Erscheint täglich. Bezugspreis monatdurch Boten 2,10 Mk., durch die Post 2.20 Mk.(ohne Bestellgeld). Schriftleitung und Geschäftsstelle in Ahaus: van=Delden=Straße 8. Telegr.Adresse: Kreiszeitung Ahaus i. W Fernruf Nr. 450. Postschließfach 65. Hastschec=Konto Hannoner 22 782. Amtliches Organ für den Kreis Ahaus. 64. Jahrgang. Geschäftsstelle in Gronau: Gebr. Leusing, Verlagsanstalt GmbH., Bahnhofstraße 2, Fernprecher Nr. 260. Bankkonten: Kreis= und Stadtsparkasse Ahaus, Gewerbebank Ahaus und Städt. Sparkasse Gronau i. W. Anzeigenpreise: das 1spaltige Millimeter für die Zenozeitung 10 Pfg., für die Kreiszeitung für den Kreis Ahaus 3 Pfennig. Rabatt nach Tarif. Verlag: Gebr. Lensing, Verlagsanstalt G. m. b. H., Zweigniederlassung Ahaus. Nummer 185 Sonntag, den 8. Juli 1934 Jahrgang 1934 „Schleichers politischer Traum." Mexiko. Von Die polnischen Arbeiter in Frankreich. Eine heikle Frage in den polnisch-französischen Beziehungen. Von unserem Warschauer Mitarbeiter. •Warschau, im Juli. Als Barthou bei seinem Warschauer Besuch vor den Vertretern der Presse sprach, sagte er, daß es „zwischen Polen und Frankreich verschiedene Mißverständnisse gab, die nun beseitigt worden sind.“ Unter den vielen Fragen, die es zwischen Polen und Frankreich zu regeln gibt, und die trotz der Versicherung Barthous nicht geregelt wurden, nehmen die Frage der Handelsbeziehungen und die Frage der polnischen Arbeiter in Frankreich einen breiten Raum ein. In der polnischen Presse ist seit Monaten eine fast ständige Rubrik mit Nachrichten über die Ausweisung polnischer Arbeiter aus Frankreich zu finden. Es hieß zuerst, daß die „Repatriierung“ nicht zwangsweise erfolgen wird, sondern, daß die polnischen Arbeiter nach eigenem Ermessen und aus eigenem Willen die Heimreise werden antreten können. Dann erfolgten aber rasch die Entlassungen, und diese waren mit der Bestimmung verbunden, daß die Entlassenen Frankreich in einer bestimmten Frist zu verlassen hatten. Die polnischen Arbeiter kehren nach Polen in einer Zeit zurück, in der es für sie keine Arbeit gior and wo sie daher dem Staat zur Last fallen müssen. Die Kommentare der polnischen Presse sind deshalb alles andere als freundlich, und es ist begreiflich, daß der im Augenblick unerwünschte Zustrom von Menschen, die von vornherein zur Arbeitslosigkeit verurteilt sind, auch der polnischen Regierung im höchsten Maße unerwünscht ist. Der polnische Botschafter in Paris hat bald nach Barthous Rückkehr aus Warschau bei diesem vorgesprochen und von ihm die Zusicherung erhalten, daß diese Frage eine grundlegende Aenderung zum Besseren erfahren würde. Aber so wenig wie der französische Handelsminister sich beeilt hat, die Warschauer Versprechungen Barthous zu erfüllen, ebensowenig Neigung zeigte der französische Arbeitsminister, seine Verfügung über die Repatriierung zurückzunehmen. Er betonte dem polnischen Vertreter gegenüber,„daß angesichts der Lage auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich er es als selbstverständlich erachte, daß die fremden Arbeiter in ihre Heimat zurückkehren mussen." Woche für Woche rollen die Züge aus dem Westen nach dem Östen und führen Tausende fleißiger und arbeitsamer Menschen, die gehofft hatten, in dem entvölkerten Frankreich eine zweite Heimat zu finden, der alten Heimat, aber auch dem Elend und der Not wieder zu. Der Abschied von Frankreich fällt ihnen jedoch nicht schwer, denn sie verlassen es, wie das Regierungsblatt„Kurjer Poranny" schreibt,„unter dem Eindruck schwerer Leiden, Verunglimpfungen und Beschimpfungen." So sieht das Ende aus, das keiner von diesen Arbeitern erwartet hatte, als er vor Jahren westwärts fuhr, um dem Mangel an Arbeitskräften in Frankreich abzuhelfen. Die Zahl der polnischen Emigranten in Frankreich, also der Arbeiter und ihrer Familien, die sie zum größten Teil mitnahmen, nachkommen ließen oder dort gründeten, kann ohne Ueberschätzung mit 700 000 angenommen werden. Bald nach dem Kriege, als Frankreichs Kohlengruben wieder ihre Betriebe ausbauten, wanderten vor allem Bergleute nach Frankreich aus. Im Jahre 1927 waren es 16 000, 1929 81 000, 1930 86 000, im Jahre 1931 28000 und noch im Jahre 1933 11 500 Auswanderer, die glaubten, in Frankreich Arbeit und Brot auf die Dauer gefunden zu haben. Aber unter diesen Auswanderern sind immer weniger Bergarbeiter, immer weniger Facharbeiter und immer mehr ungelernte Arbeiter aus den östlichen Gebieten Polens gewesen, die aus den übervölkerten Dörfern in die polnischen Städte nicht ziehen können, weil sie in diesen auch keine Arbeit finden. Diese Arbeiter, die auf einer viel tieferen Zivilisationsstufe als die französischen stehen, sind für Frankreich ein willkommenes Menschenmaterial gewesen. Arbeitswillig und zu den schwersten Arbeiten bereit, wenig anspruchsvoll und billig, wurden sie in den französischen Betrieben gern aufgenommen. Aber diese Eigenschaften stempelten den polnischen Arbeiter in Frankreich zum„Kuli", wodurch der französische Arbeiter, der früher diese Arbeiten verrichtete, in eine gehobenere, besser bezahlte Stellung rücken konnte. Während der polnische Arbeiter, ähnlich wie der slowenische oder jugoslawische, kaum eine bessere Behandlung erfährt als die vielen Farbigen und Neger, so hat er andererseits, da er zumeist jung ist— das Hauptalter der Emigranten liegt zwischen 20 und 40 Jahren— in nicht geringem Maße zueiner Verjüngung der einheimischen Bevölkerung beigetragen. Dies war, angesichts der andauernden Vergreisung des französischen Volkes und des fortgesetzten Geburtenrückganges, in den Jahren der Konjunktur für Frankreich von überaus großem Vorteil. Auf dem Arbeitsmarkt machen sich die Folgen der Kriegsjahre jetzt bemerkbar, denn man rechnet mit einem 50prozentigen Ausfall von Arbeitskräften. (Sortsetzung siehe 2. Seite.) Enthüllungen einer englischen Wochenschrift. £ London. 7. Juli. Die Wochenzeitschrift„New Statesman and Nation“ veröffentlicht einen„Schleichers politischer Traum“ überschriebenen Artikel„eines Korrespondenten, der in enger persönlicher Fühlung mit General von Schleicher gestanden hat“. In diesem Artikel heißt es wörtlich: Drei Tage vor Schleichers Tod sprach ich in Paris mit einem Manne, der sein besonderes Vertrauen besaß. Dieser Mann sagte mir, Schleicher sei der festen Ansicht gewesen, daß jetzt die Zeit zum Handeln getommen sei. Er legte mir die Lage Zwei Tote, 61 Verletzte. DNB Amsterdam. 7. Juli. In den Abendstunden des Freitag wiederholten sich an verschiedenen Stellen der Stadt die Ausschreitungen aufrührerischer Elemente. So wurde in der Spaardammer Straat ein Straßenbahnwagen umgeworfen und auf ihm die rote Flagge gehißt. An anderer Stelle wurde ein Straßenbahnzug zum Entgleisen gebracht. Herbeigeeilten Polizeistreifen gelang es aber sofort, die aufsässige Menge zu zerstreuen. Das allgemeine Interesse konzentrierte sich auch am Freitag abend wieder auf den Jordaan. in dem jedoch diesmal so starke Militär= und Polizeikräfte zusammengezogen waren, daß die Behörden im Gegensatz zum Vorabend der Lage völlig Herr waren. Nur einmal mußte in der Nähe des Noordermarkts das Maschinengewehr eines Panzerautos in Aktion treten. Wiederholt drangen Militärstreifen in die Häuser ein und nahmen verdächtige Elemente fest, die sich auf den Dächern aufgehalten hatten. Bei mehreren Verhafteten wurden Schußwaffen gefunden. Infolge des starken Militär= und Polizeiaufgebots gelang es dem Pöbel nicht, die Straßenbeleuchtung erneut zu zerstören. Die Straßen waren so gut wie menschenleer, da überall der energische Befehl, ruhig in den Häusern zu bleiben, befolgt wurde. Dagegen kam es im nördlichen Stadtteil auf der anderen Seite des Amsterdamer Hafens, in dem eine Abteilung Marine=Infanterie Patrouillendienste ausführte, im Laufe des Abends zu heftigen Straßenkämpfen zwischen einer zahlreichen Menge und der Polizei, die bald durch Militärabteilungen verstärkt wurde. Sanitätsautomobile fuhren hin und her, um die Verwundeten zu bergen. Auch hier wurde aber am späten Abend der Widerstand gänzlich gebrochen. Da es noch in mehreren anderen Stadtteilen zu Zwischenfällen kam, wurde die Polizei überall durch Militärstreifen verstärkt. Zur Niederkämpfung der Aufrührer hat der Umstand wesentlich beidar und das, was er als Heilmittel ansah: einen kurzen Zeitraum militärischer Gewalt und dann das soziale Reich. Nach weiterer Aufzählung der außenpolitischen Punkte des Programms Schleichers fährt der Korrespondent fort: Schleicher hatte Fühlung mit einflußreichen französischen Staatsmännern gesucht und gefunden. Sein einziges Ersumhen— und dies war grundsätzlich zugestanden worden— war die Rückerstattung einiger verlorener deutscher Kolonien. Der Korrespondent erwähnt, daß er auf die Frage:„Aber Hitler muß doch wohl bekannt sein, was im Gange ist; haben Sie keine Angst für Schleicher?“ vom Vertrauensmann Schleichers die Antwort erhielt: „Man wird nicht wagen, ihn anzurühren“. Die genaue Zahl der Toten und Verletzten, die die Straßenkämpfe des Freitag gekostet haben, steht noch nicht endgültig fest. Bis zur ersten Morgenstunde des Sonnabend zählte man zwei Tote, 11 Schwerverletzte und 50 Leichtverletzte, von denen die meisten Krankenhäusern zugeführt werden mußten. Etwa zehn Personen wurden als Rädelsführer oder wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt verhaftet. Auf Anordnung des Bürgermeisters wurde die Bürgerwehr alarmiert, die zur Bewachung der öffentlichen Gebäude und Werke eingesetzt ist. Ferner wurde noch im Laufe des Abends eine Kompagnie Infanterie aus Amersfoort nach Amsterdam dirigiert, um hier vorläufig in Reserve gehalten zu werden. Neue Militärverstärkungen. DNB Amsterdam, 7. Juli. Die Lage in Amsterdam war in den Vormittagsstunden des Samstag verhältnismäßig befriedigend. Ernste Zwischenfälle ereigneten sich, soweit bisher bekannt ist, nicht mehr. Jedoch haben die Behörden es für notwendig gehalten, in den Brennpunkten der gestrigen Straßenkämpfe andauernd starke Polizei= und Militärstreifen patrouillieren zu lassen. Samstag früh trafen weitere Truppenabteilungen in Amsterdam ein, die dem Vernehmen nach die Stärke eines Bataillons haben. Mit der Mobilisierung der etwa 4000 Mann betragenden Bürgerwehr wird fortgefahren. Die Behörden scheinen sich darauf vorzubereiten, daß die Unruhen am Abend wieder aufleben und auch noch die nächsten Tage fortdauern werden. Ministerpräsident Dr. Colijin und der Minister für Landesverteidigung, Deckers, haben sich nach Amsterdam begeben, um sich persönlich über die dortige Lage zu unterrichten. Wie die Blätter melden, wurden gestern auch in anderen Städten des Landes, insbesondere im Haag und Haarlem und in der Bergwerksstadt Heerlen, von kommunistischen Drahtziehern Versuche unternommen, um Zwischenfälle hervorzurufen. Die Polizei war jedoch überall auf dem Posten und griff von vornherein energisch durch, so daß es zu keinen ernsteren Zusammenstößen kam. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. Berning. Verschiedene Ereignisse der jüngsten Zeir— die Wahl eines neuen Staatspräsidenten, eines Partei= und Gesinnungsgenossen des ehemaligen Präsidenten Calles, die angeblichen Putschabsichten eines der bei dieser Wahl unterlegenen Kandidaten und die Fortsetzung und Forcierung des scharfen antikirchlichen Kurses, der unter Calles begonnen wurde und zur Unterdrückung der katholischen Kirche und ihrer Einrichtungen sowie zur Vertreibung der meisten Bischöfe und zahlreicher Geistlichen und Ordensleute geführt har,— lenken die Aufmerksamkeit auf Mexiko. Hinzu kommt, daß die mexikanische Regierung in Anlehnung an die russischen Vorgänge, von denen die letzten revolutionären Bewegungen in Mexiko nicht zum wenigsten durch eine Reise von Calles nach der Sowjetunion für die sozialistische Neuordnung der innerpolitischen Verhältnisse starke Anregungen erfahren haben, einen Sechsjahresplan aufgestellt hat, in dem der Neuaufbau und die Sozialisierung der Industrie, die Festsetzung von Mindestlöhnen, die Beschlagnahme und Verteilung des Landbesitzes an die Landarbeiter vorgesehen ist. All dies läßt es angebracht erscheinen, dieses Land, in dem die in den mittelamerikanischen Staaten sozusagen zur Tagesordnung gehörende Revolution radikal=marxistischen Charakter zeigt und sich unter furchtbaren Gewalttaten und Greueln den Weg gebahnt hat, einer näheren Betrachtung zu unterziehen. Die meisten Verwicklungen in Mexiko, das staatsrechtlich ebenso wie Nordamerika ein Bund vereinigter Staaten, also ein Staatenbund ist, können nur aus der Beschaffenheit von Land und Leuten, aus der Geschichte Mexikos verstanden werden. Mexiko umfaßt 1.969 154 gkm, ist also trotz seiner ungeheuren Landverluste an die Vereinigten Staaten(1836 und 1848) größer als England, Frankreich, Deutschland und Italien zusammengenommen. Die Küstengebiete weisen ein heißes, tropisches Klima auf. Die Westküste ist wüstenhaft öde, und die Ostküste, die zu den ungesundesten und heißesten Landschaften Amerikas gehört, ist auf weite Strecken ohne Pflanzenwuchs und weist dort nichts als Sand und Sumpf auf. Das kontinentale Mexiko ist ein riesiges 2000 Meter über dem Meer ragendes Hochplateau, aus dem sich wieder einzelne über 1000 Meter hohe Gebirgszüge herausheben. Ist die Küste eine Wüste, so das dahinter lagernde Tiefland tropisch wuchernd. Zwischen diesem fieberreichen Tiefland und dem Hochgebirge liegt in Höhe von 1300 bis 2000 Metern über dem Meere eine gemäßigte subtropische Zone mit einem milden Klima und einer herrlichen Natur. Hier finden sich die wichtigsten Städte, die reichsten Dörfer und größten Landgüter. Neben Kaffee und Baumwolle wachsen hier Orangen, Zitronen, Bananen, Ananas, Pfirsiche; Weinberge und Obstgärten lösen sich ab. Die Hauptstadt Mexiko mit ihren eine Million zählenden Einwohnern liegt in einer Seemulde dieses mittleren Hochplateaus, von Dörfern, Landgütern umgeben, im Kranz von Seen, Kornfeldern und Obstgärten. Die an die Vereinigten Staaten von Nordamerika grenzenden Gebiete des Nordwestens und Nordostens sind wenig bevölkert und unfruchtbar. Hier leben die Yagui=Indianer in aller Wildheit, nur wenig von der Zivilisation frisiert. Die Staaten Coacuiba, Nuevo Leon, Durango, Zacatecas, San Luis Potosi weisen reiche Erz= und Kohlenvorkommen auf, in Sonora und in dem steinigen Niederkalifornien findet sich Kupfer, und in den Grenzstaaten sogar Gold; Silber, Blei und Zink werden in den Staaten Guanajuaco, Zacatecas, Hidalgo, Chihuahua und Jalisco gefördert. Das wichtige Exdöl, das die politischen Beziehungen Mexikos zu den Vereinigten Staaten maßgeblich beeinflußt hat, findet sich bei Tampico, Tuxpan, Veracruz und Manatitlan. Die für die Landwirtschaft bedeutungsvollen und fruchtbarsten Gebiete liegen in den Staaten Morelos, Puebla und Tlaxcala, weiter in Hidalgo, Queretaro, Aguascalientes; hier sind die ausgedehnten, riesigen Plantagen, mit deren Aufteilung sich die sozialistische Regierung befaßt." Jalisco im Südwesten ist der zweitwichtigste, volkreichste Staat Mexikos; weiter südlich folgt der große Staat Michoacan, der eine der schönsten und reichsten Landschaften ist. An der Meerenge von Tehuantepec erhebt sich das großartige Bergland von Oaxaca, das in seiner wilden Erhabenheit den schönsten und schroffsten Alpenpartien nicht nachsteht. Mexiko ist infolge seiner Größe und Ausdehnung kein einheitliches Land. Die größten landschaftlichen Gegensätze und Verschiedenheiten zerreißen es. 58,2% des gesamten Bodens sind Oedland. Wüsten, Kakteensteppen lösen sich mit wirrestem, versumpftem Urwald in den Tiefländern ab. Dazu kommt dann der scharfe Kontrast zwischen den tiefliegenden Tropenzonen, den milden Hochebenen und den 4000 Meter aufragenden vulkanischen Hochgebirgen. Mit Recht wird gesagt, daß die wirre, gegensätzliche Natur des Landes selbst eine wesentliche Ursache der in Mexiko vorwaltenden Anarchie ist. So verschieden wie die Landschaften in Mexiko sind auch seine Bewohner, die kein einheitliches Volk bilden. Von den 16 Millionen Einwohnern sind nur 9,8% Weiße(Kreolen, Nachkommen der eingewandergetragen, daß Militär und Polizei rücksichtslos von den Waffen Gebrauch machten. Das Amsterdamer Aufruhrgebiet. Dieses Bild aus dem alten Amsterdam veranschaulicht deutlich das schwierige Aufruhrgebiet, in dem ganze Häuserblocks meist nur über Brücken erreicht werden können. Noch eine blutige Nacht in Amsterdam. Die Polizei greift energisch gegen den kommunistischen Pöbel durch ten Spanier, die aber im Lande geboren und seit Jahrhunderten dort heimisch sind). 29,2% sind reinblütige Indianer und 59,3% Mischlinge. Mexiko ist somit noch vorwiegend indianisches Land; hier wurden die Indianer nicht wie in Nordamerika ausgerottet und durch weiße Siedlerfamilien verdrängt, sondern in Kommenden zusammengefaßt und zur Landarbeit herangezogen. Die Spanier kamen nicht als eigentliche Auswanderer und Siedler, sondern als Eroberer und Herrscher; sie brachten ihre Familien nicht mit, weil sie nach Erwerb des erhofften Vermögens wieder nach Spanien zurückkehrten. So kam es, daß die Spanier stets nur eine dünne Oberschicht der Beamten, Priester und Plantagenbesitzer bildeten, die meist auf die Mitarbeit der Eingeborenen angewiesen waren. Hier liegt auch die Ursache für die weitgehende Rassenmischung in Mexiko, wie in ganz Latein=Amerika. Es bildete sich ein nach und nach zahlenmäßig überwiegendes Mestizentum, das eine unglückliche soziale Zwischenstellung zwischen Kreolen und Indianern einnahm und von beiden verachtungsvoll behandelt wurde. Die Mestizen waren von der Gesellschaft der Kreolen ausgeschlossen und hatten auch keinen Teil am indianischen Gemeindebesitz. So bildeten die Mestizen stets eine gärende, sozial unbefriedigte Mittelschicht, die bei den großen revolutionären Umwälzungen eine große Rolle spielen sollte. Auch die Indianer, die Indios, sind kein einheitliches Volk, sondern sie bilden verschiedenartige, einander fremd und feindlich gegenüberstehende Stämme, die auch verschiedene Sprachen reden. Infolgedessen fühlen sich die einzelnen Stämme volklich nicht mit dem Land verbunden, sie gehen ganz in den isolierten Interessen ihres Siedlungsraumes auf. Die Mayas im südlichen Grenzstaat Yucatan fühlen sich viel stärker zu ihren Stammesgenossen in Guatemala und Honduras hingezogen und sind für eine Anschlußpropaganda zugänglich. Die grausamen und wilden Yaguis im Norden machen Politik auf eigene Faust und sind bei allen Revolutionen dabei. Cortez, der spanische Eroberer Mexikos, hat durch Errichtung der Kommenden eine neue politische Ordnung zu begründen versucht. Mehrere Indianerdörfer wurden unter einer Art Feudalherrschaft zu einer Kommende vereint. An den Inhaber einer solchen Kommende wurde ein Jahrestribut gezahlt. Bei der neuen Landverteilung überwies Cortez einen Teil des Grundbesitzes den Eingeborenen als Privat= oder Gemeindeland. Verlor der Indianer durch Interesselosigkeit oder Mißgeschick sein privates Land, so behielt er immer noch seinen Anteil am Gemeindeland und war er in seiner Existenz gesichert. Nach der 1856 vorgenommenen Aufteilung des Gemeindelandes setzte durch die Großgrundbesitzer genau die gleiche Bauernlegerei ein, wie wir sie im deutschen Östen erlebt haben. Die Folge war, daß sich zwei sozial ungeheuer auseinanderklaffende Schichten herausbildeten: die der Hacienderos, der Großgrundbesitzer, die wie Fürsten ihren riesigen Besitz verwalteten, und die der völlig besitzlosen Peons. Auf diese Weise geriet z. B. der ganze Staat Morelos in die Hand von zwanzig Großgrundbesitzern. Der Kriegsminister des Präsidenten Diaz, eines der Vorgänger von Calles, besaß eine Hazienda, ein Gut, das 1500 Quadratkilometer umfaßte, mit 30 000 Stück Rindvieh und 18000 Pferden. Dagegen fehlte gänzlich eine starke Mittelklasse von unabhängigen Kleinbauern. Die republikanische Regierung verschlimmerte das Uebel noch dadurch, daß sie die großen staatlichen Ländereien, auf welche die Peons, die Landarbeiter, ihre Hoffnung gesetzt hatten, an ausländische, rein spekulative Landgesellschaften verkaufte. Dieser erschreckende Gegensatz in der Verteilung des Besitzes mußte für die innenpolitische Entwicklung Mexikos von verhängnisvoller Wirkung werden. (Ein zweiter Aufsatz folgt.) Konkurrenz tut not! Ndz Berlin, 7. Juli. Der Vizepräsident des Werberats der deutschen Wirtschaft, Reichstagsabgeordneter Dr. Hunke, betrachtet, wie das Ndz meldet, im nationalsozialistischen Wirtschaftsdienst„Probleme der Wirtschaftsführung". Dabei begrüßt er die Neuorganisation der deutschen Wirtschaft, zumal eine richtige Organisation die Vorbedingung für die vollkommene Erfüllung der Aufgaben der gewerblichen Wirtschaft sei. Gegen die praktische Durchführung der Organisation habe er aver noch einige Bedenken. Zunächst müsse vor der Gefahr der Ueberorganisation gewarnt werden, dann aber auch befürwortet werden, daß sani-, Füh ächstcha arnt Täti die die Führer der Wirtscha chaft unter Beweis ätigkeit der Wirtschaftsorganisationen anlange, so Gefahr verhütet werden, daß ft ihre stellen Führereigenmüßten. Was die müsse das London in Erwartung Barthous. Englische Betrachtungen über den Zweck des Besuches. £ London, 7. Juli. Die bevorstehende Reise des französischen Außenministers nach London hat eine Anzahl von Blättern veranlaßt, Betrachtungen über den Zweck und die voraussichtlichen Ergebnisse dieser Reise anzustellen.„Daily Herald“ warnt erneut vor der Gefahr eines zu weiten britischen Eingehens auf die französischen Bündniswünsche. Das Blatt erkennt an, daß bis zum gegenwärtigen Augenblick keine endgültige Entscheidung über eine Aenderung der Grundlagen der britischen Außenpolitik gefallen sei, sieht aber die Gefahr noch nicht für behoben an. Der diplomatische Korrespondent des„Daily Herald“ weist auf die offenen Aeußerungen der französischen halbamtlichen Presse über den Zweck des Besuches Barthous hin und auch die Zuversicht, die bezüglich des Ergebnisses herrscht. Der Korrespondent ist mit dem Pariser Temps der Ansicht, daß das„enge Zusammenwirken mit Frankreich auf allen Gebieten“ sehr ernstlich mit Barthou erörtert werden werde. Es würde Barthou jedoch zu verstehen gegeben worden— wie dies ihm bereits vor einem Vierteljahrhundert erklärt worden sei— daß alle Vereinbarungen Gentleman=Abkommen sein müßten, damit dem Parlament stets die notwendigen Ableugnungen gegeben werden können"(!). Der politische Korrespondent der„Daily Mail“ schreibt, trotz Baldwins Unterhauserklärung über den Charakter des Besuches Barthous würden in amtlichen Kreisen angesichts des zugegebenen Fehlschlages der Abrüstungskonferenz umfangreiche Vorbereitungen für diesen Besuch getroffen. Die„Eimes" widmet dem bevorstehenden Be Barthous ihren Hauptleitartikel. Schon die einleitenden Sätze zeugen davon, daß das Blatt diesem Besuch nicht die Bedeutung verleiht, die einen Teil der französischen Presse zu übertriebenen Hoffnungen und einen Teil der englischen Blätter zu übertriebenen Befürchtungen veranlaßt. Wenn die„Times“ davon spricht, daß die Stellung und die Politik Frankreichs„stets eine Frage von sympathischem Interesse" für Großbritannien sein müsse, wenn sie„unformelle“ britische Besuche in Paris als „aus geographischen Gründen unvermeidlich" bezeichnet und bemerkt, es gehöre sich, daß London„zur Abwechslung“ die Ehre des Besuches eines französischen Außenministers erhält, so geschieht dies hauptsächlich, um bald darauf den Kern der Frage in Angriff zu nehmen und unverblümt zu bemerken, jedes Gerede von einem Bündnis zwischen Großbritannien und Frankreich sei völlig avwegig. Weder die britische Regierung noch die britische öffentliche Meinung sei, so betont das Blatt, für irgendwelche Bündnisse zu haben. Bei dem augenblicklichen Zustand Europas könne kein Bündnis als rein defensiv angesehen werden. Barthou kommt, der„Times“ zufolge, in voller Kenntnis des britischen Standpunktes an. Er kommt eher. um die französischen Pläne darzulegen„und vielleicht einen Bericht über seine eigene kürzliche Tätigkeit in Mittel- und Osteuropa zu geben." Nach der Feststellung, daß BarLeistungsprinzip durch die Ausschaltung des Wettbewerbs vernichtet werde. Der Erklärung des Reichswirtschaftsministers Dr. Schmitt, daß es ohne ehrlichen Konkurrenzkampf nicht gehe, sei völlig zuzustimmen. Es sei richtig, wenn die Fachgruppen Grundsätze loyaler und anständiger Konkurrenz aufstellten. Aber jeder Wirtschaftler müsse auch in Zukunft für die Art und Durchführung seiner Geschäfte verantwortlich sein. Es sei eine glatte Unmöglichkeit, wenn z. B. ein Verband seinen Mitgliedern verbieten wolle, Preise in Ankündigungen und Inseraten zu nennen. Der Verband nehme damit seinen Mitgliedern eine der besten Möglichkeiten, 4 Das der eine WiederbeleZündnisse zu suchen, thou zweifells versuche, Sicherheit durbung der politischen und militärischen bemerkt das Blatt, es sei nicht genau bekannt, wie weit das neue Einvernehmen mit Rußland gehe. Es hätten vielfach militärische Beratungen stattgefunden, vielleicht auch nicht. Aber alles in allem scheine eine Annäherung an Rußland erfolgt zu sein. Die britische Politik scheine auf jeden Fall dazu bestimmt zu sein, ihre Passivität noch einige Zeit beizubehalten. Es sei möglich, daß bei der augenblicklichen Ungewißheit Europas kein anderer Weg gangbar sei. Der 95jährige John D. Rockefeller. Wie ein Märchen klingt die Lebensgeschichte des alten „John D.“, der am 8. Juli sein 95. Jahr vollendet. Es ist wirklich eine der großen amerikanischen Karrieren, wie sie auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht allzuhäufig sind. Als Rockefeller 1839 in Richford im Staate New York geboren wurde, ahnte niemand, daß aus dem Sohn des kleinen Kaufmanns einmal der reichste Mann der Welt werden würde, dessen Vermögen auch heute noch garnicht zu schätzen ist. Mit dem Namen Rockefeller ist der Begriff Petroleum untrennbar verbunden. Der Brennstoff hat die Grundlage zu dem Riesenvermögen gelegt, er sorgt auch heute noch dafür, daß es von Tag zu Tag größer und größer wird. Als Rockefeller mit 19 Jahren mit einem Partner eine eigene Firma gründete, in die er seine mühsam ersparten wenigen tausend Dollar hineinsteckte, begann er sofort, sich dem Petroleum und seiner Verwertung zuzuwenden, weil er die eminente Bedeutung dieses bis dahin wenig ausgenutzten Produktes erkannte. Nach wenigen Jahren schon konnte er in größerem Maße Petroleumhandel betreiben, und als er im Jahre 1870 die „Standard Oil Works“ in Cleveland gründete, betrug das Gesellschaftskapital schon 1 Million Dollar. Wiederum 12 Jahre später beherrschte sein Trust den gesamten amerikanischen Petroleummarkt, und heute gibt es nur wenige Produktionsgebiete, die nicht in irgendeiner Form von Rockefeller und seinen Gesellschaften kontrolliert werden. Es muß erwähnt werden, daß der Petroleumtrust das Vorbild für alle anderen Gründungen dieser Art wurde und im Verlauf seiner Entwicklung entscheidenden Einfluß auf die innere Politik der U.S.A. nehmen konnte, was wiederum, zumal auch sonst die Trustmethoden dem Maximum an übelstem, rücksichtslosem Kapitalismus entsprachen, zur Auslösung einer leidenschaftlichen AntiTrustbewegung führte. Schon 1895 hat sich Rockefeller von der aktiven Leitung seiner Geschäfte zurückgezogen, die nun in den Händen seines Sohnes„John D., der Jüngere“ liegt. Als eifriger Golfspieler lebt der Greis mit dem charakteristischen, mumienhaft ausgetrockneten Kopf auf einem Gut bei Newyork, und nur ab und zu hört man seinen Namen in Verbindung mit einer wohltätigen Stiftung in der Oeffentlichkeit nennen. Man schätzt, daß er im Laufe seines Lebens rund 500 Millionen Dollar gemeinnützigen Zwecken zugeführt hat. Allein die Universität Chicago, die von ihm begründet wurde, hat Zuwendungen von rund 12 Millionen erhalten, für Erziehungszwecke stiftete er 43 Millionen, und die RockefellerStiftung zur Förderung allgemeiner nützlicher Zwecke ist von ihm im Laufe der Zeit mit 180 Millionen Dollar bedacht worden. Das hindert jedoch nicht, daß Tausende seiner Arbeiter zu so niedrigen Löhnen arbeiten müssen, daß, wenigstens in den vergangenen Jahren, Streiks und Aufstände in den Rockefeller=Betrieben recht häufig waren. Es sind eben auch in dieser Persönlichkeit Licht und Schatten hart nebeneinander vereinigt, und neben leidenschaftlichen Anhängern kennt der alte Rockefeller, der in seinem Leben stets die tägliche Lesung der Bibel mit radikalstem Geldmachertum verbunden hat, ebenso erbitterte fana tische Feinde. das Publikum zum Kauf zu bewegen. Preisankündigung sei auch nicht ein Schutz des Konsumenten. Vor allem müsse man sich davor hüten, durch die Bereinigung der Wirtschaft den kleinen Konkurrenten abzutöten. Nationalsozialistische Wirtschaftsführung bedeute niemals Sozialisierung des kleinen Betriebes. Darüber seien sich wohl alle einig. Die polnischen Arbeiter in Frankreich. (Fortsetzung von der 1. Seite.) Während aber der polnische Arbeiter in den Zeiten der Konjunktur an der Entwicklung der französischen Wirtschaft einen nicht zu unterschätzenden Anteil hatte, wird er jetzt, da das Gespenst der Arbeitslosigkeit immer mehr auch von Frankreich Besitz ergreift, einfach aus dem Lande gejagt.„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.“... In Polen tröstet man sich damit, daß Polen wohl zurzeit durch die Rückwanderung in Schwierigkeiten gerät, daß aber in nicht zu weiter Ferne eine Zeit für Polen anbrechen wird, in der für alle zur Verfügung stehenden Kräfte Arbeit und Brot zu finden sein wird. Der polnische Arbeiter jedoch ist das Opfer der Verhältnisse. Frankreich nahm diese Arbeitswilligen auf, solange es sie brauchte und schickt sie jetzt skrupellos zurück. Die polnischen Blätter sind voll von Berichten über die schlechte Behandlung, die man seitens der französischen Werke und der Behörden den polnischen Heimkehrern zuteil werden läßt. Sie müssen ihre mühsam erworbene Habe verschleudern, die Unternehmen, die den Heimtransport besorgen, bereichern sich an diesen Armen. Bei der Abreise kommt es daher zu verschiedenen Zwischenfällen. Die polnischen Arbeiter haben nicht gerade Segenswünsche auf den Lippen, wenn der Zug sich ostwärts in Bewegung setzt, von französischer Seite fallen Beschimpfungen, Verhöhnungen, Beleidigungen und„polnische Kommunisten" ist noch der mildeste Ausdruck, der ihnen nachgerufen wird. Die Verpflegung ist unterwegs schlecht, man läßt die Leute nicht aussteigen, um sich mit Trinkwasser zu versorgen, hungrig und durstig gelangen sie an die deutsche Grenze. Die Deutschen behandeln diese unschuldigen Opfer der Wirtschaftskrise nicht nur menschlich, sie helfen ihnen, sind lieb zu den Kindern und stillen Hunger und Durst. So berichten die Heimkehrer, und so steht es auch in den polnischen Zeitungen. Man muß sich die Wirkungen dieser Berichte im polnischen Volke klar machen, um zu erkennen, wie sehr sie geeignet sind, das Gefühl zu stärken, daß die Politik Becks, sich von der Vormundschaft Frankreichs frei zu machen, richtig ist. In den Beziehungen zwischen Polen und Frankreich sind die Wirtschaftsfragen für Polen ebenso wichtig, wie für Frankreich die politischen, das scheint man aber in Paris nicht zu verstehen. Der Reichspräsident hat auf Vorschlag des Reichskanzlers im Zusammenhang mit der Ueberleitung des Freiwilligen Arbeitsdienstes vom Reichsarbeitsministerium auf das Reichsministerium des Innern den Reichsarbeitsminister Seldte von seinem Amt als Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst entbunden und Staatssekretär Hierl zum Reichskommissar für den Freiwilligen Arbeitsdienst ernannt. Vom Schlesischen Bahnhof in Berlin wurde am Freitag spätabends ein Landhelfertransport im Rahmen des Göring=Planes nach Ostpreußen abgelassen. Zur Ueberraschung der 200 Landhelfer erschien Ministerpräsident Göring. Er wurde stürmisch begrüßt und hielt an sie eine Ansprache, der er, von Abteil zu Abteil gehend, die Verteilung von Schokolade an die Mädchen und von großen Paketen an die Jungen folgen ließ. Unter dankbaren Heilrufen auf den Ministerpräsidenten und mit dem Gesang des Deutschlandliedes rollte der Zug aus der Bahnhofshalle. Misere knockont! Roman von Court Goelits. 33)(Nachdruck verboten.) Und Melly schlug die Augen nieder. „Stelle dich einmal ein wenig näher", sagte Wangenheim zu Klingenberg,„gut, ungefähr da hin, daß es nach einem kleinen Verhör aussieht, aber strecke die Brust einstweilen nicht so selbstbewußt heraus, du bist noch angeklagt. Bitte, kommen Sie herein, meine Herren. Bitte, schließen Sie die Tür!“ Raupp kam herein, hinter ihm der Kriminalbeamte. Raupp schien sehr blaß. Wangenheim stand auf. Aber hinterm Tisch blieb er stehen. Es fehlte ihm nur der Talar und man hätte ihn mit einiger Phantasie für einen Richter hinterm Richtertisch halten können.„Herr Klingenberg, hm, ist so weit geständig“, teilte er den Herren mit, indem er Raupp sehr eingehend betrachtete—„wie, Sie überrascht das so?“ „Nein, nein— oder jawohl, doch, Herr Generaldirektor, Sie sehen mich allerdings ein wenig überrascht, denn ich hätte eher erwartet—“ „Daß er leugnete?“ Gewiß, Herr Generaldirektor"—— Raupps Kopf drehte sich mechanisch Harrwitz zu und sein Blick bat etwa: Geh du doch wenigstens hinaus, zu was stehst denn du nur hier? Auch Harrwitz sah ihn an— und Harrwitz verlor die Beherrschung:„Sie wissen, daß Herr Klingenberg mit mir befreundet ist, ich halte Sie weit eher für den Spitzbuben wie ihn!“ „Da— muß ich doch bitten— was überhaupt bezweckt Ihre Gegenwart?“ „Ich habe diesem Herrn hier“— er bezeichnete den Kriminalbeamten Brauer—„einige Fragen beantworten können und mit Vergnügen beantwortet, als er mir sagte, weshalb er sie stellte. Und diese Fragen lassen sich ja in Ihrer Gegenwart wiederholen und ich werde sie nochmals mit demselben Vergnügen beantworten— bitte sehr, Herr Brauer!“ „Woher kennen Sie Herrn Raupp?“ ging dieser sofort darauf ein. „Dem widerspreche ich entschieden!“ warf Raupp vibrierend ein. „Ich widerspreche dem entschieden“, sagte Wangenheim nachdrücklich,„daß Sie zwischenreden, ich bitte mir Ihr Schweigen aus!“ „Woher ich Herrn Raupp kenne? Von einem Rennplatz her. Mich selbst, muß ich leider gestehen, beherrschte ehedem die Wettleidenschaft, aber ich befand mich zu der Zeit glücklicherweise schon außerhalb dieser Leidenschaft und war nur rein interessierter Zuschauer, mein Freund Klingenberg hier, mein Freund Manfred hat das Seinige dazu getan, ich habe ihm zu danken...“ „Und Sie trafen in der Folgezeit“, fragte Brauer, „häufiger mit Herrn Raupp zusammen?“ „Ja, häufig. Ich kannte ihn nur unter dem Namen Direktor Paulsen, so hatte er sich mir vorgestellt. Ich war jedoch der Ansicht, daß ihm weniger an meiner Person gelegen war als vielmehr daran, jemanden gefunden zu haben, der zuweilen Gast auf ausländischen Plätzen war und ihm Wetten vermitteln konnte, was er aus irgend welchen Gründen selbst nicht gern besorgte.“ „Handelte es sich um größere Summen?“ „Wie viel mag's gewesen sein, Herr Paulsen oder Raupp?" „Aber ich wehre mich nun doch ganz energisch gegen eine derartige Erörterung. Was haben meine privaten Angelegenheiten mit dieser Affäre zu tun!“ „Na, immerhin etwas an zehntausend Mark Verluste“, beantwortete Harrwitz die eigne Frage, ohne diesen Einwand zu beachten. „Soweit ich orientiert bin", sagte Wangenheim,„beträgt Ihr Jahresgehalt etwas über siebentausend Mark, Herr Raupp?