Erscheint täglich. Bezugspreis monatlich durch Boten 2.10 Mk., durch die Post 2.20 Mk.(ohne Bestellgeld). Schriftleitung und Geschäftsstelle in Ahaus: van=Delden=Straße 8. Telegr.Adresse: Kreiszeitung Ahaus i. W. Fernruf Nr. 450. Postschließfach 65. Postscheck=Konto: Hannover 22 789. Amtliches Organ für den Kreis Jhaus. 54. Geschäftsstelle in Gronau: Gebr. Lensing, Verlagsanstalt GmbH., Bahnhofstraße 2, Fernsprecher Nr. 260. Bankkonten: Kreis= und Stadtsparkasse Ahaus, Gewerbebank Ahaus und Städt. Sparkasse Gronau i. W. Anzeigenpreise: das 1spaltige Millimeter für die Zenozeitung 10 Pfg., für die Kreiszeitung für den Kreis Ahaus 3 Pfennig. Rabatt nach Tarif. Verlag: Gebr. Lensing, Verlagsanstalt G. m. b. H., Zweigniederlassung Ahaus. Nummer 213 Sonntag, den 5. August 1934 Jahrgang 1934 Erstarkte Türkei. Vonunserem Balkankorrespondenten. el Instanbul, Anfang August. Die letzten Jahrzehnte erlebten die großen Epochen politischer Leidenschaften, die sich an liberalen Ideen berauschten. Politische Gruppen und Grüppchen verkrochen sich unter den Schutzmantel der„Demokratie“ und schlugen einander die Waffe der Autorität aus der Hand, und der Wettlauf um Erreichung der„großen Prinzipien“ glich einem Rasen in den sicheren Untergang. Die Schrecken einer Wirtschaftskrise gaben den letzten Anstoß zu Besinnlichkeit und Umkehr; eine neue Generation setzte unter das zwangsmäßige Erbe den dicken Strich der Verneinung und wandte sich der zeitgemäßen Form des autoritären Staates zu. Dem faschistischen Italien folgte das nationalsozialistische Deutschland: das Ideengut des Führers machte sich Bulgarien zu eigen, und auch die junge Türkei wandelt in den Spuren der großen Erneuerer. Den Schlüssel zu diesem Rätsel kann man zweifellos in einem Satze finden, den kein geringerer als Mussolini mir anläßlich eines Interviews im Jahre 1926 im Palazzo Chigi mit auf den Weg gab: „Die Demokratie ist ein Luxus reicher Nationen; für Völker, die sich in harter Arbeit und im Schweiße ihres Angesichtes ihr tägliches Brot erkämpfen müssen, ist Disziplin eine Notwendigkeit." Die Türkei gehört auch zu diesen letztgenannten Nationen, denen Luxus des Tages und Reichtum des Einzelnen unbekannte Begriffe sind. Zwar birgt der türkische Boden Schätze in Hülle und Fülle, die zeitige Wirtschaftslage verbietet es jedoch, den vollen Ertrag zu ernten und die Werte so umzusetzen, daß, wie in normalen Wirtschaftszeiten, Wohlstand die Entlohnung fleißiger Hände ist. Kein Wunder, daß sich die Türkei nicht den Luxus von Parteien leistet. Wohl wurden zu verschiedenen Malen in dem zehnjährigen Bestande der heutigen türkischen Republik in dieser Hinsicht die verschiedensten Versuche unternommen, stets jedoch ohne den geringsten Erfolg; das Gleichgewicht politischer Natur des türkischen Volkes ist derartig ausbalanziert, daß sich hier eine ganze Nation in einer einheitlichen vaterländischen Gruppe zusammenfand und sich durch die Nation regiert. Wenn trotzdem die türkische Republik das parlamentarische Regime beibehält, so entspringt diese Einstellung Erinnerungen der türkischen Vergangenheit. Die türkischen Machthaber und Politiker denken noch mit Schrecken zurück gn den Absolutismus der letzten Sultane und die Schreckenspolitik der Hohen Pforte und drücken somit auch rein äußerlich die riesigen Gegensätze aus, die zwischen der heutigen freien Türkei und der früheren Selbstherrschaft der Träger der Sultanswürde bestehen. Diese Lage der Dinge hat keinerlei Einfluß auf die tatsächliche Machtfrage, die in der jungen Republik in der Hand zielbewußter Männer vereinigt ist, die ihrerseits das felsenfeste Vertrauen der breitesten Massen ihres Volkes besitzen. Wenn trotzdem bei bestimmten Anlässen eine Opposition entsteht, so handelt es sich hier fast ausnahmslos um Formfragen, nicht jedoch um grundlegende Meinungsverschiedenheiten. Die Volksvertretung der türkischen Nation, die„Große Nationalversammlung“ in Ankara, besitzt so neben der Einheitspartei des Landes eine Handvoll Abgeordneter, die „Hort und Hüter deutscher Ehre." Kardinal=Erzbischof Dr. Schulte hat zum Tode des Reichspräsidenten einen Nachruf erlassen, der am kommenden Sonntag von allen Kanzeln in den Kirchen der Kölner Erzdiözese verlesen wird. Dieser Nachruf hat folgenden Wortlaut: Geliebte Erzdiözesanen! Einen überaus schweren und schmerzlichen Verlust bedeutet für unser Volk und Vaterland der Heimgang des Herrn Reichspräsidenten, Generalfeldmarschalls von Hindenburg. Mit inniger Wehmut wird im ganzen Reich der Tod dieses ehrwürdigen Greises empfunden, der in den schweren Jahren der Kriegs= und Nachkriegszeit der unerschütterliche Hort und Hüter deutscher Ehre und Würde gewesen ist und zu dem wie zum Vater des Vaterlandes das gesamte deutsche Volk einmütig seit 20 Jahren in guten und bösen Tagen mit dankbarer Verehrung aufschaute. Das durch Gottes gnädige Vorsehung bis zu den äußersten Grenzen menschlicher Jahre kraftvoll gebliebene Leben des hohen VerWorte des Gedenkens der österreichischen Bundesregierung. DNB Wien, 2. August. Der Bundeskommissar für Heimatdienst, Oberst Adam, sprach am Donnerstag im Auftrage der Bundesregierung zum Tode des Reichspräsidenten von Hindenburg folgende Worte: Genau eine Woche nach dem unseligen Tage, an dem unser Kanzler Dr. Dollfuß den Opfertod für Oesterreich gestorben ist, fallen in Deutschland die Fahnen und Flaggen auf Halbmast. Das Deutsche Reich trauert um einen wahren Vater des Vaterlandes, das ganze deutsche Volk um einen großen Deutschen, der schon bei Lebzeiten zu unsterblichem Ruhm eingegangen ist. In dieser Stunde der Trauer schweigt die Stimme der Politik. Sie kann dies umso leichter, als der Generalfeldmarschall und Reichspräsident von Hindenburg niemals Politiker oder auch Staatsmann im üblichen Sinne des Wortes gewesen ist. Er war ein treuer Diener seines Vaterlandes und seines Volkes. Er faßte diesen Dienst so hoch und heilig auf, daß er sich„unabhängig" nennen, die jedoch, falls sie nicht auch von der Einheitspartei zu Deputierten gewählt wurden, vor ihrer Wahl die volle Zustimmung der Parteileitung einholen mußten, so storbenen war ein erhabenes Beispiel freudig sich in christlicher Gesinnung hinopfernder Berufstreue und Pflichterfüllung. Ueber das Grab hinaus in die Ewigkeit folge ihm deshalb eure Dankbarkeit in treuem Gebete! So erfüllt ihr die Mahnung des Apostels und folgt zugleich dem Beispiel unsrer heiligen Kirche, die allezeit für die Obrigkeit gebetet und die Gläubigen zu diesem Gebete angehalten hat. Am kommenden Sonntag, dem 5. August, soll im Hochamt vorstehender kurzer Nachruf verlesen und des Heimgegangenen im Gebete mit den Gläubigen gedacht werden. In allen Kirchen der Erzdiöse soll bis zu dem Tage der Beisetzung einschließlich Trauergeläute abends von 8 bis 9 Uhr stattfinden. Desgleichen sollen die Kirchen und kirchlichen Gebäude zum Zeichen der Trauer halbmast flaggen. Köln den 2. August 1934. gez.: Karl Joseph Kardinal Schulte, Erzbischof von Köln. über alle politischen und staatsrechtlichen Umgestaltungen im Reiche,— darunter auch solche, die den alten kaiserlichen Soldaten zu tief schmerzen mußten— mit starker Seele hinwegging, um dienen und immer wieder dienen zu können. Im Dienst für sein Vaterland und sein Volk wuchs er hoch empor über seine Waffengefährten und schließlich über alle seine Mitbürger. Er ist eine zeitlose Verkörperung wahren Deutschtums geworden, ein Symbol der Vaterlandsliebe der Treue, der Wahrhaftigkeit, der Bescheidenheit im Erfolg. An seine Bahre dringt kein Laut des Streites dieser Tage. In unser ehrfurchtsvolles Gedenken an Reichspräsident von Hindenburg klingt die dankbare Erinnerung an den Führer und Waffengefährten in vier harten Kriegsjahren. Wir vergessen nicht, daß Generalfeldmarschall von Hindenburg einst auch das Ehrenkleid unserer Armee getragen hat. Alt=Oesterreichs Soldaten halten im Geist mit die Totenwache in Schloß Neudeck. Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat heute in seiner ersten Rede an die Vertreter der Weltpresse der Trauer um Generalfeldmarschall von Hindenburg Ausdruck gegeben. Er sprach diese Worte nicht nur im eigenen Namen oder im Namen der Regierung, sondern im Namen Oesterreichs, im Namen unseres ganzen Volkes. Kardinal Schulte zum Tode Hindenburgs. Alt=Oesterreichs Soldaten trauern um Hindenburg. Deutschlands getreuer Eckart auf dem Totenbett. Erste Aufnahme des Reichspräsidenten von Hindenburg auf seinem Totenbett in Neudeck. Offiziere der Reichswehr halten mit gezogenem Degen die Ehrenwache. daß die Einheitspartei stets die letzte Entscheidung darüber besitzt, wen sie als etwaige Opposition zuzulassen wünscht und wen nicht. In diesem im wesentlichen gleichartigen Parlament kann man durch Beiwohnen an den Fraktionssitzungen außerhalb der Parlamentstagungen die Feststellung machen, daß hier bei Vorbesprechungen und Stellungnahmen eine gleichartige Gruppenzusammensetzung wie in demokratischparlamentarischen Parlamenten mit Oppositionen, Kompromissen und Provisorien herrscht, wo zwischen den Flügeln Kombinationen angebahnt werden und es häufig hart auf hart geht, was zweifellos der Psyche und dem Impuls des Orientalen entspricht und unter diesem Gesichtspunkte hingenommen werden muß. In der letzten Zeit hat auch die türkische Oeffentlichkeit erkannt, daß diese Vorgänge schwer mit dem Ideal des autoritären Staates vereinbar sind und berufene Journalisten, führende Politiker, prangern mit einer gewissen Hartnäckigkeit diese jeweiligen Gegnerchaften im Parteileben der Türkei an. Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, warum eine Dualität zwischen den Valis, den Regierungsvertretern der Provinzen und den Delegierten der Volkspartei möglich ist, die immer wieder zu Konflikten führen und das Prestige in bestimmten Teilen des Landes untergraben müsse. Die Forderung wird erhoben, Mittel ausfindig zu machen, die eine Gleichschaltung der Parteiorganisation und der Staatsführung ohne Zugetändnisse ermöglichen, und zwar dies umsomehr, als ja bekanntlich der Ghazi Mustapha Kemal Pascha nicht nur Präsident der Republik, sondern auch gleichzeitig Parteichef ist. Vor einigen Jahren war diese gleiche Frage schon einmal in dem Augenblick zur Diskussion gestellt worden, als die damalige Liberale Partei sich mit der Frage beschäftigte, ob nicht die Möglichkeit bestünde, daß auch sie mit der Staatsführung betraut würde. Bei Diskussion der Machtfrage war eine der grundlegenden Forderungen dieser Opposition, daß der Staatschef außerhalb der Parteien gewählt werde, was mit anderen Worten bedeutete, daß der Ghazi Mustapha Kemal Pascha, der Gründer und oberste Führer der Volkspartei, seine Beziehungen zu dieser seiner Gefolgschaft abbrechen und sich auf eine unpolitische Insel inmitten der Brandung der türkischen Innenpolitik zurückziehen sollte. Es war selbstverständlich, daß der Ghazi, dessen höchsteigenes Werk die türkische Volkspartei darstellt, diese in Vorschlag gebrachte Lösung glatt von der Hand wies, die dazu angetan war, den weiteren Béstand der Volkspartei hinfällig zu machen. Es ist somit heute voll und ganz logisch, daß neuerlich die Forderung im türkischen politischen Lager erhoben wird, daß ein zu erbringendes Gesetz die Bestimmung dekretiert, daß der heutige Bestand einer einzigen Partei in der Türkei die Betrauung jedweder zweiten Gruppe mit der Regierungsgewalt ausschließt. In diesem Zusammenhang ist die weitere Forderung verständlich, daß die Valis, die in den türkischen Städten— besonders in Istanbul— gleichzeitig die Funktionen eines Gouverneurs mit der des Präsidenten des Munizipiums in ihrer Person vereinigen, die Kontrolle über die in ihrem Gebiete arbeitenden Parteiorganisationen ausüben. Die Valis wären somit nicht nur für ihre Maßnahmen als Gouverneure dem kompetenten Ministerium und dessen Inspektoren, sondern in Zukunft auch als Chefs der lokalen Parteiorganisation direkt dem Obersten Parteiführer, dem Ghazi, verantwortlich. Eine amtliche Veröffentlichung, die anläßlich des zehnten Jahrestages der Ausrufung der türkischen Republik vor wenigen Monaten an das Volk gerichtet wurde, enthält u. a. folgende Ausführungen:„Die Basis, auf der in den zurückliegenden zehn Jahren das türkische Volk regiert wurde, stellt keine Anwendung vorher gefaßter Programmpunkte einer Partei dar; ganz im Gegenteil wurden jeweils die im Augenblick notwendigen Reformen vom Ghazi bestimmt, um unmittelbar im Anschluß hieran auch schon verwirklicht zu werden. Erst zu einem späteren Zeitpunkte wurden diese Neuerungen in schriftlicher Form niedergelegt." Diese Worte beweisen zur Genüge, daß die erstarkte Türkei trotz ihres parlamentarischen Systems nicht von Programmen, sondern von dem Gebot der Stunde regiert wird. Besonders auf wirtschaftlichem Gebiete hat bisher die Volkspartei stets eine außerordentlich geschickte Hand bewiesen und auch in der Verwaltung waren ihre Verordnungen und Neuerungen ausschließlich von großem Vorteile für das Land. Die Türkei steht jetzt vor einem letzten Schritt, der bestimmt, daß auch juristisch die Struktur des Staates, entsprechend der schon längst bestehenden praktischen Situation, diejenige eines Einheitspartei-Staates ist. Der Barg Hindenburgs geschlossen. DNB Neudeck, 4. August. Die Leiche des Generalfeldmarschalls ist heute vormittag eingesarat worden. Bei der Einsargung waren nur die engsten Familienmitglieder zugegen. Der Sarg ist geschlossen und im Arbeitszimmer des Reichspräsidenten aufgebahrt worden, auch die Offiziersehrenwache ist von Blumenschmuck reich umgeben. Gegen Abend werden noch einige alte Jugendfreunde des Verstorbenen erwartet, u. a. der Fürst Dohna=Schlobitten und die Gräfin Finkenstein=Schönburg Cholero=Seuche in Indien. Trauer im Soargebiet. DNB Saarbrücken, 3. August. Der Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken hat folgendes Beileidstelegramm an die Reichskanzlei gerichtet:„Mit der Stadt Saarbrücken trauert die ganze Bevölkerung über den Heimgang des hochverdienten Herrn Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls von Hindenburg, ihres unvergeßlichen Ehrenbürgers, dessen ergebungsvolle Treue der gesamten Saarbevölkerung stets leuchtendes Vorbild war und bleiben wird.“ Die Stadt Saarbrücken hat an den Sohn des verstorbenen" Reichspräsidenten folgendes Telegramm gesandt:„Stadtverwaltung und Stadtvertretung von Saarbrücken sprechen der Familie des verewigten Herrn Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls von Hindenburg, des unvergeßlichen Ehrenbürgers der Stadt Saarbrücken, ihre tiefgefühlte Anteilnahme aus.“ Die deutsche Gewerkschaftsfront hat durch ihren Führer Peter Kiefer an den Reichskanzler Adolf Hitler folgendes Beileidstelegramm gerichtet:„Die Nachricht von dem Ableben des verehrungswürdigen Herrn Reichspräsidenten hat uns tief erschüttert. Wir sprechen der Reichsregierung und unseren deutschen Brüdern im Reich herzlichstes Beileid aus mit der Versicherung, daß wir dem Opfergeist des großen Toten gemäß im Saargebiet unsere deutsche Pflicht weiter erfüllen werden.“ Die Stadt Saarbrücken hält am Samstag, 4. August, um 12 Uhr, im großen Saal der Wartburg eine offizielle Trauerfeier für den verewigten Reichspräsidenten ab, zu der die Spitzen der Behörden und Organisationen eingeladen worden sind. Die Teilnahme des Hl. Vaters. Berlin, 4. August. Am gestrigen Nachmittag sprach der Apostolische Nuntius in Berlin, Cesare Orsenigo, dem Minister des Auswärtigen Amtes das Beileid des Hl. Vaters aus gemäß folgenden Telegrammes des Kardinalstaatssekretärs Pacelli: Der Heilige Vater beauftragt Euer Exzellenz, der Deutschen Regierung sein tiefgefühltes Beileid anläßlich des Hinscheidens des Reichspräsidenten Hindenburg auszusprechen. Seine Heiligkeit erfleht in dieser für Deutschland so schmerzreichen Stunde dem deutschen Volk den göttlichen Beistand und tröstende Gnaden. Ich bitte Eure Exzellenz, auch meine persönliche Mittrauer zu übermitteln. Kardinal Pacelli. Kardinalstaatssekretär Pacelli, Unterstaatssekretär Ottaviani, Unterstaatssekretär der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten Prälat Tardini begaben sich in Rom zur persönlichen Beileidsbezeigung zum Botschafter von Bergen. Die vom Organ des Hl. Stuhles erwähnte Wertschätzung Hindenburgs für den glorreich regierenden Papst fand bei mancherlei Anlässen, vor allem aber bei dem goldenen Priesterjubiläum Pius' XI. einen sichtbaren Ausdruck. Der Hl. Vater hat von Castel Gandolfo aus persönlich den Kardinalstaatssekretär zur Uebermittlung des Beileids bei Botschafter von Bergen und durch den Nuntius Orsenigo bei der Berliner Regierung beauftragt. Das Beileidstelegramm Mussolinis. Berlin, 4. August. Der italienische Ministerpräsident Mussolini hat am 2. August an den Reichskanzler Adolf Hitler das folgende Telegramm gerichtet: Das Hinscheiden des Reichspräsidenten von Hindenburg hat im italienischen Volk, das stets eine tiefe Bewunderung für seine soldatische und staatsmännische Größe hatte, ein schmerzliches Echo gefunden. Ich bitte Ew. Exzellenz im Namen der faschistischen Regierung und in meinem eigenen Namen, die Gefühle meiner lebhaftesten Anteilnahme entgegennehmen zu wollen. gez.: Mussolini. Beileid des Königs von Bulgarien. Berlin, 3. August. Der frühere König Ferdinand von Bulgarien in Koburg hat an den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler das nachstehende Telegramm gerichtet: Die Nachricht von dem Hinscheiden des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg hat mich aufs tiefste erschüttert, und ich bitte die Reichsregierung, zu diesem schmerzlichen Verlust mein wärmstes Beileid zu empfangen. Generalfeldmarschall von Hindenburg war der Träger aller ritterlichen Tugenden und hat sich als Vorbild und Führer einen unschätzbaren Reichtum an Verdiensten für sein Vaterland erworben. Mit seinem Hinscheiden verliert Deutschland ein sehr weises Staatsoberhaupt, die Welt einen Schutzherrn des Friedens und ich selbst einen treuen Freund. Ferdinand, R. Trauerparaden der Berlin, 4. August. Der Chef des Stabes der SA, Lutze, hat, wie der „Völkische Beobachter“ meldet, angeordnet, daß am Dienstag, dem 7. August 1934, vormittags zwischen 11 und 12 Uhr, im gesamten Deutschen Reich von sämtlichen SA=Einheiten Trauerparaden abgehalten werden. Zur gleichen Zeit wird die Beisetzungsfeierlichkeit von Neudeck durch Rundfunk übertragen. Nordschleswig will Trauerfahnen zeigen. NDB Tondern, 4. August. Der deutsche Abgeordnete des dänischen Reichstages, Pastor Schmidt, Tondern, hat an den dänischen Justizminister ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: „Ich bitte im Namen der deutschen Bevölkerung um die Erlaubnis, daß am Tage der Beisetzung Hindenburgs in Nordschleswig in den deutschen Farben halbmast geflaggt werden darf auf allen Gebäuden, die auf die eine oder andere Weise Sammlungs= oder Arbeitsstätten für unsere volkliche Arbeit sind, von Schulen, Versammlungshäusern, Zeitungskontoren und dergleichen. Hindenburg war der vornehmste und würdigste Vertreter des ganzen deutschen Volkes und Dänemark ehrt sich selbst, wenn es unseren natürlichen und lebhaften Wunsch erfüllt. Norwegische Würdigungen hindenburgs. :: Oslo, 4. August. Die warme Sympathie für den verstorbenen Reichspräsidenten kam auch am Freitag wieder in Gedenkartikeln der norwegischen Presse zum Ausdruck.„Tidens Tegen“ schreibt: Nicht nur im Reich, sondern in der ganzen Welt, und nicht zum wenigsten in Norwegen, werde die Botschaft von dem Heimgang des alten Reichsprasidenten tiefe Wehmut erwecken. Eine Welle von Sympathie werde dem deutschen Volk in tiefer Trauer entgegenströmen. Hindenburgs monumentale Gestalt Bisher über 5000 E London, 4. August. Im Bezirk Ganjam in der indischen Provinz Madras ist eine furchtbare Choleramassenerkrankung ausgebrochen. 20 Aerzte haben sich von Kalkutta aus im Flugzeug an Ort und Stelle begeben. Die Landstraßen sind beinahe unpassierbar infolge der vielen von Ochsen gezogenen Karren, auf denen die Toten zu den landesüblichen Scheiterhaufen befördert werden. Die amtliche Liste der Toten verzeichnet bisher mehr als tausend Opfer, man befürchtet aber, daß die Zahl weitaus höher ist, weil viele Bauern aus Angst vor Anmeldung bei den Behörden ihre Toten dem Feuer übergeben. Die Arbeit der Aerzte ist außerordentlich erschwert werde immer als einer der größten und besten Söhne Deutschlands gelten.— Das Organ der Bauernpartei „Nationen" sagt, Hindenburg sei die Zusammenfassung der besten Eigenschaften seiner Rasse gewesen und unzweifelhaft eine der größten Gestalten der neueren Geschichte. In guten und schlechten Zeiten habe er nur das eine vor Augen gehabt: Die Pflicht gegen Land und Volk. Ein reicheres und schöneres Erbe könne kein Mensch hinterlassen. Berliner Börse auch am Montag und Dienstag geschlossen. DNB Berlin, 4. August. Aus Anlaß der Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Herrn Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, bleiben die Berliner Börsenraume auch am Montag, dem 6. und Dienstag, dem 7. August 1934 für jeden Verkehr geschlossen. Die Devisennotierungen finden an beiden Tagen wieder im Gebäude der Reichsbank statt. Der Stimmzettel am 19. August. Berlin, 4. August. Das Reichsgesetzblatt Teil 1 Nr. 93 vom 3. August 1934 veröffentlicht die Verordnung zur Durchführung der Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs vom 3. August 1934 und die Erste Verordnung zur Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs(Abstimmungsverordnung) vom 3. August 1934. Beide Verordnungen tragen die Unterschrift des Reichsministers des Innern Frick. Die Verordnung zur Durchführung der Volksabstimmung besteht aus fünf Paragraphen. Nach Paragraph 3 sind auf dem Stimmzettel der bekannte Brief des Reichskanzlers Adolf Hitler an den Reichsinnenminister vom 2. August und der Beschluß der Reichsregierung zur Herbeiführung einer Volksabstimmung, gleichfalls vom 2. August 1934, abgedruckt. Darunter stehen die Worte:„Stimmst Du, deutscher Mann und Du, deutsche Frau, der in diesem Gesetz getroffenen Regelung zu?“ Nach Paragraph 4 erfolgt die Stimmabgabe in der Weise, daß der Stimmberechtigte, der die zur Abstimmung gestellte Frage bejahen will, unter dem vorgedruckten Worte„Ja“, der Stimmberechtigte, der sie verneinen will, unter dem vorgedruckten Worte„Nein“ in den dafür vorgesehenen Kreis ein Kreuz setzt. Keine Devisen in Einschreibsendungen Ueberwachung der Devisenausfuhr. NDZ Berlin, 4. August. Der Reichspostminister weist, wie NDZ meldet, erneut darauf hin, daß es verboten ist, Reichsmarknoten und inländische Goldmünzen ins Ausland, ins Saargebiet oder aus dem Inland in die badischen Zollschlußgebiete zu versenden oder zu überbringen. Die Schalterbeamten haben die Auflieferer von Wertsendungen in jedem Falle auf dieses Verbot und gegebenenfalls auf die sonst geltenden Verbote und Beschränkungen hinzuweisen. Bei Auflieferung von Einschreibesendungen ist in allen geeigneten Fällen, besonders wenn vermutet wird, daß der Absender die gesetzlichen Vorschriften nicht kennt, auf das Verbot, irgendwelche Geldsorten in Einschreibesendungen einzulegen, aufmerksam zu machen. Hierzu ist in passender Form darauf hinzuweisen, daß zu Verhandlungen, wie bei etwaiger zollamtlicher Oeffnung der Sendung festgestellt werden könnten, strafgerichtlich verfolgt werden. Eine grundsützliche Entscheidung des Anerbengerichts. Dingliche Sicherung des eingebrachten Gutes der Bäuerin wird nicht anerkannt. Berlin, 30. Juli. Das Anerbengericht Friedland, Oberschlesien, hat eine grundsätzliche wichtige Entscheidung dardurch die Abneigung der Eingeborenen gegen das Impfen, weil sie befürchten, durch eine solche Handlung die Göttin, auf deren Zorn sie die Massenerkrankungen zurückführen, noch mehr zu reizen. Auch die Zentralprovinzen und die vereinigten Provinzen Indiens sind von der Cholera erfaßt, die schon über fünftausend Opfer seit Anfang Juli gefordert hat. In den Zentralprovinzen starben in der vorigen Woche eintausendfünfhundert Menschen. Zahlreiche Hitzeopfer in China. DNB Schanghai, 4. August. Nach einer Meldung der Agentur Gomyn sind in Schanghai und anderen chinesischen Hafenstädten insgesamt 161 Personen an Hitzschlag gestorben. über getroffen, ob die dingliche Sicherung des eingebrachten Gutes der Bäuerin zulässig ist. In dem zur Entscheidung stehenden Falle hatte ein Erbhofbauer zu diesem Zweck die Eintragung einer Hypothek von 10 000 Mark beantragt. Das Anerbengericht konnte sich, wie es in der Entscheidung heißt, nicht dazu entschließen, die Genehmigung zu der Grundstücksbelastung zu erteilen. Es vermöge keinesfalls die Notwendigkeit einer Grundstücksbelastung anzuerkennen, die auf einer Illaten=Forderung der Ehefrau des Bauern beruht. Dieser, wie jeder deutsche Mann, heirate sein Mädchen nicht des Geldes, sondern um seiner selbst willen. Eine andere Anschauung sei unsittlich, schimpflich und den Erfordernissen einer gesunden Lebensauffassung, die den staatlichen Belangen Rechnung trage, nicht entsprechend. Wenn nun die Frau, aus ideellen Gesichtspunkten in die Ehe geführt, noch mit irdischen materiellen Glücksgütern gesegnet sei, so solle die, die nunmehr den Ehrenberuf einer deutschen Bäuerin verwaltet, ihren Stolz daransetzen, ihren Beruf als Frau und künftige Mutter ganz auszufüllen und die materiellen Güter, die sie aus ihrem Elternhause mitgebracht hat, zum Besten des Bauernhofes, auf dem einst ihre Kinder und Kindeskinder wirken und schaffen sollen, zu verwenden. Eine dingliche Sicherung des von ihr eingebrachten Gutes könne ihr um so weniger zugebilligt werden, als eine deutsche Frau in ähnlich günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen, die mit einem Manne anderen Berufes ohne unbewegliches Vermögen die Ehe eingeht, ein gleiches Verlangen nicht stellen könne. Die Neugliederung der Arbeitsfront. DNB Berlin, 3. August. Das Presse= und Propaganda=Amt der Deutschen Arbeitsfront teilt mit: Bis zum 1. Oktober wird die Deutsche Arbeitsfront entsprechend dem Vorbild der Partei neu gegliedert werden, und zwar in Blocks, Zellen, Ortsgruppen usw. Bis zum 1. Oktober wird auch die Organisation der Verwaltungsstellen der D.A.F. vollendet sein. Um den Umbau der Deutschen Arbeitsfront durchführen zu können, wird in diesen Tagen allen Mitgliedern der Deutschen Arbeitsfront über die Organisation der NSBO, über die Reichsbetriebsgemeinschaften, über die Reichshauptberufsgruppen und über den GHG ein Fragebogen zugestellt werden. Wir bitten diese Mitglieder, die schwierige Arbeit der Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront dadurch zu unterstützen, daß sie diesen Fragebogen in allen Teilen sorgfältig ausfüllen. Sollte den Mitgliedern die Ausfüllung des Fragebogens Schwierigkeiten bereiten, so ist die Dienststelle, die dem Mitglied den Fragebogen zugestellt hat, gern bereit, das Mitglied bei dieser Arbeit zu unterstützen. Die ausgefüllten Fragebogen sind möglichst umgehend dem zuständigen Betriebswalter oder, wenn ein solcher für das Mitglied nicht infrage kommt, der zuständigen Ortsgruppe der Deutschen Arbeitsfront einzureichen. Jedes Mitglied erhält für den abgegebenen Fragebogen von seinem Betriebswalter bezw. der zuständigen Ortsgruppe der Deutschen Arbeitsfront eine Quittung. Diese Quittung ist dem Beitragskassierer bei der nächsten Beitragszahlung zu übergeben. Verschlimmerung des Zustandes Dr. Kintelens. NDB Wien, 4. August. Im Befinden Dr. Rintelens ist eine Verschlechterung eingetreten. Dr. Rintelen ist linksseitig vollständig gelähmt. Sozialdemokratische Sprengstoffattentäter vor Gericht. NDB Wien, 4. August. Drei Sozialdemokraten standen Freitag vor dem Schnellgericht wegen eines Spengstoffanschlages auf das Lokal der ostmärkischen Sturmscharen im 10. Bezirk. Der Anschlag wurde am 16. Mai ausgeführt. Das Lokal der ostmärkischen Sturmscharen gehörte früher dem sozialdemokratischen Verein der Kinderfreunde und war diesem nach der Februarrevolte abgenommen worden. Die drei Angeklagten wurden zu je fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Internationales Ereignis allerersten Ranges". Eine beachtenswerte belgische Stimme DBN Brüssel, 4. August. Die Lütticher Zeitung„La Meuse“, eines der bedeutendsten und einflußreichsten liberalen Organe Belgiens, bringt aus der Feder ihres außenpolitischen Schriftleiters Detry eine bemerkenswerte respektvolle Würdigung des Reichspräsidenten von Hindenburg. Die Darstellung ist umso beachtenswerter, als„La Meuse“ im allgemeinen wenig Verständnis und erst recht kein Wohlwollen für Deutschland und deutsche Verhältnisse zeigt. Das Blatt beginnt mit der Feststellung, daß der Tod des großen Feldherrn des Weltkriegs ein internationales Ereignis allerersten Ranges sei. Hindenburg habe zweimal Deutschland gerettet. Ohne ihn hätte Deutschland nicht vier Jahre lang den alliierten Armeen widerstehen können. Zum zweiten Male habe er sich als Retter Deutschlanos erwiesen, als er nach dem Tode des Reichspräsidenten Ebert, getragen von den nationalen Kräften, die Präsidentschaft übernommen habe. Sieben Jahre lang sei er ein treuer Hüter der Verfassung gewesen. Er habe Hitler zum Reichskanzler gemacht und seinen Kanzler auch am 30. Juni mit seiner Autorität gedeckt. Hindenburg habe das Menschenmögliche getan, um alles das aufrecht zu erhalten, was Deutschland groß gemacht habe.„Ein großer Führer geht dahin“, schreibt das Blatt,„und man kann schon heute sagen, daß der Generalfeldmarschall lebend in die Geschichte eingegangen ist. Die kommenden Generationen, die in den Geschichtsbüchern auf 30 Zeilen die Geschichte des Weltkrieges lesen, werden wissen, daß der wahre Führer der verbündeten kaiserlichen Armeen sich Hindenburg nannte. In der deutschen Geschichte wird er in einer Linie mit Friedrich Barbarossa, Friedrich dem Großen und Bismarck stehen. Er hat versucht, das Werk Bismarcks intakt zu erhalten. Er hat die Reichswehr erhalten, die das Rüstzeug des Regimes und die Hoffnung der deutschen Patrioten ist. Hindenburg hat ganz einfach mit ungezähmter Leidenschaft Deutschland, seinem Vaterland, gedient. Es ist gerecht, daß das ganze Volk in seinem Lande ihm einen Ehrentribut erweist. Für uns ist er der Gegner, den wir bekämpft haben, weil er den Geist und die Zivilisation verkörpert, die die Verneinung unseres politischen und geistigen Ideals darstellt. Ein neues Konzentrationslager in Wels. NDB Wien, 4. August. Wie das„Neue Wiener Abendblatt“ schreibt, hat sich auf Grund der letzten Ereignisse die Notwendigkeit ergeben, ein Sammellager für politische Häftlinge in Wels(Oberösterreich) einzurichten. Im Einvernehmen mit den zuständigen Behörden wurde die Turnhalle der Minoriten für diesen Zweck bestimmt und für die Benutzung bereits instandgesetzt. Die Bewachung hat das Schutzkorps übernommen. Gegenwärtig sind noch keine Häftlinge untergebracht, doch dürften solche schon in den nächsten Tagen eingeliefert werden. Im Welser Kreisgerichts=Gefängnis sind zur Zeit mehr als 300 politische Verbrecher interniert. 23 deutsche Zeitungen in Litauen verboten. DNB Kowno, 4. August. Wie amtlich gemeldet wird, sind auf Beschluß des Direktors des Staatssicherheits=Departements 23 führende deutsche Zeitungen mit sofortiger Wirkung vom 3. 8. 34 bis zum 1. 1. 