Sprockhöveler Zeitung Haßlinghauser Zeitung= Amtlicher Anzeiger für das Amt Sprockhövel= Blankenstein=Herbeder Zeitung 1. Blatt. Bekanntmachung Heute nachmittag von 3 Uhr ab gelangt am hiesigen Bahnhof ein Wagen weiße Steckrüben zum Verkauf. Sprockhövel, den 14. Dezember 1918. Der Amtmann: Theis. Bekanntmachung Am Dienstag, den 17. ds. Mts., nimmt das Meldeamt Schwelm von 9 bis 12 Uhr vormittags und von 3 bis 5 nachmittags im Gewerkschaftshaus, Sprockhövel, Hauptstraße Nr. 79, Anmeldungen der militärpflichtigen Personen aus dem hiesigen Amtsbezirk entgegen. Diejenigen Personen,— ov reklamiert, gedient oder nicht gedient— die am 2. August 1914 noch keine 45 Jahre alt waren, haben sich an diesem Tage— soweit die Anmeldung beim Meldeamt Schwelm noch nicht erfolgt sein sollte— anzumelden. Solche männliche Personen, die das neutrale Gebiet betreten wollen, haben sich zwecks Erlangung eines Ausweises ebenfalls zu melden. Vom Heeresdienste entlassene Personen, welche sich ordnungsgemäß über den Nichtempfang der Entlassungsgebührnisse ausweisen können, erhalten letztere am Dienstag nachgezahlt. Sprockhövel, den 13. Dezember 1918. Der Amtmann: Theis. Lebensmittel Die Lebensmittelgeschäfte wollen am Montag, den 16. Dezember, die nachbenannten Lebensmittel abholen und zwar innerhalb folgender Zeiten: 1. von 8½—9½ Uhr vormittags die Geschäfte mit den Anfangsbuchstaben Z— 2. von 9½—10½ Uhr vormittags die Geschäfte mit den Anfangsbuchstaben S—N, 3. von 10½—11½ Uhr vormittags die Geschäfte mit dem Anfangsbuchstaben H, 4. von 2 bis 3 Uhr nachmittags die Geschäfte mit dem Anfangsbuchstaben K, einschl. Konsumverein, 5. von 3 bis 4 Uhr nachmittags die Geschäfte mit den Anfangsbuchstaben M und L, 6. von 4—5 Uhr nachmittags die Geschäfte mit den Anfangsbuchstaben G—A. Verausgabt werden: 1. Margarine für die Zeit vom 8.—14. 12 1918 50 gr Ladenhöchstpreis 2.25 Mk.; 2. Griesmehl auf Abriß 4 der Lebensmittelkarte 125 gr Ladenhöchstpreis 0,48 Mk.; (Selbstversorger in Nährmitteln erhalten das Griesmehl nicht, der 4 der Abriß Lebensmittelkarte dieser Personen ist mit dem Stempelaufdruck„ungültig“ versehen.) 3. Marmelade auf Abriß 5 der Lebensmittelkarte 250 gr Ladenhöchstpreis 1 Mk. 4. Kartoffeln, soweit nicht eingekellert, auf Abriß 12 der Kartoffelkarte 7 Pfund, Preis 10 Pfg. das Pfund; abzuholen am Montag, den 16. Dezember 1918 bei„denjenigen Händlern, bei denen die Haushaltungen als Kunden eingetragen sind. Von Mittwoch, den 18. Dezember ab gelangen zur Verausgabung: a) für Säuglinge und Kinder bis zu 2 Jahren 2 Pfund Haferflocken ober Kindergerstenmehl und 3 Päckchen Milchsüßspeise auf Abriß Dezember 1 und 2 der Milchkarte über 1 Ltr. Vollmilch in den Geschäften Gethmann zu Niedersprockhövel, Mönninghoff zu Obersprockhövel und Stolte zu Hiddinghausen 2; b) für Kranke, die an Tuberkulose leiden, 5 Pf. Haferflocken oder Griesmehl und 3 Päckchen Milchsüßspeise; c) für sonstige Kranke die bestimmte Menge Griesmehl oder Graupen und 3 Päckchen Milchsüßspeise; d) für hoffende Franen 5 Pfund Graupen und 3 Päckchen Milchsüßspeise; e) Eier, für die Woche vom 1.—7. 12., soweit ärztlich verordnet, bei Battefeld in Niedersprockhövel, f) für Kranke und hoffende Frauen 1 Dose Malzextract in der hiesigen Apotheke. Die Bescheinigungen für die unter b—f aufgeführten Bezngsberechtigten müssen am Dienstag, den 17. Dezember 1918. vormittags von 9—11 Uhr, auf dem Amte— Zimmer 4— abgeholt werden. Sprockhövel, den 13. Dezember 1918. Der Amtmann: Theis. bei Gethmann Niedersprockhövel. Bekanntmachung Die Verordnung, daß die Gemeinde= und Amtsvertretersitzungen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit tagen müssen entspricht nicht mehr dem Geist der Zeit. Deshalb wird den Verwaltungen zur Pflicht gemacht, in Zukunft diese Sitzungen öffentlich stattfinden zu lassen. Die A.= und S.=Räte werden ersucht, über die Durch führung dieser Verordnung zu wachen. Schwelm, den 13. Dezember 1918. Oettinghaus, Volkskommissar. Aus der Heimat. Sprockhövel, 14. Dezember 1918. —[Erweiterter Geschäftsverkehr.] Nachdem in verschiedenen Rachbarstädten an den Sonntagen vor Weihnachten ein erweiterter Geschäftsverkehr zugelassen ist, findet ein solcher auch hier statt. Am Sonntag, den 15. Dezember und am Sonntag, den 22. Dezember, dürfen die Geschäfte von vormittags 11 Uhr bis abends 6 Uhr geöffnet sein. —[Die Gemeinde= und Amtsvertreter) sollen für die Folge auch in den Landgemeinden, wo solches bisher meistens noch nicht der Fall war, öffentlich tagen. Die Sitzungen dürften daher jetzt wohl vorher öffentlich bekannt gemacht werden. —(Haussuchungen und Beschlagnahmen) sind in letzter Zeit vielerorts von unberufenen bewaffneten Ziviloder Militärpersonen vorgenommen worden, die sich durch irgend einen flüchtig vorgezeigten Wisch Papier angeblich legitimierten und dann, wenn der eingeschüchterte Wohnungsinhaber ihnen Einlaß gewährte, wie die Raben stahlen. Demgegenüber sei darauf hingewiesen, daß derartige Haussuchungen nur dann amtlich angeordnet sein können, wenn die betr. Personen eine Bescheinigung vorweisen, aus welcher der Grund der Haussuchung und der Name des von ihr Betroffenen klar und deutlich hervorgeht. Ist eine solche Bescheinigung nicht vorhanden, dann sei man kein Hasenherz. Man lasse sich durch keine Drohung einschüchtern, sondern verschließe rasch die Tür und hole Hilfe herbei. Die„Abgesandten“ werden meistens überraschend schnell vorher verduften; wird man ihrer aber noch habhaft, dann führe man sie der Polizei zu. —(Bekämpfung des Schleichhandels.] Eine der dringendsten Aufgaben der neuen Regierung wird es sein, mehr als bisher den gewerbsmäßigen Schleichhandel und die übermäßige Vorversorgung einzelner gewissenloser Geldleute zu verhindern. Die Bekämpfung wird nach drei Richtungen zu erfolgen haben. Zunächst muß bei dem Erzeuger, der der eigentliche Belieferer des Schleichhandels ist, dafür Sorge getragen werden, daß die ihm nicht zur Selbstversorgung zustehenden landwirtschaftlichen Erzeugnisse zur Ablieferung gelangen. Die Ueberwachung der landwirtschaftlichen Betriebe in dieser Richtung bildet eine wesentliche und wichtige Aufgabe der neuen Bauernräte. Die hierzu notwendigen Anweisungen an die Bundesregierungen und Kommunalverbände sind bereits erlassen. Schwieriger gestaltet sich die Verhinderung des Schleichhandels im großen, also die Verschiebung von Waggonladungen mit rationierten Lebens. mitteln durch die Bahn und von Händler zu Händler. Bei der Gerissenheit, mit der der gewerbsmäßige Schleichhändler unter Fälschung von Frachturkunden und Answeispapieren vorgeht, kann auf diesem Gebiete nur mit geschulten, fachlich ausgebildetem Personal gearbeitet werden. Die Schritte, solches Personal in stärkerem Umfange zu gewinnen, sind eingeleitet. Es wird aber ferner eine neue Organisaton der Strasverfolgungsbehörden, insbesondere des Kriegswucheramts, erforderlich sein, um in jedem Einzelfalle ohne Hemmung von Zuständigkeitsfragen mit Schärfe und Erfolg zufassen zu können. Nach dieser Richtung schweben bereits Verhandlungen zwischen den verschiedenen beteiligten Behörden. Schließlich handelt es sich darum, da, wo übermäßige Vorräte zum Schaden der Allgemeinheit aufgehäuft worden sind, diese sogenannten Hamsterlager festzustellen und dem allgemeinen Verbrauch zuzuführen. Wie das bisherige vereinzeltete Vorgehen von Arbeiter= und Soldatenräten bereits gezeigt hat, ist diese Aufgabe durchaus nicht leicht zu lösen, wenn man vermeiden will, daß rechtmäßig erworbene Vorräte den Besitzern weggenommen werden. Man wird bedenken müssen, daß der Geist der Vorsorge für kommende schwere Zeiten der Bevölkerung erhalten bleiben muß und daß ein plumpes und ungeschicktes Zufassen leicht auch die Besitzer kleiner erlaubter Vorräte veranlassen könnte, diese in un wirtschaftlicher Weise zu verzehren oder zu vergeuden. DaReichsernährungsamt beschäftigt sich auf das eingehendste damit, Richtlinien für ein einheitliches und sachgemäßes Vorgehen auf diesem Gebiete aufzustellen. Es erscheint erwünscht, daß die einzelnen örtlichen Stellen sich bis zum Erscheinen dieser Richtlinien solcher Sondermaßnahmen enthalten. Die Richtlinien werden versuchen, allen Ansprüchen, insbesondere auch derjenigen Volkskreise, die durch Heeresangehörige erlaubterweise Nahrungsmittel erhalten und versorglich aufbewahrt haben, gerecht zu werden. Es kann daher vor dem vorzeitigen Verzehr und der Vergeudung solcher Lebensmittel nur dringend gewarnt werden. —(Blankenstein.] Der bei der Bochumer Mehl schieber=Angelegenheit mit verwickelte Kaufmann Haverkamp in Stiepel hat sich vergiftet. Letzte Nachrichten. Die neuen Vereinbarungen von Trier. DZB. Trier, 13. Dez. Der Waffenstillstandsvertrag wurde heute vormittag um 11¾ Uhr deutscher Zeit im Salonwagen des Marschalls Foch in Trier verlängert. Der Wortlaut des Abkommens ist wie folgt: Die Unterzeichneten, versehen mit den Vollmachten, kraft deren sie den Waffenstillstandsvertrag am 11. November unterzeichnet haben, schlossen die folgenden Zusatzabkommen 1. Die Dauer des am 11. November abgeschlossenen Waffenstillstandes ist um einen Monat verlängert, bis zum 17 Januar 1919, 5 Uhr vormittags. Diese Verlängerung um einen Monat wird unter Vorbehalt der Zustimmung der alliierten Regierungen bis zum Abschluß des Präliminarfriedens ausgedehnt werden. 2. Die Ausführung der Bedingungen des Abkommens vom 11. November, soweit dieselben derzeit noch unvollständig verwirklich sind, wird fortgesetzt und in der Zeit der Verlängerung des Waffenstillstandes zu den von der internationalen Waffenstillstandskommission festgesetzten Vorschriften nach den Weisungen des Oberkommandos der Alliierten zum Abschluß geführt. 3. Folgende Bedingung wird dem Abkommen vom 11. November eingefügt: Das Oberkommando der Alliierten behält sich vor, von jetzt an, wenn er dies für angezeigt erachtet und um sich neue Sicherheiten zu verschaffen, die neutrale Zone auf dem rechten Rheinufer nördlich vom Kölner Brückenkopf und bis zur holländischen Grenze zu besetzen. Diese Besetzung wird vom Oberkommando der Alliierten 6 Tage vorher angezeigt werden. Trier, 13. Dezember. Gez. I. Foch, A. H. Wonnyna, Admiral. Gez. Erzberger, Graf Oberndorf, von Winterfeld, Vanselow. Die Klausel, welche die Verlängerung des Vertrages bis zum Abschluß des Präliminarfriedens sowie die vorherige Anzeige von der Besetzung der neutralen Zone vom Kölner Brückenkopf bis zur holländischen Grenze betrifft, wurde auf Vorschlag des Staatssekretärs Erzberger in das Abkommen aufgenommen. Die Entente und die Lebensmittelzufuhr nach Deutschland. Zu Beginn der Sitzung teilte Marschall Foch im Namen des amerikanischen Lebensmittelkontrolleurs Hoover mit, daß die in Deutschland liegenden 2½ Millionen Tonnen Schiffsraum unter die Kontrolle der Alliierten zur Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln gestellt würden. Zu der Erklärung des Ausdrucks„Kontrolle der Alliierten“ in dem Sinne, daß hierbei die Schiffe selbverständlich deutsches Eigentum bleiben und mit deutschen Besatzungen versehen versehen werden könnten, antwortete Foch im Prinzip zustimmend. Aus den weiteren Bestimmungen ging sodann hervor, daß diese Versorgung mit Lebensmitteln von zwei Kommissionen geregelt werden wird. Die eine, welche Lebensmittel aufkauft, hat ihren Sitz in Paris, während die mit der Verteilung und dem Transport beauftragte Kommission ihren Sitz in London hat. Staatssekretär Erzberger erklärte sich mit dieser Regelung des Tranportes und dieser Benutzung deutschen Schiffraumes einverstanden. Foch sagte zu, dieses Einverständnis dem Lebensmittelkontrolleur Hover zu übermitteln, damit die Verhandlungen zwischen den Schiffahrtssachverständigen und und dem Ausschuß, der deutscherseits für die Einführung der Lebensmittel eingesetzt ist, alsbald aufgenommen werden können. Diese Verhandlungen finden nicht in Spaa statt. Aus der Aussprache ist weiter hervorzuheben, daß die Abgabe der Verkehrsmaterialien auf Grund der deutschen Vorschläge vor sich gehen wird, und zwar in der Weise, daß bis zum 18. Januar 1919 die auszuliefernden 5000 Lokomotiven, 150000 Eisenbahnwagen und 5000 Lastkraftwagen übergeben sein werden. Der deutsche, nach langen Verhandlungen aufgenommene Vorschlag sieht im einzelnen vor, daß während der ersten 10 Tage vom 18. Dezember an täglich 110 Lokomotiver und 2400 Wagen, sodann während der übrigen 20 Tage je 150 Lokomotiven und 3200 Wagen abgeliefert werden. Der französische Vorschlag auf Ablieferung in kürzerer Frist drang nicht durch. Insbesondere gelang es auch, die von französischer Seite vorgeschlagenen Strafvorschriften im Falle der Ablieferung von Material, von dessen Zustand für nicht genügend erklärt wird, zu mildern. Von englischer Seite wurde verlangt, daß das Linienschiff„Baden" an Stelle des Panzerkreuzers„Mackensen" abgeliefert wird, der nicht schleppbereit ist. Letztere Tatsache war bereits am 11. November im Walde von Compiegne mitgeteilt, worauf von englischer Seite keine neue Fordrung gestellt war. Staatssekretär Erzberger bezeichnete diese jetzt vorgebrachte Forderung als einen Akt der Willkür und legte Protest ein. Die Engländer zogen ihre Forderung nicht zurück. Der Vorschlag Erzbergers betreffend die in Ostafrika befindlichen Kolonialgefangenen wird von Marschall Foch geprüft. Die Antwort ist in den nächsten Tagen zu erwarten. Foch verläßt Trier heute nachmittag 2 Uhr, um die aus Spa zu den Verhandlungen eingetroffenen Mitglieder der Waffenstillstandskommission zu treffen. Die von Berlin kommenden Delegierten werden am Abend über Kassel=Wilhelmshöhe dorthin zurückkehren. Die d. Waffenstillstandskommission, Staatssekr. Erzberger. WTB. London, den 13. Dezember 1918. Nach einem drahtlosen Telegramm vom Dampfer „George Washington“ an die Blätter, werden die ersten formellen Besprechungen zwischen den leitenden Staatsmännern der Alliierten am Dienstag, Mittwoch u. Donnerstag stattsinden. Es ist möglich, daß mit Rücksicht auf andere Angelegenheiten die Zusammenkünfte erst am 3. Januar wieder aufgenommen werden. Während dieser Pause wird Wilson die belgische, englische, französische und amerikanische Front besuchen und auch einen Abstecher nach Italien machen. Der Präsident hofft, daß der Friedensvertrag noch vor Ende März unterzeichnet werden wird. Die Schuld am Zusammenbruch. Ein angesehener Berliner Diplomat a. D. schildert uns die Schuld an dem Zusammenbruch in folgender Form: Nachdem unsere militärischen Heerführer die Russengefahr gebannt hatten, haben sie auf dem russischen Boden sich getummelt und sich gefreut über gewonnenes Land. Es kam zur Erklärung des uneingeschränkten Unterseebootrieges, der Amerikas Eingreifen in den Krieg veranlaßte. Man wiederholte die alten Fehler und schätzte den obenneuerstehenden Feind ebenso wieder ein, wie man es früher mit