“ „Das schon, Herr Generaldirektor, das mag freilich stimmen, es handelt sich auch um mein privates Vermögen und das Verfügungsrecht hierüber wird man mir doch wohl belassen?“ „Nein, etwas stimmt da nicht“, schüttelte Brauer mit dem Kopf— sein breiter Rücken verbarg, nebenbei erwähnt, die Hälfte der Tür—„privates Vermögen haben Sie keinen Heller, wohl aber Schulden bis über die Ohren. Von einer Seite beschafften Sie sich sogar ein Darlehen auf eine erwiesen wenig einwandfreie Weise!“ „Nun, wohin kommen wir mit alledem," schöpfte Wangenheim Luft,„wohin wird das alles führen“— bohrend ruhten seine Augen in denen Raupps, des Prokuristen—„nein, daß dieser junge Mann hier, mein Neffe übrigens—“ „Ihr?...“ „Mein Neffe“, nickte Wangenheim und sagte, was er eigentlich sagen wollte:„— daß dieser junge Mann hier diesen abscheulichen Diebstahl eingestanden haben sollte, ist Scherz, doch anderseits ist er gar nicht dazu gekommen, irgendetwas einzugestehen oder zu bestreiten, denn wir alle, wie wir hier sind— außer Ihnen vielleicht, mein sehr geehrter Herr Raupp— werden ihn wohl kaum überhaupt einer derartigen Tat beschuldigen! Nein“— Wangenheims Stimme nahm nun langsam jenes tiefe Grollen an, das Melly und Klingenberg von jeher kannten und häufig genug gefürchtet hatten—„ich bin stark der Ueberzeugung, mein Verehrtester, der Mann, an den wir uns mit Fragen zu wenden haben, sind vorerst mal Sie!“ „Sie meinen mich?!...“ „Allerdings, ich meine Sie, Herr Raupp!“ „Herr Generaldirektor“—— „Können Sie uns nicht sagen, wer den Schlüssel in die Tasche meines Neffen placiert hat?“ „Mein Gott, Herr Generaldirektor— ich— um Gottes willen, nein——“ „Nein? Und was interessierte Sie gestern abend so an seinem Kleiderspind?“ „Ich— glaube— ein bedauerlicher Irrtum, Herr Generaldirektor——“ „Irrtum allerdings: wenn Sie Schelm nämlich glaubten, mit der Sauberkeit Ihres geschniegelten Beinkleids auch ein sauberes Inneres vortäuschen zu können— bequemen Sie sich zu einem Geständnis?“ Raupp, der nur noch als ein Schatten seiner selbst dastand, riß sich zusammen.„Unter diesen Umständen werde ich natürlich keine Minute länger auf meinem Platze bleiben, es sei denn, daß diese ungeheuerliche Verdächtigung zurückgenommen wird— Sie gestatten wohl, daß ich meinen Hut und Mantel nehme?“— und schnell trat er an den Dreizack. Noch hinderte ihn niemand. Raupp setzte erregt den Hut auf, ohne auf besondern Sitz zu achten, und schlug den Mantel über den Arm, jetzt näherte er sich der Tür— hier aber stieß er auf Brauers gewichtige Gestalt. Brauer sagte sanft:„Na ja, Herr Raupp, ich werde ja gern mit Ihnen zum Weidenbach gehen, aber lassen Sie die Herren doch nicht in— womöglich noch falschen— Betrachtungen zurück: Sie waren eben in der Lage, sich schon zur Zeit Ihrer damaligen Kassierertätigkeit einen Duplikatschlüssel zuzulegen— zogen Sie damals schon die heutige Verwertungsmöglichkeit desselben in Be„Sind Sie— wahnsinnig——?“ „Herr“, wandte sich Wangenheim abschließend an den Kriminalbeamten vom Weidenbach,„ich darf annehmen, daß Sie mit uns ein und derselben Meinung sind. Vielleicht wissen Sie noch nicht, daß eine unserer Angestellten ihn gestern abend dabei beobachtet hat, wie er sich am Spind Herrn Klingenbergs hier zu schaffen machte, vielleicht aber bestätigt das Ihre Erwartungen, die Sie mir schon vordem geäußert hatten. Ich bitte Sie nun, nehmen Sie sich seiner vorläufig an. Wir sind Ihnen äußerst dankbar, daß Sie uns von diesem— na, Element befreien...“ „Ich verlange, daß Sie die Hand von meinem Arm nehmen, Sie hören wohl?“ „Dasselbe habe ich von Greim und Nüdling verlangt“, mußte Klingenberg bitter lachen,„die beiden muß ich mir noch vornehmen.“ Brauer faßte ein wenig schärfer zu, und was Raupp noch alles vorbrachte, verlor sich auf dem Korridor. „Gott sei Dank!“ seufzte Melly,„ein wirklich unsauberer Herr, gefiel mir vom ersten Augenblick an nicht. Für Herren, die ihre Stenotypistinnen unerwünscht küssen, habe ich nichts übrig. Aber hat dir Onkel Tom schon gesagt, Manfred?“ „Was gesagt Melly?“ „Daß er dich— aber wenn nicht, holt er es jetzt wohl nach. Mich entschuldigt bitte, ich muß nun doch mal sehen, wo ich Fräulein Sörbrokh finde.“ XXXXIII. Am Ende des langen Korridors im Lichtschein einiger offenstehender Türen flüchtete ein Häuflein aufgeschreckter Menschen. Schulze flog in die Portierstube, Greim und Nüdling verschwanden im Kassenbüro, Odermatt kam gemessen an Melly vorbei. Es gelang Melly eben noch, Olga Wildfeuer festzuhalten: „Ich sehe Fräulein Sörbrokh nirgendwo, bitte führen Sie mich doch zu ihr.“ Olga, der diese hochelegante junge Dame unbekannt war, in der sie aber alles mögliche witterte, antwortete wohl oder übel:„Wenn ich nicht irre, sitzt Fräulein Sörbrokh an der Maschine— wenn ich bitten dürfte..“ (Schluß folgt.) ltung Der schmitt, he, sei ruppen rufstellnft für vortlich wenn verngen nehme hkeiten, hot der Konsudurch rrenten na beinen eich. Zeiten sischen hatte, it iminfach eine man kwanrd, in Arbeit Gottesburgen in der Wüste 1 der lligen pellos ichten der ischen ihre Interchern daischen den gung ngen, nmunachlecht, mit geeutder en und es die klar sind, tik nkden* die für in nkeium )Smen nSa ei85 rnt sie ie on er id ig 2 Von Dr. Rans Georg Weiße Quadern blendenden Lichtes stehen dort im Horizont, gen Himmel getürmt. Im schier endlos wogenden Meer der Wüste ragen sie auf. Fast zweitausend Jahre stehen sie im Glutbrand der Sonne. Zeiten und Stürme sind über sie hin gegangen, Schicksal und Geschichte. Der Sandsturm der Wüste hat sie nicht überwältigen können. Vor der Gier und Gewalt raubender Beduinenstämme haben sie im Schutz ihrer starken Mauern immer wieder fest gestanden. Immer neue Geschlechter gottsuchender Mönche sind hier eingekehrt. Vor allem die Frühzeit der Kirche hat solche Seelenglut entfacht. Hier in der Weite und Weihe grenzenloser Stille, unter einem Himmel endloser Ferne sind ihre Klöster erstanden. Wahre Gottesburgen in der Wüste, wie im Bild der Ewigkeit. Mühsam ist der Weg dorthin. Wer auf ihm hat vordringen wollen, der hat die unheimlichen Tücken und Gefahren der Wüste kosten müssen bis zum letzten. * Glutfarbene Morgenröte. In der würzigen Morgenluft eilen, weißverhüllt, Beduinen heran, den Waffenstock tragend und die lange Beduinenflinte auf dem Rücken. Der Scheich der Horde ist Führer der ganzen Karawane. Er trägt für alles bei seinem Leben und der Ehre seines Stammes die Last der Verantwortung. Denn kaum irgendwo sonst ist der Fremde mehr auf einen Führer angewiesen, als hier in der weglosen Weite der Wüste. Beladen mit Wasserschläuchen, Gepäck und Proviant steuert die Karawane mitten ins spärliche Gestrüpp der Vorwüste hinaus. Beduinen voraus und zur Seite ziehen die Kamele hintereinander her, vom Führerseil gehalten. Unter dem Singen melancholisch=weicher Lieder fügen Mensch und Tier sich bald in den eintönig wogenden Rhythmus der Wüste ein. Gewaltige Dimensionen zeigt der Horizont. In der Ferne stehen vereinzelt Sträucher wie Bäume gigantisch groß. Der Weg führt über Steppe und Hänge, durch Mulden und Klüfte. Ragt nur irgendwo der schwarze Rücken eines Zeltes heraus, so eilt einer der Beduinen hinüber, Grüße zu überbringen. Dies ist Sitte, und ein Verstoß gegen sie könnte gefährlich werden. Weiße Steinhaufen sind die Wegzeichen der Karawanenstraßen. Sie führen von Brunnen zu Brunnen. Am Weg durch den zehrenden Sonnenbrand lauert der Tod. Oft müssen Märsche über Tag und Nacht bewältigt werden, um nur ja rechtzeitig noch die nächste Wasserquelle zu erreichen. Diese sind meist tief im schützenden Grund der Erde geborgen. Meterlange Brunnenkammern führen in schmalen Gängen zur Quelle hinab. Kaum daß sich ein Eimer mit Wasser füllt in einer Viertelstunde. Das Tränken der Karawane nimmt so immer viel Zeit in Anspruch. Mit dem Tag steigt auch die Gluthitze oft unerträglich an, von 20 zu 40, ja bis zu 65 Grad. Nirgendwo im gleißenden Gelb der Wüste auch nur ein Fünkchen Schatten. Mitunter brausen glühende Sandstürme über die Wüste hin. Erst nach Tagen oft können die Karawanen sich wieder frei machen aus den sandverwehten Zelten. Der Abend senkt sich herab, unvermittelt und schnell, wie man es in diesen Breiten nicht anders kennt. Die Kamele kauern am Boden. Um das Lagerfeuer hocken müde die Beduinen. Am Spieß brät ein schwarzweißer Hammel. Mancher Abend bringt auch schlanke Gazellen als Beute ein. In Asche gebackene Brotfladen mit Zwiebeln sind ein Lieblingsgericht der Beduinen. Starker arabischer Kaffee gehört zum Genuß des Abends. Langsam steigt der Mond am Horizont auf und taucht die Wüste in sein magisch silbernes Licht. Nun geht alles zur Ruhe. Nur ein Wächter bleibt beim Feuer. Im fahlen Licht der Nacht ziehen mordgierig die Goldwölfe oder Schakale heulend um das Lager. Hyänen schleichen mit lockendem Ruf in der Fernie vorüber. Vor den kleinen grotesken Springratten schrecken die Kamele manchmal aus der Ruhe auf. Wie ein erquickendes Bad legt sich der kühl duftende Nachttau auf Mensch und Tier. In ihrem weißen Wollburnus, feucht vom Tau der Nacht, frösteln die Kinder der Sonne. Jauchzend begrüßt man die Sonne beim Aufgang am Morgen. Jeder neue Nebel, der da emporsteigt, läßt die Konturen schärfer werden. Die Bilder vor uns werden größer und größer. Sie wachsen mit dem Sieg der Sonne in die unendliche Weite wieder. Die silbernen Schleier der morgendlichen Frühe sind zurückgesunken. Im kalten würzigen Morgentau zieht die Karawane nun weiter. Es geht über steinige Hügelketten mitunter, über zahllose Trümmer— Stämme versteinerter Wälder. Weit voraus sieht man Hügelwellen erglühen, in prächtiger Schärfe, wie eine rosige Alpenkette. Plötzlich liegt tief unten da in einer Mulde grün umkleidet das blau leuchtende Becken eines der vielen phantastischen Salzseen. Weiß wie von Eis bekleidet trägt das tiefdunkle Wasser ganze Berge von Salzkrusten auf sich, weiß und schmutzig, wie niedergetauter Schnee. Der Tag steigt weiter an. Von Stunde zu Stunde wächst der Sonne erbarmungslos sengendes Brennen. Von neuem umgibt uns wieder die Weite gelbgoldener Dünen heißesten Sandes. Die Kamele schreiten müde voran. Es legt sich aufs Gemüt wie eine schwere, von Gluten umklammerte Last. Die flimmernde Ferne spiegelt trügerische Bilder vor. Oasen im prangenden Duft üppiger Wälder. Wasser, kristallklares Wasser bergen sie. Aber es sind nur Bilder aus unerreichbarer Ferne, Fata morgana. In tropischer Glut, gebadet in blendendes Sonnenlicht, schleppen mühsam Menschen und Tiere sich weiter durch das endlose Meer der Wüste, den nächsten Brunnen noch zu erreichen. * In der Einöde erscheint endlich das Ziel. 35 Grad Hitze. Da vor uns steigen die goldweißen Mauern eines Klosters auf. Breit hingesetzt liegt es da wie eine Festung im Sandmeer. Die Gottesburgen der christlichen Mönche liegen hier im„Tal der hundert Klöster“. Aus Aegypten, Syrien, Abessinien, ja von Italien und Spanien her kamen einst die Scharen der Aszeten. Ins Pallium der Armen und Waisen gehüllt, fanden sie sich hier in der Lybischen Wüste zusammen. Makarius und Ammonius sind die Patriarchen jenes aufblühenden Mönchslebens. Das Synnaxar erzählt von 60 000 Mönchen, die einst Schutz suchend den Mohammedanern entgegenzogen, als diese vorstürmend ins Nilland eindrangen. Aber die Mordlust und Härte der Moslims hat all das blühende Leben der Wüste zerschlagen. Nur wenige Klöster haben sich bis heute erhalten. Koptische Mönche leben dort. Unter dem Abt, dem Haegumenos, obliegen die Mönche ihrem heiligen Dienste. Packende Gestalten sieht man da oft vor sich. In braunwollene Mäntel gehüllt tragen sie den schwarzen Turban. Brot, Datteln, Zwiebeln und Linsen sind ihre gewöhnliche Nahrung. Im feuchtwarmen Grund ihrer Gärten, die wie ein Wunder in all der Oede erscheinen, reifen in üppiger Fülle Beeren aller Art. Die Keller bergen in großen Amphoren selbstgekelterte Weine. die man als Meßwein dort lagert. Den Fremden umfängt der Reiz altehrwürdiger Bauten. Inmitten duftender Palmengärten erheben sich eigenartig verträumte Kuppeln, Dächer und Türme in bunter, morgenländischer Pracht. Die Hauptkirche ist meist der elhadra, der Gottesmutter geweiht. Wie immer in den Kirchen und Klöstern des Östens ist das Reliquiengrab eines Heiligen oft der ganze Reichtum auch jener Klöster in der Wüste. Alle Inbrunst und Frömmigkeit hat im Wunderbild der Heiligenlegende gleichsam die heilige Regel zur eigenen Lebensgestaltung stets nay und lebendig. Wie Duft von Weihrauch uno zart glühenden Ikonen leben die Mönche so in der Nachfolge ihrer großen Heiligen. Die„römische Laura“ birgt den Schrein der beiden Königskinder Maximus und Dometius. Im Makariuskloster ehrt und bewahrt man den Leib des heiligen Patriarchen der ägyptischen Mönche. Viele Klöster stehen unter dem Schutz des großen„Rufers in der Wüste“, Johannes des Täufers. Im Wohlgeruch seiner Tugenden leben und pflegen die Mönche der Wüste Demut und Schweigen, Andacht, Gebet und Kasteiung. Die Glorie aller Heiligen, die sie so inbrünstig verehren, läßt auch sie erhoffen, dereinst in der ewigen Fülle mit ihnen und ihrem verklärten Herrn die Gottseligkeit ganz zu haben und zu leben. Der böse Surian Anekdoten vom Seewein. Von Johannes Wunsch. Wer sich heutzutage am Bodensee den Freuden des Rebensaftes hingibt, sei es im„Faulen Pelz zu Ueberlingen oder im„Starken Löwen“ zu Meersburg oder im „Blutigen Ochsen“ zu Hagenau oder sonstwo an einem verschwiegenen Plätzchen des idyllischen Seegestades, dem scheinen nach getaner Arbeit die solidesten Dampfschiffe als Nußschalen oder schwankende Bretter unter den tastenden Füßen fortzuschwimmen. O ja! Es wächst ein guter Wein, ein starker Wein am Schwäbischen Meer! Darüber besteht kein Zweifel. Besonders an den steilen Abhängen von Meersburg und auch bei Hagenau, da kocht und siedet heißes Blut in der brennenden Sonnenglut. Es war der berühmte badische Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob, der als Pfarrer von Hagenau dem WeinLandfrauen bei der Gemüseernte Der Schelm bau am Bodensee erst rechten Aufschwung gegeben hat. Er führte gute Rebensorten ein, gründete einen Winzerverein und hielt viel auf einen perlenden vortrefflichen Tropfen edlen Saftes. So war es aber nicht immer. Im Gegenteil! Der Seewein war verrufen und von allen trinkfesten Mannen verflucht. Er galt als echter Saurianus. Und auch heute noch kann man allerhand Geschichten aus jenen weinsaueren Zeiten hören, die uns heute wie Verleumdungen und böswillige Redensarten über einen lieben alten Bekannten anmuten... Als besagter Hansjakob an den See kam und er ein Glas Wein in sich aufgenommen hatte, da sagte er mitleidsvoll zu seinen Leidensgenossen:„Kinder, hier braucht ihr eure vermaledeiten Sünden nicht zu beichten, denn unser Herrgott läßt sicher Gnade walten ob der vortrefflichen Buße, die der Mensch mit diesem Gesöff vollbringt!“ Als einst ein tölpelhafter Küfer ein Faß Wein auslaufen ließ und das edle Getränk in den See floß, da gab es ein gewaltiges Sterben unter den Fischen, die dieser Flüssigkeit nicht gewachsen waren, und der See selbst bäumte sich auf in heftigen Schmerzen. Einmal saß ein Mädchen unter der Haustür und stopfte Strümpfe. Da ging einer vorbei, dem der Wein Bodans den Mund schief gezogen hatte. Da sagte er zu der holden Seejungfer:„Mädel, laß das Strümpfestopfen nur sein; denn wenn einer mit den durchlöcherten Strümpfen in dem Wein steht, dann ziehen sich die Löcher von selbst wieder zusammen.. Desgleichen haben die Landwirte von Vorder=, Hinter=, Ober= und Unteruhldingen bei einem Erdbeben ihre Kartoffelfelder wieder zusammengeflickt, indem sie einige Fässer Saueredlen in die breiten Erdspalten gossen. Die famosen Winzer von Hagenau und Meersburg machten in alten Zeiten eine Bittprozessiön nach dem Kloster Salem und wälzten zur Buße ein großes Faß Wein vor sich her, das sie dem trefflichen Abt als Geschenk darbrachten. Als dieser davon getrunken, da blickte er demütig zum Himmel empor und seufzte aus tiefstem Herzen:„Herr, mein Gott, habe doch Erbarmen mit diesem braven Volke!“ Das Faß aber ließ er als Opfer zurück in den See rollen... Der Ochsenbauer von Hohenlupfen hatte einen lahmen und kranken Gaul, den er abschlachten sollte. Da gab er dem treuen Tier noch einen Liter Seewein und das Pferd hüpfte geheilt empor und sprang auf allen Vieren gesund und munter davon. Von da ab galt der Sauerbitter als beste Medizin für Mensch und Vieh... Wie aber war dieser Wein entstanden? Das galt lange als großes Rätsel. Als unser Herrgott das schöne Seegestade erschaffen hatte und die Menschen ihren Einzug in dieses blühende Paradies hielten, da wurden sie dermaßen übermütig, daß Gott in seinem Grimme die Reben wachsen ließ, deren Saft die sündhaften Bewohner wieder zur Vernunft brachte. Damals war es auch, als der Teufel als fahrender Scholare eine Rundreise um den See machte. Als er auf der Höhe von Meersburg ankam, da hatte er einen geradezu satanischen Durst. Er kehrte im Starken Löwen ein und trank über die Maßen. Der pfiffige Löwenwirt hatte aber wohl die Pferdefüße unterm Tisch erspäht und schenkte dem unheimlichen Gesellen vom Sauerbitter ein. Da wuchsen dem Höllenfürsten vor Schrecken seine Hörner und mit einem unbändigen Wutgebrüll stürzte er sich vom Kanzele aus in den See hinab. Beim genannten Känzele kann jeder Neugierige noch heute die teuflischen Fußspuren im Felsen sehen.— Nun ist es aber anders geworden am Schwäbischen Meer! Der Himmel ließ Gnade walten mit den treuen Seehasen, und der rote Meersburger läßt die Herzen höher schlagen und das ferne Alpenglühen doppelt schön aus den hohen grünen Pokalen erscheinen. Wohl dem der viel davon bezwingen kann!—— 1 18 Ein selbsterfundener Beruf Wenn man in Capri vom Kleinen Ufer zur Grünen Grotte fahren will, so muß man um vier oder fünf Felsspitzen herum. An einem zauberhaften Vormittag hüpfte ich ins Paddelboot, Sandolino auf Italienisch, und zockelte los. Hinter der dritten Felsspitze sichtete ich ein anderes Paddelboot, und darin saß Tommy. Er saß mucksmäuschenstill und starrte vor sich hin. „Hallo!". rief ich. „Hallo!“, rief Tommy. „Was ist denn los? Machst ja ein so trauriges Gesicht!“ „Grund genug,“ sagte Tommy.„Sind ja nur noch drei Tage. Dann muß ich ja wieder fort, zu meinem Beruf.“ „Beruf? Hast du auch einen Beruf?“ „Natürlich. In Amerika muß man arbeiten, wenn man zu Geld kommen will. Und zu Geld muß man komn, wenn man Amerika verlassen will." Tommy war kein guter Amerikaner. Er liebte Europa alles. Der Junge sprach auch über Goethe, Dante, Leibnitz, daß es nur so eine Art hatte. Er hatte Kulturbedürfnis, wie ich es selten gefunden habe. Nietzsche konnte er seitenweise auswendig. Paßte wenig nach Amerika— wenigstens in dieser Hinsicht. Und war doch Amerikaner— in geschäftlicher Hinsicht. Das erfuhr ich an diesem Vormittag. „Tommy, ich weiß noch gar nicht mal, was du für inen Beruf hast.“ „Hühnertrainer,“ sagte Tommy. „Wie?" „Hühnertrainer. Das ist ein ganz neuer Beruf, habe ich selbst erfunden, o yes.“ „Wofür trainicest du denn Hühner? Für den Zirkus?“ ill dir mal erzählen, wie ich mein men, über Bach ein Von Kurt Miethke Geld verdiene, mit dem ich nach old Eurpa fahre. Habe ein Auto, schön ist es nicht. Damit fahre ich los, in den Westen, wo die großen Ebenen sind. Da suche ich mir ein günstig liegendes Bauerngut aus und presche mit meiner Karre hin.“ „Hallo.“ sage ich zu den Bauern,„haben Sie Hühner?“ „O ja," sagt der Bauer,„Hühner habe ich und Enten, Gänse und Truthähne auch.“ „Fein," sage ich,„da wollen wir mal busineß reden.“ „Komen Sie rein," sagt er,„wollen Sie Geflügel kaufen?“ „Ich denke garnicht daran. Was kostet ein Huhn, wenn Sie es auf den nächsten Markt bringen?“ „Einen Dollar kriege ich.“ „Wenn Sie sagen, Sie kriegen einen Dollar, so kriegen Sie in Wirklichkeit siebzig Cents. Na, hören Sie mal zu, alter Junge. Wie wäre es nun, wenn Sie statt siebzig Cents zwei Dollar für Ihre alten Hühnerveteranen kriegten?“ „Hihi," sagte der Bauer,„da hätte ich nichts dagegen.“ „Also," sage ich,„nun hören Sie mal zu.“ Und ich setze ihm meinen Plan haarklein auseinander. Die meisten sind gleich davon begeistert. Ein paar wollen nicht mitmachen, die lasse ich dann kurz entschlossen mit ihren lächerlichen Bedenken und alten Kickelhähnen zurück, fahre mit meinem Auto zum nächsten und mache das Geschäft.“ „Ich weiß immer noch nicht, welches Geschäft.“ „Sachte, sachte. Man sieht mich nach Vertragsabschluß ein paar Wochen lang eifrig hinter der Farm mit meinem Auto herumfahren. Um das Auto herum tummelt sich ein riesiges Hühnervolk, das ich zu trainieren habe. Erstaunlich, wie schnell sich die Biester trainieren lassen. Ich arbeite ein paar Stunden am Tag, die übrigen spiele ich Schach mit dem Farmer oder sitze am Radio. Essen habe ich umsonst. Wenige Wochen später gehen die ersten Verdienste ein.“ „Was für Verdienste?“ „Na, das Ergebnis meiner Trainiertätigkeit.“ „Wie sieht denn das Ergebnis aus?“ „Genau wie ein totes Huhn.“ „Versteh ich nicht.“ „Dann will ich dir mal reinen Win einschenken. Die Bauerngüter, die für mich in Frage kommen, liegen alle an den großen Autostraßen, die einen lebhaften Verkehr haben. Wo viel Verkehr ist, kommt es zuweilen vor, daß Hühner, Enten und Gänse überfahren werden. Das stimmt doch?“ „Stimmt.“ „Gänse und Enten haben jedoch die mißliche Eigenschaft, vor den heranfahrenden Autos auszureißen. Diese Eigenschaft muß ich ihnen nun austreiben. Mit meinem Auto.“ „Wie machst du denn das?“ „Siehst du, da sind wir beim Kernpunkt angelangt Mein Auto ist ein furchtbar alter Kasten, ein Riesending, ein Trumm von Auto. Da binde ich nun vorn an dem Kühler einen flachen Kasten, auf die Trittbretter kommi ein solcher Kasten, unter das Nummernschild kommt ein solcher Kasten. Und in alle diese Kästen tun wir Weizen und Mais.“ „Mir geht ein Licht auf!“ „Wird auch Zeit. Wenn ich das erste Mal mit meinem Auto in die Hühnerversammlung fahre, spritzt das ganze Geflügelvolk mit lautem Geschrei auseinander. Dann bremse ich. Langsam kommen die Hühner anstolziert und entdecken die Kästen mit Getreide. Langsam fangen sie an zu picken. Dann setze ich meinen Wagen vorsichtig wieder in Bewegung. Ausreißen die Hühner. Ich bremse Die Hühner kommen wieder heran. Picken. Ich fahre los. Aus reißt das Viehzeug. Das geht so ein paar Tage weiter. Jeden Tag ein paar Stunden lang. Auf einmal merken die Viecher, daß der Trumm von Auto garnicht so gefährlich ist, wie er aussieht. Eine Woche später reißen sie schon nicht mehr aus. Ein paar Wochen später kommen sie schon mit fröhlichem Gegacker an, wenn sie das Auto nur von weitem sehen.“ „Toll!“ „Ist es auch. Well, und dann fangen wir an und lassen die Hühner auf die Landstraße hinaus. Da kannst du was erleben. Sie bilden sich wahrhaftig ein, jedes Auto sei so harmlos wie mein Trumm und auf jedem lägen Kästchen mit herrlichem Weizen. Kommt so ein Auto angefegt, was tun meine Hühner? Freudestrahlend stürzen sie ihm entgegen. Und wrden überfahren. Und sind tot. Meistenteils geht nur ein Hhn dabei kaputt. Manchmal zwei. Einmal waren es vier. Das war der Rekord.“ „Und weiter?“ „Die Autos halten natürlich, das tun sie alle, so anständig sind unsere Fahrer. Dann müssen sie ihre Börse zücken und zahlen. Die meisten feilschen garnicht erst, es gibt'ne Masse reiche Leute in Amerika. Zehn Dollar haben wir schon für mehr als ein Huhn gekriegt. Na, wir behaupten selbstredend, die überfahrenen Hühner seien reinrassig gewesen, das wirkt immer. Auf diese Weise kommt ein ganzer Haufen Geld zusammen. Wenn das Geschäft gut geht, dann kaufen wir grosweise alte Hühner auf und mischen sie unter unsere trainierte Edelware.“ Tommy schwieg eine Weile. „Das ist mein Beruf, Hühnertrainer," sagte er. „Wieviel verdienst du damit?“ fragte ich lachend. „Erstens lebe ich umsonst, und dann verdiene ich jedes Jahr so viel, daß ich für mindestens sechs Monate nach Europa kann." „Und warum verlegst du deinen Laden nicht nach Europa?“ fragte ich. „Weil Europa zu viel Kultur hat.“ „Wie ist das zu verstehen?“ „Europa hat zu viel Kultur für diese Art Geschäft. Wo zu viel Kultur ist, ist immer zu wenig Geld...“ Er lachte, aber ich hörte doch ein kleines bißchen Traurigkeit aus seinem Lachen herau. Es war ein prachtvoller Bursche, dieser Tommy, dieser europäische Amerikaner. Aus dem Kreise Rhaus 1 Aus der Ahaus, den 8. Juli 1934. Dieker-Ahaus Deukscher Meister der Posksporivereine Er wird die deutschen Postfarben bei dem Europameisterschaften in Budapest vertreten. Wieder hat der Ahauser Schießsport einen neuen großen Triumph errungen, wieder hat kein Zufallserfolg, sondern die im gesamten Sportwesen erstrebte Beständigkeit und Ausgeglichenheit, erreicht durch stahlhartes, unablässiges Training und aufgebaut auf angeborenem Talent für den edlen grünen Sport, einen deutschen Meistertitel in die kleine Kreisstadt Ahaus gebracht. Der bekannte Ahauser Meisterschütze Telegraphenleitungsaufseher Johann Dieker Ahaus gelang der große Wurf, beim 3. Reichswettkampf im Kleinkaliberschießen der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Postsportvereine unter der Schirmherrschaft des Reichspostministers Frhr. von Eltz=Rübenach 20188 deutsche Postsportschützen aus 161 deutschen Städten hinter sich zu lassen. Zwar liegen die Einzel= und Mannschaftsergebnisse in Ahaus außer dem Spitzensieg Dieker's noch nicht vor, doch ist die Schwierigkeit des Wettbewerbes zu ersehen aus der Teilnehmerzahl allein aus deutschen Großstädten, die lauten: Köln 903 Teilnehmer, Breslau 726, Hamburg 672, Berlin 658 und Hannover 610 Teilnehmer. Lediglich ist von den Ergebnissen hier bekannt, daß die Münchener mit 161 Ringen Durchschnitt eine sehr gute Leistung vollbrachten. Ihr Spitzenschütze schoß 168 Ringe, der aber von Dieker mit 170 Ringen ins Hintertreffen geschickt wurde. Dieser vollbrachte auf der 12er=Scheibe damit die geradezu phantastische Leistung von 11,33 Ringen im Durchschnitt. Er wird mit den 4 nächstfolgenden deutschen Besten die deutschen Postfarben am 21. und 22. August beim internationalen MalschSchießen der europäischen Postsportvereine in Budapest vertreten. Mit Stolz, Freude und Dank vernehmen die Schießsportfreunde aus unserer Heimat diesen großen Sieg eines ihrer Besten und sehen mit froher Hofnung dem Abschneiden des Ahausers im Kampf der Nationen in Budapest entgegen. Diese Hoffnung ist nicht unberechtigt, wenn man sich in die Erinnerung zurückruft, daß Dieker 1932 bereits den Titel„Deutscher Postsportmeister im Kleinkaliberschießen“ innehatte und im vorigen Jahre die gleiche Ringzahl wie der zweitbeste Postschütze errang, doch nach der Wettkampfordnung den 3. Platz belegte. Doch sind für Budapest die Bedingungen wesentlich schwerer(3 X 40 Schuß in den 3 Anschlagsarten!), immerhin hat unser neuer Deutscher Meister soviel Kampferfahrung und Beständigkeit aufzuweisen, daß ihn und uns um ein ehrenvolles Abschneiden für die Farben der Reichspost u. Heimatstadt nicht bange zu sein braucht. Mit den besten Glückwünschen zu dem großen Siege verbinden wir heiße Wünsche zu dem kommenden Großkämpfen in Leipzig(Deutsches Bundesschießen) und in Budapest(Europäische Postschießsportmeisterschaften)! Oeffenklicher Lichtbildervortrag über Lupus Am 14. Juli, nachmittags 3,30 Uhr findet im Jugendheim zu Ahaus ein öffentlicher Lichtbildervortrag durch den Beauftragten für Lupusbekämpfung im Bezirk Westfalen der Deutschen Arbeitsfront, Prof. Dr. Schmidt, an der Universitätsklinik Münster, statt. Dieser Vortrag der als Auftakt zu einem intensiven Feldzug gegen diese immer noch weit verbreitete tuberkulöse Hauterkrankung dient, werden späterhin Sprechtage für Lupuskranke folgen. Das Zusammenkommen dieser Veranstaltung in unserem Kreise ist dem guten Zusammenarbeiten aller an der Volksgesundheit interessierten Stellen unseres Kreises, vor allem der Gesundheits= und Wohlfahrtsbehörde und der NS.=Volkswohlfahrt zu danken. Die entsprechend den von der Reichsregierung herausgegebenen Richtlinien den Kampf gegen diese Volksseuche jetzt ihre besondere Aufmerksamkeit widmen wollen. Vorzügliches ist in dieser Hinsicht bisher schon von dem Westfälischen Verein für Krebs= und Lupusbekämpfung geleistet worden, die in Handorf bei Münster ein für das ganze Reich vorbildliche Heilstätte hierfür geschaffen hat. Der am Sonnabend stattfindende Vortrag ist öffentlich und kostenlos. Es werden alle interessierten Kreise dazu eingeladen. Kinder und Jugendliche haben keinen Zutritt. Professor Uppenkamp-Coesfeld zum 75. Geburkstag Gestern, am 7. Juli, konnte einer von den verehrten Veteranen aus dem Lehrerkollegium des Coesfelder Gymnasiums, Professor Bernhard Uppenkamp, in sein 75. Lebensjahr eintreten. Professor Uppenkamp ist ein Sohn des Westmünsterlandes— in Epe erblickte er das Licht der Welt— dem er mit bemerkenswerter Anhänglichkeit bis in sein hohes Alter treu geblieben ist. Eine große Anzahl von Gymnasiasten aus dem Kreise Ahaus, die das Gymnasium in Coesfeld besuchten, hat der Jubilar unterrichtet und sich bei ihnen Wertschätzung und Vertrauen erworben. Am 1. April 1900 trat er von Dierschau kommend in das Lehrerkollegium des Coesfelder Gymnasiums ein, wo er alsdann ein Vierteljahrhundert, bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1924 als Lehrer unserer Jugend mit reicher Begabung und hoher Berufsauffassung gewirkt hat. Seit einem Jahrzehnt genießt Professor Uppenkamp nach erfolgreicher Lebensarbeit in Coesfeld seinen wohlverdienten Ruhestand. Wir wünschen ihm, daß er auch noch ein weiteres Jahrzehnt seines zufriedenen und gesunden Lebensabends im Kreise seiner Coesfelder Freunde, verehrt von seinen dankbaren ehemaligen Schülern erleben möge! Eine Ehrenkrone ist das Alter Unser allbekannter Mitbürger Schreinermeister Gerh. Tenhündfeld sen. kann am Montag, den 9. Juli in seltener Rüstigkeit seinen 87. Geburtstaa feiern. „Opa“ Tenhündfeld, wie man ihm wohl nennt, ist einer der ältesten Veteranen von 1870/71 im hiesigen Kriegerverein. An allen Veranstaltungen des Vereins ist„Opa“ Tenhündfeld mit größtem Interesse beteiligt. Durch sein freundliches, biederes Wesen und seinen aufrichtigen Charakter genießt er bei allen Mitbürgern Anerkennung und Hochachtung. Mit besonderem Interesse liest er noch jeden Tag die Heimatzeitung und nimmt an den Geehnissen in der Welt regen Anteil. Den vielen Glückwünschen der Bekannten und Nachbarn schließt sich die Heimatzeitung gerne an. Ad multos annos! Alstätte Pflichtverfammlung der nsdAp., Stützpunkt Alstätke Am Donnerstag, den 5. Juli 1934 fand in der Wirtschaft Wwe. Averbeck die monatliche Pflichtversammlung statt. Stützpunktleiter Va. Möllers leitete die Versammlung. Er führte aus, daß unserem großen Führer es gelungen sei, die Röhm=Revolte im Keime zu ersticken und über die Schuldigen eine gerechte Strafe zu verhängen. Der Führer hat sich nicht gescheut, die Säuberungsaktion persönlich zu leiten, dieses soll und muß uns allen ein Vorbild sein. Der Führer verlangt von uns unbedingten Gehorsam. Die Tugenden eines Nationalsozialisten sind, Treue, Ehre und Gehorsam. Er lege es den Pg. und besonders den Amtswaltern nahe, ihre ganze Person dafür einzusetzen, daß das Aufbauwerk und die Befehle des Führers bedingungslos durchgeführt werden. Hätte unser Führer nicht den richtigen Augenblick ausgenutzt, so ware ein Blutvergießen unausbleiblich gewesen. Darum müssen wir, die wir dem Führer die Treue geschworen haben, ihm ewig dankbar sein. Weiter verlas der Stützpunktleiter die Verordnungen wegen der Auflösung der konfessionellen Verbände. Darauf teilte der Kassenwart Pg. Olthues den Pg. mit, daß in Zukunft die Beiträge pünktlicher bezahlt werden müßten und las die neuen Verordnungen betreffs Hilfskassenbeiträge vor. Der Propaganda= und Filmwart Pg. Hummert gab bekannt, daß am 16. Juli 1934 in der Wirtschaft Wwe. Heffler eine Filmvorführung von der Filmstelle West zur Aufführung gelangt. Dann bat er die Pg., ihm bei der Propaganda behilflich zu sein. Zum Schluß brachten die Versammelten ein dreifaches Sieg=Heil auf den Führer aus und sangen die erste Strophe des Horst=Wessel=Liedes. Ausflugsork Haarmühle bei Alstäkte Die erholungsbedürftigen Volksgenossen, welche gerne einige Stunden Erholung suchen, begeben sich am besten zu dem bekannten Ausflugsort Haarmühle. Am kühlen Strand der Aa und in den Parkanlagen findet man bei diesem herrlichen Wetter bestimmt einige schöne Stunden Erholung. Die Aa, die hier gestaut ist, erlaubte es, auf dem Wasser zu kahnen und zu paddeln. Auch zum Baden ist hier gute Gelegenheit. Seit einigen Tagen hat der Wirt A. Brüggemann ein junges Storchenpaar auf seinem Haus. Es ist eine Freude, der Familie Langbein bei ihren Flugübungen zuzusehen. Hoffen wir, daß die Familie im nächsten Jahre wieder zur Haarmühle kommt. Gronauer Monakspflichtversammlung der As-Frauenschaft Gronau Die Ortsgruppenleiterin Frau Fürste eröffnete die Versammlung und begrüßte besonders die Kreisleiterin Frl. von Dalwigk und Herrn Rektor Bremer, die den Abend durch Vorträge inhaltsvoll gestalteten. Im Mittelpunkt des Abends standen die Ausführungen der Kreisleiterin. Alle werden noch unter dem Eindruck der letzten Geschehnisse stehen. Es hat sich wieder gezeigt, daß viele Volksgenossen den Sinn des Nationalsozialismus noch nicht verstanden haben. Wie bitter enttäuschend mußten die Entdeckungen der letzten Tage für den Führer gewesen sein, da er sich mit Mut und Blut für sein Volk einsetzt. Sein ganzes Denken und Streben ist darauf gerichtet, daß er seinen Volksgenossen in jeder Beziehung helfen will. Wir müssen dem Führer unser ganzes Vertrauen schenken. Kleine Kritiken und Nörgeleien haben schon immer zerstört, nur der felsenfeste Glaube macht einig und stark. Sie wies darauf hin, daß besonders die Frau dazu berufen sei, im Sinne Adolf Hitlers zu wirken und mitzuarbeiten am Aufbau des Vaterlandes. Sie verdankt dem Führer so viel, da er ihr die großen Rechte wieder eingeräumt hat; sie trägi die Verantwortlichkeit für ihr ganzes Volk, sei es in der Volkswirtschaft oder in der Erziehung. Nicht oft genug kann sie sich ihrer Pflichten bewußt werden. Zum Schluß forderte die Kreisleiterin die Anwesenden auf, die Worte zu beherzigen, in sich reifen zu lassen u. vor allem im täglichen Leben zu verwirklichen. Danach sprach Herr Rektor Bremer in schlichten Worten über Volkstum. Nachdem er den Begriff erklärt hatte, ging er zu den Wegen und Zielen des Volkstums über. Der Kampf um Macht und Recht, so führte er aus, ist beendet; die neue Form ist geschaffen, nur der Inhalt fehlt. Mit Aufmärschen gibt sich das Volk nicht allein zufrieden, es muß in ihm das Geistige und Seelische gefördert werden und gerade deshalb muß die Volkskultur gehoben werden. Das Volkstum wächst nicht durch Reden und Darbietungen jeglicher Art, sondern jeder Volksgenosse muß Mitträger der Kultur werden. Dies wird erzielt durch Volkstänze, Singen, Spiel, Sprechchor, Scherz= und Laienspiel. Um eine wirkliche Volksgemeinschaft zu erzielen, muß das Volk in ein anderes Milieu gestellt werden. Das Volkstum kann nicht nur von den oberen Klassen gehoben werden, nein, das ganze Volk kann es nur gestalten und jedem ist die Möglichkeit dazu gegeben. Es wird noch erst Mühe kosten, alle Hemmnisse und alles Sentimentale abzulegen; doch nichts bringt mehr Freude als Gesang, Volkstanz und Spiel, die durch Schlichtheit und