1935 für die Einfuhr und Verbreitung in Litauen verboten worden. Begründet wird die Maßnahme damit, daß die betreffenden Zeitungen dauernd beleidigende, die litauische Oeffentlichkeit aufreizende Nachrichten und Artikel veröffentlicht hätten, um eine systematische Propaganda gegen die Souveränität Litauens im Memelgebiet geführt hätten; der Inhalt(!) der Zeitungen sei der Aufbauarbeit des unabhängigen Litauens schädlich. Ein Bildberichterstatter in Salzburg festgenommen. DNB. Wien, 3. August. Wie bekannt wird, befindet sich seit Dienstag in Salzburg der Lichtbildberichterstatter der„Associated Preß“, Eric Borchert, in Haft. Er wurde von den Salzburger Behörden unter dem Verdacht, Kurierdienste für die verbotene NSDAP geleistet zu haben, festgenommen. Borchert ist Reichsdeutscher und schon seit vier Jahren in Diensten der Berliner Vertretung der„Associated Preß“. Am Sonntag erst erhielt er aus London die telegraphische Weisung, sich nach Salzburg zu begeben, um Aufnahmen von den Festspielen zu machen. „Die neue Wacht am Rhein." „News Chronicle" gegen die„unbesonnene Aeußerung" Baldwins. E London, 4. August. Unter der Ueberschrift„Die neue Wacht am Rhein“ veröffentlicht der liberale„News Chronicle“ einen Artikel, der die unbesonnene Aeußerung Baldwins in seiner Unterhausrede am Montag erörtert. U. a. wird ausgeführt: Soll die Behauptung, der Rhein bilde die Grenze Englands, bedeuten, daß die britischen Minister im Voraus beschlossen haben, im nächsten Krieg sei unser Feind unbedingt Deutschland? Soll sie ferner bedeuten, daß das Kriegsamt und das Luftfahrtministerium mit den Franzosen Pläne verabreden nach dem Vorbild von 1914, Pläne, die sich auf Operationen auf französischen Gebiet gegen den gemeinsamen Feind beziehen? Das Beifallsgeschrei, mit dem Baldwins Erklärung in der französischen Presse aufgenommen ist, deutet ganz sicher auf diese unheimliche Aeußerung hin. Aber die Freude Frankreichs wird nicht größer sein als die Verblüffung in Deutschland. Eine solche Erklärung abgeben heißt Deutschland zu unserm Feind machen. Nichts könnte offenkundiger dazu beitragen, Deutschland in seiner Ueberzeugung zu bekräftigen, daß es eingekreist und unterdrückt wird, und daß es gezwungen sein wird, für seinen Fortbestand zu kämpfen. Die jetzige englische Generation hat die Deutschen einmal während ihres Lebens bekämpft. Sie beabsichtigt nicht, es noch einmal zu tun. Wir haben die eine Wacht am Rhein beendet und beabsichtigen nicht, eine neue zu beainnen. Wir haben keinen Streit mit dem deutschen Volk, und das deutsche Volk hat keinen Streit mit uns. Ein Polizeibeamter im kommunistischen Zersetzungsdienst. DNB Berlin, 4. August. Der zweite Senat des Volksgerichtshofes verurteilte am Freitag den 31jährigen ehemaligen Verwaltungsassistenten Walter Wolf aus Zwickau wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren drei Monaten Gefängnis, auf die drei Monate der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet werden. Wolf, der als Beamter des inneren Dienstes bei der Polizei in Zwickau tätig war, hat seit 1929 Beziehungen zur KPD in Zwickau und Leipzig unterhalten und vom Zersetzungsapparat den Auftrag zur Uebermittlung vertraulicher Nachrichten entgegengenommen. Er hat daraufhin einen Stimmungsbericht geliefert und die Parteileitung in Zwickau dreimal durch Anruf vor bevorstehenden Durchsuchungen gewarnt.— Um seine Gewinnung für die hochverräterischen Ziele der KPD hatte sich besonders der Mitangeklagte Hans Geist aus Planitz bei Zwickau bemüht, der mit einem Jahre Gefängnis davonkam. Er wurde jedoch sogleich auf freien Fuß gesetzt, da seine Strafe als durch die Untersuchungshaft verbüßt gilt. Drei Arbeiter unter einem Steinblock begraben. DNB Madrid, 4. August. In einem Steinbruch in der Nähe von Malaga stürzte ein riesiger Steinblock auf drei Arbeiter herab und begrub sie unter sich. Da er mehrere tausend Tonnen wiegt, können die Leichen nur geborgen werden, wenn der Block gesprengt wird. 4 Eine Steinlawine auf dem Sahnkörper A Mailand, 4. August. Auf der Eisenbahnstrecke Aosta—Turin ging in der Nähe von Arnaz eine Steinlawine nieder, die den Bahnkörper in einer unübersichtlichen Kurve in kurzer Zeit unter Felsblöcken, Steinen und Erdmassen völlig begrub. Wenige Minuten später näherte sich in voller Fahrt ein auf der Strecke verkehrendes Schienenautomobil, das stark besetzt war. Einige Meter vor der Unglücksstelle brachte ein Bauer den Wagen zum Halten und verhinderte so ein schweres Unglück. Der Steinschlag war durch die dauernden Regengüsse der letzten Tage aufaelöst. Aus dem Kreise Rhaus erit Eindie besetzt. Gedoch fert zur ine 2 n SesundSe Wegweiser ührt jau= ra Gewiß sind sie sehr nützlich. Wären sie es nicht, die stets aufs Nützliche bedachten Menschen hätten sie nicht errichtet. Sie sind auch notwendia, dem Wanderer, dem Fahrer, denn viele Wege führen nicht nur nach Rom. Jeder schätzt die Wegweiser, jeder hat bereits ihre Vorteile kennengelernt. Aber keiner schätzt die zweibeinigen, die stets für andere den besten, den geraden, den bequemsten Weg wissen, aber für sich selbst keinen Schritt tun, um selbst guten Wea zu gehen. Sie empfehlen, gebeten und ungebeten, guten Weg; für sich selbst aber wissen sie keinen oder sie sind zu bequem, ihn zu gehen. Sie sind die ewigen Sittenrichter, die jeden Tritt vom geraden Wege, den ein anderer tut. übel vermerken; wieviel sie „durch Dickicht laufen, das kümmert sie nicht. Sie wissen ganz genau, wie ein Geschäftsmann hätte handeln müssen, damit er nicht in Schwierigkeiten geraten wäre; aber sie selbst kommen aus den Schwierigkeiten nicht heraus. Ein neues Gesetz ist grundsätzlich falsch, weil man die„Wegweiser“ nicht befragt hat, die ganz genau sagen können, wie man das Gesetz hätte machen müssen. Und die hohe Politik ist ihr besonderes Steckenpferd: denn sie wissen genau, welche Vorschläge man hätte Frankreich Vunterbreiten müssen, damit England mit Hilfe Italiens Japan veranlaßt hätte, daß Rußland mit Amerika einen Vertrag schloß, der geeignet gewesen wäre... Wegweiser zu sein, ist ihnen gewissermaßen Beruf. Sie wissen von allem Bescheid, auch wenn sie bisher noch nie etwas davon gehört haben. Die Unendlichkeit ist ihnen ebensowenig ein Rätsel wie die Unsterblichkeit. Es gibt wohl nichts im Umkreis, den die Sonne bescheint, über das sie nicht ihre festgefügte Meinung haben. Allerdings ist diese Meinung nur solange festgefügt, bis der Nächste kommt, dem sie mit der gegenteiligen Ansicht den vermeintlichen richtigen Weg zeigen können. Allerdings— es ist niemand ernstus der Ahaus, den 5. August 1934. Der Lebensreklungskursus im Freibad der schon einige Wochen währt und unter Leitung des Lehrscheininhabers der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft(DLRG.) Herrn Reich(Gronau) und Prüf= und Lehr=Assistenz der Lehrscheininhaberin Frl Lotte Meyer (Gronau) steht, hat so gute Fortschritte gemacht, daß bereits in der jetzt beginnenden Woche ein großer Teil der Kursusteilnehmer die Bedingungen zum Erwerb des Grundscheines der DLRG. erfüllt haben wird. Dann wird endlich der unerfreuliche Zustand ein Ende finden, daß in der Kreisstadt mit einem ausgezeichneten Schwimmbad und einer verhältnismäßig großen Zahl von guten Schwimmern bisher nur zwei amtlich geprüfte Rettungsschwimmer vorhanden waren. Die Bedeutung des an sich schon wichtigen Lehrganges geht über die vielseitige Ausbildung im eigentlichen Retten und Wiederbeleben hinaus, da die Bedingungen von den Anwärtern auch Leistungen verlangen, die zwar unmittelbar mit dem Rettungsschwimmen zusammenhängen, doch ebenso sehr für eine vielseitige Ausübung des Schwimmsports und seiner Nebenzweige wie Springen, Tauchen usw. von großer Wichtigkeit sind. So erwerben sich die Lehrgangsteilnehmer zwangsläufig Fertigkeiten, die sie sich sonst garnicht oder erst spät angeeignet haben würden. Somit wird der ideale mit dem sportlichen Zweck selbsttätig verbunden und neben guten Rettern werden tüchtige Schwimmer herangebildet, Leider sind alle Grundscheinanwärter, die an dieser oder jener Uebung teilgenommen haben, zum nächsten Uebungabend nicht wiedererschienen, obschon bei vielen die Voraussetzung für das Bestehen der Prüfung vorhanden ist. Allen Säumigen ist nun an den nächsten Uebungs= und Prüfungsabenden Gelegenheit zum Nachholen des Versäumten dadurch gegeben, daß Lehrscheininhaberin Frl. Reich am nächsten Uebungsabend, Dienstag, den 7. August bereits kurz vor 18 Uhr am Freibad ist und von dieser Zeit ab den Rückständigen Gelegenheit zum Nachholen versäumter Uebungen gibt. Wer um 6 Uhr verhindert ist, kann auch um 7 Uhr, aber möglichst nicht viel später, erscheinen. Nachher werden von Herrn Reich Wiederbelebungsübungen gemacht. Was sonst noch an wichtigen Mitteilungen zu machen ist, ersehen die Interessenten aus den Aushängen in den DT=Bekanntmachungskästen in der Stadt, an der Jutefabrik und im Fenster der Aufsichtszelle im Freibad. Die Leitung der Schwimmabteilung des Turn= und Sportvereins Ahaus 1892 erwartet nun von allen, die sich zum Kursus gemeldet haben und bei denen Aussicht auf Bestehen der Prüfung besteht, diesen Lehrgang fortzusetzen und nach bestem Können zu beenden. Das kleine geforderte Zeit= und Geldopfer kann bei fast allen bei gutem Willen gebracht werden. Nur so kann der Kampf gegen den nassen Tod überall erfolgreich durchgeführt werden, nur so wird ein Schwimmer zum tüchtigen Retter, nur so können auch wir für unseren Teil zur Verwirklichung der idealen Bestrebungen der DLRG. beitragen. Aus der NSDAP. Ortsgruppe Ahaus. Der Ortsgruppenleiter Va. Brüning hat einen dreiwöchentlichen Urlaub angetreten. Die Leitung der Ortsgruppe für diese Zeit übernimmt der Kreispropagandaleiter Pg. Köster mit. Pg. Köster ist fernmündlich unter Nr. 554(Kreisleitung), 419(Bürgermeisteramt) und 201(Privat) zu erreichen. Steuerzahler aufgemerkt! In Zukunft Bekanntgabe säumiger Steuerzahler Bekanntlich sollen nach den Erklärungen des Staatsetretär Reinhardt über das neue Steuerprogramm die Verzugszinsen in der Reichsfinanzverwaltung mit Wirtung vom 1. Januar 1935 abgeschafft, die Mahn= und Beitreibungsgebühren dagegen gleichmäßig erhöht werden. Außerdem wird das neue Steuerverwaltungsgesetz, das an die Stelle der Reichsabgabenordnung treten wird, die Bestimmung enthalten, daß von den Finanzämtern nach Schluß eines jeden Jahres eine Liste der säumigen Steuerzahler aufzunehmen ist. In die Liste soll jeder Steuerpflichtige aufgenommen werden, der einer ihm erteilten schriftlichen Mahnung zur Steuerzahlung nicht gefolgt ist, der es also zur Mahnung durch den Beitreibungsbeamten hat kommen lassen. Wichtig ist nun und schon jetzt Beachtung verdient, daß wie die„Deutsche Steuerzeitung“ hervorhebt, nach den Erklärungen des Staatssekretärs diese Liste erstmalig im Frühjahr 1936 für das Jahr 1935 aufgestellt werden wird. In die Liste der säumigen Steuerzahler wird also nicht aufgenommen werden, wer bis zum 31. Dezember 1934 seine Rückstande beseitigt hat und es im Jahre 1935 nicht zu einer Mahnung durch den Beitreibungsbeamten kommen läßt. lich zu raten, den gezeichneten Weg zu gehen. Darin unterscheiden sie sich ganz wesentlich von den richtigen Wegweisern, denn wenn man denen folgt, ist hundert gegen eins zu wetten, daß man zum Ziel kommt, wogegen hundert gegen eins zu wetten ist, daß man beim Befolgen des Rats dieser„Wegweiser“ in den Sumpf gerät mit dem Erfolg, daß sie dann sagen werden: Ich hab es doch vorausgesagt, aber wenn man auf meinen guten Rat nicht hört:.... Nicht mullas Wassoll man nur zu dem Nicht muttos Wetter sagen? Das Beste, werden... man sagt gar nichts. Dem Wetter gegenüber muß man Fatalist sein. Denn was man auch dazu sagen wollte, es wäre ja doch zwecklos. Gewiß, wer vor einigen Tagen das Herz voll Feriensonne, unter Volldampf ins Gebirge oder an die See fuhr, dem mag sich das freudvolle Herz wohl bald zusammengekrampft haben, wenn er, die erste Nacht im fremden Bett, schon wegen der ungewohnten Umgebung, dann aber vor allem auch wegen der Sorge um das Ferienwetter, kein Auge zumachen konnte, denn unaufhörlich räuschte strömender Regen durch die Nacht. Und wenn dann schon der Nachmittag die am Morgen schüchtern aufgekeimte Hoffnung, daß es vielleicht doch noch werden könnte, wieder gründlich zerstörte, dann mag sich wohl mancher, der den Launen des Wetters ohnmächtig und hilflos gegenübersteht,„wie bestellt und nicht abgeholt“ vorgekommen sein. Aber was hilft das alles, es sind halt Ferien und man tut auf alle Fälle gut, sich wetterfest zu machen. Man steht sich dabei jedenfalls besser, als wenn man die Flinte gleich ins Korn wirft und schon am zweiten Abend seiner Ferienreise mit Rückreisegedanken zu Bett geht. Es ist nämlich eine unumstößliche Tatsache, daß die Wetterfesten stets die schönsten Ferienerinnerungen mit nach Hause bringen. Also nicht mutlos werden! Und schließlich, die Ferien beginnen ja erst. Wer die Reise noch vor sich hat, richte sich mit seiner Kleidung auf alles ein, es braucht ja nicht immer das Beste zu sein, mit dem man auf die Ferienreise geht. Ein paar gute Bücher sollten ja sowieso in keinem Reisekoffer fehlen. Dann aber, trotz allem, mit Volldampf voraus. Stodt Ahaus Alle Pflichtigen, die noch Steuerrückstände haben, tun danach gut daran, nach Möglichkeit schon jetzt Vorsorge dafür zu treffen, daß die Rückstände bis Ende dieses Jahres getilgt sind. Denn eine Mahnung durch den Beitreibungsbeamten nach dem 31. Dezember 1934, die sich allerdings auch weiterhin durch Stundung des Rückstandes vermeiden lassen dürfte, wird sonst ihre Aufnahme in die Liste der säumigen Steuerschuldner zur Folge haben. Brandschaden ist Landschaden Um den Gedanken der Notwendigkeit der Brandschadenverhütung mit besonders großer Stoßkraft einheitlich in die Volkskreise aller deutschen Gaue tragen zu können, ist die Oberste Leitung der PO., Amt für Volkswohlfahrt, vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda beauftragt, die Feuerschutzwoche 1934 unter Führung dieses Ministeriums im gesamten Reiche durchzuführen. Im Gau Westfalen=Nord liegt die Durchführung der Woche bei der Landesstelle Westfalen=Nord in Zusammenarbeit mit den Aemtern der NS.=Volkswohlfahrt im Gau Westfalen=Nord und=Süd, Abt. Schadenverhütung. Diese Aufklärungswoche vom 20. bis 26. August, 1934 steht unter der Parole „Brandschaden ist Landschaden!“ Die durch Fahrlässigkeit und Unkenntnis entstehenden Feuerschäden vermehren sich von Jahr zu Jahr. Das Jahr 1934 scheint infolge seiner Trockenheit ein BrandKatastrophen=Jahr zu werden. Schärfste Bekämpfung der Brandgefahren durch eine großzügige Aufklärung muß schleunigst einsetzen. Verluste von kostbaren Menschenleben und ungeheuren Sachwerten sind zu verhindern. 14 000 Menschen verlieren jährlich in Deutschland bei Bränden ihr Leben. Fast 500 Millionen Reichsmark werden jährlich in Sachwerten vernichtet, also täglich 1,5 Millionen Reichsmark. Das Programm, nach dem die Feuerschutzwoche in Westfalen=Nord durchgeführt wird, werden wir in Kürze veröffentlichen. Die Trauerfeierlichkeiten aus Anlaß des Todes des Reichspräsidenten, die am Montag in Berlin im Reichstag, am Dienstag am Tannenbergdenkmal stattfinden, werden in Ahaus für die Oeffentlichkeit übertragen vom Geschäft Bauhaus, van=Delden=Straße, vom Geschäft Laukamp, Markt, und vom Geschäft Timmermann, Adolf=Hitler=Straße. Näheres durch die Tageszeitungen(Allg. Teil). Ahauser Turner auf dem Kingkurnfest in Borghorst Der Turn= und Sportverein Ahaus 1892 beteiligte sich letzten Sonntag mit einer stattlichen Anzahl Turner und Turnerinnen an dem DT=Ringturnfest des Ringes Steinfurt, das anläßlich des goldenen Jubelfestes des Turnvereins Borghorst in Borghorst stattfand. Trotz stärkster Konkurrenz gelang es den Ahausern, nicht weniger als 21 Eichenkränze heimzuholen. Besondere Anerkennung verdient der 1. Sieg von Franz Mehlmann im Dreikampf der Jugendklasse, sowie der 4. Sieg im Zwölfkampf der Oberstufe von Franz Effing mit 194 Punkten. Wir lassen kurz die Liste der erfolgreichen Ahauser Wettkämpfer folgen: Zwölfkampf(Oberstufe): Franz Effing 4. Sieg(194 P.). Zwölfkampf(Unterstufe): Joh. Böwing(213); Gerh. Gesing(200); Alfr. Steinhage(94); Heinr. Effing (184); Willi Kinds(176), Jos. van Dyk(176). Sechskampf: Bernh. Effing(109); Joh. Effing(104). Fünfkampf: Ad. Schallenberg(94); Bernh. Deiters(76). Dreikampf: Franz Mehlmann 1. Sieg; Fleer, Fiegenbaum Gust., Grawemann Jos., Triep Werner. Siebenkampf für Turnerinnen: Mia van Dyk, Toni Louws, Fränzi Hegemann, Margret Wöstmann, Gertrud Salomon. Saarlandkundgebung am 25. und 20. August in Ahaus Der Turn= und Sportverein Ahaus 1892 als Veranstalter der Grenzlandkundgebung. An dem Tage wo alle Augen zum Rhein nach Ehrenbreitstein gerichtet sind, veranstaltet der Turn= u. Sportverein Ahaus von 1892 ebenfalls eine große Saarlandkundgebung, die weit über den Rahmen des Alltages hinaus geht. Das Treubekenntnis zur Saarbevölkerung soll auch in Ahaus an diesen beiden Tagen öffentlich zur Schau gebracht werden. Nicht nur in Gedanken, sondern in der Tat soll die gesamte Bevölkerung an dieser Kundgebung Anteil nehmen. Gerade als Grenzlandbewohner wissen wir, wie das Ausland auf unsere Brüder an der Saar schaut. Unter dem Motto: Deutsch die Saar, immerdar, soll auch diese Veranstaltung stehen. Der Turn= und Sportverein Ahaus von 1892 hat sich somit eine große Aufgabe gestellt. Er richtet schon jetzt einen Appell an alle Formationen der Stadt Ahaus sich an diesen Tagen den Gästen von der Saar zur Verfügung zu stellen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die große Kundgebung auf dem Schloßplatz, wo Kreisleiter Pa. Blanke und Werth vom Deutschen Fußballbund den Gästen ein herzlich Willkommen heißen werden, sowie das Werbefußballspiel der Saarmannschaft von„Borussia“ Neunkirchen=Saar. Nicht minder wird der Sturmbannaufmarsch der SA. wie auch der Reitersturm dazu beitragen, dem Fest den würdigen Rahmen zu geben. Vorgesehen sind weiter ein Empfang der Saargäste auf dem Rathaus durch den Bürgermeister Ridder und Besichtigung der Sehenswürdigkeiten von Ahaus. Als Abschluß ist ein„Deutscher Abend“ im Burbaumschen Saale unter Mitwirkung der Sturmbannkapelle II/188 und der M.=G.=V.„Cäcilia“ und„Sängerlust“ gedacht. Der Turn= und Sportverein Ahaus von 1892 läßt an alle. Vereinen noch ein besonderes Einladungsschreiben ergehen und hofft, daß diese Veranstaltung von keiner anderen durchkreuzt wird. Gronauer todt-Rundschau Unser Bischof zu dem Jubiläum der Redemptoristenpatres in Glauerbrücke Da die Leute von nah und fern so aufrichtigen Anteil an unserm Jubiläum genommen haben, so hörten sie gewiß auch gern, wie unser Bischof uns zu unserm Jubeltage Grüße und Wünsche gesandt hat. „Münster i. W., den 11. Juli 1934. Hochwürdiger Herr Pater Rektor! Mit besonderer Freude habe ich davon gehört, daß Sie in Ihrem stillen, vom Frieden Gottes umhegten Kloster an der Grenze am kommenden Sonntag die kirchliche Feier des 50jährigen Bestehens Ihres Hauses feiern werden. Wenngleich es mir durch meine Firmungsreise im Dekanate Ibbenbüren ganz und gar unmöglich ist, persönlich an dieser Feier teilzunehmen, so möchte ich es doch nicht unterlassen, ein Wort herzlichsten und dankbarsten Gedenkens anläßlich Ihres Festes an Sie und Ihre klösterliche Familie zu richten. Es ist ein Wort der herzlichsten Glück= und Segenswünsche, indem ich mit Ihnen allen, Gott dem Herrn, dem„Vater aller Lichter“, Dank und Preis sage für alles, was Ihr durch den Kulturkampf ins Leben gerufene Kloster in diesen fünfzig Jahren Gutes und Großes für die Seelen, für Gottes Ehre und die heilige Kirche unablässig getan hat:„Magnificat anima mea Dominum“. Es ist zugleich im Namen meiner ganzen Münsterischen Diozese ein Wort des wärmsten Dankes und der aufrichtigsten Anerkennung für die zahllosen in der Diözese gehaltenen Volksmissionen, Predigten und Aushilfen in einzelnen Gemeinden, zu denen die Väter des Allerheiligsten Erlösers jederzeit so freudig bereit waren. Ist auch das Meiste von all dem Guten im Verborgenen geschehen, so darf an diesem Festtage ein Wort wirklicher Anerkennung und wärmsten Dankes seitens des Bischofs der Diözese nicht fehlen, zumal Ihr Haus durch die treueste Pflege von Priesterexerzitien so vielen meiner Priester außerordentliche Wohltaten in ihrem schweren Berufs= und Arbeitsleben erwiesen hat. † Clemens August.“ Zu Ehren der Gefallenen des Weltkrieges legte der Nationalsozialistische Frontkämpferbund(Stahlhelm) am 2. August, dem Tage des Kriegsausbruches, am neuen Kriegerdenkmal einen Kranz nieder. Ottenstein :: Silberne Hochzeit. Das Fest der silbernen Hochzeit feierten gestern die Eheleute Anstreichermeister Theodor Schüring. Wir entsenden hiermit dem Jubelpaare die besten Glück= und Segenswünsche. Epe Mit„Kraft durch Freude" in die Rhön Liebliche Dörfer und einsame Wälder unterbrechen die schwermütige Einsamkeit der Rhönkuppen. Seltsam ergreifend, von wuchtiger Eigenart, wie sie kein anderes Gebirge Deutschlands aufweist, sprechen die weiten Matten mit der spärlichen Pflanzenwelt des Hochgebirges zu den Menschen, der die eindringliche Sprache einer urwüchsigen unverfälschten Natur zu verstehen weiß. Einsam schreitet der Wanderer durch die unendliche Stille. Ernst und feierlich ist die Stimmung des Urlaubers, der gerade in den Rhönbergen die Natur zu begreifen lernt, und aus diesem Verhältnis den Genuß einer echten Freude erfährt. Die Fahrt in die Rhönberge beginnt in der Nacht auf Sonntag, den 12. August. Die Urlauber verlassen die Rhön, ein Stück deutsches Land, dessen sie immer in andächtiger Liebe gedenken werden, am Sonntag, dem 19. August. In dem Preis sind, wie bei allen achttägigen Fahrten der NS.=Gemeinschaft„Kraft durch Freude“, Fahrten=, Verpflegungs= und Unterkunftskosten enthalten. 28.— RM. lautet der Preis. Anmeldungen nehmen entgegen das Kreisbüro der NSG.„Kraft durch Freude“ in Epe, Telefon 101, und bei Silkenbäumer, Gronau, Schulstraße 6. Kriegsgefangenen=Ausstellung auf der Deutschen Ostmesse. Die Reichsvereinigung ehem. Kriegsgefangener veranstaltet gemeinsam mit der Deutschen Östmesse vom 19. bis 22. August ds. Is. im Rahmen einer Sonderschau „Ostpreußen im Weltkriege“ eine Ausstellung. „Kriegsgefangenschaft in RußlandSibirien=Japan“ Den Grundstock dazu stellt das Archiv und Museum der Kriegsgefangenschaft. Er wird ergänzt durch Leihgaben von Kameraden und Freunden der Sache. Die Ausstellung soll jede Seite der Kriegsgefangenschaft erläutern. Besonders hervorheben wird sie die kulturelle Arbeit und den Selbstbehauptungswillen des Plennys, wovon die Lagerindustrie Zeugnis ablegen wird. Auch die Versuche einer politischen Beeinflussung und die Wirren des Bürgerkrieges sollen dargestellt werden. Mit der künstlerischen Ausgestaltung der Ausstellung ist Herr Professor Rudi Schön, Königsberg(Plenny) beauftragt worden. Der Direktor der Deutschen Östmesse, Herr Konsul Jonas, Königsberg, selbst auch ehemaliger Plennn(Tschita) bringt der Ausstellung allergrößtes Interesse entgegen. Die günstigen Voraussetzungen geben die Gewähr für eine nach Form und Inhalt vorbildliche Kriegsgefangenen=Ausstellung und dürften lebhaftestes Interesse weit über die Kreise der Kg. hinaus erwecken. Da die Fahrtbedingungen zum Besuch der Östmesse außerordentlich günstig sind, kann die Ausstellung mit einem recht umfangreichen Zustrom aus dem Kreise der ehem. Kriegsgefangenen und ihrer Freunde rechnen. Hauptschriftlester und verantwortlich für Politik: Dr. Georg Heider, Münster i. W., Stellvertreter des Hauptschriltleiters und verantwortlich für Münster und das Münsterland: Fritz Rediger, Münster i. W.; für Westdeutschland: I. V.: Karl Bode; für Feuilleton: Peter Schlauß; für Handel und Sport: Dr. Anton Henkel, sämtlich in Dortmund; Berliner Redaktion: Dr. Ernst Häfner, Berlin-Lichterlelde; für den Zeno-Hnzeigenteils Verlagsleiter Dr. Erich Altmeppen, Münster i. W. Druck: Zeno G. m. b. H., Münster I. W. Durchschnittsaullage: VI. 1934: Zeno-Zellung Insgesamt 41732 enthaltend: Hhlener Volkszeitung, Nachrichtenblatt für die Kreise Beckum und Lüdinghausen, Hhlen, 2984— Allgemeine Zeitung für die Kreise Coesteld und Hhaus(Billerbecker Zeitung, Gescherer Zeitung, Vredener Hnzeiger, Stadtlohner Volksblatt), Coesfeld, 5412;— Borkenar Zeltung, Borken, 3189;— Bürgerblatt für den Niederrhein und Reeser Tageblatt, Emmerich, 1871;— Dülmener Zeitung, Amtliches Kreisblatt für den Kreis Coesfeld, Dülmen, 1857;— Halterner Zeitung, Haltern, 1704:— Kreiszeitung für den Kreis Ahaus(Gronauer Volkszeitung, Eper Volksblatt), Hhaus, 3150:— Münsterländische Volkszeitung(Rheiner Volksblatt), Rheine, 4064;— Emsländische Tageszeitung(Lingener Tageszeitung, Papenburg-Hschendorfer Zeitung), Rheine, 1510;— Neuer Emsbote für Kreis Warendort und Amt Telgte(Warendorfer Kreisblatt), Warendorf, 2591;— Tageblatt für den Kreis Steinfurt(Ochtruper Anzeiger, Weltringer Anzelgor. Metelener Zeitung, Neuenkirchener Zeitung), Öchtrup. 1665;— Volksblatt für Bocholt und den Kreis Borken, Bocholt. 6287;— Volksblatt für Wesel und den Krals Raes, Bocholt, 997:— Volkszeitung und Nachrichten für Emsdetten, Burgsteinfurt, Nordwalde, Borghorst, Greven. Emsdetien, 2378:— Volkszeitung für Dorsten und Herrlichkeit, Dorsten, 2073.— Verantwortliche Schriftleitung für den lokalen Teil: Fritz Schlotjunker, Ahaus, für den lokalen Anzeigenteil: B. Schütte, Ahaus. le genager aich 8e mussen Sie ihn, ein Handgriff wirklich nur ein einziger Hand griff zum Füllen,—so einfach, se vollkommen sind eben andere Föllhalter nicht. Dazu die herr lichen Farben des praktisch unzerbrechlichen Schoftes, die wunderbare MATADOR. Goldfeder— 25 Jahre gorontiert! TurboADOR Der Füllhalter von heute und morgen 140 47 1 1 1 1 das Verfahren vor den sozialen Ehrengerichten. Für die Verhandlung und Entscheidung über das Rechtsmittel der Beschwerde ist der Vorsitzende des Reichsehrengerichtshofs zuständig. Er entscheidet endgültig. Die sachlichen und persönlichen Kosten der Ehrengerichte sowie des Reichsehrengerichtshofs trägt das Reich. Die Kosten des Verfahrens können ganz oder zum Teil dem Verurteilten auferlegt werden. Ein jedes Urteil hat daher einen Kostenentscheid zu enthalten. Für das ehrengerichtliche Verfahren werden nur Barauslagen in Ansatz gebracht. Ihr Betrag ist vom Vorsitzenden des Ehrengerichts festzusetzen. Die Festsetzung ist vollstreckbar. Um ein möglichst rasches und sicheres Abwickeln des ehrengerichtlichen Verfahrens zu gewährleisten, haben die Gerichte und alle sonstigen öffentlichen Behörden den mit der Durchführung der Ehrengerichtsbarkeit betrauten Stellen Amts= und Rechtshilfe zu leisten. Abschließend sei noch bemerkt, daß eine Voruntersuchung nicht stattfindet und auch die Verhaftung, vorläufige Festnahme und Vorführung des Beschuldigten sowie die Beschlagnahme und Durchsuchung unzulässig sind. Der frühere ungarische Außenminister Geza von Daruvary gestorben. DNB Budapest, 3. August. Geza von Daruvary, Wirklicher Geheimer Rat und ehemaliger Vorstand der Kabinettskanzlei des Kaiser Franz Josef, nach dem Umsturz ungarischer Justizminister und mehrere Jahre hindurch ungarischer Minister des Aeußern, ist am Freitag abend im Alter von 68 Jahren gestorben. Der französische Botschafter bei Außenminister Beck. Das im vierten Abschnitt des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit geregelte Verfahren der sozialen Ehrengerichtsbarkeit bestimmt sich im wesentlichen nach den Vorschriften, die für das erstinstanzliche Verfahren in Strafsachen vor den Landgerichten gelten. Ergänzend sind die Bestimmungen des ehrengerichtlichen Verfahrens der Rechtsanwaltschaft herangezogen worden. Obwohl an sich die Ehrenstrafe neben der öffentlichen Strafe zulässig ist, muß das ehrengerichtliche Verfahren ausgesetzt weroen, wenn wegen der gleichen Tatsachen die öffentliche Klage erhoben worden ist. Ist im Strafverfahren auf Freisprechung erkannt, so findet wegen der Tatsachen, die in diesem Verfahren zur Erörterung gekommen sind, ein ehrengerichtliches Verfahren nur insofern statt, als diese Tatsachen an sich und unabhängig von dem Tatbestand einer im Strafgesetz vorgesehenen Handlung die ehrengerichtliche Bestrafung begründen. Erfolgte im Strafverfahren eine Verurteilung, so hat der Vorsitzende des Ehrengerichts zu entscheiden, ob das ehrengerichtliche Verfahren durchzuführen ist. Anklagebehörde im ehrengerichtlichen Verfahren ist der Treuhänder der Arbeit. Eine Mitwirkung der Staatsanwaltschaft findet nicht statt. Der Treuhänder der Arbeit bringt durch seinen Antrag das ehrengerichtliche Verfahren ins Rollen. Anzeigen wegen Verletzung der sozialen Ehre durch Angehörige eines Betriebes sind schriftlich unter Angabe der Bweismittel bei dem Treuhänder der Arbeit anzubringen, in dessen Bezirk der Betrieb seinen Sitz hat. (!) Paris, 2. August. Der französische Botschafter in Warschau, Laroche, hatte am Mittwoch eine längere Unterredung mit dem polnischen Außenminister Beck, die sich nach einer halbamtlichen Meldung auf den NordostpaktPlan bezog. Die Widerstände Polens gegen einen solchen Pakt hält das„Journal“, das aus seiner Abneigung gegen eine, zu enge Verbindung mit Sowjetrußland keinen Hehl macht, für durchaus verständlich, denn dieser Pakt lasse nur zwei Möglichkeiten offen. Mit Deutschland abgeschlossen bedeute er, daß man auf jegliches Mißtrauen verzichten musse. und ohne Deutschland schaffe er einen Zustand des Mißtrauens, der Polen zwinge, die Unterstützung der Roten Armee anzunehmen. Glaube man wirklich, diese Gefahren durch ein Eingreifen des Völkerbundes beschwören zu können? Francisco Nafera Andrade, der nach Salvador aus gewiesen war, sowie zahlreiche Verschwörer, wurden veraftet. Verschworung gegen die Regierung von Guatemala. Schwere Sturmschüden in Michigan, § Mexiko, 2. August. Wie aus Salvador gemeldet wird, haben die Behörden eine Verschwörung gegen die Regierung von Guatemala aufgedeckt. Guatemalische Emigranten beabsichtigten, bei Santa Anna Ahuachapan nach Guatemala einzudringen. Die Behörden beschlagnahmten in der Nähe der Grenze ein großes Waffenlager. Der Führer der Aufstandsbewegnug, General § Detroit, 3. August. Mittel= und Östmichigan wurden von einem heftigen Sturm mit wolkenbruchartigen Regengüssen heimgesucht. Dabei wurden 10 Menschen getötet, zahlreiche verletzt. Der Schaden beträgt über eine Million Dollar. Viele Gebäude sind schwer beschädigt worden. D Vermischte Nachrichten. Ein Volk in Trauer. Aus Deutschlands Glanzzeit. Ausstellung in Gelsenkirchen. Ist ein Antrag des Treuhänders der Arbeit auf Einleitung des ehrengerichtlichen Verfahrens eingegangen, so hat der Vorsitzende des Ehrengerichts die erforderlichen weiteren Ermittlungen selbst vorzunehmen oder anzuordnen. Der Vorsitzende des Ehrengerichts kann den Antrag auf Einleitung des ehrengerichtlichen Verfahrens als unbegründet zuruckweisen. Bei Zurückweisung seines Antrags kann der Treuhänder der Arbeit— worauf in der Entscheidudng des Vorsitzenden ausdrücklich hinzuweisen ist— binnen einer Woche nach der Zustellung des die Zurückweisung aussprechenden Beschlusses Hauptverhandlung vor dem Ehrengericht beantragen. Hält der Vorsitzende des Ehrengerichts den Antrag des Treuhänders der Arbeit für begründet und will er selbst entscheiden, so hat er vorher dem Beschuldigten Gelegenheit zu geben, sich zum Antrag des Treuhänders der Arbeit zu äußern. Alsdann kann er auf Warnung, Verweis oder Ordnungsstrafe in Geld bis zu 100 R M. erkennen. Gegen diese Entscheidung, die außer der Strafe die dem Beschuldigten zur Last gelegte Pflichtverletzung und die Beweismittel enthalten muß, können der Beschuldigte und der Treuhänder der Arbeit, die beide ausdrücklich darauf hinzuweisen sind, binnen einer Woche nach der Zustellung der Entscheidung beim Ehrengericht schriftlich oder zu Protokoll der Geschäftsstelle Einspruch erheben. Andernfalls wird die Entscheidung des Vorsitzenden vollstreckbar. Bei rechtzeitigem Einspruch wird zur Hauptverhandlung vor dem Ehrengericht geschritten, sofern nicht b's zu ihrem Beginn der Einspruch zurückgenommen wird Gelsenkirchen, 4. August. In der Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße wird am Sonntag, d. 5. August, 11 Uhr, eine Ausstellung „Die deutsche Armee im Krieg und Frieden“ eröffnet. Es sind hier in 80 000 Figuren sämtliche Uniformen der alten Armee vertreten. Neben den ehemaligen Gardetruppen mit dem Garde du Corps, den Kürassieren mit dem Adlerhelm sind die Linientruppen aller deutschen Länder und die Kavallerie in ihren herrlichen Uniformen zu sehen. Jedem alten Soldaten wird das Herz höher schlagen, wenn er sein altes Regiment wiederfindet. Auch das Relief des Weltkrieges gibt Zeugnis von dem gewaltigen Ringen der deutschen Armee, die in jahrelangem Kampf einer Welt von Feinden standhielt. Vom Truppenübungsplatz, von der Etappe mit ihren Flugplätzen aus, verfolgt der Besucher das Vorrücken der Armeen, hüben ud drüben, bis in die vordersten Stellungen, wo die Truppen im Kampfe liegen. Außerordentlich realistisch ist der Kampf um ein französisches Dorf aufgestellt. Granateinschläge und zerossene Häuser geben ein Bild der grausamen Wucht des Artilleriekampfes. Ueber dem Felde Flugzeuge und Fesselballons. In der Wilhelmstraße in Berlin sammelten sich am Donnerstag die Volksgenossen, um der Stätte nahe zu sein, an der der Reichspräsident in den letzten Jahren gewirkt hatte. Nach der Rede des Propagandaministers sang die Menge in spontaner Ergriffenheit das Lied vom guten Kameraden. Der krassen Wirklichkeit aber kommt der Graben= und Trichterkrieg von 1918 im letzten Abschnitt am nächsten. Da sehen wir die vollständig zu Krüppeln geschossenen Waldungen, die Maulwurfstellungen der Truppen, die Stollen und Sappen, Laufgräben und Beobachtungsstände. Das alles zieht sich bis zum fürchterlichen Nahkampf hin. Rückwärts liegen die Verbandsplätze und in geschütztem Winkel der Ehrenfriedhof der Gefallenen. Auflösung der deutschvölkischen Turnvereine Die Schwierigkeiten des Biersteuerund Bierpreisproblems. in Steiermark. DNB Wien, 2. August. Der Sicherheitsdirektor für Steiermark hat sämtliche deutschvölkischen Turnvereine Steiermarks aufgelöst. De I all Di fu be d er wi un di ge ei Er in di ni Entscheidet der Vorsitzende des Ehrengerichts nicht selbst, so hat er Termin zur mündlichen Verhandlung vor dem Ehrengericht anzuberaumen und hiervon den Treuhänder der Arbeit, der das Recht hat, der Hauptverhandlung beizuwohnen und Anträge zu stellen, zu benachrichtigen. Die Hauptverhandlung ist