Erscheint täglich. Bezugspreis monatlich durch Boten 2,10 Mk., durch die Post 2,20 Mk.(ohne Bestellgeld). Schriftleitung und Geschäftsstelle in Ahaus: van=Delden=Straße 8. Telegr.Adresse: Kreiszeitung Ahaus i. W. Fernruf Nr. 450. Postschließfach 65. Postscheck=Konto: Hannover 22 739. Amtliches Organ für den Kreis Zhaus. 64. Jahrgang. Geschäftsstelle in Gronau: Gebr. Leusing, Verlagsanstalt EmbH., Bahnhofstraße 2, Fernsprecher Nr. 260. Bankkonten: Kreis= und Stadtsparkasse Ahaus, Gewerbebank Ahaus und Städt. Sparkasse Gronau i. W. Anzeigenpreise: das 1spaltige Millimeter für die Zenozeitung 10 Pfg., für die Kreiszeitung für den Kreis Ahaus 3 Pfennig. Rabatt nach Tarif. Verlag: Gebr. Lensing, Verlagsanstalt G. m. b. H., Zweigniederlassung Ahaus. Nummer 220 Sonntag, den J2. August 1934 Jahrgang 1934 Rußland und der Balkan. Von unserem Moskauer Sonderberichterstatter. Moskau, Ende Juli 1934. Mit der Anerkennung der Sowjetregierung durch Bulgarien hat der letzte Balkanstaat nach sechzehn Jahren die der Politik Ignorierung der Sowjetunion endgültig aufgegeben. Zwischen Rußland und Griechenland bestehen schon seit über einem Jahrzehnt reguläre diplomatische Beziehungen, Rumanien hat Moskau bekanntlich im Rahmen der Kleinen Entente vor kurzem anerkannt und auch die Anerkennung des Sowjetregimes durch Jugoslawien kann, trotz der noch nicht erledigten Formalitäten, als vollzogen betrachtet werden. Somit sind die Balkanländer, die in der Nachkriegszeit die geschlossenste sowjetfeindliche Ecke Europas darstellten, endgültig in die Reihe der mit Rußland in regulären Beziehungen stehenden Staaten getreten. Für Bulgarien war die Frage der Anerkennung der Sowjetregierung aus psychologischen und gefühlsmäßigen Gründen besonders schwierig. Die politischen Kreise Bulgariens und das bulgarische Volk sind mit dem alten zarischen Rußland durch jahrhundertalte Bande des Blutes und der Tradition verbunden gewesen, der„Zar=Befreier“ Alexander II. wird noch heute als Volksheros in ganz Bulgarien verehrt. Diese Bindungen an das Vorkriegsrußland sind auch durch die Gegnerschaft im Weltkriege nicht zerstört worden, umsomehr als zahllose russische Emigranten, vor allem aus den Kreisen der ehemaligen Zarenarmee, des Adels und der Bürokratie, sich nach dem bolschewistischen Umsturz in Bulgarien niederließen, um dort im geistigen und wirtschaftlichen Leben eine sehr einflußreiche Rolle zu spielen. Es ist interessant, daß schließlich gerade diese sentimentalen Faktoren zu einer Verständigung zwischen Rußland und Bulgarien geführt haben, ähnlich wie dies zwischen Jugoslawien und Rußland der Fall gewesen ist. In immer weiteren bulgarischen Kreisen gewann die Ansicht Oberhand, daß das Land mit dem„größten slawischen Staat der Welt“. d. h. mit Rußland, auf die Dauer unmöglich in keinen Beziehungen stehen könne. Diese Entwicklung ist durch die„vaterländischen“ Ergüsse der Sowjetpresse und die plötzliche Pflege des patriotischen Gefühls und der Heimatliebe im bolschewistischen Rußland erheblich gefördert worden. Es ist sehr bemerkenswert, daß in Moskau seit einiger Zeit die Rolle Rußlands als„traditionellen Freund des Balkans“ nachdrücklich unterstrichen wird. Es zeigt sich immermehr, daß zu außenpolitischen Zwecken die Sowjetregierung in steigendem Maße bereit ist, die alten, nationalistisch und rassemäßig betonten, imperalistischen Parolen des Zarenreiches für sich zu verwenden. In diesem Zusammenhang dürften die Bemühungen Rußlands und der Türkei um einen Ausbau des Balkanpaktes durch den Beitritt Moskaus und um ein sogenanntes Schwarzmeer=Locarno in den kommenden Wochen und Monaten eine neue Verstärkung erfahren und unter Umständen zu wichtigen Aenderungen in der Konstellation auf dem Balkan und im Nahen Orient führen. In Moskau geht man sogar so weit, Rußland als Garanten des Balkanvaktes in Vorschlag zu bringen. Bei den Vorbesprechungen, die der Anerkennung Rußlands durch Bulgarien vorangingen, hat sich Rußland auch bemüht, die noch immer stark zur Isolierung hin neigende bulgarische Außenpolitik in dem Sinne zu beeinflussen, daß Bulgarien seine Revisionsansprüche zurückstellt und mit Jugoslawien und Rumänien endgültig politischen Frieden schließt. Gelingt dies, so wird das Prestige der Sowjetunion auf dem Balkan stark anwachsen und der lte Traum der balkanischen Vorherrschaft, den das alte zarische Rußland träumte, könnte unter Umständen durch dessen rote Nachfolger, zum mindesten teilweise, Wirklichkeit werden. Wieviel Rußland an dem Balkan gelegen ist, zeigen die sehr weitgehenden Zugeständnisse, die die Sowjetregierung Bulgarien in der Anerkennungsfrage eingeräumt har. Das Anerkennungsprotokoll enthält die Zusicherung, daß keine der beiden vertragsschließenden Parteien die Frage der Politischen Emigranten aufwerfen wird. Dies bedeutet, daß die Sowjetregierung endgültig auf die bisher der Reihe nach Frankreich, Jugoslawien und Bulgarien gegenüber erhobene Forderung verzichret, die betreffenden Regierungen sollten jede Förderung der russischen Emigranten einstellen, deren Vereine und Verbände, vor allem aber die militärähnlichen Formationen, die auf dem Balkan besonders stark sind, auflösen und die Emigrantenführer ausweisen. Weiterhin verzichtet Rußland auf die der Zarenregierung gehörige russische Kirche in Sofia und das berühmte Bergkloster auf Shipka. Bulgarien hat ferner die bekannte„Propagandaklausel“ durchgesetzt, wonach Rußland sich verpflichtet, sich nicht in die innere Politik Bulgariens einzumischen. Wirtschaftlich bedeutet der Balkan für Rußland nicht viel. Im Rahmen der allgemeinen Paktpolitik Litwinows stellt der Balkan indessen einen wichtigen Faktor dar. Dies umsomehr, als bei der weitgehenden Annäherung zwischen der Sowjetunion und 8 Appell an die Steuerzahler. Eine Liste der Säumigen. Berlin, 11. August. Der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Reinhardt, veröffentlicht einen Appell zur pünktlichen Entrichtung aller Steuern. Die Einstellung des einzelnen Volksgenossen zum Staat, so führt der Staatssekretär in der„Deutschen Steuerzeitung“ aus, finde ihren Ausdruck in dem Grad des Pflichtbewußtseins und des Verantwortungsbewußtseins gegenüber dem Staat. Eine der wesentlichsten Pflichten beruhe darin, dem Staat die zur Erfüllung seiner Aufgaben erforderlichen Mittel zu geben. Der Grad des Pflichtbewußtseins und des Verantwortungsbewußtseins des einzelnen gegenüber dem Staat bestimme sich infolgedessen im wesentlichen nach seiner Ehrlichkeit bei der Abgabe von Steuererklärungen und nach der Pünktlichkeit in der Erfüllung seiner steuerlichen Verpflichtungen. Diese beiden Eigenschaften stellten die Grundlage wahrer Treue zum Staat und damit zur Volksgemeinschaft dar. Je stärker diese Eigenschaften sich ausprägten, um so größer gestalte sich das Maß, um das die Steuerlast gemildert werden könne und um so stärker seien infolgedessen die Voraussetzungen für eine durchgreifende Gesundung der sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen Dinge unseres Volkes. Mangel an Ehrlichkeit und Pünktlichkeit in der Erfüllung der steuerlichen Verpflichtungen bedeute Mangel an Treue zum Staat und zur Volksgemeinschaft. Um diesen Mangel aus dem Kreis unserer Volksgenossen möglichst auszuschließen und gleichzeitig die Kraft des Staates zur Erfüllung seiner Aufgaben zu stärken, kündigt, wie das Ndz meldet, Staatssekretär Reinhardt an, daß in Zutunft eine Liste der säumigen Steuerzahler aufgelegt werden wird, und zwar erstmalig im Frühjahr 1936 für das Jahr 1935. In die Liste der säumigen Steuerzahler wird aufgenommen, wer am 1. Januar 1935 mit Steuerzahlungen aus der Zeit vor dem 1. Januar 1935 rückständig ist oder es im Jahre 1935 hinsichtlich einer Zahlung oder Vorauszahlung zu einer zweimaligen Mahnung kommen läßt. Der Staatssekretär betont, daß es deshalb im Interesse eines jeden Steuerpflichtigen liege, die vorhandenen Steuerrückstände sobald wie moglich, spätestens bis Ende Dezember 1934, restlos zu beseitigen und ab Januar 1935 die einzelnen Steuerzahlungen stets pünktlich zu entrichten. Das Nationalheiligtum in Tannenberg. Wallfahrten zum Grabe Hindenburgs DNB Hohenstein, 10. August. Der starke Zustrom zum Tannenberg=Nationaldenkmal hält ununterbrochen an. Ein ungewöhnlich starker Autoverkehr bringt ebenso wie die Reichsbahn immer neue Tausende nach Hohenstein, und vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit stehen die Menschen vor dem Eingangstor, um einzeln ins Denkmal hineingelassen zu werden und am Sarge Hindenburgs vorbeizugehen. Eine selbstverständliche Disziplin regiert die Geduld der Wartenden und läßt sie die Häupter bei Betreten des Denkmals entblößen. Tiefste Stille herrscht im Innenhofe. Die Jugendherbergen auf dem Denkmalsturm, die Verkaufsstände auf dem Eingangsturm sind verschwunden. Kein Händler darf den äußeren Denkmalsplatz betreten und die ehrfurchtsvoll Wartenden stören. Ein Kommando von 28 Gendarmen überwacht den Denkmalshof; vier Gendarme halten die Nachtwache. Die Besucher werden am Hindenburgturm vorbei zum Ausgangsturm geleitet. Auf dem sauber aufgeräumten Ehrenhofe leuchtet die Farbenpracht der zahlreichen Kränze. Die Kranzschleifen sollen später im Fahnenturm aufbewahrt werden. An jedem Morgen werden an den hohen Masten vor dem Denkmal zwei Kriegsund beide Reichsflaggen hochgezogen, die Wache tritt an, zwei Landjäger stehen neben dem Hindenburgturm, zwei Posten nehmen neben der offenen Tür zur Hindenburg=Grabstätte Aufstellung. Die Offiziersehrenwache am Sarge ist durch Unteroffizierwachen übernommen. 1½stündlich wird diese Wache am Sarge abgelöst; der Posten präsentiert, die Landjäger salutieren. 14 Tage hindurch ist der Eintritt in das Denkmal frei. Täglich kommen u. a. auch viele Schulen her. Am Donnerstag weilten die beiden Töchter Hindenburgs, Frau von Pentz und Frau von Brockhusen, mit zwei Enkelkindern am Sarge ihres Vaters. Täglich wird die Begräbnisstätte im Hindenburgturm mit 8000 frischen Rosen bezw. Dahlien neu geschmückt. Noch immer ziehen in Tannenberg zum Ehrenmal trauernde deutsche Volksgenossen aller Schichten und aller Altersklassen an dem Feldherrnturm vorüber, in dem der heimgegangene Generalfeldmarschall bis zur endgültigen Beisetzung im Hindenburgturm ruht. Man sieht hier Kinder, die dem toten Vater des Vaterlandes den letzten Gruß entbieten. Frankreich gute Beziehungen zwischen Moskau und den beiden französischen Verbündeten auf der Balkanhalbinsel, Jugoslawien und Rumänien, für Moskau auch im weltpolitischen Aspekt großen Wert haben können. Durch seine Balkanpolitik möchte Rußland auch gleichzeitig einen gewissen Druck auf das mit Rumänien verbündete Polen ausüben, dem man trotz aller Pakte im Zusammenhang mit der Haltung Polens gegenüber dem Nordostpakt in letzter Zeit in der Sowjethauptstadt im wachsenden Maße mißtraut. Die Balkanabteilung des Außenkommissariats in Moskau ist in den letzten Wochen und Monaten stark ausgebaut worden, nach den Hauptstädten der Balkanländer sollen prominente Diplomaten als Gesandte gehen und ein so guter Kenner des europäischen Südostens und des Nahen Orients, wie der neue Sowjetbotschafter in Ankara, Karachan, wird von der Türkei aus die Entwicklung der Beziehungen zwischen Rußland und den Balkanstaaten weitgehend beeinflussen können. Es wird davon gesprochen, daß der frühere stellvertretende Außenkommissar Sokolnikow Nachfolger des verstorbenen Botschafters Dowgalewski in Paris werden soll bezw. nach Rom ernannt werden wird, wenn der jetzige römische Botschafter der Sowjetunion Potemkin den Posten in Paris übernimmt. In diesem Falle würde der in Moskau sehr geschätzte Sowjetgeschäftsträger in Paris, Rosenberg, erster Sowjetgesandter in Bukarest werden. Rosenberg gilt als einer der ausgesprochensten Befürworter des„französischen Kurses" der russischen Außenpolitik und würde daher in Rumänien entsprechend wirken können. Nach dem Eintreffen Karachans in Ankara ist jedenfalls mit einer starken Belebung der russischen Aktivität auf dem Balkan und dem Nahen Orient zu rechnen. Die Saarfrage vor dem Völkerbund. DNB Genf, 11. August. Das Programm für die 81. Tagung des Völkerbundrates, die am 7. September beginnen soll, wurde am Freitag vom Völkerbundssekretariat veröffentlicht. Unter den 19 Punkten, die zur Verhandlung stehen, begegnen nur wenige einem allgemeinen Interesse. Im ganzen ist das Programm noch nichtssagend, doch weiß man aus Erfahrung, daß es oft in letzter Minute noch vervollständigt werden kann. Für Deutschland hat Punkt 15 ein gewisses Interesse, da der Rat sich hier mit einigen Minderheitsbeschwerden beschäftigen soll. Darunter fallen die Frage der Erlaubnis zum Alkoholausschank in Polen und die Beschwerde des Fürsten Pleß wegen der willkürlichen Maßnahmen polnischer Behörden in seinen Betrieben. Hierzu werden Gegenbemerkungen der englischen Regierung angekündigt. Punkt 16 ist neuartig. Er betrifft die Klagen von Schweizer Bürgern wegen Kriegsschäden während des Weltkrieges. Die Schweizer Regierung hat sich, wie seinerzeit gemeldet, selbst dieser Sache angenommen und sie dem Völkerbund unterbreitet. Punkt 17 sieht eine Verhandlung über den ewigen Streit zwischen Bolivien und Paraguay vor. Als letzter Punkt 19 steht auf der Tagesordnung die bei weitem wichtigste Frage: die Saarfrage, von der es kurz heißt:„Vorbereitende Maßnahmen im Hinblick auf die Volksabstimmung, Arbeit des Dreierkomitees und der Abstimmungskommission. Auch hier sind Bedeutung und Ausdehnung der neuen Saaraussprache noch nicht zu ermessen. Für einen Vertrag zwischen den baltischen Staaten. DNB Riga, 11. August. In einer Rede in Libau(Liepaja) führte der lettländische Ministerpräsident und Außenminister Ulmanis aus: Wir müssen für eine Zusammenarbeit der Länder am Baltischen Meer nachdrücklichst eintreten. Die Aufgabe Lettlands besteht an erster Stelle darin, seine Kräfte mit denjenigen seiner Nachbarn zu vereinigen, wo die geschichtlichen, geographischen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse den leichtesten Erfolg ermöglichen. Wir verfolgen diese Aufgabe vom ersten Tage unserer Unabhängigkeit an. Die lettländisch-estländische Union, die immer enger wird, ist die erste Frucht unserer Bemühungen. In diesem Jahre machte auch Litauen die seit langem erwartete Bewegung in Richtung auf eine engere Zusammenarbeit. Wir können optimistisch sein, da die Stellung Lettlands unter seinen Nachbarn stark ist und die Gesamtlage an den Gestaden des Baltischen Meeres keinerlei Furcht rechtfertigt. Die baltischen Staaten stehen auf dem Standpunkt, daß die Lage in Östeurapa so weit gereift ist, daß man eine dauerhafte Verstärkung durch einen den bestehenden Beziehungen entsprechenden Vertrag ins Auge fassen kann. Bedrohung der Goldwährung? (!) Paris, 11. August. In Pariser Finanzkreisen wird die Verstaatlichung der Silberbestände in den Vereinigten Staaten von Amerika mit Ruhe aufgenommen, obwohl man diese Maßnahme jenseits des Ozeans teilweise als eine Bedrohung der Goldpolitik der Länder mit Goldwahrung hinstellte. In Paris glaubt man nicht daran, daß sich die amerikanische Währungsmaßnahme auf die französische Währungspolitik oder auch nur auf das System der internationalen Zahlungen der Länder mit Goldwährung auswirken wird. Die Goldbestände, die Frankreich in den Vereinigten Staaten liegen hat, sollen außerordentlich gering sein. In Pariser Finanzkreisen sieht man in der Verstaatlichung des Silbers übrigens nicht unbedingt einen Hinweis auf eine neue Entwertung des Golddollars. Französischer Kabinettsrat. (!) Paris, 10. August. Im Verlauf des Kabinettsrats, der am Freitag vormittag zusammengetreten ist, überreichten die Staatsminister ohne Portefeuille Herriot und Tardieu dem Ministerpräsidenten ihren Bericht über ihre Preisuntersuchungen für Fleisch= und Milchprodukte im Einzelhandel. Der Justizminister wurde ermächtigt, beim Wiederzusammentritt der Kammer einen Gesetzentwurf einzubringen, der Maßnahmen gegen die gegen die nationale Einheit gerichteten Machenschaften enthält.(Offenbar ist hierbei an die Bretagne gedacht). Der stellvertretende Außenminister Pietri gab eine Uebersicht über die internationale Lage und über den Stand der Ostpaktverhandlungen. Nach Erledigung einer Reihe von Finanzfragen durch den Finanzminister berichtete der zuständige Minister über die Zwischenfälle im Bergwerk Escarpelle, die zur Ausweisung derjenigen ausländischen Bergarbeiter geführt haben, die sich aktiv an der Streikbewegung am 7. August beteiligten und, wie es in der amtlichen Mitteilung über den Ministerrat heißt,„damit das Wohlwollen Frankreichs mißbrauchten, das trotz der Arbeitslosigkeit zahlreiche ausländische Arbeiter auf französischem Boden zulasse.“ Der stellvertretende Innenminister teilte ferner mit, welche Maßnahmen getroffen seien, um die in Constantine wiederhergestellte Ordnung aufrechtzuerhalten. Der Landwirtschaftsminister gab einen Ueberblick über die Lage des Getreidemarktes. Obgleich eine zuverlässige Schätzung der diesjährigen Ernte nicht möglich sei, werde sie wesentlich geringer sein als im vorigen Jahre. Der Ministerrat hat zur Stützung des Getreidemarktes verschiedene Maßnahmen beschlossen. Der Arbeitsminister erstattete über den Stand der Vorarbeiten des Arbeitsbeschaffungsplanes Bericht. Außenminister Barthou und Innenminister Sarraut haben an dem Kabinettsrat nicht teilgenommen, da sie sich in den Ferien befinden. Der nächste Kabinettsrat wird am 30. August stattfinden. Staatsreform in Frankreich? (!) Paris, 11. August. Zu dem Kabinettsrat, der Freitagvormittag stattfand, verlautet noch, daß der geplante Gesetzentwurfzur Bekämpfung staatsfeindlicher Umtriebe nicht nur eine gesetzliche Handhabe zum Einschreiten gegen autonomistische Elemente in der Bretagne, sondern auch gegen Kommunisten im Elsaß geben soll. Nach dem Kabinettsrat haben Arbeitsminister Marquet und Pensionsminister Rivollet dem Ministerpräsidenten einen Entwurf zur Staatsreform unterbreitet, den sie vorzubereiten beauftragt worden waren. Der Ministerpräsident wird diesen Plan während seiner Ferien, die er von Sonntag ab in seinem Landsitz in Tournefeuille in Südfrankreich fortsetzt, prüfen und behält sich vor, ihn dem nächsten Kabinettsrat zu unterbreiten. Der Ministerpräsident selbst dürfte seine Ansicht zur Verfassungsreform kurz vor Wiederzusammentritt des Parlaments im September bekanntgeben. Salzüberfluß in Frankreich. (!) Paris, 10. August. Die Salzgewinnung aus dem Meer, die an der Küste von St. Martin de Ré betrieben wird, hat sich als Ueberproduktion erwiesen. Es gelingt den Salzerzeugern nicht mehr, ihre Ware abzusetzen. In den Vorratslagern befindet sich noch Salz, das im vorigen Jahre gewonnen worden ist, in großer Menge. Die Salzproduzenten beabsichtigen daher in der Mehrzahl, ihr Gewerbe vom nächsten Jahr an aufzugeben. Ausweisung polnischer Bergarbeiter. (!) Paris, 10. August. Zwei Angestellte des Bergwerks, dem die 89 ausgewiesenen Polen in Escarpelle angehörten, haben Freitag im polnischen Konsulat in Lille vorgesprochen und gebeten, die Pässe für die Ausgewiesenen und ihre Familien bis Sonnabend vormittag auszustellen. Das polnische Konsulat in Lille hat erklärt, daß es bei allem Fleiß nicht imstande sei, in so kurzer Zeit die Pässe für 89 Bergleute und 57 sie begleitende erwachsene Personen, auszustellen. Nichtsdestoweniger werden 200 Polen, darunter 89 Bergleute ud 57 Frauen und Kinder, ihren bisherigen Wohnort am Sonnabend früh um 9 Uhr verlassen und den Sonderzug besteigen, der sie bis zur polnischen Grenze fahren soll. Dieser Sonderzug wird in Lille auf einem toten Gleis so lange warten, bis die Pässe für die Insassen durch das polnische Konsulat ausgestellt sind. Der Minister für öffentliche Arbeiten, Flandin, empfing am Freitag eine Abordnung des Bergarbeiterverbandes und teilte ihr mit, daß die Behörden die Vorkommnisse in dem Bergwerk von Escarpelle nicht verallgemeinern und alle ausländischen Bergarbeiter maßregeln wollten. Die Regierung werde darauf sehen, daß niemand die Gesetze übertritt: aber sie denke nicht daran, die bisher gegenüber den ausländischen Arbeitskräften befolgte Politik zu ändern. Gegen illegale Einwanderung nach Palästina. X Jerusalem, 11. August. Die Palästina=Mandatsregierung gab einmalig und über die regelmäßige, zweimal im Jahr erfolgende Zuteilung von Einwanderungszertifikaten hinaus 1200 Erlaubnisscheine für jüdische Arbeiter zur Einwanderung nach Palästina frei. Dies ist das zweite Mal in der Geschichte des Mandatslandes Palästina, daß ausnahmsweise zwischendurch Einwanderungszertifikate freigegeben wurden; das erste Mal geschah es während der Amtsperiode von Sir Herbert Samuel als Oberkommissar Palästinas. Die Einwanderungszertifikate sollen diesmal zugunsten der sogenannten Schwerindustrie in Palästina gegeben worden sein, d. h. der Palestine Potash Company, die Kali und Brom am Toten Meer gewinnt, und der Palestine Electric Corporation, die ein Kraftwerk am Jordan unterhält, sowie der Nesher=Zementfabrik in Haifa. Zur Abwehr der illegalen Einwanderung von Juden nach Palästina, die in steigendem Maße durch hierfür entstandene Organisationen über die Grenze geschmuggelt werden, hat sich ein arabischer Grenzschutz gebildet, der der Polizei jeden Juden, den er bei der ungesetzlichen Ueberschreitung der Grenze ertappt, zuführt. Alle paar Tage werden die Zahlen der auf solche Weise verhafteten Juden veröffentlicht. Die Polizeibehörden führen Juden, die die Grenze ungesetzlich überschreiten, dem Gericht und Gefängnis zu. Die ungarische Armee ehrt die die deutschen Gefallenen. Berlin, 9. August. Der Oberbefehlshaber der königlich=ungarischen Armee. v. Karpathy, der in Begleitung des Majors v. Szurmay die königlich=ungarische Regierung und ArExzellenz von Karpathy im Gespräch mit dem Berliner Stadtkommandanten Generalmajor Schaumburg. Der Stand des Ostpaktes. Die„Times" zu den Verhandlungen. E London, 11. August. Der Pariser Vertreter der„Times“ berichtet: Die Verhandlungen über einen Sicherheitspakt in Osteuropa nähern sich einem entscheidenden Abschnitt. Die französische Regierung erwartet eine baldige Mitteilung der polnischen Regierung über ihre Haltung gegenüber dem Vorschlag. Sie hat die polnische Regierung darauf hingewiesen, wie wichtig es sei, noch vor dem Zusammentritt der Völkerbundsversammlung im September für oder gegen den Pakt zu nehmen. Die polnische Antwort wird, gleichviel, ob sie günstig oder ungünstig lautet, das Ende der ersten Phase der Verhandlungen darstellen. Nachdem die baltischen Staaten bereits ihr grundsätzliches Einverständnis erklärt haben, bleibt dann noch die Stellungnahme der Reichsregierung abzuwarten. Der Grund für den französischen Wunsch, vor September zumindesten zu einer vorläufigen Entscheidung zu kommen, ist darin zu suchen, daß es jetzt endgültig feststeht, daß Sowjetrußland auf der September=Versammlung den Antrag auf Zulassung zum Völkerbund stellen wird. Falls die Aufnahme erfolgt, würde dies der erste Schritt zur Verwirklichung des Paktes bedeuten. Die Franzosen erwarten, daß es dann eine Periode eifriger Verhandlungen geben wird, für die sie völlig gerüstet zu sein wünschen. Nach französischer Ansicht müßten die Verhandlungen möglichst beschleunigt werden, um gewisse Gefahrenquellen in Osteuropa zu stopfen. Die Franzosen erklären, wenn Polen und Deutschland nicht teilnehmen wollten, dann müsse der Pakt ohne sie abgeschlossen werden. im Notfall sogar nur zwischen Frankreich und Rußland. Der Korrespondent fügt hinzu, die Franzosen behaupten nicht, daß die Mitgliedschaft im Völkerbund oder eine Verständigung mit Frankreich für die Sowjetregierung eine ideale Lösung der russischen Probleme bedeute. Die Sowjetregierung brauche Sicherheit im Westen, die ihr die Möglichkeit geben würde, der wirklichen oder vermeintlichen japanischen Gefahr gegenüberzutreten. Der Führer in der Ausstellung„Die Straße". Der Führer und Reichskanzler besichtigte am Donnerstag in München die Ausstellung„Die Straße“. Ein goldenes Luftschiff=Jubiläum. Vor 50 Jahren erstes lenkbares Luftschiff. Pünktlich wie die Eisenbahn, sicher, zuverlässig und bequem überquert das Luftschiff„Graf Zeppelin“ die Ozeane. Aus dem modernen Verkehrsleben sind seine Fahrten überhaupt nicht mehr wegzudenken. Mit gelassener Selbstverständlichkeit verfolgen wir die kurzen Nachrichten über Start und Landung des gewaltigen Fahrzeugs. Und doch sind es in diesen Tagen erst 50 Jahre her, daß einer seiner Vorläufer als erstes lenkbares Luftschiff sich in die Lüfte erhob, nach einigen Schleifen wendete und wieder an den Ausgangspunkt zurückkehrte. Seitdem im Jahre 1783 Montaolfier mit seinem von erhitzter Luft getragenen Ballon in Paris aufgestiegen war, beschäftigte sich die Phantasie von Erfindern und Projektemachern, von Gelehrten und Schwindlern unablässig mit dem Problem, den Ballon lenkbar zu machen. Unabhängig von der Luftströmung, nach dem Willen seines Lenkers eigene Bahnen verfolgend— das war das Zukunftsideal all dieser Männer. Als die erhitzte Luft zum ersten Mal dem Gasgemisch weichen mußte, da war man in der Luftfahrt wohl ein großes, gewaltiges Stück vorwärts gekommen. Aber lenkbar war auch dieser Ballon noch nicht. Mit Hilfe von Segeln und Schleppseilen wollte man ihn in eine bestimmte Richtung zwingen, aber alle diese Notbehelfe schufen noch keine Lösung. Erst die Erfindung der Kraftmaschinen brachte auch hier neue Fortschritte. Schon 1852 wurde eine kleine Dampfmaschine, die drei PS zu leisten vermochte, in ein kleines französisches Luftschiff eingebaut. Aber die damit erzielte schneckenhafte Geschwindigkeit versagte bei dem geringsten Lufthauch. Zwei Jahrzehnte später zog man eine Gasmaschine zum Antrieb heran. Ein Deutscher, Paul Haenlein, war es, der in Oesterreich seine Versuche anstellte, aber auch sie scheiterten zuletzt an der Untauglichkeit der Mittel. Inzwischen aber war die grundlegende Umwälzung der ganzen Kraftwirtschaft durch die Erfindung eines brauchbaren Elektromotors eingetreten. Und im Jahre 1884 startete in Frankreich ein Ballon von knapp 2000 Kubikmeter Inhalt, dessen Schraube von einem Elektromotor von 8,5 PS angetrieben wurde. 23 Nirometer in der Stunde: das war das stolze Ergebnis dieser ersten Fahrt. Am 9. August 1884 fand sie statt. Das Luftschiff beschrieb bei völliger Windstille, auf die man allerdings mehrere Wochen gewartet hatte, in der Luft eine Acht und wurde dann an seinen Ausgangspunkt zurückgelenkt. Zum ersten Mal war es gelungen, einem Ballon die Eigenbewegung zu geben. Noch aber war die Antriebsquelle zu wenig leistungsfähig, noch verbraucht sie, da ja umfangreiche Batterien mitgeschleppt werden mußten, einen zu großen Teil der Tragkraft. Erst der Automobilmotor in seiner Durchbildung durch die Deutschen Benz und Daimler, ermöglichte es, leistungsstarke Maschinen auch für Luftschiffe herzustellen. Dem Grafen Zeppelin blieb es vorbehalten, die bescheidenen Versuche seiner Vorläufer zum Welterfolg zu führen. mee bei den Beisetzungsfeierlichkeiten am TannenbergDenkmal vertreten hatte, legte am Donnerstag mittag am Ehrenmal einen Kranz nieder. Der prachtvoll geschmückte Lorbeerkranz trug auf grün=weiß-roter Schleife die Inschrift„Den gefallenen Helden der ruhmreichen deutschen Armee. Die königlich=ungarische Honved.“ Vor dem Ehrenmal hatte eine Kompagnie des Berliner Wachregiments Aufstellung genommen. Der Kommandant der Stadt Berlin, Generalamajor Schaumburg, begrüßte die ungarischen Militärs, die in schlichter grün=blauer Unifom mit Stahlhelm erschienen waren. Unter den Klängen des Präsentiermarsches schritten die ungarischen Offiziere die Front ab, um sich dann zusammen in das Ehrenmal zu begeben. Anschließend nahm der Oberbefehlshaber der königlichungarischen Armee, v. Karpathy, den Vorbeimarsch der Ehrenkompagnie ab. Neuartige Anwerbung von Fliegern in England. £ London, 11. August. „Daily Mail“ berichtet über eine Neuerung, die in der englischen Luftstreitmacht im Zusammenhang mit dem neuen Bauprogramm eingeführt wird. Lehrlinge im Alter von 15 bis 17 Jahren, die in der Rüstungs= und Funkindustrie sowie im photographischen Gewerbe tätig sind, sollen angeworben und als Beobachter ausgebildet werden. Auch der Nachwuchs an Flugzeugführern soll auf dieselbe Art geworben werden. Flieger, die zu Beobachtern ausersehen sind, müssen zunächst einen zweimonatigen Kursus in der Bedienung von Maschinengewehren und im Bombenabwerfen machen. Entspannung in Constantine. (!) Paris, 10. August. Der Generalgouverneur von Algerien, Carde, der seinen Urlaub unterbrochen hat und wegen der Zwischenfälle in Constantine nach Algerien zurückgekehrt ist, hat dem französischen Innenministerium seinen ersten Bericht übermittelt. Er teilt darin mit, daß ihm eine Abordnung der mohammedanischen Bewohner von Constantine versichert habe, daß alles getan worden sei, um die Ruhe wiederherzustellen. Er habe auch eine Abordnung der israelitischen Gemeinde von Constantine empfangen und ihr zugesichert, daß das unternommene Werk der Gerechtigkeit fortgeführt werden solle. Der Generalgouverneur betont schließlich, er habe den Eindruck, daß beide Parteien ihre Verpflichtungen achten würden. Da die Ruhe vollkommen wiederhergestellt sei, werde er seinen Urlaub fortsetzen. Am heutigen Freitag werden 150 Unruhestifter vor dem Schnellrichter erscheinen. Abschaffung der großen Anfangsbuchstaben in Dänemark. : Kopenhagen, 11. August. Die Vertreterversammlung der dänischen Lehrervereinigung hat am Mittwoch einen Beschluß gefaßt, der in der dänischen Oeffentlichkeit zu großen Auseinandersetzungen Anlaß geben dürfte. Nach längerer zum Teil recht lebhafter Aussprache wurde mit etwa 160 gegen 18 Stimmen eine Entschließung angenommen, die sich für die teilweise Abschaffung der großen Anfangsbuchstaben ausspricht. Die darauf hinzielenden Bestrebungen haben besonders in Schriftstellerkreisen seit längerer Zeit heftige Kritik hervorgerufen. Von Bedeutung ist deshalb eine Erklärung des dänischen Unterichtsministers, der sich zwar als Anhänger der Abschaffung der großen Anfangsbuchstaben bezeichnete, übereilte Maßnahmen auf dem Verwaltungswege aber ablehnte. Waffenfunde bei Klagenfurt. DNB Wien, 10. August. Gestern wurde in einer Ziegelei bei Klagenfurt durch die Gendarmerie festgestellt, daß dort Sprengkörper erzeugt wurden. Sprengröhren wurden noch vorgefunden. Nach den bisherigen Erhebungen ist festgestent daß die Sprengmittel von Klagenfurt in die Ziegele ebracht und dort die Sprengröhren gefüllt wurden lußerdem wurden in der Ziegelei zwei Maschinen pistolen, acht Gewehre und ziemlich viel Munition aufgefunden. In diesem Zusammenhang wurden bereite mehrere Personen verhaftet, weitere Verhaftungen steher bevor.ehen Zuchthaus für KPD-Funktionär. Berlin, 11. August. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilte der 1. Senat des Volksgerichtshofes am Freitag den jährigen führenden kommunistischen Funktionär Walter Duddins entsprechend dem Antrag des Reichsanwalts zur zulässigen Höchststrafe von 3 Jahren Zuchthaus. die Strafe werden 8 Monate der Untersuchungshaft angerechnet. Duddins war, wie vom Vertreter der Reichsanwaltschaft in seiner Anklagerede und vom Vorsitzenden bei der Urteilsbegründung angeführt wurde, einer der gefährlichsten Vertreter der KPD in Deutschland, der vom Zentralkomitee mit den wichtigsten Posten innerhalb der Parteiarbeit betraut worden war. Im Mai 1930 wurde er als politischer Leiter in den Bezirk Groß=Thüringen berufen, der bei der KPD neben Groß=Berlin und dem Ruhrgebiet als wichtigster Bezirk und als Schlüsselstellung im Herzen Deutschlands größte Beachtung fand, Hier hat er durch seine planmäßige Arbeit die KPD wesentlich gefördert. Seine Flugschriften aus der damaligen Zeit wie auch seine öffentlichen Reden tragen zum großen Teil hochverräterischen Charakter und dienten in einzelnen Fällen auch der Zersetzung der Polizei. Nach der nationalsozialistischen Revolution war Duddins eine Zeit lang flüchtig und ging dann nach Groß=Hamburg, wo er im Auftrag der Zentralleitung der KVD die Partei wieder aufzubauen hatte. Bezeichnend ist, daß es ihm gelang, binnen kurzem wieder 12000 zahlende Mitglieder zusammenzufassen. Während seiner Hamburger Zeit hat Duddins auch Reisen zur marxistischen Parteischule in Kopenhagen unternommen, wo für Deutschland bestimmte Funktionäre ausgebildet wurden. 15 Gehöfte niedergebrannt. X Friedland(Mecklenburg), 11. August. Das Bauerndorf Schwichtenberg wurde in der Nacht zum Sonnabend von einem verheerenden Großfeuer heimgesucht. Das Feuer breitete sich infolge der Trockenheit und des starken Windes mit rasender Schnelligkeit auf die angrenzenden Gebäude aus. Insgesamt wurden 15 Gehöfte mit 48 Gebäuden, davon elf Wohnhäuser, eingeäschert. Zahlreiche Kühe, Pferde, Schweine und viel Federvieh kamen in den Flammen um. Die Geschädigten stehen vor dem Nichts. Die aus der Umgegen erschienenen Feuerwehren konnten in der Frühe das Feuer eindämmen. Die unmittelbar an der Brandstätte stehende Dorfkirche blieb vor den Flammen bewahrt. Dies ist die dritte Brandkatastrophe im Dorf innerhalb von fünf Jahren. Im Herbst 1929 brannten 18 Gehöfte und im Spätsommer 1930 insgesamt 12 Gehöfte nieder. Damals wurde Brandstiftung festgestellt, ohne daß es gelang, die Täter zu ermitteln. Auch diesmal soll wieder Brandstiftung die Ursache des Feuers sein. 14 Bergsteiger vom Unwetter überrascht. Zwei vom Blitz verletzt. Berchtesgaden, 11. August. Auf einer Tour vom Watzmannhaus zum Hofeck wurden 14 Bergsteiger von einem Gewitter überrascht. Die Touristen konnten zwar die knapp unter dem Gipfelkreuz stehende Unterkunftshütte noch erreichen, hatten aber hier bange Minuten durchzumachen. Mehrmals schlug der Blitz in das Kreuz und in die Hütte ein. Ein Berliner Herr wurde von einem Blitzstrahl an der linken Körperseite gestreift. Der Tourist Ferdinand Haßloch aus Nürnberg wurde gleichfalls vom Blitz getroffen, aber nur unbedeutend an den Füßen verletzt. Die Bergsteiger erreichten später das Watzmannhaus. Der jüngste dieser Touristen, ein Saarländer, ist erst 18 Jahre alt. Ein alter deutscher Kreuzer verkauft. (!) Paris, 10. August. Der frühere deutsche Kreuzer„Königsberg“, der nach der Auslieferung an Frankreich in der französischen Kriegsflotte unter dem Namen Kreuzer„Metz“ Dienst tat, ist im Hafen von Brest für 301 000 Franken verkauft worden. Von den ausgelieferten Schiffen der alten deutschen Kriegsflotte steht nur noch der umgearbeitete und modernisierte Kreuzer„Straßburg“ im Dienst. Es handelt sich hierbei um den Ersatzbau für den bald nach Kriegsausbruch nach hartem Kampf gegen feindliche Uebermacht an der ostafrikanischen Küste untergegangenen Kreuzer gleichen Namens. Roosevelt wieder daheim. § Washington, 10. August. Nach einer Abwesenheit von 41 Tagen kehrte Präsident Roosevelt am Freitag mittag nach Washington zurück. Auf dem Bahnhof wurde er von einer tausendköpfigen Menge begeistert begrüßt. Eine Frau und zwei Männer in Amerika wegen Gattenmordes hingerichtet. § Newyork, 10. August. Kurz vor Mitternacht wurden im Gefängnis von Sing=Sing Frau Anna Antonio und ihre beiden Helfershelfer hingerichtet. Frau Antonio hatte ihren Gatten ermordet, um Versicherungsgelder zu erhalten. Sie ist die zweite Frau, die in den letzten 25 Jahren im Staate Newyork hingerichtet wurde. frag hun vor end for Eine Wasserhose im Departement von Sagne-et=Loire. (!) Paris, 10. August. In der Gegend von Charolles (Departement Saône=et=Loire) ging am Donnerstag eine Wasserhose nieder, die ungeheuren Schaden anrichtete. In vielen Orten stand das Wasser in den Häusern 50 bis 60 cm hoch. Mehrere Gehöfte wurden durch Blitzschläge in Brand gesteckt. Eine Menge von Rindern und Pferden ist umgekommen. Wetterbericht. :: Essen, 11. August(Drahtbericht). Wettervorhersage für Sonntag: Noch frische um West schwankende Winde, wechselnd, meist stärker bewölkt mit einzelnen Schauern, kein Temperaturanstieg, erst später wieder abflauende Winde und langsam wärmer.