Natürlichkeit den Sinn des Volkstums bilden. Die Ortsgruppenleiterin dankte mit herzlichen Worten für die mit großem Interesse verfolgten und mit Beifall aufgenommenen Ausführungen der Kreiseiterin Frl. von Dalwigk und Herrn Rektor Bremer. Nach einigen Bekanntmachungen wurde die Versammlung mit einem dreifachen Sieg=Heil auf unseren Führer und dem Gesang des Horst=Wessel=Liedes geschlossen. A Der Caritasverein Gronau unternahm mit ca. 45 Mitgliedern am Mittwoch nachmittag einen Ausflug nach Bentheim. Herrlichste Witterung begünstigte die Fahrt, die über Ochtrup zum trutzigen Bergstädtchen im benachbarten hannoverschen Lande führte. Vom Bade aus wurde ein allen wohltuender Spaziergang zum idyllischen„Waldschlößchen“ unternommen. Noch besser aber bekam allen der Kaffee und Kuchen, der gemeinsamer Runde dort eingenommen wurde. Die Dell'Oro'schen Autobusse brachten die Teilnehmerinnen bei Anbruch der Dämmerung über Gildehaus—Bardel wieder zurück nach Gronau, wo man mit schönen Erinnerungen und besten Nachtwünschen von einanderschied. + Im St. Agnesstift war Donnerstag nachmittag für die kleinen Besucher und Besucherinnen des Kindergartens das alljährlich wiederkehrende Sommerfest. Kindliche Fröhlichkeit, die zwar auch sonst dort zu Hause ist, beherrschte an diesem Nachmittage in besonderem Maße die Stunde. Sang, Tanz und Spiel verbreiteten frohes herzerfreuendes Kindertreiben. Auch für Ueberraschungen hatten die immer besorgten Schwestern die passenden, dem Kindergemüt entsprechenden Ideen gefunden. Und so waren es ein paar selige Stunden in der glücklichen Welt unserer Kleinen, die vertrauensvoll für einen Teil des Tages den ehrw. Schwestern in Obhut gegeben sind. Die Eltern wissen, daß ihre Kinder dort im Volkskindergarten an der Wasserstraße gut aufgehoben sind. So war es seit Jahren, so wird es in Zukunft sein! Spiel und Sport Werring=Gronau 09 bei den Gaumeisterschaften in Bochum. Am heutigen Sonntag, den 8. Juli, werden in Bochum die ersten Leichtathletik=Meisterschaften des Gaues 9(Westfalen) ausgetragen. Der F. C. Gronau 09 muß seine Vertretung auf seinen aussichtsreichsten Aktiven, Werring, beschränken, da Stühl von seiner am 10. Juni in Dortmund erlittenen Muskelverletzung noch nicht so weit wiederhergestellt ist, daß er vorläufig in derartig schwere Kämpfe eingreifen könnte. Werring befindet sich wieder in aufsteigender Form und dürfte im Kugelstoßen in Lange=Bielefeld, Schwedtmann=Bottrop oder Stechemesser=Münster nicht nur keine ebenbürtigen Gegner haben, sondern bei günstigen Bedingungen auch mit einer guten Leistung aufwarten, was für seine Berücksichtigung für die Deutschen Kampfspiele in Nürnberg von großem Nutzen sein könnte. Bei Teilnahme am Diskuswerfen hat Werring gute Aussichten, sich hinter dem ehemaligen Rekordmann Hoffmeister=Münster zu plazieren. Ala-Zeikungskakalog 1934 Die Neuregelung im Anzeigenwesen hat sich bei der 59. Ausgabe des Ala=Zeitungskataloges 1934 in einer Veränderung der inhaltlichen Anordnung der Tabellen ausgedrückt. Letztere entsprechen den Vorschriften, die der„Werberat der deutschen Wirtschaft“ als Grundlage für das Anzeigengeschäft aufgestellt hat. Der Katalog enthält auch den Wortlaut des„Gesetzes über Wirtschaftswerbung“, die„Durchführungs=Verordnungen“, sowie die neun„Bekanntmachungen des Werberates der deutschen Wirtschaft“. Dem Werbungtreibenden wird damit die Bequemlichkeit verschafft, die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen und das für ihn notwendige Material stets beisammen zu haben. Der Ala=Zeitungskatalog war schon immer das Handwerkszeug des Inserenten; die Tätigkeit der Werbeabteilungen und Inserenten wäre ohne ihn nicht denkbar. Nach dem Umbruch im Werbewesen und den durch ihn bedingten grundlegenden Veränderungen sieht sich der Werbungtreibende vor fast gänzlich neuen Verhältnissen, in die einzuführen der Zeitungskatalog die wohl einzig mögliche, dabei vorzügliche Gelegenheit gibt. Die durch unsere schnellebige Zeit verursachte umfangreiche Produktion von Druckschriften und Büchern hat dazu geführt, daß deren Wert in den Augen des Lesers— sehr zu Unrecht— unterschätzt wird. Wer sich die geringe Mühe macht, seine Gedanken dem Herstellungsprozeß eines Werkes, wie es der Ala=Zeitungskatalog ist, zuzuwenden, der erst wird den Wert dieses Buches in seiner vollen Bedeutung als wichtiger und unentbehrlicher Wirtschaftsfaktor der Werbung erkennen. Wirb lür Deine Zeitung cauptschriftleiter und verantwortlich für Politik: Dr. Georg Heider, Münster i. W., Stellvertreter des Hauptschriftleiters und verantwortlich für Münster und das Münsterland: Fritz Rediger, Münster i. W.; für Westdeutschland: i. V.: Karl Bode; für Feuilleton: Peter Schlauß; für Handel und Sport: Dr. Hnton Honkel, sämtlich in Dortmund; Berliner Redaktion: Dr. Ernst Häiner, Berlin-Lichterfelde; für den Zeno-Hnzeigenteil: Verlagsleiter Dr. Erich Altmeppen, Münster i. W. Druck: Zenö G.m. b. H., Münster i. W. Durchschnittsaullage: VI. 1934: Zeno-Zeliung Insgesamt 41732 enthaltend: Hhlener Volkszoitung, Nachrichtenblatt für die Kreise Beckum und Lüdinghausen, Hhlen, 2984— Allgemeine Zeitung für die Kreise Coesfeld und Hhaus(Billerbecker Zeitung, Gescherer Zeitung, Vredener Anzeiger, Stadtlohner Volksblatt), Coesfeld, 5412;— Borkener Zeitung, Borken, 3189;— Bürgerblatt für den Niederrhein und Reeser Tageblatt, Emmerich, 1871;— Dülmener Zeitung, Amtliches Kreisblatt für den Kreis Coesfeld, Dülmen, 1857;— Halterner Zeitung, Haltern, 1704:— Kreiszeitung für den Kreis Ahaus(Gronauer Volkszeitung, Eper Volksblatt), Hhaus, 3150;— Münsterländische Volkszeitung(Rheiner Volksblatt), Rheine, 4064;— Emsländische Tageszeitung(Lingener Tageszeitung, Papenburg-Aschendorfer Zeitung), Rheine, 1510;— Neuer Emsbote für Kreis Warendorf und Amt Telgte(Warendorfer Kreisblatt), Warendorf, 2591;— Tageblatt für den Kreis Steinfurt(Ochtruper Hnzeiger, Wettringer Anzeiger. Metelener Zeitung, Neuenkirchener Zeitung), Ochtrup. 1665;— Volksblatt für Bocholt und den Kreis Borken, Bocholt. 6287;— Volksblatt für Wesel und den Kreis Rees, Bocholt, 997;— Volkszeitung und Nachrichten für Emsdetten, Burgsteinfurt, Nordwalde, Borghorst, Greven, Emsdetten, 2378:— Volkszeitung für Dorsten und Herrlichkeit, Dorsten, 2073.— Verantwortliche Schriftleitung für den lokalen Teil: Fritz Schlotjunker, Ahaus, für den lokalen Anzeigenteil: B. Schütte, Ahaus. Statt Karten! C. Toon Oldenkott Trude Oldenkott geb. Lempfrid Vermählte Rees. z. Zt. Dússeldorf(Hotel Monopol) Die neuen Sommerfahrpläne gültig ab 16. Mai 1934 sind vorrätig von 30 und 50 Pfg. an bei Gebr. Lensing-Gronau Buchhandlung Grasverkauf. Am Sonnabend, den 14. Juli nachm. 5 Uhr sollen auf dem Vorwerk Strönfeld an der Kreisstraße Metelen=Epe ca. 18 Morgen gutes Gras in Parzellen meistbietend auf Kredit verkauft werden. Laurenz, Gut Lüttinghaus bei Ochtrup. Zur bevorstehenden Aussaat empfehle ich: Prima ostdeutsche u. bulg. Saatwicken Peluschken Lupinen Spörgel Rübsamen ebenso Klee- u.Grassamen Fr. Jungkamp, Mehrere schöne neue Wohnungen im Mittelpunkt von Epe zu vermieten. Näheres Buchhandlung A. Niewerth, Epe. Suche für kinderl. Haushalt auf dem Lande vorübergehend eine zuverl. ehrl. Person zur Führung d. Haush. f. sof. Offert. m. Gehaltsanspr. an d. Buchhandlg. Scholbrock. Vreden. Graue fldare, Einfache Anwendung Sichere Wirkung Fl. 1,80 extro stark 250 Parf. EduardHesse, Gronau Belehung der Wirtschaft ist nationale Pflicht! Die gute Werbe-Drucksache ist hierbei der beste Helfer WIR DRUCKEN PLAKATE/ KATALOGE/ PROSPERTE ZEITSCHRIFTEN/ WURFSENDUNGEN FLUGBLÄTTER/ GESCHÄFTSKARTEN BRIEFBLÄTTER/ BRIEFUMSCHLAGE UND JEDES ANDERE FORMULAR WIRBIETEN GEWÄHR FUR GESCHMACKVOLLE UND SAUBERE AUSFUHRUNG NACH EIGENEN U. GEGEBENEN ENTWURFEN BEI ALLERKURZESTER LIEFERFRIST. Gebr. Lensing Ahaus und Gronau Wandfahrpläne der Station Ahaus i. W. Gültig vom 15. Mai 1934. Vorrätig bei Gebr. Lensing- Ahaus i. Westf. Beilage Sonntag, den 8. Juli 1934 Nr. 185 Deutsch=Neu=Guinea. Als Pflanzer in der Südsee. Von Wilhelm Schlüter, Dortmund, ehemaligem Pflanzungsleiter in Deutsch=Neu=Guinea. Zu den großen und wertvollen Besitzungen, die dem Schutz des deutschen Reiches unterstanden und an die der 50. Geburtstag des Deutschen Kolonialreichs die Erinnerung wachruft, gehören die Inseln und Inselgruppen im Stillen Ozean, die politisch in dem Gouvernement„Deutsch=Neu=Guinea“ zusammengefaßt waren. Dieses Gouvernement bestand aus dem Bismarckarchipel, einem Teil der Insel Neu=Guinea, dem Kaiser=Wilhelm=Land, den Marschallinseln, den Öst= und Westkarolinen, den Palau= und Marianeninseln und der Phosphatinsel Nauru, deren Wert von den Engländern allein auf 15 Milliarden geschätzt wird. Die Jahre, die ich inmitten der Südsee, auf Neu=Guinea selbst, als deutscher Pflanzer verleben durfte, machen einen wesentlichen Teil meines in anderen Erdteilen verbrachten Lebens aus. Sie umfassen die Jahre 1912—1920. Mit ihnen ist die Erinnerung an einen unvergleichlich schönen Teil der Erde verknüpft. Aber in diese Gedanken mischt sich auch die Erinnerung an harte und unverdrossene Mannesarbeit in einem Land, wo deutscher Fleiß und deutsche Zähigkeit versucht haben, Heimatboden zu schaffen. Das Gouvernement Deutsch=Neu=Guinea ist mit seinen rund 243 000 Quadratkilometern an Flächeninhalt etwa einhalb so groß wie Deutschland. Auf einem unermeßlichen Meeresraum zerstreut liegen die Inseln und Inselgruppen inmitten eines tropischen Paradieses. Bunt und mannigfaltig ist das Land, seine Flora, seine Fauna und seine Bevölkerung. In unvergleichlicher Fülle breiten sich an der Küste die Koralleninseln aus. Mächtige Blöcke grüner und roter Korallen ragen am Riffrande wie Säulen aus der Tiefe und wechseln ab mit hellfarbenen Tellern, die wie Schirme in das dunkelblaue Wasser hineinragen. Farbenprächtige kleine Korallenfischchen huschen durch die Meeresgärten. Tiefblau schimmert die See und die Brandung zieht schmale weiße Bänder um die Buchten und Becken der Inselwelt. Ueppiger Urwald wuchert im Innern der Inseln, Baumriesen, Lianen, Bananenstauden, Fächerpalmen, Blattgewächse mit phantastischen Blumen leuchten in Gold und Grün. Die tiefroten Feuer während der Nacht, die große silberne Scheibe des Mondes, die von ferne glitzernde und blinkende Brandung des Meeres mit ihrem eintönigen Rauschen und das tausendfach im Raum schwingende Urwaldzirpen schaffen eine unvergeßliche Sinfonie dieses Landes. Von der Fauna ist, von verschiedenen Schweineund Mäusearten, Beuteltieren und den überall vorkommenden Krokodilen abgesehen, die Vogelwelt besonders prächtig vertreten. Neben den großen Kasuren, den Papageien und den Krontauben leben dort die scheuen, buntschillernden Paradiesvögel, die vor allem am Ramu= und am Kaiserin=AugustaFluß und am Hüon=Golf beheimatet sind. Abenteuerliche Geschichten knüpfen sich an die Jagd auf diese Märchenvögel, die zu meiner Zeit ein sehr einträgliches Geschäft war. Während die roten und gelben Federbälge einen Wert von etwa 120 Mark bis 150 Mark darstellten, brachten die blauen Vögel immerhin einen Betrag von 300 Mark auf. Die Jagd, die wegen der wilden Gegenden und des mörderischen Klimas zu einer Jagd nach dem Glück wird, wird vorwiegend von Malaien und Eingeborenen, aber auch von Europäern ausgeübt. Sie erfordert eine sehr genaue Kenntnis der betreffenden Gegenden und der Lebensgewohnheiten der Tiere. Die Papuas, wie die Eingeborenen Neu=Guineas genannt werden, sind ein Mischvolk von Melanesiern und Polynesiern. Von großem, hagerem Körperbau, mit gebogenen, dünnen Nasen, schmalen Gesichtern und durchdringenden hellen Augen, zeichnen sie sich durch ein lebhaftes Wesen aus. Allgemein beherbergt die Inselwelt Neu=Guineas unzählige Eingeborenentypen mit Farbtönungen aller Art, von Broncebraun bis zum tiefsten Schwarz. Wie die einzelnen Völkerschaften sind auch die Sprachen und Dialekte hundertfach verschieden. Die Sprache ist ein Gemisch von Malaiisch und einem Idiom, das dem malaio=polynesischen und melanesischen Sprachsystem angehört. Zur Verständigung von Weißen und Eingeborenen untereinander dient das Pidgin=Englisch, ein in der ganzen Südsee gesprochenes Esperanto, das durch seine geniale Einfachheit allen Anforderungen genügt. In Bezug auf die Wirtschaft hatte das Schutzgebiet unter deutscher Herrschaft eine erfreuliche Entwicklung genommen. Bekanntlich war Neu=Guinea nahe daran, die Kosten für den Unterhalt der Kolonie aus eigenen Mitteln bestreiten zu können. Da kam der Weltkrieg und dann das Diktat von Versailles, das dieses deutsche Schutzgebiet dem Völkerbund überwies, damit er es als Mandatsgebiet an einen der Feindbundstaaten gab. Obgleich die Entdeckung reicher Goldvorkommen im Morobe=Bezirk des Mandatsgebietes, im Östen Neu=Guineas, den weltwirtschaftlichen Beziehungen und dem Wirtschaftsleben des Landes nach dem Kriege ein neues Gepräge gegeben hat, ist die Kopra auch heute noch das wichtigste fuhrerzeugnis. Denn die europäischen Pflanzungen, die schon zu meiner Zeit eine beträchtliche Ausdehnung erlangt hatten, umfaßten neben Kautschuk vor allem den Anbau von Kokospalmen. Der Transportmöglichkeit wegen befanden sich die Pflanzungen ausschließlich in Küstennähe. Sie waren zumeist in Händen der Neu=Guinea=Kompagnie oder im Besitz von Missions= und Handelsstationen. Ihre Größe, die durchschnittlich 500 Hektar angebaute Fläche betrug, belief sich bei einzelnen auf 10000 Hektar und mehr. Auf ein Hektar Nutzfläche werden zirka 100 Palmen angepflanzt, die im Jahr zirka Tonnen Kopra ergeben. Nach 6 bis 7 Jahren beginnt die Tragfähigkeit der Palmen, die, je nach dem Boden, durchschnittlich im zwölften Jahr volltragend werden. Die Ernte oder die Bearbeitung geht in folgender Weise vor sich: Sobald die Nüsse reif sind, fallen sie von selbst auf die zirka 2 Meter breite Baum=Scheibe. Sie werden aufgelesen, auf Stöcken aufgereiht und zumeist von Mädchen und jungen Burschen auf der Schulter zu bestimmten Sammelplätzen getragen. Hier erfolgt das Aufhacken der Nüsse. Der Kern wird in Streifen herausgeschnitten, auf Drahtbetten nebeneinander gelegt und sodann in das Trockenhaus, in die Darre, eingeschoben. Man unterscheidet Sonnendarren und Darren, die durch Kokos=Schalen künstlich geheizt werden. Das getrocknete Fleisch der Kokosnuß, die Kopra, wird sodann in Säcken mit Segelbooten bis zum nächsten Verschiffungshafen befördert. Bekanntlich wird die Kopra in Europa in Oelmühlen zermahlen, das gewonnene Oel dient zur Fabrikation von Speisefetten(Palmin, Palmona), Seifen, Lichtern und Futterkuchen. Wie erwähnt, trat nach dem Kriege neben der Pflanzungswirtschaft der Goldbergbau, der nicht nur bald eine bedeutende Stellung in der Ausfuhr des Mandatsgebiets errang, sondern auch das modernste Verkehrsmittel, das Flugzeug, in großzügigster Weise in seinen Dienst stellte. Bei diesen Flugzeugen handelt es sich zum größten Teil um die außerordentlich leistungsfähigen Ganzmetall=Frachtflugzeuge der deutschen Firma Junkers, die sich durch den Transport schwerster Maschinenteile von der Küste bis zu den Goldfeldern unentbehrlich gemacht haben. Der größte Teil der Insel Neu=Guinea, mit tropischem Urwald und Kokospalmen bedeckt, enthält größtenteils unerschlossenes Urwaldland, das mit seinem jungfräulichen Boden und seinen bis zur Schneegrenze emporragenden gewaltigen Gebirgsmassiven für die Zukunft noch große Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Einer schnellen wirtschaftlichen Entfaltung stand der erwähnte primitive Zustand und die verhältnismäßig geringe Zahl der Eingeborenen gegenüber. Es war darum für den europäischen Pflanzungsleiter eine Hauptaufgabe, sich durch Anwerbung eine genügende Anzahl von Pflanzungsarbeitern zu verschaffen. Da die Eingeborenen größtenteils dem Kannibalismus huldigten, waren diese Anwerbungen, wie man verstehen wird, mit großen Gefahren verbunden. Von wenigen vertrauten Eingeborenen begleitet, zog der weiße Pflanzer viele Tagesmärsche in das Innere, um eingeborene Arbeiter anzuwerben. Eine Anwerbung ist nur bei genauer Kenntnis von Land und Leuten möglich, und der Europäer muß es verstehen, sich ganz in die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen einzuleben. Die Eingeborenen, die von Jagd und Stammesfehden leben, sind naturgemäß nur schwer zu bewegen, sich auf die draußen an der Küste gelegenen Pflanzungen anwerben zu lassen. Ehe der Europäer in tagelangen Verhandlungen zum Ziel kommt, muß er sich die Freundschaft des ganzen Dorfes durch Erlegung von Wild, durch Krankenbehandlung und durch Ueberreichung von Geschenken erkaufen. Einen besonders großen Wert besitzen bei den Eingeborenen Hundezähne, die zu Schmuck und anderen Zwecken verwandt werden. Besonders verbreitet ist der Kannibalismus im Gebiet des Ramu=Flusses, an dem meine Pflanzung Nubia lag und an der Hansabai. Tage= und nächtelang toben die Sing=Sings, die Tanzfeste des Stammes. In phantastischem Aufputz, mit wilden Tanzmasken und dichtem Blätterkleid angetan, mit grell bemalten Körpern tanzen die Stammesangehörigen. Dumpftönende Bambustrommeln, Bambusflöten und riesige Tubas trommeln die monotone, aufpeitschende Melodie des Urwaldes. Tagelang tanzen sie. Noch immer sind die dunklen Kinder des Landes den Weißen fremd und unheimlich. Noch immer muß der weiße Mann streng herrschen, um sein Herrenrecht zu wahren. Nur die Küstenstriche sind sein unbestrittenes Eigentum. Weit im Innern des Landes, das den Europäern durch seine Wildheit und sein mörderisches Klima verschlossen ist, ist auch heute die Menschenfresserei nichts Außergewöhnliches. Obgleich man in den letzten Jahren moderne Verkehrsmittel, das Flugzeug, in den Dienst des Bergbaues stellte, ist auch gegenwärtig der weitaus größte Teil Neu=Guineas noch nicht, von der Zivilisation berührt worden. Es sind das Gebiete, in denen die Menschen noch im Steinzeitalter leben. Die Haltung der Eingeborenenstämme in diesen Gegenden ist ausgesprochen feindlich. Alljährlich kommt es zu Ueberfällen und Angriffen auf Regierungspatrouillen und Goldsucher. So ist noch vor einigen Jahren der mir persönlich sehr gut bekannte Goldsucher Baum von Eingeborenen ermordet und gefressen worden. Deutschland hatté in mühsamer, langjähriger Arbeit mit Erfolg begonnen, unter diesen wilden Stämmen mit ihren täglichen Fehden Frieden und Ordnung zu schaffen, besonders auf gesundheitlichem Gebiet hatte es viel für die Eingeborenen getan. Regierungsschulen und Missionsstationen waren um ihre kulturelle Hebung bemüht. Durch alle friedliche Pionierarbeit machte der Krieg einen Strich. Bei Kriegsanfang besetzte Australien mit gewaltiger Truppenmacht das auf einen Krieg völlig unvorbereitete deutsche Schutzgebiet. Auf Grund eines Vertrages, der zwischen dem deutschen Gouverneur Haber und der australischen Besatzungstruppe geschlossen wurde, wurden die deutschen Pflanzer auf ihren Besitzungen belassen und ihnen die Unverletzlichkeit des Privateigentums zugesichert. Diese Abmachungen wurden aber vom Feind gebrochen. In den Jahren 1917/18 internierte man sämtliche Deutsche in den australischen Camps. 1920 wurden die großen Pflanzungen von der australischen Regierung beschlagnahmt. 1921 war die restlose Austreibung der letzten deutschen Pflanzer und Kaufleute und die Einziehung des gesamten privaten Eigentums durchgeführt. Während Japan zum Mandatar über die nördlich des Aequators gelegenen Inseln bestellt wurde, fielen das südlich des Aequators gelegene Kaiser=Wilhelm=Land, der Bismarck=Archipel und die dazu gehörigen Inseln an Australien. Der Raub unserer Kolonien ist mit einer Schuldlüge begründet worden. Diese Begründung wird längst auch schon bei unseren ehemaligen Feinden, wenigstens bei den Menschen anständiger, ehrlicher Gesinnung unter ihnen als peinliche Unwahrhaftigkeit empfunden. Die Stimmen, namentlich in England, mehren sich, die eine Rückgabe von Kolonien an Deutschland befürworten. Dies in Verbindung mit der positiven Einstellung des neuen Deutschland zur Kolonialfrage gibt uns Deutschen die Hoffnung, daß die deutsche Flagge in nicht zu ferner Zeit wieder über eigenes deutsches Land in Uebersee wehen wird. Auch Radfahrwege werden gebaut! Berlin, 7. Juli. Der Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen hat sich im Rahmen der ihm zugewiesenen Aufgaben auch der Schaffung eines ausreichenden Netzes von Radfahrwegen tatkräftig angenommen. Als erste Maßnahme wurde den ihm unterstellten Wegebauverwaltungen ein Betrag von 1000 000 RM überwiesen, aus dem noch in diesem Jahre der planvolle Ausbau von Radfahrwegen in Angriff genommen wird. Zunächst kommt die Anlage solcher Radfahrwege entlang den Reichsstraßen in Frage. Nach der neuen Reichsstraßenordnung versteht man unter Reichsstraßen diejenigen Straßen, welche auch bisher dem Fernverkehr dienten und welche der Verwaltung der Länder und Provinzen unterstanden. Die Wegebauverwaltungen werden beim Bau von Radfahrwegen im Benehmen mit der allein berufenen Vertretung des Radfahrwesens vorgehen. Auf Grund von Verhandlungen des Generalinspektors mit der Reichsbetriebsgruppe„Bau“ in der Deutschen Arbeitsfront und mit dem Führer des deutschen Radfahrerverbandes ist eine Vertretung in der Bildung begriffen. Die Millionen von Radfahrern, welche im Verkehr bekanntlich eine sehr wesentliche Rolle spielen, werden diesen Entschluß sicher lebhaft begrüßen. Rekordhitze in Amerika, 55 Grad. DNB Neuyork. 7. Juli. Die Ostküste Amerikas wird seit etwa 14 Tagen von einer Hitzewelle heimgesucht, die als die größte seit 1901 bezeichnet werden kann. Am Freitag wurde in Neuyork die Höchsttemperatur mit 55 Grad Celsius in der Sonne bezw. 36 Grad Celsius im Schatten bei ungewöhnlich hoher Feuchtigkeit der Luft erreicht. Demgegenüber herrscht in den bisherigen Dürregebieten Dakota und Minnesota seit 14 Tagen Dauerregen, der mit heftigem Sturm verbunden ist. Der Sachschaden ist sehr beträchtlich. Nachts herrscht eine empfindliche Kälte. der Reichspräsident verabschiedet das siamesische Königspaar in Neudeck. Der König und die Königin von Siam waren am Donnerstag Gäste des Reichspräsidenten in Neudeck, wo Hindenburg dem Königspaar ein Frühstück gab.— Unser Bild zeigt den Reichspräsidenten vor der Tür seines Hauses nach dem Abschied des königlichen Besuches. Ganz rechts die Schwiegertochter des Reichspräsidenten, Frau v. Hindenburg, ganz links Hauptmann von der Schulenburg, der zweite Adjutant. Goldenes Priesterjubiläum des Erzbischofs von In Deutschland ist vielfach die Meinung verbreitet, Bayern sei ein ganz katholisches Land. Allein dem ist nicht so; das heutige Bayern setzt sich aus ganz verschiedenen Bestandteilen zusammen. Die südlich der Donau gelegenen altbayerischen Lande sind allerdings fast ausschließlich oder doch weit überwiegend katholisch geblieben. Anders verhält es sich indessen mit den fränkischen Provinzen, die erst nach dem Frieden von Lunéville 1801 an Bayern gekommen sind. Die eigentliche Diasporadiözese Bayerns ist Bamberg, das nach dem neuesten Schematismus nur ein Drittel Katholiken aufweist(514 933 neben 1005 721 Nichtkatholiken). Die Bedeutung Bambergs ist einzig dem Kaiser Heinrich II., dem Heiligen, zuzuschreiben, dem es nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten auf dem Reichstag zu Frankfurt im November 1007 gelang, Bamberg zum Sitz eines Bistums und damit zugleich zur Hauptstadt eines weltlichen Fürstentums zu machen. Der Zweck dieser Neugründung war in dem Beschluß jener Synode deutlich ausgedrückt: es sollte ein Doppeltes erreicht, nämlich das Heidentum wie das Slawentum, von dem das waldreiche Gebiet Oberfrankens besiedelt war, zerstört oder vielmehr durch die christliche Kultur überwunden werden. Das wurde auch vollständig verwirklicht, die Kirche ist dort wie überall ein Kulturträger geworden und geblieben. In der Reformationszeit wandte sich ein großer Teil der Bevölkerung des Hochstiftes Bamberg mit den darin regierenden Fürsten, der Freien Reichsstadt Nürnberg und dem sämtlichen Adel der neuen Lehre zu. Im Jahre 1612 berichtete der Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen nach Rom, daß ihm von den ehemals 500 Pfarreien nur noch 150, die Filialkirchen eingerechnet, übriggeblieben eien. Erst ein Jahrhundert später nahm die Zahl der Katholiken mit ganz überraschender Schnelligkeit wieder zu, als der Industrialismus einsetzte und zahlreiche katholische Familien aus den Regierungsbezirken Oberpfalz und Niederbayern anzog. Der heutige Oberhirte des Erzbistums Bamberg, Dr. Jacobus von Hauck, begeht in diesen Tagen sein fünfzigjähriges Priesterjubiläum. Der eigentliche Tag dieser Feier ist der 3. August. Doch wird es in der Stadt Bamberg schon am heutigen Sonntag gefeiert. Darum sei auch bereits heute hier der Persönlichkeit des Jubilars gedacht, der, aus einer Lehrerfamilie in Miltenberg am Main stammend, an dem eben genannten Tage des Jahres 1884 zum Priester geweiht und nach langjähriger Tätigkeit als Religionslehrer und(seit 1898) als Stadtpfarrer von St. Elisabeth=Nürnberg und Dekan, vom Prinzregenten Luitpold mit dem Titel eines „Kgl. Geistlichen Rats“ ausgezeichnet, am 4. Mai 1912 zum Nachfolger des kurz zuvor verstorbenen Erzbischofs Dr. Friedrich Philipp von Abert ernannt wurde. Man wünschte sich damals im Erzbistum Bamberg einen energischen, arbeitskräftigen Oberhirten, und man wußte, daß der neue Erzbischof die erforderlichen Eigenschaften hierfür mitbrachte. Zu seinem am Konsekrationstag(25. Juli 1912) erschienenen ersten Hirtenschreiben entwickelte er mit energischem Tatsachensinn ein Programm über seine künftige Amtstätigkeit: neue Seelsorgestellen müssen errichtet und ein neues Klerikerseminar müsse erbaut werden. In zäher, mühevoller Tätigkeit ist es ihm seither gelungen, 40 neue Seelsorgestellen zu errichten und rund einem halben Hundert von Gotteshäusern die kirchliche Weihe zu erteilen. Das war nur möglich durch die tatkräftige Mithilfe des Bonifatiusvereins, dem der Erzbischof bereits zu Pfingsten 1913 einen besonderen Hirtenbrief widmete, worin die Einführung des Vereins für alle Seelsorgestellen zur Pflicht gemacht wurde. Das neue Priesterseminar konnte nach Ueberwindung der vielen geldlichen Schwierigkeiten— der Inflation war der in den vorhergegangenen Jahren angesammelte Baufonds von rund einer Million Mark großenteils zum Opfer gefallen— im Juli 1925 eingeweiht werden. Das Hohepriesteramt verpflichtet seine Träger gewiß nicht zur Ausübung der Seelsorge im engeren Sinne; ein wegen seiner Urwüchsigkeit bekannter früherer Bamberger Domherr pflegte zu sagen:„Der Bischof soll nicht Beicht sitzen, wie ja auch der General nicht Posten steht“. Aber gleichwohl darf und kann sich ein modern eingestellter Volksbischof nicht auf die Rolle des Grand Seigneur versteifen wollen. Hierzu besitzt Erzbischof Jacobus von Hauck auch gar keine Veranlagung. Er wollte stets mit seinen Gläubigen„verwachsen“. Gern und häufig hat er das Wort Gottes verkündet: im Dome bei festlichen Veranlassungen, bei Volksmissionen und Pfarrvisitationen, bei Firmungen und Wallfahrten. Insbesonders hat er während der Kriegszeit mit Worten zündender Begeisterung sich immer wieder an die ins Feld hinausziehenden Soldaten gewendet. Die besondere Liebe des Erzbischofs hat im übrigen immer der Jugend gegolten. Wie sehr ihn seine Diözesanen verehren, das trat u. a. auf dem Katholikentag in Nürnberg 1931 deutlichst in Erscheinung und wird bestimmt auch jetzt bei seinem goldenen Priesterjubiläum wieder beredten Ausdruck finden. Ein französisches Kolonialjubiläum. Das französische Volk entsinnt sich in diesen Tagen seiner größten kolonisatorischen Tat: der Entdeckung und Besiedlung Kanadas. Paris feiert den 400. Geburtstag Kanadas mit solcher Begeisterung, als gehörte das britische Dominium Kanada noch zu den alten französischen Kolonialgebieten. Aus Kanada selbst hat sich eine Kommission mit Monsieur Grégoire, dem Bürgermeister von Quebec, an der Spitze, zu den frankokanadischen Festveranstaltungen in Paris eingefunden. Kanadische Gesänge erschallen in den festlichsten Räumen der französischen Hauptstadt. Jawohl— Frankreich trägt seinen Stolz auf seine kanadischen Siedler offen zur Schau. Aus den 60000 französischen Auswanderern, die sich nach der Entdeckungsfahrt von Jaques Cartier am kanadischen St. Lorenzstrom niederließen, ist heute eine frankokanadische Kulturgemeinschaft von drei Millionen Seelen geworden. Und diese Frankokanadier, die sehr bewußte Katholiken sind, vermehren sich— schneller und sicherer als die von der Zivilisation allzu sehr heimgesuchten europäischen Franzosen. Man muß die Bevölkerungsverhältnisse Kanadas kennen, um das lebhafte Interesse der Franzosen an dem vierhundertjährigen Geburtstagskinde zu begreifen. Kanada zählt heute etwa 10,5 Millionen Einwohner. Die westlichen Prärieprovinzen befinden sich vollkommen im Besitz der„angelsächsischen Rasse“. Englisch ist dort die Umgangssprache. Unter=Kanada jedoch, der fruchtbare Landstreifen längs des St. Lorenzstroms, ist nach wie vor von Franko=Kanadiern besiedelt. Die Nachkömmlinge jener 60 000 französischen Siedler haben ihre Kulturgewohnheiten und ihre Sprache beibehalten. Französische Lieder ertönen am Ufer des breiten St. Lorenzstroms. Und die beiden bedeutsamsten Städte Kanadas, Montreal und Quebec, wußten ihr französisches Gepräge über die Jahrhunderte hinweg beizubehalten. Jaques Cartier. der Seemann aus St. Malo, nahm im Jahre 1534 das unbekannte und herrenlose Land am St. Lorenzstrom für seinen König Franz I. in Besitz.„Neufrankreich“ sollte hier entstehen, mit wohlgebauten Städten, mit musterhaften Siedlungen, mit den Kulturstätten, die den Namen Frankreichs bereits in Europa berühmt gemacht hatten. Ihre Selbständigkeit vermochten allerdings die französischen Siedler in Kanada nicht zu behaupten. Im Pariser Frieden von 1763 ging Kanada, auch das französisch besiedelte Gebiet längs des St. Lorenzstroms, in den Besitz der Engländer über. Und die Engländer werden ihren kostbaren Besitz selbstverständlich immer verteidigen— wenn es sich auch nicht bestreiten läßt, daß prozentual die angelsächsische Bevölkerung infolge der Fruchtbarkeit der FrankoKanadier immer mehr zurückgeht. Gerade mit dem Hinweis auf die Franko=Kanadier suchen aber die Franzosen jeden Einwand gegen ihre„Dekadenz“ und gegen ihre Bevölkerungsstagnation zu widerlegen. Die Vierhundertjahrfeiern, die augenblicklich in Paris veranstaltet werden, sollen später in noch gröterem Maßstabe in Kanada selbst abgehalten werden. Frankreich wird zu diesen kanadischen Festveranstaltungen mehrere hervorragende Männer entsenden. Die französische Regierung vertritt bei den kanadischen Veranstaltungen der Minister Flandin, die Akademie Francaise der Schriftsteller Henry Bordeau. Gleichzeitig entfalten die französischen Reisebüros eine umfangreiche Werbetätigkeit für Kanadareisen. Jeder Franzose, der es sich leisten kann, soll drüben in Kanada in den nächsten beiden Monaten die franko-kanadische Blutsbrüderschaft mit erleben. Die Pariser Feiern können nur als Auftakt für die bevorstehenden kanadischen Veranstaltungen gelten. Aus Nationalstolz kümmert sich der Franzose auch heute noch um das„verlorene Kanada“. Der Kundige allerdings weiß, daß sich die Kulturgemeinschaft zwischen den europäischen und den amerikanischen Franzosen schon längst gelockert hat— spätestens mit der französischen Revolution von 1789, die von den Franko=Kanadiern wenigstens in ihren geistigen Auswirkungen nicht anerkannt wurde. Selbstverständlich ist an eine Rückkehr der französisch besiedelten Gebiete Kanadas an das „Mutterland“ von gestern nicht zu denken. Das wissen auch die Franzosen. Es scheint so, als ob sie sich durch geräuschvolle Kundgebungen über den Schmerz um die verlorene„schönste Eroberung“ hinwegsetzen wollen. Sitzung des Reichsverkehrsrates. DNB Berlin, 6. Juli. In der Sitzung des Reichsverkehrsrates gab der Reichsvertehrsminister bekannt, daß er zur weiteren Vertiefung der Beziehungen der Verkehrsträger der übrigen Wirtschaft den Führer der Wirtschaft, Direktor Keßler, zum Mitglied des Reichsverkehrsrates berufen habe. Ebenso habe er auch den Reichssportführer v. Tschammer und Osten als Mitglied berufen, um dem Sport entsprechend seiner Bedeutung auch eine Vertretung im Reichsverkehrsrat zu geben. Die Tagung des Reichsverkehrsrates war in der Hauptsache mit einer Erörterung ausgefüllt, welche eine klare Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen dem Reichsverkehrsministerium, dem von ihm gebildeten Reichsverkehrsrat und den Organisationen bezweckte, die sich mit Verkehrsfragen befassen. Der Führer der Wirtschaft, Direktor Keßler, nahm dabei das Wort zu grundsätzlichen Darlegungen über die Organisation der Wirtschaft im nationalsozialistischen Staat. Die nächste Vollsitzung des Reichsverkehrsrates wurde auf den 17. Oktober anberaumt. Rekofei=Reichsnährstand. Der Präsident des Rekofei veröffentlicht folgende Kundgebung:„Die verschiedenen Veröffentlichungen des Reichsnährstandes bezw. des Beauftragten des Reichsnährstandes, Herrn Paesch, insbesondere die letzte Anordnung des Reichsbauernführers, haben in den Reihen unserer Mitglieder erneut Unklarheit und Unsicherheit hervorgerufen. Ich weise daher nochmals darauf hin, daß die im Rahmen des Gesetzes zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der nationalen Wirtschaft vom 5. Mai 1934 vom Herrn Reichswirtschaftsminister Dr. Schmidt angeordnete Zwangsorganisation zum Rekofei für alle Betriebe des Kolonialwaren=, Feinkost= und Lebensmitteleinzelhandels, die die Voraussetzung des§ 4 der III. Verordnung zum Reichsnährstand erfüllen, durch die Anordnung des Reichsbauernführers nicht berührt wird. Es ist somit gesetzlicher Zwang für alle Betriebe des Kolonialwaren=, Feinkost= und Lebensmitteleinzelhandels, die Landhandel nur in unerheblichem Maße oder Landhandel in nicht unerheblichem Maße neben Geschichtliche Klausurarbeit im Gerichtsassessorexamen. Der deutsche Jurist soll mit der Goschichte seines Volkes vertraut sein. Reichsjustizminister Dr. Gürtner, dem bekanntlich vor burzem auch die Leitung der preußischen Justizverwaltung übertragen wurde, hat, wie wir bereits berichteten, eine Verfügung erlassen, wonach für das Assessorexamen in Preußen eine neue Klausurarbeit über ein geschichtliches Thema eingeführt wird. Ueber die allgemein interessierenden Gründe dieser Maßnahme äußert sich der im preußischen Justizministerium tätige Oberstaatsanwalt Dr. Krug im neuesten Heft der„Deutschen Justiz“, dem amtlichen Organ des Reichsjustizministeriums, wie folgt: „Ein Volk ist nur dann stark und bewußt seiner politischen Mission, wenn es im inneren Zusammenhang mit seiner Geschichte steht. Diese Verbindung zu pflegen und die großen Zusammenhänge immer vor Augen zu halten ist deshalb eine Aufgabe der geistigen Fundierung der nationalsozialistischen Revolution. Alfred Rosenberg hat mit Recht auf dem Niedersachsentag erklärt, daß Widukind, der im 9. Jahrhundert unterlegen sei, im 20. Jahrhundert in Adolf Hitler gesiegt habe. Das dritte Reich sei somit nicht die Fortsetzung des Heiligen Römischen Reiches, sondern knüpfe an die Rebellen, die damals aufstanden, um Blut und Boden zu verteidigen. Die Männer der Vergangenheit würden nicht mehr danach eingeschätzt, was sie für Konfessionen oder Dynastien errungen, sondern danach, mit welcher Inbrunst sie Heimat und Charakter, Blut und Boden verteidigt hätten. Widukind und Heinrich der Löwe wurden in diesem Sinne von Niedersachsen als die Vorkämpfer gegen die Universalmonarchie des Römischen Reiches gefeiert. Die schulmäßige Auffassung der Geschichte hat damit eine Wandlung bekommen. Aus den Quellen des völkischen deutschen Lebens, aus den Zusammenhängen von Blut und Boden und aus dem Kampfe des freien germanischen Menschen um seine Gewissensfreiheit heraus wird in Zukunft die Geschichte gelehrt und verstanden werden müssen. In dieser Weise aufgefaßt ist sie das stärkste Fundament für die neue Weltanschauung und zugleich eine stete Mahnung für die politische Gestaltung in der Gegenwart. Und nicht zuletzt ergeben sich auch gerade für das Rechtsgebiet hieraus die tragenden Gedanken, denn das Recht ordnet das Geschehen eines Volkes, wie es dessen geschichtlich gewordenen Notwendigkeiten und Erfordernissen entspricht. sotera Preußen eine neue Klausurarbeit über ein geschichtliches Thema eingeführt worden. Ohne daß selbstverständlich geschichtliche Einzelheiten oder Zahlen hierbei vorausgesetzt werden, soll der Kandidat in einer Zeit von drei Stunden über ein geschichtliches Thema, von denen ihm drei zur Auswahl gestellt werden, seine Gedanken in Gestalt einer kurzen Abhandlung niederschreiben. Er soll dabei eigen, ob er die geschichtlichen Zusammenänge verstanden hat und ob er in der Lage ist, hänge verstandenhat und hieraus politische Folgerungen zu ziehen, die von einem nationalsozialistisch denkenden Deutschen erwartet werden müssen. Derjenige, der als Jurist tätig werden will, sei es als Richter, Staatsanwalt, Rechtsanwalt oder an anderer Stelle, muß ein so abgerundetes Weltbild und eine solche Allgemeinbildung besitzen, um auf seinem Posten allen Anforderungen gerecht zu werden, insbesondere aber den staatspolitischen Aufgaben, daß er ohne Mühe einige historisch=politische Betrachtungen zu einem geeigneten Thema niederlegen kann. Diese Maßnahme des Ministers kann deshalb auf größte Anerkennung rechnen. Die Erweiterung der Allgemeinbildung und ein abgerundetes historisch=politisches Weltbild war immer ein Verlangen aller, die statt öder Spezialisten lebendige Menschen mit gesunder Anschauung und allgemein fundierter Sachkunde erstreben.