Amtliches Kreisblatt für den Landkreis Ahaus= Zentral=Organ für das verbunden mit Eper Volksblatt, Gronauer Volkszeitung, Nienborg=Heeker Zeitung, Erscheint taauch.— Bezugspreis. Monatlich 2 Goldmark ohne Bestellung Schriftleitung und Geschäftsstelle in Ahaus. Tel.=Adresse Kreiszeitung Ahaus t. W.— Fernsprecher Nr 50- Postschließfach 20 Postscheckkonto Hannover Nr. 22739 Bankkonten: Kreis= und Stadtsparkasse Ahaus und Gewerbebank Ahaus Wöchentliche Sonderbetlagen: Erholungsstunden für das christliche Volk, Westdeutschland in Wort und Bild, Lesefrüchte, Welt und Wissen, Literatur und Kunst, Frauenwelt, Steuer und Recht, Sozlalpolitik u. Standesfragen, Technik und Verkehr, Turnen, Spiel und Sport.:: nordwestliche Münsterland Stadtlohner Anzeiger, Vredener Volksblätt Anzelgenpreise: Das 30 mm breite mm 10 Goldpfennig. Bel Wiederholungen Rabatt nach festem Tartf. Reklamen: Das 80 mm breite mm 50 Goldpfennig Fur Erfullung von Platzvorschriften wird keine Gewähr, sowie für Druckfehler wird Haftung übernommen. Etwalger Rabatt gllt als Kassarabatt und kann verweigert werden, wenn Zahlung nicht binnen 8 Tagen nach Erhalt der Rechnung erfolgt. Nummer 181 Montag, den 5. Juli 1926. 46. Jahrgang jedereinteitt Dr. Wirths in die Zentrumsfraktion. Die Erklärung Dr. Wirths Von unserer Berliner Redaktion. !! Berlin, 4. Juli.(Drahtb.) Die Erklärung, die Dr. Wirth vor dem Reichsausschuß der Zentrumspartei abgab, hatte folgenden Wortlaut: „So groß die Enttäuschung und Verbitterung innerhalb des Zentrums auch sein möge über das Verhalten der Rechten und Linken im Reichstag, so entschieden muß auch unser politischer Wille sein, der geschaffenen Lage gerecht zu werden. Die Zentrumspartei sieht Aufgaben und Probleme vor sich, die sie nur als geschlossene Partei und Fraktion in Angriff nehmen kann. Wir müssen die Aufgaben initiativ meistern wollen, dann können alte Differenzen zurucktreten. Politik blickt vorwärts. Aber niemand darf uns täuschen wollen. Wir sind entschiedene Republikaner mit sozialen Ideen. Das Werk von Weimar ist keine Episode. Wir nehmen die Erklärungen Dr. Brauns und Dr. Stegerwalds, daß der republikanische Charakter unseres Staatswesens fest verankert und in keiner Weise und in keiner Form reaktionären Kräften überliefert werden soll, gern zur Kenntnis. Wirverstehen uns in der Außenpolitik, verstehen uns im Wesen und in dem Ziele unserer wahrhaft nationalen und selbständigen Politik. Wir verstehen uns auch in der großen Aufgabe, die uns besonders aufgegeben ist, die großen Scharen des arbeitenden Volkes in Stadt und Land dem demokratischen Staate mit Pflichten und Rechten in Freiheit als verantwortliche Staatsbürger einzuordnen und alles zu tun, um dem modernen Proletariat stützend und helfend zur Seite zu stehen und jeden Versuch abzulehnen, eine einseitige, besitzmäßig orientierte Politik zu verfolgen. Gerade jetzt zeigt es sich, daß die Aufgabe dieses demokratischen Zentrums darin besteht, revoluttonären Tendenzen hemmend entgegenzutreten. Unsere Arbeit seit Weimar bestand darin, Wege für alle zu ebnen, die im neuen Volksstaat gewillt sind, auf der gegebenen Grundlage dem Staate zu dienen. Die Sommerpause ist keine Ruhepause für Partei und Führung. Wir werden im Spätsommer bei Verhandlungen in Ost und West diese Ueberzeugung, für welche wir heute eine gemeinschaftliche Plattform gefun den haben, zum Ausdruck bringen.“ Unter gewaltigen Beifallskundgebungen erklärte hierauf Dr. Wirth des weiteren, daß er seine Mitar beit, die er hiermit der Partei zur Verfügung stelle, in dem festen Willen leisten wolle, an diesen Aufgaben einer wahrhaft nationalen deutschen Politik zum Wohle unseres Volkes und Vaterlandes mitzuarbeiten. Reichskanzler Dr. Marx nahm die Worte Dr. Wirths als Erklärung dafür an, daß er heute wieder in die Fraktion eintrete. Dr. Wirth stimmte zu. Diese Erklärung löste wiederholt stürmischen Beifall und Händeklatschen aus. An die Zentrumspartei im Lande! Der Aufruf des Reichsausschusses. Von unserer Berliner Redaktion. X Berlin, 4. Juli.(Tel.) Der Reichsausschuß der Deutschen Zentrumspartei wendet sich mit folgendem Aufruf an die Zentrumswählerschaft: Parteifreunde! Sofort nach Abschluß der parlamentarischen Arbeit wendet sich die Zentrumspartei des Reichsparteiausschusses an ihre Wähler und Freunde im Lande. Die Fürstenabfindung, die politische Frage des Tages, ist durch die Wirkungen der Wirtschaftsnot und unter den steigenden Sorgen, die auf breiten Massen unseres Volkes lasten, außerordentlich verschärft worden. Die Zentrumsfraktion des Reichstages hat diese Sachlage klar erkannt, sie hat radikale Forderungen abgelehnt, aber alle Kräfte eingesetzt für eine gesetzgeberische Lösung, die vor dem gesunden Rechtsgefühl und dem verarmten Volk verantwortet werden konnte. Die Zentrumspartei wollte Recht schaffen. Ihre Bemühungen sind an der Verständnislosigkeit und der politischen Verantwortungslosigkeit der Rechten und der Linken gescheitert. Dadurch ist ein Zustand geschaffen, der zu schweren Besorgnissen Anlaß gibt. Die Zentrumspartei ist nicht gewillt, diesen Zustand hinzuneymen. Die Enttäuschung über das unpolitische Verhalten der Flügelparteien soll und kann uns nicht entmutigen. Die Zentrumsfraktion des Reichstages wird vielmehr ihre Ziele weiter verfolgen. Unsere Parteifreunde im Lande werden mit dafür zu sorgen haben, daß die erneute Welle der Unruhe und der politischen Aufregung, die weite Kreise des deutschen Volkes festhält, nicht noch einmal im Nichts endet. Indem wir unsere eigenen Reihen wieder straffen, zusammenfassen und stärken, schaffen wir eine der Voraussetzungen für unser politisches Ziel: Eine gerechte Regelung der Abfindungsfrage. Trotz wertvoller Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung dauert die Arbeitslosigkeit und mit ihr die drückende Not von Millionen ungemindert fort. Es handelt sich hier um mehr und Schlimmeres, als eine Krise gewöhnlicher Art. Die Zentrumspartei ist sich klar darüber, daß mit geldlicher Unterstützung das Uebel der Arbeitslosigkeit nicht behoben werden kann. Nur in der Arbeitsbeschaffung kann das wirksamste Hilfsmittel liegen. Sie mit größeren Mitteln, in neuen Formen und auf viel breiterer Grundlage durchzuführen, ist die Zentrumspartei gewillt. Sie wird sich mit verstärkter Energie dieser Aufgaben widmen Die Stellung Deutschlands zu den andern Staaten wird es i Völkerbund vor schwere Aufgaben gestellt sehen. Die Zentrumspartei hat, unbeirrt durch Hemmungen und Störungen, dieser Außenpolitik Wege gewiesen, die heute anerkannt sind und denen niemand mehr ernsthaft zu widersprechen wagt. Diese selbständige, besonnene und wahrhaft nationale Außenpolitik muß im Völkerbund festgehalten werden. Nur ihre Fortführung sichert die Befreiung der besetzten Gebiete, für deren Bevöllerung zu sorgen sich die deutsche Zentrumspartei in besonderem Maße berufen fühlt. Eine solch weitausschauende und der Not unseres Volkes gerecht werdende Politik ist nur möglich, wenn die innerpolitische Atmosphäre in unserem Volk von allen zersetzenden und vernichtenden Tendenzen gereinigt wird. Damit sind alle Bestrebungen unvereinbar, welche die verfassungsmäßige Grundlage und den republikanischen Charakter unseres Volkes stets antasten und gefährden. Auf dieser Linie muß unser Volk endlich zur Ruhe kommen. In der Ueberzeugung von der Dringlichkeit und Größe dieser staats= und nationalpolitischen Notwendigkeiten und in dem Sinne, ihnen gerecht zu werden, sinden sich alle Kräste in Partei und Fraktion zusammen. Die Deutsche Zentrumspartei geht den kommenden Aufgaben und Kämpfen mit geschlossener Front entgegen." Nachlese. Die Akten über die Fürstenabfindungssache werden noch einige Zeit offen liegen müssen. Man kann sie noch nicht schließen. Unser gesamtes Parteileben ist mit diesem Falle zu sehr verstrickt. Hatte der Volksentscheid die Radikalisierung breitester deutscher Wählermassen gezeigt, so ließ der das Abfindungsgesetz ablehnende Beschluß der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion erkennen, wie weit diese in ihrer überwiegenden Mehrheit aus Angst vor dem Kommunismus oder auch aus persönlicher Neigung zu den Rechtsstaat erschütternden Methoden von der Linie abgerückt ist, auf der ein Zusammenarbeiten mit der bürgerlichen Mitte zum Wohle der Gesamtheit des Volkes möglich wäre. Denn das Ergebnis des 1. und 2. Juli ist ja nicht nur die Vertagung der Fürstenfrage auf eine spätere Zeit, sondern auch ein unzweifelhaft bewußt geführter Fußtritt gegen die vom Zentrum und den Demokraen erstrebte Große Koalition. Welchen Ernst das Zentrum dieser Koalitionsfrage beigemessen hat, haben die Verhandlungen seiner Führer mit den Vertretern der Deutschen Volkspartei vor der Uebernahme der Kanzlerschaft durch Dr. Marx gezeigt, die Verhandlungen, aus denen das bekannte DreiPunkte=Abkommen hervorgegangen ist. Weder dieses, noch die intensiven Bemühungen der Regierungsparteien um eine Verständigung mit der Sozialdemokratie, die nach dem Ergebnis des Volksentscheids garnicht mehr darüber im Zweifel sein konnte, daß ihre Kraft für die entschädigungslose Enteignung der Fürstenvermögen auf legate Weise nicht im entferntesten ausreicht, haben die sozialdemokratische Fraktion zu politischer Einsicht veranlaßt. Die Brücke war ihnen gebaut, sie haben sie nicht betreten. Kein Wunder, daß diese Tatsache einem Mann wie Dr. Wirth. der seit Jahr und Tag seine Stimme für das Zusammengehen der bürgerlichen Mitte mit der Sozialdemokratie erhebt, zu Aeußerungen lebhaften Bedauerns Anlaß gibt. Denn was die Sozialdemokratie durch ihre„Nichts= oder Alles=Politik“ praktisch erreicht hat, ist doch abgesehen von der Hinausschiebung einer angemessenen Regelung der Fürstenfrage nichts anderes als eine verstärkte Zersplitterung der republikanischen Kräfte. Dr. Wirth, dessen Wiedereintritt in die Zentrumsfraktion des Reichstags nicht nur als das Ende eines von jedem Zentrumswähler beklagten parteipolitischen Schwebezustandes begrüßt zu werden verdient, sondern auch eine unbe„weifelbare Billigung der Zentrumspolitik, wie sie ohne ihn geführt worden ist, zum Ausdruck bringt, hat sich gegenüber einem Vertreter der „Rhein=Mainischen Volkszeitung“ über die„verpaßte Gelegenheit“ in einem Mahnwort an die deutschen Republikaner geäußert. Zur Kennzeichnung seiner Auffassung genügt es, aus seinen Bemerkungen die folgenden Sätze hervorzuheben: „Es bedurfte ja nur einer losen Fühlungnahme der Republikaner Deutschlands aus den Reihen der Linken mit der Mitte, um den Zeitpunkt genau zu bestimmen, wo die republikanischen Kräfte Deutschlands sich zu politischem großen Schlage sammeln und ausholen konnten, wenn sie nur wollten. Der Weg zu einer großzügigen republikanischen Bewegung war frei. Und was geschehen konnte, um die Wege im Zentrum für eine solche Bewegung frei zu machen, ist geschehen. Die Auseinandersetzungen im Zentrum wie in der Demokratie, wie auch in anderen Parteilagern und der Austritt einzelner Mitglieder aus Parteilagern wie Fraktionen ließen deutlich erkennen, daß die Zeit reif war für eine große politische Auseinandersetzung. Diese Auseinandersetzung mußte aber unter Formen und mit Zielen geschehen, die die Republikaner einigen konnten, und die es der Reaktion nicht möglich machten, unter dem Schein und Vorwand des Schutzes bürgerlicher Tradition die eigentliche, notwendige politische Auseinandersetzung im deutschen Volke zu verdunkeln. Ich habe persönlich im letzten Jahre Ziele und Wege einer solchen politischen Bewegung deutlich genug auseinandergesetzt und habe Bitterers auf mich genommen, um Monate, bevor der Termin zur Auseinandersetzung hätte kommen können, auf die Wichtigkeit der brennenden politischen Probleme in Deutschland und auf deren Tragweite hinzuweisen. Die deutschen Republikaner haben eine große Gelegenheit verpaßt und mußten sie verpassen, weil sie immer noch nicht lernen wollen, daß das Wesen des Politischen nicht im Demonstrieren liegt, nicht lediglich im Sammeln von Anhängern und im Stimmenzählen, sondern darin, daß die gegebenen Kräfte, so wie sie im Parlament vertreten sind, zur klaren politischen Auswirkung kommen müssen Die Sozialisten haben der Reaktion durch die Fühlungnahme mit den Kommunisten einen ungeheuren Liebesdienst erwiesen.“ Hinzugefügt sei noch, daß Dr. Wirth sich in seinen weiteren Ausführungen gegen die„Sirenenrufe nach dem Bürgerblock“ wendet, daß er erklärt, man gehe wahrlich nicht zu weit, wenn man sage, das kaiserliche Deutschland habe sich nur selbst vernichten können, und auch die deutsche Republik werde nur durch die Republikaner vernichtet werden können, und daß er schließlich zu einem neuen Vorstoß—„sobald wie möglich, nachdem das Sinnlose als solches erkannt ist"— auffordert, „um die republikanischen Kräfte Deutschlands zu wecken, ihnen das Wesen des Politischen klar zu machen und sie später zu neuer politischer Tat zu bringen und zu einigen." Im übrigen sei auf die an anderer Stelle wiedergegebene Rede verwiesen, die Dr. Wirth in der Sitzung des Reichsausschusses der deutschen Zentrumspartei gehalten hat. Auch Adam Stegerwald nimmt zu den kritischen Vorgängen der letzten Tage Stellung. Es ist Die Tagung des Reichsausschusses der Zentrumspartei. Volle Einmütigkeit. Von unserer Berliner Redaktion. — Berlin, 4. Juli.(Drahtb. In politisch äußerst kritischer Zeit hat die Zentrumspartei wieder einmal den Beweis ihrer Aktivität und Lebenssähigkeit erbracht. Der Reichsausschuß der Zentrumspartei, der am Sonntag im Festsaal des Preußischen Landtages eine aus allen Teilen des Reiches sehr gut besuchte Sitzung abhielt, zeigte ein erhebendes Bild einmütiger Geschlossenheit. Diese Einmütigkeit fand ihren sichtbarsten Eindruck in dem Wiedereintritt Dr. Wirths in die Zentrumsfraktion des Reichstages. Die Sitzung des Reichsausschusses stand unter der Leitung des Reichskanzlers Dr. Marx. Unter den Anwesenden sah man weitere zahlreiche prominente Persönlichkeiten der Partei, so u. a. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns, Vizepräsident Dr. Porsch, Ministerpräsident a. D. Dr. Stegerwald, Minister a. D. Dr. Bell, Minister a. D. Giesberts, Minister Hirtsiefer, Minister Steiger, Reichsratsmitglied Dr. Lensing, die Abgeordneten Herold, Dr. Schreiber, Dr. Kaas, Dr. Wirth usw. Mit Rücksicht darauf, daß in der Hauptsache die Vertreter aus dem Lande zu Worte kommen sollten, wurde auf die Erstattung der ursprünglich vorgesehenen drei Referate verzichtet. Nur Ministerpräsident a. D. Stegerwald zeichnete ein klar umrissenes Bild der schwebenden politischen Probleme und der Lage der Zentrumspartei. Das Zentrum, so führte er u. a. aus, wird weiter dafür eintreten, daß die Auseinandersetzung mit den Fürstenhäusern auf reichsgesetzlichem Wege geregelt wird. Bei den Zöllen gelte es, einen gerechten Ausgleich zwischen den bisherigen niedrigen und den autonomen Sätzen zu finden. Die produktionsfördernde Erwerbslosenfürsorge müsse man mehr als bisher in den Vordergrund stellen. Hierfür kämen namentlich drei Gebiete in Betracht: Landwirtschaft, Eisenindustrie und Baugewerbe. Das Zentrum sei bereit, mit allen Parteien Politik zu treiben, die die Staatsnotwendigkeiten anerkennen und in diesem Sinne auch handeln. Es sei nicht zu leugnen, daß der Volksentscheid etwas Durcheinander in die Partei gebracht habe, und man hätte nun die Aufgabe, wieder Ordnung zu schaffen. In der politischen Aussprache sprach u. a. auch Reichskanzler a. D. Dr. Wirth. Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erinnerte besonders an den starken Anteil des Zentrums bei den sozialen Erfolgen der letzten Zeit. Die Diskussion bewegte sich auf beachtlich hohem Niveau. Ihren Niederschlag fand die eingehende Aussprache in einem einstimmig angenommenen Aufruf an die Zentrumswählerschaft. Zum Schluß sprach Abgeordneter Herold als ältestes Parteimitglied der Versammlung seine aufrichtige Genugtuung über den Verlauf der Tagung aus und bat die Versammlung, auf den allverehrten Parteichef Marr ein Hoch auszubringen, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Reichskanzler Dr. Marx sprach seinen Dank aus und hob hervor, daß stets und immerdar gerade das Zentrum für das Wohl des Vaterlandes eingetreten ist und daß das Zentrum in erster Linie berufen ist, die Tagung mit einem Hoch auf unser geliebtes deutsches Vaterland zu schließen. Unser liebes Vaterland lebe hoch! Die Versammlung stimmte in diesen Ruf mit Begeisterung ein. Damit fand die ergreifende Tagung ihren Abschluß. bekannt, daß er manches Politische anders sieht, als Wirth. Aber daß gleichwohl kein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden hervorragenden Zentrumspolitikern besteht, hat Dr. Wirth selbst am gestrigen Sonntag im Reichsausschuß der Zentrumspartei zum Ausdruck gebracht. Stegerwald also schreibt im„Deutschen“: „Der Entschluß der Sozialdemokratie, ihre Mitwirkung bei der gesetzlichen Auseinandersetzung mit den ehemaligen Fürstenhäusern zu versagen, ist von entscheidender Bedeutung. Es ging hier nicht nur um das Fürstengesetz, um ein Mehr oder Weniger nach der einen oder anderen Seite, es ging um die Entscheidung: Agitation oder sachliche Politik. Die Sozialdemokratie hat sich für Agitation, für Ablehnung einer sachlichen Mitarbeit entschieden. Sie hat den Willen zu bitterharter Realpolitik nicht aufbringen können. Und das, trotzdem ihr der Weg dazu von den Mittelparteien geebnet wurde bis zur letzten Möglichkeit; trotzdem um ihre Mitarbeit und Mitverantwortung geradezu geworben wurde; und das mit einem solchen Maß von Entgegenkommen, daß die Opposition auf der Rechten den Vorwurf erhob, die Mittelparteien hätten nicht einmal den Versuch gemacht, mit ihr sich ernsthaft zu verständigen. Die Sozialdemokratie kann unmöglich im unklaren darüber sein, daß in dieser wirtschaftlichen und sozialen Krisen= und Notzeit ein Leben und Regieren so wie bisher von der Hand in den Mund nicht länger möglich ist. Wir brauchen eine stabile Regierung, eine sichere Regierung. Wir müssen zu einer Wirtschafts=, Steuer= und Zollpolitik auf weitere Sicht kommen. Wir brauchen eine klare feste Linie der Entwicklung, damit jeder mit dem Gefühl der Sicherheit an seine Arbeit gehen kann. Aus der verhängnisvollen innerpolitischen Unruhe und Hetzatmosphäre muß das deutsche Volk endlich heraus. Das heißt auf gut Deutsch: mit der hemmungslosen Agitation, die sich um realpolitische Notwendigkeiten nicht kümmert, muß Schluß gemacht werden. Sichtbar waren die Kräfte in der Partei am Werke, aus der bisherigen Agitations= und Ooppositionspolitik heraus zu kommen und überholte marxistische und Klassenkampfgrundsätze zu überwinden. Diese haben sich nicht durchzusetzen vermocht. Die Entscheidung der Sozialdemokratie bedeutet für alle, die sich einsetzten für ihre Heranziehung zu verantwortlicher Mitarbeit, für ihre stärkere Entwicklung zu einer praktischen und stetigen Staatsbejahung, schwerste Enttäuschung. Und jeder, der verhindern will, daß ein klaffender Riß durch das Volk bleibt und sich noch erweitert, wird das gleiche Gefühl teilen müssen. Die politischen Konsequenzen aber, die nun einmal aus der Entscheidung der Sozialdemokratie gezogen werden müssen, wird man am besten erst im Herbst, bei Wiederzusammentritt des Reichstages, ziehen. Aller Voraussicht nach wird dann, nach Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, die außenpolitische Linie und die Haltung der Parteien endgültig festgelegt sein. Und dann ist auch, nach der Klarstellung, die Zeit da, um auch die endgültige innerpolitische Linie und eine starke, stabile Mehrheitsregierung zu bilden.“ So Stegerwald. Er urteilt nicht härter über die Sozialdemokratie als Dr. Wirth. Der Unterschied ist vielleicht der, daß der eine sich fragt, welche Konsequenzen haben wir für die praktische Politik aus dem Verhalten der Sozialdemokraten zu ziehen, während der andere die Frage in den Vordergrund stellt, was zu tun ist, um die republikanische Front in Zukunft wiederherzustellen. Im„Derliner Tageblatt“ hält Theodor Wolff, einer der bekanntesten Vertreter des linken Flügels der Demokraten, den von ihm sonst stets mit Samthandschuhen angefaßten Sozialdemokraten den Spiegel vors Gesicht. Wenn man an die Sprünge zurückdenkt, die dieses demokratische Blatt als Sekundant des „Vorwärts“ in den letzten Monaten in der Fürstenfrage gemacht hat, muß es gewisses Vergnügen bereiten, über sozialdemokratische Dummheit folgende berechtigten Sätze aus der Feder seines politischen Tonangebers zu lesen: Wenn wir das schönste Exemplarpolitischer Dummheit krönen müßten, würden wir in einiger Verlegenheit sein. In diesem Augenblick, nach den letzten Erlebnissen, scheint die Sozialdemokratie in der vordersten Reihe der Konkurrenten zu stehen. Sie hat, niemand kann es bestreiten, einen gewichtigen Anspruch auf den Distelkranz. Die Deutschnationalen hätten vermutlich für die Ablehnung des Fürstenkompromisses gesorgt. Wenn die Sozialdemokraten das keineswegs erfreuliche, immerhin verbesserte Kompromiß nicht haben wollten— was zwang sie, den Deutschnationalen die Verantwortung abzunehmen, ihnen durch einen offisienen Beschluß zu Hilfe zu kommen? Ihre Ehrlichkeit, ihr Bekennermut, ihr Wahrheitsdrang? Nein, doch nur die Furcht vor den Kommunisten, die ganz gewiß geschrien järten, die Sozialdemokratie habe das Volk verraten und sei zu den Fürstendienern übergegangen. Ungefähr alles, was es in der Sozialdemokratischen Partei an Persönlichkeiten mit Einsicht und staatsmännischem Verstand gibt, hat sich dem ablehnenden Beschlusse widersetzt. Die Masse der kleinen Parteibeamten, der politischen Kegelbrüder hat triumphiert. Was wäre geschehen, wenn die Sozialdemokraten sich bereit erklärt hätten, für das Kompromiß zu stimmen? Um eine Majorität zu schafsen, hätten die Deutschnationalen einen Teil ihrer Truppe umschwenken lassen oder hinausschicken müssen, und das hätte sie, nach all dem Geschimpse über die Kompromißschande, vor ihren Wählern heillos kompromittiert. Wahrscheinlich hätten die Deutschnationalen es nicht gewagt, die Gefühle ihrer Fürsten und ihrer Gefolgschaft zu kränken, und das Gesetz, das den am meisten beteiligten Sozialdemokraten, den preußischen Ministern und Abgeordneten, annehmbar erschien, wäre gefallen. Dann konnte man, und mit Erfolg, die Auflösung des Reichstags und Neuwahlen verlangen. Daß die Sozialdemokraten, ganz wie andere Leute auch, Auflösung und Neuwahlen wünschen, glauben wir gern. Aber da man wirklich nicht gleichzeitig gegen rechts und gegen links die Wähler aufrufen kann, haben sie denjenigen, die vor solcher Entscheidung zurückschreckten, das beste Argument geliefert, und sie haben mit eigener Hand alle Chancen zerstört. Beachtung verdient noch, daß in diesem Artikel die „kluge Zentrumsführung“ anerkannt wird. Wie nun hier den Sozialdemokraten gezeigt wird, was sie für Schafsköpfe— man verzeihe den Ausdruck— sind, so äußert sich die rechtsvolksparteiliche„Kölnische Zeitung" über die Deutschnationalen mit gleicher Deutlichkeit:„Die Deutschnatioilalen müssen endlich einmal lernen, daß man nicht in einer einzelnen Frage mit dem Kopf durch die Wand rennen kann, sondern daß der ganze große Aufgabenkreis der Wiederaufrichtung der Nation in einzelnen Fragen den Verzicht auf Parteiprestige und Parteiforderungen bedingt, daß man nicht tneiner republikanischen Regierungsitzen und gleichzeitig monarchistische Kundgebungen pflegen darf, und daß auch vom Standpunkt des Monarchisten aus die Interessen der Nation über denjenigen der Fürsten stehen.“ Man möchte wünschen, daß die Deutschnationalen über diese Worte nachdächten. Sie drängen seit langem mit Vehemenz sich an den Regierungstisch, vergessen aber darei ganz, daß man ihnen dort Platz zu nehmen nur gestetten kann, wenn sie gewillt sind, die Konsequenzen zu ziehen, die die politische Neuorientierung Deutschlands erfordert. Schlange=Schöningen und Schiele scheinen dazu bereit zu sein, aber die andern hüllen sich bislang in Schweigen oder wettern wie Graf Westarp ohne Unterlaß gegen den neuen Staat und seine Politik. Solange aber Leute seines Schlages die Wortführer der Deutschnationalen sind, wird alles Liebeswerben des Kölner Blattes um diese Partei vergebliches Bemühen sein. Msr. nechtbare Anwelterfolgen. Landtag. setzte die dritte Etatsberatung m Forstetat Juli. mit der 1! Berlin, 3. Das Haus zum Forstetat fort. Aba. von Treskow(Dn.) betont, daß alle Parteien sich darüber klar seien, daß die im Forstetat eingesetzten 70 Millionen garnicht gebraucht würden. Trotzdem seien die deutschnationalen Anträge auf entsprechende Abstriche befremdlicherweise abgelehnt worden. Die Regierung müsse verhindern, daß das deutsche Holz in Notverkäufen abgesetzt werden muß. Dazu gehört, daß die infaltionistische Holzeinfuhr aus Polen unterbunden werde und insbesondere die Reichsbahn ihren Holzbedarf hauptsächlich im Inlande deckt. Zum Schluß befaßte sich der Redner mit speziellen Wünschen der ostpreußischen Land= und Forstwirtschaft. Abg. Graf zu Stolberg(D. Vpt.) befürwortete die Einsetzung eines Ausschusses zur Prüfung der Forstbeamten= und Organisationsfragen. Er wendet sich gegen die Tarifpolitik der Eisenbahn besonders in Bezug auf Östpreußen. Abg. Schetter(Z.) verweist auf die vom Minister ausgesprochene Bereitwilligkeit, Abordnungen der Förster zu empfangen, um ihre Wünsche entgegen zu nehmen. Es sei ein Skandal, daß die Reichsbahn das polnische Grubenholz zu Ausnahmetarifen nach dem Ruhrgebiet verfrachtet, sodaß es dort noch billiger ankomme, als das deutsche abgegeben werden könne. Auf dem Gebiete der Forstwirtschaft müsse der Staat anregend voranschreiten. Abg. Müller=Frankfurt(K.) wendet sich dagegen, daß vielfach die Forstarbeiter, die von ihrem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht und sich am Volksentscheid beteiligt haben, von den staatlichen Förstern gemaßregelt worden seien.(Große Erregung bei den Kommunisten und Zurufe: Herr Minister! Wie bestrafen Sie diese Beamten?) Aba. Barteld(Dem.) erklärte zu der Forderung der Deutschnationalen, die Grenze gegen die Holzeinfuhr aus Polen zu sperren, dafür sei nicht der preußische Landwirtschaftsminister zuständig, sondern dies sei Sache des Reiches. Landwirtschaftsminister Dr. Steiger betont das Bestreben der Verwaltung, das staatliche Vermögen, das in den Forsten liegt zu erhalten, auch in der Richtung, daß die Interessen der Waldarbeiter gewahrt würden. Was die Verhandlungen mit Polen angeht, so hat die deutsche Delegation die Forderung der Polen abgelehnt. Den durch Hochwasser Geschädigten gegenüber übt die Forstverwaltung das größte Entgegenkommen. Der Oberlandforstmeister äußert sich zu den Leiden des Forleulenfraßes. Damit ist der Forsthaushalt erledigt. Es folgt die Beratung des Gestütsetats. Abg. v. Plehmer(D. Ntl.) legt die Gründe für den greßen Notstand der deutschen Pferdezucht dar, sie läge insbesondere in der unglückseligen Handelspolitik der Reichsregierung. Abg. Jakoby=Raffauf(Z.) setzt sich für zweckmäßige Methoden in der Pferdezucht ein und fordert, daß man zu der alten Sparsamkeit zurückkehre. Damit ist auch dieser Haushalt erledigt. Es folgt die Beratung des Landwirtschaftshaushalts. Abg. Roeingh(Z.) erklärt, die Wiederherstellung der Rentabilität müsse an erster Stelle stehen. Die neue Enquetekommission müsse dahin wirken, daß die große Spanne zwischen Erzeugungs= und Verbrauchspreis für landwirtschaftliche Produkte, besonders für Milch, verschwindet. Die Zölle für Getreide seien erfreulich, aber nicht ausreichend. Zur Vermeidung von Ueberschwemmungen müßten die Deiche besser ausgebaut werden. Zu begrüßen sei, daß für die innere Kolonisation auch das Reich neue Mittel zur Verfügung gestellt hat. Der Landwirt müsse gesichert sein gegen allzustarke Eingriffe in das Eigentum durch die Gemeinden. Die ganze Handelsvertragspolitik müsse die Landwirtschaft besser berücksichtigen. Die ganze Handelsvertraasvolitik seitdem Kriege habe zum Nachteil der Landwirtschaft die Industrie allzustark begünstigt. Abg. Schulte=Stapen(D. Ntl.) meint, daß die großen Ueberschwemmungen auch Nichtlandwirten zeige, welche Risiken die Landwirtschaft zu tragen habe. Abg. Petri(Z.) dankte für die gute Regelung der Kreditaktion. Der Landwirtschaftsminister müßte Einsturzkotostroohe in einem Berliner Ausflugsort. 12 Tote und etwa 50 Verletzte. + Berlin, 4. Juli. Heute nachmittag um 4,30 Uhr entlud sich in der Gegend von WolterscorfErkner ein äußerst heftiges Gewitter mit Schloßenschlag. Die vielen Ausflügler, meist Berliner, eilten fluchtartig aus den Wäldern in die einzelnen Restaurants und besonders in das Restaurant Kranichsberg. In kurzer Zeit war es von Ausflüglern überfüllt. Viele suchten Schutz in der überdachten Kegelbahn. Die an den Berg sich anlehnende Mauer der Kegelbahn wurde von den vom Berg herabstürzenden und vom Himmel hereinbrechenden Wassermassen nach innen eingedrückt und begrub einen Teil der Schutzsuchenden, unter denen sich viele Frauen und Kinder befanden. Gleichzeitig erschütterte ein ungeheurer Donnerschlag den Erdboden. Furchtbare Schreie ertönten aus der eingestürzten Kegelbahn. Trotz des tobenden Unwetters setzten sofort die Rettungsarbeiten ein. Der vom Unglück sofort benachrichtigte Amtsvorsteher von Erkner alarmierte die freiwilligen Feuerwehren von Woltersdorf und Erkner sowie die einzelnen Sanitätskolonnen zur ersten Hilfe. Im späteren Verlauf der Bergungsarbeiten erbat der Gemeindevorsteher Hilfe von der Berliner Schutzpolizei. Der Rote Frontkämpserbund, der in dieser Gegend seine Jahresfeier veranstaltet hatte, leistete aufopferungsvolle Hilfe. Nur langsam konnten die unter dem Mauerwerk Verschütteten geborgen werden. 12 Personen wurden als Leichen herausgezogen, ungefähr 50 Personen haben teils schwere, teils leichtere Verletzungen erlitten. Die Verletzten empfingen die erste Hilfe durch die Aerzteschaft von Woltersdorf und Erkner sowie durch die zahlreichen Sanitäter. Der Abtransport der Verletzten gestaltete sich äußerst schwierig. Der Weg nach dem Gemeindekrankenhaus in Kalkberge war derart von den Wassermassen unterspült worden, daß es nicht möglich war, die Verletzten in dieses Krankenhaus zu schaffen. Sie mußten daher teils auf Dampfern, teils auf anderen Fahrzeugen in die Krankenhäuser von Berlin und Köpenick transportiert werden. Unwetterschäden im Riesengebirge. + Breslau, 4. Juli. Ueber die Unwetterkatastrophe im Riesengebirge meldet die„Schlesische Zeitung" noch folgende Einzelheiten: In Hermsdorf sind fünf Menschen ertrunken, zwei Brücken wurden zerstort. Die elektrische Talbahn und die Krummhübeler Lokalbahn können nicht verkehren. Weite Strecken nun auch für eine bessere Durchführung der Zwischenkredite sorgen. Es fehlten mindestens noch 100 Millionen. Im Herbst ds. Is. würde die deutsche Landwirtschaft nur im geringen Maße die Zurückzahlung von Krediten vornehmen können. Die Sonderkredite der Rentenbankanstalt für die besonders notleidenden kleinen Landwirte müßten gesteigert werden. Hand in Hand mit der Kredithilfe muß die steuerliche Belastung für die Landwirtschaft mehr gefördert werden. Das Zentrum habe das Vertrauen zum Minister, daß er die Interessen auch der kleinen Landwirte wahren werde. Auf Fragen durch den Abg. von Treskow(Dtnl.), welche Maßnahmen zur Behebung der wirtschaftlichen Not in Ostpreußen der Landwirtschaftsminister bisher ergriffen habe, führt Minister Steiger u. a. aus: Vor Inangriffnahme einer Hilfsaktion in Östpreußen ist noch ein Bericht der Landwirtschaftskammer erforderlich, der bisher noch nicht vorliegt. Insgesamt soll die Landwirtschaft in diesem Jahr wie bisher 1 Milliarde an Krediten zurückzahlen. Abg. Jaroby=Raffauf(Z.) wendet sich gegen die große Spanne zwischen Produzenten= und Konsumentenpreis. Es gehe nicht an, die Landwirtschaft einseitig zu bekämpfen. Man muß vielmehr zu erreichen suchen, daß im Kriegsfalle die deutsche Landwirtschaft im Stande ist, das deutsche Volk selbständig zu ernähren.(Sehr richtig im Zentrum und rechts). Damit schließt die Besprechung zum Landwirtschaftsetat. Ohne Aussprache wurden die Etats der Lotterieverwaltung und der Seehandlung erledigt. Dann kamen noch die Etats der Bergverwaltung und der Handels- und Gewerbeverwaltung. Bei diesen entwickelte sich noch eine kurze Aussprache. Zum Schluß der Sitzung wurden noch die Etats der Porzellanmanufaktur, des Gesetzessammlungsamtes, des Deutschen Reichs= und Preußischen Staatsanzeigers, des Landtages und des außerdem Fortsetzung der Etatsberatung. Staatsrates erledigt. Nächste Sitzung: Montag 12 Uhr. Auf der Tagesordnung stehen kleinere Vorlagen, darunter Aenderung des Stempelsteuergesetzes, Einbringung staatlichen Bergwerksbesitzes in die Preußag und Mittellandkanal, Die neuen Reichsratsbestimmungen über die Vergnügungssteuer. 1. Nach§ 15 des Kommunal=Abgabengesetzes vom 14.7. 1893 war es den Gemeinden gestattet, Lustbarkeiten einchließlich musikalischer und deklamatorischer Vorträge, owie Schaustellungen umherziehender Künstler zu beteuern. Gemeinden, die von diesem Recht Gebrauch machen wollten, mußten eine Steuerordnung, die der Genehmigung der Aufsichtsbehörden bedurfte, erlassen. Nachdem durch den unglücklichen Ausgang des Weltkrieges die Anforderungen an Reich, Staaten und Gemeinden außerordentlich wuchsen, mußte auf eine Ausnutzung sämtlicher Steuerquellen bedacht genommen werden. Die Verteilung der Steuerquellen wurde durch die Gesetzgebung des Reiches neu geregelt. Die Besteuerung der Vergnügungen über ließ man wie bislang der Gemeinden. Eine Aenderung trat insosern jedoch ein, als das Gesetz vom 30.3. 1920 den Gemeinden die Erhebung einer Vergnügungssteuer zur Pflicht machte. Der Reichsrat wurde durch das Gesetz ermächtigt, Bestimmungen über die Vergnügungssteuer zu erlassen, in denen Art und Umfang der Steuerpflicht, die Mindeststeuersätze und die sonstigen steuerlichen Befugnisse der Gemeinden geregelt werden. Im Rahmen dieser Bestimmungen durften die Länder Abweichungen festsetzen und zulassen. Die Bestimmungen des Reichsrates und der Landesregierungen sollen in den Gemeinden als Steuerordunng gelten, soweit die Gemeinden nicht mit Genehmigung der Landesregierung besondere Steuerordnungen im Rahmen der Bestimmungen des Reichsrats erlassen. Die ersten Bestimmungen über die Vergnügungssteuer erließ der Reichsrat unterm 9. 6. rechts und lints von der Lomnitz gleichen einem Trümmerfeld. Vor dem großen Titzeschen Hotel in Hermsdorf bemerkte das Personal plötzlich ein starkes Rauschen. Als man nach der Ursache sehen wollte und die Haustür öffnete, ergoß sich eine ungeheure Flut in das Hotel. Das Wasser stieg so schnell, daß es in wenigen Minuten auch durch die Fenster des Erdgeschosses, die 1 Meter über der Erde liegen, eindrang. Der kleine Gebirgsbach stieg binnen drei Stunden von etwa 40 em auf etwa 4 Meter. An den nicht weggerissenen Brücken stauten sich Holzstämme, Bäume und fortgeschwemmtes Hausgerät zu solchen Masser, daß die Wassermengen sich neue Bahnen suchten und über die Straßen, Wege und Gärten dahinbrausten. Der Schaden ist unuverseyvar. In den meisten Lebensmittelgeschäften sind die Regale zusammengestürzt. Die Ware ist völlig verschlammt und versandet. Viel Kleinvieh ist ertrunken. Baumstämme von 50 em Durchmesser wurden auf die Wege und in die Gärten geworfen. Ein sehr hoch gelegenes Haus stürzte durch Unterspülung der Böschung zur Hälfte ein. in Frankreich. 18 Tote und 66 Verletzte. + Paris, 4. Juli. Der Schnellzug Le Havre — Paris entgleiste gestern bei Acheres, 25 Klm. von Paris entfernt. Nach den letzten Feststellungen wurden etwa 20 Personen getötet und etwa 50 verletzt. Bisher konnten nur 2 Tote geborgen und identisiziert werden. Von den Verwundeten sind 2 auf dem Wege ins Krankenhaus gestorben. Unter den Verletzten befindet sich auch ein Deutscher namens L. Kohler aus Köln. Das Unglück wird darauf zurückgeführt, daß sich bei den gestern herrschenden Gewitterstürmen an der betreffenden Stelle die Geleise gesenkt haben. Außerdem soll die Weichenstellung von dem betreffenden Beamten zwar richtig vorgenommen worden sein, jedoch an der Gabelung nicht funktioniert haben. o Paris, 4. Juli. Vom Ministerium für öffentliche Arbeiten wurde mitgeteilt, daß bei dem Eisenbahnunglück bei Acheres 18 Personen ums Leben gekommen sind. Unter den Verletzten befinden sich 5 Schwerverletzte. Weitere 20 liegen in den Krankenhäusern der Umgebung, 41 sind nach Paris zurückgebracht worden. Die Hälfte von diesen konnte nach Anlegung von Notverbänden nach Hause zurückkehren. Die Hochwassergefahr in Mexiko. () Mexiko, 4. Juli. Im ganzen Land bleibt infolge der sich beinahe ohne Unterbrechung aneinanderreihenden Wolkenbrüche die Hochwassergesahr nach wie vor ernst. Nach Meldungen aus Durango ist die Ernte im ganzen mittleren Mexiko so gut wie völlig zerstört. Durch die von der mexikanischen Hochebene kommenden Wassermassen sind verschiedene Vorstädte der Stadt Mexiko bedroht. Die Keller sind zum Teil schon überflutet. 1921. Durch die Verordnungen vom 7. 7. 1923 und 10. 4. 1924 wurden diese teilweise abgeändert. Eine weitere und neueste Abänderung ist durch Verordnung vom 10. 6. 1926 erfolgt. Der Text der jetzt geltenden Bestimmungen über die Vergnügungssteuer ist vom Reichsminister der Finanzen unterm 12. 6. 1926(R. G. Bl. S. 262) veröffentlicht worden. Die neuen Bestimmungen über die Vergnügungssteuer ändern den Kreis der bisher steuerpflichtigen Veranstaltungen nicht, sie lassen Vergnügungen im weitgehendsten Sinne der Steuerpflicht unterliegen. Die Annahme einer Vergnügung wird nicht dadurch ausgeschlossen, daß die Veranstaltung gleichzeitig auch noch erbauenden, belehrenden oder anderen nicht als Vergnügungen anzusehenden Zwecken dient, oder daß der Unternehmer nicht die Absicht hat, eine Vergnügung zu veranstalten. So werden neben Konzerten auch sonstige musikalische und gesangliche Aufführungen, Vorträge, Vorlesungen, Deklamationen, Rezitationen, Rundfunkempfangsanlagen für steuerpflichtig erklärt. Die Aufzählung der steuerpflichtigen Veranstaltungen in den Reichsratsbestimmungen soll nicht erschöpfend sein, den Gemeinden steht es frei, die steuerpflichtigen Veranstaltungen im einzelnen noch näher zu bezeichnen. Von der Steuer befreit sind nur Veranstaltungen 1. die dem Unterrichte dienen, 2. deren Ertrag ausschließlich und unmittelbar zu vorher anzugebenden mildtätigen Zwecken verwendet werden, sosern keine Tanzbelustigungen damit verbunden sind, 3. die der Jugendpflege dienen, sofern sie hauptsächlich für Jugendliche und deren Angehörige dargeboten werden und keine Tanzbelustigungen damit verbunden sind, 4. die der Leibesübung dienen, 5. von einzelnen Personen in privaten Wohnräumen, wenn weder ein Entgelt dafür zu entrichten ist, noch Speisen oder Getränke gegen Bezahlung verabfolgt werden. Vereinsräume gelten nicht als private Wohnräume, 6. die nach den Anordnungen der militärischen Behörden dienstlichen Zwecken der Wehrmacht zu dienen bestimmt sind, 7. die von den Ländern im öffentlichen Interesse unternommen, unterhalten oder wesentlich unterstützt werden, sowie Veranstaltungen, die ohne die Absicht auf Gewinnerzielung ausschließlich zum Zwecke der Kunstpflege oder der Volksbildung unternommen werden und von den Landesregierungen als gemeinnützig ausdrücklich anerkannt sind. Die Gemeinden dürfen den Kreis der steuerfreien Veranstaltungen anders abgrenzen. Sie müssen dabei die unter 1 und 3—7 bezeichneten Veranstaltungen steuerfrei lassen. Sie dürfen jedoch die Steuerfreiheit der zu 2—4 bezeichneten Veranstaltungen davon abhängig machen, daß die Höhe des Rein=Ertrages und seine Verwendung der Steuerstelle auf Grund geordneter Buchführung oder ordnungsmäßiger Belege nachgewiesen werden. Unter Jugendpflege sind alle Bestrebungen zu verstehen, die der körperlichen, geistigen, sittlichen, religiösen oder künstlerischen Hebung Minderjähriger dienen; zu diesen gehören in erster Linie Veranstaltungen von Jugendlichen oder von Vereinen der Jugendpflege und Jugendbewegung selber,(Konzerte, Aufführungen, Feste, gesellige Abende und dergl.) in zweiter Linie solche, die von andern Stellen für Jugendliche dargeboten werden. Ob Veranstaltungen nur als wertlose Geselligkeiten ohne höheren Zweck oder als solche der Jugendpflege anzusehen sind, bestimmt sich nach dem Charakter der veranstaltenden Stelle und nach dem Inhalt der Darbietungen, insbesondere wird man die Tatsache, daß mit der Veranstaltung ein Ausschank alkoholischer Getränke nicht verbunden ist, als ein Merkmal ihres jugendpflegerischen Charakters ansehen können. Alle Veranstaltungen, auch diejenigen, für welche man Steuerfreiheit beansprucht, sind bei der Steuerstelle anzumelden. a9 zmin amms nanzl Deutsches Reich. ein Reichsehrenmal am Rhein. Berlin, 4. Juli. Der Ausschuß des Reichtages für die besetzten Gebiete hat am 2. solgende Entschließung gesaßt: Der Ausschuß de Reichstages für die besetzten Gebiete bringt den Vo schlägen, das Reichsehrenmal für die Gefallenen de Weltkrieges am Rhein zu errichten, besondere Interesse entgegen. Er bittet die Reichsregierun mit allen Kräften dahin zu wirken, daß das Reichsehrey mal seinen Standort am Rhein erhalte. Ein Reich ehrenmal am Rhein wäre für die unter der Besetzun leidende Bevölkerung Stärkung und Anerkennung, fü ganz Deutschland eine Mahnung im Streben nach de Befreiung des besetzten Gebietes. Eine Klage des Reiches gegen Preußen abgewiesen :: Berlin, 3. Juli. Der Staatsgerichtshof si das deutsche Reich verhandelte heute in der Rechtsstrei sache deutsches Reich gegen das Land Preußen. Das Reis klagt auf Uebereignung von zwei Ministe rialdienstgebäuden in der Leipziger= und Wi helmstraße in Berlin, die dem preußischen Vekehrsministerium gehören, in denen aber aus Abteilungen des Reichsverkehrsministerium untergebracht sind. Die bisherigen Uebereignungsver handlungen sind ergebnislos verlaufen. In den handlungen erklärte der Vertreter Preußens, Preußen weder mit einem Verkauf noch mit einer mietung der beiden Gebäude an das Reich einverstand sei. Nach längerer Verhandlung wies der Staatsgericht hof für das deutsche Reich die Klage des Reiches ab un stellte ihm anheim, auf dem Verhandlungswege die Strei frage mit Preußen gütlich zu klären. Verlängerung der Amtsdauer der Beisitzer der Gewerbegerichte und der Kaufmannsgerichte. X Berlin, 4. Juli. Der Ausschuß des Reichstages für soziale Angelegenheiten hat am 30. Juni 1926 beschlossen, die Beratung des Entwurfes eines Arbeitsgerichtsgesetzes vor den Reichstagsferien wegen dringender anderer Arbeiten nicht mehr fortzusetzen, sondern zu ser Beratung schon zwei Wochen vo Beginn der Tagungen der Vollversammlung des Reichtages nach den Ferien wieder zusammenzutreten. De Bericht über die Arbeit des Ausschusses soll alsdan der Vollversammlung bei ihrem Wiederzusammentri vorgelegt werden. Da somit mit dem Inkrafttreten de Arbeitsgerichtsgesetzes in der ersten Hälfte des Jahre 1927 gerechnet werden kann, hat der Reichstag am? Juli 1926 einen Gesetzentwurf angenommen, durch der die Amtsdauer der am 1. April 1926 im Amte gewesenen Beisitzer der Gewerbegerichte und der Kaufmanns gerichte, zur Vermeidung von Neuwahlen für kurze Zeit bis zum Inkrafttreten des Arbeitsgerichtsgefetze längstens aber bis zum 31. Dezember 1927 aus gedehnt wird. Caillaux stellt die Vertrauensfe X Paris, 4. Juli, Laut Journal wird Finanzmit ster Caillaux am Dienstag vormittag in der Kamn ene Tarstellung der tatsächlichen Lage der Finan Frankreichs geben und mitteilen, wie er sie zu saniem gedenkt Gleichzeitig wird er die Vertrauens frage stellen. Wenn die Kammer ihm ihr Vertraue ausspricht wud er seine Gesetzentwürfe einbringen. weid nicht rerlingen daß sie in allen Einzeheiten an genommen werden, aber vom Parlament die zu ihr Durchführung notwendigen Vollmachten sordern. Der„Matin" erkläri in einer Besprechung der Steuer vorschläge des Sachverständigenberichtes:? Sachverständigen schlagen vor, bei den indirekten Steu ern im allgemeinen die jetzt üblichen auf dem G wich der Waren begründeten Steuern durch auf dem Waren preis begründete Wertsteuern zu ersetzen, um so den landspreis allmählic, dem Weltmarktpreis anzugleiche Die Zölle sollen endgültig auf Goldbasis gestellt wer den Die Ersparnisse, die man nach den Vorschläg der Sachverständigen machen könnte, werden auf 700 h 800 Millionen Franken geschätzt. Nach Ansicht der verständigen würde Frankreich etwa 400 Millionen Dolle Auslandskredite notig haben. Nah und Fern. Geständnis Käthe Hagedorns. . Duisburg, 4. Juli. Käthe Hagedorn, die Möt derin der beiden Kinder, hat nach einer Unterredung m ihrer Mutter im Gefängnis ein umfassendes Geständnis abgelegt. Ein ungetreuer Geschäftsführer. ( Plauen(Vogtland), 3. Juli. Der frühere Geschäff führer der früheren Vogtländischen Flughafen G. m. Lesser, ist wegen Verfehlungen gegenüber der vor ihm vertretenen Gesellschaft in der Zeppelin=Eckener Spende verhaftet worden. Lesser war vor etwa 2 naten fristlos seiner Stellung als Geschäftsführer en hoben worden. Die Porzellanausstellung in Selb. () Selb, 3. Juli. Die oberfränkische Stadt Sel beging dieser Tage ihr 500 jähriges Stadtjub läum. Die aus diesem Anlaß veranstaltete Po zellanausstellung bezeugt erneut die große Le stungsfähigkeit der Selber Porzellan=Industrie. Zur 6 öffnung der Porzellanausstellung im Vestibül der Au stellungshalle hatten sich zahlreiche Vertreter der bay rischen, staatlichen und städtischen Behörden und Wirtschaft eingefunden. Der Vertreter der oberfrän schen Kreisregierung, von Strössenreuther, regte an, de die Porzellanausstellung den Grundstock eine künftigen großen deutschen Porzellan museums bilden möge, das in der Stadt Selb sein Klee, überreichte dem Bürgermeister der Stadt eine a Porzellan gefertigte Bürgermeisterkette. Schweres Motorbootunglück auf dem Bodensee. () Konstanz, 4. Juli. Heute nachmittag ereignete auf dem Untersee ein schweres Motorbootun glück, dem bisher 5 Personen zum Opferfi len. 4 Ehepaare aus Tuttlingen, die einen Sonnta ausflug nach der Insel Reichenau unternahmen, best ten bei dem Schiffsbaumeister Beck ein Motorboot Ueberfahrt nach dem Schweizerischen Ort Mannenbe Etwa 300 Meter von Mannenbach ging das Boß plötzlich aus bisher noch nicht bekannter Ursc unter. 4 Personen ertranken, ehe Rettung kam. Herr erlitt nach der Rettung einen Herzschlag, eine tere Person schwebt in Lebensgefahr. 2 gerettete Dans wurden nach dem Konstanzer Krankenhaus gebracht. Las Unglück ist auf das Treiben eines übelbleumdeten schen namens Franz Beck zurückzuführen, der sich für bestellten Schiffsbaumeister Beck ausgab und ohne Fal karten die Ueberfahrt mit einem alten Motorboot bewe stelligte. Das Boot war offenbar leck oder übe laden. Brandunglück in einem italienischen Dorf. (:) Rom, 4. Juli. Wie die Blätter melden, sind einem Dorfe bei Turin bei einer Feuersbrunst fü Personen, die in einem Zimmer schliefen, Rauch erstickt. Die Ueberschwemmungen in Jugoslawien. Belgrad, 3. Juli. In der vergangenen N haben die Ueberschwemmungen bedeutend zugenomm vor allem in der Gegend von Sombor, wo 30000 y tar unter Wasser stehen. Die Fluten sind in die Staatsdomäne Belje eingedrungen. Heute" mittag setzte wieder Regen ein. Erdstöße auch auf Java. X Batavia, 3. Juli. In ganz Mittel=Batavia den heute leichte Erdstöße wahrgenommen. ei 2. juß de n Vo en de dere gierun sehren Reiche esetzun ng, fü rach de wiesen hof si ytsstrei as Reis niste nd W n Ve er aus riumg ingsver en 8. ter rstande gericht ab un e Strei r der chte. chstages 1926 be. Arbeitsdringendern zu hen vor Reichen. Der alsdann mentrin eten des Jahres am 2 rch den wesenen fmanns rze Zei gefetze 7 aus uens ertraue igen. tena zu ihr n. Steuen es: 2 en Steu GS wich Warer den ugleichen ellt wer richläge 700 l er Sachn Dolle die Mör dung m es GeGeschäft G. m. der von bcener a 2 M. hrer entSel tiub Po roße Le Zur 6 der Au der bay und de berfrän an, de eine ellan lb seine Profes eine an densee. gnete sif ootu erfi Sonntay n, besti rboot innenbe SBo Ursc am. eine te Dan racht. Las ten Me ch fürd ne t bewe übe find nst en. ten. ien Ni tenomm 005 sind el heute v. avia D Papst Pus' XI. Am 4. Oktober kehrt zum siebenhundertsten Male der Todestag des hl. Franziskus von Assisi wieder. Aus diesem Anlaß trifft man überall ungewöhnliche Vorkehrungen, um das Andenken an den seraphischen Heiligen in besonders würdiger und eindrucksvoller Weise zu begehen. Die größten Feierlichkeiten sollen in Assisi während des sog. franziskanischen Jahres(1. August 1926— 4. Oktober 1927, stattfinden; sie werden durch ein internationales Komitee unter dem Protektorat des Königs von Spanien in die Wege geleitet. In Rom, in Assisi und an anderen Orten, die mit dem hl. Franziskus in inniger Beziehung stehen, erwartet man zahlreiche Pilgerscharen aus aller Welt. zu deren Empfang man sich sorgfältig und planmäßig vorbereitet. Aus Deutschland allein gehen unter Leitung von Franziskaner= oder Kapuzinerpatres 9 Pilgerzüge nach Italien ab, je einer aus Aschaffenburg, Augsburg, Breslau, Coblenz, Düsseldorf, Frankfurt, Nürnberg und zwei aus München. Der Bedeutung des hl. Franziskus sowie der drei von ihm gestifteten und auf dem ganzen Erdenrund verbreiteten Orden entsprechend, hat Paps Pius XI. am 30. April dieses Jahres eine eigene Enzyklika zu der Zentenarfeier erlassen, die an die Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe und andere Ortsordinarien der katholischen Kirche gerichtet ist.„Beim Herannahen eines so großen und glücklichen Ereignisses", heißt es darin,„ist es höchst angebracht, daß Wir durch Euch, Ehrwürdige Brüder... die Lehren und Lebensbeispiele des Patriarchen von Assisi in heilsame Erinnerung bringen und dadurch den Geist des hl. Franziskus, der in keiner Weise verschieden ist vom Sinn und Inhalt des Evangeliums, im christlichen Volke erneuern. Wir möchten nämlich in einen frommen Wettstreit mit Unsern letzten Vorgängern eintreten, die kein Jahrhundertgedächtnis der wichtigsten Tage und Ereignisse seines Lebens vorübergehen ließen, ohne es durch ihre apostolische Lehrautorität zu beleuchten und von den Gläubigen feiern zu lassen.“ Franziskus war ja„ein Mann, den Gott nicht so sehr seinem unruhigen Zeitalter, als vielmehr der christlichen Gesellschaft aller Zeiten schenkte, damit sie durch ihn reformiert werde. Aus diesem Grunde hat ihn auch Unser letzter Vorgänger der sog. katholischen Bewegung zum Patron gegeben. Daher geziemt es sich gewiß für Unsere Söhne, die auf diesem Arbeitsfelde Unsern Weisungen gemäß sich abmühen, in Gemeinschaft mit der zahlreichen Familie des hl. Franziskus seine Taten, seine Tugenden und seinen Geist wieder in Erinnerung zu bringen und zu verherrlichen, jedoch so, daß alle Christgläubigen jenes falsche Bild des seraphischen Mannes, das den Anhängern der modernen Irrtümer und den feinen und vornehmen Weltmenschen zusagt, zurückweisen, hingegen jene Form der Heilichkeit, die er selbst in sich ausgeprägt hat und die der Reinheit und Schlichtheit der Lehre des Evangeliums entsprach, nachahmen und sich aneignen. Dies soll nämlich der Zweck aller kirchlichen Feiern und öffentlichen Veranstaltungen, aller Vorträge und Predigten im Laufe des Jubeljahres sein, daß der seraphische Patriarch so, wie er durch die Gaben der Natur und der Gnade, die er in wunderbarer Weise zur höchsten Vollendung seiner eigenen Person und seiner Mitmenschen benutzte, wirklich gewesen ist, daß er genau so... in den Aeußerungen echter Frömmigkeit gefeiert werde. Iste es nun auch verwegen, wenn jemand die in die himmlische Heimat aufgenommenen Helden der Heiligkeit... mit einander vergleicht..„ so will es Uns doch scheinen, daß in keinem Heiligen das Bild Christi des Herrn und seine evangelische Lebensform ähnlicher und deutlicher erstrahlte, als in Franziskus. Daher hat man ihn, der sich selbst als den Herold des großen Königs bezeichnete, mit Recht einen zweiten Christus genannt, weil er sich der Gesellschaft seiner Zeit und den späteren Jahrhunderten gleichsam als wiederauflebenden Christus gezeigt hat und infolgedessen vor den Augen der Menschen noch heute lebt und für alle Zukunft leben wird. Wer möchte sich auch darüber wundern, da schon.. diejenigen Unserer Vorgänger, die in vertrautem Verkehr mit Franziskus gestanden haben, unbedenklich anerkannten, daß er zum Heile des Volkes und zum Schutze der Kirche von Gottes Vorsehung gesandt sei? Woher kommt es doch, daß, obwohl schon eine so lange Zeit seit dem Tode des seraphischen Mannes verstrichen ist, die Liebe der Katholiken zu ihm, selbst die Bewunderung der Nichtkatholiken in ganz neuer Glut entbrennt, wenn nicht daher, weil seine Gestalt heute in nicht geringerem Glanze als früher vor unserm Geiste strahlt, und weil seine Tugendkraft, die zur Genesung der Völker noch immer am meisten beitragen kann, zu diesem Zweck erfleht und ersehnt wird? Denn seine Reformtätigkeit erstreckte sich derart auf die gesamte Menschheit, daß nicht nur die Reinheit des Glaubens und der Sitten überall wieder hergestellt wurde, sondern auch die evangelischen Normen der Liebe und Gerechtigkeit das sog. gemeinschaftliche und gesellschaftliche Leben viel tiefer durchdrangen und ordneten." Um Franziskus und die Aufgabe, die er gelöst hat, ins rechte Licht zu setzen, zeichnet der Papst mit wenigen Strichen die Zustände der damaligen Zeit. Wenn auch der Glaube tiefer im Volke eingewurzelt war, so drangen doch allmählich Irrlehren in den Acker des Herrn ein, die weiter um sich griffen und die Grundlagen der Religion, des Eigentums, der Familie und des Staates erschütterten. Zwischen und in den italienischen Städten tobten unaufhörliche Kämpfe, die entsetzliches Unheil über die Bevölkerung brachten. Zwischen den Herren und Hörigen, den Großen und Kleinen, den Besitzern und Pächtern bestand ein Verhältnis, das kaum mehr zu ertragen war.„Armut und Arme waren verachtet; für die damals so zahlreichen Aussätzigen hatte man durchaus kein Herz, man schied sie aus und kümmerte sich nicht um sie." Eine unersättliche Gier nach Reichtum, nach Vergnügen und Genüssen aller Art hatte die weitesten Kreise, selbst viele aus dem Klerus, erfaßt. Auch„das Mönchtum, das so schöne Früchte zur Reise gebracht hatte, war vom Weltstaub bedeckt", daher zum Widerstande gegen die Zeitübel weniger fähig.„Und wenn auch durch neue religiöse Männerorden der Kirchenzucht ein gewisser Schutz und einige Festigkeit erwuchs, so mußten doch Licht und Liebe sich in weit größerer Fülle ergießen zur Rettung der kranken menschlichen Gesellschaften.“ Um eine solche Gesellschaft... zu erleuchten und vor allem, um sie zum unversehrten Glanze der evangelischen Weisheit zuruazuführen, erschien nach göttlichem Ratschluß der Heilige von Assisi und erstrahlte gleich der Sonne, wie Dante singt, und glänzte nach Thomas von Celano wie ein funkelnder Stern im Dunkel der Nacht und wie ein Morgen, der sich ausbreitet über die Finsternis.“ Mit der größten Wärme zeichnet der Papst das Bild des hl. Franziskus und bespricht„die höchsten genden", die ihn würdig und geeignet machten,„zur Besserung und Rettung seiner Zeitgenossen sowie zum Schutze der ganzen Kirche von der göttlichen Vorsehung berufen" zu werden. Der reiche Kaufmannssohn genießt in vollen Zügen die Freuden der Jugend, bleibt jedoch dabei„immer ausgezeichnet durch keusche Sitten, reine Reden und Verachtung des Reichtums." Von der Gnade Gottes erfaßt und innerlich umgewandelt, entschließt er sich,„nach der Form des Evangeliums“ zu leben. Er wählt nach Christi Beispiel die Armut, „die von den Menschen verachtet und von der Welt als bitter und drückend empfunden wurde", zu seiner Herrin und Braut. Eine unvergleichliche Liebe zur hl. Armut erfüllt ihn;„keiner war so begierig nach Gold, wie jener nach der Armut, und keiner mehr besorgt, seinen Schatz zu bewahren, als er diese evangelische Perle"(Bonaventura). Auch seinen Jüngern schreibt er„die ganz eigenartige Uebung dieser Tugend“ in einem eigenen Regelgebote vor. Mit der Armut verband Franziskus die tiefste Demut.„Es war in der Tat seine Hauptsorge, sich demütig zu zeigen, als den geringsten und letzten von allen. Daher trug er gleich vom Anfang seiner Bekehrung an das sehnliche Verlangen, von den Menschen verspottet und verachtet zu werden. Obwohl er Stifter, Vater und Gesetzgeber der Minderbrüder war, wählte er sich doch einen von den Seinigen zum Leiter und Herrn, um von seinem Winke abzuhangen... Die hochherzige und glänzende Gastfreundschaft, die ihm oftmals von Kardinälen und vornehmen Bürgern angeboten wurde, lehnte er entschieden ab. Seine Mitmenschen achtete er sehr hoch und erwies ihnen jede Ehrenbezeugung; unter Sündern war er, wie einer aus ihnen, denn er betrachtete sich als den größten Sünder.“ Mit besonderem Nachdruck betont der Papst Franziskus' Kirchentreue, seine enge Verbindung mit der Hierarchie der Kirche, mit dem Apostolischen Stuhl und mit der Lehre Christi.„O. wie töricht handeln jene, wie wenig kennen sie den Heiligen von Assisi, die, um ihren Einbildungen und Irrtümern zu dienen, sich einen Franziskus zurechtlegen und ausdenken, der... gegen die kirchliche Disziplin sich auflehnte, selbst um die Lehren des Glaubens sich nicht kümmerte und sogar ein Vorläufer jener vielfachen Trugfreiheit war, mit der man seit Beginn der Neuzeit sich zu brüsten begann und aus der soviel Verwirrung in Kirche und Staat entstanden ist.“ Franziskus„hatte Ehrsurcht gegen die Priester und besaß die größte Hochachtung und Ergebenheit gegen jeden kirchlichen Stand. Dies war es, wozu der katholische und ganz apostolische Mann selber hauptsächlich mahnte in seinen Predigten, daß man den Glauben der Römischen Kirche unversehrt bewahre und wegen der Würde des göttlichen Sakramentes, das durch den Dienst der Priester zustande kommt, den Priesterstand in höchster Ehre halte. Was er aber dem Volke von der Kanzel aus verkündete, das schärfte er seinen Brüdern noch weit mehr ein. Er pflegte sie ein um das andere Mal zu ermahnen— und noch in seinem bekannten Testament, angesichts des Todes, ermahnte er sie wieder und wieder,— den Prälaten und Klerikern bei der Verrichtung des heiligen Dienstes demütig zu gehorchen und im Verkehr mit ihnen sich wie Kinder des Friedens zu benehmen." Namentlich erblickt der Papst darin einen Beweis für die Kirchentreue des hl. Franziskus, daß dieser die von ihm verfaßte Ordensregel unverzüglich von Innozenz III. bezw. Honorius III. bestätigen ließ und daß er in der Regel den Gehorsam gegen die Hl. Kirche und den Apostolischen Stuhl wiederholt zur Pflicht machte. Warme Worte findet der Hl. Vater weiterhin für„jene Schönheit und Sittenreinheit, die der seraphische Heilige vor allem liebte, jene Keuschheit an Leib und Seele, die er durch strengste Selbstkasteiung zu hüten und zu schützen suchte", ferner für seine Liebe zu Gott, als der Quelle und dem Ursprung aller genannten Tugenden.„Diese Liebe zu Gott strömte derart auf die Nächsten über, daß er notleidende Menschen, zumal die armseligsten unter ihnen, die Aussätzigen... mit besonderer Liebe umfaßte und sich mit den Seinen ihrem Dienste und ihrer Pflege ganz hingab.“ Mit solcher Tugendkraft ausgerüstet, beginnt Franziskus das Werk, zu dem ihn Gott berufen hatte:„Geh hin, Franziskus, stelle mein vom Einsturz bedrohtes Haus wieder her!"„Nachdem nun der seraphische Heilige zwei Orden gegründet hatte, den einen, um die Männer, den andern, um die Frauen zur Vollkommenheit des Evangeliums hinaufzuführen, machte er sich auf, die italienischen Städte zu durcheilen und sowohl persönlich als durch seine ersten Jünger kurze, aber überaus feurige Bußpredigten zu halten. Bei dieser Tätigkeit hatte er durch Wort und Beispiel unglaubliche Erfolge. Denn überall, wohin er auf seinen apostolischen Reisen kam, strömten Klerus und Volk.. ihm entgegen; alles umringte ihn, Leute jeden Alters, Geschlechtes und Standes...; keiner vermochte seinen Worten zu widerstehen, auch solche nicht, die in ihren Sünden und Lastern durch ständige Gewohnheit ergraut waren. So kam es, daß sehr viele, auch Erwachsene, scharenweise aus Liebe zum evangelischen Leben allem Irdischen entsagten, daß ferner die Bewohner Italiens sich eines Besseres besannen und Franziskus Leitung anvertrauten. Ja, die Zahl seiner ünger wuchs ins Ungemessene, und überall entbrannte eine solche Begeisterung, ihm zu folgen, daß allenthalben Männer und Frauen sich anschickten, sogar die Ehegemeinschaft und das Familienleben aufzugeben, sodaß der seraphische Patriarch selbst sich genötigt fah, sie von dem Vorhaben, die Welt zu verlassen, abzuhalten. Inzwischen hatten sich die neuen Bußprediger vorzüglich zu der Aufgabe entschlossen, zwischen den einzelnen Familien, Gemeinden und Bezirken, die durch endlose blutige Feindschaften erschüttert waren, den Frieden wieder herzustellen. Und der ungewöhnlichen Beredsamkeit dieser ungebildeten Männer ist es zuzuschreiben, wenn man in Assisi, in Arrezzo, in Bologna und in zahlreichen anderen Städten so entschieden für eine völlige Eintracht sorgte..." „Zur allgemeinen Versöhnung und Besserung trug der Dritte Orden sehr viel bei... Sein Zweck war, allen Weltleuten, Männern wie Frauen, die Möglichkeit zu bieten, nicht nur die Gebote Gottes zu halten, sondern auch die christliche Vollkommenheit zu erreichen“. Nachdem der Papst die Hauptpunkte der Tertiarregel erwähnt hat, fährt er fort:„Wir sind hier deshalb so ins einzelne gegangen, damit man sieht, wie Franziskus durch sein und seiner Jünger Apostolat und durch die Gründung des Dritten Ordens das Fundament gelegt hat für eine neue d. h. eine nach dem Geiste des Evangeliums völlig umgestaltete Gesellschaft". Aus den angeführten Bestimmungen der Regel des Dritten Ordens erkenne jeder, daß eine solche Neuordnung des privaten und öffentlichen Lebens entstehen mußte, die nicht nur die bürgerliche Gesellschaft gewissermaßen in eine brüderliche durch Uebungen der Vollkommenheit verbundene Gemeinschaft umwandelte, sondern auch das Recht der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen ohne Verletzung von Ordnung und Gerechtigkeit schütze. Bei den christlichen Nationen fand die neue Gründung.. und mit dem Bußeifer zugleich Sittenreinheit allenthalben Eingang und wachsende Verbreitung. Und nicht nur Päpste, Kardinäle und Bischöfe, nein auch Könige und Fürsten, von denen einige durch den Ruf der Heiligkeit glänzten, legten voller Begeisterung das Kleid des Dritten Ordens an und nahmen mit dem Franziskusgeist die Weisheit des Evangeliums in sich auf. Die herrlichsten Tugenden kamen wieder zur Entfaltung, zu Ehre und Ansehen im Volke; mit einem Worte:„Das Antlitz der Erde wurde erneuert.“ Der Papst erinnert auch an die Heidenmissionen, die „der katholische und ganz apostolische Mann" ausgeübt und seine große Familie bis zur Gegenwart fortgesetzt hat. Niemand möge sich daher wundern, daß in dem verflossenen Zeitraum von 700 Jahren das Andenken an die gewaltige Fülle der Segnungen, die von diesem Manne ausgegangen sind, niemals erlöschen und nirgends in Vergessenheit geraten konnte. Im Gegenteil, man sieht, wie eine Zeit der andern sein Leben und sein Werk, deren Lov, wie Dante schreibt, eher Engel— als Menschenzungen singen müßten, so zur Bewunderung und Verehrung vorgestellt und empfiehlt, daß nicht nur die Katholiken des ganzen Erdkreises ihn wegen des strahlenden Glanzes seiner Heiligkeit auf den Leuchter erhoben haben, sondern auch die Welt ihn durch eine Art Huldigung und Preis verherrlichte". Die bedeutendsten ünstler wetteiferten, Franzissi Bild und Taten darzustellen, namhafte Dichter, voran der unvergleichliche Dante, priesen den Heiligen in ihren Liedern. Die verschiedensten Kreisen finden an ihm Züge, die ihnen Bewunderung abnötigen. Doch möge keine falsche Verehrung und Begeisterung für Franziskus Platz greisen. „Denn aus der Gesamtheit seiner beroischen Tugenden, aus seiner Lebensstrenge und Bußpredigt, aus seiner vielfältigen und mühevollen Arbeit an der Reform der Gesellschaft ergibt sich der ganze Franziskus, den das christliche Volk nicht so sehr bewundern, als vielmehr nachahmen soll; und Franziskus hatte als Herold des großen Königs im Auge, die Menschen zur Heiligkeit des Evangeliums und zur Kreuzesliebe zu führen.“ „Vielleicht möchte man sagen, es müßte heute ein neuer Franziskus zur Reform der christlichen Gesellschaft auf Erden auftreten. Doch gesetzt, die Menschen nähmen sich mit neuem Eifer jenen Franziskus zu ihrem Lehrer der Tugend und Heiligkeit; gesetzt, sie suchten die Beispiele, die er... gegeben hat, nachzuahmen und an sich zu ernuern: sollte das nicht hinreichende Kraft und Wirksamkeit haben, die Verkommenheit unserer Zeit zu heilen und zu beseitigen?" Endlich richtet der Papst einen kräftigen Appell an die zahlreichen geistigen Söhne und Töchter des hl. Franziskus. Die größte Beachtung verdienen seine Worte „an die Tertiaren, ob sie sich nun zu klösterlichen Familien vereinigt haben oder in der Welt leben. Sie mögen durch ihr Apostolat das geistige Wachstum des christlichen Volkes eifrig zu fördern suchen.“ Hat dieses Apostolat sie im Anfange würdig gemacht, daß Gregor IX. sie Krieger Christi und andere Machabäer nannten, so konn es heute ebenso große Bedeutung für das Gemeinwohl erlangen, wenn sie nur entsprechend der Zahl, in der sie sich in der ganzen Welt verbreitet haben, den Geist ihres Vaters sich aneignen und durch Unschuld und Sittenreinheit voranlechten. Was unsere Vorgänger, Leo XIII. in der Enzyklika „Auspicato" u. Benedikt XV. in dem Schreiben„Saera propediem", allen Bischöfen der kath. Welt als ihren Herzenswunsch bezeichneten, dasselbe versprechen wir uns, Ehrwürdige Brüder, von Euer Aller Hirteneifer, daß Ihr nämlich den Dritten Orden des hl. Franzeskus in jeder Weise fördert, indem Ihr... Eure Herde darüber belehrt, welchen Zweck dieser Orden von Weltleuten beiderlei Geschlechts hat, wie hoch er zu schätzen ist, wie bequem man in die Genossenschaft eintreten und wie leicht man ihre heiligen Vorschriften beobachten kann, welcher Fülle von Ablässen und Privilegien die Tertiaren sich erfreuen, wie große Vorteile schließlich den einzelnen wie der Gemeinschaft aus dem Dritten Orden erwachsen. Alle, die sich zu diesem herrlichen Kriegsdienst bisher nicht gemeldet haben, mögen es auf Eure Empfehlung hin in diesem Jahre tun; die es bei ihrem Alter noch nicht können, mögen sich als Mitglieder der Gürtelbruderschaft und als Kandidaten des Dritten Ordens einschreiben lassen, damit sie sich schon als Kinder an diese heilige Lebensform gewöhnen". Die Enzyklika schließt mit den Worten:„Gern sehen wir die Vorbereitung dieser Jahrhundertfeier zu Ehren des hl Franziskus, der während seines Lebens das Haus gestützt und in seinen Tagen die Kirche gestärkt hat(Eccl. 50, 1). Wir sehen sie um so lieber, weil Wir von Jugend an Franziskus mit der zartesten Frömmigkeit als Unsern Patron verehrt haben und seinerzeit auch dadurch, daß Wir andächtig das Kleid des Dritten Ordens annahmen, der Schar seiner Söhne beigetreten sind. In diesem Jahre, dem siebenhundertsten nach dem Tode des seraphischen Vaters, mögen denn dem kath. Erdkreise... auf die Fürbitte des hl. Franziskus so zahlreiche Wohltaten beschieden sein, daß dieses Jahr in der Geschichte der Kirche ewig denkwürdig bleibt.“ Vermischte Nachrichten. Kartellverband der Katholischen Studentenvereine Deutschlands. Der K. V. zählte am 25. Mai in 85 Vereinen 1052 aktive Burschen, 849 Füchse und 1513 Inaktive, insgesamt also 3414 studierende Mitglieder. Die diesjährige 52. Vertreterversammlung des K V. findet in den Tagen vom 22. bis 28. Juli in Fuldastatt Neben den Beratungen sind vorgesehen ein Pontifikalamt, das der würdigste Diözesanbischof halten, und bei dem der A. H. des K. V., Bischof Schreiber von Meißen, Festprediger sein wird, im Anschluß daran ein feierlicher Aufzug durch die Stadt und am Abend ein Festkommers, zu dem bereits eine ganze Reihe führender Persönlichkeiten ihr Erscheinen in Aussicht gestellt haben. Anfall des Abgeordneten von Gersdorff. :: Berlin, 3. Juli. Bei der Rückkehr von einem Ausflug, den die Landtagsfraktion der Deutschnationalen Volkspartei unternommen hatte, kam der Landtagsabgeordnete v. Gersdorff auf dem Bahnhof in Potsdam beim Besteigen des Zuges zu Fall und stürzte gegen einen Pfeiler auf den Bahnsteig. Er zog sich heftig blutende Gesichtsverletzungen zu. Ueberfall durch Rote Frottkämpfer. :: Berlin, 3. Juli. In der vergangenen Nacht gegen 10 Uhr drangen etwa 30 Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes in ein Lokal in der Linienstr. ein und bedrohten die Wirtin sowie die anwesenden Gäste. Ein Polizeibeamter konnte die Eindringlinge nur von Tätlichkeiten abhalten, in dem er zu schießen drohte. Das alarmierte Ueberfallkommando nahm 3 der Täter fest. Künstliches Vitamin. () Leipzig, 3. Juli. Die Arbeit dreier Leipziger Forscher zur Erkennung und künstlichen Herstellung des Vitamin hat zum Erfolge geführt. Das Fehlen des Vitamin in der menschlichen Nahrung erzeugt die Rachitis. Mit dem auf künstlichem Wege hergestellten Vitamin können Lebensmittel verschiedener Art imprägniert werden. Großfeuer. := Brandenburg, 3. Juli. Gestern abend wurde das Hauptgebäude der Deutschen Kekswerke durch ein Großfeuer vollständig vernichtet. Unter der Mittelmeersonne. Roman von Anny v. Panhuys. (29. Fortsetzung.) Ministranten in schwarzen und feuerroten Röcken trugen hohe brennende Kerzen, und eine Priesterschar stand bereit, dem Zuge voranzugehen. Mit wankenden Knien schob sich Manuel Pujol weiter, als er eine Frauenstimme sagen hörte:„Sie war eine berühmte Tänzerin, Spanien war stolz auf sie." Er duckte sich. Ihm war es, als müßten die vielen, vielen Menschen, die hier neugierig oder gerührt beisammenstanden, sich plötzlich gegen ihn wenden, ihn totschlagen, in Stücke reißen, weil er die Schuld daran trug, daß so ein wunderschönes Geschöpf, so eine herrliche Künstlerin, sterben mußte. Ein Gauner und Schwindler, ein Hochstapler und Dieb war er gewesen, und doch wog das alles leicht gegen die Schuld, die er nun auf sich geladen. Er hatte Vicenta Correo getötet, er. In dem engen Sarge ruhte sie, die Schönste, die Herrlichste, ermordet von seinen Händen. In seinem Kopfe war ein Chaos, nur ein klarer Gedanke blieb und siegte über alle anderen Gedanken. Er mußte Vicenta Correo die letzte Ehre erweisen, mußte hinter ihrem Sarge gehen. drängte sich durch die Gaffer, erwartete an der nächsten Straßenecke den Zug. Langsam, wie eine Prozession, wallte es dort an ihm vorüber. in Ministrant schwenkte den silbernen Weihrauchkessel, dünner grauer Dampf stieg auf, legte sich seltsam beengend auf Manuels Brust. Dann kamen die Priester. Ministranten schritten voran, mit Kerzen und hohem Kreuz. Vierundzwanzig Priester in weiß und schwarzen Gewändern zogen vorbei, die letzten trugen prächtige Goldstickereien auf den seidenen Mänteln. Sie sprachen lateinische Gebete, und als der Sarg vorbeifuhr, rissen die Männer am Wege die Kopfbedeckung herunter, grüßten die Tote. Auch der aragonesische Bauer faßte mechanisch nach dem Kopfe, fühlte das schwarze Tuch, das, einem Turban ähnelnd, um seine Stirn laa und ließ die Hand fallen, schlug ein Kreuz Neben dem Sarge schritten gemessen und feierlich Diener in alter Tracht mit dreieckigen Hüten, Kniehosen und Schnallenschuhen und eine endlose Reihe von Ministranten schritt daneben. Die hohen Kerzen zuckten hin und her wie flammende Schmetterlinge, die auf weißen Stielen spielen. Hinter dem Sarg folgte ein schwarzer Wagen in Form eines Schiffes, beladen mit herrlichen Kränzen, und dann schloß sich das Trauergefolge an. Hunderte geleiteten den Sarg Carmen Pardillas. Doch der Mann, der sich in der Kleidung eines Bauern aus der Gegend von Aragon als der Letzte dem Zuge anreihte, wußte nichts davon, daß man Carmen Pardilla zur ewigen Ruhe trug, er glaubte Vicenta Correo sei gestorben. Er folgte dem Sarg zur Kirche, wohin ihn die Priester holten, um ihn dort noch einmal zu segnen, folgte schließlich allein, ganz allein, dem Sarge bis zum Cemeterio, am Abhang des Montjuich. Denn alle Leidtragenden, die bis zum Kirchhof wollten, bestiegen die Kutschen und Autos, die dem Zuge leer bis zur Kirche nachgefahren waren. Ganz allein stapfte der Bauer hinter dem Blumenwagen bis zum neuen Friedhof am Hange des Montjuich. Dort wollte Vicenta, die noch das Bett hüten mußte und nicht hinter dem Sarge schritt, über Carmen Pardillas Grab in kurzer Zeit eine Kapelle errichten lassen. Etwas abseits von der Trauergemeinde stand ein aragonesischer Bauer in scheuer, geduckter Haltung und folgte den Vorgängen mit erschreckten Augen. Er glaubte plötzlich Vicenta aus dem Sarge auf sich zukommen zu sehen, und deutlich, ganz deutlich hörte er ihre Stimme an seinem Ohr: Denke an deinen Schwurk Er wandte die angstvollen Augen ab, sein Blick flog weit hinaus über Marmorbilder und Grüfte, weit über die Landschaft. Da rechts zog die Straße nach Valencia. üppiges Wiesenland dehnte sich bis zu den Bergketten. und wenn er ein wenig den Kopf drehte, sah er das Meer, das blaue Mittelländische Meer, über das er hatte fahren wollen, um irgendwo im fremden Lande ein neues Leben zu beginnen. Aber die Liebe hatte ihn zurückgehalten, die Liebe hatte alle seine Pläne zerstört. Er stand am Ende. Vicenta war tot. „Dein im Leben und im Sterben!“ hörte er sie rufen. Laut und hell erschien ihm ihre Stimme. Wie ein Schrei, wie ein jubelnder Schrei brach es da aus seiner Brust, dann ertönte ein dumpfer Knall, der aragonesische Bauer, der den Leidtragenden schon längst aufgefallen war durch sein seltsames Benehmen, hatte sich eine Kugel mitten ins Herz geschossen. * Vicenta litt stark unter dem Gedanken, daß sie die Großmutter nun nie im Leben sehen würde, aber sie war doch wieder froh, ihr noch von Manuels Liebe erzählt zu haben. Das war wohl die letzte Freude der Großmutter gewesen. Und bald mußte er ja auch wieder aus Madrid zurück und bei ihr sein. Das schien ihr das Wichtigste jetzt. Eigentlich wunderte sie sich fast ein wenig, daß er nicht schon zurück war. Sicher hatte er von dem bösen Vorkommnis nichts in den Zeitungen gelesen, sonst wäre er bestimmt sofort zu ihr geeilt. Aber wenn Manuel wieder bei ihr sein würde, wollte sie ihm erklären, daß sie alle noch abgeschlossenen Verträge rückgängig machen und nicht mehr auftreten wolle. Man konnte dann bald heiraten und in Madrid wohnen. Das Leben im ganz großen Stil an Manuels Seite würde sie gar nicht besonders vermissen lassen, was sie für ihn aufgegeben hatte. Aus der gefeierten Künstlerin ward die gefeierte Weltdame, ward die Marquesa del Villamare, Während sie so vor sich hinträumte, hörte sie Charlos und Concha draußen auf dem Gang sprechen; sie waren vom Friedhof zurückgekehrt. Dann trat die Zofe ein. Sie sah sehr verweint aus und erzählte, es sei alles großartig und feierlich bei der Beerdigung gewesen. Der Hausarzt, der Carmen Pardilla das letzte Geleit gegeben, hatte Concha verboten, Vicenta gegenüber etwas von dem Selbstmörder zu erwähnen, um nicht ihre Genesung durch neue Aufregungen zu gefährden. Am nächsten Morgen verlangte Vicenta die Zeitungen, die sicher schon einen Bericht über das Begräbnis veröffentlichen würden. Concha hatte die Zeitungen bereits durchgesehen. Ein Blatt, das sich durch die Schnelligkeit auszeichnete, mit der es die Bilder aller besonderen Ereignisse veröffentlichte, brachte schon ein Bild des Trauerzuges und ein Bild der Beerdigung auf dem Cemeterio. Im Hintergrund sah man sogar den aragonesischen Bauer, der sich später erschossen hatte. Der Selbstmord war natürlich unterstrichen worden. Ein geschickter Reporter hatte sich das Ereignis nicht entgehen lassen, allerlei geheimnisvolle Fragen über die Person des Selbstmörders aufzuwerfen. So machte Concha Ausreden, um Vicenta die Zeitungen fernzuhalten. Vicenta stutzte. „Verbergen Sie mir etwas, Concha, ist meine Abuela nicht so gut und schön zur Ruhe gekommen, wie sie mir erzählt haben?" Concha schüttelte den Kopf. „Die Sennora wurde zu Grabe geleitet wie eine Fürstin", sagte sie wahrheitsgemäß. „Dann bringen Sie mir die Zeitungen", forderte Vicenta,„sonst stehe ich auf und hole sie mir selbst." Concha wußte nicht, was sie tun sollte. Sie fürchtete sich, dem Befehl des Hausarztes entgegen zuhandeln, ebenso wenig aber durfte es geschehen, daß die Erregte das Bett verließ. Was tun? Aus diesem Zwiespalt erlöste sie das Kommen des Arztes. Concha atmete auf. Dem Himmel sei Dank, sie war nun wenigstens einer schweren Verantwortung ledig. Sie verließ rasch das Zimmer. Vicenta rief ihr nach, sie möge nicht vergessen, ihr die gewünschten Zeitungen zu bringen. „Aber, Donna Vicenta, Zeitungen habe ich doch zunächst ein für allemal verboten", sagte der Arzt freundlich,„Sie sollen nichts lesen, gar nichts, außer stillen Büchern.“ Vicenta nickte mit hochgezogenen Brauen. „Ich weiß, Sennor doctore, ich weiß! Ich wünsche auch nur zu wissen, was die Zeitungen über das Begräbnis meiner abuela schreiben.“ Der alte Arzt nahm am Bett Platz. „Donna Vicenta, die Nachrufe sind glänzend! Sie können das alles später lesen, wenn Sie auf sind und Ihre Nerven ruhiger sein werden." Vicenta spielte mit den breiten Spitzen ihrer weiten Nachtgewandärmel. „Sennor doctore, Concha weigerte sich ganz erschreckt, als ich die Zeitungen wünschte, Sie machen es etwas geschickter, aber im Grund kommt es auf dasselbe heraus: Man wünscht, mir gerade die Blätter vorzuenthalten, in denen etwas über das Begräbnis steht." Sie sah den alten Herrn sehr scharf an. (Fortsetzung folgt )( Zum Fahrestage der Schlacht bei Königgrätz. Im Vertrage zu Olmütz 1850 war es der gewandten österreichischen Diplomatie gelungen, das nach Vorherrschaft in Deutschland strebende Preußen zu demütigen und über ein Jahrzehnt hinaus die Stellung des alten Kaiserstaates innerhalb des deutschen Bundes zu sichern. Als aber der unglückliche Krieg gegen Italien 1859 die Altersschwäche Österreichs offenbarte und in Preußen der mit hervorragendem politischen Scharfsinn begabte Ministerpräsident, Otto von Bismarck, ein Mann von kühler Beobachtung und weitblickender Berechnung, das Steuer der Staatsregierung ergriff, schien die Zeit gekommen, wo nicht allein die Scharte von Oelmütz ausgewetzt, sondern auch die deutsche Frage mit„Blut und Eisen“ gelöst werden sollte. Unter dem geflügelten Wort: Ceterum censeo Austriam esse impugnandam betrieb der Kanzler die Wehrhaftmachung Preußens, dessen historische Bedeutung um die Einigung Deutschlands er klar erkannte, letzten Endes ohne das Parlament. Zwar führte die schleswig=holsteinische Frage Oesterreich und Preußen 1864 zu gemeinsamer Aktion, beseitigte aber keineswegs den Gedanken der Rivalität zwischen den größten deutschen Bundesstaaten. Durch Vermittelung der Erzherzogin Sophie, Mutter Franz Josefs, und ihrer Schwester, der Königin Witwe Elisabeth von Preußen, kam es 1865 zu Gastein zu einer Art Damenfrieden, der die Interessengegensätze bezüglich Schleswig=Holsteins überbrückte und den„Riß“ zwischen Oesterreich und Preußen noch einmal verklebte, diesem aber erhebliche Vorteile sicherte. In dem darauffolgenden Waffengang von 1866 wurde die deutsche Frage zwischen den beiden Partnern ausgetragen, und in der Schlacht bei Königgrätz, czech Hradec Králowé, fielen die ehernen Würfel um die Hegemonie innerhalb Deutschlands. Die Schlacht bei Königgrätz war nicht nur die größte des Jahrhunderts, sondern auch in ihren Folgen von außerordentlicher Bedeutung. Nur wenige Krieger jener großen Zeitepoche können am heutigen Tage auf jenen 3. Juli zurückblicken; die meisten Schlachtteilnehmer schlummern unter kühlem Rasen dem Auferstehungstag entgegen. Nach dieser kurzen politischen Abschweifung zurück zum eigentlichen Kampftag des 3. Juli. Nachdem die österreichischen Heeresabteilungen bei Liebenau, Turnau, Podol, Hichnerwasser, Gittschin, Trautenau, Nachod und Spalitz verlustreiche Niederlagen erlitten hatten, zog der Feldzeugmeister Benedek die gesamten Streitkräfte in dem Raume zwischen Königgrätz und Sadowa zusammen, um schweren Herzens gegen seinen eigenen Willen dem Feinde die Entscheidungsschlacht anzubieten. Um die Armee vor der unvermeidlichen Katastrophe zu retten, empfahl er der Hofburg Frieden um jeden Preis— doch umsonst. So trat denn Benedek zum letzten Waffengange an. Er wagte mit 255000 Mann und 700 Geschützen die Schlacht. Die Stellung war gut ausgewählt und in der Eile mit allen Mitteln der Kriegskunst befestigt. Um die Treffsicherheit des Schießens zu erhöhen, waren alle Entfernungen genau abgemessen. Der Verlauf der Schlacht gestaltete sich dramatisch. Die waldigen Höhenzüge und das sumpfige Tal der durch anhaltende Regengüsse angeschwollenen Bistritz gewährten den Oesterreichern Schutz und erschwerten dem anrückenden Feinde den Angriff. In einer hakenförmig gekrümmten Linie von über 2 Meilen Länge waren die österreichischen Streitkräfte aufgestellt. Nach dem Grundsatze:„Getrennt marschieren, vereint schlagen" hatte Moltke die preußischen Armeen in Böhmen einrücken lassen und befolgte diesen Grundsatz auch in der Schlacht bei Königgrätz, obschon er sich der Gefahr dieser Heeresbewegung bewußt war. Dieses Getrenntmarschieren stellte an den Truppenführer die höchsten Anforderungen, trug in sich aber auch den Vorteil des raschen Vorwärtskommens. Am 2. Juli hatte Moltke einen Ruhetag geplant. Die erste Armee des Prinzen Friedrich Karl stand bei Horsitz, der feindlichen Ansammlung gegenüber; die Elbarmee unter Herwarth v. Bittenfeld südlich von Smidar, etwa 15 Kilometer von der Gefechtslinie entfernt. Die zweite Armee des Kronprinzen Friedrich Wilhelm befand sich am 2. Juli ungefähr 22—30 Kilometer vom Hauptquartier an der oberen Elbe bei Königinhof. Als Moltke die Konzentrierung der feindlichen Streitkräfte in dem vorhin beschriebenen Gelände feststellte, beschloß er den Angriff auf den 3. Juli und benachrichtigte sogleich die beiden Flügelarmeen, am andern Morgen vorzugehen. Der am weitesten entfernt stehende Kronprinz erhielt erst am Morgen des 3. Juli, es war um 4 Uhr, durch den Adjutanten des Königs, von Finkenstein, den Befehl zum Vorrücken. Die vom Regen aufgeweichten Wege erschwerten den Anmarsch der Truppen ungemein. Die Flügelarmeen dirigierte Moltke auf die feindlichen Flanken. Am 3. Juli, morgens um 8 Uhr, griff die 1. Armee den Feind in der Richtung auf Benatek=Dohalitz=Maslowea an. Das preußische Hauptquartier befand sich auf dem Rokosberg, nordöstlich von Sadowa. Die erste Armee eroberte Sadowa und den Holawald am Fuße der Höhe von Lipa, während die 7. Division unter Fransecky den Swiepwald, südlich Benatek nahm, aber wegen des heftigen feindlichen Artilleriefeuers keine weiteren Fortschritte machen konnte. Die 1. Armee stand stundenlang einer erdrückenden Uebermacht allein gegenüber. Um 10 Uhr erst ging die Elbarmee nach langem Vormarsch gegen die linke feindliche Flanke vor, nahm Nechanitz und stand am Fuße der Höhen von Problus, Ober= und Niederprim. Im Verbande dieser Armee kämpften die westfälischen Infanterieregimenter Nr. 16, 53, 57, 17, das Husarenregiment Nr. 11, das Ulanenregiment Nr. 5, die Artillerieregimenter Nr. 7 und 43. Die Regimenter Nr. 16 und 53 nahmen das Wäldchen(282) von Poporitz und gingen vor in der Richtung auf Problus. Die 28. Infanteriebrigade marschierte von Lubno aus in der Richtung auf Niederprim und beherrschte die Höhe 262. Die westfälischen Regimenter standen an wichtigen Brennpunkten der rechten preußischen Flanke. Die 13. Infanteriedivision war bei Beginn des Krieges bei Minden zusammengezogen und unter den Oberbefehl des Generals Vogel von Falkenstein gestellt. Sie rückte in Hannover ein und besetzte am 17. Juni die Hauptstadt, folgte den Hannoveranern über Göttingen nach bis Langensalza. Erfolgreich kämpfte diese 13. Division gegen die Bayern bei Dormbach und gegen das süddeutsche Bundesheer bei Tauberbischofsheim, Gerchsheim und Würzburg. Gegen 11 Uhr zeigte sich die Vorhut der 2. Armee auf der Lindenhöhe und griff den rechten österreichischen Flügel an. Der zähe Widerstand Franseckys verlockte die beiden zur Deckung der rechten feindlichen Flanke aufgestellten Korps(2 und 4) wider Benedeks Anordnung zum Vorstoß. In diese entstandene Lücke des Gegners warfen sich die Vortruppen der Kronprinzlichen Armee, die Garden unter Hiller von Gärtringen, und nahmen mit Ungestüm den Schlüssel der feindlichen Stellung Chlum, Lipa und Rosberitz. der heldenhafte Führer, Generalmajor von Hiller, fiel. Die 11. Division(schles. Regimenter) vollendete durch die Erobberung von Sendraschitz und Nedelist die Umgehung des rechten österreichischen Flügels. Gleichzeitig wurde der linke feindliche Flügel umfaßt und eingedrückt. Nun wurde die Niederlage allgemein, da auch das preußische Zentrum vorging. Ein exzentrisches Ausweichen wurde zur Unmöglichkeit. Um 6 Uhr befand Höoster allerlei Erinnerungen aus russischen Lagern. Von Fritz von Forell. Die Flucht. Unser Weg durch die Steppe war trotz der mitternächtlichen Dunkelheit nicht schwer zu finden, d. h. einen richtigen Weg gab es natürlich nicht; wir hielten uns soweit seitwärts von der Bahnlinie fort, daß wir nicht gesehen werden konnten. So marschierten wir munter auf unser nächstes Ziel los. Kaum waren wir jedoch einige Kilometer marschiert, als wir plötzlich in einem Sumpf festsaßen. Wir gingen nach rechts, wir gingen nach links— und kamen doch nicht wieder heraus. Voll Aerger und Verzweiflung setzte ich mich auf ein aus dem Morast herausragendes Grasbüschel, hob den schweren Sack vom Rücken, dessen Riemen mir schon schmerzlich in die Schultern schnitten, und begann von meinen Eiervorräten zu speisen, da ich mittlerweile Hunger verspürte. Ein satter Magen gibt neuen Lebensmut, und so versuchten wir von neuem, einen Durchweg zu finden. Gottlob, es gelang! Stunde um Stunde verging in mühseligem Marsch. Es graute bereits, als wir endlich die Station erreichten, die wir schon von weitem an den riesigen Birkenholzstapeln erkannten. Bald waren diese erreicht— es war etwa gegen 6 Uhr morgens— und gerade wollten wir zwischen den Holzbergen, die zum Heizen der Lokomotiven dienten, verschwinden, als wir zwischen denselben zwei Gestalten gewahrten, die um ein kleines Feuer hockten. Das war natürlich äußerst unangenehm, es stellte sich aber bald heraus, daß es auch— Kriegsgefangene aus Kansk waren, die denselben Zug wie wir benutzen wollten. Die beiden hatten sich gerade einen Tee gebraut und gaben uns etwas davon ab, was uns, die wir reichlich durchfroren und vom Sumpf her bis an die Knie durchnäßt waren, sehr lieb war. Leutnant Selle kroch dann vorsichtig bis an das Bahnwärterhäuschen heran, um eine etwaige Wache festzustellen; kam aber mit der Nachricht wieder, daß nur ein einziger Russe da sei. Gegen halb acht sollte der Zug hier durchkommen, und wirklich hörten wir schon bald nach sieben Uhr ein leises Summen; die klare Morgenlust trug den Schall des sich nähernden Zuges schon von weitem zu uns herüber. Endlich sahen wir ihn herandonnern, ein Ruck, und er hielt. Aber o weh! er war außerordentlich stark besetzt! So schnell unser schweres Gepäck es erlaubte, rannten wir an den Wagen entlang, um ein Plätzchen zu finden— vergebens. Ueberall schauten neugierige und ärgerliche Stumpfnasen heraus. Wie ich später sah, bestand der größte Teil der Reisenden aus Soldaten, die mit Sack und Pack nach Rußland auf Urlaub fuhren. Die kostbaren Sekunden vergingen in nutzlosem Hinund Herlaufen; der Bahnwärter wollte uns zurckhalten, fluchte, tobte und gab das Abfahrtszeichen. Nun war „Holland in Not“. Ich rief meinen beiden Gefährten zu, schnell in irgend einen Wagen zu klettern— die andern zwei waren schon weiter vorne verschwunden, wurden aber bald, wie ich später hörte, gefaßt und zurückgeschickt— und blieb selbst vor dem nächsten Viehwagen (es fuhren damals fast nur Viehwagen) stehen u. machte Anstalten, hinaufzuklettern, kam aber mit dem schweren Sack auf dem Rücken einfach nicht in den Wagen hinein. Die Bahnhofsglocke läutete zum dritten Mal, der Zug ruckte an— und ich stand immer noch unten. Da rief ich in meiner Verzweiflung einen Soldaten, die von oben auf mich herabglotzten, an:„dai ruku!“ gib deine Hand her— und tatsächlich, der Bursche tat's! Er zog mich hinauf,— ich war im Wagen. Ich ließ meinen Sack heruntergleiten und sah mich erst mal verschnaufend um. Anscheinend waren das alles Urlauber, die bis an die Wagendecke herumhockten und=lagen. Vor allen Dingen mußte ich mich erst vergewissern, ob nicht etwa ein revolutionärer Kriegsgefangener im Wagen saß; möglichst unauffällig studierte ich die Gesichter— nein, das schienen alles Russen zu sein. Gott sei Dank! Daß ich selbst bei meinem leidlichen Russisch auf die Dauer nicht unerkannt blieb, war mir klar; deshalb faßte ich den Entschluß, aufs Ganze zu gehen. Ich knüpfte mit meinem nächsten Nachbarn zuerst ein harmloses Gespräch an, und dann erzählte ich lauter, sodaß es möglichst viele hören konnten, daß ich Kriegsgefangener sei, seit fünf Jahren in Rußland sitze und nun endlich nach Hause möchte. Und daran schloß ich die Bitte, mir behilflich zu sein.„Aber natürlich! Wir helfen dir schon!“ erklang es da ringsum im Wagen; ich hatte mich in der Psyche dieser harmlosen Naturburschen nicht geirrt. Dann schaute ich mich im Wagen um. Rechts und links die großen Schiebetüren(die Viehwagen sehen in Rußland geradeso aus wie bei uns) befanden sich die üblichen zwei übereinanderliegenden Bretteretagen; unter der untersten, die sich etwa 60 cm über dem Boden befand, lag das Gepäck der Reisenden.„Das ist ja ein vorzügliches Versteck," schoß es mir durch den Kopf, und schleunigst machte ich mich daran, meinen Sack unter die unterste Bretterlage zu schieben und mir gleichzeitig einen Gang zwischen den Körben, Säcken und Kleiderbündeln hindurchzubauen. Dabei kam ich dem Eierkorb einer Bäuerin etwas zu nahe, worauf diese fürchterlich zu fluchen anfing, sodaß ich Mühe hatte, sie zu beruhigen. Dann kroch ich hinter meinem Sack her in die dunkle Höhle hinein. Donnerwetter ja, schön wars hier unten nicht! Rabenfinster, schmutzig, zum Ersticken heiß und so eng, daß ich mich gerade auf meinen Ellbogen aufstützen, aber unmöglich aufrichten konnte. Doch was halfs! Ich wollte doch nach Hause. Und so habe ich denn die größte Zeit der nächsten 14 Tage— bis Omsk, wo ich umsteigen mußte, hier unten im Fuchsbau gelegen, was auch insofern wenig angenehm war, als man das Stoßen der Räder hier besonders heftig spürte. Glücklicherweise kannte ich die Strecke einigermaßen— fuhr ich sie doch jetzt zum vierten Male— und wußte, wann ich mich sehen lassen durfte, und wann nicht. Sehr bald hatte ich heraus, daß auf allen größeren Stationen und auch auf vielen kleinen eine Paßrevision vorgenommen wurde, und zwar stets in den Wagen selbst während des Aufenthaltes oder kurz vor der Weiterfahrt. Danach richtete ich mich, denn ich hatte ja keinen Paß! Hielt der Zug auf größeren Stationen, dann sprang ich heraus, ehe er noch ganz hielt und mischte mich unter das Volk auf den Bahnsteigen(eine Bahnhofssperre gibt es in Sibirien meistens nicht); bis nach der Revision blieb ich draußen, dann sprang ich schnell wieder in meinen Wagen. Auf dem Banhof in Taiga hätte man mich beinahe erwischt. Zwei unverkennbare ehemalige Gefangene, ganz wie russische Soldaten gekleidet, kamen direkt auf mich zu; sie mochten mich wohl am nichtrussischen Gesicht erkannt haben. Ich lief aber schleunigst um den Zug herum und stieg von der anderen Seite ein, worauf sich der Zug glücklich in Bewegung setzte. Einmal haben mich meine braven Soldaten im Wagen vor der Verhaftung gerettet; in der Gegend von Nowo=Nikolajewsk(seligen Angedenkens; dort hatten uns zwei Jahre vorher die Tschechen festgehalten!) war ich nicht schnell genug aus dem Wagen gekommen und sah plötzlich einen Revisionsbeamten vor mir stehen. Langsam drückte ich mich in die hintere obere Wagenecke und legte mich dort der Länge nach hin, worauf meine Freunde so nahe zusammenrückten, daß jener mich nicht sehen konnte. Glücklich ging auch diese Gefahr vorüber. Was mir schwer auf der Seele lag, war, daß ich von meinen beiden Mitflüchtigen nicht die geringste Spur entdecken konnte. Sie waren und blieben unsichtbar. Erst viel später erfuhr ich von dem einen, Leutnant Selle in Lichterfelde, daß er und Wecker schon nach zwei Tagereisen in Krasnojarsk aus dem Zuge geholt und ins dortige Lager gesteckt worden waren. Dort waren sie dann wieder entflohen, einige hundert Kilometer an der Bahn entlang westwärts gepilgert und dann wieder eingestiegen. Mehrere Monate nach mir, im Herbst 1920, sind sie dann auch nach Hause gekommen. Vor der Flucht hatten wir ausgemacht, daß keiner auf den andern irgendwelche Rücksicht nehmen sollte, falls einem ein Unglück zustoßen sollte. Deshalb bin ich, wenn auch voll Sorge um das Schicksal meiner Kameraden, allein weitergefahren. sich die gesamte feindliche Streitmacht in wilder Auflösung, die durch die vorzügliche Artillerie und Kavallerie verschleiert wurde. Nur infolge Erschöpfung der Armee des Prinzen Friedrich Karl entging die feindliche Armee der drohenden Gefangennayme auf freiem Felde, sonst wäre ihr ein Cannac bereitet worden. Der Weg nach Wien stand dem siegreichen Heere offen, der Krieg war entschieden und die preußische Vormachtstellung zur Tatsache geworden. Der unerwartet schnelle Ausgang des Krieges setzte nicht allein ganz Deutschland, sondern auch das Ausland in Erstaunen. Man forschte nach den Gründen und wollte die Feststellung machen, daß die höhere Intelligenz, die bessere Schulbildung und die soldatische Durchbildung den Ausschlag gegeben hatten. Hatte Friedrich der Große 7 Jahre gebraucht, um mit Oesterreich fertig zu werden, so war es jetzt den Preußen gelungen, in einigen Wochen den Feind matt zu setzen. Die Worte O. Peschels: Der preußische Schulmeister hat bei Königgrätz gesiegt, schmeichelten der Lehrerschaft zwar ungemein, waren aber nur bedingt richtig. In Wirklichkeit trug eine Menge Faktoren zu dem glücklichen Gelingen der Schlacht bei. Die Feuerüberlegenheit des Zündnadelgewehrs gegenüber dem Perkussionsgewehr ermöglichte der preußischen Führung eine weitgehende Auflösung in Schützenlinien, ohne die Stoßkraft des Heeres zu beeinträchtigen. Die Oesterreicher hielten noch an der alten Stoßtaktik fest. Im Kriege 1859 gegen Italien hatten die Oesterreicher den Angriff in Schützenformation gewagt, konnten aber wegen der geringen Feuerwirkung ihres Hinterladers keinen durchschlagenden Erfolg verzeichnen und hielten nun weiterhin an der alten Sturmtaktik fest. Da diese Kampfmethode jede geistige Mitarbeit des Einzelnen und der Unterführung ausschaltete, die geistige Selbständigkeit niederhielt und nur stummen Gehorsam und Formendienst verlangte, konnte sie im Ernstfalle keinen Erfolg gewährleisten. Auch Benedek, der in letzter Stunde den Oberbefehl über die Nordarmee übernahm, besaß nicht das Format eines genialen Feldherrn; seine Generale versagten ihm im entscheidenden Augenblicke den Gehorsam, da sie seine Pläne nicht genau kannten.„Benedek ahnte das Schlimmste— doch wie wenn das Glück ihn narren wollte, vertauschte es durch Stunden die Rollen und würfelte die Lose durcheinander, um sie schließlich so zu werfen, wie es von vornherein beschieden war"(Friedjung). Der unglückliche Ausgang der Schlacht für Oesterreich hatte das Ausscheiden aus dem deutschen Staatenvunde zur Folge. Zwar hat es Bismarck durch seine Bündnispolitik verstanden, dem alten Gegner die Bruderhand zu reichen. Mit Freuden begrüßten hüben und drüben die Deutschen aller politischen Richtungen diese Verbrüderung, die jetzt und fortan ebenso naturgemäß zu sein schien, wie es einst die Gegnerschaft Preußens und Oesterreich gewesen war. Fast 40 Jahre hat das alte Oesterreich als treuer Bundesgenosse zum Reiche gestanden. Durch den Frieden von St. Germain ist das alte Oesterreich, die Südmark, zum Kleinstaat unter starker Bevormundung durch die Westmächte erniedrigt. Doch wird der Anschlußgedanke hier wie dort lebendig bleiben, bis der Bruderstamm wieder dem größeren Vaterlande angegliedert wird. Sommertage in Winterberg. Von Dr. Montanus. Wer auf der Strecke Bestwig—Frankenberg nach Winterberg fährt, merkt es hinter der vorletzten Station Silbach an dem schweren Atmen der Lokomotive, daß er sich dem höchsten Punkte Westfalens nähert. Von Bergen ist eigentlich wenig meyr zu sehen. Auf der einen Seite der breit und massig hinduckende Dumel, gleichsam der kahle Schädel eines Urweltriesen. Auf der entgegengesetzten Seite sein Zwillingsbruder, der Herrloh, ein ebenso plumper Geselle, mit braunem Kopfhut, der Glockenheide, durch die eine Rodelbahn zickzackt: ein Bild, wie man es aus den Alpen kennt. Auf dem Bahnhof merkt der Ankömmling, daß er auf der Höhe angelangt ist, was ihm noch deutlicher wird, wenn er später von einem beherrschenden Punkte jenseits des Ortes oder gar vom Asten Umschau hält. Zunächst nimmt das Städtchen vor ihm, fast zum Greifen nahe, jede orientierende Aussicht. Es stellt sich so grätschbeinig vor ihm in den Weg, daß er achtlos an den romantischen Schönheiten des Helletales vorbei geht. Dabei hat es eigentlich wenig von der geputzten Art sauerländischer Gebirgsorte an sich. Ein richtiges Bergnest. Was er sieht, ist ein Haufe eng ineinander geschobener schiefergepanzerter Häuser, aus denen ein wuchtiger, vierkantiger Turm wie ein Bergfried empor steigt. Der Eindruck des Burgartigen wird noch verstärkt durch die kräftige Rundung der Stadt, die durch die eigenartige Talung davor, die nur für ein schmales Glacis Raum läßt, gefordert wird. Fehlen nur die Mauern, deren Dienste hochschäftige Ulmen übernehmen. Schön ist die sogenannte Pforte, die als Schnittpunkt von vier Straßen sich zu einem weiten Platze weitet, mit einigen übereck gestellten Gasthöfen im heimatlichen Stil, die den Blick zum Verweilen einladet. Sie haben so garnichts„anreißerisches“ an sich, im Gegenteil, fein artig treten sie zurück und verdecken ihr Firmenschild hinter einem Spalier grüner Linden. Sie verkörpern noch ein Stück Ueberlieferung aus jener Zeit, als Winterberg, obwohl von jeher der Verkehrsmittelpunkt des oberen Sauerlandes, noch nicht von den Wellen des großen Verkehrs umbrandet wurde. Das fing erst an, als Winterberg vor etwa zwanzig Jahren der Wintersportplatz des nordwestlichen Deutschlands wurde. Trotzdem vermögen sie auch verwöhnteren Ansprüchen gerecht zu werden. Das Leben der Stadt, in deren Bewohnern sich sauerländische Art mit Frohsinn und geistiger Regsamkeit, mit einem Stich ins Kritische paart, geht noch in ruhigem Pendelschlage. Die Stadt selbst, in deren Entwickelung zum Kurort der Krieg mit rauher Hand eingriff, atmet noch fast überall Schollengeruch. Aber gerade diese Ursprünglichkeit gefällt dem Fremden. Gern läßt er die Scharen roter Gebirgskühe an sich vorbei ziehen und folgt ihnen gar in die Weidegründe am Fuße des Asten, wo er die breite Winterberger Hochebene mit ihren breit ausladenden Bergköpfen und muldenförmigen Tälern vor sich liegen hat. Ein prächtiges Skigelände im Winter. Obwohl eine leuchtende Farbe,— das wohltuende Grün der Wiesen und Ackerbreiten bildet den Grundton in diesem Gemälde— ist die Landschaft in dem Spiel der sich schneidenden und fliehenden Linien reizvoll. Umrahmt wird dieses Bild am Horizont allerseits von einem Wall bewaldeter Berge. Nachdem wir noch einen Blick auf die Stadt geworfen haben, die, durch die Baumreihe der prächtigen Straße gesehen, wie ein Bild im Rahmen erscheint, nimmt uns kurz hinter dem Hotel Waldbaus der Hochwald bis zum Turm auf dem Asten auf. Gibt es denn in diesem Gemälde voll herber Schwere nicht auch hellere, freundlichere Farben, inlimere Reize, zumal in der Nähe der Stadt?, wirst du allmählich fragen, lieber Leser. Allerdings, nur liegen sie nicht so offen zu Tage. Folge mir von der Wanderstraße auf den nächsten Seitenweg. Eine Blütenpracht, wie man sie auf dieser Höhe nicht erwarten sollte. Die Wiesen rot und violett punktiert von Knöterich und Storchschnabel, Sternbilder aus gelbem Hahnenfuß, an feuchten Wiesen unerschöpfliche Mengen leuchtender Trollblumen mit ihren goldenen Butterkügelchen auf stelzendem Stengel. Oder Berghänge voll Ginster in wabernder Lohe. Wenn es im Tale schon sommert und die Felder sich verfärben, herrscht hier oben noch ein später Frühling. Oder geh' mit mir hinter der Post fünf Minuten weit ins prächtige Nuhnetal und wähle einen der drei Fußsteige, die sich übereinander am Berghange durch frischen Buchen= und Tannenwald zwirnen und genieße von einer Bank aus die herrliche Natur. Mit jedem Schritt neue Ausblicke und herrlichere Farben. Und schließlich das Helletal in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Eine tiefe, schmale Rinne hat der Bergbach in den weichen Schiefer gegraben, mit steilen Ufern, die manchmal ans Bodetal gemahnen. Etwas weiter verliert sich der Bach in unwegsame Waldwildnis junger Tannen und hoher Buchen. Ein Neigen und Flüstern von Hang zu Hang. Wir wählen den sonnigen Weg in halber Höhe durch die Tannenwipfel und trinken die Schönheit. Und wenn wir des Abends heimkehren, weil es vielleicht am Asten unheimlich wölkt, hat uns die Sonne im Westen noch eine Ueberraschung aufgespart: Der Himmel in Purpur getaucht, von einer Pracht, wie sie nur das Gebirge kennt, seitlich in zarten Uebergängen, smaragdenes Blau und opalisierendes Grün. Trinke, trinke was die Wimper hält, Von dem goldnen Ueberfluß der Welt Vier lustige Märchen von Oberrechnungskammer. Die Ochsen. Eine alte militärische Regel besagt, wieviel Schlachttiere pro Tag auf ein Bataillon kommen. Nämlich: Ochsen, soviel wie das Bataillon Stabsoffiziere, Schweine, soviel wie es Hauptleute, und Hammel, soviel wie es Leutnants hat. Das konnte der dümmste Rekrut dann berechnen. In Südwest hatte während des Herero=Aufstandes ein Bataillon einmal an einem Tage zwei, statt einen Ochsen geschlachtet und verzehrt. Prompt erfolgte nach zwei Jahren das Monitum der Oberrechnungskammer: Das Bataillon solle berichten, warum und wieso und wen die Schuld träfe. Mit der richtigen Wut des alten Afrikaners auf den grünen Tisch zu Hause setzte der Kommandeur sich hin und antwortet: Windhuk, Datum Mein Bataillon hat deshalb zwei Ochsen verbraucht, weil hierzulande die Ochsen nicht so groß sind, wie die Ochsen bei der Oberrechnungskammer in Potsdam. Der Major machte nun keinen Punkt— er meinte es ja gar nicht so—, er schrieb vielmehr auf der nächsten Seite weiter: angenommen werden. Krause, Major. Die kluge Sau. Auf einer preußischen Domäne hatte eine Sau sieben Ferkel geworfen. Sie waren ordnungsmäßig in die Listen eingetragen worden. Dann hatte die Sau in einem Fieberanfall die Ferkel aufgefressen. Sie waren daher wieder in Abgang gestellt worden. Auf die Bemerkung der Oberrechnungskammer:„Es bleibt nachzuweisen, wo die unter A 722 eingetragenen Ferkel verblieben sind", soll, wie erzählt wird, die Domänenverwaltung geantwortet haben: „Die Sau verantwortlich vernommen, verweigert die Auskunft; es ist anzunehmen, daß sie die Ferkel gefressen hat, um sie der Kontrolle der Rechnungskammer zu entziehen.“ Der Spiegel. Ein Kriegsschiff verbrauchte etwas Eschenholz zur Reparatur des Spiegels seines Dampfbootes(die hintere Bordwand eines Bootes wird Spiegel genannt). Die Oberrechnungskammer fand den Verbrauch übermäßig groß und schrieb: „Der Verbrauch ist zu groß. In einem Dampfboote ist ein sa großer Spiegel überflüssig, für die Bootsbesatzung genügen die kleinen Handspiegel.“ Auf jenem Schiff lief darauf noch lange die Scherzfrage um:„Was ist flüssiger als Wasser?" Antwort: „Der Spiegel einer Dampfpinasse, der ist nämlich überflüssig." Der Peiser Bulle. In der Hafeneinfahrt von Pillau, auf der Höhe von Peise, liegt an einer den Schiffen gefährlichen Stelle eine Boje von so auffallender Größe, daß sie das Schiffsvolk treffend den„Peiser Bullen“ getauft hat. Dieser Name ist in Pillau gang und gäbe, und darum schrieb denn auch der biedere Pillauer Malermeister, dem von der Hafenverwaltung die Malerarbeiten übertragen waren, auf seine Rechnung:„... den Peiser Bullen zweimal mit Oelfarbe gestrichen 36 Mark.“ Das Geld wurde ihm auch anstandslos gezahlt, und die Angelegenheit wäre ohne die Oberrechnungskammer in Ordnung gewesen. Diese hohe Behörde jedoch, als sie die hohen Rechnungen und Belege mit gewohnter Gewissenhaftigkeit geprüft hatte, fragte bei der Hafenbauverwaltung in Pillau an: 1. Zu welchem Zwecke hält die Hafenverwaltung einen Bullen? 2. Warum mußte dieser mit Oelfarbe gestrichen werden? 3. Hätte nicht ein Anstrich genügt? (Dem Buche„Aemter und Beamte" von Heinrich Langmaack, Kiel, mit besonderer Genehmigung des Verfassers entnommen). Literatur. „Anser Heim in der Sonne“. Ein Buch der Liebe und Freude. Zusammengestellt von Maria Domanig, 12. Band der Mädchenbücherei. 3.50 M. Verlagsanstalt Tyrolia, München. Gleich beim Aufschlagen des Buches locken die hübschen Bilder zum Weiterblättern. Und welche Fülle des Schönen und Nutzbringenden ist hier vereint! Vom Kochen und Aufräumen wird geplaudert, von den Kleidern und von der Wäsche, von Tagesordnung und Feierstunden. Das Buch will den Mädchen das Heim wieder lieb und traut machen. All den geplagten Haustöchtern möchte es ihre Arbeit froh gestalten und jene mit dem rechten Heimgeist erfüllen, die an einer eigenen Familie bauen dürfen. Aber auch den Alleinstehenden hat es viel zu sagen: sie sollen sich ja alle ein Heim schaffen' die 300 Ul der ein fast En Her beo sch Vo E6 die unf geb wie die heu die Mi drir Ehe silb die 30. man stat wui der nal gete Ant die 200 aus den Obe will gest lau aus teili Brö Flu 3u Nr. vorl Ges statt Ant wur nah nach Ebe Wü mei gesi lehr Stu gen aus des viel Lin der best Bil dru reih schn For des drin die terse hier gesc lette Abl los ohn Lag stenz hat fahr schm verd and wir ersta das Nr. 181 Montat, 5. Juli 1926 II. Blatt Aus dem Kreise Ahaus. 4. Westfälisches Sängerbundesfest. Nichts hat das vierte westfälische Sängerbundesfest das vom 10. bis 12. Juli in Münster stattfindet, mit einem Gesangwettstreit zu tun, den man vielleicht in der Oeffentlichkeit weniger liebt und schätzt. Das Bundesfest ist eine Vereinigung aller westfälischen Sänger: es fand zuletzt vor 4 Jahren statt und will und soll nichts sein als die gewaltige Kundgebung zum deutschen Männergesang, als eine Sammlung westfälischer Männer aller Gaue, die im Männergesang ein edles Ideal und im deutschen Lied den Ausdruck gemeinsamer Gesinnung gefunden haben. Ein Wettstreit ist immer, und mag er quantitativ noch so groß sein, eine Vereinsangelegenheit, ein Streit um Sonderinteressen, niemals ober erreichen sie die äußere und innere Größe eines Provinzialbundesfestes. Der westfälische Sängerbund, der fast alle westfälischen Gesangvereine umfaßt, hat keinerlei Interesse am Wettstreit, er sammelt sich alle drei Jahre zum gemeinsamen Lied, das aus zehntausenden von Kehlen über die westfälischen Lande und zum Himmel steigt, begeistert und begeisternd, bindend mit dem ganzen Volke, Einigkeit im Gefolge, Freude und Feier, berechtigte und fröhliche Sängerfeier als Begleitung. Das Schauspiel eines Sängerbundesfestes wird Münster in den drei Tagen ein ganz neues Gesicht geben, und wenn man im Schützenhof am Sonntag nachmittag die Massen sich ballen sieht, zu mächtig fast für den kleinen Raum, dann wird mancher vielleicht zum ersten Male einen Begriff erhalten von der ungeheueren Wirkung des vom Volke getragenen Gesanges. Feierlich wird sich das Straßenbild gestalten. An die fünfzehntausend Sänger durchziehen mit ihren fast 300 Fahnen die Stadt, aus den Häusern selbst mit Flaggen und Guirlanden begrüßt. Die Beleuchtung der drei Türme von Ueberwasser, Lamberti und Ludgeri mit bengalischem Licht und Leuchtkugeln ist der allgemeinen Feier sichtbarer Ausdruck. Ihr Inhalt ist er nicht, der Inhalt liegt in der Gemeinschaft zwischen Sänger und Bürgerschaft, liegt in der hochgehenden Stimmung und in der aus dem Liede kommenden dealen Kraft. Allmählich hat sich der Männergesang zu einem kulturellen ethischen Faktor entwickelt, der von Millionen Sängern im ganzen deutschen Volke getragen wird. Unausgesetzt vermehrt sich die Zahl der Sänger und Sangesfreunde. Der Männergesang wird sich allmählich zum Liebling des Volkes machen, wird sich durchsetzen bis in die kälteste Seele. So zieht der westfälische Sängerbund in Münster ein, getragen von 40 000 Mitgliedern, vertreten durch fast 15000 Sänger, erfüllt von der Hoffnung auf guten Empfang, erwartet aber in Münster in westfälischer Herzlichkeit, sich von Bürgerschaft und Behörde freudig begrüßt. Laßt Flaggen wehn und laßt die Herzen schwingen, damit das Fest der Sänger ein Fest des Volkes werde ohne Unterschied. Reicht die Hände zum Schmuck der Häuser und zum Willkommen. Die Freude dieser Tage und ihr Fest wird auch Münsters Freude und Feier sein. So wird den Sängern ein Empfang geboten werden, wie er würdig ist für deutsche Art, wie er würdig ist vor allem für westfälische Gastlichkeit, die von mancher Feier bedeutsam zu sagen weiß. Ahaus, 5. Juli. Männer=Gesangverein„Cäcilia" Ahaus. Auf die heute abend 8 Uhr stattfindende Gesangprobe werden die Mitglieder hierdurch besonders hingewiesen. Kein Mitglied darf fehlen. Um pünktliches Erscheinen wird dringend gebeten. V Silber=Hochzeit. Am heutigen Tage feiern die Eheleute Schreinermeister Heinrich Belker das Fest ihrer silbernen Hochzeit. Unseren langjährigen Abonnenten die besten Glückwünsche! X Wüllen, 4. Juli. Gemeindevertretung. Am 30. v. Mts. fand unter dem Vorsitze des Herrn Amtmanns Dr. Nottarp eine Gemeindeverordnetensitzung statt. Ein Gesuch um Ermäßigung der Wohnungsmiete wurde abgelehnt. Die Verhandlung mit den Anliegern der Achterstiege bezüglich der Einziehung und der Kanalisation dieser Stiege vom 25. Juni 1926 wurde mitgeteilt. Die Gemeindevertretung erklärt sich bereit, dem Antrage auf kostenfreie Ueberlassung der Achterstiege an die Anlieger und auf Gewährung einer Beihilfe von 200 Mark zu den Kanalisationskosten stattzugeben. Voraussetzung hierfür ist aber, daß die Kanalisation nach dem von einem Techniker aufgestellten Plane unter Oberleitung des letzteren ausgeführt wird. Die bewilligten 200.— Mk. werden erst dann zur Verfügung gestellt, nachdem der Techniker ein Guthaben dahin lautend abgegeben hat, daß die Arbeiten ordnungsmäßig ausgeführt sind. Der Versammlung wurde davon Mitteilung gemacht, daß ein Antrag des Kötters Massing gt. Bröker zu Habstätte auf Kauf des Markengrundstückes Flur 25 Nr.. 100 und des Arbeiters Heinrich Laumann zu Wüllen auf Kauf des Markengrundstücks Flur 28 Nr. 20, beide belegen in der Steuergemeinde Wüllen, vorliege und daß der Vertreter der MarkeninteressentenGesamtheit beabsichtige, dem Kaufangebot des ersteren stattzugeben und dem des letzteren abzulehnen. Ein Antrag auf Bewilligung einer laufenden Unterstützung wurde abgelehnt, da eine Notlage, die die Inanspruchnahme der öffentlichen Fürsorge rechtfertigen könnte, nach Ansicht der Gemeindevertretung nicht vorliegt. Ebenso verfiel der Antrag des Zellers H. zu Kirchspiel Wüllen auf Abgabe eines Gutachtens seitens der Gemeinde darüber, ob die vom Steuerausschusse durchgeführte Veranlagung angemessen erscheine, der Ablehnung. Verschiedene Anträge auf Ermäßigung bezw. Stundung der Grundvermögenssteuer wurden teils genehmigt, teils abgewiesen. kreuz scheint ihm arm und verwittert. Daß aber das schlichteste Holzkreuz eine beredtere Sprache spricht und selbst im Verfall noch tausendmal schöner ist als all diese glitzernden Machwerke einer unverstandenen Handwerksbetätigung, das braucht man nur auszusprechen, um sofort die Uebereinstimmung zu entdecken. Es ist manchmal nur die Meinung der Leute, gegenüber dem Nachbarn, der einen„schönen“ Grabstein hat, nicht zurückzustehen. Daß Holz und Eisen ebenso haltbar wie Steine sind, beziehungsweise durch gute Imprägnierung dazu gebracht werden können, scheint im Volke kaum durchzudringen. Wie aber soll dieses Kreuz beschaffen sein? Einfach und schlicht sei das Kreuz, ohne alles Beiwerk, das an Laubsägearbeit erinnert. Ehrlich sei die Kreuzform! Aus Holz die Balken gekreuzt und schlicht. Dann ziert die Namentafel, bunt dagegen abgesetzt oder ein farbig bemaltes Schild mit einem Kränzlein oder einer Guirlande umschlungen. Es wirkt herzig und warm. Noch mehr, wenn man das Motiv des Wetterschutzes, die gewalmte Rundverdachung, dazu bringt. Das ist wie ein letztes Häuslein, und gar viele gemütvolle Formen lassen sich hier zusammenstellen. Will man dennoch zum Steine greifen, wähle man bodenständiges Gestein und keinen Marmor oder Granit, die in unsere Gegend nun einmal nicht hineinpassen. Der dem Stein nachgebildete Kunststein oder Zementblock sollte eigentlich vollständig verworfen werden. Leider ist gerade beim Steindenkmal der feine Takt der Zurückhaltung, den unsere Vorfahren besaßen, nicht mehr vorhanden und auch auf unserm Gottesacker nur im geringen Maße vorzufinden. Man bemerkt im Gegenteil immer wieder das Bestreben, mit seinem Besitz um jeden Preis ja den lieben Nachbarn überbieten zu wollen. Es scheint fast, als seien auf unserm Friedhofe die Größten der Menschheit bestattet und unwillkürlich überkommt einen ein leichtes Lächeln, wenn man die Namen der Bestatteten liest, die nicht Schuld daran sind, daß man mit ihnen einen so eigenartigen Kult treibt. Bei Kindergräbern wähle man doch schlichte und kindliche Motive und keine kleinen im Winter frierenden Engelein. Hier lieber eine Holztafel oder ein kleines Holzkreuz mit gewölbter Verdachung. Unter Rosen sollten sie stehen! Auch die der Jugend und der zarten Blüte, der Mädchen. Warum nicht hier ein Rosengarten anstatt der schweren Steine, die in einem unbeschreiblich harte Gefühle erwecken. In früheren Zeiten erzählte der Grabstein seine„Geschichte“. Trotzig stand er wie die Alten. Jedem, dem Stein und vor ihm dem Menschen, drückte der Beruf sein Antlitz auf. Der Stein des Müllers sah anders aus wie der des Schmiedes, und ganz in Blumen war des Gärtners letztes Schild geschmückt. Welch treuherzige Aufrichtigkeit und Hingebung lag in den kurzen, kernigen manchmal fast heiter erzählenden Inschriften der alten Gräber. Wie herzlos wirkt dagegen die Dutzendware moderner Goldlettern, gleich den öden Inschriften auf den Kranzbändern des Blumenschmuckes, der ebenso laut nach liebevollerem Verständnis verlangt. Könnten denn nicht in einigen lieben Worten die Beziehungen des Verstorbenen zum Ueberlebenden dargelegt werden, wie es in dieser treuherzigen Form früher war, anstatt daß nur der Geburts= und Todestag„registriert“ wird? Und auf den Gräbern streuet deutsche Blumen aus: Vergißmeinnicht, Goldlack und manch andere Volksblume aber keine bunten Konditorformen wie sie ebenso in den oft unsinnigen und unkünstlerischen Blumenspenden zu finden sind. Lassen wir doch aus den unbelegten Gräberfeldern die im letzten Jahre angelegten großen Rundbeete weg, die vom derzeitigen Aufsteller des Friedhofsprojektes nicht gewollt sind und nur störend wirken, sondern pflanzt verstreut Volksblümchen, die zierliche Muster in des Rasens grünen Teppich weben. Wir sind in einer Zeit, die dem Heimatschutz gilt. Möchten doch alle, die hier berufen sind, darauf hinwirken, daß unser Friedhof in alter Form erstehe, damit auf der Stätte tiefen Friedens gesammeltes Verständnis für Form und ruhige Schönheit in das aufnahmebereite und das trostbedürftige Gemüt des Friedhofsbesuchers dringe. Der gute Wille ist bei uns schon, da nur bedarf es des guten Beispiels. Das aufnahmefähige Volksgemüt wird sicherlich die gute Absicht erkennen und ein eifriger Helfer und Förderer der Bestrebungen sein. Gronau. Der Friedhof in Epe. Ahaus, 5. Juli. Wer vom Dorfe aus die Ochtruper Landstraße hinauswandert, wird erfreut sein über das prächtige Bild des neuen Friedhofs. Er ist das allsonntägliche Ziel vieler Spaziergänger geworden, die im Schatten der Linden und Ahorn Ruhe suchen und sich erfreuen an der liebevollen Pflege der Wege und Gräber. Indes besteht doch leider auf den letzten Feldern schon das Bild„wo Leichensteine stehen", sodaß man den Eindruck eines Leichenfeldes nicht los wird. Grabhügel reiht sich hier an Grabhügel, sargähnlich oder mit schweren steinernen Einfriedigungen in verschiedensten ormen abgegrenzt. Hier vermißt man leider die Ruhe so stimmungsvoll angelegten Friedhofs. Aufdringlich stehen schon hier und da einige Grabmäler, die reichen Mitteln ihr Dasein verdanken, die den Unterschied zwischen Begüterten und Unbemittelten auch Auge fallen lassen. Gleißend blinken uns die geschliffenen Glasplatten entgegen, auf denen Goldrnie Namen neben Daten der Geburt und des Ablehens uns in nüchterner Form berichten. Zweifeldas Handwerk nun die Schuld, das hier ohne jedes Empfinden Dutzendware anbietet und auf Lager hält. Der arbeitende Mensch, der um seine Exiringt, der sich müht im harten täglichen Kampf, hat nicht weniger warmes Empfinden als unsere Vorjayren, welche mit einfachen Mitteln ihre Gräber und so das Andenken der Toten ehrten. Nur erfordert sein Denken auf anderem Gebiet. Zurückstehen will er nicht, und so wird dann für mühsam erspartes Geld die Lagerware ta den, möglich ähnlich dem wenig guten Beispiel, das er bereits auf dem Friedhofe vorfand. Das HolzGronau, 5. Juli. Erleichterungen im Paßwesen. Die Reichsregierung hat sich entschlossen, im Interesse weiterer Erleichterung des Reiseverkehrs mit dem Ausland die regelmäßige Geltungsdauer der Pässe von zwei auf fünf Jahre zu erhöhen und Familienpässe künftig auch für Einzelreisen der erwachsenen Paßinhaber zuzulassen. :: Gronau, 5. Juli. Als vermißt gemeldet wurde der hiesigen Polizei ein am 31. März 1859 zu Weimar geborener deutscher Journalist namens Ferd. Rudolf Damrath, der seit einigen Jahren, seinem Berufe fern, bei Verwandten in Enschede wohnte. Derselbe hat sich am 29. Juni mittags entfernt und seit dem Tage kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Da der Mann seit Jahren gemütskrank ist, befürchten die Verwandten schlimmeres. Grund zu solcher Annahme bietet auch die Tatsache, als der Vermißte aus seinen Wäschestücken verschiedene Merkmale, wie Namen usw., ausgeschnitten hat. Die Familie bittet, der Sache dienliche Angaben an die Polizeibehörde zu richten. Der Vermißte ist von großer Statur, hat graue Haare, ist bartlos, trägt schwarze Hose, grauen Rock, Weste und Filzhut. :: Gronau, 5. Juli. In der Kirschenzeit, die jetzt begonnen hat, ist es wohl nicht überflüssig, davor zu warnen, auf den Genuß von Kirschen Wasser zu trinken. Die Nichtbeachtung dieser Mahnung hat schon oft schwere Magenkomplikationen und ernste Erkrankungen nach sich gezogen. Ueberhaupt sollte auf Obst niemals Wasser getrunken werden. :: Gronau, 5. Juli. Der Sommer mit Sonne und Wärme ist nun endlich bei uns zu Gast gekommen. Das Schimpfen auf schlechtes Wetter ist verstummt und man ergeht sich dafür in Lobeserhebungen über die wunderschönen wonnigen Tage. Die Landleute sind fieberhaft tätig bei der Heuernte.„Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß." Dieses Zitat aus Schillers„Glocke“ ist hier wohl am Platze. Selbst der Laie fällt das Urteil, daß viel Heu gewachsen und daß die Scheuern voll bis zum Giebel werden, allerdings unter der Voraussetzung, daß der Regengott in den Ferien bleibt. In der Nacht vom Samstag zum Sonntag hat er wohl einen starken kühlenden Guß gebracht. Der konnte nicht schaden. Im übrigen aber hoffen wir, daß vorläufig Frau Sonne das Zepter weiter führt. Westfalen und Nachbar provinzen. )!( Bochum, 4. Juli. Ein Originalporträt Kortums im Bochumer Museum. Den Schattenriß Kortums kennen viele aus der„Jobsiade“, manche auch den Endnerschen Kupferstich. Aber daß ein farbiges Bild Kortums existiert, war der Oeffentlichkeit unbekannt. Dem Bochumer Museum gelang es, ein Originalporträt des Jobsiadendichters zu erwerben. Das Pastellbild stellt Kortum in seinen besten Jahren dar. Kortum selbst hat es nach völlig gesicherter Familienüberlieferung als sein ähnlichstes Bild bezeichnet. Duisburg, 4. Juli. In einen Säurebehälter gestürzt. Auf der chemischen Fabrik Curtius in Wanheimerort stürzte Donnerstag nachmittag der Bleilöter Heinrich Hellen aus Krefeld von einem Gerüst in einen mit Säure gefüllten Behälter. H., der sich hierbei schwere Brandwunden an beiden Füßen und am Unterschenkel zuzog, mußte dem Marienhospital zugeführt werden.— Erhängt aufgefunden wurde eine Ehefrau in einem Hause am Dellplatz. Nachdem am Donnerstag die Beerdigung ihres Vaters stattgefunden hatte, dürfte sie wohl aus Schwermut in den Tod gegangen sein.— Bet Revisionsarbeiten in einem entleerten Benzol=Tank entzündeten sich trotz guter Entlüftung neu gebildete Benzoldämpfe infolge eines Kurzschlusses. Von den beschäftigten Arbeitern erlitten zwei Verbrennungen an den Händen. Sachschaden ist nicht entstanden. Bonn, 4. Juli. Der verschlafene Franzose. Auf de Rückreise vom Urlaub war ein französischer Soldat in Eisenbahnzuge eingeschlafen und über das besetzte Gebie hinaus, bis Bonn, weiter gefahren. Er wurde von de deutschen Polizei in Haft genommen und wird woh zum Austausch für einen deutschen Reichswehrangehört gen, der im besetzten Gebiet von den Franzosen festge nommen wurde, verwandt werden. Der Ringmit dem Rubin IIIII Der neue Sporfinn Abenfeuer-Roman imnmm von Fr. Hofmann 1n vom Sonntay Der„Sport vomSonntag" ist die verbreitetste Sportzeitung in Westfalen. Dorfmund nmmmmmmmummmmmmmmmnumimnnniummn Bestellungen nimmt jede Postanstalt und der „S. v. S."-Verlag. Dortmund(Postfach 239) entgegen. Eigener Herd ist Goldes wert! Wirkung! durch den Erwerb eines Sparbuches bei der Gronauer Volksbank, Gronau i. W. und Gewerbebank, e. G. m. b. H., Ahaus Bücher! Rhaban Liertz, Seelenaufschließung. Ein Weg zum Erforschen des Seelenlebens In Ganzleinen geb......... 4.80 Otto Schilling. Die christl. Soziallehren. 4.50 Um Sitte und Sittlichkeit. Ein Kommentar zu den christl. Leitsätzen verschiedener moderner Sitttlichkeitsfragen..... 3.60 Klug. Franz von Assisi, Der Heilige des Dritten Ordens. 0.90 Felder. Die Ideale des hl Franz von Assisi 10 Jmle. St. Franziskus, ein heiliger Lebenskünstiel 5.40 Wegen Erkrankung des jetzigen zu sofort ei braves, kath., tüchtiges Müdchen gesucht. Frau Dr. Steimann Epe. Dante Alighieri, Die göttliche Komödie, Uebersetzt u, erläutert von August Vezin 28.Kurt Hilscher, Jugoslavien, Slovenien, Kroatien, Dalmatien, Montenegro, Herzegowina, Bosnien, Serbien. Abbildungen in Kupfertiefdruck, geb. in Ganzleinen 22.Dr. Carl Sonnenschein. Notizen. Weltstattbetrachtungen, Heft 3... 1.— Kloers. Das lachende Haus. Ein fröhlicher Roman 4.50 Schrott-Fiechtl. Die Herzensflickerin,Roman 3.80 Willam. Die sieben Könige, Roman... 6.50 Manuskripte, vornehmlich Namen u. Zahlen, stets deutlich schreiben. Das betr. Blatt darf nur auf einer Seite beschrieben sein! Geschäftsstelle der Ahauser Kreiszeitung. Miünder's Marschkäse Perle von Holstein ½ fett Tilsitform in Staniol 9 Pfd. 5.85. Porto Nachn. 1 M. Rote Kugelläse 9 Pfd. 3.80. Porto Nachnahme 1.— M. Holsteinische Käsefabrik Klünder& Co., Nortorf. Darlehn Wer leiht einem strebsamen Handwerker 800-1000 Mark gegen Zinsen und gute Sicherheit. Angebote unter Darlehn 100 an die Geschäftsstelle dieser Zeitung in Ahaus. BrennholzVerkauf. Am Dienstag mittag 1 Uhr, werde ich hinter meiner Fabrik eine Partie Brennholz gegen bar verkaufen. Joh. Dües, Ahaus. Männer-Gesangverein Heute abend 8 Uhr im Vereinslokal Harpering Gesangprobe Kein Mitglied darf fehlen. Pünktliches Erscheinen unbedingt ersorderlich. Der Vorstand. Ia. holl. Käselaab Käsefarbe u. Butterfarbe— erhältlich in: Terrahe's Med.=Drogerien, Stadtlohn, Vreden und Gronau. (Versand n) auswärts). Am Dienstag, den 6. Juli 1926, vorm. 10 Uhr, werde ich in Vreden, folgende Sachen öffentlich meistbietend gegen Barzahlung versteigern: 65 Buchenbohlen, 3—4 m lang, 2½—4 Zoll dick, 1 Dreschmaschine mit elektr. Antrieb u 3 P.=S.=Motor, 1 Motor, 3 P.=S.(Chemnitz), 1 Kleiderschrank, 2 Ferkel, 1 Bandsäge, Sammelpunkt der Käufer beim Wirt Buß mann in Vreden. Der Verkauf findet bestimmt statt. Möller Obergerichtsvollzieher in Vreder Grasverkauf. Im freiwilligen Austrag des Herrn Joh Grote, Gronau, werde ich am Mittwoch, den 7. Juli, abends 6¼ Uhr, in der Hoff'schens Wiese, Schöttelkotterhook am Rennplatz mehrere Parzellen Gras öffentlich meistbietend verkaufen. Hermann ten Dam, beeid. Auktionator, Gronau i. W., Fernruf 52. Im freiwilligen Auftrag der Baumwollspinnerei Gronau, werde ich am Dienstag, den 6. Juli, abends 6 Uhr, in ihrer Wiese, an der Fabrik Losserstraße den ersten Grasschnitt öffentlich meistbietend verkaufen. Hermann ten Dam, beeid. Auktionator, Gronau i. W., Fernruf 52. verkauf. Im freiwilligen Auftrage des Herrn Hermann Enseling gt. Knüsting, werde ich am Montag, den 12. Juli 1926, nachm. 7 Uhr: 20 Morgen Gras (in der früher Isernhinke'schen Weide) öffentlich meistbietend gegen Credit verkaufen! Wessum, den 3. Juli 1926. Y Deutsche und russische Gewerkschaften. Von Ernst Kaiser. Der Riesenkampf der englischen Bergarbeiter hat das besondere Augenmerk auf die dortigen Vorgänge und auf die englischen Gewerkschaften gelenkt. England gilt allgemein als das Mutterland der Gewerkschaften, die dort seit mehr denn 100 Jahren bestehen. Bekannt ist auch, daß die Gründung der deutschen Gewerkschaften erfolgte, nachdem Deutsche die englische Gewertschaftsbewegung studiert und zur Nachahmung derselben in Deutschland aufgerufen hatten. Trotz des englischen Vorbildes die deutsche Gewerkschaftsbewegung eine andere Gestaltung an und hat sich zu Richtungsgewerkschaften entwickelt, während in England eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung vorhanden ist. Weil die deutschen (freien) Gewerkschaften sich nicht auf das wirtschaftliche Gebiet beschränkten, sondern marxistisch eingestellt waren, weil sie sich nach ihrem eigenen Urteil als„Vorschule der Sozialdemokratie“ betrachten und genau wie diese die religionsfeindlichen Bestrebungen förderten, war es eine zwingende Notwendigkeit für die christlichen Arbeiter geworden, eigene, auf dem Boden der christlichen Sittenlehre fundierte Gewerkschaften zu schaffen. Diesen christlichen Gewerkschaften gesellten sich später Verbände zu, die mehr die nationale Einstellung(im Gegensatz zu der internationalen Einstellung von Sozialdemokratie und freien Gewerkschaften) betonten und schufen dann den christlich-nationalen Deutschen Gewerkschaftsbund, der mit seinen zahlreichen Mitgliedern eine achtunggebietende Stellung in Deutschland sich errungen hat. Wohl hat sich durch Zusammenarbeiten zwischen christlich=nationalen und freien Gewerkschaften in wirtschaftlichen Fragen ein besseres Verhältnis wie früher herausgebildet, das auch manchmal zu einer Art zeitlich begrenzter Arbeitsgemeinschaft geführt hat; in der grundsätzlichen Einstellung der christlichen und freien Gewerkschaften hat sich jedoch nichts geändert, und kann es für die christlichen Arbeiter auch keine Aenderung geben. Von Seiten der freien Gewerkschaften wird es immer so dargestellt, als wäre die einheitliche englische Gewerkschaftsbewegung ideell genau so eingestellt, wie die freien Gewerkschaften in Deutschland. Wiederholt hat man einer Vereinheitlichung der deutschen Gewerkschaften nach dem englischen Vorbild das Wort geredet. Wohl ist es richtig, daß die englischen Gewerkschaften heute dem Internationalen Gewerkschaftsbund in Amsterdam noch angehören und nicht(wie z. B. die amerikanischen Gewerkschaften, deren Führer es geradezu ablehnen, als Sozialisten bezeichnet zu werden) ausgetreten sind. Nicht von der Hand zu weisen ist die Ansicht, daß hierfür seitens der Engländer lediglich taktische Momente ausschlaggebend sind. Daß die englischen Arbeiter in nationaler Beziehung wesentlich anders denken und handeln, als ihre freigewerkschaftlichen Klassengenossen in Deutschland, hat sich wiederholt so klar herausgestellt, daß die Führung eines Nachweises an dieser Stelle sich erübrigt. Daß die englischen Arbeiter aber auch in ideeller oder besser gesagt in religiöser Beziehung ganz anders eingestellt sind, dafür liegen gerade aus der letzten Zeit einige markante Beweise vor, an denen man nicht achtlos vorbeigehen darf. Zum ersten Male nahm an dem diesjährigen Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands in Dortmund ein englischer Gewerkschaftler, der unter dem Kabinett Macdonald im Staatsdienst tätig gewesene frühere Abgeordnete Church als Gast teil. Er ergriff auch das Wort und erklärte u. a., daß er jetzt auf seiner Studienreise erst habe verstehen lernen, weshalb in Deutschland zwei Gewerkschaftsbewegungen nebeneinander liefen. Für die englische Gewerkschaftsbewegung sei es eine Selbstverständlichkeit, auf dem Boden des Christentums zu stehen; das brauche nicht besonders betont zu werden. In England bedeute der Sozialismus etwas anderes wie in Deutschland, und englischer Sozialismus habe nichts gemein mit Marxismus. Zu dieser englischen Stimme gesellt sich eine unzweideutige Stimme aus deutschem Lager. Anfang Juni erstattete auf einer Konferenz des ADGB. und des AfaBundes der„Vorwärts"=Redakteur Viktor Schiff einen Bericht über den englischen Generalstreik. Darin führte er aus, daß das englische Volk stark religiös sei und daß nicht zuletzt deshalb ein schnelles Fortschreiten der sozialistischen Entwicklung in England nicht zu erwarten sei. Der Einfluß der sich stark arbeiter= und volksfreundlich gebenden Kirchenvertreter sei erheblich. Die Streikenden hätten beispielsweise ihre freie Zeit mit Versammlungsbesuch sowie mit Sport und Kirchenbesuch verbracht. Zu einem revolutionären Kampf fehle in England noch auf lange Zeit bei der Menialität des englischen Volkes jede, auch die kleinste Voraussetzung. Dieses Zeugnis eines immerhin führenden deutschen Sozialisten stimmt voll überein mit der seit langen Jahren bekannten Tatsache, daß die englischen Gewerkschaftskongresse(genau wie die Kongresse der christlichen Gewerkschaften in Deutschland) miteinem feierlichen Gottesdienst beaonnen werden Bekannt geworden ist auch, daß der angesehendste englische Arbeiterführer, der frühere englische Ministerpräsident Macdonald, in einer Rede in Glasgow sagte:„Heute stehen wir vor der Aufgabe, unsern christlichen Glauben im soziaken Leben zu verwirklichen. Das Wesen des Christentums besteht in seiner Betonung der inneren Werte des Menschen usw.“ Diese wenigen Angaben bilden eine geradezu erschütternde Anklage gegen die freien Gewerkschaften und ihre Führer in Deutschland, die seit ihrer Gründung emsig bemüht sind, die deutschen Arbeiter, Angestellten und Beamten auf dem Umwege über die freien Gewerkschaften zu Marxisten zu machen und die ihnen dabei bewußt die Religion aus dem Herzen reißen, ohne in der Lage zu sein, den Arbeitnehmern dafür etwas anderes oder gar Besseres zu geben. Und gerade aus diesen Gründen heraus war die Schaffung eigener christlich und national gerichteter deutscher Gewerkschaften im Interesse der Arbeitnehmer selbst, aber auch im Interesse des gesamten deutschen Volkes eine zwingende Notwendigkeit. neue Knappschaftsrecht. wird uns geAus Abgeordnetenkreisen schrieben: Am 22. Juni wurde die so heiß umstrittene Novelle zum Reichsknappschaftsgesetz in der Endabstimmung mit 320 gegen 58 Stimmen bei 8 Enthaltungen angenommen. Damit ist das Knappschaftsrecht in vielen wichtigen Punkten ein anderes geworden. Die Familienoilie— freie ärztliche Behandlung, Krankenhausbehandlung der Familienangehörigen der Versicherten sowie 50 Prozent Arzneikostenerstattung — ist zu einer Pflichtleistung der Knappschaft geworden. Durch die Satzung kann bestimmt werden, daß die Sachleistungen auch Angestellten und ihren Familien gewährt werden können. Der Grundlohn zur Bemessung des Krankengeldes wird nach dem tatsächlich erzielten Lohn berechnet. Zum Krankengeld— 50 Prozent des Grundlohnes— ist für Familienangehörige ein Zuschlag von je 10 Prozent des Krankengeldes, bis zur Höchstgrenze von 75 Prozent des Grundlohnes, zu zahlen. Zum Hausgeld tritt derselbe Zuschlag. Hier ist jedoch die Höchstgrenze des Regelkrankengeldes 50 Prozent des Grundlohnes. Für Kinder werden die Zuschläge bis zur Vollendung des 15. Lebensjahres gewährt. Darüber hinaus, wenn das Kind noch die Schule besucht oder sich in der Berufsausbildung befindet, oder wenn das Kind sich wegen geistiger oder körperlicher Gebrechen nicht selbst unterhalten kann. Der Begriff„Kind“ ist in weitestem Sinne gefaßt. Unter ihn fallen neben ehelichen und unehelichen Kindern auch an Kindesstatt angenommene, sowie Stiefkinder und Enkel, solange sie von den Versicherten„überwiegend“ unterhalten werden. In der Pensionskasse sind sieben Lohnklassen eingeführt worden. Nach dem Endbetrage der Lohnklasse ist in Zukunft die Pension zu berechnen. Die laufenden Pensionen werden nach dem im Bezirksknappschaftsverein am 1. Juli gezahlten Durchschnittslohn der aktiven Mitglieder umgerechnet. Die Pension besteht aus einem Grundbetrage und Steigerungssätzen für jeden Beitrag. Die Steigerungssätze sind so bemessen, daß bei 25 Dienstjahren etwa 40 v. H. des Endbetrages der Lohnklasse als Pension gewährt wird. Für die über 25 Jahre hinausgehende Dienstzeit wird ½ v. H. des Endbetrages als Steigerungsbetrag gewährt. Zur Pension wird für jedes Kind unter 15 Jahren ein Kinderzuschlag von 7,50 Mark monatlich gewährt. Für Kinder über 15 Jahren nur, wenn die vorhin genannten Voraussetzungen vorliegen(Ausbildung, Lehrverhältnis, geistige Beschränkung usw.). Die Witwenpension beträgt in Zukunft 60 v. H., das Waisengeld 20 v. H. der verdienten Invalidenpension. Waisengeld wird über das 15. Lebensjohr hinaus nur in den vorhin— bei der Krankenversicherung— genannten Fällen gewährt(Lehrverhältnis usw.). Für das Zusammentreffen von Leistungen sind neue ufrechnungsbestimmungen eingefügt worden. Ueberschneidungen des Lohnes sind in Zukunft nicht möglich. Bei Invaliden ruht die Knappschaftspension, soweit die Gesamtbezüge den Endbetrag der Lohnklasse bei Witwen, soweit sie 50 und bei Waisen, soweit sie 20 v. H. dieses Betrages übersteigen. Fallen Witwen= und Waisenbezüge zusammen,— Witwe mit mehreren Kindern— so ruhen die Knappschaftsbezüge, soweit sie 80 v. H. des vorgenannten Endbetrages übersteigen. Beim Zusammentreffen von Knappschaftsbezügen mit Bezügen aus der Reichsinvalidenversicherung ruht der knappschaftliche Grundbetrag. Beim Zusammentreffen mit Unfallrente ruht der Grundbetrag ebenfalls ganz oder zum Teil, je nach der Höhe der Unfallrente. Wird ein reichsgesetzlicher Kinderzuschlag bezahlt, so ruht der knappschaftliche Kinderzuschlag. Die bisherigen Bestimmungen über die Gewährung von Altersvension bleiben bestehen. Die Alterspension ermäßigt sich jedoch um 25 v H., wenn und solange der Empfänger noch regelmäßige Lohnarbeit in Betrieben verrichtet. Eine Erweiterung der Alterspension durch Sonderbestimmungen der Bezirksknappschaft für den Steinkohlenbergbau, bezw. durch Verordnung des Reichsarbeitsministers ist ermöglicht. Eingeführt wurde eine Gemeinlast. Die Invalidenpension gehört mit 80 v. H., die Witwenpension und das Waisengeld ganz zur Gemeinlast. 20 v. H. der Invalidenpension, die Ausgaben für die Alterspension, Ausgaben für freie Kur und Arznei der Invaliden, Kosten für freiwillige Leistungen und die Verwaltungskosten gehören zur Sonderlast. Geändert wurde auch das Mitbestimmungsrecht der Versicherten. Sie verfügen in Zukunft über drei Fünftel der Stimmen in den Hauptversammlungen und den Vorständen. Damit dürften Vorgänge, die sie sich in den letzten Jahren leider oft zugetragen haben, unmöglich gemacht worden sein. Der Kampf um diese Aenderungen war ein harter und zäher. Er wurde nicht nur im Reichstage, sondern besonders scharf in der Presse ausgetragen. Von den Arbeitgebern wurde besonders— und bemerkenswerterweise nur er allein— der Zentrumsabgeordnete und Bergarbeiter Imbusch, der Führer der Zentrumsfraktion, in dieser Frage im Sozialpolitischen Ausschuß hart angegriffen. Um so erfreulicher ist der Erfolg. Das Zentrum darf sich ruymen, diesen Erfolg herbeigeführt zu haben. Seine Fraktionsmitglieder, einschließlich des früher so oft angegriffenen Abg. Klöckner, haben geschlossen die Belange der Bergarbeiter und ihrer Familien vertreten und mit Erfolg wahren können. Gerade die Vorgänge beim Zustandekommen des Reichsknappschaftsgesetzes beweisen wieder aufs neue, wie notwendig eine starke, in sich leistungsfähige Zentrumsfraktion ist. Mit Parteineubildungen und kleinen Parteigruppen, die nur von billiger Kritik leben und nach der sachlichen Seite hin nichts leisten, ist unserem Volke nicht gedient. Merkwürdig war auch das Verhalten der Sozialdemokraten und Kommunisten. Die letzteren insbesondere haben keinen einzigen brauchbaren Antrag während der langen Beratungen gestellt; sie haben stets die Arbeit des Zentrums heruntergerissen, von einem „Ausnahmegesetz gegen die Bergarbeiter“ gesprochen, um dann zum Schluß in namentlicher Abstimmung dem Gesetz zuzustimmen. Damit haben sich die Herren Kommunisten selbst gerichtet! Das Gesetz ist eben doch so gut, daß sie es nicht wagen konnten, dagegen zu stimmen. Festgestellt sei noch, daß trotz eines unter den Regierungsparteien zustande gekommenen Kompromisses folgende Abgeordnete der Deutschen Volkspartei gegen das Gesetz gestimmt haben: Adams, Albrecht, Brüninghaus, Cramer, Dauch, Engberding, Findeisen, Dr. Gildemeister, Dr. Heinze, Dr. Hoff, Dr. Hugo von Kardorff, Keinath, Kempkes, Morath, Dr. Pfeiffer, von Rheinbaben, Dr. Rießer, Dr. Schnee, Dr. Sorge und Westermann. Von der Wirtschaftlichen Vereinigung stimmten nur zwei Abgeordnete mit Ja, alle anderen mit Nein. Bei den Deutschnationalen stimmten 20 Abgeordnete mit Nein, einige mit Enthaltung, die anderen mit Ja. Die Zentrumsfraktion stimmte geschlossen für das neue Knappschaftsrecht, das von einem Abgeordneten als„Zentrumsgesetz“ bezeichnet worden ist. Das ist die richtige Bezeichnung; wir arzeptieren sie! Wald vor der Nase wächst, wo Stein und Ton fast an der Erdoberfläche liegen. Nimm also uno daue... Eins fehlt bloß,— der ganze Sinn des Schaffens und der Arbeit! Denn wozu soll der Mensch schaffen, wenn er nicht das, was er geschaffen hat, sein Eigentum nennen darf? So lebt der Arbeiter in dem Sowjetparadies, das er sich mit seinen eigenen Händen geschaffer Hat,— ohne Dach über dem Kopfe, ohne Bettstelle, ohne Seis, ohne reine Wäsche, schlechter als ein Hund, verschmutzt vergessen, verraten, dem Ungeziefer überlassen. Hilfsmaßnahmen für die Saargänger. In einer in Essen abgehaltenen Konferenz der Führer des Gewerkvereins christl. Bergarbeiter Deutschlands beschäftigte sich der Abg. Imbusch mit der Frage der Durchführung des Reichsknappschaftsgesetzes. Er führte hierzu u. a. folgendes aus: Der Kampf um das Reichsknappschaftsgesetz ist abgeschlossen. Am 22. Juni wurde das Gesetz mit 319 gegen 57 Stimmen bei 8 Stimmenenthaltungen angenommen. Es erklärte sich also eine bedeutende Mehrheit des Parlaments für dieses Gesetz. Von besonderer Bedeutung ist, daß von allen politischen Parteien die politischen Führer sich in namentlicher Abstimmung für das Gesetz aussprachen. Auch der Reichsrat gab dem Gesetz seine Zustimmung. Für uns ist dieser Ausgang sehr erfreulich. Der Kampf um das Reichsknappschaftsgesetz war schwer und aufreibend. Die Unternehmer suchten mit allen Mitteln den Sieg zu erringen. Sie wollten eine bedeutende Verschlechterung des bisherigen Zustandes. Zu diesem Zwecke wurden auch unfaire Kampfmittel nicht gescheut. Falsche Zahlen, ein schmutziger persönlicher Kampf wurde beliebt. Der Ausgang des Kampfes bringt die rechte Antwort. Jetzt kommen wir zur Durchführung des Gesetzes. Das Gesetz muß möglichst schnell durchgeführt werden. Das Gesetz muß auch dem Willen des Gesetzgebers entsprechend durchgefaßt werden. Wir müssen alles aufbieten, damit die Durchführung klappt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich dringend davor warnen, in die früheren Fehler der Unternehmer zu fallen. Die Unternehmer verhinderten die sinngemäße Durchführung des bisherigen Knappschaftsgesetzes. Sie waren ungerecht und mißbrauchten ihre Macht. Die Strafe blieb nicht aus. Sie verloren ihre frühere Position. Trotz aller Anstrengungen zogen sie in dem jetzt abgeschlossenen Kampfe den Kürzeren. Wir sollten daraus lernen. Wir dürfen nicht in die Fehler der Unternehmer verfallen. Wir dürfen nicht ungerecht sein, dürfen unsere Macht nicht mißbrauchen, dürfen andere nicht unterdrücken. An manchen Stellen wird die Versuchung hierzu groß sein. Wenn ein Mensch selbst ungerecht handelt und unterdrückt würde, dann ist er leicht geneigt, mit gleicher Münze heimzuzahlen, wenn ihm die Macht dazu geboten wird. Ich bitte dringend, der Versuchung dazu zu widerstehen. Bei Durchführung des Gesetzes, Neuordnung der Organe, der Bestellung von Beamten, muß Gerechtigkeit herrschen. Uebergriffe in die Rechte anderer dürfen nicht vorkommen Man verstehe mich nicht falsch. Das Gesetz ist sinngemäß durchzuführen. Es darf keine Schwäche gegenüber solchen geben, die uns dabei hindern wollen, keine Schwäche gegenüber allen, die bei der Durchführung des Gesetzes quertreiben. Insbesondere auch keine Schwäche gegen Beamte, die nicht für die Versicherten, sondern gegen sie arbeiten wollen. In allen Fällen, wo unberechtigte Schwierigkeiten gemacht werden, muß man rücksichtslos durchfassen. Seien wir aber großzügig und nachsichtig gegenüber allen, die bisher vielfach gegen uns standen, jetzt aver ehrlich mitarbeiten wollen. Die meisten standen nicht aus bösem Willen gegen uns. Manche glaubten, mit Rücksicht auf ihre Stellung die falsche Haltung einnehmen zu müssen. Wenn sie jetzt dem Willen des Gesetzgebers entsprechend mitarbeiten wollen, dann muß man das Vergangene verzeihen. Nutzen wir an keiner Stelle das uns durch das Gesetz gegebene größere Verwaltungsrecht falsch aus. Seien wir besser wie die anderen waren. Damit dienen wir am besten unserer Sache. Die Arbeiterschaft im Sowjetparadies. Dipl.=Ing. v. Keßler schreibt darüber in der Deutschen Presse, Prag: Genosse Trotzki, der große Fachmann für Veranstaltung von Revolutionen und Weltumwälzungen, sagt: „Die Eroberung und Behauptung der Macht durch die Arbeiterklasse erreicht man nur um den Preis einer raschen und schonungslosen Zerstörung des gesamten bürgerlichen Apparates der Wirtschaftsleitung von oben bis unten, sowohl in einzelnen Betrieben, als auch im ganzen Lande.“ Nach dieser Vorschrift wurde nun auch die Revolution durchgeführt, die den Arbeiter zum Herrn und Machthaber im Lande erheben sollte. Es wurde getobt und gewütet, zerstört, demoliert, in Feuer und Flamme gesetzt, bis wirklich der gesamte Apparat der Wirtschaftsleitung zum Stillstand gelangte. Der erste Teil des Programmes war durchgeführt, die Eroberung und Behauptung der Macht durch die Arbeiterklasse war vollbracht. Nun sollte das Paradies auf Erden für die Arbeiter beginnen.! Man konnte mit dem Bau einer neuen Welt beginnen, denn nun war der Boden zur Ebene gemacht, das alte mit Wurzeln entfernt, das ganze Land mit allen seinen Reichtümern stand den neuen Machthabern zur Verfügung. So fing die neue Sowjetrepublik, die Republik der Arbeiterschaft und Bauernschaft, wie sie sich selbst zu nennen beliebte, ihr Leben an. Nun sind acht Jahre verflossen, eine genügende Frist, um den goldenen Traum, wenn auch nicht in vollem Maße, so doch wenigstens in jenem Teil, der die Arbeiterschaft betrifft, zu verwirklichen. Doch was uns heute selbst die offiziellen Sowjetblätter über die Lage der Arbeiterschaft berichten, ist längst nicht so glänzend, wie es dem Arbeiter vorerzählt wurde, als er die Macht an sich reißen sollte, um... sie sofort seinen Führern zu überlassen. Das enorme Uralgebiet war ein reiches Land, wo die großen Eisen= und Stahlwerke ihren Sitz hatten, die fast allein das ganze große Land versorgten. Hier war der Arbeiter so gut situiert, wie kaum anderswo im Reiche, vielleicht mit Ausnahme der großen Textilindustrie von Morosoff bei Moskau. Eine jede Familie hatte ihr Haus mit einem großen Stück Land dazu, das ausreichend war, um die Familie zu ernähren. Schule, Krankenhaus, Kirche und in letzter Zeit sogar Kino waren überall vorhanden. Doch der Arbeiter sollte unzufrieden sein. Er wurde immer und immer zur schonungslosen Zerstörung gereizt und aufgehetzt. Und heute? Was hat er gewonnen durch die vollbrachte Zerstörung? Um unparteiisch zu sein, wollen wir das Wort den Sowjetleuten selbst überlassen. Sie schreiben in der offiziellen Zeitschrift„Das wirtschaftliche Leben" vom 16. April 1926 folgendes: „Es haben die meisten gar keine Vorstellung von dem furchtbaren Elend, das im Uralgebiete herrscht. Nach den neuesten Aufstellungen sind dort rund 57000 Mann obdachlos, von denen 40000 Mann ständige Arbeiter sind und bloß 17000 als zeitweilige betrachtet werden können. Besonders akut ist die Lage der Arbeiter bei den großen Uralwerken, wo sich die ganze Metallindustrie konzentriert. Bei den meisten dieser Werke hat der Arbeiter nicht einmal einen Winkel für sich, wo er nach der Arbeit sich ausruhen könnte. Die meisten Arbeiter verbringen ihren Schlaf dort, wo es gerade paßt: im Fabrikraum, auf dem Fabrikhof, neben den Hochöfen, im Stationsgebäude der Eisenbahn. Diejenigen, die ein Dach über dem Kopfe haben, wohnen im nächsten Dorf und müssen ihre 12 bis 18 Kilometer täglich hin und zurück zu Fuß laufen und auf diese Weise auf jegliche Erholung vollständig verzichten.— Aber auch nicht viel besser ist die Lage derjenigen Arbeiter, die ihre Wohnungen vom Werke erhalten. Im besten Falle verfügt hier ein Arbeiter nur über einige Quadratmeter Bodenfläche, wobei die Wohnung nicht einmal den minimalen sanitären Forderungen entspricht, denn die Räume sind meistens feucht, dunkel, kalt und oft halb verfallen. Was aber die Bauarbeiten anbelangt, die im vorigen Jahre unternommen wurden, so ist alles ohne jeglichen Plan Hals über Kopf geschehen, so daß die meisten Neubauten schon jetzt zusammenfallen, andere aber umgebaut werden müssen, da sie den elementarsten Forderungen einer Menschenwohnung in keiner Weise entsprechen." Und das geschieht in einer Gegenb, wo der schönste „Saargänger“ so nennt man kurzweg die Arbeiter, welche im deutschen Gebiet wohnen aber im Saargebiet arbeiten. Es gibt darunter im Augenblick annähernd 10 000 Bergarbeiter. Davon entfallen ca. 4000 auf preußisches Gebiet, ca. 800 auf Birkenfeld und ca. 4500 auf die bayrische Pfalz. Die Leute arbeiten mit Ausnahme von ca. 1000 welche auf der Grube Frankenholz beschäftigt sind, die einer privaten französischen Gesellschaft gehört, fast restlos auf den früheren bayrischen und preußischen Staatsbergwerken, die heute in französischer Verwaltung sind. Daneben sind mehrere 1000 Hüttenleute und andere Arbeiter aus dem deutschen Gebiet im Saargebiet tätig. Diese Leute erhalten ihren Arbeitslohn in französischen Franken. Durch den kollossalen Sturz den der französische Franken durchgemacht hat, sind gerade diese Leute in besondere Notlage gekommen. Die Ausgaben für's Leben müssen in Mark gemacht werden. Die Leute befinden sich daher in einer recht unglücklichen Situation. Eingaben sind seitens der Gewerkschaften im Saargebiet an alle in Frage kommenden Staatsregierungen gemacht worden, ebenso auch an den Völkerbundsrat. Leider ist bisher als Hilfeleistung noch nicht viel geschehen. Jetzt, seit einigen Monaten, bekommen diese Leute wenigstens die Fahrkarte zur Arbeitsstelle von der Reichsregierung ersetzt. Im preußischen Landtag hat man sich mit der Frage auch wiederholt befaßt. Dem Handelsausschuß des preußischen Landtags lagen jetzt wieder einige Anträge vor u. a. ein Antrag der kommunistischen Frak tion wonach den Leuten, die im Saargebiet und in Lothringen arbeiten, aber auf preußischem Gebiete wohnen, die Differenzen zwischen ihrem Arbeitseinkom men in Franken und dem tarifmäßigen Lohn in Reichs mark aus staatlichen Mitteln durch Vermittlung der Ge werkschaften ausgezahlt werden soll. Ferner wird für die Leute Fahrpreisermäßigung verlangt. Die erste Forderung ist, wie die Kommunisten selbst wissen, nicht zu verwirklichen. Es würde zu den ungeheuersten Konsequenzen führen, wenn dem Antrage stattgegeben würde. Die zweite Sache ist seit Monaten erledigt. Die Sozialrentenempfänger befinden sich in einer noch größeren Notlage. Obwohl nach dem Versailler Vertrag, insbesondere nach dem sogenannten Saarstatut, die Rechte der Versicherten ausdrücklich gewährleistet sein sollen, wird der Sozialrentnern heute eine Rente gezahlt, die gerade zum Verhungern reicht. Beispiel: Nach 30jähriger Dienstzeit bekam ein Bergmann früher eine Pension von monatlich N 40,— und eine Invalidenrente von N 26,—. Heute erhalten dieselben Pensionäre in Franken, in Reichsmark umgerechnet, monatlich ca. A 19,50 Knappschaftspension und N 8,70 Invalidenrente. Die Sozialrentner, die auf deutschem Gebiete wohnen, aber ihre Rente in Franken erhalten, befinden sich, soweit sie nicht von Angehörigen unterstützt werden können, in einer außerordentlichen Notlage. Das Reich hat allen diesen Leuten vor einigen Monaten eine einmalige Unterstützung gewährt und zwar für Verheiratete K 15,80, für Ledige N 7,90 und für Kinder vom 2. Kind aufwärts N 2,70. Angesichts der großen Notlage waren diese Beträge noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Reichsregierung hat aber 1½ Millionen Mark dem Saarbrücker Knappschaftsverein zur Verfügung gestellt damit dieser den gesamten Sozialrentnern die Rente erhöhen könnte. Der Knappschaftsverein unter Verwaltung der Franzosen hat das abgelehnt. Es wird wohl nicht mit Unrecht erzählt, daß die Regierungskommission des Saargebiets den Knappschaftsverein zur Ablehnung bestimmt habe. Die Franzosen glauben, daß die Rentenerhöhung durch die deutsche Unterstützung sie allmählich zwingen würde, die Renten allgemein zu erhöhen. Der Handelsausschuß des preußischen Landtags befaßte sich mit dieser Frage. Berichterstatter war der Zentrumsabg. Metzinger, der eingehend die Verhältnisse in Bezug auf die Sozialrentner aus dem Saargebiet beleuchtete. Der Ausschuß nahm auf Grund des Berichtes ohne besondere Aussprache einen Antrag an, worin die Stagtsregierung ersucht wird, darauf hinzuwirken, daß die Sozialrenten im Saargebiet denen im übrigen Deutschland angepaßt werden. Die Zentrumsfraktion des Landesrats für das Saargebiet hat auch im Februar d. J. einen Antrag an Regierungskommission gerichtet, worin gefordert wurde, schnellste Anpassung der Sozialversicherung des Saargebiets an die des übrigen Reiches. Auf diesen Antrag hat der Generalsekretär der Regierungskommission am 11. Juni geantwortet, daß in Bezug auf die Sozialversicherung die Vorarbeiten zur Erhöhung der Leistungen auf sämtlichen Gebieten der Sozialversicherung im Gange sind. Auf dem Gebiete der Krankenversicherung seien diese Vorarbeiten schon soweit gediehen, daß die Angelegenheit bereits der Vollversammlung der Arbeitskammer des Saargebiets vorgelegt sei. Danach ist zu erwarten, daß der Herr Regierungskommissar für Sozialversicherung die erhöhten Beiträge und Leistungen durch einen Erlaß bestimmt. Hoffentlich kommt dieser Erlaß bald. Im Interesse der Sozialversicherung aller Arbeiter und Angestellten des Saargebiets ist die Angelegenheit sehr dringlich. Die Zentrumsfraktion des Reichstags, des preußischen Landtags und des Landesrats für das Saargebiet haben bisher nie versäumt, alle wichtigen Fragen zu geeigneter Zeit und an geeigneter Stelle mit allem Nachdruck vorzubringen und zu vertreten. Soziale Rundschau. Der amerikanische Arbeiter. 41 614 000 Menschen müssen in Amerika arbeiten, um leben zu können. Ein Ernährer, der eins vierköpfige Familie ernähren muß, benötigt nach amtlichen Angaben für eine einfache(amerikanische) Lebensweise ein Stundeneinkommen von 60 Cent gleich 2,40 Mark. Diesen Lohn erhalten aber 50 Prozent der Arbeiter nicht. Trotzdem gibt es aber auch solche, die pro Stunde 6 Mark, pro Tag 50 Mk. verdienen. Bei Henry Ford ist der Mindesttagelohn 6 Dollar. Eine Sozialversicherung gibt es in Amerika kaum. Da muß rechtzeitig zum Sparen geschritten werden. Das ist aber bei diesen Löhnen auch möglich. Sozialpolitik. Die geldliche Seite ist durchaus trübe. Schon jetzt weist der für 1926 vorgesehene Etat ein Minus von 25 Millionen Rubel auf. Der Zentralrat der Gewerkschaften führt dieses auf die zu hohen Geschäftskosten zurück, die stark 20 Prozent des Budgets ausmachen. Am 1. Mai betrug die Zahl der Arbeitslosen 11 Millionen. Diese Zustände sind keinesfalls geeignet, die kommunistische Agitation für besonders glaubwürdig zu halten. 1 in 2 si § g & in g I U E fi 0 in 1 il W li se ko 2 er A gi ih 2 9 te ru ur P sie or Ki „k „S ein br de W kre un de D we de mi Un La rit all tal jet all bei Ae äu syr mi An der der lich mi Lel Der Anglokatholizismus und seine Gegenwartsprobleme. Von Dr. Karl Arns. England hat in den letzten Jahren eine„Revolution“ durchgemacht, die wir in ihrer ganzen Intensität noch nicht begreifen können. Auf geistigem Gebiete springt vor allem die religiöse Zersetzung in die Augen. Die strenge Sonntagsheiligung geht immer mehr zurück. Der religiöse Charakter der Erziehung ist erheblich eingeschränkt worden. Die unteren Schichten fangen an, ausgesprochen unkirchlich zu werden. Die religiösen Maßstäbe schwanken. Die Sitten werden entpuritanisiert. Die religiösen Traditionen und Bedürfnisse sind inhaltsleerer und unwahrer geworden. Die Modernisten sind innerhalb der Staats= oder anglikanischen Kirche(der Ausdruck„Hochkirche“ ist eine deutsche Gedankenlosigkeit!) so stark und einflußreich geworden, daß wir sie als dritte Hauptpartie neben der Low=Church=Partei oder evangelische Richtung und die High Church oder hochkirchliche Richtung stellen können. Sie sind unter den anglikanischen Bischöfen stärker vertreten als die Hochkirchler; sie haben in den letzten Jahren die meisten theologischen Werke geschrieben; viele ihrer Geistlichen leugnen die Grundlage des Christentums, die Gottheit Ehristi, und andere Dogmen. Wenn es sich um die Gottheit Christi und andere Wunder handelt, zitieren sie die offiziellen Glaubensbekenntnisse mit„Mentalreservationen"; sie finden sich damit ab, den Gottesdienst in der vom„Book of Common Prayer“ vorgeschriebenen Weise abzuhalten. Die Evangelischen vertreten das puritanische Element innerhalb der Staatskirche; weniger die sichtbare als die unsichtbare Kirche schwebt ihnen vor; die Hauptsache ist ihnen die Rechtfertigung durch den Glauben; sie verwerfen nach Möglichkeit alles Zeremonielle, alles Katholisierende, schon um die Person des Priesters nicht zu sehr hervortreten zu lassen; sie sind die orthodoxen Anglikaner, wenn man ihre Stellung an dem Maßstabe der Lehrformulare der Kirche, der 39 Artikel, prüft, vor allem erkennen sie als Sakramente nur die Taufe und das Abendmahl an. Die Hochkirchler oder Anglokatholiken hingegen legen großen Wert auf das geschichtlich Gewordene, wahren ihre Autorität in Lehre und Disziplin und betonen die Bedeutung aller Sakramente und Riten. Sie haben die Ohrenbeichte, Mönchs= und Nonnenklöster, Bruderschaften aller Art, religiöse Exerzitien in halb klösterlicher Zurückgezogenheit wieder eingeführt. Sie feiern Marienund Heiligentage und beten im Gottesdienst für den Papst als den ältesten Bischof der Christenheit. Aber sie verwerfen die päpstliche Unfehlbarkeit. Die orientalischorthodoxe, die römisch=katholische und die anglikanische Kirche sind nach ihrer Ueberzeugung nur drei Zweige der „katholischen Kirche"; sie nennen sie daher mit Vorliebe „Katholiken"; ihre Zweigtheorie behauptet, daß, wo sich ein katholisches Glaubensbekenntnis, eine ununterbrochene apostolische Nachfolge und die Sakramente finden, da sei ein lebendiger Zweig der Kirche Christi. Was sie über die Messe, die Mutter Gottes und die Sakramente lehren, haben sie vom römischen Katholizismus und nicht aus den Formularien der eigenen Kirche, d. h. den 39 Artikeln und dem„Prayer Book“. Der Anglokatholizismus ist der Erbe des 1883 in Oxford geborenen Traktarianismus, der Oxforder Bewegung, welche die Herausarbeitung und Befestigung der katholischen Prinzipien innerhalb des Anglikanismus zum Ziele hatte. Diese wanderte später von der Universität fort in die Pfarrhäuser der Städte und des Landes; die rein akademische Bewegung wurde zu einer ritualischen. Die Ritualisten übertrugen nach und nach alle liturgischen und Frömmigkeitsformen des kontinentalen Katholizismus in die englische Kirche. Sie haben jetzt fast restlos die Liturgie der katholischen Kirche mit allen heute gebräuchlichen Formen übernommen. Sie betonen aber, daß es sich weniger darum handelt, Aeußerlichkeiten nachzuahmen als vielmehr durch die äußeren Formen Zeugnis abzulegen von dem durch sie symbolisierten Glauben. 5000 Geistliche symphatisieren mit dem Anglokatholizismus, etwa ein Viertel der Anglikaner, die übrigens bedeutend weniger als 15 Proz. der Bevölkerung ausmachen, sind Anglokatholiken. Daß der Anglokatholizismus in den letzten Jahren so erheblich an Zahl und Einfluß zugenommen hat, hängt damit zusammen, daß neben der Auflösung des kirchlichen Lebens eine Renaissance des Glaubens überhaupt läuft. Noch nie haben in England die Tore allen mystischen Richtungen so weit offen gestanden wie in unseren Tagen. Katholische Mystiker werden neu interpretiert und herausgegeben. Die alte Legende vom hl Franziskus wird literarisch erneuert, um der materialistischen Gegenwart ein Vorbild zu geben. Diese mystischen Tendenzen, worunter eine vielfältige Reihe von spiritistischen, psychologischen, metaphysischen, ethischen, religiösen Spekulationen zu verstehen ist, hat der Krieg natürlich sehr begünstigt. Das findet in der Literatur seine natürliche Ausprägung. Besonders das Drama ist jetzt mehr als je darauf bedacht, das Uebernatürliche bewußt herauszustellen, das jenseits menschlicher Erkenntnissphäre Liegende zu betonen. