem Erfolge betrieben. Aber schwerer und immer schwerer genügt der Körper den an ihm gestellten Forderungen, viel leicht gesellt sich noch irgendein unvorhergesehenes organisches Leiden als Folge der Berufsausübung hinzu, und das einsache Ergebnis des allmählichen Schwindens der Arbeitskraft ist eine gleichzeitige Abnahme des Arbeitsverdienstes. Eine zweite materielle Schädigung ergibt sich aus der Hingabe der Summen, die Arzt und Apotheker bekommen, wenn ein Mitglied des Haushalts mehr oder weniger leidend ist. Kann aber nun jemand, der mit der Kon kurrenz nicht fortzuschreiten imstande ist, den Krankheit und Siechtum an der intensiven Ar beit in seinem Beruse hindern, von seiner Tätigkeit befriedigt sein? Notwendigerweise wird ihm in den weitaus meisten Fallen mit der Arbeitskraft auch die Lust zur Arbeit und die Berufsfreudigkeit genommen. Und damit waren wir zur idealen Seite gekommen.— Der Mangel an Berussfreudigkeit wiederum wirkt deprimierend auf den Geist und damit auch auf den Korper ein. Vielleicht nicht immer, aber doch meistens hat ten sich die aus falsch oder schlecht gewählten Berufen sich ergebenden Unstimmigkeiten vermeiden lassen, hätte man den Fragen bei Gelegenheit der Berufswahl auch diejenigen zugesellt, die die gesundheitliche Seite zum Gegenstande haben. Bei so manchen Berusen wird ja seitens des Staates vorher eine ärztliche Untersuchung gefordert. Was nun aber der Staat verlangt— die ärztliche Untersuchung beim Eintritt in den Beruf— sollten sich die Eltern zur gegebenen Zeit freiwillig leisten. Viel können ja schon die Eltern selbst— vernünftige Ueberlegung vorausgesetzt— tun. An der, denen in der Schule das Lernen schwer fiel, wird man nicht zwingen, einen Beruf zu ergreisen, der vorzugsweise anstrengende Kopfarbeit fordert. Des ärztlichen Rates bei der Berufswahl können die Eltern auch meist in allen den Fällen entbehren, wo es sich um leicht in die Augen springende, organische Fehler handelt. So ist es doch wohl selbstverständlich, daß man Ninder, die mit Schwäche der Augen belastet sind, nicht Beruse er greifen läßt, welche schon für ein gesundes Auge große Anstrengungen bringen, daß man also den Optiker, Uhrmacher, Lithograph etc. von vornherein ausschließt. Ebenso können kurzsichtige Leute nicht Förster, Bahnbeamte, Seelente oder dergleichen werden. Viele Kinder leiden— oft schon von Jugend auf— an häufig wiederkehrenden Entzündungen der Schleimhäute in Hals,= Nase und Augen. Obgleich hier oft eine schlechte und salsche Ernahrung und deren Folgekrankheiten(z. B. Skrojulose) im Spiele sind, wird man doch bei der Wahl des Berufes darauf Rücksicht nehmen müssen und die Beschäftigung in zugiger Luft, grellem Licht, Rauch und Staub ausschließen. Während die Schwerhörigkeit für viele Berufe ungeeignet macht, z. B. für die Post= und Balm beamtenlaufbahn, für den Lehrer und den Kaufmann, bilden empfinoliche Gehörorganc, d. h. solche, die leicht erkranken, direkt eine Gefahr ber Berufen in Wind und Wetter oder bei solchen, die mit viel Lärm verbunden sind, wie die Arbeit in Fabriken, wo viele Maschinen arbeiten oder wo Metalle verarbeitet werden. Sprachstörungen, die übrigens dann, wenn keine organischen Regelwidrigkeiten vorliegen, meist heitbar sind, sind selbstverständlich in allen den Berufen, die den fertigen Gebrauch unserer Zunge erfordern, recht hindernd. Weitaus schwieriger als bei den schon äußerlich erkennbaren törperlichen Mängeln gestaltet sich die Beurteilung der Berufsfähigkeit bei inneren