“ 1000 Morgen Wald in Flammen. Zwischen den Orten Plessen und Görden im Östzipfel der Provinz Sachsen brach ein Waldbrand aus, der sich ständig ausdehnte und nun 1000 Morgen Wald ergriffen hat. Zwei Arbeitsdienstlager sind im Verein mit zahlreichen Feuerwehren bei der Löschung tätig.— Das Bild veranschaulicht den fast hoffnungslos scheinenden Kampf gegen das ständig schwelende Element in den ausgetrockneten Wäldern. anderem Einzelhandel, wie Kaffee, Tee, Kakao, Salz, Putzmittel und anderen Waren betreiben, die Mitgliedschaft beim Rekofei zu erwerben. Da es sich bei der Organisation des Rekofei ebenso wie beim Reichsnährstand um eine durch Gesetz angeordnete Zwangsmitgliedschaft handelt, ist für Betriebe, die unter diese gesetzliche Bestimmung fallen, der Austritt aus dem Rekofei unmöglich. Austrittserklärungen bezw. Kündigungen sind daher unwirksam. Ich weise besonders darauf hin, daß die Anordnungen des Herrn Reichswirtschaftsministers durch das Gesetz über wirtschaftliche Maßnahmen vom 3. Juli 1934 — gez.: Der Reichskanzler Adolf Hitler— eine besondere Erhärtung erfahren, indem der§ 1 des Gesetzes den Reichswirtschaftsminister ermächtigt, innerhalb seines Geschäftsbereichs alle Maßnahmen zu treffen, die er zur Förderung der deutschen Wirtschaft sowie zur Verhütung und Beseitigung wirtschaftlicher Schädigungen für notwendig hält. Dieses Gesetz besagt weiter, daß die auf Grund dieser Ermächtigung getroffenen Maßnahmen sogar von dem bestehenden Gesetz abweichen können. Der Führer hat in seinem Befehl vom 30. 6. 34 an den neuen Chef des Stabes, Lutze, die Lebensregeln für den deutschen SA=Mann festgelegt. Diese gelten für jeden deutschen Volksgenossen und somit auch für alle deutschen Kolonialwaren=, Feinkost= und Lebensmittel=Einzelhändler. Auch in unseren Reihen muß als durchgehendes Prinzip Gehorsam, Treue und Kameradschaft herrschen: Unbedingter Gehorsam dem Befehl des Führers und Achtung vor den Gesetzen. Tastet den Facharbeiternachwuchs nicht an! Ndz Berlin, 7. Juli. Der Führer der gewerblichen Wirtschaft hatte im Einvernehmen mit dem Präsidenten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung einen Aufruf an die Wirtschaft erlassen, worin der Austausch jugendlicher Arbeitskräfte durch ältere verheiratete Arbeitslose gewünscht worden war. Hierzu hört das Ndz, daß in einzelnen Landesteilen der Aufruf mißverstanden worden sei. Es besteht selbstverständlich weiterhin der Wunsch, jugendliche Arbeitskräfte durch ältere Arbeitslose zu ersetzen. Bei der ganzen Aktion dürfe aber der unentbehrliche Facharbeiternachwuchs nicht angetastet werden. Wir hätten bereits heute auf namhaften Wirtschaftsgebieten einen ausgesprochenen Mangel an Facharbeitern, und es würde daher für die deutsche Qualitätsproduktion schädlich sein, wenn man bei der Austauschaktion von Jugendlichen gegen Aeltere etwa Lehrlinge oder solche jungen Facharbeiter mit austauschen wollte, die gerade die Lehrzeit abgeschlossen haben. Die Heranbildung eines ausreichenden Facharbeiternachwuchses dürfe durch die Austauschaktion keinesfalls gestört weren. Das sei auch in dem ursprünglichen Appell klar zum Ausdruck gekommen, wo die Sicherung eines Facharbeiternachwuchses betont wurde. Es dürfen nicht gute, jüngere Kräfte im Rahmen des Austausches durch ungeeignete andere Kräfte ersetzt werden. Hieraus ergibt sich, daß es sich bei der Auswechselung im allgemeinen um ungelernte Arbeitskräfte handeln werde, die sehr gut vorübergehend in er Landhilfe oder im Arbeitsdienst ihre Pflicht erfüllen könnten. Neuer Bericht der deutschen Himalaja-Expedition. Berlin, 7. Juli. Dem Drahtlosen Dienst ist ein weiterer Bericht von der deutschen Himalaja=Expedition zugegangen. Wie der Leiter der Expedition meldet, versagen die Kurzwellenfunkapparate, die zur Nachrichtenübermittlung von der Spitzengruppe zum Hauptlager dienten, seit dem 25. Juni. Der Meldedienst zwischen den verschiedenen Lagern und die Nachrichtenübermittlung für den deutschen Rundfunknachrichtendienst ist damit sehr erschwert, zumal der Botendienst regelmäßig den schwierigen Gletscherbruch bei Lager 2 zu überwinden hat. Hironimus hat das Hauptlager auf den schneefreien Moränen=Hügel verlegt. Dort blühen in einer Höhe von 3600 Metern jetzt Alpenblumen, darunter auch Edelweiß. Hironimus veranlaßte auch, daß 14 Baltikulis wenigstens bis zum Lager IV, also bis 5800 Meter Höhe, gingen. Dadurch werden die überstark beanspruchten Darjeeling=Träger entlastet. Aschenbrenner und Welzenbach erreichten mit acht Trägern das Lager Vin 6200 Meter Höhe. Das Lager konnte aber wegen dichten Nebels noch nicht endgültig errichtet werden. Sämtliche notwendigen Lasten werden inzwischen nach Lager IV geschafft, dem eigentlichen Standlager für den letzten Angriff auf den Nanga Parbat. Merkel, Welzenbach, Schneider, Bechthol, Müllritter und Captain Frier haben den westlichen Chongra=Peak erstiegen, der 6600 Meter hoch ist. Sie haben dort bei schönem Wetter den Weg zum Ziel einsehen können. Auch Wieland und Captain Sangster haben den Chongra=Peak bereits bezwungen. Die Spitzengruppe ist an der Arbeit, über das Lager V, also über 6200 Meter Höhe hinaus, zu spuren. Alle Teilnehmer sind guten Mutes. Aufdeckung einer Verschwörung in Mexiko. DNB Mexiko, 7. Juli. Das mexikanische Innenministerium machte die aufsehenerregende Mitteilung, daß der bei den Wahlen am Sonntag unterlegene Präsidentschaftskandidat General Villareal einen Aufstand gegen die Regierung vorbereite. Er werde jedoch sorgfältig bewacht, um den Ausbruch des Aufstandes nach Möglichkeit zu verhindern. In die Verschwörung Villareals sollen noch andere führende Politiker verwickelt sein, die z. T. vor kurzem nach den Vereinigten Staaten gereist sind, um dort mit dem früheren General Pablo Gonzalez über den Kauf von Waffen zu verhandeln. Weitere Einzelheiten über den geplanten Aufstand fehlen noch. Freunde Villareals haben den mexikanischen Staatspräsidenten gebeten, Garantien für die Sicherheit des Generals, der sich augenblicklich in Monteren befindet, zu geben. Die mexikanische Polizei hielt auf der internationalen Autostraße Laredo—Mexiko mehrere Lastwagen an, die 30 000 Pistolenpatronen enthielten. Es handelt sich vermutlich um Schmuggelware aus den Vereinigten Staaten. Es wurden mehrere Verhaftungen in diesem Zusammenhang vorgenommen. Die Domfeier in Münster muß ausfollen. Die katholische Pfarrgeistlichkeit Münsters teilt mit; „Die Veranstaltung der für den Vorabend der Großen Prozession am kommenden Montag geplanten Domfeier auf dem freien Platz des Domes ist vom Oberbürgermeister unter Berufung auf die Anordnung der Staatspolizeistelle Recklinghausen vom 28. Juni 1934 verboten worden. Da zu dieser Domfeier das gesamte katholische Münster eingeladen ist, kann diese Versammlung unmöglich in einen geschlossenen Raum verlegt werden. Ebenso kommt auch wegen der Art und Form der Feier eine Durchführung in kleinerem Rahmen nicht in Frage. Im Einvernehmen mit der Bischöflichen Behörde muß darum in diesem Jahre die Domfeier ausfallen. Es wird aber erwartet, daß das gesamte katholische Münster geschlossen an der Großen Prozession teilnimmt, zu der die Domfeier eine Vorbereitung sein sollte, eingedenk der frommen und gläubigen Tradition unserer Väter, die diese Prozession in schwerer Notzeit gelobt haben, um Gottes Segen auf die Stadt, auf Kirche und Vaterland herabzuflehen.“ Die Abstimmung im Saargebiet. Von zuständiger amtlicher Stelle wird mitgeteilt: Der Völkerbundsrat hat die Volksabstimmung im Saargebiet auf Sonntag, den 13. Januar 1935 festgesetzt. Abstimmungsberechtigt ist ohne Unterschied des Geschlechts und der Staatsangehörigkeit jede Person, die am 13. Januar 1935 zwanzig Jahre alt ist und am Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrages, das ist der 28. Juni 1919. im Saargebiet gewohnt hat. Nach dem vom Völkerbundsrat festgesetzten Abstimmungsreglement ist grundsätzlich jede Person abstimmungsberechtigt, die an diesem Tage im Saargebiet ihren gewöhnlichen Wohnort hatte und sich dort mit der Absicht des Verbleibens niedergelassen hatte. Eine bestimmte Anwesenheitszeit wird somit nicht verlangt; auch wer sich erst am Stichtag, dem 28. Juni 1919, im Saargebiet niedergelassen hat, ist abstimmungsberechtigt. Andererseits ist die voruvergehende Abwesenheit vom ständigen Wohnort im Saargebiet ohne Einfluß auf die Stimmberechtigung, vorausgesetzt, daß der Wille bestand, den tatsächlichen Aufenthalt im Saargebiet beizubehalten. Es sind sonach beispielsweise auch abstimmungsberechtigt: a) Personen, die aus einer Gemeinde des Saargebiets zur Erfüllung des Militärdienstes eingezogen, am 28. Juni 1919 aber noch nicht an ihren ständigen Wohnort im Saargebiet zurückgekehrt waren, weil sie noch bei ihrem Truppenteil standen, oder sich in Gefangenschaft befanden oder infolge Verwundung oder Krankheit noch nicht in das Saargebiet zurückkehren konnten; b) aktive deutsche Militärpersonen, die vor der Besetzung des Saargebiets bei einem im Saargebiet garnisonierenden Truppenteil standen und bei der Besetzung das Saargebiet verlassen mußten, ihren Wohnsitz daselbst aber bis 28. Juni 1919 noch nicht aufgegeben hatten. In Betracht kommen Offiziere, Militärbeamte, Unteroffiziere und Kapitulanten, nicht aber die lediglich zur Erfüllung ihrer Militärdienstpflicht Eingezogenen; c) Personen, die sich über den 28. Juni 1919 zu Besuchs=, Studien= oder Ausbildungszwecken außerhalb ihres im Saargebiet gelegenen ständigen Wohnorts aufgehalten haben, selbst wenn sie am 28. Juni 1919 im Saargebiet polizeilich nicht gemeldet waren; d) Personen, die über den 28. Juni 1919 vorübergehend außerhalb ihres ständigen Wohnorts im Abstimmungsgebiet eine Dienst= oder Arbeitstätigkeit ausgeübt haben; e) Personen, die am 28. Juni 1919 von ihrem ständigen Wohnsitz im Saargebiet verreist waren und sich polizeilich abgemeldet hatten, um z. B. während der Reise am Aufenthaltsort Brotkarten zu erhalten; f) Personen, die am 28. Juni 1919 zwangsweise, z. B. durch ihren ständigen Wohnort im Saargebiet ferngehalten worden sind oder die aus dem Saargebiet geflüchtet und bis 28. Juni 1919 nicht zurückgekehrt waren. Der Aufenthalt von Minderjährigen und Entmündigten am 28. Juni 1919 bestimmt sich nach dem Aufenthalt der Personen, die die väterliche Gewalt oder die Vormundschaft über sie ausübten. Der Aufenthalt der Eltern oder des Vormunds hat aber dann keine entscheidende Bedeutung, wenn ein Minderjähriger, der zu dieser Zeit getrennt von seinen Eltern oder seinem. Vormund wohnte, selbst für seinen Unterhalt sorgte. Eine am 28. Juni 1919 im Saargebiet beschäftigte Minderjährige, die dort ihren Unterhalt als Hausgehilfin selbst verdiente, ist also abstimmungsberechtigt, auch wenn ihre Eltern damals nicht im Saargebiet wohnten.— Die verheiratete Frau teilt den Aufenthalt ihres Ehegatten, sofern die Ehe vor dem 28. Juni 1919 geschlossen war. An alle im Reich außerhalb des Saargebiets wohnhaften Personen, die auf Grund der vorstehenden Richtlinien die Verleihung der Abstimmungsberechtigung beanspruchen können und sich bisher noch nicht gemeldet haben, ergeht die Aufforderung, sich umgehend bei der Saarmeldestelle ihres jetzigen Wohnorts(beim Einwohnermeldeamt, in den Städten beim zuständigen Polizeirevier) zu melden. Soweit möglich, sind Nachweise über den Wohnsitz am 28. Juni 1919(An= und Abmeldebescheinigungen, Beschäftigungszeugnisse, Militärpapiere usw.) mitzubringen. Zwei englische Sombenflugzeuge abgestürzt. £ London, 7. Juli. Nachdem bereits am Donnerstag ein britisches Bombenflugzeug bei Uebungen über dem Flugplatz von Northolt avgestürzt und in Brand geraten war, wobei zwei Insassen getötet wurden, ereignete sich am Freitag früh ein neues Unglück. Ein großes Bombenflugzeug neuesten Typs stürzte bei einem Probeflug aus noch unbekannter Ursache in der Nähe des Flugplatzes Heyford aus ziemlich großer Höhe ab. Einer der Insassen fand den Tod, während die anderen vier Mitglieder der Besatzung mit leichteren Verletzungen davon kamen. 57 russische Arbeiter wegen judenfeindlicher Ausschreitungen vor Gericht. :: Reval, 6. Juli. Wie aus Moskau gemeldet wird, beginnt am Sonnabend ein Prozeß gegen 57 Arbeiter, die früher in dem Werk„Bolschewik“ beschäftigt waren. Die Anklage behauptet, daß die 57 Angeklagten jüdische und kommunistische Werksangehörige terrorisiert und verprügelt hätten. Einige jüdische Arbeiter haben wegen dieser Ausschreitungen das Werk verlassen. Nach sowjetrussischem Recht steht auf das den Angeklagten vorgeworfene Verbrechen die Todesstrafe. Wetterbericht. X Essen, 7. Juli.(Eig. Drahtb.) Vorhersage für Sonntag. Noch Fortbestand des Schönwetters, sehr warm, dunstig oder strichweise leichter Bodennebel. Wahrscheinliche Weiterentwicklung: Wetterlage unverändert. Aus Westdeutschland. Auiorität des Lehrers muß geschützt werden. pn Lüdenscheid, 7. Juli. Leider kommt es sehr oft vor, daß Eltern in dem Lehrer einen Prügelknaben sehen, an dem sie ihr Mütchen kühlen wollen. Den Kindern wird oft mehr geglaubt, als dem Lehrer, der für die Untugend des Kindes oft genug büßen soll. So ein Fall kam jüngst auch in einer hiesigen Schule vor. Die Tochter des Joh. Pf. war vom Lehrer gemaßregelt worden, die sollte am nächsten Tage nach Schulschluß eine Stunde nachsitzen. Das Kind hatte nun nichts eiligeres zu tun, als nach Hause zu laufen, um den Vater von dieser Sache in Kenntnis zu setzen. Anstatt sich nun in aller Ruhe vom Lehrer Aufklärung zu holen, weshalb diese Bestrafung erfolgt ist, stürmte Pf., mit einem Stock bewaffnet, zum Schulhaus, um den Lehrer zur Rede zu stellen. Der Lehrer, auch nicht gerade temperamentlos, ersuchte den aufgeregten Vater, das Schulhaus zu verlassen. Doch dieser schlug mit seinem Stock ohne weiteres auf den Lehrerein, der von dem Schlag eine blutende Kopfwunde davontrug. Ein Kollege kam hinzu und hielt den Wütenden von weiteren Schlägen ab. Die Sache hatte gestern vor dem Hagener Schöffengericht ein gerichtliches Nachspiel, das damit endete, daß der Vater des Kindes wegen Hausfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung mit 60 RM. bestraft wurde. In der Urteilsbegründung hieß es, daß die Autorität des Lehrers unter allen Umständen gewahrt werden müsse. Schon den Kindern müsse im heutigen Staat ein starkes Autoritätsgefühl eingeimpft werden. Das Gericht habe sich lange überlegt, ob nicht eine Gefängnisstrafe verhängt werden solle. Man habe aber hiervon nur Abstand genommen, weil der Angeklagte sehr erregt gewesen sei und offenbar in dem Augenblick nicht gewußt habe, was er tue. Tödlicher Unfall. w Neheim, 7. Juli. An dem abschüssigen Totenberg ereignete sich gestern ein bedauerlicher Unfall, dem ein Menschenleben zum Opfer fiel. Der auf einer Radtour begriffene Schuhmachermeister Holtewert aus Metelen kam in der kurvenreichen abschüssigen Straße mit der Pedale einem Baum zu nahe, wodurch er bei der großen Geschwindigkeit, in welcher er den Berg hinabfuhr, gegen einen anderen Baum flog und mit einem schweren Schädelbruch liegen blieb. Aerztliche Hilfe war vergebens, denn kurz nach Eintreffen der Passanten starb der Bedauernswerte bereits. Broßfeuer vernichtet ein Wohnhaus. letzungen davon. Einem Jungen wurde die rechte Hand abgerissen, außerdem trug er noch schwere Verletzungen am Unterleib davon. Ein anderer Junge hatte eine bedenkliche Wunde am linken Oberschenkel, während der dritte Knabe mit leichteren Verletzungen im Gesicht und am Auge davonkam. Spielgefährten der verunglückten Kinder holten sofort in einem nahegelegenen Kloster Hilfe herbei. Ordensschwestern legten die ersten Notverbände an und sorgten für die Ueberführung der verletzten Kinder ins Krankenhaus. Wie sich bei der Untersuchung herausstellte, hatten die Kinder eine amerikanische Eierhandgranate gefunden. Früher befand sich bei Katzenberg ein großer Uebungsplatz der amerikanischen Besatzung. Toller Kassenbote und Kontoristin um 3000 Mark beraubt. Köln, 7. Juli. Ein Kassenbote und eine Kontoristin der Firma Luettringhaus& Co. hatten den Auftrag, am Freitag morgen 3000 Mark in bar von der Sparkasse abzuheben. Als sie auf dem Rückwege um 10,50 Uhr die Straßenkreuzung Hacketäuer= und Von=Sparr=Straße passierten, kamen drei Burschen auf den Kassenboten und die Kontoristin zu und raubten die Aktentasche mit dem Gelde. Die Burschen, die mit einem Personenkraftwagen IZ 43 174 vorgefahren waren und in diesem auch wieder unmittelbar nach der Tat verschwanden, haben den Raub mit vorgehaltenen Revolvern ausgeführt. Der Prozeß gegen Dr. Vollmar. Freispruch wegen erwiesener Anschuld. Bonn, 6. Juli. Unter dem Vorsitz von Landgerichtsdirektor Stürmer verhandelte die Bonner Strafkammer gegen den früheren Beigeordneten der Stadt Solingen, den jetzt in Bonn ansässigen Dr. Vollmar wegen passiver Bestechung. Die Anklage warf Dr. Vollmar vor, im Jahre 1925 in seiner früheren Eigenschaft als Beigeordneter der Stadt Solingen dem Bonner ehemaligen Generaldirektor der Städtischen Werke, Lenze, für dessen Gutachtertätigkeit in den Streitsachen Solingen gegen das RWE. und BWE. eine größere Summe ausgezahlt zu haben als ihm zustand und sich einen Teil dieser Summe als Bestechungsgeld habe persönlich zurückzahlen lassen. Die eingehende Beweisaufnahme lastendes gegen den Angeer Staatsanwalt stellte den Ankonnte aber nichts Be klagten erbringen, und der trag auf Freispruch mangels Beweises. Das Gericht sprach Dr. Vollmar aber wegen erwiesener Unschuld frei. Die gesamten Kosten des Verfahrens fallen der Staatskasse zur Last. Die Koblenzer Saarkundgebung als Staatsakt. :: Koblenz, 7. Juli. Die Vorbereitungen für die am 26. August in Koblenz stattfindende große Saarkundgebung sind in vollem Gange. Die Veranstaltung wird am 25. August mit einem Kongreß aller Vereinsführer des Bundes der Saarvereine und der geladenen Gäste in der Festhalle zu Koblenz eingeleitet. Die große öffentliche Kundgebung findet am 26. August auf dem Ehrenbreitstein statt. Sie wird als Saar=Treuekundgebung offizieller Staatsakt der deutschen Reichsregierung sein. Voraussichtlich wird außer der Reichsreaierung und der Reichsleitung der NSDAP. das gesamte diplomatische Korps sowie die maßgebende ausländische Presse an der Kundgebung beteiligt sein. Die Anmeldungen zu den am 26. August nach Koblenz verkehrenden Sonderzügen, für die allen Volksgenossen eine 75prozentige Fahrpreisermäßigung für Hin= und Rückfahrt gewährt wird, müssen baldmöglichst bei den örtlichen Verkehrsvereinen erfolgen. Neue Talsperre im Westerwald. Neuwied, 7. Juli. Der Bezirksverband Wiesbaden als Tr der Hessen=Nassauischen Ueberlandzentrale GmbH. der Nassauischen Energie=Gesellschaft mbH. lassen am Rehbach, einem Nebenflüßchen der Dill, in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnlinie Westerburg—Herborn eine Talsperre mit etwa 1,2 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen bauen. Die erforderliche Erdbeweguna wird wird mit etwa 200000 cbm angegeben. Ueber 700 Arbeiter sind mit der Herrichtung der Anlage beschäftigt. Die Gesamtkosten dieser Talsperre, die zur Vergrößerung eines Kraftwerkes beitragen soll, beziffert man auf rund 600 000 Mark, wovon 450 000 Mark auf Arbeitslöhne(bei etwa 80 000 Tagewerken) entfallen. Die Ausschachtung soll bis zum Herbst beendet sein. Krefeld baut ein neues Theater. Nur ein Teil der Möbel gerettet. Radevormwald, 6. Juli. Heute morgen gegen 5 Uhr wurde die Feuerewehr alarmiert und nach Stoote gerufen. Dort brannte das von zwei Mietern bewohnte Haus des E. Busch. Es konnte nur ein kleiner Teil des Mobiliars gerettet werden, da das Feuer schnell in alle Wohnräume und in den Keller drang. Die Feuerwehr konnte daher wenig ausrichten.— Die Ursache des Feuers ist noch unbekannt. Lieferwagen fährt gegen Personenzug. Horrem, 7. Juli. In der Nähe des Bahnhofs Horrem rannte ein Lieferwagen aus Jülich an einem Privatbahnübergang der Eisenbahn=Nebenstrecke Horrem—Liblar gegen einen aus Richtung Liblar kommenden Personenzug. Der Lieferwagen wurde etwa 50 Meter weit mitgeschleift und vollkommen zertrümmert. Der Führer namens Heinrich Pelzer aus Jülich trug so schwere Verletzungen davon, daß er auf dem Wege zum Krankenhaus starb. Der Beifahrer, der ebenfalls aus Jülich stammte, kam wie durch ein Wunder mit leichteren Verletzungen davon. Der Lokomotivführer des Zuges hatte vergeblich versucht, noch im letzten Augenblick den Zug zum Halten zu bringen, doch war das Unglück nicht mehr zu vermeiden. Der Bahnübergang, an dem sich das Unglück zutrug, liegt innerhalb des Geländes einer Horremer Firma. Wenn in der heutigen Zeit eine Stadt den Plan faßt, ein neues Stadttheater zu erbauen, dann verdient dieser Mut Bewunderung, diese Förderung kultureller Belange auf weiteste Sicht allgemeine Anerkennung. Krefeld ist schon dabei, bei Uerdingen eine Rheinbrücke zu erbauen, die demnächst den kürz sten Weg vom Niederrhein und von Holland ins Industriegebiet darbieten wird. Diese Brücke hat ihre Geschichte; es gab eine Zeit, da man in Krefeld von ihr nicht sprechen durfte, da die Stadtverwaltung Pläne wälzte, aber der Presse dringend ans Herz gelegt war, nichts darüber zu schreiben. Damals beherrschte die Angst vor den Nachbarn das Feld. Wenn in schwerster Zeit der Gedanke Tat wurde, dann spricht das für die, die die Sache anders auffaßten und die sie anfaßten, nachdem sie die Nützlichkeit dieser Brücke erkannt hatten. Wenn die Seidenstadt nun auch noch zu gleicher Zeit den Bau eines neuen Stadttheaters in Angriff nimmt, dann darf man auch draußen, abgesehen n, daß ein Stadttheaterneubau immer über das Weichbild einer Stadt hinaus Interesse hat, dieser in mannigfacher Hinsicht erfreulichen Tatsache schon ein Wort widmen. Umsomehr, da der geplante Theaterneubau schon eine zwanzigjährige Geschichte hinter sich hat. Die ersten Könner sollen mit der architektonischen Ausgestaltung betraut werden. Und in Krefeld streitet man sich jetzt noch um die Platzfrage. Der vor 20 Jahren vorgesehene Platz ist an sich noch genau so vorteilhaft wie damals, aber es ist jetzt eine so hübsche Anlage, daß niemand ihn mehr missen oder mit einem Theater bebaut sehen möchte. Als zweite Stelle schlägt man vor, das weniger verkehrsreiche nördliche Ende des Östwalls als Theaterbauplatz vorzusehen, ein Plan, der aber auch nicht viele Liebhaber finden dürfte. Das dritte Projekt will den Neubau auf Sprödental, einem großen Platz vor der Stadt, errichten. Nach den jetzigen Verhältnissen würde das Theater dann freilich recht abgelegen sein, aber sonst ist die Lage ausgezeichnet. Besonders, wenn man daran denkt, daß hier auf dem Wege zwischen Krefeld und Uerdingen ein neuer Stadtmittelpunkt entstehen könnte und daß ein neues Rathaus, das auch zu den wünschenswerten Notwendigkeiten der Seidengroßstadt gehört, hier evenfalls seinen besten Platz finden würde. Jedenfalls, man darf die neuen Männer, die die großen Probleme der Erfüllung entgegenführen, zu ihrem Vorhaben nur beglückwünschen. Unter der tatkräftigen Leitung des Intendanten Hans Tannert hat das Krefelder Theater in der verflossenen Spielzeit eine günstige Entwicklung genommen. Es wurde bis zum 1. Juli von insgesamt 158051 zahlenden Personen besucht, das sind 31828 mehr als im Jahre zuvor. Ebenso erfreulich ist das finanzielle Ergebnis. Hatte man 1932/33 noch eine Mindereinnahme von 74 283 Mark zu verzeichnen, so erbrachte das abgelaufene Spieljahr eine Mehreinnahme von rund 20000 Mark. Eiserne Hochzeit auf einem In Stölln(Kreis Westhavelland) feierte am Freitag das Altsitzerpaar Görne das seltene Fest der Eisernen Hochzeit. Die Familie sitzt seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts auf ihrem Erbhof. Unser Bild zeigt drei Generationen bei einem friedlichen Feierabendstündchen im Hofe ihres Anwesens. Auf der Bank der Altsitzer August Görne(92 Jahre alt) mit seiner Frau Karoline, das eiserne Hochzeitspaar, rechts der Sohn und jetzige Erbhofbauer(62 Jahre) und im Fenster der Enkel und Jungbauer(29 Jahre alt). Turnen- Spiel-Sport. Auto und Motorrad stießen zusammen. Ein Toter, ein Schwerverletzter. :: Dinslaken, 7. Juli. Auf der Landstraße Dinslaken—Wesel wurde in der vergangenen Nacht ein Personenkraftwagen, der in Richtung Wesel fuhr, von einem mit zwei Personen besetzten Motorrad, das aus einer Querstraße kam, angefahren. Der Anprall war so heftig, daß Fahrer und Beifahrer des Motorrades in hohem Bogen auf die Straße geschleudert wurden. Der Fahrer, der 32 Jahre alte Joseph Sauerborn aus Gelsenkirchen, war sofort tot. Der Beifahrer, der aus Horst=Emscher stammt, wurde schwer verletzt. Er fand Aufnahme im Krankenhaus. Der Fahrer des Personenkraftwagens kam mit leichteren Kopfverletzungen davon. Schiffsbrand im Ruhrorter Hafen. Duisburg=Hamborn, 7. Juli. Während der Ausführung von Schweißarbeiten ereignete sich am Donnerstag vormittag auf einem im Ruhrorter Hafen vor Anker liegenden Rheinkahn aus Konstanz durch Funkenflug ein Brand, der auf die Wohn= und Vorratsräume übergriff. An den lagernden Vorräten fand das Feuer reiche Nahrung. Da die Schiffsbesatzung des Feuers nicht Herr werden konnte, wurde die Duisburger Berufsfeuerwehr alarmiert, die mit Rauchmasken gegen den Brandherd vorging und das Feuer nach angestrengter Löscharbeit eindämmte. Die Höhe des Schadens steht noch nicht fest. Münzverbrecher festgenommen. Duisburg=Hamborn, 7. Juli. Die hiesige Kriminalpolizei hat eine Falschmünzerbande unschädlich gemacht, die seit längerer Zeit nicht nur Duisburg=Hamborn, sondern fast sämtliche Orte am Niederrhein bis nach Emmerich mit falschen Funfmarkstücken beglückt hatte. Da die Falschstücke in Klang und Aussehen kaum von den echten zu unterscheiden waren(nur das Gewicht war etwas geringer), konnten die Betrüger große Mengen absetzen. Die Werkstatt befand sich in Duisburg, wo die drei Hauptschuldigen ertappt wurden. Dadurch kam man auf die Spur von drei weitern Personen, die als Helfershelfer beim Vertrieb tätig waren. Einer der Festgenommenen hatte noch eine Rolle mit 30 falschen Fünfmarkstücken bei sich, die er nach Emmerich bringen wollte. Mit den sechs bisher Festgenommenen dürften noch nicht alle Beteiligten erfaßt sein. Dortmunder Sommer=Meeting Kartellrennen der Dreijährigen. Totalisator gibt es insofern eine Neuerung, als jetzt auch Sieg=Doppelwetten über 5 Mk. getätigt werden können. Drei Kinder durch eine Handgranatenexplosion verletzt. :: Mayen, 7. Juli. Im Distrikt Katzenberg fanden drei spielende Knaben im Gebüsch einer Gegenstand, den sie nach Jungenart mehrfach auf einen Stein warfen. Plötzlich gab es eine heftige Explosion und alle drei Knaben trugen durch umherfliegende Sprengstücke zum Teil erhebliche VerDortmund, 7. Juli. Die Dortmunder Rennen am Sonntag erreichen ihren Höhepunkt mit der Entscheidung des Kartell=Rennens der Dreijährigen über Derbydistanz und bringen weiter als größeres Ereignis das als Ausgleich II ausgeschriebene Wittekind=Rennen. Die Anhänger des Hindernissports müssen diesmal ihre Ansprüche etwas zurückstellen, denn am ersten Tag des Juli=Meetings findet nur ein Rennen zwischen den Flaggen statt. Am Im Kurfürsten=Rennen über 1000 m gehen sieglose Zweijährige an den Start. Die besten Gesamtformen haben Grimbart und Strachur, die auch das Ende unter sich ausmachen sollten. Eine Ueberraschung irgendeines Debutanten ist natürlich nicht ausgeschlossen. Im Birkenbaum=Nennen über 1600 m wird man Löffelmann, der am Sonntag in Mülheim leicht gewann, wieder eine erste Chance einräumen müssen, zumal Renvers am Kartellrennnen teilnehmen wird. Der alte Hagestolz läuft auf seiner besten Distanz und ist neben dem höchstgewichteten Prasser, sowie Sonnenzeit, Manifesto und Schwertknauf mit vorne zu erwarten. Das Markgrafen=Rennen über 1400 m ist dreijährigen Maiden vorbehalten. Ein gutes Rennen lief am Sonntag Helmwiege, die diesmal eine reelle Chance hat. Etwas Form haben ferner noch Alarad, Hecht und Kolbenhirsch, der schon lange hinter einem Siege herläuft. Das Kartellrennen der Dreijährigen über 2400 m hat eine quantitativ schwache Besetzung gefunden, jedoch läßt die Qualität nichts zu wünschen übrig. Voraussichtlich werden sich sechs Pserde dem Starter stellen. Westdeutschland stützt sich auf keine Geringeren als Famasino, Agnat und Renvers. Alle drei haben im Laufe der Saison ihre große Klasse unter Beweis gestellt und zahlreiche Rennen gewonnen. Agnat wird es aber unter Höchstgewicht allein schon gegen Famasino schwer haben, geschweige denn gegen Rasputin, der im Henckel=Rennen hinter Pelopidas den zweiten Platz belegte. Wir glauben, daß das im Vorjahr von Gregorovius gewonnene Rennen Grandseigneurs Stallgefährte Rasputin etwa gegen Famasino und Renvers an sich bringen wird. Im Wittekind=Rennen über 1400 m nehmen Vertreter des Derby=Jahrgangs den Kampf mit älteren Pferden auf. Markheld wurde im Tribünen=Preis guter Zweiter zu Hamlet und müßte nach dieser Form stark für den Ausgang in Frage kommen. Für Winkelried könnten 1400 m schon etwas zu weit werden, desgleichen für Wappenschild, dagegen muß mit Voltaire 2 und Morgengabe ernstlich gerechnet werden. Ueberraschen könnte Bacchantin. Das Landgrafen=Jagdrennen über 3000 m sollte sich zwischen Die Heide, Leithirsch, Oh yes, Stilet, Eremit und Polka abspielen. Im Freistuhl=Rennen über 1200 m könnte es für den von Hause aus schnellen Milotti reichen, der Menne und Amethyst auf die Plätze verweisen sollte. Unsere Voraussagen. 1. R.: Grimbart— Strachur. 2. R.: Löffelmann— Sonnenzeit. 3. R.: Alarad— Helmwiege. 4. R.: Rasputin— Famasino. 5. R.: Markheld— Morgengabe. 6. R.: Oh yes— Die Heide. 7. R.: Milotti— Amethyst. Die Deutschen Kampfspiele in Nürnberg. Im Rahmen der Deutschen Kampfspiele in Nürnberg gelangen nicht nur die deutschen Meisterschaften der verschiedensten Sportarten, wie Leichtathletik, Schwimmen, Boxen, Schwerathletik, Radfahren Fechten usw. zum Austrag, sondern darüber hinaus sind noch verschiedene andere Kämpfe vorgesehen. So werden unter anderem ein Frauen=Hockeyspiel Nord=Süd und ein Frauenhandballspiel einer deutschen Nationalelf gegen eine Nürnberg=Fürter Städtemannschaft zum Austrag kommen. Auch die Vorführungen, ausgeführt von der Marineschule Flensburg=Nürvik, von der Badischen Landespolizei und den Studenten und Studentinnen der Deutschen Hochschule für Leibesübungen bilden einen weiteren Bestandteil des Programms. Der Eröffnungstag, Dienstag, 24. Juli, an dem an Sportereignissen das Endspiel um die GauHandball=Meisterschaft stattfindet, sieht einen gewaltigen ufmarsch aller Teilnehmer der Kampfspiele und der offiziellen Abordnungen sämtlicher Leibesübungen treibenden Verbände und Vereine vor. An diesem Tage wird auch die Deutschland=Riege der DT. ihre unter großem Beifall in Budapest gezeigte Weltmeisterkür vorführen. Der starken Beteiligung wegen werden einige Kampfspielwettbewerbe bereits am 21., 22. und 23. Juli durchgeführt. So kommt u. a. bereits am Montag, 23. Juli die Vorentscheidung der Gau=Handballmeisterschaft zur Entscheidung. Hierfür haben sich in den Vor= und Zwischenrundenspielen die Gaumeisterschaften von Sachsen, Mitte, Nordmark und Baden qualifiziert. Die unterlegenen Mannschaften der Vorschlußrunde bestreiten am Dienstag. 24. Juli vormittags das Spiel um den dritten Platz, während die beiden siegreichen Mannschaften im Rahmen der Eröffnungsfeier um den Titel kämpfen. Amerikanische Leichtathleten in Deutschland. Am 14. Juli trifft in Bremen die vom Deutschen Leichtathletik=Verband verpflichtete amerikanische Leichtathletikmannschaft ein, die zunächst am 15. Juli in Hamburg und am 17. Juli in Köln an den Start geht, weiterhin am 18. Juli in Düsseldorf und am 22. Juli in Frankfurt a. M. Diese Amerikaner=Sportfeste gelten als Lehrveranstaltungen zur Unterstützung unserer Olympia=Vorbereitung. Die amerikanische Mannschaft setzt sich aus Draper, Fuqua, Brown, Venzke, Lyman und Mc Cluskey zusammen. Für Düsseldorf und Frankfurt wurden vom Deutschen Leichtathletik=Verband zwecks sportlicher Fortbildung folgende Aktive ausgewählt bezw. eingeladen: 100 und 200 m: Heithoff, Hendrix, Küsters, Haffmanns, Volmert, Steffens, Westerhoff, Buthe=Pieper, Voß=Elberfeld.— 400 m: Helmle, Metzner. Bergmann, Nottbrock. — 800 m: Dessecker, Mertens, Müller=Leipzig, RühleStuttgart.— 1500 m: Paul, Vach, Schaumburg, Göhrt.— Hochsprung: Bornhöfft, Weinkötz. Endres=Würzburg, Böwing. Stechemeiier— Weitsprung: Bäumle, Long, Rasky— Kugelstoßen: Woelke, Cramer, Berg, Schneider, Gugel.