England getan hat, das keine Armee besaß. Und man blieb immer noch Gegner des Östens. Es ist mir heute möglich, Ihnen die wahren Gründe dieser verfehlten Politik anzugeben. Einmal war der Kaiser auf den Zaren Nikolaus ungemein erbost. Der Exkatser hätte es am liebsten gesehen, wenn von England eine Aufforderung gekommen wäre, den Streit auf Rußlands Kosten beizulegen. Man liebäugelte mit dem Westen und vernachlässigte jede Fühlungnahme nach dem Osten. Zu jener Zeit habe ich wiederholt der zuständigen Stelle erklärt, wie wichtig es ist, Nußland aus der Schar unserer Gegner hinauszuzwängen. Das ware mit Entgegenkommen zu haben gewesen. Seit dem Jahre 1916(Sommer) wußte Zar Nikolaus, daß Rußland den Krieg nicht mehr gewinnen könne. Es war ihm klar, daß mit dem verlorenen Krieg auch gleichzeitig seine Würde Man hätte dem Zaren die alten Grenzen wieder versprechen sollen; eine Erweiterung Polens, das zweisellos bundesstaatlichen Charakter bekommen hätte, wäre vurch galizische Gebiete möglich gewesen, die man in Wien bereits damals verloren gegeben hatte. Damnit wären„militärische Triumphe" geschmälert worden. Das sei zugegeben. Aber auf der anderen Seite hätte man den einen„Arm“— von dem damals immer die Rede war— wirklich freibekommen. Diesen Rat nahm man nicht an, sondern hämmerte auf Rußland dauernd heran. Die Folge davon war die Errichtung einer deutschen Front von vielen tausend Kilometern, die sich vom hohen Norden Finnlands tief durch Rußland durch erstreckte und über Odessa, die Krim hinaus, bis in den Kaukasus und an das Kaspische Meer sich ausdehnte. Millionen von Menschen standen in dieser Front oder dienten ihr in den entsetzlich langen Etappen. So gelang es den Feinden, im Westen die deutsche Front zu zermürben. Heute wird auch Ludendorff, der aus persönlichen Gründen nicht zuletzt gegen Rußland der„große Sieger“ sein wollte, und mit ihm der Kaiser erkennen, daß es besser gewesen wäre, wenn man den Berufspolitikern und— Diplomaten auch noch etwas hätte gelten lassen. Dann wäre 1917 schon im Westen das ganze deutsche Heer ausmarschiert. Man hätte die Entscheidung finden können, noch bevor die amerikanischen Hilfsmittel in Europa waren. Der Kaiser und das Hauptquartier haben die Verständigung mit Rußland abgelehnt. In einem bestimmten Augenblick der politischen Verhältnisse haben sie sogar Forderungen gestellt, die die dargebotene russische Hand zurückweisen mußten. Um diese Tatsachen kommt man nicht mehr herum. Kein noch so geschicktes Dementi kann sie aus der Welt räumen. Denn sie stehen aktenmäßig fest. Soviel kann ich für heute sagen. Die Friedenskonferenz. SU. Rach einer Meldung des französischen Blattes „Le Soir“ steht es fest, daß der Zusammentritt der Friedenskonferenz wahrscheinlich bis Ende Januar verschoben werden wird. Der Waffenstillstand wird verlängert. TU. Nach Pariser Berichten haben die deutschen Vorstellungen in England Gehör gefunden, und die Verlängerung des Waffenstillstandes wird in Kürze erwartet. Es denkt kein Mensch daran, die Feindseligkeiten nach dem 17. Dez. wieder aufzunehmen, weil Dentschland die Bedingungen nicht restlos habe erfüllen können. Aus London wird berichtet, man rechne mit der Demoblisation der englischen Flotte im Mai, ein Termin, auf den man den Friebenskongreß ansetzt. Waffenstillstandskommission in Kiel. TU. In Kiel fand am Donnerstag vormittag die erste Sitzung der alliierten Waffenstillstandskommission mit der deutschen Kommission an Bord des englischen Linienschiffes Herkules statt. Auf deutscher Seite führte Admiral Goette die Verhandlungen. Admiral Browning erklärte, daß er von seiner Regierung beauftragt sei, nur mit Offizieren zusammenzutreffen oder zu verhandeln. Das Programm für die Besichtigung wurde besprochen und die Erörterung von einzelnen Fragen fortgesetzt, die schon in Wilhelmshaven begonnen hatten. Auf deutscher Seite besteht der Eindruck, daß kein Entgegenkommen zu erwarten sei. Die Besetzung der rheinischen Gebiete. TU. In Vonn soll demnächst, wie verlautet, der Herzog von Connaugt, ein Onkel des Königs von England, eintreffen. Jetzt sind dort kanadische Patrouillen eingerückt. In Koblenz wird voraussichtlich vom 15. ds. Mts. ab ein amerikanisches Armeekorps sein Hauptquartier einrichten. Ein amerikanisches Bataillon hat den Sicherheitsdienst übernommen und die deutsche Bürgerwehr aufgelöst. In Godesberg ist ein englisches Husarenregiment eingetroffen. Ausschreitungen der Belgier in Aachen. TU. Wie die Amsterdamer sozialistendemokratische Zeitung„Het Vaderland" meldet, haben am Sonntag abend belgische Soldaten in Aachen schwere Ausschreitungen begangen. Sie plünderten Kaufläden, mißhandelten Bewohner und erstachen einen Goldarbeiter. Französische Soldaten stellten die Ordnung mit Waffengewalt wieder her. Deutsche zur Zwangsarbeit nach Belgien WTB. Aus zuverlässiger Quelle erfährt WTB.: Etwa 1000 junge Männer, Söhne von altdeutschen Eltern, sind aus Straßburg zur Zwangsarbeit nach Belgien übergeführt worden. Die Garuilonen in der neutralen ZoneWTB. Das Generalkommando Münster gibt bekannt: Durch die Nachvereinbarungen mit der Entente dürfen die in der neutralen Zone gelegenen Friedensstandorte wit Infanterie, Jägern, Kavallerie und Pionieren wieder belegt werden. Artillerie= und Sonderformationen sind ausgenommen. Es ist beabsichtigt, die in Frage kommenden Regimenter nach ihrer Demobilisierung bald dorthin in Marsch zu setzen. Die Entente hat sich das Kontrollrecht in der neutralen Zone vorbehalten. Arbeiter= und Soldatenräte werden von ihr nicht geduldet; sie sind daher in der neutralen Zone aufzulösen. Mitglieder der Arbeiter- und Soldatenräte, die in der neutralen Zone betroffen werden, müssen, gewärtig sein, von der Entente sofort verhaftet zu werden; andererseits hat die Entente ihren Heeresangehörigen das Betreten der neutralen Zone verboten. Zuwiderhandelnde werden festgenommen und der Entente ausgeliefert. Wilsons Besuch im Vatikan. TU. Pariser Regierungskreise sind von Wilsons Vesuch beim Vatikan unangenehm berührt, weil hierin eine Zusammenfassung aller Gegner des von der Entente geplanten Diktatfriedens erblickt wird. Unmittelbar vor dem Besuch Wilsons wird der Papst anläßlich des Empfanges des heiligen Kollegiums die Bedeutung dieses Besuches in öffentlicher Ansprache an die Kardinäle hervorheben. Das Pariser Blatt„Homme libre" unterstreicht die frankreichfeindlichen Aeußerungen in der italienischen Presse, in denen gegen Frankreichs Vordringen bis an den Rhein Stellung genommen wird. Das Blatt bringt die Hoffnung zum Ausdruck, daß Wilsons Besuch in dieser Hinsicht eine mäßigende Wirkung ausüben werde. Im übrigen bemüht sich die Pariser Presse, den Besych des Präsidenten Wilson beim Papst als unpolitischen Akt internationaler keit hinzustellen. Der Papst für eine Milderung der Hungerblotade. Das Verner Tageblatt meldet: In vatikanischen Kreisen verlautet, daß der Papst sich an Wilson mit der Bitte gewandt habe, die Blockade gegen Deutschland zu mildern. Alle Entente=Regierungen habe er gebeten, die Aushungerung Deutschlands einzustellen. Alle Bischöfe der alliierten Länder würden aufgefordert, den päpstlichen Schritt amtlich zu unterstützen. Lloyd George über die Kriegsentschüdigung. WTB. In einer Versammlung in Bristol sagte Lloyd George, daß das Militärdienstgesetz aufgehoben wird, sobald die Rotwendigkeit dafür aushörte. Es bestehe nicht die Absicht, es zu erneuern. Wenn wir einen dauernden Frieden wollen, müssen wir die Dienstpflichtarmeen auf dem Kontinent beenden. Deutschland, Oesterreich=Ungarn, Rußland, die Türkei und Bulgarien hatten Armeen von zusammen 12 Millionen Mann. Es ist nicht denkbar, daß wir diesen Ländern erlauben werden, wiederum gegen ihre Nachbarn Armeen von 12 Millionen Mann aufzustellen. Deutschland soll bis zur äußersten Grenze seiner Leistungsfähigkeit zahlen. Vor dem Kriege sei der Reichtum Deutschlands auf 15 bis 20 Tausend Millionen Pfund Sterling geschätzt worden. Die Rechnung betrage 24 Tausend Millionen Pfund Sterling, so daß der ganze Reichtum Deutschlands nicht ausreichen würde. Er glaube, daß der Wohlstand Dentschlands unterschätzt worden sei. Er wünsche nur zwei Bedingungen zu machen: 1. daß nicht für unbestimmte Zeit eine große Be satzungsarmee in Deutschland gehalten werden solle, 2. daf die Zinsen des Geldes nicht dadurch abgetragen werden sollen, daß England mit billigen Waren überschwemmt werde. Vom Standpunkt der Gerechtigkeit haben wir das absolute Recht, die ganzen Kriegskosten von Deutschland zu verlangen. Wir beabsichtigen auch, sie zu verlangen. Bezüglich des Kaisers, sagte Lloyd George, es stehe zweifellos fest, daß er Verbrechen gegen die nationalen Rechte begangen habe und dafür zur Verantwortung gezogen werden müsse. Amerika werde zweifellos derselben Ansicht sein. Der Kronprinz sei auch einer der Mitschuldigen, nach dem vorliegenden Beweismaterial vielleicht der Hauptanstifter. Über die Deutschen in England sagte Lloyd George: Sie werden nicht lange in diesem Lande sein. Ich kann ihnen versichern, daß man sie hinausfeuern wird, daß sie nicht wieder hineinkommen. Die richtige Antwort für Lloyd George. WTB. Westminster Gazette schreibt: Leute, die ihren Wählern erklären, daß sie im neuen Parlament für sofortige Aufhebung der Dienstpflicht stimmen werden und ihnen versprechen, daß Deutschland gezwungen werden wird, alle Rechnungen der Alliierten bis zum letzten Cent zu bezahlen sind wertlose Demagogen. Ihre Politik würde die militärische Besetzung Deutschland auf viele Generationen hinaus und die Beibehaltung militärischer Einrichtungen in ganz Europa während dieser Zeit erfordern. Die Blockade der Istsee. TU. Auf Anfrage von zuständiger Seite aus Berlin ist mitgeteilt worden, daß die deutschen und schwedischen Vorstellungen eine Erleichterung der englischen Blockade in der Ostsee erwirkt haben. Die deutsche Ausfuhr von Kohlen, Kali und Salz nach Schweden sei demnach zulässig. Wegen anderer Exporte von und nach Schweden soll das System der Geleitzüge eingeführt werden. Ultimatum der Entente an Rußland? TU. Der Temps kündigt für die nächste Woche, falls Wilson keinen Widerspruch erhebt, entscheidende Ententeschritte gegen die Bolschewikiregierung an. Es ist möglich, daß Wilson eine Art Ultimatum vorschlagen wird, das auch auf die Entkräftung des Brest=Litowsker Friedensvertrages Bezug nehmen würde. Zur Verhaftung der Großindustriellen. bb. Zur Verhaftung der rheinischen Großindustriellen bringt die B. Z. Darstellungen von Fritz Thyssen und E. Stinnes. Fritz Thyssen erzählt u. a.:„Erst im Moabiter Untersuchungsgefängnis, wo sie vom Polizeipräsidenten Eichhorn vernommen wurden erfuhren die Verhafteten, wessen sie beschuldigt wurden. Sie boten sofort den Beweis dafür an, daß sie an dem fraglichen Tage garnicht in Dortmund gewesen sein könnten, daß August Thyssen sen. sogar am Bahnhofe in Mülheim festgenommen wurde, als er gerade von einer mehrtägigen Reise zurückkam. Die angebotenen Zeugen, unter denen sich auch der Oberbürgermeister von Mülheim, Dr. Lemcke, befand, wurden vom Polizeipräsidenten abgelehnt und nicht befragt. E. Stinnes teilt u. a. mit, er war erst am Tage seiner Verhaftung als Leuinant aus dem Felde heimgekehrt und wurde zu seiner großen Überraschung aus seinem Arbeitszimmer geholt, da Beauftragte des A.und S.-Rates ihn zu sprechen wünschten. Diese erklärten ihn sofort für verhaftet und führten ihn ohne Federlesen in das Mülheimer Gefängnis. In Mülheim seien weder Schriftstücke noch sonst irgendwelche Urkunden beschlagnahmt. Es lag offenbar eine Verwechselung mit einer Versammlung von Zementinteressenten vor, die am 4. Dezember in Dortmund stattgefunden hatte. Die Herren haben dem Soldatenrat sowohl die Präsenzliste wie das Protokoll der Verhanlungen zur Verfügung gestellt. Daraus hat sich ergeben, daß keiner der Verhafteten in Dortmund gewesen ist. Mülheim, 13. Dez. Die 8 verhaftet gewesenen Mülheimer Großindustriellen Thyssen, Stinnes usw. trafen oestern abend mit dem Berliner D-Zug auf dem Hauptbahnhof ein und erfuhren auf dem Bahnsteig einen spontanen Empfang. Anwesend waren Oberbürgermeister Dr. Lembke, Stadtverordnete und der Garnisonkommandant Oberstleutnant v. Görchen, sowie zahlreiche Direktoren und Beamte der Firmen Thyssen, Stinnes, Mülheimer Bergwerksverein und Frierich=Wilhelmshüte. Der A.- und S.=Rat hatte den Bahnhof ind die umliegenden Straßen durch großes Aufgebot abgeperrt, nur Reisende durften passieren. Essen, 13. Dez. Auf die von der Firma Krupp mitgeteilte Behwerde über die Inhaftnahme eines Mitgliedes des Kruppschen Direktoriums ist jetzt fogende Antwort von der Reichsregierung ergangen: Inhaftnahme V. als Geisel müssen wir aufs schärfste verurteilen. A.-S.-Rat ist um Bericht ersucht. Reichsregiørung: Ebert. Verhaftungen in Bremen. TU. In Bremen sind gestern abend durch Organe des Soldatenrates 22 Personen aus dem Bürgerstande verhaftet worden. Unter ihnen befindet sich der Referendar Dr. Hugo Gebert, der in den letzten Wochen sich an der Leitung demokratischer Versammlungen beteiligte. Über den Grund der Verhaftung war bisher nichts zu erfahren. Fehrenbach beruft den Reichstag ein. TU. Aus Berlin wird gemeldet: Der Präsident des daß diese der jezigen Beichsinang d Weynlange absprechen, daß sie jedoch die gesetzgebenden Organe des alten Reiches, Bundesstaat und Reichstag, als berechtigt anerkennen zur Schaffung einer legitimen Reichsregierung sowohl wie auch zur Beschlußfassung über das Wahlgesetz für die Nationalversammlung. Meine fortgesetzten Bemühungen, Herrn Ebert im Interesse des Reiches von der Notwendigkeit der Berufung des Reichstages zu überzeugen, sind erfolglos geblieben. Die Rot der Zeit verbietet, weiter zu warten, und verpflichtet mich, auch ohne Zustimmung der Regierung von der in der Sitzung vom 26. Oktober d. J. erhaltenen Ermächtigung zur Einberufung des Reichstages Gebrauch zu machen. Ich berufe deshalb hiermit den Reichstag, behalte mir aber die Bestimmung von Ort und Zelt der Tagung noch vor. Herren bitte ich, sich zur Abreise bereit zu halten und zu der demnächst anzuberaumenden Sitzung vollzählig zu erscheinen. — Der Volksrat antwortete auf die Einladung des Präfidenten Fehrenbach, daß die Behauptung, die Entente erkenne nur den Bundesrat und den Reichstag an, jeder Begründung entbehre. Der Rat der Volksbeauftragten hat wiederholt dargelegt, daß durch die politische Umwälzung Bundesrat und Reichstag als gesetzgebende Organe zu bestehen aufgehört haben. Der Vollzugsrat überläßt Fehrenbach die Verantwortung für alle Folgen, die die Einberufung des nicht mehr bestehenden Reichstages nach sich ziehen könne. Die Nationalversammlung. WTB. Jeden Tag gelangen an den Rat der Volksbeauftragten von den bundesstaatlichen Volksregierungen, von städlischen und staallichen Körperschaften, Organisationen aller Parteien, zahllosen Versammlungen und Kundgebungen Telegramme, die eine wesentlich beschleunigte Einberufung der Nationalversammlung fordern. Die Reichsleitung ist außerstande, diese Telegramme zu veröffentlichen oder sie zu beantworten. Sie hat den 16. Februar vorerst als Zeitpunkt für die Wahlen ins Auge gefaßt. Sache der am 16. Dezember zusammentretenden A. S.