mündlich und öffentlich. Die Oeffentlichkeit kann jedoch durch den Vorsitzenden gemäß § 172 des Gerichtsverfassungsgesetzes ausgeschlossen werden. Das Ehrengericht entscheidet auf Grund des Ergebnisses der gesamten Hauptverhandlung nach freiem Ermessen. Es kann auf Antrag des Treuhänders der Arbeit oder des Angeschuldigten Zeugen und Sachverständige eidlich vernehmen sowie die Herbeischaffung anderer Beweismittel anordnen. Das Ehrengericht bestimmt jedoch den Umfang der Beweisaufnahme nach freiem Ermessen, ohne hierbei durch Anträge, Verzichte oder frühere Beschlüsse gebunden zu sein. Der Angeklagte kann sich in der Hauptverhandlung durch einen mit schriftlicher Vollmacht versehenen Verteidiger vertreten lassen. Als Verteidiger kommen Rechtsanwälte, Rechtslehrer an deutschen Hochschulen oder mit Genehmigung des Gerichts zugelassene Personen in Betracht(§ 138 StrPO.). Hat der Angeklagte noch keinen Verteidiger, so kann ihm der Vorsitzende nach freiem Ermessen für die Hauptverhandlung einen Verteidiger von Amts wegen bestellen. Gegen die Urteile der Ehrengerichte, die mit Gründen zu versehen sind, kann binnen zwei Wochen nach Zustellung des Urteils beim Ehrengericht schriftlich oder Protokoll der Geschäftsstelle Berufung eingelegt werden. Sie ist durch den Treuhänder der Arbeit in jedem Falle, durch den Angeklagten nur dann zulässig, wenn auf Ordnungsstrafe in Geld über 100 RM. oder auf eine der schwersten Strafen, nämlich Aberkennung der Befähigung, Betriebsführer oder Vertrauensmann zu sein, oder Entfernung vom bisherigen Arbeitsplatz, erkannt worden ist. Ueber die Berufung, der aufschiebende Wirkung innewohnt, entscheidet der Reichsgerichtshof. Ist auf Verwarnung, Verweis oder auf eine weniger als 100 RM. betragende Geldstrafe erkannt worden, so steht dem Angeklagten kein Berufungsrecht zu. Der Treuhänder dagegen kann immer, auch zugunsten des Angeklagten, Berufung einlegen. Desgleichen hat der Verteidiger das Recht zur Berufungseinlegung, falls der Angeklagte nicht widerspricht. Die Berufung ist zu begründen. Der Reichsehrengerichtshof hat die Entscheidung des Ehrengerichts in vollem Umfang nachzuprüfen. Er ist dabei an die erstinstanzlichen Feststellungen nicht gebunden und kann die angefochtene Entscheidung nach freiem Ermessen abändern. Der Reichsgerichtshof ist daher nicht nur Rechtsprüfungs=, sondern auch Tatsacheninstanz. Der Deutsche Brauerbund schreibt: Die Verhandlungen zwischen der Vertretung des Braugewerbes und dem Reichsfinanzministerium über eine Senkung der Biersteuer sind bekanntlich vor einiger Zeit zum Stillstand gekommen, da eine Einigung nicht erzielt werden konnte. An die Unterbrechung der Verhandlungen sind in der Tagespresse teilweise Kommentare geknüpft worden, die den ziemlich kompliziert gelagerten Sachverhalt nicht richtig wiedergeben. Teilweise, allerdings ganz vereinzelt, werden dem Braugewerbe sogar Vorwürfe gemacht, die die von ihm eingenommene Haltung gänzlich verkennen oder sie entstellen. Der vom Reichsfinanzministerium gemachte Vorschlag besagt bekanntlich, daß eine Vereinheitlichung der zurzeit bestehenden Reichs= und Gemeindebiersteuer in der Weise stattfinden soll, daß die Gemeindebiersteuer aufgehoben und dafür die Reichsbiersteuer um 2 RM. je Hektoliter erhöht wird. Da das Aufkommen an Gemeindebiersteuer im abgelaufenen Rechnungsjahr bei 34 Millionen hl Gesamtbierausstoß auf rund 130 Millionen RM. zu veranschlagen ist, stellt sich die mittlere Belastung des Hektoliters mit Gemeindebiersteuer auf rund 4 RM. Die Beseitigung dieser Steuer und ihr Ersatz durch eine Erhöhung der Reichsbiersteuer um 2 RM. je Hektoliter entlastet also den Hektoliter Bier im Reichsmittel um 2 RM. Die Gewährung dieser Steuersenkung wird davon abhängig gemacht, daß Brauer und Gastwirte ihrerseits ein Preisopfer in der gleichen Höhe des Steuerabschlages bringen, welches mithin eine Gesamtverbilligung des Bieres im Ausschank um den doppelten Betrag der Steuerermäßigung zur Folge haben würde. Das Braugewerbe vertritt demgegenber den auch vom Gastwirtsgewerbe geteilten Standpunkt, daß bei einer Bierpreisverbilligung von 4 Pfg. pro Liter im Reichsdurchschnitt die erwähnte finanzpolitische Maßnahme einen Konsumbezw. Absatzaufschwung nicht werde auslösen können. Deswegen hat der stellvertretende Führer des deutschen Braugewerbes, Dr. Röhm, auf dem Deutschen Bauerntag in München den Vorschlag entwickelt, für den sich die Bezeichnung„große Biersteuerreform“ eingebürgert hat. Diese vom Braugewerbe allgemein gebilligte Anregung geht dahin, daß die Biersteuer auf den Vorkriegsstand zurückgeführt, d. h. daß sie im Mittel um etwas mehr als 7 RM. pro Hektoliter(nicht, wie es in der Presse vielfach angenommen wurde, um durchschnittlich 10—11 RM.) gesenkt wird. Zum mindesten hielt aber Dr. Röhm eine Ermäßigung der Biersteuerbelastung auf den Stand, wie er unmittelbar nach der Stabilisierung der Reichsmark vorhanden war, für notwendig. In Verbindung mit einer Steuerreform solchen Ausmaßes wollte das Braugewerbe und mit ihm auch das Gaststättengewerbe ein Preisopfer bringen, um durch das Zusammenwirken von Fiskus, Brauer und Gastwirt eine Verbilligung des Bieres sicherzustellen, von welcher eine weite Kreise der landwirtschaftlichen und gewerblichen Erzeugung und vor allem die Arbeitsbeschaffung fördernde Absatzsteigerung um jährlich 8 Millionen hl Bier erwartet wurde. Bekanntlich ist eine Einigung auf dieser Grundlage nicht zustande gekommen, und das Biersteuer= ebenso wie das Bierpreisproblem ist daher im Augenblick noch ungelöst. lisierung“ und die mit ihr verbundenen angeblichen Kapitalfehlinvestitionen gezwungen wären, eine radikalere Steuersenkung zu verlangen als die kleinen Betriebe. Nicht allein die Großbrauereien, sondern zum mindesten in gleichem, wenn nicht in stärkerem Maße, sind die mittleren und kleinen Brauereibetriebe auf eine Biersteuerreform angewiesen, die die tatsächliche Gewähr für eine starke Wirtschaftsbelebung in sich schließt, und die deswegen auch für die Arbeitsbeschaffung von allergrößtem Wert sein würde. Französischer Botschaftsrat in Rio de Janeiro verunglückt. DNB Rio de Janeiro, 4. August. Seit dem 25. Juli wurde der Botschaftsrat der französischen Botschaft in Rio de Janeiro, le Verdier, verD fu di ba m mißt. Jetzt wurde, wie aus Rio de Janeiro gemeldet wird, von Fischern seine Leiche geborgen. Man vermutet, daß der Diplomat bei einem Spaziergang sich zu weit auf die ins Meer hinausragenden Klippen vorgewagt hat und abgestürzt ist. E de Auf Wunsch vieler Hausfrauen findet Montag, den 6. August abends 8.15 Uhr im Saale des Hotels zur Post(Joh. Vorspel) in Gronau nochmals das große SchauSchmellKochen statt mit Freiverlosung(welche zu nichts verpflichtet). Die Ehemänner sind auch herzl. eingeladen. Bekanntmachung Der Verteilungsplan über die aus der abgelaufenen Jagdpachtperiode eingekommenen Pachtgelder des gemeinschaftlichen Jagdbezirks Ammeln liegt in der Wohnung des unterzeichneten Jagdvorstehers zu Ammeln Nr. 8 in der Zeit vom 6. bis 20. August ds. Is. zur Einsicht der Jagdgenossen öffentlich aus. Ammeln, den 3. August 1934 Der Jagdvorsteher: gez. Schulze Herick ste es ur ti hi sie n g f e g e Th. Terglane, Gronau Das gedruckte Wort auf Ihren Werbeschriften ist besonders dann, wenn auf eine geschickte Form und auf sauberen Druck größte Sorgfalt gelegt wird, gegenüber dem auf andere Weise vervielfältigten in seiner Werbekraft immer überlegen. Haus= und Küchengeräte Entlaufen schwarzer Kurzhaardackel auf den Namen„Jockel“ hörend. Gegen Belohnung abzugeben bei Dr. W. van Delden Ahaus, Kreuzstr. 2 Gute Prüfen Sie daher eingehend, ob nicht in der Art der Herstellung Ihrer Rundschreiben, Prospekte, Broschüren u. s. w. eine Aenderung eintreten soll. 1 i b 1 Existenzmöglichkeit Graue FaareWenn man es dem Braugewerbe teilweise verargt hat, daß es auf den Vorschlag der Vereinheitlichung von Reichs= und Gemeindebiersteuer, die sogenannte„kleine Biersteuerreform“, nicht mit einem entsprechenden Preiszugeständnis reagierte, so wird dabei einmal verkannt, daß, wie oben gesagt, im Reichsdurchschnitt eine Absatzsteigerung von dieser Maßnahme kaum zu erwarten war, und zweitens, daß die praktische Durchführung der Preissenkung bei dieser Reform in Anbetracht der Buntscheckigkeit der Gemeindebiersteuersätze zu den größten Schwierigkeiten führen würde, Schwierigkeiten, die auch dadurch nicht behoben sein würden, daß der Preisabschlag vom unversteuerten Brauereipreis und vom Schanknutzen nicht individuell dem Ausmaß der jeweiligen effektiven Steuersenkung angepaßt, sondern generell so geregelt würde, daß diese Abschläge im Reichsmittel der durchschnittlichen Steuersenkung entsprächen. E Einfache Anwendungw SichereWr Fl. 1,80 extra stark Haarpflegehaus Eduard Hesse, Gronau Habe in einem aufblühenden Industrieorte des Westmünsterlandes ein fast neues, massives Gebäude(120 qm bebaute Fläche, ca. 50 Ruten Gelände, mit Maschinen, neuwertiger 15 PS Rohölmotor, Schleif=, Bohr=, Kopiermaschine und Kreissäge) worin bislang eine Holzschuhmacherei betrieben wurde, umständehalber unter günstigen Zahlungsbedingungen zu verkaufen. Der Antritt kann sofort erfolgen. Ernsthafte Reflektanten erhalten Auskunft durch Werbung auf alle Fälle! Sie ist der Triebstoff der Wirtschaft. Aber nur mit Werbemitteln, die den Erfolg am besten gewährleisten. Wir stehen Ihnen für eingehende Beratung gern zu Diensten. Verlangen Sie unverbindlichen Vertreter besuch. Gebr. Lensing, Verlagsanstalt GmbH. Zweigstelle Ahaus und Gronau Fernsprecher: Ahaus 450, Gronau 260 Brennholzverkauf! Josef Rolving Auktionator, Gescher Wenn vereinzelt in der Presse für die vom Deutschen Brauerbund eingenommene Haltung die besonderen Erfordernisse der„Braukonzerne“ verantwortlich gemacht werden, so entspricht dies nicht im geringsten den Tatsachen. Vielmehr sind sich in dieser Beziehung Groß, Mittel= und Kleingewerbe völlig einig. Ebenso abwegtg ist es, wenn aus dem besonderen Hinweis des stellvertretenden Führers des deutschen Braugewerbes auf die Not des mittleren und kleinen Gewerbes und aus seiner Befürchtung, daß bei den obwaltenden Verhältnissen gerade hier viele Existenzen zum Erliegen kommen müßten undadurch der höchst unerwünschte Konzentrationsprozeß weiter fortschreiten könnte, von einem nordwestdeutschen Blatt die Schlußfolgerung gezogen wird, daß hier seitens der„Braukonzerne“ mit Betriebszusammenlegungen gedroht würde, weil sie durch die„Mißerfolge der RationaAm Dienstag, den 7. 8. mittags 1 Uhr werde ich hinter meiner Fabrik eine Partie Brennholz öffentl. meistbietend gegen bar verkaufen. Joh. Dües, Ahaus Omnihus-Fahri Fersonenwagen-Faurten für In= und Ausland bei billigster Berechnung Kamphues Ahaus, Telefon 360 Ein Bändchen der Insel-Bücherei als Gelegenheitsgeschent Vorrätig in der Buchhandlung Gebr. Lensing Gronau Verreist bis Anfang September. Dr. Augenarzt MEISTER LASST EURE LEHRUNGE BÜCHER LESEN! Gronau i.W. GEBR. LENSING aus verSonntag, den 5. August 1934 Nr. 213 ftigen esucht. zahleine r beist. = und chsten. ssenen 1, die ungsNahnd in n. te für chen ro ist. Blick nach draußen. Notizen aus Auslandszeitungen. Der letzte Zarenadler fällt. Wie ein Märchen mutet die Geschichte des Grafen Koziel=Poklowski an, der über ein Vierteljahrhundert in Zukarest in einer der vornehmsten Villen als der Vertreter des russischen Zaren residiert hat. Jawohl, des Zaren, der doch schon seit nunmehr 17 Jahren von den Bolschewiken ermordet worden ist. Um der bessarabischen Frage willen bestand nämlich bis vor kurzem zwischen Rumänien und den neuen Machthabern am Roten Platz in Moskau keinerlei diplomatischer Verkehr. Es war aber auch niemand dagewesen, der den früheren Gesandten des russischen Zaren hätte abberufen können. So hat dieser alte und noble Herr, ein Aristokrat von großer und vornehmer Tradition, ein Dasein geführt wie einst Rip van Winkel. Inmitten einer vollkommen veränderten Welt hat er ein Reich vertreten, das nun schon ein halbes Menschenalter lang nicht mehr existiert. Erst jetzt sind die diplomatischen Beziehungen zwischen Rußland und Rumänien aufgenommen worden. Ein Abgesandter des neuen russischen Regimes ist in Bukarest eingetroffen. Graf Koziel=Poklowski zieht sich ganz ins Privatleben zurück und an die Stelle des sinkenden Zarenadler tritt der Sowjetstern. Der Kampf gegen das gelbe Fieber. Der Kampf gegen das gelbe Fieber wird, wie „Temps“ berichtet, in den französischen Kolonien mit aller Energie geführt. Die Impfung mit einem von dem Dr. Jean Laigrat vom Pasteur=Institut in Tunis erfundenen Impfmittel hat sich dabei bisher sehr gut bewährt. Es haben sich bereits 1500 Europäer der Impfung unterzogen, obwohl das Mittel erst seit etwa einem Monat in Anwendung gebracht wird. Eine Expedition von Aerzten reist in den westund mittelafrikanischen Kolonien Frankreichs umher, um dieses Mittel zu verabfolgen. Das neue Impfmittel gegen das gelbe Fieber erzeugt gelegentlich, nicht immer, einen kurzen fiebrigen Prozeß, der am 6. bezw. 7. Tag in Erscheinung tritt. Zwei, drei Tage lang hat der Geimpfte dann unter starken Kopfschmerzen zu leiden. Von diesen charakteristischen Folgen der Impfung werden aber nur etwa 14 Prozent betroffen, während die anderen 86 Prozent aber kaum über Nachwehen zu klagen haben. Das Mittel hat den großen Vorzug, daß nur eine Impfung notwendig ist. Man hofft, daß es gelingen wird, die furchtbare Seuche des gelben Fiebers, die erbarmungslos in den Tropen Menschenopfer fordert, allmählich immer mehr zu lokalisieren und auszurotten. franverteldet verich zu sorge= 1oge sachtAm= neten Zeit t der her: rick eren gevielPalästina in Ostsibirien. Einen seltsamen Plan haben die Machthaber der Sowjetunion durchführen wollen. Sie sind aber, wie sich der„Manchester Guardian“ berichten läßt, damit gescheitert. Seit dem Jahre 1928 hat man in den Amtsstellen in Moskau Erwägungen darüber angestellt, wie es möglich sei, die Juden, die im Zarenreich als Händler und Kaufleute ihren Geschäften nachgehen, einer produktigen Arbeit zuzuführen. Man hatte zunächst den Plan, hunderttausend jüdische Familien in der Ukraine, auf der Halbinsel Krim und in Weißrußland anzusiedeln. Obwohl große Summen zur Verfügung gestellt wurden, hat sich der Plan als undurchführbar herausgestellt, weil die in Aussicht genommenen Siedler sich für eine wirkliche körperliche Arbeit auf dem Lande nicht eigneten. Nur etwa 17000 Familien konnten erfaßt werden. Daraufhin hat man einen neuen Plan ausgearbeitet. Er sah die Errichtung einer autonomen Judenrepublik im fernen Ostsibirien vor. Man wählte ein Gebiet zwischen den Flüssen Biro und Bidjan, Nebenflüssen des Amur, und nannte die Republik Birobidian. Sie ist zweimal so groß wie Palästina und sollte 50 000 Juden eine Heimstätte bieten, die sich sowohl durch Mineralreichtum als auch durch guten Ackerboden auszeichnete. Allerdings war das Klima ziemlich streng, mit bitterkalten Wintern und sehr heißen Sommern. Der größte Teil der Siedler mer Mussolini gegen Todesstrahlen und chemischen Krieg. „Befremdliche Illusionen". A Mailand, 3. August. Mussolini hat wiederholt seiner Einstellung zum Problem„Krieg“ Ausdruck gegeben. In der„Enciclopedia Italiana“(Die Lehren des Faschismus) sprach er von dem Kampf als Anreger höchster Spannung der menschlichen Willenskraft, der Würde verleihe, und auch in seiner großen Kammerrede sprach er von den Grundtugenden des Mannes, die allein im Kriege sich in vollem Lichte zeigten. Denselben Geist und dieselbe Sprache verrät ein Artikel in Mussolinis„Popolo d'Italia“, der unter der Ueberschrift„Lebensstrahlen“ sich gegen die Verfälschung des Charakters des Krieges als eines Kampfes der wirklichen Werte durch Technik und Wissenschaft wendet. Tesla, der bekannte Erfinder, so heißt es in dem Artikel, komme mit einer neuen Erfindung heraus. Es handele sich um die sogenannten„Todesstranlen“. deren Macht so groß sei, daß sie einen Krieg verhindern könnten. „Völker, beruhigt Euch“, sagt das Blatt,„Tesla wird seine Erfindung der Abrüstungskonferenz vorlegen und man wird sehen, wie die Todesstrahlen einer schon überwundenen Illusion wieder Leben geben.“ Die Nationen sollten sich also mit einem Gürtel der fatalen Strahlen umgeben, und die Wissenschaft würde so den Krieg töten. Befremdliche Illusionen!! Wenn jemand den Mut hätte, diesen wissenschaftlichen Wechsel blanko zu unterschreiben, dann hätten diese Strahlen wirklich die Macht, den„status quo“ von Versailles unendlich zu verlängern. Andererseits würden die Nationen, denen es angesichts der Kosten unmöglich wäre, sich mit solchen Strahlen zu umgeben, automatisch in die Hände der reicheren fallen.“ Es nicht das erstemal, daß der Fortschritt die Lösung des Friedensproblems versuche, indem er den wahren Charakter des Krieges verfälsche. Es müsse einmal gesagt werden, daß der mechanische Krieg und der chemische Krieg nur erreiche, daß wahrer Heroismus ausgeschaltet wurde. Nur eine radikale Abrüstung könne eine Herrschaft solcher kriegerischer Werte wieder hervorbringen, die den Respekt und die Furcht vor den wirklich Guten und Tüchtigsten sichere. Eine viel weitergehende Abrüstung tue not, nämlich die Abrüstung eines Fortschrittes, der den Krieg nicht mehr ein Treffen der wahren Tüchtigkeit sein lasse, sondern ihn umfalsche in einen Streit, bei dem die reichsten Mittel gewertet würden. 16 Jahre nach dem Kriege spreche man von nichts anderem als dem Krieg, eine furchtbare Bestätigung dafür, daß solche Siege nicht überzeugten. Erst wenn der Tag komme, so schließt der Artikel, an dem der Kampf wieder zwischen Mann und Mann, zwischen Volk und Volk entbrenne, werde sich der Strahl entfesseln, der Leben bedeute, der Lebensstrahl. wird die Totenfeier stattfinden. Blick auf das Tannenberg=Denkmal, wo am 7. August die große nationale Trauerfeier für den Reichspräsidenten abgehalten wird. Das monumentale Denkmal steht auf dem Gelände, auf dem Hindenburg in den letzten Augusttagen des Jahres 1914 seinen überwältigenden Sieg über die Russen erfocht. verließ nach kurzer Zeit darum diese Heimstätte und heute sind statt der geplanten 50 000 nur 8000 Juden ansassig. Schuld daran ist allerdings vor allem auch die große Mißwirtschaft, die von den Bau= und Siedlungsgesellschaften dort betrieben wurde. Sie war so schlimm, daß die Regierung sich genötigt sah, den Leiter des Bautrusts, den Chefingenieur und den Leiter der Finanzabteilung zum Tode zu verurteilen. Nun will man trotz allem einen selbständigen jüdischen Staat ausrufen, in dem als Amtssprache das Jiddische zu gelten hätte und der in der inneren und kulturellen Verwaltung von Moskau vollkommen unabhängig wäre. Allerdings ist ebenso wie in der ganzen Sowjetunion der jüdische Gottesdienst untersagt. Der neue Staat leidet unter denselben Schwierigkeiten wie Palästina. Die Juden machen nämlich nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung aus, die insgesamt 50 000 Köpfe beträgt und sich aus einem bunten Gemisch von Mongolen, von Tungusen, Kosaken, Koreanern, Chinesen, Japanern, und Nomadenstämmen sowie einigen Russen zusammensetzt. Vater Dillinger geht zur Bühne! Amerikas Volksfeind Nr. 1, John Dillinger, läßt auch nach seiner Beseitigung durch die Polizei die amerikanische Oeffentlichkeit nicht zur Ruhe kommenatin undS. W. Sie ber E Uschi und ihre Freier. Erzählung von Felix Freiherrn v. Stenglin. (Nachdruck verboten.) manches„nicht ganz passend“, 27) Uschi Hagen fand mar band ihrem Bruder und Heinz die Krawatten und sah tadelnd auf die Stiefel der Beiden, wenn sie nach ihrer Meinung nicht genügend geputzt waren, und versenkte geschmacklose Vasen stillschweigend in den Mülleimer. Ueber die Methoden wissenschaftlicher Forschung sprach sie so, als ob sie mindestens sechs Semester Studium hinter sich habe. Das alles geschah ohne Anmaßung, vielmehr im Tone bescheidener Selbstverständlichkeit, der ihr sehr gut stand, und ihr in der Familie ein gewisses erhöhtes Ansehen verschaffte. Mit Ausnahme allerdings von Tante Therese, die ihre bevorzugte Stellung gefährdet sah. Bei einem Sonntagskaffee entlud sich denn auch ihr Unwille. Sie benutzte eine Gelegenheit, um mit besonderer Schärfe festzustellen, daß Uschi ja nun wieder auf demselben Standpunkte angelangt sei wie damals vor diesem unverantwortlichen Streich. Frau Agathe fand den Mut, einzuwenden, daß man das Verhalten des jungen Mannes doch nicht habe voraussehen können. „Ach, Unsinn!“ erwiderte Tante Therese.„Deshalb brauchte sie nicht zu gehen, man muß sich zur Wehr setzen, ich habe es immer getan und mir Respekt verschafft, in der Welt muß man Haare auf den Zähnen haben. Und darüber hat sie sich den einzigen ernsthaften Bewerber, diesen jungen Dorning, leichtsinnig verscherzt.“ „Ich habe halt überall Pech." „Der Tüchtige hat niemals Pech, und du hast deine Erfahrungen wohl noch nicht abgeschlossen.“ Uschi erwiderte mit einem schmerzlichen Lächeln, die bisherigen Erfahrungen genügten ihr vollkommen, und ihr Bedarf sei gedeckt.„Ihr ahnt garnicht, was ich alles erlebt habe.“ Die Tante zog die Stirn kraus. „Wir werden wohl noch nette Dinge an dir erleben!“ sagte sie in einem Tone, als ob sie die größte Genugtuung über Uschis kommende Schandtaten empfinde. Uschi zuckte die Achseln. „Uebrigens wollte er ja garnicht heiraten,“ äußerte sie anscheinend unbewegt. „Kurz, du bist vollkommen gescheitert, das steht fest. versuchen, weiter zu existieren, bis ich abschreckend geworden bin und ein würdiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft. Oder es platzt eines Tages die Bombe, und ich nehme einen Reichen, dann kann ich für Mutter sorgen und auch für euch Jungs und unsere Siedlung, und später müßt ihr mich dann oft mit euren Kindern besuchen, wir werden von der Jugend sprechen und über die Kämpfe des Herzens lächeln, die weit hinter uns liegen wie ein böser Traum... „So weißt du noch nicht—“ begann die Tante mit scharfer Betonung... Ralph machte ihr ein Zeichen, doch sie kehrte sich nicht daran...„Warum soll sie es nicht wissen? sie wird nicht davon sterben! Kurz und gut: diese famose Siedlung steht vor dem Bankrott! Deine sogenannten Jungs und auch dein Bruder sind mit ihrem Latein zu Ende und werden bald nicht mehr wissen, wohin sie ihr Haupt legen sollen, und deine Mutter kann unmöglich auch noch den Sohn erhalten.“ Uschi war tief betroffen. Sie fand keine Worte. Endlich wandte sie den Blick auf ihren Bruder, der am Schrank lehnte und die Decke anstarrte. „Ja, ja, Robert Trimm hat sich zurückgezogen," sagte der,„sein Vater ist gestorben, und Robert hat das Geschäft übernommen. Er ist ganz ins bürgerliche Fahrwasser abgeschwenkt und hat seine alten Freunde vergessen.“ „Aber ihr selbst?“ fragte Uschi dringend. „Die Erträge sind in diesem Jahre natürlich noch nicht bedeutend, dazu stecken wir in einer Absatzkrise... Wenn bis zum Herbst kein Wunder geschehen ist, müssen wir Schluß machen.“ Wieder dies gräßliche Wort! dachte Uschi. Dieser Ausdruck wehrloser Verzweiflung! Dieses Wort, das Schaudern und Empörung wachruft! Ralph schien die Gedanken seiner Schwester zu erraten. Warum sollen wir denn in dem allgemeinen Dalles eine Ausnahme machen?“ fuhr er fort.„Es wird ja so vieles eingesargt, da kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an. Da regte sich auch Heinz in seinr Ecke. „Auf jeden kommt es an,“ sagte er laut.„Ich verstehe dich nicht, sonst warst du der Vertrauensselige, und nun klappst du zusammen. Wir müssen alles daransetzen, das Unternehmen zu retten, nicht nur unseretwegen, sondern auch der Anderen wegen, denen wir ein Beispiel geben. Ich habe schon mit der Gemeinde verhandelt, es fehlt nur noch an einer Garantie von irgend einer Seite. Ich gebe nicht nur nichts verloren, sondern ich weiß ganz genau, daß wir unser Ziel erreichen.“ Auf diese Worte hin schwiegen alle eine Weile. „Ausgezeichnet," sagte endlich der Onkel. Als dann aber Tante Therese fragte, wer denn die Garantie geben solle, da wußte er auch nichts, sondern bemerkte nur ziemlich kleinlaut:„Das ist der springende Punkt!“ Einige Zeit darauf, als Uschi mit der Mutter in der Küche das Geschirr reinigte, äußerte sie so nebenbei: „Ich habe übrigens heute Herrn Wittmack getroffen ... Er sah sehr gut aus... Als er mich sah, stoppte er. Natürlich benutzte er die Gelegenheit zu einer taktvollen Bemerkung darüber, daß ich die Milch selbst holen müsse. Ja, sagte ich sofort, um die fünf Pfennige Botenlohn zu sparen. Na, da gab so ein Wort das andere, und schließlich lud ich ihn zu meinem Geburtstag ein. Es ist doch mein einundzwanzigster und ich werde mündig.“ Frau Hagen ließ die Hände in die Abwaschwanne sinken, blickte zur Seite auf ihre Tochter und fragte erstaunt: „Ja, ist dir auch klar, daß er dies als eine Ermunterung ansehen wird, liebes Kind?“ „Das hat er schon getan, und das soll er auch, liebe Mutter. Ich habe nämlich mein Urteil über ihn namgeprüft und bitte um deinen mütterlichen Segen.“ „Uschi, ich weiß nicht, was ich von dir halten soll?“ Das junge Mädchen gab sich den Anschein vollkommener seelischer Ruhe. Sie ergriff nacheinander Teller und Tassen, um sie abzutrocknen und gab dabei folgendes zum besten: „Irgend etwas muß doch geschehen, und die Gelegenheiten, emporzukommen, sind heute gering. Ich habe auch an den Friseur gedacht, der mir immer solche Augen macht, auch an den Bäckermeister, dessen Frau gestorben ist, und der uns immer zwei Semmeln zuviel in den Beutel tut, das wäre so die ganze Garde, auf die ich rechnen könnte. Aber Herr Wittmack hat den Sieg davongetragen. Er war ja auch zuerst da und ist ein angenehmer Mann und freundlich im Umgang, und sein Geschäft blüht und ist mir sympathisch, Apfelsinen und Bananen und alle die schönen Früchte des Inlandes, Fred und Sommerson sind nichts dagegen... Der Tag wäre gut geeignet für einen Akt, bei dem sich Herz zum Herzen Der Papst in seiner Sommer=Residenz. Papst Pius IX. weilt gegenwärtig in mer=Residenz in Castel Gandolfo, wo ihn unser Bild auf dem Balkon zeigt, während er die Menschenmenge segnet. Nicht nur gibt es täglich neue Sensationen, die seine Tätigkeit in dem grellsten Licht erscheinen lassen, sondern jetzt machen sich seine engsten Angehörigen den wenn auch zweifelhaften Ruhm ihres Verwandten zunutze, um in echt amerikanischer Weise Dollars zu verdienen. Vater Dillinger, der bereits 70 Jahre alt ist, hat in Gemeinschaft mit seinem Sohn Hubert, seiner Tochter Emmet und deren Mann eine Schauspielertruppe aufgemacht. Er wird, wie„New York Herald“ meldet, in der Stadt Indianapolis täglich auftreten und hofft, daß sein Name genügend Anziehungskraft für das Publikum hat. Papa Dillinger ist nämlich in schweren Sorgen. Er muß nicht nur die Kosten für die Beerdigung seines erschossenen Sohnes tragen, sondern auch eine Reihe von Hypotheken abzahlen, die dieser im Anfang seiner Laufbahn auf das väterliche Haus aufgenommer hat. Ein Missionar als Naturforscher. Wien, 4. August. Professor Schebesta, der bekannte Gelehrte aus dem Kloster St. Gabriel, hat seinem Ordensoberen per Luftpost einen Brief aus Belgisch=Kongo gesandt. Der Brief war länger als drei Wochen unterwegs. Aus ihm geht u. a. folgendes hervor: Professor P. Schebesta hat am 5. Juni 50 Kilometer von Irumu entfernt sein Lager aufgeschlagen. Er gedenkt dort vier Wochen zu bleiben. Er hatte große Schwierigkeiten, ehe er bei den dortigen Negerstämmen sein Lager aufschlagen konnte. Es bedeutet ihm einen nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, daß er die Sprachen der Negerstämme beherrscht. Die Arbeit erfordert ungeheure Anstrengungen, so daß er bereits abgemagert ist. Auch leidet er sehr unter den Stechfliegen. Aber die Mühe wird ihm reichlich gelohnt. So haben sich seine früheren Forschungen restlos bestätigt. Auch neue Forschungsergebnisse kann P. Schebesta bereits verzeichnen. Nach Beendigung seiner Arbeiten in der Gegend von Irumu beabsichtigt der Gelehrte, der sich nun schon seit Mitte April in den Urwäldern Zentralafrikas aufhält, noch die Gegenden um Beni, Bunia und Avakubi aufzusuchen. Fernsprechverkehr Japan—Mandschukuo eröffnet. £ London, 2. Aug. Wie aus Tokio berichtet wird wurde der Fernsprechverkehr zwischen Japan und Mandschukuo am Mittwoch in Tokio, Osaka Hsinking und Dairen mit besonderen Feiern eröffnet Der Feier in Tokio wohnte Ministerpräsident Admiral Okada bei. findet. Natürlich kommen Onkel und Tante und selbstverständlich auch Heinz... Und dann könnten wir Ida einladen, sie hat so niemanden und soll, wie ich höre, demnächst wirklich abgebaut werden. Auch das Ehepaar Leiding hätte ich gern da, sie sind beide immer so gefällig, er mit der stillen Vorwurfsmiene gegen das Geschick und sie mit dem brennenden Verlangen, sich darüber auszusprechen, daß sie bessere Tage gesehen hat und nicht verzweifelt.. Vielleicht kommt auch Vaters Bruder, Onkel Wieprecht, ich möchte ihn gar zu gern einmal wiedersehen, und es macht sich auch gut, wenn ein gewesener Rittmeister dabei ist.“ Frau Hagen hatte während dieser unerwarteten Reden einen festen Punkt gesucht und sich niedergesetzt. Sie trocknete sich die Hände an der großen Wirtschaftsschürze ab und sagte bewegt: „Du mußt wissen, was du tust, mein Kind!“ Unentwegt blickte sie ihre Tochter an und erwartete wohl, daß diese ihr um den Hals fallen und irgendwie durch einen Zärtlichkeitsausbruch der Bedeutung des Augenblicks gerecht werden würde, aber nichts dergleichen geschah, Uschi fuhr in ihrer Beschäftigung des Abtrocknens fort und äußerte nur so nebenbei: „Natürlich würde ich ihm gewisse Bedingungen stellen...“ Die Mutter öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch angesichts der Selbstsicherheit Uschis verschluckte sie ihre Bemerkung und begnügte sich mit einem verwunderten Kopfschütteln. Ralph und Heinz erfuhren noch an demselben Abend von dem Plane. Ihr Erstaunen war nicht minder groß als das der Mutter. Auf Ralphs Wunsch kam man dahin überein, die Angelegenheit einstweilen noch geheimzuhalten, denn, so meinte der Bruder, erst müsse sich doch Herr Wittmack selbst dazu äußern. Der Tante konnte man die Neuigkeit freilich nicht gut verheimlichen. Sie wurde der Schweigepflicht in ihrer Weise gerecht, indem sie den Namen Herrn Wittmacks zwar nicht nannte, aber dem Onkel Theodor, dem Ehepaar Leiding und ein paar anderen Freunden der Familie gegenüber doch geheimnisvolle Andeutungen über ein gewisses bevorstehendes Ereignis machte. Im übrigen war sie sehr zufrieden mit dieser Wendung, war sie es doch, die seinerzeit Herrn Wittmack bei ihrer Schwester eingeführt hatte. Es fielen Andeutungen von ihrer Seite, wonach es keinem Zweifel unterliegen konnte, daß sie ihrer Nichte noch mit warmer Hand das goldene Service der Königin Luise übergeben würde. Auch der Bruder des Vaters wurde eingeweiht, der martialische Rittmeister, der jetzt in Suppenwärzen reiste und sich gerade in Berlin aufhielt. (Fortsetzung folgt.) Die Komintern am Werk. Vonunserem Moskauer Sonderberichterstatter. Moskau, Ende Juli. Während Herr Litwinow, der Außenkommissar der Sowjetunion, Friedensbeteuerungen und Paktangebote „an Alle“ richtet und die Sowjetpresse sich in„vaterländischen" Betrachtungen ergeht, setzt die Kommunistische Internationaleihr Zersetzungswerk weiter fort, eine Tatsache, die die in Westeuropa neuerdings beliebten Auslassungen über eine„Aenderung und Verbürgerlichung der Sowjetpolitik“ ad absurdum führt und den unveränderten weltrevolutionären Charakter der in Moskau residierenden und von Moskau geführten und geförderten Komintern zeigt. Herbst d. J. soll in Moskau der 7. Kongreß der Kommunistischen Internationale stattfinden. Die Tagesordnung des Kongresses sieht zunächst einen Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Exekutivausschusses der Komintern(EKKI) vor, der vom ehemaligen deutschen kommunistischen Reichstagsabgeordneten Pieck erstattet werden wird. Der zweite Berichterstatter ist Dimitrow, der über den„Vormarsch des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf um die Einheitsfront der Arbeiterklasse“ sprechen wird. Der italienische Kommunist Ercoli berichtet über die „Vorbereitung des imperalistischen Krieges und die Aufgaben der Komintern“, der Führer der Sowjetdelegation in der EKKI Manuilski über die„Ergebnisse des sozialistischen Aufbaues in der Sowjetunion.“ Zum Schluß werden die Wahlen zur EKKI stattfinden. Gleichzeitig wurde auch der Finanzbericht der Kommunistischen Internationale für das Jayr 1932 veröffentlicht, der einen interessanten Einblick in die Tätigkeit dieser Institution gestattet. Die Einnanmen beliefen sich im Berichtsjahr auf 1,1 Millionen Dollar. Davon machten 0,96 Millionen Dollar die Mitgliedsbeiträge aus, und zwar die Beiträge von 38 kommunistischen Parteien mit insgesamt 3,6 Millionen Mitgliedern. 