— Diskuswurf: Meier=Hannover, Debus und Frochte=Duisburg, Würfelsdobler=München. Arthur Jonath startet wieder. Der frühere deutsche Sprintermeister und Dritter bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, Arthur Jonath, wird am Sonntag wieder für seinen alten Verein TuS Bochum bei den westfälischen Gaumeisterschaften in der 4X100=m=Staffel laufen. Glanzleistungen im Marathonlauf in Helsingfors. Helsingfors, 6. Juli. Aus Helsingfors kommt die Meldung von einer neuen Glanzleistung eines finnischen Läufers. Im Marathonlaufen benötigte Suoknuutti die bisher in der Welt hei weitem noch nicht erreichte Zeit von 2:28,17,9, was einen neuen inoffiziellen Weltrekord bedeutet. Eine Anerkennung kommt bei der Verschiedenartigkeit der Strecke bei dieser großen Prüfung nicht in Betracht. Auch im 2000=m=Lauf warteten die Finnen mit guten Leistungen auf. Höckert siegte in 5:25,1 vor Mattalainen 5:25,6 und Lethinen in der gleichen Zeit. Bei dem gleichen Sportfest warf Matti Järvinen diesmal den Speer „nur“ 72,61 m weit. Radrennen in Breslau. Lohmann schwer gestürzt. Breslau, 7. Juli. Bei regendrohendem Wetter hatten sich am Freitag nur knapp 3000 Zuschauer zu den Abendrennen in Breslau=Grüneiche eingefunden. Beim einleitenden 25=kmDauerrennen tat der Bochumer Lohmann einen gefährlichen Sturz, bei dem er einen Schlüsselbeinbruch und schwere Hautabschürfungen erlitt. Die Verletzungen machten seine sofortige Ueberführung in ein Krankenhaus erforderlich. Das Rennen wurde 12 Runden vor Schluß abgebrochen. Sieger blieb der Breslauer Preuß in 18:46,2 vor Lohmann 20 m zurück, Schindler 80 m, Müller 95 m, Prieto 200 m und Möller 700 m zurück. von 16000 Mk. Münster, 6. Juli. Am Freitag vormittag begann der Prozeß gegen den rüheren Leister der Rechnungseinzugstellen für die Aerzte, Theodor Sch. Der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Bergmann, entwarf zunächst in kurzen Zügen ein Bild von der Vorgeschichte des Prozesses. Sch. hatte in Münster etwa in den Jahren 1926/27 die sogenannte Verrechnungsstelle Westfalen aufgezogen und zu einer Organisation ausgebaut, die etwa 300 Mitglieder umfaßte. Sein Gehalt von 500 Mark monatlich reichte nicht aus, weil er gewisse kostspielige Neigungen hatte. Ein anspruchsvolles Verhältnis endete mit einem Krach. Sie legte dem damaligen Leiter der Verrechnungsstelle Westfalen, Sanitätsrat B., ein offenes Geständnis über das Leben und Treiben des Sch. av. Jetzt sank sein Stern sehr schnell; als er schließlich seine Stelle wanken sah, knüpfte er Verbindungen zu einem Kreis Aerzte an, die eine neue Einzugstelle für Aerzte gründen wollten. Schließlich wurde Sch. aus seiner guten Stellung entlassen und in einem Strafprozeß wegen der Verfehlungen bei der Verrechnungskasse zu einer Geldstrafe von 500 Mark, ersatzweise 50 Tagen Gefängnis, verurteilt.— Ehe aber der große Strafprozeß gegen ihn zu Ende geführt wurde, befand sich Sch. bereits in der neuen Stelle bei der ins Leben gerufenen Buchführungsstelle für ärztliche Berufe. Unstimmigkeiten in der Buchführung machten den damaligen dritten Vorsitzenden stutzig und endlich kam es zu einem offenen Bruch. Bei einer neuerlichen Nachprüfung ergab sich, daß Sch. sein Monatsgehalt heimlich um 15 Mark erhöht hatte, jedoch offen in den Büchern verbuchte. Außerdem bestellte er sich einen Anzugstoff und einen Koffer, die er mit Geldern der Buchungsstelle bezahlte oder mit deren Forderungen an die Kaufleute verrechnete. Er bezahlte aus der Kasse ferner die Prämien seiner Lebensversicherung und entnahm ihr die hohen Kosten der Verteidigung in seinem Strafprozeß. Außerdem genehmigte er sich selbst Vorschüsse und ließ seine Lichtrechnung von der Vereinigung bezahlen. Er verkaufte sogar ein Radio und belastete den Käufer mit der Verkaufssumme, die er aus der Kasse entnahm. Die Buchungsstelle schloß mit einem Defizit von 40000 Mark ab. Die Entstehung dieses Fehlbetrages hat nicht geklärt werden können. Bezeichnender Weise entdeckte Dr. B., der dritte Vorsitzende der Buchungsstelle in einer Bilanz einen„Rechenfehler“ von 16 000 Mark.— Der Angeklagte erklärte sich zu den einzelnen Anklagepunkten dahin, daß er die entnommenen Beträge gegen Guthaben aufrechnen könne, die er der Kasse der Buchungsstelle vorgeschossen habe, damit die Kasse zahlen könne. Dem traten die Zeugen Dr. B., jetzt in Bochum, und Dr. St. energisch entgegen. Sie straften durch ihre Aussagen unter Eid die Angaben des Angeklagten in den wesentlichen Punkten Lügen. Der Angeklagte blieb trotz der Vorhalte bei seiner Behauptung, zu allen Entnahmen die Genehmigung oder das Recht gehabt zu haben. Der Angeklagte wurde vom Gericht in fast allen Punkten für überführt und schuldig befunden. Im Falle der Buchungen konnte Untreue nicht nachgewiesen werden. Da der Angeklagte bereits einschlägig vorbestraft ist, wurde gegen ihn eine Gefängnisstrafe von ½ Jahr verhängt. * □ Münster, 7. Juli. Schwurgericht. Im Monat Juli wird wiederum das Schwurgericht zu einer kurzen Sitzung zusammentreten. Es handelt sich um einen Straffall aus Harsewinkel, der zur Verhandlung kommen soll. Beschuldigt ist Bernhard Lakebrink aus Harsewinkel des versuchten Totschlages. Die Verhandlung ist auf den 23. Juli gelegt worden. X Beckum, 7. Juli. Ein rücksichtsloser Autofahrer. Der 12jährige Heinz H., der Sohn des verstorbenen Maschinenbauers A. Hentrup aus Recklinghausen, wurde von einem Kraftwagen angefahren und schwer verletzt. In bedenklichem Zustand wurde er in das Krankenhaus eingeliefert. Der Fahrer fuhr, ohne sich um das Opfer zu kümmern, in schleuniger Fahrt rücksichtslos davon. Hoffentlich gelingt es den Nachforschungen der Polizei, diesen sauberen Autofahrer ausfindig zu machen. Ahlen, 7. Juli. Wegen Beleidigung des Reichskanzlers inhaftiert. Der Händler St. wurde wegen Beleidigung des Reichskanzlers und der Reichsregierung in Haft genommen und dem hiesigen Amtsgerichtsgefängnis zugeführt, wo er seiner Verurteilung entgegensieht und in Ruhe über seine schamlose Handlung nachdenken kann. A Gronau, 7. Juli. Gronau erhält den zweiten Thingplatz des Regierungsbezirks. Im Regierungsbezirk Münster sollen, wie wir bereits nach Darlegungen des Gaupropagandaleiters mitteilten, zwei offizielle Thingplätze errichtet werden. Allerdings ist man sich trotz mehrmaliger Besichtigungen über die Wahl des Geländes noch nicht schlüssig geworden. Der Thingplatz wird nicht auf dem anfangs vorgesehenen Gelände des Gutes„Eichenhof“ an der Enscheder Straße gebaut werden Bei einer dieser Tage stattgefundenen Besichtigung einer Kommission war man der Meinung, daß sich das„Eichenhof“Gelände weniger für die Anlage eines Thingplatzes eignet. Man ist auf der Suche nach einem anderen zweckmäßigeren Gelände. A Gronau, 7. Juli. Neuer Stadtsparkassendirektor. Von 68 Bewerbern, die sich für den Posten des Direktors der hiesigen Städtischen Sparkasse gemeldet hatten, wählte die Stadtverwaltung den zweiten Beamten der Sadtsparkasse in Meinerzhagen, Walter Schlöter, der über eine 14jährige Sparkassenpraxis verfügt. Die Wahl dieses im 36. Lebensjahre stehenden verheirateten Beamten ist jetzt vom Regierungspräsidenten in Münster bestätigt worden. + Nordhorn, 7. Juli. Nordhorn warnt vor Zuzug. Durch die Presse und durch Plakate wird die Bevölkerung unserer Stadt ersucht, ihrerseits alles zu tun, um einen weiteren Zuzug von Nordhorn fernzuhalten. Durch mancherlei Ursachen hervorgerufen, haben wir eine Bevölkerungszunahme zu verzeichnen gehabt, die einfach nicht unterzubringen ist. Auf dem Wohnungsmarkt herrschen infolgedessen trotz aller umfassenden Gegenmaßnahmen Zustände, die geradezu erschreckend sind. Dazu kommt noch, daß auch die wirtschaftliche Existenz in Nordhorn keineswegs für Zuzügler gesichert ist. So lange also nicht mindestens der Wohnungsmarkt in Nordhorn gründlich entlastet und von vornherein eine wirtschaftliche Grundlage gegeben ist. wolle man die Mahnung der Stadtverwaltung beherzigen und jeden vor dem Zuzug nach hier dringend warnen. Münsterischer Marktbericht. X Münster, 7. Juli. Der Wochenendmarkt war reich beschickt und gut besucht. Der Hauptverkehr wickelte sich infolge der großen Hitze schon in den Morgenstunden ab. Die Kauflust war äußerst rege. Es kosteten: Landbutter 1,20 und 1,25, Molkereibutter 1,35 und 1,40, Landeier 7½, Enteneier 8 und 8½, Gänseeier 20, solche mit dem Stempel A 9. B 8, C 7½. D 7 und S 10 Pfg Auf dem Gemüsemarkt forderte man für: Blumenkohl 20—40, Zwiebeln 10 und 15, Johanniszwiebeln je Bündchen 10, Mohren 10, Salat 10, Wirsing 10—15, Erbsen 15—25, Rhabarber 7, Bohnen 40 und 45, Wachsbohnen 50, Gurken 15—25, Schlangengurken 35, Stengelrüben 15, Dicke Bohnen 6—8 oder 3 Pfd. 20, Kohlrabi 10, Blaue Kohlrabi 15, Melde 10, Radieschen 5, Rote Beete 15 und Meerrettich 30 Pfg. Der Obstmarkt zeigte folgendes Zahlenbild: Waldbeeren 30, Erdbeeren 35—40, Stachelbeeren 10, 20 und 25, Kirschen 20, 25 und 40, Johannisbeeren 15—20, Tomaten 20—35, Pfirsiche 30—45 und Himbeeren 35 Pfg. ie Pfund. 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Stachelbeeren, Himbeeren, entsteinte Pflaumen, Sauerkirschen, Pfirsiche oder Aprikosen usw.— einzeln oder in beliebiger Mischung— sehr gut zerkleinern und mit 4 Pfd. Zucker zum Kochen bringen. Hierauf 10 Minuten stark durchkochen, dann 1 Normalflasche Opekta zu 86 Ptg. hinzurühren und in Gläser füllen.— Ausführl. Rezepte sowie Etiketten für Ihre Marmeladengläserliegen jederFlasche bei. Trocken-Opekta(Pulverform) wird gerne für kleine Mengen Marmelade, Gelee und für Tortenübergüsse verwendet. Päckchen für 3½ Pfd. Marmelade 45 Pfg., für Tortenüberguß 23 Pfg.— Genaue Rezepte sind aufgedruckt. Achtung! Rundfunk! Sie hören während der Einmachzeit über alle deutschen Sender jede Woche den interessanten Lehrvortrag aus der Opekta-Küche„10 Minuten für die fortschrittliche Hausfrau".— Rezeptdurchgabe! Die genauen Sendezeiten ersehen Sie aus den Rundfunk-Zeitungen. Kann man weniger Zücher nehmen? Bei der Opekta-Kochmethode muß man auf jedes Pfund Frucht auch 1 Pfund Zucker nehmen. Trotz eindringlichster Warnung gibt es immer noch Hausfrauen, welche etwas Zucker„sparen" möchten. Aber das sollte man bei Opekta nicht tun; denn das Weglassen eines Pfündchens Zucker ist kein Gewinn, sondern ein erheblicher Verlust nicht nur an Marmelade, sondern auch an Geld. Nach den Opekta-Rezepten erhält man mit einer Normalflasche Opekta zu 86 Pfennig aus 4 Pfund Früchten+ 4 Pfund Zucker etwa 8 Pfund Marmelade dagegen aus 4 Pfund Früchten+ 3 Pfund Zucker nur etwa S Pfund Marmelade Der Verlust an fertiger Marmelade beträgt also nicht nur 1 Pfund, sondern sogar etwa 2 Pfund. Wie kommt das wohl? Ganz einfach! Wenn man nämlich 1 Pfund Zucker weniger nimmt, muß es ja natürlich auch 1 Pfund Marmelade weniger geben. Ferner muß man dann aber auch 5 bis 10 Minuten länger kochen, damit die Marmelade fest wird, wodurch gut und gerne noch einweiteres halbes Pfund einkocht. Schließlich trocknet die„zuckersparende" Marmelade auch nachher noch besonders stark ein, selbst wenn die Gläser mit Pergament oder Glashaut verschlossen sind. Nach einigen Wochen sind dann Im ganzen kaum noch 6 Pfund Marmelade, vielfach sogar noch weniger, übriggeblieben. Dort, wo man also glaubte, ein Pfund Zucker sparen zu können, hat man in Wirklichkeit zwei Pfund Marmelade weniger. Marmelade aus allen 1 Früchten bereiten Sie Opekta Aus Früchten gewonnen Nummer 27 Sonntag, den 8. Juli 1934 a „Gib s’ nur grad net her, dö Oachn, Vater!“ spannt der Toni mit allem Vorbedacht seinen Vater auf die Folter.„Laß nur net luck(nach) mit dem Prozessieren! Dö Oachn muß her und wenn mir d’ Grenzstoa a bißl zum Walcher nüberrücken müßten.“ „Jetzt red doch amal! Was is’s denn mit der Oachn?“ „Unser Herr Pfarrer hat ein ganz altes Büchl. In dem steht, daß die Schweden bei unserer Oachn einen riesig großen Schatz vergraben haben. Und wer in einer Samstagsnacht auf dö Oachn naufsteigt und bis zum Sonnenaufgang droben sitzen bleibt, der siegt den Schatz... und daß d’ es gleich weißt: in der nächsten Samstagnacht steig ich nauf und bleib droben, bis d’ Sonn hinter der Benediktenwand rausspitzt.“ Die Schwedeneiche Eine unterhaltsame Geschichte von Ranns Erich Kraus Wenn die Menschen gar nicht mehr miteinander zu Rande kommen, dann muß allemal der Herrgott ein bißchen Ordnung schaffen. Manchmal spricht er dann zu solchem Zwecke ein Machtwort, das den Menschen gar schrill in die Ohren gellt; zuweilen aber schlichtet er auch, wenn ihn die arge Unzulänglichkeit und die kindliche Starrköpfigkeit der Menschen selbst belustigt, mit einem unendlich gütigen Vaterschmunzeln. So tat er es mit der Schwedeneiche, die irgendwo in der Flurgemarkung zwischen Polling und Huglfing stand. Diese Eiche hatte eine gewisse Geschichte. Als im Dreißigjährigen Kriege die schwedischen Reiter sengend und brennend im Lande herumzogen, fielen ihnen auch die beiden Bauernhöfe„Zum Walcher“ und„Zum Zach“ als Opfer anheim. Wie die Plünderer aber dann abgezogen waren, kamen aus dem Dickicht der umliegenden Wälder auch der Walcher und der Zach wieder zum Vorschein. Sie standen an der Grenze ihrer Besitztümer beisammen und stellten betrübt fest, daß dem einen von der Habe nur mehr ein am Feldrain vergessener Pflug geblieben war, dem anderen ein Paar ausgehungerte Ochsen, die er vor den Mordbrennern noch schnell hatte wegtreiben können. Da waren die beiden Bauern überein gekommen, daß sie einander helfen wollten, die Acker gemeinsam zu bestellen; zuerst mit Pflug und Ochsen die Ackerschollen des einen, dann die des anderen auszubrechen. So geschah’s! Und als die Äcker bestellt, der Same gestreut und aufgegangen war, haben der Walcher und der Zach genau auf die Grenze eine Eiche gepflanzt als sichtbaren Ausdruck der Notverbundenheit. Diese Notverbundenheit hat durch drei Jahrhünderte gehalten. Hat gehalten, bis die neue Notzeit nach dem großen Kriege alle Werte umformte und gar mancher Bauer dem Geldteufel verfiel. In dieser Zeit der Milliarden- und Billionenzahlen stellte der Walcher fest, daß die dreihundertjährige Eiche einen hübschen Batzen Geld wert sein müsse; jedenfalls viel genug, um einen seiner Waschkörbe voll Papiergeld vollends zu füllen. So stand er eines Morgens mit einer der vielen Hyänen, die damals im Lande herumliefen und sich vom deutschen Volkskörper nährten, an der Eiche, forderte eine unsinnig hohe Summe für sie und erhielt sie auch ohne Bedenken zugesagt. Durch den endgültigen Kauf aber hat der Zach dann einen dicken Strich gemacht. Die Eiche stünde genau auf der Grenze und sie gehöre ihm so gut, wie dem Walcher, sagte er. Davon hat dieser natürlich nichts wissen wollen. Er begann daher einen Prozeß, der sich bei der Kapitalkräftigkeit der beiden Gegner manches Jahr hinzog; er war auch noch nicht abgeschlossen, als in deutschen Landen der Milliardentraum lange schon einer taghellen Ernüchterung gewichen war. In den Gemeinden Folling und Huglfing hat man über die beiden Bauern nicht schlecht gelacht. Es war aber auch zum Lachen. Jahr um Jahr trugen sie ihr gutes Geld zu Rechtsanwälten, Gerichten und Winkeladvokaten, stritten um den alleinigen Besitz der Eiche, während doch der Geometer längst festgestellt hatte, daß die Grenzlinie mitten durch den Eichenstamm verliefe. Da hat es der Herrgott nimmer mit ansehen können, wie sich die beiden gegenseitig ruinierten. Und hat ein feines Fädchen gesponnen, dessen eines Ende die Walcher Evi in den Händen hatte, während drüben beim Zach das andere fest in den Fäusten des 25jährigen Toni ruhte. Weil aber die zwei jungen Menschen vor den Augen der Väter nicht zusammenkommen durften, darum trafen sie sich ganz selbstverständlich an der Schwedeneiche, um die die zwei Bauern in einem weiten Bogen herumgingen. „Grad ein Mittel wenn ich wüßt’, daß ich dö zwei amal an der Oachen(Eiche) z’sammbringet! seufzte der Toni an einem lauen Frühlingsabend, als er seine Evi wieder einmal an der Eiche traf. „Grad einfallen sollt’ mir was... weißt d’: so eine ganze Nacht sollten s’ da droben bei einander sitzen müssen wie d’ Bruathenna(brütende Hennen) und keiner sollt’ runterkönnen... du Ev, ich glaub, die zwei wereten(würden) doch amal handelseins wegen dem Malefizbaum, dem einschichtigen.“ „Dö bringst d’ net her, Toni!“ echote die Walcher Evi zurück.„Dö ham Köpf auf so dick, als wia d’ Runkelruam(Feldrüben)“. Einmal aber hatte der Toni doch einen guten Gedanken. Und noch am gleichen Abend wurde unter der Schwedeneiche das Komplott geschmiedet, so schön, wie es sich die beiden dickköpfigen Streithähne nicht besser wünschen konnten. An diesem Abend nahm der Toni bei der abendlichen Fütterung im Stalle geheimnisvoll seinen Vater beiseite und sagte ihm folgendes: „A Schatz sagst d’? Und ein riesig großer a no? Der muß her, Toni, und wenn ich da droben sitzen bleiben müßt, bis mir Schwammerl an d’ Zehen wachsen.“ Damit war beim Zach die Sache im Lot. Um die gleiche Stunde und ebenfalls im Stalle fand beim Walcher drüben auch eine bedeutsame Unterredung statt. Da pirschte sich die Evi an ihren Vater heran und sagte zu ihm: „Mir hat heut Nacht was träumt, Vater.“ „Dös werd schon der richtige Traum g’wesen sein... hat dir höchstens von einem Hochzeiter träumt.“ „Na, Vater! Mir hat von unserer Oachn träumt.“ „Wia sagstd’? Von unserer Oachn hat dir träumt? Was hat dir denn nachher träumt von der Oachn?“ fragt der Walcher. „Also nachher: vor a dreihundert Jahr sind bei uns dö Schweden g’wesen. Und wie s’ wieder furt haben müssen, sollen s’ bei unserer Oachen an riesig großen Schatz vergraben haben. Jetzt lach aber net, Vater! Wer in einer Samstagnacht auf dö Oachn naufsteigt und droben bleibt, bis d’ Sonn wieder aufgeht, der siegt den Schatz und kann darnach graben und is ein reicher Mann.“ „Und dös hat dir träumt?“ „Dös hat mir träumt... und i probier’s: ich steig in der Samstagnacht nauf.“ Eine Weile war es zwischen den beiden still. Dann meint der Walcher: zur Seite, um seinen Nachbarn kennen zu lernen. Der aber weicht ihm aus und duckt seinen Kopf hinter den dicken Stamm. Da fährt der Zach flugs andersherum und blickt auf zwei Handbreiten Entfernung seinem Nachbar Walcher ins liebe Angesicht. Gesagt hat keiner etwas; aber ein jeder hat sich so für sich seine Gedanken gemacht. Inzwischen ist es immer schummeriger geworden. Ein steifer Märzenwind kam auf und sang eisig durch das Geäste der Eiche. Da begann der Zach zu frieren. „Mich beutelt’s jetzt schon wia an Buam(Jungen). Dös werd zünftig, wenn ich da dö ganze Nacht heroben bleiben soll“ murrt er los. Auf der anderen Seite des Stammes ist der Walcher nicht weniger giftig. Wenn ihn auch nicht so friert, wie den Zach, so zerbricht er sich doch über allerlei den Kopf. Mittlerweile schleichen von hüben und drüben wiederum zwei dick vermummte Gestalten an die Eiche heran. Die zwei, die da kommen, kann sicherlich nicht frieren; so tief stecken sie in warmen Kleidern. Noch können die beiden Bauern nicht ausmachen, wer die zwei sind, die sich da über die Felder der Eiche nahen. Auf einmal aber wird ihnen trotz der zugigen Märzeskälte brühwarm im Leibe. Die Stimmen da unten am Baum kennen sie doch. „Grüß dich Gott, Evi!“ „Grüß dich Gott, Toni! Da schau her! Da steh’n zwei Leitern... werd doch neamd auf der Oachn sein!“ nsn. „Dös is nix für dich, Evi! Du bleibst dahoam, sag ich! Überhaupts is dös ein richtiger Blödsinn... in der Nacht auf a Oachn naufsteigen, dö auf der Grenz steht... dös heißt man unsern Herrgott versuchen...“ Mit diesem Ausgang der Unterredung war die Walcher Evi nun durchaus nicht zufrieden. Aber es kam der Samstag und es kam auch die Samstagnacht. Als es schon stark schummerig wurde, schlich der Walcher mit einer kleinen Leiter auf dem Rücken auf die Eiche zu. Hastig lehnte er sie an den Baum. Als er die unteren Äste erfassen konnte, schwang er sich behende hinauf und war bald im Astegewirr verschwunden. Grad war er daran, sich für die Nacht ein bißchen häuslich einzurichten, da kam„von drüben“ der Zach angestiegen. Auch mit einer Leiter, die er ebenfalls an den dicken Stamm lehnte. „Was will denn jetzt der Hallodri?“ fragte sich der Walcher.„Und a Leiter hat er auch... ja, wia werd mir denn da? Der steigt ja pfeilgrad a da rauf auf dö Oachn... jetzt wenn doch glei fünfe grad weret(würde)... wenn der noch a bißl weitersteigt, nachher siegt er mich.“ Natürlich stieg auch der Zach hoch hinauf. Wie er dann oben war, hat er gemerkt, daß da schon einer ihm gegenüber sitzt. Er beugt sich also etwas „A was! Wer weiß, wer dö Leitern hat stehn lassen! Geh her: dö schmeiß ich einfach um!“ sagt der Toni und wirft die Leitern vom Stamme weg. „Jetzt werd’s recht!“ denkt sich der Walcher. „Jetzt kann ich gleich überhaupt nimmer nunter von dem Malefizbaum.“ Der Zach aber nimmt sich vor, dem Toni gleich morgen früh ein paar hinter die Ohren zu langen. Wegen der Leiter natürlich! Aber die beiden Bauern fielen noch viel höher aus den Wolken. Da unten am Stamm ging jetzt ein Scharmuzieren los, das zu deutlich bewies, daß sich die lange Feindschaft zwischen den beiden Höfen wirklich nur auf die Alten beschränkte. „Siegstd’, Everl, dö saudumme Oachn hau ich gleich am Tag nach unserer Hochzeit um. Dö gibt allerhand Holz. Da kriegn wir amal a Wiegen und a schöns Kinderbettstadl(Bettstelle) und aus dem stärksten Aust laß ich an wunchtinge Opferstock für d’ Kirchen schnitzen... wenn dei” Vater net a so a„Broatling“ wär’ und mei’ Vater net an solchen Dickschädel aufhätt', nachher wär' dös alles net.“ „Dir gib i glei an„Broatling“!“ rumpelt es dem Walcher heraus. „Hat jetzt da net einer g’redt. Toni?“ fragt die Evi verschmitzt. „A wo! Du hast dich bloß täuscht, Evi! Dös is der Märzenwind, der heut so bacherlwarm geht“, erwidert der Toni scheinheilig.„Friert dich vielleicht?“ „Mi? Na, koan bisserl net, Toni!“ Es wird 10 Uhr und es wird 11 Uhr. Die beiden unten am Stamm aber haben sich immer noch Liebes und Schönes zu sagen, wobei ab und zu auch einmal für die dickköpfigen Väter auf den Ästen droben etwas abfällt. Gar nicht fertig werden sie. Dem Walcher und dem Zach ist längst klar geworden, daß sie das Opfer eines abgefeimten Komplotts geworden sind, das die beiden da drunten zusammen geschmiedet haben. Sie hätten sich zu gerne aus diesem Schlamassel gezogen, wenn nur die zwei endlich einmal heim gegangen wären. Dann könnten sie sich ohne Zeugen miteinander vereinbaren. Der kalte Märzwind hat dazu den Boden schon gründlich bereitet. Aber die zwei Verliebten gehen einfach nicht. Eine Überlegung besonders gab der Halsstarrigkeit der beiden Bauern den Rest: wenn ein Mensch erführe, daß sie beide die ganze Nacht da auf der Eiche hockten, um einen Schatz zu sehen, dann würde man im Kirchspiel und noch weit darüber hinaus jahrelang lachen. Soweit darf es nicht kommen; lieber nachgeben auf der ganzen Linie. Und so wispert der Zach plötzlich um den Stamm herum: „Wie is’s, Walcher? Machen wir an Fried? Sonst kommen wir zwei heut nacht nimmer von der Oachn runter... da drunten können mir zwei alleweil nix mehr tun, als Ja und Amen zu sagen... dös siegst d’ schon selber.“ „Tu dei“ Hand her, Zach! Mir is’s recht! Ich hab dö G’schicht mit der Oachn so schon lang gnua.“ Und so finden sich nach langer Feindschaft um den Eichenstamm herum zwei derbe Bauernhände, die so wahr, so treu und so ehrlich versprechen und halten können. „Steign mir jetzt nunter?“ fragt der Zach. „Ja, steign mir nunter!“ antwortet der Walcher. „Jetzt kommen s’,“ sagt der Toni.„Jetzt san s’ dasi(nachgiebig) worden.“ Aus den Ästen raschelt es herunter. Aber der Toni und die Evi tun, als hörten sie es nicht. Dabei geben sich die zwei Bauern gar keine Mühe mehr, ihre Anwesenheit auf der Eiche zu verbergen. Schließlich aber sind sie auf den untersten Asten angekommen und brauchen nun die Leitern, wenn sie zu Boden wollen. „Geh, Toni, tu mir mei’ Leiter her!“ schreit der Zach herunter. Da schaut der Toni ganz erstaunt hinauf und sagt: „Ja, Vater, bist denn du auf der Oachn droben? Wia kimmst denn du da nauf?“ „Red net so dumm daher, Ladirl, z’sammenzupfta! Dein Schatz hab ich halt g’suacht und ich hab a oan g’funden— mein Freund, an Walcher... und jetzt schaug, daß d’ mei’ Leiter zu—awabringst!“ „Ja, Vater, bist denn du a da droben?“ fragt die Evi nicht weniger scheinheilig. „Dös siegst d’, Deandl! Ich hab ja den Schatz g’suacht, von dem dir träumt hat, dau Lausdeandl, du ganz abdrahts(abgefeimtes)... tut's no bloß kein’m Menschen was pfeifen, daß mir zwei alten Hallodri dö halbe Nacht da heroben g’hockt sind... am Montag werd dö Malefizoachn g’schlagen und von mir aus könnt’s ös zw a lauter Kinderbettstadl draus machen lassen... und jetzt tu mir mei’ Leiter her, Evi... mich friert wie an Zaunkini im Januar.“ Und, wie der Toni gesagt, so ist es auch geworden. Die Eiche gab eine Menge Holz. Aus dem stärksten Ast wurde von einem Schnitzer ein Opferstock hergestellt. In diesen Opferstock haben der Walcher und der Zach den ganzen Betrag gelegt, der nach Abzug der Bretter für die Wiege und das Bettstadl als Erlös beim Verkauf der Eiche herauskam. Und dieser Erlös war nicht grade klein. 1 In„interessanter“ Gesellschaft. Also, um es kurz zu machen, der„Campidano“ war ein ziemlich verkommenes Stück von einem Frachtdampfer. Hinten am Heck wurde ich von einem Mann mit rauhen Worten in die Tiefe des Schiffsbauches verwiesen, wo ich im flackernden Licht einer von der Decke baumelnden Petroleumlampe zahlreiche eiserne Bettgestelle dreistöckig übereinander in einem übelriechenden Raum erblickte, der das Innere des ganzen Hinterschiffes bildete. Das war der Schlafsaal 3. Klasse. Alles, was es darin gab, war aus Eisen, und überall saß dicker Rost darauf. Außerdem waren noch Matratzen von Sackleinewand und Seegras auf den Lagerstätten, aber man sah eigentlich mehr von dem Seegras als von der Sackleinewand. Weit und breit waren keine Anzeichen von weiteren Passagieren zu bemerken. Ich war über diese Eindrücke gar nicht entsetzt, sondern fand alles sehr interessant und romantisch und richtete mich im Parterre des besterhaltenen Lagergestells bequem ein. Nachher ging ich an Deck, wo mir zwischen allerlei Takelage und Dampfwinden im Halbdunkel plötzlich ein Individium gegen den Bauch lief, das sich als der einzige weitere Passagier und als männlichen Geschlechts entpuppte. Er sah wenig vertrauenerweckend aus und sprach französisch, doch wurde die Verständigung durch absolute Zahnlosigkeit meines Reisegenossen stark behindert, was zu ertragen war, da er ziemlich törichtes Zeug redete und überhaupt oben nicht ganz in Ordnung zu sein schien. Diese Entdeckung war mir höchst unbehaglich, da ich ja immerhin mit dem Kerl allein in einem Raum schlafen mußte. Um Mitternacht lichtete der„Campidano“ die Anker und zog in großem Bogen um den gewaltigen Bergklotz des Monte Pellegrino, zunächst Kurs Südwesten nach dem sizilianischen Hafen Mazzara. Und hier beginnt eigentlich erst die Episode, derentwegen ich das ganze Campidano=Palaver angefangen habe zu erzählen. Seit dem frühen Morgen(den ich, wie auch die Nacht, trotz meinem unheimlichen Reisekumpanen, bärenmäßig fest verschlafen hatte) lagen wir am nächsten Tag auf der Reede von Mazzara. Es war Mittag geworden, und ich wartete schon ungeduldig darauf, daß der Pendelverkehr der Boote zwischen Dampfer und Hafen aufhören würde, als ich plötzlich drüben am Kai eine große Menschenansammlung bemerkte. Gleich darauf lösten sich von jener Stelle mehrere dicht besetzte Motorboote und näherten sich in schneller Fahrt unserem Dampfer. Nach kurzer Zeit konnte man zwischen der dichtgedrängten Besatzung das Blitzen von Polizeiuniformen erkennen, und als die Barkasse sich an die Gangway legte, ging mir ein Licht auf, weshalb der Dolmetscher in Palermo meiner Vagabundengestalt solch einen schrägen Blick und so ein malitiöses Grinsen gewidmet hatte. Was da nämlich jetzt aus den Motorbooten an Bord gestiegen kam, war eine endlose Kette von zerlumpten und finster dreinschauenden Männern, und jeder war mit schweren Handschellen gefesselt und durch eine meterlange Eisenkette mit seinem Vordermann verbunden. Außerdem wimmelte es von Carabinieris mit Militärgewehren und Pistolen. Ich war also zwischen einen richtiggehenden Gefangenentransport geraten, und daß man die Brüder nicht wegen nächtlichen Singens oder meinetwegen Taschendiebstahls abschob, dafür wäre ich in Anbetracht ihrer Gesichter jede Wette eingegangen. Aber es war immerhin eine interessante Gesellschaft. Ueber Tag standen die Gefesselten in kleinen Gruppen an Bord, je zwei von einem Polizisten bewacht. Ich pirschte mit der Kamera verstohlen dazwischen umher, wobei ich mich mit den Wächtern anfreundete und herausbekam, daß das zum Teil Angehörige der Maffia wären, zum Teil politische Mörder, Attentäter und ähnliche Fakultäten. Als ich abends in den Schlafsaal hinabtauchte, war die ganze Bande bereits zu Bett gebracht worden, das heißt, man hatte ihnen eine Hand freigemacht und sie an der anderen mit der Kette an dem Bettpfosten angeschlossen. Das war eine Szenerie, von der ich bisher geglaubt hatte, daß es so etwas nur in Büchern gäbe, und der Deubel soll mich in persona holen, wenn hier auch nur eine Silbe zugedichtet ist. Das ungewisse Licht der Petroleumlampe machte die ganze Sache noch unheimlicher. Die Kerls sahen vermutlich auch im normalen Leben nicht wie Salonlöwen aus. Wie sie aber da unrasiert und ungepflegt auf ihren Matratzen lagen, mit der einen Hand an das Bettgestell geschlossen und die neugierigen starren Blicke auf mich auffälligen Fremdkörper von Zwischendeckspassagier gerichtet,— verdammt nochmal, da war das im ersten Augenblick doch eine gruselige Angelegenheit. Ich machte mir in meiner Parterrewohnung mein Nachtlager zurecht, was von rechts und links und von schräg oben mit großem Interesse beobachtet wurde. Dabei fand ich, daß ich in meiner Vagahundentracht nicht so stillos in dieser Umgebung wirken könne, und meine angeketteten Bettnachbarn schienen diesen Eindruck auch zu haben, denn sie biederten sich mit mir an, soweit das bei meinem Italienisch möglich war, und wir gefielen uns bald gegenseitig ausgezeichnet. Schließlich schlief ich dann ein und verbrachte die Nacht so friedlich, als läge ich in meiner Klause daheim und nicht im Schlafsaal 3. Klasse eines verdreckten italienischen Mittelmeerfrachters inmitten angeketteter Schwerverbrecher und eines absonderlichen Tongemischs von Kettenklirren, Schnarchen und Maschinengestampf. Wie wenig mich die galeerenmäßige Umgebung dieser Nacht im Schlaf gestört hatte, konnte ich zu meinem heftigen Erstaunen am nächsten Morgen feststellen, als ich mich beim Erwachen mutterseelenallein im Schlafsaal vorfand, während die Morgensonne schon ihre Strahlen durch das Bullauge schickte. Der„Campidano“ war im Morgengrauen vor der italienischen Strafinsel Pantelleria angekommen, und da hatte ich doch wahrhaftig den ganzen eisenrasselnden Aufbruch meiner nächtlichen Weggenossen einfach verschlafen!... Jagd auf Eidechsen und Schildkröten. Eine Woche später saß ich bereits in Gabes, jener wunderschönen nordafrikanischen Oase am Strand der kleinen Syrthe. Hier geschah es dann, daß der abenteuernde Freiburger Scholar wieder anfing, Zoologiestudent zu werden, als er nämlich auf einem Spaziergang im Palmenwald überall bunte Eidechsen an den Lehmmauern der Oasengärten huschen sah, und als ihm eines Abends sein neugebackener Boy Mohammed ein richtiggehendes kugeläugiges Chamäleon brachte, mit der Versicherung, er könne noch viel mehr davon besorgen. Ich hatte ja nun eigentlich die Absicht gehabt, nach einer Rundreise durch Südtunesien hinüber ins Nachbarland Algerien zu bummeln und mir dort die Gegend zu beschauen. Jetzt verblaßten aber plötzlich die Pläne vom Umherzigeunern hinter dem wiederaufflackernden, ganz in den Vordergrund tretenden Interesse für die Tierwelt dieses fremdartigen Landes, dessen orientalisch buntes Gepräge und Volksleben meine Aufmerksamkeit bisher allein ausgefüllt hatte. Ich griff mir also am nächsten Morgen in den Straßen des winzigen Oasenstädtchens ein paar herumlungernde Araberbengels, versprach ihnen 5 Sous pro Kreatur und zog mit dieser zerlumpten Gefolgschaft in den An den Bahnstationen dieser Oasenstädtchen pflegen sich für gewöhnlich allerlei halbwüchsige Prophetensöhne umherzutreiben, die ankommenden Fremden das Gepäck tragen wollen, sich als Führer anbieten oder unter verheißungsvollem Geflüster ihre Kenntnis besonders besuchenswerter Oertlichkeiten gegen Bakschisch an den Mann zu bringen suchen. Solche Kerle hatten mir in Gabes und Gafsa bequem und billig zu Quartier verholfen. Ich machte es also auch in Tozeur so und griff gleich beim Aussteigen einen Berberjungen auf, der mich zum billigsten Hotel führen sollte. Aber das wurde diesmal ein schöner Reinfall: In Tozeur gab es nämlich nur 3 sehr feine kleine Hotels, deren Preise dem(sehr spärlichen) amerikanischen Touristenverkehr angemessen waren; also für mich Vagabunden eine ganz hoffnungslose Angelegenheit. Während ich trübselig mit meinen Tierkisten, dem Rucksack und Dei(so hieß mein Führer) auf einer Lehmbank am Rande des Palmenhaines hockte, meinte Dei plötzlich, eben sei ihm noch eine Möglichkeit, mich unterzubringen, eingefallen. Den Vorschlag, den er dann machte, kann man hier gar nicht laut erzählen, zumal ich nämlich auf ihn einging. Aber was, bei allen Geistern der Sahara, blieb mir übrig, wenn ich hier die zoologischen Studien fortsetzen wollte?! Wir gingen also zu jenem bewußten Haus und verhandelten mit Madame, der französischen Wirtin, die mir ein freies Zimmer für 1,50 M pro Tag abgab. Als ich drinnen meine Sachen auspackte, versuchte ich mir einmal vorzustellen, was man zu Haus wohl sagen würde, wenn man eine Ahnung von derartigen EinzelPalmenwald, um die Ergiebigkeit der Jagdgründe zu erkunden. Nach einer Stunde gab es in unseren Schachteln und Leinewandsäckchen eine Menge bunter Eidechsen in drei verschiedenen Arten, eine Schlange und ein paar Sumpfschildkröten. Das schönste aber war, daß ich all diese Tiere, die ich ja zum Teil schon in meinen Terrarien zu Haus gepflegt hatte, nun in ihrer heimatlichen Umgebung belauschen konnte. Ich schrieb daher die ganze Algierreise in den Mond und nistete mich im französischen Gasthof„Regina“ zu Gabes für die nächste Zeit ein, gegen eine Pension von 5 Mark pro Tag. Von jetzt ab saß jeden Morgen auf den Stufen der Herberge mein festbesoldeter Berberboy Mohammed und wartete, daß sein Monsieur ihn ins Zimmer rufe, wo er allerlei Beutel und die Angel mit der Pferdehaarschlinge (für die gedankenschnelle Wüsteneidechse Acantodactylus am Rand der Oase) bereitlegte. Vor= und nachmittags gingen wir nun auf Reptilienjagd. Im Hof meines Gasthofs richtete ich aus leeren Kisten und Drahtgaze Käfige ein, meine Tierfangstation, wie ich das stolz nannte. Bald sprach es sich herum, daß der neue Fremde für Tiere Geld bezahle, und es erschienen abends immer Männer mit Blechbüchsen und Säckchen in der Hand und brachten allerlei Getier angeschleppt. Die Tierfangstation wurde größer und größer und ich hatte eine Riesenfreude daran. Im Chamäleonkäfig beobachtete ich blutige Kämpfe, was ich in Deutschland bei gefangenen nie gesehen hatte; die Eidechsen strahlten in ganz anderen Farben als je unter meiner elektrischen Sonne; halbe Tage verbrachte ich auf der Lauer am binsenbestandenen Wassergraben, wo die Sumpfschildkröten bisweilen jagten,— kurz, aus meinem Vagabundenbummel wurde eine richtige kleine zoologische Studien= und Sammelreise,— ohne daß das im Anfang eigentlich als einziger Hauptzweck beabsichtigt gewesen wäre.— Abenteuer in der Sahara. Nach einiger Zeit zimmerte ich eines schönen Tages 2 Kisten als sachgemäße Transportkäfige zurecht, verpackte das lebende Getier und ließ den ganzen Kram von Mohammed und seinen Genossen auf den Bahnhof bringen. Es ging jetzt nämlich mit der Westbahn hinein ins Innere des Landes, zu den großen Oasen der Nordsahara, Gafsa, Tozeur und Nesta, von deren Schönheit man mir Sagenhaftes berichtet hatte, und wo ich die Nordafrikareptilien zu erbeuten hoffte, die mir in Gabes noch nicht begegnet waren.