Leiden chronischer Art oder ebensolchen Organfehlern. Wer an schlechter Verdauung leidet, sollte sich nicht Berufen zuwenden, deren Mitglieder auf Wirtshaustost und unregelmäßige Lebensweise angewiesen sind. So muß z. B. der Reisende heute hier, morgen dort, heute zu dieser und morgen zu jener Stunde essen. Dazu gehören aber durchaus gesunde Verdauungsorgane, und auch solche werden dem steten Ansturm der Diätsehler, die bei Wirtshauskost stets unvermeidlich sind zuviel Fleisch, starke Gewürze, Alkoholika) oft genug unterliegen. Leider gibt es auch unentbehrliche Berufe, in denen man mit allerlet Giftstoffen zu arbeiten hat. Bei aller Vorsicht und trotz strenger Aufsicht seitens des Staates sind Schadagungen, welche neben den Atmungs= vorzugsweise die Verdauungsorgane treffen, unvermeidlich. Be sonders sind mer alle Beruse zu nennen, deren Mitglieder mit giftigen Farben, mit der Verarbeitung von Quecksilber und dergl. zu tun haben: chronischen Bleivergiftungen sind oft die Schriftsetzer ausgesetzt. Es ist naturgemäß, daß kräftige Organe den Schädigungen leichter und länger widerstehen als schwache und kranke. Hieraus für einen zu erwahlenden Beruf die nötigen Lehren zu ziehen, dürfte nicht schwer sein Bleichsüchtige und blutarme Kinder sollten keinen Beruf ergreifen, der mit sitzender Lebensweise verbunden ist, mussen also vor allem alle Beschäftigung vermeiden, die sich in der Haupt sache als Schreibarbeit darstellt. Mit derartigen Leiden behaftete Kinder sollten Berufen zuge fuhet werden, die ihnen viel Bewegung im Freien erlauben. Bleichsüchtige Mädchen fortgesetzt mit Schneiderei, Putzmacherei rc. zu beschäftigen, ist geradezu eine Versündigung. Trotz aller Vorsicht bei der Berufswahl können Mißgriffe vortommen. In den meisten Fällen werden ja seitens der Eltern etwaige Wünsche der Einder berücksichtigt werden. Oft genug tritt aber der Fall ein, daß sich ein Kind in sich selbst getäuscht hat; denn viel versteht eben ein Kind nicht vom Leben und seinen Anforderungen. Stellt sich's heraus, daß der gewählte Beruf nicht befriedigt, sei es vom Standpunkte körper licher Leistungen aus oder nach der idealen Seite, so werden diejenigen Kinder am besten fahren, deren Eltern nicht streng darauf bestehen, in dem einmal ergriffenen Berufe zu verharren. Vielmehr ist es meist ratsam— allerbings nach reiflichen Erwägungen— einer etwa gewünschten Aenderung des Berufs zuzustimmen; denn je älter der Mensch wird, desto schwieriger gestaltet sich ein Umsatteln. Der billige Damenhut und seine Folgen. In ein schlimmes Wespennest hat der„Daily Mirror“ gestochen, als er vor kurzem— wie er wohl glaubte: zur Freude seiner Leserinnen— eine Anzahl von Photographien veröffentlichte, auf denen man wirklich geschmackvolle und geradezu elegante Damenhüte sah, die nur 55 bis 75 Pfg. das Stück kosten. Wenn die Hüte häßlich gewesen wären, wäre das am Ende noch angegangen, aber diese unerhort billigen Gebilde der Hutmacherkunst waren wie gesagt wirklich hübsch und geschmackvoll. Seitdem haben die Redakteure des„Daily Mirror“ schlimme Tage. Eine wahre Sturmflut von entrüsteten Protestbriefen der Leserinnen ist über die Redaktion hereingebrochen.