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Die gequälte Bevöllerung atmete auf, denn für die nördliche Zone sollte bald die Stunde der Befreiung schlagen, in den beiden südlichen Zonen sollte nach den mündlichen Zusicherungen der Vertreter der Entente die Besatzung auf die normale Stärke, d. h. auf die Friedensstärke herabgesetzt werden. Diese betrug, da das Rheinland von deutschen Truppen nicht allzu stark belegt war, rund 45 000 Mann. In den Regierungsbezirken Coblenz und Trier— außerdem im Saargebiet— sowie in den noch heute besetzten Teilen der Regierungsbezirke Köln und Aachen lagen im Sommer 1914 die 16. Infanterie=Division mit 4 Infanterie=, 2 Kavallerie= und 2 Feldartillerieregimentern sowie etwa die Hälfte der 15. Division(2 Infanterieund 1 Feldartillerieregiment). In der Rheinpsalz waren 3 bayerische Infanterie=, 1 Kavallerie= und 1 Feldartillerieregiment untergebracht. Mainz war als Festung verhältnismäßig stark besetzt, in Worms stand ein Infanterie=Regiment, die Besatzung von Wiesbaden endlich bestand aus 2 Bataillonen Infanterie und einer Abteilung Feldartillerie. Leider erfüllten sich die Hoffnungen, die die Rheinländer auf die Versprechungen der Ententevertreter gesetzt hatten, nicht so schnell, wie man hätte erwarten dürfen. Köln wurde erst am 31. Januar geräumt. Was aber noch viel schlimmer war: die Besatzung in den beiden südlichen Zonen wurde nicht, wie man gehofft hatte, herabgesetzt, sie blieb auch nicht auf der bisherigen Höhe, sondern wurde sogar noch verstärkt. Die Franzosen allein haben in dem besetzten Gebiet 2½ Armeekorps— 5 Divisionen und 1 Kavalleriedivision— dazu kommen aber noch die verhältnismäßig sehr starken technischen Truppen, besonders Flieger, Luftschiffer und Tankformationen. Nicht 45 000 Mann liegen in dem besetzten Gebiet, sondern im Ganzen 75 000 Mann, von denen 7000 Mann auf die Belgier in und um Aachen entfallen, 800 Engländer zwischen Wiesbaden und Bingen stehen, während die übrigen Gebiete von 60 000 Franzosen besetzt sind. Schon mehr als einmal ist seit dem Oktober 1925 die Frage ergangen, wann denn die Entente ihr Versprechen einlösen und die überschüssigen 30000 Mann aus dem besetzten Gebiet zurückziehen würde. Bis jetzt ist weder in dieser Hinsicht eine Aenderung zu verzeichnen, noch ist eine klare Antwort erteilt worden. Das arme gequälte Volk am Rhein wurde immer wieder vertröstet und klammerte sich an jede kleine Reduzierung der Besatzung wie an einen Strohholm. Nun kommt aus London eine Nachricht, die mit einem Schlage alle Hoffnungen der Rheinländer zu vernichten scheint. In einer der letzten Sitzungen des Unterhauses fragte ein Mitglied der Arbeiterpartei den englischen Außenminister, ob die englische Regierung dem in Locarno gegebenen Versprechen gemäß noch vor dem Zusammentritt der Völkerbundsversammlung im September dieses Jahres den anderen Besatzungsmächten die Verringerung der Besatzung auf die Vorkriegsstärke der deutschen Garnisonen vorschlagen würde. Der Außenminister Chamberlain erwiderte darauf, die Anfrage müsse auf einem Mißverständnis beruhen, denn der deutschen Regierung sei niemals das Versprechen gegeben worden, die Rheinlandarmeen der Verbündeten auf die Stärke der deutschen Vorkriegsgarnison herunterzubringen. Von deutscher Seite ist gegen diese Aeußerung bereits halbamtlich zum Ausdruck gebracht worden, daß ihren Vertretern in Locarno wiederholt die Zusicherung gegeben worden ist, die Zahl der Besatzungstruppen würde auf normale Ziffern(chiffres normeaux) nach Inkrafttreten des Locarno=Paktes reduziert werden. Mit Recht wurde ferner in dieser halbamtlichen Kundgebung betont, daß die Locarno=Delegierten in Genf bei der Märztagung des Völkerbundes übereingekommen seien, die Lage so anzusehen, als ob Deutschland schon Mitglied des Völkerbundes sei. Auch konnte darauf hingewiesen werden, daß die Bemerkung des Reichsaußenministers Dr. Stresemann in seiner Reichstagsrede vom 28. Januar über das Versprechen der Locarno=Delegierten bezüglich der Reduzierung der Besatzungstruppen auf den normalen Stand keine diese Aeußerung bestreitende Gegenerklärung in Paris oder London hervorgerufen habe. So ist es selbstverständlich, daß die Besatzungsfrage mit der Erklärung Chamberlains keineswegs erledigt sein kann, daß vielmehr die Reichsregierung es sich angelegen sein lassen wird, diese Frage hoffentlich mit Erfolg zu klären. Es ist indessen nicht nur die unverhältnismäßig große Stärke der Besatzung, welche den Rheinländern das wirtschaftliche Leben so sehr erschwert, sie werden auch durch die fremden, ungebetenen Gäste in anderer Weise schwer geschädigt und gequält. Es war in der Vorkriegszeit im Rheinlande Brauch, daß die Manöver mit Rücksicht auf die überaus große Fruchtbarkeit des größten Teiles des Landes nur in den verhältnismäßig öden und unfruchtbaren Gebieten des Hunsrücks und der Eifel abgehalten wurden, wo die Flurschäden äußerst gering waren und weite Flächen wegen der geringen Humusschicht nicht angebaut werden konnten. Die BeVon unserem Balkan=Korrespondenten. Belgrad, 30. Juli. Eine jugoslawische Regierung sieht sich veranlaßt, über die Vorgänge im mazedonischen Grenzgebiet jetzt täglich Kriegsbulletins auszugeben. Solche Kundgebungen haben hauptsächlich den Zweck, das Auftauchen und die Verbreitung phantastischer Gerüchte zu verhindern. Es steht aber noch immer genug in diesen Bulletins. Sie sprechen von Angriffskämpfen, Handgranatenaktionen, Gewehrfeuer und sogar von Artillerietätigkeit. Es vergeht kein Balkansommer, ohne daß nicht auch die Kanonen zum Wort kommen. Im Vorjahr waren es die Kämpfe an der bulgarisch= griechischen Grenze bei Petritsch, und es ist noch erinnerlich, daß damals der Völkerbund die korrekte Haltung der Bulgaren unzweideutig anerkennen mußte. Diesmal könnte man es nicht behaupten. Diesmal sind blutige Bandenkämpfe im serbisch= bulgarischen Grenzgebiet entbrannt, in jenem Gebiet, dessen historischer Name Mazedonien am Ende des Weltkriegs von der Landkarte weggelöscht wurde. Seither bemühen sich alle beteiligten Staaten vergebens, die in der überkommenen Weise durchgeführten Bandenaktionen einzustellen. Daß alle offiziellen Stellen in Sofia wie in Belgrad ehrlich bestrebt sind, diesen Unruheherd endgültig zu befrieden, darüber besteht wohl kein Zweifel. Der Vorstoß der mazedonischen Wojwoden war diesmal nachdrücklicher als sonst. Die serbische Gendarmerie mußte zuerst zurückweichen, der Landsturm der Bauernbevölkerung mußte aufgeboten werden und erst den zusammengezogenen regulären Kräften unter General Tomitsch gelang es, die geschlossene Kampffront der Komitadschis zu durchbrechen. Nun gilt es zu klären, wen die wirkliche Verantwortung dafür trifft. Wenn die Belgrader Oeffentlichkeit findet, daß die bulgarische Regierung allein an allem Schuld sei, so ist diese Behauptung letzten Endes geeignet, die ernste Aufklärungsarbeit zu stören, die alle Regierungen der Balkanstaaten, einschließlich Bulgarien, zu leisten bestrebt sind. Die Belgrader Regierung sah sich bemüßigt, nach eingehender Beratung der Ereignisse in mehreren Ministerkonferenzen in Sofia diplomatische Schritte zu unternehmen. An den jugoslawischen Gesandten in Sofia, Rakitsch, ist eine lange Depesche abgegangen, in der gegen die Grenzüberschreitungen energisch Protest erhoben wird. Belgrad erinnert an die Erklärungen, die der bulgarische Minister des Aeußern, Burow, gelegentlich seines letzten Besuches in Belgrad abgegeben hat. In der Note wird auch besonders betont, daß Jugoslawien sich aller Rücksichten entbunnden fühlt und, falls nötig, in Zukunft sich selbst Genugtuung auf eine Weise zu verschaffen wissen werde, die ihm am geeignetsten erscheint. Vor einigen Tagen hat das Finanzkomitee des Völkerbundes in London beschlossen, die erste Rate der bulgarischen Flüchtlingsanleihe zu liquidieren. Außerdem wurden die Wünsche der Nachbarstaaten Bulgariens: Rumäniens, Jugoslawiens und Griechenlands berücksichtigt. Es wurde diesen Staaten ein gewisses Kontrollrecht eingeräumt. Was Kontrollrechte solcher Art bedeuten, weiß man aus den Erfahrungen, die in Oesterreich und Ungarn gemacht wurden, und, auf den Balkan übersetzt, können damit im Zusammenhang die jüngsten Grenzzwischenfälle für Bulgarien recht unangenehme Folgen zeitigen. Der Völkerbund ist bereit, durch Gewährung einer Kolonisierungsanleihe Bulgariens schmerzlichste Frage, die aus dem Friedensvertrag herausgewachsen ist, aus Menschlichkeitsgründen zu lösen. Die erbitterten Nachbarn können sich jetzt an den armen verlausten Flüchtlingen, deren Leiden und Sterben Vandervelde im Vorjahr so eindringlich geschildert hat, durch Verquickung ihres Schicksals mit dem Mazedoniens schadlos halten. Nach Locarno klingt aber der Appell an die militärische Macht zumindestens antiquiert. Daß Rumänien, Jugoslawien und Griechenland gemeinsam über Nacht ein militärisches Uebergewicht geltend machen können, daran ist wohl nicht zu zweifeln, aber es würden dabei andere wertvolle, international garantierte Schätze wieder verloren gehen. Es kann doch nicht übersehen werden, daß es zwei verschiedene mazedonische Bewegungen gibt. Eine geistige, die ihr Ziel in einer großen slawischen Balkanföderation erblickt, und in einer gewalttätigen, deren politische Tendenz nicht wenig mit Räuberidyllen ausgeschmückt ist. Aber mit Räubern führt man keinen Krieg, auch wenn sie eine politische Fahne entrollen, bevor sie ihr Handwerk ausüben. Es wird daher vorerst festgestellt werden, welcher Art die Ereignisse in Südserbien waren. Jedenfalls sind sie unerquicklich in einer Zeit, wo man an die endgültige Liquidierung der mazedonischen Frage gehen will. Nach Auffassung der bulgarischen Regierung ist die mazedonische Frage hauptsächlich ein Wirtschaftsproblem, das mit Hilfe des Völkerbundes gelöst werden kann. Politisch erscheint der Weg der Befriedung gegeben, wie ihn tiefgründige Kenner des südslawischen Gesamtproblems sehr oft gewiesen haben: in der Versöhnung aller Südslawen im ethnischen Sinne des Wortes. Man kann dabei bei den Formeln der Regionalpakte, der Freundschaftsabkommen und Arbitrageverträge halt machen, man kann aber auch im Sinne jener Politiker handeln, die eine Annäherung aller Südslawen als Vorstufe zu deren endgültiger staatlicher Vereinigung auf föderativer Grundlage anstreben. Jüngst erst hat Stefan Raditsch, der Vorkämpfer der jugoslawisch=bulgarischen Vereinigung im Geiste Stambuljiakis, in einer großen Rede der Versöhnung der Südslawen mit Bulgaren und Russen das Wort geredet. Hoffentlich setzt man sich bald an den Beratungstisch eines südslawischen Locarno. Die Kanonen bei Kriva Palanka aver müssen vorher verstummen. völkerung war in diesen Gebirgsgegenden sehr dünn, die Ortschaften waren sehr klein und lagen weit auseinander, sodaß die Truppen zu den Uebungen meist sehr große Anmärsche hatten. Solche Rücksichten kennen die Franzosen natürlich nicht für ihre„siegreichen" Truppen, sie legen, ohne nach den Flurschäden zu fragen, ihre großen Herbstmanöver 1926 in die blühenden Gefilde der Pfalz, die von der deutschen Militärverwaltung wegen ihrer reichen Erträgnisse an Tabak und Wein stets ängstlich vermieden wurden. Den Franzosen genügen auch die im Gebirge reichlich vorhandenen Exerzier= und Schießplätze nicht mehr, denn man kann ihren Truppen doch nicht allzugroße Märsche und nicht den Aufenthalt in den dürftigen Eifeldörfern zumuten. Deshalb wurde vor kurzem ganz in der Nähe von Trier bei dem fruchtbaren Dorfe Pellingen ein großer Artillerieschießplatz angelegt, an dem in jedem Monate mindestens 8 bis 10 Tage geschossen wird. Während dieser Zeit dürfen, da das Schießen am frühen Morgen beginnt und sehr häufig bis in die Nacht hinein dauert, die Bauern von Pellingen ihre Felder nicht betreten und, was noch viel schädlicher ist, den Winzern von Oberemmel war es lange Zeit nicht möglich, in ihren Weinbergen, die im Bereich des Schießplatzes liegen, die nötigen Arbeiten zu verrichten, sodaß die Weinernte schwer gefährdet ist. Jeder, der das traurige Los der rheinischen Winzer kennt, weiß, was das zu bedeuten hat; man kann sich daher die Empörung der Leute über die Besatzung denken. Am 1. August haben die Franzosen nun einen weiteren Schießplatz zwischen Schmidtheim und Dahlem in der Eifel eröffnet, der aber nicht, wie es früher bei den„Preußen“ der Fall war, die Oedländer auf den Höhen umfaßt, sondern in einer verhältnismäßig fruchtbaren Ebene des Kyllflusses liegt. Während des Monats August und der zweiten Hälfte des September können die Leute nur an wenigen Stunden auf ihre Felder gehen und die Ernte einbringen. Damit nicht genug, scheuen die Franzosen auch nicht davor zurück, ihre großen Munitionsdepots in der Nähe von blühenden Dörfern und Städten anzulegen. Zwar haben sie davon Abstand genommen, ihre Munition auf dem Gelände zwischen Wittlich und Wengerohr aufzustapeln, dafür haben sie aber jetzt mit dem Bau eines Munitionsdepots unmittelbar an dem reichen Dorfe Euren bei Trier begonnen. Alle Eingaben der Bevölkerung und alle Hinweise auf die Gefährlichkeit wurden zurückgewiesen. Man weiß nur zu gut, daß die französische Militärbehörde ausführt, was sie sich einmal vorgenommen hat. Die Stimmung in den betreffenden Gebieten ist durch alle diese Vorkommnisse sehr gedrückt. Man wartet mit Spannung darauf, was die Reichsregierung auf die Aeußerungen Chamberlains antworten wird und begrüßt jeden noch so kleinen Hoffnungsstrahl. Jedenfalls erhoffen die Rheinländer viel von der nächsten Völkerbundstagung. Es wäre dem gequälten Volke wirklich zu wünschen, wenn seine Leidenszeit bald ein Ende fände, oder doch wenigstens in absehbarer Zeit etwas gelindert würde. Einschränkung der französischen im Berlin, 2. Juli. In der Presse waren Nachrichten oreneitet wonach in der Rheinpfolz zwei k:icgsstarke Armeckorps mit Tankgeschwadern zu Manöverübungen aufgestellt seien und daß Marschall Foch mit seinem Stabe den Manövern beiwohnen werde. Nach Mitteilung von zuständiger Stelle erklärt hierzu jetzt die französische amtliche Stelle in Paris, daß die Herbstübungen nur als Divisionsübungen in kleinem Umfange vorgesehen seien. Foch und sein Stab würden diesen Manövern nicht beiwohnen. Die Wirtschaftsverhandlungen mit Frankreich. X Berlin, 2. Aug.(Eig. Drahtb.) In den letzten Tagen sind aus Paris die widersprechendsten Meldungen über den Stand der deutsch=französischen Handelsvertragsverhandlungen nach Deutschland gekommen. Demgegenüber kann festgestellt werden, daß im allgemeinen der Verlauf der Verhandlungen als befriedigend angesehen werden kann. eber eine Reihe von Fragen ist eine Einigung zwar noch nicht erzielt worden, wie z. B. über das Gemüsekontingent. Doch wird an unterrichteter Stelle damit gerechnet, daß ein Abschluß des Tei ages, über welchen zur Zeit verhandelt wird, noch im Laufe dieses Monats möglich ist, wenn Frankreich den guten Willen hat, zum Abschluß zu kommen und wenn nicht unerwartete„Kleinigkeiten“ die" Hoffn zunichte machen. Deutschland und der Völkerbund. Berlin, 2. Aug.(Eig. Drahtb.) Wie verlautet, wird Reichsaußenminister Dr. Stresemann seinen Erholungsurlaub in Bad Wildungen Ende dieser Woche beenden und spätestens am 9. August wieder in Berlin eintreffen. Die„Vossische Zeitung" nimmt an, daß nach Rückkehr des Außenministers die schwebenden Verhandlungen über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und über damit zusammenhängende Probleme in ihr letztes entscheidendes Stadium gelangt sind. Zur Klärung der Sachlage werde sich die Reichsregierung dann auch über die Zusammensetzung der deutschen Abordnung für werde. Bis zur Stunde ist im übrigen eine besondere Aufforderung des Völkerbundssekretariats an die Reichsregierung zur Teilnahme an der Genfer Tagung noch nicht in Berlin eingetroffen. Solange Deutschland noch nicht Mitglied des Völkerbundes ist, erhält es nicht eine der üblichen Einladungen, die an die übrigen Völkerbundsmächte gesandt werden, sondern die deutsche Regierung wird in der Form eingeladen werden, welche üblich ist, wenn es sich um die Neuaufnahme von Mächten in den Völkerbund handelt. Die Aktion für die „Republikanische Union“. Ueber die Absichten Dr. Wirths, die die Bildung der„Union der entschiedenen Republikaner" herbeiführen sollen, verlautet, daß in den nächsten Monaten zwischen ihm und den Linksparteien einleitende Verhandlungen stattfinden werden, an denen von der Demokratischen Partei die Abgeordneten Dr. Haas, Koch und Erkelenz, für die Sozialdemokraten Dr. Breitscheid, Hermann Müller und Wels teilnehmen werden. Die Zentrumspartei dürfte an diesen Verhandlungen nicht beteiligt sein. Die Verhandlungen Dr. Wirths mit den Linksparteien sollen spätestens bis zum September zu einem vorläufigen Abschluß gebracht werden. Im Oktober will Wirth mit Unterstützung der Linksparteien große republikanische Kundgebungen im ganzen Reich veranstalten. Mit Hilfe der hinter ihm stehenden Kreise will er dann die Neuaufrollung der Regierungsfrage durchsetzen und die Reichstagsauflösung vorbereiten. Ueber den„Republikanischen Nationalkonvent". den er nach seinem zweiten Artikel als letzte Etappe seiner Aktion ins Auge gefaßt hat, erfährt man noch nichts Näheres. Die„Kölnische Ztg." meint, Wirth wisse sicher aus der Geschichte, daß im Frankreich des Jahres 1789 die Einberufung des Nationalkonvents den Beginn der Revolution insofern bedeutete, als der Konvent schon nach Monatsfrist sich zur Vertretung der ganzen Nation erklärte; nur ein Kind werde meinen, daß Dr. Wirth an diese inhaltsreiche Beziehung nicht gedacht habe, als er dem Sprößling seines Geistes den Namen gegeben habe. Schon das sei ein Spiel mit dem Feuer, das noch heller leuchte, wenn man die Ziele des neuen Aufrufs und die Wege zu ihnen näher betracht; es frage sich nur, ob es ein Feuer sei, an dem Deutschland verbrennen könne, oder derjenige sich versengen werde, der es anzündete. Wir möchten stark bezweifeln, daß so revolutionäre Absichten, wie sie von dem volksparteilichen Blatte Dr. Wirth unterschoben werden, von ihm nur irgendwie in Betracht gezogen werden. Auch seine schärfsten Gegner sollten nicht unberücksichtigt lassen, daß Wirth ein christlichdemokratischer Republikaner mit Feuergeist, aver kein Revolutionär ist. Allerdings sollte er baldigst Veranlassung nehmen, der Oeffentlichkeit mitzuteilen, was er sich unter dem„Republikanischen Nationalkonvent“ vorstellt. Das ist hier schon gestern betont worden. Nachdem ihm aber jetzt schon revolutionäre Absichten durch eine geschichtlich nicht unbegründete Deutung einer von ihm aus der französischen Revolution hergeholten Bezeichnung für eine ins Auge gefaßte republikanische Tagung zugemutet werden, muß diese Forderung doppelt unterstrichen werden. Das Echo des zweiten Wirth-Artikels Der erste Aufruf Dr. Wirths hat bekanntlich bei denjenigen Stellen, an die er zunächst gerichtet war, nur wenig uneingeschränkte Zustimmung gefunden. Um die Diskussion erneut zu beleben, hat Dr. Wirth seinem ersten Kampfruf nun den zweiten folgen lassen. Doch scheint diesem das gleiche Schicksal beschieden zu sein. In der Berliner Presse werden, wie wir von unserer Berliner Redaktion erfahren, namentlich die kritischen Ausführungen der„Germania“ viel beachtet. Sie schreibt in ihrer Sonntagsausgabe nach Zitaten aus dem durch den„Zeitungsdienst“ der Demokratischen Partei verbreiteten zweiten Wirth=Artikel u. a.: „Wer die Republik als den geeigneten Boden für Errichtung eines wahren demokratischen und sozialen Volksstaates ansieht, darf für dieses Ziel mit allen erlaubten Mitteln wirken. Man kann wirklich nicht sagen, daß eine solche Arbeit überflüssig oder unzeitgemäß wäre. Es kommt dabei allerdings alles auf die richtige Methode an. Ist unser Unterbau, unsere republikanische Staatsform, heute gefahrdet? Man kann diese Frage mit gutem Grund verneinen. Die Feststellungen Dr. Wirths, daß der republikanische Gedanke im Zentrum großen Boden gewonnen hat, ist ohne Zweifel richtig. Darüber hinaus hat er aber auch in den Parteien rechts von uns starke Wurzeln geschlagen. Das ist ein sehr großer Fortschritt. Denn wir haben jetzt in unserem Kampfe für den Aufbau des deutschen Volksstaates festen Grund unter den Füßen. Wir brauchen nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren, befürchten, daß, während wir mit vorwärts gewandtem Blick am Wiederaufbau des Vaterlandes arbeiteten, uns von hinten der Boden unter den Füßen fortgezogen wird. Diesen Prozeß der Einfügung bis her widerstrebender Kräfte in die republikanische Ordnung sollen wir nicht stören. Es gehi heute nicht meyr Am die Republik als solche. Der Kampf ist vielmehr im die Ausgestaltung anseres Staatswesens auf cepublikanischer Grundlage entbrannt Hier liegen die Schwierigkeiten. Jeder im Zentrum wird Dr. Wirth zustimmen, wenn er als Ziel den freien Menschen, den verantwortungsbewußten Staatsbürger. die nationale Republik proklamiert. Arbeiten die neue Zeitschrift und die tepublikanischen Tagungen in diesem Sinne, dann werden sie ersprießliche Arbeit leisten. Man kann ja auch nicht sagen, daß nach dieser Richtung hin keine Anstrengungen notwendig wären. Zunächst hat die Republik nicht nur offene und versteckte Gegner, sie hat ihre Feinde auch in den eigenen Reihen. Man braucht nur an das Verhalten der Sozialdemokratie in der letzten Zeit zu erinnern. Die Zurückrevidierung der sozialdemokratischen Taktik in das Gebiet des rein Agitatorischen hat der deutschen Republik mehr geschadet als die offenen Angriffe ihrer erklärten Gegner. Auch auf diesem Gebiete kann die neue Zeitschrift, können die republikanischen Tagungen wertvolle Erziehungsarbeit leisten. Wer wirklich die Republik fest verankern will, muß ihre Feinde da suchen, wosie wirklich steyen. Der Kampf um die Seele unseres Staates, um seinen