— Gemütliche Abendstunde heiten meines Saharabummels hätte. Erst die Nacht unter Schwerverbrechern im Zwischendeck eines Strolchdampfers, dann dieses gänzlich unbürgerliche Nachtquartier in Tozeur(von allerlei anderen Geschichten abgesehen, über die hier nicht berichtet wurde)— und dabei hatte man noch bis vor kurzem geglaubt, der Filius reise in gesitteter Gesellschaft durch Oberitalien! Inzwischen war man allerdings unterrichtet worden, daß aus Oberitalien Afrika geworden war, denn ich hatte aus Tunis eine Triumphbotschaft ob der gelungenen Kriegslist losgelassen. Aber die Gesichter hätte ich schon sehen mögen, wenn man daheim mancher Situation ansichtig geworden wäre! Die erste Nacht in der schönsten Oase der Sahara schlief ich übrigens schlecht genug. Ich hatte mich eben noch nicht an die allnächtlichen Geräusche meines neuen Heims gewöhnt, die im wesentlichen aus Gläserklirren, Grammophonmusik, hellem Lachen und rauhen Männerworten bestanden.— Am nächsten Morgen bekam ich gleich einen Riesenkrach. Bevor ich in die Oase ging, hatte ich die Tierkisten in die Morgensonne gestellt, und zwar auf das niedrige Stalldach des Nachbargebäudes, damit möglichst keine Unbefugten darangehen sollten. Diese Unbefugten gingen nun aber gerade daran, denn als ich nach einer Stunde zurückkam, waren die Kisten verschwunden. Ich bekam einen gewaltigen Schreck, holte meine Madame heraus und einen eingeborenen Polizisten, der gerade zu Besuch war, und machte ein Lamento, das sich hören lassen konnte. Dann kletterte ich mit dem Oasenschupo auf das Nachbardach, und jetzt ging das Theater erst richtig los. Im Hof standen nämlich die Besitzer, braune Wüstensöhne in wallenden Burnussen, die mit ihren Hunden zusammen uns fürchterlich beschimpften. Mein Polizist schimpfte ebenso fürchterlich zurück, ich desgleichen, und schließlich brachten uns die Kerls die Kisten heraus, die sie aus lauter Neugiede vom Dach heruntergeholt hatten. Natürlich war das Drahtgeflecht an einer Seite abgerissen und die Hälfte der mühsam gefangenen Eidechsen entflohen. Ich hatte eine unbändige Wut, die sich noch in einem wilden Handgemenge ausgewirkt hätte, wären nicht Madame und der Oasenpolizist vermittelnd dazwischengetreten. Das waren so die ersten Sorgen des angehenden Tierfangreisenden. Genau genommen hatten sie ja schon in Gabes begonnen, wo zuerst die Chamäleons auf rätselhafte Weise aus ihrem Käfig verschwanden, bis ich durch einen Trick dahinterkam, daß ich abends von fremCopyright 1933 by Neufeld& Henius, Berlin // Nachdruck verboten den Männern immer wieder meine eigenen Chamäleons kaufte, die so ein Strolch von Araberbengel mittags im Hotelgarten aus dem Käfig stehlen kam.— In Tozeur blieb ich erst einmal eine Weile. Tagsüber durchstreifte ich die Palmengärten der Oase, fing allerlei Eidechsen, Schlangen und Kröten, die in meiner Sammlung noch fehlten und belauschte die Tierwelt. Ich badete oft in dem Quellteich der Oasenbäche, aus dessen flachem Grund das Wasser in geheimnisvoller Weise hervorkam. Es sah so aus, als wühle ein Tier dort unter dem Schlamm und dem feinen Sand, den das Quellwasser, in unregelmäßigen Atemzügen hervorstoßend aufwirbelte. Das flache Wasser war fast lauwarm wie ein warmes Bad und bedeutete kaum eine Erfrischung. Einmal hatte ich hier Gesellschaft beim Baden. Eine Schlange, von der ungefährlichen Sippe der Wassernattern, schwamm in graziösen Windungen an der spiegelglatten schwarzen Oberfläche dahin, nur den Kopf etwas hervorgestreckt. Ich machte mir einen Spaß daraus, sie wie ein Indianer im Wasser heimlich zu verfolgen, indem ich bis an die Augen untertauchte und so leise wie möglich hinterherglitt. Kreuz und quer zog das Tier durch das kleine Gewässer, dann wieder ein Stück am zugewachsenen Ufer unter überhängenden Palmwedeln dahin, anscheinend auf der Froschjagd. Von Zeit zu Zeit verschwand sie plötzlich, ich stoppte dann und lag ganz still, bis der kleine Kopf wieder auftauchte. Dann kam sie einmal dicht neben mir wieder hoch. Ich bewegte mich etwas hastig und wie ein Spuk war sie weg und ließ sich nicht mehr blicken.— O ja, das war schon eine schöne Zeit, als ich das Getier dieser Saharaoasen studierte und einfing. Und sooft ich unter den Palmen am Quellteich auf dem Rücken lag und döste, ging mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, wieviel schöner es noch sein müßte, einmal in weniger erforschter, viel fernerer Wildnis eine richtige große Expedition durchzuführen... Nachdem ich in Tozeur schließlich einen dritten Kistenkäfig mit Tieren gefüllt hatte, nachdem ich mit einem Wüstenauto einen Abstecher nach der nächsten Oase Nefta, einen weiteren per Maulesel zum sagenumwobenen Salzsumpf Schott el Dscherid gemacht, mich mit der Zeit an die Nachtgeräusche meiner zweifelhaften Herberge gewöhnt und auf dem Markt bisweilen gebackene Heuschrecken zum Mittag verspeist hatte, und nachdem noch noch mancherlei andere Erlebnisse glücklich überstanden waren, machte ich mich eines Tages auf die Heimreise. Als ich da nach beinahe halbtägiger Eisenbahnfahrt durch die Wüste spät abends umsteigen mußte, in den Hauptzug quer durch das Land nach Tunis, forderte ich im Abteil meine hühnenartig mit hochgezogenen Beinen auf den Bänken hockenden eingeborenen Reisegenossen mit feldherrnmäßiger Geste auf, ihre Bündel aus dem Gepäcknetz zu nehmen. Sie taten das mit erstaunlicher Promptheit, starrten mich aber völlig fassungslos an, als ich jetzt oben meine Decke ausbreitete, mit einem Schwung hinaufturnte und es mir zum Schlafen bequem machte. So etwas hatten sie, bei Allah und den Propheten, doch noch nicht erlebt. Ich ließ mich durch ihren lebhaften Meinungsaustausch über diese unglaubliche Sache wenig stören, sondern schlief ausgezeichnet und kam frisch und munter am nächsten Morgen in Tunis an.— Am Nachmittag bestieg ich das wöchentliche Motorschiff nach Palermo, und fünf Tage später rollte ich mit dem Münchener Nachtschnellzug und drei Kisten voll Getier an Bord in die Halle des Anhalter Bahnhofs in Berlin. Als ich dann bei der Tierhandlung meine Reptilienkisten auspackte, kam es zu dem schon zitierten Ausspruch des Chefs dieser Firma, daß man sich an einer späteren zoologischen Tropenreise möglicherweise finanziell beteiligen möge. Das war nun Oel auf den schon heftig glimmenden Brand meiner nächsten Zukunftspläne. Mein Gedanke, noch als Student auf eine große, ernsthafte Forschungsreise zu gehen, der mir unter den Dattelpalmen von Tozeur als Wunschtraum erschienen war, rückte da plötzlich in den Bereich des Möglichen und nistete sich in den nächsten Wochen und Monaten so fest ein, daß ich in aller freien Zeit nur noch über Atlanten und Büchern saß und über das Expeditionsprojekt nachgrübelte. Bei solchen Grübeleien und Atlantenreisen blieb es aber nicht. Es wurde vielmehr mancherlei in dieser Richtung unternommen,— mit dem Ergebnis, daß ich andertoalb Jahre später, am 6. Dezember 1931, tatsächlich auf dem Lehrter Bahnhof von Verwandten„Freunden und Reportern Abschied nahm, um nach Hamburg abzufahren, wo im Bauch des Woermanndampfers„Jonia“ meine Koffer voll Tropenkleidung, Jagdgewehren, Filmgerät und anderem afrikanischen Gepäckzeug lagen, mit denen ich am nächsten Tage nach Monrovia, Liberia, Westcoast of Africa, in See gehen sollte. Was sich aber in der Zwischenzeit, bis zu diesem heißerkämpften Auftakt meiner großen Fahrt noch in Berlin begab, das ist so ungefährt ein kleiner Roman für sich... Eine afrikanische Expedition entsteht. Vier Monate waren seit meiner Heimkehr aus der Sahara vergangen. Ich hatte das Sommersemester in Freiburg verbracht und war nun, während der Ferien, wieder häufiger Gast bei der Tierfirma. Bei einem solchen Besuch ließ ich durchblicken, daß ich im nächsten Frühjahr sicher auf eine neue große Reise ginge, die ich gern mit ihr zusammen organisieren würde. Zu der Zeit ging es nun dem Tierhandel noch leidlich gut, so daß sich über solch ein Projekt schon reden ließ. (Fortsetzung folgt) er nickte:„Gehen wir nach lina...“ sollte das wohl heißen. Er wandte sich nun auch nach der Richtung des herniedergemorschten Weisers. Ein Mann geht über das Moor =Von Konrad Beste— Das Moor ist weit un wenig gewellt, es sieht aus von Wuchs, gut durchgearbeitet wie es schien, eher klein wie andere Wiesen und Weiden auch; gerätst du aber um als groß. einen Schritt zur Ste des Pfades, so sinkst du in sau„Lina..“ sagte er noch einmal und jetzt war sein genden Bober nwillig schulperts unter den vorwitzigen Gesicht beinahe jung, obwohl er sicherlich an vierzig die schlummernor, tückische Feind= Jahre auf dem Rücken hatte. Gewiß, sein Haar war an chaft neben dem kleinen festen Wege. den Schläfen grau und er hatte auch viele Falten, wageDas Moor hat steile Finger gereckt zum Himmel, rechte auf der Stirn und, was schlimmer war, senkrechte stille Machangeln, die von weitem sich immer verwandeln auf den Wangen. Aber jetzt war er jung und ungebeugt, in grasende Kühe oder in grabende Frauen; du staunst; er wirbelte seinen Stock und pfiff vor Vergnügen, wie oft die Wachholderbüsche die Maske wechselt, während du dich ihnen näherst und noch, wenn du ganz nah bist, kann es geschehen, daß du vermeinst, es stünde einer der alten schmökenden Bauern da, welche mit anderen Gewohnheiten der Jugend das Sprechen abgelegt haben, um sich mit einem Lächeln zu bescheiden, das ganz ist wie diese Landschaft: weit und wenig gewellt und vieles verschweigend und etwas tückisch dazu... Trittst du aber heran, so war es doch nur ein Machangelstrauch, was du da sahst auf dem Moor. Das Moor hat sein schweigendes Antlitz mit dunklen Wassern genetzt, mit toten Flußarmen bisweilen, mit geraden Gräben, die verschlammt sind, gebrochene Augen sind's unter dem wetterschwer hängenden Himmel der Heide. Das Moor ist still und geduldig, und wenn du auf dem Pfade verbleibst, so ist es ganz wie andere Wiesen und Weiden auch— aber wer wird auch den Pfad verlassen, der so weich ist und sichtbar und gut für die Füße. Es war Sonntagnachmittag und ein Mann ging über das Moor. Er war sonntäglich gekleidet, er hatte einen neuen, billigen blauen Anzug am Leibe, eine blaue Schirmmütze auf dem Kopf, er trug ein richtiges Oberhemd mit Kragen und Manschetten und an den Füßen neue, große Rindlederstiefel, die manchmal knarrten beim Gehen. Er ging ziemlich schnell, als ob er ein Ziel zur rechten Zeit erreichen wollte, als er aber an eine Stelle kam, wo ein breiterer Feldweg seinen Pfad kreuzte, da blieb er stehen und schien unschlüssig, wie er nun weiter gehen sollte. Vielleicht war er es doch satt, sich wiegen zu lassen von der Federung des schmalen Moorpfades und dieser breitere Weg führte gewiß aus dem schweigenden Moor hinaus in ein Gelände, wo Menschen auf festem Boden wuchsen. Genau schien es der Mann nicht zu wissen, er blickte forschend auf den verwitterten Wegweiser, der mit zwei Schildern nach den beiden Richtungen des Fahrweges wies. Der eine Weiserarm war noch leidlich gerade und auch seine Inschrift konnte der Mann entziffern, aber der andere Arm war vermorscht und hing kläglich herab, wie der zerschmetterte Flügel einer Krähe. Der Mann hätte ja nun, unschlüssig wie er war, getrost dem heilen Arm mit der guten Inschrift folgen können, aber dessen protzige Gewißheit schien ihn nicht sonderlich zu locken. Er zog sein Taschenmesser hervor und kratzte an dem vermoosten und mit Flechte überwucherten niederhängenden Flügel zart und vorsichtig herum, so daß zu dem einen sichtbaren„a“, das zu Anfang schon da gestanden hatte, noch andere Buchstaben hinzukamen. Schließlich hatte er soviel zusammen, daß mit etlichen Zwischenräumen das Wortgebilde„lina“ da stand— mehr war nicht herauszubringen. Der Mann lachte und sprach dieses„lina“ vor sich hin, es schien ihm zu gefallen. Seine Zähne waren gut erhalten und ziemlich weiß, das zeigte sich, als er lachte. Auch sonst war er nicht übel beisammen: biegsam und schlank lustiges Grün es mehr mit der verdrängten Mutter Heide hielt als mit dem Nutzen der Menschen und ihrer buntscheckigen Kühe, er kam durch mannshohe Fuhren und nun hörte er schon, vom leisen Winde getragen, die Musik von Posaunen und Geigen, die ihm die Nähe eines Dorfes verriet. Als er dann aus den Fuhren heraustrat, sah er vom Dorf schon ein paar rote Dächer herausragen aus dunklen Eichenhainen. Da war auch ein Wegweiser aufgestellt, der nach dem nahen Ort hinwies, und auf ihm stand deutlich zu lesen„Kleindahle“. Der Mann ging nun geradewegs in das Dorf, dessen Namen er beinahe enttäuscht vor sich hin flüsterte, nachdem er ihn in einer so liebenswerten Verstümmelung zuvor schier zärtlich empfangen hatte. Er ging den Klängen der Musik nach, und so kam er an einen großen Bauernhof, der schräg zur Straße in einem alten Eichenhain lag. Ein Schild am Eingang verkündete, daß mit diesem Hof die Schankwirtschaft verbunden sei, und so bog denn der Wanderer ein. Westerland auf Sylt Ragimund Reimesch Als er schon ein paar Schritte gegangen war, drehte er noch einmal um, wie wenn ihm ein plötzlicher Einfall gekommen wäre. Denn er ging hastiger als eben noch, da er nach gefällter Entscheidung für„lina“ ganz behaglich zu schlendern begonnen hatte. Am Wegweiserpfahl angelangt, griff er sogleich nach dem kläglich hängenden Arm und richtete ihn auf, so daß es in der morschen Fuge von Pfahl und Weiser krachte, und da hatte er unversehens den ganzen Arm in der Hand. Er kratzte nun mit dem Messer die Fuge sauber aus, schnitt und meißelte das morsche Weiserende gerade, preßte den Arm aufs neue in die Fuge und klemmte ihn mit einigen Holzstückchen fest. So stand er stolz und waagerecht weisend wieder da, und als der Mann auf dem Weitermarsch in der Richtung nach„lina“ sich noch einmal umblickte, da lachte er und winkte zufrieden nach seinem Werke zurück. Er kam auf dem breiten Wege bald in wildes, blühendes Heideland, er kam an Weiden vorbei, die unlängst dem Oedland abgerungen waren und deren dünnes, unEr ging an der langen Dähle vorbei, aus deren oben geöffnetem Tor Musik und Lachen quollen, er kam auf den steinernen Hausflur und wieder konnte er zur Rechten und zur Linken schauen: dort in die offenstehende, ganz leere Gaststube, hier durch die neben der Innentür zur Dähle angebrachten Guckfensterchen auf die festliche Gesellschaft, die im Dählenraum an langer Tafel saß. Sie saßen, an fünfzig Menschen wohl, aßen und tranken zu den Klängen der Musik. Zur Linken und zur Rechten des Raumes waren in halber Höhe durch Bretterverschläge die Stallungen abgeteilt und so waren die Tiere als stille Zaungäste des Festes zugegen: Pferde und Kühe legten ihre Köpfe schnaubend über die Balken ihrer Verschläge und die Hühner pickten blustrig gegen den Maschendraht ihres Wiemens. Der menschliche Zaungast am Guckfenster lächelte, als er diese Versammlung von Mensch und Tier gewahrte. Es gefiel ihm wohl, was er sah, und auch die Menschen gefielen ihm. Er hatte noch nie so viele schöne und kraftSTRISSENNIUB VOLHELLIC Nach einem zweistündigen Verhör mit dem Geschäftsdiener Franz Rolleder sagte der Untersuchungsrichter Dr. Spahn zu dem begleitenden Justizsoldaten in erschöpftem, beinahe verzweifeltem Ton:„Abführen!“ Sobald Rolleder aus der Zelle war, verband sich Dr. Spahn mit dem Zimmer des Kriminalinspektors Buer. „Herr Inspektor, darf ich Sie für einen kurzen Moment zu mir bitten? Ja, es handelt sich um diesen schrecklichen Rolleder, der mit einer Hartnäckigkeit leugnet und die unwiderleglichsten Tatsachen verschleiert, wie es mir in meiner zwanzigjährigen Tätigkeit noch nicht untergekommen ist. Also, ich erwarte Sie, Herr Inspektor!“ Wenige Minuten später trat Buer in das Büro des Untersuchungsrichters.„Morgen, Herr Doktor!“ sagte er in strahlender Laune wie stets. Kriminalinspektor Buer war der unentwegteste Optimist des Gerichtes, er gab keinen Fall, selbst den undurchdringlichsten nicht, verloren und gerade seinem Optimismus dankte er die großen Erfolge, die er in seiner kurzen Tätigkeit hier bereits aufzuweisen hatte. Dr. Spahn wies ihm Platz an und Buer fragte mit dem heitersten Lachen:„Na, wieder nichts?“ „Nein! Es ist zum Verzweifeln. Sie, ich, die gesamte Oeffentlichkeit zweifeln keinen Augenblick daran, daß dieser Franz Rolleder die Tasche mit den 20000 Schilling, welche er für seine Firma aus der Bank zu holen hatte, selbst verschwinden ließ, obwohl er sofort nach Verlassen des Bankgebäudes Lärm schlug und behauptete, die Tasche wäre ihm von unbekannten Straßenräubern gewaltsam entrissen worden.“ „Nein," lachte Buer noch behaglicher,„daran zweifelt niemand mehr, daß Rolleder ein Verbrecher ist, der diesen ganzen Raubüberfall nur fingiert hat." „Und trotzdem, Herr Inspektor, werden wir ihn laufen lassen müssen. Weil diesem Burschen einfach nichts, aber auch gar nichts, zu beweisen ist.“ „Das wäre ja noch schöner!“ meinte jetzt der Inspektor etwas ernster. „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Unsere Indizien reichen nicht zur Erhebung einer Anklage. Rolleder verteidigt sich in unheimlich geschickter Weise. Die Erfolge jeder Strafuntersuchung beruhen ja darauf, daß der Beschuldigte allein in seiner Zelle gehalten wird, mit der Außenwelt so gut wie gar nicht in Berührung kommt, und, schließlich mürbe geworden, gesteht. Bei Rolleder versagt dieses System. Er scheint immer genau über den Stand unserer Untersuchung orientiert zu sein, jeden HTENBERG Schlag, den wir gegen ihn führen, erwidert er mit einem Gegenschlag, und, obwohl er von der Außenwelt streng isoliert ist, weiß er mehr von unseren Recherchen als wir selbst.“ Kriminalinspektor Buer hatte sich eine Zigarette angezündet und beschäftigte sich eine lange Weile mit den Rauchringen, die er geradezu künstlerisch von sich blies. Dann fragte er:„Halten Sie es für ausgeschlossen, Herr Doktor, daß Rolleder mit seinen Komplizen doch irgendwie in Verbindung steht?“ „Zur ganz ausgeschlossen. Niemand im Gefangenenhaus wird so gut bewacht wie er. Keiner ist so Tag und Nacht unter strengster Aufsicht. Es ist ihm weder möglich, mit anderen Häftlingen zu reden, noch irgendwelche Kassiber zu empfangen. Am gemeinsamen Spaziergang im Hofe nimmt er nicht teil, und wenn er mir über den Korridor vorgeführt wird, darf sich niemand dort aufhalten.“ Buer nickte langsam und nachdenklich.„Dann allerdings...“ Er schwieg wieder und schien noch angelegentlicher mit seinen Rauchringen beschäftigt. Plötzlich fragte er:„Empfängt Rolleder Besuche?“ „Ja, doch! Einen einzigen. Den seiner Geliebten. Ich habe ihm diese Vergünstigung zugestanden, weil ich erfahrungsgemäß weiß, daß derartige Besuche auf den Seelenzustand der Häftlinge günstig einwirken und ihnen viel von ihrer Verstocktheit nehmen. Aber bei Rolleder hat selbst dieses Mittel versagt.“ „Und Sie halten es für ausgeschlossen, daß sich die beiden doch irgendwie verständigen?" „Zur ganz ausgeschlossen. Denn bei jedem dieser Besuche bin ich selbst zugegen. Meine Bedingung ist, daß zwischen beiden kein Wort gewechselt werden darf. Sie können sich nur durch ein winziges Guckloch sehen, dürfen sich nicht die Hände reichen und keinerlei Zeichen machen. Bisher haben sich diese Besuche anstandslos abgewickelt und ich habe nichts bemerkt, was mich nur irgendwie stutzig machen könnte.“ „Und es gibt doch nur die eine Möglichkeit," meinte der Inspektor ohne zu überlegen," daß Rolleder durch die Besuche seiner Braut auf irgendeine geheimnisvolle und raffiniert ausgedachte Art über den Stand der Untersuchung informiert wird. Würden Sie gestatten, Herr Doktor, daß ich in Zukunft bei diesen Besuchen, die jetzt sogar häufig gestattet werden sollen, zugegen sein darf?“ „Bitte! Es ist mir sogar eine gewisse Beruhigung, daß ich die Verantwortung nicht allein tragen muß.“ Als Poldi Wilczek, die Geliebte Rolleders, diesem wieder einen Besuch abstattete, war Inspektor Buer zugegen. Es ereignete sich tatsächlich gar nichts Auffälliges. Sie begrüßten sich stumm durch ein Guckloch und konnten sich nur ungefähr bis zur Brusthöhe sehen. Eine Weile blieben sie so, keine ihrer Mienen verriet sich, keine Kopfbewegung gab Anlaß zu Mißtrauen, und auf ein Zeichen des Untersuchungsrichters entfernte sich Poldi Wilczek ebenso unauffällig wie sie gekommen war. Dr. Spahn und Inspektor Buer kehrten wortlos in das Büro des Untersuchungsrichters zurück.„Nun?“ fragte Dr. Spahn, nachdem sie schon lange saßen.„Welchen Eindruck haben Sie, lieber Inspektor?“ Buer schwieg lange, dann sagte er so ganz nebenbei: „Die 20 000 Schilling befinden sich unter dem dritten Pfeiler des Stadtbahnbogens zwische Michelbeuern und Alserstraße.“ Dr. Spahn blickte beinahe erschrocken auf. Erst nach einer langen Pause konnte er fragen:„Phantasieren Sie oder...?“ „Nein, ich phantasiere nicht. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, dort nachforschen zu lassen.“ Die Nachforschungen ergaben wohl ein negatives Resultat. Aber es unterlag nach der Beschaffenheit dieses dritten Pfeilers keinem Zweifel, daß sich das Geld bis vor ganz kurzer Zeit dort befunden haben mußte. Der Pfeiler, das war noch immer ganz deutlich zu sehen, mußte etwa in Mannshöhe angestemmt und nachher wieder mit großer Sorgfalt verkleistert worden sein. Als das Geld, ohne Zweifel am Tage der Nachforschung, wieder herausgenommen wurde, war der Pfeiler wohl wieder verkleistert worden, diesmal aber mit geringerer Sorgfalt als aus Anlaß des Versteckes. Drei Tage später, nach einem abermaligen Besuche der Wilczek, erklärte Inspektor Buer, daß ein gewisser Othmar Bauernfeind zu verhaften sei, der die Absicht habe, heute mit dem Nachtschnellzug unter Mitnahme des gestohlenen Geldes über die Grenze zu gehen. Untersuchungsrichter Spahn hatte wohl gegen ein ziemliches Mißtrauen anzukämpfen, weil er es persönlich für ausgeschlossen hielt, daß Buer nach dem letzten Besuch der Wilczek so genaue Weisungen geben könnte, verfügte aber doch, um sich nachher keine Vorwürfe machen zu müssen, die Verhaftung dieses Othmar Bauernfeind, Tatsächlich wurde er in dem Augenblick festgenommen, als er den Nachtschnellzug besteigen wollte und tatsächlich fand man die volle Summe von 20 000 Schilling bei ihm. „Hören Sie, Herr Inspektor!“ sagte Dr. Spahn noch in dieser Nacht,„diese Sache beginnt mysteriös zu werden! Können Sie Gedanken lesen oder haben Sie okkulte Fähigkeiten? Anders ist das alles nicht zu erklären!“ Inspektor Buer lachte sein behaglichstes und breitestes Lachen.„Nein, verehrter Herr Doktor! Ich bin weder volle Menschen beisammen gesehen wie in diesem Lande, so weit er auch umhergekommen war. Es gab unter ihnen viele schmale, harte Gesichter, klare festblickende Augen, sichtbarlich ruhend in der Besinnung auf jene herb=verschlossene Art, die schon um wenige Meilen südlich von hier, im beginnenden Mitteldeutschland, zu einem rundköpfig weichen, genußsüchtigen und anbiederungsseligen Behagen zerflossen war. Es waren schöne Menschen, die hier eine Hochzeit feierten, und eine Hochzeit war es— denn dort saß ja die Braut. So schön war die Braut, daß der Mann am Fenster erschrak. Sie hatte ein bleiches, schmales Gesicht, in dem die Backenknochen leicht hervortraten, sie hatte große schiefergraue Augen von einer unbeugsamen Gewalt der Blicke, und die Stirn lag in ausgeruhter Klarheit über den stengen Bogen der Brauen. Sie hatte einen Mund, der so Wille wie Süße zeigte, und wenn sie atmete, ging eine Welle verhaltener Kraft über die volle Brust bis zum zitternden Muskelspiel des herrlichen Halses. Sie war nachdenklich, stiller als die Feiernden um sie, sie blickte bisweilen in ihren Schoß, öfter als auf den Mann an ihrer Seite. Sie war schön und war klug, das sah der Späher auf dem stillen Flur. Es geschah ihm, daß er die Hände faltete und plötzlich sagte er laut und vernehmlich ein Wort und dann noch einmal:„Lina... Lina...?“ Er fuhr auf und blickte um sich, denn er hatte Tritte gehört. Eine alte Frau stand hinter ihm und betrachtete ihn lauernd. Der Mann stand wie angewurzelt. Das Weib fragte:„ Was wollen Sie denn von Lina?“ Der Mann antwortete nicht und rührte sich nicht. Er sah, wie das Weib kopfschüttelnd sich abwandte, in die Dähle huschte und der Braut etwas ins Ohr tuschelte. Er blieb stehen. Die Braut stand langsam auf, ihre schlanke, hohe Gestalt löste sich aus der Reihe der Sitzenden, die kaum aufblickten zu ihr, da jetzt die Musik wieder einsetzte. Die Braut kam näher, der Mann neben dem Guckfenster sah, wie sie schöner wurde im Nahen, aber er sah jetzt auch, wie über ihre Züge eine aufgescheuchte Angst jäh irrte, sie kam auf die Tür zu, als ob sie darauf gefaßt sein müßte, daß hinter ihr jemand stünde, der ein Geheimnis mit ihr teilte— so etwas spürte der Mann... Er wollte fortstürzen, aber es kam, daß er blieb— blieb, bis die Dählentür aufging, und die Braut vor ihm stand. Er starrte sie an, und seine Augen wurden groß wie die ihren, eine Sekunde lang ruhten beider Augen ineinander, in der Schwebe dieses unendlichen Schweigens, das den Flur jetzt durchbebte. Dann sagte sie leise:„Was wollten Sie denn von mir...?“ Der Mann konnte noch nicht antworten, er hatte sich ganz festgesogen an den Augen der Braut, er war trunken und hilflos und schwieg ganz einfach. Da schwand die leise Angst aus den Zügen der Braut, sie lächelte und blickte nicht fort von ihm. So löste sie sein Erstarren ein wenig, und wurde wieder fähig zu sprechen:„Entschuldigen Sie...“ sagte er,„ich kenne Sie gar nicht... Die Frau muß sich wohl verhört haben. Ich wollte ein Glas Bier haben.“ Die Braut lachte jetzt hell, sie nickte dem Mann zu und verschwand wieder durch die Dählentür. Der Mann schüttelte sich leicht, dann setzte er sich in Bewegung und verließ den Hausflur. Zuerst ging er noch einigermaßen langsam und als ob ihm nichts geschehen wäre, als einem Sonntagswanderer im Krug beim Glase Bier wohl geschieht. Als er in den jungen Fuhren vor dem Dorf angelangt war, ging er schon schneller, als er bei Wegweiser war, der jetzt die beiden Arme gerade gestreckt hielt, da jagte ein Zittern durch seine Glieder, und wie er das Moor nur unter den Füßen fühlte, das weiche, federnde, rätselvolle Moor, da fuhr es in seine Flucht und weithin hallte der dumpfe Schlag seiner Schritte gar ungestüm, und sein Weg wurde zur rasenden Füße. ein Gedankenleser noch ein Zauberer. Ich habe einfach Glück und ein bißchen Beobachtungsgabe. Vielleicht wäre ich deshalb im Mittelalter verbrannt worden, aber jetzt hoffe ich nur auf den Scheiterhaufen einer ordentlichen Karriere zu kommen. Jedenfalls bitte ich Sie, die Wilczek noch zu einem letzten Besuch bei ihrem Geliebten einzuladen.“ Nach diesem letzten Besuch, der noch am darauffolgenden Tage stattfand, legte Inspektor Buer dem Untersuchungsrichter nahe, den Rolleder sofort in einem anderen Trakte unterzubringen, da noch für diese Nacht ein verwegener Fluchtversuch des Untersuchungshäftlings geplant sei. Und tatsächlich wurde in den ersten Morgenstunden ein Mann beobachtet, der sich in verdächtiger Weise am Zellenfenster zu schaffen machte, in der unzweideutigen Absicht, dem Rolleder zur Flucht zu verhelfen. Am Morgen des nächsten Tages legte Rolleder, erdrückt von den nunmehr gegen ihn vorliegenden Beweisen, ein volles Geständnis ab. Dr. Spahn und Buer saßen einander schweigend gegenüber. Der Untersuchungsrichter schüttelte nur immer wieder den Kopf und blickte den Kriminalinspektor staunend und beinahe ängstlich von der Seite an. „Jetzt, mein lieber, verehrter Inspektor,“ begann er plötzlich in leidenschaftlichem Ton,„jetzt haben nur Sie noch ein Geständnis abzulegen. Wie, um alles in der Welt, ist es Ihnen gelungen, hinter das Geheimnis dieses Rolleders zu kommen?“ „Ganz einfach, Herr Doktor!“ erwiderte Buer mit einem zufriedenen Schmunzeln.„Es ist da weiter gar kein Hokusspokus dabei. Damit haben Sie recht gehabt, daß sich bei den Besuchen weder Rolleder noch seine Geliebte auch nur mit einem Blick oder einem verstohlenen Zeichen verrieten. Auf diesem Wege war tatsächlich nichts herauszubringen. Es fiel mir nur auf, daß die Wilczek bei ihren Besuchen eine so merkwürdige Bluse trug, die vorne eine ganz scheußliche und völlig unmoderne Perlenstickerei aufwies. Die Perlen waren überdies ganz merkwürdig angeordnet. Und da kam ich auf die Idee, ihre Anordnung nach dem Morsesystem zu lesen. Es gelang. Und so las ich ohne weitere Schwierigkeiten schon beim erstenmal ab, daß sich das Geld in dem dritten Pfeiler des Stadtbahnbogens zwischen Michelbeuern und Alserstraße befand. Beim nächsten mal waren die Perlen schon ganz anders angeordnet. Man konnte von ihnen die beruhigende Mitteilung ablesen, daß Othmar Bauernfeind bereits im Besitze der Summe sei und mit ihr noch nachts ins Ausland flüchten werde. Ebenso konnte ich beim dritten Besuch den geplanten Fluchtversuch mühelos feststellen. Sie sehen, Herr Doktor, man muß kein Zauberer sein, um als Kriminalist etwas zu leisten. Wie gesagt— nur offene Augen muß man haben. Und ein bißchen Glück. Das genügt schon.“ Die abenteuerliche Fahrt der Brüder Battermann Nun mußte der König sein Versprechen wohl oder übel erfüllen. Er befahl, Säcke mit Gold zu bringen. Den ersten schwang sich der Riese auf den Kopf. „Noch einen“, rief er. Der König sah mit saurer Miene zu. Er hatte gehofft, mit einem Sack davon abzukommen. Zwei neue Säcke wurden gebracht. Die hob sich der Riese auf die pranken, die sie über dem ersten Herdfeuer rösteten. Aber der Frühling kam mit Jauchzen, da glosten hier die Eiben mit heller Glut weithin zum lichten Himmel. Asche sank im Glühregen nieder und segnete das Land. Aus Urwald ward Ackerboden. Und als es Säezeit war, holte der Urvater zwei Leinensäcke und was darin war, warf er weihend über das Neuland. In dem einen Leinensack Ein flämisches Volksmärchen/ Übersetzt von Karl Jacobs Vor vielen hundert Jahren gab es in Antwerpen große, hölzerne Schiffswerften, die sich die Schelde hinaufzogen, soweit man sehen konnte. Auf einer der Werften arbeiteten die Brüder Battermann. Sie waren so geschickt in ihrem Handwerk, daß die andern Zimmerleute nicht mitkonnten. Ihre Tüchtigkeit hatte sie weit und breit berühmt gemacht. Zur gleichen Zeit herrschte irgendwo an der Küste von Holland ein König, dem der Feind den Krieg erklärt hatte. Der wohnte auf einer Insel und hatte viele hundert bewaffnete Kriegsschiffe. Der König hatte aber kein einziges. So mußte er zusehen, daß er überall in andern Ländern schleunigst einige gebaut bekam. Er hatte schon oft von den Brüdern Battermann in Antwerpen gehört. Und so gab er ihnen durch einen reitenden Boten den Auftrag, ihm binnen drei Tagen ein Kriegsschiff zu bauen, und es ihm sogleich zu bringen. Die Brüder versprachen es ihm. Aber kaum hatten sie mit der Arbeit begonnen, da tat es ihnen auch schon wieder leid. Sie sahen, daß der Bau nicht so einfach war, wie sie ihn sich vorgestellt hatten. Als sie am ersten Abend nach dem Tagewerk bei der Mahlzeit saßen, seufzten sie der Reihe nach und klagten:„Wir hätten uns nicht darauf einlassen sollen!“ Wie sie nun so betrübt da saßen, trat ein altes Weiblein in ihre Werkstube. Das fragte, ob es einen Happen mitessen dürfte. Natürlich hatten die Brüder nichts dagegen, denn sie waren gutherzig. Als die Frau sich satt gegessen hatte, sagte sie:„Zum Lohn lasse ich euch diese Nacht das Schiff zimmern. Morgen früh liegt es fahrtbereit auf der Schelde. Ihr braucht nur damit loszusegeln. Eines müßt ihr mir allerdings versprechen: Ihr dürft die ganze Nacht nicht gucken kommen, wie ich es fertig bringe. Dann bricht heilloses Unglück über eure Familie herein.“ Das versprachen die Brüder und hielten es auch. Aber sie blieben wach liegen. Sie hörten ein Splittern, Sägen und Hämmern, als wenn hundert Mann auf der Werft arbeiteten. Am andern Morgen lag das Schiff wahrhaftig zum Auslaufen bereit. Die drei Brüder nahmen es in das Schlepptau ihres eigenen Schiffes, das in der ganzen Welt berühmt war, denn man konnte damit zu Wasser und zu Lande fahren. Ehe sie die Anker lichteten, gab ihnen das alte Weiblein noch einen Rat: nämlich, sie sollten nur ja jeden, der ihnen unterwegs begegnete, mitnehmen. Das würde ihr Glück sein. Die drei versprachen auch das, und ihr sollt gleich sehen, daß sie gut daran taten, den Rat der Alten zu befolgen. Als sie den Fluß ein Stück hinabgesegelt waren, sahen sie am Ufer einen Riesen, der gerade dabei war, einen Baum in Stöcke zu zerpflücken. Sie fragten ihn, warum er das täte. „Ich mache ein Reep,“ sagte er. „Das ist ein starker Kerl,“ meinte einer der drei Brüder. Und sie fragten ihn, ob er mitfahren wolle. „Du kriegst sechzehn und einen halben am Tag und die Kost.“ Das nahm der Riese an und sie segelten zu viert los. Ein Stück weiter sahen sie am Flußufer einen Mann sitzen, der sich an jeden Fuß eine Kanonenkugel band. „Warum tust du das?“ fragten sie. „Sonst lauf ich viel zu schnell und schieß in ein paar Minuten über jedes Ziel hinaus.“ „Komm mit! Du kriegst sechzehn und einen halben am Tag und die Kost.“ So wurden sie zu fünf. Als sie wieder eine Zeitlang gesegelt waren, lag da am Ufer ein Mann, der das Ohr an die Erde hielt. „Was tust du da?“ fragten die Brüder. „Ich horche, was man sich in Paris erzählt.“ „Kannst du das hören?“ „Und ob ich es hören kann! Ich belausche die Toten in den Gräbern und höre, was sie sich von den Lebenden erzählen.“ „Dann fahr doch mit!“ sagten sie.„Du kriegst sechzehn und einen halben am Tag und die Kost.“ „Einverstanden!“ Und so fuhren sie zu sechsen weiter. Nach ein paar Stunden sahen sie einen Jäger, der mit der Flinte auf eine Kirchturmspitze zielte. Nach jedem Schuß hob er etwas vom Boden auf und steckte es in die Tasche. Die Brüder fragten ihn, was er da triebe. „Ich bin Scharfschütze,“ sagte der Mann.„Ich schieße die Mücken, die gerade in einem ganzen Schwarm um den Kirchturm wimmeln. Sie sind nur betäubt, wenn sie herunterfallen. Dann stecke ich sie in die Tasche und verwahre sie, bis sie mir einmal zupaß kommen.“ Die Brüder nahmen auch ihn für sechzehn und einen halben am Tage und die Kost auf ihr Schiff. So waren sie sieben. Und sie fuhren weiter, bis sie wieder einem Mann begegneten, der hatte einen Bauch, so rund wie ein Ballon. Er rauchte eine Pfeife, ohne den Rauch auszublasen. Sie fragten ihn, wie das käme. Da erzählte ihnen der Dicke, daß er den ganzen Tag rauche, aber den Rauch herunterschlucke, statt ihn auszublasen.„Ich sitze schon ganz voll Rauch. Ich verwahre ihn. Er wird mir wohl einmal zupaß kommen.“ „Fahr mit uns,“ sagten die drei Brüder,„Du bekommst sechzehn und einen halben am Tag und die Kost.“ Der Raucher nahm an und so fuhren sie zu achten weiter. Wieder dauerte es nicht lange, da sahen sie einen Mann zitternd an einem großen Feuer sitzen. Sie steuerten hin und fragten, was er da täte. „Ich bin dreißig Jahre alt und verwahre alle Winter, die ich erlebt habe, in meiner Tasche. Da liegen jetzt dreißig beieinander. Ich lasse sie darin, bis sie mir einmal zupaß kommen.“ Die drei Brüder fragten auch ihn, ob er für sechzehn und einen halben am Tag und die Kost mitkommen wollte. Der Eismann nahm den Vorschlag an, und so waren sie neun. Sie segelten jetzt an einen hohen Berg vorbei. Darauf stand ein Mann, der beide Hände an den Mund gelegt hatte und blies. Die Schiffer fuhren hin, denn sie waren neugierig, was das zu bedeuten hatte. Als sie den Berg hinaufgeklettert waren, fragten sie:„Weshalb bläst du auf den Fingern, Mann?