— Vorhersage für Montag: Wetterberuhigung, zeitweise stärker aufgeheitert, später wärmer. — Vorhersage für Dienstag: Wieder Rückdrehen der Winde auf südwestliche Richtungen, langsame Temperaturzunahme. Japan übervolkert? Die Japaner sind scheinbar ein„Volk ohne Raum“. Sie behaupten es wenigstens nachdrücklich, und viele andere sprechen es ihnen nach. Wenn sich Japan— so erklärt Colin Roß in seinem fesselnden Buch„Das Meer der Entscheidungen“(Brockhaus, Leipzig), dem wir untenstehende Zeilen entnehmen— jedoch zu einer Umstellung seiner Ernährungsgrundlage vom Reis und Fisch auf Korn und Fleisch verstehen könnte, wäre es mit einem Schlage schwerwiegender Sorgen ledig... Wie eine Gezeitenwelle schlägt alljährlich die Schar der maritimen Saisonarbeiter vom japanischen Stammland auf die Inseln im Norden hinüber. Mit Aomori auf der Nordspitze von Nippon ist Japan eigentlich zu Ende. Was dann kommt, ist bestenfalls Kolonie, noch nicht eingegliedertes, fremdartiges, rauhes, unfreundliches Land, und vor allem leeres Land. Leben rings um die japanische Inlandsee mehr als 200 Menschen auf dem Quadratkilometer, so sind es auf Hokkaido nur 19, auf dem japanischen Sachalin ist die Bevölkerungsdichte unter 1 pro Quadratkilometer, und auf den ganzen Kurilen wohnen überhaupt nicht mehr als 5000 Menschen. Aber wenn sich die großen Heringszüge nähern, schwillt die Bevölkerung. Dann kommen die Sachsengänger aus dem eigentlichen Japan zum Fang, und an manchen Plätzen auf den Nordinseln steigt die Bevölkerung auf das Fünf= bis Zehnfache. Japan lebt von Reis und Fisch. Fisch und Reis wird gleich nach dem Erwachen zum Frühstück genossen, auf der Mittagstafel steht Fisch in den verschiedensten Formen, gekocht, gebraten, geräuchert und roh, und auf dem Abendtisch nicht minder. Die Beschaffung von Fischen in ausreichenden Mengen ist für Japan eine Lebensfrage. Die Bevölkerung des Inselreiches ist durch Jahrhunderte hindurch mit etwa 30 Millionen gleichgeblieben. Seit der Erschließung des Landes durch den Westen hat sie sich nahezu verdoppelt. Damit wurde die Reisdecke zu knapp. Reis muß aus China, Indochina und Indien eingeführt werden. Doppelt wichtig ist es daher, daß der zweite Hauptfaktor der Ernährung im eigenen Machtund Wirtschaftsbereich in genügender Menge beschafft werden kann. Die Ausdehnung Japans nach Norden diente nicht zum wenigsten japanischen Fischereiinteressen und der Sicherung reicher Fischgründe. Auch im Frieden von Portsmouth, der den russisch-japanischen Krieg endete, verfolgten die Japaner die gleiche Politik und forderten und erhielten Fischereigerechtsame an den russischen Küsten des Amurgebietes und vor Kamschatka. Diese Rechte liefen allerdings nur auf 12 Jahre, wurden jedoch auf„einige" Zeit verlängert. Die japanische Hochseefischerei steckt technisch noch in den Kinderschuhen. Organisatorisch und finanziell ist sie zwar überwiegend Großbetrieb. Die Fischer in den armseligen Küstendörfern sind nur zum geringsten Teil eigene Unternehmer, die meisten arbeiten in festem Lohn für eine Fischereigesellschaft, aber sie fahren in ihren alten primitiven Kähnen auf See, Flachbooten, die nur beschränkt segelfähig sind und die zahlreiche Besatzung als Ruderer benötigen. Da man sich in diesen Booten nicht allzu weit vom Land entfernen kann, braucht Japan Küsten, die in neue Fischgründe reichen, und gewann sie mit Hokkaido, Sachalin und den Kurilen. Der Gedanke der japanischen Regierung war, mit der Erschließung Hokkaidos nicht nur Fisch=, sondern auch Reisnahrung für seine rasch wachsende Bevölkerung im eigenen Lande zu sichern. Gleich hinter Hakodate kamen wir in Reisfelder. Allein das dauerte nicht lange, und bald traten an ihre Stelle Aecker mit Gerste, Weide und schließlich Wald, Wald, endloser Wald. Es ist eine Binsenwahrheit, daß Japan an Uebervölkerung leidet. Die Tatsache drängt sich einem auf, wo immer man durch die japanische Hauptinsel reist. Jedes Fleckchen Erde ist genützt. Bis an den Rand der Von Dr. Colin Roß. kahlen, nackten Felsen sind die Reisfelder herangeschoben. Wo ein Bach oder ein sumpfiger Grund die Bergketten durchbricht, kriechen die schlammigen Felder mit den zartgrünen Reispflanzen in die Berge hinein, terassenförmig sich abstufend und immer kleiner werdend bis zu Abmessungen, die für unsere Begriffe puppenhaft und lächerlich sind. Wo es geht, hat man Hänge terrassiert und pumpt mühsam Wasser hinauf, um die bebaute Fläche zu vergrößern. Für das moderne, so rasch anwachsende Japan liegt eine Kette von Schwierigkeiten darin, daß es in manchen Dingen so zäh am Ueberlieferten hängt, vor allem was die Ernährung anbetrifft. Fisch muß es sein und Reis muß es sein. In der Abneigung der breiten, vor allem der ländlichen Massen, sich auf eine andere Ernährungsweise einzustellen— der verwestlichte Intellektuelle ißt sehr gern europäische Kost—, liegt eine wesentliche Schwierigkeit der japanischen Bevölkerungs= und Uebervölkerungsfrage. Die pazifische Welt steht unter schweren politischen Spannungen infolge der Weigerung Ameritas, seine Küsten dem japanischen Bevölkerungsüberschuß zu öffnen. Japan vertritt gegenüber dieser Weigerung den Standpunkt, daß die Verhältnisse es zur Abstoßung durch Auswanderung zwängen. Dieser Standpunkt ist jedoch nur bedingt richtig. Er ist es, wenn man nur das für Reiskultur geeignete Land berücksichtigt. Aber schon in den Bergen der Hauptinsel wäre noch erheblich Platz, wenn dem Japaner rationelle Viehwirtschaft beizubringen wäre. Der Japaner ist der geborene Gärtner. Jedes Feld sieht wie ein Garten aus, in dem Mann und Frau von früh bis spät mit liebevoller Sorgfalt arbeiten. Aber von Viehhaltung verstehen sie nichts. Milch und Butter kannte man bis zum Eintresfen der Fremden so gut wie gar nicht, und in den Bergen sind weite Flächen ungenützt, weil der Japaner sie nicht zu nützen versteht. Noch viel krasser stellen sich diese Verhältnisse auf Hokkaido mit seinem mittel- und nordeuropäischen Klima dar. Infolge der intensiven Sommerhitze gedeiht trotz des langen kalten Winters in einzelnen geschützten Strichen noch Reis, allein es ist auch hier bereits die Frage, ob nicht rationeller andere Früchte angebaut würden. Die ganze übrige Insel ist Land für Korn, Gerste, Hafer, Zuckerrüben und Viehwirtschaft, kurz für norddeutsche Landwirtschaft. Die Regierung hat auch einige deutsche Landwirte nach Hokkaido verpflanzt, die dort Musterfarmen anlegen und japanischen Kolonisten Zuckerrübenbau und Viehwirtschaft beibringen sollen. Aber die schönsten Musterfarmen nützen nichts, wenn die Siedler fehlen, um daran zu lernen. Die Regierung stellt zwar jedem japanischen Kolonisten Land frei zur Verfügung, das nach fünfjähriger Bestellung in sein Eigentum übergeht. Allein der Japaner trennt sich so ungern von der überkommenen Lebensweise und scheut kaltes Klima derart, daß trotzdem der Erfolg gering bleibt und nur wenige dem Anreiz folgen. Diese wenigen aber haben meist so geringes Betriebskapital, daß sie von Anfang an verschulden und oft genug ihr Land nach fünf Jahren losschlagen müssen, kaum daß es in ihr Eigentum übergegangen ist, um ihre Schulden abzutragen. Dazu kommt, daß man von den Verhältnissen im Stammland ausgehend die Landfläche, die jeder Siedler zugewiesen erhält, zu klein ansetzte. Hokkaido bietet, vorsichtig gerechnet, Raum für vier Millionen Menschen. Seine Besiedlung ist dabei seit 1907 nur um einen einzigen Hundertteil vorangekommen. Ein gut Teil der japanischen Uebervölkerungsfragen mit all den internationalen Verwicklungen, die sie in sich bergen, könnte jedoch gelöst werden, wenn es gelänge, die japanischen Bauern mit nordischem Klima, nordischen Produktionsmethoden und Lebensformen vertraut zu machen. Wir saßen in dem Bauernhof, in den der deutsche Pater uns geführt hatte, um die Feuerstelle. Aus dem Loch im Lehmboden stieg der Rauch, fand keinen rechten Auslaß und kroch beizend in die Augen. Der Kolonist, der neben uns kauerte, hatte ein Fell auf den Rücken gebunden, so daß er in seiner geduckten Haltung wie ein unheimlich großer Dachs aussah. Draußen wucherte niederes Bambusgestrüpp über die Felder. Ich erzählte von meinen Reisen durch Japan, und wie Visionen erschienen mir die sauberen kleinen Bauernhäuschen zwischen den zierlichen gepflegten Feldern, die wie niedliche Gartenbeete wirkten, die Kirschblüten vor dem dunklen Hintergrund der Föhren, die Tempel und die bunten Kimonos der Frauen, und ich verstand das sehnsüchtige Leuchten in den Augen des Siedlers, verstand die Leere Hokkaidos, Auf dem Turm. Von Klaus Hermann Nebe. Der Meister Warnick war mit den Jahren auch ruhiger geworden. Zwar stieg er noch Tag für Tag zu seinen Gesellen auf's windumwehte Gerüst auf den Dächern der Stadt, allein sonst beschränkte er sich darauf, den Gefahren aus dem Wege zu gehen und trank lieber eins beim Wirt im goldenen Löwen. Meister Warnick war Dachdekkermeister. In den kleinen Städtchen, wo er sich nach langen, erlebnisreichen Jahren der Unrast niedergelassen hatte, war er der Einzige seines Handwerks. Er gehörte aber nicht nur deswegen zu den großen Männern der Stadt, die man ehrfurchtsvoll und ergeben behandelte. Vielmehr war das Bild Warnicks immer noch von seiner Gesellenzeit her wie von einem Nimbus, einem zauberhaften Etwas umglänzt. Der tolle Warnick— so hieß er früher in der Umgebung und die Jungens hörten begeistert und mit glühenden Backen zu, wenn wieder einmal eine tolle Geschichte von dem Mann erzählt wurde, dem kein Kirchturm zu hoch, kein Brett zu schwankend und kein Sturm zu start schien. Und wenn so mancher Handwerksmeister mit den Jahren nicht nur an Geistesfülle wuchs sondern auch an stattlichem Leibesumfang zunahm, so war Meister Warnick noch als Sechziger schlank und gestrafft. Jung sah er aus, die Freunde meinten, er habe sich kaum verändert. Die Jungen blickten bewundernd und etwas neidisch zu ihm hoch, denn im Turnverein machte er ihnen noch allen zusammen etwas vor. Und wenn er erzählte... Die Gaststube des Löwenwirts war dann mucksmäuschenstill. Keiner wagte ein Wort und die Art des Meisters war so lebendig, daß sie allesamt die gefährlichen Gerüstarbeiten an himmelhohen Domtürmen mitmachten, sich mitbangten und beruhigt aufseufzten, wenn doch noch Alles gut abgegangen war. Eine kleine Geschichte erzählte er einmal aus seiner ersten Gesellenzeit. Zu dritt, frohe, übermütige Burschen zogen sie durch das Land. Mal arbeiteten sie auf diesem Dorf, mal auf jenem. So eine alte Dorfkirche braucht auch einmal ein neues Dach. Zwischenhin gab es Tage, da blinzelten sie in wohliger Faulheit in die Sonne, ließen den Wind über sich dahinstreichen und sahen ziehenden Wolken nach. Der Abglanz einer sonndurchschimmerten Abendstunde auf einer Waldwiese, der Nachhall des jubelnden blutvollen Vogelsangs am frühen Morgen und der Klang vom Rauschen eines weidenumstandenen Flusses ließ sie ihre gefährliche Arbeit mit besonderer Freude tun. Gab es eine schönere Aussicht, als vom Kirchturm über die niederen enggescharten Dächer des Dorfes, über die golden flimmernden Kornfelder und die weiten, weiten grünen Wiesen? War der Himmel hier nicht noch mal so hoch und blau und tief, daß man fast darin versank, wenn man lang hinaufsah? Pfeifend schlenderten sie abends durchs Dorf, neckten die Mädels und tranken im Dorfkrug ein Helles. Am nächsten Tag begannen sie mit der Turmarbeit. Der Vormittag verging rasch. Heiß lag die Sonne auf dem Land. Max, der eine von den dreien hatte sich etwas zu gütlich am Biere getan. Er schlief gleich ein und die Kameraden beschlossen, ihn schlafen zu lassen und seine Arbeit selbst zu machen. Als Beide zur Kirche gingen, begegnete ihnen der Pfarrer. Er wolle einmal mit hinauf und zusehen, wenn es erlaubt sei, meinte er. Gewiß, gewiß, beeilten sich die Beiden zu sagen. Er könne ruhig mit hinauf kommen. Nun, sie hatten Beide noch einiges vorzubereiten und unterhielten sich noch eine Weile mit dem Pfarrer, der sehr interessiert zuhörte, wo sie schon alle gewesen waren. Zum Teil kannte er auch die Städte und Dörfer, die sie nannten. Während sie zusammenstanden, bemerkte Warnick zu seinem Schrecken, daß Max, von dem sie annahmen, er schlief, am Turm hoch kletterte. An seinen Bewegungen war deutlich zu erkennen, daß er unsicher war. Er konnte jeden Augenblick abstürzen. Warnick war ratlos. Dem da oben konnte nicht geholfen werden. Rief man ihn, würde er vielleicht erschrecken, einen unbedachten Schritt, eine falsche Wendung machen. Ihm nachklettertn war auch sinnlos. Aeußerlich beherrscht, aber furchtbar erregt folgte Warnick dem Kameraden mit den Augen. Jetzt zog sich der am Turmknopf hoch, langsam aber doch stetig gewann er an Höhe und saß nun oben. Warnick ließ den verdutzten Pfarrer und den Kameraden stehen und jagte mit Riesensätzen die Turmtreppe hoch. Dann kletterte er mit katzenhafter Gewandtheit das Turmdach hinauf und hielt sich unterhalb des Turmkopfs fest. Mit fliegendem Atem sah er zu dem Kameraden auf, der ahnungslos um sich schaute. „Max“— rief Warnick—„Max, warum bist du hinauf geklettert! Du kommst doch in diesem Zustand nicht wieder hinunter!“ Der Angerufene starrte Warnick verständnislos an. Endlich faßte er den Sinn der Worte. Er sah um sich, auf seine Hände und dann vor sich hin. Die Angst kroch in ihm hoch. Die ganze Welt um ihn begann sich zu drehen, die Sonne, der Himmel, das Dorf. Wahnsinnig tief unter ihm lag es, in ferner, weiter Tiefe.... Schaudernd, mit vor Angst verzerrtem Gesicht sah der sonst Tapfere hinab. Ein Windstoß ließ ihn zusammenfahren. Er griff um sich, schwankte. Ohne helfen zu können, selbst nur auf schwankem Brett stehend, sah Warnick des Kameraden Todesangst. Es mußte gewagt werden, ihn herunter zu bekommen. Und wenn sie Beide in die Tiefe stürzten. „Max“, sagte er, rutsch mit den Beinen herab und ruhig zufassen. Sonst....“ Er wies auf die Tiefe da unten, auf den gepflasterten Kirchhof. Der Freund riß sich zusammen und kam langsam herab. Jetzt berührten seine Füße Warnicks Schultern, der mit angespannten Muskeln die Last, die ihn hinabdrücken wollte, trug. Ganz vorsichtig half nun Warnick dem Kameraden herunter und das Wunder geschah— beide standen heil und gesund auf dem schmalen Gerüst nebeneinander. Man zitterte an allen Gliedern. Er preßte Warnick die Hände. Sie konnten sich nicht viel sagen. Zu gewaltig und übermächtig empfanden sie die Gabe des wiedergeschenkten Lebens. Der Tod hatte sie gestreift. Nun schien ihnen das Leben ein unfaßbares Glück. vollkommener Brief. Eduard VII. war als jugendlicher Prinz von Wales fortwährend in Geldverlegenheiten. Eines Tages bat er seine Mutter, die Königin Viktoria, die auf einem Landsitz weilte, schriftlich um ein Darlehen von zehn Pfund. Die Königin, die sich über die unsolide Wirtschaft des jungen Prinzen ärgerte, richtete einen langen Brief an ihn, in dem sie ihn angelegentlich zu Sparsamkeit und vernünftiger Lebensweise ermahnte und ihm vorhielt, was sich aus einer lockeren Lebensführung für ihn, den künftigen König, alles für unangenehme Folgen ergeben könnten. Nach einigen Tagen schieb der Prinz an die Königin zurück: „Liebe Mutter! Ich danke Dir vielmals für Deinen wohlgemeinten ausführlichen Brief. Ich habe ihn an einen Sammler von Autogrammen verkauft und zwanzig Pfund dafür erhalten.“ Die Hausdame. Von Ernst Pauly. „.. Wie gesagt, Fräulein Tapfer: Sie haben Herrn Stulzenbach mehr als einen Anlaß gegeben, sich über Ihre Zerfahrenheit zu beklagen, und haben doch in den früheren Jahren bei uns gewissenhaft gearbeitet. Wie erklären Sie mir das?“ Groß und gerade stand die Verklagte vor ihrem Chef, doch die Augen hielt sie niedergeschlagen und die blassen Lippen gepreßt; nur ihre Hände tasteten unruhig ins Leere. „Ja, Fräulein Tapfer, dann werden wir uns wohl bald trennen müssen. Draußen feiern noch immer genug, die gern ordentlich arbeiten möchten.“ Mit dieser Bewegung nach dem Fenster wandte sich der Chef zur Post zurück. Bald nach solcher Verwarnung hatte kurzentschlossen Herr Schulz den Kündigungsbrief an die Mitarbeiterin unterschrieben, die sich nicht genügend bessern wollte. Erledigt schien der Fall. Als aber der Prokurist in Anbetracht einiger hoffnungsvoller Aufträge eine Nachfolgerin für umgehend notwendig erklärte, ließ er sich die Wohnungsliste seiner Angestellten hineinreichen, als sei noch etwas versäumt. Doch erst zwei Wochen später, nachdem die Bewerberinnengruppe durchmustert, die mutmaßlich Geeignetste verpflichtet war, entschloß Herr Schulz sich zu einem im Grunde überholten Erkundigungsgang. Was er, zunächst Interesse an einem leeren Stackwerk heuchelnd, dann leichthin nach der Mitbewohnerin forschend, vom Hausmeister hörte, war freilich ein sehr entschiedenes Gegenzeugnis. Das Fräulein Tapfer mache seinem Namen keine Schande; ihre Mutter, die dieser Tage erst von langem Krankenbett aufgestanden sei, unterstütze sie brav und den jungen Bruder. Nun aber werde es schlimm, denn sie solle abgebaut werden. Ob der Herr nicht vielleicht etwas wisse für das arme Mädel, etwas Anständiges; denn zu einer Liebschaft ist sie nicht, mein Herr!" In die kräftige Fürbitte schwang sich ein sehr bestimmtes Vermahnen auf den Weg; ganz rot war ja der fremde Frager geworden und hatte auf einmal mit dem Blick auf die Uhr das Fortkommen eilig. „Weshalb haben Sie mir davon garnichts bemerkt, was ich jetzt durch einen Zufall hörte von Ihrer Familie, Ihrer kranken Mutter, meine ich?“ „Als ich in Ihrem Privatkontor aushalf, sagten Sie einmal, die Privatsachen Ihrer Angestellten gingen Sie nicht das Geringste an.“ „Das tut mir recht leid, Fräulein Tapfer. Aber nun ist Ihr Platz schon besetzt. Doch auch ich habe eine Familie,— eine Vaterpflicht. Meine Hausdame ist wirtschaftlich tüchtig, nur bei ihrem Alter für meine mutterlosen Töchter, die Elfjährige und die Achtjährige, nicht ganz die richtige Stellvertreterin. Vielleicht mögen Sie bei uns den Nachmittag über sich ihrer annehmen. Wollen Sie's versuchen? Das Ausmaß der Vergütung möchte ich zunächst offen lassen.“ „In meiner Lage darf ich nichts abweisen, Herr Direktor. Ich danke Ihnen für dieses unverdiente Vertrauen.“ Jetzt nickte Herr Schulz wie ein Verstehender. Vorsorglich hatte er dem Pförtner einen Brief geschickt, der Hilfe verhieß, aber nur wenn die Auskunftsperson zu schweigen wisse. Der persönliche Vertrauensposten, der einer Abgebauten geschaffen wurde, schien nicht fehlbesetzt. Nach Ueberwindung erster Scheu schöpften die beiden Halbwaisen zu der Betreuerin, die stets gleich freundlich blieb, nie trocken wurde, wirkliches Vertrauen, gewannen an ihr Halt und Hilfe. Sie sagten es dem Vater, und beim Abendtisch, an dem Fräulein Tapfer noch mitessen mußte, gab der eigene Eindruck die Bestätigung. Auch die Hausdame fühlte sich entlastet. So nach allen Seiten überzeugt, bemaß Herr Schulz die Vergütung seiner Privatangestellten nicht kleinlich. In diese geregelte Häuslichkeit wehte ein Sommertag eine Ueberraschung aus der großen Welt. Onkel Ferdinand wollte kommen, so schrieb er vor Besteigen des Schiffes dem älteren Bruder, der Onkel, von dem die Kinder nur eine traumhafte Vorstellung bewahrten. Denn er hatte manches Jahr für ein Importhaus auf den Philippinen gearbeitet und wünschte jetzt mit halbwegs erhaltenen Ersparnissen heimzukehren. Das Fräulein bekam es schwer. Denn die Nichten wollten wissen, ob der Onkel so braun aussehen würde wie der Malaie, den sie jüngst am Trapez bewundert hatten, und malten sich Affen und Papageien aus, die der Onkel aus Urwäldern mitbrächte. Aber als der Ersehnte erschien, war er nicht brauner denn Meta und Marga nach ihrer Östseereise und zeigte sich als ein vorsichtiger Mann, der in seines Bruders Haus keine Papageienkrankheit einschleppen mochte. Dem Heimflüchter selbst stand das Herz vielmehr nach dem Finkenschlag des deutschen Bergwaldes, in dem er nach fragenstürmenden Auskunftstagen zu einiger Entspannung sich zurückzog. Nach seiner Rückkehr hätte Karl Schulz den weitgereisten jüngeren Bruder mit seinem eingefrorenen Kapital gern als Teilhaber gewonnen, zumal, wenn sich dann die geeignete Frau für ihn fand. Doch der andere wollte„erst einmal sehen" und ging an heiteren Nachmittagen mit den Nichten spazieren. Nicht ohne das Fräulein Tapfer. Denn, so meint er, einen Vorteil müßte auch die junge Haustante vom neuen Onkel haben. Unerbaulich ward es dem Hausherrn, als sein brüderlicher Gast in die Gewohnheit verfiel, abends dem Fräulein sein Geleit zu geben, da man„solche Ladies nirgends ohne Schutz" lasse Schließlich stellte er um diese verdächtige Ueberflüssigkeit den spät erst zurückkehrenden Geleiter. „Als Ehefähiger muß ich beizeiten wieder lernen, wie ein deutsches Mädchen ist. Aber ich gestehe, daß aus dieser Bemusterung vielleicht schon eine Anmusterung werden könnte. Nach dem Umhertreiben in vielem Wirbelwind schätzt man das Feste, Verläßliche in seinem schlichten Pflichtenkreis, weil es natürlich und weil es fleißig und kernig ist.“ „Na, mit der Kernigkeit— Fräulein Tapfer hat sich bei uns erst herausgemacht und Farbe bekommen. Und die Verläßlichkeit ist doch nur relativ.“ „Ich weiß alles— auch ein gewisses Pförtnergespräch... Beruhige Dich: der gute Mann hielt sich seinen Maulkorb nur so lange, bis er das tapfere Fräulein Lieschen wirklich gerettet glaubte. Die Mutter und den Bruder kenne ich natürlich auch.“ „Und Du gedenkst im Ernste— Nein, wenn jemand von uns beiden— so wäre der Nähere dazu— ich, dessen Kinder sich an sie gewöhnten, der über den ersten Rausch weit hinweg ist— obschon—“ „Aber wozu die Ueberstürzung, lieber Karl. Es wird sich alles finden.“ Er streckte dem Aelteren die Hand hin, daß der Bruder einschlagen mußte, mit einem guten Lächeln. War es Gewißheit des Ueberlegenen oder nur der Beruhigung, daß jemand wohl fahren mußte, der ihm vertraut und wert geworden war? Das würde am Ende Liesa Tapfer selbst entscheiden; denn alle Fäden dieses Hauses waren ihr ohne Absicht in die tapferen Hände geschlüpft. Ein Hotelzimmer. Von Julius Kreis. Die Gastgeber haben es verstanden, im Laufe der Zeit aus dem üblichen Hotelzimmer ein wahres Ausstattungsstück an Raumkunst zu machen: alles Licht und Luft. Da blitzt es von Glas und Nickel, Schleiflack=Möbel sind da und eine lichte Künstlertapete deckt die Mauer. Ein geräumiges, gutes Bett läßt uns einen herrlichen Schlaf ahnen. Als Zier hängt eine Faksimile=Reproduktion der Sonnenblumen von Van Gogh in schlichter Größe an der Wand, auf der ganzen Linie Sieger über das brotschneidende Lottchen aus Werthers Leiden. Hotelier und Ausstatter wissen, was sie ihrem an Verständnis und Zeitansprüchen geschulten Gast vorsetzen müssen. Aber irgendwann und irgendwo auf dem Weg, da kommt doch bisweilen noch unser Bekannter aus alten Tagen zum Vorschein: das Hotelzimmer unserer Väter. Zwar ein bißchen stirnrunzelnd, letzten Endes aber doch nicht ganz ohne Rührung nehmen wir für einen Tag, für eine Nacht davon Besitz. Um uns ist die Atmosphäre wie aus einem Kriminalroman älteren Stils und es geistert da am späten grauen Nachmittag für die an Bahnlektüre geschulte Phantasie von Defraudanten und Heiratsschwindlern, von unglücklichen Frauen auf der Flucht und ruchlosen Giftmanipulanten. Dieses Hotelzimmer alten Stils liegt gegen eine finstere regenverwaschene Brandmauer und erhält sein Licht nur durch einen Schacht. Dazu sind noch schwere, rotbraune Plüschportieren, vom vielen Anfassen schon ein bißchen fettig, an den Fenstern, die keines Menschen Hand zu öffnen vermag, nur das Zimmermädchen beherrscht sie durch einen komplizierten Kunstgriff. Man drückt an einen Knopf,— was immer auch in diesem Hotelzimmer versucht wird: mit großem Getöse und Gescheppert rasselt, klirrt, stürzt, fällt— wie in einem verwunschenen Haus, etwas ein, ab, hin, durch. Aus dem Schacht herauf dringen die Gerüchte aus Fisch= und Waschküchen, von Fleischbänken und Destillationen; im Zimmer selbst mischen sich jahrzehnte alte Seifen=, Parfüm=, Tabak=, Koffer= und Gästedünste. Große, rosarote Wirsing= und Krautköpfe schwingen ihren dekorativen Reigen auf der Tapete. Sie ist da und dort ein bißchen ein= und abgerissen und wir versuchen vorsichtig, wie ein geprüfter Kammerjäger mit der Stockspitze, ob nicht etwa verdächtiges Kleinwild da seinen Wechsel hat. Ein Plüschsofa gelb=grün=braun, zu schmal zum sitzen, zu kurz zum liegen, steht hinter einem Tischchen, über das die schwere Samtdecke hängt, an manchen Stellen ein bißchen räudig, da und dort mit dem Ring eines Flaschenbodens mit dem kleinen Brandfleck einer Zigarette— ein Schlachtfeld, eine Opferstätte rücksichtsloser Junggesellen=Allüren. Unser Fuß tritt über einen Teppich, dem der Zahn der Zeit seine Reize abgenagt hat, in der Ecke steht ein schmales Bett mit kugeligen Renaissancepfosten, dessen puritanische Ausstattung eine großkalibrige Häkeldecke verschämt verbirgt. Der blinde Spiegel am Schrank gibt uns die Illusion einer jugendlichen Erscheinung, in der Nachtkastlschublade liegt ein vergessener Lockenwickel und eine leere Pillenschachtel. Auf der Waschkommode hat ein kleines herziges Lavoire Platz in dem ein ebenso niedlicher Wasserkrug steht, auf dessen Bauch gewaltige Stiefmütterchen gemalt sind. Ein gußeiserner Ofen mit Zinnen und Balkonen wie eine Ritterburg, läßt uns zweifeln, ob er jemals geheizt werden kann. Er ist genau so Zierstück, wie das Bild im braunen Rahmen: Herzog Gero verweigert dem Markgrafen Odokar die Hand seiner Tochter Wugsinde. Und wie die Gemälde: Mühle im Schwarzwald und Leuchtturm auf Helgoland. Auf allen diesen Bildwerken haben im Lauf der Jahre Fliegen, denen sowohl Geschichte und Erdkunde als auch bildende Kunst keine Achtung abnötigten, ihre dunklen Spuren hinterlassen Am Abend wird das Zimmer von einer ganz schüchternen Glühbirne erhellt, für die als Ersatzreserve ein Kerzenleuchter bereit steht. Des Nachts gewinnt das Zimmer Leben. Wer immer von den Nachbarn heimkehrt, läßt uns durch die zarten Wände teilnehmen an Rede und Gegenrede, an emsigem Gurgeln und Spülen von Mund und Hals und an allen Verrichtungen, die ein sorgsamer Bettgeher für nötig hält. Wenn nach Mitternacht Ruhe im Haus ist, dann knarren noch die Dielen und knacken die Fichtenmöbel, in einer Ecke raschelt und nagt unentwegt ein Mäuschen, im Gang rauscht das Wasser in den Röhren, eine dicke Fleischfliege brummt an den Scheiben und in unserm mühsam herbeigewälzten Schlaf steigt Herzog Gero aus dem Rahmen über unserm Bett und verweigert uns auf dem Leuchtturm zu Helgoland die Hand seiner Tochter Wuglinde. dem Kreise Rhaus Aus der Ahaus, den 12. August 1934. Die Kirmes findet in vollem Umfange statt Auch Tanzlustbarkeiten ohne Einschränkung gestattet. Bis gestern morgen bestanden für die Dauer der Volkstrauer für den verstorbenen Reichspräsidenten ein allgemeines Verbot für Tanzveranstaltungen und einschränkende Bestimmungen für Veranstaltungen musikalischer Art. Im Interesse des Gewerbes hatten bereits am Freitag einige Bezirke der näheren und weiteren Umgebung das Tanzverbot und die übrigen einschränkenden Bestimmungen aufgehoben. Um nun eine einheitliche Regelung dieser Angelegenheit herbeizuführen, ist für alle Regierungsbezirke gleichmäßig eine Aufhebung der genannten Verbote durch einen Regierungsfunkspruch angeordnet worden. Diese Maßnahme ist für Ahaus darum von Wichtigkeit, weil am heutigen Sonntag und morgigen Montag Kirmes ist, die unter dem Tanzverbot naturgemäß zu leiden gehabt hätte. Es ware ungerecht gewesen, wenn das Verbot für unseren Kreis aufrechterhalten worden wäre, während eine Reihe von Großstädten und Kreisen bereits am Freitag alle Einschränkungen aufgehoben hatten. Darum ist die einheitliche Regelung durch Berliner Stellen im Interesse des Gewerbes und Gewerbefriedens sowie des Kirmes=Volksfestes zu begrüßen. Wo einheimische und auswärtige Kirmesbesucher in Ahaus Tanz und Konzert erwartet, ist aus den Ankündigungen zu ersehen. Seht die Stimmlisten ein Die Stimmlisten für die am 19. August stattfindende Volksabstimmung liegen heute, Sonntag, am letzten Tage von 11—12 Uhr im Rathaus, Zimmer 1, offen. Jedem Volksgenossen ist damit die letzte Gelegenheit gegeben, sich zu überzeugen, daß sein Name eingetragen ist. Wer nicht eingetragen ist, kann sein Wahlrecht nicht ausüben. Volksgenossen, denkt daran, daß jeder Deutsche nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, sein Wahlrecht auszuüben! Kameraden des Kriegervereins Ahaus! Am 19. August wird über das Reichsgesetz vom 1. 8. 1934 über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches eine freie Volksabstimmung herbeigeführt. An diesem Tage heißt für jeden Frontsoldaten und Kameraden die Parole: Unsere Stimme dem Führer und Volkskanzler Adolf Hitler, der mit beispielloser Kraft und bisher kaum geahntem Erfolg die Arbeit für eine bessere Zukunft für Volk und Vaterland, für eein neues Deutschland der Ehre, Freiheit und Größe aufgenommen hat. Kreiskriegerverband Ahaus im Reichskriegerbund Kyffhäuser Dr. Busen, Kreisverbandsführer Auszahlung der Zusatzrenten Die Kreisfürsorgestelle in Ahaus teilt uns mit, daß die Zusatzrenten für den Monat August 1934 am Mittwoch, den 15. ds. Mts. zur Auszahlung gelangen. Stadt Ahaus Alte Bauernregeln für den August Es gibt eine Reihe von Bauernregeln für den August, die auf Grund bestimmter Anzeichen das Wetter für die nächsten Tage, für den Herbst, ja sogar für den Winter voraussagen. Einige von ihnen lauten: Nordwinde im August bringen beständiges Wetter.— Wenn die Füchse kochen(d. h., wenn die Wälder dünsten), gibt es noch mehr Regen.— Wenns im August stark tauen tut, bleibt gewöhnlich auch das Wetter gut. — Sind Lorenz und Barthel schön, ein guter Herbst ist vorauszusehen.— Gewitter um Bartholomä bringen Hagel und Schnee.— Wie der Bartholomätag sich hält, so ist der ganze Herbst bestellt.— Ist es in den ersten Wochen heiß, bleibt der Winter lange weiß.— Andere Bauernregeln beziehen sich auf Gedeihen, auf das Wachstum und auf die Feldarbeit: Was der August nicht kocht, wird der September nicht braten.— Der Barthelmann hängt dem Hopfen die Dolden an.— Nach Laurenzi wächst das Holz nicht mehr.— Je dicker die Regentropfen im August, desto dünner der Wein.— Der Lenzl salzt, der Barthel schmalz's(gemeint sind die Kartoffeln).— Geraten die Haselnüß', so gibt es meist auch viel Eicheln.— Wer im Heuert(Juli) nicht gabelt, im Ernting(August) nicht zappelt, im Herbst nicht früh aufsteht, sieh zu, wie's ihm im Winter geht. An alle Anbauer von Heil= und Gewürzpflanzen! Um eine möglichst weitgehende Unabhängigkeit Deutschlands in der Versorgung mit Rohmaterial von Heil= und Gewürzpflanzen soweit sie unter unseren Bodenverhältnissen und klimatischen Bedingungen gedeihen, sicherzustellen, ergeht hiermit die Aufforderung, daß sich alle Züchter und Eigenanbauer solcher Pflanzen umgehend bis spätestens 20. August ds. Is. bei der Reichshauptabteilung II C 1 des Reichsnährstandes, Berlin SW. 11, Dessauer Straße 14, melden. Dabei ist anzugeben, welche Art und Sorte züchterisch gearbeitet wird und zu welchen Preisen Sämereien und Stecklinge der bearbeiteten Arten und Sorten abgegeben werden. Ermöglicht allen Volksgenossen das Anhören der Wahlreden! Am Montag. den 13. 8. 