=Näte aus dem ganzen Reiche ist es, durch Beschluß zum Ausdruck zu bringen, ob die Mehrheit sich für einen anderen Termin entscheiden will. Scheibemann an die Fronttruppen. WTB. Die durch das Brandenburger Tor einziehenden Truppen begrüßte der Volksbeauftragte Scheidemann mit folgender Ansprache: Kameraden! Zum drittenmalg machte sich die Reichshauptstadt auf, um an ihrem Tore Euch Ihr Helden, zu begrüßen. Unzählige Eurer Landsleute vereinigen sich mit mir in Liebe und Stolz, wenn ich Euch zurufe: Wir danken Euch von ganzem Herzen, wir heißen Euch von ganzem Herzen willkommen. Wir brauchen Euch wenn wir, Euer Volk, das Euch hier jubelnd umdrängt, nicht untergehen sollen. Das festliche Tor, durch welches Ihr einschreitet, trägt die Inschrift: Frieden und Freiheit! Beides wollten wir Euch als Ehrengabe bescheren, wenn Ihr aus dem Felde heimkehren würdet. Nun seid Ihr eingekehrt, und noch haben wir keinen Frieden! Ihr gliedert Euch wieder in das arbeitende Volk ein, und noch ist der Friede nicht gesichert. Deshalb müssen wir trotz der großen Nechte, die wir für Euch erstritten, in der ersten Stunde, die uns wieder vereinigt, von Euren Pflichten reden. Den Frieden konntet Ihr mit all Eurem Heldenmut gegen die Welt einer Übermacht nicht erkämpfen. Jetzt müßt Ihr ihn in der Heimat uns verschaffen helfen, die Freiheit bahnten wir daheim an. Jetzt müßt Ihr von der Front sie uns sichern helfen. Frieden und Freiheit können nur Hand in Hand kommen und Ihr, das Frontheer, müßt beiden den Weg bereiten. Am 9. November verhalfen das Volk, die Arbeiter und Soldaten der Sache der Freiheit zum Sieg. Am 16. Dezember soll der zweite Hammerschlag fallen, vor dem Veraltetes zerbrechen, das Neue fester geschmiedet werden muß. Am 16. Dezember treten die A.- und S.=Räte des großen Reiches zusammen. Ihre Aufgabe ist es, den dritten größten Tag zu bestimmen, den Tag der Nationalversammlung. Ein ungeheures Maß von Verantwortung legt sich damit auf Euch, kaum, daß Ihr heimgekehrt seid. Kameraden! Ihr werdet mitzubestimmen haben, wenn der wichtigste Tag für Euer Vaterland festgelegt wird. Ihr werdet das weiße Kalenderblatt ausfüllen müssen, auf dem der Geburtstag des neuen Vaterlandes, der einigen deutschen Republik stehen soll. Mit ehernen Lettern schriebt Ihr Eure Kriegstaten in das Buch der Geschichte. Nun tragt ebenso unvergänglich Eure erste Friedenstat in die Geschichte Eures Volkes ein. Die Nationalversammlung muß wahr machen, was dort weithin leuchtend steht: Frieden und Freiheit! Sie muß das Wort wahr machen:„Deutschland hat einen ewigen Bestand— es ist ein kerngesundes Volk", ein wahres Vaterland für alle Volksgenossen, die Werkstätte für seden Fleiß, die dankbare Mutter für jedes Kriegs= und Friedensverdienst, die Verwirtlichung des großen Ideals von Freiheit, Gleschheit und Brüderlichkeitl Der junge sozialistische, demokratische, deutsche Freistaat hoch! Viele, die in den Reihen dieser stolzen Truppen hochgemut und kampffreudig hinauszogen, sind mit Euch nicht zurückgekehrt, sie sehen die Heimat nicht wieder; ihre Vaterlandstreue haben sie mit dem Tode besiegelt. Helm ab! Ihnen zum ehrenden, dankenden, wehmtsvollen Gruß!(Die Truppen nahmen ihren Helm ab, alle anderen Versammelten entblößten ebenso ihr Haupt; in die feierliche Stille hinein erklang, von Militärmusik gespielt, das Volkslied: Ich hat einen Kamernden.) Der Redner fuhr fort: Euch allen, Kameraden, die Ihr dieser so kampfbewährten Division angehört, warmen, innigen Dank für das, was Ihr der Heimat geleistet habt. Überall, wo die Division kämpftg, da schrieb ne Ruhmesblätter in ihre Geschichte und in die Geschichte des deutschen Heores. Die Wege dieser Regimenter in West und Ost waren Siegeszüge. An Eurer Spite stehen im Frieden und im Krieg glänzend bewährte Offiziere, Eure Reihen sind fest geschlossen aus kerniger, willensstarker und stets opferbereiter Mannschaft. Wenn je einer behaupten ollte, die deutsche Armee sei in diesem Kriege geschlagen worden, so wird die Geschichte das eine Lüge nennen. Dieses Bewußtsein, unbesiegt heimzukehren, das laßt Euch nimmermehr nehmen. Schöpft aus ihm, wenn Ihr setzt heimkehrt, den Willen und die Kraft, mit denen allein Ihr der Aufgaben Herr werden könnt, die Euch daheim erwarten. Ganze Männer sind nötig zum Wiederaufbau der einzelnen Existenzen und unserer ganzen Wirtschaft, ganze Männer, um unter den neuen Verhältnissen mit bauen zu helfen an dem neuen geordneten deutschn Haus, in dem es dereinst wieder erst wohnlich sein wird. Wer so Großes geleistet im Kriege, wie Ihr, der wird auch an der Bewältigung der neuen Aufgaben Anteil haben. Und auch Ihr Jüngeren, die Ihr zunächst berufen seid, das Heer in der Heimat zu sein,, auch Ihr haltet Ordnung. Haltet ihn blank, den Ehrenschild Eurer Truppen, so wie Ihr ihn jetzt erhobenen Hauptes einbringt. Die vierte Garde-Infanterie=Division: hurra!(Brausend wurde der Ruf aufgenommen.) Dann etzten sich die Truppen in Marsch zum Brandenburger Tor anaus. Der Einzug der 4. Gardedivision in Verlin. WTB. Der dritte Truppen=Cinzugstag stand unter Berliner Dezember-Schmutzwetter. Trotzdem war der Andrang der Bevölkerung zu den Feststraßen stark wie immer. Die vierte Garde-Infanteriedivision rückte unter Generalmajor Graf Finck von Finkenstein von der Frankfurter Vorstadt her über die Königstroße und Unter den Linden ein. Die Truppen trafen von 10¼ Uhr am Pariser Platz ein, überall jubelnd willkommen geheißen; sie nahmen auf dem Platz Aufstelluneg; an der Tribüne hatten sich eingefunden der Volksbeauftragte Scheidemann, Kommandant Wels, Kriegsminister von Scheüch und Generalleutnant Lea Der Religionsunterricht in den Schulen. bb. Der Kultusminister Hänisch veröffentlicht zur Neuregelung des Religionsunterrichts eine Erklärung, in ber es heißt:„Der von uns eingeschlagene Weg entspricht zahlreichen an uns gelangten Wünschen aus den Kreisen der Lehrer und Erzieher selbst. Die Lehrerforderung liegt zusammengefaßt in einer offiziellen Entschließung des preußischen Lehrervereins vor. Die religiös- und kirchlich interessierte Oeffentlichkeit darf sich versichert halten, daß die zu erwartenden Ausführungsbestimmungen des Erlasses jede nur benkbare Rücksicht auf die konfessionelle Eigenart und auch auf die örtlich bedingten kirchlichen Sitten nehmen werden. Die neue Regierung kann sich in einem Augenblick, wo die Reichseinheit aufs Ernsteste bedroht ist, nichts Unzeitgemäßeres vorstellen, als einen neuen Kulturkampf. Die endgültige Regelung der Frage des Religionsunterrichts in den Schulen bleibt selbstverständlich der Nationalversammlung vorbehalten." Das Kaiserpaar angeblich erfrankt. TU. Wie die Frankfurter Zeitung aus Basel meldet, berichtet der Korrespondent der Morningpost aus dem Haag: Das Verhalten des Kaisers in seinem holländischen Aufenthaltsort läßt immermehr die Annahme zu, daß er geisteskrank ist. Er ist von heiterer Laune, ergeht sich in Scherzen und Witzen über seine Abdankung und spricht von den Vorgängen in Deutschland, als gingen sie ihn nichts an. Er klagt nur über Kopfschmerzen. Irgend eine seelische Erregung infolge des katastrophalen Sturzes seines Hauses ist bei ihm nicht eine einzige Stunde wahrzunehmen. Selbst sein Gastgeber ist sprachlos über das Benehmen des Kai sers, das man sich nur durch Geisteskrankheit erklären kann. TU. Wie die holländische Zeitung„Het Vaderland" meldet, ist die frühere deutsche Kaiserin in Amerongen an einem Herzleiden sehr ernstlich erkrankt. Ein Berliner Arzt wurde telegaphisch nach Amerongen gerufen. Neue Vogrome in Galizien. TU. Das Wiener Organ der radikalpolnischen Sozialdemokratie berichtet, daß nach dem Blutbad in Lemberg noch ärgere Pogrome stattgefunden haben, die die Lemberger Greuel noch weit übertroffen hätten. In Wladimir Wolynsk wurden die Häuser mit Petroleum übergossen und angezündet. An den Ausschreitungen nahmen Soldaten teil, die überzeugt waren, daß die Pogrome mit Zustimmung und auf Befehl des Kommandos statgefunden haben. Die nene rumänische Regierung. TU. Epoca meldet aus Jassy, daß dort eine neue Re, gierung gebildet worden sei, mit Averesku als Minister des Innern, Bratianu des Außern, Taku Kultus, Take Jonesku Finanzen, General Goanda Krieg. Die polnische Armee in Italien. KU. Die in Italien gebildete polnische Armee, 30 000 Mann stark, kann nunmehr als marschfähig bezeichnet werden. Ein Regiment soll über einen französischen Hafen nach Danzig verschifft werden. Der Rest soll über Oesterreich nach Polen gehen. Der Al len die Frage herangetreten, ob es nicht möglich ist, den Abtransport so zu beschleunigen, daß auch die letzten von uns früher als in drei Monaten zur Heimat zurückkommen. Diese Frage ist von Vertretern des Oberkommandos, der Eisenbahnzentralstelle und des Soldatenrats eingehend erörtert und besprochen worden, aber allgemein war man nach eingehender Prüfung der Verhältnisse der Ansicht, daß eine bestimmte Antwort auf die Frage zurzeit noch nicht gegeben werden kann, wenn auch bei allen Stellen das Bestreben vorhanden ist, mit allen Mitteln auf eine Kürzung der vorgesehenen Frist hinzuarbeiten. Die politischen Verhältnisse des Landes sind gegenwärtig sehr verworren und für einen geregelten und flotten Abtransport nicht günstig. An allen Ecken und Enden haben sich in dem bisher leidlich funktionierenden Bahnbetrieb Organe neugegründeter Volksregierungen hineingesetzt, die mit einem von Sachkenntnis ungetrübten Horizont in die ukrainischen Bahnverwaltungen hineinwursteln. Zwar erklären sie großmütig, daß sie deutsche Truppentransporte durchlassen werden, was sie manchmal sogar auch tun, aber die zur Beförderung dieser deutschen Truppentransporte notwendigen Kohlenzüge, Schmiermitteltransporte und das Wagenleermaterial lassen sie nicht durch, wodurch das ganze Versprechen wieder hinfällig wird. Dann perren sie vielfach die Lelephon- und Telegraphenleitungen, o daß es weder dem ukrainischen Eisenbahnminist der Eisenbahnzentralstelle mog über das Abrollen und den Lauf Stand und den Aufenthalt der Leerwagen, Kohlenzüge, Lokomotiven zu erhalten, und machen es, so den den Bahnbetrieb leitenden Behörden unmöglich, eine überlegte und zweckmäßige Disposition zu treffen. Die in den letzten Tagen getroffenen Maßnahmen, insbesondere die Beseitigung dieser Eingriffe der Gegenregierungen, sowie die militärischen Operationen zur Besetzung der wichtigsten Bahnpunkte werden hoffentlich in kurzer Zeit hier Ordnung schaffen und es ermöglichen, größere Transportleistungen zu erzielen. Ist erst wieder die Ordnung auf den Bahnen zurückgekehrt, so besteht auch die Hoffnung, daß der Abtransport schneller als bisher angegeben vor sich gehen wird. Unter anderem hofft man, durch Zurücklassung und Veräußerung von Material, Kriegsgerät und auch Pferden, eine Verkleinerung der Transporte und Verkürzung der auf etwa 100 Tage vorgesehenen Näumungszeit um etwa 20 Tage zu erzielen. Auch wird immer wieder versucht werden, die Zahl der Züge auf den einzelnen Strecken zeitweilig zu erhöhen und sie auch schneller durchzubekommen; alles hängt aber davon ab, daß der Bahnbetrieb ungestört bleibt und daß auch von dritter Seite nicht große Anforderungen auf Transport an ihn herantreten. Wir dürfen nämlich bei alledem nicht vergessen, daß nun die Entente die Ukraine besetzen wird. Ihre Geschwader sind schon in Schwarzemeerhäfen eingetroffen und Besatzungstruppen sollen unterwegs sein. Auch diese wollen befördert werden, und bei dem bisherigen brutalen Vorgehen unserer Feinde dürfen wir nicht erwarten, daß die Entente auf uns und unsere Wünsche auf schnelle Heimkehr Rücksicht nimmt und ihre eigenen imperialistischen Wünsche dafür zurückstellt.— Noch ein Wort über die wirtschaftlichen Transporte aus der Ukraine: Vielfach ist bei den Kameraden die Meinung vertreten, für uns würden keine Wagen zum Abtransport gestellt, dafür aber würde Material in großen Mengen abbefördert. Diese Meinung ist falsch. Der Materialtransport ist fast vollständig eingestellt. Es werden nur wenige für die Heimat besonders wichtige Rohstoffe abgefahren, jedoch müssen unbedingt Lebensmittel befördert werden. Die Heimat braucht gerade in den nächsten Wochen zur Vermeidung von Not und Elend in den großen Städten und in den Industriebetrieben Getreide und Vieh. Ebenso dringend bedürsen unsere Truppen in der Etappe Bug, die uns dort die Bahn halten, Lebensmittel zu ihrer eigenen Ernährung. Sie haben nur noch wenige Bestände, viele ihrer Magazine sind in die Hände polnischer Banden gefallen. Es sollen daher neben den Militärtransporten etwa täglich 100 bis 200 Wagen in der nächsten Zeit gefahren werden. Da diese 100 bis 200 Wagen sich auf die ganze Ukraine verteilen, in kleinen Gruppen von 1 bis 5 Wagen täglich auf einzelnen Stationen aufkommen, erfordern sie keine besonderen Lokomotiven und können mit den gewöhnlichen Güter- und gemischten Zügen gefahren werden. Eine Verzögerung unserer Abtransporte tritt dadurch nicht ein, denn mehr der Mangel an Lokomotiven als an Wagen ist es, der den Abtransporten Beschränkungen auferlegt. Bei all unseren eigenen Wünschen dürfen wir die Sorge für unsere Angehörigen in der Heimat, deren Ernährung gefährbet ist, nicht vergessen. Nach den am 27. Nov. vorliegenden Meldungen sind bisher aus Odessa und Nikolajew abtransport worden: 19 Züge mit Truppen aus der Türkei, ferner 4 Lazarettzüge mit Kranken und Verwundeten aus der Türkei. 12 der erstgenannten Züge, sowie die 4 Lazarettzüge sind über Goloby gegangen, von der m Taurien stehenden 212. Division sind bis 26. 11. 12 Züge abgerollt, 2 davon sind bereits über Pinsk hinaus; von der 7. L.=D. in Odessa ist 1 Zug abgerollt. Die 2. K.=D. begann am 26. 11. mit dem Verladen der ersten Transporte, ebenso begann die Verladung der 15. L.=D. in Sewastopol zwecks Abtransports über See nach Nikolajew. Ferner sind seit 21. 11. etwa täglich 450 Mann der Jahrgänge 1870=71 mit den Urlauberzügen abtransportiert worden.