“ „Weshalb? Seht ihr denn nicht, daß ich da unten alle Windmühlen in Gang halten muß? Es weht heute kein Wind. Wenn ich aufhöre, stehen sie still. Seht doch!“ Und wirklich hörten die Windmühlen, soweit man sie sehen konnte, im Augenblick auf, ihre lustigen Kreise zu schlagen. Sommerliches Spiel „Der muß auch mit“, sagten die drei Brüder. Sie boten dem Bläser sechzehn und einen halben für den Tag und die Kost, und der Mann gab das Blasen auf und fuhr mit. Jetzt waren sie glücklich zehn. Ehe sie bei dem König des Nordens landeten, sahen sie an dem großen Meer noch einen Mann liegen, der hielt den Mund ins Wasser. Er war dabei, das ganze große Meer leerzutrinken. „Was bedeutet das?“ fragten die drei Brüder. „Ich habe immer einen so gewaltigen Durst, daß ich trinken kann, was ich will: Seen, Ströme und Flüsse. Im Nu sind sie leer und mein Durst ist immer noch nicht gelöscht.“ Auch der Trinker war mit sechzehn und einem halben am Tage zufrieden, sodaß sie schließlich zu elf Mann beieinander waren. Unsere drei Brüder landeten mit ihren Helfern bei dem König, der das Schiff bestellt hatte. Er war sehr reich, aber auch sehr geizig. Er hatte schon überlegt, wie er es machen könnte, daß er die Brüder hinterginge und den verabredeten Preis nicht zu bezahlen brauchte. Zunächst versuchte er zu handeln, aber darauf ließen die drei Brüder sich nicht ein. Sie verlangten die versprochene Summe. Das sollte so viel sein, wie einer von ihnen tragen konnte. Der König sah ein, daß ihm nichts übrig blieb als zu bezahlen. Er sagte:„Gut, ich will euch das Versprochene geben, wenn einer von euch meinen Schnelläufer besiegt. Das hat noch niemand fertiggebracht. Wenn es euch gelingt, sollt ihr so viel Geld bekommen wie der Stärkste von euch heben kann.“ Damit waren die drei Brüder einverstanden.„Das ist etwas für dich,“ sagten sie zu dem Mann mit den Kanonenkugeln an den Füßen. Er stellte sich neben den Schnelläufer des Königs. Es wurde„eins, zwei, drei“ gezählt und auf„drei“ war der Mann mit den Kanonenkugeln schon hinter der Wegbiegung verschwunden, während der Schnelläufer gerade erst anfing. Nach einiger Zeit sah man ihn keuchend und schweißbedeckt wieder herantraben, der Läufer der drei Brüder aber kam noch immer nicht zurück.„Wo bleibt er nur“, fragten die drei.„Es muß etwas geschehen sein, sonst wäre er längst hier.“ „Wartet einen Augenblick“, sagte der Mann mit dem scharfen Ohr, der Paris und London belauschen konnte, „ich werde bald heraushaben, wo er steckt.„Er legte das Ohr an den Boden und horchte.„Er liegt hinter den Büschen und schläft.“ „Dann weck ich ihn auf“, sagte der Riese. Er riß einen mächtigen Eichbaum aus und schlug ihn auf die Erde, daß sie erschütterte und bebte. Der schlafende Läufer wachte von dem Donnern auf. Er besann sich, was er tun sollte und lief so schnell und so fest er konnte und kam noch drei Minuten vor dem königlichen Schnelläufer ans Ziel. Wenn das Korn reif ist, haben auf dem Lande alle Hände voll zu tun Schultern. Und wieder rief er:„Weiter!“ Zwei Säcke wurden gebracht, die nahm er unter die Arme.„Und jetzt noch zwei, für jede Hand einen, dann hab ich sieben insgesamt!“ Als auch die gebracht worden waren, zogen die drei Brüder mit ihren Fahrtgesellen lachend und jubelnd zum Schiff. Der König wußte vor Wut nicht, wo er bleiben sollte. Kaum hatten die Brüder die Taue gelöst, da ließ er seinen General rufen und befahl ihm, den Männern mit der ganze Armee nachzusetzen und ihnen das Gold wieder abzugewinnen. Der General ließ sein Heer aufmarschieren und in Boote verladen, sodaß die drei Brüder und die acht Wundermänner um ein Haar eingeholt worden wären. Dann wären sie ihr Geld quitt gewesen. Aber die drei Brüder sagten zu ihren acht Helfern: „Habt nur keine Angst, wenn ihr eure Pflicht tut, unser Schiff wird das seinige tun.“ Und sie stellten den Trinker hinten an das Ruder des Schiffes, und er trank hinter sich den ganzen Fluß leer, sodaß die Boote des Königs plötzlich auf dem Boden festsaßen. Da krabbelten die Soldaten an allen Ecken aus ihren Schiffen und kletterten ans Ufer. Dar war ein Fressen für den Bläser. Er löste den Säufer am Ruder ab und blies die Soldaten wie leichte Federn zurück. Nach ihm kam der Jäger mit den Mücken. Er machte seine Taschen auf und ließ die Mücken auf die Soldaten los. Sie wurden zerstochen, daß man es nicht schildern kann. Ueberall hatten sie rote Stiche, an den Händen, am Hals und im Gesicht. Im Augenblick waren sie wie vom Teufel besessen und fluchten und tobten, daß das Ende davon ab war. „Ich werde es ihnen noch angenehmer machen“, sagte der Raucher, und er blies seinen ganzen Vorrat an Rauch gegen die Soldaten. Vor lauter Nebel konnten sie bald kein bißchen mehr sehen. „Damit sie noch mehr Spaß bekommen, lasse ich meine dreißig Winter auf sie los“, rief lachend der Eismann und sperrte seine Taschen weit auf. Da rannten die Soldaten wie die Hasen und kamen zerstochen, vor Kälte schnatternd und mit benebelten Köpfen vor des Königs Palast an. Die drei Brüder aber setzten ihr Wunderschiff aufs Land und fuhren geradewegs nach Hause. Ohne weitere Abenteuer kamen sie nach Antwerpen und belohnten die acht wunderbaren Helfer fürstlich. Kein einziger brauchte zeitlebens noch ans Arbeiten zu denken. Und die drei Brüder Battermann behielten immer noch genug und waren so reich wie das Meer tief ist. Sie lebten lange und glücklich, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch..... Der Ewige Acker Von F. Schrönghamer-Heimöal Da ich ein Knabe war, führte mich der Ahne, ein Greis, schon in den Achtzigern, ins Sommerfeld, wo der Roggen in der prallen Sonnwendsonne der Reife entgegenharrte. Feierlich rauschten die Aehren im leisen Sommerwind, als wären Seelen in sie gebannt, die sich im steten Wiegen und Neigen ein ewiges Geheimnis anvertrauten. Die Lüfte rings waren ein einziges Lichtmeer, aus denen Lieder unsichtbarer Lerchen niederstoben. Das Rauschen der fernen Wälder war wie Geisterwehen, und die Grillen schrieen an den Rainen hin wie verhext, daß die blauen Glockenblumen über ihren Löchern nicht aus dem Schwanken kamen. Aus dieser Welt mittsommerlicher Verwunschenheit hörte ich die Stimme des Ahnen wie die eines Schemen aus dem Geisterreich, so unwirklich, so unerhört neu und befremdend kamen die Worte des welken Greises in den jungen Lebenstag des ahnungslosen Knaben: „Bub, tu dein Käpplein ab, denn hier ist der ewige Acker. Und merk dir, was ich dir jetzt sage. Dieser Acker ist nie etwas anderes gewesen als ein Acker, seit unsere Vorahnen im Dorfe sitzen. Vor tausend Jahren— was gilt die Zeit?— kam der Erste mit Gesinde und Gesippten aus dem Sachsenland, aus der Urheimat. In einer Kuhhaut kam er, daß ihn die Häscher des großen Karl nicht kannten. Weglos floh der Heide in die wuchernde Wildnis, wo seit Anbeginn nie ein Acker gewesen. Wildheit der Urwelt war um ihn. Winters sah ihm der Luchs durchs Fenster, wenn er mit den Seinen beim Spanlicht saß. Der Bär riß ihm die erste Kuh aus dem Stall, der Wolf das einzige Schaf. So lebten sie diesen ersten Winter von Waldfrüchten, von der Beute der Waldbäche, den Goldäschen und Steinforellen, von Hirschkeulen und Bärenwar Saatkorn, in dem andern aber Heimaterde, Saatkorn und Erde aus der Sachsenheimat.... Dies tat der Urvater vor tausend Jahren— was gilt die Zeit?— und er tat es für die Seinen, die weiland noch im Lichte lebten, und er tat es für alle, die aus seinem Samen kommen würden, auf daß alle Brot hätten in der neuen Heimat. Es sollte ewig ein Acker sein, dieser Acker da auf dem weiland so wilden Eibenberge, und ewig sollte das Korn im Wechsel von Frucht und Saat, im Wandel des Geschlechtes vom Werden zum Vergehen in diesem Acker Wurzel schlagen, in roter Saat aufgehen, in reifer Frucht sich neigen und als heiliges Korn den Kasten füllen. Seit tausend Jahren— was gilt die Zeit?— gedeiht das Korn des Urvaters auf dem ewigen Acker und hat seitdem Tausende unseres Stammes gesättigt und gesegnet. Ja, es ist ein ewiger Acker, denn er wird auch fernhin die Frucht des Urvaters tragen und allen Kommenden Brot geben, heiliges Brot vom ewigen Acker. Denn auch die, die in die Ferne zogen, nahmen in Leinensäcklein Frucht und Erde vom ewigen Acker mit, auf daß sie im fremden Land die Heimatscholle zu Füßen, das Aehrenrauschen vom Urväterkorn zu Häupten hätten. Bis nach Ungarn und selbst über das große Wasser nach Amerika brachten Nachgeborene unseres Geschlechtes Frucht und Erde vom ewigen Acker. Es ist ein großes Geheimnis um das Brot, das uns vom ewigen Acker kommt. Merk dir's Büblein, und wenn du einmal groß bist und vielleicht auch in die Fremde mußt, vergiß nicht Frucht und Erde vom ewigen Acker mitzunehmen, auf daß sie dich sättigen und segnen wie alle unseres Geschlechtes. So, jetzt setz dein Käpplein wieder auf und such dir Erdbeeren, die in reifer Röte aus dem Raingras leuchten.“ Ich lief den Rain entlang, bis mich der Ahne nicht mehr sehen konnte, warf mich ins Blütengewoge der Sommerwiese und bedachte das Geheimnis des ewigen Ackers, dessen Wissen mein Knabengemüt mit heiligen Schauern erfüllte. Wie aus Ewigkeiten her strömte eine Weihe in mich ein. Fernste Vergangenheit, selige Gegenwart, noch unwirkliche Zukunft verschwisterten sich mir zur Einheit im ewigen Acker. Ich sah den Urvater, der in der Kuhhaut kam, wie er aus den Leinensäcken Samen und Erde warf, ich sah die Nachgeborenen, wie sie Korn und Scholle vom ewigen Acker mit in die Fremde nahmen, bis nach Ungarn, selbst über das große Wasser nach Amerika. Das Geheimnis des ewigen Ackers ließ mich nicht mehr los. Als sie im selben Sommer, gerade zur Erntezeit, den lieben Ahnen als stillen Schläfer auf den Schragen legten, von dem es kein Aufstehen mehr gab, da lief ich in einer kindlichen Eingebung zum ewigen Acker, holte eine Handvoll Erde und ein Büschlein Aehren und legte sie dem Entschlafenen unter das weiße Laken in die Totentruhe. Auf daß die Saat auch drüben im Ewigen aufgehe, drüben beim Urvater und allen Vorfahren, die den ewigen Acker besät, auf daß sie auch im Himmel die Erdenheimat hätten. Als ich so tat, war es mir, als ginge ein Lächeln der Verklärung über die stillen Züge des Heimgegangenen. So oft ich heute als Mann am ewigen Acker vorbeikomme, ziehe ich den Hut, neige ich das Haupt, halte ich den Atem an wie vor einem hochgeweihten, heiligen Wesen, in dem mich Ewiges umwittert. Der Blitz schlägt ein Ein fesselndes Gewitterbild Guten Tag, Herr Professor! Ich bin sehr erfreut, Sie endlich einmal in unserer Stadt zu sehen. Man sollte es eigentlich nicht glauben, daß Sie beinahe zehn Jahre in der Nähe wohnen, ohne die schönste Stadt am Niederrhein einmal besucht zu haben. Haben Sie nie Wilh. Riehls Wanderbuch in der Hand gehabt? Darin schrieb dieser deutsche Wanderer, der das Vaterland wie kaum ein anderer durchstreift hat, über Cleve:„Ich rechne diese reizende Stadt zu den schönsten deutschen Städten.“ Herr Professor, wenn dieses Urteil Die Schwanenburg, wie sie heute aussieht auch 60 Jahre alt ist, ich bin überzeugt, daß Sie es nach unserem Rundgange auch heute noch unterschreiben.— Gewiß, wenn man aus unserem wenig schönen Bahnhof tritt, ist man nicht gerade überwältigt. Der Bahnhofsvorplatz ist nicht besser als jeder andere Dutzendplatz. Aber Sie sehen, wie wir den Fremdling mit Blumenschmuck und wehenden Fahnen schon hier liebenswürdig begrüßen. Sie haben richtig geraten, dieser Kanal, der Spoykanal, ist unsere Schiffahrtsverbindung mit dem Rhein, und nach der anderen Seite setzt sich dieser Kanal fort in der lieblichen Wasserfläche des Kermisdahls. Wenn man weiß, daß diese spiegelnde Wasserfläche, die so still und ruhig daliegt, in Vorzeiten einmal das wilde Bett des Rheines war, dann sollte man vermuten, daß schon die Römer auf dieser weit in die Ebene vorspringende Nase des Höhenzuges, auf der jetzt die Schwanenburg steht, eine Hochwarte oder einen strategischen Stützpunkt gehabt haben. Aber weder schriftliche Ueberlieferungen noch Römerfunde deuten darauf hin. Erst 1020 taucht Cleve zum ersten Male in der Geschichte auf, als Heinrich II. den flandrischen Grafen Rütger zum Erbgrafen von Cleve bestellt. Sie schließen ganz richtig aus dem ganzen Eindruck, den Sie hier oben auf dem Burgberge gewinnen, daß die Burganlage früher erheblich größer und umfangreicher war und daß viele Zeiten an ihr gebaut haben. Sicher hat jener Rütger von Flandern schon eine Burg hier vorgefunden oder selbst gebaut. Als die Herren von Cleve im 14. Jahrhundert Herzöge wurden, mußten sie sich eine würdigere Residenz schaffen. Wilhelm der Reiche hat sie um 1580 weiter ausbauen lassen. Moritz von Nassau bringt in der Zeit seiner Statthalterschaft in den Arkaden, die man später zum Teil leider verbaut hat, die behaglichen Formen des niederländischen Barocks in die Bauanlage hinein. Zur Zeit ihrer größten Ausdehnung erstreckten sich die Schloßbauten bis drüben zur Synagoge hin und außer Schwanenturm und Spiegelturm, die noch heute erhalten sind, wurde das Schloß damals von zwei weiteren Türmen, Johannisturm und Cimelienturm, flankiert. Ja, sie blickt auf eine reiche Geschichte zurück, diese Schwanenburg. Aus dem Dämmer der Sage zieht der Schwan mit dem Schwanenritter herauf. Heinrich von Veldecke, der von seiner Burgstube weit in niederrheinisches Land schaut, singt hier seine„Eneit“ und trägt die Mär vom Schwanenritter zum Sängerstreit auf der Wartburg. Der große Erasmus von Rotterdam ist oft hier zu Gaste. Johann Weyer schreibt auf dem Clever Schloß seine Anklage gegen den Hexenwahn. Konrad von Heresbach bringt hier das erste Werk über die deutsche Landwirtschaft heraus. Nach der Glanzperiode der Clever Herzöge hält der Große Kurfürst in der Burg oft sein Hoflager ab. Dann aber läßt das Interesse der Hohenzollern für die„dritte Residenz“ nach. Die Burg zerfällt. Kriegs= und Domänenkammer, Regierung und Hofgericht lassen sich in der Burg nieder. Einer der größten Deutschen, der Reichsfreiherr vom und zum Stein, wohnt einige Jahre hier als Kammerpräsident. Ich weiß, Sie interessiert mehr die alte schöne Kirche, vor der wir stehen. Ein prächtiges Baudenkmal des Niederrheins! 1341 hat Dietrich IX. den Grundstein zu dieser Stiftskirche gelegt und Meister Konrad. der Schöpfer des Xantener Domes, hat sie gebaut. Der wundervolle Marienaltar des Douwermann und die Michaelskapelle mit den Grabdenkmälern der Clever Herzöge werden Ihr besonderes Interesse erregen. Sie sind erstaunt über die Pracht des alten Parkes, in dessen lichte Weite wir aus dem Dämmer der alten Kirche schon nach wenigen Schritten treten? Prinz Moritzpark ist er getauft. Es war früher der Garten zum Stadtpalais, das sich Moritz von Nassau hier auf der Höhe am Ufer des Kermisdahls baute. Sie sehen es heute noch, in Privatwohnungen umgewandelt, am Eingang zum Park. Sie kennen sicher Mauritshuis im Haag mit seiner schönen Sammlung niederländischer Meister. Es ist der gleiche Moritz von Nassau, der jenes„Mauritshuis“ und unseren Prinzenhof von Pieter Post bauen ließ. Wer dieser Moritz von Nassau eigentlich war? Wie viele seiner Vettern trat Moritz von Nassau=Siegen als junger Offizier in das holländische Heer ein, um den oranischen Verwandten im Kampfe um die Befreiung der Niederlande vom spanischen Joch beizustehen. Später schickt ihn die westindische Kompagnie als Generalgouverneur nach Brasilien, wo er ein so glänzendes Verwaltungstalent an den Tag legt, daß ihn der Große Kurfürst 1647 zu seinem Statthalter in den neuerworbenen clevischen Landen macht. Diesem Manne, dessen Lust es war,„zu bauen, zu graben, zu pflanzen“, verdankt Cleve seine landschaftliche Schönheit und den Reiz, den es heute auf den Wanderer ausübt. Ich sehe Ihnen an, Sie haben Lust, dieser prächtigen Nassauerallee zu folgen. Aber wir würden mit unserem Rundgange nicht fertig werden. Für ein andermal empfehle ich Ihnen, hier hinaus zu wandern zum Sternbusch und zum Prinzengrab, wo die Grabtumba des Prinzen Moritz unter dunklen Bäumen einsam abseits der Straße liegt. Wenn Sie dann jenseits des Waldes in die Ebene treten, und Sie wenden Ihren Blick zurück und sehen, wie die Stadt über dem Wasser des Kermisdahls aus grüner Walddämmerung in schmalem Schattenriß hinauswächst in den blaugrauen niederrheinischen Himmel, dann werden Sie, der so viel in deutschen Landen gewandert, hat, mir Recht geben, wenn ich behaupte, daß dieses Bild eines der schönsten Landschaftsbilder Deutschlands ist. Heute muß ich Sie schon diese alte Lindenallee hinauf bemühen. Sehen Sie hier dicht zu unseren Füßen die roten und grauen Dächer der Stadt mit ihren geschwungenen Linien, die Burg und Kirchen so schön verbinden. Und das ist die Niederrheinische Tiefebene, vom lichten Band des Stromes durchzogen und von Pappelalleen in viele abwechslungsreiche Szenerien geteilt. Von jenseits des Stromes grüßt der Eltenbera mit seinem Kirchlein herüber. Im Süden und Westen liegt hinter der stillen Beschaulichkeit Materborns der grüne Teppich des Reichswaldes ausgebreitet, den Sie tagelang nach Herzenslust durchstreifen können. Und schauen Sie all die Kirchtürme, die aus dieser Eebene herauswinken: Oualburg, Bedburg, Calcar, Hau, Moylands Schloßturm, Ein Winkel an der Burg Was heute in der Burg untergebracht ist? Landgericht und Amtsgericht mit allem, was dazu gehört! Im Spiegelturm befindet sich außer dem städtischen Archiv und der städtischen Bücherei das Clever Landmuseum. Sie finden dort interessante Dinge. Sie sind ein wenig erstaunt über das Leben und Treiben, das um diese Zeit auf dem Schloßberge herrscht. Das sind unsere holländischen Nachbarn, die in den letzten Jahren wieder in hellen Schaten nach Cleve strömen. Bis tief in Holland hinein gehört es heute schon wieder fast zu den Selbstverständlichkeiten, einmal im Sommer „een tochtje naar Kleef“, einen Ausflug nach Cleve, zu machen. Mit der Straßenbahn und mit der Eisenbahn kommen sie und dann vor allen Dingen mit den schönen, bequemen Autobussen. Manchmal haben wir an einem Tage 20—25 solcher großen Tourenwagen hier. Drüben hinter dem massigen Denkmal des Großen Kurfürsten finden Sie im„Großen Kurfürsten“ einen beliebten Einkehrort der holländischen Reisenden, wo sie die Deckenskulpturen ihres Landsmannes Jan Hansche von Amsterdam bewundern. Die Schwanenburg z. Zt. des Moritz von Nassau Die neue Christus-König-Kirche Xanten, Wesel, Kevelaer, Emmerich, Nütterden, Schenkenschanz, Cranenburg, Nymwegen und viele andere. Vor hier aus könnte ich Sie viele herrliche Wege führen; doch die Zeit drängt. Indessen, diesen prachtvollen Hochwald, der vor uns liegt, will ich Ihnen nicht unterschlagen. Im Gegenteil, durch den Buchendom des Tiergartenwaldes will ich Sie zum Amphitheater und zum Forstgarten bringen. Dieser Moritz von Nassau war ein Prachtkerl. Was hätte er erst aus Cleve geschaffen, wenn er nicht eines armen Fürsten Diener gewesen wäre. Aber seine Lust am Bauen, Graben und Pflanzen war so groß, daß er mit dem Kurfürsten Stück um Stück seiner brasilianischen Kostbarkeiten gegen Ländereien eintauschte. Und so entstand neben dem Sternbusch der Tiergartenwald, dessen Plan Jakobus van Kempen, der Schöpfer, des Amsterdamer Rathauses, entwarf. Uebrigens, das wird Sie interessieren, der Berliner Tiergarten ist wenige Jahrzehnte später nach dem Muster des Clever Tiergartens angelegt. Und nun lassen Sie hier vom Bergplateau aus, dem Kupfernen Knopf, wie wir ihn nennen, weil der Adler, der den Obelisken krönt, auf kufernem Knopf steht, dieses Landschaftsbild auf sich wirken. Hell liegt, von Bäumen eingerahmt, das weite Land vor Ihrem erstaunten Blick. Moritz von Nassau, der Mann, dem Cleve seine Schönheit verdankt Zu Ihren Füßen springen die Silbersäulen der Wasserkunst lustig ins Sonnenlicht. Der Rheinkanal, von Linden überschattet und geleitet, zieht sich durch den Vordergrund der Landschaft und über ihm erhebt sich in der Ferne der Turm des Eltenberges. Ein Bild, das man nicht leicht vergißt. Hier unten neben den Quellteichen, in deren obersten sich die Minerva des niederländischen Bildhauers Quellin spiegelt, ist ein Geschenk der Stadt Amsterdam an den Prinzen, liegt der Stahlbrunnen. Probieren Sie ruhig ein Glas, Herr Professor. Es schadet Ihnen nicht und ist genau sogut und in seiner Analyse fast wie die Wasser von Spaa und Pyrmont. Nur hat man hier nicht so viel Reklame gemacht, namentlich nicht in den letzten Jahrzehnten vor dem Kriege, als die Stadt sich zur Industriestadt entwickelte. Aber damals, als Johann Heinrich Schütte, Medicinae Doktor und Physikus des Herzogtums Cleve, 1742 den eisenhaltigen Brunnen entdeckte und seine ersten Badekuren begann, war der Ruf des neuen Brunnens bald im benachbarten Holland und in Rheinland=Westfalen in aller Munde und durch anderthalb Jahrhunderte war Cleve ein kleines, beliebtes Bad. Und nun lassen Sie uns noch über die Straße hinübergehen zur anderen Seite, wo hohe Bäume über sanften, gezirkelten Rasenflächen ihre seltenen Kronen im Winde wiegen. Das ist der Forstgarten, eine Schöpfung des Kammerpräsidenten von Bugenhaben aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Hier sehen Sie die schönste Weymutykiefernallee Deutschlands, hier finden Sie Cedern, Platanen, Gingho= und Mammutbaum, Tulpenbäume, Lebensbaum und Cypresse und viele andere Bäume, deren Heimat sich in fremden Erdteilen befindet. Rhododenbrombüsche leuchten flammend rot, zartlila und blaßgelb aus dem Schatten der Bäume. Am schönsten ist es hier ab Frühlingsabend, wenn aus dem Dunkel Stern um Stern aufleuchtet und Nachtigallen süß zu singen anheben. Diese Straße führt uns schnurgerade ins Herz der Stadt zurück. Ja, Sie wundern sich über den lebhaften Verkehr der „Großen Straße“, auf der wir jetzt angelangt sind, und über die Fülle großer und schöner Geschäfte. Und doch hat diese Stadt nur 22000 Einwohner. Freilich, nach ihrer Kaufkraft gerechnet, ist sie viel größer. Schon wenn man ihre beiden Vorstädte, Kellen und Materborn, mit denen sie immer dichter verwächst, hinzurechnet, kommt man auf über 32 000 Einwohner. Und da die Stadt, wie eine Spinne im Netz, mitten im Kreise liegt, ist auch das Wirtschaftsleben des Kerises eng mit der Stadt verbunden. Darum pulst ein so reiches gewerbliches Leben in ihr. Draußen jenseits des Bahnhofs liegen die Margarinewerke van den Bergh,s, liegt die Schokoladefabrik Bensdorp und die Biskuitfabrik Xox. Und oben auf der Höhe, nach Materborn hin, liegt die größte Kinderschuhfabrik Europas, G. Hoffmann. Sie haben ja sicher auf dem Stempel meines Briefes gelesen:„Cleve, die Stadt der guten Kinderschuhe“. Keine Sorge, wir sind in wenigen Minuten am Bahnhof. Hier rechts sehen Sie noch unseren Verkehrskiosk, den wir vor wenigen Jahren erbaut haben. Wenn Sie Renaissancetor am Schloß wiederkommen, können Sie sich hier jede gewünschte Auskunft holen. Bitte sehr, Herr Professor, keine Ursache, es war mir ein Vergüngen, Ihnen den Cicerone zu machen und Ihre dankbare Begeisterung für unsere Stadt ist mir Lohn genug. Text und Photos: Dr. Stapper. Heitere Welt. Gespräch vor dem Hühnerharem. „Weißt du, Gockel, ist ja ganz schön, so'n kleiner Abendbummel. Nur die Angst jetzt, daß eine meiner achtzehn Frauen aufwacht!“ * Ein Glück. Frau Keller und Frau Wolter saßen beim Kaffee. „Stellen Sie sich vor," sagte Frau Wolter,„nun hat Henneberg doch wieder geheiratet... und seine Frau ist erst knapp fünf Monate tot!“ „Ach ja," seufzte Frau Keller,„ein Glück, daß sie es nicht mehr erlebt hat!“ * Hochsommer. „Er läßt ihr jeden Abend Eis kommen!“ „Dann ist es ja kein Wunder, wenn sie sagt, er behandelt sie kalt!“ * Der Forscher. „Es war ja sehr interessant, dort im fernen Osten, aber ein paarmal im Monat gab es ein Erdbeben!“ „Hatten Sie denn keine Angst?“ „Ich, Angst? Die Erde zitterte ja mehr als ich!“ Freundinnen. „Ich habe gestern abend Anni getroffen— wir hatten eine lange vertrauliche Aussprache!“ „Das habe ich mir beinahe gedacht... sie wollte mich heute kaum grüßen!“ * Freunde. „Das sieht doch jeder Dummkopf, daß die Rechnung nicht stimmt!“ „Ich kann nichts sehen!“ „Na, also, dann fast jeder Dummkopf!“ * Grund genug. „Ich habe jetzt endgültig beschlossen, Martin nicht zu heiraten!“ „Warum denn? Ist Dir was Schlechtes über ihn zu Ohren gekommen?“ „Nein— aber ich kann ihn trotz aller Mühe nicht dazu veranlassen, um meine Hand anzuhalten!“ * Soldaten. „Das Brot ist hart wie Stein, Herr Feldwebel!“ „och will Ihnen mal was sagen: wenn Napoleon das Brot gehabt hätte, als seine Armee aus Rußland zurückzog, würde er es mit dem größten Vergnügen gegessen haben!“ „Natürlich... damals war es ja frisch!“ * Sehr bissig. Mark Twain hielt bei einem Festessen einmal eine sehr witzige Rede. Alles brüllte buchstäblich vor Lachen. Hinterher hielt ein Rechtsanwalt noch eine kleine Ansprache. Er hielt die Hände in den Taschen und begann mit den humoristisch sein sollenden Worten: „Meine Damen und Herren! Soeben hat sich ein Wunder ereignet: Ein Humorist hat tatsächliwitzige Rede gehalten!“ Hier sprang Mark Twain auf und rief: eine „Und nun, verehrte Anwesende, erleben Sie das zweite Wunder: Sie sehen einen Rechtsanwalt vor sich, der seine Hände in den eigenen Taschen hat!“ * Viel Lärm um nichts. Der junge Anwalt will einmal recht schneidig zugunsten seines Mandanten loslegen, und als der gegnerische Anwalt anführt:„Der Beklagte also begab sich zu der Wohnung des Herrn Müller, um mit ihm über den Fall zu sprechen. Vielleicht berichtet der Beklagte einmal, was Herr Müller da gesagt hat.“— da fährt er dazwischen:„Diese Frage muß ich als nicht zur Sache gehörig abweisen.“ Der gegnerische Anwalt beantragt Gerichtsbeschluß über Zulassung seiner Frage. Nach einer Weile ist sich der Gerichtshof einig, die Frage wird zugelassen. „Also was hat Herr Müller an diesem Abend zu Ihnen gesagt?“. nimm der Anwalt die Frage wieder auf. Angeklagter:„Ich habe ihn überhaupt nicht angetroffen.“ * Sonnenbadgespräch. An der Ostsee. Zwei Herren liegen auf dem Sande und plaudern. Die Sonne scheint heiß herunter. Das Meer rauscht. „Sie hamm da ä inderessandn Flegg“, sagt der eine„Wo denn?“ „Da auf dem rechdn Arm. Das ist ä Bichmendflegg.“ „Was?" „Ae Bichmendflegg. In der Haud sidzn laudr gleine braune Binggdjn. Das sind Bichmende. Wenn nun die Sonne auf die Hand scheind, da hobsn die Bichmende alle an die Oberfläche. Da wird der Mensch braun. Bei Ihnen sind aber nun an einer Schdelle sehr viele Bichmende. Und das gibd dann ännen sogenannden Bichmendflegg. „Das is ja indressand. Und sowas soll ich haben?“ „Nu freilich. Sie sind doch an der einen Schdelle brauner als wo anders.“ „Aejja. Das is gein Bichmendflegg. Da habe ich mich vorhin mid Cagao begleggerd...“ „Schade. Wenns ä Bichmendflegg wäre, wärsch indressandr.“ Sohn des Vaters. Das Söhnchen des Theaterdirektors hat den ersten Schulbesuch hinter sich. „Na, wie war es denn?“ erkundigt sich der Vater. „Du wirst es nicht für möglich halten, Papa! Es war „Darum also!“ Vetterlein, der ganz talentvolle Maler, vollführte gerade einen Indianertanz, als der Kollege Bücklinger bei ihm eintrat.„Mensch, vor zwei Minuten hab' ich ein Bild verkauft! An den Direktor Zeisig. Er war mit seiner Frau hier; eben sind sie fortgegangen.“ Bücklinger nickt.„Aha, darum also!“ „Was darum?“ „Gerade sind mir auf der Treppe ein Herr und eine Dame begegnet, und hat die Frau zu dem Mann gesagt: Du bist ein Esel!“ Ein Kapitel Trambahn von Julius Kreis So, Hansel, tua dich brav zur Muatter hersetz'n, sagt die Frau in der Trambahn und nimmt ihren Buben auf den Schoß. Es ist kein Wickelkind mehr und kein Traakind, es ist ein wohlgeratenes, so um die Schulpflicht herum stehendes Bürscherl. Auf dem Schoß der kleinen Mutter nimmt er sich recht mächtig aus, die Leute sehen ein bißchen stirnrunzelnd darauf hin und ein Passagier murmelt mißbilligend: A so a Mordstrumm Klachl brauchat aa nimmer am Schoß sitz'n! Das ist auch Ansicht des Schaffners, der aber in seiner Eigenschaft als Beamter seine menschliche Meinung in sachlich=dienstliche Worte kleiden muß. Für den Buben da muß auch ein Fahrschein g'löst wer’n. Waas? Für des Kind?! Ausg'schloss'n! Da hab i no nia a Billett g'nomma„so lang i mit eahm fahr. Waar ma schon z'dumm! Die Mutter blickt starr und abweisend am Schaffner vorbei, so, als ob der Fall für sie erledigt wäre. Der Schaffner sagt als geschulter Psychologe, gütig und wohlwollend: Geh, Frau, des siecht doch jeder, daß der Bua an Fahrschein braucht. Aber des siecht aa jeder, sagt die Mutter, daß des Kind no minderjährig is. Und wenn S' was von Ihrer Vorschrift verstenga, na wissen S', daß Minderjährige nix zahl'n müassn. Vier Jahr werd er auf Weihnachten. Der Schaffner: Vier Jahr oder vierzehn— des geht mi nix o... Was über an Meter is, zahlt! Der Knabe: Mami, i bin scho fünf Jahr alt... Die Mami: Red net so saudumm daher,— vieri werst! Der Schaffner: Also, machen S' jetzt keine langen G'schicht'n mehr, Frau. Für den Buam müassen S' zahl'n! Der is weit über an Meter! I bin ja net kleinlich, gehr mir auf a Handbreit net z'samm, aber was z' vui is, is z' vui, da fehlt's ja glei mehr als um an Bauernschuach. Die Frau: Des Kind werd an Meter ham! Des glaab'n S' ja selber net. Hab ja i nur an Meter achtafuchz'g. Der Schaffner: Sehr einfach. Da braucht er si nur hinstell'n. Da is der Meter markiert an der Tür. Die Mutter: Der braucht sie gar net hi'stell'n! Des woaß i besser, wia groß mei Kind is! Der Schaffner: Tuat mir leid, nachher müass'n S'aussteig'n, Frau. Die Frau: Wenn i mag, scho! Drei Jahr lang fahr i jetzt mit dem Kind scho auf der Trambahn und hob no nia zahl'n müass'n! ja no zwanzg Der brummige Fahrgast: De könnt Jahr damit umsunst fahr'n woll'n... Die Frau: Eahna geht's überhaupt nix o! Sie schaug'n grad so aus, als ob Sie was z' schnabeln hätt'n. Mit dera Wamp'n nemma S’ a so zwoa Plätz ei. Der Schaffner: Also, Frau, san S' vernünftig. Ueberzeug'n S' Eahna selber, daß der Bua mindestens an Meter zwanz'ge hat.. Die Mutter: Des kann er gar net ham! Mei Marerl ham mir erscht neuli auf der Wies'n g'wog'n. De is um a Jahr älter und wiagt no koane vierz'g Pfund! Der Schaffner(energisch): I fahr net weiter. Die Fahrgäste murren. Der Knabe verzieht das Gesicht zum Greinen. Ein alter Herr redet der Mutter gut zu:... Geh'n S' zu, Frau' stell'n S' den Buben halt an das Maß hin, da is ja nix dabei. Die Frau(widerwillig nachgebend):... Weil i no nia was zahlt hab dafür... Der Hansl wird vom Schaffner an die Metermarke gestellt; unter der Anteilnahme aller Wageninsassen ergibt sich, daß er fast um Kopfeslänge darüber hinausreicht. Der Schaffner(mit dem resignierten Gesicht des Menschen, der viel um Recht und Vernunft kämpfen muß): I hab's ja glei g’sagt... Die Mutter:... Wenn des a Meter is, der Strich da...? Des möcht i scho bezweifeln, ob des a Meter is, des kloane Stückl! Unser Küchenkasten is genau an Meter hoch und der Bua, der siecht no lang net drüber. Der Schaffner: Eahnan Küchenkasten könna ma net rei'stell'n. Also: Zahl'n oder aussteig'n. Die Mutter klaubt wütend aus der Geldbörse die Fünferl heraus. Aber des sag i Eahna, daß i mi bei der Direktion beschwer und in die Presse laß i's aa nei'setz'n. Allweil geht's an de Kloana naus. Des mit dem Meter ham aa wieder de Großkopfet'n ausdenkt. Und überhaupts, meiner Lebtag is der Bua koan Meter groß... Die Frau ist geladen. Sie möchte jetzt gern so einen Großkopfet'n beim Krawattl haben, es kribbelt ihr nur so in den Händen. Aber weil keiner da ist, wendet sie sich ihrem Buben zu, der wieder auf ihrem Schoß Platz genommen hat, und nun kommt erst recht in das Bewußtsein der Mutter, daß sie für den Buben gezahlt hat. Sie nimmt ihren Hansl energisch um die Taille und setzt ihn neben sich: Da hockst di jetzt her! Zahlt is der Des gang mir grad no ab, daß i so a Mordstrumm Mannsbuid am Schoß sitz'n hätt... Schottenwitz. „Bringen Sie uns bitte zweimal Salzkartoffeln!“ „Und was dazu?“ „Danke, die Beefsteaks haben wir uns selbst mitgebracht.“ * Der Unterschied. Um 8 Uhr war Bugge an seinen Stammtisch gekommen, aber bereits 10 Minuten vor 9 erhob er sich wieder. „Guten Abend, meine Herren! Ich will heute mal früh nach Hause. Da freut sich meine Frau.“ „Da hätten Sie doch erst gar nicht zu kommen brauchen.“ „Ach nee! da hätte sie sich nicht bloß gefreut—— da hätte sie triumphiert." * Es geht! Der Firma B. geht es sehr schlecht. Fragt da einer den Geschäftsinhaber:„Was geht denn bei Ihnen eigentlich vor?“ „Nun, wenn ich ehrlich sein soll, nur meine Uhr.“ * Eines Tages besuchte Boito, der Komponist der italienischen Oper„Mefistofile“, mit einem befreundeten Dirigenten der Mailänder Skala den Kritiker Filippo Filippi. Der Kritiker, der sich selbst auch mit der Komposition von Tänzen und Liedern befaßte, hatte gerade, als der Besuch kam, eine Mazurka beendet. Voller Stolz spielte er sie gleich den beiden Freunden vor. Als er geendet, bat ihn Boito, die Mazurka noch einmal zu spielen; sie interessierte ihn sehr. Filippi tat ihm den Gefallen, kaum aber war er fertig, rief Boito:„Lieber Filippi, Sie sind mir ja ein schöner Dieb; kommen Sie heute abend mit, ich werde Ihnen beweisen, daß Sie die Mazurka gestohlen haben!“ Alle Beteuerungen und Einwendungen konnten Boito nicht überzeugen. Er erschien am Abend pünktlich zur festgesetzten Stunde und holte Filippi und seinen Freund ab. Er führte sie in einen kleinen Zirkus, der ganz in der Nähe aufgeschlagen war. Die Vorstellung hatte gerade begonnen. Eine Kunstreiterin galoppierte gerade in der Manege und eine recht bescheidene Kapelle spielte, während die Reiterin ihre Kunst zeigte, Filippis Mazurka. Filippi erblaßte. Geschlagen ließ er die Beschimpfungen der Freunde, die ihn Dieb und Betrüger nannten, über sich ergehen. Erst bei einem Glase Wein erklärte Boito seinen Scherz. Er hatte ein so gutes Gedächtnis, daß er die Mazurka nach zweimaligem Anhören hatte niederschreiben können. Und für eine entsprechende Belohnung war der Dirigent der Zirkuskapelle gern bereit, sie zur festgesetzten Zeit zu spielen. * Verzweifelte Chancen. „Was wollen wir machen, heute abend?“ „Laß uns losen. Wir werfen einen Groschen hoch. Fällt die Zahl, dann gehen wir ins Kino. Fällt die Rückseite, dann gehen wir tanzen. Bleibt er auf der Kante stehen, dann bleiben wir zu Hause.“ * Die Fakire im Orient im Okzident SCHACH-ZEITUNG Problem=Schach. Aufgabe Nr. 27 von H. Verholen. (Kölner Stadt=Anzeiger 1925). Schwarz: Ka8, Lb2(2). abcdefgh nini. abcdeg Weiß: Kcs, Tfi, Le3(3). Matt in 3 Zügen. Lösung der Juni=Aufgaben. Aufgabe Nr. 22 von K. W. Kettner. Matt in 2 Zügen. Weiß: Kh2, Dg2, Tb1, Te6, Lb8, Lc6, Sab, Bc2(9). Schwarz: Kb6, Da2, Ta3, Th2. Ba6, b4, f4 h3(8). 1. c2—c4(droht c5 oder Lc6 beliebig++) b4Xc3 e. p. 2. Dg2—f2++; 1.... Th2Xg2+. Lc6Xg2++; 1.... Da2Xc4 2. Sa5Xc4++. Aufgabe Nr. 23 von H. Berkenbusch. Matt in 3 Zügen. Weiß: Kas, Dal, Tc7, Tfl, Bbö, b2, d6, e5, h6(9). Schwarz: Kgs, Tc5, Th8, Ba2, b3, d7, h7(7). 1. Tf1—f2 Tc5—c1 2. To7—c2. Zieht der Turm, so folgt Tc2—c8++ oder Dal-g1++, auf b3Xc2 aber folgt Dat Xa2++. Aufgabe Nr. 24 von O. Hahne(Urdruck). Matt in 2 Zügen. Weiß: Kb7, Df4, Tf5, Le8, Sc7, Se5, Bd2(7). Schwarz: Kc5, Te1, Lg7, Ba3, a5, b3, e4, h3(8). 1. Le8—b5!