34 wird die Rede des Reichsministers Pg. Dr. Frick aus Köln über den Reichssender Köln um 20,30 Uhr übertragen. Während der Rundfunkübertragung werden nirgends besondere Uebertragungsanlagen auf Plätzen oder in Versammlungsräumen bereitgehalten. Jedoch sollen alle Rundfunkhörer ihre Apparate in wahrer Volksgemeinschaft zur Verfügung stellen und alle benachbarten Volksgenossen zu sich einladen, um ihnen die Möglichkeit zum Anhören zu geben. Obsibaumzählung Auf Anordnung des Herrn Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft findet im gesamten Reichsgebiet eine Obstbaumzählung statt. Die Obstbaumzählung vom 13. August 1934 wird von den Gemeindebehörden durchgeführt. Die Obstbaumbesitzer werden gebeten, sich vorher über ihren Obstbaumbestand zu informieren, damit den Zählern gleich die nötigen Auskünfte gegeben werden können. Es werden gezählt: Apfelbäume und Birnbäume getrennt nach Hoch=, Halbund Niederstämmen, sowie Spalierbäumen, Pflaumenund Zwetschen=, Mirabellen= und Reineclaudenbäume, Süßkirsch=, Sauerkirsch= Aprikosen=, Pfirsich= und Wallnußbäume. Bei sämtlichen Obstbäumen ist anzugeben, ob es sich um ertragsfähige, noch nicht ertragsfähige oder abgängige Bäume handelt. Zweck dieser Obstbaumzählung soll es sein, einmal die zahlenmäßigen Veränderungen im Obstbaumbestande gegenüber der letzten Zählung 1932/33 zu ermitteln, vor allem aber auch durch die gleichzeitige Erfragung der Standorte der Obstbäume Unterlagen für eine zuverlässige Abgrenzung typischer Obstlandschaften zu erhalten. Außerdem sind diese Unterlagen auch für die Durchführung der künftigen Obstertragsermittelung erforderlich. Gronauer todt=Rundschau Was lue ich. wenn fremde Zeitungswerber kommen? Bist Du, verehrter Leser, mit Deiner Zeitung zufrieden, an die Du Dich seit Jahrzehnten gewöhnt hast, und die Dich nach wie vor über alles Wissenswerte unterrichtet, so öffne den fremden Zeitungswerbern, denen es nur um Dein Geld zu tun ist, gar nicht erst die Tür. Glaubst Du so energisch nicht sein zu können,(Dein gutes Recht ist es), so verlange von den Werbern zunächst die Vorzeigung des grünen Ausweises als zugelassener Werber, der vom Werberat der deutschen Wirtschaft ausgestellt sein muß. Kann dieser Ausweis nicht gezeigt werden und zwar von jeder einzelnen an der Werbung beteiligten Person, so hast Du es mit Leuten zu tun, die als Werber nicht zugelassen sind. Ihnen zeigst Du sofort die Tür und meldest sie der Polizei. Deiner bestimmten Aufforderung, die Wohnung zu verlassen, hat jedermann sofort nachzukommen, da Du sonst Anzeige wegen Hausfriedensbruch erstatten kannst. Beruft sich ein Werber, wie es vorgekommen ist, auf Behörden oder beamtete Personen, so sei überzeugt, daß das Schwindel ist, der nur dazu dienen soll, Dich zu täuschen oder einzuschüchtern. Droht man Dir aber irgendwelche Nachteile an, oder sagt man,„man müsse Dich melden“, wenn Du nicht bestellen willst, so wende Dich sofort an die Polizei, denn das ist strafbare Nötigung. Bedenke immer, daß das Ziel dieser Werbung der geschäftliche Eigennutz ist. Die Entscheidung über die Wahl Deines Lesestoffes steht Dir allein und sonst niemanden zu, Nachteile irgend welcher Art, weder im Amt und Beruf, noch im privaten Leben haben die Leser unseres Blattes durch ihr treues Festhalten an der angestammten Heimatzeitung jetzt und in Zukunft nie zu befürchten. Die Freiheit in der Wahl der Zeitung, das ist von maßgebender Seite schon oft betont worden, darf und wird nicht angetastet werden. Abschied von Kreisbrandmeister Hövener Die Freiwillige Feuerwehr Gronau(einschl. Werkswehren der Firmen Gerrit und Mathieu v. Delden & Co.) war Freitag abend im Vereinslokal versammelt, um sich zu verabschieden von ihrem langjährigen, verdienten Führer, Oberbrandmeister D. Hövener, der zugleich das Amt des Kreisbrandmeisters inne hatte. Dieser langjährige Führer, der seit etwa 30 Jahren im Dienste der Freiwilligen Feuerwehr steht, zuerst 8 Jahre als einfacher Wehrmann, dann von 1912—1919 als stellvertretender Führer der Wehr, um dann in den Tagen des Niederbruchs Führer der Gronauer Freiw. Feuerwehr zu werden, muß heute die Leitung der Ortswehr und die Aufsicht über die Wehren des Kreises niederlegen, weil es das Gesetz erfordert. Dieser Kameradschaftsabend erhielt eine besondere Not durch die Anwesenheit des Kreiswehrführers Meyering=Vreden und seines Adjutanten Caspers=Heek; Beigeordneter Stadtbaurat Niklas betonte durch seine Anwesenheit die Wertschätzung, die man dem scheidenden Oberbrandmeister bei der Stadtverwaltung und in der Bürgerschaft zollt. In den Ansprachen, die sich in der Hauptsache an D. Hövener wandten, kam die aufrichtige und dankbare Anerrennung für die in jahrelangem segensreichen Wirken geleistete Arbeit zum Ausdruck, getreu dem Wahlspruch „Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr“. Eine äußere Anerkennung fand die Tätigkeit Höveners durch die Ernennung zum Ehren=Wehrführer des Kreises und zum Ehren=Oberbrandmeister der Gronauer Wehr. Der Oberpräsident der Provinz Westfalen verlieh dem wegen Erreichung der Altergrenze in den Ruhestand getretenen Oberbrandmeister das Recht zum Tragen der Uniform. Der neue Führer der Gronauer Freiw. Feuerwehr, der bereits in den letzten Monaten schon die Geschäfte zu aller Zufriedenheit führte, ist Oberbrandmeister H. Bartels, sein Stellvertreter Brandmeister Bernhard Bevers, August=Hahn=Straße. Der neue Führer der Ortswehr dankte dem bisherigen Führer für all die Energie und aufopfernde Arbeit, für den so erfolgreichen Aufbau des Gronauer Feuerlöschwesens. Die Gronauer Wehr und darüber hinaus der Kreis werden seinen Rat oft vermissen. Im Kameradenkreise blieb man noch einige Stunden gemütlich zusammen. Die Feuerwehrkapelle spielte flotte Märsche und Volksstücke, die dankbar aufgenommen wurden. Alstätte Pfarrer Möllers letzte Fahrt Am Freitagmorgen trug die Gemeinde die sterbliche Hülle ihres lieben Pastors zu Grabe. Ueberaus groß war die Beteiligung aus allen Familien; an die 50 Mitbrüder aus dem geistlichen Stande gaben ihm das letzte Geleite. Eine Menge von Kränzen aus nah und fern war der sinnige Ausdruck letzten lieben Gedenkens. So mancher war aus der Ferne herbeigeeilt, der ihm im Leben nahe gestanden hatte. Die Kirche hatte ernsten Trauerschmuck angelegt. Um 9,30 Uhr holte die Geistlichkeit und Pfarrgemeinde den toten Seelenhirten in Prozession von der Pastorat ab. In der Kirche, in die er vor 38 Jahren feierlich als Pfarrer eingeführt war, wurde er vor der Kommunionbank aufgebahrt. Das Seelenamt und die Absolutio hielt Pfarrer Luters aus Graes, die Totenpredigt und das Begräbnis Dechant Pieper aus Wüllen. Der Prediger zeichnete den Dahingeschiedenen als den guten Hirten seiner Gemeinde, der unermüdlich in Pflichttreue ausharrte. Trauerweisen des Kirchenchores umrahmten die Feier. Dann hieß es, Abschied nehmen. Dumpf hallten die Glocken zum letzten Gang. Am Turme, wo der Verstorbene vor 38 Jahren die Schlüssel des Gotteshauses erhielt und beim goldenen Priesterjubiläum von einem Throne aus zur versammelten Festgemeinde sprach, setzte sich der Leichenzug in Bewegung. Engelchen und Meßdiener stellten die Ehrenwache. Auf dem neuen Friedhof, den er vor einigen Jahren selbst angelegt und eingesegnet, fand der greise Seelenhirte seine letzte Ruhe vor dem Kreuze mitten unter seinen toten Pfarrkindern. Als die kirchlichen Gebete gesprochen waren, sang ihm sein Kirchenchor das Abschiedslied und Blumen auf Blumen der Engelchen waren der letzte Gruß.... Vor Jahresfrist fand man Pfarrer Möllers am Nachmittag vor seinem Brevier im Sessel hingesunken, infolge eines Schlaganfalls. Es war am Tag nach seiner letzten hl. Messe. Man glaubte, daß der ewige Hohepriester ihn damals schon heimholen würde. Aber ein Jahr noch wartete er; ein Jahr noch mußte der Verschiedene ohne Brevier und Meßopfer das größte Opfer seines Lebens bringen. Er hat es gern und geduldig gebracht für seine Pfarrgemeindee. Die Pfarrkinder werden ihn nicht vergessen und fleißig für ihn beten. Die Treue im Glauben wird die schönste Dankbarkeit sein. Im Herzen der Alstätter wird der liebe alte Pastor ein treues Andenken erhalten. Gebe Gott ihm die ewige Ruhe! R.i.p. Spiel und Sport Reichsbund für Leibesübungen Fachschaft 2: Fußball, Ueber eine Kreisführertagung in Duisburg und über einen Teil der dort erfolgten Anordnungen haben wir bereits gestern berichtet. Der Kreisführer des Sportkreises Steinfurt gibt von der Tagung folgenden Bericht: Auf der letzten Tagung des Deutschen Fußball=Bundes in Duisburg nahmen die Kreisführer einige Neuerungen zur Kenntnis, die weiteste Kreise interessieren werden. Schwer wird man sich zunächst an den Gedanken gewöhnen können, daß all Leibesübungen betreibenden Verbände in dem Reichsbund für Leibesübungen aufgegangen sind. Es gibt keinen Deutschen Fußballbund mehr, es gibt keine Deutsche Turnerschaft mehr, es gibt in Deutschland nur noch einen Reichsbund für Leibesübungen. Derselbe umfaßt 21 Fachschaften. Die wichtigsten sind: Fachschaft 1: Turnen, Fachschaft 2: Fußball, Fachschaft 3: Leichtathletik, Fachschaft 3: Handball usw. Alle Fußballvereine und=abteilungen können und dürfen nur noch spielen, wenn sie von der Fachschaft 2 anerkannt sind. Die DIK.=Vereine werden zu irgend welchen Spielen nicht mehr zugelassen. Doch besteht die Möglichkeit, dieselben aufzulösen, neuzugründen und dann im Reichsbund für Leibesübungen aufzunehmen. Zu diesem Zwecke findet am Dienstag, den 14. August, abends um 19 Uhr im Lindenhof Coesfeld für alle DIK.=Vereine eine diesbezügliche Besprechung statt. Wie oft haben doch die Vereine über die Wettspieleinnahme=Teilung gemurrt. Bitte! In der 2. und 3. Kreisklasse fällt die Teilung fort. Für alle Kreisklassen werden Pokalspiele vom Kreisführer angesetzt. Zu diesem Zwecke werden die 1. Sonntage im Januar, Februar, März und April von Spielen freigehalten. Um den Vereinen ein größeres Interesse an der Ausbildung der Schiedsrichter abzugewinnen, darf ein Austausch von Schiedsrichtern von Kreis zu Kreis nicht mehr stattfinden. Oft sieht man aktive Spieler fremde Mannschaften eintrainieren. Um den ausgebildeten Sportlehrern Gelegenheit zur Betätigung zu geben, ist es allen aktiven Spielern verboten, fremde Mannschaften gegen oder ohne Entgelt einzutrainieren. Vereine dürfen nur noch solche Jugendlichen aufnehmen, die den Nachweis erbringen, daß sie in der HJ. sind. Die in den Vereinen befindlichen Jugendlichen können auch dann darin bleiben, wenn sie nicht der HJ. angehören. Zum Beginn der Spielzeit wünschen die Vereine oft Pokalspiele auszutragen. Die diesbezüglichen Anträge müssen an den Kreisführer gerichtet werden und dürfen nicht gegen die Richtlinien Amtl. Mitteil. 22, Seite 5, verstoßen. Bei Vereinswechsel eines Spielers muß der Paß sofort ausgehändigt werden, jedoch brauchen rotAustrittsbescheinigungen nicht mehr ausgestellt werden Heil Hitler! Werth, Kreisführer. Hauptschriftleiter und verantwortlich für Politik: Dr. Georg Heider Münster i. W., Stellvertreter des Hauptschriftleiters und verantwortlich für Münster und das Münsterland: Fritz Rediger, Münster j. W.; für Wostdeutschland: I. V.: Karl» Bode; für Feuilleton: Peter Schlauß; für Handel und Sport Dr. Hnton Honkel, sämtlich in Dortmund; Berliner Redaktion: Dr. Ernst Häiner, Berlin-Lichterlelde; für den Zeno-Hnzeigenteil: Verlagsleiter Dr. Erich Altmeppen, Münster i. W. Druck: Zeno G. m.b. H., Münster I. M. Durchschnittsaullage: VII. 1934: Zeno-Zellung Insgesami 40975 enthaltend: Hhlener Volkszeitung, Nachrichtenblatt für die Kreise Beckum und Lüdinghausen, Hhlen, 2913;— Allgemeine Zeitung für die Kreise Coesfeld und Hhaus(Billerbecker Zeitung, Gescherer Zeitung, Vredener Hnzeiger, Stadtlohner Volksblatt), Coesfeld, 5331;— Borkener Zeltung, Borken, 3121;— Bürgerblatt für den Niederrhein und Reeser Tageblatt, Emmerich, 1836;— Dülmener Zeitung, Hmtliches Kreisblatt für den Kreis Coesfeld, Dülmen, 1788;— Halterner Zeitung, Haltern, 16872— Kreiszeitung für den Kreis Hhaus(Gronauer Volkszeltung, Eper Volksblatt), Hhaus, 3122:— Münsterländische Volkszeitung(Rheiner Volksblatt), Rheine, 3961;— Emsländische Tageszeitung(Lingener Tageszeitung, Paponburg-Hschendorfer Zeitung), Rheine, 1485:— Neuer Emsbote für Kreis Warendorf und Amt Telgte(Warendorfer Kreisblatt), Warendorf, 2542;— Tageblatt für den Kreis Steinfurt(Ochtruper Anzeiger, Wettringer Hnzeiger. Metelener Zeitung, Neuenkirchener Zeitung), Öchtrup. 1659;— Volksblatt für Bocholt und den Krais Borken, Bocholt. 6167:— Volksblatt für Wesel und den Kreis Rees, Bocholt, 944;— Volkszeitung und Nachrichten für Emsdetten, Burgsteinturt, Nordwalde, Borghorst, Greven, Emsdetten, 2376;— Volkszeitung für Dorsten und Herrlichkeit, Dorsten, 2043. Verantwortliche Schriftleitung für den lokalen Tell: Fritz Schlotjunker, Ahaus, für den lokalen Anzeigenteil: B. Schütte, Ahaus. Auf noch Ahaus! Heute Kirmessonntag findet in unseren Sälen ab 5 Uhr statt.— Es laden freundlichst ein die Wirte W. Burbaum Johs. Harpering Heisterborg Kirmessonntag Ahaus Heute ab 5 Uhr öffentl. Ball im Jugendheim Ahaus M.G.V. Sängerlust, Ahaus Restaurant zum Rathaus B. Heithaus, Ahaus Kirmessonntag von 11—1 Uhr Konzert ab 5 Uhr Konzert Joh. Kolfes, Ahaus Kirmessonntag Tanz im Freien Eintritt frei. verursachen Hühneraugen und Hornhaut. Befreien Sie sich von diesem lästigen Uebel Lebewohl gegen Hühneraugen u. Hornhaut Blechdose(8 Pflaster) 68 Pfg. in Apotheken und Drogerien. Sicher zu haben: WestfaliaDrog. W.Hansen: Adler-Drog.„Hoogen" Mein vom Herrn Stürmer bewohntes Einfamilienin Ahaus, Hochstr. 5 ist ab 1. Sept. zu vermieten. Oskar Giebken, Ahaus Viehkontrollbücher Stück 50 Pfg. Gebr. Lensing- Ahaus Bekanntmachung Auf die im Aushangkasten im Rathaus aushängenden Bekanntmachungen für die am 19. August 1934 stattfindende Volksabstimmung über die Einteilung der Stimmbezirke, über die Zusammensetzung des Wahlvorstandes sowie über die Wahlzeiten wird hingewiesen. Ahaus, den 10. August 1934. Der Bürgermeister I. V. Lüdeling In's Sauerland? Dann nur mit dem Kneebusch! Ganz neu bearbeiter von H. Kracht. Vereinigt mit Krachts Sauerländischem Wanderbuch. Der einzige große amtliche Führer des Sauerl. Gebirgs-Vereins mit Uebersichtskarte, 5 Sonderkärtchen, 7 Stadtplänen, 6 Rundschauplänen, 11 Aufrissen von Hauptwanderstrecken usw. In Ganzleinen jetzt nur noch 2.85 RM. bei Gebr. Lensing- Gronau Bahnhofstr. 2 Beilage Sonntag, den 12. August 1934 Nr. 220 Blick nach draußen. Notizen aus Auslandszeitungen. Frachtflugzeuge für den Transatlantikverkehr. Der Monat August wird für die transatlantische Luftfahrt von besonderer Bedeutung sein. Der„Newyork Herald“ kündigt an, daß am 25. August zum erstenmal ein Frachtflugzeug von Newyork nach London starten wird. Dieses Flugzeug soll in achtzehn Stunden den Ozean überqueren. Es handelt sich um ein Ganzmetallflugzeua das lediglich Fracht mit sich führen soll. Das Flugzeug hat einen Motor von 750 PS. Es fann in einer Höhe von etwa 7000 Metern fliegen und dabei etwa 10 000 englische Pfund Fracht mitführen. Je Unze Fracht soll ein Tarif von 80 Cents erhoben werdenSelbstverständlich wird dieses Frachtflugzeug mit allen Errungenschaften der modernen Flugtechnik ausgestattet werden, darunter einer automatischen Peilanlage, einem Rundfunk=Sende= und Empfangsgerät für Kurz= und Langwellensendung, Blindfluginstrumenten und versenkbaren Landungsrädern. Zunächst sollen zwei Flugzeuge eingesetzt werden und zwar eines in Newyork, das andere in Moskau. Diese beiden Städte sollen nämlich den Anfang und das Ende der Flugverbindung bilden. Die Fahrzeit zwischen Newyork und Moskau soll genau 24 Stunden betragen. Der Plan ist ausgearbeitet durch den bekannten Flieger Hutchinson, den Vater der„Fliegenden Familie“, der mit Frau und Kindern einen Flug von den Vereinigten Staaten nach England über Grönland unternahm, allerdings dabei in der Nähe von Island gescheitert ist. Neue amerikanische Bombenflugzeuge. Die amerikanische Kriegsluftflotte hat ebenfalls weittragende neue Pläne. Es ist beabsichtigt, 200 Bomben des modernsten Typs zu erbauen. Zunächst sind zwei Apparate als Versuchsmaschinen in Auftrag gegeben worden. Wie„Echo de Paris“ berichtet, handelt es sich dabei um Maschinen, die eine Geschwindigkeit von 350 Stundenkilometern besitzen. Die Maschinen sind mit vier starken Motoren ausgestattet. Jeder Apparat würde etwa ein bis eineinviertel Millionen Dollar kosten. Italien„restauriert" Kriegsschauplätze. Italien beabsichtigt, wie der„Temps“ erfährt, einen Teil der Kriegsschauplätze wieder in den Zustand zu bringen, den sie während des Weltkrieges gehabt haben. Man hat bereits damit begonnen, auf dem Schlachtfeld von Grappa und Pasubio einen Teil der Victor=Emanuel=Stellung, die im Jahre 1917 eingebaut wurde, mit Kanonen und Maschinengewehren aus der Kriegszeit auszustatten, um so gewissermaßen ein„FreilichtMuseum“ aus der Kriegszeit zu erhalten. Fliegender Arzt in Alaska. Das weite, gebirgige und den größten Teil des Jahres mit Schnee und Eis bedeckte Territorium Alaska ermangelte bislang der ärztlichen Versorgung. Das war umso bedenklicher, als überall in diesem weiten Gebiet kleine Indianerstämme leben und auch weiße Trapper und Goldsucher ihr Dasein fristen. Immer wieder hörte man, daß Menschen wegen des Mangels ärztlicher Versorgung ihr Leben lassen mußten, wo sie unter günstigeren Bedingungen leicht hätten wieder genesen können. Die amerikanische Verwaltung hat jetzt, wie„Chicago Daily Tribune“ berichtet, einen„fliegenden“ Arzt ernannt, dem das ganze Gebiet untersteht. Er wird seine regelmäßigen Rundfahrten in einem Flugzeug machen, das anstelle des traditionellen Hundeschlittens getreten ist. Dieses Flugzeug ist den besonderen Witterungsverhältnissen des hohen Nordens angepaßt. Es verfügt über eine geheizte Kabine und auch der Motor ist leicht zu erwärmen, sodaß auch bei niedrigen Temperaturen ein Start erfolgen kann. Der Anstrich ist so gehalten, daß weder Eis noch Schnee noch Regen ihn zerstören können. Die Maschine ist mit Skiern statt mit Laufrädern ausgerüstet. Der fliegende Arzt Alaskas hat sechs Assistenzärzte und zwanzig gelernte Schwestern zu seiner Seite. Außerdem sind eine Reihe von Krankenschwestern über das ganze Land verteilt, die den Indianern und Eskimos die notwendigen Arzneimitteln verabfolgen und sie medizinisch betreuen sollen. Ein Livingstone=Denkmal an den Viktoria=Fällen. Die Victoria=Fälle des Sambesiflusses sind die großartigsten Wasserfälle der Erde überhaupt. Umso größer ist ihre Wirkung, als der Reisende zuvor tagelang am Rande der Kalaharisteppe gefahren ist, die sich weitläufig und wasserlos bis zum Horizont dehnt. Hoch über dem Flußlauf, der tief eingeschnitten ist in die Felsen, schwingt sich unterhalb der Victoria=Fälle die Eisenbahnbrücke, ein Meisterwerk der Technik. Heute ist Südafrika der Welt erschlossen. Vor einem halben Jahrhundert, als Livingstone seine berühmten Forscherfahrten unternahm, war es ein weißer Fleck auf der Landkarte. Erst jetzt wird dem großen Missionar und Forschungsreisenden, der als erster diese Fälle erblickt hat, unterhalb des Katarakts ein Denkmal errichtet. Es ist soeben eingeweiht worden von dem früheren Premierminister von Rhodesia, H. U. Moffat, einem Neffen des berühmten Missionars und Freundes von David Livingstone. Das Denkmal ist aus einer freiwilligen Spende errichtet worden. Die Eisenbahn von Rhodesia hat zur Beförderung des Denkmals und des Granitsockels eine eigene kurze Stichbahn errichten müssen. Gauleiter Bürckel zum Soarbevollmächtigten ernannt. Berlin, 10. August. Der Führer und Reichskanzler hat den pfälzischen Gauleiter Joseph Bürckel anstelle des zum deutschen Gesandten ernannten Herrn von Papen zum Saarbevollmächtigten der Reichsregierung ernannt. Vierzig Probediners. Der„Beauftragte" des Baptistenkongresses. Berlin, 10. August. Mit einem ungewöhnlichen Gaunerstückchen, daß wohl einzigartig dastehen dürfte, hat ein gerissener Betrüger etwa vierzig Berliner Hotels empfindlich geschädigt. Der 54 Jahre alte Gottfried Bartholl, der nicht weniger als 30 Jahre seines Lebens hinter Gefängnis= und Zuchthausmauern verbracht hat, machte sich die gegenwärtige Berliner Tagung des Baptistenkongresses zunutze. Er erschien in Hotels, gab sich als Beauftragter des Kongresses aus und fragte, ob man bereit sei, ein großes Festessen für 120 bis 140 Kongreßmitglieder einzurichten. Fast regelmäßig war man selbstverständlich dazu bereit. Nun verlangte Bartholl, der sehr sicher und großspurig auftrat, ihm selbst zunächst ein derartiges Festessen vorzusetzen, da er sich erst davon überzeugen müsse, ob es auch allen Ansprüchen der Kongreßteilnehmer genüge. Nach dem Essen entfernte er sich mit dem Bemerken, er werde sich mit der Kongreßleitung in Verbindung setzen und dann endgültigen Bescheid geben. So zog der Gauner Tag für Tag durch die Hotels, ließ sich nach allen Regeln der Kunst aufwarten und lebte einen guten Tag, bis ihn jetzt endlich sein Schicksal ereilte. Er wurde festgenommen und in das Polizeipräsidium gebracht, wo er sich wieder für sicherlich recht lange Zeit an einfache Kost wird gewöhnen müssen. Vom Blitz erschlagen. :: Dresden, 11. August. Am Donnerstag nachmittag ging über Klotzsche bei Dresden ein schweres Gewitter nieder. Um Schutz vor dem strömenden Regen zu suchen, hatten sich sechs Frauen unter eine Gruppe hoher Fichten gestellt. In diese Baumgruppe schlug ein Blitz und verletzte die darunterstehenden Personen teils schwer, teils leichter. Ein 20jähriges Mädchen aus Dresden=Plauen erlag kurz darauf seinen schweren Verletzungen. Die beiden 19 bezw. 15 Jahre alten Schwestern der Getöteten wurden schwer verletzt, ebenso eine in mittleren Jahren stehende Frau aus Dresden; zwei weitere Personen erlitten leichte Verletzungen. Die Verletzten wurden der Diakonissenanstalt Dresden zugeführt. Zwangsversteigerung im Schloß fürsten Pleß. DNB Kattowitz, 10. August. Die angekündigte Zwangsversteigerung von Teilen der Inneneinrichtung des Schlosses des Fürsten von Pleß dauerte bis in die späten Abendstunden; sie wurde vom Leiter des Finanzamtes in Pleß, gemeinsam mit Vollziehungsbeamten, durchgeführt. Versteigert wurden die Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenständen aus zwei Stockwerken. Die Versteigerung der im dritten Stockwerk befindlichen Gegenstände, die der Fürstin gehören, wurde auf Grund einer Interventionsklage vom Bezirksgericht Kattowitz abgesetzt. Für den Sonnabend ist Versteigerungstermin im fürstlichen Jagdschloß in Promnitz angesetzt. Am gleichen Tage sollen auch die Holzvorräte der Pleß'schen Sägewerke versteigert werden. Die polnische Telegrafenagentur teilt mit, daß die Steuerbehörde das Konto des Fürsten Pleß bei der Deutschen Bank und Disconto=Gesellschaft in Kattowitz von der Pfändung befreit habe. Der Stimmzettel für den 19. August. 1. des Geietzes über vom 1. August 1934 fReichsgesetzbl. 1 S. 747) Vom 2. August 1334. Derr Reichsinnenmininer! Dir zuinigt der nattonnten Anglanes, das unter dalt getroßen dut, nsg e der Staatarderhaupies veranast uic zuie Rarrdumg 1ie Brane des Datingeschiedenen hal dem Tatel Reichsprasdent eine rmadet gegebes Erin nach unter Wer Eredfenden in dem, was er und zagtr, anen der zunden mit dem Namen des großen Toten. Jch bilte daher. Vorzarge tregen zu moden, der in auslichen und aunerautlichen Verleyr wie hisner nur 318 Zührer und Beestenze naneibruczen werde. Diese Begelung zall zur alle Zutanit gelien Ich will, daß die vom Kabinett brichlossene und versannnesrechtlich guige weiner Berion und daust des Rrichslanzzeramtes an sich mit den Kantnendernde3 Reichspraszeyten die ausdrücise Sanktion des deuiichen Volles echalt Zei dugen von der Aberzrugung, daß zer Staatsgewalt vom Velle 38gehes und von zam zu Reier und geheimer Wadi beßatigt iren wuß, ditte im Sit, den Beschluß des Kabinetts mit dea eima nam natwendigen Ergünzungen unverzualnz dem drutschen Volle zur en abszimung vorlegen zu lasten Berlin, den 2. Angust 1931. Der Reichskanzler. Adell ßitier 11. Beschluß der Reichsregierung zur einer Volksabstimmung. Nom 2. August 1934. Eatipreiend dem Wunsche des Kütters und Reichskanzlers beichließt die am Sonntag, dem 18. Angast 1983, eine Volkenbsimmung über dns Reichsgeien vom 1. Rugust 1831 Reichegesetzbl. 1 S. 7471 herbeizuführen „ans Amt des Reichsprandenten wird mit dem des Reichskanzlegs vertinige Jatelgedessen gehen die bisherigen Beingnißse des Reichsprendenten auf den Tätzer und Reichskanzler Adels Hiller über. Er bestimmt seinen Stellnertreier und beanftrant den Reichsminister des Innern mit der Duechtührung dieses Brichlubes Berlzu. den 2. Anguß 1834 Die Reichsregierung. Summst Du, dentscher Mann, und On, denische Frau, der in diesem Gesetz getroffenen Regelung zu Uschi und ihre Freier. Erzählung von Felix Freiherrn v. Stenglin. 34)(Nachdruck verboten.) Wieder ein Brummton von dem Freunde, dann ein deutlich vernehmbares Schlucken. „Du bist gut—“ sagte sie und streichelte sein Gesicht, und als sie merkt, daß über sein Gesicht eine Träne läuft, fängt sie heftiger an zu weinen.„Du warst immer so gut zu mir— „Du ja auch zu mir!“ gibt er mit etwas schwankender Stimme zurück. „Du hast mir immer recht gegeben—“ „Nicht immer, Uschi!“ „Aber doch meistens... Du warst manchmal eigensinnig— wenn du dich so anstelltest— und nicht verstehen wolltest—“ „Ich verstand natürlich, aber ich wollte deine Unarten nicht mitmachen.“ „O Heinz, das hältst du mir vor? Das ist ein Zeichen von schlechtem Charakter.“ „Du übertreibst wieder einmal grenzenlos.“ Sie biegt sich von ihm fort.„Wenn du so bist, kann ich dich nicht ausstehen. Schweigen. „Das tut mir leid,“ sagte er leise, und sie kann wohl herausfühlen, wie leid es ihm tut. Da kommt sie wieder zu ihm. „Ich will keine Abenteuer mehr,“ sagte sie und küßte ihn auf die Wange, und ihre Tränen vermischen sich mit seinen.„Ist das von mir oder von dir?“ „Von uns beiden, Uschi.“ Ihre Wangen ruhen aneinander. Heinz legt seine große Hand auf Uschis Haar und küßt sie auf die Stirn. Da reicht sie ihm die Lippen. „Ich hab dich immer so lieb gehabt.“ „Und ich dich.“ „Es gibt doch noch Liebe.“ „O ja!" „Seine Küsse sind sacht und sanft, beinahe ehrfurchtsvoll. „Ich dachte, du machtest dir nichts aus mir, Heinz— das heißt: als Freundin, ja! Aber als Frau?... „Warum sollte ich es dir sagen!“ „Aber nun ist es mit einem Male so klar um mich, so selig, lieber Heinz!“ „Liebste Uschi!“ Es kommt aus dem tiefsten Innern seines Herzens, und er hält die junge Freundin fest umschlungen. Nach einer Weile fragt sie neckisch: „Du hast Albert geholt? Warum?“ „Weil ich dich vor dem anderen bewahren wollte und dir dein Glück verschaffen, kurz: weil ich dich liebte!“ „Aber Liebe gönnt doch den geliebten Gegenstand nicht dem anderen!“ „Ich gönnte dich ihm ja auch nicht.“ Was mußt du dabei gelitten haben, lieber Heinz!“ Die Tränen versiegen allmählich, aber noch immer sitzen die beiden aneinandergelehnt in der Sofaecke, trösten und streicheln sich— und hin und wieder ein flüchtiger Kuß— „Das Hübschsein ist ein Fluch," erklärt Uschi. „Mir ganz egal, ob du hübsch bist,“ antwortete Heinz gleichgültig, beinahe wegwerfend. „Und mir ist es egal, ob du arm bist, ich würde auch mit dir hungern, lieber Junge!“ Heinz hatte eine Eingebung. „Was meinst du? In einer Hütte auf dem Felde leben, ganz weit fort von den Menschen, in einem Karren, den man hinfahren kann, wo es einem gerade gefällt... Morgens, wenn man vom Vogelgezwitscher aufgewacht ist und die Tür öffnet, liegt die Welt golden vor uns— ein neuer, seliger Tag bricht an, wir können uns zu allen Stunden sehen und Liebes tun... Und wenns dunkel wird, spinnt man sich wieder ein, kein Laut mehr, fern im Dorf nur ein Bellen, und ein Käuzchenruf vom Walde her—“ „Ach!“ sagt sie nur, und es liegt das ganze, inbrünstige Verlangen ihrer Menschenseele darin. Da fängt er an, sie stürmischer zu küssen. Einige Augenblicke läßt sie sichs gefallen, dann drängt sie Heinz zurück, und gleichzeitig horcht sie nach der Tür, als ob jemand komme, aber sie sieht jetzt die Tür hängt da zugeklingt ganz ruhig in ihren Angeln. Und doch lehnt sie sich nun nicht wieder an ihren Freund, sitzt aufrecht da und blickt aufs Fenster. „Findest du eigentlich, daß die Gardinen da für ein Herrenzimmer passen?“ fragt sie möglichst unbewegt. „Hm!“ macht er ernüchtert, und nach einer kleinen Weile der Besinnung seufzt er auf und erklärt, ohne auf die Verlegenheitsäußerung über die Gardinen einzugehen:„Es wäre natürlich eine Torheit— das mit uns, meine ich.“ Vielleicht hofft er ganz im geheimen, sie werde widersprechen, aber nach einigen Sekunden Stille kommt die Antwort: „Ja freilich, Heinz, eine große Torheit.“ „Ein Verbrechen.“ „Ja, ein Verbrechen.“ Sie sitzen still und halten ihre Hände. Endlich beginnt er wieder: „Müssen wir nicht hineingehen zu den anderen?“ „Nein, noch nicht, es ist etwas unangenehm, ihnen wieder vor die Augen zu kommen, nachdem sie mit allen Erwartungen hier angetreten sind... obgleich es auch wieder sehr komisch ist..." „Es wäre schön, wenn wir darüber lachen könnten, Uschi." „O, wenn wir nur wollen, ist die ganze Welt furchtbar komisch, Heinz, dies Gekrabbele der Menschen draußen, das Abmühen mit drolligem Eifer, die Häuser lachen dazu, die Elektrischen klingeln, da ein Bänkchen, da ein Laternchen, o es ist alles furchtbar komisch, wenn wir nur wollen.“ Sie hielt inne und fuhr ernster fort: „Nur der Tod nicht, und die Ehrfurcht und die Andacht und— die Eltern und— die Liebe——“ Plötzlich rückt sie ein Stück von ihm fort.„Du, ich habe eine Idee!“ sagte sie lebhaft.„Eine göttliche Idee! Du könntest doch eigentlich einspringen! dann braucht ich mich nicht vor ihnen zu schämen, man erwartet einen Verlobten von mir, ich bin ihnen den sozusagen schuldig, sie sollen ihn haben!“ Sie drückt heftig seine Hand, sie versucht, in seinem Gesicht zu lesen.„Was meinst du?“ Wieder lehnt sie sich an ihn.„Wir lieben uns doch! Oder nicht, Heinz? Wir lieben uns, da kann es doch nicht so schwer werden... Und wenn es wirklich nur einige Stunden dauern sollte—“ „Und— später?“ fragte er zurück „Ach, später!“ „Lückenbüßer möchte ich nicht sein.“ „Denk doch nicht an die Zukunft! Vielleicht ist sie schrecklich, vielleicht wunderschön, vielleicht sind wir morgen schon tot!“ „Um Gotteswillen!“ „Einstweilen verloben wir uns, aber wir lassen uns alle Freiheit— weil es doch vielleicht unvorsichtig wäre, wenn wir uns heirateten— aber heute wollen wir glücklich sein und obendrein einen köstlichen Spaß erleben. Willst du? Sag doch ja!“ Der Funke sprang auf ihn über. „Ich müßte ja kein Blut in den Adern haben, Uschi... es ist doch selbstverständlich, daß ich ja sage, aber wie denkst du es dir—“ „Ganz einfach! Wir ziehen die Sache von der heiteren Seite auf, das verstimmt am wenigsten. Ich stelle dich als meinen Ersatzbräutigam vor, und wir benehmen uns demgemäß. Das Weitere wird sich dann schon finden. Das Weitere wird sich dann schon finden. Du mußt mich aber unterstützen und nicht aus der Rolle fallen!“ „Ich bin zu allem bereit.“ Und dann meldete sich dennoch ein Bedenken. Heinz war nicht gesellschaftsmäßig angezogen, und bis er sich in seiner Wohnung umgezogen hatte, verging zuviel Zeit, warteten doch die Gäste schon über Gebühr! Er in seiner Wandertracht— und sie in diesem entzückenden Abendkleide— nein, das paßte nicht zueinander! Sie überlegte. Du, das machen wir anders!“ Sie stand auf und legte ihm die Hand auf den Arm.„Warte hier nur eine kleine Weile, ich komme gleich zurück.“ „Was willst du tun, Uschi?“ „Du wirst es gleich sehen.“ Mit diesen Worten eilte sie zur Tür, öffnete sie vorsichtig und steckte den Kopf hinaus auf den Flur. Sie hörte Fräulein Bertha in der Küche mit Geschirr klappern, im Eßzimmer war es noch still. Uschi huschte leichtfüßig den Flur entlang nach vorne, ohne jemandem zu begegnen, Stimmengewirr kommt aus dem Wohnzimmer. Sie hofft, ungesehen ins Schlafzimmer zu können, das ja jetzt leer ist. Und es gelingt. Leise schließt sie die Tür. 19. „Er war durchaus kein Monstrum an Häßlichkeit oder Unausstehlichkeit,“ erzählte Tante Therese im Wohnzimmer,„und es waren auch Vorzüge da, ein schöner Besitz, eine ehrenwerte Gesinnung. Das arme Fräulein konnte eigentlich von Glück sagen, daß er sie wollte. Aber ein düsteres Geschick waltete über diesem Bunde.“ Die Tante schauerte zusammen, machte eine kleine Pause und fuhr dann mit neuer Kraft fort:„Die Trauung war vollzogen, das Essen vorüber, und man vergnügte sich beim Tanze. Da— plötzlich mitten im Taumel der Fröhlichkeit— nebenbei gesagt: ich finde, eine Hochzeit sollte nie der Anlaß zur Fröhlichkeit sein, eher zum Gegenteil, wenn man die Ungewißheiten des Schicksals bedenkt und all das Leid, das unweigerlich kommen muß — genug, mitten im Festestrubel, wie man so schön sagt, heißt es plötzlich: Wo ist die junge Frau?! Ja, wo war sie? Niemand hatte sie seit einer halben Stunde gesehen. Erst fragt man arglos, dann besorgt, spöttisch, voller Angst. Sie wird gesucht in allen Räumen des Gasthofes, sie ist und bleibt verschwunden. Eine Katastrophe, wie Sie mir zugeben werden... Endlich entdeckt man unter dem geöffneten Fenster eines Seitensaales, der unbenutzt war, Spuren im Schnee, die augenscheinlich von einem kleinen Damenfuße herrühren. Sie führen nach der Gartenpforte, kurz vor dieser mischen sich die Spuren eines Männerfußes darunter, beide vereint führen hinaus ins Freie... Man ahnt das Schlimmste, das Gesicht des Mannes ist leichenfahl, der Tanz wird begreiflicherweise sofort unterbrochen, wie ein aufgestörter Bienenschwarm irren die Gäste umher, einer nach dem anderen verläßt das Haus...“ Die Tante sah sich nach ihren Zuhörern um.„Was war geschehen?... Die volle Wahrheit erfuhr man erst in den nächsten Tagen, die ganze Stadt war voll davon: Ein junger Vetter zweiten oder dritten Grades hatte die Neuvermählte entführt und mit ihr das Weite gesucht. ... Es soll eine alte Liebe gewesen sein, das junge Mädchen hatte den Eltern nachgegeben und sich in ihr Schicksal gefunden, dann aber war er im letzten Augenblick erschienen, den sie noch immer im Herzen trug, und das entschied, alle ruhige Ueberlegung wurde beiseite geworfen, alle Sitte vergessen, es galt nur das Gesetz der Liebenden, das über allen Vorschriften der Menschen steht.“ (Fortsetzung folgt.) Auftakt zur Volksabstimmung im Gau Westfalen=Nord. Gauleiter Dr. Meyer gibt die Richtlinien zur Durchführung der Volksabstimmung bekannt. Münster, 11. August. Der Wahlkampf im Gau Westfalen=Nord ist eröffnet. Den Auftakt bildeten zwei Tagungen in Münster und Bielefeld, zu denen die politischen Leiter der Bewegung, die Führer der SA., SS. und der HJ., sowie Vertreter der Behörden im Gau Westfalen=Nord vollständig erschienen waren. Die mit schlichtem Grün geschmückten Räume des Landeshauses in Münster und des Kyffhäusersaales in Bielefeld bildeten mit den Symbolen der Bewegung einen würdigen Rahmen zum Auftakt des Wahlkampfes. Unter den Anwesenden bemerkte man zum ersten Male eine größere Anzahl von Vertretern der Behörden, die gemeinsam mit den Führern der Bewegung die Parole des Gauleiters entgegennahmen, so u. a. in Münster den soeben erst in sein Amt eingeführten Vizepräsidenten Varrain und neben den Landräten des Regierungsbezirks Münster den Vertreter des Oberpräsidenten und Landeshauptmannes. In Bielefeld waren außer den Landräten auch der Regierungspräsident Pg. v. Oeynhausen und Landespräsident Dreier anwesend. Die Versammlung, die in Münster von Gauorganisationsleiter Pg. Steinecke und in Bielefeld von Gauinspekteur Pa. Heidemann eröffnet wurde, folgte aufdurch, daß wir in Zukunft allen Beschwerden nachgehen. Auch da muß in engster Zusammenarbeit in Partei und Staat gehandelt werden. In freimütiger Aussprache wird sich immer irgendein Weg finden lassen. Vor allen Dingen dürfen unter keinen Umständen berechtigte Beschwerden einfach übergangen und überhört werden. Es soll ihnen sofort nachgegangen werden. Der 19. August muß ein Markstein in der deutschen Geschichte werden. Er muß ein neuer Beweis dafür sein, daß nach tausendjährigen vergeblichen Versuchen das deutsche Volk endlich seine Ordnung gefunden hat. Er muß ein Beweis dafür sein, daß Führer und Volk eins sind. Wir kennen das Ziel des Führers: Es ist ein Deutschland der Ehre und der sozialen Gerechtigkeit zu erschaffen und die Existenzgrundlagen des deutschen Volkes für alle Zukunft sicher zu stellen. Geben wir nun am 19. August Adolf Hitler die Möglichkeit, ungehindert am Bau des Dritten Reiches zusammen mit dem deutschen Volke arbeiten und schaffen zu können. Nach den mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Gauleiters Dr. Meyer legte der Gaupropagandaleiter Pg. Schmidt ausführlich die technische Durchführung und Vorbereitung zur Volksabstimmung dar. Wahlen im Dritten Reich und Treuekundgebungen für unseren Führer sind nicht Wahlen im parlamentarischen Sinne, sie sind ein eiziges großes Bekenntsnis des deutschen Volkes zu seinem Führer vor aller Welt. Somit haben auch die propagandistischen Mittel die dem hohen Zweck entsprechende würdige Form anzunehmen. Außer den bereits durch die Presse bekannt gegebenen Rundfunkübertragungen werden in den einzelnen Kreisen nur 2 bis 3 Großkundgebungen durchgeführt, die in ihrer Gesamtheit das Bild nationalsozialistischer Volksgemeinschaft zeigen sollen. Die erste Großkundgebung findet am Sonntag vor dem Landestheater in Detmold statt, in der der Gauleiter persönlich sprechen wird. Neben den Rundfunkübertragungen und den Großkundgebungen wird auch der Film in den Dienst der Vorbereitungen gestellt. Im Wochenprogramm laufen in sämtlichen Lichtspieltheatern Filme, die das Leben und Schaffen unseres Führers zum Inhalt haben. Im einzelnen gab dann der Gaupropagandaleiter Richtlinien an Behörden sowie für die Blockwarte der Bewegung bekannt, die die Volksgenossen zur Erfüllung ihrer Abstimmungspflicht betreffen Bei der Liebe und der Verehrung, die das ganze deutschen Volk unserem Führer entgegenbringt, ist es eine Selbstverständlichkeit, daß unsere Volksgenossen in Stadt und Land aus freier innerer Ueberzeugung dem Führer durch ihren Stimmzettel das Vertrauen aussprechen, das notwendig ist, um ihm die Kraft zum Handeln zu geben und das dem Auslande zeigt, daß Deutschland geschlossen und einig hinter seinem Führer steht. Es gilt nur, diejenigen aufzurütteln, die aus Begeumlichkeit oder sonstigen Gründen den Weg zur Wahlurne scheuen. Je größer das Vertrauen, je größer die Geschlossenheit, desto größer die Macht und damit der Sieg! merksam den Darlegungen des Gauleiters, der in erster Linie über den Sinn und die Notwendigkeit der Volksabstimmung in fast einstündigen Ausführungen referierte. U. a. führte Gauleiter Dr. Meyer aus: Der 19. August muß ein Markstein in der deutschen Geschichte werden. Partei und Staat haben besondere Verpflichtungen und Aufgaben, damit die Volksabstimmung ein Erfolg wird. Ich habe Sie eingeladen, um Sie einerseits über den Sinn, andererseits über die Technik des Kampfes in Kenntnis zu setzen. Unsere gemeinschaftliche Gesinnung soll darüber hinaus im Volk Zeugnis ablegen über die Verbundenheit zwischen Partei und Staat in diesem Regierungsbezirk. Ich danke Ihnen allen, daß Sie der Einladung Folge geleistet haben. Die Nation hat in den letzten Tagen in erschütternder Weise Abschied von dem Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall von Hindenburg genommen. Die Trauer der ganzen Nation war eine einzige. Wohl kaum trauerte Deutschland so geschlossen um einen seiner Söhne. Keiner konnte würdiger dieser Trauer des Volkes Ausdruck geben als der Führer. Auch die Partei stand vom ersten bis zum letzten Mann erstarrt am Sarge Hindenburgs. Wir wissen heute, daß der Reichspräsident im Auftrage einer gütigen Vorsehung handelte. Am 30. Januar 1933 öffnete der greise Feldmarschall der Bewegung die Tore. Anderthalb Jahre hielt der getreue Ekkehardt dann den Schild über dem jungen