Charakter ist in vollem Gange. Wenn sich auch weite Rechtskreise mit der Staatsform abfinden, so ist damit noch nicht gesagt, daß sie ihrem wahren Sinne Rechnung tragen wollen. Starke, Kräfte sind am Werke, sich der Republik zu bemächtigen, sie als ushängeschild zu benutzen zur Aufrichtung eines Klassenstaates und zum sozialen Rückschritt. Warnungsrufe in diesem Kampfe können nicht schaden; mit aller Klarheit zu zeigen, um was es geht, kann nützlich sein. Die praktisch=politische Arbeit wird und muß aber den politischen Parteien vorbehalten bleiben. Der Schlachtruf: Hier Republik, hier Monarchie bezeichnet nicht allein die politische Scheidegrenze. Denn die Linie, die diese Gebiete abgrenzt, läuft nicht zwischen, sondern mitten durch fast alle bürgerlichen Parteien. Für die Republik arbeiten heißt nicht, das deutsche Volk in zwei Parteien spalten und sie mit dem Stichwort republikanisch und monarchistisch versehen. Das Zentrum hat sich ja auch immer gegen die Bürgerblockpolitik gewandt, weil diese Politik allzu leicht diese Spaltung herbeiführen kann. Es hat auch immer die Auffassung des Grafen Westarp bekämpft, daß nur gegen die Sozialdemokratie regiert werden könne. Ebenso falsch wäre es aber, den Grundsatz aufzustellen, daß nur mit der Linken und immer gegen die Rechte regiert werden müsse. Auch dieser Kampfruf kann sich schließlich in den Gegensatz: Hier Sozialdemokratie mit ihrem Anhang, hier Bürgertum, auflösen. Besonders das Zentrum würde in einem Kampfe mit dieser Frontstellung zerrieben werden und damit den Weg freigeben zum Zusammenprall der Rechten mit der Linken. Diese Situation schreibt aber dem Zentrum gebieterisch die Notwendigkeit vor, seine Mittelstellung unter allen Umständen beizubehalten und bei Wahrung seiner grundsätzlichen Haltung sich die taktische Bewegungsfreiheit nicht nehmen zu lassen. So sehr man jede Strömung begrüßen kann, die auf eine Stärkung des republikanischen und sozialen Gedankens hinausläuft, darf man doch die Augen nicht vor den Gefahren verschließen, die eine republikanische Einigungsbewegung für die Selbständigkeit der Partei haben kann." Die„Germania" bekennt sich hiernach zu derselben Auffassung, die von uns gleich nach dem ersten WirthArtikel zum Ausdruck gebracht worden ist. Allerdings zeigen sich das linksdemokratische„Berliner Tageblatt“ und nicht minder der„Solwarts“ ob dieser Darlegungen des Berliner Zentrumsblattes stark mißvergnügt. Das Zentrum kann sich dadurch nicht beirren lassen. Es kann sich weder nach links oder nach rechts einseitig festlegen. Klar und deutlich ist auf dem Reichsparteitag in Kassel und auf der letzten Tagung des Reichsparteiausschusses in Berlin der Gedanke herausgearbeitet worden, das Zentrum müsse wegen seiner eigenartigen Struktur gegenüber den Parteien von rechts und links ein Eigenleben führen. An dieser programmatischen Grundlage können wir nicht rütteln lassen, wenn wir uns nicht selbst aufgeben und unter Umständen zwischen rechts und links zerreißen lassen wollen. In diesem Sinne ist wohl auch ein Aufsatz des preußischen Zentrumsabgeordneten Dr. Schwering zu deuten, der im Berliner Acht=Uhr=Abendblatt unter anderem schreibt: „Der Gedanke der republikanischen Union und seine Wirksamkeit wird davon abhängen, einmal wie die Dinge von den Führern selbst ausgestaltet werden, vor allem aber auch von der nächsten Zukunft in Deutschland. Die Republik steht für Deutschland für absehbare Zeit fest. Wohl aber bestehen Gefahren für sie in dem Sinne, daß durch das politische Vakuum, das der deutsche Sozialismus geschaffen hat, die Reaktion nach dem ersten Versuch im vorigen Frühjahr durch die Gunst kommender Umstände fest in den Sattel gesetzt werden kann, zum wenigsten für einige Jahre. Das wäre durchaus unerwünscht. In der Abwehr dieser Gefahr ist eine so fortschrittlich gesinnte Partei wie das Zentrum einig. Aber wesentliche Teile des Zentrums glauben die Ueberwindung der Gefahr am sichersten durch das Zusammenwirken mit den Koalitionsparteien gleicher politischer Zielstrebigkeit erreichen zu können, nicht aber von einem rasch mobilisierten Korps, welchem die genialste Führung nicht ohne weiteres innere Festigkeit und vor allem Schlagfertigkeit geben kann.“ Die„Deutsche Allgemeine Zeitung" weist darauf hin, daß statt des erstrebenswerten Zustandekommens einer idealen Volksgemeinschaft die Katastrophe im deutschen Volke nur verschärft werden könnte: „In zahllosen Artikeln hat namentlich in den letzten Wochen die Zentrumspresse der Sozialdemokratie bescheinigt, daß mit ihr eine vernünftige Politik nicht betrieben werden könne. Und Dr. Wirth will Arm in Arm mit der Sozialdemokratie eine große Volksbewegung hervorrufen. Die Aktion Wirths würde automatisch doch auch eine Gegenaktion von rechts auslösen. Dem so notwendigen inneren Frieden dient der Plan Wirths nicht. Das Zentrum hat durch Konstatieren der einen Tatsache viele Gegner. Daß es aber ausgerechnet durch Herrn Josef Wirth ruiniert werde, das wünschen ihm wohl auch seine schärfsten Gegner nicht." In der Tat hat es den Anschein, als ob man auf der Seite der Rechten ein Gelingen der Pläne Dr. Wirths lebhast begrüßen würde, weil man sich davon ein allmähliches Verschwinden einer selbständigen Zentrumspartei und die Zusammenschweißung eines Rechtsblocks erhoffen würde. So läßt sich z. B. die deutschnationale „Berliner Börsenzeitung“ wie folgt vernehmen: „Dr. Wirth hat mit seiner jetzigen Aktion das gleiche erstrebt, was er im vergangenen Jahre wollte, als er aus der Fraktion ausschied. Damit wollte er von außen her einen Schritt vom linken Flügelmann der Zentrumsfront entfernt stehen, die Linksschwenkung des Zentrums gewissermaßen auf suggestivem Wege bewerkstelligen. Er at erkennen müssen, daß diese Methode nicht zum Ziele eführt hat. Deshalb hat er seinen Platz auf dem linken Flügel des ersten Gliedes wieder eingenommen und unternimmt den gleichen Versuch wieder einmal durch gewaltsamen Druck von innen her und mit Hilfe des Reichsbanners Schwarz=Rot=Gold. Die Aktion Dr. Wirths muß denjenigen, welche Staat, Nation und Wirtschaft erhalten wollen, ein Anlaß sein, sich ihrerseits zusammenzuschlietzen und endlich dem Triumvirat der Linksbewegung die Führer der nationalen Bewegung entgegenzustellen.“ Druck löst bekanntlich Gegendruck aus. Und es will uns dünken, daß es für Volk und Vaterland ein höchst unerquickliches Ergebnis wäre, wenn die Parteigegensätze zwischen rechts und links eine weitere bedrohliche Zuspitzung erfahren würden. Lediglich der Bestand einer starken unabhängigen Mittelpartet, wie das Zentrum es bisher war und auch wetter sein will. wrd dem betrüblichen innerpolitischen Kampfe die gefährlichsten Spitzen abbiegen können. und die deutschen und russischen Fragen. Warschau, 2. August. Der Auswärtige Ausschuß des Seim beendete heute die Aussprache über den Bericht des Ministers des Aeußern Zaleski. Der national=demokratische Abgeordnete und frühere polnische Minister Seyda hielt eine längere Rede, in der er betonte, daß seine Partei trotz aller Achtung vor dem Völkerbund in dieser Einrichtung keinen Hort des Friedens erblicken könne, schon deshalb nicht, weil„Deutschland bei seinem ausgesprochenen schlechten Willen nur die politische Kraft und die militärische Bereitschaft der in Betracht kommenden Staaten anerkennen werde.“ Im weiteren Verlauf seiner Rede stellt Seyda an den Minister des Aeußern Zaleski die Forderung, daß er bedingungslos einem jeden Handelsvertrag mit Deutschland entgegentreten solle, der mit politischen Zugeständnissen an Deutschland erkauft werden müßte. Endlich verlangte Seyda einen politischen Schritt Polens gegenüber dem Osten und dem zunehmenden Druck des deutschen und des russischen Flügels entgegenzutreten. Zaleski erklärte in seiner Antwort u. a., daß die Frage des deutsch-russischen Vertrages Gegenstand der ernstesten Prüfung seitens der polnischen Regierung nicht nur war, sondern auch noch ist. Jedenfalls erfordere die ganze Angelegenheit noch eine genaue Prüfung, und er sei der Auffassung, daß der Völkerbund hier das berufene Urteil fälle, und wenn er recht unterrichtet sei, werde sich auch die nächste Völkerbundsversammlung damit befassen. Der Auswärtige Ausschuß nahm am Ende seiner Beratungen eine Entschließung an, in der die Regierung aufgefordert wird, noch vor der Herbsttagung des Völkerbundes ein diplomatisches Buch herauszugeben, das die Dokumente enthält, die die Frage eines Sitzes Polens im Völkerbundsrat betreffen. Erledigung des Gesetzes über die Verfassungsänderungen im polnischen Senat. Warschau, 2. August. Der Senat hat heute das Gesetz über die Verfassungsänderungen und das Gesetz über die Regierungsvollmachten erledigt. Im ersten Gesetz wurden einige Aenderungen vorgenommen, durch welche die Befugnisse des Senats mit denen des Sejm gleichgestellt werden. Da auch am Gesetz über die Regierungsvollmachten Aenderungen vorgenommen sind, müssen beide Gesetze an den Sejm zurückgehen, der sich mit ihnen nächste Woche befassen wird. Litauen und Polen. :: Helsingfors, 2. Aug. Die amtliche polnische Telegraphenagentur hat in der hiesigen Presse ein Commuqué veröffentlicht, in dem sie gegen dieAusführungen der „Iswestija" über polnische Angriffspläne gegen Litauen Stellung nahm. Daraufhin veröffentlicht die hiesige litauische Gesandtschaft ein Gegenkommuniqué, in dem sie die Behauptungen zurückweist, Polen habe Litauen seit langem de jure anerkannt, was vielmehr bis heute nicht der Fall sei. Auch von der polnischerseits behaupteten polenfreundlichen Stimmuna in Litauen sei dort nichts zu bemerken, vielmehr deuteten viele Tatsachen auf das Gegenteil hin, insbesondere der Umstand, daß General Zeligowski, der berüchtigte Anführer des Wilnaer Handstreiches, einen Sonderauftrag in der Umgebung Wilnas erhalten habe, ferner, daß Märschall Pilsudski kürzlich eine Inspektionsreise an der Demarkationslinie unternommen habe, und endlich, daß polnische Truppenumgruppierungen auf dem okkupierten Gebiet, d. h. auf dem Gebiete von Wilna vorgenommen worden seien. Englands Waffenhandel mit der Türkej. London, 2. Aug.„Daily Chronicle“ bringt an erster Stelle unter der Ueberschrift:„Baldwins geheime Verhandlungen mit der Türkei“ eine Meldung, die das Blatt„einen schwerwiegenden Bruch mit den politischen Traditionen Großbritanniens und seiner bisherigen Praxis in internationalen Angelegenheiten“ nennt. Mit der Billigung des Ministers des Auswärtigen. Chamberlain, und unter Beteiligung des Kriegsministeriums habe die britische Regierung durch Vermittlung einer Birminghamer Rüstungsfirma geheime Verhandlungen mit der Türkei geführt, die den Verkauf von 100 000 britischen Gewehren des Modells 1914 mit Bajonetten und umfangreichen Vorräten entsprechender Patronen zum Gegenstand gehabt hätten. Es existiere ein Schreiben von Ende März d. J., in dem die Firma in Birmingham ihre Befriedigung darüber ausdrücke, daß vom Auswärtigen Amt und vom Kriegsministerium die notige Ermächtigung erteilt worden sei. Das Schreiben erwähne, daß das Angebot nicht eher gemacht werden konnte, da Chamberlain, dessen Zustimmung notwendig gewesen sei, wegen der Märztagung des Völkerbundes nicht in London war. „Daily Chroniccle" erklärt, es sei damit bewiesen, daß die britische Regierung den Verkauf von britischen Rüstungswaffen an die Türkei billige, während die Türkei völlige Freiheit habe, gegen welche etwaigen Feinde sie diese Waffen gebrauchen wolle, also auch gegen die türkischen Christen. Ein solcher Verkauf wäre gegen den Geist der Völkerbundsatzung. In einem Leitartikel schreibt das Blatt, diese Angelegenheit musse neue Beunruhigung im nahen Osten schaffen. Eine Debatte im Unterhaus. V London, 2. August. Enthüllungen über angebliche Munitions= und Waffenverkäufe der englischen Regierung an die Türkei zu Anfang dieses Jahres waren heute nachmittag Gegenstand einer lebhaften Debatte im Unterhaus. Der Abgeordnete Jons fragte den Premierminister, ob die Regierung in direkten oder indirekten Verhandlungen wegen des Verkaufs von Munition und Waffen an die Türkei oder deren Unterhändler gestanden habe. Chamberlain erwiderte, aß keine direkten Verhandlungen stattgefunden hätten. Die einzige indirekte Fühlungnahme, von der er wisse, habe in Anfragen von Privatfirmen bestanden. Gegenwärtig fänden keine Verhandlungen statt. Der Abgeordnete Kenworthy fragte darauf, ob die britische Regierung eine Wiederholung des Dardanellenschauspiels wünsche, wo britische Kriegsschiffe mit britischen Granaten versenkt worden seien. Chamberlain antwortete, daß er keinen Krieg mit der Türkei wünsche. England habe soeben die Verhandlungen mit der Türkei abgeschlossen und die gegenseitigen Beziehungen auf eine befriedigende Basis stellen können. Auf die Frage, ob eine Gasmaske erfunden worden sei, die den neuen Entdeckungen im Giftgaskrieg widerstehen könne, erwiderte Baldwin, daß Grund für die Annahme vorhanden sei, daß die Schutzmaßnahmen mit der Entwickelung der chemischen Kriegsführung Schritt halten. Das italienische Korporotionsministerium. X Rom, 31. Juli. Mussolini weihte heute in Anwesenheit sämtlicher Mitglieder der Regierung, der obersten Behörden, der Vertreter der faschistischen Partei und der Gewerkschaftsverbände das im Hause des Wirtschaftsministeriums errichtete neue Korporationsministerium ein. Nach einer Begrüßung durch den Wirtschaftsminister Belluzzo hielt Ministerpräsident und Korporationsminister Mussolini eine Rede, in der er ausführte: Das Korporationsministerium ist kein bürokratischer Organismus. Es will nicht die gewerkschaftlichen Organisationen in ihrer antonomen Tätigkeit ersetzen, die auf eine Auswahl und Gruppierung ihrer Mitglieder abzielt, sondern eine lückenlose Korporation und ein Gleichgewicht zwischen den Interessen und Kräften der Wirtschaft schaffen. Der mit dieser Feierlichkeit eingeleitete faschistische Versuch wird von den Politikern und Gelehrten der ganzen Welt mit lebhaftem Interesse verfolgt. Er wird sicherlich von Erfolg gekrönt sein. Alle Elemente der Produktion, Kapital, Technik und Arbeit, werden in den korporativen Organismen des Staates im Sinne der Verständigung und der Zusammenarbeit wirken. Es ist nicht übertrieben, wenn man diese Reformen revolutionär nennt; die Reformen, die anderswo nur in Angriff genommen wurden, wird das faschistische Regime vollkommen durchführen. Italienische Sparmaßnahmen. )( Rom, 2. August. Der Ministerrat hat beschlossen, daß nur noch ein bestimmtes Einheitsbrot hergestellt werden darf. Das Backen und der Verkauf von Luxusbrot soll untersagt werden, ebenso auch die Herstellung von Kuchen und Feingebäck aus Getreidemehl. Außerdem hat der Ministerrat entschieden, daß von den 187 bestehenden Unterpräfekturen 95 aufgehoben werden sollen. Der mexikonische Kulturkampf. Die kirchenfeindlichen Sozialisten. :: Mexiko, 2. Aug. Die Mitglieder der sozialdemokratischen Arbeiterverbände und die Regierungsangestellten veranstalteten gestern in der Stadt Mexiko und verschiedenen bedeutenden Städten des Landes Straßendemonstrationen für die Kirchenpolitik der Regierung. In der Stadt Mexiko dauerte der Vorbeimarsch des Zuges vor Präsident Calles 2½ Stunden. Die Zahl der Teilnehmer wird auf 15000 geschätzt. In verschiedenen Städten sollen sämtliche Katholiken Trauerkleidung tragen und die Häuser mit schwarzem Krepp behangen sein. Ein Waffenstillstandsangebot. Mexiko, 2. August. Von bischöflicher Seite wird erklärt, man sei bereit, mit der Regierung einen Waffenstillstand zu vereinbaren, bis das Volk die Möglichkeit gehabt habe, in einer Volksabstimmung seine Meinung zu dem Kirchenstreit abzugeben. Der englische Gesandte wehrt sich. London, 2. August. Einer Meldung des„Daily Telegraph“ zufolge hat der britische Gesandte in Mexiko persönlich formelle Vorstellungen beim mexikanischen Außenamt wegen der Christ=Church=Cathedral erhoben, die der Andachtsort der britischen Kolonie in Mexiko ist. Diese Kirche sei Privateigentum dreier britischer Kuratoren. Ihre Beschlagnahme durch den mexikanischen Staat könne daher nicht in Betracht kommen. Vereiteltes Attentat auf Präsident Calles? := Berlin, 2. Aug. Die mexikanische Polizei gibt der „B. Z." zufolge die Aufdeckung eines Komplotts zur Ermordung Calles bekannt. Verhaftet wurden eine Stenotypistin, die in dem Calles=Büro gegenüber liegenden Rathaus beschäftigt war, weiter die Frau eines Waffenfabrikanten, der selbst flüchten konnte, der Sohn des mexikanischen Senators Araujo und 5Offiziere. Die Regierung hält die näheren Umstände noch geheim. Alle Verhafteten sollen Mitglieder der Liga für die Verteidigung der religiösen Freiheit sein. Calles schein tAttentate nötig zu haben wie Mussolini.) Konferenz. :: London, 2. August. Die„Times" berichtet aus Tokio, daß gestern in Nagasaki eine pan-asiatische Konferenz unter Beteiligung von 51 Delegierten aus Japan, Indien, den Philippinen, Siam und Korea eröffnet wurde. Wegen ihres Argwohnes gegenüber einigen Koreanern haben die Chinesen die Konferenz boykottiert. Diese ist, nach dem„Times“ nicht politisch, trotzdem seien die in Betracht kommenden Regierungen wegen reaktionärer Ausfälle besorgt und überwachten die Konferenz scharf. Die Japaner fordern u. andern: Zusammenwirken zwischen den Asiaten, Förderung des Baues transasiatischer Bahnen, Errichtung von Banken für Erleichterung zwischen asiatischer Kredite und Förderung einer großen Gesellschaft der Förderung des zwischenasiatischen Handels. Einflußreiche Japaner in Tokio behaupten, daß die meisten Delegierten überhaupt niemand vertreten, und daß die Konferenz kaum etwas Nützliches zustande bringen wird. „Daily Telegraph" zufolge ist der frühere russische General Semenow auf der Konferenz anwesend, jedoch nicht als Delegierter.„Daily Mail“ berichtet aus Nagasaki, dies sei der erste Kongreß der Weltgeschichte, in dem die Delegierten der farbigen Rassen die Rassengleichberechtigung forderten und die Beseitigung der Vorherrschaft der Weißen. Verschiedene, namentlich indische Delegierte, hätten scharfe antienglische Reden gehalten und erklärt, daß England und Australien antijapanisch seien. Die japanischen Redner wiesen vor allem auf die japanfeindliche Stimmung Amerikas hin. Von den japanischen Delegierten sind 4 Parlamentsmitglieder. Das Programm des Kongresses enthalte den Vorschlag der Schaffung eines Bundes der asiatischen Rassen. Asien wolle etwas Konkreteres als das, was in den Völkerbundssatzungen niedergelegt sei. Deutsches Reich. Graf Lerchenfelds Nachfolger im Reichstag. Berlin, 2. August. Als Nachfolger des zum Gesandten in Wien ernannten Grafen Lerchenfeld tritt Oberlehrer Fröhling(Bamberg) in den Reichstag ein. Die Klage Gürtners gegen Levi und den„Vorwärts“. :: München, 2. August. Wie die„Münchener Zeitung“ erfährt, richtet sich die Klage des bayrischen Justizministers Dr. Gürtner sowohl gegen ven„Vorwärts" als auch gegen den Reichstagsabgeordneten 3evi. Die Klage ist in Berlin anhängig gemacht. Verbot des Potemkinfilms. )1( Stuttgart, 2. August. Vom Polizelpräsidenten wird u. a. mitgeteilt: Nach der erneuten Zulassung des Filmstreifens„Panzerkreuzer Potemkin“ sollte derselbe auch in Stuttgart zur Aufführung gebracht werden. nderunt sowie die Die an dem Filmstreifen vorgenommenen Ae gen haben seine aufreizende und den Staat öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdende Wirkung nicht verringert. Das Polizeipräsidium hat deshalb die Vorführung im Polizeibereich Groß=Stuttgart wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erneut verboten. Auslandsnachrichten. Reise des deutschen Botschafters Graf BrockdorffRantzau nach Leningrad. )1( Moskau, 2. Aug. Der deutsche Botschafter Graf Brockdorff=Rantzau reiste gestern abend zu einem eintägigen Besuch der deutschen Kolonie nach Leningrad. Der Botschafter wird von Leningrad nach Berlin weiterreisen, wo er am 6. August einzutreffen gedenkt. Sinowjews unfreiwilliger Arlaub. Moskau, 2. August. Aus gutunterrichteter Quelle verlautet, daß Sinowjew am Dienstag dieser Woche einen sogenannten Urlaub auf 2 Jahre antreten wird. Bis jetzt ist noch nicht bekannt, wo Sinowjew seinen Urlaub verbringen will. Man spricht von Ural oder Sibirien. Strenge Ueberwachung der spanisch=französischen Grenze. — Paris, 2. Aug. Wie der„Information“ aus Perpignan gemeldet wird, wird infolge des Attentats auf Primo de Rivera die Grenze von den spanischen Behörden streng überwacht, zumal angenommen wird, daß die französische Regierung zahlreiche verdächtige Ausländer ausweisen wird und daß diese versuchen werden, nach Spanien zu gelangen. Auch der Generalresident und Senator von Katalonien, Borras, der sich gegenwärtig in einer Ortschaft an der Grenze bei Bekannten aufhält, wird streng überwacht, weil man glaubt, daß er mit separatistischen Kreisen in Verbindung steht. Weiter wird gemeldet, daß die Verbreitung falscher Nachrichten mit Geldstrafen bis zu 6000 Peseten und mit Gefängnis bestraft wird. Mellon in Genf. () Paris, 2. Aug. Wie der„Matin" meldet, ist der amerikanische Schatzsekretär Mellon am Sonnabend in Genf eingetroffen. Mellon soll erklärt haben, er habe bei seiner Abreise aus Washington beabsichtigt, sich lediglich zu einem Ferienaufenthalt nach Europa zu begeben, er sei aber auf Grund eines Telegramms des Präsidenten Coolidge gezwungen, wieder an die Arbeit zu gehen. Er habe sich schon in Paris mit Finanzfragen beschäftiat und werde sich morgen zu dem gleichen Zweck nach Rom begeben. Zusammenkunft des Dawesausschusses. A London, 2. August. Daily Chronicle“ berichtet, daß die erste Zusammenkunft des Dawesausschusses, der in London zusammengetreten ist, am Sonnabend in der Bank von England abgehalten worden sei. Sachverständige der verschiedenen Länder nehme daran teil. Den Vorsitz der Verhandlungen führe Pa ker Gilbert. Cooks Verhandlungsbereitschaft. () London, 1. Aug. Der Bergarbeiterführer Cook erklärte in einer Rede, wenn es die Bergarbeiter wünschten, so seien die Vertreter des Bergarbeiterverbandes bereit, entweder mit der Regierung oder den Grubenbesitzern zwecks Abschlusses einer ehrenhaften Regelung zusammenzutreffen, vorausgesetzt, daß die Frage derlängeren Arbeitszeitausgeschaltet und ein nationales Abkommen mit einem nationalen Mindestlohn bei einem siebenstündigen Arbeitstag geschaffen werde. Eine Dauerschlacht. :: Kairo, 1. Aug. Das Blatt„L'Espoir“ veröffentlich eine Meldung aus Beirut vom 28. Juli, wonach 1800 französische Truppen seit dem 18. Juli in einer zehn tägigen Schlacht in Damaskus und den umgeben den Plätzen stehen sollen. Die Franzosen sollen verschiedene Dörfer, die den Aufständischen Unterkunft gewährten, vollkommen zerstört und dennoch noch keinen entscheidenden Sieg davongetragen haben. Das Kurdenviertel in Damaskus und ein anderer Teil der Stadt, wo sich die Aufständischen verschanz hätten, seien beschossen und eingeäschert worden Die Aufständischen hätten einen Zug, der von Beiru nach Damaskus fuhr, angegriffen, ihn geplündert und einen französischen Offizier und zwei Soldaten getötet Drei Armenier seien getötet, die übrigen Personen im Zuge jedoch nicht behelligt worden. Mitglieder des Jungdeutschen Ordens durch Kommunisten verwundet. () Köln, 1. Aug. Wie Wolffs westdeutscher Provinzialdienst erfährt, wurde heute abend zwischen Benrath und Langenfeld ein von Köln kommendes Automobil mit Mitgliedern des Jungdeutschen Ordens die von ihrer Kölner Tagung heimkehrten, von ebenfalls in einem Lastauto von Düsseldorf kommenden Rotel Frontkämpfern mit Pistolen beschossen und mit teinen und Flaschen beworfen. Durch Steinund Flaschenwürfe wurden einige Jungdeutsche verletzt darunter zwei schwer. Das Auto der Kommunisten wurde von der Polizel angehalten und durchsucht. Dabei wurden zwei Dolche, 3 Pistolen, ein Schlagring, zwei Gummiknüppel, ein Totschläger sowieine Schachtel Patronen gefunden. Das Auto wurd beschlagnahmt. Ein anderes Auto wurde in Siesdor angehalten und durchsucht. Auch hier wurden Waffen gefunden und beschlagnahmt. Rote Fronkämpfer überfallen Reichsbannerleute. () Berlin, 1. Aug. Am gestrigen Sonntag fand in Werneuchen eine Werbeveranstaltung des Reichsbanners statt. Gegen Abend kamen Rote Frontkämpfer auf der Rückfahrt von Freienwalde durch Werneuchen und überfielen die Reichsbannerleute mit Messern und Schlag ringen. Es wurden 3 Reichsbannerleute, welche ins Krankenhaus Altlandsberg gebracht wurden, und 4 Rote Frontkämpfer verletzt. Zusammenstöße zwischen Kommunisten und Polizei () Dessau, 1. Aug. Am Sonntag Nachmittag veranstaltete die kommunistische Partei zum Zwecke der Antikriegspropaganda durch mehrere Straßen der Stadt einen Umzug. Die Polizei sah sich genötigt zwei Wagen di geeignet waren den Klassenhaß zuschüren, zuh schlagnahmen. Darauf griffen die Kommunisten die Pol zeibeamten an und verletzten zwei Schutzleute erheblich durch Schläge und Messerstiche, sodaß einer von ihnen nach dem Krankenhaus gebracht werden mußte, Die Polizei sah sich schließlich gezwungen, mit dem Gummiknüppel vorzugehen. Mehrere Kommunisten wurden verletzt, die Rädelsführer verhaftet. 