(droht Sc6++) Kc5—b4 2. Se5— d3++; 1.... Kc5—d4 2. Df4—e3++; 1.... Kc5— d6 2. Se5—g6++. Aufgabe Nr. 25 von Kurt Richter. Matt in 3 Zügen. Weiß: Kc5, De5, Te7, Sd4, Sf8, Bbö(6), Schwarz: Kd8, Dg8, Tc8, Lb8, Lf7, Sf6, Sf5, Bb7, Bg7(9). 1. De5—e8+ Kd8Xe8 2. Tc7Xc8+ Ke8—e7 3. Sd4Xf5++; 1. ..Lf7Xo ... Ke8Xc7 2. b5—b6++; 1. f7Xe8 2. Sd4—e6+ Dg8Xe6 3. Sf8Xe6++; 1.... Sf6—e8 2. Sd4—c6+ b7Xc6 3. Tc7—d7++ oder 2.... Kd8Xc7 3. b5—b6++. Aufgabe Nr. 26 von Dr. A. Krämer. Matt in 4 Zügen. Weiß: Kg6, Da4, Ta6, Tg8, La3, Ldl, Ba2, b4, b5, c6, c2, e3(12). Schwarz: Kc3, Lb8, Bb6, c7, c4, d2, e4(7). 1. Ta6—a7 Lb8Xa7 2. Tg8—b8 La7Xb8 3. Da4— a8 Lb8—a7 4. Da8—g8++. Der Trumpf der c—Linie. Partie Nr. 49. Französische Partie. (Gespielt im Aachener Meisterturnier.) Weiß: Dr. Rödl, Nürnberg. Schwarz: John, Berlin. 1. e2—e4 e7—e6 2. d2—d4 d7—d5 3. Sb1—d2 Sg8—f6 Gewöhnlich geschieht hier c5 mit der Fortsetzung dXc5, LXc5, Sb3, Lb6 usw. mit vortrefflichen Gegenchancen für Schwarz. Der Textzug stellt sich als vorteilhaft für Weiß heraus, da jetzt der Punkt d4, der sonst in der„Französischen“ Partie leicht zu einem Sorgenkind für Weiß werden kann, mittels c3, Sdfs und Sge2 hinreichend gedeckt werden kann. Zudem kommt zur Beherrschung der c—Linie. Sf6—d7 c7—c5 Sb8—c6 Dd8—b6 c5Xd4 Lf8—b4+ Weiß auf 4. e4—e5 5. Lf1—d3 6. c2—c3 7. Sg1—e2 8. Sd2—f3 9. c3Xd4 10. Kel—f1 Damit geht Weiß der Vereinfachung durch Ld2, LXd2+, DXd2, Db4 usw. aus dem Wege. 10. f7—f5 11. g2—g3 Sd7—f8 Damit beginnt eine für den John'schen Spieltypus charakteristische Umgruppierung. Die Stellung des schwarzen Königs erweist sich aber in der Mitte des Brettes im späteren Verlauf der Partie als nicht besonders günstig. 12. Kfl—g2 Lc8—d7 13. a2—a3 Lb4—e7 14. Se2—c3 a7—a6 15. b2—b4 Db6—c7 Ein Räumungszug für den b—Bauern! Es soll Sa4 nebst Sc5 verhindert werden. 16. Sc3—a4 b7—b6 17. Lc1—d2 Dc7—b7 Der damit eingeleitete Angriffsversuch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Als Merkmal bleibt, wie immer bei derartigen unmotivierten Angriffsmanövern, eine deutliche Schwäche des Königsflügels. Tal—c1 Le7—d8 h2—h4! h7—h6 Te1—h1 95—g4 Nun ist die Spannung auf dem Königsflügel aufgehoben und Weiß kann sich in Ruhe auf die kommenden Ereignisse vorbereiten. Ld7Xa4 Sf3—g1 b3Xa4 b6—b5 Ld8—b6 Sf8—g6 0—0 Tf8—e8? SgoXe5 Se5—c4 Te8Xe6 Kg8—g7 Ta8—d8 Kg7—f8 Db3Xa4 26. Da4—b3 27. Sg1—e2 28. Th1—c1 29. Tc2—c6 Hier gab es nur Sd8! 30. Ld3Xf5! 31. Tc6Xe6 32. Db3—d3 33. Lf5Xe6 34. Se2—f4 35. Dd3—g6+ 36. Le6Xf7 Sehr stark kam auch Shö in Betracht; jedoch genügt hier auch der Qualitätsgewinn zum Gewinn. 36. Db7Xf7 37. Sf4—e6+ Kf8—e7 38. Dg6—f7- Ke7Xf7 39. SebXd8+ Lb6Xd8 Es folgte noch: 40. Lh6:, Lb6; 41. Le3, a5; 42. bXa5, LXa5; 43. Tb1, SXa3, 44. Tb3, b4; 45. Ld2, Sc2; 46. Tb2, SXd4; 47. LXb4, Ld8; 48. Td2, Lf6; 49. Lc5, Sf3; 50. TXd5, Keß; 51. Tdl, Kf5; 52. Thl, Sd2; 53. Th5, Kg6; 54. Th4, Khö; 55. Tf4. Aufgegeben. Glänzendes Kombinationsspiel. Partie Nr. 50. Damengambit. (Gespielt in dem kürzlich beendeten Turnier zu Budapest.) (Jugoslawien). d7—d5 irz Weiß: Frydmann(Polen). Dr. Vidmar 1. d2—d4 2. Sal—f3 3. c2—c4 4. c4Xd5 Diese frühzeitige Zentrum verspricht dem Vorteil. 4. Sg8—f6 c7—c6 der Spannung im Inziehenden keinerlei c6Xd5 5. Sb1—c3 6. Lc1—f4 7. e2—e3 8. Lf1—d3 9. 0—0 Sb8—c6 e7—e6 Lf8—e7 0—0 a7—a6 Sehr gut ist an dieser Stelle der von Bogoljubow empfohlene Springerausfall Sh5, um die ungünstige Stellung des Läufers auf f4 auszunutzen. Le5 könnte darauf vorteilhaft mit f5 oder f6 beantwortet werden. 10. Ta1—c1 Lc8—d7 11. Sf3—e5 Ta8—c8 12. a2—a3 Sc6—a5 13. Dd1—f3 b7—b5 4. Df3—h3 Sa5—c4? Schwarz übersieht die hübsche Kombination, die Weiß auf den Textzug im petto hat, sonst hätte er sich wohl etwas mehr die Sorge um seinen gefährdeten Königsflügel angelegen seilassen. Stellungsbild. abcdefgh 15. Sc3Xd5!! Enthält die hübsche Falle: 15.... ed 16. Sd7 Dd7 17. Lh7+! Khs 18. Lf5= mit Damengewinn. Alles andere verliert auch. 15.. 97—g6 16. Sd5Xe7+ Dd8Xe7 bis auf den letzten Platz ausverkauft!“ 17. Ld3Xc4 18. Tc1Xc4 19. Lf4—g5! Tc8Xc4 bäXc4 Aufgegeben. en und Zuschriften Dortmund, Gronaustr. 44. Lösunge ortmund, an W. Westphalen, Himmel und Meer Von Dr. Klara Maria Faßbinder In einem lichten dunkel Blau breitet sich die Adria um uns, den Himmel über sich spiegelnd. Dann senkt sich die Sonne ins Meer. In breiten glühenden Streifen leuchten die Wolken auf, in breiten glühenden Streifen spiegelt das Meer sie wieder. Aber der Wind weht kühl unv bald ziehen sich die Wolken zusammen. Nichts ist von Sternen zu sehen. Aber andere Nächte kamen, da sie den Himmel dichter und dichter übersäten, daß er aussah wie ein funkelnd gesticktes Kleid. Jeder einzelne Stern leuchtete hell und viel mehr waren sichtbar als an unserm nordischen Himmel. Dennoch suchten wir dessen Sternbilder und den Polarstern, der jeden Tag ein wenig tiefer am Horizont stand. Dafür stieg auf der Südseite das Kreuz des Südens mit jedem Tag höher. Aber mit unsern Sternbildern war es doch nicht zu vergleichen! » Es war fast Neumond, als wir Venedig verließen und es dauerte Tage, bis die schmale Sichel des zunehmenden Mondes endlich am Abendhimmel sichtbar wurde. Früh gingen die Sterne auf, nachdem die Sonne um die sechste Abendstunde mit einem schnellen Ruck ins Meer gesunken war, als ob eine Hand plötzlich den Faden losließ, der sie bisher gehalten hatte. Wenn wir nach dem Abendessen auf Deck kamen, war tiefe, sternbesäte, mondübergossene Nacht. Aber war diese schmale Krümmung, die waagrecht hoch oben am Himmel hing, wirklich unser „zunehmender“ Mond, der wie der obere Teil eines geschriebenen 3 aussieht? Dieses helle Ding aus ganz funkelndem Silber mit den scharf abgeschnittenen Rändern, das mit seinem Licht fast blendete? Aber er mußte es wohl sein und jeden Abend sahen wir staunender in seinen metallischen Glanz. Aber so poetisch wie unser Verschleierter Mond war jenes funkelnde Südmeergestirn nicht! Unter dem Sternhimmel lag das Meer. Manchmal zogen funkelnde Lichter in seinen Wogen, eine Art Meerleuchten. Es war schwer, sich von dem Anblick zu trennen und die Kabine zur nächtlichen Ruhe aufzusuchen! Wunderbar tiefblau mit einem weißlichen Schimmer, wie das Glas der Jean Beckschen Vasen sah das Meer aus, da es Rotes Meer hieß und Indischer Ozean. Stun„denlang konnte ich hineinsehen in die gleichmäßig bewegte Fläche, die nur manchmal von einer Schar von Delphinen oder aufspringenden fliegenden Fischen aufgescheucht wurde. Wie Libellen oder wie Kolibris sahen diese aus, zumal, wenn 10, 12 oder eine nicht zu zählende Schar auf einmal auftauchte. Gegen Abend bekam das Meer, wenn die Sonnenstrahlen noch schräg darüberhinfuhren, jenen violetten Schimmer, der uns die homerischen Ausdrücke„das veilchenfarbene Meer, das weinfarbene Meer“ als die einzig richtigen erscheinen ließ. So tief blau und so unverändert war es über eine Woche lang, daß uns die grünliche Farbe in der Nähe von Bombay ganz verwunderlich vorkam. Gab es denn noch etwas anderes als jenes silberüberhauchte tiefe Blau? Ach ja, es gab noch anderes! Es gab ein stumpfes, nichtssagendes Grau, als sich hinter Bombay und hinter Colombo der Himmel bezog und tiefe Regenwolken herniederhingen, so tief, wie sie nur je über einer deutschen Landschaft hängen können. Trübselig sahen wir das Wasser unten fallen, in dem nichts mehr an einstigen Glanz und Schimmer erinnerte. War es also nicht das Geschenk des Meeres, das uns beglückt hatte alle die Tage hindurch? Besaß das Meer nichts, das ihm wirklich zu eigen war? Konnte es nur widerstrahlen, was es vom Himmel empfing? Und wie ein Bild und Gleichnis erschienen mir Himmel und Meer. Meer=Bild der menschlichen Seele, die so reich erscheinen kann, so unveränderlich reich. Und die sich wandeln kann, zum Nicht-mehr-wieder-zu—erkennen. Die sich ihrer Gaben rühmen mag und die doch nur widergibt, was sie empfangen hat, die arm und bloß wird, wenn die himmliche Gnade sie für eine Weile sich selbst überläßt. Himmel und Meer, Sonne, Sterne, Mond— und düstere Wolken. Menschenseele und ihr Geschick, schwebend zwischen Himmel und Erde, Beiden verbunden, beide verbindend. Möchte meine Seele ein klarer Spiegel sein, den sonnenbeschienenen, den gestirnten Himmel rein zu empfangen. Möchte ein gnadenvoller Himmel über ihr stehen, der ihr Schönheit und Fülle als schimmerndes Kleid leihe, als sein Widerschein! Ferien ohne Reise Von Maria Kirchgeßner Gesichter. Und die Kinder werden nicht mehr traurig sein, daß sie in diesem Jahr nicht verreisen durften. Nun ist auch oft ein Garten da— und wenn es nur das kleinste Stückchen Land ist—, der für Mutter und Kind Raum genug gibt für das Luft= und Sonnenbad und zu einem kleinen Spiel. Den Kleinsten macht schon ein Wasserschaff zum Plantschen helles Vergnügen. Du kannst weiter die„Kerze“ üben und Dich an sonstigen gymnastischen Kunststückchen versuchen. Du wirst braun und geschmeidig werden. Du wirst Dich freuen und Deine Kinder noch mehr. Vom Vater ganz zu schweigen. Bedenke: es ist nie zu spät! Wenn man kein Geld hat, muß man eben zu Hause bleiben. Das ist traurig, und doch werden sich auch in NOM.On diesem Sommer viele Familien mit dem Gedanken vertraut machen müssen, zum Sommerurlaub mit den Kindern nicht verreisen zu können, weil der Geldbeutel zu leer ist. Aber soll man deshalb ganz resignieren und die schönen Sonnentage samt den Kleinen trübselig hinter den sicher auch trübselig dreinschauenden vier Wänden verbringen? Das darf nun grade nicht sein, und die Mutter muß sehen, die Ferien sich und den Kindern eben zuhause so schön und erholsam wie möglich zu machen. Daß der Vater mittut, ist selbstverständlich. Väter haben sowieso meist noch mehr Unternehmungsgeist als die geplagte Hausfrau; aber es kommt nun grade mal darauf Zweckmäßige Kleidung für Reise und Sport ) 2) NDefningèr Deiringer. 1. Das kleine Sportkostüm ist aus maikäferbraunem, genopptem Diagonaljersey. Beachtenswert sind die waagerecht gestellten Knöpfe und die neuen Taschen, die dem Gürtel angeschnitten sind. Darunter trägt man einen dünngestrickten Rollkragenjumper. Haarig und gerillt zugleich ist das lichtmarine Westenkostüm in neuer sportlicher Form, das die mittlere Figur zeigt. Das Paletotensemble aus perlgrauem, zartem Jerseykrepp gewinnt durch die reiche Biesenverzierung, durch den Falteneinsatz im Rock, die angedeutete Jumperform und das grau-blau gemusterte Tüchlein. 2. Das Paletotjackenkleid aus haarigem, lichtgrauem Knötchenjersey ist der modernen Frau willkommen; sie trägt es mit einer lichtroten Wollbluse. Ein englisches Jackenkleid aus widerstandsfähigem braunem Alpenjersey bester süddeutscher Qualität, ist für Alltag, Reise und Sport unentbehrlich. Leinenjersey, etwas ganz Neues, ist das Material des flotten, lichtgrünen Promenadenkleides, das durch Stepplinien und Fransenkanten den neuesten Modevorschriften folgt, es ist ein Kleid, das zugleich sachlich und elegant genannt werden muß. Für die Reisezeit Elegante Bluse aus kariertem Taft im Kimonoschnitt mit gerafftem tuchartigem Ueberteil an, daß sie selbst mittut, daß sie sich ein wenig frei macht von der täglichen Arbeit und versucht, mit den Jungen zusammen wieder jung zu sein. Es ist nämlich niemals zu spät. Und: den Kindern dürfen die Ferien nicht verdorben werden! Sie müssen Luft haben und Bewegung, denn die Schule stellt nachher wieder ihre Anforderungen. Als man in der Sommerfrische war, hatte man es sehr bequem. Da lag man im Lehnstuhl oder im Grase den ganzen Tag, und die Kinder konnten ohne Gefahr die ländliche Freiheit genießen. In der Stadt geht das nicht so einfach: da muß man selber dabei sein! Wenn sie nicht schwimmen können, lehre es sie! Was, Du kannst selbst nicht schwimmen, vielgeplagte Hausfrau? Du hattest nie Gelegenheit und jetzt bist du zu alt? Sieh, jetzt hast Du Gelegenheit und zu alt ist man nie! Also lerne schwimmen und Deine Kinder werden sich darüber freuen. Nach dem Bade gibt es ein Spiel mit dem Ball; es macht ja nichts, wenn die Mutter anfangs etwas ungeschickt dabei ist, sie lernt es schon mit der Zeit. Und dann noch ein wenig Gymnastik. Ja, die Knochen sind steif geworden. Aber paß' auf: in zwei Wochen machst Du die „Kerze“! Wie das die Linie verbessert! Nachher schadet es gar nichts, wenn Du Dich behaglich im Schatten lagerst und Dir von Deinen Kindern das Mahl servieren läßt. Sie tun es jetzt sicher gerne und sind stolz auf Dich. Natürlich soll die Mahlzeit nicht viel Vorbereitungsarbeit machen. Es geht auch mal ohne warmes Mittagessen. Tomaten= und Gurkenscheiben oder Rettiche aufs Butterbrot und nachher etwas Obst sind erfrischend und gesund. Daraufhin kannst Du Dir sogar ein Schläfchen leisten. Der Heimweg wird wenigstens teilweise zu Fuß gemacht. Vielleicht merkst Du dann erst, wie hübsch es ist, mit den Kindern mal wochentags zu laufen, nicht nur an Sonntagen, wo alles voll Menschen ist und ohne Ruhe. Jetzt ist es schön behaglich und Du hast das angenehme Gefühl, daß es gar keine Eile hat und daß morgen ausgeschlafen werden darf. Denn es sind ja Ferien. Der Abend sieht dann ein wenig müde aber fröhliche und befriedigte Mode, der herrschenden Häuser, der Kunst und Literatur. Nach dem siegreichen Kriege 1870/71 waren Namen wie Wilhelm, Otto, August usw. modern. Zur Zeit des Buches„Die Heilige und ihr Narr“ tauchten in großen Scharen die Giselas auf und dann kamen die Marlenen, Gretas und Liliens. Es ist klar, daß die Ursache für derlei Namensgebungen der Wunsch der Eltern ist, die viel bewunderten Eigenschaften der Namensvorbilder mögen auf die Kinder übergehen, und in der Tat läßt es sich nicht leugnen, daß die, sei es aus Verwandtschaftskreisen oder Idealssphären entliehenen Namen nicht selten einen bestimmenden Einfluß auf die Entwicklung ihrer Träger ausüben. Damit eröffnen sich auf dem Gebiet der Namensnennung außerordentliche, bisher viel zu wenig beachtete Erkenntnisquellen. Unwillkürlich wird das Interesse des Kindes an seinem Namensvorbild mit zunehmendem Alter immer größer, und gleichzeitig der Wunsch, diesem Vorbild nachzueifern. Doch das ist noch nicht alles. Auch Wie sollen wir unser Kind nennen? Gehen wir einmal in Gedanken die Reihen unserer Bekannten durch, so können wir immer und immer wieder feststellen, daß überraschend oft die Namen den Charaktereigenschaften, dem äußerlichen Typ und der Lebensart ihrer Träger entsprechen. Die scheinbar so willkürlich gewählten Namen werden zum Wunschsymbol ihrer Träger und decken sich mit ihrer menschlichen Erscheinung. Im allgemeinen stehen die Namensnennungen mehr oder weniger stark unter den zeitlichen Einflüssen der Halbsportlicher Stil Die Machart des schlichten jugendlichen Jumperkleides aus pastellfarbener Angorawolle läßt es kostümartig erscheinen. Dieser Eindruck gibt ihm als Stadtanzug eine geschlossene Wirkung. die atmosphärische Färbung eines Namens, seine akustische und optische Untermalung wirkt sich auf den Träger aus. Verblüffend ist die wiederholt gemachte Feststellung, daß sich die Träger eines gleichen Namens— und stammen sie auch aus den verschiedensten Bevölkerungsschichten— in ihren Lebensäußerungen und Charaktereigenschaften merklich ähneln. Der Name zwingt einen Menschen eben zu einer ständigen Verhaltungsweise, die dem Namenssymbol zumindest ähnlich ist. Sehr oft können wir auch feststellen, daß, wenn ein Name nicht ganz dem Wunschbild des Trägers entspricht, sich dieser in seinem engeren Freundeskreise einen Menschen mit dem Wunschnamen und den entsprechenden menschlichen Eigenschaften aussucht. Oder aber er bildet sich selbst Kosenamen, die nicht etwa eine Verniedlichung, sondern vielmehr eine gerechte neue Formgebung seiner Persönlichkeit darstellen sollen. Die Wahl des Vornamens ist also von entscheidender Wichtigkeit für die Entwicklung eines Menschen, er ist nicht selten wie die Handschrift Ausdruck seiner Gesamterscheinung und bestimmt seine Zukunftspläne, Handlungen und Ziele. Mögen alle Eltern aus dieser Erkenntnis die richtige Nutzanwendung ziehen und ihre Kinder mit den Namen beschenken, die ihnen als wirklich förderndes Vorbild vor Augen stehen und nicht nur einer modischen Zeitströmung entsprechen. Ilse Renz. Behandlung des Rades und der Radlerin Um der vielen Annehmlichkeiten und Stunden willen, die einem das Stahlroß besonders zur Sommerzeit bietet, verdient es liebevolle Pflege. Mit Bürste, Pinsel und Lappen reinigt man Rahmen, Felgen und Kette von Staub und Schmutz. Oel und Vaseline beseitigen und verhüten den schädlichen Rost. Bei längeren Pausen werden die Pneumatiks stramm aufgepumpt. Das Rad wird in einem trockenen Raum auf ein Gestell gesetzt oder schwebend aufgehängt. Um zu verhindern, daß die Reifen bei längerem Stehen gänzlich austrocknen und spröde und bröcklig werden, befeuchtet man sie von Zeit zu Zeit mit Wasser, dem ein wenig Glyzerin beigemengt ist. Der Motor des Fahrrades ist der Körper des Fahrers, der nicht minder sorgfältig behandelt werden muß. Anfänger sollen ihre Leistungen nur allmählich steigern. Aber auch die geübte Fahrerin wird einen Tagesdurchschnitt von 35 Kilometern nicht überschreiten. Dabei gelte es als Grundsatz— zur Schonung von Herz und Lunge— nur kleine Hügel mit kräftigem Tempo zu nehmen, Steigungen von beträchtlicher Länge und Höhe jedoch ruhig und gleichmäßig zu fassen. Wenn die Luft knapp wird, ist es in jedem Falle ratsam, abzuspringen und das Rad zu schieben. Mäßiges Essen, Vermeidung überflüssiger Getränke erhöhen die Leistungsfähigkeit. Bei unangenehmer Steifheit nach besonders harten Fahrten nimmt man ein warmes Bad mit nachfolgender Einreibung von Franzbranntwein. Ein praktischer Frisierumhang Bei der häufigen kurzen Toilette im Laufe des Tages ist es vielen Damen zu umständlich, erst ihre Frisierjacke anzuziehen, um zu verhindern, daßt kleine Härchen auf dem Kleid zurückbleiben. Wie praktisch ist da diese Frisierjacke, die im Handumdrehen umgeknöpft ist. Ihre Herstellung ist, wie unsere Zeichnung zeigt, überaus einfach und erfordert nur ein Stückchen Stoff u. wenige Minuten Arbeit. 17 39 Traum um den Wardar Von August Détrée „Verfluchte Bullenhitze!“ brummte der Telegraphist Paul Merz. Er ließ sich am Wegrand nieder, froh, das schwere Leitungsmaterial für eine Viertelstunde quitt zu sein. Um ihn lag die weite mazedonische Landschaft. Durchs Tal wälzte der Wardar seine breiten Fluten; jenseits des Flusses und im weiten Umkreis Berge, Berge. Nackt, tief tabakbraun, versengt, von Schrunden zerrissen, manchmal von grauen Steinadern durchsprengt— so türmten sie sich auf. Kein Grün, kein farbfroher Fleck, nichts. Nur immer dieses furchtbare Dunkelbraun, eine steingewordene Melodie der Trostlosigkeit. Paul Merz blinzelte müde durch die halbverschlossenen Lider. Im Tal zu seinen Füßen kroch das Dorf Kriwolak hin. In der Mitte die Moschee, ein breiter dörflicher Bau mit nur wenigen Fenstern. Aber schlank und weiß stieg an ihrer Seite das Minarett auf, dreimal so hoch wie das Gebetshaus, und stach mit seiner starken Spitze gleich Mohammeds Schwert in den wolkenlosen Himmel. Eben trat der Muezzin auf die Plattform und wollte dem Ankömmling an die Beine fahren, aber Jupp Rüttgers wies ihn zur Ruhe. Der Fremde hob zum Gruß die Hand an die Kopfbedeckung, ein Mittelding zwischen Fez und Mütze. „Gutte Waren,“ radebrechte er, Ei—er, Kognak— kaufen Herren?“— Also ein serbischer Händler. „Wo häste dann dä wanderde Tietzladen?“ fragte der Kölner. Der Händler riet aus Jupps Handbewegung, was gemeint war, und rannte auf die Straße. Die drei traten ans Fenster und sahen draußen zwei bepackte Esel stehen, dabei einen zweiten Händler. Der erste kam sofort wieder herein und hielt eine Halbliterflasche und ein grünes Likörgläschen in der Hand. Er schenkte das Glas voll und reichte es Jupp Rüttgers. Jupp kostete, schnitt eine Grimasse und schüttelte den Rest auf den Fußboden.„Wat Kääl, dat soll Kognak sin? Dat es Wasser mit e bißche Sprit! Loß dich bejrave mit dingem Schabuau!“ Der Händler merkte, daß er sein Getränk nicht an den Mann bringen konnte.„Abärr gutte Ei—er!“ Malerischer Winkel aus der Prager Altstadt Eine der romantischsten Städte, die noch aus dem Mittelalter erhalten sind, ist Prag, dessen malerische Altstadt den Geist längst vergangener Epochen lebendig macht. empfahl er weiter.—„Kosten?“ fragte der Hamburger und machte mit Daumen und Zeigefinger die Gebärde des Geldzählens. Der Serbe hob drei Finger der linken und den Daumen der rechten Hand in die Höhe:„Drei einer Mark!“—„Raus!“ schrie Meerkatz und hielt ihm die Faust unter die Nase. Der Händler machte einen gewaltigen Satz zur Tür hinaus. Jupp lachte hinter ihm her. Paul Merz schüttelte den Kopf.„Der Bruder gefällt mir nicht. Der hat sonst was vor; der Handel ist nur Vorwand. Habt ihr gesehen, wie die schwarzen Augen durch die Stube gingen? Und ich meine bestimmt, ich müßte das Gesicht mal irgendwo gesehen haben. Zerbreche mir nur den Kopf, wo das wohl gewesen sein könnte.“— Drei Tage später erschien überm Wardartal ein französischer Flieger, zog einige Schleifen, orientierte sich mit verblüffender Kaltblütigkeit und verschwand dann wardarabwärts. „Eine bannige Unverschämtheit von dem Kerl,“ wunderte sich der Hamburger. Und Paul Merz meinte:„Na, da wirds ja in den nächsten Nächten feste bollern!“ Das war Donnerstags. Freitags hatte Paul Nachtdienst. Er schlug sich grade eine frische Pfeife an, da kam Meerkatz hereingefegt. „Mensch,“ rief er,„da ist bestimmt was gefällig! Will ich da eben ins Dorf gehen, denn heut war'ne Hochzeit, und sie feiern in der Dorfschenke, und ich will mir den Zinnober mal ansehen, damit ich später denen zu Hause was von'ner Balkanhochzeit verklaren kann, da seh ich ein Feuer drüben auf den Bergen, jenseits vom Wardar. Was soll das Feuer in der Nacht, frag' ich dich. Da steckt eine Lumperei hinter, sag' ich.“ Paul Merz kam nicht zur Antwort, den schon rasselte der Apparat:„Feindliches Flugzeuggeschwader wirft Bomben auf Hudovo.“ „Da haben wir den Salat,“ knurrte Paul.„Ich freß 'nen Besen, wenn wir nicht auch hier Besuch kriegen.“ Kurz darauf Propellersurren. Dann Heulen, Dröhnen, Krachen, Bersten. Und wieder Fliegergeräusch, das in der Ferne verschwand.— „Wor jet los die Nacht?“ fragte am andern Morgen Jupp Rüttgers. „Nee,“ sagte Paul.„Bloß ein Fliegerüberfall. Zwanzig Bomben. Einer von den Dorfleuten tot, zwei bulgarische Eisenbahner verwundet. Ein Glück, daß das Munitionsdepot nichts mitgekriegt hat, sonst wärst du höchstwahrscheinlich im Himmel wachgeworden!“ „Donnerkiel!“ wunderte sich Jupp.„Ich han jeschlofe wie en Ratz. Ich wor jestern ovend em Weetshuus für de Huchzik ze beluren. Dä Schabau moß wohl e paar Prozent mieh jehat han, wie dä neulich von dem Serbsky. No jo, et hät noch emmer jot jejange!“ Wenige Tage später wurde bekannt, wer den Fliegern das Feuerzeichen gegeben hatte. Einige Hochzeitsgäste hatten auf dem Heimweg am Berghang in der Nähe des Feuers zwei Esel angebunden gefunden. Tags darauf waren die Händler aus der Gegend verschwunden. Es kam Befehl, daß der Betriebszug 2 sich nach Demirkapu in Marsch zu setzen habe. Gegen Abend kamen sie an, unser Kleeblatt und vier weitere Kameraden. Von einer Anhöhe übersahen sie das Dorf: das Stationsgebäude und eine Handvoll zerstreut liegender Hütten. „Sonderbar!“ murmelte Paul Merz. Wie im Traum marschierte er weiter. Der Bahnhofskommandant wies ihnen ihr Quartier an: eine Hütte, die von den Bewonnern verlassen war. Der erste, der schnarchte, war Schääl. So müde Paul Merz war, schlafen konnte er nicht. Es ließ ihm keine Ruhe: das Dorf, dieses Demirkapu, hatte er doch schon gesehen— die Berge, die Hütten. Auch diese Lehmbehausung hier. Aber wie war das möglich? Da, in der Minute vor dem Einschlafen, in dem Augenblick der— den meisten Menschen unbekannten— stärksten Hellsichtigkeit war es da. Plötzlich. Endlich gab das Unließ sein„All' il Allah“ durch das Tal erschallen.„Auf, ihr Gläubigen, zum Gebet! El Asr ist da, die Zeit der Kniebeuge, drei Stunden nach Mittag!“ Die Stimme drang bis zu dem einsamen Deutschen am Berghang. Freilich nur gedämpft; die Entfernung war zu groß. Aber er konnte doch die bulgarischen Planwagen unterscheiden, die vor der Moschee hielten, und zwei Händler, die mit ihren hochbepackten Eseln des Weges zogen. „Sonderbar!“ murmelte er.„Das alles hab' ich doch schon einmal gesehen, die Moschee, die Wagen, die Männer, die Tiere. Auch die Stimme des Muezzin muß ich gehört haben— ganz gewiß, die Endsilbe von Allaaah, diesen langgezogenen Ton... Donnerwetter!“ ermunterte er sich,„ich träume mit offenen Augen wie die Hasen, oder ich hab'n Stück Sonnenstich weg! Rasch ins Tal, damit ich den Kopf unter Wasser stecken kann!“ Drei Wochen später. Im Bahnhofsgebäude saßen die Telegraphisten Paul Merz aus München, Richard Meerkatz aus Hamburg und Jupp Rüttgers aus Köln. Das Kleeblatt hatte seit acht Tagen noch einen weiteren Quartiergenossen. Er lag in einer Ecke und streckte alle Viere von sich. Das nahm ihm niemand übel, denn er war ein Hund, ein mittelgroßer, struppiger Balkanköter. Von Kohldampf getrieben war er Jupp Rüttgers zugelaufen. Der hatte ihn Schääl getauft in Erinnerung an eine Hauptfigur im Kölner Hänneschentheater. Schääl schlief. Jetzt hob er den Kopf, blinzelte ins Licht, knurrte. Gleichzeitig ging die Tür auf, und durch den schmalen Spalt streckte sich ein sonnverbranntes Gesicht mit einer Hakennase und einem verwilderten Schnauzbart. Die schwarzen Augen überflogen mit einem Blick den Raum, dann erschien die ganze Gestalt im Türrahmen. Schääl stieß ein wütendes Gekläff aus und Auch das ist wichtig für die Ferienreise Damit wir bequem und sicher in jagendem Tempo in die Ferien eilen können, müssen tausend Hände tätig sein. Das Schmieren der Riesenräder der Lokomotive ist dabei noch notwendiger als die gutgepackten Koffer, terbewußtsein das Geheimnis preis, das es durch zwei Jahre gehütet hatte. Jene Erinnerungen der letzten Zeit, die wie flüchtige Schemen auftauchten, waren nur die nebelhaften, flüchtigen Konturen eines Bildes gewesen; nun trat das Bild selbst hervor. Ein Traumbild war es, geträumt vor dem Kriege in Pauls Heimat. Finstere Berge in einem seltsamen Lande hatten sich drohend emporgereckt— in einem Flußtal erhob sich eine Moschee mit einem weißen schlanken Minarett in der Mittagsglut, Planwagen davor, zwei Männer mit Eseln, lang hingezogen der Ruf des Muezzin: All'l Allah— dann huschte eine verwilderte Gestalt durch den Traum, ein bärtiges Gesicht, verschlagene Augen — nun ein Dorf im Abend, eine Lehmhütte— er lag unter den Kriegskameraden— plötzlich ein Feuermeer, die Hütte brannte lichterloh, Flammen schlugen zum Nachthimmel Paul Merz sah das alles deutlich, zum Greifen nahe. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. Ein Warntraum also! Das gab es— Paul hatte davon gehört, zu Hause schon, auch in Berichten von Frontkämpfern hatte er solche Dinge gelesen. Aber was tun? Die Kameraden wecken? Die todmüden Leute? Die würden ihm schön kommen wegen seiner Spökenkiekerei. Nein— er mußte für sie wachen. Aber nach einer Weile kam auch über ihn das Schlafbedürfnis; die Lider wurden ihm bleischwer. Da hämmerte es durch seine Nerven: Nicht schlafen! Gefahr! Er erhob sich, pfiff leise dem Hund und trat vor die Tür.“„Schääl, kusch!“ Der Hund streckte sich. Die Nacht war wolkenverhangen. Ich will ein bißchen rekognoszieren, dachte Paul und fühlte nach dem Revolver in seinem Gurt. Die Hütte lag einsam, nur ein Pfad führte zu ihr, der zwanzig Meter weiter steil aufstieg und in einem Buschwerk verschwand. Paul begann zu klettern, in der Nacht eine mühsame Sache. Was war das? Ein Geräusch! Er blieb stehen, hielt den Atem an. Jetzt wieder. Ein Schnauben von Pferden! Oder— blitzschnell kam der Gedanke— von Eseln! Also die beiden serbischen Händler in der Nähe! Paul ließ sich sofort auf den Boden gleiten, horchte— minutenlang. Kein Laut, nur manchmal das Schnauben der Tiere. Das Schnauben klang jetzt entfernter; die Tiere mußten also seitwärts zwischen den Sträuchern angebunden sein. Was jetzt? Bis ich das Viehzeug gefunden habe, kann der Teufel bei der Hütte los sein. Zurück, Wie lang bin ich überhaupt unterwegs? Eine halbe Stunde? Paul raste den Weg hinab— rutschte aus, schlug auf den Hinterkopf— Himmel, wie der Schädel brummte! Weiter. Was ist das? Da liegt die Hütte— Flammen schlagen aus dem Schindeldach! Er hetzte zur Tür, die Bretter stehen schon halb in Flammen—„Feuer!“ brüllt er,„Feuer!“ Die Kameraden taumeln heraus, höchste Zeit— Flammengarben lodern, prasseln, schlagen zum Himmel. Die Brandstifter, die Kerle— wo? Die Soldaten zerstreuten sich in die Nacht, fanden im Buschwerk die beiden Esel— brachten die Dorfbewohner auf die Beine. Alles vergeblich. Aber wo war der Hund? Sie fanden ihn hinter der Hütte—tot. Die Brandstifter mußten ihm ein vergiftetes Stück Fleisch zugeworfen haben, ein Knochen lag noch bei ihm.„Aerme Schääl!“ sagte Jupp Rüttgers und strich ihm über den Kopf.„Dat verfluchte Gesocks!“ Er knirschte zwischen den Zähnen:„Loß mich die kriegen!“ Am nächsten Tage wurden die Brandstifter, die beiden serbischen Händler, von bulgarischen Truppen gefaßt und kurzerhand an einen Baum geknüpft. Nächfliches Drama Von L. VOnR Dort, wo der starre, graue Dornbusch sich dichter zusammenschiebt, wo über hohen, schlanken Stämmen die schirmartigen Kronen der Kameldornbäume gegen den lichtüberfluteten Himmel stehen, liegt das Flußbett. Es ist trocken, denn die Regenzeit ist längst vorüber und der helle, körnige Sand wurde von den Feuern der großen afrikanischen Sonne nun seit vielen Wochen erbarmungslos durchglüht. Ringsum herrscht die überwältigende Stille der Wildnis, der sonnenmüden Weiten, die nur selten von dem Schrei eines Hornvogels oder dem schnarrenden Locken eines Perlhuhnes unterbrochen wird. Durch den leicht gewellten Sand ziehen sich vom Rande des Riviers her einige schmale, glattgeschliffene Gleise. An ihrem Endpunkt, im Kern des Sonnenfeuers liegt, in schwer ruhende Ringe zusammengezogen, die Puffotter. Sie ist eine alte, behäbige Schlangenmutter von der Stärke eines kräftigen männlichen Unterarmes. Der breite, dreieckige Otternkopf lagert mit geschlossenen Augen in der Mitte des zusammengeringelten, etwas über einen Meter langen Körpers. Hier ist ihr Lieblingsplatz für die Siesta des Tages. Hier träumt sie ungestört von den Beutezügen der mondfahlen, gespenstigen Nächte, von den ekstatischen Augenblicken ihrer giftigen Bisse, von der langsamen, lustvollen Gier des Hinunterwürgens— und vielleicht zu Zeiten von ihrer Liebe und ihren kleinen, züngelnden Schlangenkindern. Die Sonne rückt ins letzte Drittel, die ersten Schatten fallen über den leuchtenden Sand. Die Puffotter beginnt ihre Ringe zusammenzuziehen, zu dehnen, ihre Kreise aufzulösen. Langsam hebt und senkt sich der Kopf, die gespaltene Zunge wird sichtbar, die kleinen bösen Augen funkeln wie dunkle, flatternde Achate. Dann gleitet sie in schwerfälligen trägen Windungen über den Sand der epperf Rachegesetz für all die armen, zitternden Geschöpfe, die dem tückischen Biß der Giftzähne zum Opfer fallen. Jetzt steigt der Mond über den Kameldornbäumen auf, zieht die ruhenden Schatten der Nacht vom Flußsand in die Baumkronen hinauf und meißelt ein Heer geisterhafter Wesen aus dem Gewirr des Buschlandes, aus den tief eingerissenen Steilufern und verödeten Schwemminseln. Die reglosen Körper der Eulen schimmern iweichem Glanz; in ihren großen Augen brechen sich opalisierende Strahlen. Wieder vergeht eine Stunde. DiEulen warten, wie sie viele Nächte an dieser Stelle gewartet haben; bis der Hunger sie forttrieb. Plötzlys dringt aus dem Gestrüpp ein nur für das feine Eulenohr vernehmbares Rascheln, kurz darauf schiebt sich das dunkle Dreieck des Puffotternkopfes hervor. Der schwerfällige dicke Körper folgt— leise, träge über den mondlichten Sand dem Ufer zu dahingleitend. Mit dem Steigen des Vollmondes hat sich das Lärmen der Schakale und Hyänen verstärkt, bis ein jäh in die Nacht aufklagender Schmerzenslaut das Konzert für Minuten abbricht. In diese Stille hinein gellt wie ein Triumphgeschrei das hohe piuh... der einen Eule, die lautlos wie ein Schatten von ihrem Ast auf die ahnungslos sich zwischen Ufern ungeschützt einherringelnde Puffotter niederstößt. Ein scharfer Schnabelhieb hat den leicht über den Boden gehobenen Kopf der Schlange getroffen. Fast im gleichen Augenblick krallen sich die Fänge der zweiten Eule in den hinteren Teil des schmerzlich sich windenden Körpers, reißen ihn sekundenlang in die Luft. Der krumme, grausame Schnabel fällt unerbittlich in das Kreuz des Otternleibes. Hilflos unter schmerz= und wuterfülltem Fauchen beißt die Schlange aufwärts in die leere Luft. Abermals trifft ein schneidender Schnabelhieb den Kopf, der jetzt müde zurücksinkt, während der im Rückgrat gebrochene Auch Riesen bedürfen der Zahnpflege Es macht den Dickhäutern Spaß— das sieht man, jedenfalls mehr als manchem Kinde. Mitte des Riviers zu. Hier liegt eine aus Gestrüpp und angetriebenem Wurzelwerk gebildete Schwemminsel. Mühelos schiebt sich der schwere Leib der Schlange in die schützende Geborgenheit des Dickichts. Am Horizont glüht die Himmelsglocke auf. Die Sonne verschwindet hinter einem dunkelvioletten Bergzuge. Rasch sinkt die Dämmerung über das öde Buschland. Kleine Vogelscharen schwingen sich im letzten Licht eilig in die Kronen der Bäume, ihr Kreischen und Zwitschern verebbt. Die spärlichen Laute des glutüberfüllten Tages schwinden, die Stimmen der Nacht erwachen. Schakale bellen, eine Hyäne lacht gellend auf. Eulenschreie geistern durch das Dunkel. Gleich lautkosen, beschwingten Bällen schweben zwei Schleiereulen einige Male an den buschverdunkelten Ufern entlang und lassen sich sodann zur Seite des kleinen Inseldickichts, in dem die Puffotter verschwand, auf einem grotesk in die Luft gereckten Wurzelast nieder. Reglos verharrend wie steinerne Pagoden hocken sie über Stunden auf ihrem Platz. Werden sie in dieser Vollmondnacht endlich zu ihrem Ziele kommen? Was will die Schleiereule? Ach— sie ist die Erzfeindin der Schlange. Es herrscht eine alte tödliche Feindschaft zwischen ihnen, eine Feindschaft, die dem Gerechtigkeitssinn der Natur entsprungen ist, ein ungeschriebenes Leib in wilden Zuckungen hin und her schlägt, zwei Krallen packen dicht hinter dem Schlangenkopf fest zu. Hieb auf Hieb zerfetzt das Dreieck des flachen Schädels. Hieb auf Hieb der anderen Eule schneidet in den sich krümmenden Rumpf. Noch einmal weitet sich der giftbergende Rachen„ein letztes pustendes Fauchen, ehe die Kiefern völlig auseianandergerissen sind. Ueber den sinnlos im Sande hin und her schlagenden Leib des besiegten Totfeindes stürzen sich jetzt die Eulen mit grimmigem Heißhunger. Das weite Lichtbett des Flusses herauf trabt unbemerkt ein schmaler Schatten. Vorsichtig den Wind einziehend schleicht er näher und springt zuletzt mit kurzem heiseren Gebell auf den Kampfplatz zu. Die Eulen fliegen erschreckt auf, stoßen aber, als sie den Schakal erkannt haben, sogleich wieder kühn auf den Störenfried nieder. Der Schakal hat indessen die noch zuckenden Schlangenreste vorsichtig beschnuppert und trollt mißtrauisch knurrend von dannen. Piuh— Piuh... schmähen die Eulen, indem sie ihn verfolgen und seinen Kopf noch mehrmals mit den Schwingen streifen. Der Mond hat seinen Kreis über dem Flußbett vollendet. Schon beginnt ein kühles Wehen das Nahen des Morgens anzuzeigen.