— Die bisherigen Transporte sind durch die verschiedenen Umstände gestört und verzögert worden, zunächst durch die infolge der unorganisierten österreichtsch-ungarischen Abtransporte auf verschiedenen Strecken entstandenen Betriebsstauungen, ferner aber durch die Eingriffe, Verbote und Anordnungen der Organe der an verschiedenen Stellen entstandenen Volksregierungen, die insbesondere die Leerzugsbewegungen, die Kohlenversorgung und die Lok=Dispositionen störte. Zur Beseitigung dieser Störungen des Bahnbetriebes sind energische Maßnahmen getroffen, so das in den nächsten Tagen größere Betriebsleistungen zu erwarten sind. Wegen dringenden Abtransportes der Menschen müssen alle Materialtransporte, soweit sie nicht die Versorgung der Etappe und rückwärtigen Truppen betreffen, eingestellt werden. Das Oberkommando hat im Einvernehmen mit dem Großen Soldatenrat Kiew sich zu dieser Maßregel entschlossen, um die Zeit der Abbeförderung zu verkürzen. fand man Leichenkeile. Auch seine erste heimnisvolle Weise verschwunden. Man vermutet, daß er auch sie ums Leben gebracht hat.— Die Arbeitslosigkeit hat bereits einen hohen Grad erreicht. Am Samstag hatten sich Personen als arbeitslos gemeldet, darunDas Schicksal unserer Truppen in der Ulraine erfüllt uns mit Besorgnis. Die Nachrichten laufen spärlich ein und entbehren oft der hinreichenden Begründung. Wir erhalten nun aus der Feder des bekannten Journalisten Kaup=Bochum, der als Schriftleiter der Deutschen UkraineZeitung in der Hauptstadt der Ukraine Kiew weilt, eine ausführliche Darlegung über die Abtransportlage unserer Truppen in der Ukraine, die gewiß unsern Lesern, zumal denen, die Angehörige unter den Ukrainetruppen haben, willkommen ist: Von verschiedenen Seiten ist an die für den der Truppen in der Ukraine zuständigen Stelezw. igungslosen mittwen oin weiet. Sehr groß ist auch die Zahl der arbeitslosen kaufmännischen Angestellten; im Kölner Städtischen Arbeitsnachweis sind allein 2000 angemeldet. Köln, 13. Dez. Bei einem Zusammenstoß der Straßenbahn mit einem belgischen Lastauto wurden 9 Belgier verletzt, darunter drei schwer. Koblenz, 13. Dez. Eine ruchlose Tat vollführte ein ungefähr 20 Jahre alter Mensch aus der Unterstadt. Als er an dem uralten Muttergottesbilde an der Kornpforte vorbeikam, riß er eine der beiden dort befestigten Blumenvasen ab und schleuderte sie nach dem Muttergottesbilde, wobei er greuliche Flüche ausstieß. Der Wurf verfehlte aber sein Ziel und das historische Heiligenbild blieb unversehrt. Die schwere Vase prallte nämlich an dem Glasrahmen ab. Capellen, 13. Dez. In Niep wurde beim Landwirt Bolthausen eingebrochen. Die Einbrecherbande war bewaffnet. Unter Gewaltandrohung gelang es ihr, 20 000 Mard mitzunehmen. Von den Räubern fehlt jede Spur. Düsselborf, 13. Dez. Die Minderung der Erzeugung und der Zufuhr hat eine Herabsetzung der Fettration für den Regierungsbezirk Düsseldorf vom 15. Dezember an notwendig gemacht. Vom genannten Zeitpunkt an erhalten die Bevölkerung im allgemeinen 50 Gramm Fett auf den Kopf und die Woche, die Schwerstarbeiter eine Zulage von 50 Gramm, insgesamt also 100 Gr. wöchentlich; die Zulagen für Rügsarbeiter von 25 Gr. bezw. 40 Gr. für Teilnehmer an senspeisungen kommen in. Wegfall. Hamborn, 13. Dez. Ein Anschlag, der auf Zeche Deutscher Kaiser von der Werksleitung ausgehängt wurde, besagt: „Nachdem die Belegschaft der Gewerkschaft„Deutscher Kaiser“ in der schärfsten Weise angedroht hat, ohne Rücksicht auf Personen und Eigentum(Sabotage der Zechenanlagen) ihre Forderungen zu erzwingen, und nachdem der Arbeiter= und Soldatenrat erklärt hat, daß er keine Verantwortung für die Sicherheit der Anlagen übernehmen kann, falls die Forderung abgelehnt wird, erkläre ich, daß ich die Forderungen unter Protest annehme, um weiteres Unheil von der Zeche und der Stadt Hamborn abzuwehren." Die Vorgänge in Hamborn bedürfen noch der Aufklärung. Die sozialistische Presse nimmt bereits gegen die Art dieser Lohnbewegung Stellung und erklärt, daß diese nicht nur die Zukunft der Arbeiter, sondern auch der Republik gefährde. TU. Duisburg, 13. Dez. Über die Streikbewegung auf den Thyssenschen Zechen im Hamborner Bezirk ist zu berichten, daß vorgestern nachmittag die Bergarbeiter auf sämtlichen Zechen der Gewerkschaft Deutscher Kaiser wieder angefahren ind. Auch auf der Zeche Neumühl, wo die Arbeiter in einen Sympathiestreik eingetreten waren, ist die Arbeit wieder aufgenommen worden. Dagegen hat der Streik weiter auf die ebenfalls zur Thyssenschen Gruppe gehörigen Zechen Rhein1 und Lohberg übergegriffen. Auf beiden Zechen streiken insgesamt 1400 Mann. Sterkrade, 13. Dez. Mit der Aushebung der städtischen Verkaufsstellen beschäftigte sich die letzte Sitzung des städt. Nahrungsmittelausschusses. Von dem opponkerenden Mitglied des Nahrungsmittelausschusses wurden als Gründe für die verlangte Aufhebung angeführt, daß die Verkaufsstellen unrentabel seien und sosche den Kleinhändlern das Brot wegnehmen. Demgegenüber wurde nachgewiesen, daß die Verkaussstellen mit nur etwa 3 Prozent Unkosten arbeiten, also durchaus nicht unrentabel, auch seien dieselben unbedingt erforderlich, um die Lebensmittelausgabe der Kleinhändler vergleichen und kontrollieren zu konnen. Die Versammlung schloß mit einer Vertrauenskundgebung für den Vorstand des Lebensmittelausschusses. Vorläufig bleibt danach die wohlbewährte Einrichtung bestehen. Hamm, 13. Dez. Zu ernsten Vorfällen kam es nach Mitteilungen des ASR. hier am Sonntag. 2 Soldaten, die als ungeeignet aus dem ASN. entlassen worden waren, waren nach Hamburg gefahren, von wo sie mit 30 Matrosen zurückkehrten, um einen Putsch gegen den ASR. zu verüben. Die Matrosen, die gegen den Willen des Marinerats abgefahren waren, besetzten in der Nacht zum Sonntag den Bahnhof, das Postamt und bemächtigten sich auch des Waffenlagers des ASN. Schwerbewaffnet drangen sie in die Wohnungen des Oberbürgermeisters und des Landrats ein mit dem Befehl, die Beamten dem Soldatenrat vorzuführen, Der Vorsitzende des Arbeiterrates und ebenso der Vorsitzende des Soldatenrates wurden verhaftet. Inzwischen hatte der ASR. in Hamm liegende Fronttruppen zur Hilfe gerufen, die mit 2 Geschützen und Maschinengewehren vor das Lokal des ASR. zogen und dort mit den Matrosen verKöln, 13. Dez. Der Befehlshaber der englischen Truppen in Köln weigert sich, mit dem Kölner A.S.R. zu verhandeln.— Gestern vormittag erfolgte der Durchmarsch englischer Kavallerie, weshalb jeder Verkehr von Fuhrwerk und Straßenbahnen bis Freitag verboten wurde.— Der deutsche Generalstabsoffizier im Brückenkopf Köln teilt mit, daß es bei der Auszahlung der Entlassungsgelder zu Unruhen und Ausschreitungen gekommen sei. Köln, 13. Dez. Ein Maschinist wurde unter dem Verdacht verhaftet, seine Frau ermordet zu haben. Veim Reides Kanals nigen des unter dem Hause, der sich verstopft hatte. Aus aller Welt. Sprengung eines Stadtparlaments. TA. Die in Neukölln herrschenden Spartakusleute haben ihre Drohung, das Stadtparlament zu sprengen, wahrgemacht. Die für gestern anberaumte Sitzung der Stadtverordneten konnte nicht stattfinden, da das Rathaus nur für Mitglieder der linksradikalen Arbeiter und Soldaten geöffnet war. Auch der Versuch der Stadtvertreter, in den Bürgersälen eine Tagung abzuhalten, wurde durch die Besetzung dieses Lokals durch Soldaten vereitelt. Der Magistrat von Neukölln hat sich jetzt dazu entschlossen, 2 Mitglieder des Arbeiter= und Soldatenrates aufzunehmen, um Blutvergießen in der Stadt zu vermeiden. Der Arbeiter- und Soldatenrat hat dies jedoch abgelehnt, da den Arbeiter= und Soldatenräten jetzt allein die Gewalt zustehe. Pulver-Explosion bei Straßburg. TU. Der frühere Bürgermeister von Straßburg und letzte Statthalter von Elsaß=Lothringen, Dr. Schwander, ist, wie aus Kaxlsruhe gemeldet wird, nunmehr auch gezwungen, außerhalb seines Heimatlandes zu leben, da ihm die Franzosen die Rückkehr nach Straßburg verweigerten. Die Schließung der Grenze zwischen Elsaß und Baden, die noch fortbesteht, soll hauptsächlich deshalb erfolgt sein, um weiteres Eindringen deutschen Geldes in das Land zu verhindern. Es be Statt jeder besonderen Anzeigel Heute morgen 8 Uhr wurde unsere innigstgeliebte Mutter, Schwiegermutter, Großmutter, Schwester, Schwägerin und Tante Frau Wwe. Ch. Schröder Sophie geb. Riggert nach kurzem, schweren Leiden im Alter von fast 72 Jahren in ein besseres Jenseits abberufen. Namens der trauernden Hinterbliebenen: Rudoll Steinbeck U. Frau Auguste geb. Schröder. Sprockhövel, Celle, Osnabrück, Hamburg, 12. Dezember 1918: Jhre Vermählung beehren sich anzuzeigen Sustav Möllhoff und Frau Jda geb. Weckelmann. Sprockhövel, den 14. Dezbr. 1918. G 906 906 90 90 986 59e zu kaufen gesucht. Otto Fehse. Junger Hund Bracke), auf den Namen Waldmann hörend, entlaufen. Wiederbringer erhält Belohnung. Gustav Hausherr. Nieder=Stüter. Heute, Samstag, abend veranstaltet unsere Kompanie im Saale des„Hotel zum Bahnhof“ eine mit anschließendem wozu alle tanzlustigen Einwohner hiermit herzlichst eingeladen werden. Die Beauftragten der 10. bayer. Pionier=Kompanie. 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Die Auszahlung der Unterstützungs=Gelder für den Monat November erfolgt am Montag, den 15. Dzbr., nachmittags von 2—5 Uhr, bei Herrn Gustav Nieland. Mitglied des Westdeutschen Spielverbandes Heute, Samstag, abends 8½ Uhr Versammlung Zu Ehren der heimkehrenden Krieger findet am 2. Weihnachtsfeiertag im Vereinslokal Jakobs eine Feier statt. Der Vorstand. Rheinisch-Westfälische Zeitung Werktäglich Ausgaben: Morgen Mittag Abend Sonntags einmal Essen Dortmund Duisburg Hauptvertretungen: Bielefeld, Bochum, Düsseldorf Blberfeld-Barmen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne, Krefeld, Mülheim-Ruhr, Münster in Westfalen, Recklinghausen, t-: Wanne, Witten Bezugspreis: 25 durch die Poste ohne BostellgeldMK. vierteljährlich Bedeutendste Zeitung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Unabhängig nationales Organ. Brstklassiger Handelsteil. Reichhaltiges Feuilleton. Zuverlässige und schnelle Kriegsberichterstattung. Hervorragendes Anzeigenblatt, namentlich für die Bisen- und Schwerindustrie. Großer Stellenmarkt. Landwirtschaftlicher Verein Sprockhövel. Am Sonntag, den 15. Dez., nachmittags 5 Uhr, findet im Gasthof Stöter=Tillmann, Sprockhövel eine Versammlung statt. Tages=Ordnung; 1. Aufnahme neuer Mitglieder. 2. Vortrag über Flachsbau. 3. Mitteilungen. Sprockhövel, den 3. Dezbr Der Vorstand. Turnverein„Jahn" Sprockhövel. Samstag, den 14. ds. Mts., abends 8 Uhr, findet eine außerordentliche General=Versammlung statt. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung hat jedes Mitglied zu erscheinen. Aus dem Felde zurückgekehrte Mitglieder sind hierzu freundlichst eingeladen. Sprockhöveler Zeitung Haßlinghauser Zeitung= Amtlicher Anzeiger für das Amt Sprockhövel= Blankenstein=Herbeder Zeitung 2. Blatt. Verordnung über Entlassung und Lohnentschädigung der Angestellten und Arbeiter. § 1. Diejenigen Firmen, die keine Aufträge oder keine Rohstoffe haben, sind berechtigt, die Angestellten und Arbeiter unter Einhaltung der gesetzlichen oder vereinbarten Kündigungsfrist nach folgenden Grundsätzen in der Zeit vom 14. Dezember bis 28. Dezember zu entlassen. 1. Ausländische und auswärtige Arbeiter 2. Hilfsdienstpflichtige, die ein selbständiges Gewerbe betreiben oder betrieben haben. 3. 10% der gesamten weiblichen Arbeiterschaft in folgender Reihenfolge: a) die nicht auf Erwerb Angewiesenen b) die vor Aufnahme der Fabrikarbeit in Haus- oder Landwirtschaft beschäftigt gewesenen Personen c) Ortsfremde, die in der Heimat Unterkunft und Nahrung finden können. Weitere Entlassungen sind nur mit Genehmigung des zuständigen Arbeitsamtes(Schlichtungsausschuß) vorzunehmen. Sie sind schriftlich unter Darlegung der Gründe zu beantragen. § 2. Für die Regelung der Lohnfrage bei verkürzter Arbeitszeit sind bis auf weiteres folgende Bestimmungen maßgebend: 1. Den Tagelohnarbeitern soll bei achtstündiger Arbeitszeit derselbe Lohn zugebilligt werden, den sie bisher in einer Woche ohne Ueberstunden gehabt haben, vorausgesetzt, daß diese Arbeitszeit voll ausgenützt wird. 2. Auch bei den Akkordarbeitern soll eine Verdienstschmälerung nicht eintreten, vorausgesetzt, daß die Akkordarbeiter ihre beste Kraft einsetzen und die Arbeitszeit voll ausnutzen. Es ist anzunehmen, daß dadurch ein Teil des Lohnausgleiches wettgemacht werden kann, ein weiterer Teil wird durch Betriebsverbesserungen und günstigere Arbeitseinteilung herausgeholt werden können. Der Rest der mit höchstens 10% zu veranschlagen ist, muß durch Lohnaufbesserung ausgeglichen werden. Diese Lohnsätze bleiben in Kraft, bis durch Kollektivvereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemäß dem Wirtschaftsabkommen zwischen der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände und den Organisationen der Arbeiter und Angestellten vom 15. November 1918 eine anderweitige Regelung getroffen ist. § 3. Auf Grund der Verordnung der Reichsregierung vom 27. November 1918 werden Zuwiderhandlungen gegen diese Bestimmungen mit Geldstrafen bis zu 100000 Mk. und mit Gefängnis bis zu 5 Jahren oder mit einer dieser Strafen bestraft. Schwelm, den 9. Dezember 1918. Der Demobilmachungsausschuß: Harz, Landrat, Geh. Regierungsrat. die vorstehenden Bestimmungen mit Geldstrafe bis zu 100000 Mk. und mit Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren oder mit einer dieser Strafen bestraft. Schwelm, den 9. Dezember 1918. Der Demobilmachungsausschuß: Harz, Landrat, Geh. Regierungsrat. Bekanntmachung In Ausführung des Absatzes 3 der Bekanntmachung des Kreisausschusses vom 1. Mai 1916 wird folgendes bekannt gegeben: Für die Zeit vom 15. 12.-28. 12.(für 2 Wochen) Verordnung In Ergänzung der Verordnug des Demobilmachungsausschusses vom 30. Nov. 1918 wird folgendes bekannt gegeben. § 1. Die Kriegsteilnehmer haben bei der Wiedereinstellung die ordnungmäßige Entlassung durch Vorlage der Entlassungspapiere darzutun. § 2. Dem wiedereingestellten Arbeiter darf frühestens zum 7. Januar 1919 gekündigt werden. Bei Angestellten gilt die Verpflichtung zur Wiedereinstellung nur, wenn sie sich mit einer 6 wöchentlichen Kündigungsfrist, die nur am Ende eines Kalendermonats ablaufen darf, einverstanden erklären. Eine Verpflichtung zur Wiedereinstellung unter Einhaltung der gesetzlichen am 31. März 1919 ablaufenden Kündigungsfrist besteht nicht. Soweit bereits Kündigungen ausgesprochen sind, wird der Ablauf der Kündigungsfrist bis zu dem vorstehend angegebenen Termine verlängert. Unberührt bleiben die Fälle, in denen Angestellte bei Fortdauer der früheren Anstellungsverträge eine längere Beschäftigungsdauer, insbesondere die Einhaltung einer längeren Kündigungsfrist zu beanspruchen berechtigt sind. § 3. Für Gehälter und Löhne der zurückkehrenden Kriegsteilnehmer gelten folgende Bestimmungen: a) die Angestellten erhalten den eineinhalbfachen Betrag ihrer Friedensgehälter. b) die Arbeiter erhalten den Lohn, den gleichwertige Arbeiter im gleichen Betriebe oder in gleichartigen Betrieben als Durchschnittslohn erhalten, oder wenn dieser Lohn nicht feststellbar ist; den doppelten Ortslohn nach der Reichsversicherungsordnung. Die vorstehenden Bestimmungen über die Löhne gelten nur bis zum Inkrafttreten von Kollektivvereinbarungen. § 4. Ausnahmen von diesen Vorschriften, insbesondere die Befreiung von der Wiedereinstellung, dürfen nur von den örtlichen Arbeitsämtern(Schlichtungsstellen bewilligt werden. Anträge sind schriftlich unter Darlegung der Gründe einzureichen. In Fällen von weittragender Bedeutung kann das Arbeitsamt die Entscheidung des Demobilmachungsausschusses anrufen. § 5. Auf Grund der Verordnung der Reichsregierung vom 27. November 1918 werden Zuwiderhandlungen gegen (1000 gr 5,50 Mk.) Marmelade 250 gr Rübenkraut 250 gr Zucker 125 gr Erbsen 200 gr (1000 gr 6,00 Mk.) Schwelm, den 12. Dezember 1918. Kreislebensmittelamt. Bekanntmachung Nach Bekanntmachung der Reichsbekleidungsstelle vom 21. November 1918 wird die Freiliste für Web=, Wirkund Strickwaren auf nachstehende Gegenstände erweitert: 1. Handschuhe. 