9 Aus aller Welt. Tödlicher Anfall durch Explosion einer Handgranate Rheinfelden(Baden), 2. August. Beim Spielen fanden mehrere Kinder in einem Schutthaufen 2 Hand granaten, von denen eine explodierte. Ein 15jährige Knabe ist an den dabei erlittenen schweren Verletzunge bereits gestorben. 3 andere Knaben liegen erhebei verletzt darnieder. Erdbebenbeobachtung. (*) Faenza, 2. August. Die Seismographen des sigen Observatoriums verzeichneten sehr starke Ero erschütterungen in einer Entfernung von 90% Kilometern. Zur Platzfrage für das ehrenmal. X Düsseldorf, 1. Aug. in der Versammlung in Koblenz am 20. Juli gewählte Ausschuß, der sich aus Vertretern der staatlichen der rheinischen Abgeordneten der Reichsratsmisglieder und sonstigen beteiligten Kreisen aus der Rheinprovinz und Hessen=Nassau, dem Lande Hessen und der Pfalz zusammensetzt, hat in seiner Sitzung am gestrigen Sonnabend einstimmig beschlossen mit allem Nachdruck bei den zuständigen Stellen für eine Insel im Rhein als den geeignetsten Platz für das Reichsehrenmal einzutreten. Die Auswahl unter dei drei in Vorschlag gebrachten Inseln wird einer ateren Prüfung und Beschlußfasung vorzubehalten sein. Der Ausschuß war ferner einstimmig der Ansicht, daß die v einzein. Stellen gemachten Vorschläge, das eat auf einem Berge am Rhein zu errichten, nicht in Betracht zu ziehen sind und bittet daher alle Stellen die ein Reichsehrenmal am Rhein erstreben, von den Vorschlägen und der Befürwortung von Höhenprojekten avzusehen. Zum Vorsitzenden des Ausschusses für das Reichsehrenmal am Rhein wurde Landeshaupimann Dr. Horion=Düsseldorf gewählt. Die Entscheidung vertagt. Wie der Lokalanzeiger hört, herrscht in der Reichsregierung über die Frage des Reichsehrenmals die Ansicht, die ganze Angelegenheit vorläufig solange zu vertagen, bis eine Einiaung der bei der Errichtung des Reichsehrenmals in Frage kommenden Gruppen zustande gekommen ist. Der 9. deutsche Studententag. :: Bonn, 2. Aug. Ueber den Flaggenzwischenfall auf dem Studententag ist noch einiges nachzutragen. Wie bereits gemeldet, verlas in der Sitzung am Samstag vormittag der(völkische) Aelteste Frank(Wien) namens des Hauptausschusses der Deutschen Studentenschaft den Antrag, das Vorgehen des Vorsitzenden der Bonner Studentenschaft aufs Schärfste zu mißbilligen, da durch das Herabholen der beiden Flaggen das Andenken an die gefallenen Kameraden entehrt und die Reichsflagge in den Staub gezogen worden sei. Weiterhin beantragte er, der Studententag solle sich solange nicht als Gast der Bonner Studentenschaft betrachten, als der gegenwärtige Vorsitzende Mager(katholischer Freistudent) im Amte sei. Die Tagungsleitung versuchte, die beiden Anträge sofort durchzudrücken, was aber an dem Widerspruch der westdeutschen Hochschulen scheiterte. Ihr Sprecher, der katholische Farbenstudent Krämer(Köln) erklärte, daß man allerdings kein Wiederaufrollen der Flaggenfrage wolle, aber die Anträge des Hauptausschusses bedeuteten einen Fanfarenstoß gegen die Minderheit. Die westdeutschen Hochschulen hätten einstimmig beschlossen, Widerspruch dagegen zu erheben, daß ohne sachliche Prüfung des Tatbestandes zu dem Antrag Stellung genommen werde. Der Antrag 2 bedeute ein Ultimatum, wobei nur die Rücksicht auf den akademischen Teil verbiete, ein noch schärferes Wort zu wählen. Es kam gleichwohl zur Abstimmung, wobei der erste Antrag gegen drei Stimmen bei 15 Enthaltungen angenommen wurde. Der Ultimatumsantrag wurde gegen 22 Stimmen bei 11 Enthaltungen angenommen.(Gesamtstimmenzahl 120.) Die Vertreter der Bonner Studentenschaft verließen daraufhin den Verhandlungssaal. Man trat dann in die eigentliche Tagung ein. Es sprach zunächst der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Hochschulen. In seinen weitschweifenden Ausführungen beschäftigte er sich auch vorsichtig mit dem Hochschulreformprogramm der deutschen Studentenschaft. In der Nachmittagssitzung, die den Auftakt zu dem mit dem Studententag verbundenen Studientag bilden sollte, sprach der Heidelberger Anglist Prof. Dibelius über die englisch-amerikanische Hochschulidee. Als zweites Referat war ein Vortrag des Bonner Romanisten Platz vorgesehen über das romanische Hochschulwesen. Prof. Platz ließ schriftlich mitteilen, daß er nicht in der Lage sei, sein Referat zu halten, solange der Streifall mit der Bonner Studentenschaft nicht erledigt sei. Namens der Tagesleitung erklärte daraufhin lakonisch der Aelteste Stöckle(München), daß eine Einigung noch nichterzielt sei. Der Vorsitzer der Bonner Studentenschaft, cand. theol. Mager, hat inzwischen, um eine weitere Störung der sachlichen Arbeit des Studententages zu vermeiden, sein Amt zur Verfügung gestellt. Professor Dr. Platz(Bonn) hat dann im Laufe des Samstag abends auf Bitten der Bonner Studentenschaft im kleinen Kreise vor den Fachgruppenvorsitzenden und Hauptausschußmitgliedern seinen Vortrag gehalten. Der Tag war im wesentlichen mit den Vorbereitungen der sechs Fachgruppenausschüsse ausgefüllt. Am Abend fand in den Räumen der Lesegesellschaft ein Empfang durch die Stadt Bonn statt. In der dritten Vollsitzung des Deutschen Stubententages am Montag vormittag führte das Vorstandsmitglied der Deutschen Studentenschaft, Stelter, im Rahmen eines Berichtes über das letzte Amtsjahr u. a. aus, daß die Veruntreuungen an der Berliner Universität im vergangenen Jahre allzusehr politisch ausgeschlachtet worden seien, dagegen habe die Bewegung in Hannover eine ausgezeichnete Disziplin der Studentenschaft gezeigt. Nach Verlesung einer Reihe von Begrüßungsschreiben machte der Aelteste der Deutschen Studentenschaft, Frank, vom Rücktritt des Vorsitzenden der Studentenschaft der Universität Bonn Mitteilung. Anschließend ergriff das Vorstandsmitglied der Deutschen Studentenschaft, Thon, das Wort zu einem Referat über die einzelnen Arbeitsgebiete der Deutschen Studentenschaft. Der Referent ging u. a. auf die Auslandsarbeit der Deutschen Studentenschaft im vergangenen Jahre ein, besonders auf die Verhandlungen mit der Arbeitsgemeinschaft studentischer Nationalverbände (C. J. E.). Die Deutsche Studentenschaft habe ihre internationalen Beziehungen trotz des Scheiterns dieser Verhandlungen weiter ausgebaut und stehe in engstem Konnex mit einer großen Anzahl ausländischer Studentenschaften. Die 700=Fahrfeier für Franziskus von Assisi. + Assisi, 2. Aug. Der erste Tag der 700=Jahrfeier zu Ehren des hl. Franziskus von Assisi sah das kleine Städtchen Assisi im festlichen Schmuck der Straßen und Häuser. Ueberall sieht man Fahnen und Tücher in den Stadtfarben blau=rot mit silbernem Kreuz und goldenem Löwen, überall Blumen, die der hl. Franziskus besonders liebte und überall auf den Plätzen und Straßen ungezählte Menschenmassen, die mit Autos aus allen Himmelsrichtungen schon seit gestern herangebracht worden waren. Die durchweg bäuerliche Bevölkerung des Städtchens bot in ihrer sauberen bunten Nationaltracht einen schönen Anblick. Die Bürger von Assisi überbieten sich den Fremden gegenüber an Höflichkeit und Aufmerksamkeit. Die auf 3 Tage berechneten Feierlichkeiten begannen gestern mit einer Feier auf dem großen Municcipalplatz, um den sich mittelalterliche Paläste und ein alter römischer Tempelbau gruppieren. Der Platz und die Straßen aufwärts nach dem Dom San Ruvvino und abwärts nach der Basilika des hl. Franziskus waren dichtgedrängt voller Menschen. Gegen 11 Uhr abends empfing der Bürgermeister des Städtchens Fortini und die Mitglieder des Internationalen Komitees für das heilige Jahr des Franziskus von Assisi die auswärtigen Gäste in den schönen Sälen des Stadthauses. Unter den Ehrengästen befindet sich auch der in Deutschland bekannte Theologe Professor Polimanti. der derzeitige Rektor Magnificus der Universität Bologna, ferner die Spitzen der Militär= und Zivilbehörden der Provinz Umbrien, die Vertreter der italienischen und ausländischen Presse usw. Kurz vor Mitternacht setzte sich dann der Festzug durch die Straßen der Stadt zum Dom hin in Bewegung. Hier im Dom waren für die Ehrengäste Ehrenplätze hergerichtet. Um 12 Uhr mitternachts celebrierte der bald 90jährige Bischof von Assisi, Monsignore Muddi, die feierliche Pontificalmesse. Die Polifonica Romana, unter Leitung des in Deutschland durch seine vorjährige Konzertreise mit der sixtinischen Kapelle bekannten Dirigenten Caramiri, führte in ausgezeichneter Form die liturgischen Gesänge aus. Gegen 2 Uhr war die Messe beendet. Nach der Messe begann die grandiose Prozession zum Grabe des Heiligen in der Basilika, an der der Klerus, die Ordensgeistlichkeit, die Bruderschaften und Gilden mit ihren Bannern teilnahmen. Fast zwei Stunden lang durchzog die Prozession psalmodierend die Stadt. Alle Häuser waren durch Pechpfannen illuminiert. Von der Höhe über der Stadt leuchteten die Umrisse der Burgruine in feiner Lichtumrandung auf. Alle Glocken läuteten, und ihr Tönen wurde von den zahlreichen Kirchen in der Ebene wie vom Echo aufgenommen. Gegen 4 Uhr morgens erreichte die Prozession die Basilika, deren großartige Architektur wiederum durch eine künstlerische Illumination fein hervorgehoben wurde. Durch das offene Portal zog die Prozession in die Unterkirche, wo am Grabe des hl. Franziskus das Allerheiligste ausgesetzt wurde. Die Prozession löste sich dann langsam auf, während der neue Tag schon dämmerte. Der zweite Tag der Feierlichkeiten begann mit feierlichen Pontifikalmessen in der Basilika des Heiligen und in der Kirche Portiuncula. Ununterbrochen strömte der Zug der Pilger, darunter auch deutsche Pilger vom Caritasverband, zum Grabe des hl. Franziskus. Um 7 Uhr abends fand eine neue große Prozession unter riesiger Beteiligung statt. Die Zuverlässigkeit der beschau. Gärtner=Bazillus und Breslau=Bazillus. Die Fleischerkrankungen in Herzfelde bei Berlin haben im ganzen Reich schwere Besorgnis ausgelöst. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß auch an anderen Orten Fleischvergiftungen eintreten und daß sie vielleicht einen ebenso großen Umfang wie in Herzfelde annehmen, wo über 200 Personen unter mehr oder minder schweren Krankheitserscheinungen sich in ärztliche Behandlung begeben mußten. Noch ist das Dunkel, das über der Herzfelder Fleischvergiftung liegt, nicht gelöst. Nach den neuesten Ermittlungen scheint es, daß zwar objektiv der Schlächter, der das Fleisch verkauft hat, gedeckt und schuldlos war, daß aber viele Anzeichen dafür sprechen, daß entgegen seinen Behauptungen, daß bei ihm nur erstklassiges Fleisch verkauft würde, es sich um Fleisch gehandelt hat, das von Vieh stammt, das notgeschlachtet worden ist. Auch liegt der Verdacht nahe, daß der zuständige Tierarzt nicht mit der genügenden Sorgfalt die Untersuchung des Fleisches vorgenommen hat. Gerade für die Fleischbeschau bestehen sehr strenge Vorschriften, und das seltene Vorkommen von Vergiftungen spricht dafür, daß in veterinär medizinischer Beziehung die Bevölkerung einen genügenden Schutz besitzt. Trotzdem kommt es natürlich im Einzelfall darauf an, wie der zustandige Tierarzt die Vorschriften handhabt, ob er, wie es in Herzfelde nicht selten vorgekommen sein soll, nicht ab und zu ein Auge zudrückt. Die Fleischbeschau für das Deutsche Reich ist seit dem Jahre 1900 einheitlich geregelt. Nach ihm unterliegt das Schlachtvieh, zu dem Rindvieh, Schweine Schafe, Ziegen, Pferde und Hunde gehören, deren Fleisch zum Genuß für Menschen verwendet werden soll, vor und nach der Schlachtung einer amtlichen Untersuchung. Bei Notschlachtungen darf die Untersuchung vor der Schlachtung unterbleiben. Ergibt die Untersuchung nach der Schlachtung, daß kein Grund zur Beanstandung des Fleisches vorliegt, so hat der Beschauer es als tauglich zum Genuß der Menschen zu erklären, andernfalls hat der Beschauer die Polizeibehörde zu benachrichtigen. Ist eine Verwendung des Fleisches nicht zulässig, so ist es in unschädlicher Weise zu beseitigen. Bei der Erkrankung in Herzfelde handelt es sich nicht um einen Krankheitserreger, der ohne weiteres bei der tierärztlichen Untersuchung festgestellt werden kann. Alle Anzeichen lassen den Rückschluß zu, daß es sich um den Breslau=Bazillus handelt, einen Krankheitserreger, der anläßlich von Fleischvergiftungen in Breslau vor wenigen Jahren erst festgestellt wurde. Eigentümlich bei den Erkrankungen ist, daß die Tatsache, daß es sich bei dem Genuß des Fleisches um gekochtes Fleisch handelte, bei dem im allgemeinen die schädlichen Bazillen abzusterben pflegen, diesmal keinen Einfluß gehabt hat. Es bilden die Bazillen beim Abkochen Giftstoffe, sogen. Toxine, auf die die Erkrankungen zurückzuführen sind. Das staatliche Veterinär=Institut in Potsdam hat festgestellt, daß es sich bei den Bazillen um eine Untergruppe des Paratyphus=Bazillus, den Bazillus Enteritus handelt, der ein dem Gärtner=Bazillus verwandter Bazillus ist. Es soll jetzt noch festgestellt werden, ob diese Bazillen, die von dem erkrankten Rind stammen, auch auf das Schweinefleisch übertragen worden sind. Die Erkrankungen in Herzfelde haben den einen Vorteil gehabt, daß sie relativ leicht verlaufen sind. Die Krankheitserscheinungen waren fast überall gleich. Starker Brechdurchfall, hohes Fieber, heftige Kopf= und Gliederschmerzen. Die Heftigkeit der Erkrankungen hängt zum großen Teil von der allgemeinen körperichen Konstitution des Betreffenden ab. Es läßt sich nicht ableugnen, daß die Fleischvergiftungen zum Teil deswegen größeren Umfang annehmen konnten, weil in Herzfelde viele Gelegenheitsarbeiter sind, die in sehr notdürftigen Wohnungsverhältnissen leben. Gibt es einen allgemeinen Schutz gegen solche Fleischvergiftungen? Diese Frage muß dann verneint werden, wenn Fleisch von der tierärztlichen Beschau als für menschliche Nahrung verwendbar zurückgekommen ist; denn die Hausfrau, die in gutem Glauben, gesundes Fleisch zu erhalten, dieses kauft, wird keine besonderen Vorsichtsmaßregeln mehr treffen. Zum Glück sind die Fälle, wo nicht einwandfreies Fleisch freigegeben wird, ganz selten. Sowie auch nur der Verdacht besteht, daß es für menschliche Nahrung unzweckmäßig sei, wird es von den Veterinärstationen zurückgewiesen. Nun gibt es Grenzfälle, in denen man sich für und wider entscheiden kann. Solches Fleisch ist im Handel dann meistenteils billiger zu haben. Es handelt sich hier, wie besonders betont werden muß, nicht etwa um gesundheitsgefährliche, sondern nur um minderwertige Ware. Wenn man daher den Hausfrauen einen Rat geben darf, so den, sich beim Einkauf nicht dadurch beeinflussen zu lassen, daß das Fleisch vielleicht 10 Pfennige billiger ist, sondern lieber vollgütige Ware zu nehmen. Ein weiterer Schutz ist es, wenn man seinem Schlächter, bei dem man seine Einkäufe tätigt, Vertrauen schenken kann. Es gibt viele Schlächter, die prinzipiell kein Fleisch von Tieren kaufen, die notgeschlachtet werden mußten. Bei gesunden Tieren, die vor und nach der Schlachtung untersucht werden, ist die Gefahr, daß sie Krankheitsbazillen tragen, äußerst gering. in Von Nah und Fern. Frau Rathenaus Beisetzung. := Berlin, 2. Aug. Heute vormittag ist, laut„B. Z.“ der Familiengruft in Oberschöneweide Frau Geheimrat Rathenau in aller Stille bestattet worven, Der Reichskanzler hat im Namen der Reichsregierung am Sarge der Verstorbenen einen Kranz niederlegen lassen. Von der offiziellen Beteiligung der Reichsregierung ist entsprechend einem letzten Wunsche der Verstorbenen abgesehen worden. Für die„Walter Rathenau=Stiftung“ legte deren Verwalter, Ministerialdirektor Brecht, am Sarge einen Kranz nieder. Der Verleger von Corvins„Pfaffenspiegel“ unter Anklage gestellt. () Berlin, 3. Aug. Der„Montag Morgen“ bernimmt aus der neuesten Nummer der Wochenschrift„Tagebuch“ die Meldung, daß der Berliner Verlagsbuchhändler Albert Bock, der den 1845 erschienenen Pfaffenspiegel neu verlegt und herausgegeben hat, am 20. Okt. d. Jahres vor dem erweiterten Schöffengericht BerlinSchöneberg wegen öffentlicher Beschimpfung der römisch-katholischen Kirche, ihrer Einrichtungen und Gebräuche sich zu verantworten haben werde. Hundertjähriges Bestehen des Bibliographischen Instituts. ()Leipzig, 1. Aug. Das Bibliographische Institut in Leipzig beging heute die Feier seines einhundertjährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß spendete das Institut 210.000 Mark für Wohlfahrtszwecke. Ueberschwemmungen im Vogtland. X Plauen i. V., 2. Aug. Durch den ununterbrochenen Regen der letzten Tage sind die meisten Flüsse und Bäche im Vogtland wieder gewaltig gestiegen und an verschiedenen Stellen aus ihren Ufern getreten. Am Zusammenfluß der Brumdöbra und der Zwota an der unteren Klingentaler Straße ist das Wasser in verschiedene Häuser und auch in Fabriken eingedrungen, so daß der Betrieb eingestellt werden mußte. Auch in der Umgebung von Klingenthal haben die Brumdöbra und Zwota weite Strecken überschwemmt. Die Nebenflüsse der Elster bringen gewaltige assermassen mit sich, besonders die Göltzsch. Bei Greiz gleicht die Göltzsch einem großen See. Aufklärung des Nauheimer Fememordes. A Frankfurt a. M., 2. August. Der im Zusammenhang mit den Bad Nauheimer Fememordfällen von der Frankfurter Polizei verhaftete Chauffeur Schwing hat wie von der hiesigen Polizei bestätigt wird, im Gefängnis bezüglich des Mordversuches an dem früheren Oberleutnant Wagner ein volles Geständnis abgelegt. Danach hat er den Mordüberfall, bei dem Wagner in den Teich geworfen und durch Revolverschüsse verletzt wurde, zusammen mit dem RathenauMörder Kern und dem Versicherungsbeamten von Salomon, ausgeführt. Was dann später aus Wagner geworden ist, der kurz nach seiner Einlieferung in das Nauheimer Krankenhaus verschwand, darüber ist nichts bekannt. Großer Einbruchsdiebstahl in einen Juwelierladen in München. München, 2. August. Heute nachmittag drangen Einbrecher von dem Keller aus in den Verkaufsraum eines Juweliergeschäftes ein und stahlen Schmuckgegenstände im Gesamtwerte von über 100 000 Mark. Die Polizei vermutet, daß es sich um eine internationale Einbrecherbande handelt, die nach wohlvorbereiteter Auskundschaftung den Einbruchdiebstahl ausgeführt hat. Grubenunglück. () Karlsbad, 2. Aug. Auf dem Schacht in PoldiJanessen ereignete sich ein schweres Grubenunglück. Im Abraum waren drei Arbeiter mit dem Wegräumen von Holzstücken beschäftigt, als plötzlich größere Erdmassen niederfielen und die drei verschütteten. Einer wurde getötet, die anderen schwer verletzt. Eisenbahnunglück in der Tschechoslowakei. () Prag, 1. Aug. In der Station Chotowin bei Tabor fuhr die Lokomotive eines Güterzuges infolge falscher Weichenstellung in eine tiefe Grube. Hierbei wurde der Heizer getötet, der Zugführer leicht verletzt. Der Verkehrsbeamte, der sich die Schuld an dem Unglück beimaß, verübte Selbstmord. Wetterbericht. Essen, 2. Aug. Das Hochdruckgebiet ist schnell nach Nordosten hin vorgestoßen und erstreckt sich jetzt über England, Skandinavien und Mitteleuropa. Es zeigt aber bereits Spuren des Zerfalls, sa daß das Hochdruckwetter nicht sehr lange andauern dürfte. Bei vorwiegend nördlichen Winden herrschte heute morgen in Deutschland meist bewölktes Wetter bei Temperaturen zwischen 12 und 16 Grad. Vorhersage bis Mittwoch: Vorwiegend trocken bei ansteigenden Temperaturen; später wird sich der unbeständige Witterungschavakter wieder bemerkbar machen. Roman von S. A. Duse. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Schwedischen von E. v. Kraatz. Copyright by Josef Singer. Verlag A.=G., Leipzig 13)(Nachdr. verb.) Eine Weile kämpfte ich noch innerlich mit mir, hatte dann aber den Entschluß, Carring alles zu sagen. Was ich zu erzählen hatte, war ja eigentlich nicht viel. Er hörte mich schweigend bis zu Ende an. „Und das ist alles?" fragte er schließlich. „Ja", sagte ich wahrheitsgetreu,„ich habe dir alles erzählt, was ich weiß." „Der Gedanke, daß ein so hübsches junges Mädchen aus guter Familie in diese greuliche Geschichte verwickelt sein sollte, ist allerdings widerlich!“ meinte Carring sinnend.„Aber wer weiß, ob es so schlimm ist, wenn die Wahrheit erst an den Tag kommt. Wie denkst du denn selbst über die Beziehungen deiner Gurti zu Gilbert Wentele und seinem Onkel?“ „Da Eva sie zusammen gesehen hat, muß sie ja mit Gilbert bekannt sein". erwiderte ich.„Und wahrscheinlich hat sie jene rosa Hutnadel von ihm geschenkt bekommen und vielleicht auch die Steine. Aber— wie ich dir schon gestern sagte— ich werde niemals glauben, daß sie mit irgendeinem Verbrechen zu tun hat, selbst wenn die Mordwaffe ihr gehören sollte." „Wir müssen unbedingt versuchen, die junge Dame zu finden. Da du ihr Aussehen so genau beschreiben kannst, und wir ihren Vornamen kennen, dürfte das nicht schwer sein. Solltest du ihr wieder begegnen, so halte dich an ihre Person wie ein Detektiv und gib mir sofort Nachricht.“ Das versprach ich ihm und verabschiedete mich dann bald. Mit dem Kopf voller, nicht aber fröhlicher Gedanken ging ich aufs Geratewohl in die Stadt hinein. Ich spazierte langsam durch die Straßen, blieb hier und da vor einem Schaufenster stehen und setzte meine ziellose Wanderung wieder fort, Es war wohl sehr natürlich, daß meine Gedanken sich mit Gurti beschäftigten, und daß ich mir fortwährend über sie den Kopf zerbrach. Ich fühlte mich aber geradezu erleichtert, seit ich mich dem Detektiv gegenüber ausgesprochen hatte. Er würde doch schließlich hinter die Wahrheit gekommen sein, und es wäre vielleicht schlimmer für sie gewesen— wenn sie wirklich irgend etwas mit dem„Fall Wentele", wie Carring ihn nannte, zu tun hatte. Im Laufe meines Spazierganges erreichte ich die Drottningstraße. Es war kurz vor zwölf, und der Menschenstrom hatte erheblich zugenommen. Ich war wieder einmal in Gedanken verloren vor einem Schaufenster stehen geblieben, das mich nicht im mindesten interessierte. Und indem ich dort stand, drangen vom Hauseingang her einige Worte an mein Ohr, die mich aufhorchen machten. Ich trat etwas näher an den Eingang heran, um besser hören zu können, und nun vernahm ich eine Frauenstimme— eine angstvolle, erregte Stimme. „Nein, Sie sollen nicht mitkommen! Lassen Sie mich allein gehen.“ „Unter keiner Bedingung meine Gnädigste", entgegnete eine harte und scharfe Männerstimme.„Sie haben mir ja versprochen, mit mir spazierenzugehen." „Aber nicht heute, nicht jetzt!" bat sie.„Ein andermal— vielleicht—“ In diesem Augenblick ging ich weiter, so daß ich an dem Eingang vorüber kam, und dabei konnte ich es natürlich nicht lassen, mir die beiden anzusehen. Und da hätte ich ums Haar haltgemacht. Ich bin überzeugt, daß mein Fuß eine Sekunde lang stockte, so daß sie es merkten. Jedenfalls verstummten sie beide und sahen mich an, sie mit einem scheuen Blick, und er mit frech herausfordernder Miene, indem er sein großes Monokel fester ins Auge drückte. Es war— Gurti. Und der Mann? Ja, der sah Onkel Holger so ähnlich, wie ein Ei dem andern. Das mußte unbedingt Gilbert Wentele sein, den ich also zum erstenmal zu sehen bekam. Einen Augenblick war ich drauf und dran, auf ihn zuzugehen und ihn zu begrüßen, meinen Namen zu nennen und ihn zu bitten, mich Gurti vorzustellen. Aber irgendein unerklärliches Gefühl hielt mich davon ab, und ich blieb jenseits des Eingangs stehen, um das Weitere abzuwarten. Gilbert wollte ihr offenbar seine Begleitung aufdrängen, und sie wollte allein sein. Wer würde seinen Willen durchsetzen? Ich stand da, schielte hin und wartete. Aber ich hörte nichts, und niemand kam zum Vorschein. Schließlich riß mir die Geduld. Ich mußte sehen, ob sie noch immer dastanden, oder ob sie verschwunden waren, ohne daß ich es merkte. Indem ich wieder am Eingang vorüberging, hörte ich jemand halblaut sagen: „Gut! dann treffen wir uns also um halbeins in Fredens Keller." Sie standen einander gegenüber und sahen mich deshalb nicht. Wird Gilbert das wirklich wagen? fragte ich mich. — Nach allem, was heute morgen in den Zeitungen steht, muß er sich doch sagen, daß man ihn verhaften wird, sobald einer der Schutzleute sein Signalement erkennt. Und daß er es nun sogar in ihrer Gesellschaft wagen will, ist ja noch frecher und überdies rücksichtslos gegen das junge Mädchen, das womöglich mit ihm zusammen festgenommen werden wird. Meine Gedankengänge wurden plötzlich durch die junge Dame selbst unterbrochen, die rasch aus dem Portal herauskam und davoneilte, ohne sich umzusehen. Ich sah sofort, daß sie heute statt der rosa Hutnadel— der Mordwaffe— eine ebensolche hellblaue trug. Einen Augenblick blieb ich stehen und überlegte. Sollte ich ihr nachgehen und sie vor den Gefahren warnen, die ihr in Gilberts Gesellschaft drohten? Oder sollte ich umkehren und meinem Vetter gehörig die Wahrheit sagen? Nach kurzem Besinnen entschloß ich mich, dies nicht zu tun. Mochte die Polizei sich selbst um Gilbert kümmern. So eilte ich denn der jungen Dame nach, die rasch von dannen ging. Ihrer Gewohnheit nach blieb sie vor verschiedenen Schaufenstern stehen, so daß sich mir mehrmals Gelegenheit bot, mich zu nähern und zu versuchen, ein Gespräch anzuknüpfen. Aber es war sehr voll in der Drottningstraße, und ich hätte mir womöglich eine aufsehenerregende Abweisung zugezogen, wenn ich sie angeredet hätte. Womöglich hätte sie sich an einen Polizisten gewandt, und das wäre doch recht unangenehm gewesen. So folgte ich ihr denn in einiger Entfernung, und ich glaube, daß sie gar nicht gemerkt hat, wen sie im Schlepptau hatte. Vielleicht hatte sie mich überhaupt gar nicht erkannt, als ich an jenem Hauseingang vorüberkam. Meeths Schaufenster schienen sie ungemein zu fesseln, und dann bog sie in die Kungsstraße ein. Und ich folgte ihr, ohne zu ahnen, daß ich mich dadurch in Verwicklungen und Abenteuer hinein begab, bei denen es ums Leben gehen sollte, die mir aber auch Gelegenheit geben sollten, ein wenig Licht in den dunklen„Fall Wentele" zu bringen. Gurti war an einer Haltestelle der Straßenbahn stehengeblieben. Sie sprang auf einen Wagen, dessen Nummer ich nicht sehen konnte, was mich jedoch nicht davon abhielt, ebenfalls aufzusteigen. Der Wagen war fast ganz besetzt. Nachdem das junge Mädchen sich gesetzt hatte, war nur noch ein Platz frei, und ein günstiges Geschick wollte, daß dieser sich ihr gerade gegenüber befand. Ich ließ mich darauf nieder. Anfangs glitt ihr Blick gleichgültig über mich hin, dann aber kehrte er zu mir zurück, indem ihre feingezeichneten schwarzen Augenbrauen sich leicht zusammenzogen, und mit einem fast unmerklichen Achselzucken wandte ihr reizendes Gesicht ab und blickte unverwandt zum Fenster hinaus. Der Schaffner kam mit einer Miene und Haltung herein, als ob nicht nur der Wagen, in dem wir saßen, sondern die ganze Straßenbahngesellschaft ihm gehörte. Er wandte sich erst an mein schönes Visavis, das rasch bezahlte, und dann an mich. Ich hatte es so eilig, daß mein Portemonnaie mir aus den Fingern glitt und der ganze Inhalt herausfiel. Mit einem vorwurfsvollen Blick, aber ohne etwas an Würde zu verlieren, fing der Schaffner einen Fünfundzwanziger in der Luft auf, gab mir heraus, überreichte die Karte und segelte ebenso majestätisch hinaus, wie er hereingekommen war. Eins von meinen Geldstücken war durch eine Laune des Zufalls bis zu der mir gegenübersitzenden Schönen hinübergeflogen und auf ihrem Schoß liegengeblieben. Da tat sie etwas, worauf ich nicht gefaßt war. Sie nahm die kleine Münze und reichte sie mir mit einem leisen Lächeln herüber. Ich dankte höflich und versuchte, in dem Glauben, daß jetzt das Eis gebrochen sei, mit irgendeiner banalen Redensart ein Gespräch einzuleiten. Aber sie tat, als ob sie nicht hörte, und blickte wieder ruhig zum Fenster hinaus. Ich fühlte, daß ich errötete, indem ich mein verstreutes Geld schweigend aufsammelte, und es kam mir vor, als ob meine Nachbarin höhnisch lächelte. Mir war wieder ebenso kleinlaut zumute, wie bei den beiden ersten Malen, bei denen ich versucht hatte, mich ihr zu nähern. Es gelang mir auch nicht, ihren Blick wieder zu fangen. Sie starrte beharrlich zum Fenster hinaus, ohne mir die geringste Beachtung zu schenken. Ich dagegen verwandte kein Auge von ihr, und ich fürchte, daß die anderen Fahrgäste mein Benehmen gerade tölpelhaft gefunden haben müssen. Wir waren jetzt über die Wasabrücke und den Riddahusmarkt gefahren, ohne daß die junge Dame sich regte. Erst als wir den Weppsbro=Kai erreicht hatten, gab sie dem Schaffner einen Wink, suchte ihre kleinen Pakete zusammen und stand auf. Sobald sie den Wagen verließ, schickte ich mich an, ihrem Beispiel zu folgen. Dabei kam meine Hand, die ich in die Tasche steckte, mit einem kleinen Paket in Berührung, das ein kleines, elegantes Spitzentaschentuch enthielt. Ich hatte es für die Frau eines Freundes zum Geburtstag erstanden, und es war, da diese Gertrud hieß, mit einem großen gestickten G gezeichnet. Das paßte also auch für Gurti— Rasch zerrte ich das Taschentuch in meiner Tasche aus dem Papier heraus und eilte ihr mit dem Tuch in der Hand nach. Endlich ein Vorwand, der mir das Recht gab, sie anzureden. „Verzeihung!" sagte ich mit unsicherer Stimme, indem ich den Hut lüftete„Gnädiges Fräulein haben das Taschentuch im Wagen liegen lassen." (Fortsetzung folgt.) Ein ropoblikanischer Tag in Soest. S Soest, 1. August. Unter starkem Zustrom von auswärtigen Reichsbannerleuten feierte heute die Ortsgruppe Soest des Reichsbanners Schwarz=Rot=Gold ihre Fahnenweihe. Das Rathaus hatte auf Mehrheitsbeschluß der Stadtverordnetenversammlung neben der Stadtflagge die verfassungsmäßige Reichsflagge gehißt, ebenso waren die anderen städtischen Gebäude und auch eine große Anzahl Häuser in der Stadt mit schwarz=rot=goldenen Fahnen geschmückt. Am Bahnhof und in einigen anderen Straßen waren Ehrenbogen aus Tannengrün errichtet. Der Freiligrath=Brunnen an der Marktstraße, der den Namen und das Relief des Freiheitsdichters trägt, war mit Fahnenmasten und Tannen geschmückt. Bereits am Freitag war der einzige noch lebende Nachkomme Freiligraths, der 78 jährige Sohn Wolfgang, auf Einladung des Reichsbanners in Soest erschienen und hatte im Freiligrath=Haus an der Rose, wo Ferdinand Freiligrath einst im Geschäft seines Onkels Moritz Schwollmann 1825 eine vierjährige Lehrzeit als Kaufmann und dann 2½ Jahre als Gehilfe zugebracht hatte, Absteigequartier genommen. Am Samstag abend veranstaltete das Reichsbanner einen Fackelzug und legte an der Gedächtnistafel der Gefallenen des Weltkriegs am Rathaus und am Freiligrath=Brunnen unter Ansprachen Kränze mit schwarz=rot=goldenen Schleifen nieder. Der Sohn Freiligraths wohnte der Kranzniederlegung am Freiligrath=Brunnen bei. Als zum Schluß ein dreifaches„Frei Heil“ auf den Dichter Ferdinand Freiligrath ausgebracht war, wurde im gegenüberliegenden Hotel Voßwinkel das Deutschlandlied angestimmt, was von den Umstehenden mit Pfuirufen beantwortet wurde. Es gelang der Polizei jedoch, einen drohenden Tumult zu verhindern, und der Fackelzug setzte in Ruhe seinen Weg zum Marktplatz fort, wo der Abend mit einem Zapfenstreich endete. Nach dem gemeinsam gesungenen dritten Verse des Deutschlandliedes zogen die Teilnehmer nach ihren Vereinslokalen. Am Sonntag morgen leitete ein Wecken des Musikkorps den Tag ein. Dem Sohne des Dichters wurde ein Morgenständchen gebracht. Mittags konzertierte eine Kapelle des Reichsbanners auf dem Markt. Nachmittags begab sich ein Festzug nach dem Schützenhof, wo die Weihe der neuen Fahne für die Soester Ortsgruppe durch den Landtagsabgeordneten Metzinger vorgenommen wurde, wobei der Redner herzliche Worte der Begrüßung an den bei der Weihe zugegenen Sohn Freiligraths richtete und den Vater als den Dichterfürsten der deutschen Freiheit feierte. Die neue deutsche Republik und Verfassung wurden von dem Redner in seiner Weiheansprache in gebührendes Licht gesetzt, worauf die Fahne dem Fahnenträger mit dem Spruch übergeben wurde„In Not und Glück für die deutsche Republik.“ Vom Führer des Reichsbanners, Gau Westfalen=Süd, wurden Grüße des Gaues überbracht. Die Ortsgruppe Werl stiftete einen Fahnennagel. In einem Schlußwort dankte der Führer der Ortsgruppe Soest allen Teilnehmern und Mitwirkenden bei der Ausgestaltung des republikanischen Tages, besonders auch dem Landrat des Kreises Soest für sein Erscheinen auf dem Platze, und gab darauf Kenntnis von einem Begrüßungstelegramm des Reichskanzlers a. D. Dr. Wirth. Eine große Menschenmenge wogte am Nachmittag noch auf dem Platze und lauschte dem Konzert. Eine Fackelpolonaise bei Dunkelheit und ein Festball beschlossen den ungetrübt verlaufenen Tag. Kchte Ruchriihen. Ein Polizeibeamter wegen verhaftet. Berlin, 2. August. Der 48 Jahre alte Polizeitelegraphensekretär Rickert wurde heute in seinem Büro im Polizeipräsidium verhaftet. Rickert werden Sittlichkeitsverbrechen an 10—14 Jahre alten Kindern zur Last gelegt. Rickert hat bei seiner Verhaftung ein volles Geständnis abgelegt. Ministerbesprechung über die Magdeburger Affäre. + Magdeburg, 2. August. Der preußische Minister des Innern, Severing, und der preußische Justizminister, am Zehnthoff, sind heute mittag zu einer Besprechung über die Vorgänge bei der Magdeburger Morduntersuchung zusammengekommen. Es handelt sich, wie bekannt, um die Stellung des Untersuchungsrichters, Landgerichtsrat Dr. Kölling, der sich bisher geweigtert hat, mit den vom Landeskriminalpolizeiamt nach Magdeburg entsandten Berliner Kriminalbeamten bei der Untersuchung der Mordaffäre Helling zusammenzuarbeiten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß als Ergebnis der Konferenz, die zurzeit andauert, schon heute von seiten des Justizministers entscheidende Maßnahmen getroffen werden, die eine sofortige und sichere Wiederaufnahme der Ermittlungen im Falle Helling garantieren. Oberbürgermeister Dr. Deutler F. =:= Dresden, 2., August. Am Sonntag avend verstarb in Dresden der frühere Dresdener Oberbürgermeister, Geheimrat Dr. Otto Beutler, nach langem schwerem Leiden im 73. Lebensjahr. Der Verstorbene bekleidete das Amt des Oberbürgermeisters vom 1. April 1895 bis zum 30. September 1915. Verhaftung von Brandstiftern. )( Bautzen, 2. August. In Malschwitz, wo in letzter Zeit eine größere Anzahl von Bränden vorgekommen war, wurden 8 Personen unter dem Verdacht der Brandstiftuna bezw. der Anstiftung hierzu verhaftet. Seit Neujahr sind in der Gegend von Bautzen nicht weniger als 35 Personen wegen vorsätzlicher Brardstiftung und Beihilfe verhaftet worden. Feuer in einer Braunkohlengrube. () Dettingen(Main), 2. August. In einem Braunkohlenschacht der Gewerkschaft Gustav entstand gestern vormittag durch Entzündung von Kohlengasen ein Biand, der sich in kurzer Zeit auf eine große Strecke unter Tage ausdehnte. Die Hanauer Feuerwehr konnte wegen Mangels an geeigneten Sicherheitsinstrumenten nicht eingreifen. Mannschaften der Frankfurter Feuerwehr konnten unter Anwendung von Sauerstoffapparaten gegen den Brand vorgehen, mußten sich jedoch nach achtstündiger Tätigkeit zurückziehen. Der Schacht mußte unter Wasser gesetzt werden. Noch eine Flugzeugkatastrophe. A Parma, 2. August. Beim Flug von Monfaleone nach Spezia wurde ein Verkehrswasserflugzeug durch einen leichten Motorschaden genötigt, auf den Fluß Taro hinunterzugehen. Bei dem Abstieg geriet es in die Drähte einer Elektrizitätsverteilungsstelle und stürzte ab. Drei Insassen sind tot, drei schwer verletzt. Hochwasser. + Glauchau, 2. August. Durch das Hochwasser der Zittauer Mulde ist der westliche Stadtteil vollständig überschwemmt. Die Bevölkerung dieses Stadtteiles kann die Wohnungen zum Teil nur auf Kähnen erreichen. In anderen Stadtteilen stehen die Keller vollständig unter Wasser, teilweise sogar die Läden. In der Umgebung von Glauchau gleichen die Wiesen und Felder teilweise Seen, sodaß beträchtlicher Schaden entstanden ist. Eine Fähre im Strichfeuer. () Ostende, 2. Aug. Die Fähre Dower=Ostende geriet Sonntag vormittag in das Strichfeuer einer englischen Maschinengewehrabteilung, die auf dem Felde von Dower Schießübungen abhielt. Eine Dame ist am Oberschenkel verletzt worden. Der Schornstein der Fähre ist durch ein Geschoß durchbohrt worden. worden. Verhaftung eines ungarischen Journalisten in Italien. Rom, 2. August. Ein ungarischer Journalist, der eine Handelsagentur in Mailand führt, wurde verhaftet. Er hatte an die die„Agencia Stefani“ gerichtete Telegramme aufgefangen und die darin enthaltenen Nachrichten als eigene an seine Abonnenten weiter gegeben. Die Opfer des Sturmes in Florida und Amgebung. :: Paris, 2. Aug. Wie„Newyork Herald“ aus Jackson Ville aus Florida meldet, sind den letzten Feststellungen zufolge bei dem Zyklon, der in der vergangenen Woche die Bahamainsel, Florida und benachbarte Gebiete heimsuchte, 3850 Menschen ums Leben gekommen. Rotationsdruck Dortmund.— Dür Büro und Sous Tinte, Klebepasta, Syndetikon Hauptbücher, Kassabücher, Anschreibebücher, Protokollbücher für Vereine und Verlag von Gebr. Lensing in Verantwortlich für die Schriftleitung Fritz Schlotjunker. Rechnungen, Briefbogen, Briefumschläge, Postkarten, Mitteilungen etc.- Lager in Formularen aller Art. 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Auf bisher unaufgeklärte Ursache— vielleicht durch überreiche Bildung von Sumpfgasen— hat die sonst hellgrün schimmernde Wasserfläche eine tiefschwarze Färbung, verbunden mit einem an starke Fäulnis erinnernden Geruch, angenommen. Diese plötzliche Veränderung des Wassers hat auch den Tod vieler Fische, namentlich Aale, zur Folge, sodaß man an maßgebender Stelle durchgreifende Maßnahmen zur Verbesserung dieses Zustandes und zur Rettung des großen Fischreichtums plant. Wie sich viele erinnern, hatte früher der Schloßteich von der Aa her einen unterirdischen Zufluß(durch den Garten des Hotels Weber) und einen Abfluß in den anderen Arm der Aa, den sog. Stadtgraben. Während der Zufluß vollständig im Laufe der Jahre versumpft und verschlammt ist, kann der Abfluß noch heute durch Schleusen bewerkstelligt und reguliert werden. Nun gedenkt man, die alte Verbindung mit der Aa wieder herzustellen, was einerseits eine stetige Erneuerung des bisher schlechten Wassers zur Folge haben, andrerseits eine Entlastung der in den letzten Jahren viel Wasser führenden Aa bei Ueberschwemmungen bedeuten wird. Die Arbeiten sollen als Notstandsarbeiten ausgeführt werden. Hoffentlich gelingt es auf diese Weise, den Schloßgraben vor vollkommener Verschlammung zu schützen und ihm seine frühere Schönheit wiederzugeben. A Feuerwehrübung und Gartenkonzert. Am letzten Sonntag wurde die Stille der letzten Wochen in der Stadt angenehm durch eine Sonntagsübung der freiwilligen Feuerwehr mit nachfolgendem Gartenkonzert im Garten des Schloßhotels Weber unterbrochen. Die Uebung nahm den gewohnten, exakten und schnellen Verlauf und schon nach kurzer Zeit rückte die Wehr unter den flotten Marschklängen der Stadtkapelle in Begleitung einer großen musikhungrigen Menge zur Feuerstation und nach einem kurzen Umzuge zum Konzertgarten ab. Dort hatte die Feuerwehr mit ihren Ehrenmitgliedern und Freunden ein musikalisches Stelldichein. Leider konnte der für Konzerte wie geschaffene Platz die hinzuströmende Menge nicht ganz fassen und ein großer Teil war zur Umkehr gezwungen. Doch die glücklichen Platzinhaber hatten für mehrere Stunden einen musikalischen Hochgenuß, wie er in Ahaus und dazu in der freien Natur selten geboten wird. A Veränderungen in der Ahauser Industrie. Die hiesige Zündwarenfabrik, der Aktiengesellschaft für Zündwarenfabrikation Stahl u. Nölke, Kassel, gehörig, geht nach Vereinigung der Stammgesellschaften zu den„Deutschen Zündholzfabriken Aktiengesellschaft“ über. Im ganzen haben sich unter der obengenannten Gesellschaft sechs große Betriebe bzw. Gesellschaften zusammengeschlossen, deren Leitung sich in Hamburg 1, Alsterdamm 24, befindet. Das Ahauser Werk wird ab 1. August d. J. die Bezeichnung führen:„Deutsche Zündholzfabriken Aktiengesellschaft, Werk Ahaus (Westf.)." Kath. Gesellenverein. Auf die heute abend im Jugendheim stattfindende Versammlung sei auch an dieser Stelle aufmerksam gemacht. * Preisschießen zugunsten der Kriegerehrung. Am Sonntag fand im Stadtpark ein Preisschießen zugunsten der Kriegerehrung statt. Die Beteiligung war gut. Die vereinnahmte Summe von 116,10 A wurde abzüglich der Unkosten dem Fonds für Kriegerehrung zugeführt. Nachstehend die Ergebnisse: 1. Bauhaus 71, 2. Höveler 71, 3. Müller 71, 4. Böse 69, 5. Bagus 68, 6. Steingrube 68, 7. Vliez 68, 8. Marx 67, 9. Grotholt 67, 10. Dieker 67, 11. Steinhausen 66 Ringe. 0 Stadtlohn, 3. Aug. Am vergangenen Samstag beging der Bürgerschützenverein seinen diesjährigen Schützenball. Vormittags 11 Uhr versammelten sich der Vorstand und die Offiziere beim Schützenwirt Tenbrok. Alsdann ging es in geschlossenem Zuge unter Vorantritt der Stadtlohner Musikkapelle zur Turn= und Schützenhalle, wo bis gegen 1 Uhr ein Frühschoppenkonzert stattfand. Von 4 Uhr ab war Konzert. Abends 8 Uhr setzte der Ball ein. Die Beteiligung war äußerst rege. Das Fest verlief in der denkbar schönsten Weise. Stadtlohn, 3. Aug. Der Vorstand des Schützenvereins ehemaliger Wessendorfer beschloß auf der letzten Vorstandssitzung einstimmig, sein diesjähriges Schützenfest am 12. und 13. September zu begehen. Der Verein feierte sein letztes Schützenfest 1922. X Epe, 3. August. Brieftauben=Wettflüge. Der Brieftaubenverein„Eilbote“ beteiligte sich in letzter Zeit an folgenden von der Reisevereinigung Westfalen=Nordwest(Sitz Coesfeld) veranstalteten Wettslügen. Am 16. Mai 1926 Gardelegen ca. 300 Klm.(Luftlinie). Auflaß morgens 6,05 Uhr. Ankunft der ersten Taube 11,39 Uhr. Fluggeschwindigkeit 900 Meter in der Minute. Preise erhielten Hinrichsen, Röttger, Alfert, Bagus, Nacke, Hörmann, Schöttelkotte und Meyer.— Am 14. Juni 1926 Stendal ca. 330 Klm. Auflaß 6,15 Uhr. Ankunft der ersten Taube 12,08 Uhr. Fluggeschwindigkeit 930 Meter in der Minute, Preise erhielten Hinrichsen, RöttgerAlfert, Nacke. Bagus. Schöttelkotte.— Am 27. Juni 1926 Wustermark ca. 400 Klm. Auflaß 4,30 Uhr. Ankunft der ersten Taube 12,14 Uhr. Fluggeschwindigkeit 900 Meter in der Minute. Preise erhielten Hinrichsen, Röttger=Alfert, Bagus, Nacke.— Am 12. Juli fand der Bezirkswettflug ab Cüstrin ca. 520 Klm. statt mit 1250 Tauben. Auflaß 6,30 Uhr vormittags. Ankunft der ersten Taube nachmittags 3,50 Uhr. Die Fluggeschwindigkeit betrug 1000 Meter in der Minute.— Am 24. Juli fand der National=Wettflug ab Schneidemühl ca. 665 Klm.(Luftlinie) statt. Auflaß 6,15 Uhr vormittags. Die erste Taube traf um 7,15 Uhr abends hier auf dem Schlage des Herrn Hinrichsen ein, das Tier legte die Strecke also in 13 Stunden zurück; allerlei Leistung. Die anderen Tiere folgten am anderen Tage nach. Preise erhalten voraussichtlich Hinrichsen, Röttger=Alfert, Nacke. Gronau. X Gronau, 2. Aug. Von der Grenze. Dem forschen Handeln der Marechaussee im Zusammenwirken mit der deutschen Polizei gelang es, eine Betrügerbande in kurzer Zeit unschädlich zu machen. Mittwoch traf in Oldenzaal ein holl. Kaufmann ein, der per Auto eine Ladung Kaffee über das Zollamt Springbiel zwischen Oldenzaal und Gildehaus nach Deutschland ausführen wollte. Zu diesem Zwecke sandte er einen Deutschen, der für ihn seine Interessen in Deutschland später weiter vertreten sollte, an die Grenze, um den Kaffee verzollen zu lassen. Hierfür gab ihm der Exporteur eine Summe von 6000 M mit. Bald darauf fuhr das Auto, in dem neben dem Chauffeur noch ein Holländer aus einem Gelderlandschen Grenzorte, der zu dem oben genannten Deutschen in Beziehungenstand, saß, zur Grenze ab. Auf ca. 100 Meter vor der Grenze erschien plötzlich ein anderer Deutscher auf dem Wege, der den Chauffeur warnte, doch vor allem nicht zum Zollamt zu fahren, da es dann für ihn wie auch für seinen deutschen Insassen auf eine Verhaftung würde auslaufen, da die ganze Angelegenheit nicht im Reinen sei.(!) Der Chauffeur machte darauf kehrt nach Oldenzaal, wo der holl. Kaufmann über das sich Zugetragene in Kenntnis gesetzt wurde. Dieser begriff von dem sonderbaren Fall nichts und benachrichtigte daher die holländische Polizei. Der Oberwachtmeister der Marechaussee setzte sich sofort mit der Polizei in Bentheim in Verbindung, die ihrerseits wieder sogleich eine Untersuchung anstellte. Inzwischen wurde der Holländer aus dem Gelderlandschen Grenzorte in Oldenzaal in Haft genommen. Die Bentheimer Polizei erfuhr bald, daß die anII. Blatt. deren geheimnisvollen Männer per Mietsauto nach Münster gefahren waren. Die dortige unmittelbar benachrichtigte Polizei stellte die Weiterfahrt der Beiden per Bahn fest. Die schnelle gegenseitige Verständigung der erwähnten Polizeiorgane bewirkte es nun, daß die zwei Entwichenen in ihren Wohnorten Krefeld bezw. Emmerich verhaftet werden konnten. Es handelt sich hier zweifelsohne um ein Komplott von Männern, über deren Absichten und Handlungen die weitere Untersuchung das Dunkel lichten wird.— Der Bürgermeister der Stadt Enschede, Edo. J. Berasma, konnte gestern sein 30jähriges Bürgermeisterjubiläum begehen. X Gronau, 3. Aug. Das Schützenfest ButerlandBeckerhook verlief in der gewohnten volkstümlichen und gemütlichen Weise. Froheste Stimmung aller Schützen war das Symptom der Festtage. Das herrliche Wetter lockte am Sonntag nachmittag auch manche aus der Stadt hinaus ins Buterland, um teilzunehmen an dem frohen Leben und Treiben. Beim Antritt der Schützen auf dem Schulhofe hielt der Vorsitzende des Schützenvereins, Herr Dropmann, eine markige Ansprache. Alsdann folgte der Festzug durch den Bezirk. Beim Vogelschießen am Montag vormittag machten die Schützen kurzen Prozeß. Um 10 Uhr begann das Schießen, 10,30 Uhr war der Vogel bereits von der Stange. Eisenbahner Hermann Lammers war der glückliche Schütze. Hermann I. erkor sich zur Königin Frau Elisabeth Pievenpott. Hofstaat bildeten als Ehrendamen Frau Hermann Thebelt und Frau Lambert Sundag; als Ehrenherren Herr Th. Tenberge und Hermann Ouweckboom. Hofmarschall wurde Herm. Gleis, Mundschenk Albert Pieper. :: Gronau, 3. August. Vergiftet. Ein hiesiges junges Mädchen S. wurde gestern morgen in betäubtem Zustande vor dem Bever'schen Hause in Schöttelkotterhook liegend aufgefunden. Es hatte sich Salzsäure zu verschaffen gewußt und diese in der Nacht zum Montag zu sich genommen. Eine Liebesangelegenheit gab den Grund zu ihrer unseligen Tat. Das Mädchen wurde in ernstem Zustande ins Evgi. Krankenhaus geschafft. Gestern nachmittag war eine leichte Besserung eingetreten. (!) Gronau, 2. August. Eine Schlägerei entstand in der Nacht zum Sonntag in der Lindenstraße. Die fünf Teilnehmer machten die Probe auf die Haltbarkeit ihrer Spazierstöcke und ihrer Köpfe aufs Exempel. Die Polizei trieb die Kampfhähne auseinander nachdem sie vorher die Personalien festgestellt hatte. Es wird also noch ein Nachspiel geben. A Gronau, 2. Aug. Als vermißt gemeldet wurde der hiesigen Polizei der 19 jährige Anton Nykrake, Sohn des Automobilhändlers Nykrake aus Enschede. Der junge Mann ist seit dem 30. Juli verschwunden. Die hiesige Polizeiverwaltung nimmt der Sache dienliche Angaben entgegen. Ans dem Münsterlande. ck Münster, 2. Aug. Ein Schwindler verurteilt. Der Dreher Otto W. aus Gütersloh wohnte bei seinem Bruder in Gütersloh, als er arbeitslos geworden war. Weil er auf Kosten des Bruders Schulden machte, geriet er mit seinem Bruder in Streit. W. nahm dann eine Stelle als Fuhrmann in Münster an. Als er auch diese Stellung verlor, reiste er nach Greven, Telgte, Warendorf und Hamm. Ueberall, wohin er kam, und auch in Münster gab er sich als Kaufmann aus und bestellte Ware. Um das Bezahlen drückte er sich durch die Bemerkung herum, er habe das Geld vergessen. An einigen Stellen wurde ihm die Ware ohne Bezahlung mitgegeben. Bei anderen Kaufleuten erschien er kurze Zeit darauf und bat um einen Geldbetrag, um einen Hund an der Bahn einlösen zu können. In zwanzig bis dreißig Fällen erhielt W. Geld, mit dem er dann spurlos verschwand. Die Geschichte mit dem Hund war nur erdacht, um Geld zu bekommen. In weiteren etwa hundert Fällen blieb der Betrug beim Versuch. Der Staatsanwalt beantragte gegen W. eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten. Das Schöffengericht beurteilte die Tat des geständigen und nicht vorbestraften Angeklagten milde und bestrafte den Schwindler mit insgesamt drei Monaten Gefängnis. ck Münster, 2. Aug. Eine diebische Stütze. Im Anfang April 1923 bat die Stütze Lilly K., die zu der Zeit in Münster wohnte, ihre Dienstherrin um Urlaub, um das Grab ihrer Mutter in Essen zu besuchen. Am vorhergehenden Tage hatte die K. erfahren, daß die Hausfrau verreisen wolle. Sie bekam auf ihre Bitte einen eintägigen Urlaub. Als nun morgens früh die Hausfrau abgefahren war, benutzte die Stütze die Gelegenheit, mit vier vollgepackten Koffern zu verschwinden." Sie war nur mit einem kleinen Koffer zum Dienstantritt gekommen. Nach der Rückkehr der Hausfrau war die K. noch nicht wieder zurück. Es fehlten eine große Menge Silbersachen und Kleidungsstücke. Bei der Vernehmung gab die Stütze zu, einige Sachen mitgenommen zu haben. Sie will die Sachen, da sie ihr auf der Reise zu ihrem Vater in Gelsenkirchen zu schwer wurden, in Bochum bei der Bahn haben stehen lassen. Durch die spätere Besetzung sei es ihr unmöglich geworden, sich die Koffer zu verschaffen. Das Schöffengericht verurteilte die abwesende Sünderin zu sechs Monaten Gefängnis. Münster, 1. Aug. Warnung vor eine Bücherverkäuferin. In Münster und scheinbar auch in anderen Städten Westfalens tritt seit einiger Zeit eine Händlerin auf und bietet ein Buch an, das sich„Die Aerztin im Hause!“ betitelt. Der Preis beträgt 23 Mark. Die versteht es, mit gewandten Worten das Buch anzupreisen und eine Anzahlung von 7 Mark zu erhalten. Verschiedene Bürger Münsters warten schon seit einiger Zeit vergebens auf die Lieferung des bestellten und angezahlten Buches. Offensichtlich sind sie einer Betrügerin zum Opfer gefallen. ck. Münster, 31. Juli. Vater und zwei Söhne wegen Betruges vor Gericht. Vor dem Schöffengericht in Münster hatten sich die Brüder Max und Ludwig S. wegen Betruges zu verantworten. Gegen Max S. wurde der Vorwurf erhoben, in vier Fällen Waren bei verschiedenen Firmen bestellt zu haben, ohne die Waren bezahlen zu können und bezahlen zu wollen. Den Firmen gab er zwei Referenzen an, nach denen dann ohne Bedenken Kredite gewährt werden konnten. Als sich die Zahlungsunfähigkeit des S. herausstellte und die Firmen Zahlungsbefehle ausstellen ließen, stellte S. die bereits aus der Mode gekommenen Waren den Firmen zur Verfügung. Zur Entschuldigung führte der Angeklagte an, daß er nach seinem Konkurs versucht habe, eine neue Existenz zu gründen. Durch Diebstahl eines Teiles seiner Ware in Fürstenau und durch die ungünstige Geschäftslage sei es ihm nicht möglich gewesen, prompt zu zahlen. Soweit es ihm möglich gewesen sei, habe er gezahlt. Der Staatsanwalt beantragte in jedem Falle eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Er führte aus, daß bereits der Vater, der zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt sei, in viel größerem Maßstabe die gleichen Kreditschwindeleien verübt habe. Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten in drei Fällen zu je vier Monaten Gefängnis und sprach ihn im vierten Falle in Rücksicht auf die Schädigung durch den Diebstahl frei. Die einzelnen Strafen wurden auf sechs Monate Gesamtstrafe zusammengezogen. Die Strafe wurde bedingt ausgesetzt gegen Zahlung einer Geldbuße von 600 Mark. Die Verhandlung gegen den Ludwig S. wurde vertagt, da die unbedingt notwendigen Zeugen ausgeblieben waren. + Dülmen, 2. August. Die Herbstversammlung des Westfälischen Hauptvereins für Bienenzucht findet am 14. und 15. August in Dülmen statt. X Dülmen, 2. Aug. Die Schuhmacher=Tagung am Montag, den 23. August, vormittags 9 Uhr im Bürgerhause zu Dülmen, gelegentlich der Gewerbeschau ist nicht, wie zuerst mitgeteilt war, eine Obermeistertagung, sondern eine Verbandstagung der Interessengemeinschaft Münster, zu der die Mitglieder sämtlich einzeln eingeladen werden. — Dorsten, 2. Aug. Ausbau des Elektrizitätswerkes Westfalen. Das Elektrizitätswerk Westfalen A.=G. in Bochum hat die endgültige Feststellung des Planes für die 10000 Voltleitung Rüste—Haus Hagenbeck bezüglich der innerhalb der Gemeinde Altschermbeck in Anspruch zu nehmenden Grundflächen sowie die vorläufige Besitzeinweisung und Entschädigungsfeststellung beantragt. Der Regierungspräsident in Münster hat zur Durchführung des Verfahrens die Planstücke sowie ein Verzeichnis der dauernd zu beschränkenden Grundflächen beim Gemeindevorsteher in Altschermbeck zu jedermanns Einsicht offen legen lassen. Die Entschädigungen, welche durch die Besitzanweisungen entstehen, werden besonders verhandelt. Als Kommissar für die Führung der Verhandlungen ist Regierungsrat Westhoff bestimmt worden. Die Verhandlungen werden wahrscheinlich sehr schnell abgeschlossen sein. Buer, 2. Aug. Gräßlicher Tod eines Kindes. Ein furchtbares Unglück ereignete sich am Samstag nachmittag auf dem Hofe der Eisenfabrik König an der Westerholter Straße. Dort beschäftigten sich zwei Kinder aus der benachbarten Lindenstraße mit den dort stehenden fahrbaren Transportwagen, mit denen die schweren Eisenteile von der Fabrik aus zu den Fuhrwerken gebracht werden. Die Kinder schoben einen der Wagen auf dem stark abfallenden Hofe nach oben. Der andere Wagen war unten festgerammt. Die Kinder nahmen auf dem Wagen Platz und ließen dann den schweren Wagen nach unten laufen. Durch das starke Gefälle kam der Wagen allmählich in ein wahnsinniges Tempo und sauste unten vor den festgerammten Wagen. Eines der beiden Kinder, die sechsjährige Annie Dick, hatte im letzten Augenblick versucht, aus dem Wagen zu springen. Es war aber schon zu spät. Sie geriet mit dem Kopf bei dem Zusammenprall zwischen die beiden Wagen. Gräßlich verstümmelt wurde sie von Nachbarn, die auf die Schreie des anderen Kindes herbeieilten, zwischen den Wagen hervorgezogen. Der hinzugezogene Arzt konnte nur den Tod des Kindes feststellen. Die Leiche wurde von der Unfallstelle zur Wohnung überführt.— Samstag morgen gegen 7 Uhr riß die Telephonleitung an einem Hause der Kronrinzenstraße. Der Draht lag quer über der Straße. Als der kleine sechs Jahre alte Hermann Rust vorbeiging, veranlaßten ihn einige größere Jungen, den Draht anzufassen. Schreiend blieb der Kleine an dem Leitungsdraht hängen. Ein Milchhändler wollte den Kleinen befreien, doch bekam auch er die Finger nicht vom Drahte los. Erst als auf das allgemeine Schreien ein in der Nähe wohnender Bäckermeister den Draht mit einem Holzstück beiseite riß, wurden die beiden befreit. Das Kind hat außer dem Schrecken noch einige Kratzer im Gesicht und eine dicke Beule am Kopfe davongetragen. Zur Frage der „gelben Gewerkschaften“. Von Diözesanpräses Dr. Konermann, Münster. So wie das neuzeitliche Wirtschaftsleben läuft, sind Gewerkschaften, Zusammenschlüsse der Arbeitnehmer zwecks besserer Gestaltung der Lohn= und Arbeitsbedingungen usw. heute notwendig. Es ist geradezu Pflicht eines jeden Arbeiters, seiner Gewerkschaft anzugehören; gibt es doch auch auf Unternehmerseite kaum Betriebe, die ihrem Verbande fernstehen. Eine Gewerkschaft, die nun wirklich mit Erfolg die Interessen ihrer Mitglieder vertreten, im Sinne der Gerechtigkeit arbeiten will, muß unabhängig, muß also nach keiner Seite hin gebunden sein. Auch die Unternehmer betonen ja gerade für ihre Verbände die Unabhängigkeit; höchstens der geschulte Syndikus, der ganz in ihrem Sinne arbeitet, bekommt Einsicht und darf ihre Interessen vertreten. Daher müssen auch die Arbeitnehmer=Gewerkschaften diese allseitige Unabhängigkeit als Wesensbedingung und als Grundlage eines wirklich dauernden Erfolges festhalten. In diesem Sinne wollte schon Bischof Ketteler, der adelige warme Freund des arbeitenden Volkes, dem Arbeiterstand helfen; zunächst in der Form der alten berufständigen Zünfte, dann aber mehr in der Form unserer heutigen Gewerkschaften, die ihm in ihrem segensreichen Wirken aus England bekannt waren. Schon Bischof Ketteler wollte also auf jeden Fall eigene Standesorganisationen, die in völliger Unabhängigkeit mit aller Energie die Interessen des arbeitenden Volkes vertreten sollten; betont er doch immer wieder daß gerade die r rarmten Massen, die infolge der neuzeitlichen Indust ntwicklung von jedem Besitztum losgerissen sind und nur ihre nackte Lebenskraft auf den Markt werfen können, nur durch ihren Zusammenschluß eine Macht entfalten, die im Sinne der Gerechtigkeit mitbestimmend wird im Wirtschaftsleben. Auch Leo XIII. behandelte in einem eigenen Kapitel seiner bekannten Enzyklika die Arbeiterorganisationen und schreibt ihnen große Aufgaben zu im Dienste des bedrückten Standes. Die Arbeiter sollen in diesen Verbänden ihre Angelegenheiten selbständig und völlig unabhängig von fremden Einflüssen regeln; sie sollen im Geist der Gerechtigkeit und Liebe mit ihrer ganzen Kraft für die Interessen ihres Standes eintreten; so betont der hl. Vater an verschiedenen Stellen seines oberhirtlichen Schreibens. Ganz im Geiste dieser großen sozialen kirchlichen Wegweiser war man sich im katholischen Lager von jeher einig, daß Gewerkschaften als unabhängige Standesvertretungen des arbeitenden Volkes notwendig seien; nur hat man jahrelang darüber gestritten, ob diese Gewerkschaften auf katholischer(Holland) oder allgemein christlicher Grundlage zu gründen seien; niemals wurde aber die Notwendigkeit wirklich unabhängiger Gewerkschaften in all diesen Kämpfen auf irgend einer Seite verkannt. Schon aus diesem kurzen geschichtlichen Ueberblick ist ersichtlich, daß sog.;gelbe Gewerkschaften“ sicherlich nicht in der Richtung katholischen Denkens und Fühlens liegen. Was sind denn eigentlich„gelbe Gewerkschaften“, so fragt manch Unkundiger: Gewerkschaften, die in irgendeiner loseren oder engeren Verbindung mit den Unternehmern stehen, sich durch die Art ihrer Gründung, durch Zuwendung oder irgendwelche Liebkosungen in Abhängigkeit von den Unternehmern befinden. Solche Gewerkschaften werden ja neustens als Werkgemeinschaften, ja selbst in der Form von nationalen Verbänden, Gesangvereinen usw. aufgezogen. Es ist doch jedem denkenden Menschen von vornherein klar, daß solche„Verbände“, solange sie ihre Unab hängigkeit oft nur für ein Linsengemüse verkauft haben auf die Dauer sicherlich nicht die Interessen ihrer Mit glieder vollwertig vertreten können; man wird sie hegen und pflegen, so lange wie sie wie ein folgsames Kind am Gängelbande gehen; man wird sie aber von sich stoßen und das eigene Kind zu ersticken suchen, wenn sie mit eigener Meinung und eigenen Ansprüchen kommen. Man nennt solche Gewerkschaften im Volksmunde„gelbe“, wohl deswegen, weil sie etwas Falsches, etwas Kriecherisches in sich tragen; es fehlt ihnen das echt Männliche, das Selbstbewußte und Selbständige, wie es doch nur eines echten Mannes würdig ist; wie ein echter, kerniger Unternehmer einigen Leuten sagte, die ihm mit ähnlichen Plänen kamen: Solche Menschen haben bei mir ein Stück Mannesehre verloren. Welcher Unternehmerverband würde denn auch nur dulden, daß seine Unabhängigkeit durch irgendwelche Einflüsse von seiten der Arbeiter irgendwie beschränkt würde. Dienstag, 3. August 1926 Es ist daher tief bedauerlich, wenn sich in den Reihen der eigenen Standesgenossen immer noch Leute finden, die ihre alten Gewerkschaften, für die die ersten Führer zum Besten des Standes Blut und Leben geopfert haben, zerschlagen wollen; diese alten, erprobten Gewerkschaften, mit ihren erfahrenen Führern, ihrer straffen Zentralisation, die wirklich eine Macht bedeutet im heutigen Wirtschaftsleben, mit ihrem ausgebauten Apparat für Bildungs= und Wohlfahrtszwecke usw.; alte verdiente Gewerkschaften, die in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit den ganzen Stand in jeder Beziehung gehoben, ihm Recht und Freiheiten errungen haben, um die andere Stände (Bauern und Bürger) jahrhundertelang gekämpft haben. Und statt dessen gründet man sog. gelbe Gewerkschaften, Verbände, denen gewisse Unternehmer gern ihren Segen geben, weil sie eben als gefügige Kinder ihnen zu Willen sind; Verbände, die gewissen Menschen, die das Liebkindsein verstehen, vorübergehend vielleicht einige Vorteile in Posten, Lohnprämien usw. bieten können, sonst aber zum Schaden der größeren Masse, des Standes sich auswirken müssen. Trauriger ist das Schicksal solcher Gelbverbände, wenn sie etwas durchsetzen wollen, was nach oben hin nicht gefällt, wie es doch sehr oft der Fall sein wird. Wie unartige Kinder wird man sie in die Ecke stellen, oder der „Mohr kann gehen“. Sie haben eben in ihrer Isolierung gar keine Macht hinter sich; die Beiträge sind so niedrig, daß die Kassen für gewöhnlich leer sind; etwaige Gelder von sog. Schutzpatronen fließen nicht mehr; mit anderen Berufsgenossen hat man keine Verbindung; also verkauft und verlassen! Das ist das traurige Ende. Daher ist die Geschichte aller sog.„gelben Verbände“, wo und wie immer sie aufgetaucht sind, eine überaus traurige. Sie wurden von gewisser interessierter Seite mit Freuden begrüßt, aber nach kurzer Zeit ebenso kläglich begraben. Es fehlt eben diesen Einzel=, diesen Werksgebilden die große Idee, die sie trägt; es fehlt der Zusammenschluß zu mächtigen Zentralverbänden mit dem ausgebauten Kassenwesen, der erst Kraft und Rückhalt gibt; es fehlen auch durchweg die mannhaften, kernfesten Führernaturen, denn mit„gelber“ Gesinnungsart, die sich ja nach der Windrichtung wie ein Rohr dreht, lassen sich keine Organisationen aufziehen, die steinhart und wetterfest sein müssen, wenn sie in dem großen Ringen um gerechte Gestaltung der Wirtschaftsverhältnisse Einfluß haben wollen. Man muß eben bedenken, daß in diesem Ringen nicht einfach Mann gegenMann, Verband gegen Verband steht, sondern auf der einen Seite stehen starke Unternehmer und Unternehmerverbände in vollem Besitz der Produktionsmittel, also in sich schon mit einer ungeheuren, ja, fast bestimmenden Macht ausgerüstet, auf der anderen Seite aber stehen die besitzlosen Massen, die nur ihre Arbeitskraft zu vergeben haben, eine Kraft, die rein wirtschaftlich gesehen um so wertloser und schwächer ist, je mehr sie sich auf dem Markte anbietet, wie das z. B. heute der Fall ist. Daher liegt der Erfolg bei einem Arbeiterverband nur in der sichergeführten und geschulten Masse und in der Geschlossenheit. Wer daher den allseitigen Aufstieg der Gesamtarbeiterschaft will und wünscht, steht trotz der Opfer, die immer und überall für eine gute Sache gebracht werden müssen, gerade in wirtschaftlichen Notzeiten zu den alten, großen Verbänden, die all die Eigenschaften in sich vereinigen, die für ein wirklich erfolgreiches Arbeiten vonnöten sind. Jeder, der abseits steht, oder sogar sich solch gelben Verbänden anschließt, schwächt die Kraft der Arbeiterschaft, hindert ihren Aufstieg, wird also zum Verderber und Verräter der eigenen Standessache. Und merkwürdig! Die Erfahrung zeigt fast überau, wo diese gelben Gebilde sich auftun, daß die Wortführer derselben in der Regel solche sind, die früher in den Gewerkschaften sich am radikalsten gebärdeten, nicht genug schimpfen konnten auf Kapitalismus und Unternehmertum, auf Wucher und Ausbeutung; kein Verband war ihnen scharf genug. Sie kamen in ihrem Verbande nicht durch mit ihren kurzsichtigen Plänen, fanden Widerspruch und klopfen nun mit dem Hut in der Hand dort an, wo sig früher nur ihre Feinde und Bedrücker sahen. Der Name„gelbe“ Bewegung ist für solche Verbände gut gewählt. Solche Verbände entsprechen nicht der katholischen Richtung, wie ich schon anfänglich geschichtlich betont habe. Jede Gewerkschaftsrichtung muß, falls sie Dauererfolge erzielen will, von einer Idee getragen sein. Gerade deshalb haben wir uns auf den Boden der christlichen Gewerkschaften gestellt, weil diese nur aus der Quelle der christlichen Weltanschauung ihre Kraft schöpfen, um ihre großen Aufgaben zu erfüllen. Neutrale Gewerkschaften kann es nicht geben, da die religiösen Ideen zu eng auch mit dem wirtschaftlichen Leben verknüpft sind. Die christliche Idee ist für uns auch notwendig, weil die freien Gewerkschaften auf sozialistisch=materialistischer Weltanschauung aufbauen. Demgegenüber kann keine neutrale Organisation sich durchsetzen; es fehlt eben jene innere Verbundenheit, jene nie versiegende Quelle, die starke christliche— sittliche Idee. Und wenn heute hier und da auch geklagt wird über mangelndes Leben in christlichenGewerkschaften, so liegt der Grund wohl darin, daß sie örtlich trotz ihres Namens nicht genug lebendigen Geist in sich tragen, nicht genug Kraft schöpfen aus der warmen sittlichen Idee. Daher ist der Ruf nach Einheitsgewerkschaften, wie er hier und da laut wird, nach solchen Verbänden, die christliche und sozialistische Mitglieder in sich vereinigen, ein grober Unsinn. Wir müssen vielmehr in der christlichen Gewerkschaftsbewegung gerade die christliche Idee vertiefen, müssen konfessionell schulen, weil die Kraftquellen des Christlichen doch nur in der Konfession liegen; eine verschwommene allgemeine christliche Religion gibt es nicht, wohl aber christliche Grundsätze, die ihre Klärung und Vertiefung wiederum nur erhalten in der Wahrheit und Gnade der Konfession. Daher gerade heute die Bedeutung der konfessionellen Standesvereine auch für das ganze Gewerkschaftsleben. Nun fehlt aber diesen sog. gelben Gewerkschaften, die ihre Mitglieder nicht grundsätzlich auswählen und schulen dürfen, jede klare sittliche, gottgewollte Richtung, die doch auch für das allseitig öffentliche Leben gilt, wieKetteler, Leo XIII. und mehrere bischöfliche Hirtenschreiben so stark betonen. Wir Katholiken wollen eben eine christliche Wirtschafts= und Staatsordnung. Für eine solche vom wirklich christlichen Geist getragene Arbeit sehlt aber bei diesen Verbänden jede Garantie; ja, sie ist bei einer solchen neutralen Zusammensetzung, die Menschen aller Geistesrichtungen umfaßt, geradezu unmöglich. Daher müssen wir als Katholiken solche Verbände auch aus diesem Grunde durchaus ablehnen. Und dann noch eine traurige Erfahrung, die allerdings schon in etwa im vorhergehenden begründet liegt, die Mitglieder dieser gelben Verbände waren in unruhigen Zeiten fast immer die ersten und gefährlichsten Hetzer und Aufwiegler, Feinde ihrer Kirche und jeglicher Ordnung; die vergangenen Jahre liefern dafür den traurigen Beweis. Es ist ja auch ganz natürlich, daß Menschen, die immer in Abhängigkeit nach oben schielen müssen, die niezur Selbständigkeit, zum eigenen freien Wort kommen, sondern ohne tiefere Schulung und feste Charakterbildung wie Kinder am Gängelbande geführt wurden, zur gegebenen Zeit umschlagen in das andere Extrem, dann nämlich. wenn sie mit vermeintlichem Erfolge ihre niedergetretenen Rechte sich mit Gewalt erkämpfen können. Der Weg von einem Extrem zum anderen ist nicht sehr weit. Aus diesen vielfachen Gründen lehnen wir vomkatholischen Standpunkt jede sog. gelbe Gewerkschaftsbildung ab und stehen treu zur christlich-nationalen Arbeiterbewegung mit ihren beiden Gliedern, Arbeitervereine und Gewerkschaften. Beide wollen wir in gleicher Weise gefordert sehen. Y Die„Politik“ der Wirtschaftspartei. Parole: Gegen die Gewerkschaften. Der Kampf gegen die Gewerkschaften ist und bleibt, so schreibt„Der Deutsche“, aus leicht erklärlichen Gründen modern. Warum soll man auch nicht gegen die Gewerkschaften schimpfen! Einmal ist das Schimpfen ohnehin die Lieblingstätigkeit vieler Menschen. Dann ist es doch auch so bequem, wenn ein großer Sünder vorhanden ist, auf den man alles Unangenehme und Böse abladen kann. Und wenn Müller oder Schulze in ihrer eigenen Unfähigkeit nicht mehr ein und aus wissen, ja, dann sind eben die Gewerkschaften schuld, wenn es nicht klappt. Das ist doch sicher sehr einfach, wenn man selbst unschuldig bleiben will. Ueber diese Methode entrüstete sich mal in einer Gewerkschaftsversammlung ein einfacher Arbeiter. Recht derb und drastisch sagte er:„Die Gewerkschaften haben mit dem Pfahl auf der Viehweide das eine gemeinsam, daß sich jedes Rindvieh bei Bedarf daran reibt.“ Nun wollen wir uns dieses derbe Urteil keineswegs ganz zu eigen machen! Denn viele Kämpfer gegen die Gewerkschaften wissen sehr wohl, warum sie diese bekämpfen, und was sie verdienen, wenn der Kampf erfolgreich ist. Auch der Reichsparteitag der Wirtschaftspartei hat in Görlitz eine scharfe Attacke gegen die Gewerkschaften und deren Grundsätze unternommen, Große Freundlichkeit haben die Gewerkschaften von der Wirtschaftspartei nie erwartet. Sie haben allerdings auch etwas mehr Klugheit in ihr vermutet. Wohl mit Unrecht. Nach Pressemeldungen wurde auf dem Parteitag gesagt bezw. gefordert: Der Wiederaufstieg Deutschlands sei nicht möglich, ohne einen zahlungsfähigen Mittelstand. Für die Wiedererlangung der vollen Freiheit wirtschaftlicher Betätigung sei die Beseitigung aller bestehenden Zwangsbestimmungen und Bevormundungsmaßnahmen notwendig. Freiheit vor allem auf dem Gebiete des Wohnungswesens. Aufhebung aller staatssozialistischen Unternehmungen. Der gegenwärtige Staatssozialismus dürfe nicht fortgesetzt werden. Die Wirtschaftspartei müsse den gesunden Gedanken einer Aenderung der Verfassung von Weimar erhalten, namentlich den Gedanken, aus dem Parlamentarismus herauszukommen. Freimachung der Regierung von jeglicher Parteibeeinflussung. Der Parteivorsitzende Drewitz, M. d. R., sagte u. a. in seinen Erklärungen: Der für die Volkswirtschaft arbeitenden Privatwirtschaft müsse freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben werden. Jeder Deutsche müsse den Aufbau eines wirklichen Volksstaates anstreben, in dem nicht mehr die Gewerkschaften das große Wort reden, sondern diejenigen gestärkt würden, die den Staat unterstützten. Nicht soziale Fürsorge, sondern nur Belebung der Wirtschaft könne helfen. Wer Arbeitslosenunterstützung beziehen wolle, solle dafür auch was leisten. Die Arbeitsdienstpflicht müsse eingeführt werden. Die kleine Auslese genügt, um zu zeigen, wie wenig vom Geist eines„wirklichen Volksstaates“ auf der Görlitzer Tagung vorhanden war. Und„nur von dieser Grundlage der Weltanschauung des Mittelstandes“ soll die deutsche Wirtschaftspolitik durchgeführt werden. Was würde dabei wohl herauskommen! Der Ruf nach Freiheit für die Wirtschaft ist nicht neu. „Gebt freie Bahn der Wirtschaft. Laßt der Unternehmungslust volle Freiheit, dann werden wir glänzende Zeiten sehen." Es wurde diesem Ruf schon einmal stattgegeben. Leider! Die Folgen schrecken vor Wiederholung ab. Die Unternehmungslust wuchs sich aus zur Unterhnehmungswut, der Gewinnreiz ward zur Gewinnsucht. Die wirtschaftliche Freiheit weniger wurde zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Knechtung vieler. Und so würde auch heute die völlige Freiheit in der Wirtschaft, die die Anhänger der Wirtschaftspartei für sich wollen, die Unfreiheit vieler Millionen anderer Volksgenossen nach sich ziehen. Völlige Freiheit ist mit Schrankenlosigkeit gleichzusetzen. Und um der wahren Freiheit willen muß die„wirtschaftliche Freiheit“, lies: Schrankenlosigkeit, vermieden werden. Wie bitter würde für Zehntausende beispielsweise die geforderte„Freiheit“ auf dem Wohnungsmarkt werden. Die Zwangswirtschaft, deren Aufhebung gefordert wird, hat gewiß auch ihre Schattenseiten. Wo ist nur Sonne? Der Schatten der Zwangswirtschaft ist aber nicht so groß, daß er die weitere fruchtbringende Entfaltung unseres Wirtschaftslebens hindert. Und wenn auf dem Reichsparteitag der Vorsitzende Drewitz sagte, das jetzige Elend sei eine Folge des Staatssozialismus und der politisch und wirtschaftlich verkehrten Regierungsmaßnahmen, so ist das eine gröbliche Verkennung der tiefsten Ursachen unserer Not. Im übrigen sei mal die Frage aufgeworfen, warum wir denn eigentlich eine Zwangswirtschaft haben. Es steckt keiner ohne Grund in der Zwangsjacke. Und manche bösen Erscheinungen in unserem Wirtschaftsleben lassen die Ueberlegung ganz angebracht erscheinen, ob nicht hier und da noch schärfer zugepackt werden müßte, Große Verdienste würde sich die Wirtschaftspartei erwerben, wenn sie sich mal eingehend mit den Gebilden befassen würde, die Produkte der sogenannten wirtschaftlichen Freiheit sind: die Trusts. Kartelle, Unternehmerpreiskonventionen und nicht zuletzt auch manche Innungen. Wir haben in Deutschland einige tausend von diesen Freiheitsfrüchten. Durch diese ist auch eine Zwangswirtschaft errichtet worden, die viel hemmender und schädlicher für die gute Entwicklung unserer Volkswirtschaft ist, als alle sogenannten Bevormundungsmaßnahmen der Regierung und der Gewerkschaften. Hier mag die Wirtschaftspartei für Abbau des Zwanges Sorge tragen, dann hätten die Gewerkschaften wahrscheinlich nicht so oft nötig,„große Worte zu reden“, um auf die bittere Not der unteren Volksschichten aufmerkfam zu machen. Wenn die Wirtschaftspartei die Vertreterin des deutschen Mittelstandes sein will, dann tut sie gut daran, sich auch in wirtschaftlicher Beziehung nicht in Extremen zu bewegen. Letzten Endes sollte man doch von den Führern der Wirtschaftspartei erwarten dürfen, daß sie für das gewerkschaftliche Ringen der Arbeitnehmerschichten Verständnis aufbringen könnten, denn der Mittelstand,„die Säule der deutschen Kultur", wie Drewitz sagt, ruht doch auf den breiten Schichten der Arbeitnehmer, das weiß der kleinste Kaufmann und Arbeitnehmer, das weiß selbst der kleinste Kaufmann im Arbeitnehmerviertel, und das könnten auch die Führer der Partei wissen, die angeben, die Interessen des Mittelstandes zu vertreten. „Grenzen der Sozialpolitik“. Man schreibt uns: Unter dieser Ueberschrift bringt das„Westfälische Handwerksblatt“ anscheinend von Herrn Joseph Scherer einen Artikel, welcher in seiner Grundtendenz nicht unwidersprochen werden darf. Der Artikel wirft die Frage auf, ob in Anbetracht der großen Zahl der Versicherten und der Summe, die hierfür aufgebracht werden müßte, der Sozialversicherung nicht feste Grenzen gezogen werden müßten. Diese Frage ist an und für sich überflüssig, weil den Ausgaben innerhalb der Sozialversicherung durch die Gesetzgebung die Grenzen bereits gezogen sind. Nach der andern Seite hin gerät der Artikel daneben, wenn gesagt wird, daß das Lohnkonto der deutschen Wirtschaft 37 Milliarden betrüge, Vom Geiste der Zentralverbandsarbelt II. Ueberschauen wir heute das öffentliche Leben unseres Volkes, so glauben wir es kaum anders fassen zu können, als einen Kampf der Menschen gegeneinander, die sich, um ihre Selbsterhaltung ringend, einander gegenseitig im Wege stehen. Alles Höhere im Menschen scheint überwuchert zu sein von Eigennutz und Selbstsucht und wie immer in Zeiten, die im Materialismus versklavt waren, scheint auch heute ein jeder eines jeden Feind. Es ist nicht zufällig, daß sich gerade uns Kriegsopfern ein solches Bild der gegenwärtigen Seelenverfassung weiter Kreise des deutschen Volke aufdrängt. Mehr als andere Volksgenossen leiden wir ja unter der ungemein starken Verwirtschaftlichung des Denkens in unseren Tagen. Durch die Folgen des Krieges an der physischen Kraft zur Lebensmeisterung geschwächt— sind wir naturnotwendig— wenn auch der einzelne in mehr oder minder starkem Maße— auf die besondere Rücksicht unserer Mitmenschen angewiesen. Wir alle wissen es aus fast täglicher Erfahrung, daß der für jede soziale Gemeinschaft geltende kategorische Imperativ: Nehmt Rücksicht auf andere!— schon seit langer Zeit vielfach selbst uns gegenüber keine Anwendung mehr gefunden hat. Einmal aus diesem Grunde und zum anderen, weil sich in uns die Erinnerung an die einstige sittliche Größe des deutschen Volkes, die uns vor allem zum mutvollen Ausharren in verderbenspeienden Schlachten befähigte, lebendig erhalten hat, empfinden wir den Niedergang und den sittlichen Tiefstand eines Großteils unseres Volkes am schmerzlichsten. Indem wir diesen unseren Gefühlen öffentlich Ausdruck verleihen, bekennen wir uns zu der Auffassung, daß Hand in Hand mit unserer wirtschaftlichen Aufbauarbeit die geistige und moralische Erneuerung unseres Volkes erfolgen muß. In unserer Doppeleigenschaft— als Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, wie auch als Staatsbürger— hegen wir den Glauben, daß die Grundlage zum Wiederaufstieg Deutschlands durch die Ausmerzung jenes Geistes aus unserem Volke geschaffen werden muß, den schon Friedrich Wilhelm Weber in seinen„Dreizehnlinden" bekämpfend in die Worte kleidete: „Besseres Klingen, bestes Klingen, ist das Klingen mir des Goldes.“ Denn eben so wie das Wirken des einzelnen Menschen nach außen hin abhängig ist von seinem Inneren, von seiner geistigen und seelischen Verfassung, verhält es sich mit jedweder menschlicher Gemeinschaft. Wenn aber die Meinung des Uhu in Dreizehnlinden allgemein Geltung haben soll: Nur das Einmaleins soll gelten, Hebel, Walze, Rad und Hammer; Alles andere öder Plunder, Flackre in der Feuerkammer, dazu mit 2½ Milliarden sozialen Lasten 39½ Milliarden ausmache. Einmal werden die 2½ Milliarden zur Hälfte von den Versicherten getragen, nach der andern Seite hin ist die Gesamtausgabe als Entlöhnung zu betrachten und wird auch als solche betrachtet, weil das Lohnniveau der deutschen Arbeiter trotz der sozialen Lasten wesentlich niedriger ist wie das Lohnniveau unserer Konkurrenzländer. Diesen letzten Gedanken verfolgt auch der Artikel. Etwas anderes ist es mit der Frage, die der Artikel aufwirft, ob durch die Leistung der Sozialversicherung die Leistungswilligkeit der Arbeiterschaft in Mitleidenschaft gezogen wird. Wenn der Artikelschreiber einen Vergleich ziehen würde mit unseren Konkurrenzländern und dabei die psychologischen und seelischen Fragen sich selbst beantwortete, würde er seine Meinungen selbst klarer beantworten können. Niemand wird in Deutschland die Frage bejahen, daß Stagt, Wirtschaft und Volk besser fahren würden, wenn anslatt 37 Milliorden für Löhne und Gehälter 39½ Milliarden ge zahlt würden und dabei die Sozialversicherung wegfiele. Der Artikel wirft dann die Frage auf, ob unsere Sozialversicherung bei der deutschen Arbeiterschaft nicht psychologischetwas getötet habe. Ein Blick in Länder ohne Sozialversicherung muß diese Frage für die deutsche Arbeiterschaft ganz entschieden verneinen. Stand die französische und belgische Arbeiterschaft psychologisch höher wie die deutsche Arbeiterschaft, trotzdem die beiden Länder ohne Sozialversicherung waren? War die russische Arbeiterschaft geistig höher stehend ohne Sozialversicherung? Umgekehrt wäre die Frage schon zu stellen. Einmal hat auf Grund der Selbstverwaltung die deutsche Arbeiterschaft ein großes Interesse an dem Bestehen der Sozialversicherung und nimmt dieserhalb auch mit einem regsamen geistigen Interesse daran teil. Wo man Selbstverwaltungskörper schafft, sind Fragen zu lösen und Fragen lassen sich nie lösen mit einer Trägheit nach der psychologischen Seite hin. Betrachten wir uns nur die Arbeiterschaft in Belgien und Frankreich. Wer Gelegenheit hatte, dieses Volk ohne Sozialversicherung vor dem Kriege zu studieren, wird folgende Wahrnehmung gemacht haben: Ein ganz kleiner Kreis sozial denkender Menschen versuchte in diesen Ländern nach dem Muster Deutschlands die Sozialversicherung einzuführen. Die Einführung scheiterte aber immer wieder an der psychologischen Trägheit der Arbeiterschaft. Man hat dann versucht, betriebsweise Versicherungen einzuführen Die psychologische Trägheit der Arbeiterschaft-ließ sie jedoch nicht zur Blüte kommen. Weshalb nicht? Weil die sozialdenkenden Menschen im Lande, welche zum größten Teil ihr Fundament in Religionsgemeinschaften hatten, sich der Notleidenden in den Gemeinden immer wieder annahmen, die Arbeiterschaft in ihrer Trägheit diese Einrichtungen wahrnahm, anstatt zur Selbsthilfe zu schreiten. Anstatt von dem Bewußtsein einer freien Arbeiterschaft durchdrungen zu sein, welche nicht blos von dem Gedanden des Nehmens beseelt, sondern auch von dem Gedanken des Pflichtbewußtseins erfüllt sein müßte gegenüber Staat und Volk, degradierte sich diese Arbeiterschaft zur Trabantentruppe gewisser Kreise. Wer von diesem Gesichtspunkte aus unsere Sozialversicherung betrachtet und dabei auch innerlich durchdrungen ist, daß auch der Arbeiter eine Seele hat und auf Grund seines seelischen Beruses genau so in den Mittelpunkt des Staatslebens gehört wie es andere Kreise für sich in Anspruch nehmen, wird die Fragen, wie sie Herr Scherer im Handwerksblatt aufwirft beantworten müssen in dem Sinne, daß Sozialpolitik notwendig ist und Grenzpfähle noch keineswegs geschlagen werden brauchen so kommen wir Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene rettungslos unter die Räder. Es ist uns also nicht vergönnt, ein Eigendasein zu führen. Aufs innigste sind wir mit dem Geschicke des ganzen Volkes verbunden. Wenn wir uns auch heutewieder zur Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes bekennen, so tun wir es einmal in dem Bewußtsein, daß wir durch unsere Mitwirkung am Neuaufbau unseres Vaterlandes am besten unsere Rentenversorgung sichern, wir tun es aber auch in Erinnerung an all das Große, was unsere Seelen bewegte, als wir einstens deutsche Heimaterde mit unseren Leibern schützten. Wir, die wir in den Schrecknissen des Weltkrieges entschlossen und treu zu unserem Vaterlande standen, wir wollen auch in den Jahren des Leids das Gefühl der Zugehörigkeit zum deutschen Volke nicht verlieren. In einem jeden von uns ist heute wie immerdar das Dichterwort lebendig: Ich bin geboren, deutsch zu fühlen, Bin nur auf deutsches Denken eingestellt, Erst kommt mein Volk, dann all die anderen vielen, Erst meine Heimat, dann die Welt. Von dem Erbübel der deutschen Uneinigkeit jedoch scheint das gegenwärtige deutsche Geschlecht mit besonderer Heftigkeit befallen zu sein. So ist uns das versagt, was allen Völkern der Erde beschieden ist. Selbst für das naturgeborene Heimatempfinden hat man im deutschen Volke keine gemeinsame Grundlage. In dieser Beziehung sollte wenigstens jede eigensinnige und selbstsüchtige Rechthaberei ausgeschlossen sein. Weit gefehlt hiervon, haben die allgemein gültigen Begriffe deutsch— national— vaterländisch usw. bei uns Deutschen in der Parteisprache vielfach einen Klang bekommen, der ihnen ihrem innerem Wesen nach nicht zukommt. Dadurch nur wird es verständlich, daß man den Zentralverband seitens unverantwortlicher Stellen des Reichskriegerbundes„Kyffhäuser“ bekämpft, weil sich angeblich die parteipolitische Neutralität des Zentralverbandes mit einer bewußten vaterländischen Einstellung nicht vereinbaren lasse. Daß im Zentralverbande in Wahrheit keine internationalen oder parteipolitischen Tendenzen wirksam sind, ist diesen Stellen wohl bekannt. Vor Scham aber müßte man sein Angesicht verhüllen, wenn es zutreffen sollte, daß die aus reinen Konkurrenzgründen entspringenden Gehässigkeiten dem Zentralverbande gegenüber der Ausfluß des echten deutschen Geistes wären. Wir wissen, daß dieser mit parteipolitischer Ideologie nicht das Geringste zu tun hat. Für uns gelten die Worte Lenaus: Nicht nach doppel'farbgen Schranken, Nicht nach Mark und Meilenstein, Nicht nach Farben, nicht nach Namen Teile ich mein Deutschland ein. 2. Gewährung von Zuschlägen zum Krankengelde für die Ehefrauen und Kinder der Versicherten bis zu drei Vierteln des Grundlohnes. 3. Gewährung von Zuschlägen zum Hausgelde für Angehörige bis zum vollen Betrage des Mindest=Krankengeldes(d. i. die Hälfte des Grundlohnes), Pensionsversicherung: 1. Freie Kur und Arznei für alle pensionsberechtigten Knappschaftsinvaliden. 2. Berechnung der Pensionskassenleistungen nach Grundbetrag und Steigerungsbeträgen. Bei der Berechnung der Leistungen ist auch die über 25 Jahre hinausgehende Dienstzeit zu berücksichtigen. 3. Gewährung von Kindergeld zur knappschaftlichen Invalidenpension in Höhe des Kinderzuschusses der Invaliden= bezw. Angestelltenversicherung. 4. Erhöhung der knappschaftlichen Witwenpension von fünf Zehnteln auf sechs Zehntel der Invalidenpension. 5. Empfänger einer knappschaftlichen Alterspension erhalten nur drei Viertel der erdienten Pension, solange sie noch regelmäßig Lohnarbeit in Betrieben verrichten. Das Kindergeld zur Alterspension erfährt keine Kürzung. 6. Die Sozialbezüge der Versicherten sind in ihrer Gesamthöhe begrenzt. Sie ruhen insoweit, als sie den durchschnittlichen Jahresarbeitsverdienst der höchsten Lohn= oder Gehaltsgruppe übersteigen, welcher der Versicherte angehört hat. Bei Hinterbliebenen beträgt die Höchstgrenze für eine alleinstehende Witwe 50 v. H., für eine alleinstehende Waise 20 v. H., für eine Witwe mit 1 Kind 70 v. H., für eine Witwe mit 2 oder mehr Kindern 80 v. H. jenes Arbeitsverdienstes. In allen Versicherungszweigen sind Kinder im allgemeinen nur bis zum 15. Lebensjahr bezugsberechtigt. Ausnahmen sind gemacht für Kinder, die sich in der Schul= oder Berufsausbildung befinden und für Kinder, die infolge körperlicher oder geistiger Gebrechen außerstande sind, sich selbst zu unterhalten. Für sie können die entsprechenden Leistungen auch über das 15. Lebensjahr hinaus gewährt werden Ist ein Versicherter gleichzeitig aus mehreren Versicherungen(Pensions=, Invaliden=, Angestellten= u. Unfallversicherung) anspruchsberechtigt, so werden Grundbetrag und Kinderzuschüsse der einzelnen Versicherung ganz oder teilweise aufeinander angerechnet. neben den wirtschaftlichen auch Arbeiterschutz= und Kulturzwecke verfolgen. Der Staat kontrolliert die Gewerkvereine nicht nur, sondern ernennt oder sanktioniert die Vereinssunktionäre, prüft die Mitglieder auf ihre nationale Gesinnung hin, schließt sie gegebenenfalls aus und unterzieht die innere Vereinsvermaltung durch die Landesausschüsse einer wachsamen Bevormundung. Als Gegenleistung erhalten sie dafür vom Staate das Monopol der Interessenvertretung für ihren Berufszweig. Sie allein dürfen Tarifverträge abschließen, die für alle Arbeitgeber und Arbeitnehmer rechtsvrbindlich sind. Auch dürfen die Arbeitsgerichte, die als besondere Abteilung bei einem Appellationsgericht gebildet werden und aus einem ordentlichen Richter und zwei Beisitzern bestehen, nur von ihnen angerufen werden. Gegen die Urteile des Arbeitsgerichtes kann eine Berufung eingelegt werden. Alle Streiks und Aussperrungen werden als Verbrechen geahndet und ihre Anstifter mit schwerer Kerkerstrafe bedroht. Damit hört die Arbeiterbewegung Italiens auf, Bewegung zu sein. Denn das vordringlichste Kennzeichen der Gewerkschaften ist der freiwillige Beitritt der Mitglieder und ihre freigewollte Einordnung in den Rahmen der von ihnen selbst ausgearbeiteten und gebilligten Statuten. Zwangsmäßige Unterwerfung unter einen bürokratischen Apparat ertötet alles Leben. Ist Diktatur von oven, die man unter dem Druck der Verhältnisse hinnimmt, grollende Unzufriedenheit schafft und über kurz oder lang von dem Unwillen der in die Zwangsjacke gesteckten Menschen weggefegt wird. Der internationale Bund christlicher Textilarbeiterverbände ist wohl die älteste internationale Vereinigung christlicher Gewerkschaften. Eine internationale christliche Tertilarbeiterbewegung besteht schon seit 25 Jahren. Die erste Zusammenkunft von Vertretern der christlichen Textilarbeiterverbände fand im Jahre 1900 zu Aachen statt. Im darauffolgenden Jahre kam es in Düsseldorf zur Gründung des Internationalen Bundes christlicher Textilarbeiterverbände. Zunächst gehörten dieser Vereinigung nur die christlichen Textilarbeiterverbände von Deutschland, Belgien und Holland an. Heute sind dieser ältesten christlichen Arbeiterinternationale angeschlossen 10 Verbände aus folgenden Ländern: Deutschland, Belgien, Holland, Frankreich, Oesterreich, Schweiz und TschechoSlowakei. Die 10 Verbände haben insgesamt 200 000 Mitglieder. In den Tagen vom 24. bis 26. August d. J. wird der Internationale„Bund christlicher Textilarbeiterverbände zu Antwerpen in Belgien seinen neunten Kongreß abhalten. Diese Tagung ist nicht nur darum von Bedeutung, weil der Bund auf ein 25jähriges Bestehen und auf eine ebenso erfolgreiche Wirksamkeit zurückblicken kann, sondern auch wegen der zur Verhandlung stehenden, zeitgemäßen Verhandlungsgegenstände. Die Tagesordnung sieht neben den Berichten des internationalen Sekretärs und des Kassierers auch besondere Berichte vor über die Arbeits= und Lohnverhältnisse in den Textilindustrien der einzelnen Länder, sowie über die Organisationsverhältnisse der angeschlossenen Verbände, über die Fabrikarbeit der verheirateten Frau in der Textilindustrie und ihre besonderen Gefahren (Referentin Woitasky=Deutschland) und über gesetzlichen Arbeiter= und Jugendschutz in der Textilindustrie(Referent Ekkel=Holland). Der Einfluß der Wohnung auf die Sterblichkeit. Der Einfluß der Wohnung auf die Sterblichkeit Nicht nur die Verminderung der Geburtenzahl, sondern auch eine allzu frühe Sterblichkeit rütteln an dem Bestand eines Volkes. Das zeigt ein Vergleich zwischen Frankreich und England. 1922 zählte Frankreich 39,2, England 38,4 Millionen Einwohner. In Frankreich wurden 762000 Kinder geboren, in England 758000. Da jedoch in demselben Jahre in Frankreich 667000 Menschen starben, in England aber nur 445 000, betrug der Geburtenüberschuß in England 313000, in Frankreich dagegen bloß 95000. Die Ursache der erhöhten Sterblichkeit in Frankreich ist sehr leicht zu erklären, da hier in den großen Städten, besonders in Paris, Lyon, Marseille die Mietskaserne mit ihren demoralisierenden und schädlichen Folgen vorherrscht. Sie ist z. B. schuld daran, daß die Tuberkulosesterblichkeit in Frankreich von keinem anderen Lande, ausgenommen Rußland, erreicht wird. Der englische Großstädter dagegen wohnt durchweg außerhalb der Geschäftsviertel in Einfamiliensiedlungen. Und schon in der Schule wird er zu einer gesunden Körperpflege erzogen. Literatur. Leiftungen nach dem nouen Das am 1. Juli d. Is. in Kraft getretene neue Reichsknappschaftsgesetz hat die knappfchaftlichen Verhältnisse in mancher Beziehung geändert. Die wesentlichsten Aenderungen, soweit die Leistungen in Frage kommen, sind folgende: Krankenversicherung: 1. Wiedereinführung der Familienhilfe für Ehefrauen und Kinder von Mitgliedern der Krankenkasse. schaften. Am 29. April d. Is. trat in Italien das Gesetz über die Regelung des„kollektiven Arbeitsverhältnisses" in Kraft. Danach werden in jedem Bezirke oder größeren Stadt staatlich anerkannte Gewerkvereine gebildet, und zwar je einer für die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die auch von den Nichtmitgliedern ihrer Branche eine vom Korporationsministerium zu bestimmende Minimalsteuer eintreiben dürfen. Den Gewerkvereinen können auch Handelsgesellschaften beitreten, die ein gutes politisch=nationales Benehmen aufweisen und deren Aktienkapital mindestens zu drei Vierteln in italienischen Händen liegt. Die örtlichen Gewerkvereine der gleichen Branche werden zu einem Verbande vereinigt und diese wiederum zu Generalverbänden. Solche Generalverbände bestehen für die Industrieunternehmer, für die Landwirte, für die Handeltreibenden, für die Schiffsreeder, für die inländischen Transportunternehmer und für das Bankwesen, ferner für die technischen Beamten und Arbeiter der Industrie, für die Arbeiter und Techniker der Landwirtschaft, für die Handelsangestellten, die Seetransportarbeiter, die Verkehrsarbeiter und Angestellten, für die Angestellten der Banken und Kreditvereine und endlich für die freien Berufe der Handwerker und Künstler. Das oberste Leitungs= und Exekutionsorgan ist das neu geschaffene Ministerium der Korporationen. Für jeden Berufszweig wird nur ein einziger Gewerkverein vom Staate anerkannt. Dieser Gewerkverein, der mindestens den zehnten Teil der Arbeiter oder Arbeitgeber seines Wirkungskreises zusammenzufassen hat, muß vor allen Dingen national zuverlässig sein und Stimmen der Zeit. Monatsschrift für das Geistesleben der Gegenwart. Herder, Freiburg. Inhalt des August=Heftes 1926: Das Gebet des Apostels Paulus.(L. Koch.)— Das Geheimnis des Rembrandtdeutschen.(P. Lippert.)— Neue Theologie? Das Problem protestantischer Theologie.(E. Przywara.)— Augelus Silesius, Mystiker und Konvertit.(K. Richstätter.)— Verzicht auf Propaganda?(M. Pribilla.)— Portugiesisches. (L. Koch.)— Erziehungsgrundsätze eines sächsischen Hofbeichtvaters.(B. Duhr.)— Vom Werden der geistigen Welt.(Zwei psychologische Monographien.)(A. Willwon— Besprechungen von Büchern über Musik und bildende Kunst. Schmutz und Schund als sozialpathologische Erscheinung.„Beiträge zur sozialen Fürsorge“. Herausgegeben im Aufträge des Westfälischen Provinzialverbandes von Landesrat Dr. Jung und Universitätsprofessor Dr. Dr. Weber. Heft 7. Aschendorff, Münster 1926. 2.20 M. gebd. 3.20 M. Das soeben erschienene Heft stellt die Maßnahmen dar, die von einzelnen Konfessionen wie auch politischen Richtungen zur Bekämpfung von Schmutz und, Schund getroffen werden. Der erste Aufsatz behandelt das Grundsätzliche zu diesem Problem, während die folgenden die Arbeit schildern, die von katholischer und evangelischer Seite wie auch von der Sozialdemokratie geleistet wird. Der Umstand, daß die einzelnen Vertreter dieser Richtungen selber zu Worte kommen, bürgt für eine gründliche Behandlung der Frage. Wenn auch nicht ein völlig erschöpfendes Gesamtbild geboten werden kann, so geben die Aufsätze doch einen guten und klaren Ueberblick über die geleistete Arbeit und einen Ausblick auf die vielgestaltige Tätigkeit, die dieser Zweig der sozialen Fürsorge noch offen läßt. Dr. Josef Schlüter. Das Blindenwesen in der Provinz Westfalen. Von Dr. Alfred Lüke. Hest 4 der„Beiträge zur sozialen Fürsorgé“. Herausgegeben im Auftrage des Westfälischen Provinzialverbandes von Landesrat Dr. Jung und Universitätsprofessor Dr. Dr. Weber. Verlag Aschendorff, Münster 1925. 2 A, gebd. 3 A. Ziel der Blindenfürsorge, eines Teiles der allgemeinen sozialen Fürsorge, ist es, die Lage der Blinden zu bessern, ja nach Möglichkeit vollwertige Glieder der menschlichen Gesellschaft aus ihnen zu machen. Durch die zahlreichen Kriegsblinden wurde besonders das Interesse der Allgemeinheit auf diesen Zweig der Fürsorge gelenkt. Die vorliegende Schrift zeigt zunächst die Lage der Blinden. Der Verfasser spricht im ersten Hauptteil über Entstehung, Verbreitung und Umfang des Leidens und über Maßnahmen zu seiner Verhütung und Heilung. Dann behandelt er die Entstehung und Entwicklung der Blindenfürsorge und=selbsthilfe, um danach ausführlich die Arbeit zu schildern, die in der Provinz Westfalen auf dem Gebiete des Blindenwesens geleistet ist und noch immer geleistet wird. Theoretiker und Praktiker werden Nutzen und Anregung aus ihr schöpfen, aber auch weiteren Kreisen wird sie zur Orientierung willkommen sein. el» Wirfschaff: Börse „Resolute“ und„Nellance“ unter deutscher Flagge. Die deutsche Handelsmarine ist um hochwertige Passagierdampfer bereichert worden. Wie bekannt, erwarb vor wenigen Tagen die Hamburg=Amerika Linie von ihren amerikanischen Geschäftsfreunden, den United American Lines(Harriman=Konzern), die Luxusdampfer„Resolute“ und„Reliance“ sowie den Kajütsdampfer„Cleveland". Letzterer, ca. 17000 B. R. T. groß, fuhr bereits vor dem Kriege unter der Hapagflagge. „Resolute“ und„Reliance“, je 20000 B. R. T. groß, wurden im Auftrage der Hamburg=Amerika Linie auf deutschen Werften erbaut und nach Fertigstellung gegen Kriegsende vom Kgl. Holländischen Lloyd erworben, der sie als„Brabantia“ und„Limburgia“ in seinem Südamerikadienst beschäftigte. Einige Jahre später, im Jahre 1922, gingen beide Schiffe in den Besitz von Harriman über, der damit den Gemeinschaftsdienst HapagHarriman mit wertvollem Dampfermaterial ausstattete. Als damals der junge Harriman im Hamburger Hafen den beiden Dampfern die Namen„Resolute“ und„Reliance“ gab, sah man darin allgemein eine gute Vorbedeutung. Jedermann weiß, daß der Name eines Passagierdampfers in nicht unerheblichem Maße seinen Ruf bedingt. Für alle Amerikaner verbinden sich mit„Resolute“ und„Reliance“ Erinnerungen an berühmt gewordene Siege der heimischen Farben in internationalen Sportwettkämpfen.„Resolute" und„Reliance" heißen die amerikanischen Yachten, die bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten, wie auch in der Nachkriegszeit, in den großen amerikanischen Segelregatten um den Amerika=Pokal diesen umstrittenen Siegespreis erfolgreich gegen ihre englischen Konkurrenten verteidigten. Man nennt sie drüben die Yachten der Desender=Klasse. Die Zwischenzeit ergab, daß Harriman richtig kalkulierte. Es dauerte kaum eine Reisesaison, bis„Resolute" und „Reliance" infolge ihrer schnittigen Form, ihrer luxuriösen und vielseitigen Ausstattung zu den beliebten Passagierschiffen auf dem Nordatlantik zählten. Einige Angaben mögen über Bauart und Dimensionen der beiden Schwesterschiffe unterrichten: Unter Spezialaufsicht des deutschen Klassifikations=Institutes Germanischer erbaut, besitzen die Dampfer drei durchlaufende Decks, ein Teildeck und darüber drei Aufbaudecks, eine Länge von 187 m, eine Breite von 22 m und eine Tiefe von 13½ m. Ihren Antrieb erhalten sie von je 2 Kolbenmaschinen und einer Turbine, deren Gesamtleistungen etwa 12 000 PS. betragen, ausreichend, dem Schiff eine Geschwindigkeit von 16½ Seemeilen in der Stunde zu sichern. Was die Nachkriegszeit an technischen Neuerungen brachte, fand Anwendung. An Passagieren können„Resolut" und„Reliance“ rund je 1000 befördern. Davon entfallen auf die 1. und 2. Klasse je 300 und je 350 auf die 3. Klasse. Es würde zu weit führen, von allen Einrichtungen zu berichten. Lediglich daran sei erinnert, daß man„Resolute" und„Reliance" einstmals die„kleinen Imperatoren“ nannte, in Anlehnung an die ehemaligen Hapag=Riesen der Imperator=Klasse: „Imperator“,„Vaterland“ und„Bismarck", die bekanntlich seit Kriegsende und Auslieferung unter englischer und amerikanischer Flagge den nordatlantischen Ozean kreuzen und bis heute die größten Schiffe der Welt geblieben sind. Altbesitzanleihe der Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände. + Berlin, 2. Aug. Am 2. Aug. d. J. hat die Frist für die Anmeldung der Altbesitzanleihen der Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände zwecks Umtauschs in die Aulösungsanleihen wie für die Beantragung der Auslosungsrechte begonnen. Die Frist endet am 1. Nov. d. I. Nur innerhalb dieser Frist können die Altbesitzrechte aus den Markanleihen der Länder, Gemeinden und Gemeindeverbände geltend gemacht werden. Es liegt im Interesse der Anleihegläubiger, wenn sie ihre Anträge bei den Vermittlungsstellen(Banken, Sparkassen usw.) möglichst bald einreichen. Ruhrkohle für England. Nach Blättermeldungen wird aus Rheinschiffahrtskreisen mitgeteilt, daß zur Zeit Ruhrkohle in beträchtlicher Menge von Rotterdam nach England zur Verschiffung gelangt. Zum ersten Male in der Geschichte des englischen Bergbaus liegen seitens der englischen Eisen= und Stahlindustrie Nachfragen nach ausländischer Kohle vor. Für die kommende Woche wird eine neue Rekordziffer erwartet. Erwartungen besserer Beschäftigung am Siegerländer Erzmarkt. Auf die von der Regierung den Siegerländer=Eisensteingruben eingeräumte Vergütung von 2.— A p. To. wodurch dieselben, im Grunde genommen, in die Möglichkeit versetzt werden, ihren Eisenstein wieder zu Vorzugstarifen verfrachten zu können— hat der Eisensteinverein mit einer entsprechenden Preisermäßigung für Erze reagiert. Im Hinblick auf die hierdurch mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwartenden stärkeren Abrufe erhöhte eine Anzahl von Gruben ihre Belegschaften. Wenn man, um sich ein genaueres Bild über die Entwicklung des Marktes für die Zukunft machen zu können, auch fürs erste einmal die Auswirkungen der Regierungsbeihilfe für die nächsten Monate abwarten muß, so kann doch heute schon gesagt werden, daß sie auch auf längere Sicht hinaus merkliche Vorteile für die hiesige Wirtschaft zeitigen wird. Die chinesischen Handelskammern empfehlen den Handel mit Deutschland. Unter dem Schlagwort„Kauft deutsche Ware“ haben sich die chinesischen Handelskammern in Schanghai, Tientsinund Veking, die sehr einflußreich sind, zusammengetan, um der angelsächsisch-japanischen Handelsvorherrschaft in China entgegenzutreten und ihr soweit wie möglich ein Ende zu machen. Die vereinigten chinesischen Handelskammern erklären dazu, daß die Engländer, Amerikaner und Japaner die günstige Gelegenheit der letzten Jahre ausgenutzt haben, um den Chinesen schlechte Ware zu hohen Preisen zu verkaufen. Die Handelskammer verpflichtet sich, energische Schritte in der angegebenen Richtung zu tun und engere Fühlung mit dem deutschen Handel im fernen Östen zu nehmen. Es wird eine Studien= und Einkaufs delegation gebildet, die in allernächster Zeit nach Deutschland abreisen wird, um die engen und guten Handelsbeziehungen, die vor 12 Jahren zwiBerliner Börse. Berlin. den 2. August 1926 Die Kurse lauten auf Prozente des Nennwertes in Reichsmark. Goldmark. Dollarschatzanw. 2% D. Reichsanl. Benz Kabelw. Rheydt Schantung Hamb.-Am. Paketf Hansa Dampfsch. Nordd. Lloyd Barm. Bankverein Comm. u. Priv.-B. Darmst. u. Nat.-B. Deutsche Bank Disk. Kommandit. Dresdener Bank schen China und Deutschland herrschten, wieder anzurnupfen und auszubauen. In der chinesischen Handelswelt begrüßt man diese Schritte der führenden Kaufleute mit Genugtung und rechnet darauf, daß dem chinesischen Handel dadurch große Vorteile erwachsen werden. Die genannte chinesische Kommission wird bereits Anfang September in Deutschland erwartet. Vorläufig keine Goldwährung in Italien. Paris, 30. Juli. Nach einer Meldung aus Rom wirt in offiziellen italienischen Kreisen erklärt, daß die italienische Regierung keineswegs die Absicht habe, gegenwärtig eine Goldwährung einzuführen, da hierdurch nur eine Krise für Industrie und Handel herbeigeführt werden könnte. Sollten jedoch die französische und die belgische Regierung zur Einführung einer Goldwährung schreiten, so würde sich die italienische Regierung in Anbetracht der engen valutarischen Beziehungen mit den beiden Ländern gezwungen sehen, gleichfalls eine Goldwährung einzuführen. Der deutsche Papierexport nach Spanien und Südamerika. hat sich in letzter Zeit weiterhin erfreulich entwickelt, wenn auch in der Preisstellung mit einer immer schärfer werdenden Konkurrenz zu rechnen ist, die am spanischen Markt von Frankreich, England und Holland, in Südamerika vor allem von den Vereinigten Staaten kommt. Der Export nach Spanien umfaßt in erster Linie Druck= und Packpapier, doch bestehen auch gute Aussichten für Bureauschreibpapier, einzelne Kartonartikel, Krepp=Papier sowie für photographische Papiere. In Süd= und ebenso auch in Mittelamerika liegt der Markt für Zeitungspapier überwiegend in amerikanischen Händen; aufnahmefähig sind diese Märkte besonders in Packpapier, Buchdruckpapier, Schreibpapier, Kartonnagen, Briefumschlägen und Zigarettenpapier. Gesellschaften. 313. Wollabfallversteigerung des Fabrikantenvereins Kottbus. Am Mittwoch, den 4. August d. J., findet im Hotel„Kaiseradler“ zu Kottbus die 313. Wollabfallversteigerung des Fabrikantenvereins E. V. statt. Zur Versteigerung gelangen ungefähr 50000 kg Abgänge aus der Tuchfabrikation. Vereinigung deutscher Filztuchfabrikanten. Die Herabsetzung der Preise der Vereinigung deutscher Filztuchfabrikanten bezieht sich, wie uns vom Verband deutscher Haar= und Sohlenfilzfabrikanten E. V. und vom Fachverband der Fabrikanten technischer Filze E. V., Wollfilzkonvention, mitgeteilt wird, lediglich auf gewebte Filze. Diejenigen Filzindustrien, die gewalkene Filze herstellen, haben ihre Preise seit der Ermäßigung im Frühling d. J. nicht verändert. Stahlwerk Krone A.=G. in Velbert. Das seit längerer Zeit sich in Zahlungsschwierigkeiten befindliche und vollkommen stilliegende Unternehmen wird in Liquidation treten. Entsprechende Vorschläge werden der Mitte September stattfindenden Generalversammlung gemacht werden. Inzwischen sind alle Gläubiger voll befriedigt, jedoch ist es noch sehr fraglich, ob das Aktienkapital als vollkommen verloren zu betrachten ist. Das gesamte Unternehmen mit seinen Inneneinrichtungen und großen Grundstücken soll verkauft werden; es schweben dieserhalb Verhandlungen, die sich aber in Anbetracht der Wirtschaftslage noch sehr lange hinziehen können. Von dem Ergebnis dieser Verkaufsverhandlungen wird es abhängen, ob für die Aktionäre noch etwas herausspringt. Webstoff A.=G. M.=Gladbach. Für das abgelaufene Geschäftsjahr ergibt sich nach Abschreibungen in Höhe von 230 680 Mark ein Verlust von 194155 Mk., der auf neue Rechnung vorgetragen wird. Eine Dividende kommt demnach nicht zur Verteilung. Die Produktionseinschränkung bei der Rohstahlgemeinschaft, die in der letzten Sitzung von 32½ Proz. auf 30 Proz. herabgesetzt worden ist, wird in dieser Höhe auch für den Monat September in Kraft bleiben. Industrie. Zur Entwicklung der japanischen Baumwollindustrie. Dem neuesten Halbjahresbericht der japanischen Baumwollspinner=Vereinigung ist zu entnehmen, daß die Gesamtzahl der in Gesellschaftsform dort bestehenden Spinnereien 64 beträgt, die der Fabriken 243. Die Anzahl der Ringspindel macht allein 5 413 094 aus, die übrigen zusammen nahezu 800 000, so daß ungefähr eine Verdoppelung der Spindelzahl seit 1913 eingetreten ist. Die Zahl der männlichen Arbeiter wird mit 40 037, die der weiblichen mit 136 233 angegeben. Die Arbeitszeit, worunter wahrscheinlich mehrere Schichten gemeint sind, beträgt durchschnittlich 20,04 Stunden täglich. Die Durchschnittsdividende von 51 Gesellschaften betrug 16,4 pCt. die höchste Dividende 38 pCt. Der Durchschnittslohn für den männlichen Arbeiter macht 1,554 Yen, für die Arbeiterin 1,221 Yen täglich aus. Im zweiten Halbjahr 1925 hatte die Baumwoll=Gewebeausfuhr Japans den Wert von 233 Mill. Yen, davon ging nach China fast die Hälfte.— Wegen der Nichtausführung der Washingtoner Abmachungen betreffend das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Kinder sowie die Abkürzung der Arbeitszeiten überhaupt, die vorläufig aufgeschoben worden ist, beantragt die Vereinigung der Baumwollfabrikanten von Bombay bei der indischen Regierung die Auflegung besonderer Dumpingzölle für japanische Textileinfuhren nach Indien. Dortmunder Viehmarkt. Dortmund, 2. August. Zum heutigen Schlachtviehmarkt waren aufgetrieben: 734 Stück Großvieh, 354 Kälber, 92 Schafe, 2207 Schweine. Bullen: a)—, b) 47—52, c) 35—46; Färsen u. Kühe: a) 57—60, b) 50—56, c) 43—49, d) 33—42, e) 20—32; Kälber: a)—, b) 78—80, c) 70—77, d) 55—69, e) 40—54; Weidemastschafe: a) 47—50, b) 30—46; Schweine: a) 80—82, b) 80—82, c) 80—82, d) 78—79, e) 75—77. Marktverlauf: Großvieh langsam, Kälber und Schafe lebhaft, Schweine im Anfang flott, später abflauend. Essener Viehmarkt. X Essen, 2. Aug. Auftrieb: Großvieh 343, hiervon 31 Ochsen, 141 Bullen, 238 Färsen und Kühe, 569 Kälber, 68 Schafe, 3147 Schweine. Ochsen: a) 57—60, b) 54—56, c) 45—50; Bullen: a) 50—52, b) 46—49, c) 40 bis 45; Färsen und Kühe: a) 58—60, b) 54—57, c) 45 bis 50, d) 38—42, e) 28—34; Jungvieh: 38—44; Kälber: a) 80—95, b) 65—75, c) 55—62, d) 45—52; Weidemastschafe: a) 45—52, b) 30—40; Schweine: a) 78—79, b) 80, c) 75—77, d) 72—74, e) 69—71, f) 68—75. Tendenz: Mittel, Schweine langsam. Kölner Viehmarkt. X Köln, 2. Aug. Ochsen: a) 60—63, b) 56—60, c) 48 bis 53, d) 40—46, e) 30—36; Färsen und Kühe: a) 56 bis 60, b) 54—58, c) 47—52, d) 38—45, e) 20—28, f) 44 bis 47; Bullen: a)—, b) 41—48, c) 35—42; Kälber: a) 64—68, b) 54—60, c) 35—50; Weidemastschafe: 35—40; Schweine: a) 77—81, b) 80—83, c) 80—83, d) 74—77, Sauen 70—75. Auftrieb: Rinder 1081, Ochsen 343, darunter Weidetiere 111, Kühe 663, Kälber 1199, Schafe 106, Schweine 4021. Tendenz: in sämtl. Gattungen zieml. belebt und geräumt. Duisburger Getreidebörse. Duisburg, 2. Aug. Inl. Weizen—, Inl. Roggen —, Pommerscher Hafer—, Rhein. Hafer—, Inl. Gerste 18,50—18,75, Ausl. Weizen 32—34, Ausl. Roggen 24,50 bis 25,50, Ausl. Hafer 20,20—23, Ausl. Gerste 19—20,50, Mais(Plata) 18,50, Cinquantion Mais 23,50, Weizenbäckermehl(Grundpreis) 42,50—43,50, Roggenmehl 70% 33,75—34,75, Weizenkleie 9,50—11,50, Weizenbollmehl 11,50—13,50, Roggenkleie 10,25, Steffens Zuckerschnitzel 14,75—15. Tendenz: In Anbetracht der Zollerhöhung leidet anziehende Preise. Berliner Produktenmarkt. = Berlin, 2. Aug. Die Cifforderungen für Hartwinter waren zwar leicht ermäßigt, aber der Weizenmarkt zeigte eine ziemlich feste Haltung. Weizen neuer Ernte ist für Augustlieferung zu unveränderten Preisen angeboten, infolge des nichtbefriedigenden Mehlabsatzes war das Geschäft aber mehr von geringem Umfange. Die Lieferungspreise stellten sich in der Eröffnungsnotierung um ½ Mark niedriger. Dezember, der heute zur Notiz kam, hatte gegen Oktober einen Report von 3½ Mark. Roggen ist zur sofortigen Lieferung gefragt und 1 Mark höher bezahlt, die Forderungen für Augustlieferung lauteten unverändert, dieses Material fand aber weniger Beachtung. Roggen stellte sich im Lieferungsmarkte höher, nicht zuletzt auf Gerüchte hin, daß die Getreidehandelsgesellschaft ihre Tätigkeit bereits aufgenommen hat, bezw. bald aufnehmen dürfte. Weizen und Roggenmehl hatten bei unveränderten Preisen geringen Umsatz. Für Hafer und Gerste war die Marktlage ziemlich unverändert. Amil. Froduktennotierungen in Ferfin am 2. August 1920. (Für Getreide je 1000 kg, für die übrigen Artikel je 100 kg.) Vorige Heutige No erungen Weizen. märk. Roggen, märk. Sommergerste Hafer, märk. pommerscher Mais LaPlata ab Hamburg Weizenmehl Roggenmehl Weizenkleie Roggenkleie New-York: Weizen Mais Chicago: Weizen Juli September Dezember Tendenz Hafer Juli September Dezember Tendenz Bremen: Baumwolle. Vorige Heutige Notierungen 355-360 loco.. September Oktober November Dezember Januar März Mai... juli... Liverpool: Baumwolle. oco... Juli August September Oktober November Dezember 1oco Baumwollumsatz Import Expor Now-York: Eaumwollo. 10.13 — 16.02 loco Juli August September Oktober 30. 7. 7.75 30.° 7. 76 85 87½ k. stetig 106¼ 107¼ 111½ willig. bezan t 18.55 18.28 18.31 18.49 29. 7. 9.3 9.31 9.37 9.37 9.41 9.38 9.40 30. 7. 17.66-69 17.72— 17.93-93 18.07—07 tienmarkte wurden zum Teil 4= bis 5prozentige Gewinne erlangt. Für Maschinenfabrikaktien trat vielfach Kauflust hervor. Daimler, Deutsche Maschinen um 3 bezw. 4½ Proz. höher. Aschaffenburger Zellstoff gingen um 6 Proz. in die Höhe. Auch Textilwerte wurden mehr beachtet Schultheiß=Patzenhofer erlangte eine Besserung um 4 bis 5 Proz. Am Schiffahrtsaktienmarkt stiegen Hamburger Paketfahrt um mehr als 4 Proz., die übrigen Werte schlossen sich der Aufwärtsbewegung an. Banken waren sehr fest zu anziehenden Kursen. Infolge Gewinnsicherungen konnten die hohen Anfangskurse nicht ganz behauptet werden, die Rückgänge blieben aber beschränkt. Die feste Stimmung erlitt keinen Eintrag. Deutsche Fonds schwächer. Wertbeständige Anleihen, besonders landschaftliche Goldpfandbriefe besser bezahlt, Vorkriegspfandbriefe schwächer. Tagesgeld und Monatsgeld 5½ bis 6½ Proz. Die Börse schloß infolge von Gewinnsicherungen etwas unter den höchsten Tageskursen. Die Grundstimmung blieb durchaus fest. Chemische Heyden schlossen zu 108¼. Man sprach davon, daß die Fusion mit der Farbenindustrie perfekt wäre u. der Umtausch im Verhältnis von 2:1 erfolgen werde. Amtlicher Kurs. Berlin, den 2. August 1926. Besserung des Franken. X Paris, 2. Aug. Die Devisenkurse haben im Laufe des heutigen Vormittags eine erhebliche Senkung erfahren. Das Pfund eröffnete mit 195 nach 200 und senkte sich in den Vormittagsstunden bereits auf 189,5. Der Dollar ging von 40,13 auf 38,95 zurück. Essener Börse. Essen, den 2. August 1926. im heutigen Verkehr ermittelte Kurse, mitgeteilt vom Bankhaus Ohnssorge, Pasel Wolfl& Co. Dortmund. Konle Nachf: Liverpooler Baumwollkurse. Liverpool, 2. Aug. Wegen Feiertag keine Kurse. Berliner Börse. — Berlin, 2. Aug. Die Börse eröffnete in recht zuversichtlicher Stimmung. Infolge glatten Verlaufs, der Frankenbesserung und auf Gerüchte von zunehmender Belebung auf den wichtigsten Absatzgebieten, hofft man auf bessere Zeiten für unsere Ausfuhrindustrien. Bei Beginn des Verkehrs für Industrieaktien lag eine das Angebot beträchtlich übersteigende Nachfrage vor, besonders für Kohlenbergwerks und Hüttenwerke, sowie Chemische und Elektrizitätsaktien. Am Montanmarkte waren vorwiegend 2= bis 3prozentige Besserungen zu verzeichnen, darüber hinaus stiegen u. a. Mannesmannröhren, die auf Grund des Zustandekommens des internationalen Röhrenverbandes einen Gewinn von 5 Proz. erzielten. Chemische Heyden erfuhren eine Höherbewertung um mehr als 10 Proz., Farbenindustrie um mehr 4 Proz. Oberschlesische Kokswerte setzten mit einer ziemlich 6prozentigen Steigerung ein. Am Elektrizitätsak1400 Admiral Alte Haase Beharrlichkeit Caroline Carolus Maxnus Constantin Deutschland Diergardt Ewald Glückb. Fried. Clückauf Segen Gottessegen Graf Bismarck Graf Schwerin Heinrich Hermann I-III Toh. Deimelsb. König Ludwig Langenbrahm RichardI Schürb& CharTrappe Trier 1-III Viktoria b. K. Westfalen Wilh. Mevissen Adler-Actien Blankenbe-Act. Carl-Fried.-Act. Dahlbusch Lothring-Act. Montania Niederrh.Bergb Präsident Wstf.Bgb.-Act. Braunkohle und Verschiedene 2050 6920 39000 2375 44000 500 1650 600 40000 4850 3500 35500 15000 2910 40 109 69 bi.5 Angeb. 1600 2150 7150 42500 90 2475 17500 1750 5050 3700 30000 16500 1800 3000 42 112 71.5 53.5 Kali Nachfr. Angeb. Bellerhammer Bruckd. Nietleb. Climmerode Gute Hoffnung Leonhardt Lucherberz Michel Oskarssegen Ostheim Vesta Zukunft Actien Bernhardshan Christine Elsa-Cemt Mansfeld. Act 1175 4200 990 2475 63.0 400 6500 3800 125 1400 127 4600 930 2525 6700 6950 200 3950 Erze Apfelbaumer Bliesenbach Flick Henriette Wolfram Kali-Aktien Adler. Stamm Deutsch. Kali Friedrichshall-N Hallesche Kali Hannov. Kall Heldburg. Vorz Kali-Industric Krügershall Niedersachsen Ronnenberg Salzdetfurth Sigmundshall Steinförde Teutonia Wittekind Bank* Landw 30 30 70 130 102 70 46 28 101 72 133 104 12 48.5 71 Alexandershall Alicenhall Asse Beienrode Bergmannsseg. Bernsdorf Braunschw.-Lbe Burbach Burggraf Carlsfund Carlshall Desdemona Einigkeit Ellers Erichssegen Felsenfest Friedrichsroda Fürstenhall Gebra Glückauf b. S. Großh. W. Ernst Günthershall Habighorst Hansa Silberbg. Heiligenmühle Hiedwigsburg Heilgenroda Heimholdshaus. HeldrungenI Heldrungen II Herfa Heringen Hermann II Hildasglück Hindenburg Hohenfels Hope Hüpstedt Hugo Ilsenburg Immenrode Irmgard Johanneshall Kaiseroda Königshall Mariaglück Marie Marie Louise Max Meimerhausen Neurode Neusollstedt Neustaßfurt Oberhof Ransbach Rastenberg Reichskrone Reichsland Reinhardsbrunn Richard Rössing-Barnten Rothenfelde Sachs.-Weimar Salzmünde Schwarzburs Siegtried 1 Siegfr.-Giesen Thüringen Volkenroda Walbeck Walter Wilhelmshall Wilhelmshall O. Winterhall Wintzingerode 5700 210 2750 680 9909 1250 2125 1300 500 2300 1400 2550 1025 1600 2050 1300 800 2600 170 190 4700 500 155 575 1035 215 3:0 6500 6700 1025 7500 50 910 310 780 91.0 6700 210 775 5700 1.00 650 500 1500 500 3100 270 775 920 6800 700 2200 30 400 2300 57000 245 3000 720 19300 1375 2300 1600 900 700 210 575 1060 450 7000 6900 1050 1075 8000 110 9450 6900 1600 1650 80 16 5 327 17 10 10 43 — Nächste Börse in Düsseldorf am 3. Aug. 192 Verantwortlich für Handel und Wirtschaftspolitik Dr. jur. A. Henkel. Anglo-Cont.Guand Annener Gußstahl Augsb. Nürnb. M. Ralcke Maschinen Bamag Baroper Walzw Bemberg J. P. Bergmann Elektr Berl. Karlsr Ind. Berl. Maschinenh Bochumer Gußstal Braunk. u. Brikett Buderus Eisen Busch Lüdensch. Chem. Ind. Gelsk Daiml. Motoren D. Lux Bergban D.Eisenb.-Signw Deutsche Erdöl D. Kaliwerke D. Maschinen D. Schachtban Deutsche Wolle Dürkoppwerke Dynamit-A. Nobel Elektr. L u. K Eschweil. Bergw. Essener Steinkoh: Farbenindustrie Friedrichsh. Kall Felt& Guilleaue Gelsenk. Bergw Gelsenk. Gußstahl Germania-Portl. Ges. f. elektr Unt Glockenstahlwerk Goldschmidt Görlitz. Waggon Goth. Waggon Hackethal Drabt Hammersen Hannov. Maschin. Hannov Waggon Harb WienGummi Harpener Bergbau Hartmann Masch. C. Heckmann Held& Franke Hirsch Kupfer Hösch Stahlw Hohenlohe-Werke Hotelbetrieb Humboldt Masch. Hutschenreuther Ilse Bergb, Kaliw Aschersleb Karstadt Kattowitz Bergb Klöckner-Werke Köln-Neuess Bgw. Köln-Rottweiler Köln. Gas u. Elek. Körting Gebr. Kronprinz Met Lahmever& Co Laurahütte Lindes Eismasch. Linke-Hofm.-W Lorenz Lothringer Bergb Lüdenscheid. Met. Luther Maschinen Mannesmann Maschinenf Baum Masch. u. Kranbat Mix& Genest Mülh.Bergw.-V Nat. Automobile Oberschl.Eis.-Bed Oberschl. Eis.-Ind Oberschl. Koks Oeking Stahl Orenstein& Koppel Phönix Bergbau Pöge Herm Reisholz Papier Rhein Braunkohl. 2. 8. 59.75 140. 83.50 104.50 57.875 135.25 14 106.75 126 89.75 71.50 83.125 114.75 60 99 125. 63. 177. 174.60 30. 7. 5 8.87 142 79.87 102.875 55 129 75 74.7 13.50 103.87 126 85.75 69.75 79.75 98.875 60 96.25 118.875 61 165 Rh. Metallw. V.-A Rh.-Nass. Bergw. Rhein. Stahlwerk Roddergruben Rombacher Hütte Rütgerswerke Sachsenwerk SarottiSchokolade Schl.Bergb. u.Zink Schloßfabr. Schulte Schneider Hugo Schött Herm Schuckert& Co SiemensElek.Btr. Siemens& Halske Staßf Chem. Fbr. Stett Vulkan Stöhr Kammgarn StöwerNähmasch Telephon Ber Thale Eisenhütte 172.875 Thörl's Ver. Gels BILDER VOM TAGE 3. Nagust Ein neuer Bahnhofsvorplatz in Duisburg. König Boris mit Prinzessin Giovanna verlobt. 73 Originalzeichnung nach dem Entwurf von Architekt Wißmann, Duisburg. Die Verlobung des Königs Boris von Bugarien mit der Prinzessin Giovanna von Italien ist vollendete Tatsache. Unser Bild zeigt Prinzessin Giovanna von Italien und König Boris. Vom Harkort=Bergfest. Hundert Jahre Bibliographisches Institut. Internationaler Pfadfindertag in Budapest. 2 Fr. Wilhelm Regener, Eintracht Dortmund, gewinnt zum 2. Mal den Silberkranz. Unser Bild zeigt Regener bei seinem techn. vollendeten Stabhochsprung. Hermann Meyer, der Nachfolger des Gründers, als Achtzigjähriger. In diesen Tagen begeht das Bibliographische Institut in Leipzig die Feier seines 100 jährigen Bestehens. Das Institut wurde 1826 von Carl Joseph Meyer gegründet und errang bald eine einzigartige, führende Position im Verlagswesen. Meyers Konversationslexikon hat neben der Unzahl anderer Veröffentlichungen den Namen des Verlages in viele deutsche Häuser getragen. ) In Budapest fand der diesjährige Internationale Boy=Scouts=Jamboree statt. Von links nach rechts: Lord Hampton, der Vertreter Baden=Powells, Graf Teleki, Reichsverweser Horthy, Khuen Hedervary. 50 Jahre Bayreuth. Zum 50jährigen Jubiläum des Bayreuther Festspielhauses am 13. August. Motto: Vollendet das ewige Werk: auf Bergesgipfel die Götterburg, prachtvoll prahlt der prangende Bau! Wie im Traum ich ihn trug, wie mein Wille ihn wies, Stark und schön steht er zur Schau: Hehrer, herrlicher Bau! (R. Wagner,„Rheingold“.) Aus Paris schreibt Wagner 1860 an Mathilde Wesendonk:„Ich bin mir nur klar geworden über die Wahl, die mir vorsteht: noch nicht darüber, wie ich wählen soll,— entweder meine Werke aufführen, oder neue ausführen... Ob noch einige neue Werke dieser Art der Welt geschenkt werden, ist dem Weltgeiste wahrscheinlich gleichgültiger, als daß diese Art Werke überhaupt, ihrem Wesen nach, der Welt vollkommen verständlich erschlossen werden...— Immer deutlicher tritt der Theatermensch aus dem literarischen Dasein, daß die musikalische Materie zu ewigem Schweigen zu bauen scheint, in die Aktivität der realistischen Spielsphäre. Die Spannkraft, des schöpferischen Dämons ist bis zum äußersten gediehen: war bisher das künstlerische Werden nur Hingabe an das zu Vollendende, so setzt jetzt die Aufführungsidee der ewigen Genesis die Auswirkungsfermate plötzlich auf. Vom„Rienzi" bis zum„Tristan“ führt Wagner den verzweifelten Kampf mit der Tagesbühne. Als Aufführungsapparat wechselseitiger Kunstbegriffe ist sie für die Reform des Wagnerschen Musikdramas noch längst nicht intakt. Wo er hinblickt, sind die Mittel für das Inscenesetzen seiner Kunst unzureichend, überholt. Seine Idee, die Vollendung alles Spielerischen, die Einheit von Ausführer und Aufführer zu verwirklichen, ist Negierung des eigentlichsten Typus=Theater. So wie er sich sein Kunstwerk rein stilistisch, unberührt von allem Tagesgeschmack, ausgelegt wünscht, vermag es das bestehende Theater nicht anzunehmen. Es bleibt nur ein Ausweg: Verwirklichung des eigenen Ideals und Schaffung einer eigenen Bühne. Bayreuth ist Angelpunkt dieser kosmopolitischen Kunstbestrebung und soll über dieses hinaus, denkwürdigstes Dokument nationaler Kultur werden. Die Idealbühne, die in diesem Sinne hier aufgerichtet wird, legt naturgemäß das Schwergewicht auf den Bühnenraum, verliert hier seine gesellschaftliche Subjektivität. Er ist nicht mehr prunkvoller Versammlungsort der Grande Toilette, sondern einzig und allein Objekt der Beschaulichkeit für die scenischen Vorgänge. Dazu kommt noch die Versenkung des Orchesters, das dem Zuschauer die unmittelbare Einwirkung des Totalkompleres„Bühne" naherückt. Raum spricht zu Raum. Theater manifestiert sich im Theater. Es gibt nur eine Gemeinschaft. Publikum und Ausübende sind Wechselbegriff. Das wahre Kunstwerk steht darüber.— So reift die Realisierung der Festspielhausidee. Gäste kommen. Scharen von neugierigen Künstlerherzen pilgern nach Bayreuth, um den krönenden Abschluß des Wagnerschen Kunstwerkes mitzuerleben, um die verwunderte Bürgerschaft aus ihrem Kleinstadt=Traume zu rütteln. Aus allen Himmelsrichtungen strömt das gewappnete Häuflein Musikbegeisterter zusammen. Alle wollen sie Zeuge der höchsten Feierstunde sein. Könige und Fürsten, die Prominenz des Adels und der Künstlerschaft. Keiner achtet sich zu gering, das Meisterwerk in seinem vollen Umfange zu würdigen. Ueber nacht ist um Wagner die Zahl der Begeisterer so mächtig gewachsen, daß kaum Platz für sie alle ist, im tieferschütterten Herzen des Triumphators. Am 3. Juni 1876 beginnen die Proben. Schon im Vorjahr hat Wagner die Vorbereitungen zum„Nibelungenring“ selbst ins Werk gesetzt. Jetzt hat er sie alle um sich, die Helden, Götter und Riesen, die in Wahrheit als solche auf der Bühne einhergehen und seinen weitblickenden Regieanordnungen Folge leisten. Er hat den Taktstock aus der Hand gelegt und Hans Richter das würdige Amt überlassen. Wagner sitzt an Stelle des Souffleur=Kastens am Regietischchen und vermittelt Scene und Orchester, Bühne und Zuschauerraum. Ueberall ist er, nichts entgeht seinem genialen TheaterInstinkt. So gedeihen die Proben auf Wahnfried im Festspielhaus. Und am Tag der Voraufführung trifft König Ludwig persönlich ein, um das Werk seines Favoriten ganz für sich zu beanspruchen. In der Generalprobe zu„Rheingold“ wird die Oeffentlichkeit ausgeschlossen. Der Idealist sitzt allein in der Königsloge und läßt zum erstenmal die Erhabenheit der Musiksphäre und des Raumes auf sich wirken. Die weiteren Proben sind dem fiebernden Freundeskreis Wagners zugängig. Schon da ist er Mittelpunkt heftiger Ovationen und grenzenloser Lobeshymnen. Und als der Vorabend der Uraufführung erst angebrochen ist, tost der Jubelschrei einer tausendköpfigen Menge endlos durch Bayreuth. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Ganz Deutschland scheint an der denkwürdigen Kunststätte vereint, seinem mächtigsten Musikgenie den Platz einzuräumen, um den es heute die gesamte Musikwelt beneidet.— Am 13. August geht„Rheingold“ erstmalig in Scene. Wagner richtet seine letzten Ermahnungen an die Ausführenden. Den Sängern:„Deutlichkeit!! Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und ihr Text sind Hauptsache. Niemals dem Publikum etwas sagen! Zu Monologen immer auf oder ab schauen, niemals Geradeaus“!— Im Orchester:„Kein Prädulieren. Piano, pianissimo, dann wird alles gut gehen!“ Letzter Wunsch:„Bewahrt mir Euren guten Willen, meine Freunde!“ Draußen im Parkett braust ein erschütternder Ausbruch spontaner Fascination, als Kaiser Wilhelm 1. die Königsloge betritt, um dem Schöpfer des deutschen Musikdramas seine Kunstverehrung zu erweisen.— Dann legt sich mystische Stille über den Zuschauerraum und aus der Tiefe des Orchesters spinnt sich vom langgehaltenen Orgelton Es langsam das Motiv des Urelements; des ewigen Werdens zu fließenden Klängen des„Rheingold=Vorspiels“.— Kaum ist das pathetische Walhall=Thema verklungen und der Riesenvorhang hat sich gesenkt, als die ergriffene Menge in tobenden Beifallslärm ausbricht. Niemand erscheint vor dem Vorhang, nicht Wagner, nicht die Sänger. So will es die Sitte. Bayreuth: das Kunstwerk soll unmittelbar gefeiert werden. Aber von Aufführung zu Aufführung steigert sich der Jubel und als nach der„Götterdämmerungspremiere" die Weihe des Augenblicks und der Enthusiasmus des Publikums Wagner vor den Vorhang fordert, spricht er tief bewegt die Worte an seine Gläubigerschaft: Ihrer Gunst und den grenzenlosen Bemühungen der Mitwirkenden, meiner Künstler, verdanken Sie diese Tat, Was ich Ihnen noch zu sagen hätte, ließ sich in ein paar Worte, in ein Ariom zusammenfassen:„Sie haben gesehen, was wir können; wollen Sie jetzt! Und wenn Sie wollen, so haben wir eine Kunst.“ Bayreuth wird immer Kulturdokument bleiben. Vermischte Nachrichten. Die Reise des Kreuzers„Hamburg“. )(Berlin, 2 Aug. Der Kreuzer„Hamburg“, der am 31. Juli aus Yokohama ausgelaufen ist, ist am 2. August in Kobe eingetroffen. Die Weiterfahrt nach Nagasaki erfolgt am 12. August. Das größte Passagierflugzeug der Welt. :=: Berlin, 2. Aug. Das größte Flugzeug, das bisher im regelmäßigen Luftverkehrsdienst irgend einer Linie Verwendung gefunden hat, legte seinen ersten Flug vom Flughafen Croyden nach Paris zurück, wobei es 18 Fluggäste und 2 Führer beförderte. Das Riesenflugzeug wird von 3—400pferdigen Motoren angetrieben. Selbstmord zweier Schwestern. )( Berlin, 2. Aug. In Köllin verübten die ältlichen Schwestern Joos, von welchem die größere verkrüppelt und seit längerer Zeit lungenleidend ist, Selbstmord durch Erhängen. Die Schwestern, welche früher, der „O. Z." zufolge, in recht guten Vermögensverhältnissen lebten, hatten durch die Inflation ihr gesamtes Vermögen verloren. Großfeuer in einer Mühle. )( Leipzig, 2. Aug. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag wurde die dem Rate der Stadt Leipzig gehörige Mühle Zöschen in der Nähe von Merseburg ein Raub der Flammen. Das Feuer war durch eine Mehlstaubexplosion entstanden. Etwa 3000 Zentner Mehl und Getreide sind verbrannt. Der Gesamtschaden wird auf 300000 Mark geschätzt. Er ist durch Versicherung gedeckt. Erneutes Hochwasser der Mulde und Elbe. :: Dessau, 2. Aug. Die Hochwasserwelle der Mulde ist heute nacht in Dessau eingetroffen und hat Felder und Fluren erneut überschwemmt. Der Rest der vom ersten Hochwasser verschont gebliebenen Ernte ist dadurch vernichtet. Die Fluten führen große Mengen Heu und Getreide mit sich. Auch die Elbe ist erneut über die Ufer getreten. Eisenbahnunglück in Ostoberschlesien. () Bismarckhütte, 2. Aug. Heute nacht gegen 3 Uhr stießen infolge falscher Weichenstellung 2 mit Grubenholz und Bohlen beladene Güterzüge zusammen. 6 agen wurden vollständig zertrümmert. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen. Großer Diebstahl in einem Londoner Museum. () London, 2. Aug. Während des Wochenendes wurde ein großer Diebstahl im Victoria and Albert Museum entdeckt. Unersetzliche Goldmünzen aus der Saltingsammlung, die 30 Goldmünzen im Alter von 1700 bis 2500 Jahren umfaßte, wurden entwendet. Nur 9 Münzen sind noch übrig. Der Diebstahl ist umso unerklärlicher, als das Zimmer, in dem sich die Münzen befanden, am Tage dauernd von einem Aufseher bewacht wird, während nachts eine Wache von 5 Mann durch das Museum patroulliert.