„Mit solchen Mitteln," schreibt eine ganz empörte Abonnentin,„wollen Sie die Sympathien Ihrer Leserinnen gewinnen?! Mein Mann hatte kaum Ihre indiskreten Bilder gesehen, als er auch bereits mit einer Predigt über die Sparsamkeit in der Hauswirtschaft und in der Kleidung anfing— er schien im Ernst wirklich zu glauben, ich solle fortan für einen Hut höchstens 75 Pfg. ausgeben. Und solche peinlichen Erörterungen haben gewiß in Tausenden von Familien stattgefunden. So streuen Sie den Samen der Zwietracht zwischen Mann und Frau. Mir bleibt dagegen keine Waffe, und so tue ich das einzige, was in meiner Macht steht: ich kündige hiermit das Abonnement." Nicht weniger ärgerlich scheint eine andere Dame:„Nehmen wir nur einmal an, es sei wirklich möglich(es ist natürlich nicht möglich) einen anständigen Hut mit einer Auslage von 55 Pfg. herzustellen, nehmen wir an, Sie fänden auch eine Frau, die diesen Hut aussetzt— niemals aber werden Sie eine Frau finden, die, wenn sie den Preis weiß, mit diesem Hute auch nur die Nase aus der Haustür heraussteckt. Außerdem ist es absurd, zu glauben, daß die Hutformen Ihrer Photographien nun einsach für alle Frauen geeignet wären, für schöne und häßliche, dünne und dicke, blonde und dunkle. Es liegt auf der Hand,“ so schließt empört die Dame, „daß Ihre ganze Zeitung ausschließlich von Männern geschrieben und redigiert wiro, die Frauenseite und den Modeteil nicht ausgenommen.“ Aber die Entrüstungskundgebungen kamen nicht nur von Abonnentinnen: nun erschienen die Hutmacherinnen und die Modistinnen auf dem Plan und erklärten, eine anständige Frau, die etwas auf sich hält, könne unmöglich weniger als zu allermindest 20 Mk. für einen einfachen Hut anlegen. In ihrer Verzweiflung scheint die Redaktion des„Daily Mirror“ die Sprache versoren zu haben: statt der Antwort hat das Blatt schweigend eine neue Photographie verössentlicht, die einen reizenden kleinen Hut darstellt, der — 10 Pfg. kostet. Vogelmord und Mode. In England wird der Krieg gegen die von den Damen so geliebten Reiherfedern, die fast stets zugleich einem Bogel das Leben gekostet haben, augenblicklich mit besonderer Heftigkeit geführt. Eine„Verbesserung des Federgesetzes“, die von der Regierung eingebracht ist, soll noch in diesem Monat vor dem Parlament verhandelt werden, und deshalb setzen die Freunde des Tier schutzes alle Hebel in Bewegung, um den Frauen die Grausamkeiten vor Augen zu führen, die ihre Eitelkeit hervorruft. In Pearson's„Magazine“ veröffentlicht einer der betanntesten englischen Vorkampfer des Vogelschutzes, H. Hesketh Prichard, einen packenden Aufsatz, der so manches Neue über die entsetzlichen Schlächtereien der Vogeljäger beibringt. Daß die Federn zum großen Teil von der Mauserung der Tiere stammen, ist nach der Angabe des Verfassers ein Märchen, das wohl wehleidigen Kundinnen von ihren Putzmacherinnen eingeredet wird. Die wirklich guten Federn müssen direkt vom Körper des lebenden Tieres kommen. Während der Mauserzeit sind die Federn unansehmlich und von geringem Wert, und höchstens 1 Pronach England gelangenden Federn ist durch die Mauserung gewonnen. Erschreckend ist die Rohheit und Hast, mit der die edlen Vögel, die durch ihren prüchtigen Schmuck die Gier der Menschen erwecken, ausgerottet werden. Dafür führt Prichard ein Beispiel an, das für unzählige andere tupisch ist. Weit und sern im nördlichen Stillen Ozean liegt eine wilde verlassene Insel namens Lansan, die die verborgene Brutstätte zahlreicher Seevogelarten war, besonders aber zweier prächtiger Arten des Albatros. So zahlreich war eine dieser Arten, die man nach dem Eiland den Lansan=Albatros nannte, daß man an bestimmten weiten Plätzen der Insel leinen Fuß niedersetzen konnte, ohne auf diese Bögel zu stoßen. Im Jahre 1909 rüstete nun ein Europäer von Hono lulu eine Expedition aus, auf der ihn 23 japam sche Arbeiter begleiteten, um die Federn der Tiere zu sichern. Er verwandelte die idyllische Insel in ein grausiges Schlachthaus, und als einige Monate später der Zoologie Professor William Alanson Bryan im Auftrage der Vereinigten Staaten die Insel besuchte, fand er, daß über 300000 brütende Bögel getötet worden waren!