2. Ungefütterte Bettüberdecken, Pique=, Rips= und Waffeldecken, sowie Steppdecken. 3. Leinene Stickereistoffe, leinene gewirkte und gewebte Spitzenslofse, alle sonstigen leinenen undichten Gewebe u. alle Tülle, sowie alle Gegenstände, die, abgesehen von Futter und Zutaten, ausschließlich aus den vorgenannten Stoffen hergestellt sind. 4. Wachstuch, sowie alle Gegenstände, die, abgesehen von Futter und Zutaten, ausschließlich hieraus hergestellt sind. 5. Gamaschen, Schlafröcke für Männer, Herrenwesten. 6. Imitierte Pelzgarnituren. 7. Korsette. 8. Gürtel jeder Art. 9. Abgepaßt gewebte und abgepaßt bedruckte Tischzeuge. 10. Kragen, Manschetten, Vorstecker und Einsätze. 11. Taschentücher. 12. Spielwaren. 12. Baumwollene und leinene Stoffe und deren Ersatzstoffe, sowohl Reste wie vom Stück geschnitten, bis zu Längen von 50 Ztm., ohne Rücksicht auf den Kleinhandelspreis. Von diesen Stoffresten oder abgeschnittenen Stoffstücken darf zu gleicher Zeit an dieselbe Person nicht mehr als ein Stück derselben Ware veräußert werden. 14. Scheuertücher. Für die vorstehenden Stücke braucht also fortan ein Bezugsschein nicht mehr ausgestellt zu werden. Sprockhövel, den 11. Dezember 1918. Die Bekleidungsstelle: Theis, Amtmann. Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. Wie schon in unseren Nachbarkreisen, so tritt auch für unsern Kreis die vollständige Sonntagsruhe ein. Ausgenommen ist der Verkauf von Frischmilch, frischen Blumen und Zeitungen, der Apotheker- und Photographiebetrieb. Wir ersuchen die Käufer im Interesse der Angestellten, sowie der Geschäftsinhaber, dies bei den Weihnachtseinkäufen zu berücksichtigen. Schwelm, den 6. Dezember 1918. Oettinghaus, Volkskommissar für den Kreis Schwelm. Bekanntmachung Aus Zweckmäßigkeitsgründen wird hiermit die Sonntagsruhe für die beiden Sonntage vor Weichnachten aufgehoben. Die Verkaufszeit ist von 11 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Den Angestellten ist für diese Zeit eine Sonderentlohnung zu bezahlen. Schwelm, den 30. November 1918. Volkskommissar für den Kreis Schwelm: Oettinghaus. Brotselbstversorger. Die Mahlkarten für Brotgetreide sowie für Hafer und Gerste für die Zeit vom 16. Dezember 1918 bis 15. Februar 1919 können auf dem Amte Zimmer Nr. 4, während der Dienststunden(8½ bis 12 Uhr vormittags) in Empfang genommen werden. Die Brotbuchhüllen sind vorzulegen. Sprockhövel, den 9. Dezember 1918. Der Amtmann: Theis. Bekanntmachung Die Amts= und Gemeindekasse ist für die Verabfolgung von Bezugscheinen an die Bergarbeiterbevölkerung, außer an den Montag= und Donnerstagvormittagen, auch an den Mittwochnachmittagen von 2½ bis 4½ Uhr geöffnet. Sprockhövel, den 26. November 1918. Der Amtmann: Theis. Die große Schar unserer elenden Krüppel, Siechen, Idioten,(1000), bittet in diesem Jahre besonders herzlich, ihrer zum Weihnachtsfest in barmherziger Liebe zu gedenken. Freundliche Spenden nimmt dankbarst entgegen D. H. Braun, Superintendent, Vorstand der Krüppelhäuser, Angerburg Ostpr.(Postschk. Köngsb. 2423) geeigneteres Mittel geben, die Probleme der Menschheit rund aus zu studieren, wie durch die Lektüre des„Faust", des gründeten Buchs, das die Profan=Literatur aller Völker und aufzuweisen hat. Da der„Faust" also den Schlüssel zur Milchversorgung. Da die Ablieferung der Milch in letzter Zeit unverhältnismäßig stark nachgelassen hat und somit die ordnungsmäßige Versorgung der Kinder und Kranken in Frage gestellt ist, werden die Landwirte und alle sonstigen Verpflichteten auf ihre Lieferungspflicht nochmals besonders aufmerksam gemacht. Stellt sich bei einer Probemelkung o. sonstigen Untersuchung heraus, daß mehr Milch zurückgehalten wird, als dem Selbstversorger zusteht, wird unverzüglich energisch eingeschritten werden. Sprockhövel, den 6. Dezember 1918. Die Polizei=Verwaltung: Arbeiter= und Soldaten=Rat: Theis Rose. Bekanntmachung Auf Grund der Verordnung des Reichsamtes für wirtschaftliche Demobilmachung wird hierdurch angeordnet, daß der 8 Stunden=Tag bis spätestens zum 16. Dezember in allen Betrieben des Kreises Schwelm durchzuführen ist. Anträge auf Befreiung von dieser Bestimmung können unter Darlegung der Gründe bei der Gewerbeinspektion schriftlich eingereicht werden. Schwelm, den 10. Dezember 1918. Der Demobilmachungsausschuß. Der Vorsitzende: gez. Harz, Landrat, Geh. Reg. Rat. Ortskohlenstelle. Die Ausgabe von Bezugsscheinen für Hausbrandkohle erfolgt fortan nur an den Mittwoch= und Samstag=Vormittagen jeder Woche von 9 bis 11 Uhr. Sprockhövel, den 4. November 1918. Der Amtmann: Theis. —[Lebensfreude.]„Erquickung haßt du nicht gewonnen, wenn sie dir nicht aus eigener Seele quillt." Mit diesen Worten Faust's an seinen Famulus Wagner verurteilt Goethe das Nachjagen nach Freuden, die außerhalb der Persönlichkeit liegen. Nur im innersten Herzen hat die wahre Freude ihren Ursprung; die von außen kommende vermag in das Innere nicht einzudringen, sie weilt als etwas Fremdes vor der Herzenstüre. Zweifellos steht fest, daß diese, zum wahren Glück erforderliche, innere Freude am besten durch Beschäftigung mit den großen Fragen der Menschheit gefördert wird. Dadurch weitet sich der Blick, die Engherzigkeit und der Egoismus verschwinden, und der Boden für die persönlichen Forderungen des Herzens, das Verlangen nach Glück, ist geebnet und bestellt; tausendfältige Frucht wird der Lohn sein— Kaum kann es ein geeigneteres Mittel geben, die Probleme der Menschheit so non Grund tiefstgegr Zeiten aufzuweisen wahren, der inneren Lebensfreude, bietet, so ist es erktärlich, daß diese Dichtung, wenn auch nur ein Auszug, Aufnahme in der weitverbreiteten und allbeliebten Sammlung„Lebensfreude" als neuester, 9. und 10. Band gefunden hat.(400 Seiten klein Oktav, gebunden Mk. 4, Verlag von P. I Tonger, Cöln am Rhein). Dieses Faustbändchen gibt an Hand des Lewes'schen Kommentars eine übersichtliche Darstellung des Aufbaues der ganzen Tragödie, bietet Anhalt für das Verständsnis der vielen in dem Werk berührten aesthetischen philosophischen-anihropologischen Fragen und führt durch das Heranziehen der die Crläuterungen belegenden schönsten Textstellen den Leser dahin, sich eingehender mit der Faustdichtung zu beschäftigen und sie liebzugewinnen. Herzliche Weihnachtsbitte der Krüppelanstalten Volmarstein 1918. Das ist der Tag, auf den sie warten, wenn wieder tot und kalt der Garten, wenn unser Dorf im Schnee versteckt und nachts der Sturm uns heulend weckt. Da schaut das bleiche, kranke Kind hinaus in die Flocken, weiß und lind. Es sieht der lahme Knab' im Traum den hellen, schönen Weihnachtsbaum, und in der Werkstatt emsigen, Regen, da schlägt das Herz dem Fest entgegen. Es üben alte Lippen wieder Der Kindheit sellge Weihnachtslieder. Ich aber steh' und frag' im stillen: „Wie willst du all' die Hände füllen? Wo nimmst di Kleider, Spielzeug her und Tabak, Kuchen, Lichter und mehr?" So stell' ich mich als Bettler ein fürs Krüppelheim in Volmarstein. Sie warten all in Kreuz und Leid auf einen Tag voll Weihnachtsfreud. Dreihundert leidvolle Gestalten, Bethanien mit hundert Alten, Soldaten die nach Kampf und Graus das Rote Kreuz uns bracht ins Haus. Hilf ihnen Weihnacht zu bescheren und laß, o Freund, bald von dir hören. Pastor Vietor, Leiter der Krüppelanstalten Volmarstein Postscheckamt Cöln Nr. 29490 Die Tragik des Siegers. Von unserer Berliner Schriftleitung. Es ist eine uralte Wahrheit, daß sich in der Geschichte unter gleichen Umständen die gleichen Vorgänge wiederholen. Die Ursachen dafür liegen in den Unvollkommenheiten der menschlichen Natur verankert, die nur in seltenen Fällen die Fähigkeit erzeugt, sich von der Gewalt der Umstände frei zu machen u. den Geist zu den Höhen der Erkenntnis zu führen, die allein dazu imstande ist, die Möglichkeit für ein Handeln nach den Gesetzen der Gerechtigkeit und der Vernunft zu ermöglichen. Bitter genug hat das deutsche Volk die Sünden gegen diesen Geist spüren müssen, als seine Führer dem russischen Volke den Gewaltfrieden von Brest Litowst diktierten. Jene Minderheit, die in dem Taumel der Siegesfreude noch Kraft des Urteils sich bewahrt hatte, war genötigt, in ohnmächtiger Verzweiflung schweigend von den Widersprüchen Kenntnis zu nehmen, in denen sich die Außerungen der deutscher Vertreter in Brest Litowsk ergingen, um auch nur ein einigermaßen glaubliches Kompromiß zwischen den Grundsätzen, die gepredigt, und den Taten, die begangen wurden, herzustellen. Diese Vorgänge treten den Beobachtern wieder in die Erinnerung, wenn er von den Reden Kenntnis nimmt, die die Staatsmänner der Entente zur Friedensfrage halten, wenn er die Leitartikel der englischen und französischen Presse über die Methoden liest, in denen von dem Geist und von der Praxis der Friedensverhandlungen gesprochen wird. Die Voraussetzung bildet überall die Theorie von der Notwendigkeit eines Friedens der Versöhnung, von der Durchführung des Gedankens der Völkergemeinschaft, aber ihr Ausklang schrillt in den Ruf nach Bestrafung der Uebeltäter, nach Rache gegen die Bluttaten, die von dem deutschen Volk verübt wurden, das doch nichts weiter getan hat, als sich für einen Irrtum vier Jahre lang hinzuopfern. Ein typisches Beispiel für das von den führenden Männern der Entente beliebt wird, ist eine Rede, die Ministerpräsident Lloyd George auf einer Frauenversammlung in London gehalten hat. Der Ministerpräsident hielt es für nötig bei dieser Gelegenheit mildere Töne anzuschlagen, aber nichtsdestoweniger sprach aus seinen Worten keineswegs jene Versöhnlichkeit und jenes Mitleiden für den Unterlegenen, das zu hegen und zu pflegen gerade die Frauen nach der Beendigung des furchtbaren Gemetzels mehr denn je berufen sind. Wäre es der Entente wirklich darum zu tun gewesen, einen Zustand zu schaffen, der nicht auf eine äußerliche Beendigung des Kampfes der Völker hinausläuft, sondern der eine wirkliche Versöhnung bedingt, dann hätte er an die Frauen Englands den Appell richten müssen, all ihren Einfluß dahin geltend zu machen, einen Vernichtungsfeldzug gegen den Rachegeist zu führen und dahin zu wirken, daß man in den nach hartem Kampfe Unterlegenen nicht bloß Objekte der Bestrafung sieht, sondern Mitarbeiter, denen in der Schule des Leidens die Erkentnis für die Notwendigkeit gekommen ist, zerbrochene Menschheitsideole aufzubauen und zu pflegen. Anstatt dessen sprach er von einem serechten Frieden, dessen Bedingungen aber keine leichten sein dürften, da sie sonst nicht gerecht wären. Lloyd George cheint sich auch im Augenblick von der Psychologie des deutchen Volkes nicht weniger falsche Vorstellungen zu machen, als sich das deutsche Volk unter seiner alten Führung von der des englischen gemacht hat, glaubte er in allem Ernste daran, daß es selbst den härt'sten Gewaltmaßnahmen gelingen könnte, das deutsche Volk zu vernichten, und kennt er o wenig die Geschichte, daß es noch nie einen Sieger durch äußere Mittel zu Wege gebracht hat, ein Volk so zu schwächen und zu bestrafen, daß es nie wieder imstande war, sich gegen Schimpf und Demütigung auf irgend eine Weise zu wehren. Seine Theorien widersprechen vollkommen den Lehren, nach denen die großen Politiker des englischen Volkes stets gehandelt haben. Wäre die Einheit des englischen Weltreiches und die Freiwilligkeit, mit der die englischen Dominien dem Mutterlande Hilfe geleistet haben, je möglich gewesen, wenn der höchste Grundsatz der englischen Politik nicht stets gewesen wäre: Dem Besiegten eine aoldne Brücke zu bauen. Wären die Buren jemals so ruhig geblieben, wenn ihnen nicht eine kluge Politik nach ihrer Unterwerfung alle Fresheit gelassen hätte, hätte England je die Möglichkeit gehabt, das indische Riesenreich mit einem so geringen Aufwand von Machtmitteln zu halten, wenn die englischen Herrscher es nicht vorgezogen hätten, die Lenker Indiens und nicht ihre Tyrannen zu sein? Das deutsche Volk ist trotz seiner ungeheuren Opfer auch heute noch und trotz der inneren Wirrnis, die es augenblicklich durchmacht, keineswegs so am Ende seiner Kräfte, daß es zum willenlosen Spielball für die Willkür eines Siegers dienen kann. Das deutsche Volk besitzt trotz seiner Schwäche ein ungeheures Mochtmittel, das ihm keine äußere Gewalt rauben kann seine Arbeitskraft, mit deren Hilfe es gelingen wird, auf den Trümmern wieder lebensfähige Werte zu schaffen. Diese Werte brauchen keineswegs sich in Rüstungen für neue Kriege umzusetzen, sie können aber zu wirkungsvollen Woffen werden, die in dem friedlichen Ringen der nächsten Zeit nicht bloß mit Ehren, sondern siegreich bestehen können. In seiner heutigen Verfassung und dem Geiste der Ideen, die es für die nächste Zeit beherrschen werden, denkt das deutsche Volk garnicht daran, seine Zukunft der Entscheidung der Wafsen anzuvertrauen, aber es wird trotz aller Unterdrüikkungsversuche von seinem Rechte Gebrauch machen, sich in der Welt zu bewegen und zu betätigen. Trotz Llond George und Clemenceau aber wird die Voraussetzung dieser Betätigung nicht die Gewalt und nicht der äußere Druck sein, sondern es wird sich zeigen, daß die idealen Mächte stärker sein werden, als die materiellen Mächte. Es ist die Tragik des Siegers, daß ihm der Sinn und das Gefühl für die Art und den Umfang der Kräfte versagt ist, die die nächste Zeit bewegen Diese Lehre wird sich auch gegen die Gewalttheorie der Clemenceau und Lloyd George urchsetzen und wird eines Tages die Fesseln sprengen, mit denen die Sieger Deutschland auf ewig an ihren Triumphwagen zu ketten suchen. Der Beginn der Verhandlungen in Trier. WTB. Trier, 12. Dez. Die deutschen Delegierten der Waffenstillstandskommission sind nunmehr sämtlich in Trier angekommen. Nachdem gestern morgen Staatssekretär Erzberger mit 30 Personen in seiner Begleitung von Berlin kommend im Hotel zur Post abgestiegen war, kamen gestern nachmittag 5 Uhr die dentschen Delegierten von Spa, unter ihnen General von Winterfeld, an. Letztere wohnen im Domhotel. Es sind 7 Personen. Bei ihrer Ankunft war der Hanptbahnhof durch