Deutschland. Vor allem dem Ausland gegenüber. Hindenburgs Vertrauen im Auslande ermöglichte dem jungen Deutschland die ersten Schritte. Nun ist Hindenburg tot. Das deutsche Volk aber lebt, will und muß leben. Kurz nach dem Tode des Reichspräsidenten beschloß das Kabinett ein Gesetz, das das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinigte. Nicht einen Augenblick war das Reich ohne Führer. Das Ausland hatte wohl gehofft, nach dem Tode des Reichsvräsidenten schreien zu können. Hitler wage nicht die Entscheidung des Volkes anzurufen. Aber er legt nun die Entscheidung in die Hände des Volkes. Der greise Feldmarschall legte das Steuer aus der müden Hand. Der junge Führer ergriff es aufs neue. Auch die Partei steht heute wieder Schulter an Schulter. Der Zusammenschluß soll bindend werden für alle Gliederungen der Bewegung der Partei. Wir sind nicht in erster Linie Führer der PO., NSBO., der SA., HJ., Arbeitsfront, sondern wir sind in erster Linie Nationalsozialisten und Deutsche. Diese Verbundenheit der Partei muß in den nächsten acht Tagen in ganz besonders schöner Form zum Ausdruck kommen. Sie ist Voraussetzung zur wahren Volksgemeinschaft. Erforderlich ist auch die enge Zusammenarbeit mit den Organen des Staates und den Gemeinden. Der Staat ist unser Staat. Es darf keinen Gegensatz zwischen Partei und Staat geben. Die Führer der Partei und Behörden müssen in loyaler Weise zusammenarbeiten zum Wohle des Volkes. Wo das nicht geht, liegt immer Schuld. Unverständnis oder Eigennutz vor. Es müssen dann eben die Schuldigen von ihren Stellungen in der Partei oder im Staat beseitigt werden. Mögen die Auffassungen noch so verschieden sein, der Wille zur Zusammenarbeit muß immer da sein. Besonders ist darauf zu achten, daß mehr denn je allen berechtigten Beschwerden nachgegangen wird, damit jeder zu seinem Recht kommt. Der Staat ist ohne nationale Gesinnung nicht denkbar. Ihre Verbundenheit, Verehrung und Dankbarkeit können Sie dadurch zum Ausdruck bringen, wenn Sie auch Ihrerseits alles tun, was in ihren Kräften steht, um auch den letzten Volksgenossen zur Wahlurne und zum Ja=Wort zu bringen. In Spezialkundgebungen werden jedem Parteigenossen und Staatsbürger die Wege gezeigt, auf denen sie zum Wahlsieg kommen können und müssen. Ein Wahlterror muß unter allen Umständen vermieden werden. Ein Wahlterror liegt nicht im Sinne des Führers. Es ist immer der Wunsch des Führers gewesen, daß in der deutschen Innen= und Außenpolitik größte Beruhigung eintritt. Beruhigung im Innern erhalten wir auch daDie Reichsregierung stützt den Kampf gegen Lupus. Chucan=Stiftung bei A Münster, 11. August. In der Heilstätte Haus Hornheide hielt der Westfälische Verein für Krebs= und Lupusbekämpfung e. V. eine wichtige Vorstands= und Beiratssitzung ab, in der der stellvertretende Vorsitzende, Landesrat Dr. Kraß, einen Bericht über die Maßnahmen in der Lupusbekämpfung und über die Heilstätte„Haus Hornheide“ seit der letzten Mitgliederversammlung Mitte 1933 gab. Die Heilstätte hat sich unter der tatkräftigen Leitung ihres Direktors, Universitätsprofessors Dr. Stühmer, und bei der unermüdlichen Mithilfe seiner Aerzte ausgezeichnet entwickelt. Der Andrang von Kranken— nicht allein aus Westfalen, sondern von allen Teilen des westlichen Deutschlanna— ist so stark, daß der Vorstand sich am Schluß des Berichtsjahres 1933 genötigt gesehen hat, weitere 14 und jetzt nochmals 7 Betten zu beschaffen. Die Heilstätte verfügt nunmehr über 127 Krankenbetten, wodurch der zur Verfügung stehende Raum restlos ausgenutzt und damit die Rentabilität dieser vorbildlich eingerichteten Verhandlungsstätte auch für die Zukunft gesichert ist. Inzwischen sind die Regierungsmaßnahmen zur Verfassung einheitlicher Richtlinien eingeleitet worden. Als einleitende Maßnahme wurde eine Einteilung des Deutschen Reiches in 13 Bezirke vorgenommen. Dem Raum der Vrovinz Westfalen sind zunächst der Regierungsbezirk Düsseldorf, der Kreis Altenkirchen, sowie Lippe und Schaumburg=Lippe hinzugefügt worden. Für jeden der 13 Bezirke ist ein„Lupusbeauftragter“ bestimmt. Für den Bezirk Westfalen war Universitätsprofessor Dr. Stühmer beauftragt, der nun infolge des an ihn ergangenen Rufes an die Universität in Freiburg ausscheiden mußte. Dieses wichtige Amt ist aber auf Antrag des Vereins Oberarzt und Privatdozent Dr. Schmidt, als dem vorläufigen Vertreter von Universitätsprofessor Dr. Stühmer, übertragen. Als Stützpunkt für die Lupusbehandlung in den einzelnen Bezirken sind die Universitätsaugenkliniken und die etwa vorhandenen Fachanstalten für Lupuskranke vorgesehen. Die in Westfalen vom Verein bereits seit längerer Zeit getroffenen Einrichtungen und Maßnahmen sind dabei als vorbildlich bezeichnet. Mit besonderer Freude muß begrüßt werden, daß die Reichsregierung sich für die Lupuskranken so zielbewußt und warmherzig einsetzt. Der Vorsitzende widmete dem einem Rufe gefolgten Universitätsprofessor Dr. Stühmer herzliche Worte des Dankes und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß Dr. Stühmer dem Verein weiterhin als aktives Mitglied erhalten bleibe. An Stelle des ausgeschiedenen langjährigen Vorsitzenden, Universitätsprofessors Dr. Krückmann, wurde Landesrat Dr. Kraß einstimmig zum Vorstandsvorsitzenden gewählt. Der Vorsitzende konnte dann die erfreuliche Mitteilung machen, daß dem Verein von privater Seite ein Betrag von 15000 Mark in Form einer Stiftung zur Verfügung gestellt worden ist. Mit Hilfe dieses Betrages soll in Verbindung mit Haus Hornheide ein neues Gebäude errichtet werden, in dem dauernd 12 bis 14 Lupuskranke untergebracht werden können, deren Leiden im wesentlichen ausgeheilt ist, die aber infolge starker Entstellung auf dem Arbeitsmarkte nicht mehr untergebracht werden können. Das Heim soll zu Ehren des Stifters „Schucan=Heim“ genannt werden. Anschließend an die Sitzung wurde dann in Anwesenheit des Kurators der Universität Münster sowie des Dekans der Medizinischen Fakultät durch den Sohn des Stifters der erste Spatenstich zum„SchucanHeim“ getan. Vereinheitlichung des Verbändewesens im Handel. Die Oberste Leitung der PO., NS Hago teilt folgendes mit: Im Zuge der Neuorganisation der deutschen Wirtschaft wird eine Vereinheitlichung des Verbändewesens auch im Handel durchgeführt. Um eine einheitliche Wirtschaftslenkung zu ermöglichen, ist es notwendig, alle Betriebe organisatorisch zu erfassen. Es ist daher in verschiedenen Sparten die Zwangsmitgliedschaft für Wirtschaftsverbände angeordnet worden. Durch die pflichtmäßige Zugehörigkeit und der damit verbundenen Beitragspflicht ergeben sich naturgemäß Härten, die von der Partei seit langem beobachtet werden. Die Partei will auf jeden Fall verhindern, daß den Volksgenossen im Einzelhandel, die auch heute noch schwer um ihre Existenz zu ringen haben, eine untragbare Belastung zugemutet wird. Die NS. Hago als die Parteiorganisation auf dem Abschnitt Handel und Handwerk ist bereits mit den in Frage kommenden Wirtschaftsverbänden des Handels in Verhandlungen getreten, um hier eine tragbare Lösung zu finden. Es soll unbedingt vermieden werden, daß eine Beitragsüberschneidung eintritt, die eine Ueberlastung bedeutet und damit auf die Wirtschaftsbelebung hemmend einwirkt. In Kürze kann mit einer endgültigen Lösung dieser Frage gerechnet werden. Gedeutender Rückgang der Rechtsstreitigkeiten an den Arbeitsgerichten Das Statistische Reichsamt veröffentlicht soeben die letztjährigen statistischen Ergebnisse über die Tätigkeit der Arbeitsgerichtsbehörden. Danach waren im Jahre 1933 im Deutschen Reich (ohne Saargebiet vorhanden: 452 Arbeitsgerichte, 60 Landesarbeitsgerichte und das Reichsarbeitsgericht. In dieser Hinsicht ist eine Veränderung gegenüber dem Vorjahre nicht eingetreten. 1. Bei den Arbeitsgerichten waren im Jahre 1933 im Urteilsverfahren insgesamt 261530 Streitsachen anhangig gegen 371592 im Jahre 1932, d. h. 30 Prozent weniger. Hiervon stammten 34 049 oder 13 Prozent noch aus dem Jahre 1932. Im Beschlußverfahren waren bei den Arbeitsgerichten insgesamt 1601 Fälle oder rund 61 Prozent weniger als 1932(4075) anhängig. 2. Die Zahl der bei den Landesarbeitsgerichten anhängigen Berufungen im Urteilsverfahren hat sich von 17 220(1932) um mehr als 37 Prozent auf 10774 vermindert. 3. Im Beschluß=(Rechtsbeschwerde=) Verfahren gegen die das Verfahren beendenden Beschlüsse der Arbeitsgerichte wurden die Landesarbeitsgerichte in 120 Fällen, gegen 461 im Jahre 1932, in Anspruch genommen. Das bedeutet einen Prozent. lückgang um 7 4. Beim Reichsgericht waren im Urteilsverfahren 479 Revisionen anhängig Ihre Zahl i 109(21)m un gegenüber 1932(831) um rund 42 Prozent gesunken. Die Zahl der Revisionsbeschwerden betrug 113(1932: 151), während im Beschluß(Rechtsbeschwerde=) Verfahren 50 Rechtsheschwerden(1932: 110) erfolgten. Dieser bedeutende Rückgang der Rechtsstreitigkeiten der Arbeitsgerichte ist unzweifelhaft darauf zurückzufüh. ren, daß durch die Maßnahmen der nationalsozialistischen Regierung eine wesentliche Beruhigung der Arbeitsverhältnisse eingetreten ist. A 4226 der geerr mäht Feld Furchtbares Grandunglück. A die über Der Zwei Tote und zwei Schwerverletzte. X Ladbergen, 11. Aug. Auf dem Gehöfte des Landwirtes Stienecke ereignetsich bei dem Dreschen des Kornes ein furchtbares Brandunglück, dem zwei Menschenleben zum Opfer fielen. Zwei Personen wurden so schwer verletzt, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird. Ein furchtbares Brandunglück ereignete sich gestern vormittag beim Dreschen in der Scheune des Landwirtes Stienecke. Aus bisher ungeklärter Ursache fing das Stroh in der Dreschmaschine Feuer, und der herrschende starte Wind trieb die Funken in die Scheune, wo eine Anzahl Personen mit dem Aufschichten des Strohes beschäftigt war. Das Feuer griff mit rasender Geschwindigkeit um sich und erfaßte auch das massive Wohnhaus und die Stallungen. Die in der Scheune beschäftigten Personen konnten sich nur zum Teil retten. Zwei Personen, der 52jährige Maurer Eschmann und die 19jährige Metg Kötter aus der Nachbarschaft verbrannten bis zur Unkenntlichkeit, während zwei andere Landwirte, Elshoff und Fiegenbaum, sich zwar noch retten konnten, aber so schwere Brandwunden davontrugen, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt werden muß. Sie wurden in das Krankenhaus Ostbevern gebracht. Das Wohnhaus brannte bis auf die Umfassungsmauern nieder. * + Münster, 10. Aug. Einwohner vermißt. Vermißt wird seit dem 6. August d. J. der Dachdecker Hermann Haas geb. am 5. April 1882 zu Almelo, aus Münster. Haas ist schwer kriegsbeschädigt und es ist nicht ausgeschlossen, daß ihm ein Unglücksfall zugestoßen und er irgendwo Aufnahme gefunden hat. Nach Angabe seiner Angehörigen sucht er mit Vorliebe Pilze und hält sich viel in den Waldungen in der Nähe Münsters auf. Er ist etwa 1.70 m groß. schmächtig, hat schwarzes, linksgescheiteltes Haar. rötliches Gesicht, blaue Augen, verkrüppelte Hände, rechter Daumen und der rechte Zeigefinger sind steif, und trägt dunklen weichen Hut, dunkelgestreiften Anzug. weißes Hemd mit blaugestreiftem Einsatz, gestreifte Socken und schwarze, hohe Schnürschuhe, ferner am Anzug das Abzeichen für Kriegsbeschädigte. Er führt vermutlich ein älteres Herrenfahrrad, hinten gelbes, vorn schwarzes Schutzblech, mit Gepäckhalter und eine schwarze Aktentasche bei sich. Im Ermittlungsfalle wird um Benachrichtigung des Kriminalkommissariats 1, Tel. 21980, gebeten. A Ahlen, 11. Aug. Zwischen die Puffer geraten. Heute vormittag gegen 13 Uhr geriet der Grubenlokomotivführer Buttermann im Betriebe der Schachtanlage „Westfalen“ zwischen die Puffer von Eisenbahnwagen und wurde schwer verletzt. In hoffnungslosem Zustande wurde B. dem Krankenhause in Hamm zugeführt. A Iburg 11 Aug. Bauernhof in Asche gelegt. Auf der Besitzung des Bauern Kröger, Wulften, brach ein mit rasender Geschwindigkeit um sich greifendes Feuer aus. Die Rettung mußte sich lediglich auf die Bewohner beschränken. Man warf die Kinder den unten stehenden Leuten durch das Fenster zu, damit sie nicht in den Flammen umkamen. Die Besitzung wurde mitsamt dem Mobiliar und der teilweise schon eingefahrenen Ernte in dem Feuermeer um. Auch ein Pferd verbrannte. Die Löscharbeiten von mehr als sechs herbeigeeilten Wehren gestalteten sich sehr schwierig infolge des herrschenden Wassermangels. lische entw beru Jahr Süde Der inn tod rung desse allzu Ernt haup — e Ernt „die striet Aus terig 9 Jahr sich heut nicht ern furch ine nicht Mai Prei pel lig vier wie der nats schor ßun Bau Hin vers vorc Wid müs Alle fort Ern Gru stell tor Son Ein Er Son Ma den geei des nen den dies lose Kol ter Wo den Str wer gep ton Err X Münster, 11. August. Der Wochenendmarkt war gut besucht und in allen Teilen reich beschickt. Besonders stark war die Zufuhr zum Obstmarkt, der sich auch eines lebhaften Zuspruches erfreute. Auf dem Eier= und Buttermarkt gab man für Landbutter 1,25 und 1,30, Molkereibutter 1,40—1.45, deutsche Kochbutter 1,50 Mk., Landeier 7 und 7½. Enteneier 8, standardisierte Eier mit dem Stempel A 9, B 8. C 7½, D 7 und S 9 u. 10 Pfg. Hühner kosteten je Pfd. 60—65, Enten 80 und Tauben 50—60 Pfg. Auf dem Gemüsemarkt wurden folgende Preise gefordert: Wirsing 15, Rotkohl 15, Weißkohl 15 u. 20, Kohlrabi 15, Gurken 10—25, Einmachgurken 100 Stück 80, 90, 100. 110 u. 120, Fitzebohnen 25, Wachsbohnen 30, Prinzeßböhnchen 30—40, Wurzeln 8 u. 10, Perlzwiebeln 15—25, Johanniszwiebeln 10, Schalotten 20 u. 25. Spinat 25, Kopfsalat 10 u. 12, Erbsen 35, Rettich 15—25, Meerrettich 15—30, Stangenbohnen 25. Blumenkohl 20—45, Dicke Bohnen 15, Melde 10, Kartoffeln 10 Pfd. 75, Rhabarber 5—8, Porree 5 oder 3 Stück 10, Mangold 19 und Radieschen 5 Pfg. Der Obstmarkt zeigte folgendes Zahlenbild: Stachelbeeren 20, Waldbeeren 40, Johannisbeeren 15, Preißelbeeren 35, Weintrauben 30 u. 40, Pfirsiche 30—45, Birnen 10—30, Aepfel 10—30 und Eierpflaumen 20 u. 25 Pfg. dun der daß geh mes ein Grabungen an den Externsteinen. Prof. Dr. Andrée, Münster, berichtet Schon vor längerer Zeit hatte sich die Lippische Landesregierung entschlossen, das ganze Gebiet das alten Natur= und Kulturdenkmals der Externsteine in einen der heutigen Zeit angemessenen würdigen Zustand zu veretzen. Zunächst ist jetzt mit der Verlegung der großen Verkehrswege an den Externsteinen begonnen worden, zugleich wird auch die Umgestaltung des Geländes in lächster Nähe des nordwestlichen Felsens der Extereteine in Angriff genommen. Diese Erdarbeiten, die in vorbildlicher Weise von Männern des FAD=Lagers Schlangen ausgeführt werden, bedingen aber, daß gleichzeitig damit eine ständige Beobachtung und wissenschaftliche Untersuchung der Erdschichten durch einen Vorgeschichtswissenschaftler stattfinden. Hiermit ist seit Mai d. I Prof. Dr. Andrée, Münster i. W., von der Lippischen Landesregierung betraut. Da den Untersuchungen in weitesten Kreisen lebhaftes Interesse entgegengebracht wird, erscheint es, obwohl die Untersuchungen noch nicht zum Abschluß gekommen sind angebracht, kurz über das bisher Festgestellte zu berichten. Professor Dr. Andrée teilt dazu folgendes mit: Die wissenschaftlichen Untersuchungen an den Externsteinen sind nicht Ausgrabungen in gewöhnlichem Sinne, bei denen es sich um Freilegung oder Feststellung von vorgeschichtlichen Altertümern handelt, deren Vorhandensein mehr oder weniger bereits bekannt ist. Es handelt sich hier vielmehr um eine zwangsläufige notwendige Beobachtung von Erdarbeiten, die den Zweck verfolgen, das ganze Gelände um die Externsteine wieder in den alten, ursprünglichen Zustand zu versetzen. Die bisherigen Untersuchungen haben aber auch ergeben, daß es nur mit dem Beobachten und Durchsuchen der verschiedenen Erdschichten im Gelände nicht getan ist; denn gerade diese Beobachtungen der Erdschichten mit ihrem recht verschiedenartigen Inhalte machen es notwendig, immer wieder auch die Verhältnisse an den einzelnen Felsen der Externsteine selbst eingehend zu untersuchen. Feststellungen im Gelände allein genügen ebensowenig wie Feststellungen allein an den Felsen; beides muß unbedingt Hand in Hand gehen, damit wirklich wissenschaftlich einwandfreie Resultate erzielt werden. Da die Straßen an den Externsteinen zur Zeit noch nicht verkehrsfrei sind, mußten sich die Untersuchungen auf das Gelände beim Felsensarg und an der Südwestseite des äußersten Felsens beschränken. Zunächst wurde hier der 1836 erbaute Staudamm des früheren Teiches beseitigt und das Erdreich von der Nordweststrecken bis zum Felsensarg hin fortgeräumt. Irgendeine Folge verschiedener Erdschichten konnte nicht festgestellt werden oder war ohne Bedeutung; denn bei dem ganzen Erdreich hier handelt es sich um Aufschüttungen oder Umlagerungen, also restlos um schon früher bewegten Boden. Allerdings fanden sich auch bei diesen Arbeiten Scherben aus mittelalterlicher Zeit, vielleicht auch solche vorgeschichtlichen Alters, die davon zeugen, daß durch lange Jahrhunderte hindurch der Mensch an den Externsteinen gewohnt hat. Die nähere Untersuchung des Fundmaterials steht noch aus. Weiterhin wurde der ganze Kompler des Felsensarges freigelegt, einmal, um überhaupt Gestalt und Form des den Felsensarg umgebenden Gesteins kennenzulernen, ferner um festzustellen, ob und wie eine Verbindung von Felsensarg zu dem Kultraum der sogenannten Grotte besteht. Hierbei stießen wir zunächst auf die Mauern der sogenannten Festung, die auf das Jahr 1659 zurückgeht. Vor und hinter dieser Mauer lagerten erhebliche Mengen von Bauschutt. Zur Zeit lassen sich noch keine Schlüsse ziehen, ob vom Felsensarg aus ein Aufgang zur Grotte führte; erst die weiteren Grabungen vor der Grotte und dem Kreuzabnahmebild werden hier Klarheit schaffen. Anders lagen die Verhältnisse in dem Gelände an der Südwestseite der ersten Felsens. Hier sind Folgen verschiedener Erdschichten klar zu beobachten. Es wechseln Schichten von Bauschutt mit dunkelgesärbten, humosen sogenannten„Kulturschichten“; die Kulturreste enthalten auch hier in der Hauptsache Scherben. Im ganzen lassen sich bisher drei solcher Kulturschichten erkennen, deren oberste mittelalterliche Scherben enthält, während die mittlere Kulturschicht ebenfalls mittelalterliches, aber auch karolingisches Material birgt. Die unterste Kulturschicht, die zugleich die frühere alte, ursprüngliche Geländeoberfläche darstellt, enthielt einige wenige Funde der späten vorgeschichtlichen Eisenzeit. Fast sämtliche Schichten sind durchsetzt mit mehr oder weniger großen Felsbrocken aus Sandstein. Von besonderer Wichtigkeit war hier ein großer Block, der künstlich behauene Flächen zeigte und in einer relativ jungen, mit Ziegelbrocken durchsetzten Schuttschicht lag. Der Felsbrocken stammt von einer Felspartie, die den Aufgang zum Felsen 1 bildet und ist ein Ueberrest eines Raumes, der hier früher existiert haben muß, und der endgültig zerstört wurde bei der Abtragung der sogenannten Festung und der Neuanlage der Felsenzugänge durch die Fürstin Pauline. Sicher ist, daß der Felsbrocken nicht ein Teil des zerstörten sogenannten Sacellums auf dem Felsen 2 ist, da die dort fehlenden Felsblöcke nur nach der Ostseite abgestürzt sein können. Daß am Sacellum Felsblöcke fehlen, daß also das Sacellum selbst nicht immer ein offener Raum war, ist wohl nicht zu bezweifeln. Es ist jedoch eine Streitfrage, ob die fehlenden Felspartien auf natürliche Weise, d. h. also durch irgendwelche Naturgewalten heruntergestürzt sind, oder ob durch Menschenhand die Zerstörung des Sacellums erfolgte. Notwendig war es. zunächst einmal den Sacellumsfelsen samt dem Sacellum sachgemäß zu vermessen. Hierbei kamen wir zu den Ergebnissen, die die Herrichtung des Sacellumraumes in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen, worüber später einmal berichtet werden soll. Die Vermessungsarbeiten erstreckten sich auch auf die Spitze des Sacellumfelsens und führten zu Entdeckungen von weittragender Bedeutung. Auf der höchsten Felsenspitze nämlich befindet sich ein fast kreisrundes eingemeißeltes Loch von 27 Zentimeter Durchmesser und etwa 25 bis 26 Zentimeter Tiefe. Dieses Standloch kann seiner ganzen Art nach und nach dem Ort seiner Anbringung nur zur Aufnahme einer kurzen, kräftigen Säule gedient haben, so daß man wohl nicht fehlgehe, hier den Standort der hier gesuchten Irminsul gefunden zu haben. Fast noch eindrucksvoller und aufschlußreicher ist jedoch folgendes: Durch das Sacellum hindurch zieht sich ein natürlicher Spalt, eine alte Gesteinskluft, die auch durch den ganzen Felsenkopf hindurchgeht. Oben auf dem Felsen ziegt dieser Spalt an zwei Stellen eine künstliche Verbreiterung, Abmeißelungen, die ledigleich zur Aufnahme von Keilen gedient haben können. Damit ist der unumstößliche Beweis geliefert, daß man versucht hat, diesen Teil des Saceklumfelsens zu zerstören und abzusprengen. Zwangsläufig ist daraus weiter zu folgern, daß auch die fehlenden Felsblöcke nicht durch irgend ein Naturereignis herabgestürzt, sondern daß der Kultraum des Sacellumfelsens ganz zerstört werden sollte, und dies geschah lange bevor man daran ging, ihn zur christlichen Kapelle heranzuziehen. Nach den bisherigen Resultaten aus dem Befund der Schichte, des Scherbenmaterials sowie den Feststellungen an den Felsen selbst. ist zu erhoffen, daß auch die Fortsetzung der Untersuchungen und Grabungen wichtige Ergebnisse für die endgültige Lösung weiterer Probleme an den Externsteinen wie für unsere ganze germanische Vorzeit erbringen werden M de sid de au hi A de Jahl ist ge. hlußgkeiten ckzufühistischen 9der Erntesorgen in Sowjetrußland. X Moskau, 10. August Wie amtlich mitgeteilt wird, sind bis zum 5. August 12263 000 ha Korn avgeerntet worden, was 51 v. H. der Gesamtanbaufläche entspricht. Nur 35 v. H. des abgeernteten Kornes ist gedroschen, 43 v. H. des abgemähten Getreides befindet sich noch in Garben auf den Feldern. Aug. eignete BrandZwei a Aufgestern wirtes Stroh starke Anzahl häftigt eit um nd die rsonen n. der Meta r Un= lshoff ber so Aufn das nhaus ermißt rmann ünster. t nicht stoßen Ingabe d hält Rün3. hat blaue d der seichen laugehohe riegserrenmit ). Im krimiraten. nlokonlage bagen tande Auf n mit aus. xbeenden FlamModem LöschestalasserSchon lange vor Beginn der Erntekampagne, Ende seh Mai, hat sich die Räteregierung gezwungen gesehen, den Preis für das rationierte Brot zu verdoppeln. Vom freien Markt ist das Brot inzwischen völlig verschwunden, nachdem am 1. Juli der erst vor dreiviertel Jahren zugelassene freie Getreidehandel wieder verboten wurde. Das Zentralkommitee der kommunistischen Partei, das Ende vergangenen Monats in Moskau tagte, hat der Beklemmung verschleiert schon Ausdruck verliehen, indem es in einer Entschließung vor„staatsfeindlichen Neigungen“ der Bauern warnte. Es sei vorauszusehen, daß diese unter Hinweis auf die Dürre eine Zurückhaltung des Getreides versuchen würden, um so die staatlichen Ablieferungsvoranschläge zu untergraben. Jeder auch nur so geringe Widerstand gegen die Getreideablieferung an den Staat müsse unverzüglich mit allen Mitteln gebrochen werden. Alles in allem entsprächen— fährt die Entschließung fort— trotz der„teilweisen Dürre“ in Südrußland die Ernteaussichten denen des vorigen Jahres, so daß kein Grund zur Besorgnis bestehe. Inzwischen ist die Ernte in vollem Gange. Dabei stellt sich heraus, daß auch technische und organisatorische Schwierigkeiten der Getreideversorgung der Sowjetunion noch erschweren. Infolge der zentralisierten Einlagerung des Getreides verdirbt ein Teil der Ernte, ehe er den Verbraucher erreicht. Aus der Sowjetukraine wird gemeldet, daß dort die Bauern aus Mangel an Säcken das Korn in offenen Wagen den Annahmestellen zuführen müssen. Es wird der Bau geeigneter/ Lagerräume verlangt. Die zur Einholung des Getreides vorhandenen landwirtschaftlichen Maschinen, die größtenteils vor fünf Jahren eingeführt wurden, sind nur zum kleineren Teil noch instand. Man hat diesen Mißständen abzuhelfen versucht, indem man zahllose Mitglieder und auch Leiter von Dorfsowjets und Kollektivwirtschaften der Sabotage beschuldigte und unter Anklage stellte. Aber schließlich sah sich in diesen Wochen der Generalstaatsanwalt Barkow genötigt, den Massenverfolgungen auf dem Lande Einhalt zu tun. Strafverfahren gegen„bäuerliche Saboteure“ werden künftig von der Generalstaatsanwaltschaft namgeprüft. Vor allem aber soll auf dem nächsten Sowjetkongreß, im Januar 1935, das Problem der Hebung des Ernteertrages im Vordergrund stehen. hilfswerk von der Sowjetregierung verhindert. August. sowjetische Organisation sei. Das deutsche Hilfswerk bedauert außerordentlich, daß seine rein karitative Tätigkeit, an der es stets festgehalten hat, auf diese Weise zum Stillstand kommen wird. Die Bemühungen, die Sowjetregierung zu einer Aufgabe ihrer ablehnenden Haltung zu veranlassen, sind leider erfolglos geblieben. Unter diesen Umständen besteht zurzeit keine Garantie für die Durchführung karitativer Waren= und Geldsendungen nach der Sowjetunion. Wieder einmal erfährt, so schreibt die„Frankf. Ztg.“ die Oeffentlichkeit aller Länder bewegende Einzelheiten über die allsommerliche Hungersnot in der Sowjetunion Der Erzbischof von Canterbury hat im engsischen Oberhaus vor zwei Tagen ein ergreifendes Bild entworfen, das auf eingehende Erkundigungen heruhen soll. Nach seiner Schätzung müssen im Lauf der Jahre sechs Millionen Menschen. vor allem im Süden des Landes, an Hunger zugrunde gegangen sein. Der Kirchenfürst knüpft die Besorgnis daran, daß schon in nächster Zeit weiteren Hunderttausenden der Hungertod drohe. Man muß sich vor Augen halten, wie die Ernährungslage in Rußland gewesen ist in dem Zeitraum, dessen Ernteerträge nach Angabe der Sowjets nicht allzu ungünstig ausgefallen sein sollen. Besonders die Ernte des vergangenen Jahres stellte— nach einer Behauptung der„Istwestija“ und anderer russischer Blätter — eine Rekordernte dar.„Sie ist die beste aller Ernten gewesen,“ hieß es am 9. Januar dieses Jahres, die damals auf dem Territorium der Sowjetunion registriert worden ist.“ Die Blätter stützen sich bei ihren Ausführungen auf ein umfangreiches statistisches Material. Wenn angesichts eines solchen Erfolges im Laufe des Jahres sich zeigte, daß dennoch die Ernährung des russischen Volkes in keiner Weise ausreichend gesichert war, so versteht man die schwere Sorge, die heute Moskau bedrückt und die auch die übrige Welt beschäftigt. Eine ähnliche Rekordernte ist in diesem Jahre nicht zu erwarten. Im Gegenteil, es spricht alles dafür, daß Rußland vor einer katastrophalen Mißernte steht. Man legt sich die Frage vor, welche furchtbaren Folgen der Ausfall riesiger Getreidemengen in einem Lande haben wird, das selbst bei guten Ernten nicht genug Brot für seine Bürger besitzt. Ddie französischen Frontkämpfer gegen Beschäftigung von Ausländern. DNB Paris, 11. August. Der Vorstand des Nationalverbandes der ehemaligen Frontkämpfer UNC bringt in einer Enschließung seine Entrustung über die Vorkommnisse im nordfranzösischen Bergbaugebiet zum Ausdruck, wo polnische Arbeiter ihre französischen Arbeitskollegen 36 Stunden lang gefangen gehalten haben, und erhebt gegen den unzureichenden Schutz der französischen Arbeiter gegenüber den ausländischen Arbeitskräften Einspruch. Er verlangt von der Regierung energisch, sie möge dem Skandal ein Ende bereiten, daß eine gungs tier Er Zwischenzu große Anzahl französischer Arbeiter gslos sei, während Ausländer unter Mißbrauch französischen Gastfreundschaft im Lande arbeiteten. verlangt die sofortige Ausweisung der für die Zwi fälle verantwortlichen ausländischen Arbeiter. Zwangsarbeit für Spionage. A Rom, 10. August. In der Zeit vom 1. Januar bis zum 1. Juli 1934 fanden vor dem Sondergericht für die Verteidigung des Staates 18 Prozesse wegen Verrates militärischer Geheimnisse statt, die jetzt durch die Verurteilung von 29 Personen ihren Abschluß fanden. Gegen die Angeklagten, unter denen sich zwei Frauen und vier Ausländer befinden, wurden sehr schwere Strafen verhängt. Einer der Angeklagten wurde zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Drei Angeklagte erhielten 25 Jahre Zwanasarbeit, einer 24 Jahre, drei 20 Jahre, einer 17 Jahre, einer 16 Jahre und fünf 15 Jahre. reiche kleine Bauern hier in monatelanger, ja jahrelanger Arbeit mühselig geschaffen haben, ist in wenigen Minuten vernichtet worden. Aus Westdeutschland. Die Ausführung der Amnestie. Bochum, 10. August. Die Auswirkung des aus Anlaß der Vereinigung des Amtes des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers von der Reichsregierung beschlossenen Straffreiheitsgesetzes trat schon am Freitag in Erscheinung. Auf der Staatsanwaltschaft Bochum haben die umfassenden Vorbereitungsarbeiten am Freitag vormittag schon eingesetzt. Aus dem Amtsgerichtsgefängnis des Landgerichtsbezirks Bochum, in welchem die bis zu drei Monaten Gefängnis Bestraften, ihre Strafe abbüßen, wurde bereits eine große Zahl der betreffenden Strafhäftlinge entlassen. Die Arbeiten zur Durchführung der Amnestie werden von der Staatsanwaltschaft mit möglichster Beschleunigung betrieben. Ein Jahr Gefängnis— 100 000 Mark Geldstrafe. Hamm, 11. August. Vor dem Hammer Schöffengericht hatte sich der früher in Hamm ansässige jüdische Rechtsanwalt und Notar Dr. Griesbach wegen Hinterziehung von Reichsfluchtsteuern zu verantworten. Gemäß§ 9 der Reichsfluchtsteuerverordnung und§ 276 der allgemeinen Prozeßvorschriften wurde gegen ihn in Abwesenheit verhandelt, da er trotz ordnungsmäßiger Ladung nicht erschienen war. Dr. Griesbach hat Ende vorigen Jahres seinen inländischen Wohnsitz aufgegeben und befindet sich in Frankreich. Der Reichsfluchtsteuerbescheid wurde ihm durch Anzeige im„Reichsanzeiger“ zugestellt, in der er Westfalens Arbeitsmarktlage im Juli. Weiterer Rückgang der Arbeitslosigkeit.— Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft.— Günstige Beschäftigungslage in der Hütten= und Metallindustrie.— Nachfrage nach Facharbeitern. Die günstige Entwicklung der Arbeitslage hat sich im Bezirk des Landesarbeitsamtes Westfalen auch im Monat Juli weiter fortgesetzt. Am Ende des Berichtsmonats wurden noch rd. 193 400 Arbeitslose gezählt. Das bedeutet gegenüber dem gleichen Zeitpunkt des Vorjahres einen Rückgang von rd. 45 Prozent. Eine gleiche Abnahme ist bei der Zahl der unterstützten Arbeitslosen zu verzeichnen. Bei einem Rückgang von ebenfalls rd. 45 Prozent gegenüber dem 31. Juli 1933 ist die Zahl am 31. Juli 1934 auf rd. 175 400 gesunken. Davon entfallen 7600 auf die Arbeitslosenversicherung und Krisenfürsorge und 99400 auf die Wohlfahrtsfürsorge. Die Abnahme der Zahl der Wohlfahrtsempfänger im Berichtsmonat um rd. 4600 Unterstützte ist besonders bemerkenswert, da es sich hier um langfristig Erwerbslose handelt, die in den Wirtschaftsprozeß wieder eingegliedert werden konnten. Da außerdem die Zahl der Notstandsarbeiter einen weiteren Rückgang gegenüber dem Vormonat aufweist, sind die aus der Unterstützung ausgeschiedenen Personen restlos von der freien Wirtschaft aufgenommen worden. Die Zahl der Notstandsarbeiter verminderte sich im Monat Juli um 1700 auf 30 600. Die geringe Zunahme der Hauptunterstützungsempfänger der Arbeitslosenversicherung und Krisenfürsorge ist aus der Einschränkung der Notstandsarbeiten zu erklären, die im Interesse der ausreichenden Versorgung der Landwirtschaft mit Erntehilfsarbeitern liegt. Im Zuge der Bestrebungen, eine Auflockerung der Arbeitslage vor allem in den dichtbevölkerten Industriebezirken herbeizuführen, wurden anstelle der für die Landwirtschaft freigemachten Kräfte 3. T. Arbeiter aus dem Ruhrbezirk zu den Maßnahmen in die auswärtigen ländlichen Bezirke zugewiesen. Nach Beendigung der Erntearbeiten sollen die Notstandsmaßnahmen mit einem erhöhten Einsatz von Arbeitskräften in Angriff genommen werden. Die Landwirtschaft bot im Berichtsmonat wieder so große Unterbringungsmöglichkeiten, daß in vielen „Reichsanzeiger" zugestellt, in d zur Zahlung von 79 038 RM. Reichsfluchtsteuer(¼ des zuletzt veranlagten Gesamtvermögens) aufgefordert wurde. Die Frist betrug zwei Monate. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, daß ein Strafverfahren gegen ihn anhängig gemacht werde, wenn er in dieser Zeit die Steuer nicht entrichtet oder nicht den Nachweis erbringe, daß er seinen Aufenthalt wieder im Inland genommen habe. Beides geschah nicht. Da wurde ein Steuersteckbrief gegen ihn erlassen und das Strafverfahren segen ihn eingeleitet. Die Einlassungsfrist wurde durch jang an der Gerichtstafel bekanntgemacht und nach dieser Frist die Anklage gegen Dr. Griesbach erhoben. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten gemäß dem Antrage des Staatsanwalts zu einem Jahr Gefängnis und 100 000 RM. Geldstrafe, ersatzweise für je 250 RM. einen Tag Gefängnis. In der Begründung wies der Vorsitzende darauf hin, daß der Angeklagte als Notar und Rechtsanwalt besonders gehalten gewesen sei, Bestimmungen und Gesetze zu beachten. Aus diesem Grunde käme auch die Mindeststrafe von drei Monaten nicht in Frage. Schweres Verkehrsunglück in Vier Verletzte. :: Scherlebeck, 10. August. Auf der Kreuzung Scherlebecker= und Westerholterstraße stießen am Donnerstag nachmittag ein Personenkraftwagen und ein Lastzug mit 2 Anhängern zusammen. Der Führer des ersteren, der aus Richtung Recklinghausen kam, hatte ofenbar zu spät bemerkt, daß der aus entgegengesetzter Richtung kommende Lastzug zwei Anhänger hatte. Zu spät bremste er sehr stark und riß den Kraftwagen im letzten Augenblick nach rechts. Doch wurde der Wagen von einem Hinterrad des zweiten Anhängers des Lastzuges erfaßt und umgeworfen. Durch den wumtigen Stoß wurden vier Insassen des Personenkraftwagens verletzt. Dem Kraftwagenführer Heinrich Selnitsch aus Buer, Wandelsweg wohnhaft, wurde die linke Hälfte des Brustkorbes eingedrückt. Der Witwe Maria Morawski aus der Königgrätzerstraße in Buer wurde das linke Ohr vollständig abgerissen, außerdem erlitt sie noch schwere Kopfverletzungen. Die vier Verletzten wurden ins Knappschaftskrankenhaus nach Recklinghausen transportiert. im Ruhrgebiet. Die Lurag im zweiten Vierteljahr 1934. X Essen, 11. August. Die Luftverkehrsgesellschaft Ruhrgebiet(Lurag) hat sich entschlossen, vierteljährlich Berichte herauszugeben, in denen ein Abriß über die Entwicklung des Luftverkehrs usw. gegeben wird. Dem Bericht für die Zeit vom 1. April bis 30. Juni 1934 entnehmen wir: Am 1. April war die Betriebseröffnung der tschechischen Strecke 676 Prag— Halle=Leipzig— Essen=Mülheim— Rotterdam— Amsterdam. Dadurch wurde nicht nur eine Hollandverbindung, sondern auch eine wertvolle Fluglinie nach Mitteldeutschland geschaffen. Von Essen aus kann man in 2¼ Stunden nach Leipzig fliegen. In die Berichtszeit fällt auch die Eröffnung des Sommerflugdienstes. Er brachte den Flughäfen eine Reihe neuer und schnellerer Linien. Die in diesem Jahr eingerichtete Nachmittagsverbindung Essen=Mülheim—Köln vermittelt Anschluß in Köln an die seit dem 15. Juni bestehende Blitzstrecke 18 Köln—Hamburg—Berlin und 19 Köln—Frankfurt—Berlin. In der Badesaison spielt auch die Bäderstrecke 84 Essen=Mülheim—Norderney—Borkum eine besondere Rolle. Sie erfreut sich eines besonders eifrigen Zuspruchs. Ein Gang durch das Niersteiner Unwettergebiet. :: Oppenheim(Rhein), 10. August. Ein Gang durch das Niersteiner Unwettergebiet zeigt, welche Verheerungen angerichtet sind. In Oppenheim haben die Wassermassen wertvolle Weinbergerde, Steine von erstaunlicher Größe und anderes Geröll auf die Straßen gespült. In Nierstein wüteten die Naturgewalten mit unerhörter Heftigkeit. Von den Lagen„Brüdersberg“,„Rehbacher Steig“,„Von der Kehr“ und vom „Peppental“ stürzten die Wassermassen herunter und rissen sogar ein Weinberghäuschen mit sich, das die Bahnlinie erheblich gefährdete. Züge, die gemeldet waren, konnten jedoch noch rechtzeitig angehalten werden. In den Weinbergen sind Gräben von einem Meter Tiefe, zwei Metern Breite und 25 bis 30 Metern Länge keine Seltenheit. Von anderen Orten sind besonders noch Guntersblum, Ludwigshöhe, Gehlheim, Neckenheim und Schwarzburg durch das Unwetter heimgesucht worden. Was zahlDeutsche Tennismeisterschaften. Hamburg, 10. August. Neben den entscheidenden Spielen im Herren= und Damen=Einzel wurde auch das Damendoppel noch bis fast zur Schlußrunde gefördert. Für die Vorschlußrunde qualifizierten sich Dearmann/Lyle; Sperling/ Horn; Scriven/Harwick; Adamoff/ Couquerque. Außem/Schneider vermochten sich gegen Adamoff Couquerque nicht durchzusetzen und verloren nach drei Sätzen 4:6, 6:4, 1:6. In der Vorschlußrunde unterlagen Frau Sperling/ Horn gegen die Engländerinnen Dearman/ Lyle mit 2:6, 5:7, sodaß das Damendoppel zu einer reinen ausländischen Angelegenheit geworden ist. Trotz aller Anstrengungen vermochte Frau Sperling nicht das schlechte Spiel der Wiesbadenerin Horn völlig auszugleichen. Marieluise Horn scheint völlig außer Form zu sein. Nach einem Fünf=Satz=Kampf spielten sich die beiden deutschen Nachwuchssieler Henkel=Denker im Herrendoppel in die Vorschlußrunde. Sie schlugen mit 3:6, 6:4, 6:3, 2:6, 6:4 die beiden Engländer Cooper/Hare. Hopman/Turnbull lagen gegen Hebda/ Pallad bereits mit 6:1, 6:2, 5:4 in Führung, als Hopman wegen einer Operation seiner Frau sofort nach England abreisen mußte. Verdient siegten Vodicka/Caska über die Amerikaner Burwell/Jones mit 6:1, 4:6, 6:3, 7:5, während das Treffen Maier/Quist— Kleinschroth/Lund beim Stande 2:1 für Maier/Quist infolge der einbrechenden Dunkelheit abgebrochen werden mußte. In der Vorschlußrunde treffen aufeinander: Hebda/ Pallada— Vodicka/ Caska; Henkel/Denker— Sieger Kleinschroth/Lund— Maier/Quist. Aus dem Fußballager. Ferencvaros Budapest spielt am 17. August gegen den 1. FC Nürnberg, am nächsten Tage gegen den 1. FC Kaiserslautern. Der 1. FC Nürnberg wird am 26. August sein Revanchespiel gegen Schalke 04 bestreiten. Die SpVg Fürth will bis zum Beginn der Punktespiele noch sechs Freundschaftstreffen austragen und eine Reise zum HSV, Viktoria Harburg, Tennis=Borussia, BC Harthau, VfB Glauchau und SpV Reichenbach unternehmen. Josef Pöttinger ist neuerdings Fußballehrer beim SV Jena und VfB Apolda. Bayern München spielt im Oktober gegen den 1. FC Kattowitz und anschließend gegen Polens Meister Ruch Bismarckhütte. Fortuna Düsseldorf weilt Ende August in Süddeutschland und spielt am 25. August gegen die Stuttgarter Kickers und tags darauf gegen die Kickers Offenbach. Die hervorragende österreichische Berufsspielermannschaft von Rapid Wien tritt schon in den nächsten Tagen wieder eine Reise nach Grostbritannien an, wo zum Beginn der Herbstsaison vorerst folgende Spiele absolviert werden: 14. August gegen Glasgow Rangers, 15. August gegen Hearts of Middlethians in Edinbourgh, 19. August gegen Bohemians in Dublin, am 21. August in Belfast gegen Celtic, und am 27. August gegen Claptoi Orient in London. Sieg auf dem Dubliner Reitturnier )(Dublin, 11. August. In der internationalen Springkonkurrenz um den Wanderpreis Aga Khans auf der Military in Dublin gelang es der deutschen Mannschaft am Freitag einen eindrucksvollen Sieg zu erringen. Deutschland wurde mit 31 Fehlern Erster vor Frankreich mit 55 Fehlern und Irland mit 60 Fehlern. Handel und Wirtschaft. Fällen die Stellung der geforderten Kräfte nur mit Schwierigkeiten möglich war. Die stark verringerte Zahl der jugendlichen Erwerbslosen, die für Landhelferstellen infrage kommen, veranlaßte viele Landwirte, auf ältere Erwerbslose zurückzugreifen und diese als freie Arbeiter einzustellen. Der Bedarf an landwirtschaftlichen weiblichen Arbeitsräften konnte trotz aller Bemühungen der Arbeitsämter nicht voll gedeckt werden. Neben der Landwirtschaft zeigten sich die Produktionsgüterindustrien auch weiter aufnahmefähig. Im Bergbau erhöhte sich der Belegschaftsstand gegenüber dem Vormonat leicht. Die Hütten= und Walzwerkindustrie ist flott beschäftigt. Es kamen rd. 1000 Arbeiter zur Neueinstellung. Der Auftragsbestand stellt auch für die kommenden Monate eine gute Beschäftigungslage sicher. Bedarf herrscht nach wie vor an qualifizierten Facharbeitern; die durch Umschulung herangebildeten Kräfte konnten sofort mühelos untergebracht werden. In den Konsumgüterindustrien ist keine merkliche Abschwächung zu verzeichnen. Das Tabakgewerbe ist weiterhin so gut beschäftigt, daß auch ältere verheiratete Erwerbslose wieder eingestellt werden konnten. Entgegen den Erwartungen hat sich die sonst übliche sommerliche Geschäftsruhe im Bekleidungsgewerbe in diesem Monat nicht bemerkbar gemacht. Der Zugang an Arbeitslosen war nur gering. In der Textilindustrie konnten noch einige Neueinstellungen vorgenommen werden. Der im allgemeinen befriedigenden Lage im Baustoffgewerbe steht ein leichtes Abflauen der Beschäftigungslage im Baugewerbe gegenüber. Infolge Nachlassen der privaten Bautätigeit und Beendigung der mit Reichsmitteln geförderten Instandsetzungsarbeiten kamen vorübergehend rd. 1000 Arbeitr zur Entlassung. Es ist jedoch zu erwarten, daß durch die Inangriffnahme von Siedlungsbauten und größeren industriellen Bauvorhaben diese Entwicklung bald zum Stillstand kommt. Volkswirtschaftliche Wochenübersicht. Am 5. August 1924 begann in London unter angeblich„gleichberechtigter" Beteiligung Deutschlands die Londoner Konferenz an deren Ende Deutschland das Joch des Dawes=Planes auferlegt wurde. Nachdem die Franzosen mit ihrer Ruhrpolitik Schiffbruch erlitten hatten, versuchten sie auf diese Art wieder zu Reparationszahlungen zu kommen. Ihr Wunsch begegnete dem der Amerikaner, die in Europa bezw. Deutschland ein Anlagefeld für ihre ungeheuren Kapitalgewinne suchten. Mit dem Dawesplan begann dann jene verhängnisvolle Anleihepolitik Deutschlands, in deren Gefolge die Scheinkonjunktur einsetzte, bis 1930 das furchtbare Erwachen kam. Die Welt hatte damals ebenso wie heute nicht den Mut, der Tatsache ins Gesicht zu sehen, daß Schuldenzahlungen nur dann geleistet werden können, wenn das deutsche Volk exportieren kann. Nachdem man dem deutschen Reich die Handelsflotte, über 20 Milliarden Mark ausländischer Kapitalanlagen, etwa 10 Prozent seines besten und ertragreichsten Bodens weggenommen hatte, und seine Industrie und Landwirtschaft durch ungeheuerliche Materiallieferungen ausgesaugt, ging man daran, die als unmöglich anerkannte staatliche Zahlungsleistung durch amerikanische Kapitalinvestitionen weiter zu ermöglichen. Unsere ausländischen Gläubiger sollten sich jenen 5. August 1924 als den Tag einprägen, an dem einer der größten Irrtümer der Weltwirtschaftsgeschichte begann. Heute müssen wir nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt an den Folgen dieses Irrtums tragen. Die restlose Zertrümmerung aller Kapitalverbindungen, die Zerrüttung des Handelsund Devisenverkehrs in der ganzen Welt sind letzten Endes die Folge des unsinnigen Versuches aus einem großen Wirtschaftskörper in der Welt Leistungen herauszupressen, die nicht herauszuziehen sind, ohne daß die Gesamtheit darunter leidet. * Der größte europäische Montankonzern, die Vereinigten Stahlwerke, legte zum ersten Mal seit 1931 wieder eine Bilanz vor. Es ist eine der merkwürdigsten Bilanzen, die sicherlich in den letzten Jahren in die Oeffentlichkeit gelangt sind. Man kann bei dieser Bilanz nicht wie bei den üblichen mit Vergleichsziffern rechnen, weil in der Zwischenzeit der Konzern völlig umgestaltet worden ist. Es sind Riesensummen: 1,7 Milliarden Bilanzsumme, 560 Millionen Mark Aktienkapital, 969,7 Millionen Mark Anlagen, 371,7 Millionen Beteiligungen. Einem Eigenkapital von 636 Millionen Mark steht aber immer noch ein Fremdkapital von 745 Millionen Mark gegenüber. Allerdings beträgt heute die Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der Werke nicht 20—25 Prozent wie in der Krisenzeit, sondern 60—65 Prozent. Man kann also erwarten, daß dieses Riesenunternehmen jetzt wieder soviel verdient, daß es in absehbarer Zeit ein vernünftiges Verhältnis zwischen eigenem und fremdem Kapital wieder herstellt. Die Schachtelung des neuen Trustes richtig darzustellen, würde eine kleine Broschüre ausmachen. * Unzweifelhaft sind durch die gewaltigen Beträge, die von öffentlicher wie von privater Hand für Hausreparaturen, Umbauten, Teilung von Großwohnungen etc. aufgewandt wurden, gleichzeitig auch gewaltige Summen von zweit= und drittfälligen Hypotheken gerettet worden. Die Pfandbriefbanken, Sparkassen und öffentlich-rechtlichen Versicherungshypotheken um ein weiteres Jahr bis Ende 1935 verlängert. Auch die übrigen Aufwertungshypotheken werden in den nächsten Monaten zu einer akuten Frage der Kapitalpolitik. Im allgemeinen ist vor dem 31. Dezember 1934 nicht mit einer großen Transaktion zu rechnen. Man darf aber erwarten, daß trotz aller Verlängerungen der Fälligkeitstermine vor allem den notleidenden kleinen Sparern und Rentnern in einem gewissen Maße die Möglichkeit geboten wird, wieder in das freie Verfügungsrecht seines Kapitals zu gelangen. * Nach den bis jetzt vorliegenden Berichten haben die diesjährigen Saison=Schlußverkäufe den erwarteten Erfolg gebracht. Sonderwaren sind für den Saisonverkauf nicht mehr bereitgestellt worden. Am besten scheinen die Schuhgeschäfte abgeschnitten zu haben, die zum Teil sehr erhebliche Umsätze erzielt haben. Die großen Kaufhäuser hatten in diesem Jahr keine übermäßigen Läger vorrätig. Nach dem, was man bis jetzt von ihnen hörte, scheinen sie aber recht zufrieden zu sein. Mengenmäßige Angaben mit Prozentziffern der Absätze in früheren Jahren wird man erst in der nächsten Wochvorliegen haben. Neues Abkommen über die PalästinaAuswanderung. In einem Runderlaß teilt die Reichsstelle fü Devisenbewirtschaftung das Ergebnis der Verhandlungen mit den an dem Palästina=Abkommen beteiligten jüdischen Stellen mit. Danach ist, wie das Ndz meldet, bei der Reichshauptbank für die Bank der Gesellschaft Jaffa erneut ein Sonderkonto II eingerichtet. Auf dieses Konto können— mit Genehmigung der zuständigen Devisenstellen— Juden, die in Deutschland ansässig sind und zurzeit nicht auswandern, sich aber gleichwohl schon jetzt eine Heimstätte in Palästina schaffen wollen, Einzahlungen leisten. Die Einzahlungen finden ausschließlich Verwendung zur Bezahlung deutscher Warenlieferungen nach Palästina. Die Höchstgrenze der Einzahlungen beträgt 50000 A für jede wirtschaftlich selbständige Person. Das Geld kann auch in Häusern Hypotheken und Beteiligungen an Unternehmungen an gelegt werden. Die Erträgnisse sind der Reichsbank an zubieten. Nur 75 v. H. der Baumwollernte des jahres in Amerika. Nunmehr liegt eine amtliche Schätzung der zu er wartenden Baumwollernte vor. Daraus ergibt sich, daß man mit einem Ertrag von 9 195 000 Ballen gegen 13 047 000 Ballen im Vorjahre rechnet. Abgesehen vom Jahre 1921 ist somit die Baumwollernte in diesen Jahre seit 1896 die geringste. Biersteuer=Ertrag in Die amerikanischen Steuereinnahmen aus dem Verkauf von Bier und alkoholischen Getränken betrugen in der Zeit vom 1. Dezember bis 30. Juni rund 185 Mill. Dollars. Im einzelnen sind für Bier 103 915 651 und für die sonstigen alkoholischen Getränke 81007884 Dollars Steuern eingenommen worden. Ans deutsche Meer. Schon oft erklang der Ruf: Kommt zur Erholung und zur Gesundung ans deutsche Meer. Er kann garnicht oft genug wiederholt werden. Und so sei er denn auch hier recht eindringlich ausgesprochen für alle Ferienfrohen, die noch keine festen Pläne für ihre Sommerreisen gemacht haben, die aber Ausspannung suchen und Kraft und Frische sich holen wollen für die Arbeitslast bevorstehender Herbst= und Winterwochen. Kommt ans deutsche Meer! Kommt an die Nordsee. Siebenschöne Inseln, jede einzelne besonders in ihrer Art, sind der ostfriesischen Küste vorgelagert: Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge. Sie alle bieten ihren Gästen Seeluft und Seewasser, grüne Dünen und den Blick in die weltweite Unendlichkeit des wogenden Meeres. Immer und zu jeder Zeit ist es schön hier am deutschen Meer. Im Frühling, wenn die Lenzstürme brausen und die Kraft der Wellen an den Strand drängt. Im Sommer, wenn die Sonne Gesicht und Glieder bräunt und ein erfrischender Hauch der See der Hitze die drükkende Beklemmung nimmt, die im Binnenlande wie eine Last empfunden wird. Im Herbst, wenn eine beglückende Milde der Luft uns umfächelt. Und erst recht im Winter, wo die Hielkraft des Seeklimas so besonders stark ist. Ausführliche Prospekte der Badeverwaltungen unterrichten über alles Wissenswerte. Jedem Geschmack ist Genüge geschehen: dem Luxusbedürfnis und dem Wunsch nach abwechslungsreicher Unterhaltung tragen die größeren Inseln in reichem Maße Rechnung. Die kleineren bieten allen, die Ruhe und wirkliche Erholung oder Ausspannung suchen, die Abgeschiedenheit und Zurückgezogenheit eines wahren„Familienbades“. Doch solche Ruhe und Abgeschiedenheit kann, wer sie ersehnt, auch auf den großen Inseln finden. Wer die Einsamkeit liebt und die wundervolle Stille der erhabenen Natur, der braucht nur aus dem Getriebe am Strand sich in die Beschaulichkeit der Dünen zurückzuziehen. Oder auf wenig begangenen Pfaden den nicht von Zelten und Badelust belebten Strand entlang zu schreiten. Die hohe Einfachheit der Natur umfängt ihn dort in ihrer Erhabenheit. Das wogende unermeßliche Meer singt überall das ewige Schicksalslied vom Auf und Ab, von Wellental und Wellenberg, von Werden und Vergehen. Die See gibt und nimmt. Sie bringt und holt. Ewig in Flut und Ebbe. Ohne Aufhören. Unermeßlich in Zeit und Raum. Auf allen Inseln sind die Badeeinrichtungen durch Errichtung moderner Anlagen in den letzten Jahren derart verbessert worden, daß allen Ansprüchen Genüge geschieht. Und dieser Badebetrieb ist und bleibt das Wesen aller Seebäder. Es gibt nichts schöneres, als sich bei hohem Wellengang in den weißen Gischt zu stürzen, die manchmal mit solcher Kraft daherbrausen, daß man kaum ihnen standzuhalten vermag. Wundervoll aber auch bei stiller See in die sanften Wasser zu tauchen. Dann ahnt man garnicht, wie wuchtig die See toben kann. Und dann nach dem Bad ein Licht= und Sonnenbad im warmen Sand. Oder ein frohes Ballspiel am Strand in harmloser Ungezwungenheit. Oder auch emsige Arbeit beim Burgenbau. Wahre Kunstwerke entstehen da, aus Sand geformt. Und wenn das Wort einen Sinn hat, dann hier am Meer:„So ihr nicht werdet wie die Kinder...“ Das ist das Herrlichste hier an der See: dieses Zurückfinden zur Natur und zur Naturgemäßtheit, zu schlichter Einfachheit und harmloser Lebensfreude. Alles künstlich Ueberfeinerte verschwindet. Reine Menschlichkeit dringt durch. Und was bietet sich nicht alles an Abwechselungen dem, der mehr noch will, als Bad und Strandleben und Dünenspaziergang. Eine Fahrt mit schlanken Segelbooten in die See hinein. Ein Rundflug im Flugzeug über die Inseln. Seehundsjagden. Fischfang. Ein Besuch auf den Nachbarinseln. Der Naturforscher findet eine interessante Flora und Fauna. Die vielen Arten der Seevögel können beobachtet werden. Man sammelt Muscheln und Seesterne, Krabben und anderes Seegetier. Bei gutem Wetter und bei Sturm— in jeder Stimmung ist das Meer groß und schön. Wenn spiegelglatt seine Silberfläche in der Sonne glitzert. Und wenn der Sturm die Wellen peitscht und die Wogen mit wilder Wucht über Strand und Buhnen schleudert. Wenn Meerleuchten am Abend die Wasser wie edles Geschmeide funkeln läßt. Immer muß man es lieben, dieses Meer. Magisch zieht es den, der es kennen lernte, immer wieder zu sich.... Und er wird zum Werber für seine Reize. Kommt ans Meer! Ans deutsche Meer:.... Ostfrieslands Nordsee=Heilbäder. Die ostfriesischen Nordseebäder Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge sind zu den deutschen Heilbädern zu rechnen. Sonne, Seeluft, Sand und Salzwasser sind ihre heilkräftigen Kurmittel. Die Strahlung ist außerordentlich intensiv. Der weiße Sand und die wellenglitzernde Fläche des Meeres unterstützen sie. Dauernd wird die Haut vom frischen Seewind massiert. Im Seebad wird der Körper gestählt, seine Elastizität gestärkt, die Lebensfreude erhöht und eine Kraftreserve für die sonnenarme Zeit geschaffen. Die sieben ostfriesischen Inselbäder liegen wie eine schimmernde Perlenkette vor der friesischen Küste. Natürlich haben sie manches gemeinsam, aber dennoch besitzt jedes Nordseebad seine Eigenart. Borkum mit seiner Wandelhalle, Adolf=Hitler=Strandpromenade und dem machtvollen Leuchtturm übt stets seine alte Anziehungskraft aus. Wie oft sind hier schon die Strand=Jugendkompagnien aufmarschiert. Diese Tradition wird auch hier weiter gepflegt. Gerade jetzt bekommt Borkum für die Segelfliegerei als Leistungsstation besondere Bedeutung. Juists schöner, breiter Strand sichert dieser Insel ein dauerndes Stammpublikum. Die Tennisplätze inmitten der Dünen befriedigen anspruchsvollste Turnierspieler. Wer die Schule am Meer noch nicht kennt, wird von ihrem Aufbau und Aufgabenkreis überrascht sein.— Norderney beruft sich auf seine Tradition als Sommerresidenz der hannoverschen Könige. Bewußte Kulturpflege hat die Hauptgebäude des Bades unter Denkmalschutz gestellt. Die Anpassung an die Anforderungen der Neuzeit ist in den Gebäuden aufs geschmackvollst durchgeführt. Die ehrwürdigen, schönen, schlichtruhigen Fassaden der Gebäude sind pietätvoll geschont. Der Kurpark Norderneys ist ein besonderes Juwel. Der Hof hat bedeutende Vertreter der Staatskunst, der Geisteswelt und des Künstlertums nach Norderney gezogen. Es bietet die vielfache Unterhaltung eines großen Bades. Seit einigen Jahren wird auf den schönen Dünengolfplätzen eifrig diesem Sport gehuldigt.— Baltrum, Langeoog und Spiekeroog bilden einen harmonischen Dreiklang. Hier weilen gern Naturfreunde, hier findet man insbesondere ein Ausruhen vom Großstadtlärm und zwanglose Geselligkeit. Baltrum nannten seine Freundedas erwachende Dornröschen unter den ostfriesischen Nordseebädern. Langeoog hat Dünen von seltener auf Spiekeroog sind sie vom kleinen romantischen Wösd. chen veziert. Die kleine Inselkirche enthält Stücke von der Spanischen Armada, die einst als Strandgut an Spiekeroogs Strand angespült wurden.— Das letzte der sieben Nordseebäder ist Wangerooge, politischz Oldenburg gehörig, sonst aber in engster Schicksalsgemeinschaft mit den sechs anderen verbunden. Sein stolzes Wahrzeichen ist der Westturm, dessen Wiederaufbau das Symbol dafür sein möge, daß der Deutsche sich wieder auf die Schönheit der deutschen Insel=Heilbäder Ostfrieslands besinnt. Auf dem Wege zu ihnen liegen die schönen alten Friesenstädte Emden, Norden, Esens, Wittmund Aurich, Leer, Jever mit ihrer besonderen Eigenart. M. Maucher. Weiterhin große Erfolge der Tellspiele. Wir bringen unseren Lesern zwei wohlgelungene Aufnahmen von den Tecklenburger Freilichtspielen. Seit mehreren Wochen wird hier auf der von sachkundiger Hand gestalteten und unter verständnisvoller Einbeziehung und Schonung der altehrwürdigen Burgreste neugeschaffenen Freilichtbühne Schillers Freiheitsdrama „Wilhelm Tell“ aufgeführt. Unsere Bilder zeigen ein „ausverkauftes Haus“ mit einer begeisterten Zuschauermenge. Vor ihren Augen spielt sich der Freiheitskampf eines geknechteten Volkes in gewaltigen, zu grandioser Wirkung gesteigerten Massenszenen ab und wird über den zeitlichen Abstand hinweg einen jeden zu stärkstem Gegenwartserlebnis. Wie kein anderes ist gerade dieses Spiel geeignet, die Geister wachzurütteln und zu erheben und Freiheits= und Lebenswillen zu stärken in einer Zeit die uns Deutsche in einen schweren Kampf um die Erhaltung unseres Volkstums und unserer Unabhängigkeit gestellt hat. Die Tecklenburger Spielschar erwirbt sich mit ihrer aufopfernden Arbeit ein Verdienst in besonderer Form und wenn sie bisher durch eine hohe Besucherzahl aufs reichlichste für ihre vaterländische Hingabe entschädigt wurde, so muß man ihr auch für die noch verbleibende Spielzeit gleichen weiteren Erfolg und eine noch gesteigerte Besuchszahl wünschen. Borkum(Nordseebad) Tel. 354 Pension Sul Kirchstr. 9 bei der kath. Kirche, 5 Mln. v. Meoresstrand. Berühmte Küche. Kompl.Pension V. 4.- bis 4,50 Mk. Vorze ger dies erhalten in d. Nachsaison 10% Ermäßigung Voranmeldung erwünscht Hausprospekt. Fließendes Wasser. 4278 -Private Oberrealschule d. Schulbrüder mit InternatHerz-Jesu-Heim. Staatl. Prilfung an der Schule selbst. Freie, gesunde Höhenlage, 500 m. Haushalt: Ordensschwestern. In den letzten 3 Jahren erhielten 115 Schüler das Abitur u. 92 die Obersekundareife. Aufnahme jederz. in Kl. VI—UI Illertissen bei Ulm a. D. Oerhap vorführen. 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Von 4 Pfund Früchten und 3 Pfund Zucker, also von zusammen 7 Pfund, erhielt man nur etwa 4½ bis höchstens 5 Pfund Marmelade. Solche Kochverluste gibt es mit Opekta nicht mehr; denn die Kochzeit beträgt ja heute nur noch 10 Minuten. Und jetzt überlegen Sie einmal! Man erhält: Pfund Marmelade Pfund Marmelade Wenn man Opekta verwendet, erhält man also so viel an Marmelade mehr, daß man das Opekta nicht allein ganz umsonst hat, sondern daß außerdem noch jedes einzelne Pfund Marmelade etheblich billiger in der Herstellung wird, von it an n2 te der zu alsgetolzes . eur, gut ufbeallen auch ihig. ung. orh. ree im. rafm. 273 le u9 der sute den. cht. iter nd. ksW. P . Alt-Kreuznach Phot.: E. Lenscher. Dortmund Fränkischer Bilderbogen VON FRIEDRICH SCHNACK en 2t. Mainfranken ist eines der lieblichsten und innigsten deutschen Bilderbücher, mit heiteren Farben, Tälern, Flüssen und Gründen, seinen Flächen, Linien und Höhen. Wer ins Mainland reist, reist ins Weinland: dort gehen die Sinne auf, denn in Franken gibt es Schönes zu sehen, Klangvolles zu hören und Edles zu empfinden. Wer einmal, etwa in einem gutgeratenen Frühling oder in einem abgeklärten Herbst, dies zierliche Landschaftsbuch aufschlug, wird die geschauten Bilder nicht wieder aus dem Gedächtnis verlieren, und wer als echtbürtiger Sohn von dort in die Ferne geht, vergisst sein wein- und obstreiches Heimatland nie: die fränkische Erde ist, nach einem zutreffenden Wort eines einheimischen Schriftstellers, schwer und anhänglich. Ja, triebe es ihn durch sieben Meere, wie den Würzburger Liedermeister Max Dauthendey, der unter Palmen auf Java an Heimweh litt: in den außersten Ländern der Erde wird ihn das Gesicht Frankens gegenwärtig sein, das geliebte Antlitz seiner Erdmutter: mehr„als goldene Pagoden gilt ihm Heimatgras.“ Wer also nach Franken fährt, reist in eine festlich gestimmte und harmonische Landschaft. Weinlaub überschwillt die Hänge des Maintals, bekränzt die anmutige Traubenstrale; Gärten, Schlösser, Kirchen, Burgen und Bögen spiegeln sich in der Welle des behaglichen Flusses. Die Luft ist würzig vom Blütenhauch der Gärten und der Wiesen, und immer hängen Erlebnisse mainauf, mainab von reichen geschichtlichen Erinnerungswerten, mit deren Vielfalt und Buntheit sich nur wenige deutsche Lande messen können. Das unterfränkische Volk, soweit es die Rebe hebt, fleißig dem Wein zusprechend, ist zwar nicht so beweglich und aufgeräumt wie das rheinische und wie es der Geist der Traube vermuten ließe: es hängt zäh am Alten und liebt die ungrüblerische Behaglichkeit; dennoch ist es rege, gemütstief und phantasievoll. In seinem Blut ist die Kraft der Gestaltung mächtig, der Drang zu Schönheit und Kunst: es hat viele Dichter, Maler und Bildhauer hervorgebracht. Sein Wesen schmückt, malt, singt. Die Werke aus fränkischen Händen hervorgegangen, sind fein und zierlich, leicht und sogar schwelgerisch. Der Wein wirkt hindurch mit seinem Lebenssaft. Diese fränkischen Artzeichen zeigt jede alte Tür, jeder Dachgiebel, jeglicher Brunnen. Der Main ist die Lebensader Frankens, einst heiß umstritten, heut eine länderverbindende Straße. Dieses, seinem größeren Bruder, dem Rhein, zustrebende Flußkind des Fichtelgebirges hat die bedeutende Eigenschaft, im Anschluß an die Donau, zwei Meere zu verbinden: das Schwarze Meer und die Nordsee. Aber Franken war immer an die Welt geknüpft, sein Boden ist bester Kulturboden: seit den frühesten Zeiten schon zogen drei Heerstraßen hindurch, eine kommend von Norden nach Nürnberg und Augsburg und weiter hinabreichend nach Italien, eine andere bog vom Mittelrhein her nach Würzburg, Nürnberg, Regensburg und begleitete die Donau abwärts und die dritte sandte Böhmen herüber quer durch Franken in den deutschen Südwesten. Kaufherren, Fürsten und Volk fuhren auf ihnen daher mit fremder Anschauung, fremder Sitte und fremdem Gut. Viel blieb davon hängen. Bevor der Main in den Bannkreis von Würzburg einströmt, ist er bereits an einer Perlenschnur reizender Weinnester vorbeigezogen, im grauen Stufenland des Muschelkalks, in den er seine fruchtbaren Flachtäler einsägt. Steigt man auf die weinlaubglänzenden, terrassenförmig gebauten Höhen, ist man verwundert, nicht auf Gipfeln, sondern auf sanftwelligen Hochflächen mit Fluren, Feldern, Weiden und Siedlungen zu stehn. Mit hellen Flußschlingen wendet sich der Main durch sein Stufenland, liebe, gastliche Dörfer und Kleinstädte bespülend. Da liegt Leidingsfeld, einst dem trunkfesten Böhmerkönig Wenzel zu eigen; das dächerrote Randersacker, Würzburgs ländlicher Vorkeller, bedacht mit köstlichen Sorten; das fröhliche Sommerhausen mit der Sonne und der Traube im Wappen; in der Schattenlage die Dorfschwester Winterhausen, im Wappen gleichfalls die Traube. darüber den Sichelmond. Lohnend ist der Besuch im betriebsamen Öchsenfurt, aus dem sich die Würzburger Studenten in den Sommersonntagen ihre Räusche holen, ein baugeschichtlich prächtiger Ort, im Volkswitz die Universitätsstadt der Dummköpfe, wohl im Anklang an die englische Universitätsstadt Oxford so bezeichnet. Vergessen wir nicht Marktbreit, den alten Handelsherrenplatz, mit den reichgeschmückten Häusern des Barocks; jenseits Frickenhausen, eines der fesselndsten Dörfer Frankens, ein unberührtes Stück Mittelalter, mauerumzogen, bewehrt und betürmt, vorzüglich in einer Mondnacht zu genießen, wenn der Duft der Traubenblüte durch die Gassen geistert. Wir kommen nach Kitzingen, gleich fällt einem der schiefe Falterturm auf, krumm von allen Seiten, als hätte ihn sein Bauherr im„Schwips" gegründet. In Kitzingen zählt man hundert Weinhandlungen und viele Faßfabriken für die fränkischen Weinströme. Der Kitzinger Wein ist ein wahrer Freudenwein: schon der Alchimist Glauber, der Erfinder des Glaubersalzes, der vor Jahrhunderten in Kitzingen hauste, rühmt diesen Traubensaft:„Kaum ein Land auf dem Teutschen Boden zu finden, darinnen der Edle Wein häufiger und besser wächst.“ Schnell noch einen Abstecher in die Weinstädtchen Dettelbach und Volkach, wunderbare altfränkische Orte, und dann noch nach Schweinfurt, wo das Weingrün und die glitzernde Beere schon seltener wird, und die Industrie anfängt mit Schweinfurtergrün und Gußstahlkugeln. Oben am Berg Schloß Mainberg, vor Jahren der Sitz des Religionsphilosophen Johannes Müller, der jetzt in Elmau seine„Grünen Hefte“ herausgibt. Und dann mit der Bahn nach Würzburg, Frankens Herz, die Stadt des heiligen Kilian, die Bischofsstadt, die alte Residenzstadt, in der sich der Baumeister Balthasar Neumann, dem Franken zahlreiche Profan- und Sakralbauten verdankt, in der Residenz ein bezauberndes Denkmal setzte. Dahinter der herrliche baum- und vogelreiche Hofgarten, ein köstliches Frühlings- und Sommerstelldichein für Gartenfreunde, Philosophen, verliebte Studenten und für Rentner, deren es vor dem Krieg in Würzburg viele gab. Vor der Residenz der raumhaft einzigartige Residenzplatz mit dem schönen Brunnen Walthers von der Vogelweide, der hier auf seinem Stein „mit überdachtem Bein“ sitzt und zu beiden Seiten des Platzes die flankierenden Säulen mit der Aussichtskanzel, von denen der Volksmund behauptet, sie würden sich verneigen, sobald ein braves Mädchen vorüberginge... Wir müssen uns auf das Würzburger Lied berufen: die Würzburger Glöckli haben ein schönes Geläut und die Würzburger Mädli sind kreuzbrave Leut. Sehr schön ist der Blick auf die Universitätsstadt vom Kalksteinrücken des Steinbergs, auf dessen sonnenbeglühter Breitseite der köstliche Steinwein reift. Von ihm kündet auch ein bekannter Spruch:„Zu Würzburg am Stein, zu Klingenberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da wächst der beste Wein.“ Jenseits auf der Südflanke des Festungsberges, auf dem die Feste Marienburg thront, gedeiht der andere berühmte Würzburger Tropfen, der Wein der„Leisten, zwar nicht so feurig wie der männliche „Stein“, doch nicht weniger edel, mehr weiblich mild. Schön ist der Blick von der Festung über die vieltürmige Stadt auf den Fluß, der von dem bunten Gewirr der Stadt das Mainviertel abschneidet, das ganz dicht an den Schloßberg gepreßt wird, gasseneng und reich an Weinkneipen, kein Wunder auch: hinter den Dächern lacht der„Schloßberg“, zwischen den Bastionen der Festung, und mit ihm und all den anderen Säften werden in den großen Kellereien die Flaschen und die breitbäuchigen Bocksbeutel gefüllt, davon es in den Straßen Würzburgs die herrlichsten Räusche gibt, wie allgemein bekannt. Vom Mainviertel herüber führt die alte Mainbrücke, mit ihren zwölf Brückenheiligen, darunter auch Karl den Großen im windflatternden Mantel: sein mächtiger Wille war nach den Traditionsbüchern der Benediktenabtei Fulda entscheidend für die Ausbreitung der Rebe in Franken. Herrliche Bauten sind die Würzburger Kirchen, das mag jeder in Kunstgeschichten nachlesen. In der Neumünsterkirche soll nach der Sage Walther von der Vogelweide seine letzte Ruhestätte gefunden haben: von der Kirche zum bischöflichen Palast, dem„schönsten Pfarrhaus Deutschlands“, führte, wie die Legende weiß, der sagenumwobene Kreuzgang Walthers, das Lusamgärtlein, in dem der Sänger die Vögel fütterte. Die lebendigste Zierde Würzburgs ist das „Clacis", eine Baum- und Rasenanlage in Hufeisenform, beginnend und endend am Main. Eine üppige Blätterlunge, die die Stadt durchatmet und ihr das Aussehen einer einzigartigen Gartenstadt verleiht. Zahllose Vögel nisten in diesem straßen- und wegdurchschnittenen Baumgürtel; im Mai wogt ein Strom von Flieder und ein Konzert von Schnäbeln berückend durch Würzburg, Mit dem fortziehenden Fluß scheiden wir von Würzburg, immer begleitet von den hinhügelnden Traubenhängen: hier Oberzell, wo die Rotationsmaschinen der Schnellpressenfabrik König und Bauer laufen; dort taucht Veitshöchheim, eines lebensfrohen geistlichen Fürsten verträumtes Schloß mit Rokokogarten auf. Im Kavalierbau wirkt jetzt die staatliche Lehranstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau; denn Frankens Obst- und Gemüsezucht ist nicht weniger wichtig und edel als die Weinpflege: der Wert des unterfränkischen Obstaumbestandes wurde vor dem Krieg schon auf 120 Millionen Goldmark geschätzt; 1917, dem Jahr einer Vollernte, reiften in Unterfranken eine Million 320 000 Zentner Obst. Veitshöchheim baut Musterweinberge: Traniner und Sylvener sind feine Gewächse. Das reiche Baum- und Rebengrün lacht, allerdings graubestaubt, in das sachliche Kalstadt herein, ... Unterwegs, bei Lohr, schwenkt der Main ab, einen Umweg machend, denn er hat Zeit: sein Wasserband umgürtet die großen Waldungen des Spessart, wo Hauffs Wirtshaus unter Märchenwipfeln die Automobile der Fremden erwartet. Der Mainlauf ist bis Aschaffenburg betupft mit grünen Weinflecken: Homburg, Wertheim, Klingenberg sind Namen von Klang, und famose Orte, trefflich geeignet für Sommerferien und traubensüße Herbste. In Aschaffenburg, wo Clemens Brentano begraben liegt und der Ardinghello-Dichter Wilhelm Heinse lebte, spiegelt sich im Fluß das rote Schloß, ein mächtiges Viereck mit riesigen Türmen und Helmen, ernst und zeitlos, und hinter dem wuchtigen Werk liegt die gemütliche Stadt, beschließend den farbigen Bilderbogen vom Maingelände mit dem uralten Spruch: Glockenklang, Gesang und Wein Gehen durch ganz Franken. Copyright 1933 by Neufeld& Henius, Berlin // Nachdruck verboten VII. Auf einmal tut sich der Zeltvorhang auseinander und heraus tritt der von allen schwarzen Leuten sehnlichst und mit Spannung erwartete weiße Mann. Er trägt kniehohe Lederstiefel, graugrüne Knickerbockers aus Khaki, grünes Jagdhemd mit offenem Kragen und einen Tropenhelm. Als er durch das Dorf geht, sausen alle kleinen Kinder brüllend vor ihm in die Hütten, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Im Palaverhaus, das, wie eine offene Veranda, statt der Wände eine tischhohe Lehmbalustrade hat, läßt Koch Momo Eier und Maniokknollen brodeln, die der Boy mit dem hochmütigen Gebaren nachher feierlich vor dem Zelt serviert.— Der weiße Mann hat unter den Augen des staunenden Volkes eben die letzte geröstete Kassave verspeist, da erscheint der Häuptling des Dorfes, der seinen Fremdling am Abend zuvor nur kurz begrüßen konnte. Er ist ein mittelgroßer Mann von vielleicht vierzig Jahren mit breitem, schwarzbraunem Gesicht, breiter Nase, wulstigen Lippen und außerordentlich listigen Schlitzaugen; am Körper trägt er ein talarartiges Gewand aus inländischem Tuch, auf dem Kopf einen Filzhut, den man kaum noch als solchen erkennt; er hat ihn, wie auch sein leidliches Englisch und seinen Namen— er nennt sich Joseph —, aus seiner in Monrovia verbrachten Jugend herübergerettet. Wie alle Urwaldneger läuft er barfuß. Jetzt schütteln sich der schwarze und der weiße Häuptling freundschaftlich die Hände, der erstere überreicht sein Gastgeschenk, ein Huhn und eine Schale mit Palmnüssen, wofür er als Gegengabe eine Flasche Schnaps, ein paar Bund Tabak und ein Päckchen Rasierklingen empfängt. Dies letzte gibt er kopfschüttelnd zurück. Er kann nichts damit anfangen. Dann wird er eingeladen, auf einer umgestülpten Kiste Platz zu nehmen. Der Weiße verschwindet für einen Augenblick im Zelt; als er herauskommt, hat er zwei dicke Bücher unter dem Arm, die er neben seinen Liegestuhl legt. Nach kurzer Unterhaltung erhebt sich der Häuptling; er hält eine Rede in der Negersprache seines Stammes zu den ringsum stehenden und lagernden Dorfbewohnern. Als er geendet hat, kommen alle Männer, vom Jüngling bis zum Greis, auf das Zelt zu, kauern sich in engem Kreis um den Liegestuhl und lauschen den Worten ihres Häuptlings, der ihnen jetzt verdolmetscht, was der weiße Mann hier in den Jagdgründen ihres Dorfes sucht. Die Tiere ihrer Heimat also will der weiße Mann haben. Ja, welche Tiere denn, fragen sie; viel, viel verschiedenes Wild, plenty, plenty different meat lebe in ihrem Busch, sagt der Dolmetscher. Aber der weiße Massa verrät noch nicht, was er haben will. Er denkt an jenen Forschungsreisenden am blauen Nil, dem die Neger mit treuen Augen versicherten, gerade in ihren Sümpfen lebe das Tier, das so groß wäre wie ein Flußpferd und gefleckt wie der Leopard, aber mit dem Maul des Krokodils und vier Stoßzähnen, und seine Nahrung seien die Affen hoch oben in den Urwaldbäumen,— denn solch ein höllisches Schreckbild hatte er ihnen im Spaß beschrieben, um ihre Glaubwürdigkeit einmal auf die Probe zu stellen!— So sind sie, die Neger; warum, denken sie, soll man den netten Massa enttäuschen, wenn er doch so gern hören möchte, dies oder das Tier lebe hier; sagt man ja, so bleibt er, und er hat Tabak und Schnaps und Geld; und findet er sein Tier nicht, so geht er wieder weg, und es tut ihm nicht weh.— Das alles weiß der weiße Mann, der da im Streckstuhl liegt, auf dem Dorfplatz im Liberiabusch, den Tropenhelm ins Genick geschoben und von einem Haufen erwartungsvoller schwarzer Männer umgeben; und deshalb sagt er nicht, was für Tiere er sucht, sondern er läßt sich erzählen, wie die Tiere aussehen, die man hier schon einmal gesehen, gefangen und aufgefressen hat. Und er denkt nicht daran, auch nur die allerkleinste Hilfestellung zu geben.— Jetzt geht nun das Palaver los; jeder will sein Teil zugeben, und der Dolmetsch fängt an: Ja, also deers gäbe es hier. Das sind Antilopen. Wie die aussehen, diese deers, fragt der Massa; o, different, different deers heißt die Antwort: manche klein und schwarz, das sei der black deer1); manche groß und rot, das sei der red deer*); manche seien winzig klein, wirklich too small too much, ihr Fuß sei so dünn like this, und man hält ihm ein bleistiftstarkes Hölzchen hin, und sie seien klug, sie haben sence too much, und man sehe sie überhaupt nur alle Jubeljahr einmal; auf englisch wisse er den Namen nicht,") meint der Häuptling. Und dann gäbe es manchmal eine bush cow. Das ist der Büffel. Und in der Regenzeit kämen sogar elefants in diese Gegend; und plenty plenty gäbe es Wildschweine; die seien Schufte(rascals), denn sie verwüsteten die Maniokfarmen.— Bis hierher könnte alles stimmen.— Was es aber für kleinere Tiere gäbe, will der Massa weiter wissen. O, plenty, sagt der Häuptling; er kenne nur die englischen Namen nicht: monkeys natürlich, Affen, too much, rote, schwarze und graue; und small meat jeder Art; manches lebe in den Bäumen, manches auf der Erde.— Auch hiergegen ist nichts einzuwenden.— Wie es denn mit Schlangen stände?— Was, fragt der Häuptling, snakes?? Schlangen wolle er auch haben, *) Schwarzer Urwaldducker(Cephalophus niger, Gray). *) Schirrantilope(Tragelaphus scriptus, Pallas). *) Zwergantilope(Cephalophus spiniger, Temmink). die Alkoholbüchse, um wenigstens diese Fragmente der Wissenschaft zu erhalten, und beruhige meinen Grimm mit der tröstlichen Hoffnung, den Colobus nun bald selbst einmal vor die Flinte zu bekommen.— Drüben erscheint der Häuptling, um mich zu dem großen Erkundungsgang abzuholen, von dem meine weiteren Entschlüsse abhängen werden; wenn mir das Gelände der Umgebung für den Tierfang geeignet erscheint, will ich hier bei dem Dörfchen Wreppoosta, im Land der Kpelleneger, zwei gute Tagemärsche hinter dem Ende der Autostraße und vielleicht hundertdreißig Kilometer von der Küste ab, mein erstes Sammellager aufschlagen. Nach dem' Colobuspalaver eben bin ich schon so dreiviertel dazu entschlossen...—. * Es ist ein unvorstellbar verfilztes tropisches Dschungelmeer, das ich jetzt kennenlerne. Nach kurzem Marsch auf dem Weg, den meine Karawane gestern gekommen ist, tauchen wir seitlich in einem engen, zugewachsenen Waldpfad unter. Wir: das ist der Häuptling, meine zwei Boys für Gewehre und Kamera und ich; an der Spitze unseres im Gänsemarsch schreitenden Zuges geht noch ein Mann, der mit dem Buschmesser in langen Streichen die in den Pfad ragenden Lianenranken und Aeste kappt. Lange Strecken wandern wir in engem Pflanzentunnel unter den zusammengewölbten Baum= und Buschkronen hin. Nicht zwei Schritte tief kann man in das Unterholz zu beiden Seiten hineinblicken; die Wildheit dieses undurchdringlichen Blätterdickichts von Sträuchern und Schlinggewächsen kommt dem Urwaldwanderer hier, abseits des ausgetretenen Karawanenweges, erst recht zum Bewußtsein. Und dabei geht es noch längst nicht durch den eigentlichen Urwald; es ist derselbe niedere Buschwald, von dem ich erzählte; short bush nennt ihn der Häuptling. Bisweilen lichtet sich das Tunneldach für eine kurze Weile, die Sonne scheint herein und blendet unsere, an das grüne Dämmerlicht gewöhnten Augen. Das Gelände wird hügelig. In den Senken geht der Buschwald in malerische Weinpalmensümpfe über, deren riesige, armdicke, gefiederte Wedel dicht über dem Boden entspringen und in einem Labyrinth von niederen Bodengängen die Riedgrasbüschel und schwarzen Morastlachen in ewigen Schatten hüllen. Hier und da ist der schlammige Boden von Fährten und tiefeingetretenen Wechseln von kleinen Antilopen und Pinselohrschweinen durchzogen; zweimal sehe ich die Eindrücke des Fischotters und die einer mittelgroßen Katze, und unser Führer zeigt mir im Rand des Sumpfes eine frische Büffelfährte. Aber trotz dieser stummen Zeugnisse tierischen Lebens spähen meine Augen und die meiner schwarzen Begleiter vergeblich nach einer Jagdbeute aus. Nur vereinzelte Schmetterlinge schaukeln umher, hier und da huscht undeutlich ein kleiner Vogel durch das Gestrüpp. Als wir aus dem Sumpf wieder in einen der Tunnelgänge des Buschwaldes treten, erhebt sich plötzlich über unseren Köpfen ein unheimliches Sausen und Brausen: ein großer Nashornvogel, der im dichten Gelaub versteckt saß, schwingt sich aufgeschreckt mit hastigen, schweren Flügelschlägen in die Luft. Man möchte glauben, dem sagenhaften Urvogel vergangener Zeiten in dieser urwelthaften Natur zu begegnen, so stark ist der Eindruck des Brausens unter den Fittichen dieser grotesken Riesenvögel auf den verschreckt verhoffenden Jäger. Von Zeit zu Zeit brechen und rauschen Aeste tief im Gebüsch, dazwischen werden verhaltene Grunz= und Gurgeltöne vernehmbar: monkeys, flüstert mein Boy und späht gespannt in das Pflanzendickicht. Viermal werden wir so auf Affenbanden aufmerksam, ohne auch nur einen Schatten von ihnen zu Gesicht zu bekommen. Leise wandern wir weiter durch den geheimnisvoll schweigenden Busch. Immer hügliger wird der Boden, wir erklettern steile, dschungelbewachsene, steinige Hänge, schauen, oben angelangt, überrascht auf kleine, niedergerodete Flächen inmitten der Walddecke,— verwilderte Farmen, die der fruchtbare Boden schon wieder mit kraftstrotzendem, grünen Gestrüpp überwuchert. Weite Rundblicke hat man von diesen Hügelrücken, und ich begreife jetzt, was ich in einem alten Westafrikabuch gelesen habe, daß nämlich ein Land kaum weniger zur Jagd mit der Büchse geeignet sein kann, als dieses, wo unübersehbare dichte Wälder in einem Guß Berge und Täler überziehen, und wo selbst die wenigen künstlich gerodeten Lichtungen so hoch und so dicht mit wirrem Pflanzenwuchs überwuchert sind, daß keines Menschen Auge ein Wild auf ihnen entdecken könnte. Weit hinten erhebt sich am Rand einer verwilderten Pflanzung eine hohe Waldmauer: der eigentliche tropische Urwald mit seinen himmelhoch ragenden Bäumen. Ueberall, wo jetzt Buschwald wächst, hat er früher gestanden und er täte es jetzt noch, waren die schwarzen Bewohner des Landes nicht Ackerbauer. Zu Beginn jeder Trockenzeit, im Dezember und Januar, ziehen die Männer aller Dörfer in den Hochwald und roden ihn in monatelanger mühsamer Arbeit mit ihren Buschmessern nieder, soweit. wie sie Raum für Reis= und Maniokpflanzen brauchen. In den letzten Wochen der Trockenheit, im April und Mai, brennen sie den inzwischen von glühender Sonne verdorrten Riesenwald ab. Nach den ersten Regengüssen wird Reis gesät, der unter den bald täglich niederrauschenden Wolkenbrüchen emporschießt und in den zwei, drei trockenen Wochen des August geerntet wird. Im Dezember, wenn die neue Trockenheit einzieht, roden die Schwarzen ein neues Stück Urwald für ihre Farmen. Die alten Pflanzungen werden sich selbst überlassen und wachsen, getrieben von fetter Erde und ewiger schwammiger Hitze und Nässe zu neuen strotzenden Wäldern empor. der weiße Jäger? Er grinst über das ganze Gesicht; er erzählte es den andern; die hauen sich auf die Schenkel und wollen sich totlachen; Schlangen will er haben, der weiße Mann! Ausgerechnet Schlangen! Aber sicher, die gäbe es, plenty sogar und auch different, different, braune, grüne, schwarze. Wieder weiß der Dolmetsch keine englischen Namen, und seine Beschreibungsversuche in lächerlichem Englisch sind gänzlich verworren.— Immerhin, man hat allerlei erfahren. Die genannten Tiere gibt es also wirklich hier, denn aus Bilderbüchern können diese Urwaldneger sie nicht kennen. Der weiße Mann aber hat solche Bilderbücher. Sie liegen neben ihm auf dem Lehmboden und sollen ihm helfen, zu erkunden, welche Tiere die Neger in der Tat schon gesehen haben; mögen die Kerls so viel schwindeln und aufschneiden, daß der Urwald verdorrt, wenn man ihnen etwas mit Worten beschreibt;— gibt man ihnen ein Buch in die Hand, so kann man in den Gesichtern lesen, ob sie das Tier da auf dem Bild kennen oder nicht. Ein Buch und ein Bild ist große Medizin; sie wird mit so viel Ehrfurcht bestaunt, daß kein Buschmann auf den Gedanken käme, dabei Theater zu machen. Freilich, fragt die Sümpfe und Wälder der Umgebung seines Dorfes abholt. * Also, es ist ungefähr eine Stunde her. Die Bilderbuchversammlung ist beendet, die Leute haben sich zerstreut, ich bin ein bißchen einen Buschpfad langgebummelt, habe eine Taube und einen Helmvogel zum Mittag geschossen und trotte nun dösend über den flimmernd heißen Dorfplatz zu meinem Zelt zurück. Als ich um eine Lehmhütte biege, stolpere ich über einen Kerl, dem dabei vor Schreck etwas aus der Hand fällt, über den Boden rollt und sich in mehrere Teile auflöst: ein locker zusammengekniffenes Bananenblatt, aus dessen Falten auf einmal— zwei abgeschlagene, behaarte Unterarme eines mittelgroßen Affen herausrutschen! Ich gucke den Schwarzen verdutzt an, der grient verlegen von einem Ohr bis zum andern und erklärt langwierig, diesen Affen habe er gestern geschossen, drei andere Männer haben ihm geholfen ihn zu greifen, weil er nicht gleich tot gewesen sei, nun haben sie ihn untereinander aufge teilt, er habe sich die Arme zurückbehalten, und die woll er jetzt kochen und auffressen, denn sie seien zu süß, Heimwärts durch die Felder man noch lange und redet vielleicht zu, dann wird er auch auf das Bild vom Dinosaurier tippen und versichern, dies meat lebe in seinem Busch. Das Bilderbuch liegt jetzt also auf einer Kiste vor dem Stuhl des Weißen; die Neger rücken heran, hocken, knien und stehen in dichtem Haufen herum. Der Massa blättert langsam Seite für Seite um, wobei er sorgsam die gespannten schwarzen Gesichter beobachtet, die wie gebannt auf diesen Zauber starren. Bei jedem wohlbekannten Wild, bei Antilopen, Affen, dem Pinselohrschwein und bei dem bunten Bild des Zebraduckers bricht lebhaftes Gemurmel aus, und unzählige schwarze Finger tippen auf die Abbildung herab. Die Sache macht Spaß, aber der Spaß ist ihnen nicht geheuer. Sie schütteln die Köpfe und staunen und begreifen nicht, wie der weiße Mann das Getier ihres Waldes so genau in seinem Buch haben kann; immer wieder ertönen die seltsamsten Kehllaute höchster Verwunderung.— Das Bilderbuchpalaver ergibt das Resultat, daß fast alle wichtigen Liberiatiere in dem Dorf bekannt sind. Die Gewißheit aber, daß auch das Tier in diesen Wäldern lebt, dessen Erbeutung für den Weißen eine der wichtigsten Aufgaben seiner Expedition bedeutet und dessen Vorkommen hier sein Bilderbuch nicht ermitteln konnte, weil nämlich kein Bild von ihm darin ist,— diese Gewißheit erbringt einer jener afrikanischen Zufälle wie sie schon manchem ahnungslosen Tropenreisenden zu überraschenden Erfolgen verholfen haben. Und da ich diese Zeilen hier am Zelttisch in das Tagebuch schreibe, will ich die Geschichte noch erzählen, bevor der Häuptling mich zu dem verabredeten Pirschgang durch Scherenschnitt von Lolo Brandenburg und dabei klopft er sich auf seinen nackten Bauch. Inzwischen hat mein Gewehrträger die traurigen Ueberreste des unglücklichen Affentieres aufgesammelt und will sie gerade wieder in das Blatt einwickeln, da fällt mein Blick auf die Hände... ja, die haben doch nur vier Finge.... und die Arme grünliches Fell..„ sollte das etwa... mit einem Satz bin ich bei dem erschreckten Mohren, reiße ihm das Paket weg... und was habe ich in der Hand?... Die vorderen Extremitäten von Colobus verus, dem grünen Stummelaffen:... „Wo sind die anderen Teile“, brülle ich den Buschmann an, während das reine zoologische Lampenfieber in mir hochschießt,„where to hell is the head?“... der Kerl starrt mich an, als trachte ich ihm nach dem Leben, er denkt, ich hab einen Sonnenstich, daß ich mich um ein paar Affenarme so gebärde...,„wo ist der Affenrest“, will ich wissen,„fünf Schilling für den Schädel... sofort, one time, hol das übrige!“— und der Mann rennt, was er kann, zu einem Haus am Dorfrand und ich hinterher.—— Doch es ist zu spät; mit wehleidiger Miene kommt er heraus: die Brüder haben schon alles im Bauch; das Fell ist verbrannt, der Schädel zerschlagen und von den Hunden verschleppt. Die kostbarste Beute ist um Haaresbreite durch die Lappen gegangen! Ich fluche wie drei Landsknechte und möchte am liebsten die Colobusfresser mit Vogeldunst in den Südpol schießen, obwohl sie eigentlich gar nichts dafür können.— Jedenfalls weiß ich, daß mein begehrtestes Wild hier vorkommt. Ich kaufe die beiden Arme, versammle wieder alles Volk und verkünde, daß ich für diesen Affen zehn Schilling Prämie zahle, was bewunderndes Gemurmel zur Folge hat. Dann stecke ich die Dinger in Die gestohlene Melodie VON KURT BOCK Zu der niederländischen Gemütlichkeit der Bar, die den Stil einer Schifferkneipe mit vornehmer Gediegenheit anheimelnd verquickte, paßten die bizarren Klänge der halbversteckten Jazzband herzlich schlecht, wenn für uns auch die schwer hangenden altertümlichen Schiffsmodelle, mancherlei Wandschmuck und die kindlichen Zeichnungen auf den Delfter Kacheln, wie wasserköpfige Mohren, verniedlichte Palmenhaine, sagenhaftes Getier, den gleichen, die Phantasie erregenden Hauch ausatmeten wie die verwirrenden Klänge dieser exotischen Musik, der wir uns müde gefangen gaben. Unser Gespräch war aus lebhaftem Austausch gemeinsamer Erinnerungen und bunter Erlebnisse, die wir nach unserer Trennung in allen Erdteilen, auf allerlei Dampferlinien und Segelschiffen durchfahren hatten, allmählich in Tiefen geraten, deren Schwermut so Auge in Auge mit dem Gedenken an unsern in stillblütige Männlichkeit erkalteten Jugendfrohsinn nur allzu erklärlich war. Lagen doch an die fünfzehn Jahre des kämpferischen Seelebens zwischen diesem Wiedersehenstage und unserer Ausfahrt damals in alle Richtungen der Windhose. „Und doch können wir uns im Rückblick gewiß gestehen“, fast verlegen senkte Adrian den grauen Kopf und drehte spielerisch seinen Römer zwischen den harten Fingern,„diese tölpelhafte Jungensehnsucht, die uns hinaustrieb mit einer verrückten Erwartung von Freiheit und Abenteuern, ist uns nicht enttäuscht worden. Wenn wir auch auf Fahrt im Diensteinerlei, in der alltäglichen Dreckarbeit, mit widerspenstigen Mannschaften und teufelsborstigen Maschinenübeln nichts davon gemerkt haben, potz Klüwerbruch nochmal, nichts! Aber heute, heute: Wetter, wir sind doch keine Grünlinge mehr, haben die Nase in manchen Wind gestochen! Haben doch kerlsmäßig gelebt!“ Er kippte sein Glas gurgelwärts und blickte weit über uns hinweg. Die Musik schwang in einer weichen Melodie durch die Rauchschwaden herüber. „Hast Recht, altes Haus“, nickte der lange Egbert und stieß die Beine lang von sich, das Genick hintüber auf die Rückenlehne gestemmt,„diese Landratten haben sich zwischen ihren ührleingenauen Tagen die Verdauung stets gern gefördert durch mancherhand Thule=Gespinste, haben liebliche Bücher hinterm warmen Bullerofen ausgebrütet mit freundlichen Geschichten von seligen Inseln, onkelhaften Matrosen, paradiesischen Wilden,— wir aber haben uns am Blut der höllischen Wirklichkeit einen lebenslänglichen Rausch angesoffen, daß wir die Welt doppelt sehen, hie freudelächelnd dort zähnefletschend,— wir haben die Angst und das Grauen in allen Knochen schütteln gespürt, und dennoch: keines der Jahre möchten wir missen!“ Er fauchte den Pfeifenrauch hinauf zu der farbenprächtigen Fregatte über sich. Die Jazzband hackte einen Wirbel kreischender, gezogener Töne.„Ja, darin liegt's“, meinte der rote Jan,„wir haben oft genug mit Vollzeug den Freund Hein umsegelt, so daß wir das Leben von ganz anderer Seite angesehen als die Kaminbankhocker. Wr sehen die schwärzesten Schatten unweigerlich mit; so leuchten uns auch die Farben kräftiger. Wir sehen die ganze Gestalt, die anderen sehen nur Fläche.“ Er füllte uns die Gläser neu. Durch das Schweigen tanzte da plötzlich eine seltsame, getragene Flötenweise auf, völlig unharmonisch, aber zwingend durch stete Wiederholung ein und derselben Tonfolge in verschiedenen Lagen, von verschiedenen Instrumenten, und hinreißend durch den wilden Takt des gedämpften Schlagzeuges, der Banjos und Trommel. Ein pfeifendes Gurgeln riß uns jäh auf: Pieter stand über den Tisch geschrägt, die Arme breit inmitten aufgestützt; gekrampft, starrte zur Musik hinüber, ganz weißen Gesichts. Wir zogen ihn, hoben ihn zurück, verstauten ihn auf der Ducht, er röchelte sinnlos, schlug mit der flachen Hand durch die Luft, ein rätselhafter Schrecken furchte seine Backenknochen kantig heraus, daß die Augäpfel gräßlich vorstierten. Endlich verstanden wir aus seinem Lallen, die Musik sollte aufhören:„Die gestohlene Melodie“, schrie er qualvoll dazwischen. Erst als einer der neuen frechen Gassenhauer loshämmerte und ein vierstöckiger Kognack ihm eingetrichtert war, fand sich Pieter wieder zusammen, mit keinem Worte rührten wir an sein Geheimnis,— alle Fahrensleute sind von fast weicher Rücksichtnahme auf innere Bewegungen, — zu sehr später Stunde aber erzählte er uns dann: „Ist erst zwei Jahre her, der Spuk mit dieser vertrackten Melodie, die mich hier wieder überfiel. Wir schlingerten mit einem prächtigen Kreuzerneubau, als Ketsch getakelt mit Breitfok und strammem Motor, in der eisernen Südseeflaute herum, die verstreuten kleinen Faktoreien von Inselchen zu Atoll, von Atoll zu Inselchen abzuklappern. Unsere Crew bestand außer den Farbigen noch aus einem spanischen Steuermann und einem deutschen Maschinisten, nebst mir als Käpten. Eines Tages, — ein kurzer, deftiger Kuhsturm mit pfundigen Fallböen hatte uns die ganze Großsegelbahn aufgerissen und mehrere Schotlieken gebrochen,— schipperten wir platt vor de Wind in einer Backofenhitze die abgelegene Niederlassung irgend einer Nederlandschen Handels=Maatschappij an, um die Havarie zu klaren. Die Insel war uns aus früheren Jahren her wegen ihres schönen und friedlichen Menschenschlags, sicherlich von Bali herübergewandert, in freundlicher Erinnerung. Wir booten also aus und landen in einer wüsten, whiskytorkelnden Bande jener alten Farmersorte, ihr wißt ja, die das Inselvolk mit Alkohol verseuchte, versklavte und die Arbeit aus den gepeitschten Körpern dieser tierisch=stillen Naturkinder herausschlug. Es war eine Musterversammlung, Ausbund roher Kraft, Ausschuß aller Südseefarmereien,— ausgerechnet auf diesem lieben Eiland. Sie holten uns begeistert auf ihre Veranda, schrien einen Boy, der platt an der Wand lag, nach neuen Flaschen an und versprachen uns die wildesten Feste, ihr könnt euch denken; die Tänzerinnen kauerten schon hinten im Hofe zitternd an den Pallisaden. Fern unter den Kokos= und Brotfruchtbäumen sahen wir einige Hütten der Eingeborenen, aber kein Leben zeigte sich hinter den Pisangmatten und Bambuswänden. Nur zwischen den Depots drückten sich ein paar farbige Arbeiter scheu herum, Bettelnuß kauend, gebückt,— ich kannte diese Menschen, die Insel nicht mehr. rettete mich vor dem Feuer. Meine Mannschaft an Bord aber war durch die Flammen gewarnt und konnte dem Kanuüberfall ausweichen. Auf See kreuzend traf sie gleich früh auf einen holländischen Frachtsteamer. Beide Mannschaften gingen sofort an Land und fanden mich. Der Strand lag völlig leer, auf einigen zugespitzten Ruderstangen staken die schon gedörrten Köpfe der Farmer und meiner beiden Leute, die stieren Augen auf die See gerichtet, von Fliegenschwärmen umtobt. Nie vergesse ich diesen Anblick— nie auch diese verfluchte, gestohlene Melodie,— in der der Tod so grauenhaft lacht und singt!“ Lange schwiegen wir, gaben ihm nur jeder einen stillen Blick. Dann erst sagte, das Glas schon erhoben, der rote Jan: „Etwas wie diese Melodie schleppen wir alle wohl in uns herum, allzeit und überall. Aber Damned, grade dies Etwas wollen wir am wenigsten missen! Skool!“ Er hat recht, Topp und Takel, er hat recht!“ Eine Kahnfahrt Von Carl Conrad Die Freunde hatten ihre Zelte auf der kleinen Insel inmitten des Sees aufgeschlagen, und dort hatte ich den Nachmittag verbracht. Als ich mich den Zelten näherte, stand ich plötzlich und unerwartet Greta gegenüber, der Schwester eines meiner Freunde. Ich hatte sie vor Jahren Ernstes Mädchen Die Farmer hatten bei sich einen eigenartigen Schweden mit so einer Art Forscherverrücktheit, außerdem mit tobsüchtigem Klimafieber. Dieser Mister also nimmt uns beiseite und erzählt uns, wie er gestern das bisher völlig unbekannte Neumondfest, die heilige Tanzfeier der Insulaner, mit Hilfe eines der Weiber fern in den vulkanischen Felsen und Yamsdickichten habe belauschen können; er habe dabei auch die eigenartigen Tanzweisen auf Grammophonplatten aufgenommen. Wären fabelhaft gut gelungen. Er packt also seinen Musikkoffer aus, und die erste Platte schurrt, stampft, singt los,— wirklich ein Erlebnis, zuzuhören. Zufällig sehe ich hinaus in die jäh einfallende Dämmerung und erblicke die Tänzerinnen, die wie gebannt, zuckend herüberstarren, einige Arbeiter rennen zu ihnen hin, dann stürzen alle schweigend fort in die Dunkelheit, aus der nur noch ein Honigvogel pfeift und die fliegenden Hunde raschelnd einhertaumeln. Bald darauf stellt sich heraus, daß auch die Diener verschwunden sind. Die hochgehende Stimmung aber erschlägt alle Besorgnis und Vorsicht, Flasche auf Flasche zerschrillt geleert, auf den Hof geworfen. Plötzlich geht aber aus der lautlosen Finsternis ein Hagel von Pfeilen auf die Veranda nieder, der in den meisten Fällen schon töteten. Ich hatte zwei dieser Giftbolzen im linken Unterarm, hier seht die schwarzen, faustgroßen Löcher,— die Wunden habe ich mir bald darauf an einem glühenden Pfosten ausgebrannt. Als die Braunen aus der Nacht über uns hereinsprangen, aus dem Hof, dem Hausinnern, vom Dach herunter, ließ ich mich hintüber zwischen die doppelten Jalousien eines großen Fensters fallen, klemmte mich dort ein und zerrte die Moskitonetze über mich. Ich sah und hörte das schnelle Gemetzel, dem keiner entging. Die größte Wut aber tobten sie sinnlos an dem Grammophon aus, ihre Priester zerschlugen mit Beilen den Apparat zu einem wirren Klumpen und steckten dann das Haus darüber in Brand. Nur daß die Wilden dann sofort sämtlich zu den Booten liefen, um mein Schiff zu überfallen, und daß die Veranda aus Steinen erbaut war, Holzschnitt von Erich Sperling einmal sehr gut gekannt. Ich sah, daß sie sich freute. Während die anderen schwammen, unterhielten wir uns lange nebeneinander im Sande liegend, und ich erfuhr, daß sie sich in den vier Jahren weder verlobt, noch sonstwie gebunden hatte. Es war ein netter, angenehmer Nachmittag gewesen, und nun ruderte ich heim. Der leichte Wind, der sich auftat, brachte keine Erfrischung, im Gegenteil, er schien geradewegs aus einem Backofen zu kommen. Er blies mir heiß in den Rücken, und ich blickte voll Verlangen auf das kühle Wasser, das gegen mein Boot plätscherte. Ich war jetzt etwa eine Stunde gerudert und mochte mich wohl in der Mitte des Weges zu der kleinen Bucht befinden, an der ich wohnte. Niemand erwartete mich, und so ließ ich die Ruder los, die, vom Wellenschlag bewegt, in ihren rostigen Dollen quietschten, schwang meine Beine über Bord und ließ sie ins Wasser hängen. Das Boöt lag sehr schräg, das Wasser war angenehm, und ich glitt ganz hinein. Das Boot richtete sich wieder auf und schaukelte noch eine Weile. Ich schwamm langsam auf dem Rücken liegend, und beobachtete, wie die Wolken über den Mond dahinglitten. Es schien sich etwas wie ein Gewitter vorzubereiten. Zuweilen, wenn eine dichte schwarze Wolke vor dem Mond stand, war es völlig finster, und ich vermochte kaum das Boot zu erkennen, das langsam vor mir dahintrieb. Aber am Quietschen der Ruderdollen hörte ich, wo es sich befand. Bald, da sich mein Körper an die Temperatur gewöhnt hatte, erschien mir das Wasser nicht mehr kühl; es war lau von der Hitze der vergangenen Tage. Wie ich so in der Dunkelheit dahinschwamm, erinnerte mich das alles plötzlich an den letzten Abend mit Greta. Wir schwammen nach dem Essen noch ein wenig in dem Fluß, daran unsere Hütte lag. Das Wasser war warm. Greta taucht einigemal unter und kommt, die Arme emporwerfend, wieder an die Oberfläche, schüttelt den Kopf, daß die Wassertropfen aus ihrem blonden Haar mir ins Gesicht fliegen, und dann sagt sie plötzlich:„Was ist eigentlich mit dir, Hans? Ich wollte dich immer schon fragen.“ Ich machte einige heftige Stöße vorwärts, dann werfe ich mich auf den Rücken, und sage:„Nichts!“ Greta liegt gleichfalls auf dem Rücken. Sie bewegt sich kaum und treibt wie ein Stück Holz langsam in der Strömung dahin.„Ich weiß nicht,“ sage ich. Greta beginnt wieder zu schwimmen. Jetzt ist es völlig finster geworden, und ich kann sie nicht mehr sehen. Ich höre, wie sie dem Ufer zuschwimmt. Das Wasser wurde plötzlich kühler, und ich erwachte aus meinen Erinnerungen. Ich warf mich herum. Der Mond war verschwunden. Ich sah mein Boot nicht mehr. Doch hörte ich dicht vor mir das quietschende Geräusch der Ruderdollen und schwamm mit kräftigen Stößen darauf zu. Der Wind blies heftiger, und das Wasser war ziemlich bewegt. Da die Wellen mir bisweilen bis über die Augen liefen, mußte ich den Kopf stark in den Nacken halten. Es war ein ungewohntes und sehr angestrengtes Schwimmen. Vom Boot war immer noch nichts zu sehen, doch hörte ich durch das Brausen des Windes und das Rauschen der Wogen ganz deutlich wie die Ruder in den Dollen quietschten. Nur schien jetzt das Geräusch aus einer anderen Richtung, weiter rechts, zu kommen. Ich fühlte, wie ich schwächer wurde. Die Wogen kamen hoch und kräftig herangerollt und warfen mich hin und her. Ich hörte nichts mehr und mir wurde klar, daß es unmöglich sei, die eingeschlagene Richtung einzuhalten. Trotzdem schwamm ich weiter, stieß meine Füße mit ärgerlicher Gewalt in das Wasser und streckte meine Arme bei jedem Stoß weit vor, als müsse das Boot im Augenblick aus der Dunkelheit auftauchen. Es ist doch lächerlich,“ dachte ich,„daß ich jetzt sterben soll, wo ich Greta wiedergesehen habe. Ich konnte in all den Jahren mit keiner Frau richtig glücklich werden, weil ich sie immer mit Greta verglichen habe. Es ist doch unmöglich, daß ich gerade jetzt sterben soll!“ Und gleichzeitig erinnerte ich mich an viele Beispiele von der Grausamkeit des Schicksals und mit welch plötzlichem Zugriff es oft das Leben eines Menschen zerstört. Ich bebte am ganzen Leibe. Irgend etwas Furchtbares, Unbekanntes, Gewaltiges schien mich im Innersten berührt zu haben. Ich vermochte kaum noch zu atmen und hielt mich wassertretend auf der Stelle. Immer wieder mußte ich mir die nassen Haare aus den Augen streichen, aber ich sah darum nicht besser.„Ich habe doch nichts verbrochen“, sagte ich plötzlich laut, und der Wind riß mir die Worte vom Mund weg. Ich sah Greta in den Berliner D=Zug einsteigen, in ihrem hellen Trenchcoat und der Baskenmütze, und sie winkte aus der Gangtür noch einmal mit der Hand, und ich stand unten auf dem Bahnsteig und winkte mit dem Hut.„Ja, Greta,“ dache ich, und meine Zähne schlugen aufeinander, und die Wellen warfen mich hoch und ließen mich plötzlich wieder sinken, daß mir übel wurde,„ja, Greta, so war das damals. Du fuhrst nach Berlin und ich fuhr ins Semester. Ich weiß wohl, ich hätte zuerst schreiben müssen. Greta. Ich weiß. Statt dessen lief ich zwischen jedem Kolleg um die Straßenecke auf meine Bude, ob ein Brief von dir da ist. Schließlich sagte ich mir: erledigt! Von da an hatte ich ein schlechtes Gewissen. Greta.“ Ich legte mich hintenüber und trat und schlug das heftig bewegte Wasser, das mich wie einen toten Gegenstand umherwarf. Ich hatte den Plan gefaßt, in kleinen und dann immer größer werdenden Kreisen zu schwimmen, um auf diese Weise das Boot zu finden, falls es noch nicht allzuweit abgetrieben war. Alle Augenblicke drehte ich mich um und hielt in der dichten Dunkelheit Ausschau. Aber es war, als trage ich eine schwarze Binde vor den Augen. Jedesmal, wenn ich die Beine abstieß, blies ich das Wasser aus meinem Mund. Oft drang es bis in die Lunge, und ich mußte heftig husten, um die Brust wieder frei zu bekommen. Ich war nicht mehr imstande, zu denken. Statt dessen glitten unaufhörlich Bilder durch mein Bewußtsein, ohne Zusammenhang. Ich sah mich mit Greta auf einer Straße im Sonnenschein. Es hatte zuvor geregnet, und nun stieg ein leichter weißer Dampf vom Pflaster auf. Greta trug ein rotes Seidentuch mit weißen Tupfen um den Hals. Wir gingen durch einen Park gegen Abend, und die hellen Kleider der Frauen leuchteten zwischen den Bäumen in der Dämmerung. Jetzt war ich völlig erschöpft und beschloß, es aufzugeben. Ich hielt mich ruhig auf dem Rücken liegend, indem ich nur wenig meine Arme und Beine bewegte, die wie gelähmt waren, und ich dachte an meine Mutter. Um meine Augen war es ganz starr. Ich konnte nicht mehr weinen. Sonst hätte ich jetzt wohl geweint. Der Rücken schmerzte mich, und ich fühlte, daß ich es nicht mehr lange aushalten könne. Ich erinnerte mich an den Tag, wo ich nach dem letzten Semester heimkam und am Abend im Wohnzimmer neben meiner Mutter saß. Ich erzählte vielerlei, und zuletzt erst, was mir das Wichtigste war. „Es ist aus mit Greta,“ sagte ich. Meine Mutter blickte mich an und sagte:„So, so.“ Weiter nichts. Aber dieser Blick, voll Kummer und Befürchtungen! Du kanntest mich, Mutter! Ich weiß, ich habe dir in den Jahren viel Kummer gemacht. Nimm es mir nicht mehr übel, Mutter! Ich war noch zu jung damals, Mutter! Ich wollte noch den Lärm. Ich wollte noch so richtig auf den Wellen des Lebens schwimmen...“ Bei diesem Gedanken, der wie ein Hohn auf meine Lage war, schüttelte mich der Schmerz. Ich stellte mir vor, wie de Mutter Nachricht von meinem Tode erhalten würde. Vielleicht durch ein Telegramm. Sie wurde ohnehin scon mer so furchtbar blaß, wenn ein Telegramm kam. Ich jammerte laut:„Vater im Himmel, wenn ich lebend hier herauskomme, o lieber Gott, lieber Gott, ich mache alles gut. Und dann gehe ich zu Mutter und sag: „Jetzt wird Greta meine Frau, Mutter“.— Nun war es vorbei. Wie der Rücken plötzlich einknickte, schloß ich die Augen und streckte die Hände zun Himmel, als sei dort ein letzter Halt. Ich stieß gegen etwas Hartes und griff zu. Ich atmete, und es war Luft, die ich einsog, nicht Wasser. Ich wartete, bis ich ein wenig zu Kräften gekommen war, zog mich ins Boot und legte mich flach auf den Boden. Dann wurde ich ohnmächtig. Als die ersten Blitze zuckten, kam ich wieder zu mir. Es regnete heftig, der Himmel war ein wenig heller, und der Wind hatte nachgelassen. Die Ruder klebten fest an den Bootswänden. So hatten sie keine Geräusche mehr verursacht. Das Boot mußte die ganze Zeit über in meiner Nähe gewesen sein. Ich setzte mich auf die Ruderbank, wandte mich um, und sah, daß ich auf die Insel zugetrieben war. Die Kiefern bewegten sich schwarz vor dem Himmel. Unter einem bläulichen, knisternden Blitz sah ich Greta am Ufer stehen. Sie winkte mit einem hellen Tuch. Ich hielt beide Hände an den Mund und rief:„Ich komme!“ Obgleich ich sehr müde war, Luderte ich in großen, raschen Zügen. Der Donner hallte laut in den Bergen wider, aber ich empfand keine Furcht mehr. Der Retter in der Not Von Edmund Finke Es blieb kein Zweifel übrig. Mr. Landsdale war ermordet worden. Als Geoffrey das stilvolle, alte Landhaus seines Onkels in der Harrowstreet betrat, fand er den hübschen, kleinen Vorgarten von derben Polizeistiefeln zerstampft, das Gitter von einer neugierigen Menschenmenge belagert, so daß er mit Bedauern daran dachte, wie peinlich es wohl seinem Onkel gewesen wäre, wenn er hätte ahnen können, welch gewaltiges Aufsehen sein plötzlicher Tod in Hampstead erregen sollte. Denn der Bruder seines Vaters war immer ein stiller, scheuer Sonderling gewesen, dem sein ehedem nicht unbedeutendes Vermögen es gestattet hatte, in vollständiger Zurückgezogenheit seiner einzigen Leidenschaft, dem Sammeln ostasiatischer Kunstgegenstände zu leben. In der geräumigen Vorhalle wurde Geoffrey Landsdale von Inspektor Borden empfangen.„Mr. Landsdale? Der Neffe des... Verstorbenen, wie ich vermute?“ „Ja, Sir. Ich wurde vor einer halben Stunde telephonisch von dem Unglück verständigt. Kann ich meinen Onkel sehen?“ Borden gedachte des schrecklich verzerrten Gesichtes des alten Mannes, der mit einem seidenen Tuch erdrosselt worden war, und verneinte die Frage.„Ich glaube, Sie behalten Ihren Onkel besser so im Gedächtnis, wie Sie ihn zum letzten Male bei voller Gesundheit gesehen haben. Sind Sie der einzige Verwandte des Toten, Mr. Landsdale?“ „Ja. Ich bin Chemiker. Habe ein kleines Laboratorium in Chelsea; metallurgische Expertisen und ähnliches.“ „Ihr Onkel dürfte ein vermögender Mann gewesen sein, Mr. Landsdale. Seine Sammlungen waren in Fachkreisen bekannt und geschätzt. Aber diese Halunken haben das Haus ausgeraubt wie hungrige Mäuse'nen Kornspeicher. Ich fürchte, Mr. Landsdale, es ist Ihnen nicht viel mehr übrig geblieben als diese japanischen Schwerter und Dolche dort an der Wand. Und das Haus natürlich.“ Der junge Mann lächelte bitter. Das Haus, hatte der Inspektor gesagt? Das Haus war bis zum First mit Hypotheken belastet. Und die Versicherung beim„Globe“ würde gerade zur Deckung der übrigen Schulden reichen. Der alte Landsdale hatte alles seiner kostspieligen Leidenschaft geopfert. „Peinlich genug, die ganze Geschichte,“ unterbrach der Inspektor des jungen Mannes Gedanken.„Ich schätze, daß wir die Sachen kaum jemals wiedersehen werden. Soviel bis jetzt feststeht, wurde das Verbrechen von Chinesen begangen. Irgendwelche Gegenstände in Ihres Onkels Sammlung dürften die gelben Halunken besonders gereizt haben. Jedenfalls werden wir Ihnen Nachricht zukommen lassen."— Der junge Landsdale kehrte bedrückt nach Cheldia zurück. Bedrückt und traurig, nicht nur des Todes seines Onkels wegen, sondern weil nach dieser Katastrophe kaum jemals etwas aus seiner Verlobung mit Mildred Gardener werden würde. Das hübsche, blonde Mädchen wartete im Laboratorium auf ihn, wo sie ihm täglich bei der Arbeit half. Wenn sie auch arm war wie eine Kirchenmaus, so war sie doch außergewöhnlich tüchtig, und Landsdale war ihr dankbar, daß sie alle Bedenken überwunden hatte und nun seit einem halben Jahre mit ihm zusammen arbeitete. Mildred schwenkte fröhlich einen eingeschriebenen Brief in der Rechten, der mit der Vormittagspost angelangt war. Aber als ihr Geoffrey von dem Unglück erzählte und aufrichtig alle Folgerungen darlegte, die ihr erträumtes, künftiges Glück so schwer betrafen, weinte sie so herzzerbrechend, daß es ihm leid tat, ihr diesen Schmerz nicht doch erspart zu haben. „Geoffrey, Liebster, nein, ich werde Dich nie verlassen. Ich werde Dir helfen, werde weiter an Deiner Seite kämpfen, und einmal, nicht wahr, werden wir doch soweit kommen, daß wir heiraten können.“ Der Junge küßte ihr stumm die Tränen von den Augen.„Ach,“ schluchzte sie, „wie dumm, so zu weinen. Da ist dieser eingeschriebene Brief. Du mußt ihn lesen. Vielleicht ist er wichtig. Und wir vertrödeln hier die Zeit.“ Als Landsdale den Brief in die Hand nahm, wurde er plötzlich bleich wie die weiße Wand des Arbeitsraumes. „Um Gotteswillen, Mildred, sieh die Schrift... Der Ein Wasserflughafen in Newyork Heideeinsamkeit Brief ist von meinem Onkel. Er muß ihn gestern abend noch geschrieben und zur Post gebracht haben... vielleicht kurz bevor er ermordet wurde.“ Nachdem Geoffrey den Brief geöffnet und entfaltet hatte, lasen sie zusammen folgenden seltsamen Bericht: „Mein lieber Junge! Es ist schwer, das furchtbare Geheimnis, das mich bedroht, jetzt, da ich vielleicht nur noch wenige Stunden zu leben habe, Dir so aufzuklären, daß Du es vollständig verstehst. Draußen vor dem kleinen Garten, dessen Rosenstöcke, dessen dunkelgrünen Rasen ich so sehr liebte, daß es mir schwerer wird von ihm zu scheiden, als von meinen Sammlungen, lauern gelbe Mörder auf mich, gegen die mich auch Scotland Yard nicht schützen kann. Ich habe lange Jahre in China gelebt, kenne die erbarmungslosen Methoden der Geheimbünde dieses Landes und habe deshalb verzichtet, die Polizei vor eine Aufgabe zu stellen, der sie nicht gewachsen ist. Ich habe 1913 in Peking auf eine recht zweifelhafte Art und Weise einen goldenen Buddha, einen sogenannten Maitreya aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. erworben, der wahrscheinlich gelegentlich der damals recht häufigen Plünderungen des kaiserlichen Palastes geraubt wurde. Siebzehn Jahre konnte ich mich an diesem kostbaren Stück meiner Sammlung— Du wirst es in den hinterlassenen Katalogen als 27. Stück meiner Bodhisattvas verzeichnet finden— ungestört erfreuen. Vor einem halben Jahre beging ich die Unvorsichtigkeit, das Stück für die„Zeitschrift der Freunde ostasiatischer Kunst“ photographieren zu lassen. Damit war mein Schicksal besiegelt. Die Statuette— sie ist 18 Zoll hoch und unverhältnismäßig schwer— dürfte aus der großen Pagode der kaiserlichen Stadt stammen, in der der jeweilige„Sohn des Himmels“ seine Andachten verrichtete. Sie muß ein besonderes Heiligtum gewesen sein, dessen Verlust die eingeweihten Priester niemals vergessen und vergeben haben. Chinesen sind zäh und unnachgiebig in ihren Nachforschungen und Verfolgungen. Sie hatten wahrscheinlich in allen Kulturstaaten Beauftragte, die alle einschlägigen Zeitschriften genau studierten, da sie vermuten mußten, daß von dem verlorenen Heiligtum doch irgendwo einmal die Rede sein, oder eine Abbildung erscheinen würde. Uebrigens können sie auch ganz zufällig auf meine Spur gekommen sein.— Als ich vor drei Wochen einen Gelben entdeckte, der mein Haus beobachtete, wußte ich, daß meine Stunde geschlagen hatte. Ich machte mir nicht die geringsten Illusionen darüber, daß sie jeden Tag meines Lebens, Vergangenheit und Gegenwart, genau ausspionieren würden, und mich sicherlich für den Räuber des goldenen Buddhas hielten. Chinesen sind rachsüchtig über allemaßen. Da sie nicht mit mir in Verbindung traten, selbst als ich im Anzeigenteil der„Times“ und jener Kunstzeitschrift mich bereit erklärte, ihnen Nr. 27 freiwillig zurückzugeben, wußte ich, daß mein Untergang beschlossen war. Ich aber— jede Drohung macht uns böse und ruft alle unsere Abwehrinstinkte wach,— ich beschloß, diese gelben, unbarmherzigen Teufel um den Lohn ihres Verbrechens zu bringen. Hierzu, das will ich gleich merken, waren aber auch andere Ueberlegungen für mich maßgebend. Und damit komme ich zum Kern dieses meines letzten Schreibens an Dich, mein lieber Geoffrey. Durch einen Zufall entdeckte ich, daß die hohe, mit Figuren geschmückte Krone des Maitreya, wenn man sie bei starkem Zug nach oben links dreht, ein kleines Versteck Abendliche Silhouetten in den Dünen mußten die Statue hierher ins Laboratorium bekommen. Alles übrige war ein Kinderspiel. Er wollte dem gelben Kerl unten auf der Straße einen Zettel überreichen, auf dem seine Auftraggeber benachrichtigt wurden, daß Nr. 27 von Richard Landsdale dem Britischen Museum übergeben worden war. Bis die Chinesen die Richtigkeit dieser schwer überprüfbaren Angabe ausgekundschaftet hatten(er würde durch Dr. Munus veranlassen, daß die Direktion des Museums konforme Auskünfte gab), konnten Mildred und er längst in Sicherheit sein. Er verlies zuerst die Wohnung. Der Gelbe nahm den Brief, folgte aber, wie Mildred sehen konnte, Geoffrey in angemessener Entfernung. Eine Viertelstunde später verließ das Mädchen— ohne Hut, mit einer Einkaufstasche am Arm— das Haus. Wie sie sich überzeugte, war ein zweiter Beobachter vorhanden. Sie begab sich ebenfalle sofort zu Dr. Munus, sah vor dem Haustor den Chinesen warten, ging hinauf, Geoffrey übergab ihr, rasch die Figur in gewöhnlichem Packpapier eingeschlagen, sie verDie Wellen rauschen am unendlichen Meer. enthält, in dem sich eine winzige, dünne Pergamentrolle mit Schriftzeichen aus der Zeit der Nord We=Dynastie befindet, die wörtlich lauten: Ich bin der Retter in der Not. Du weißt, daß nach meinem Tode nicht viel übrig bleiben wird, da Schulden vorhanden sind, und die Gläubiger meine Sammlungen verschleudern werden, soweit die lauernden Chinesen sie nicht verschleppen werden. Es dunkelt. Ich glaube, es ist Zeit, diesen Brief zu schließen, um ihn noch rechtzeitig zur Post zu bringen. Du sollst den Maitreya haben. Sobald Du die Zeit für gekommen erachtest, kannst Du die Figur bei Dr. Munus, 52 Kneghtbridge street, abholen. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß sie Dir wirklich ein Retter in der Not sein möge. Grüße Miß Mardener von mir.— Ah, ich habe ein wenig Angst. Aber alles kommt doch, so, wie es kommen muß und wird vorübergehen.— Dein treuer Onkel Richard Landsdale.“ Die Beiden schwiegen. Mildred zitterte vor Angst und Grauen. Geoffrey fühlte eine grausame Schwere auf seinem Herzen lasten. Seine Stimme war rauh, als er sich an Mildred wandte:„Ein Danaergeschenk. Ich weiß nicht, ob wir uns überhaupt darum kümmern sollen.“— Sie erhoben sich. Das Mädchen ging ruhelos auf und ab. Der junge Mann trat ans Fenster und sah nachdenklich hinunter auf die Straße und den sonnenhellen Strom. Plötzlich geriet ein Bild in sein Blickfeld, das ihn zurückschrecken ließ, als habe er das Haupt der Gorgo erblickt. An das Geländer des Kais gelehnt, stand ein Mann, der zu ihm hinaufsah. Sein Gesicht war gelb. Gelb! Eine hoffnungslose Sache. Sie hatten offenbar das Haus in Hampstead beobachtet und waren ihm gefolgt. Ein Blick auf das Türschild hatte den Mann belehrt, daß Geoffrey des Toten Erbe war. Und der goldene Buddha fehlte. Nr. 27 war nicht bei der Beute gewesen. Geoffrey Landsdale konnte sich das alles sehr gut zusammenreimen. Und in diesem Moment erwachte in ihm der Kampfgeist des sportgeübten Gentlemans. Seine Preise von Harrow und Oxford glänzten ermutigend von dem Regal überm Schreibtisch auf ihn herunter. Diese verfluchten gelben Mörder sollten den goldenen Buddha niemals wiedersehen— und wenn er selbst dran glauben mußte. Gold ließ sich schmelzen oder brechen. Er sah sich in seinem Laboratorium um. Das war gerade das richtige für den blutbefleckten Götzen. Eine halbe Stunde genügte, um Mildred zu ermutigen und ihr den rasch gefaßten Plan zu erklären. Sie deckte das Paket einfach mit Gemüsen und Früchten, die sie am Wege besorgt hatte, und verließ sofort wieder das Haus in der Knightbridgestreet. Zu ihrer Freude konnte sie feststellen, daß sie der Chinese gar nicht beobachtete. Kurze Zeit später kam auch Geoffrey wieder nach Hause. Der Beobachter mußte jedenfalls bemerkt haben, daß er Dr. Munus verlassen hatte, wie er gekommen war, Nichts als Stock und Handschuhe in der Hand, die Taschen leer und unbeschwert. Am Wege kam Geoffrey die Erleuchtung, wie er sich der Figur am besten entledigen konnte, ohne besondere Vorbereitungen treffen zu müssen. Er sah wohl den Verfolger hinter sich, aber er fürchtete ihn nicht mehr. Abends würde er mit Mildred ausgehen. Mochten die Gelben, wie anzunehmen war, das Haus durchsuchen. Sie würden kein einziges Stäubchen Gold finden— weder im Laboratorium, noch in der Wohnung. Dann würden die Kerle wahrscheinlich Ruhe geben und Mildred und er brauchten auf diese Weise London überhaupt nicht zu verlassen. Mildred erwartete ihn ängstlich. Sie hatte den Korb nicht angerührt. Geoffrey suchte ein großes zylindrisches Gefäß aus dickem Laboratoriumsglas hervor, schüttete aus der Reihe der Behältnisse und Flaschen zwei Flüssigkeiten, von denen die eine an der Luft sofort einen dicken, gelben Rauch entwickelte, in das Gefäß. Ein scharfer Geruch verbreitete sich so scharf und durchdringend, daß Mildred weinen mußte. Dann nahm Geoffrey den Buddha aus dem Korbe(sie sahen ihn gar nicht erst an, dieses wundervolle Kunstwerk aus den Schätzen des Kaisers) und ließ ihn langsam in die gierig aufschäumende Flüssigkeit sinken. „Es ist Scheidewasser, Mildred, löst das Gold auf. Das Metall läßt sich später wieder aus der Lösung füllen Doch ich glaube, wir werden vorläufig die kostbarFlüssigkeit gutverschlossen in irgendeinem Winkel stehen lassen, bis sich die gelben Teufel da draußen beruhig haben.“ Sie beobachteten stumm, wie der göttliche Maitreye langsam im Königswasser verschwand. Als sich nach geraumer Zeit die Flüssigkeit klärte, schrie Mildred hell auf Am Grunde des Gefäßes lag ein Häuflein wunderbaren Edelsteine: Smaragde, Diamanten und ein taubeneigroßen herrlicher Rubin, die trotz Glaswand und Königswasser in der Abendsonne funkelten und glänzten, wie sie eins in der Schatzkammer Babers, des Begründers des großmogulischen Kaiserreichs, geglänzt hatten, ehe sie durch eine prächtige Gesandschaft dem Kaiserlichen Bruder im Osten überreicht wurden, dessen späte Nachkommen sie für den Fall unvorhergesehener Nöte in den göttlichen Buddha aus Gold verbargen.— Dieses ist die Geschichte des„Retters aus der Not“, des Buddha Nr. 27 aus der Landsdaleschen Sammlung, der viele Schicksale bewegte, bis er zwei jungen Menschen ein Glück brachte, das die Gestalt und Form seiner selbst bewahrte, indem es ernst, ruhig und friedlich war. konnenschen auf der 4 Landstraß var. chen Ergen sen. tete jen. aus sold und So nüchtern unser von den Forderungen der Zivilisation bestimmtes Leben auch geworden sein mag, von Romantik umwittert wie je ist das Leben auf der Landstraße. Mag im Zeitalter der Eisenbahn, die Buntheit vergangener Jahrhunderte auch hier einer gewissen Nüchternheit Platz gemacht haben, mag die Zeit verklungen sein, da fahrende Studenten und bettelnde Invaliden, Landsknechte und Kaufleute in dichten Scharen über die alten Straßen zogen, auf denen schon die Armeen der Römer, die Truppen des Großen Friedrich und Napoleons dahingezogen sind, immer noch hat die Landstraße sich ihren Charakter bewahrt. Statt der von Landsknechten beschirmten Warentransporte des Mittelalters fegen allerdings heute die schweren Transportautos der Fernverkehrunternehmen über die Straße. Die Sänften reisender Herren sind abgelöst durch Personenautos und statt der Meldereiter von ehedem flitzen knatternde Motorräder über die glatte Asphaltdecke. Aber abseits von der glatten Fahrbahn, auf dem schmalen Streifen, den man ungepflastert ließ, um auch den Pferden Platz zu geben, die auf der befestigten Straße von heute zu leicht ermüden, trotten wie einst die Planwagen der Zigeuner dahin. Bauernwagen rollen vorüber an den Gasthäusern, in denen nicht mehr das laute Leben von ehedem herrscht und mancher Scherenschleifer und Schirmflicker schiebt seinen Karren von Ort zu Ort. Handwerksburschen trotten gemächlich weiter oder halten im Grase am Straßenrande köstliche Siesta. Und im Münsterlande finden wir selbst den alten Kiepenkerl noch seine Kiepe von Dorf zu Dorf schleppen, um Textilwaren oder Töpfereien zu verkaufen. Und sie alle sind irgendwie verbrüdert, Angehörige eines Ordens, der unbekümmert um das rasende Tempo der vorüberhastenden Autos, geschworen hat, der gesunden Gemächlichkeit einer für sie noch nicht vergangenen Zeit die Treue zu halten. Früh am Morgen beginnt das Leben auf den Landstraßen. Um zwei oder drei Uhr rattern bereits die ersten Vlanwagen los, auf denen die Bauern an den Markttagen die Früchte ihrer Arbeit in die Städte bringen. Vorne auf dem Kutschbock sitzt meist ein schläfriger Fuhrmann, der sich in das Stroh des Wagens zurückgelehnt hat. Mit halbgeschlossenen Augen blickt er auf die glänzenden Rücken der glatten Pferde, die gleichmäßig vorwärtstrotten. Später, wenn die steigende Sonne die Vögel verstummen macht, erwachen die Langschläfer der Landstraße. Die Korbflechter. die ihren Wohnwagen mit den Erzeugnissen ihres winterlichen Fleißes behangen haben, rollen von Ort zu Ort. Da und dort verkaufen sie ihre Waren, die sie von Zeit zu Zeit durch eine Sendung, die sie sich aus der Heimat nachschicken lassen, ergänzen, und wo sie nichts verkaufen, da gibt jemand doch wohl ihren Händen Arbeit, die sie an Ort und Stelle erledigen. Wie die Korbflicker ziehen auch die Händler mit Emaillewaren mit großen Wagen über Land. Seltener als diese sieht man heute einen Kesselflicker. Meist sind es Zigeuner, die man bei dieser Arbeit findet, wenn man sie schon einmal arbeiten sieht. Denn die Zigeuner sind die wahren Kinder der Landstraße. Zu Dutzenden hocken sie oft unter den Bäumen am Straßenrand und starren in das Feuer, das sie sich angezündet haben. Niemand als sie selber wissen, auf wessen Felde das Brot, das sie essen, gewachsen ist und wie sie es fertig gebracht haben an das Fleisch zu kommen, das auch in ihren Töpfen manchmal brotzelt, das wissen vielleicht nicht einmal sie selber. Ich habe einmal einen alten Zigeuner, der, die Kniee unters Kinn gezogen, dabei war, sich den Kaffee einzuschenken, den seine Frau eben getocht hatte, gefragt, wovon er lebe.„Von den guten Menschen,“ sagte er und blickte sich um nach dem Pferd, das an einen Baum in der Nähe gebunden an dem Heu . . 4 herumknabberte, das man ihm vorgeworfen. Es muß doch viele gute Menschen in Deutschland geben, denn es leben viel Zigeuner auf den Straßen unseres Vaterlandes und wenn sie auch oft in Lumpen gehen, die keiner unter uns tragen möchte, satt werden sie wohl immer. Und gesund sind sie auch bei ihrem Leben, das sie in Wind und Wetter unter freiem Himmel führen. Dann wieder sah ich einen Schirmflicker am Wegrand sitzen. Er war in Essen zu Hause und zog in jedem Frühjahr los, um in den Dörfern des Sauerlandes und im Ravensberger Land sein Brot zu verdienen. Da er gleichzeitig auch noch die Kunst des Scherenschleifens verstand, blieb ihm manche Mark von seinem Lohn übrig, die er sich nach Hause schickte, um auch im Winter leben zu können. Denn wenn die Straßen vereist sind, wenn statt der wärmenden Sonnenstrahlen fröstelnder Regen vom Himmel fällt, sehnt auch der abgehärteste Landstraßenbummler sich nach den engen Stuben der Großstadt und erst das Frühjahr lockt sie alle wieder nach draußen. Seltener wird in unseren Tagen der Kiepenkerl, der ehedem nicht nur im Münsterlande, wo man ihn heute wohl noch von Dorf zu Dorf wandern sieht, zu sehen war. Auch die Bielefelder Leinenkerls, die mit den Erzeugnissen ihrer heimatlichen Industrie durch das Land sieht man sie eiligst dem nächsten Orte zustreben, um auch dort den musikalischen Dienstag oder Donnerstag, wie man die Tage nennt, an denen in manchen Gemeinden das Musizieren auf den Straßen freigegeben ist, wahrzunehmen. Ist es nicht das Fahrrad, so sind es doch wenigstens die Räder eines solchen, die über die Landstraße rollen. Immer noch begegnet man jenen berufsmäßigen„Weltreisenden.“ die die Krise uns beschert hat, auf der Landstraße. Es sind Arbeitslose, die einmal gehofft haben ihrer Arbeitslosigkeit dadurch ein Ende zu bereiten, daß sie ein hervorragendes Bauwerk ihrer Heimat nachbildeten und die nun mit dieser Nachbildung, die sie auf die Räder eines alten Fahrrades montiert haben, von Ort zu Ort reisen. Und so sieht man bald das Ulmer Münster, bald den Kölner Dom, heute den Dampfer Europa und morgen wieder das Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig über die Landstraße rollen. Mißvergnügt trollen ihre Erbauer hinter ihren Fahrzeugen her und wenn sie, ehe sie zu Hause abfuhren noch geglaubt haMit dem Völkerschlachtdenkmal unterwegs Mannigfaltig sind die Menschen, denen man auf der Landstraße begegnet und auch jener seltsame Kauz gehört zu ihnen, der einigemal im Monat in Netzhemd und Badehose, jedoch ohne Schuhe an den Füßen, einen Dauerlauf von einigen vierzig Kilometern in die Umgegend Dortmunds unternimmt. Da er immer die gleichen Straßen benutzt, kennt man ihn schon in den einzelnen Orten und blickt ihm kaum noch nach. Und selbst die Polizei, Zigeuner am Straßenrand zogen, sind nur selten noch anzutreffen. Ein Verwandter des Kiepenkerls ist wohl der Besenhändler zu nennen. Er hat zwar meist nur einen einzelnen Besen auf der Brust hängen und ein paar Bürsten im Rucksack, aber unverdrossen zieht er jahraus jahrein seine Straße und manchmal verkauft er wohl auch noch etwas, denn wie sollte er sonst leben? Auf ähnliche Art sah man früher auch Männer mit Holzschuhen über die Straßen wandern. Heute sieht man meist junge Leute, die ein Fahrrad mit fünfzig oder sechzig Paar Holzschuhpaaren behängt haben, über die Landstraßen fahren, um Schirmflicker am Straßenrand Norbilechter auf der Fahrt ben, daß sie allein auf die Idee gekommen sind, mit einem kunstvollen Modell auf Reisen zu gehen, so sind sie gar bald entmutigt, wenn sie immer wieder Kollegen begegnen, die da bereits geerntet haben. Von diesen jungen Leuten, die mit dem Vorsatz durch eine besondere Leistung aufzufallen, auf die Landstraße gingen, bis zu jenen alten„Monarchen“, die einen Beruf daraus gemacht haben, per pedes apostolorum durch das Land zu ziehen, ist nur ein Schritt. Und nicht einmal ein großer. Und wenn die Weltreisenden aus Beruf, die sehr häufig nicht einmal aus ihrer Heimatprovinz herauszukommen wußten, ihre Wagen mit Ansichtskarten aus allen Teilen der Welt beklebt haben, so sind die alten „Kunden“ in neuerer Zeit dazu übergegangen, nicht nur ihren Stock, sondern selbst den Hut mit Stocknägeln zu bestecken, was ihnen manchmal den Anschein gibt, als trügen sie einen von Silber gleißenden Helm über dem struppigen Kopf. die ihn im Anfang, als er noch glaubte, auch auf das Hemd verzichten zu können, einige Male in Gewahrsam nahm, läßt ihn laufen. Doch wenn dieser seltsame Mensch aus Gesundheitsrücksichten barfuß geht, so begegnet man doch genug anderen, die barfuß wandern, weil sie keine Schuhe besitzen, oder aber, um die Schuhe zu schonen. Denn nirgends offenbart sich die Armut so wie auf der Landstraße. Hier, wo alle Hoffnungen beginnen und aller Hoffnungen Ende ist, weiß jeder um die Hoffnungslosigkeit des andern. Hier gibt es kein schamhaftes Verbergen der Armut. So trägt denn sehr bald ein jeder seine ganze Armut und Verlassenheit zur Schau und setzt eher noch seinen Ehrgeiz darein, ärmer zu sein als der andere und dennoch mehr zu erreichen als er. Mehr erreichen aber heißt: mehr Kilometer abmachen. Denn so unbekümmert sie auch gegen alle anderen Güter des Lebens sind, einen Ehrgeiz haben sie fast alle: Sie wollen weit gewesen sein. Hunger nach Ferne ist in ihnen. Obwohl diese Ferne für sie sehr wenig abwechslungsreich ist. Denn sie sehen von allen Städten, in die sie kommen, nur die Asyle und welche Länder sie auch erreichen auf ihrer wehen Fahrt, immer ist die Straße ihr Zuhause. Die Straße aber ist für den, der auf ihr lebt nicht so bunt, wie für uns, die wir gelegentlich uns aus der Sicherheit eines bürgerlichen Daseins heraus, einen Blick auf ihre Menschen werfen, um an ihrer Bewegtheit uns zu ergötzen. Und dennoch kommt keiner von ihr los, der ihr einmal verfallen ist. E. G. . Reisender Textilwaren-Händler den Mann die Erzeugnisse des Klumpenmachers bringen. Das Fahrrad spielt auf der Landstraße überhaupt eine ganz besondere Rolle. Den Fußgänger hat es bereits zu einer seltenen Erscheinung gemacht. Selbst die ärmsten Tramps bringen heute die Strecken zwischen den einzelStädten auf dem Fahrrad hinter sich. Und es ist erstaunlich zu hören, welche Leistungen dabei die Regel sind. So hörte ich, daß die Strecke Ruhrgebiet—Berlin meist in drei Tagen zurückgelegt wird und einer erzählte mir sogar, daß er von Dortmund bis Eisenach gefahren sei, ohne die Fahrt zu unterbrechen. Die Orgeldreher haben sich bereits längst daran gewohnt, ihre Orgel, die sie früher auf dem Bauch vor sich herschleppten, auf den Seitenwagen eines Fahrrades zu montieren und sobald sie einen Ort abkassiert haben, Tagebuch der Selma Lagerlöf „Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.“ (Goethe, Dichtung und Wahrheit.) „Ich muß mich immer wieder fragen, was denn eigentlich mit mir los ist. Das ist mir doch früher niemals passiert. Es ist ja gerade, als ob ich gar nicht mehr ich selbst bin“, schreibt die vierzehnjährige Selma Lagerlöf in ihr Tagebuch, das, bisher unveröffentlicht, jetzt in deutscher Uebersetzung bei Langen, München, erschien. Und einige Tage später schreibt sie, sich vor sich selbst entschuldigend, weil sie das ihr vom Onkel gerade verbotene Buch doch in die Hand nahm:„Ich hätte es nicht getan, wenn ich recht ich selbst gewesen wäre.“ Ach, diese etwa fünf Monate umfassenden Tagebuchaufzeichnungen berichten nicht nur von der Reise nach Stockholm und Upsala, die die kleine Schwedin unternimmt, sie erzählen mehr von der Reise eines außergewöhnlich begabten, aber im Bewußtsein seiner körperlichen Behinderung schüchternen jungen Mädchens ins Reich der Erwachsenen. Von diesen jugendpsychologisch sehr interessanten Blättern geht darum nicht nur der jedem Selbstbekenntnis eigene Zauber aus, sie beschenken uns zudem mit dem morgendlichen Reiz erster Erlebnisse eines für alles Schöne empfänglichen jungen Menschen. Da werden Alltagsereignisse mit der gleichen liebevollen Genauigkeit verbucht wie die„großen Dinge“, weil sie der kleinen Selma nicht weniger neu und staunenswert erscheinen. Die Eindrucksfähigkeit dieses auf der Entwicklungsstufe zwischen Kind und Frau stehenden Mädchens schafft alles zum Erlebnis um, der kleine Imbiß in einem Bahnhofsrestaurant ist für sie ebenso bemerkenswert wie der Besuch des Karolinischen Institutes oder des Stockholmer Schlosses. Wir erleben das Einsamkeitsgefühl der Vierzehnjährigen mit, die rührende Unklarheit über die eigenen Gefühle, die sehr scheue, dem eigenen Herzen noch unbewußte Liebe zu dem jungen Studenten, den sie nur einmal spricht und vor dem sie sofort„gar keine Angst hatte, genau das zu sagen, was sie gerade dachte“. Zwar gleitet die Welt der Phantasie ab und zu noch unbemerkt in die der Wirklichkeit hinein, ihr Herz, das stündlich auf die Ankunft irgend eines großen Wunders zu warten scheint, wandelt den nach der ersten Begegnung in ihren Gedankenkreis fest einbezogenen Studenten mit kindhafter Sicherheit in einen Prinzensohn um, aber sie beobachtet auch wieder mit wachen Blicken, was in der fremden Stadt um sie her vorgeht. Ganz ratlos jedoch steht sie immer wieder vor dem eigenen plötzlich stark aufbrechenden Selbständigkeitsdrang, den durch ihn notwendig hervorgerufenen Veränderungen ihres Wesens, vor dem„Aufbegehren“. Sie kann„sich selbst nicht mehr begreifen“, ist„wie ein ganz anderes Mädchen“. Vor allem fällt in den Aufzeichnungen der starke, unablenkbare Wunsch auf, später einmal Schriftstellerin zu werden. Ganz bewußt ordnet die junge Schwedin ihm ihr zum Teil noch zwischen Kinderspielen friedlich eingebettetes Leben unter. Zwar bleibt ihr Art und Form der späteren Arbeit noch von der Ferne der Zukunft geheimnisvoll verhüllt, aber sie weiß, daß keine andere jemals für sie in Betracht kommen wird und daß sie, wenn sie Gedichte machen könnte,„nie, nie etwas anderes“ würde tun wollen. Mit erstaunlicher Bestimmtheit spricht sie von den Romanen, die sie schreiben wird. Jede kleine Begebenheit notiert sie vorsichtshalber schon gewissenhaft auf. Kann sie ihr später nicht„vielleicht von Nutzen“ sein? Mag sie immerhin einmal, noch völlig kindlich, berichten, wie sie die Vorbereitungen zur Hinrichtung Karls XI.„äußerst spannend“ schildern will, mag sie dabei auch noch in Vorstellungen einer romantisch=rührenden Abenteurerliteratur stecken bleiben! Instinktmäßig spürt die Vierzehnjährige bereits ganz deutlich, daß sie ihres künftigen Berufes wegen für alles, was sie erlebt,„froh und dankbar“ sein muß.„Ich muß sogar zufrieden sein, Das lustige kleine Halstuch So einfach und billig die jetzt so beliebten Halstücher auch sind, so sind sie eigentlich doch keine geringfügige Sache. Im Gegenteil, auch dabei soll sich der Geschmack der Trägerin äuflern. Zum naturfarbenen Leinenanzug sieht das Dreiecktuch aus marineblauer Seide wohl am hübschesten aus. Eine neue Spielart sind die ausgezupften Kanten. Blauweißt und Flaggenfarben triumphieren an der See. Manchem steht auch der nach vorn umgedrehte Matrosenkragen mit Anker und Stern recht hübsch. Krawattenseide ist im allgemeinen noch am besten geeignet, weil sie sich in ihrer Festheit vorzüglich zu einem plastischen kleinen Rückendreieck und zum vorderen Knoten binden läßt, wenn mir etwas Schweres und Widerwärtiges zustößt, sonst kann ich später gar nicht beschreiben, was man fühlt, wenn man unglücklich ist“, sagt sie schon auf den ersten Seiten ihres Tagebuches. Die stille Beobachtungsgabe, den Wunsch, sich selbst zu behaupten und die Fähigkeit, etwas einmal als gut und schön Erkanntes auch auszuführen, kann man vom den Zügen der Selma Lagerlöf von 1873 ablesen, deren Bild dem Text des kleinen Buches vorangestellt ist. Die schmalen, tiefliegenden, klugen Augen unter der hohen Stirn und dem in der Mitte gescheitelten, nach beiden Seiten ganz schlicht und straff zurückgekämmten Haar blicken einen merkwürdig ernst an. Man glaubt gern, daß der fest geschlossene Mund in dem weichen Oval des noch kindlichen Gesichtes manches verschweigt, was diese Augen sahen. Diese Werdende, versponnen in den Reichtum ihrer inneren Welt, teilt sich lieber den Blättern ihres Tagebuches mit als den Menschen ihrer Umgebung. Man begreift, daß sie, an sich arbeitend, Selbstkritik genug besaß, um über die Eindrücke des Domes von Upsala nichts aufzuzeichnen, weil es„wohl zu kindlich werden würde", daß sie, sich mitleidslos der Feigheit zeihend, gangen werden. Ein Mittelpunkt und verbindendes Gesprächsthema ist auf einmal da. Ganz kurzweilig und lustig wird die Sommerfahrt, die Stimmung beschwingt. Zuvorkommend erbieten sich das Jungmädel und eine alte Dame, eine Stunde zu stehen, damit die junge Mutter sich zu einem Schläfchen ausstrecken kann. Derweil wird Baby unter der hilfreichen Beteiligung aller in einer Hängematte verstaut. Zu niedlich, wie es durch die Maschen guckt, die Fingerchen im Mund! Das muß photographiert werden! Jeder bewirbt sich kühn um einen Abzug der Aufnahme. Adressen werden getauscht. Man ist eine Reisegemeinschaft geworden. Bald sind Mutter und Kind am Reiseziel. Die Großeltern stehen auf dem Bahnsteig. Ein Wetteifer im Helfen und Winken hebt im Abteil an. Erleichtert und glücklich atmet die junge Mutter auf und dankt vielmals. „Wir haben zu danken für die netteste Reisegesellschaft,“ klingt es im Chor zurück. Eine Leere bleibt.„Ja, ja, die Sonne ist fort,“ nickt der alte Herr. Und die alte Dame seufzt:„Wer noch so unbeschwert lachen könnte!“ —„Und so seelenruhig sein könnte!“—„Und so viel Zeit hätte!"— Wunder blühten auf in der Oede eines Zugabteils— aus dem Lächeln eines Kindes. Charlotte Mühle. Blumen, Handarbeiten, sie gehören zu uns Frauen. Wir schmücken mit ihnen unser Heim und— unsere Kleinen. Ein Margaretenkränzlein in das Haar des kleinen Blondköpfchens gedrückt, ist dem schönsten Diadem gleich. Ein Margaretenkränzlein ist zugleich ein sehr beliebtes Handarbeitsmotiv für Gegenstände, die mit Kindern in Berührung kommen. Namentlich für Baby- und Kinderkleidchen wählt man gern eine Margareten-Stickerei. Unsere Abb. zeigen Kleidchen, kleine Kragen, Lätzchen, Servietten und Serviettentäschchen. Auf weiß m, hellgrünem, hellgelbem, rosa und hellblauem Untergrund werden die Stickereien angebracht. Batist, Leinen, Voile sind die bevorzugten Stoffe. Die Margaretenblümchen werden in Naturfarbe: weiß mit gelbem Blütenpunkt, oder gelb mit bräunlicher Blüte gestickt; man kann aber auch Phantasiefarben wählen. Sonne im Alltag tagelang darunter litt, vor einer Frau, die Gott leugnete, Gott nicht offen bekannt zu haben, und daß sie, wenn auch oft noch in rührend naiver Form, in jedem tieferen Erlebnis den bleibenden, allgemein gültigen Wert zu finden suchte. M. Fuchs. Ein Kind lacht Heiß, rot und verlegen steigt eine junge Mutter mit einem dreiviertel Jahr alten Kind in das Eisenbahnabteil, in dem sechs Reisende, mißgestimmt ob der Sommerhitze, schmachten, und fragt unsicher und ein wenig beschämt, ob noch ein Platz frei sei. Indigniert ereifert sich ein alter Herr:„Hier ist doch alles überfüllt!“ Ein junger Geck bemerkt:„Kinderzucht in diesem Käfig! Das fehlt uns gerade noch!“ Schließlich rückt ein Jungmädel, wenn auch naserümpfend, beiseite. Baby, das seine erste Reise macht, scheint die allgemeine Abwehr zu spüren. Es fühlt sich höchst unbehaglich in dem merkwürdigen Schüttelkasten und schreit daher aus Leibeskräften. Die junge Mutter, Ursache so vielen Aergers, ist verzweifelt. Einstweilen packt sie Baby aus seinem Bündel, um es trocken zu legen. Die Stimmung der Reisenden wird durch diese Bemühung nicht verbessert. Dann bekommt Baby seine Flasche. Das hilft! Die Flasche— ja, ja— beruhigt und stärkt das Gleichgewicht der Seele. Unternehmungslustig und mit kleinen Juchzern lacht Baby um sich, nach der Reihe strahlt es jeden Mitreisenden mit seinen sieghaften, unwiderstehlichen Blauaugen an und beobachtet ihn scharf. Und schon vergißt sich jeder soweit, zurückzulächeln. Dem indignierten alten Herrn klatscht Baby auffordernd auf die Illustrierte. Er spürt die Anrede und läßt den Zeigefinger auf Baby zutänzeln. Kleinchen greift begierig danach und spielt damit. Der alte Herr fühlt sich direkt ausgezeichnet, die Freundschaft ist angebahnt. Bald hat er Baby auf dem Schoß, ja es muß von einem zum andern wandern, niemand will überDer Balkon einer kleinen Mietwohnung.„Loggia“ nennt ihn schmunzelnd die Besitzerin, eine alte Dame, die einmal bessere Tage gesehen und der der Krieg Kinder und Ersparnisse genommen. Der kleine Balkon führt auf den gemeinsamen Hof der Siedlungshäuser. Nicht weniger als die Kinder von 128 Familien spielen hier. Kinder, die sich selbst überlassen sind, Wildlinge, die niemand erzieht, die Schläge gewohnt sind. Unter dieser Schar hat sich Großmutter Kröger Freunde erworben. Sie liebt die kleinen, barfüßigen Dreckfinken, sieht nicht die schmutzstarrenden Händchen, sie sieht nur, wie sie um Güte betteln und Sonne in ihre einsame Stube bringen. Sie strickt dem barfüßigen Lenchen ein Paar Strümpfe, sammelt Bildchen und Freimarken für ihre kleinen Freunde, sie flickt mit zarten Händen die Puppen und näht ihnen Kleidchen. Und wenn Marga Peters, deren Eltern geschieden sind und deren Mutter auf Stundenarbeit geht, abends bei ihr in der dämmerigen Stube sitzt, dann erzählt Großmutter Kröger Märchen. Niemand, der so erzählen kann! Wenn Marga lauscht, huscht ein warmer Schein über das kümmerliche, blasse Gesicht des Kindes, und ein Lichtlein leuchtet in seinen Augen. Frau Kröger ist arm, aber immer wenn ihr weißer Kopf auftaucht, strahlen die Augen der Kleinen, denn sie hat ein goldenes Herz und trotz ihrer Armut noch Schätze zu verschenken. A. Moll. Ehrfurcht vor dem Wort Da, wo man sich versteht, genügt manchmal ein Blick in das Gesicht des anderen. Da braucht es keine Worte. Wo wir aber Worte brauchen, sollen wir maßvoll und wählerisch sein, sodaß wir wirklich etwas sagen. Denn nur zu oft ist das, was man zu sagen meint, nur Geschwätz. Aber viele wissen nicht, daß sie bloße Schwätzer sind. F. B. Zu den hochsommerlichen Nachmittagskleidern gesellen sich, frühe Vorboten der kommenden Saison, breite Samthüte und der neue anspruchsvollerie Typ der großen weichgeschwungenen Kappe, die die Stirn schirmartig überschattet. Bemerkenswert ist, daß auch die Federgarnierung wieder mehr in den Vordergrund rückt. Dieser sehr schöne weibliche Schmuck entspricht dem allgemeinen Modebild und harmoniert ausgezeichnet mit der oft stark garnierten und faltenreichen Kleidung, die die Zukunft bringen wird. Nur ein paar Minuten „Ja, wirklich nur ein paar Minuten,“ sagte die junge Frau und dabei sah sie mit frohem Lachen auf ihr Gegenüber im Eisenbahnabteil.„Gerade die paar Minuten sind es, auf denen, ich möchte fast sagen mein ganzes Eheglück aufgebaut ist. Sie staunen, aber es ist so, und ich erzähle auch gerne warum. Als ich mit meinem Mann frisch verlobt war, kam eine alte Tante von mir zu Besuch, gratulierte uns und sagte:„Kinder, vertragt Euch, das ist das Wichtigste in der Ehe. Und damit es Euch leichter fallen wird, gebe ich Euch einen guten Rat. So oft Ihr getrennt seid und Euch wiederseht, so oft Ihr Streit bekommen werdet und böse aufeinander sein wollt: beherrscht Euch ein paar Minuten lang, und es wird nie schlecht werden in Eurer Ene Wir zwei jungen Menschen haben damals wohl ein wenig gelächelt über diesen Rat. Aber als wir etwas darüber nachdachten, sahen wir seine Weisheit ein und wir gaben uns das Versprechen, immer an die ersten paar Minuten zu denken. Und so ist es auch geblieben. Wenn mein Mann des Abends müde und abgehetzt nach Hause kommt, empfange ich ihn mit einem frohen Gesicht. Mag ich noch so enttäuscht sein über den Theaterbesuch, aus dem nun vielleicht nichts wird oder über die abendliche Plauderstunde, die vielleicht auch ins Wasser fällt, weil er zu müde ist zur Unterhaltung und über Kopfschmerzen klagt— ich denke an die ersten paar Minuten, die ich mich immer zusammennehmen muß, und schon hat sich meist in dieser kurzen Zeit die Nervosität oder schlechte Laune meines Mannes gelegt, sodaß er auch mir ins Gesicht lacht, sich freut über unser hübsches Heim, den nett gedeckten Abendtisch, die frischen Blumen— und auch über seine froh aussehende junge Frau. Natürlich kommen auch bei uns, wie in jeder Ehe, Dinge vor, die einem viel Aerger bereiten und zu Streit Anlaß geben könnten. Wenn ich schon ein heftiges Wort sagen will, wenn mein Mann schon die Stirne in böse Falten zieht, schauen wir uns in die Augen, halten ein paar Minuten den Mund, denken über das Streitobjekt nach und kommen dann. immer zu einer glücklichen Lösung. Natürlich gehört dazu eine gewisse Selbstbeherrschung und vor allem große Liebe. Also: nur noch ein wenig guter Wille und der Gedanke an die ersten paar Minuten. Dann kann es nicht schief gehen.“ Das junge Mädchen, das ihr gegenüber saß und an dessen linker Hand ein funkelnagelneuer Verlobungsring glänzte, drückte ihr dankbar die Hand. Maria Kirchgessner. Der gehäkelte Hut für die heißen Tage Ein leichter, luftiger Hut ist gerade für die heisten Tage am angenehmsten und gesündesten. Für geschickte Frauenhände ist es nicht schwer, ihn selbst anzufertigen. Als Material ist Strobkunstseide, von der man etwa 50 Gramm braucht, am besten zu empfehlen. Die Schleife wird mitgehäkelt. An ihrer Stelle läht sich auch gut ein schwarzes oder blaues Band anbringen, das man sogar für verschiedene Kleider auswechselbar machen kann. 6 Heitere Welt. Sparpolitik der Familie. „Seht ihr, wenn wir das Gewicht jetzt durch fünf teilen, wissen wir für einen Groschen, wie schwer jeder ist.“ * Assessor Friedelein ist schon einige Jahre mit Fräulein Erna verlobt. Neulich trifft ihn seine Tante auf der Straße:„Nun, Fritz, wann ist denn nun endlich Hochzeit mit der Erna?“—„Da müssen wir noch etwas warten, liebe Tante, ich stehe jetzt bald vor dem Richter!“— „Nanu, was hast du denn ausgefressen?!“ * Der neue Lehrer prüfte die Kenntnisse der Klasse. Den Sohn des Schneiders fragte er:„Ich lasse mir von deinem Vater einen Anzug arbeiten. Ich brauche dazu zwei Meter achtzig Stoff— der Meter kostet siebzehn Mark siebzig— wieviel kostet dann der Stoff zu dem ganzen Anzug?“— Der Sohn des Schneiders antwortete: „Erstens sind Sie groß und brauchen nicht zwei Meter achtzig, sondern genau drei Meter. Zweitens sind Sie mit einem Stoff zu siebzehn Mark siebzig schlecht bedient, kaufen Sie einen Stoff zu zwanzig Mark— dann kostet der ganze Spaß sechzig Mark.“ * Im Vorbeifahren. Feine Leute fahren im Auto in die Ferien. Bei strahlender Sonne kommt man auch durch Bitterfeld. Bitterfeld ist eine fleißige Stadt, aber landschaftlich nicht hervorragend.„Schreckliche Gegend,“ sagen die feinen Leute. Und das Familienoberhaupt setzt naserümpfend hinzu:„Schade um das schöne Wetter.. * Vorgebeugt.„Sag mal, Kurt, du bist doch mein Freund?“—„Ja, dein Freund bin ich schon, aber ich habe zur Zeit selbst kein Geld!“ * Hochzeitsreise. Sie:„Ich bin wunschlos glücklich!“— Er:„Dann werden wir sehr gut zusammen auskommen!“ * „Dieser Wagen hat schon elf Preise!“—„Na, dann sagen Sie mir mal den billigsten, vielleicht kommen wir dann zum Geschäft!“ * Familienausflug. Vater und Onkel trinken Bier. Der fünfjährige Franz will auch gern Bier trinken.„Aber Franz, das ist doch nichts für solch kleine Buben, wie du einer bist!“ wehrt der Vater ab.„Du mußt warten, bis du groß bist!“—„Wie lange muß ich denn da noch warten?"—„Na, so fünfzehn Jahre, denke ich!“—„Ach, dann habt ihr doch schon alles ausgetrunken!“ * „Ah, gut, daß ich Sie einmal treffe! Wann werden Sie mir endlich die geliehenen hundert Mark zurückgeben? Auf meinen Brief haben Sie auch nicht geantwortet!“— „Ich habe von Ihnen keinen Brief bekommen! Uebrigens, auf die Beleidigungen in diesem Brief hin hätte ich Sie eigentlich verklagen müssen!“ Onkel Heinrich schwitzt. Da schreit der kleine Willi: „Mutti, schau mal! Onkel weint mit dem ganzen Gesicht!“ * „Ich gehe immer erst in der Nachsaison, so im September, ins Seebad!“—„Ist da das Wasser nicht schon recht schmutzig, Onkel?“ * Er ist krank. „Herr Professor, der Arzt ist da.“—„Sagen Sie ihm, ich könnte ihn nicht empfangen, ich sei krank.“ * Schützenfest. „Frieda, warum lachst Du denn?“ „Weil Du nicht ein einziges Mal getroffen hast, August!“ „Und wenn ich mal getroffen hätte?“ „Ha, ha, ha.. dann hätte ich noch viel mehr gelacht!“ * Das gute Beispiel. „Verzeihung, Herr Chef! Aber ich kann nicht entziffern, was auf dem Zettel steht, den Sie mir auf den Schreibtisch gelegt haben!“ „Darauf steht, daß Sie deutlicher schreiben sollen!“ * Liebesgeflüster. „Erika, Du bist das schönste Mädchen auf der Welt!“ „Genau dasselbe hast Du zu Maria auch gesagt!“ „Ja— aber sie weiß, daß ich ein großer Schwindler bin!“ * Guter Rat. Zu dem anekdotenumwehten Gießener Professor Palmer, der zugleich die oberste Schulaufsicht hatte, kam eines Tages ein Schulleherr und klagte über seine dürftigen Verhältnisse:„Ich habe acht Kinder und nur sechzig Gulden Gehalt. So kann das nicht weitergehen. Wenn ich keine Zulage erhalte, muß ich mit meinen Kindern Hungers sterben!“—„Tun Sie das,“ antwor* tete Palmer mit einer Träne der Rührung im Auge. „Sie werden Aufsehen erregen, und Ihr Nachfolger wird es dann besser bekommen.“ * Réunion. „Darf ich um den letzten Tanz bitten, mein Fräulein?“ „Den haben Sie bereits mit mir getanzt, mein Herr.“ Miche gäste." Seppl:„Na, Michel, was machst du in der Stadt?“— l:„Ach, ich hole bloß La „Ach, ich hole bloß Landbrot für die SommerMißtrauisch. „Gnädige Frau, Ihre Tochter ist eine Perle!“ „Wollen Sie damit sagen, daß ich eine Auster bin?“ * Das Einkommen. „Sie wollen also meine Tochter heiraten! Wie hoch ist denn Ihr Einkommen?“ „Sechstausend Mark jährlich!“ „Hm.. und mit den fünftausend meiner Tochter „Die habe ich schon mitgerechnet!“ * Tätliche Beleidigung. „Sie sind also ganz sicher, daß es der Angeklagte war, der Ihnen an jenem dunklen Abend die Ohrfeigen gab?“ „Ja, Herr Richter.. ganz klar bin ich mir ja nicht darüber, ob es dieser Mann war.. aber daß ich die Ohrfeigen bekommen habe, das weiß ich bestimmt!“ * Tafelmusik. Frau Neureich erzählt die aufregende Geschichte von dem Einbruch in der Mittagsstunde:„Ja, stellen Sie sich das vor.. so eine Frechheit.. am hellichten Tage.. und wir hörten nicht das Geringste, wir aßen nämlich gerade Suppe!“ * Im Kinderzimmer. „Mutti, ich will alle meine Puppen aufheben, damit sollen später meine Kinder spielen— und wenn ich keine Kinder bekomme, dann sollen meine Enkelkinder die Puppen haben!“ Die beste Ausrede. „Was, Anna, das nennen Sie Staub wischen? Hier auf der Platte kann man ja schreiben!“ „Ja, dafür ist es auch ein Schreibtisch' * Aus Rache. Assistent Müller trifft seinen Kollegen auf dem Korridor und verwickelt ihn sofort in ein Gespräch: „Haben Sie gehört, daß Meier sich verheiraten will, ein 64jähriger Mann mit einem 18jährigen jungen Ding?“ „Ja, und das tut er einzig und allein aus Rachsucht!“ „Aus Rachsucht? Wieso denn?“ „Er fühlt sich nämlich im Dienst zurückgesetzt, und nun will er dafür sorgen, daß der Staat eine ordentliche Witwenpension zu zahlen hat!“ Rütsel=Ecke. Kreuzworträtsel T1 U tere chichten Erzählt von Hans Beihge Gnädig. Jean Paul war während seines Aufenthalts in München eines Abends beim Präsidenten von Schlichtegroll zu einer Gesellschaft geladen. Er erschien verspätet und bat um Entschuldigung: er habe leider nicht eher kommen können, da er zur Audienz beim König Max in Nymphenburg gewesen sei. „War Seine Majestät gnädig?“ fragte ihn ein Herr, dessen Brust in funkelndem Ordensschmuck prangte. „Gnädig mit mir?“ entgegnete Jean Paul erstaunt und lachte,„bin ich ein Verbrecher?“ Eine Totenstille flog durch den Raum, in dem nur leise die funkelnden Orden klirrten. Die Rache des Künstlers. Hogarth, der große Satiriker unter den englischen Malern, war auch in seinem Umgang ein Mensch von bissigem Humor. Eines Tages wendete sich der reiche, durch seinen Geiz berüchtigte Lord Leslie an den Künstler mit der Aufforderung, er möchte die Halle seines Hauses mit einem Wandgemälde schmücken, das den Zug der Kinder Israel durch das Rote Meer darstellt.„Gut,“ sagte Hogarth,„ich will Ihnen das Bild malen, der Preis würde hundert Guineen betragen.“—„Unmöglich,“ erwiderte der Lord,„die Zeiten sind schlecht, ich könnte höchstens zwanzig Guineen für das Bild ausgeben.“— „Das ist entsetzlich wenig,“ sagte Hogarth enttäuscht,„da ich aber in Geldverlegenheit bin, will ich mit der Summe einverstanden sein, unter der Bedingung, daß sie mir sogleich ausgehändigt wird. Morgen mache ich mich an die Arbeit.“ Lord Leslie war mit dem Vorschlag einverstanden. Er überreichte dem Künstler die zwanzig Guineen, und Hogarth bat, daß er sein Werk am nächsten Tage schon in aller Frühe beginnen dürfe. Er trat denn auch in der Tat ganz früh mit einem Gehilfen an, der einen Eimer voll blutroter Farbe schleppte. Hogarth nahm einen großen Pinsel und übertünchte die Wandfläche, die für das Bild bestimmt war, von oben bis unten mit dem blutigen Rot. Dann setzte er sich hin, rauchte eine Pfeife und wartete. Der Lord erschien im Morgenkleid, sah staunend die rotübertünchte Wand und fragte unwillig, was das zu bedeuten habe.„Es ist das bestellte Bild,“ erwiderte Hogarth.—„Das Bild? Ich sehe kein Bild,“ sagte der Lord mit wachsendem Zorn, denn er witterte Unheil, „was soll das bedeuten?“—„Das Rote Meer,“ entgegnete Hogarth plegmatisch.—„Und wo ist der Pharao und wo sein Heer?“—„Sie sind allesamt ertrunken.“— „Und wo sind die Kinder Israel?“—„Können Sie sich das nicht denken, Sir? Zum Betrachten guter Bilder gehört Phantasie. Die Kinder Israel haben natürlich alle längst wohlbehalten das andere Ufer erreicht.“ Ein guter Vergleich. Man weiß, mit welcher Mühe und Sorgfalt Flaubert zu arbeiten pflegte; seine Materialstudien waren so gewissenhaft, daß er zuweilen fast des Guten zuviel tat. Um„Salambo“ zu schreiben, studierte er nicht nur alle Werke, welche die Geschichte und Kultur Karthagos behandelten, sondern er machte auch Reisen nach Afrika, um sich an Ort und Stelle über alle topographischen Verhältnisse so genau wie möglich zu orientieren. Als man sich eines Tages in einem Kreis von Künstlern über die Methoden Flauberts unterhielt, sagte Dumas der Jüngere: „Geht mir mit Flaubert! Er holzt einen ganzen Wald ab, um eine Kiste zu zimmern!“ Bedeutung der einzelnen Wörter. a) von links nachrechts: 1 Schlachtort in der Mark(1675), 7 Angehöriger eines asiatischen Volkes, 9 Heldin einer antiken Liebestragödie, 11 Titel, 13 Haustier, 14 Schwung, 15 deutscher Dichter, 16 Teil des Rades, 17 weiblicher Vorname, 18 Rauhfutter, 21 Zeitabschnitt, 22 Pelzwerk, 24 deutscher Maler, 25 Sakramentshäuschen; b) von oven nachunten: 1 Erfinder eines Thermometers, 2 Wild, 3 weiche Speise, 4 Buch der Bibel, 5 Papstname, 6 Singvogel, 8 Lohn, 10 Kurort in Oberbayern, 12 etwas Unverletzliches, 13 deutscher Philosoph, 19 Gewässer, 20 Waldpflanze, 22 französischer Romanschriftsteller, 23 biblische Frauengestalt. 30961 Auflösung des letzten Kreuzworträtsels: Kreuzworträtsel: a) 1 Ornat, 4 Gut, 7 Siam, 8 Tara, 9 Ter. 10 Fasan, 11 Demut, 14 Werra, 17 Skalp, 19 Prosa, 21 Bub, 23 Alle, 24 Kilo, 25 Sam, 26 Linse;— b) 1 Ost. 2 Ried, 3 Narew. 4 Gas, 5 Ural. 6 Tanne, 8 Tatra, 10 Furka, 12 Messe, 13 Topas, 15 Albin, 16 Orla, 18 Puls, 20 Olm. 22 Boe. SCHACH-ZEITUNG Problem=Schach. Aufgabe Nr. 32 von K. Laue Schwarz: Ke5, Bd7, e6, f4, h4(5) abcde fgh geste abcdefg h Weiß: Khö, Lh7, Se4, Bc3, c4, d6, f2, h3(8). Matt in fünf Zügen. Bücherschau. Soeben erschien: Die wichtigsten Eröffnungen des Schachspiels. Uebersichtlich zusammenestellt und bearbeitet von Albert Kahle, O. Koch und Hild. Neu herausgegeben von Ludwig Rellstab. 7., bero. und verm. Auflage. Mit einer graphischen Darstellung der Schacheröffnungen in Größe 50 mal 56 cm. Preis Mk. 1,50, Schachverlag Hans Hedewigs Nachf., Lurt Ronniger, Leipzig Cl, Deutsche Schachzentrale. Das Büchlein, das, wie der Verfasser am Schluß selbst betont, keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Bearbeitung der Schacheröffnungen erheben will, sondern eine tlare und übersichtliche Zusammenstellung sämtlicher Eroffnungen besonders für diejenigen Spieler darstellen soll, denen es für ein tieferes und gründlicheres Studium der Theorie an der nötigen Zeit mangelt, hat sein gestecktes Ziel in vorbildlicher Weise erreicht. Originell und zum schnellen Ueberblick ausgezeichnet geeignet ist die beigefügte graphische Darstellung, die in Form eines Stammbaums nahezu 100 Schacheröffnungen auf einer großen Tafel auf ausführliche Weise veranschaulicht. Der Text des Büchleins bringt zu Anfang einen interessanten geschichtlichen Werdegang der Eröffnungen und weist auf die Bedeutung der wichtigsten Eröffnungszüge hin. Sodann sind bei der Aufzählung der Eröffnungen selbst vor allem auch die Neuerungen und Verbesserungen berücksichtigt worden, die besonders das Damenbauernspiel in den letzten Jahren aufzuweisen hat. Das Werkchen kann deshalb allen Schachfreunden, die die wichtigsten Eröffnungen der Schachpartie begreifen lernen und damit mit den Fundamenten der Schachkunst vertraut werden wollen, nur bestens empfohlen werden. Partie=Schach. Vom internationalen Turnier in Zürich. Partie Nr. 61— Nimzoindisch. Weiß: Nimzowitsch. Weiß: Henneberger. 1. d2—d4 Sg8—f6 2. c2—c4 e7—e6 3. Sb1—c3 Lf8—b4 4. Dd1—b3 Nach seinem Wettkampf gegen Stahlberg, in dem sich der Textzug besonders bewährte, ist auch Nimzowitsch zu dieser alterprobten Spielweise zurückgekehrt. Die übliche Fortsetzung besteht hier in 4.... c7—c5, 5. d4Xc5, Sb8—c6, 6. Sg1—f3, Sf6—e4 usw. 5. b2Xc3 d7—d6 6. f2—f3 0—0 7. Lc1—g5 Dd8—e7 8. e2—e4 e6—5 9. Tal—d1 67—c5 10, d4—d5 Sb8—d7 11. g2—g4 Damit beginnt Nimzowitsch, einen zweischneidigen Königsangriff einzuleiten. Er zieht aber dabei zu wenig seine eigene unsichere Königsstellung in Erwägung. Henneberger versteht es in der Folge durch interessante Manöver, den Angriff zu parieren und im entscheidenden Augenblick selbst zum Gegenhieb anzusetzen. 11...... Tf8—e8 12. 2f1—d3 Man erwartet hier sofort h2—h4, um den Bauernsturm zu versuchen, bevor Schwarz ausreichende Verteidigungsmaßregeln getroffen hat. 12.... Sd7—f8 13. Sgi—e2 h7—h6 14. Lg5—c1 Sf6—h7 15. h2—h4 De7—f6! Der Gegenangriff beginnt! 16. Se2—g1 Das Einzigste. Sf8—g6 14. h4—05 Sg6—f4 18. LciXf4 Df6Xf4 19. Ld3—e2 Sh7—g5 20. Td1—d3 f7—f5 Unter Opferung eines Läufers will Schwarz die feindliche Stellung unterminieren! Die gewagte Angriffsführung des Weißen wird somit auf überzeugende Weise widerlegt. 0E 21. g4Xf5 Lc8Xf5 22. Db3—b1 Nach 22. eXf5 fürchtete Weiß die Oeffnung der e=Linie mittels e5—e4. 22... Te8—e7 23. Kei—d1 Lf5—07 24. Kd1—c2 b7—b5 25. Db1—e1 Auf cXb5 war von Schwarz c4! nebst SXe4! beabsichtigt. 25. b5X4 26. Td3—d2 Ld7—a4+ Nunmehr scheitert SXe4 an 27. fXe4, DXe4+, Kb2, DXh1?, 29. Lf3!, da die Dame verloren geht. 28. 32. 27. Kc2—b2 28. Kb2—a3 29. Ka3Xa4 30. Le2Xc4 31. Ka4—a3 Schneller gewann hier Tbt, Dc7, 33. Ka4, Tb1—b2 usw. 32. Lc4—b3 33. Ka3—b2 34. Del—d1 35. Td2—f2 36. Kb2—a1 Nach 36. axb3. TXb3+, 37. Kcl, TXc3+ verliert Weiß die Dame. 36. Hier läßt sich Schwarz den zug Tb2! entgehen. 37. Tf2—c2 38. Th1—h2 39. Dd1—c1 40. Th2—g2? Darauf folgt ein hübscher Schluß. Etwas länger konnte sich Weiß mit Th—f2 halten. 40. Nach 41. DXb1. TXb1+, 42. KXb1, entscheidet nunmehr Db5+! Nimzowitsch gab daher auf. Ta8—b8+ Te7—b7! Df4—f7! Df7—d7+ Dd7—c7 Tdt(32. De2, Dc7!) Dc7—a5+ c5—c4 Da5—a4 Tb7Xb3+! Da4—a5 sofortigen EntscheidungsTb3Xc3 Tc3—b3 c4—03 Tb3—b1+! Weltmeister gegen Exweltmeister. Partie Nr. 62.— Orthodoxe Verteidigung. Weiß: Dr. Aljechin. Schwarz: Dr. Lasker. 1. d2—d4 d7—d5 2. c2—c4 e7—6 3. Sg1—f3 Sg8—f6 4. Sb1—c3 Lf8—e7 5. Lc1—g5 Sb8—d7 6. e2—e3 0—0 7. Tat—c1 7—c6 8. Lf1—d3 5Xc4 9. Ld3Xc4 Sf6—d5 10. Lg5Xe7 Dd8Xe7 11. Sc3—e4! Der Weltmeister geht damit einer weiteren Vereinfachung aus dem Wege. Auf 11. 0—0 folgt SXc3 nebst Durchsetzung des Vorstoßes e5 und baldiger Befreiung des Läufers auf c8. 11....... Der Exweltmeister hat die bisher ganz vortrefflich geführt. baldige Befreiung mittels e5. 12. Se4—g3 13. 0—0 14. Sg3—f5 15. Sf3Xd4 Sd5—f6! schwierige Verteidigung Der Textzug ermöglicht e6—e5 e5Xd4 De7—d8 Sd7—e5 16. Lc4—b3 Lc8Xf5 17. Sd4Xf5 Dd8—b6? Damit begibt sich der Exweltmeister auf einen gefährlichen Pfad. Die schwarze Dame steht auf b6 vollständig exponiert. Wie sich Aljechin diese Ungenauigkeit zunutze macht, ist bewundernswert. 18. Dd1—d6! Se5—d7? Sg6 mußte zum mindesten geschehen. Der Textzug versperrt den schwarzen Türmen die d=Linie. 19. Tf1—d1 Ta8—d8 20. Dd6—g3 97—g6 An dieser erzwungenen Schwächung geht Schwarz überraschend schnell zugrunde. 21. Dg3—g5 22. Sf5—d6 23. e3—e4! 24. Td1—d3! Danach kommt es noch zu einem hübschen Schlußspiel. Alles andere hätte in dieser Stellung allerdings auch verloren. 25. Sd6—f5+ Kg7—h8 26. Dg5Xg6! Dr. Lasker gab auf, da auf hXg6 26. Th3+ nebst Matt im nächsten Zuge folgt. Die Aljechinsche Gewinnführung nach den beiden Ungenauigkeiten im 17. und 18. Zug ist schlechthin als genial zu bezeichnen. Kg8—h8 Kh8—g7 Sf6—g8 f7—f6 Schachnachrichten. 12. Westfälischer Schachkongreß in Siegen. Vom 1. bis 9. September d. J. findet in Siegen, der 12. Westf. Schachkongreß statt. Das diesjährige Bundesturnier wird unter wesentlich anderen Gesichtspunkten ausgetragen als in den früheren Jahren. Das bisherige Hauptturnier A wird mit dem Meisterturnier vereint, um den unter den Kreismeistern befindlichen Talenten Gelegenheit zu geben, sich nach vorn zu arbeiten. Berechtigung zur Teilnahme haben somit sämtliche Spieler, die nach, den bisherigen Bestimmungen teilnahmeberechtigt sind, und die Kreismeister bezw. deren Ersatzleute. Die Vorrunde wird in Gruppen ausgetragen, wobei die als stark bekannten Spieler entsprechend eingruppiert werden. Die ersten beiden jeder Gruppe, ebenso die jeweils nächsten beiden usw. treten sodann zu den Endrunden zusammen. Der beste Spieler der Siegergruppe erhält den Titel Westfalenmeister. Sämtliche Teilnehmer der Siegergruppe werden als Vorkämpfer Westfalens bezeichnet und nach der sich ergebenden Reihenfolge bei den Repräsentativkämpfen eingesetzt. Eine Senkung der Qualität des Westf. Meisterturniers wird dadurch vermieden, daß die acht Vorkämpfer ohnehin wieder für das nächste Meisterturnier teilnahmeberechtigt sind, während die weiteren Teilnehmer erst nach den Ergebnissen der Kreisturniere ermittelt werden. Das Hauptturnier B fällt in Zukunft fort. Lösungen und Zuschriften an W. Westphalen, Dortmund, Gronaustr. 14. Ein Sonderling Von Otfo Heuschele Zu einer Zeit meines Lebens widerfuhr es mir, daß ich während mehrerer Wochen und Monate auf dem Wege zur Universität jeden Morgen an derselben Stelle einer großen deutschen Stadt demselben Menschen begegnete. Es war ein älterer, schon ergrauter Mann, der während der Wintermonate und den ersten Frühlingswochen, da diese Begegnungen stattfanden, einen etwas abgetragenen, dunklen Mantel mit einem abgeschabten schwarzen Samtkragen trug. Sein Antlitz war nicht alltäglich, vielmehr sprach aus seinen Zügen viel erlebtes Leben, viel Schicksal. Ich las darin auch von Bitternis und Lebensenttäuschungen, vielleicht auch von einem spät gewonnenen stoischen Frieden. Das Auffallende aber war mir, daß dieser Mann jeden Morgen den gleichen Korb von Schilfrohr unter dem Arm trug, einen Korb, wie man sie zum Versand von Blumen zu verwenden pflegt. Nun gehen wir zwar gedankenlos alle Tage selbst zur gleichen Stunde am gleichen Haus oder gleichen Baum vorüber. Geschieht es aber, daß tagtäglich derselbe nicht alltägliche Mensch an derselben Stelle einer großen Stadt unseren Weg kreuzt, so beunruhigt uns das, und wir kommen nicht eher zur Ruhe, als bis wir das Geheimnis einer solchen Begegnung gelöst haben. So ging es mir, ich kam nicht eher von dieser täglichen Begegnung los, die mich allmählich so sehr zu beschäftigen begann, daß in allen freien Augenblicken des Tages die Gestalt des Alten vor mir stand. Ich beschloß also, sein Geheimnis zu erforschen und folgte ihm eines Morgens unbemerkt durch das Gewühl der Großstadt: bis er in einen der ersten Blumenläden eintrat. Ich sah ihn noch durch den Ladenraum gehen und hinter einem schweren, dunklen, mit chinesischen Wappentieren verzierten Vorhang verschwinden. Ohne Zweifel brachte er Blumen in diesen Laden. Ich wartete nun vor dem Laden bis der Alte wieder herauskommen würde. Allein mein Warten war vergeblich. So oft die Tür sich öffnete und mit dem Herauskommenden zugleich eine Woge süßen Blütenduftes ins Freie schlug, mußte ich enttäuscht erkennen, daß der Alte nicht kam. War er am Ende in dem Geschäft angestellt oder hatte er den Laden durch eine mir unbekannte Hintertür verlassen. Ich gab mein Warten auf, beschloß am folgenden Tag den Versuch zu wiederholen. Es widerfuhr mir dasselbe Mißgeschick. Erst am vierten Tage gelang es mir, einen rückwärtigen Ausgang festzustellen, durch welchen der Mann das Haus verließ. Ich folgte ihm wieder auf seinem Weg, bis er in einen jener kleinen Spezereiläden eintrat, die aus einem vergangenen Jahrhundert sich in das unsrige herübergerettet haben, um hier allerlei Kleinigkeiten zu erwerben. Von hier setzte er seinen Weg durch das Gewirr der Straßen fort. Ich ging immer in gebührender Entfernung hinter ihm und folgte ihm derart fast zwei Stunden. Ich war bereits des Wanderns müde, als der Alte plötzlich vor einem hölzernen verschlossenen Tore anhielt, das sich in einer etwa zehn Meter langen Mauer befand und ohne Zweifel den Eingang in einen Garten bildete. Der Alte sah, ehe er aufschloß, rasch um sich, als prüfe er, ob ihn jemand beobachte, schloß dann rasch auf, verschwand hinter der Tür, die er ebenso rasch wieder hinter sich verschloß. Als ich selbst vor der hölzernen Tür stand, hörte ich noch die Schritte des Mannes über den Kiesweg gehen... ich vernahm, wie innerhalb der Mauer abermals eine Tür aufgeschlossen und wieder geschlossen wurde, ich glaubte am Klang vernehmen zu können, daß dies eine Glastür sei. Dann war alles still, ich spürte nur noch, wie eine starke Woge von Blumenduft zu mir herdrang, sie mußte aus dem Innern kommen. Ich untersuchte nun, ob nicht der Name des Mannes auf einem Schild stehe oder ob nicht irgendwo ein Glockenzug zu sehen sei, den man in Bewegung setzen konnte. Allein weder Schild noch Glockenzug waren zu finden: lediglich die Hausnummer stand auf einem Emaille=Schildchen über dem hölzernen Törchen. Ich mußte noch einen Augenblick vor dem Törchen verharren. Ich strich an der feuchtkühlen Wand entlang und fühlte plötzlich mitten im Wirbel der Weltstadt etwas wie Märchenluft, wie Atem einer längst versunkenen Zeit. Ich witterte hinter dieser Mauer ein Geheimnis, das ich enthüllen wollte. Nachdem ich die Hausnummer notiert hatte, fuhr ich mit der Straßenbahn ins Stadtinnere zurück. Meine Gedanken konnten sich nicht von der seltsamen, abenteuerlichen, märchenhaften Entdeckung losreißen; sie spannen bereits ein halb phantastisches, halb abenteuerliches Gewebe um die nichtssagende graue Mauer und das kleine wettergraue Holztörchen. Ich suchte zunächst eines der großen Adreßbücher zu erreichen, in dem die Einwohner der Millionenstadt alle, soweit sie sich nicht mit Absicht aller Registrierung entzogen, aufgezeichnet sind. Während ich nach der dreistelligen Zahl, die ich mir notiert hatte, suchte, fürchtete ich bereits, daß eben der, dessen Geheimnis ich enthüllen wollte, zu jenen zählen könnte, ich fand aber, daß unter der genannten Nummer in einem Gartenhaus ein Professor der Philosophie Dr. Immanuel Müller wohne. Das war alles, was ich zunächst feststellen konnte, es war wenig, sagte mir aber doch, daß meine Vermutungen, den Alten umgebe ein Geheimnis, richtig waren. Ich begegnete ihm längst wieder jeden Morgen wie seit Monaten. Inzwischen aber war der Frühling gekommen, die Bäume der öffentlichen Plätze begannen ihr zartes grünes Schleierkleid anzulegen, im Rasen der Anlagen standen die roten, blauen, weißen und gelben Crocusblüten. Damit rückte der Zeitpunkt heran, wo ich die Stadt verlassen mußte, denn meine Arbeit an der Universität war beendet. Ich hatte aber noch immer das Geheimnis des Alten nicht enthüllt, trotzdem ich mir in den Kopf gesetzt hatte, mit wem ich es zu tun habe. Da alle anderen Wege nicht weiter führten, blieb mir nichts anderes übrig, als in dem Blumenladen auf diskreteste Weise nach dem Geschick des Alten zu fragen. Der Inhaber des Ladens, den ich darum ansprach, lächelte verlegen. Er wußte kaum mehr als ich selber, ja, nicht einmal so viel. Er erzählte mir, der Mann sei eines Tages bei ihm erschienen und habe ihm Rosenblüten von seltener Vollkommenheit angeboten, er habe sie gerne erworben; aus einem erst zufälligen und unregelmäßigen Verkehr sei allmählich eine ganz regelmäßige Verbindung geworden und der Alte habe neben Rosen auch andere Blumen gebracht, z. B. Orchideen, die alle von einer so vollendeten Formschönheit waren, daß er sie nie hätte zurückweisen können. Allerdings habe der Mann, so fuhr der Besitzer fort, nur verhältnismäßig geringe Mengen geliefert, woraus er schließen müsse, daß es sich um keinen Berufsgärtner, sondern um einen bloßen Liebhaber handeln müsse. Ich konnte ihm das aus meiner Nachforschung bestätigen. Der Besitzer des Ladens sprach dann noch davon, daß der Alte Duft in die Worte zu schließen, das geheime Weben zwischen den Blüten und Blättern, das Raunen der Wurzeln in der dunklen Erde und das Flüstern der Blüten mit den Strahlen der Sonne laut werden zu lassen. Es war, gab man sich diesen Seiten hin, als trete man in eine fremde, längst vergangene Welt... mit keinem Wort war der Welt draußen, wie sie jenseits der Mauer und des kleinen Törchens sich entfaltete, Erwähnung getan. Mit letzter Folgerichtigkeit war hier ein Einzelner den Weg zurückgegangen. Und als man ihn, nachdem er viele Jahre seine Blumen gezogen hatte, mitten unter Blumen tot auffand— ein Herzschlag mußte ihn an einem wunderschönen ersten Frühlingstag beim Blumenbeschneiden überrascht haben, denn er hatte noch eine rote Rose in der einen Hand und die Rosenschere in der anderen— war sein Antlitz völlig heiter, gelöst und befriedet. Im„drunen Baum am Scheideweg Von Leonhard Schrickel Die Lisa war ein Teufelsmädel. Nichts verdarb ihr die Laune. Immer war sie vergnügt wie ein Stieglitz im Hanfsamen, und lachen konnte sie, daß dem vertrocknetsten Hagestolz das Herz im Leibe hüpfte. Dabei war sie bei all ihrer Lustigkeit und all ihrem schelmischen Uebermut ein schämiges und sittiges Mädel. Der„Grüne Baum am Scheideweg“ lag einsam an der hinführenden Salzstraße und stammte wohl noch aus den Zeiten, da die Fuhrleute unter Hüh und Hott, mit sechs, acht Ochsen vor ihren zweiräderigen Karren, Salz Heidebirken Zeichnung v. Heinrich Kelp Die alte Mühle jede Verletzung seiner Anonymität streng, aber höflich zurückgewiesen habe und daß er auch seine Bitte, ihn einmal besuchen zu dürfen, um seine Kulturen zu besuchen, rundweg abgelehnt habe. So habe er sich seit vier Jahren fast an das stille Kommen und Gehen des Alten gewöhnt, von dem er glaube, daß er völlig allein in der Welt stehe. Ich hinterließ dem Besitzer des Ladens meine Anschrift mit der Bitte, mir doch, falls er einmal Licht in dieses Dunkel bringen würde, davon zu schreiben. Ich durchforschte meinerseits noch die Bibliographie nach den Werken des Professor Dr. Immanuel Müller und fand tatsächlich eine Reihe philosophischer Schriften, die er geschrieben haben mußte. Ich konnte indessen feststellen, daß er seit zehn Jahren nichts mehr veröffentlicht hatte und daß seit derselben Zeit sein Name in den Jahrgängen der Gelehrten=Kalender fehlte. Das war alles, was ich zunächst erreichen konnte. Indessen vergingen zwei oder drei Jahre, während der ich zwar oft an den Alten denken mußte, aber von meinem Gewährsmann keinerlei Nachricht empfing. Erst im dritten Jahre nach dem Aufenthalt in der genannten Weltstadt empfing ich eines Morgens einen Brief, welcher mich restlos aufklärte. Ich erfuhr vom Besitzer des Blumenladens, daß der Alte tatsächlich früher Professor der Philosophie an einer kleinen deutschen Universität gewesen sei. Eines Tages aber habe er ganz unerwartet um seine Entlassung nachgesucht. Sie wurde ihm, da er einen großen Ruf hatte, nicht gerne gewährt. Seit dem Augenblick aber war der Professor für alle seine Kollegen— Verwandte hatte er so gut wie keine— verschollen. Man hörte noch, daß er eine Reise in die Südseeländer angetreten habe, ob er von derselben jemals zurückgekehrt war, wußte niemand. Nach der Rückkehr hatte er sich, auf jedes Ruhegehalt zugunsten armer Studierender verzichtend, von seinem Vermögen das genannte Gartenhaus mit Garten gekauft, um Blumen zu züchten und im Umgang mit Blumen, unter vollkommenem Verzicht auf jeden Verkehr mit Menschen, das Glück zu finden, das er in der Philosophie vergebens gesucht hatte. Daß er es nun gefunden hatte, zeigen die Aufzeichnungen, die seinem letzten Willen entsprechend nach seinem Tode veröffentlicht wurden. In ihnen fand sich keine Zeile des Grolls oder der Klage, vielmehr war dem alten Mann eine Gemeinsamkeit mit seinen Blumen gelungen, wie sie sonst vielleicht nur ganz selten Menschen untereinander gelingt. Diese täglichen Aufzeichnungen erschienen fast märchenhaft und man fühlte, daß hier einem Menschen gelungen war, den Federzeichnung von Wilhelm Giese heraufbrachten in die Harzstädte bis Goslar und dafür allerlei Erze wieder hinabführten durch die Goldene Aue in die Städte jenseits des Kyffhäusers bis Naumburg und weiter. Die Gaststube war zwar geräumig, aber niedrig, und das Holzwerk besonders, die auf ungefügten Tragbalken ruhende Decke: altersschwarz. Und alles rundum war uralt: Bänke, Tische, Stühle, Lade, die die kleinen verbleiten Schiebefenster in ihren tiefen Nischen, die paar Stein= und Zinnkrüge auf dem Schankbrett, die ausgetretenen, astigen Dielen unter ihrem weißen Sand, kurz alles und jedes. Nur die Liesa war über alle Massen jung. Sie war just achtzehn Jahre geworden und eine stattliche Dirn. Da lief ihr der Friedel über den Weg. Er war ein Bauernbursch von der Brandseite droben, und konnte einmal, wenn sein Vater mit dem Tode abgegangen, ein kleiner Hufner werden mit 15 Morgen Feld und einer Kuh. Und darum mochte der Wirt nichts mit ihm zu schaffen haben, der für die Lisa auf den jungen wohlbestallten Förster im Gehege spekulierte. Da hielt sich die Liesa, ob sie dem Burschen auch heimlich zugetan war, schämig beiseite, so oft der Liebste die zwei Stunden Weges herabkam und sich ihretwegen an den Gasttisch setzte. Dem Friedel aber, der nun nicht mehr recht wußte, wie er mit der Liesa stand, kroch die Eifersucht ins Eingeweide, und in der Unrast kam er allmählich an den Trunk, bis ihn der Wirt eines Tages aus der Stube wies. Das gab hellen Aufruhr und laut Geschrei zwischen den Männern. Aber wohl ein Vierteljahr blieb der Friedel danach weg, und die Liesa fing an, das Lachen zu vergessen. Der Förster aber kam jetzt öfter, und ihr Vater sparte ja wohl die Worte nicht, sie heiratslustig zu machen. Da drang ihr die Not ein Zettelchen ab, das sie an Friedel schickte. Als der jedoch kam, hieß der Wirt ihn schlecht willkommen, und es gab neuen Streit und hätte ein wildes Raufen gesetzt, wären die Liesa und ihre Mutter nicht dazwischengesprungen. Ein paar Scherben klirrten und ein großes Geheule bei den Weibern hob an, dann mußten sie aus der Stube und der Friedel aus dem Haus, dem der Wirt den Schädel einzuschlagen drohte, so er sich jemals wieder möchte sehen lassen. Das Mädel aber war unbemerkt zur Hintertür hinaus, zog den Burschen in den Stall und bat ihm alles Unsal ab und hing an seinem Hals. Heimlich in Tränen. Plötzlich stand der Wirt bei ihnen, ein Ortscheit in den Händen, und nun gings blutig her mit Fluchen und Brüllen, bis die Männer sich am Boden wälzten auf Tod und Leben. Da griff die Liesa denn zu, rang wider ihren eigenen Vater und bettelte den Burschen fort. Der aber hob verzerrten Angesichts die Faust und drohte grausige Vergeltung— aber ging Eine Stunde später fuhr im„Grünen Baum“ ein Feuer auf, das aus der Scheune auf das Hausdach sprang und großen Schaden tat. Noch selbe Nacht verhaftete der Landgendarm den Burschen. Doch vor Gericht gestellt, verschwor er seine Schuld und leugnete. Vergebens redete ihm der Richter ins Gewissen. Er blieb verstockt bei seinem Leugnen. gings denn schließlich an die Zeugen, und auch die Liesa sollte erzählen. Und als sie scheu und zagend zögerte. ward sie bedrängt und immer härter geschraubt, bis sie sich keinen Rat mehr wußte und vor der fremden Nougierde, die den Gerichtssaal füllte, ausschrie„Ich—! hab die Schuld! Ich hab das Feuer angemacht! Ich—!“ und dann brach sie zusammen. Zwar sprang ihr Vater auf und wehrte:„Nicht!— Nein, nein!— Nicht sie!“ verstummte aber bald und sank wie ein Trümmerhaufen auf die Bank. Der Friedel schwieg. Da ward die Liesel schließlich eingeliefert. Drei Jahre hieß das Urteil. Ihr Vater schickte ihr fortan so manche Post mit Speis und Trank— doch rührte sie die guten Dinge nicht an; er selber aber ging nie hin, sie einmal zu sehen oder väterlich zu trösten. Ihre Mutter starb vor Gram im anderen Jahr. Der Friedel aber kam zweimal, mit ihr zu sprechen. Das erste Mal, da ihr der Aufseher meldete. daß der Friedel da sei, schrie sie vor Jubel hell auf und biß sich, die übergroße Freude zu bändigen, in die Finger bis aufs Blut. Dann harrte sie fiebernd des Besuchers,— aber umsonst. Denn weil er scharf getrunken hatte, ließen sie ihn zuguterletzt nicht zu ihr.„Und..“, fragte sie schier atemlos den Aufseher und stand wie ohne Blut und Leben,„... und ist er wieder gegangen.. Und als der Mann antwortete:„Ja“, da stürzte sie wie ein gefällter Baum zu Boden. Ein Jahr später aber war der Friedel wieder da und wollte sie sprechen. Aber da ließ sie ihn fragen, was er denn bringe. Und als es hieß:„Wurst und Speck und Bücher zum Lesen“, wandte sie sich ab wie vor etwas Grausigem und stieß dem Aufseher keuchend zu, davonzugehen und ihre Zelle abzuschließen. Dann schrieb der Friedel ihr einmal, daß er ihrer harre und daß die Zeit ja nun bald um sei und sie schon noch einmal mitsammen könnten glücklich werden; aber da antwortete sie ihm, daß er sich eine andere suchen solle und daß sie ihn niemehr vor Augen sehen wolle, und daß sie ihm verbiete, ihr je wieder zu schreiben. Da ging er außer Landes, niemand erfuhr, wohin. Als ihre Zeit endlich um war, nahm ihr Vater sie freundlich auf und umhegte sie sorglich; sie dankte es ihm aber kaum und ging wie leblos durch den Tag. Der Wirt ward dabei immer kleiner und krummer, wie von schwerem Gram und tiefem Jammer ausgehöhlt, und ging schließlich mählich ein wie ein krankes Tier. Zwei Jahre lang starb er gewissermaßen langsam hin, während Liesa immer stiller und stiller ward, von morgens bis abends rastlos schaffend. Nur selten, daß sie einmal im emsigen Hantieren und wie selbstvergessen ins Geratewohl hinausstarrte, gleich als sähe sie aus dunkler Ferne wen kommen oder als erwarte sie wen. Aber es kam niemand, der ihr hätte von ihrer heimlichen Last helfen können. Nur einmal kam ein Schreiben vom Amt, darin war vom Friedel die Rede, als wär' er irgendwo in der weiten Welt aufgegriffen worden, zum Landstreicher heruntergekommen. Als ihr Vater zu Grabe gegangen war, wurde eines Tages sie zum Gericht bestellt. Dort lag ihres Vaters Testament, versiegelt und verklebt. Und als es eröffnet ward, da stand darinnen geschrieben, daß er selber, der Wirt, den Brand gelegt. In Wut und Not und Raserei verstrickt, hatte er das Feuer damals angelegt, er wußte selber nicht, warum. Vielleicht um alles wegzubrennen und die Tochter arm zu machen, dergestalt den Burschen abzuschrecken und sie dem Förster zuzutreiben; vielleicht um sie und sich und alle am Leben zu schädigen; vielleicht, weil er halt ganz von Sinnen war oder aus der Gegend wollte mit dem Versicherungsgeld. Er fand selber den Grund nicht. Doch weil der Verdacht auf den Friedel gefallen war damals, hatte er dazu geschwiegen und auch noch mit dazu geholfen, den Burschen anzuschwärzen und wegzubringen, — und als dann Liesa die Schuldige hatte sein wollen, da war's für ihn zu spät gewesen, die Wahrheit zu bekennen, am Ende auch zu schwer. Als aber nun die Liesa das alles hörte, was ihr da vorgelesen ward, war sie wieder wie aus grauem Stein, eine Weile stier und stumm. Dann stieß sie's wie ein letztes Atmen aus:„Der Vater...— Nicht Friedel...? Nicht Friedel...?!“ Fragte der Richter erstaunt:„Hielten Sie denn ihn für schuldig...?“ „Nicht Friedel——!“ schrie sie wieder statt aller Antwort und schlug die Hände wie im Grausen und Entsetzen vors Gesicht. „Sie haben doch sich selber schuldig bekannt damals!“ sagte der Richter. Und sie:„Mich... mich...!, weil ich doch...“ und taumelte. Da hatte sie an Friedels Schuld geglaubt, und als er geleugnet damals und sie also vor den grauenhaften Zwang gestellt, all ihre Scham vor den Lesten abzutun und ihre Heimlichkeit und Liebe zu entblößen, da Matte sie, der namenlosen Qual ein Ende zu machen, und in rastloser Verwirrung und Angst die Schuld auf sich genommen. Und hatte die drei Jahre Strafe erduldet und von Stunde zu Stunde gewartet, daß der Liebste käme, die Wahrheit zu gestehen, seine Schuld zu bekennen und sie zu erlösen. Und nun war er so schuldlos wie sie selber. Aber nun trug sie doppelt Leid um ihn, den sie der Schuld verdächtigt und darum in den Untergang gestoßen. Von Stund an ließ sie in aller Welt nach dem Burschen suchen, im Stillen hoffend, daß er noch, bevor er irgendwo im Elend untergegangen, gefunden werde. Aber Jahr um Jahr verging, sie ward älter und ward an den Schläfen grau, und kein Friedel kam. So ging sie ohne Lachen, immer rüstig schaffend, durch die Tage, aufrecht, aber doch mit tiefgebeugter Seele, denn in Unschuld schuldig werden an einem Unschuldigen ist ein hartes Los.— Neulich kehrte ich im„Grünen Raum am Scheideweg“ ein, wo mich die Wirtin, etwa fünfzig Jahre alt und noch immer eine schöne Frau, nicht eben unfreundlich, aber doch in einer seltsam stillen Art, als wie dem Leben entwachsen, und fast wortlos bediente, und wo mir ein alter Holzknecht, der neben mir im Winkel saß, die Geschichte erzählte.