„Min destens die Hälfte von allen Vögeln der beiden Albatrosarten,“ berichtete Bryan über dies Gemetzel an die Regierung,„waren in grausamer Weise vernichtet. Auf weiten Strecken der Insel, die 10 Jahre vorher dicht mit Albatrossen be völkert waren, blieb auch nicht ein einziger Vogel, während Haufen der erschlagenen als stumme Zeugen herumlagen für die trauriae Niedermachung dieser schönen, harmlosen und ohne Zweifel nützlichen Bewohner der hohen See.“ Wie gewaltig die Zahl der Bögel ist, die alljährlich allein für die englischen Damen ge opfert werden, beweist die Tatsache, daß in dem Jahre April 1911 bis April 1912 in London allein an Reiherfedern 19 636 Unzen angeboten und 11 997 Unzen verkauft wurden. Da man auf eine Unze 6 Vögel rechnen muß, so ergibt dies allein die Ermordung von mehr als 114 000 Vögeln. Aber dies ist nicht genug. denn mit dem Muttervogel stirbt zugleich sehr häufig die junge Brut, sodaß ein Tod noch mehrere andere nach sich zieht. In Amerika hat der langjährige mit leidenschaftlichem Eifer geführte Kampf gegen den Vogelmord zu dem Einfuhr= und Ausfuhrverbot von Federn wilder Bögel zu Schmuckzwecken ge führt. Die Anhänger der Bewegung erstreben nun das Gleiche für England. Sittenkoder des Tanzes aus der guten alten Zeit. Mit der Tanzleidenschaft, die in unserer Gegenwart stärker denn je erwacht ist, sind auch zugleich die Tanzverbote und der Kampf gegen das weltliche, manchmal auch allzu weltliche Treiben wieder in heftiger Weise aufgetreten. Freilich ist das nichts Neues in der Geschichte des Tanzes sondern immer, wenn neue Tanzformen aufkamen, eiferten die Hüter der Moral dagegen, und der Walzer hat vor 150 Jahren ebenso leidenschaftliche Gegner gefunden wie heute der Tango. Ja, die deutschen Tanzbücher, die uns ein so interessantes Bild der choreographischen Künste der Vergangenheit darbieten, sind zum großen Teil der Verteidigung des Tanzes gegen solche Sittenrichter gewidmet. Eins der wichtigsten dieser Werke, die 1707 erschienene„Beschreibung wahrer Tanzkunst“ von Johann Paschen beschäf. tigt sich fast nur damit,„die mehr als edle Kunst“ gegen solche zu verteidigen, die sie„als etwas ilaines, Bestiales oder Sündliches beurteilen," wahrend sie doch„auf nichts anderes als auf honnetete, Modestie, Sittenhaffter Manier und tugendhafftem Verhalten begründet“ sei. Doch muß auch Paschen zugestehen,„daß der wahren Tantzkunst durch greuliche Abusus heutzutage mancher Tort und Schanofleck zugezogen worden, wann nemlich kein gebührender Unterschied 1) Zwischen dem alten und neuen Tantze, 2) zwischen rechtschaffnem Tantz=Meister und schlechten metiers, 3) Dem kunstmaßig= und lasterhafften trrrgulairen Tantzen gemacht wird.“ Er verabscheut die landlichen Tänze, die Schleifer und Hopser, und wendet sich beftig gegen andere Unarten, die beim Tanz eingerissen seien. Um dieser Entartung zu steuern, gibt er in seinem Werk einen ganzen Sittenkoder des Tanzes, den er„Ordinationes zur Sittenlehre“ nennt.