amerikanische Truppen abgesperrt. Sowohl die Kommissionsmitglieder im Domhotel, wie die im Hotel zur Pait sind streng interniert. Niemand hat Zutritt zu ihnen. Die Verkreier der Anllerken ib noch nicht angemmen. Heute wird Marschall Foch in Trier eintreffen. In der in Glasgow erscheinenden„Sunday Post" veröffentlicht Churchill einen Artikel, in dem er energisch die britische Vorherrschaft zur See fordert. In diesem Artikel finden sich folgende bemerkenswerte Sätze:„In diesem größten aller Kriege hat die britische Flotte das mächtige Amerika vor jeder ernsten Bedrohung geschützt, und als es sich entschlossen hatte, einzugreifen, da war es die britische Seemacht, welche den grösseren Teil seiner Armeen zur Befreiung Frankreichs hinüberschaffte. Wir sind aufrichtige Befürworter einer Liga der Nationen. Diese schöne Schöpfung Wilsons ist von allen britischen Demokraten über die ganze Welt hin warm begrüßt worden. Aber wir müssen ganz offen erklären, daß der Völkerbund für uns kein Ersatz für die britische Seemacht in absehbarer Zeit sein kann." Graf Czernin über seine Friedensbemühungen. TU. In Wien hielt Graf Czernin vor Politikern und Zeitungsvertretern die mit Spannung erwartete große Rede, in der er von manchen bisher noch unbekannten Dokumenten von historischer Bebeutung Mitteilung machte. Seit langem brauchten wir die deutsche Hilfe, sagte Czernin. Wir bezogen monatlich von Deutschland über 100 Millionen Mark, um unsere Valuta zu stützen, eine Summe, die im Laufe des Krieges auf über 4 Milliarden angewachsen ist. Trotz dieser Abhängigkelt blieb der einzige Weg, zum Frieden zu kommen, Deutseland zu bewegen, einen Frieden mit Opfern zu schliesen. Ich behaupte ganz positiv, daß ich es war, der einen Verzichtfrieden für Deutschland und für uns stets als das Maximum des Erreichbaren dargestellt hatte. Die Zukunft wird beweisen, welche übermächtigen Anstrengungen wir gemacht haben, um Deutschland zum Nachgeben zu veranlassen. Wenn sie alle mißlangen, so lag die Schuld nicht am dentschen Volke, meiner Ansicht nach auch nicht am deutschen Kaiser, sondern lediglich bei den früheren deutschen Militärs. Es ist schließlich nicht die Schuld, aber jedenfalls keine Eutschuldlgung für den General Ludendorff, daß er die einzige Kraftnatur in Deutschland war, und daß er dadurch die ganze Polltik auf das Militär geleitet hat. Ein großer Patriot war General Ludendorff. Aber er hatte das Unglück, die ganze Welt nur durch die Potsdamer Brille zu sehen und jeden Friedenspersuch zu verwerfen, der keinen Siegfrieben brachte. General Lubenborff war genan so wie die Staatsmänner in England und Frankreich. Im April 1917 überreichte ich Kaiser Karl ein Exposee, das von ihm Kaiser Wilhelm geschickt wurde mit dem Bemerken, er teile meine Auffassung. In diesem Exposee heißt es u. a.: Es ist vollständig klar, daß unsere militärische Kraft unserm Ende entgegengeht und eine weitere Winterkampagne vollständig ausgeschlossen ist. Ich habe die feste Überzeugung, daß auch Dentschland genau wie wir dem Ende seiner Kräfte entgegengehk, wie dies ja auch die verantwortlichen politischen Faktoren in Berlin gar nicht leugnen. Ich bin fest bavon durchdrungen, baß, wenn Deutschland versuchen wollte, eine weitere Winterkampagne zu führen, sich im Innern des Reiches ebenfalls Umwälzungen ergeben werden. Wenn die Monarchen der Zentralmächte nicht im Stande sind, in den nächsten Monaten den Krieg zu schließen, so werden es die Völker über ihre Köpfe hinweg machen, und dann werden die Wogen der revolntionären Vorgänge alles hinwegschwemmen, wofür unsere Brüder und Söhne heute noch kämpften und starben. Wilson wird den Payst besuchen. bb Der Messagero meldet, daß Präsident Wilson beabsichtige, den Papst und dem Kardinal-Staatssekretär Gasparri am 28. Dezember in Rom einen offiziellen Besuch abzustatten. Der Aufenthalt in Rom soll drei Tage währen. Elsaßz=Lothringen. Kein bewaffneter beutscher Soldat steht mehr auf dem Boden der ehemaligen„Reichslande". Man kratzt in Dorf und Stadt die deutschen Firmenschilder ab und malt die französischen Worte draus. Man verteilt die Noten der Marseillatse, vorsorglich mit fomzösischem und deustchen Text. Aber all der gallasche Firlefanz zerreißt nicht das deutsche Herz, wenn die Berichte vom Einzug der Franzosen in Elsaß=Lothringen liest. Das Vittere, das Erschütternde ist, daß die acht Neuntel deutschsprechender Elsässer den abziehenden Deutschen stumm und kalt den Rücken zudrehten. Kein Abschiedswort, kein Trennungsschmerz, kein Blick des Verständnisses, kein Händedruck der Dankbarkeit für das, was Reichsdeutsche in 3 Dutzend Jahren dort geschaffen, was deutscher Fleiß allein aus dem verschmutzten und verseuchten Straßburg von 1870 gemacht hat, um es heute unversehrt und vom Feinde unverwüstet zurückzulassen. Kein Nachruf. Anderthalb Millionen deutsche Elsässer bekunden jetzt, daß ihr Herz bei Frankreich ist und daß kein Band, kein Faden sie mit dem künftigen Deutschland verbinden soll. Auf der Friedenskonferenz werden die Vertreter ElsaßLothringens erscheinen und erklären, daß das Volksreferendum nicht für Deutschland, auch nicht für eine Autonomie, sondern für Frankreich entschieden habe. Dieser Lauf der Dinge gehört zum Zusammenbruch des alten preußischen Regierungssystems, dem die Revolution in Deutschland selbst ein Ende bereitet hat. Es mußte so kommen. Die Schuld liegt nicht bei den Elsässern, sondern bei denen, die nicht mit ihnen umzugehen verstanden. Einige Jahre por Ausbruch des Weltkrieges veröffentlichte ein bekannter Großindustrieller des Reichslandes, F. Stehelin, eine Mahnschrift: „Der Kernpunkt der elsaß=lothrinaischen Frage." Darin war, mit dem ehrlichsten Willen, in letzter Stunge die Versöhnung herbeizuführen, alles gesagt, was die Elsässer der Berliner Politik von damals vorzuwersen hatten:„Ich brauche nur auf die willkürlichen und Gewaltmaßnahmen, auf die fortgesetzten empörenden Plackereien hinzuweisen, deren Zielscheibe wir waren, auf eine schändliche Ausspioniererei und Gesinnungsschnüffelei, welche vor dem intimsten Familienkreise nicht halt machte und für ihre Zwecke die gemeinsten, die eigennützigsten, ja oft die ungerechtesten Angebereien gut genug fand. Ich nenne die Anwendung des Diktaturporagraphen, den Paßzwang, Haussuchungen, kurzfristige und unbegründete Ausweisungen, Aufenthaltsverweigerung an unsere ausgewanderten jungen Leute, selbst wenn sie ans Sterbelager von Vater odr Mutter eilen wollten. Was haben wir unter diesen und noch manchen anderen gewaltsamen Gegenmaßregeln nicht gelitten! Und noch mehr böses Blut machten die täglichen Schikanierungen, die unaufhörlichen Nadelstiche von Seiten Eingewanderter, die es als ihre Pflicht ansahen, uns ihre persönliche Mißbilligung verspüren zu lassen, überhaupt das ganze Milien voll Ausspionierung, Angeberei, Beängstigung, zu dem wir so lange Jahre verurteilt waren....“ Und der altdeutschen Beamtenschaft warf Stehelin vor:„Was herrschen doch in diesen Kreisen für grundfalsche Auffassungen von unserem Charakter, unserem Gerechtigkeitsgefühl! Welche bodenloser Verständnislosigkeit für unsere wirklichen Interessen begegnen wir da, welche unerhörtre Unterschätzung unseres Scharfsinns und unserer Klugheit in politischen und wirtschaftlichen Dingen." Die Volksbeaustragten gegen die rheinisch-westlälische Republik. bb. Der Reichsanzeiger veröffentlicht einen Erlaß an das deutsche Volk, in dem es heißt: Die Volksbeauftragten halten es für ihre Pflicht, zu betonen, daß das Ziel der großen deutschen Volksbewegung im November 1918 nicht die Abtrennung und Selbständigmachung ehemaliger Teile des Reiches oder Preußens vom Gesamtgebiet, sondern traftvolle Zusammenfassung und Vereinigung aller Reichsteile zu einem gemeinsamen Reiche, das die große wirtschaftlichs, soziale und kulturelle Aufgabe der deuen deutschen Republik einheitlich und volkstümlich regelt. Wie diese Aufgabe mit selbstverständlicher Berücksichtigung der Interessen der verschiedenen Reichsteile zu lösen ist, das wird durch die von der Reichsleitung einzuberufende deutsche Nationalversammlung und die von ihr festzusetzende Reichsverfassung cutschieden werden. Dabei wird auch das künftige Schicksal les preußischen Staates endgültig bestimmt werden. Eine Nuregelung des Staatsgebietes dürste durchaus im Gang der wahrscheinlichen Entwicklung liegen. Hierbei verkassunasmäßig mitzuwirken, sind diejenigen anerkannten Vertreter des Volkswillens berufen, die auch in Rheinland und Westfalen unter dem freiesten Wahlrecht der Welt zu der Nationalv.i,emmlung entsandt werden. Auf das entschiedenste aber er wir im Namen des deutschen Volkes und der deutschen Revolution Verwahrung ein gegen Bestrebungen, mie sir ie Köln zutage getreten sind. Die Volksbeauftristen sind deske gewiß, daß auch in Rheinland und Westsalen d' übewiegende Mebeheit der Bevölkerung sich entschlossen gegen jeden Versuch zur Abtrennung wendet. Wir fordern die Bevölkerung des gesamten deutschen Reiches und ihre provisorischen politischen Behörden auf, sich wie ein Mann mit uns zur Abwehr aller Zersplitterungsversuche offener oder versteckter Art zu vereinigen und dementsprechend zu handeln. TU. Koblenz, 12. Dez. Der Arbelterrat hat an die Reichsregierung Ebert=Haase folgendes drahtloses Telegramm gerichtet:„In großen Versammlungen des Rheinlandes wird die Gründung einer rheinisch-westfälischen Republik angestrebt, die ein großes Unglück für die Einheit des Reiches bedeutet. Die Ursache liegt in den Maßnahmen und Bestrebungen des Kultusministers. Eine Cinwirkung auf Hoffmann ist unbedingt erforderlich, da sonst die Gefahr der Lostrennung unausbleiblich ist. Reichstag oder Nationalversammlung. Die Anregung des Kölner Oberbürgermeisters Adenauer, den Reichstag nach Kassel oder Koblenz einzuberufen, damit er die Regierung Ebert=Scheidemann als rechtmäßig bestätige, hat nach Ansicht der Berliner Parteikreise geringe Aussicht auf Verwirklichung, da die Regierung engherzig bei ihrer Abneigung, den Reichstag zusammenzuberufen, beharrt. Vollrer ammlung der Soldatenräte Großberlins. WTV. Vorsitzender Ege begrüßt die in Verlin eingezogenen Truppen und spricht die Erwartung aus, daß sich die Näte dieser Truppen an den Arbeiten der Versammlung leteiligen werden. Teichmann berichtet über die Verhandlungen des 15er Ausschusses hinsichtlich der Entschädigung für Soldatenräte. Es erhält jedes Mitglied des Soldatenrates neben der Löhnung und der Arbeitszulage von 3 A täglich 5 A Zulage. Außerdem kann für Aufwandsentschädigung bis zu 5 A liquidiert werden.— Ohne Aussprache wird eine Etschließung angenommen, die sich gegen die Bevorzugung der Einjährig=Freiwilligen ausspricht.— Ein Antrag, nach süddeutschem Muster einen Zentralrat der Arbester= und Soldatenräte für Preußen einzurichten, wird dem Büro überwiesen.— Ein Antrag Herz, das Plenum der S.=Räte nach der Parteistellung der Mitalieder zu gruppieren, wird abgelehnt.— Es liegt u. a. ein Antrag vor, nach Einzug der Gardetruppen neue Soldatenratswahlen vorzunehmen, da sonst zwei anerkannte Soldatenräte nebeneinander bestehen würden.— Voot berichtet über die dem Wahzlbüro zugegangenen Anträge, 22 an der Zahl, darunter befindet sich auch ein Antrag, der sich gegen die Bildung einer Unterofsizier=Regierungstruppe ausspricht. Ein anderer Antrag richtet sich gegen die erpresserischen hohen Mietssteigerungen für die aus dem Felde zurückaekehrten Kameraden, die jetzt ihre während der Kriegszeit angesammelten Mietsschulden abtragen müssen und infolge des Wohnungsmangels, sowie der Arbeitslosigkeit in drückende Notlage gekommen sind.— Die Anträge werden der 5er Kommission zur Berichterstattung überwiesen.— Otto berichtet über die Aufklärungsarbeit bei den anrückenden Gardetrunven. Überall habe die Kommission bei den Offizieren passiven Widerstand gefunden. Die Truppen sind vollkommen in der Hand der Offiziere. Sie nehmen die Knochen zusammen und wagen nichts über die Offiziere in deren Gegenwart zu sagen. Seit 4—6 Wochen haben sie keine Post und keine Zeitungen bekommen. Die aktiven Unteroffiziere und Feldwebel stehen auf Seiten der Offiziere. Die Offiziere erklärten, in Berlin mit Liebknecht und den Juden aufräumen zu wollen. Der Kommandeur des 3. Garderegiments erklärte, die Kasernen in Berlin nur beziehen zu wollen, wenn die Soldatenräte keine Ansprachen habten würden. Die Mannschaften lechzen nach Aufklärung. Sie werden mit neuen Waffen und Munition versehen. Es wird immer Liebknecht vorgeschoben. Was die Offiziere aber im Sinn haben, können wir uns denken.(Beifall und Widerspruch.) Der Einzug der Trungen in Berlin. WTB. Trotz des rieselnden Regens und schmutzbedeckter Straßen erschien die Berliner Bevölkerung am Mittwoch wieder auf dem Plan, um mit herzlicher Begeisterung die deutsche Jägerdivision zu begrüßen, die schon mehrere Tage vorher in den Ortschaften am Grunewald eintraf und dori Rast machte.— Als sich der Zug mit den Lanzenreitern an der Spitze dem Brandenburger Tor nahte, spielten die vereinigten Kapellen unter der Leitung ihres Dirigenten den Präsentiermarsch. Offiziere und Mannschaften, Wanen und Pferde waren mit schwarz-weiß-roten Fahnen geschmückt Die erste Schwadron des 10. Dragoner=Regiments marschiert zuerst über den Pariser Platz. Dann folgten der Divisionsstab mit Generalmajor von Dassel als Führer, in bunter Reihenfolge das Jäger=Regiment 11, das vierte GardeJäger=Reservebataillon, das Garde=Reserve=Schützen=Bataillon, das Jäger=Balaillon Graf York, die Lichterfelder GardeSchützen mit ihrer alten wehmbedeckten Fahne, eine PionierAbteilung, meyrere Balterien bes Feldartillerie=Ragimente Nr. 24, die Nachrichten-Formationen, das Jäger=Regkment Nr. 12,, das Inf.=Regiment 189, die Jäger=Regimenter 2 und 7 und andere mehr. WTB. Bei dem heutigen Einzug der deutschen Jägerdivision, die aus Truppen aller deutschen Stämme gebildet ist, hielt der Volksbeauftragte Hugo Haase am Brandenburger Tor die folgende Ansprache: Soldaten! Der Rat der Volksbeauftragten, und die Regierung der sozialistischen Republik begrüßt Euch aufs wärmste bei Eurer Rückkehr in die Heimat. Eure Leiden und Mühsalen während der qualvollen Kriegsjahre haben wir mit Euch gefühlt. Als die Regierung die Gewalt ergriff, war es ihr fester Entschluß, die sinnlose Massenschlächterei auch nicht um eine Stunde zu verlängern, Euch aus den Stätten des Grauens und der Verwirrung ohne Gefahr zu friedlicher Arbeit zurückzusühren, war ihr Bemühen. Jetzt seid Ihr auf heimischem Boden und Volksgenossen eines freien Volles. Nicht mehr herrscht das eiserne Zepter der Militär=Diktatur, die jede Regung eines freien Gedankens niederdrückte. Die alten Machthaber, die Euch in den Krieg bineingetrieben, Elend auf Elend gehäuft haben, sind gestürzt. bb. Im Kongreßsaale des Reichskanzlergebändes wurden gestern abend die Vertreter der 4. Garde-Inf.