19 Parteien und die Kommunistische Jugendinternationale sind von Mitgliedsbeiträgen befreit. Die Ausgaben betrugen 1,1 Millionen Dollar. Davon entfielen 0,4 Millionen Dollar auf die Ausgaben für den Komintern=Apparat, 0,6 Millionen Dollar auf die Unterstützung von Zeitungen, Verlagsanstalten usw. Der Posten„Dienstreisen“ wird mit 47689 Dollar angegeben. Wie hoch die richtigen Zahlen auf allen diesen Gebieten in Wirklichkeit gewesen sind, läßt sich aus diesem zweifellos stark„frisierten“ Finanzbericht selbstverständlich nicht feststellen; es ist immerhin bemerkenswert, daß die Tatsache der Subventionen an ausländische kommunistische Blätter seitens der Komintern ohne weiteres zugegeben wird. Auch der Posten„Dienstreisen“, worunter die Propagandafahrten der Komintern=Emissäre zu verstehen sind, verdient besondere Aufmerksamkeit. Schließlich ist von Interesse der Umstand, daß 19 Parteien keine Mitgliedsbeiträge zahlen, so daß ihre Existenz offenbar allein durch Zuwendungen der Kommunistischen Internationale ermöglicht wird. Ende Dezember 1933 fand in Moskau die 13. Plenartagung des Exekutivausschusses der Kommunistischen Internationale statt, auf der nach ausführlichen Berichten über die Lage und die Tätigkeit der kommunistischen Parteien in den verschiedenen Ländern eine Reihe von„Thesen" angenommen wurde, die dem bevorstehenden Komintern=Kongreß zur Bestätigung vorgelegt werden sollen und den ausländischen Kommunisten als Richtlinien zu dienen haben. In dürren Worten wurde in diesen Thesen gesagt, daß überall die „revolutionäre Entrüstung der werktätigen Massen und ihre Bereitschaft zum Sturz des untragbaren Jochs der ausbeuterischen Klassen“ in ständigem Wachsen begriffen sei und daß die ungeheure Anspannung der Klassengegensätze und des Antagonismus zwischen den einzelnen Ländern von„einer solchen Reife der objektiven Voraussetzungen der revolutionären Krise" sprächen, daß„die Welt gegenwärtig unmittelbar vor einer neuen Epoche der Revolution“ stünde. Diese Thesen waren von einem fanatischen Haß gegen die nationale Erhebung in Deutschland und das neue Deutsche Reich erfüllt. Offenbar haben aber die Erfolge des nationalsozialistischen Regimes und vor allem das Durchgreifen des Führers am 30. Juni stark ernüchternd auf die KominternKreise hinsichtlich der„Aussichten der sozialen Revolution" in Deutschland gewirkt. Das Hauptaugenmerk wenden die Komintern daher im gegenwärtigen Augenblick drei anderen Ländern zu, und zwar Frankreich, England und Amerika. Es entbehrt nicht eines gewissen Reizes, in Anbetracht der russisch=französischen Freundschaft und der zum Teil überschwenglichen Komplimente, die zwischen Paris und Moskau ausgetauscht werden, die fortschreitende Verschärfung der Sprache in den Komintern=Kreisen im Zusammenhang mit der innerpolitischen Entwicklung in Frankreich zu verfolgen. Die Zeitschrift„Kommunistische Internationale", die in Moskau als Organ der Komintern erscheint, feierte dieser Tage die„großen Erfolge" der französischen Kommunisten, betonte das Anwachsen der Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei Frankreichs, bei der ganze Belegschaften von Betrieben in Paris und Nordfrankreich ihren kollektiven Eintritt in die Partei erklärt haben sollen, stellte die Bildung immer neuer kommunistischer Betriebszellen fest und veröffentlichte neue Richtlinien für die Tätigkeit der Kommunisten in Frankreich. Die französische Kommunistische Partei müsse schleunigst die„bolschewistische Kunst“ erlernen, eine organisatorische Festigung vornehmen, um die bevorstehenden großen Klassenkämpfe siegreich zu bestehen und sich gleichzeitig auf die Illegalität vorbereiten; der Parteiapparat müsse bereits jetzt konspirative Maßnahmen treffen. Diese Komintern=Richtlinien widmen großen Raum auch der kommunistischen Propaganda unter den französischen Kolonialvölkern und den farbigen Truppen. Auch für England haben die Komintern ein Streikprogramm aufgestellt, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Die englischen Kommunissen sollen viel stärker als bisher auf gewerkschaftlichem Gebiet tätig sein, ihre Arbeit auf die wichtigsten Betriebe der größten Industriezweige konzentrieren, gegen den„Legalismus“ der reformistischen Gewerkschaften ankämpfen, überall Streiks entfachen und die Arbeiter zu Solidaritätsaktionen veranlassen. Beim Ausbruch von Streiks, die von der Kommunistischen Partei in„organisierte Bahnen“ gelentk werden sollen, sollen politische Parolen in den Vordergrund gestellt werden. Die blutigen Vorgänge in San Francisco und anderen amerikanischen Streikgebieten wurden in Moskau mit freudiger Aufmerksamkeit verfolgt. Die Sowjetpresse hat die nach der Herstellung der diplomatischen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten zunächst geübte Zurückhaltung jetzt völlig aufgegeben und stellt übereinstimmend eine„neue Situation“ in Amerika fest, in der die Rolle der amerikanischen Kommunistischen Partei„bei dem sich jetzt entwickelnden Kampf ungeheuer groß sein“ werde. Die amerikanischen Kommunisten müßten um die Führung bei den Streiks kämpfen und zugleich die Arbeiterklasse für die„bevorstehenden revolutionären Kämpfe“ organisieren. Auch für Holland— im Zusammenhang mit den Vorgängen in Amsterdam und in letzter Zeit der in stärkerem Maße für die baltischen Staaten, vor allem für Finnland, zeigen die Komintern wachsendes Interesse. Kommunistische Agenten sind neuerdings in Finnland in großer Zahl verhaftet worden. Die Komintern sind am Werk und keine Moskauer Friedensschalmeien können über diese Tatsache hinwegtäuschen. Alle geben ihrer Trauer Ausdruck. Uebergroß ist die Zahl der Volksgenossen aus allen Bevölkerungsschichten, die sich im Reichspräsidentenpalais zur Eintragung in die ausgelegte Beileidsliste einfinden. Hier sieht man einige beim Eintragen ihrer Namen in die Liste, nachdem sie vor dem Reichspräsidentenpalais Schlange stehen mußten. Gegen ausländische Verdächtigungen der Deutschen Front. DNB Saarbrücken, 4. August. Ein Teil der Auslandspresse brachte eine aus Saarbrücken datierte, sensationell aufgemachte Meldung, in der die Deutsche Front des Saargebiets verdächtigt wird, einen Bergarbeitersteik zu inszenieren. Diese Meldung wurde naturgemäß von der SeparatistenPresse zu ihrer üblichen Stimmungsmache aufgebauscht. Landesleiter Pirro hat in einem Telegramm an den Herausgeber der englischen„Times“ eindeutig gegen diese lügnerischen Erfindungen Stellung genommen. In dem Telegramm heißt es: „Die heutige Nummer Ihrer geschätzten Zeitung bringt eine Mitteilung, nach der die Deutsche Front des Saargebiets einen Streik der Bergarbeiter vorbereiten würde. Diese Meldung wird gebracht mit dem Hinweis, daß Ihrem Pariser Berichterstatter ein solcher von der Deutschen Front vorbereiteter Streik sehr begründet erscheine. Die Deutsche Front ist der Auffassung, daß ein Streikunter den gegenwärtigen politischen und sozialen Verhältnissen im Saargebiet ein. wahnwitziges Unternehmen darstellen würde, das geeignet wäre, die soziale Lage der ohnedies hart bedrängten Bergarbeiter des Saargebiets nur noch unerträglicher zu gestalten. Ich gestatte mir, Sie zu bitten, daß Sie künftig eine derartige plumpe Berichterstattung von Ihrer Zeitung fernhalten. Ihre Zeitung ist im vorliegenden Fall einer Zweckmeldung aus Paris zum Opfer gefallen.“ An die Gaupropagandawarte und Funkwarte der USdAp. Berlin, 4. August. Die Reichspropagandaleitung der NSDAP gibt bekannt: „Der Rundfunk überträgt am Montag, dem 6. August, vormittags 12 Uhr, die Trauerfeier des Deutschen Reichstages, auf der der Führer spricht. Die Uebertragung wird am Montag, dem 6. August, 20 Uhr, wiederholt. Ferner überträgt der Rundfunk am Dienstag, dem 7. August, vormittags 11 Uhr, die Trauerfeier der Reichsregierung am Tannenberg=Denkmal. Die Uebertragung wird am Dienstag, dem 7. August, 20 Uhr, wiederholt. Die Funkwartorganisation führt überall Gemeinschaftsempfang durch, um die Trauerfeierlichkeiten allen Volksgenossen zu übermitteln. Die jeweiligen Abhörstellen werden durch die Politischen Leiter in der Tagespresse, durch Plakatanschlag, Rundfunk usw. bekanntgegeben. Die Funkwarte geben am Mittwoch, dem 8. August, über ihre Kreis= und Gaufunkwarte Orte und Umfang der durchgeführten Gemeinschaftsempfänge an. Hauptabteilung Rundfunk im Reichspropagandaministerium, Berlin W 8, Wilhelmplatz 8/9. (gez.): Dreßler=Andreß, Reichspropaganda=Leitung Rundfunk.“ Erste Reichstagung des nationalsozialistischen Lehrerbundes. DNB Frankfurt=Main, 4. August. Die erste Reichstagung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, zu der über 30000 Lehrer aus allen Teilen des Reiches, aus Danzig, dem Saargebiet und aus Oesterreich nach Frankfurt gekommen sind, wurden am Freitag nachmittag mit der Eröffnung der großen Lehrmittelausstellung durch Staatsminister Schemm eingeleitet. Durch die Lehrmittel=Ausstellung, so führte er aus, solle offenbart werden, daß der deutsche Lehrer nicht nur ein Idealist sei, sondern wisse, daß er wie jeder andere künstlerische Mensch Handwerkszeug brauche. Im Mittelpunkt der Erziehungsarbeit stehe im nationalsozialistischen Staat nicht die Methode, die Form oder das Werkzeug, sondern das seelische Moment. Der Begrüßungsabend stand im Zeichen der Trauer um Deutschlands großen Toten, den Reichspräsidenten und Generalfeldmarschall von Hindenburg. Staatsminister Schemm hielt die Gedenkrede. Er wies darauf hin, daß Worte zu stümperhaft seien, um der Trauer, die uns erfülle, Ausdruck zu geben. Tod und Leben seien immer verschmolzen. Dort, wo ein Leben abgeschlossen werde, das immer nur wieder Deutschland geheißen habe, käme auch aus dem Grabe noch neue Lebenskraft. Auch die deutsche Erzieherschaft werde im Gedanken stets neue Kraft finden. Die Begrüßungsansprache von Ministerialrat Ringshausen leitete über zu dem Teil der Kundgebung, der dem Kampf um die deutsche Saar gewidmet war. Der Führer der saarländischen Lehrerschaft, Dr. Schweig, überbrachte namens des plötzlich verhinderten Staatsrats Simon die Grüße des Saardeutschtums. Die Geschichte habe die Saardeutschen gelehrt, daß es möglich sei, tausendjährige Volksverbundenheit vorübergehend äußerlich zu zerstören. Innerlich könne das nie gelingen. Der Kampf der deutschen Brüder an der Saar habe in den vergangenen Jahren dem Ziel gegolten, immer diese kulturelle Verbundenheit mit dem Gesamtdeutschtum aufrechtzuerhalten. Ein Ehrendenkmal für U=Boot UC. 57. X Helsingfors, 3. August. Am 12. August wird auf Hamnskär, einer kleinen Klippe im finnischen Meerbusen vor der Einfahrt zur Stadt Lovisa, ein Ehrenmalfür das deutsche Unterseeboot UC 57 errichtet. UC 57 brachte im November 1917 Waffen und Munition für die weiße Armee des Generals Mannerheim nach Finnland. Außerdem war ein Sonderkommando von 8 finnischen Jägern an Bord. Nach einer gefahrvollen Fahrt durch die russische Minensperre setzte UC 57 auf Hamnskär seine wertvolle Last an Land. Von da an ist über das Schicksal von UC. 57 nichts bekannt. Es hat nie mehr seinen deutschen Heimathafen erreicht. Die Errichtung des Denkmals für UC 57 ist ein Verdienst des finnischen Denkmalkomitees. An der Feier der Denkmalsenthüllung werden der Präsident der Republik Svinhufvud und die Spitzen der finnischen Armee, Flotte und Luftstreitkräfte teilnehmen. Ein großer Teil der Ehrengäste wird an Bord des modernen finnischen Panzerkreuzers„Väinöinen“ der Feier beiwohnen. Von deutscher Seite wird das Marineschulschiff„Sorch Fock“ die deutsche Flotte vertreten. Zahlreiche Begleitdampfer werden die übrigen Gäste an den Platz der Feier bringen. Das Staatsbegräbnis für Lyauthey. (!) Paris, 3. August. Ganz Frankreich stand am Donnerstag im Zeichen der Nationaltrauer anläßlich des Staatsbegräbnisses für Marschall Lyauthey in Nancy. Alle öffentlichen Gebäude sind halbmast geflaggt. Neben dem Sarg schritten u. a. die Minister Barthou, Tardieu und Marin sowie der Generalresident von Marokko. Im Trauergefolge bemerkte man die auswärtigen Botschafter, Gesandten und Militärattachés, darunter den stellvertretenden deutschen Militärattaché Hauptmann Speidel. In der Kathedrale fand ein Trauergottesdienst statt. Sodann erfolgte die Ueberführung auf den Platz Stanislas, wo der Kriegsminister Marschall Petain im Namen der Regierung die Gedächtnisrede hielt. Er feierte Marschall Lyauthey als einen der Schöpfer des französischen Kolonialreiches. der diesem Werk 30 Jahre der Arbeit gewidmet habe. Gefüngnis für kommunistische Kuriertätigkeit. Berlin, 2. August. Der Erste Senat des Volksgerichtshofes verurteilte Donnerstag unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Schauwecker den 27 jährigen kommunistischen Heimleiter Heinz Haagen aus Berlin=Tempelhof wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Verbrechens bezw. Vergehens gegen die Verordnung zur Erhaltung des inneren Friedens, des Republikschutzgesetzes und das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien-antragsgemäß zu zwei Jahren sechs Monaten Gefängnis. Neun Monate der erlittenen Untersuchungshaft werden auf die Strafe angerechnet. Haagen, der seit 1931 der KPD angehörte, war nach der nationalen Revolution eine Kuriertätigkeit zugewiesen worden mit dem Ziel, die durch das Verbot der KPD zerrissenen Verbindungen unter ihren früheren Mitgliedern wieder anzuknüpfen. Bei dem Versuch, von einem angeblichen Vertrauensmann der KPD in Potsdam Informationen über SA, SS und Stahlhelm zu erhalten, wurde er im Juli vorigen Jahres in Nowawes verhaftet. Neues in Kürze. Zur Behebung von Zweifeln wird darauf hingewiesen, daß durch Tarifordnungen, die von den Teuhändern der Arbeit innerhalb ihrer Wirtschaftsgebiete erlassen werden, Regelungen, die in Reichstarifordnungen enthalten sind, nicht berührt werden. Der bekannte Berliner Bildhauer Prof. Josef Thorak, der Schöpfer der letzten nach dem Leben geschaffenen Büste des Herrn Reichspräsidenten, hat am gestrigen Abend die Totenmaske des Verewigten abgenommen. Zur Soarabstimmung. Von zuständiger amtlicher Stelle wird mitgeteilt: Der Völkerbundsrat hat die Volksabstimmung im Saargebiet auf Sonntag, den 13. Januar 1935, festgesetzt. Abstimmungsberechtigt ist ohne Unterschied des Geschlechts und der Staatsangehörigkeit jede Person, die am 13. Januar 1935 zwanzig Jahre alt ist und am Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrages, das ist der 28. Juni 1919, im Saargebiet gewohnt hat. Nach dem vom Völkerbundsrat festgesetzten Abstimmungsreglement ist grundsätzlich jede Person abstimmungsberechtigt, die an diesem Tage im Saargebiet ihren gewöhnlichen Wohnort hatte und sich dort mit der Absicht des Verbleibens niedergelassen hatte. Ed sch b) c) d) Eine bestimmte Anwesenheitszeit wird somit nicht verlangt, auch wer sich erst am Stichtag, dem 28. Juni 1919. im Saargebiet niedergelassen hat, ist abstimmungsberechtigt. Andererseits ist die vorübergehende Abwesenheit vom ständigen Wohnort im Saargebiet ohne Einfluß auf die Stimmberechtigung, vorausgesetzt, daß der Wille bestand, den tatsächlichen Aufenthalt im Saargebiet beizubehalten. Es sind sonach beispielsweise auch abstimmungsberechtigt: a) Personen, die aus einer Gemeinde des Saargebiets zur Erfüllung des Militärdienstes eingezogen, am 28. Juni 1919 aber noch nicht an ihren ständigen Wohnort im Saargebiet zurückgekehrt waren, weil sie noch bei ihrem Truppenteil standen, oder sich in Gefangenschaft befanden oder infolge Verwundung oder Krankheit noch nicht in das Saargebiet zurückkehren konnten; aktive deutsche Militärpersonen, die vor der Besetzung des Saargebietes bei einem im Saargebiet garnisonierenden Truppenteil standen und bei der Besetzung das Saargebiet verlassen mußten, ihren Wohnsitz daselbst aber bis 28. Juni 1919 noch nicht aufgegeben hatten. In Betracht kommen Offiziere, Militärbeamte, Unteroffiziere und Kapitulanten, nicht aber die lediglich zur Erfüllung ihrer Militärdienstpflicht Eingezogenen; Personen, die sich über den 28. Juni 1919 zu Besuchs=, Studien= oder Ausbildungszwecken außerhalb ihres im Saargebiet gelegenen ständigen Wohnorts aufgehalten haben, selbst wenn sie am 28. Juni 1919 im Saargebiet polizeilich nicht gemeldet waren; Personen, die über den 28. Juni 1919 vorübergehend außerhalb ihres ständigen Wohnorts im Abstimmungsgebiet eine Dienst= oder Arbeitstätigkeit ausgeübt haben; e) Personen, die am 28. Juni 1919 von ihrem ständigen Wohnsitz im Saargebiet verreist waren und sich polizeilich abgemeldet hatten, um z. B. während der Reise am Aufenthaltsort Brotkarten zu erhalten; f) Personen, die am 28. Juni 1919 zwangsweise, z. B. durch Ausweisungsbefehl der damaligen Besatzungsmächte, von ihrem ständigen Wohnort im Saargebiet ferngehalten worden sind oder die aus dem Saargebiet geflüchtet und bis 28. Juni 1919 nicht zurückgekehrt waren. Der Aufenthalt von Minderjährigen und Entmündigten am 28. Juni 1919 bestimmt sich nach dem Aufenthalt der Personen, die die väterliche Gewalt oder die Vormundschaft über sie ausübten. Der Aufenthalt der Eltern oder des Vormunds hat aber dann keine entscheidende Bedeutung, wenn ein Minderjähriger, der zu dieser Zeit getrennt von seinen Eltern oder seinem Vormund wohnte, selbst für seinen Unterhalt sorgte. Eine am 28. Juni 1919 im Saargebiet beschäftigte Minderjährige, die dort ihren Unterhalt als Hausgehilfin selbst verdiente, ist also abstimmungsberechtigt, auch wenn ihre Eltern damals nicht im Saargebiet wohnten. Die verheiratete Frau teilt den Aufenthalt ihres Ehegatten, sofern die Ehe vor dem 28. Juni 1919 geschlossen war. An alle im Reich außerhalb des Saargebiets wohnhaften Personen, die auf Grund der vorstehenden Richtlinien die Verleihung der Abstimmungsberechtigung beanspruchen können und sich bisher noch nicht gemeldet haben, ergeht die Aufforderung, sich umgehend bei der Saarmeldestelle ihres jetzigen Wohnorts(beim Einwohnermeldeamt, in den Städten beim zuständigen Polizeirevier) zu melden. Soweit möglich, sind Nachweise über den Wohnsitz am 28. Juni 1919(An= und Abmeldebescheinigungen, Beschäftigungszeugnis, Militärpapiere usw.) mitzubringen. ho ho sti Be da wi ge ab ge *. s A m 9 is le Katholischer Kampf gegen Schund und Schmutz im Film. £ London. 4. August. Seit einigen Jahren wird in England und Amerika der Kampf gegen den schlechten Film seitens der Katholiken mit verstärkter Kraft geführt. In England haben sich jetzt wiederum zwei Bistümer, und zwar Liverpool und Lancaster, der Aktion gegen den ten Film angeschlossen, die nach amerikanischen Vorbild von den Katholiken des Bistums Westminster eingeleitet worden ist. Auch der Erzbischof Downey von Liverpool hat jetzt einen sorgfältig ausgearbeiteten Plan für die Aufnahme der Aktion in seiner Diözese vorgelegt. Die Leitung der Katholischen Aktion in Liverpool hat sich der Durchführung dieses Planes angenommen. Bisher haben sich in England 1 118000 Katholiken mitihren Bischöfen im Kampf gegen den schlechten Film vereinigt. In Amerika haben die meisten der führenden Filmgesellschaften ihre Zustimmung dazu erteilt, daß die vor dem 15. Juli erschienenen Filme von den Kinodirektionen nicht angenommen zu werden brauchen, da ernstliche Proteste zu erwarten wären. Diese eine entsprechende Mitteilung ist den Direktionen der Lichtspieltheater zugegangen. Diese Neuregelung enthebt die Direktionen der Verpflichtung, bereits erworbene Filme, gegen die Proteste zu erwarten sind, abzunehmen oder zu bezahlen. Dieser Beschluß ist von weittragender Bedeutung. Er beweist, daß man in Zukunft bei der Auswahl der Filme den Wünschen der „Legion of Decency“ Rechnung tragen wird. Kardinal Hayes, der Erzbischof von Neuyork, gibt in einem Hirtenbrief der Hoffnung Ausdruck, daß die Aktion auch weiterhin Erfolg haben werde. Es ist eine große Genugtuung, so schreibt der Kardinal, zu sehen, daß die Aktion gegen die schlechten Filme überall im Lande Sympathien gefunden hat. Jetzt, da die amerikanischen Mütter aufmerksam gemacht worden sind auf die sittlichen Gefahren, die ihren Kindern in den schlechten Filmen drohen, werden sie den Stätten, an denen solche Filme laufen, mit Abscheu ausweichen. Das amerikanische Volt, Protestanten, Juden und Katholiken, haben endlich einen Ansatzpunkt gefunden, um der Verbreitung von Filmen, die gegen die guten Sitten verstoßen, ein Ende zu machen. Der Kardinal weist darauf hin, daß die katholische Kirche dem Vergnügen und der edlen Freude durchaus nicht abgeneigt ist und fährt dann fort: Die Kirche wird den Film gutheißen, wenn er sittlich sauber ist und dabei lustige und humorvolle Bilder auf die Leinwand bringt." Inzwischen ist ein Proteststreik der Kinobesitzer in Philadelphia im Sande verlaufen. Die Kinobesitzer hatten gehofft, die Bevölkerung dadurch gegen den Bischof Dougherty in Harnisch bringen zu können, daß viele Kinoangestellte außer Arbeit kamen. Aber das hat die von Kardinal Dougherty ins Leben gerufene Boykottbewegung nicht zu schwächen vermocht. So haben denn die unabhängigen Kinobesitzer in einer großen Versammlung beschlossen, ihre Kinoswiederzuöffnen. Der im festInterjede lt ist Vervohnt pstimbstimihren lbsicht t ver1919, erechvom if die stand, alten. igsbiets n, am digen aren, rsich idung urücke vor Saard bei ihren nicht ziere, nicht ienstBeagsgenen nn sie yt gebernorts Ardigen d sich d der n; eise, Bett im r die Juni tmünufentdie t der tschei1 dieVorEine inderselbst ihre vern, sok. vohnRichtngsisher rdeelle it in nelVohn= ngen, nitzuAus Westdeutschland. id st. terika thoand iverlechVoreinvon Plan elegt. hat Bisken chten gibt die eine daß ande schen chen men ilme Solk, inen men, hen. rche abden abei gt." zet inoden ien, das fene ben seren. Vom Lastkraftwagen getötet. kf Fröndenberg, 3. August. Der 26jährige Kaufmann Heinz Krämer von hier, Schillerstraße, wurde Donnerstag abend von einem tragischen Geschick betroffen. Als er mit seinem Motorrad die Wilhelm=Feuerhake=Straße in der Nähe des Güterbahnhofs passierte, wurde er von einem aus dem Güterbahnhof kommenden Lastwagen der Reichsbahn erfaßt. Krämer stieß mit voller Wucht auf den Kotflügel des Lastwagens. Bei dem Anprall wurde Krämer derart schwer verletzt, daß seine Ueberführung ins Krankenhaus notwendig wurde. An den schweren Verletzungen ist Kr. heute morgen gestorben. Der Soziusfahrer kam mit leichteren Hautabschürfungen davon. Käse als Fahrradmarder. Recklinghausen, 4. August. Sogar ein Käse kann ein Fahrradmarder sein. Das ist kein Witz, sondern eine amtliche Feststellung, die von wachsamen Beamten des Kriminal=Kommissariats in Recklinghausen getroffen wurde. An einer bestimmten Stelle im Stadtbezirk Recklinghausen wurden fortgesetzt Fahrräder entwendet. Nur unsere findige Kriminalpolizei konnte auf den Gedanken kommen, daß ausgerechnet ein Käse als Dieb in Betracht kommt. Der in Betracht kommende Käse kam sogar von Dortmund=Mengede. Die zwei Kriminalbeamten hatten ihn rechtzeitig gerochen, und, da sich Käse mit Bier sehr gut verträgt, sich harmlos in eine Wirtschaft gesetzt, um von da aus die Ankunft des Käse zu beobachten. Plötzlich kam eine Dame auf ihrem Fahrrade ordnungsmäßig und verschwand dann in dem Inneren eines Hauses. Diesen Moment hatte der Käse abgewartet, unauffällig kam er angerollt und schloß behände mit einem mitgebrachten Fahrradschlüssel das Rad auf und wollte mit diesem von dannen ziehen. Er hatte aber nicht mit der Wachsamkeit der beiden Kriminalbeamten gerechnet. Einer von diesen sprang aus dem offenen Wirtshausfenster, der andere raste durch die Wirtshaustür und im Nu hatten die beiden den Mengeder Käse gepackt, der dann mit zum Präsidium mußte. Franz, so heißt dieser üble Käse mit Vorname, wurde ins Polizeipräsidium eingesperrt. Die Ermittelungen der Kriminalpolizei ergaben, daß er stets 9 Schlüssel zu Fahrradschlössern bei sich trug. Dieser Käse ist 5 Mal wegen Diebstahls, Hehlerei und Körperverletzungen vorbestraft, obschon er erst 25 Jahre alt ist. Gelder der DAF verpraßt. Duisburg, 4. August. Die große Duisburger Strafkammer verurteilte heute den Gustav Albert aus Hamborn wegen Veruntreuung ihm anvertrauter Gelder der Deutschen Arbeitsfront in Höhe von 1155 Mark zu 2 Jahren Gefängnis. Albert hatte diesen Betrag von dem Kreisleiter der Betriebsgemeinschaft Bergbau zur Verteilung an die Bergleute als Urlaubsvergütung erhalten. Stattdessen verjubelte er 300 Mark auf einem Schützenfest, um mit dem restlichen Geld am nächsten Tage zum Oberrhein zu fahren, wo er es innerhalb 14 Tagen verpraßte. Bei seiner Rückkehr nach Hamborn wurde er auf dem Dachboden seiner Wohnung verhaftet und nunmehr verurteilt. Brandkatastrophe im Hunsrück. Zwei Wohnhäuser und drei Scheunen abgebrannt. Simmern(Hunsrück), 3. August. In der Nacht zum Donnerstag wurden in Sargenroth zwei Wohnhäuser und drei Scheunen und Ställe durch Großfeuer vernichtet. Das Feuer entstand in der Scheune eines Schweinehändlers und dehnte sich so rasch aus, daß die Hausbewohner, die bereits zur Ruhe gegangen waren, kaum das nackte Leben retten konnten. Trotz der verzweifelten Löscharbeiten wurden auch das Wohnhaus eines Landwirts mit Scheune und Stall und eine weitere Scheune vernichtet. Die Brandursache ist unbekannt. Von einer Kuh zu Tode getrampelt. Prüm,(Eifel), 3. August. In der Nähe des Eifelortes Wascheid(Kr. Prüm) hütete eine alte Frau mit einem Hund eine größere Viehherde. Als eine der Kühe sich gegen den Hund wandte, den die Frau an der Leine hielt, kam die Frau zu Fall und die Kuh sprang mehrere Male auf ihren Körper. Die alte Frau war nicht imstande, die Leine zu lösen, wodurch der Hund und die Kuh schließlich noch mehr gereizt wurden. Mit schweren Verletzungen fanden Leute, die auf dem Felde nebenan arbeiteten, die alte Frau später auf und brachten sie auf einer Notbahre nach Hause. Im Krankenhaus zu Prüm erlag sie ihren Verletzungen. Amerikanische Erdölpapiere abgesetzt. Gefängnis und Geldstrafe. Hannover, 3. August. Die Strafkammer verhandelt gegen den englischen Staatsangehörigen und Mitglied des Unterhauses Arnold Williams aus Lancashire wegen Vergehens gegen die Devisenverordnung. Williams wurde beschuldigt, 1931 und 1932 amerikanische Erdölpapiere in Deutschland ohne Genehmigung der Devisenstelle vertrieben zu haben. Der Erlös sollte dazu dienen, der Nordölgesellschaft, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befand, zu helfen und anderseits dem nordamerikanischen Magdalenasyndikat die Möglichkeit zu geben, in den Kreisen der deutschen Erdolgesellschaften Eingang zu finden. In Amerika war für Papier kein Interesse vorhanden, in Deutschland wurden sie dagegen von der Bevölkerung gern gekauft, die eine vorteilhafte Vermögensanlage darin sah. Insgesamt wurden für eine Million Mark Papiere abgesetzt, und zwar zu einem Kurse von 100 bis 110. Ein Bantier, der als Zeuge vernommen wurde, sagte aus, er habe sich bei Freunden in der Wallstreet in Neuyork nach dem Wert erkundigt und habe die Auskunft erhalten, die Papiere hätten überhaupt keinen Wert und seien nicht das Porto für die Uebersendung wert. Der Angeklagte dagegen behauptete, der Kurs habe an der amerikanischen Börse zeitweise 300 v. H. betragen, sei aber wie der anderer Oelpapiere zeitweise zurückgegangen. Das Synditat habe 180000 Morgen ölhaltiges Gelände in Paraguay erworben, das reiche Ausbeute verspreche. Es dürfte sich dabei freilich um Gelände in dem seit langem zwischen Paraguay und Bolivien umkämpften Gran Chako handeln, und es ist mehr als fraglich, ob man an dieses angeblich sehr ölhaltige Gebiet überhaupt herankommen kann. Der Vertreter der Anklage forderte eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten und 2000 Mark Geldstrafe. Das Gericht nahm aber an, Williams habe nur fahrlässig gehandelt und verurteilte ihn zu einer Geldstrafe von 1500 Mark oder 30 Tagen Gefängnis. k Recklinghausen, 4. August. Wo ist Franz Peters? Der am 2. Dezember 1918 geborene Franz Peters wird seit dem 1. August d. Is. vermißt. Peters, der geistig etwas beschränkt ist, wohnte in dem Hause Grullbadstraße 246. Am 1. August vormittags 11.15 Uhr wurde er von seiner Mutter zur Zeche Recklinghausen II geschickt, um dort noch 1,— RM. rückständige Miete zu zahlen. Er ist aber dort nicht eingetroffen. Mitteilungen über den Aufenthalt des Vermißten nimmt das 5. Kriminal=Kommissariat in Recklinghausen=Süd oder Provinzial=Nachrichtensammelstelle für Vermißte beim Polizeipräsidium Recklinghausen entgegen. Bochum, 4. August. Neuer Volkssportplatz in Bochum. Die Stadt legt auf dem breiten Gelände zwischen der Zeche Constantin, Schacht 3, und den Eisen= und Hüttenwerken an der Castroper Straße einen großen Volkssportplatz an. Der Platz wird Schießstände, Reit= und Hindernisbahn, Sport= und Aufmarschgelände umschließen. Die Schießbahn mit 6 Schießständen auf 50 und 100 m ist bereits fertiggestellt und wird in 14 Tagen dem Verkehr übergeben. Sie werden den Erfordernissen des Schießsportwesens gerecht. Bottrop, 4. August. Ungetreuer Milchfahrer. Ein Milchfahrer hat seiner Firma nach und nach insgesamt für ca. 2000 Mark einkassierte Milchgelder unterschlagen. Die Veruntreuungen erstrecken sich auf mehrere Jahre. Gegen den 25 Jahre alten Mann ist Anzeige erstattet worden. Duisburg=Hamborn, 4. August. Mädchen vermißt. Die 15 Jahre alte Sibilla Rehm aus der Schlachthofstraße in Hamborn hat sich am 29. Juli von Hause entfernt und ist seitdem noch nicht wieder zurückgekehrt. Die Kriminalpolizei fahndet eifrig nach dem Kinde, von dem bis jetzt noch jede Spur fehlt. Koblenz, 3. August. Zwei tödliche Autounfälle. Auf der Provinzialstraße Koblenz=Andernach rannte in der Nähe von Mülheim ein Lieferwagen der Brohler Mineralwasserwerke infolge eines Achsenbruches gegen einen Baum. Bei dem Anprall wurde die rechte Seite des Führerhauses vollkommen eingedrückt. Der 25 jährige Beifahrer Jochem aus Brohl ist an den Folgen der schweren Verletzungen im Krankenhaus kur, nach seiner Einlieferung gestorben. Der Wagenführer und Mit einem Kopfsprung vom Stapel gelaufen. Merkwürdiger Stapellauf eines Küstenwachschiffs in Manitowa im Staate Wisconsin. Es bekam beim Heruntergleiten vom Stapel einen solchen Schwung, daß es fast kopfüber herabstürzte und vom Wasser völlig begraben zu sein schien. Handel und Wirtschaft. Generalstaatsanwalt gegen Müllerverbände. Getreidekrise in Frankreich. (!) Paris, 4. August. Auf Antrag des Landwirtschaftsministers hat der Justizminister den Generalstaatsanwalt angewiesen, eine gerichtliche Untersuchung gegen die Müllerverbände einzuleiten, die auf ihrer Tagung vor einigen Tagen beschlossen hatten, sich vom 1. August ab über die gesetzlichen Vorschriften des Getreidemindestpreises hinwegzusetzen und ohne Rücksicht darauf beim Kauf wie Verkauf den freien Preis zu nehmen. Außerdem haben Müllerverbände der Provinz beschlossen, Geldstrafen, die gegen ihre Mitglieder wegen Verletzung der Mindestpreise verhängt werden, teilweise oder ganz aus der Verbandskasse zu bezahlen. Besonders zugespitzt hat sich die Getreidekrise in der Gegend von Chartelleraut. Am 7. Juni hatte der Präfekt des Departements Vinne den Bauern verboten, bei den Bäckern das für ihre Familien notwendige Brot mit Getreidelieferung zu bezahlen, eine Gewohnheit, die in der Gegend üblich ist. Die Bürgermeister der Landgemeinden haben nun Protesteingaben eingereicht, in denen sie darauf hinweisen, daß die Bauern ihr Brot gar nicht bar bezahlen können und daß sie andererseits sich auch durch Verkauf des Getreides nur schwer Geld beschaffen könnten, da der Absatz stocke. Neuregelung des Verkehrs mit Saatkartoffeln. Um die Versorgung mit Saatgut von Wintergetreide sicherzustellen, hat der Reichsnährstand mit Wirkung vom 1. August 1934 Ausführungsbestimmungen zur„Verordnung über Saatgut“(RGBl. I S. 248) und zur„Verordnung zur Ordnung der Getreidewirtschaft“(RGBl. I S. 629) erlassen. Danach werden die Lieferungen von Hochzuchtsaatgut, anerkannten 1. Absaaten und Handelssaatgut grundsätzlich auf die Pflichtumlage des Einzelbetriebes, die sich aus der„Verordnung zur Ordnung der Getreidewirtschaft“, ergibt, angerechnet. Erzeugung von Handelssaatgut darf jedoch grundsätzlich nur von solchen Erzeugern, Händlern und Genossenschaften erfolgen, die auch bisher nachweisbar und bekanntermaßen Handelssaatgut herstellten. Dabei muß jedoch Handelssaatgut ganz bestimmte festumrissene Bedingungen erfüllen. So muß u. a. die Reinheit mindestens 95%, die Keimfähigkeit bei Roggen und Wetzen mindestens 90%, bei Gerste mindestens 85% betragen. Bei Inverkehrbringung von Handelssaatgut muß eine nach vorgeschriebenen Probenahmevorschriften gezogene und mit einem Probeattest versehene Durchschnittsprobe der zuständigen Landesbauernschaft eingesandt werden. Die Probenahmevorschriften sind von jeder Landesbauernschaft zu erfahren. Die Landesbauernschaft untersucht die Probe und erteilt erst dann die Genehmigung zum Vertrieb als Handelssaatgut, wenn die Probe den gestellten Mindestanforderungen genügt. Solches Handelssaatgut trägt dann eine Plombe z. B. mit der Inschrift„Landesbauernschaft Kurmark, zugelassenes Handelssaatgut". In den Ausführungsbestimmungen werden weiterhin eingehende Lieferungs= und Verkaufsbedingungen festgesetzt, die von jeder Landesbauernschaft zu erfahren sind. Besonders wichtig ist weiterhin die Anordnung, daß Handelssaatgetreide Sorten= und Herkunftsbezeichnungen nicht führen darf. Auch alle Zusätze sind unzulässig. Endlich werden in den Ausführungsbestimmungen für Hochzuchtsaat, anerkannte 1. Absaaten und Handelssaatgut bei Winterrogen, Winterweizen und Wintergerste für die Herbstsaatperiode 1934 Preiszuschläge für die einzelnen Festpreisgebiete festgelegt. Auch über diese Preiszuschläge in den einzelnen Gebieten erteilen sämtliche Landesbauernschaften Auskunft. Die Aufschläge betragen für Saatroggenhochzucht je Zentner in den einzelnen Preisgebieten etwa 3,95—5,10 RM. je nach Preisgebiet und Absatzzeitpunkt, für anerkannte Saatware 2.45—3,60 RM., für Handelssaatgut 1,45—2,60 RM. Bei Saatgerste betragen die Zuschläge für Hochzuchtsaatgut etwa 4.25—5,40 RM., für anerkannte Saatware 2,55 bis 3,70 RM. und für Handelssaatgut etwa 1,55—2,70 RM. Bei Saatweizen betragen die Preiszuschläge endlich fstr Hochzuchtsaatgut erwa 4,15—5,40 RM., für anerkannte Saatware 2.45—3,70 RM., für Handelssaatgut etwa 1.45—2.70 RM. je Zentner, je nach Preisgebiet und Absatzzeitpunkt auf die in der„Verordnung zur Ordnung der Getreidewirtschaft“ festgesetzten Preise. Der Sinn dieser Sonderregelung für Saatgut ist, den bisher üblichen Verkehr mit Saatgut zu erhalten. Das darf jedoch nicht dazu führen, daß das Brotgetreideaufkommen eines Getreidewirtschaftsverbandes bezw. einer Landesbauernschaft durch zusätzlichen Verkauf von Saatgetreide im Vergleich zu den Vorjahren nicht erfüllt wird. Nutzholzverkäufe in Rheinland-Westfalen. Die Nachfrage nach Nadelstammholz blieb durchaus befriedigend; einmal erschienen die Sägewerke als Käufer, dann aber auch die die Zechen beliefernden Firmen. Die Preise waren infolgedessen widerstandsfähig. Im Bezirk Aachen verkaufte das Forstamt Schleiden von Rundeichen in N=Güte 69 fm unter 20 cm Durchmesser, 125 fm 20—29 cm, 49 fm 3—39 cm, 16 fm 40—49 cm, 3 fm 50—59 cm, zusammen 262 fm zu durchschnittlich 13,93 RM. ab Wald; das Forstamt Hürtgen 1600 fm Kieferngrubenlangholz zu 11 RM.(Fuhrlöhne 3 bis 3,50 RM.). Im Bezirk Arnsberg erlöste das Forstamt Bredelar für 28 fm normales Fichtenstammholz unter 15 cm 12,30—12,40 RM., 74 fm 15—19 cm 14—14,10 RM., 23 fm 20—24 cm 15,70—15,80 RM., 31 fm 25—29 cm 17,90 RM., 21 fm 30—34 cm 19,60 RM., 14 fm 40—44 cm 22,40 RM., alles Holz mittlerer Güte(Fuhrlöhne 3—4 RM. bis zur Bhanstation). Im Bezirk Merseburg vereinnahmte das Forstamt Doberschütz für 760 fm Kieferngrubenlangholz 9 RM. je 1 fm loko Wald. Im Bezirk Hildesheim verkaufte das Forstamt Uslar 345 fm Fichtenstammholz unter 15 cm zu 13,03 RM., 311 fm 15 bis 19 cm 15,05 RM., 154 fm 20—24 cm 16,99 RM., 54 fm 25—29 cm 19,92 RM., 3 fm 30—34 cm 20 RM., 4 fm 35—39 cm 19,36 RM., 31 fm normale Rundkiefern unter 15 cm zu 10,20 RM., 17 fm 15—19 cm 10,88 RM., 5 fm Lärchenstammholz unter 15 cm zu 12,50 RM., 61 fm 15 bis 19 cm 14,50 RM., 4 fm 20—24 cm 15,90 RM.; das Forstamt Eschenrode ein Pöstchen normale Rundeichen 40—49 cm zu 20 RM.(Fuhrlöhne 5 RM.). Forstamt Witzenhausen(Bezirk Kassel) gab an Verbraucher Fichtenstammholz unter 15 cm zu 12,50 RM., 15—19 cm 14,50 RM., 20—24 cm 15,50 RM.(Entfernung von der Bahn 2—2½ km) ab. Im Bezirk Hannover verkaufte das Forstamt Lauenau 48 fm entrindetes Fichtenlangholz 15—19 cm zu 18,06 RM., 240 fm 20—24 cm 20,16 RM., 104 fm 25—29 cm 20,91 RM., 23 fm 30 bis 34 cm 22,63 RM., 5 fm 35—39 cm zu 27,78 RM., desgl. Abschnittholz 20—24 cm zu 18,51 RM., 25—29 cm zu 20,90 RM. Lage der industrie im Monat Juli 1934. In seinem Bericht über die wirtschaftliche Lage der Großeisenindustrie im Monat Juli 1934 stellt der Zweckverband der Industrie und Handelskammern zu Bochum, Dortmund, Essen und Münster zusammenfassend folgendes fest: Die Roheisen= und Rohstahlerzeugung ist insgesamt arbeitstäglich noch etwas gestiegen. Trotz vorgeschrittener Jahreszeit ist im ganzen keine nennenswerte Abschwächung des Inlandsgeschäftes festzustellen. Nach wie vor bilden die Maßnahmen der Reichsregierung zur Arbeitsbeschaffung eine starke Stütze des Inlandsmarktes. Erfreulicherweise dehnt sich die Belebung aber zunehmend auf die Industriezweige aus, die nicht unmittelbar an den Bestellungen aus dem Arbeitsbeschaffungsplan beteiligt sind. Das Auslandsgeschäft war unverändert ruhig. Ueber den Absatz von Weißblechen und Feinblechen kamen zwischenstaatliche Vereinbarungen zustande. Turnen- Spiel— Sport. 15. Rhönsegelflugwettbewerb. Regen am 13. Tag auf der Wasserkuppe. Infolge des starken Regens uno zeitweiligen Nebels wurde am Freitag auf der Wasserkuppe beim 15. Rhönsegelflug zwangsweise„gefeiert“. Am Nachmittag wurden zwar, da sich das Wetter etwas aufheiterte, einige Probeflüge ausgeführt, doch blieb es dabei. Zum ersten Male wurde eine Kurzwellenverständigung zwischen einem auf dem Erdboden stationierten Sender und einem Segelflugzeug als Empfänger ausgeführt. Das Segelflugzeug führte die ihm von der Erde übermittelten Kommandos aus, sodaß der Versuch gelungen ist. für die slan“(650 m) und der Gießener Schmidt mit„Deutsche Saar“(600 m) zugesprochen. 18 Ballons bei dem Gordon=Benett=Flug. „Stadt Essen 2“ mit Dr. Kaulen und Pröbsting. Die Meldeliste für den diesjährigen Gordon=BennettFlug der Freiballons, der am 23. September in Warschau seinen Anfang nimmt, ist geschlossen. Insgesamt 18 Ballons von sieben Nationen werden starten, wobei Polen als letzter Gewinner und Ausrichter des Wettbewerbs, Deutschland, Frankreich, die Schweiz und die Vereinigten Staaten mit je drei Ballons vertreten sind. Belgien meldete zwei und Italien wird nur mit einem Ballon erscheinen. Deutschland hat seine Auswahl für die Besatzungen bereits getroffen, und zwar fliegen auf Ballon„Deutschland“ die beiden Düsseldorfer Götze jr. und Vogel als Führer und Unterführer; der Ballon„Wilhelm von Opel“ ist mit Dr. Zinner=Hamburg und Beku=Darmstadt bemannt, während für den Ballon„Stadt Essen 2“ die Essener Dr. Kaulen und Pröbsting namhaft gemacht wurden. Möller siegt in Krefeld. Krefeld, 4. August. Am Freitag abend gab es in Krefeld Radrennen, die recht guten Sport brachten. Der Hannoveraner Möller gewann alle drei Läufe der Steher über 20, 30 und 50 km vor dem Krefelder Groß=Imlinghaus. Im Fliegerhauptfahren der Amateure siegte der Krefelder Schneider vor seinem Landsmann Arndt. Ergebnisse: 20 km: 1. Möller=Hannover 20:42,4. 2. Groß=Imlinghaus=Krefeld 10 m. 3. Wißbröcker=Hannover 285 m. 4. Prieto=Spanien 870 m. 30 km: 1. Möller 2:17:2. 2. GroßImlinghaus 100 m. 3. Pietro 120 m. 4. Wißbröcker 1830 m. 50 km: 1. Möller 49:12. 2. Groß=Imlinghaus 400 m. 3. Prieto. Wißbröcker wegen Magenbeschwerden aufgegeben. Gesamt: 1. Möller 100 km. 2. Groß=Imlinghaus 99,490 km. 3. Prieto 98,705 km. Torrance stößt 16,55 m. Die Amerikaner siegen weiter. Stockholm, 3. August. Auf ihrer Skandinavienreise kamen die amerikanischen Leichtathleten auch am Freitag in der Provinzstadt Boras durchweg zu Erfolgen. Lediglich im Weitsprung kam Peacock nur auf den zweiten Platz. Im Kugelstoßen kam Torrance zu seiner in Europa erzielten besten Leistung von 16,55 m, womit er seiner Weltbestleistung von 16,60 m am nächsten kam. Ergebnisse: 100 m: 1. Peacock 10.6. 200 m: 1. Hardin 22.2. 400 m: 1. Kane 49.9. 800 m: 1. Eastman 1:54,3. 2. JörkSchweden 1:57.9. 1500 m: 1. Bontrhron 3:56,2. 2. Lindgren=Schweden 3:58,3. 110 m Hürden: 1. Beard 14,5. 2. Albrectsson=Schweden 15,0. 3 Sten Pettersen=Schweden 15.0. Kugel: 1. Torrance 16,55 m. Hochsrung: 1. Johnson, USA 1,95 m. Weitsprung: 1. Sevensson=SchweTennis. Neue Fußfehler=Bestimmungen im Tennis. Eine sehr wichtige, aber selbst von der Meisterklasse wenig geachtete Bestimmung im Tennis ist die FußfehlerRegel. Die vielen Streitigkeiten, die in der letzten Zeit bei wichtigen Kämpfen an der Tagesordnung waren, haben den Internationalen Verband bewogen, einen Sonderausschuß einzusetzen, der den Auftrag hatte, für die Fußfehler=Regel eine neue Bestimmung auszuarbeiten. Der Sonderausschuß hofft nun die Lösung dadurch gefunden zu haben, daß in Zukunft hinter der Grundlinie in einem Abstand von 60 cm eine Hilfslinie gezogen wird. Der Spieler muß beim Aufschlagen mit einem Fuß hinter dieser Hilfslinie stehen. Neben den übrigen Landesverbänden wurde das Ergbnis der Beratungen des Sonderausschusses auch dem Deutschen Tennis=Bund mitgeteilt, der die praktische Auswirkung der neuen Bestimmung demnächst auf den Plätzen der Berliner Clubs Rotweiß und Blauweiß einer genauen Prüfung unterziehen wird. Als Aenderung kann die neue Fußfehler=Regel erst durch Beschluß des im Frühjahr 1935 in Paris tagenden Tennis=Kongresses angenommen werden. Sport in Kürze. Der Spanische Tennisverband hat auf die Teilnahme an den Ausscheidungsspielen für den Davispokalwettbewerb 1933 verzichtet. Dadurch kommt Südslawien ohne Kampf bereits in die dritte Runde und erwartet nun den Sieger aus dem Treffen Ungarn— Norwegen in Budapest. Auch die Schweiz nimmt nicht mehr an den Davispokalspielen teil. Wetterbericht. XEssen, 4. Aug.(Eig. Drahtb.) Vorhersage für Sonntag: Mäßige Winde östlicher Richtungen, noch vorwiegend bedeckt mit Niederschlägen, mäßig warm.— Vorhersage für Montag und Dienstag: Voraussichtlich nur langsame Wetterbesserung. Fortsetzung der Notstandsarbeiten. Die Gauleitung Westfalen=Nord hat in Verbindung mit den Behörden in Berlin bei den zuständigen Stellen die notwendigen Schritte unternommen, um die Bereitstellung der erforderlichen Mittel zur Fortsetzung der Notstandsarbeiten zu erlangen. Münster im Streckennetz der Deutschen Lusthansa. Nach Mitteilung des Herrn Reichsministers der Luftfahrt hat dieser der Deutschen Lufthansa A.=G. die Einbeziehung von Münster in das Streckennetz ab 1. 9. 1934 mit folgendem Flugplan genehmigt: Strecke ab 1. 8. 1934 konnte infolge Materialknappheit und der Notwendigkeit, vorübergehend zu den Bayreuther Festspielen eine besondere Linie einzurichten, leider nicht erfolgen. Eine Studienkreistagung um verkehrspolitische Aufgaben. A Münster, 3. August. Zur Bildung wissenschaftlicher Voraussetzungen einer nationalsozialistischen Verkehrspolitik hielt die in Münster gegründet„Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft“ in Verbindung mit dem Verkehrsseminar der Westfälischen Landes=Universität ihre erste Studienkreistagung ab, die einen starken Besuch westfälischer und niederrheinischer Teilnehmer aufwies. Bergassessor Stein=Recklinghausen erläuterte auf der Studienkreistagung die Aufgaben der Gesellschaft für den Wirtschaftsraum Rheinland=Westfalen=Niedersachsen. Professor Preyer gab ein Bild von den mehrjährigen Bemühungen, dem Verkehrswesen an der Universität im Lehr= und Forschungsplan die gebührende Stellung zu verschaffen. Professor Dr. Most(Duisburg) erklärte die Aufgaben, die sich zunächst für die wissenschaftliche Erkenntnis in Anbetracht der augenblicklichen Lage des Verkehrswesens(Eisenbahn, Binnenschiffahrt, Landstraße) für das Ziel einer Vereinheitlichung der Verkehrspolitik, der Einheit von Produktions= und Transportwirtschaft, Aenderungen des Tarifwesens zugunsten besserer Preisbildungsfaktoren(Beseitigung der Mengentarife bei der Reichsbahn!) und mancher anderer Aufgaben im Geiste einer wahrhaft nationalsozialistischen Wirtschaft, ergeben. Abteilungsdirektor Gerding(Dortmuid) sprach über die verkehrswissenschaftlichen Studienziele vom Standpunkt der Post und Telegraphie. Die Preisaufgaben der westf. Landesuniversität. A Münster, 4. August. Wie in den früheren Jahren, so hat auch jetzt wieder die westfälische Landesuniversität für das Studieniahr 1934/35 eine Anzahl Preisaufgaben gestellt. An ihnen können Studierende, die in dem Wintersemester 1934/35 und in dem Sommersemester 1935 an der Westfälischen Wilhelms=Universität immatrikuliert sind, sich beteiligen. Von den fünf Fakultäten liegen folgende elf Preisaufgaben vor: Katholisch=Theologische Fakultät: 1. Aus der Kirchengeschichte:„Die Wallfahrt in der Beurteilung des vorreformatorischen und reformatorischen Zeitalters“: 2. Aus der praktischen Theologie:„Die Erziehungsworte der Liturgie des Fronleichnamsfestes, in katechetischen Entwürfen für Jugendliche dargestellt“; 3.„Die rechtliche Stellung der Filialgeistlichen nach deutschem Partikularkirchenrecht“(aus der Schwane=Stiftung). Evangelisch=Theologische Fakultät: 1. Aus dem neuen Testament:„Die neutestamentlichen Rückblicke auf die alttestamentliche Geschichte, verglichen mit denen des späteren Judentums“; 2. Aus der praktischen Theologie:„Geistliche Uebung bei Luther“. Rechts= und Staatswissenschaftliche Fakultät: 1. Aus dem bürgerlichen Recht:„Inwieweit sind die Gedankengänge des Nationalsozialismus für das Vereinsrecht des BGB. de lege lata und lege ferenda nutzbar zu machen?“; 2. Aus den Wirtschaftswissenschaften:„Die Bankenpolitik als Mittel der Wirtschaftslenkung“(Dem Verfasser bleibt die Wahl der Beispiele und die Erstreckung des Begriffs„Bankenpolitik“ überlassen). Medizinische Fakultät: Aus der pathologischen Anatomie:„Zur Erforschung der Entstehungsbedingungen der beim Rheumatismus der Menschen auftretenden Atherosklerose ist am Modellversuch im Tierexperiment zu untersuchen, ob die im Serum=HyperergieVersuch zu erzielenden Gefäßwandschäden durch gleichzeitige Verabreichung von Cholesterin zum Bild der Atherosklerose führt“. Die Philosophische und Naturwissenschaftliche Fakultät: 1. Aus dem Gebiete der klassischen Philologie:„Die Beziehungen der Apologia Sokratis Xenophons zu der sonstigen sokratischen Literatur der ersten Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts v. Chr.“; 2. Aus dem Gebiete der Orientalistik:„Die Pentateuchzitate syrischer Prosaliteratur bis zum ersten Viertel des 5. Jahrhunderts n. Chr. in ihrer Bedeutung für die Probleme des altsyrischen Pentateuchtextes“; 3. Aus dem Gebiete der theoretischen Physik:„Es soll eine nach Möglichkeit logistisch formulierte axiomatische Grundlegung der relativistischen Punktmechanik geliefert werden“. Die Arbeiten, deren Bedingungen im allgemeinen bekannt sind, müssen spätestens bis zum 1. Oktober 1935 dem Dekan der Fakultät, die das Thema gestellt hat, eingereicht sein. Die Arbeiten der Kath.=Theologischen Fakultät können außer in der deutschen auch in lateinischer Sprache abgefaßt sein. Die Philosophische und Naturwissenschaftliche Fakultät stellt dem Verfasser einer mit dem vollen Preise gekrönten Arbeit, wenn sie den an eine Doktorarbeit zu stellenden Anforderungen genügt. kostenlose Promotion(Erlaß der Promotionsgebühren) in Aussicht. Münsterischer X Münster, den 4. August. Der Markt zeigte trotz der ungünstigen Witterung lebhaften Verkehr. Der Zuspruch war besonders gut. Auf dem Eier= und Buttermarkt forderte man für Landbutter 1,30, an einigen Stellen 1,25, Molkereibutter 1.35 und 1,45, deutsche Markenbutter 1,50, Landeier 8, standardisierte Eier mit dem Stempel A 9. B 8½. C 7½. D 7 und S 9 und 9½ Pfg. Junge Hähnchen kosteten 70 bis 85 oder je Pfund 60, Hühner 75—85. Der Gemüsemarkt zeitigte folgendes Preisergebnis: Stengelrüben 15, Spinat 25, DickeBohnen 10—15, Stangenbohnen 30, Kohlrabi 15, Erbsen 20 und 25, Gurken 10, Schlangengurken 10, 15, 20, 25 und 30, Einmachgurken 100 Stück 80. 90. 1.—, 1.20 und 1,40, Perlzwiebeln 15—25, Johanniszwiebeln 10, Schalotten 20 und 25, Wirsing 15 und 20, Rotkohl 15, Blumenkohl 20, 30 und 35. Rhabarber 5, Prinzeßbohnen 20, Fitzebohnen 30, Wachsbohnen 35, Wurzeln 8 oder 2 Pfd. 15, Sellerieknollen 10 und 15, Radieschen 5, Porree 5 oder 3 Stck. 10. Meerrettich 20. 25, 30 und 35, Mangold 6—8 und Kartoffeln 7 Pfg.— Die Obsthändler forderten für Waldbeeren 35—45, Tomaten 10—25, Birnen 10—25, Tafeläpfel 30, Pfirsiche 40, Preißelbeeren 35, Johannisbeeren 20, Kirschen 30, Himbeeren 30. Stachelbeeren 10—20, Melonen 30—40 und Eierpflaumen 20—25. * ( Nordhorn, 4. Aug. Tod durch eine leidige Unsitte, Der Schneidermeister Be. von hier erhielt von der Polizeiverwaltung Friedrichsfelde die Nachricht, daß sein 15jähriger Sohn dort tödlich verunlgückt sei. Er hatte mit gleichaltrigen Kameraden eine Ferienfahrt mit dem Fahrrad an den Rhein unternommen und sich unterwegs an einen Lastwagen gehängt. Dieses wurde ihm zum Verhängnis. Er kam zu Fall und wurde überfahren Der Tod trat nach kurzer Zeit ein. Heirat, Einheirat vermitttelt Frau H. Gerlach Münster Mühlenstraße 5. Tägl.. a. Sonntags, 3. sprechen. Rückp. Aus= kunft 30 Pfa. 5tägige Sonderfahrt vom 20. bis 25. Hugust im mod. 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Die„Fortuna" war eine stille Schenke mit festen Kunden. Sonntags und Montags, oft auch an Dienstagen, wurde fast an jedem Tisch gekartet. Aber in der Woche war nichts los. Wenn der Bäcker das Brot brachte oder der Metzger ein Pfund Fleisch, dann nahmen sie ein Gläschen zu drei Centen. Und der Milchbauer wechselte jeden Morgen sein Liter Milch gegen zwei Klare um. Das tat er, um den Schmutz aus der Kehle zu spülen. Die eine Schenke hat viel zu tun, die andere wenig. Man weiß nicht, warum. Liegt es an den Menschen oder an dem Haus? Das ist schwer zu sagen. Es ist einer der vielen kleinen Zufälle im Leben, die man mit dem größten Verstand nicht erklären kann. „Das bestimmt die Glücksgöttin Fortuna", sagte Piet,„sie hält ihre Hand über Häuser und Menschen, wie es ihr paßt. Du mußt warten, bis sie kommt. Mit der Liebe ist es genau so." Piet glaubte kein Wort davon. Dazu war er zu fromm. Aber es klang gelehrt. Sonntags um ein Uhr, gleich nach dem Mittagessen, kam Marus vom Gehöft eine Pinte trinken. Er nahm einen Schluck, dann schlief er ein. Um halbdrei weckte ihn Piet, der sich auch hingelegt hatte, und sie gingen zusammen zur Drei=Uhr=Andacht. Marus vom Gehöft war ein einfältiger Bauernknecht, schmal und aufgeschossen, mit spitzem Gesicht, schläfrigen Augen und langem, farblosem Haar. Er erzählte Piet von den Kartoffeln und lachte blöde. Das tat er immer, wenn er redete. Er sprach kurz und ungebärdig. „Ha, ha, ha, Jooke Ternats Kind ist in kochendes Wasser gefallen, ha ha... Da gibt es nichts zu lachen, ha, ha..." Marus bezahlte an Piet jeden Sonntag 44 Centen. Für sein Begräbnis! Die sammelte Piet noch von mehr Leuten ein. Er brachte sie auf die Bank, und am Ende bekam man mehr Geld wieder, als man eingezahlt hatte. Merkwürdig! Ha, ha, ha. Piet betete in der Andacht vor. Früher hatte er es auch bei den Prozessionen getan. Aber jetzt hatte er geschwollene Adern und konnte nicht mehr so schnell gehen. Er war älter als er aussah mit seinem dicken, weißen Kraushaar, dem rotglänzenden, glatten Gesicht und den scharfen, kleinen Korinthenangen. Und Geld hatte er! Ja, er lebte von einer Rente. Früher hatte er in der Eichelstraße einen Laden für Porzellan= und Begräbniskränze gehabt. Aber eines Tages brannte sein Haus ab, als er ausgegangen war. Die Versicherungsgesellschaft bezahlte gut, und seitdem lebte er von der Rente. „Der hat das Glück gepachtet," sagte Mil. Piet lebte still und geregelt in den Tag hinein. Morgens ging er in die Messe, tagsüber suchte er Nachbarn und Freunde auf, spazierte ins Grüne oder spielte in einer stillen Kneipe eine Partie Skat. Um zehn Uhr abends ging er zu Bett. Ein= oder zweimal wurde er jede Nacht wach und schnupperte. Er machte die Tür auf und schnupperte noch einmal, ob es nicht brannte, denn seit dem letzten Mal hatte er Unruhe. Und jeden Abend beim Schlafengehen betete er für seinen Bruder Jan,„daß er den Glauben wiederfände!" Jan wohnte in Lookeren. Er war zwei Jahre jünger als Piet, unverheiratet und lebte, nachdem er als Kanzlist eines Anwalts tätig gewesen war, im Ruhestand. Er hatte mit Panamaaktien spekuliert und war dabei reich geworden. Alle Neujahr kam er Piet und Mil besuchen. Dann war er eine ganze Woche betrunken, gab Runden und erzählte Geschichten. Die Kneipen hallten wider von seinen Späßen. Er hatte immer ein paar Hefte bei sich. Die hütete er mehr als sein Geld. Denn darein schrieb er alle ergötzlichen Geschichten, die er horte. Saß er mit jemandem im Zug, dann fragte er ihn, ob er nichts Lustiges wußte. Das schrieb er dann gleich auf. Jedes Neujahr, wenn er kam, hatte er ein paar Hefte mehr. Er verstund seine Geschichten gut zu erzählen, mit heiserer Stimme, schnell und beißend. Jan war nur gut einen Meter hoch, denn er hatte einen gewaltigen Buckel. Er glich Pier, hatte aber schwarze Haare und auch dickere Lippen, zwischen denen ewig eine kleine Zigarre wippte. Ein bissiges, boshaftes Männlein, das, um mit seinem Gebrechen nicht zum Gespött zu werden, die andern biß, daß sie vor ihm bange waren. Piet hielt sich schlecht und sah schmutzig und ungepflegt aus. Jan aber war ein richtiger Herr, sauber und elegant. Er gebrauchte reichlich Kölnisch Wasser. Er hatte immer ein Fläschchen in der Tasche und war freigebig damit vor den jungen Damen. Piet und Jan kabbelten sich jedes Jahr wie zwei Kampfhähne über Loge und Kirche. Es kam vor, daß Angeline dem einen den großen hölzernen Rührlöffel und dem andern den Ofenhaken wegnehmen mußte. Wenn aber die Besuchswoche herum war und Jan mit seinen Heften nach Lookeren abdampfte, weinte Piet, steckte ihm eine Tüte Pfeffermünz und Jejeipeken in die Tasche, und am nächsten Tage brachte Jan bereits einen schönen Seidenstoff für Piet auf die Post. Ahoi! Segler zur Ausfahrt bereit „Fortuna schwebt in der Luft, man muß auf sie warten..." sagte Piet. Mil hatte gewartet, aber sie war nicht gekommen. Angeline sagte zu Piet:„Wo du doch gerade schreibst, frage Onkel Jan, ob er nicht auch zu uns ziehen will. Er braucht hier nicht mehr zu bezahlen als anderswo. Und wir sind dann aus der Not.“ Piet schrieb an seinen„sehr lieben Bruder Jan.“ Und Jan antwortete seinem„herzlich geliebten Bruder nicht immer weinen und den Kopf hängen lassen. Wozu sollte das gut sein? Wenn Piet nicht dabei war, erzählte Jan seiner Schwägerin auch Liebesgeschichten. Und sie hörte zu. Ja, sie war eine hübsche Frau.„Um hineinzubeißen," sagte Jan. * Es war Sonntag. Sonne und Stille! Marus vom Gehöft saß in der Wirtschaft hinter seiner Pinte und schlief. Auch Angeline schlief hinter dem Schanktisch unter einem Werbebild für alten Genever. Sie hatte den Kopf gegen die Wand gelehnt. Piet schlief oben auf seiner Kammer und Jan in der Küche. Alles schlief. Die Kinder waren draußen. Jan wurde zuerst wach. Die verdammten Fliegen! Er schlenderte gähnend in den Schankraum. Da sah er Marus schlafen und sah auch Angeline schlafen. Ihr Hals war weiß; sie blühte. Plötzlich kam Jan ein Gedanke. Seine Anglein wurden scharf. Er beobachtete Marus über den Buckel weg. Der schlief so fest wie ein Türke. Jan hustete. Marus schlief weiter und Angeline auch. Da schlich er auf den Zehen zu ihr hin, drückte ihr einen Kuß auf die breite Backe und lief halsüberkopf wieder in die Küche. Angeline wachte auf und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Sie sah sprachlos Marus an. Der stierte idiotisch und grinste matt. „Nein, das kann nicht... Ich habe geträumt," dachte sie und schlief wieder ein. Auf der hohen Brücke packte Piet den Marus am Rockkragen. „Hast du das wahrhaftig gesehen?" „Ja, ha, ha. Ich wurde gerade wach, und da lief er weg, und sie bildete sich, glaub ich, ein, ich wäre es gewesen. Ha, ha, ha!" „Und was sagte sie?" fragte Piet mit trockenem Mund. „Ha, ha, sie sagte nichts, sie schlief weiter.“ „And sie fragte nicht, wer sie geküßt hatte?" „Nein, ha, ha." „Dann hat sie es gern!" „Ja, ja, das kann wohl sein, ha, ha!" Piet konnte in der Andacht nicht fromm vorbeten. Erst mußte er Jan in die Schranken weisen, ihm einen Schlag ins Gesicht geben. Eine Schande! Die Fran des verstorbenen Bruders zu küssen und wohlgefällig anzusehen! Aber als Piet nach Hause kam, sagte er doch nichts. Er hatte es sich anders überlegt und bespitzelte Jan. Da ging ihm erst auf, wie der Bruder um Angeline herumscharwenzelte. Er blickte sie begehrlich an, schenkte ihr Schokolade und war ihr dauernd auf den Fersen. Ging sie auf den Hof, er hinterdrein. Hantierte sie in der Wirtsstube, stand er bei ihr und unterhielt sie mit Geschichten, daß ihr KörWir würden für einander sterben," sagte Piet, Piet", daß sich das gerade gut träfe. Sein Kostwirt zöge per sich vor Lachen schüttelte. Es fiel Piet auf, daß Jan, wenn wir nur den gleichen Glauben hätten!" zu seiner Tochter nach Blankenberghe. Verwandte über= der doch sonst ganze Vormittage in andern Kneipen saß, Mil. der jüngste Bruder, hatte nicht spekuliert, und nähmen die Wirtschaft. Aber das gefiel ihm nicht. An keine halbe Stunde mehr vor die Tür ging. Da blieb Phot.: Rich. Dunsche Dortmund sein Haus war auch nicht abgebrannt. Er war Schriftsetzer in Antwerpen. Angeline hatte Mühe darzukommen. Drei Kinder in die Schule schicken! Und nur ein kleines Gehalt! Und eine stille Schenke! Piet bezahlte ja ganz gut. aber im übrigen war er ein Geizkragen. Jeden Sonntag steckte er den Kindern ein paar Pfennige zu. Aber die ganze Woche blieb er zugeknöpft. Dagegen war Jan eine Milchkuh. Dem kam es nicht auf eine Flasche die See mit dem vielen Wasser möchte er nicht, und an neue Gesichter wolle er sich nicht mehr gewöhnen.„Bestell Angeline, daß ich in 14 Tagen komme. Es ist ohnehin mein Wunsch, in der Stadt, wo ich geboren und aufgewachsen bin, zu sterben. Euer anhänglicher Bruder Jan." Er kam. Über Angeline hing noch ein Hauch des Leids. Jan rührte nicht daran. Er behielt seine GeschichChampagner an, und wenn Angelines Namenstag war, ten für sich. Nur in den Kneipen und bei den alten Kum schickte er ein Taschentuch, eine Bluse oder Kämme. chachan nan Piet begnügte sich damit, eine Tafel Schokolade zu schenken. Eines Tages kam Mil krank von der Arbeit nach Hause. Der Schweiß rann ihm in Bächen vom Gesicht. Der Doktor kam. Eine Nierenerkältung! Am zehnten Tag war er bereits tot und begraben. Er hatte wenig Glück erfahren. Ja, mit jedem Menschen ist das anders. panen packte er damit aus, daß die Scheiben vor Lachen zitterten. Die Leute kamen ihm zuzuhören, und wer etwas auf dem Kerbholz hatte, blieb lieber weg, denn Jan stach und hieb mit seinen Geschichten heimtückisch dazwischen. Das Leben bei Angeline wurde wieder lauter, denn zwischen Jan und Piet konnte das Gekappel über den Glauben und die Geistlichen nicht lange ruhen. Allmählich packte Jan wieder lustige Geschichten aus, und Angeline lachte auf die Dauer mit. Man kann ja auch Piet, anstatt einen Morgen um den andern zu vertrödeln, zu Hause hocken. Das paßte Jan wieder nicht. „Seit wann bist du solche Hausratte?" fragte er. „Und du erst!" sagte Piet. „Hast du die Pfeiler abgenagt, daß du nicht mehr in die Kirche gehst?" „Du hast wohl deine albernen Geschichten alle erzählt, daß du dich nicht mehr in die Wirtschaften getraust?" „Miserabler Graukopf!“ „Miserabler Buckel!“ Jan ließ sich durch Piet nicht stören. Aber da der seinem Bruder auf die Finger sah und dabei Angeline auch oft betrachten mußte, wurde er plötzlich etwas Merkwürdiges gewahr. Sein Herz geriet in dieselbe Verwirrung wie das Jans. An diesem Freitag war es nach Tisch sehr warm. Alle Türen vorn und hinten standen offen. Piet saß in der Küche im Rohrsessel und stellte sich als ob er schliefe. Seit dem letzten Sonntag legte er sich mittags nicht mehr zu Bett. „Da stört mich das Gehämmer vom Schmied," sagte er. Er blinzelte durch die Wimpern und beobachtete Jan und Angeline. Sie hatte nach dem Spülen gegähnt und hielt in der Küche ein Schläfchen. Jan ging in den Hof und durchblätterte im Schatten eines von seinen Heften. Piet dachte, gleich kommt der Vogel wieder. Er wartete ab. Die Stille kroch heiß durchs Haus. Eine schöne Frau die Angeline! Wie sie so dasitzt, dachte Piet, so mit dem Kopf hintenüber gegen die Mauer und die Arme unter der Brust gekreuzt! Ihr Atem ging leise pfeifend auf und nieder. Der Schlaf tat ihr wohl. Gleich muß Jan kommen, dachte Piet. Er wartet ab, bis er glaubt, ich sei fest eingeschlafen. Oder traut er mir nicht? Er hat sie auf die blühenden Backen geküßt. Eine schöne Frau, die Angeline, sehr schön! Es war Piet, als ob sein Herz plötzlich größer würde, als ob Blut hineinströmte und er mehr Kraft bekäme. Und er stand leise auf und schlich zu Angeline. Jan bückte sich gerade lachend über sein Heft. Aber als Piet dicht bei ihr war und den Kopf schon neigte, wurde plötzlich sein Herz wieder klein. Er bebte und zögerte, er wollte zurück, aber ihre Wangen zogen ihn an. Er küßte Angeline und bekam im gleichen Augenblick eine schallende Ohrfeige in das rote Gesicht. Erschreckt und beschämt lief er weg. Aber die Empörung spülte Schreck und Scham herunter. Er rief laut:„Wenn dich der Buckel küßt, dann sagst du nichts, dann streichelst du dir noch die Backen vor Vergnügen.“ „Alter Narr," rief Angeline. „Sag das dem andern, der hat angefangen," rief Piet. Jan stand bleich und erregt in der Tür. Die Zigarre in seinem Mund bebte. Aber eigentlich war es eine Erlösung! Jetzt konnte er sagen, wie gern er Angeline hatte. Er schrie heiser:„Ich kann das auch besser als du.“ „Du sollst dich schämen, Buckel!“ „Und du erst recht, Pfeilernager! Du machst es mir doch nach! Aber eines sage ich euch allen beiden: ich heirate Angeline! Basta!“ Und Piet schrie:„Ich auch! Ich habe mehr Anrecht als dul Ich bin der Alteste! Wer möchte dich Ungetüm heiraten?" „Und erst dich knanserigen Geizhals!“ „Was, ich knauserig?" schrie Piet.„Da, das ist alles für Angeline!" Und er warf eine Brieftasche mit einigen 20 Frank=Noten auf den Tisch. „Das kann ich auch," schrie Jan in hohen Tönen. Er holte alles Geld aus der Tasche und schüttete es auf den Tisch, vier Fünf=Frank=Stücke in Nickel. Sie wirkten ärmlich neben den Scheinen, aber er zog, um sich zu retten, die goldene Uhr und die vergoldete Kette heraus und warf sie auf den Tisch.„Das ist Gold!“ „Oben habe ich noch mehr!" rief Piet. „Und ich noch mehr als du!“ Und beide rannten gleichzeitig zur Treppe. Der eine hielt den andern fest. Laß mich los! Laß mich los! Sie stießen und pufften einander. Angeline, die zunächst starr, halb lachend und halb ängstlich zugesehen hatte, schoß in den Flur, packte die beiden Männer mit all ihrer jugendlichen Kraft, puffte sie gegeneinander und zog sie weg. „Hinaus, alte Narren! Noch einmal solch ein Gekeife, und ich sperre die Tür zu! Ich ziehe aus! Oder glaubt ihr, ich ließe mich von zwei gerupften Kampfhähnen wie ihr lächerlich machen? Du hierhin! Du dahin! Hier ist die Uhr und hier das Geld— Schnell!“ Jan verkrümelte sich in den Garten und Piet in den Schankraum; beide betrübten Herzens über Angelines böse Worte. Zwei gerupfte Kampfhähne! * Seit Tagen sprachen sie nicht mehr zusammen. Sie setzten ihren Dickkopf auf. Aber einer behielt den andern im Auge und belauerte ihn mit scheelen, falschen Blicken. Keiner ging mehr vor die Tür. Jeder wollte den andern überlisten. Plötzlich sagte der eine:„Ich gehe jetzt in die und die Wirtschaft." „Und ich in die!" Aber sie sagten das nur zu Angeline, nicht zueinander. Sie setzten den Hut auf, Jan ging nach der einen Seite der Schenke und Piet nach der andern hinaus. Hinter der Ecke blieben sie stehen. Und wenn einer vom andern vermutete, daß er weg sei, kehrte er wieder um. So trafen sie beim Eintritt in das Haus wieder aufeinander. „Das ist nicht mehr„Zur Fortuna" sondern„Zu den zwei Narren". Ihr geht jetzt beide spazieren. Keiner kommt vor vier Uhr ins Haus!“ Wenn Angeline das sagte, besuchten sie ein paar Nachbarn. Aber punkt vier Uhr prallten sie vor der Fortuna wieder zusammen. Immer heißer wurde ihr Verlangen, Angeline als Frau zu besitzen. Das steigerte ihre Feindschaft! Sie blickten ihr schmachtend nach. Keiner scheute sich vor dem andern. Wenn sie sich ertappt fühlten, steckten sie einander die Zunge heraus. * Es fiel beiden auf, daß Stanie Verhelst, der Beinhauer von nebenan, häufiger als sonst und selbst während des Tages in die Schenke kam. Stanie Verhalst war der Freund des verstorbenen Mil gewesen. Am Weihnachtsabend kam er immer herüber und spielte die Geige und sang Lieder am Christbaum. „Wer ist da?" fragte Piet. Jan sagte:„Stanie Verhelst." Ein oder zwei Stunden später:„Wer ist da?" „Stanie Verhelst." Das ging so einen Tag nach dem andern. Wenn sie schließlich den Namen Stanie Verhelst aussprachen, sahen sie einander dabei ängstlich und prüfend an. Wie lange der Kerl mit Angeline sprach! Wie andächtig sie ihm zuhören konnte! Einmal saßen sie beide in der Küche. Angeline putzte in der Gaststube die Fenster. Da kam Stanie Verhelst herein. Die Pinte in der Hand beugte er sich über den Schanktisch und planderte mut Angeline. Die beiden Brüder sahen sich an. Ihre Blicke sagten das gleiche. Stanie Verhelst mähte ihnen das Gras vor den Füßen weg. Dieser Witwer ohne Kinder wollte ihnen Angeline wegschnappen. Enttänschung, Öhnmacht, Verzweiflung, Nachegelüste bohrten in ihren Herzen. Sieh doch diesen faden Stanie! Er lacht, er tätschelt freundlich Angelinas Hände. Jan biß sich die Lippen. Er griff nach dem Feuerhaken. Piet nahm den großen Holzlöffel, der an der Wand hing. Jan winkte Piet. Sie verbargen die Waffen auf dem Rücken und traten in die Schenke. Sie zitterten und waren kalkweiß. Stanie sah sie gleichgültig an und erzählte weiter. Angeline merkte, daß mit den beiden etwas los war. Sie gebärdeten sich so sonderbar. Hielten sie etwas versteckt? Sie hörte dem Metzger nicht mehr zu und wollte die beiden gerade fragen, was sie vorhätten, da war es schon zu spät. Wie auf ein verabredetes Zeichen kriegte Stanie Verhelst zwei Schläge von dem Feuerhaken und dem Löffel auf seinen fuchsigen Kopf. Er heulte vor Schmerz auf, drehte sich schnell um und sah, daß die beiden Narren, überrascht von der eigenen Tat, ihn wie ein Wunder anglotzten. Mit Puff und Stoß sausten die gegen die Wand. Dann holte der Metzger Angeline, die vor Schreck zusammengeklappt war, hinter dem Schanktisch weg, setzte sie auf einen Stuhl und benetzte sie mit Wasser aus einem Eimer. Sie kam gleich wieder zu sich, sprang auf, rannte laut schimpfend hinter den Brüdern her und schickte sie in die Küche. Folgsam wie kleine Hunde trollten sie ab, aber Piet riß die Tür noch einmal auf. „Lieber verhungern, als noch einmal Fleisch von diesem Judas essen!