„Die Täntze, erklart er,„sollen nimmer anders, als in pracsence alter, ehrbarer und ho netter Leute geschehen. Es könnte nicht schaden, wenn allezeit gar eine Geistliche Person dabei wäre, damit die Tantzenden ihre actiones desto respectueuser verrichten musten und die lieben Herren selbst sehen könnten, wie es darbei her gehet; zumal wenn sie sich nur theoretice vor einem rechtschaffenen Meister hatten im Grunde dieser Kunst instruiren lassen, vielleicht schütte ten sie nicht so gar das Kind mit dem Bade aus, wiet einige thun!“ Die Tanzenden müssen sich nun aber freilich auch danach benehmen. Schon wenn man mit der Dame antritt, muß man den nötigen Anstand beobachten.„Wenn man die Dame bei der Hand faßt, soll es nicht lange und bet dem Acußersten der Finger geschehn und sollen auch die Tänzer beyderseits Handschuh anhaben!" Sodann ist es„incivil im Vorbei tanzen der Dame naher als eines Schrittes weit zu nahen.“ Unbedingt nötig ist es auch, daß sich die Paare beim Tanzen das Gesicht zuwenden, denn„das Abwenden des Gesichtes würde eine Verachtung sein!“„Hierbei sollen die Ge sichter weder lachen, noch sauer sehen, sondern sich modest und indifferent erweisen. Reden kann man garnicht in den Täntzen, so nach wahrer Kunst eingerichtet sind, und wenn man ausgetanzt hat, so ist man denen andern honetten Leuten so nahe, daß es sich sehr übel schicken wurde, von unanständigen Dingen zu reden!“ Haben die Herren schon recht bescheiden zu sein, so gelten für die„Dames“ noch viel stren gere Gesetze.„Bei ihnen muß die Madestia alle Zeit die Oberband haben und dürfen ihre Sprün ge niemals das Contretemps überschreiten.“ An dere Tanzmeister sind freilich in dieser Hinsicht duldsamer, und der angesehenste Tanzmeister sei ner Zeit, der Leipziger Gottfried Taubert, will sogar in seinem 1717 erschienenen„Rechtschaffe nen Tantzmeister“ ein Kuschen in Ehren nicht verwehren.„Eine"Dame vom Verstand und Esprit," meint er,„so nicht weniger als andere keusch und züchtig, bedencket, daß ihr ein Kuß um nachfolgender dreifacher Ursache willen im geringsten kein Macul weder im Gewissen noch in der Fortun zuwege bringen kann, nemlich: 1) Weil es das Spiel so mit sich bringt, 2) Weil ehrliche Leute dabey seyn, und 3) Weil es an dere auch thun und leiden müssen. Ob sie sich daher schon anfänglich aus Schamhafftigkeit, weil sie dergleichen Leckerey ungewohnet ist, ein we nig weigert, und ihren Nachbar freundlich bittet, daß er sie damit verschonen wolle: so leidet sie es doch endlich, wenn sie siehet, daß es nicht anders ist uno wehret sich nicht zu närrisch!“ Denn schließlich— und das ist der Grund, der durch all diese weisen Lehren der alten Tanzmeister durchschimmert— der Tanz hat ja außer dem Vergnügen auch noch einen sehr ernsthaften Zweck: er soll„zu avantageusen Heyrathen nicht wenig contribuieren.“„Ich habe,“ erzählt Pa sche,„von meinen Eltern in meiner Kindheit er zählen hören und nach diesem in alten Tantzbüchern gefunden, daß um das Frauenzimmer polit zu machen und ihm Gelegenheit zu honester Conversation in presence ehrbarer Leute zu geben, das Hochzeittanzen entstanden. Man hat sie, wenn sie von denen Jahren gewesen, daß fic nunmehr auch auffs Heuraten haben denken dürf fen, mit auf die Hochzeiten genommen, und wei man sie in denselben Zeiten nicht gerne zusammen gezwungen, so haben die jungen Leute daselbst Gelegenheit bekommen, in presence ihrer Eltern und anderer wackerer Leute mit einander zu reden und sich bekannt zu machen, damit man sehen möchte, ob diejenigen auch einander lieben könnten, auf welche die Eltern vielleicht schon reflexion gemacht hatten. Und daher soll daalte Sprichwort kommen sein:„Es wird keine