=Division durch den Volksbeauftragten Ebert für die Republik verpfichtet. Die Volksbeauftragten und der Kriegsminister wohnten dem Akte bei. Die versammelten Soldatenräte der deutschen Jägerdivision und des Inf.=Reg. Nr. 189, die gestern in Berlin einzogen, erließen eine Erklärung, der zufolge sie und alle ihre Kameraden heute zur Regierung EbertHaase stehen, die sie nach allen Kräften unterstützen wollen, um Ruhe und Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten. Für volle Preßfreiheit. WB. Berlin, 12. Dez. Der Rat der Volksbeauftragten erläßt folgende Bekanntmachung für die Pressefreiheit: In den letzten Tagen haben sich die Eingriffe von A.- und S.Räten in die Pressefreiheit derart gehäuft, daß die Reichsregierung ihnen auss Enkschiedenste entgegentreten muß. So ist z. B. in Leipzig eine Zeitung mit Zerstörung bedroht worden, wenn sie einen bestimmten Bericht bringe, und an den Plakatsäulen zur Selbsthilse gegen diese Zeitung aufgerufen worden. In Mülheim a. R. sind Druckereien stillgelegt und Platten zerschlagen worden, weil sich die deutsche Volkspartei und die Zentrumspartei in Flugblättern gegen die Verhaftung von Mülheimer Bürgern gewandt hat. Ahnliche Vorgänge werden aus zahlreichen anderen Städten gemeldet. Die Reichsregierung verwahrt sich auf das Entschiedenste gegen jene gewaltsame Beschränkung der Pressefreiheit. Sie fordert von den A.- und S.-Räten die völlige Aufrechterhaltung der Pressefreiheit, die einer ihrer ersten Programmpunkt ist. Es wird Aufgabe der Reichskonferenz der A.- und S.=Räte sein, zu erwagen, wie gegen lokale Organisation vorzugehen sei, die sich solche willkürlichen Handlungen zu Schulden kommen lassen. Der Nat der Volksbeauftragten: Ebert, Scheidemann, Haase, Landsberg, Dittmann, Barth. Keine Einberusung des Reichstages. WTB. Die Mitteilungen des Berliner Tageblatts über die unmittelbar bevorstehende Einberufung des Deutschen Reichstages oder über Beratungen der Regierung in solchem Sinne entbehren jeder Begründung. Der A.- u. 5.-Rat Frankfurt a. M. dementiert. WTB. Der A.- und S.-Rat in Frankfurt a. M. veröffentlicht folgende amtliche Richtigstellung: Die in verschiebenen Blättern gebrachte Nachricht, daß die Entente die Auflösung der A.- und S.=Räte der neutralen Zone verlangt habe, ist durchaus unrichtig. Der A.=Rat hält hier wie in anderen Städten seine Tätigkeit nach wie vor aufrecht. Die WTB.=Meldung ist auf folgende Mitteilung des Armeehauptquartiers zurückzuführen: Die Entente hat sich das Kontrollrecht in der neutralen Zone vorbehalten. A.- und S.=Räte werden von ihr nicht geduldet, sind daher in der neutralen Zone aufzulösen. Die Mitglieder der A.- und S.Räte, die in der neutral. Zone angetroffen werden, müssen gewärtig sein, von der Entente verhaftet zu werden.— Der A.=Nat erklärt nach dieser Feststellung, daß es falsch ist, daß die Entente nach den Waffenstillstandsbedingungen sich Eingriffe in die innerpolitischen Einrichtungen der neutralen Zone werbehalten habe. Die Auflösung der A.- und S.=Räte in der neutralen Zone sei keine Forderung des Feindes, sonbern der Wunsch der gegenrevolutionären Kreise unseres Kandes. Die Greßindußriellen freigelassen. bb. Aus Berlin wird gemeldet: Die verhafteten Großendustriellen August Thyssen und Fritz Thyssen, Eduard Stinnes, die Direktoren Herle und Becker, Kommerzienrat Küchen und Assessor Stens sind auf Anordnung des preußischen Ministeriums des Innern heute sämtlich freigelassen worden. Der Kellner, der ihr Gespräch belauscht haben wollte und dessen Aussage sie schwer belastete, erschien nicht als unbedingt glaubwürdig. Der Wirt des Lokals, in dem die Zusammenkunft stattgefunden haben sollte, hat bekundet, daß bei ihm eine derartige Konferenz überhaupt nicht stattgefunden hätte. 12. Dez. Ein Kriminalbeamter aus Berlin war mit einem Mitgliede des A.= und S.=Rates aus Mülheim, gestern hier anwesend, um die Angelegenheit Thyssen=Stinnes zu untersuchen. Der beschuldigte Kellner ist Schriftführer des Sicherungsausschusses des A= und S.=Rates Dortmund, namens Hubert Börsch. Bei der heutigen Vernehmung hat Börsch zugegeben, daß er die Anschuldigungen erdichtet hat. Daraufhin wurde Börsch heute verhaftet. WB. Die A.= und S.=Räte Dortmunds und Mülheims haben gestern abend die Freilassung des in Mülheim verhafteten Großindustriellen Thyssen und Genossen beantragt. Wil on nimmt an den Friedensverhandlungen nicht teil. WTB. Nach einem Amsterdamer Blatt schreibt die Times: Der Beschluß des Prä nten Wilson, an der eigentlichen Friedenskonferenz nicht teilzunehmen, ist ein Zeichen von Vorsicht. Denn obwohl Wilson in Amerika wie in England der Premierminister Parteiführer ist, so ist er außerhalb Amerikas eine Art republikanischer König, ein Symbol der amerikanischen Macht und Würde. Symbole aber debattieren nicht in der Oefffentlichkeit, und man debattiert nicht mit ihnen. Der Einfluß des Präsidenten wird am besten bei den nichtformellen Beratungen, die der formellen Konferenz vorausgehen, zur Geltung kommen. Die Ententekommission in Kiel. Kiel, 12. Dez. Das englische Linienschiff Herkules mit der Marinekommission der Entente an Bord ist in Begleitung von zwei Zerstörern gestern abend im Kieler Hafen eingelaufen. Die Armee Mackensens. TU. Aus Budapest wird gemeldet: Die Internierungfrage der Armee Mackensen ist immer noch nicht geklärt. Es bestätigt sich, daß ein Telegramm aus Spa eingetroffen ist, wonach die Entwaffnung durchzuführen sei. Aber die hiesigen französischen Komissare haben bisher noch keine offizelle Mitteilung erhaleen. Inzwuchen ist ein großer Teil der deutschen Armee bereits nach Wien ourchgebrochen. Die Lage der Regierung wird immer bedrohlicher. Infolge der Kohlennot befürchtet man Putsche der bolschewistischen Regierung. Die Flucht des Herzogspaares von Braunschweig. Ueber das Schicksal der Herzogin Viktoria Luise von Braunschweig verbreiten Berliner Blätter einen Bericht, in dem es heißt: Als die Herzogin mit ihrem Manne von Braunschweig nach Blankenburg flüchtete, hörte sie, daß auch dieses Sch'oß besetzt sei. Der Schwager des Paares, Prinz Max von Baden, begleitete sie nach Karlsruhe. Doch auch dort war nicht ihres Bleibens. Es zog sie nach Gmunden. Aber die Besorgnis, wie sie über die Grenze kommen sollten, erschwerte ihre Reise. Da entschloß sich die Herzogin, an eine ehemalige Kammerfrau, die in Augsburg mit einem Konditor verheiratet ist, zu telegraphieren, ob sie sie, ihren Mann und ihre Kinder aufnehmen wollte. Die Frau dachte zunächst, es handele sich um die Dienerschaft. Als der Zug ankom, sagte die Herzogin, sie selbst und ihre Kinder müßten bei ihr wohnen. Die Konditoreheleute nahmen die ganze Reisegesellschaft auf. Mehrere Toge verbrachte das Herzogspaar in dem Hause des Konditors. Die Herzogin war tief niedergeschlagen, da sie von ihren Eltern keine Nachricht erhielt und alle Briese, die sie schrieb, zurückkamen. Jetzt befindet sich das Herzogspaar in Gmunden bei den Eltern des Herzogs.(Eine Bestätigung von anderer Stelle dieses etwas romantisch klingenden Berichts liegt nicht vor.) Prinz Eitel Friedrich als Sachverwalter der Hohenzollern. bb Wie das Verliner Tageblatt hört, hat Wilhelm II. seinem zweiten Sohn Eitel Friedrich Vollmacht erteilt, ihn in allen Angelegenheiten des ehemaligen königlichen Hauses zu vertreten. Deutsches Wirtschaftsabsommen mit den Tschechen. WTB. Zwischen den Vertretern der deutschen Regierung und der tschecho-slowakischen Republik ist zur vorläufigen Regelung einiger besonders dringlicher wirtschaftlicher Fragen eine Vereinbarung getroffen worden, die zunächst bis zum Abschluß des Friedens Geltung haben soll und durch die in keiner Weise irgendwie der Regelung der zwischen beiden vertragschließenden Teilen strittigen Fragen in einem späteren Zeitpunkt vorgegriffen werden soll. Danach liefert Deutschland 15 000 Tonnen Steinkohlen und Koks monatlich gegen 70 000 Tonnen Braunkohlen, welche die tschecho-slovakische Republik zur Verfligung stellt. Die Beförderung der Kohlen hat tunlichst auf dem Wasserwege zu erfolgen. Ferner gestattete die tschecho-slovakische Republik die Ausfuhr beschränkter Mengen von Marmelade, Pflaumenmus, getrocknetem Obst, Holz, sowie Hartblei. Deutschland liefert Maschinen=Erzeugnisse der elektrotechnischen Industrie unter gewissen Vorbehalten, ferner Chemikalien, soweit es die Befriedigung des inländischen Bedarfs zuläßt, sowie Kali für die Frühjahrsdüngung. Der Vertrag regelt endlich den wechselseitigen Eisenbahn= und Schiffahrtsverkehr über die Grenze. Besetzung deutsch-böhmsscher Städte durch Tschechen. WTV. Wien, 12. Dez. Wie das„Neue Wiener Tagblatt" mitteilt, macht die Besetzung der großen deutschböhmischen Städte durch tschecho-slowakische Truppen stetige Fortschritte. Gestern wurden Reichenberg, Trautenau und Gablonz von den Tschechen besetzt. Die Besetzung von Troppau wird in den nächsten Tagen erwartet. Die Schweizer Bundesratswahl. WTB. Bern, 12. Dez. Die Bundesratsversammlung wählte zum schweizerischen Bundespräsidenten für 1919 Bundesrat Gustav Ador=Genf, gehoren im Jahre 1845, Chef des Departements des Innern. 39 Stimmen fielen auf Bundesrat Müller-Bern. Zum Vizepräsidenten des Bundesrats wurde ernannt Bundesrat Mott aus dem Tessin, geboren 1871. Als Bundeskanzler wurde gewählt der bisherige Vizekanzler von Steiger. Das Bundesgericht wurde in corpore bestätigt und Picot-Genf zum Bundesgerichtspräsidenten gewählt. Aus Weltdentschland. Köln, 12. Dez. Nach den englischen Vorschriften ist der Aufenthalt auf der Straße von 7 Uhr abends bis 6 Uhr früh westeuropäischer Zeit verboten. Die Zeitungen ohne schriftliche Erlaubnis dürfen nicht erscheinen. Die Benutzung des Fernsprechers ist verboten. Telegramme sind nur für bestimmte Tageszeiten zugelassen und zensurpflichtig. Britische Offiziere sind zu grüßen. Köln, 12. Dez. Die Engländer, besonders aber die Schotten, gehen in der Beschlagnahme von Einzelwohnungen und Häusern scharf und rücksichtslos vor. Alle Theater müssen geschlossen haben. Köln, 12. Dez. Die Ortszeit wurde nach westenropäischer Zeit um eine Stunde zurückgestellt. Hier liegen jetzt die 9. und die 29. englische Division, sowie eine Kavallerte division, insgesamt 32 000 Mann. Köln, 12. Dez. Die bisherigen Reiseerlaubnisscheine der örtlichen Behörden kommen innerhalb des Eisenbahndirektionsbezirks Köln in Wegfall, nachdem die Ausgabe von Fahrkarten wieder ohne derartige Scheine erfolgen kann. Königswinter, 12. Dez. In hiesigen Pferdemetgereien wird seit einiger Zeit das Pfund Pferdefleisch für 30 verkauft: in Euskirchen kostet es 50§. Herdorf, 12. Dez. Von den hier durchziehenden Truppen hat ein Soldat in seinem Quartier seinem Leben durch Erschießen mit einem Revolver ein Ende gemacht. Der Soldat war 19 Jahre alt und ist der Sohn eines Schuhmachermeisters in Wiesbaden. Solingen, 12. Dez. Der Arbeiterrat ließ die Glocken aller Solinger Kirchen eine volle Stunde läuten zum Protest gegen die auf Gründung einer rheinisch-westfälischen Republik abzielende Kölner Bewegung. Der katholische Pfarrer von St. Clemens, der sich zunächst weigerte, dem Auftrage nachzukommen, mußte der Gewalt Folge geben. Mörs, 12. Dez. Hier sind gestern belgische Truppen eingetroffen. Der Telephonverkehr ist gesperrt. Eine Grußvorschrift besteht nicht. Auch Homberg erhielt belgische Einquartierung. Die Ruhrort-Homberger Brücke ist seit mittags 2 Uhr für jeglichen Verkehr gesperrt. Mülheim=Nuhr, 12. Dez. Der Arbeiterrat hat angeordnet, daß alle leerstehenden Villen, Sommerwohnungen und Wohnungen über 6 Zimmer enteignet und zur Behebung der Wohnungsnot der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden. Anna, 12. Dez. Beschagnahmt wurde auf dem hiesigen Vohnhof bei einem Reisenden das Fleisch von einem geschlachteien Rind. Der Mann hatte das Tier in Werl gekauft und geschlachtet und wollte es nach Elberfeld schaffen. Schwerte, 12. Dez. Nach einer Erklärung des Vorsitzen den des Arbeiterrates soll die Wache auf vorläufig 15 Mann verringert, und auch der Arbeiterrat soll in den nächsten Tagen abgebaut werden. Arusberg. 12. Dez. Aus dem Sauerlande wird stellenweise über eine ungeheure Vermehrung der Eichhörnchen geklagt, die auch in anderen Gebirgsgegenden derart zugenommen haben, daß sie zur Landplage werden. In größeren Mengen haben sie nicht selten die Obstgärten überfallen und geplündert. Viel zu wenig bekannt ist, daß das Eichhörnchenfleisch, wenn es kräftig gebeizt wird, einen schmackhaften Praten abgibt. In den Wildhandlungen mancher Großstädte wird es schon vielfach verkauft und für das Stück etwa 2.50 A bezahlt. Aus aller Welt. TU. Wie der„München=Augsburger Abendzeitung" mitgeteilt wird, wird der ehemalige Reichskanzler Graf Hertling in den allernächsten Tagen mit einer ausführlichen Rechtfertigung seiner Politik vor die Oeffentlichkeit treten. Rücktrittsgesuch des Staatssekretärs Dr. Solf. bb. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hat sich zur Einreichung seines Abschiedsgesuches entschlossen. Wie die Kreuzzeitung hört, liegt sein Abschiedsgesuch bereits vor Auflösung der Vaterlandspartel. WIV. Der Reichsausschuß der Deutschen Baterlandspartei hat am 10. Dezember die Auflösung der Partei beschlossen. WIB. Das preußische Staatsministerium hat beschlossen, von einer Revolutionsfeier am 1. Januar abzusehen. Es ist möglich, daß die Feier auf den 1. Mai verschoben wird. Die bisherigen Kölner Schnellzüge. WV. Die bisheirgen Kölner Schnellzüge nach Berlin und Hamburg werden jetzt von Düsseldorf abgelassen. Danzig, 12. Dez. Kürzlich stellte der Geheime Kommerzienrat August Ventzke in Graudenz seinen ganzen Betrieb wegen Sozialisierung seiner Arbeiterschaft zur Verfügung. Nach einer Meldung der Danziger Zeitung beschlossen nunmehr die Arbeiter, dieses Angebot abzulehnen, weil sie eine herabgehende Konjunktur befürchten, und es für besser holten, wenn das Unternehmen in einer starken Hand bleibt. Die Besoldung der Offlziere. WTB. Der Zentralsoldatenrat der Soldatenräte der 1. Armee hat den Vorschlag gemacht, in bezug auf die Besoldung der Offiziere ohne Abänderung der Besoldungsordnung Mindestgehaltsgrenzen festzulegen und zwar 300 Mark Mindestgehalt für ledige Offiziere und 360 A Mindestgehalt für verheiratete und 30A Beihilfe für jedes Kind, jedoch nicht mehr als 450 K. Da die Notlage der Offiziere dringend ist, ersucht der Zentralsoldatenrat um möglichste Beschleunigung der Angelegenheit. Englands Schulden an Amerika. WTB. Aus London meldet Reuter: Churchill sagte in einer Rede, die er in Dundee über die finanziellen Fragen hielt, u. a., England sol an die Vereinigten Staaten schwer verschuldet. Es habe für 400 Millionen Gold und 800 bis 1000 Millionen Wertpapiere nach Amerika geschickt. Die Zinszahlung für die Schulden und die Zinsverluste für Vertpapiere würden während der folgenden Jahre England eine sehr ernste Bürde auferlegen. Frühere russische Generale erschossen. TU. Aus amtlicher Quelle in Petersburg wird mitgeteilt, daß auf Befehl des Sowjets-Generals Rußki, der frühere Oberbesehlshaber der russischen Nordfront, und General Radko Dimitriew, der Befehlshaber der russischen Armee in Galizien, erschossen worden sind. Von Montag, den 9. ds. Mts., ab ist unsere Kasse wieder geöffnet von 9½ bis 12 Uhr vorm. und 3 bis 5 Uhr nachm. An Sonn- und Feiertagen, sowie Samstags nachmittags und am ersten Freitag nachmittag nach dem 15. eines jeden Monats ist dieselbe geschlossen. Amtssparkasse Matingen. Restaurant Gustav Mühlhaus Samstag, den 14. und Sonntag, Anfang 7 Uhr. Anfang 3 Uhr. Großes Programm! Von 3— Uhr: Jugendvorstellung. „Unsichtbare Hände“ oder„Der Fall Melvill". Detektivdrama in 4 Akten. 