“ „Ich auch nicht!" schrie Jan. Angeline schickte Stanie Verhelst schnell weg und ging in die Küche.„yr macht mich vor der ganzen Stadt lächerlich. Ich wage nicht mehr an die Tür zu gehen. Was sollen die Nachbarn sagen? Aber hört einmal gut zu: Ich will keinen von euch beiden. Ich habe keine Lust, wieder zu heiraten. Jetzt kann ich nicht, aber in einem Jahr, wenn die Trauer vorbei ist, will ich nicht. Verstanden? Wenn ihr noch einmal so törichte Streiche ausheckt, mache ich den Kram zu und ziehe zu meiner Schwester." „Dann enterbe ich dich!" rief Jan. „Ich ebenfalls!" sagte Piet. Da besann sich Angeline. „Ich schäme mich ja so. Mein Mann, euer eigener Bruder, ist kaum ein paar Monate tot und schon scharwenzelt ihr um mich herum." Sie weinte und schluchzte in ihre Schürze. Die Brüder sahen sich an. Demütig und mit schlechtem Gewissen hörten sie schweigend die Vorwürfe der Schwägerin. Bei jeder Klage, die sie herausschluchzte, schreckten sie zusammen. Aber keiner sagte ein Wort. Erst als Angeline aufhörte zu weinen, fing Jan an: „Angeline, es ist mein Glück oder Unglück, und auch das Piets, daß ich hierher gezogen bin. Aber es ist nun einmal so, daß wir dich beide gern haben. Du magst uns nicht. Gut! Ich kann nicht dazu, daß ich einen Buckel habe. Ich habe mich nicht selber gemacht. Aber ich habe Geld und einen guten Charakter.“ „Ich auch! Ich auch!" schrie Piet. „Das weiß ich," sagte Jan,„aber laß mich ausreden. Es ist dein Nutzen. Du magst also keinen von uns heiraten. Gut, aber damit ist unser Fall noch nicht begraben. Piet und ich, wir stehen wie zwei Feuer gegeneinander. Das ist nicht so leicht erledigt. Darum sag ich: Wenn du einen von uns heiratetest, wen würdest du nehmen? Mehr will ich nicht wissen. Und wenn ich es weiß, schicke ich mich darein. Das verspreche ich dir." „Einverstanden, rief Piet, das nehme ich auch an. Entscheide dich zwischen uns beiden, sonst ziehe ich aus und ändere das Testament." „Ich ebenfalls, also wähle, Angeline!“ Angeline sah die beiden lange an. Zwei alte Wracks! Wenn sie noch einmal gesagt hätte, daß sie keinen von beiden möchte, so wäre das bei ihrer Dickköpfigkeit ein Pflaster auf ein Holzbein gewesen. Dann hatte sie wieder jeden Tag Zank! Deshalb ersann sie eine List. Als gute Mutter dachte sie natürlich an das Vermögen, das die Brüder einmal hinterließen. Das beste wäre, sie an der Leine zu halten. Keine durchschneiden, dann hätte sie nur Fetzen behalten. Sie hoffte, daß schon etwas geschehen würde, wodurch alles wieder gut würde. Die beiden sahen sie erwartungsvoll, gespannt, hoffend, ängstlich und zu Jubel und Tod bereit an. „Laßt mich darüber noch einmal gut nachdenken bis nach der Trauer," sagte sie. „Gut," seufzten beide, froh, den tötlichen Stoß noch nicht zu bekommen. „Aber bis dahin muß es hier wieder so still wie früher werden. Du gehst wieder jeden Morgen zur Kirche, du zurück zu deinen Heften. Ich wähle den, der mich auf diese Art am meisten achtet." Sie lächelte ihnen zu. Ach, dieses Lachen! Es brachte die zwei noch fester in ihren Bann. Eine hübsche Frau mit blühenden Wangen, klaren Augen, lebendig und zupackend. Ein schönes Weibsbild! * Außerlich ging wieder jeder seinen Weg. Sie hörten Angeline und erwiesen ihr Achtung. Das war für sie eine schöne Zeit. Jeder suchte sich bei ihr beliebt zu machen, brachte ihr allerlei mit und steckte es ihr heimlich zu. Sie legte es ebenso heimlich weg, Leckereien, Rauchfleisch, Kämme und Geld für die Kinder oder für sich selbst, um sich ein schönes Geschenk dafür zu kaufen. Es war, als wenn der eine Bruder vom andern ahnte, daß er sie beschenkte. Sie wurden immer freigebiger und suchten sich gegenseitig zu übertrumpfen. Manchmal, wenn Angeline abends im Bett wachlag, ärgerte sie sich selbst, daß sie alles annahm. Das war doch nicht recht! Aber wie ist der Mensch! Und schließlich tat sie es ja für die Kinder! Sie schüttelte die Gewissensbisse von sich ab, indem sie sagte, sie brauchten ja nicht so närrisch zu sein! Sie mußte nach Antwerpen fahren, um für sich und die Kinder Winterkleider einzukaufen. Nebenbei sagte sie, es sei alles so teuer. Natürlich steckten die beiden Brüder ihr heimlich Geld zu. Sie hatte ihr bestes Kleid angezogen. Sie hatte sich gepudert und die schönsten Ohrringe angelegt, die langen. Eine hübsche Frau! Als sie wegging und um die Straßenecke bog, sah sie unwillkürlich um. Piet stand unten in der Tür, Jan oben am Fenster. Sie warf beiden mit der Hand einen Gruß zu, aber da einer den andern nicht sehen konnte, dachte jeder, der freundliche Gruß habe ihm gegolten. Das machte beide stolz und hochmütig. Jeder war überzeugt, nun werde er siegen. Ihre Gebefreude und ihr Stolz wuchsen. Jan schenkte der Schwägerin auf einmal hundert Franken. Ihr wurde beinahe schwindelig. Er beschämte sie. Sie hätte sich darauf nicht einlassen sollen. Aber jetzt hatte sie angefangen, wenn sie es plötzlich zurückgewiesen hätte, dann hätte es wieder geheißen: Siehst du, von mir will sie kein Geld mehr, sie nimmt den andern. Jan steckte ihr hundert Franken auf einmal zu in einem Briefumschlag. Aber er hielt ihre Hand dabei fest und sagte:„Angeline, nimm mich, dann gebe ich dir tausend Franken!“ Sie taumelte beinahe. Das Geld blendete sie! Warum waren die beiden so verrückt.„Ja, Schwager, ich heirate dich, aber sag Piet nichts, er wird sonst krank werden.“ „In meinem Herzen lebendig begraben," jauchzte Jan und küßte ihr Hand und Arm. Jan lief nun immerzu lächelnd durchs Haus. Das kam Piet merkwürdig vor. Heulend stellte er sich neben sie.„Angeline, Mädchen, ich kann nicht mehr warten, bis das Trauerjahr vorüber ist. Wenn du mich nimmst, du weißt wohl, ich habe immer gut für dich gesorgt, dann bekommst du, was du willst. Kannst du 200 Franken brauchen?" Diet war nicht so freigebig wie Jan. Angeline stippte dem verlegenen Piet gegen die Brust.„Ich kann nicht anders, Piet, du bist am längsten hier. Aber bitte, kein Wort zu Jan." * Aber Jan war nun stolzer geworden.„Angeline, versprich mir, daß du mich heiratest! Ich baue dir ein schönes Reiche=Leute=Haus. Ich mache eine Dame aus dir! Laß die Nachbarn nur lachen!" Sie sank auf den Stuhl und weinte wieder in ihre Schürze.„Kein Wort an Piet! Ich werde es ihm gelegentlich beibringen," schluchzte sie. Aber dann kam Piet in die Stube und schwang drohend den Spazierstock. Er packte Jan an der Kehle. „Gleich prahlst du wieder. Angeline nähme dich!" Angeline sah ein, daß sie sich nur retten konnte, wenn sie hart war. „Verrückt", rief sie,„Geld! Geld! Was tu ich mit eurem schmutzigen Geld! Ihr steckt es mir in die Hand, und ich nehme es an, um ener Geschwätz loszuwerden. Oder glaubt ihr etwa, daß ich es behalten wollte? Hier habt ihr es zurück! Hier!" Sie lief zur Kasse, riß die Schublade auf und nahm daraus eine lederne Handtasche. Da sie schwer aufging, zerrte sie wütend an dem Schloß. Die Brüder sahen sich schweigend und ängstlich an. Das Schloß ging nicht auf. Schließlich lief Angeline an die Tischschublade und holte ein Messer heraus. Die Brüder rannten weg. Piet die Treppe hinauf, Jan spektakelnd auf den Hof. Ritsch, ratsch, sie schnitt die Handtasche auf und nahm ein paar 20 Franken=Scheine, eine Handvoll Silber und Kupfercenten heraus. „Da ist euer Geld! Alte Satyrn! Und wehe, wenn ihr mir noch einmal einen Cent anzubieten wagt." Und sie warf das Geld in alle Ecken. „Und nächste Woche zieht ihr beide weg. Ich kann auch ohne euch leben! Lebt wohl und zieht ab!“ Hinter dem rauhen Auftreten hatte sie Scham und Wut verbergen können, aber als sie draußen war, schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie lief rascher. Das Sankt=Peters=Kapellchen! Da war sie ganz allein und konnte sich von Herzen ausweinen. „Morgen gehe ich zum Grabe unseres Mil," sagte sie schließlich. Die Kinder kamen aus der Schule. Sie wollten das Geld vom Boden aufgrapschen. „Weg da," rief Jan.„Spielt draußen! Da habt ihr Centen für Kuchen!“ Die Kinder stürmten jubelnd nach draußen. Plötzlich sagte Jan:„Einer von uns beiden muß fort."„Weshalb?"„Anegeline kann so nicht wählen."„Dann geh du weg," sagte Piet.„Ich bin am längsten hier."„Deshalb ist es Zeit, daß du hier verschwindest!"—„Mich bringt hier niemand weg, es sei denn tot," schrie Piet. „Mich desgleichen!" „Trotzdem muß einer weg," sagte Jan.„Dann heiratet sie einen von uns. Das weiß ich." „Wenn sie dich nimmt, enterbe ich sie!" „Ich, wenn sie dich nimmt." Wieder rennen sie hin und her, aufgeregt, haßerfüllt. „Einer von uns beiden muß weg,“ wiederholte Jan. „Sag, Piet,— er nahm ihn bei der Hand— du weichst nicht und ich weiche nicht. Sollen wir Strohhalm ziehen?" Piet grinste.„Du bist verrückt." Wieder wandern sie. Da bleibt Jan stehen. Entschlossen ruft er:„Sollen wir um die Back spielen? In einer Partie?“ Piet sah Jan scharf und drohend an. Dann sah er wie nach innen in sich selbst. Er flehte alle Heiligen des Himmels an. Fast lautlos sagte er:„Ja.“ „In einer Partie?" 30. „Wer verliert, muß weichen oder läßt zu, daß Angeline den andern heiratet.“ Ja. „Und enterbt sie nicht. Piet nickt zustimmend. „Sogleich?" fragt Jan. „Je eher, je lieber," sagt Piet. Sie sehen sich noch einmal drohend an und beginnen zu spielen. Piet machte den ersten Wurf. Jan kaute eine neue Zigarre, die er anzustecken vergaß. Die Würfel rollten sacht, die Steine wurden behutsam versetzt. Es ging um eine Frau, es ging in einer Partie Backspiel um Leben und Tod. Ihr Atem keuchte. Sie zitterten. Ihre Blicke begegneten sich nur dann und wann flüchtig. Das Spiel ging seinen Gang. Mit einem Mal warf Piet doppelte Sechs und schoß damit ein ganzes Ende voraus. Jan troff der Schweiß über das breite Gesicht. Er wurde bleich. Die dicken Lippen waren trocken. Er sah seine„Eins" in Gefahr. Wenn Piet nur nicht jetzt„Eins" warf. Aber Piet warf fast lauter„Eins" und hängte Jan dadurch fast ab. Er hatte noch Aussichten, wenn er„Vier“ warf. Vorsichtig ließ er die Würfel aus dem Lederbecher kollern.„Eins!" Er machte die Augen zu. Wenn er nur aus dem ersten Spielfeld herauskäme! Daran war Piets doppelte Sechs schuld! Piet warf, nein setzte die Würfel und nahm Jan alle Vieren weg. Er fing schon an abzusetzen und Jan stand noch in dem ersten Back! Jan schüttelte die Würfel lange. Er sah Angeline die Straße heraufkommen. Hastig warf er. Wieder den„Einen!" Piet lachte und nahm die Würfel zu einem neuen Wurf, aber er hielt inne und betrachtete Jan sprachlos. Jans Augen stierten weit offen aus kalkweißem Antlitz, er wollte etwas sagen, aber es ging nicht. Es war ein Lied, das er sang. Er sank mit dem Kopf vornüber in die Würfel und die Steine. „Jan, Jan!" schrie Piet. Und Angeline kam gelaufen. * Nun lag Jan schwerkrank zu Bett. Dem Arzt erzähle= Viet, daß es ihn bei einer gewöhnlichen Spielpartie überrascht habe. Sie dürfen nicht mehr mit ihm spielen," sagte der Arzt.„Sein Herz hat etwas abbekommen." Jan stammelte immerzu:„Die Vieren, die Vieren! Eine Vier, eine Vier hätte genügt... Die Fortuna! Die Fortuna!" Piet war in drei Tagen abgemagert, aß und schlief nicht mehr und jammerte am Bett. Er tröstete Jan immerzu, wenn Angeline nicht dabei war, denn er wagte nicht zu bekennen, daß sie um ihren Besitz gespielt hatten. „Komm, Janneken, denk nicht an die Vier. Du bist nicht verloren. Das Spiel war noch nicht aus. Du hättest noch gewinnen können." Jan schüttelte den Kopf.„Eine Vier! Eine Vier!“ wiederholte er. „Komm, Janneken, ich nehme Angeline nicht. Ich will sie nicht. Ich habe sie nicht gewonnen. Auch wenn du stürbest, nähme ich sie nicht. Aber du darfst nicht sterben, was, Jan! Du kannst Angeline haben, ich trete sie dir ab." Jan deutete auf sein Herz. Er wollte sagen, daß es mit ihm aus sei. Da fiel Piet vor seinem Bett auf die Knie. „Jan, Jan, verzeihe mir! Wenn du stirbst, habe ich dich ermordet! Jchl Jchl Jch!" Jan schüttelte den Kopf.„Die eine Vier", sagte er heiser. „Und jetzt sollst du es auch erfahren, schrie Piet so laut er konnte.„Jetzt sollst du erfahren, was ich getan habe, um Angeline zu gewinnen." Als Angeline das Schreien hörte, kam sie nach oben gerannt, aber es fehte ihr der Mut, die Tür zum Krankenzimmer zu öffnen. Sie horchte. „Ich habe falsch gespielt, Jan, zweimal. Als ich die Sechse warf und als ich die Eins warf. Beide Male habe ich fünf Steine verschoben statt vier. Ja, ja, sonst hätte ich Angeline verloren! Oweh, oweh, verzeih mir das, Bruder! Aber ich nehme Angeline nicht, zur Buße nehme ich sie nicht." Jan strich Piet über die borstigen, weißen Haare. Piet fühlte die Verzeihung dieser Bewegung wie einen Segen über sich strömen. Jan sprach nicht mehr von den Vieren. Seine Unruhe war verschwunden.„Geistlicher", hauchte er. Der kam und spendete ihm die Sakramente. Zwei Tage später war Jan tot. Angeline tat, als wüßte sie von nichts. Piet war wieder wie sonst zu ihr. Von Entscheidung und Trauung wurde nicht mehr gesprochen, als wäre nichts vorgefallen. Er ging wieder zur Kirche. Angeline wußte, was in seinem Herzen wühlte und rührte nicht daran. * Um Weihnachten sagte sie:„Onkel Piet, würdest du wohl wieder wie im vorigen Jahr den Weihnachtsbaum schmücken? Du kannst das so schön." „Dann bitte Stanie Verhelst, daß er wieder kommt und„Stille Nacht, heilige Nacht" auf der Geige spielt", sagte Piet gütig. Er wird den Kindern gewiß ein guter Vater." Da sagte Angeline mit Tränen in den Augen:„Ich danke dir auch, Onkel Piet!“ (Uebertragen von Dr. Karl Jacobs.) » VI. Schwarzes, schwatzendes Völkergemisch brandet hier durcheinander; Männer der Herrenklasse, Liberianer in europäischen Anzügen, ihre Frauen in ungeschickt sitzenden Kleidern und unmöglichen Hüten vergangener Jahrzehnte, Hafenproletariat, den Sitten ihrer heimischen Urwelddörfer entfremdete Ureinwohner in den gewagtesten Kombinationen zerfetzter Hemden, durchlöcherter Hosen, verschwitzter Sportmützen, verbeulter Hüte— und hier einer, heldenmütig wie ein Bratapfel in dick=wollenem, über die Ohren gezogenem Wintersportpudel schwitzend! Die Frauen erträglicher anzusehen: in bunte Kattuntücher gehüllt, das Kopftuch kokett und schief um den Wollschädel geschlungen, schreiende Babys auf dem Rücken im Hüfttuch tragend, ihnen dort im Schatten des Marktstandes, hier auf den Treppenstufen der Faktorei die Brust gebend. Neugierige Bübchen quirlen dazwischen umher, alle mit irgendwelchen phantastischen Fetzen behangen. Es ist ja Gesetz, daß jedermann in den zivilisierten Küstenorten bekleidet geht. Nacktheit ist strafbar. Und dann: wie stolz ist der Neger auf seine europäischen Lumpen! Machen Sie ihn doch dem äußeren Bild des großen weißen Massas ähnlich!— Das Gewühl der Fußganger beherrscht die Straße. Nur selten schiebt sich eins der wenigen Autos Monrovias durch die Menge.— Die große Masse der Ureinwohner, die aus dem Innern ihrer Wälder der Lockung der Küstenstadt gefolgt ist und nun die Geschäftsstraße Monrovias mit Tagedieben, Gelegenheitsarbeitern und Markthändlern füllt, wohnt am Rand der geschlossenen Siedlung, nach Stämmen getrennt in eigenen Dörfern von ursprünglichen Lehmhütten. Ihren Ackerbau haben die Neger hier fast verlernt; Viehzucht spielt durch Ungunst von Klima und Nahrung kaum eine Rolle; hier und da ein paar Zwergrinder, Zwergziegen, schwarz=weiße, glatthaarige Schafe, magere, schwarzbunte Schweine, Hühner, Enten und Hunde sind die wenigen Haustiere.— Hart am Meer liegt die Kru=town, das Dorf der Kru=Neger, deren Männer in der Regel als geschlossene Besatzungen auf europäischen Dampfern fahren. Sonst paddeln sie einzeln in ihren schwankenden Einbäumen ohne Ausleger aufs Meer zum Fischfang. Das übrige Negervolk treibt so durchs vergnügliche Dasein; immer auf der Suche nach geldabwerfender Gelegenheit, ob ehrlich oder dunkel ist unwichtig. Verdient man nichts, so ist das kein Unglück. Ein Stück Hemd, etwas Reis, Dörrfisch und Maniok fällt schon wo ab; Winter und Kälte ist unbekannt, gucken und palavern kann man überall, eine nette Mammi wird hier und da einverstanden sein,— also, das Leben ist heiter, auch ohne Geld.— Freilich, mit Geld ist es viel heiterer. Dann kann man immerzu Tabak rauchen aus dem uralten Tonpfeifenstummel, dessen Stiel schon ganz abgekaut ist; man kann Zuckerrohrschnaps in Mengen trinken, sich herrlich duftende Pomade in seinen drahtigen Krausschopf schmieren, kann sich ein neues Hemd leisten, oder eine besonders schöne Mammi(die sich hier sehr gern bezahlen läßt, nicht nur vom Weißen, sondern auch vom kleinsten Kuli), kann sich einmal richtig den Bauch voll Fleisch schlagen, das es gelegentlich auf dem Sonnabendmarkt zu kaufen gibt,— o ja, man kann sich mit mancherlei Luxus umgeben. Und wenn man eine gute Stelle bei einem weißen Massa bekommt, kann man sogar beginnen zu sparen für eine richtige eigene Mammi auf Lebenszeit, die man von ihren Eltern kauft. Und wenn man noch mehr Geld verdient, kann man sogar eine zweite Mammi kaufen, kann irgendwo landeinwärts ein bißchen Ackerbau anfangen, Reis oder Maniok pflanzen, seine eigene Hütte bauen, vielleicht noch eine weitere Mammi erwerben, kann Kinder haben, die einem dann helfen und die man später verkauft, soweit sie Mädchen sind; andere Leute werden sich bei dem Haus ansiedeln, ein kleines Dorf wird entstehen, dessen Häuptling man wird...— und damit wäre der Höhepunkt jener Sehnsuchtsträume erreicht, die durch die Gehirngänge aller schwarzen jungen Männer gaukeln, wenn sie am lodernden Abendfeuer oder unter den Strahlen der Nachmittagssonne in ihren Dörfern einmal nachdenkliche Siesta halten!--— Das war Monrovia! Die Tage rauschten hin wie ein verwirrend bunter Traum. Für Auge, Ohr und Kamera war reiche Beute, und das Gedankenfilmband der Erinnerung sog sich für immer unauslöschlich voll an diesem brodelnden Mischmasch farbvoller, fremder Schönheit, grotesker Häßlichkeit und jenem zauberhaften, unnennbaren Fluidum, das solch ein tropenbunter Küstenplatz für den empfindsamen Weltenbummler ausstrahlt. Für mich hieß es jetzt, schleunigst an die Urwaldarbeit, denn schon im April würden die ersten Wolkenbrüche der großen Regenzeit über den dichten Wäldern niederrauschen und ihre Senken mit grundlosen Sumpflachen, Morästen und Moskitoschwärmen für die Pirsch des weißen Jägers sperren. Doch Zeit hat in Afrika noch keinen Preis. Niemand soll glauben, daß er in zehn Tagen das erreicht, was er als Grünhorn in fünf Tagen schaffen wollte. Mein Programm war wirklich umfangreich. Audienzen bei den Ministern des Innern und des Aeußern, Erkundigungen nach dem Hinterland, Ergänzung des Gepäcks durch Tauschartikel, Handwerkszeug und Büchsenmilch(für junge Tiere), Einwechseln eines Haufens Silbergeld in tleinste Münzen, Anwerben farbiger Trabanten, Packen und Wiegen der Lasten für die Trägerreise,— das war so ungefähr das Wichtigste. Um es gleich zu sagen: dauerte genau zwei Wochen. Und schon in diesen ersten Arbeitstagen konnte ich mich gelegentlich bei grimmigem Fluchen über das Fehlen eines weißen Partners ertappen,— wenn ich zum Beispiel in der treibhausfeuchten Hitze von früh bis spät um jede kleine Sache selbst durch die Aemter und Faktoreien laufen, kostbare Zeit verwarten mußte, in dem dämmrigen Backofen von Wellblechschuppen unter Strömen Schweiß den Berg der Kisten, Ballen, Koffer unter Anlegung genauester Tabellen so zurechtwog, daß möglichst wenig Träger nötig waren,— und mir in Anbetracht der höchst schwindsüchtigen Reisekasse obendrein den Kopf zermarterte, in welchem Teil der unbekannten Hinterländer der erste Vorstoß wohl am erfolgreichsten verlaufen würde!! Denn dies war in der zweiten Woche die dringlichste Sorge. In ganz Monrovia konnte man mir über die besondere Eignung bestimmter Urwaldgebiete für Jagd und Tierfang keine Silbe sagen. Und während ich in den letzten drei Monroviatagen im Garten meines Wirtes den Bau der festen Käfige und der Gehege überwachte, in denen später die Ausbeute der ersten Hinterlandexpedition bis zur Verschiffung Unterkunft finden sollte, kam ich schließlich zu der Meinung, daß es das beste wäre, zunächst die einzige Autostraße landeinwärts zu benutzen, um unter Vermeidung kostspieliger Trägerreisen so schnell und weit wie möglich in das Innere der Urwaldmassen zu gelangen und von dieser vorgeschobenen Basis aus in Karawanenmärschen unberührte Jagdgründe für das erste Tierfanglager zu erreichen.— Nachdem ich in Monrovia noch die Ehre hatte, seiner schwarzen Exzellenz, dem Präsidenten der Republik, auf einem buntbewegten Festball in seinem Palais die Hand zu reichen, nachdem alle Audienzen und Besuche erledigt und die Gepäckstücke mit viel Mühe und Gebrüll auf dem gecharterten Lastauto verstaut sind, ging es also am 10. Januar endlich an den ersten Vorstoß in die geheimnisvollen Hinterländer. Mein Personal, das ich von hier mitnahm, bestand aus Tinaweh, dem persönlichen Boy, der seit Neujahr in meinen Diensten stand, Momo, dem Koch, Franz, der als Dolmetscher und Aufseher für die späteren Träger fungieren sollte, und small-boy, dem Kochgehilfen. Die schmale, leidlich fahrbare Autostraße, fast unablässig von den grünen Blätterwänden verfilzten, niederen Buschwaldes begleitet, sollte 75 Kilometer lang sein. Jedenfalls brach schon die Dämmerung an, als unser altersschwacher Ford atemlos dampfend an dem brückenlosen, kleinen Waldfluß hielt, der hier den schmalen Steg der Zivilisation beendete. Aber nirgendwo war ein Zeichen menschlicher Siedlung zu entdecken. Als düstere Riesenwand ragte der Uferurwald, der den Fluß begleitet, in den Abendhimmel, ringsum stand schweigend die grüne Wand der Buschwaldwildnis. Die Lasten wurden eilig abgeladen. Während sich die Dämmerung von Minute zu Minute tiefer senkte, mähten die Schwarzen mit langen Streichen ihrer Messer das Gesträuch am hohen Ufer nieder und ließen unter leisem Hämmern und gedämpftem Schwatzen zum erstenmal das Zelt erstehen. Koch Momo griff nach seiner Stallaterne und trabte, dies schaukelnde Licht an der Hand, ins Dunkel der hereingebrochenen Nacht, um in dem unsichtbaren Dorf jenseits des Urwaldstreifens für das Abendessen seines Massas ein Huhn und Früchte einzukaufen. Bald flackerte das Abendfeuer meines einsamen ersten afrikanischen Zeltlagers auf und beleuchtete gespenstisch in roten Zuckungen das dunkle Gewirr der Stämme und Büsche neben dem Feldstuhl, auf dem ich in wahrhaft weihevoller Stimmung den zirpenden, summenden und klagenden Tönen der beginnenden Urwaldnacht lauschte. Die Grenze der Zivilisation war nun erreicht. Morgen sollte ich mit dem uralten Transportmittel des schwarzen Erdteils, der Trägerkarawane, auf schmalen Negerpfaden in die Wälder eintreten, über die man mir in Monrovia nichts zu berichten wußte... Aber aus dieser raschen Weiterreise wurde nichts. Es gingen vielmehr drei geschlagene Tage und ein halber hin, bis ich genügend Träger hatte, und es klappte dann vermutlich auch nur dadurch, daß ich zu guter Letzt sehr erheblich die Geduld verlor. Ich will mich hier mit Einzelheiten gar nicht aufhalten. Jedenfalls geriet der dicke schwarze Distriktkommissar, der mich nun dreimal unter fadenscheinigen Argumenten hinausgetröstet hatte, augenscheinlich außer Fassung, als ich ihm am vierten Morgen mit rauhen Tönen, und indem ich ihm noch einmal meinen blaugesiegelten Geleitbrief der Regierung vor die dicke Nase hielt, versicherte, daß ich unverzüglich einen Boten mit Beschwerde nach Monrovia senden würde, wenn nicht in ein paar Stunden die zwei Dutzend Träger aufgetrieben wären. Und auf einmal waren sie es! So mußte man es also mit den Leuten machen! Es war ein zerlumpter, mißvergnügt dreinschauender Volkshaufe, der sich vor dem Lehmhaus des Kommissars versammelte, und keineswegs vertrauenerweckend, sich mit ihm in die Wildnis zu begeben. Aber ich war froh, daß ich ihn hatte. Es gab noch einen großen Krach um das Verteilen aller Lasten, wobei sich Franz als Hauptmann großartig hervortat, und auch der Kommissar, um diesen aufgeregten weißen Mann nur schleunigst loszuwerden,— und schließlich konnten wir in glühender Vormittagshitze endlich abmarschieren. Das war die alte Karawanenstraße, die den Urwaldstreif der Pfefferküste vom Gestade des Atlantik zu den offenen Hinterländern von Französisch=Westafrika durchschneidet, wo vor Jahrhunderten spanische Sklavenhändler ihre Menschenfrachten aus den heimatlichen Dörfern zu ihren Galeassen an die blaue Küste schleppten. Ein abenteuerliches Tropenland mit einem wildbewegten Lebenslauf, in den sich meine angeregte, erwartungsvolle Phantasie mit bunten Vorstellungen gierig hineinversenkte, während ich nun wirklich als Herr einer schwarzen Karawane in die Tiefe dieses unabsehbar weiten, strotzend grünen Blättermeeres tropischer Wälder einzog! Mehrmals schwankte ich auf den Schultern eines Trägers, den harten Wollschädel krampfhaft umklammernd, durch kleine, brusttiefe Flüsse, die von engen Streifen hohen Urwalds überschattet sind. Aber Buschwald, sattgrünes, negerhüttenhohes Laubgebüsch, so verwuchert, daß der Blick nicht tiefer als zwei Schritte in ihn dringt, ist überwiegend,— in den Senken des zuweilen leicht gewellten Landes von sumpfigen, schweigsamen Raffiapalmendschungeln abgelöst. Alle paar Stunden taucht ein armseliges Negerdorf auf, in seiner Nähe kleine Ausholzungen, in denen eine alte Pflanzung wirr verwildert. Inzwischen hat mein menschlicher Lastzug sich weit aufgelöst, stärkere Männer sind voraus, schwächere bröckeln ab, und mein veteranenhaftes Fahrrad aus TertianerFelsen bei Stubbenkammer Holzschnitt von Th. Schultze-Jasmer zeiten leistet zu ihrer stetigen Kontrolle gute Dienste. In diesen engen, immerfort von Sümpfen und halsbrecherischen Baumstammbrücken unterbrochenen Pfaden ist es bei seiner Leichtigkeit ein wunderbares Fahrzeug. Besonders jetzt, nachdem seit einigen Stunden ein begeisterter am Wegrand arbeitheischend aufgelesener Buschmann hinterdreintobt, es die Berge raufschiebt und über Flüsse und Moräste trägt. Er führt vom nächsten Tage an den Titel bicycle=man— Fahrradmann—, schwingt die Luftpumpe als Zeichen seiner Würde und sieht auf alle Lastträger mit unsäglichem Standesdünkel und tiefer Verachtung herab. Jedesmal, wenn solch ein schweißtriefender Unglücksmensch beim Ueberholen vor uns im Waldpfad auftaucht, stößt der Fahrradboy, wenn wir schon dicht heran sind, einen so fürchterlichen Urlaut aus, daß der arme Mann mit seinem halben Zentner auf der Kokosnuß mit einem Satz zur Seite springt, als sei der Blitz ihm in seine verrotteten Hosen gefahren... Dann brach die Nacht herab und überraschte uns noch mitten in den Wäldern, bevor das Dorf in Sicht kam, wo wir rasten wollten. Ich traf mit dem laternenlosen Rad nach unheimlicher Fahrt zuerst ein. Nur ein Teil der Karawane tröpfelte allmählich nach. Ich schlief schlecht genug, denn jede der zurückgebliebenen Lasten war für mich von unschätzbarem Wert. Doch am nächsten Morgen kamen sie, geführt von Franz, der mir eindringlich versicherte, drei Kisten wären viel zu schwer für die kurzen Männer, die sie bisher trugen, wobei er nebenbei anschaulich einzuflechten wußte, mit welch standhafter Treue und Todesverachtung er das Gepäck die ganze lange, rabenschwarze Nacht hindurch mitten im triefenden Urwald bewacht hätte. Aber am späten Abend dieses ersten Karawanentages, als ich eben todmüde die Tagebucharbeit am Zelttisch beenden will und das gedämpfte Schwatzen der Neger am niedergebrannten Lagerfeuer allmählich verstummt, gibt es auf einmal eine seltsame Unruhe zwischen den wenigen Lehmhütten des winzigen Walddorfes— Tingweh und ein paar dunkle Gestalten tauchen vor mir im Lichtkreis der Tischlampe auf,— legen gewölbt die Hand an ihr Ohr— hörst du, Massa?— lepard talk— der Leopard spricht im Busch. Ich fahre empor und lausche— da weht es leise aus der Tiefe des Dickichts, unterdrücktes Murren und Mauzen, das offenbar von dem umwucherten Flußknick unten kommt.„Leopard go drink," flüstern die Schwarzen, die unmerklich langsam herangekommen sind und lautlos wie Schatten im Nachtdunkel um meinen Tisch stehen— wir horchen gespannt— da wieder der dumpfe Kehllaut der großen Katze. Eine seltsam erregende Stimmung voll Romantik und Abenteuer, dieser enge Lichtschein der Lampe inmitten des nächtlichen afrikanischen Dschungels und die Handvoll schweigender Menschen, die gebannt den drohenden Tönen der Wildnis lauschen. Nie habe ich Neger so einmütig und schweigsam gesehen; es ist, als laste auf allen ein geheimnisvoll lähmender Druck, der ihnen die laute Sprache verschlage. Und als ich schließlich, nachdem die Stimme des Panthers verstummt ist, im sicher verschnürten Zelt durch den Moskitoschleier des Feldbetts die Lampe ausblase, geht mir vor dem Einschlafen auf einmal unheimlich klar, beglückend und prickelnd der Gedanke durch den Kopf, daß ich mich nun zweifellos inmitten wahrhafter tropischer Wildnis befinde...— Ein verträumtes Dschungeldorf wird erstes Tierfanglager. Die Morgendämmerung des dritten Karawanentages läßt inmitten eines weltfernen, verschlafenen Urwalddörfchens das grüne Reisezelt eines Europäers sichtbar werden. Einsam, fremd und geheimnisvoll steht es mit verschnürtem Eingang zwischen den aneinandergedrängten zipfelmützigen braunen Lehmhütten des erwachenden Dorfes. Ringsum öffnen sich allmählich die schmalen Holztüren und Mattenvorhänge der kreisrunden Negerhäuser, schwarze Gestalten treten heraus, gähnen in den beginnenden Tag; magere, spitzschnauzige Hunde strecken sich wohlig in den schrägen Strahlen der Morgensonne, ein paar Hühner bummeln zum Frühstück in den Busch; leichtgeschürzte Frauen und nackte Kinder, große Gefäße auf dem Kopf blancierend, verschwinden im engen Waldpfad am Rand der Siedlung; bald kehren sie mit Wasser und Brennholz zurück, in den Hütten prasselt das Morgenfeuer auf, dessen blauer Rauch langsam durchs Palmblattdach kriecht und friedlich in den strahlenden Himmel steigt; hinter undurchsichtigen, geflochtenen Zäunen, die in engem Halbkreis an einigen Hütten stehen, plätschert und gurgelt es vernehmlich: die Hausherren halten Morgentoilette. Das seltsame Haus des Weißen lockt Neugierige an, wie ein Topf Honig Bienen und Hummeln. Unter dem seitlich überstehenden Sonnensegel kriechen schlaftrunkene Boys hervor. Einer von ihnen knüpft leise den Eingang des Zelts auseinander und schlüpft hinein; mit einer Schüssel kommt er wieder ans Tageslicht, pilgert hinunter zum Bach, holt Wasser und verschwindet von neuem im Zelt, was alles von den ringsum hockenden Dorfbewohnern mit neidvoller Neugier verfolgt wird. Zwei andere Boys holen unter dem Sonnendach einige Bündel hervor; aus ihnen entstehen im Umsehen Feldstuhl und Klapptisch; der erste Boy deckt den Frühstückstisch mit bunter Decke, Tellern und Besteck; bei diesen Verrichtungen setzt er eine Miene auf, als sei er der Kaiser von China, tut so, als sei das ganze Volk um ihn Luft, und läßt sich in Wahrheit von ihm bewundern wie eine Primadonna oder ein Filmheld in Europa. (Fortsetzung folgt) PHILANDER Eine romantische Geschichte/ Von Karl Lerbs Vancouver, die Welthafenstadt in Kanada Da in unserem nüchternen Zeitalter kein vernünftiger Mensch mehr Philander heißt, so wollen wir aus Zartgefühl mit diesem Namen den hübschen jungen Mann benennen, der eben jetzt von einer kleinen Reise zurückkehrt — in der vierten Klasse, denn er ist scheußlich arm; und allein, denn seine schöne Begleiterin ist ihm unterwegs davongelaufen. Einerlei— er schreitet beschwingt daher und lächelt, wie nur ein Mensch mit leeren Taschen und vollem Herzen lächeln kann, der die Hauptgestalt in einer romantischen Geschichte ist. In der Hand hat er einen nicht mehr ganz neuen, aber vortrefflich erhaltenen Handkoffer, den er vor Jahren von seinem unbegütert und fromm verstorbenen Oheim Eusebius als dessen einziges Vermächtnis ererbt hat. Sage niemand, daß es uns nichts angeht, was dieser Koffer enthält— es ist nötig, daß wir es wissen. Er enthält ein Hemd, das der anspruchsvolle Leser verschmähen würde, obschon es sauber ist; zwei Papierkragen; Strümpfe; ein Stück Seife; Hölderlins Gedichte; grüne Morgenschuhe, die mit sehr roten Rosen bestickt sind; und die Handschrift von Philanders„Liedern an eine Blonde“, die er sehr schön findet, obschon ihm, während und weil er sie dichtete, die Blonde davonlief. Da ist er also durch eine goldene Sommerlandschaft gefahren und hat sich an Wiesen, Wäldern und Gewässern gefreut. Nun läßt er sich von hastigen Geschäftsleuten und Bäuerinnen durch die Bahnsteigsperre knuffen; entdeckt, den Schritt verhaltend, in der Mitte seines Innern ein Unlustgefühl— und gelangt dazu, es als Hunger zu erkennen. Er klaubt aus seinen Taschen ein paar Groschen zusammen, tritt an den Schanktisch im Wartesaal und kauft sich einige Früchte, die er, süßen Saft lustvoll schlürfend, zu verzehren beginnt. Seinen Handkoffer hat er neben sich an die Erde gestellt. Als er, gesättigt, das letzte Kerngehäuse vorschriftsmäßig in den dafür bestimmten Korb geworfen hat, greift er zuversichtlich nach seiner Handtasche. Holla, aber da greift er vergebens. Die Tasche ist fort. Wer hat sie gestohlen?„Man“, Schnecke, kann man höhnisch eine Nase drehen. Und wie? Wir müssen befürchten, daß der sanfte Philander zur Hyäne wird. Kein Gedanke an Brandstiftung und Amoklauf, aber das kranke Feuer der sogenannten fixen Idee flackert in seinen Augen. Er wird ein Pirat auf den Bahnhöfen werden, ein Stoertebecker im Landverkehrswesen, ein Michael Kohlhaas in bezug auf Handtaschen. Seht: Er sucht mit zitternden Fingern in der wackligen Kommode sein letztes Geld zusammen; er geht zum Trödler und kauft sich einen großen, bieder aussehenden Handkoffer. Er entsinnt sich einst geübter Bastelkünste und macht sich zu Hause daran, den Boden des Koffers wegzuschneiden. Statt dessen bringt er an den unteren Rändern Metallstäbe an, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, hervorschießen und sich unter dem Hohlraum verschränken werden. Er macht die Probe auf die Zuverlässigkeit dieser Kofferfalle mit Hilfe seiner alten Fußbank und verläßt dann am andern Abend mit der Tasche das Haus, die verzweifelte Entschlossenheit des Wahnsinns im Blick. Aber es ist Methode in diesem Wahnsinn. Philander — wer hätte das gedacht?— handelt wie ein alter, erfahrener Zunftfachmann. Er betritt, Angstanwandlungen kräftig hinunterschluckend, den Bahnsteig, wo der Nachtschnellzug nach Berlin abfahren wird; er durchwandelt gelassenen Schrittes die dichtgedrängte Menge der wartenden Reisendenn und macht ein Gesicht dabei, als wäre die Benutzung von Nachtschnellzügen ihm eine alltägliche, abstumpfende Gewohnheit. An dem Eisengeländer, das den Schacht der Bahnsteigtreppe begrenzt, stehen viele Koffer und Handtaschen in allen Größen, mit und ohne Aufsicht. Philander wählt hastig eine davon, die in der Größe passend erscheint, für sein Probestück; pirscht sich heran; setzt seine Kofferfalle darüber; drückt auf den Hebel und hört das leise Klicken des einschnappenden Metalls; wartet einen Augenblick voll herzabdrückender Spannung und nimmt dann, mit einer gemurmelten BeSo brennt eine Gummifabrik.. Ein Großfeuer vernichtete die North-Western-Werke bei Liverpool. Phantastisch war der Anblick der ungeheuren Rauchschwaden, die sich kilometerweit über die Stadt hinzogen müssen wir sagen; denn alle Leute, die in der Nähe sind, haben oder machen harmlose Gesichter, und soviel wir auch mit Philander umherspähen— wir sehen viele, denen wir den Diebstahl zutrauen möchten, aber keinen, dem wir ihn beweisen können. Was tut Philander? Er geht zur Polizei. Zwar hat er noch niemals Steuern bezahlt, Strafbares gebüßt, zeugenpflichtigen Vorgängen beigewohnt, aber er fühlt sich trotzdem plötzlich als Staatsbürger. Er hat Vertrauen zur Polizei. Sie ist oft nicht freundlich, aber immer gerecht, sie wird es mißbilligen daß man einem armen Hansguckindieluft seine einzige Habe stiehlt, und sie wird ihm die Habe wieder herbeischaffen. Sie mißbilligt es auch, aber vom Wiederherbeischaffen ist einstweilen nicht die Rede, sondern von Philanders Personalien, seinem Vorleben, Bildungsgang, Elternpaar und Reisezweck. Als Philander in seiner Verwirrung auch von der Blonden spricht, feixt der Beamte und will auch über sie alles wissen, obzwar sie, wie gesagt, davongelaufen ist. Dann ist von einem Protokoll die Rede und vom Inhalt der Tasche, wobei der Beamte abermals feixt; hierauf muß Philander alles unterschreiben. Ja, sagt der Beamte wichtig, das ist eine Kofferfalle gewesen; und er beginnt, auf Philanders fragenden Blick antwortend, die Sache zu erläutern: das ist ein Handkoffer, nicht wahr, unter dem man den Boden weggeschnitten hat; statt dessen hat man an den unteren Rändern Metallstäbe angebracht, die, wenn man auf einen kleinen Hebel oben am Bügel der Tasche drückt, hervorschießen und sich unter dem Hohlraum verschränken. Man setzt das Ding wie eine Käseglocke ganz harmlos im Gewühl über die Tasche eines Reisenden, die man stehlen will, drückt auf den Knopf, hat die Beute wie eine Maus in der Falle und geht zufrieden weg. Niemand kann etwas sehen. Niemand, denkt Philander mit nie gekannter Bitterkeit! Da sitzt er nun, seht ihr, in seiner häßlichen, aber romantischen Dachstube und sieht die Sonne und die letzten Schwalben nicht, sondern verwühlt sich in finstere Gedanken. Es gibt so viele Leute, die es verschmerzen können, wenn man sie bestiehlt, er kann es nicht verschmerzen. Wo blieb die höhere Gerechtigkeit, als es galt, die Hand des Diebes zu lenken? Oh, man kann dieser höheren Gerechtigkeit nicht zu Leibe, aber der irdischen, dieser blinden merkung, als hätte er sich in der Richtung geirrt, die Beute auf. Er hat Glück: Eben läuft auf der anderen Seite des Bahnsteiges ein Zug ein; so kann er sich unauffällig unter die Ausgestiegenen mischen und sich von der niederschnappenden Woge in den Treppenschacht spülen lassen. Mit zitternden Knien, schweißbedeckt, aber, ach, voll wilden Triumphes verläßt er den Bahnhof. In der Nähe ist ein kleiner Park, und darin steht, verborgen in einem Gebüsch, aber beleuchtet von einer Laterne, eine einsame Bank. Da läßt sich Philander nieder und befreit voll gieriger Spannung seinen Raub aus dem Käfig. Warum zuckt er, als er die gestohlene Tasche genauer betrachtet, zusammen? Warum reißt er sie mit einem knirschenden Ruck auf und zerrt den Inhalt mit bebenden Fingern heraus? Warum lacht er so schrecklich, daß wir uns besorgt umschauen, ob auch niemand es hört? Betrachten wir den Inhalt; vielleicht erhalten wir Aufklärung. Da ist ein Hemd, das wir kennen; aber es hat Gesellschaft bekommen in Gestalt eines zweiten, das auch der etwa nicht anspruchsvolle Leser verschmähen würde. Da sind Hölderlins Gedichte; die uns geläufige Zahl der Papierkragen hat sich auf einen verringert, aber die Strümpfe sind noch da; auch die großen Morgenschuhe mit den sehr roten Rosen fehlen nicht; ebensowenig die Seife, wenn sie auch etwas kleiner geworden ist; zu den „Liedern an eine Blonde“ hat eine fremde Hand schauerlich gemeine Randzeichnungen gemacht. Hat etwa Philander die entwendete Tasche seines Oheims Eusebius wiedergestohlen, in dem Augenblick, wo der Dieb damit hinwegreisen wollte? Wir können es nicht bezweifeln. Da sitzt nun Philanedr, seht ihn auf der Bank, hat die Hände vors Gesicht geschlagen und läßt durch die Finger zornige Tränen tropfen. Wohl hat er der irdischen Gerechtigkeit eine Nase gedreht, aber von der höheren hat er dafür eine schmerzende Ohrfeige bekommen. Und er sieht ihren schulmeisterlich erhobenen Zeigefinger, wie sie spricht:„Es hat gar keinen Zweck, daß du dich in den Abgrund des Verbrechens hinabschleuderst, Philander, ich will dich da nicht haben, und ich werfe dich mit starker Hand in die Ebene deiner Bestimmung zurück. Bleib bei deinem Leisten— und schreib zur Strafe bald die„Lieder an eine Blonde“ ab, damit sie wieder eine anständige Verfassung bekommen“. Noch fast vor wenigen Jahren war die Stadt Vancouver in Kanada ein armseliger Küstenplatz. Heute aber hat sie sich dank der riesigen Holz- und Weizen- Ausfuhr zu einem Großhafen entwickelt, der sich den bedeutendsten Häfen der Welt an die Seite stellen kann Liebe in Kleinhübersberg Von Fritz A. Mende Endlich hatte es Liselotte durchgesetzt, daß die Eltern mit ihr in den kleinen Ort fuhren, jenen kleinen Ort, den man nicht einmal im Reisebüro kannte, aus dem Liselotte jedoch kürzlich eine Ansichtskarte bekommen hatte— von einem Bekannten, der zufällig dort in Kleinhübersberg einer Autopanne zum Opfer gefallen war. Die Karte war sehr bunt und zeigte einen Himmel, vor dem der Himmel in Italien zu albernem Grau verblassen mußte. Seitdem spukte der Name Kleinhübersberg in Liselottes unklarem Köpfchen. Der Herr Kommerzienrat wollte eigentlich nach Meran. Meran schied von vornherein aus. Die Frau Kommerzienrat wollte nach Lugano— und das Töchterchen wollte nach Kleinhübersberg. Mit Hilfe einiger Weinkrämpfe brachte es Liselotte endlich so weit, daß die Frau Kommerzienrat sagte:„Dann fahren wir eben nach diesem... diesem...“ Sie sprach den Namen Kleinhübersberg um die Welt nicht aus. Was wollte Liselotte eigentlich in Kleinhübersberg? Hatte sie es satt, in gepflegten Hotels die gepflegte Dame zu sein? Gingen ihr die gepflegten Männer auf die Nerven? Jedenfalls— Vater, Mutter und Kind fuhren nach dem Nest der töchterlichen Träume und stiegen in der einzigen Pension am Platze ab. Die Gesellschaft, die sich dort zu den Mahlzeiten versammelte, war so, daß Frau Kommerzienrat kaum einen Bissen durch die gekränkte Speiseröhre brachte. Sie magerte sichtlich ab und fand daraufhin den Ort reizend. Und der Herr Kommerzienrat? Kein Mensch umwedelte ihn, keiner pumpte ihn an, denn wer hätte in diesem Herrn Meyer den allgewaltigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Veiwag— Vereinigte Eisenwerke Aktiengesellschaft— vermutet. Mit aufgetautem Herzen wandelte er durch die Täler und strich heiteren Gesichts die Dividenden ein, die Natur und Dorf in überreichem Maß ausschütteten. Einzig Liselotte, des Kommerzienrats kreuz und quer verzogenes Töchterlein, langweilte sich, daß ihr der Bart zum Fenster hinausgewachsen wäre, falls sie einen gehabt hätte. Sie wurde täglich gereizter und fand, daß Idylle inklusive Mondschein meist eine Traumlandschaft seien, in der sich an irgendeiner Stelle unbedingt ein Mann befinden müsse, kein richtiger Mann mit Smoking und „Meine Gnädigste“, sondern irgend so ein Mondmann, aber... Liselotte seufzte... was in Kleinhübersberg an Männern zu finden war, das rechnete sie allerhöchstens unter die Gattung der Mondkälber. Halt! Nicht durchweg. Eine Ausnahme gab es, doch diese Ausnahme gefiel sich darin, Liselotte höchstens mit einem prüfenden Blick zu streifen, sie aber im übrigen zu übersehen, als sei Fräulein Meyer ein Fliegendreck an der Fensterscheibe. Die Ausnahme war ein Herr von etwa dreißig Jahren, mit zurückhaltendem Benehmen und außerordentlich gut geschnittenen Anzügen. Ging er lässig durch das Speisezimmer, dann wandelte sich der Raum plötzlich zu einer strahlenden Halle mit Palmen, Liftboys und fließendem Warmwasser zu jeder Tageszeit. Liselotte grübelte. Wo hatte sie diesen Mann schon einmal gesehen? Gesehen hatte sie ihn bestimmt schon in ihrem an fremden Gesichtern überreichen Leben. Eine vage Erinnerung regte sich in ihr und brachte die Ausnahme in enge Verbindung mit einem Luxus=Hotel in Marienbad, in dem sie vor zwei Jahren mit ihren Eltern kurze Zeit gewohnt hatte. Hieß es nicht Europa? Jawohl! Liselotte triumphierte. Dort war sie diesem Mann schon begegnet. Was suchte er aber in Kleinhübersberg? Diese Frage war für Liselotte unwichtig, denn was suchte sie selbst hier? Viel wichtiger war für sie, den Unnahbaren zu umgarnen, ihn zum Balzen zu bewegen. Während sie sich das überlegte— sie spazierte gerade am Dorfbach entlang— hörte sie hinter sich eine Stimme, die in ihrer vornehmen Gedämpftheit alle Gedanken aus Liselottes Hirn jagte— und nichts als ein schnell pochendes Herz zurückließ. Die Ausnahme persönlich trat neben sie, murmelte einen undeutlichen Namen und plauderte bald mit ihr auf die scharmanteste Weise, mit kristallenen Komplimenten den nötigen Zucker beifügend. Durch die Tage in Kleinhübersberg unverwöhnt, ließ Liselotte den Zucker genießerisch auf der Zunge zergehen und bemühte sich eifrig, dümmer zu scheinen als sie war. Darum spielte sie dem Fremden ein schüchternes Fräulein Meyer vor. Die große Dame wäre ihr auch kaum gelungen, da sie auf beinah kleinhüberbergische Weise verliebt war. Der Herr Kommerzienrat und seine Frau rollten aufgeregt durch die Pension. Das Mittagessen war längst vorüber. Es ging auf vier Uhr. „Wo steckt Liselotte?“ fragte die Frau Kommerzienrat in ständig höher geschraubten Tonlagen.„Das arme Kind. Geh zur Polizei. Wir müssen etwas unternehmen.“ Kurz bevor der Herr Kommerzienrat wirklich dem Wunsch seiner Gattin folgen wollte, stürzte Liselotte freudebebend auf ihre Eltern zu. „Ich heirate ihn,“ rief sie und fiel Vater und Mutter hintereinander um den Hals. Nachdem der Vater ausgerechnet hatte, daß sie ihn seit drei Jahren zum ersten Mal wieder umarmt hatte, konnte er sich einer leisen Rührung nicht erwehren, aber er fragte streng:„Erstens wen, zweitens wieso?“ „Diesen vornehmen Mann aus der Pension. Und denkt Euch, er liebt mich als das einfache Fräulein Meyer. Er liebt mich, nicht mein Geld!“ Diese Rede endete wieder mit Umarmungen.„In einer halben Stunde will er bei Euch einen Besuch machen.“ Als die halbe Stunde um war, brachte der Pensionsdiener einen Brief—„An Fräulein Liselotte Meyer.“ Von dem Inhalt dieses Briefes gibt es zwei Versionen. Die eine Version— und zwar die von Liselotte im Freundinnenkreis kolportierte— lautet:„Mein teures, sehr verehrtes gnädiges Fräulein! Nachdem ich vom Portier erfahren habe, daß Sie gar kein Fräulein Meyer, sondern eine Kommerzienratstochter sind, muß ich Sie verlassen. Ich bin der letzte Sproß einer schuldlos verarmten Familie. Meine Ehre zwingt mich, von Ihnen zu reisen, denn ein Bodenhausen erträgt es nicht, in den Verdacht der Erbschleicherei zu geraten. Die Erinnerung an Sie wird das einzige Licht meiner dunklen Zukunft sein. Ewig Ihr Udo von Bodenhausen.“(Tränenflecke.) Die andere Version— und zwar die von Liselottes Freundinnen kolportierte— lautet:„Sehr verehrtes gnädiges Fräulein! Wenn Sie diese Zeilen lesen, sitze ich bereits im Schnellzug. Mein Urlaub ist zu Ende. Es wird mir eine Ehre sein, Sie und Ihre werten Eltern bald wieder in Marienbad bedienen zu dürfen. Mit der Bitte um Entschuldigung. Ihr Karl Dobrow. Kellner im Hotel Europa.“ Luftmanöver über London Wehrhafte Vo L. el der Heimat Diese Zeilen sollen dazu beitragen helfen, das Interesse und die Freude an der Natur, besonders an unserer Vogelwelt, zu wecken und zu stärken. Wer erst einmal Gefallen an der Beobachtung der Vögel gefunden hat, die unsere engere Heimat bietet, wird auch zu weiteren Beobachtungen angeregt werden. Und jeder Spaziergang bietet doppelten Genuß, wenn er zugleich zur Betrachtung der Schöpfung benutzt wird. Mit unsern Lesern wollen wir heute mit der Kamera einen Gang durch die prächtigen Wälder in der Umgees in Wirklichkeit ist— die Waldohreule baut sich kein Nest, sondern bezieht alte Krähenhorste oder auch wohl hohle Bäume. Das Gelege enthält bis zu sieben weiße Eier. Die Jungen sind im dünnen Kleid ganz weiß, im Jugendkleid hellbräunlich mit schwarzem Gesicht; sie sehen dann besonders drollig aus. Der Nutzen der Waldohreule ist ganz hervorragend, denn ihre Nahrung besteht, wie auch die der Käuze, aus schädlichen Wirbeltieren und Insekten. An Plätzen im Walde, wo sie bei Tage sitzt und verdaut, hat man Gelegenheit ihre Ernährung zu kontrollieren. Sie wirft hier nämlich ihr Gewölle aus, und dieses enthält fast nur Ueberreste von Mäusen. Beide Eulenarten kommen in unserer Gegend noch häufig vor. Dagegen ist der Uhu äußerst selten geworden, und man trifft nur noch dann und wann ein einzelnes Exemplar. Der Uhu ist der kräftigste unter den Eulenarten. Sein Nest baut er in altes Gemäuer, in weite Baumhöhlen und auch in Erdhöhlen. Es besteht aus Reisern und ist innen mit Moos und Laub ausgepolstert. Die Eier sind rauhschalig, weiß und in der Form den Hühnereiern ähnlich. Im allgemeinen trifft man nur Kopf eines jungen Mäusebussards bung von Haltern machen und uns mit den verschiedenen Vogelarten befassen, die hier vorkommen. Wie ein kleiner Kobold blickt uns ein Steinkauz mit seinen schwefelgelben Augen aus der Höhlung eines Baumstumpfes an. Auch er liebt gelegentlich warmen Sonnenschein. In der Nacht lockt, wie man weiß, der Lichtschein das Käuzchen oft in die Nähe erleuchteter Fenster, und sein Rufen versetzt abergläubische Menschen leicht in Furcht; für das Ohr des Natur= und Vogelfreundes aber klingt es überaus stimmungsvoll und traulich. Der Stein= und auch der Waldkauz nisten meist in hohlen Bäumen, in verlassenen Raubvogelhorsten und altem Gemäuer. Zwei bis vier rundliche weiße Eier ruhen im Turmfalk nach der Fütterung durch sein munteres Wesen häufig auch dem Großstädter auffällt, wenn er die Türme der Großstädte umfliegt. Er liebt meist offenes Gelände und auch den Wald, sein Nest baut er in Baumhöhlen, Ruinen, Kirchtürmen, ja selbst auf dem Erdboden hat man es schon gefunden. Die Eier sind hellgelblich und stark mit rotbraunen Flecken und Wolken bedeckt, sodaß die Grundfarbe oft ganz verschwindet. Die Daunenjungen sind erst ganz weiß, werden 14 Tage alte Hühnerhabichte Dunkel des Horstes. Die Käuze sind für die Wald= und auch für die Landwirschaft sehr nützlich. Für den Wald, weil sie den schädlichen Buchenspinner und andere Raupenarten vertilgen; für den Landwirt, weil sie Spitzmäusen und Maulwürfen nachstellen. Sie machen sich manchmal wohl auch an einen Junghasen und junge Kaninchen heran, aber trotz gelegentlicher Uebergriffe sind sie doch als hervorragend nützliche Vögel anzusehen. Auf einem Ast, eng an den Stamm gedrückt, verträumt auch eine Waldohreule den Tag, aber ihre halbgeschlossenen, feuriggelben Augen haben uns alsbald bemerkt. Das ist für sie ein Grund, sich„dünn“ zu machen, d. h. sie legt die Federn dicht an und verharrt unbeweglich. Bedroht und in die Enge getrieben, verwandelt sich diese schmale Gestalt ins Gegenteil: Alle Federn sträuben sich, und die Flügel heben und spreizen sich, so daß sie fast ein Rad bilden. Dazu faucht der Vogel und knappt laut mit dem Schnabel. Das sind seine Abwehrkünste, wenn er von anderen Vögeln geneckt oder ernstlich angegriffen wird. Das Tier erscheint dann viel größer und wehrhafter als 3 Wochen alte Waldohreulen zwei Junge an, die durch Piepen und Zischen das Nest leicht verraten. Sie werden von Jägern sehr früh dem Neste entnommen und für die„Hüttenjagd“ aufgezogen. Der Uhu ist in der freien Wildbahn als schädlicher Vogel anzusehen, aber nachdem er bei uns so selten geworden ist, fällt der von ihm angerichtete Schaden kaum noch ins Gewicht. Wir hören dann auf unserem Spaziergange ein helles „kih, kih, kih" und sehen in elegantem Fluge einen größeren Vogel dahinschweben. Es ist ein Turmfalk, der . . . Alter Mäusebussard beim Anflug am Horst wesend ist, gegen Sicht zu schützen. Für den Vogelfreund bietet der Habicht ein imponierendes Bild von Wildheit, Schönheit und Kraft, für den Landwirt und Jäger aber ist er ein verhaßter Schädling. Anders ist es mit dem Mäusebussard, der für Land= und Forstwirtschaft sehr nützlich ist. Ueber den Wald hören wir sein rauhes„hsä“, das der Eichelhäher täuschend nachzuahmen versteht. Sein Horst steht auf einer Kiefer; er ist aus Baumzweigen gebaut und innen mit Pflanzenstengeln und Moos ausgelegt. Das Gelege besteht aus 3—4 grünlichweißen, braungefleckten und schwach glänzenden Eiern. Die Nestjungen verraten sich häufig von weitem durch ihr helles Kichern. Die Nahrung des Bussards besteht in der Hauptsache aus Mäusen, Maulwürfen, Hamstern, Wieseln und anderem kleinen Getier, das er, niedrig über den Boden dahinstreichend, oder auf seinem Sitzplatz auf einem Pfahl oder Erdhügel lauernd, erspäht. Der Bussard steht unter gesetzlichem Schutze, der ihm auch stets von dem Jäger gewährt werden sollte, wenn er auch gelegentlich einmal einen Junghasen schlägt. Am Waldesrande halten wir noch Umschau nach unserm großen Würger, auch Raubwürger genannt. Er meidet dichte Wälder und in der Ebene ist er häufiger als im Gebirge. Sein Nest baut er bei uns auf niedriDer große Würger am Horst später hellgrau und erhalten, wenn sie flügge werden, ihr Jugendkleid, in dem sie den Weibchen ähneln. Erst im dritten Lebensjahre erhält das Männchen sein hübsches Prachtkleid. Die Nahrung der Turmfalken besteht in der Hauptsache aus Mäusen, nebenher bilden Insekten, Eidechsen und Blindschleichen auch seine Nahrung. Er ist also für die Forst= und Landwirtschaft als recht nützlich anzusehen. Auf unserer Wanderung sehen wir in einer starken Eiche den Horst des Hühnerhabichtes, unseres größten heimischen Raubvogels. Sein Horst benutzt er mehrere Jahre hindurch und bessert immer nur das aus, was vom Sturm zerzaust worden ist. Durch diesen Ausbau wird der Horst mit jedem Jahr größer und umfangreicher und mißt oft einen Meter im Durchmesser. Die Nestmulde ist flach. Die 3—4 Eier sind ohne Glanz, graugrünlichweiß und meist ohne Flecken. Die Jungen sind im Daunenkleid schmutzigweiß, im Jugendkleid unten ockerfarbig, oben bräunlich. Der Habicht ist ein kühner Räuber, der meist von Vögeln lebt, aber auch kleinere Säugetiere überwältigt. Gewöhnlich überrumpelt er sie ohne lange Jagd, namentlich Tauben und Hühner holt er sich von den Höfen. Seine scharfen Krallen töten das Opfer fast augenblicklich. Während wir eine Weile verstohlen den Horst beobachten, sehen wir einen Habicht mit einer Taube den Horst anfliegen. Nach der Fütterung der Jungen, die wohl über eine halbe Stunde dauerte, brach er mit seinem starken, krummen Schnabel Zweige mit frischem Grün ab und deckte mit ihnen die Jungen vorsorglich zu, um sie für die Stunden, während deren er abgen Bäumen und auch wohl in Wacholdersträuchern. Es besteht aus Reisern, Stengeln und Moos und ist mit Wolle, Haaren und Federn weich ausgepolstert. Die Gelege findet man häufig schon im April vor. Trotzdem scheinen die Würger in der Regel, wie die meisten Raubvögel, nur einmal im Jahr zu brüten. Der Raubwürger verdient seinen Namen wirklich, denn er überfällt alles, was er zu bezwingen vermag. Bisweilen überschätzt er aber seine Kraft, geht manchmal sogar kleine Raubvögel an und muß dann seine Tollkühnheit mitunter mit dem Leben büßen. Die Vertilgung von schädlichen Insekten macht ihn für die Forst= und Landwirtschaft nützlich, aber da er sich meist an Singvögeln bis zur Größe der Amsel hält, ist er in der Hauptsache wohl als ein Schädling anzusehen. Der Frühlingsgesang des Würgers ist übrigens gar nicht übel, wenn er sich auch in der Hauptsache darauf beschränkt, den Gesang anderer Vögel nachzuahmen. Jung aufgezogen, gewöhnen sich diese Vögel leicht an ihre Umgebung und geben Gelegenheit zu einer Fülle von Unterhaltung und Beobachtungen. Uhu Stadtkinder erleben das Lamd Harras ist nicht nur erstaunt über die Liebe, die ihm dargebracht wird, sondern sogar etwas peinlich berührt davon Dagegen wenden sich die Kälber zunächst mißtrauisch von den jungen Besuchern ab Die schnatternde Gänseherde kann sich mit dem neuen Besuch noch nicht so schnell abfinden bei ihrem Suchen nach dem Verstehenlernen der Natur verständig zu führen und zu leiten. Im Hof und in den Ställen, auf freiem Felde, im hohen Dom des Waldes, überall wird sich Gelegenheit finden, zu zeigen, zu erklären und zu verstehen. Unmerklich, ohne Druck und ohne Zwang, soll in die jungen Herzen das hineingelegt werden, was man nennt Liebe zur Natur, Liebe zum deutschen Boden und Erkennen des Wertes, den er uns bedeutet. Die Bedeutung der Minderverschickung für unsere grofistädtische Jugend Wenn heute in ständig größerem Umfange Stadtkinder aufs Land verschickt werden und endlos erscheinende Züge Tausende und aber Tausende von Stadtkindern auf die Bauernhöfe bis in die entferntesten Teile Deutschlands Ein Besuch bei der alten Lotte im Pferdestall. bringen, so liegt die Bedeutung nicht allein in der körperlichen Erholung, die mit einem solchen Landaufenthalt verbunden ist. Der tiefere Sinn ist vielmehr der, daß der Junge und das Mädel aus dem Steinmeer der Großstadt in einen ganz anderen Erlebenskreis gestellt werden soll und wird. Die Eindrücke, die das Menschenkind in seiner frühesten Jugend empfängt, bleiben bekanntlich viel tiefer und stärker haften als all die Ereignisse, die später an den reiferen Menschen herantreten. Wenn Jungens und Mädels hinauskommen auf das flache Land— und meistens sollen sie natürlich auf großen Bauernhöfen untergebracht werden—, so stellt man sie bewußt in eine ganz andere Umgebung. Die typischen Einrichtungen und„Errungenschaften“ der Großstädte, die sich oft so nachteilig auf die empfindlichen und empfänglichen Kinderseelen auswirken, fehlen hier ganz. Und wenn man einmal Gelegenheit hat, Kinder, die nie etwas anderes gesehen haben als die grauen Mauern und endlosen Straßen der Großstadt, schon während der ersten Tage ihres Landaufenthalts zu beobachten, dann wird man an den erstaunten Fragen und verwunderten Gesichtern selbst leicht feststellen können, wie das Kind all das, was es jetzt an Neuem umgibt, als eine ganz andere, ganz fremde Welt empfindet und bewertet. Nicht die neuen Gegenstände sind es, die die Kinder hier kennenlernen, nicht allein die vielen Arten von Haustieren, mit denen sie sich vertraut machen müssen, und die sie bisher vielleicht nur dem Namen nach kannten. Es ist vielmehr der ganz andere Rhythmus des neuen Lebens, der die Kinder so stark beeindruckt. Das Leben des Bauern in seinen einfachen, fast nüchternen Formen hängt in allererster Linie von dem Wetter und der Jahreszeit ab. Nach diesen beiden Begriffen richtet sich seine Arbeit und seine ganze Tageseinteilung. Die Kinder lernen sehr rasch diesen Zusammenhang begreifen, der hier in seiner Ursprünglichkeit besteht zwischen Natur und Mensch. Sie verstehen bald, was es bedeutet, wenn der Bauer mit sorgenvollem Blick nach den kleinen Wolken sieht, die sich, scheinbar harmlos, am Horizont zusammenballen oder aber Ausschau hält nach erfrischendem Regen, der den Hackfrüchten zum guten Gedeihen fehlt. Seiner ganzen Hände Arbeit vertraut der Bauer dem Boden an, ihm übergibt er den kostbaren Samen, und von ihm empfängt er die Ernte. Auf diesem seinem Boden steht sein Haus, weidet sein Vieh, reift sein Korn. Diese Liebe zur Scholle, das Gefühl des Verbundenseins mit der Erde, das soll der große Eindruck und das größte Erleben sein, daß die Jungens und Mädels aus der Stadt bei ihrem Landaufenthalt in sich verankern und das sie festhalten sollen mit der Kraft des Jugenderlebnisses für ihr ganzes Leben. Und in der Tat, es ist erstaunlich und bewunderswert, wie rasch diese Kinder sich in der Umgebung heimisch fühlen, in die sie das erstemal, man könnte sagen künstlich hineingestellt werden. Verblüffend rasch finden sie, frei von Vorurteilen und Hemmungen, den Kontakt zu all dem Neuen, ein untrüglicher Beweis dafür, wie stark und innig das Kind als solches sich selbst mit der Natur und all ihren Erscheinungen verbunden fühlt. Wie stumpf geht Statt Asphalt und Häusermeer freies Feld mit reifem Korn der erwachsene Großstädter an den Dingen vorüber, die hier den jungen Menschen als Wunder scheinen. Die Blumen und Blüten in ihren vieltausendfachen Arten und Variationen, das reifende Obst und das wogende Kornfeld, das Kleinvieh im Hof, die Pferde und Kühe auf der Zweierlei Temperamente Weide, all das unverfälschte Wirken und Weben der Natur erfüllt die jungen Seelen mit den Eindrücken und Erlebnissen, die später einmal nicht nur bestimmend sein werden für das Aeußere des Menschen, der sie in frühester Jugend in sich aufgenommen hat, sondern die darüber hinaus seinen Charakter maßgebend beeinflussen. Die Männer und Frauen, in deren Hände die Betreuung der deutschen Jugend auf dem Land gelegt ist, sehen ihre vornehmste Pflicht darin, die Jungens und Mädels Die jungen Ferkel sina so zutraulich, daß sie sich sogar aus der Hand füttern lassen Die gefangene Möwe Von E. van Lidth de leude verständlich gefunden. Aber jetzt, nach zehnjähriger Ehe, schien es, als ob sich etwas in ihr veränderte. Sie fing an, das zu entbehren, was sie leichten Herzens aufgegeben hatte: die Bühne. Sie verlangte wieder nach allem, was die Künstlerlaufbahn wohl, und das Familienleben nun einmal nicht geben kann. Schon schwebten andere Möwen über Meer und Ufer. Edgar blieb stehen und warf den Vogel in die Luft. „Gute Reise, und denk auch einmal an uns!“ rief er ihm lachend nach. „Gute Reise, gute Reise!“ jubelten die Kinder. „Und wenn die Flügel wieder gewachsen sind, dann bringen wir die Möwe ans Meer zurück“, hatten die beiden Kinder jedem erzählt, der ihnen zuhören wollte. Der Vater hatte die Möwe eines Morgens im Garten gefunden. Ihr waren die Flügel beschnitten worden, anscheinend von jemand, der sie gefangen halten wollte. Dennoch mußte die Möwe entschlüpft und schließlich erschöpft im Garten der Familie niedergestürzt sein. Hier war sie dann mit ängstlichen Augen und nach jedem pickend, der sich ihr nähern wollte, liegen geblieben. Die Kinder, die achtjährige Emmy und der sechsjährige Hans, hatten vorsichtig einen Napf mit Brot und Milch für sie hingestellt, und nach einigen Tagen war der schöne Vogel so zahm geworden, daß er furchtlos durch den Garten hüpfte und keine Neigung zum Entfliehen zeigte. Die Möwe schien nicht so unzähmbar zu sein, wie man gedacht hatte. Sie schlief des Nachts in einer leeren Kiste mit etwas Stroh darin, benahm sich mehr und mehr wie ein Haustier und wurde noch einigen Wochen sogar so zahm, daß sie sich auf die Hand oder die Schulter der Kinder oder der Eltern setzte. Dennoch hatte der Vater gesagt:„Eine Möwe muß in Freiheit herumfliegen. Wenn unsere erst wieder ganz bei Kräften ist, gehen wir mit ihr ans Meer, um ihr die wahre Freiheit zurückzugeben.“ Den Kindern tat es wohl ein bißchen leid, daß sie den Vogel wieder hergeben sollten, aber andererseits machte ihnen der Gedanke Freude, daß ihre Möwe dann wegschweben würde, in die weite Welt.... Die Kinder liebten ihren Vogel sehr, aber vielleicht liebten sie ihn doch nicht so sehr wie ihre Mutter. Wenn ihr Mann im Büro und die Kinder in der Schule waren, konnte sich die junge Frau Houvert stundenlang mit dem Tier beschäftigen. Sie pflegte es liebevoll und führte lange Gespräche mit ihm. Es war wohl in der Hauptsache ihr zu danken, daß der Vogel so zahm geworden war. Frau Houvert fühlte sich zu der gestutzten Möwe wahrscheinlich deshalb so hingezogen, weil sie sich in den letzten Jahren auch ein bißchen gelähmt gefühlt hatte. Vor ihrer Ehe war Frau Anny Schauspielerin gewesen. Sie hatte unbestrittenes Talent, sie spielte bereits große Rollen, und sie wäre eine berühmte Künstlerin geworden, wenn sie nicht in ihrem 23. Jahr geheiratet hätte. Sie heiratete ihren Mann aus Liebe und empfand es darum nicht als sehr schmerzlich, ihre Künstlerlaufbahn aufzugeben. Edgar Houvert hatte es nicht von ihr verlangt, aber es selbstAnnys Stimmungen blieben ihrem Gatten nicht verborgen. Er suchte ihr möglichst viel Ablenkung zu verschaffen, aber es half nicht viel, denn das Verlangen ließ sich nicht aus Anny verbannen. Und gewiß war es gerade diese Sehnsucht, die sie so enge Freundschaft mit der Möwe schließen ließ, denn die mußte ja auch wohl verlangen nach dem großen, freien Leben auf Meer und Strand, da sie einmal gekannt hatte. „Jetzt sind die Flügel wieder groß und stark“, sagte Edgar eines Sonntags morgens,„nun wollen wir sie ans Meer zurückbringen.“ Mit wehmütigen Gefühlen nahmen Eltern und Kinder im Auto Platz. Edgar saß am Steuer und neben ihm sein Sohn, während Frau Anny und ihr Töchterchen im Innern saßen. Die Möwe hockte auf der Hand der Mutter und blickte neugierig umher. Frau Anny streichelte sanft die feinen Füße und dachte:„Du darfst wieder zurück in deine eigene Welt, in die Welt, in der du zu Hause warst, bevor dir die Flügel beschnitten wurden.“ Und ihre Augen waren feucht vor innerer Bewegung. Am Strande ging Edgar voran, wie ein Falkenier aus alten Zeiten, die Möwe auf seiner Hand. An beiden Seiten liefen die Kinder, voller Spannung, was geschehen würde, während die Mutter ihnen folgte. Die Möwe schwang sich mit ein paar starken Schlägen in die Höhe und beschrieb einen weiten Bogen über den Wellen der Brandung. Aber dann kehrte sie zum Strande zurück, zog immer kleinere Kreise über den Häuptern der Gruppe und strich endlich ruhig nieder auf Edgars erhobene Hand. „Was ist denn das?