6. Erlebnis des Rat Anheim. „Rauke und sein Stock“ Heitere Humoreske. „Komtesse Else“ Ein reizendes Lustspiel in 3 Akten mit der übermütigen Range Else Eckersberg in der Hauptrolle. und Humoreske. „Weib gegen Weib“ Großes Schauspiel in 4 langen Akten. Pelze, Damenblusen, Handschuhe, Handtaschen, Haarschmuck, Damenund Kinder=Hüte, Pelzmützen, Herren=Velour=Hüte, Herren= und Knaben=Hüte u.=Mützen, Kragen, Vorhemden, Manschetten, Kravatten, Herren=Socken.Wwe. Herm. Elberselder Zeitung Barmer Nachrichten J.Neueste Nachrichten Aelteste Zeitung des Gebietes, in neuzeitl. Gewande. Gegr. 1780, Erstklassige politische Tageszeitung. Beliebtes Familienblatt in Mittelstand und besseren Kreisen des bergisch-märkischen Industriebezirks. Erscheint wöchentlich 13mal. Ausgabe B morgens u. abends zugestellt m. Elberf. Handelsztg. vierteljährlich 4.50 Mk. monatlich 1.50 Mr. Ausgabe 6 Beide Nummern täglich nur morgens zugestellt, vierteljährlich 3.60 monatlich 1.20 Mr. Umfassende Berichterstattung kritisch gesichtet. Kraftvolle Vertretung nationaler Forderungen. Selbständige Verarbeitung aller Tagesfragen. Großer Handelsteil. 28000 Auflage:: Anzeigen die Zeile 30 Pfg. Bei jodem Postamt oder Postboten zu bestellen. Der Traum in Feindesland Roman von Justus Schoenthal. (Nachdruck verboten.) Das meergrüne Seidengewand fiel in edlem Faltenwurf hernieder und ließ den ebenmäßigen Wuchs seiner Trägerin mehr ahnen als erkennen. Blondes, fast rötlich schimmerndes, etwas krauses Haar umrahmte das blasse Oval des Gesichts mit den Rätselaugen unter schöngeschweiften Brauen, mit der griechisch-edlen Nase und dem etwas vollen, sinnlichen Mund. Sie hatte den einen Fuß etwas vorgestreckt. Longford sah den feinen Knöchelansatz durch den durchbrochenen Strumpf schimmern; den Fuß umschloß ein schwarzer Samtschuh, dessen Schnalle von einem Halbedelstein gehalten ward. Sonst war er ganz der Fuß einer Britin, eher groß als klein... Nein, das alles war weder gefährlich, noch verführerisch. Nur diese wunderbare weiße Hand, die noch tausendmal schöner schien auf dem elfenbeingelben Hintergrund des Kaminherds... Sie war ganz schmucklos, die Hand, nur den kleinen Finger zierte ein mattgoldener Reif in Form einer Schlange, und wo Kopf und Schwanzende zusammentrafen, da trugen sie in hohler Fassung einen seltenen Smaragd Und Lady Edith erzählte... Wie Longford fand, war im Grunde genommen weder die Geschichte unterhaltsam noch die Vortragsweise eigentümlich. Der Viscount Branch hatte vor mehreren Jahren, als er noch Militärattaché bei der britischen Botschaft in Petersburg war, in der russischen Hofgesellschaft das Freifräulein Hildegard von Roggenhusen kennengelernt. Die Roggenhusen waren jedoch nicht, wie der Name schließen ließe, Deutsche, wenigstens nicht Reichsdeutsche. Sonst hätte der Viscount wohl den Dienst quittieren müssen. Denn bei der Sicherheit, mit der man damals schon in englischen Regierungskreisen den Ausbruch eines Krieges zwischen England und Deutschland vorausberechnete, hätte die vorgesetzte Behörde die Heirat des Viscount mit einer Deutschen entschieden mißbilligt. Es stellte sich glücklicherweise heraus, daß die Roggenhusen uralter baltischer Adel aus der Gegend von Mitau in Kurland, also russische Staatsangehörige waren, und so stand der Heirat nichts im Wege. Aus Hildegard von Roggenhusen ward die Viscounteß Branch. Zwei herzige Kinder entsprossen der Ehe, ein Bübchen und ein Mädelchen. Aber— die Viscounteß konnte sich niemals in London recht eingewöhnen. Sie war wohl früher russische Staatsangehörige und durch ihre Heirat Engländerin geworden, aber im Herzen, nicht nur der Sprache nach, Deutsche geblieben. So wußte sie es bei ihrem Gemahl durchzusetzen, daß sie alljährlich nach Deutschland reisen durfte, teils um die alten Bekanntschaften in der Tilsiter Gegend wieder aufzufrischen, teils um die unvergessene kurische Heimat wiederzusehen. Von ihrer letzten Reise hatte sie überdies ihre jüngere Schwester Marianne mitgebracht... Sie war etwas schwermütig geworden und sehnte sich nach einer vertrauten Seele aus der Heimat. Da brach der Krieg aus und es wurde bekannt, daß die Russen nicht eben glimpflich mit dem baltischen Adel verfuhren. Man erfuhr von dem Wort des russischen Staatsministers Goremykin, daß Rußland den Krieg nicht gegen Deutschland, sondern gegen das Deutschtum überhaupt führe, und das bewog Marianne von Roggenhusen, die schon beschlossene Rückkehr aufzuschieben. Der Viscount hatte ein Regiment schottischer Schützen bekommen und war zum Colonel ernannt worden. Ehe er sich nach Frankreich mit seinen Soldaten einschiffte, vergaß er nicht, den beiden Damen einzuschärfen, nur ja in der Offentlichkeit nicht ihr Mitgefühl für Deutschland zur Schau zu tragen. Die Warnung wurde leider nicht befolgt; das Mitgefühl für Deutschland sollte der Viscounteß zum Verhängnis werden... Bis zu Beginn des Jahres 1915 hatte die Londoner Bevölkerung eigentlich keinen ausgesprochenen Haß gegen die Deutschen empfunden. Man war des Sieges sicher. Wann hätte jemals Britannien einen Krieg verloren? Der Vergleich mit der Zeit vor hundert Jahren wurde oft aufgefrischt. Selbst ein Napoleon, der ganz Europa zu seinen Füßen sah, mußte schließlich in britischem Gewahrsam sein Leben beschließen. Warum sollte den Deutschen gelingen, was den anderen Festlandsmächten im Laufe der Jahrhunderte, den Spaniern, Holländern, Franzosen, der Reihe nach mißglückt war?— Die Stimmung schlug erst um, als die Teuerung hereinbrach, als die allgemeine Wehrpflicht drohte, die deutschen Unterseeboote das Meer ringsum befuhren und ihre Zeppelinschiffe sich sogar bis in die nächste Umgebung der City wagten. Und als gar der Luftangriff im Oktober im Herzen der Weltstadt ganze Straßenzüge in Trümmer legte, da bedurfte es nicht mehr der aufstachelnden Worte der Halfpennyblätter. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich plötzlich die Nachricht: Im Östen, in Whitechapel sind die Häuser der Deutschen gestürmt worden. Selbst in den stillen Palast am Hydepark, wo die Viscounteß mit ihrer Schwester hauste, drang das Gerücht. Frau Hildegard klingelte. Man möge ihr Auto bereit halten. Sie wolle ausfahren. Nach— Whitechapel. Vergebens wurde sie von ihrer Schwester beschworen. Ihre einzige Antwort war:„Ich muß den armen Leuten helfen!" Das kommende Unheil fast leibhaftig vorausahnend, fuhr Marianne mit der Viscounteß nach dem Östen der Stadt. Man brauchte nicht lange zu suchen. Das Wertel, wo die Deutschen wohnten, zumeist biedere arme Handwerker, kleine Ladenbesitzer und derlei bescheidene Leute, war erfüllt von schreiendem Volk. Aber es war nicht das „Volk", das getrieben von Zorn und Haß und Wut seine Rache nahm, es war der Mob, der die Gelegenheit benutzte,„fürs Vaterland" zu plündern und dabei sinnlos zu zerstören, was ihm nicht verwendbares Gut zu sein schien. Die Viscounteß ließ halten. Und was nun folgte, spielte sich im Zeitraum von kaum anderthalb Minuten ab... Sie verließ den Wagen, indem sie noch Marianne, die sich leicht durch ihre schlechte Aussprache verraten hätte, eindringlich gebot, sitzen zu bleiben. Dann wandte sie sich an einen Schutzmann, der mit olympischer Ruhe zusah, wie gerade ein Bücherladen entleert wurde. Sie ersuchte ihn, einzuschreiten. Der aber deutete auf ein gegenüberliegendes Haus, das schon keine einzige unzertrümmerte Fensterscheibe mehr aufwies; gerade verfrachteten zwei wenig Vertrauen einflößende Gestalten eine ganze Zimmereinrichtung auf einen Handwagen... Der Konstabler vollführte ein paar lose schlenkernde Bewegungen mit dem Gummiknüppel: „Da wir die Spitzbuben in der Luft nicht fangen können, soll es unser gutes Recht sein, die zu züchtigen, die nicht davonfliegen können." Sie wollte etwas entgegnen, da stürzte aus dem Buchhändlerladen ein betrunkener Mann heraus, eine Geige unter dem Arm. Ihm nach rannte ein kleiner Junge, der immerfort jammernd die deutschen Worte sprach:„Meine Geige! Meine Geige!“ Der Trunkenbold aber verabreichte ihm unter einer Flut von unflätig-rohen Schimpfworten einen Tritt, daß er zu Füßen der Dame hinstürzte. Sie hob den Knaben sanft auf, streichelte ihm die Wange und sagte begütigend, gleichfalls in deutscher Sprache: „Weine nicht, Kleiner, er muß dir schon deine Geige wiedergeben!“ Und sie trat auf den Räuber zu und herrschte ihn an: „Augenblicklich geben Sie dem Kinde sein Eigentum zurück." Sei es nun, daß der Bursche den vorher gesprochenen deutschen Satz gehört hatte,— sei es, daß er über die scharfen Worte in Wallung geriet, er lallte etwas Unverständliches, holte mit dem Instrument weit aus und versetzte der Viscounteß einen so fürchterlichen Schlag über den Kopf, daß sie blutüberströmt zusammenbrach und die Geige in Scherben ging. Bewußtlos wurde sie heimgeschafft und die Arzte stellten außer dem Verluste des rechten Auges eine nicht unbedeutende Schädelverletzung fest. Marianne sandte sogleich an ihren Schwager im Felde eine dringende Depesche. Der Viscount erbat und erhielt auch kurzen Urlaub. „Und vorgestern", schloß Edith ihre Erzählung,„in aller Morgenfrühe ist er hier eingetroffen. Er ist, obgleich er aus der Zone des Blutes und des Todes kommt, wie sich von selbst versteht, recht bestürzt und niedergeschlagen." Auf Longford hatte die Erzählung erst gegen den Schluß zu Eindruck gemacht. Er war tief erschüttert. Eine namenlose Wut packte ihn, und er hatte Mühe, seine Erregung zu meistern. Er schob den Sessel zurück und ballte ingrimmig die Hände. Endlich preßte er die Frage hervor: „Und mit welchen Strafen hat die Regierung das Benehmen des Pöbels, vor allem das Verhalten des Konstablers, der seine Pflicht durch Duldung des entsetzlichen Verbrechens verletzte, geahndet?" Der alte Herr schüttelte verwundert das Haupt. „Man merkt, junger Freund, daß Sie die englischen Zustände nicht kennen. Man macht sich anscheinend drüben in Amerika nicht immer ein zutreffendes Bild von uns. Unsere Regierung tut grundsätzlich nur, was zweckmäßig ist. Übrigens wäre das auch Sache der Gerichte wohl eher gewesen. Was wollen Sie? Eine Stunde nach dem Vorfall marschierten zwei Kompagnien Territorialmiliz auf und sperrten den Platz ab; an demselben Nachmittag gab das Preßamt noch an alle Zeitungen die Weisung hinaus, es dürfe über die Ereignisse in Whitechapel nur berichtet werben, daß Ausschreitungen vorgekommen seien infolge der plötzlich erwachten Erbitterung gegen die Deutschen, die freilich nur zu sehr begreiflich sei, und so weiter und so weiter, die Regierung habe aber mit der üblichen„eisernen Faust" eingegriffen. Schluß!" „Und weiter geschah nichts?" forschte Longfond.„Hat man denn nicht wenigstens eine Untersuchung gegen die Übeltäter eingeleitet und die geplünderten Deutschen entschädigt?" „Und einer solchen Torheit"— der Lord verbarg sein Befremden nicht—„halten Sie im Ernste unsere Regierung für fähig?" „Torheit?!“— Der Offizier glaubte nicht recht zu hören. „Aber freilich! Ich bin gewiß nicht der Freund der gegenwärtigen Regierung... Allein, einen himmelhreienderen Wahnsinn vermöchte ich mir kaum auszudenken. Ich bitte Sie: Was kann es uns denn kümmern, ob die Deutschen in Whitechapel massakriert und ihrer Siebensachen beraubt werden? Man hat die Leute einfach unter militärischer Bewachung einem Konzentrationslager zugeführt... leider viel zu spät.— Und die Übeltäter bestraft? Aber weshalb denn? Erstens wird man sie niemals auffinden, und wenn auch... sollen wir vielleicht durch eine Gerichtsverhandlung unsere Schande offenbar werden lassen? Skandalprozesse führt man in Frankreich oder auch in Deutschland; bei uns ist man zu klug dazu!" Der Hauptmann beherrschte sich wieder. Er setzte gemächlich eine neue Zigarre in Brand and sagte dann in ruhigem Tone: „Verzeihung, Mylord, in mir empörte sich das Gerechtigkeitsgefühl, solange ich weiß, daß solches Pack unbestraft ist. Und denken Sie doch"— er ward unwillkürlich wieder lebhafter—„für dieses Gesindel trägt man drüben seine Haut zu Markte!“ Der Zeitungskönig schien den Einwand nicht zu beachten. Er wandte sich wieder seiner Tochter zu. „Weißt du, wie lange der Kolonel Urlaub hat?“" „Genaues hörte ich nicht. Doch sprach er davon, er werde morgen vormittag zum Kriegsamt fahren und darum nachsuchen, hier im Großen Generalstab beschäftigt zu werden, wenigstens so lange, bis sich die Erkrankung der Viscounteß zum Guten oder zum Bösen entschieden hätte." Bei diesen Worten wurde Longford aufmerksam. „Dann ist es nicht ausgeschlossen", sagte er mit langsamer Betonung,„daß ich dem Viscount begegne. Ich habe nämlich ebenfalls die Absicht, morgen auf dem Kriegsamt vorzusprechen.“ Der Lord überflog die Gestalt des jungen Offiziers mit einem prüfenden Blick. „Es war gewiß nicht Mangel an Anteilnahme, sondern nur die Besorgnis, für unbefugt neugierig und womöglich gar zudringlich angesehen zu werden, wenn ich mir nicht schon längst die Frage erlaubte, ob Sie vorläufig hier in London zu bleiben oder London nur als Durchgangsstation für die Heimreise zu benützen gedächten. Da Sie nun selbst das Thema berührten, scheint die Frage nach Ihren Zukunftsplänen nicht mehr verfrüht." Auch Edith sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an. Der Hauptmann schob die Fingerspitzen gegeneinanda und zuckte lässig die Achseln. „Meine Zukunftspläne hängen natürlich von meinem Empfang im Kriegsamt ab. Ich bin wohl für den Frontdienst nicht mehr verwendbar; aber ich denke, daß man im Generalstab die Erfahrungen eines ehemaligen Frontoffiziers brauchen kann." „Darum also die„mise en scène", die Sie als ganz zufällig erklären wollen?!" Lord Southriffe lachte.„Aber, ich bitte, bitte", fuhr er noch immer lachend fort, als er die abwehrende Geste des Offiziers bemerkte,„Sie haben ja vollkommen recht: Wer die Reklametrommel nicht rührt, der kommt nicht vorwärts im Leben. Es gibt kein Erlebnis, das einem nicht— richtig nutzbar gemacht— Vorteile brächte.“ Fortsetzung folgt. 4