“ fragte er erstaunt,„kommst du wieder zurück? Nein, das sollst du gar nicht! Du sollst frei sein und wegfliegen zu deinen alten Kameraden!“ Wieder warf er den Vogel in die Luft, und wieder kehrte die Möwe zu den Menschen zurück. Noch dreimal versuchte es Edgar, aber immer mit dem gleichen Erfolg. „Die Möwe will nicht mehr fort von uns, sie ist nun ganz unsere Möwe geworden!“ jauchzten die Kinder. „Was für ein merkwürdiges Tier,“ sagte der Vater. „es scheint, als ob das Meer und die Weite sie schwindlig machen. Es ist keine Seemöve mehr, es ist eine richtige Hausmöwe geworden. Was sollen wir tun, Anny? Wollen wir sie wieder mit nach Hause nehmen?“ Und während sie mit der Möwe am Strande entlang zurückkehrten, ging die junge Frau eng an ihren Mann geschmiegt, als ob sie Furcht gehabt hätte, ihn für immer zu verlieren. 9 Heitere Welt. Die ehernen Naturgesetze. „Sind in diesem Ort auch große Männer geboren?“ „Nein, immer nur kleine Kinder.“ * In einem Caféhaus in Erfurt nimmt ein Reisender an einem Tisch Platz, an dem sich bereits zwei Herren laut und angeregt unterhalten. Wie das nun schon so ist, hört er mit halbem Ohr hin. „Auf Cicero und Mac Mahon können Sie sich unbeingt verlassen.“ „Auch auf Mohammed?“ „Gewiß!“ „Wie ist es denn mit der Königin Luise?“ „Nein, danke, die ist mir nicht blau genug.“ „Aber dann nehmen Sie doch neben Napoleon, auch neben Bismark sieht sie allerliebst aus!“ „Und wie wäre es mit Abraham Lincoln?“ „Meinetwegen, geben Sie mir auch eine Prise von dem, aber vergessen Sie bitte auf keinen Fall Lola Montez!“ Der Gast springt entsetzt auf und eilt zum Kellner. Er will schleunigst zwei Kriminalbeamte herbeiholen, um die beiden Irren abführen zu lassen. Aber der Ober beruhigt ihn.„Der eine ist ein hiesiger Gärtnereibesitzer und der andere ist ein Kunde von ihm!“ Da geht dem Fremden endlich ein Licht auf:„Ach so das ist also die Erfurter Blumensprache. * „Wo wollen wir uns treffen?“ „Wo Du willst." „Und wann?" „Ist mir gleich.“ „Gut, sei aber bestimmt pünktlich.“ * Bodenstein ist ein sehr tüchtiger, aber rasend zerstreuter junger Mann. Kürzlich wurde er von seiner Firma nach München geschickt, um dort etwas Geschäftliches mit einer anderen Firma zu besprechen. Da traf bei seiner Firma folgendes Telegramm ein: „Hier eingetroffen. Leider Namen betreffender Firma vergessen. Bitte Drahtbescheid. Bodenstein. Er erhielt folgende Antwort: „Name dortiger Firma— Kreuzmann und Co.—, Ihr eigener Name— Bodenstein—.“ * Der kleine Paul möchte gerne im Garten spielen und bittet den Vater um Erlaubnis. „Du bleibst heute im Haus. Hier nimm Dein Schullesebuch und lies darin!“, entscheidet der Vater. Paul setzt sich schmollend in eine Ecke und versucht zu lesen. Plötzlich ruft er:„Papa, ich lese hier: Ein guter Mann und ein schlechter Mann sind lange zusammen auf einer einsamen Insel ganz allein. Und was nun kommt, verstehe ich nicht. Wird nun der schlechte Mann auch ein guter Mann oder der gute Mann ein schlechter Mann oder werden sie beide gute Männer oder beide schlechte Männer? Wie ist das, Papa?" Der Vater sieht einen Augenblick von seiner Arbeit auf, denkt eine Weile nach und dann sagt er:„Du kannst heute in den Garten gehen und spielen, Paul!“ * „Haben Sie eine kalte Platte?“—„Entschuldigen Sie, was geht Sie meine Glatze an!“ Stilblüte. „Nach schwerem Kampfe konnte sich gestern unser beliebter Preiskegler, Herr Bäckermeister Schulze, wieder die Palme erringen, die ihm in Gestalt eines kräftigen Hammels bald darauf vom Vorstand dediziert wurde.“ * Arzt:„Sie haben also Schüttelfrost und immer Durst?“ Patient:„Ja, Herr Doktor, vertreiben Sie nur den Schüttelfrost, den Durst beseitige ich schon selbst.“ * Wie immer. „Ober!“ ruft Professor Wüßtisch.—„Mein Herr?“— „Also hören Sie mal gut her: Vor einer Stunde habe ich bei Ihnen ein Schnitzel bestellt. Was meinen Sie, habe ich das schon gegessen, oder haben Sie es vergessen?“ * Kleinbahn. Zwischen Glashütte und Mügeln fährt eine Kleinbahn. In Kunersdorf hat der Zug fünf Minuten Aufenthalt. Der Reisende stürzt zum Bahnhofswirt:„Hält der Zug so lange, daß ich ein Schnitzel bestellen kann?“— Der Wirt nickt:„Wenn Sie für den Lokomotivführer auch eins bestellen— bestimmt!“ * In der Buchhandlung. Die Kundin:„Mir fehlen die Worte, um meinen Abscheu vor diesem elenden Werke auszudrücken!“ Der Verkäufer:„Dafür, meine Dame, kann ich Ihnen ein ausgezeichnetes Wörterbuch empfehlen!“ „Du mußt mir einen neuen Spiegel kaufen, Arnold, aus dem bin ich'rausgewachsen!“ Verständnisvoller Richter. „Und was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“—„Geben Sie mir Zeit, Herr Richter, geben Sie mir Zeit!“—„Schön— sagen wir sechs Monate!“ Die Maschine. Schramm kauft eine Schreibmaschine. Schramm bringt die Maschine wieder.„Sie schreibt schlecht."—„Wieso?“ „Sie macht orthographische Fehler.“ * Städterin:„Ach, welch schöner Salat!“— Bäuerin: „Nee, Fräulein, das sind ja Kartoffeln!“— Städterin: „Ah so! Ich meinte eben Kartoffelsalat!“ * „Nehmen Sie einen Strauß Rosen für Ihre Gemahlin, lassen Sie Blumen sprechen.“ „Na schön, geben Sie mir eine.“ „Eine? Ist das nicht ein bißchen wenig?“ „Eine genügt! Die anderen Blumen kommen doch nicht zu Worte!“ * „Donnerwetter, Herr Kramer, wie geschickt Sie doch über den schmalen Steg balancieren können!“ „Ja, gnädiges Fräulein, wenn alle Stricke reißen, werde ich Seiltänzer.“ * Als Nurmi einmal verreisen wollte, passierte es ihm, daß er zu spät zum Bahnhof kam. Der Zug hatte sich gerade in Bewegung gesetzt und verließ eben die Halle. Nurmi schlug einen zünftigen Trab an und lief hinterher. Als der Lokomotivführer ihn sah, bremste er ab und rief aus dem Fenster: „Schon gut, Herr Nurmi,— wir geben auf“— * Ein Herr betrat ein Kaffeehaus im Berliner Westen, zog ein kleines Buch aus der Tasche, blätterte eifrig darin herum und rief dann:„Junggeselle!“ Als man ihn bloß erstaunt ansah, blickte er von neuem in das Buch und rief:„Knabe!“ Dasselbe Ergebnis. Er begann langsam verzweifelt zu werden. Er rief:„Junge!“ Man begann ringsherum zu lachen. Der Herr wurde puterrot, sah noch einmal in das Buch und schrie verzweifelt:„Kellner!“ Sofort kam der Ober herbei. Der Herr mit dem Menjoubärtchen war ein Franzose gewesen, der in seinem Wörterbuch nachgesehen hatte, was „Garcon“ heißt, und dabei das richtige Wort erst zuletzt gefunden hatte... Seemannslatein. „Und an einer Stelle des Meeres habe ich unzählige Hummern gesehen, das ganze Meer war rot davon!“ „Aber Hummern werden doch erst rot, wenn sie gesind!“ a ja— wir waren doch im Golfstrom.. kocht sin „Na Lob des Wassers Eine Anekdote von Kitt Peter Altenberg spazierte einst in Wien als Dichter und Original durch die Zeit. Die Reihe der Dichterkäuze schloß mit ihm nicht ab. Immer— wo Männer die Schreibfeder bewegen, sondern sich Figuren ab, auf die die Zeitgenossen mit dem Finger weisen: Seht— ein Original, der Kerl da! Auch in unserem betriebsamen Städtchen lebt ein Mensch, der, seit er das A B C erlernt hat, Verse schmiedet, den Musen huldigt und als Kauz und originelle Figur viel belächelt und auch ein wenig— geliebt wird. Eines Tages stand unser Dichter— ich hoffe, daß diese Zeilen nicht vor seine Augen kommen, ansonst verlangt er Honorarbeteiligung— stand unser Dichter also sinnenden Auges vor dem Auslagefenster eines Cafés in der Mittelstadt. Ich betrat das Café— er folgte mir— er nahm an meinem Tischchen Platz. Als nun der weißbeschürzte Kellner unsere Wünsche in Empfang nehmen wollte, bestellte ich einen Cognac, er ein Glas Wasser. Der Kellner kannte unseren Dichter. Ohne mit der Wimper zu zucken, setzte er mir den Cognac, ihm das Glas mit dem guten, unverfälschten Leitungswasser hin. Der Poet ergriff mit schlanken Fingern sein Trinkgefäß, hob es langsam in die Höhe, betrachtete es innig und sprach: „Wasser— göttliches— klares— silbernes Wasser! Trank ohne Fehl— Trank ohne Tücke und Spott! Wasser!— Der Himmel träufelt seine Güte auf die Erdrunde!— Wasser!—— Seht— wie der Sonnenstrahl durch das Fenster bricht— sich im Glase fängt— Wasser glüht auf im bräutlichen Lichtkuß! Wasser!— Du rinnest beglückend und sanft über die Zunge des Andächtigen! Wie erfühle ich in deiner Kühle die wunderbare Welt! Wasser— 1 Nahrung der Blumen! Quelle des Segens! Lethe der Unschuld! Reine Flut! Kindlicher Strom! Keuscher Zauber! Wasser!— Göttliches, himmlisches Wasser————!“ Der Dichter schwieg ergriffen und setzte langsam und behutsam das Glas mit dem göttlichen Wasser auf unser Tischchen. Dann ergriff er meinen Cognac, trank meinen Cognac bis zur Neige, bis zum letzten Tropfen, erhob sich und schritt schweigend und majestätisch zur Tür wie ein Prophet— Seher— Dichter und—— Original. Ueber den Feuergeist der Italiener wurde ich von einem Südtiroler folgendermaßen aufgeklärt: „Woast wohl," sagte er,„so sein's, die Hitzköpf. A unrechts Wort und einer zieht sein Stiletto und stoßt's dem andern mitten ins Herz. Zwei Stund drauf sein's wieder die besten Freund.“ * Wertvoller. „Kannst Du mir 100 Mark leihen, Peter?“ „Lieber Kurt, Geld borgen zerstört die Freundschaft, und unsere Freundschaft ist doch viel mehr wert, nicht wahr?“ „Natürlich— dann pumpe mir bitte 1000 Mark!“ Rütsel=Ecke. Kreuzworträtsel Bedeutung der einzelnen Wörter. a) von links nach rechts: 1 Amtstracht, 4 Besitz, 7 indisches Reich, 8 Verpackungsgewicht, 9 spanischer Küstenfluß, 10 Wildgeflügel, 11 christliche Tugend, 14 Quellfluß der Weser, 17 Indianertrophäe, 19 ungebundene Rede, 21 kleiner Mann, 23 Fluß in Ostpreußen, 24 Gewicht, 25 Spottname für den Nordamerikaner, 26 Hülsenfrucht; b) von oben nach unten: 1 Himmelsgegend, 2 Röhricht, 3 Nebenfluß der Weichsel, 4 Beleuchtungsmittel, 5 russisches Gebirge, 6 Nadelbaum, 8 Teil der Karpathen, 10 Schweizer Alpenpaß, 12 katholischer Gottesdienst, 13 Edelstein, 15 männlicher Vorname, 16 Nebenfluß der Saale, 18 Aderschlag, 20 Molch, 22 Windstoß. Auflösung des letzten Kreuzworträtsels: Kreuzworträtsel: a) 2 Kanuele, 8 Weiler, 9 Aue, 11 Enz, 12 Neid, 14 Eva, 15 Diele, 18 Ei, 19 Nil, 20 Po, 21 Weser, 23 Bor, 24 Nora, 26 Aal, 28 Mal, 29 Legion, 30 Trajekt;— b) 1 Gransee, 3 Ney, 4 Eleve, 5 Lena, 6 Erz, 7 Sue, 10 Eid, 13 Diner, 14 Ellen, 16 Eis, 17 Koralle, 21 Wolga, 22 Rom, 23 Baer, 25 Rad, 26 Alt, 27 Boe. SCHACH-ZEITUNG Problem=Schach. Aufgabe Nr. 31 von C. Knipping. („Manchester City News“ 1911) Schwarz: Ka8, Tg2, Be2(3). abcd efgh Weiß abodefg Ka4, Sa6, Sc6 295(4). Maiin 3 Zügen. Lösung der Juli=Aufgaben. Aufgabe Nr. 27 von H. Verholen. Matt in 3 Zügen. Weiß: Kc8, Tf1, Le3(3). Schwarz: Kas, Lb2(2). 1. Tf1—f4 Lb2—c3 2. Tf4—a4+ Lc3—a5 3. Ta4X5++; 1..... Lb2—d4 2. Tf4Xd4 Ka8—a7 3 Td4—a4++. Auf 1. Tfl—f2 folgt La3; nach 2. Tf2—a2 wäre Schwarz patt. 2. Tf2—f4 wird mit Lb4 2. Tf2—f5 mit Lc5 2. Tf2—f6 mit Ld6 und 2. Tf2—f7 mit Le7 beantwortet. 1. Tf1—f5 scheitert an Lb2—c3 2. Tf5—f7 Lc3—d4! Auch genügt 1. Tfl—b1 nicht wegen Lb2—e5 2. Tb2—b7 Le5—d4! Aufgabe Nr. 28 von O. Fuß. Matt in 3 Zügen. Weiß: Ke5, Dc4, Th8, Bb5, e6, f3, g4, h2(8). Schwarz: Ka5, Ta6, Ba7, b6, 7e, f5(6). 1. Th8—h5 f5—f4 2. Dc 1.... f5Xg4 2. Th5—h4 g Oc4—e4 Ka5Xb5 3. Ke5Xf4++; f5Xg4 2. Th5—h4 g4—g3 3. Dc4—a4+f. Aufgabe Nr. 29 von H. Verholen(Urdruck). Matt in 2 Zügen. Weiß: Kb2, Tg6, Lbl, Le7, Sb4, Sf2, Bc3, d2, 15, g4(10). Schwarz: Ke5, Th6, Sg3, Shö, Bb3(5). 1. Lb1—e4(droht Sb4—d3++) Sg3Xe4 2. S12—d3++; 1... Tb6Xb4 2. Le7—d6++; 1. Sh5—f4 2. d2—d4+++; 1..... Ke5—f4 2. Sb4—d 3++. Die Aufgabe bringt einen doppelten Kritikus zur Dartellung, in dem beide Mattspringer entsetzt werden. Eine Arbeit des jungen Dortmunder Komponisten! Aufgabe Nr. 30 von Arvid Kubbel. Matt in 3 Zügen. Weiß: Ka2, Dd6, Lf1, Se6, Bc5, g4(7). Schwarz: Kd5, Ld7, Sel, Sg7, Bc6, e7(6). 1. Dg6—b1!(droht Lc4+ nebst Db3+++) KdöXe6 A 2. Lf1—c4+ Ke6—f6 3. g4—g5++; 1..... Sg7Xe6 2. Dbl—f5-++ Kdö—d4 3. Df5—e5++; 1.... Ld7 Xeb 2. Obl—b4 beliebig, 3. Db4—c4++ bzw. Lf1—92++; Sel—d2 2 Dh1—b3+ 2d5—e4 3. Db3Xd3-+ Eine Ausgrabung. Nachstehende hübsche Angriffspartie spielte der derzeitige Dortmunder Stadtmeister E. Gödde im Jahre 1927 beim Wettkampf Holland—Westdeutschland in Amsterdam. Die Partie wurde damals mit Anmerkungen des früheren Weltmeisters Dr. Em. Lasker veröffentlicht. Damit ist wohl unzweideutig kundgetan, daß es sich hier um eine Meisterleistung Göddes handelt. Wir bringen die Partie ebenfalls mit den Laskerschen Anmerkungen. Partie Nr. 59. Königsläuferspiel. Weiß: Schwarz: Ernst Gödde, Essen. Van Foreest, Holland1. e2—e4 e7—e5 2. Lf1—c4 Sg8—f6 3. Sg1—f3 Sf6Xe4 4. Sb1—c3 Se4—d6 Schwarz darf 4. Se4Xc3 ziehen, wiewohl Weiß dabei Angriff erhält. Nach 5. d2Xc3, f7—f6, 6. 0—0, Sb8—c6, 7. Sf3—h4, Sc6—e7, 8. Lc4—d3, g7—g6, 9. f2—f4, e5Xf4, wird Schwarz sich verteidigen können. 5. Lc4—b3 e5—e4 Ein so frühzeitiges Vorrücken, da Schwarz noch unentwickelt steht, ist bedenklich. Geboten erscheint Sb8—c6. 6. Dd1—e2 Lf8—e7 Oder 6. Dd8—e7, 7. Sf3—d4, c7—c6, 8. 0—0, De7 —e5, 9. De2—e3 zum Vorteil von Weiß. 7. Sc3Xe4 Sd6Xe4 8. De2Xe4 0—0 9. 0—0 7—06 10. Tf1—e1 Le7—f6 11. c2—c4! Ein ganz ausgezeie eine bessere Wirkung als bisherige und die Mitte wird offengehalten. 11. d7—d6 12. d2—d4 13. Lc1—d2 14. 92—94! Mit scharfen Blick für die Schwäche des Gegners, die auf dem Königsflügel liegt. 14. d6—d5 15. c4Xd5 c6Xd5 Aber dies ist schwach; der Läufer mußte nehmen. Nach 15.... Le6Xd5. 16. Lb3Xd5, c6Xd5, 17. Dd4—f4, h7—h6, 18. Tal—c1, Tf8—e8 kam Schwarz langsam zur Entwicklung der Türme. 16. De4—f4 Dd8—c7 17. Sf3—e5 Lf6Xe5 18. Te1Xe5 Dc7—d7 19. Tal—e1 Ta8—c8 20. h2—4 Weiß hat sich konsequent entwickelt und schreitet zum Bauernsturm. 20. Tf8—e8 21. g4—g5 b7—b6 22. h4—h5 Sa6—b8 er Zug. Der Lb3 erhält ils die bisherige und die Sb8—a6 Lc8—e6 a7—a5 b6—b5 a5—a4 Le6—f5 Te8Xe5 Lf5—e6 23. h5—h6 24. h6Xg7 25. Df4—h4 26. Lb3—d1 27. Ld1—f3 28. TelXe5 29. g5—g6!! Eine prachtvolle Konzeption, die die Partei entscheidet. Stellung nach dem 29. Zuge von Weiß. Van Foreest. ab cde fgh Ernst Gödde. 29. f7Xg6 30. Dh4—f6 Tc8—e8 31. Te5 Xe6 Dd7Xe6 32. Df6Xe6 Te8Xe6 33. Lf3 Xd5 Kg8Xg7 34. Ld5Xe6 Aufgegeben. Ein unangebrachtes Bauernopfer. Partie Nr. 60. Vierspringerspiel. (Gespielt im Kurzturnier des Bezirks Westen in Berlin Anfang dieses Jahres). Weiß: B. Koch. Schwarz: W. Schlage. 1. e2—e4 e7—e5 2. Sg1—f3 Sb8—c6 3. Sb1—c3 Sg8—f6 4. Lf1—b5 Sc6—d4 Solider und chancenreicher ist die Metgersche Fortsetzung Lb4. 5. 0—0, 0—0. 6. d3, d6, 7. Lg5 nebst De? und Sd8 ufw. 5. Lb5—a4... Schwach wäre es hier allerdings, 4.... Sd4 mit SXd4 nebst e5 widerlegen zu wollen; denn darauf würde die Remisgefahr bereits sehr groß sein. 5...Sd4Xf3 Sehr stark kommt hier Lc5! in Betracht; durch haben. 10. durch den Textzug seine Widerlegung gefunden zu haben. Ddlxf3 Lf8—e7 Df3—g3 0—0 Dg3Xe5 Tf8—e8 De5—f4 Le7—b4 e4—e5 Weit schwächer ist f32, wie in einer Partie im Turnier zu San Sebastian 1912 geschah, die weitere Folge könnte dann sein: b5! 11. LXb5, c6 12. La4, Da5, 13, Lb3, La6, 14. Sd1, d5, 15. Sf2, dXe4, 16. fXe4, Lc5!, 17. c3, LXf2+, 18. DXf2, TXe4+, 19. Kd1, Ld3, und winnt. Das Bauernopfer Le7 im 6. Wid den Textzug seine Widerlegung Schwarz Zuge sche gefunden Dd8—e7 Sf6—d5 c7—c5! Lb4Xc3 c5—c4 d2—d4! 12. Df4—g3 13. 0—0 14. b2Xc3 Droht durch Sb6 nebst ab eine Figur zu gewinnen. 15. La4—b5 Sd5—b6 16. a2—a4 a7—a6 17. Lc1—g5 De7—f8 18. a4—a5 a6Xb5 19. a5Xb6 Ta8Xal Auf Ta6? gewinnt 20. TXa6 nebst Df3. 20. TflXal Te8—e6 21. Tal—a8 Te6—g6! Auf TXb6? folgt 22. Le7!, De8, 23. Lf6, TXf6, 24. TXc8, DXc8, 25. eXf6, g6, 26. De5! mit für Weiß gewonnenem Damenendspiel. 22. h2—4 Danach verflüchtigt sich der weiße Vorteil allmählich wieder. Siegverheißend geschah Le?! und auf Des(Txg3?, 23. LXf8, und Weiß gewinnt den Läufer auf c8) 23. De3!, TXb6, 24. h4! und, falls Ta6, so Tbs! mit einer dauernden Fesselung des Lc8! 22. h7—h6 23. e5—e6 Tg6Xe6 24. Dg3—c7 Tg6—c6 25. Lgö—e7 Dd8Xe7 De8? scheitert an 26. Dd8! DXd8, 27. LXd8, da der Läufer auf c8 wegen der unparierbaren Drohung Le7 verloren geTa8Xc8+ Dc7Xb7 Kgl—h2 Tc8Xc6 nebst Dh4—e1+ usw. gen Zugwiederholung Aljechin siegt in Zürich )t. Kg8—h7 De7—e1+ DelXf2 Df2—h4+ Die Partie wurde hier weunentschieden gegeben. vor Euwe und Flohr. Schlußstand des internationalen Meisterturnieres in Zürich: 1. Dr. Aljechin 13. P., 2.— 3. Euwe u. Flohr je 12 P., 4. Bogoljubow 11½ P. 5. Dr. Lasker 10 P., 7.— 8. Dr. Bernstein u. Nimzowitsch mit je 9 P. Es folgen Stahlberg mit 8. Johner mit 7½, Henneberger mit 5½, Gygli mit 5, Rosseli mit 4½, Grob und Müller mit je 4, Naegeli mit 3 und Dr. Joß mit 2 Punkten. DER SORGENTROPFEN =======Von Hans Här Weine haben oft eine fesselnde, erlebnisreiche Geschichte. Wie alte Tore und Wälle, Museen und Folianten können sie viel erzählen von Kämpfen und Mühen der Ahnen, von längstverwehten Freuden und längstvergessener Heimsuchung. Darum würdigt der Kenner die edlen Gewächse vom Rhein, von der Mosel, der Pfalz und dem Markgräfler Lande, er schlürft den köstlichen Tropfen mit Nachdenklichkeit, und er spürt aus der Blume des Weins die Anmut einer Landschaft, die Minerale eines gesegneten Bodens, die Pflege des Weinbauern heraus. Dann blühen Melodien in ihm auf, es erwacht eine Fülle froher Gesichte. Der besonnene Trinker erkennt dann, was gut und edel macht, und er fühlt sich dem deutschen Boden verbunden, dem Weinberg, der ihm Freude schenkte. Und wenn er gar einer alten Flasche begegnet, die vor mehr als hundert Jahren in einem kurfürstlichen Keller oder in einem Schlosse Napoleons lagerte und nun vom Spinngewebe überzogen ist, dann grüßt er den schweren, reifen Trank mit scheuer Bewunderung, und es ist, als ob er mit den Geschlechtern spreche, die längst ins Grab gesunken sind. Solchen besinnlichen Männern verdanken wir auch alle die blühenden Namen für die Weinsorten, die besonders zwischen Koblenz und Trier, im Tale der Mosel, mit ihrer Poesie und Farbe locken. Da ist der„Bernkasteler Doktor“, die„Zeltinger Sonnenuhr“, deren Feuer an den heißen, freundlichen Fixstern gemahnt. Da begegnet uns der„Uerziger Würzgarten“, der wirklich die ganze Erdkraft und Fülle des Schiefergebirges in sich trägt. Zu dem„Pundericher Goldlay“ und dem„Winninger Rosengarten“ mit seiner milden Blume gesellt sich der„Sorgentropfen“, ein kräftiger, perlender Wein, der auf einem sanftgewölbten, vom silbernen Schlangenband des Flusses umgebenen Berge wächst. An einem Februartage sammelten sie sich auf der Dorfstraße, und dann zogen sie zum Aeltesten. Der stand blaß aber ruhig vor ihnen und biß sich die Unterlippe blutig, als er ihr Verlangen vernahm. Zuerst sprachen sie stockend und leise, später aber polterten sie durcheinander:„Was sollen wir hier noch tun? Unser Wingert ist keinen Heller mehr wert! Verhext ist unsere Arbeit! Unsere Keller haben die Schweden und Kroaten leergesoffen! Laßt uns auswandern! Schlimmer als hier kann es uns nirgends ergehen, denn hier ist nichts mehr zu ernten!“ Matthias Kappertz blieb beherrscht, und nur die tiefe Spalte zwischen den Brauen verriet, wie ihn ihr Begehren erregte. Er überlegte lange, schließlich sagte er: „Wir dürfen nichts über's Knie brechen. Kommt am Montag wieder!“ In den nächsten Tagen sprach Matthias Kappertz kein Wort. In schweren Gedanken schritt er durch sein Haus, in seinen Augen aber lebte eine seltsame Andacht, ein unausgesprochenes Gebet. Und als sie wiederkamen, um seine Antwort zu holen, da sprach er:„In die Fremde wollt Ihr ziehen?— Gut, jeder von Euch, der sich zu schwach fühlt, um hier länger auszuhalten, mag gehen. Kein Groll wird ihm nachjagen. Ihr könnt die Rebe Euerer Heimat auch in fremden Boden pflanzen!“ Verwundert sahen die Winzer auf ihren Aeltesten. Aber sie erkannten sofort wieder ihren alten Matthias Kappertz, als er nun auf den Berg und den Kirchhof deutete und fortfuhr:„Glaubt mir aber, nirgends werdet Ihr wieder den Wein ernten, der hier Euer Stolz war. Denn solches Gut gibt uns nur unser Berg da oben, in dem wir wurzeln. Wer den Vätern, die da drüben schlafen, die Treue halten will, gibt den Boden, den sie uns vermachten, nicht so leicht auf. Er kämpft um ihn und bleibt! Nun gehe in Frieden, wer gehen mag!“ „Sorgentropfen“? Das klingt wie Schweiß und Galle, wie Kampf und Trübsal. Und wie staunt dann der Fremde, wenn er den Trunk nach erstem Zögern genießt! Wie kann man dieser Labsal solchen Namen geben!? Vor dreihundert Jahren geschah es, daß sich alles Böse in der Welt zu verschwören schien, um den Winzern an der Mosel die Frucht ihrer Arbeit zu rauben. Besonders hart bedrängten die Heimsuchungen das Dorf mit den reinlichen Fachwerkhäusern, das am Fuße jenes sanft gewölbten Weinberges lag. Es war, als ob sich die Welt hoffnungslos verdüstert hätte, und alle Schrecknisse kamen über's Land: Da tobte ein endloser Krieg. Mörderische Söldner kamen plündernd in die Dörfer, töteten die Männer, die sich wehrten, schändeten die Frauen und raubten Küche und Keller aus. Böses Wetter und Insektenschwärme vernichteten Jahr für Jahr die Ernte. Pest und Hunger zogen blasse Frauen und Kinder ins Grab. Da gab es kein Lachen mehr im Moseldorfe, da war alle Hoffnung erstorben. Fünf Jahre währte nun schon der Hexensabbat. Nirgends war rettender Vorrat, nirgends Hoffnung auf neue Ernte. Grauenschwer lag der Winter auf den verschneiten Häusern. Die Kinder wimmerten über den Wassersuppen, die Mütter klagten tränenlos aus tiefliegenden Augen. Die wenigen Männer aber, die die Heimsuchungen überstanden hatten, saßen in qualvollem Grübeln. Wo war die Rettung? War ihr Dörflein nicht verflucht? War es nicht, als ob alles, was sie mit ihren schwieligen Händen anpackten, dem Untergange geweiht war? Plötzlich sprang das verführerische Wort auf: Laßt uns fortziehen! Was können wir hier noch ausrichten? Hier können wir nur verderben, draußen aber ist eine weite Welt mit hundert Möglichkeiten. Es war der Hannes Kleiber, der zuerst diesen Ruf erhob. Es war der Mann, um dessen kleine Augen, die schräg im gelben Gesicht standen, hundert boshafte Fältchen spielten. Sein Vater war einst auf der Wanderschaft aus dem Lothringischen an die Mosel gekommen, hatte hier Arbeit und eine Frau gefunden und war so— wie er oft mit stechendem Witz sagte—„auf simple Art in dem gottverlassenen Tal sitzen geblieben.“ Auch der Hannes fühlte sich hier nie heimisch, sein unruhiges Blut zog ihn in irgendeine lockende Ferne, und als er nun gar unter der gemeinsamen Not litt, bezähmte er sich nicht länger. Er fürchtete sich nun auch nicht mehr vor dem Ansehen des Dorfältesten, des Matthias Kappertz, der ihn bisher in seine Schranken wies und seinem Spott mit der Kraft der Erfahrung begegnete. Jetzt war das anders, jetzt konnte man dem würdigen Kappertz ein Schnippchen schlagen. Jetzt entglitten dem Vorsteher der Gemeinde die Zügel. Denn in allen Herzen und Hirnen fraß sich die Verzweiflung fest. Und nun griffen sogar die Besonnenen, die bisher ehrfürchtig auf das Wort und den Trost des Mattes Kappertz hörten, die Losung auf:„Ja, laßt uns fortziehen! Fort vom Hunger, vom hoffnungslosen Warten!“ Gigantische amerikanische Bergwelt Ein Bild aus dem Rainier National Park „Da schaut doch, der starke Mattes—“ murmelten sie. „Er weint!“ Und einer trat vor mit schwerem Schritt: „Schockschwerenot, Mattes! So war's doch nicht gemeint! Du mußt uns doch verstehen, es war halt Verzweiflung! Aber nun meine ich, wir wollten's noch einmal versuchen.“ „Ja, wir bleiben!“ rief's im Chor, und sogar der gelbe Hannes quäkte nun feige:„Na, dann bleiben wir in Dreiteufelsnamen und quälen uns weiter um unseren Sorgentropfen. Der Mattes muß es aber verantworten.“ Matthias Kappertz konnte es wirklich verantworten. Ein gütiges Geschick kam ihm zu Hilfe. Es zog ein sonniges Jahr herauf, das den Weinberg mit reichen Dolden segnete. Und es kam wieder Geld und Speise in das Dorf. Es ging wieder aufwärts. Freilich wechselten auch später fette und magere Jahre einander ab, und bis zum heutigen Tage ringen die Winzer um ihren„Sorgentropfen“. Wenn sie aber von der Ermattung versucht werden, erinnern sie sich der Lehre des Matthias Kappertz und jenes Jahres, da ihre Ahnen den heimatlichen Weinberg preisgeben wollten. Dann arbeiten sie unbeirrt weiter. Damit geben sie uns ein Beispiel, für das wir ihnen am besten danken, indem wir nicht nur die Freuden der Rebe, sondern auch den Mut und den Fleiß erkennen, die uns den deutschen Wein bescheren. Der letzte Erntewagen Von KurtHermann Heise Schnaufend hielt die Kleinbahn, die Jobst=Jörg und Henning mit den anderen Werkstudenten durch die fruchtschweren Felderbreiten und saftigen Marschen geläutet hatte. Frohgemut beluden sich die beiden jungen Männer mit Rucksack und Handköfferchen, in die die notwendigsten Habseligkeiten und Bücher für die Erntewochen verstaut waren, und stapften mit erwartungsfrohen Gesichtern auf den Bahnsteig. Mißtrauisch musterte der alte Friesenkutscher Ole über Fischerkrause und Kurzpfeife hinweg die jungen Leute, die lachend auf seinen Leiterwagen kletterten. Das Gefährt rasselte in den sinkenden Abend hinaus und lud hier und dort an vereinzelten Häusern und Dörfern nach dem Verteilungsplan die verschiedenen Rotten ab. Indes der Wagen die letzte Studentengruppe in die fernen Baracken zum Deichbau entführte, fanden sich Jobst=Jörg und Henning vor einem breitgelagerten Gehöft, das im Schutz seiner Hausbuchen auf einer Werft wuchtig und trotzig gegen den wolkenschweren Himmel stand. Altbauer Pay Carstensen empfing die zwei Ankömmlinge im Pesel mit festem Handschlag: „Willkommen auf meinem Hof! Eike wird Euch Eure Kammer weisen. Dann marsch zum Essen!“ Polternd stolperten die beiden Bepackten die engen Treppenstufen hinauf der Haustochter Eike nach, die ihnen das Licht in ihre Stube vorantrug. Bald ließen sie sich nach wortkargem Abendessen fahrtmüde in die Butzen sinken. Das war ein anderes Dasein, das sie hier umfing, ein hartes, aber helles Leben. Froher und stärker als in der steinernen Stadt, die zur Aufrechterhaltung des Studiums das sagenhaft gewordene freie Burschenleben bei knappem Monatswechsel durch die abenteuerlichsten stammten Gutes hatten die Eltern nicht überlebt. Ihn. den Verwaisten, schluckte die fremde Stadt, in die er heimatlos wieder zurück mußte. „Das wird ein bitteres Scheiden, wenn ich von Euch gehen muß. Von Euch und von Dir, Eike! Aber mein Herz bleibt wohl immer hier!.. „Auf immer?“ fragte Eike und senkte den Blondkopf. „Ja, auf immer!“ antwortete er feierlich. Und dann küßte er sie. Morgenfrühstück der Vogelfamilie Nebenberufe zu fristen zwang. Mit dem erwachenden Frühlicht ging es hinaus in Sonne und Wind den lieben langen Tag hindurch bis zum Dämmern. Alle Knochen schmerzten anfangs, und wie zerschlagen kroch man am Abend in die dicken Bauerndaunen. Doch die sportgestählten Körper paßten sich schnell der ungewohnten Arbeit an, die den beiden bald flinker von der Hand ging als manchem zünftigen Großknecht. Wohlgefällig sahen die Bauersleute und mit ihnen Eike auf die frischen braunen Gesellen. Das waren keine verzärtelten Knaben, wie man ihnen die Stadtfräcke geschildert hatte, sondern stramme Jungkerle, die unbedenklich zupackten und keine Arbeit scheuten. Selbst Hausvater Pay Carstensen, der anfangs ingrimmig auf das Düwelstüch aus der Universität gewettert hatte, schmunzelte im stillen wohlgefällig über die Pünktlichkeit und den Fleiß der anstelligen Hilfskräfte. Den beiden Jungen war leicht ums Herz. Das war so recht nach ihrem Sinn, den Staub der Städte aus ihren Lungen zu blasen und all die schlummernde Ueberkraft einmal gründlich auszuarbeiten, draußen in der herrlichen Herrgottsluft und dem reinen Seewind, der fernher über die Hohe Geest wehte. Aber schöner war, so empfand es Eike, die blaue Stunde um die Uhlenflucht, wenn das Jungvolk nach Feierabend auf der Hausbank unter dem vorgekragten Wandfirst saß, und die zwei Studenten lustig zur Zupfgeige sangen, flotte Marschlieder und Soldatenschnurren oder Volksweisen, wie sie auch der alte Schäfer nicht besser konnte. Am Abendtisch, bei dem es sonst immer ernst und würdig zuging, flogen bald lustige Rede und Widerrede neben heiterer Neckerei gleich quirligen Kobolden über die großen dampfenden Schüsseln. Die Stadtkinder langten mächtig zu, daß der Bäuerin das Herz aufging. Und auf der Gesindebank, wenn Altmutter Wibke die Spindel in der sandbestreuten Diele schnurren ließ, wußten sie unerschöpflich und freizügig zu plaudern und zu erzählen, bisweilen auch so klug und bedacht, wie es der Herr Pfarrer drüben im Kirchdorf nicht gelehrter verstand. Manch heller Blick flog aus Eikes Blauaugen zu Henning hinüber, dem Philologen, dem stets ihre Haarkrone durch die Sinne ging, die ihm funkelnd schien wie der Goldweizen, den sie heute in den Scheuern geborgen hatten. Die Zeit frohen Schaffens flog eilig mit dem Seewind vorbei. Bald hieß es wieder Zuflucht in der Dumpfheit der Studentenbuden suchen. Am vorletzten Ruhetage wanderten Jobst=Jörg und Henning mit Eike nach der Sonntagssuppe stundenweit hinaus zum Deich. Sie lagerten auf der Böschung und spähten über das weite Vorland bis zu dem feinen Silberstrich, der den Horizont grenzte. Das war das Meer, die Nordsee, die Mordsee, wie Eike sagte. Da droben irgendwo im„Blanken Haus“ lag in seiner Unterseebootssarg ihr Bruder, der junge Pay Carstensen, HofAuf dem Heimweg ließ Jobst=Jörg seine launigsten Böllerschüsse und Schalkweisen springen. Doch die zwei anderen blieben stumm. Ihre Hände aber trennten sich nicht mehr bei dem stundenweiten Heimwärtswandern.— Als am kommenden Abend der letzte Erntewagen in den Hof fuhr, fiel die ausgelassene Sölve, Eikes kleine Schwester, von dem hohen Fuder. Jobst=Jörg, der zum Glück in der Nähe war, stellte eine Knöchelverstauchung fest, renkte das ausgekugelte Gelenk kunstgerecht wieder ein und bettete die Gestürzte vorsichtig in ihre Stube. Da der zuständige Arzt erkrankt und sein Vertreter kaum vor dem nächsten Morgen in dem abgelegenen Gehöft zu erwarten war, beschloß stud. med. Jobst=Jörg nach nochmaliger sorgfältiger Untersuchung selbst den Schaden zu kurieren. „Ihr könnt den Arzt sparen, Vater Carstensen!“ tröstete er.„Ich habe schon andere Doktorarbeiten gemacht, da kenn ich mich aus! Eine harmlose Geschichte, nun, da der erste Schmerz überwunden ist! Kühlbinden, Ruhe, und unser Wildfang ist in ein paar Wochen wieder in schönster Ordnung!“— Als es ans Abschiednehmen ging, humpelte Sölve bereits wieder strahlend und weinend zugleich an den Wagen. Kräftig drückte der Freibauer den beiden die Hände: „Ihr seid zwei tüchtige Kerls, Jungs! Und kommt bald wieder!“ „Ja, das soll woll so sein!“ erwiderte listig JobstJörg. Und Henning beugte sich zu der Altbäuerin herab? „Ja, Modder Wibke! Ich komme bald wedder!“ Und flüsternd setzte er hinzu:„Ich will nämlich die Eike frein!“ — Schon im Frühling fuhren bekränzte Leiterwagen aus dem Kirchspiel zurück in den Erbhof. Nach den schlichten Worten des Pfarrers am Hochzeitstisch grüßte nach uraltem Brauchtum manche Spruchweisheit die Jungvermählten. Als Brummbaß und Geige munter zwischen Klarinette und Schifferklavier fiedelten, erhob sich der mit der Schulterschleife geschmückte Brautführer Jobst=Jörg: „Ein Hochzeitszug zog durch das Land! Es wurde gelacht und getanzt und gesungen.— — Da kam aus dem Dickicht, den Dolch in der Hand, die Rotte der zünftigen Räuber gesprungen. „Sie stachen, wie's Räuberehre gebot, zunächst die Schwiegermutter tot, die lieben Verwandten und Tanten daneben. — Allein die Brautjungfern, die... ließen sie leben! „Dies letzte, ihr guten Hochzeitsgäste, laßt uns auch tun bei diesem Feste: Wir lassen,— ich bitte die Gläser zu heben: Die Brautjungfern leben!—“ erbe und einziger Sohn. Nimmer verwand es der Altbauer. Lange schwiegen sie zusammen und sannen hinaus aufs Meer. Henning schaute, die Arme unter dem Kopf verschränkt, sehnsüchtig über die grüne Weite. Ihm fiele es schwer, sagte er, von hier fortzugehen. Fort von Acker und Wiese, wo die Menschen in Harmonie mit der Umwelt lebten, wo die Menschenmutter Natur und ihre Kinder einander verstanden und ergänzten. Doppelt schwer für ihn, der seine Kindheit auf dem Lande lebte, bis den Vater der blutfremde Wucherer würgte. Den Verlust des angeDas lustige Verslein, das so überraschend endete, löste allgemeine Heiterkeit aus, in die alle mit jubelnden Hochrufen einstimmten. „Sie sind aber ein schlimmer, Herr Studiosus!“ seufzte lächelnd der gütige Pfarrer zu Jobst=Jörg.„Ich glaube, Sie werden Chirurg, Sie blutiger Medikus!“ „Nein, Herr Pastor!“ erwiderte schmunzelnd JobstJörg.„Wenn ich so dunkle Gefahren an den Himmel zaubere, so will ich mich nur in Zukunft für alle Fälle in gebührende Erinnerung bringen und unentbehrlich machen. Denn ich möchte wohl hier bei Euch Landarzt werden! Wollt Ihr mich haben, Vater Carstensen?“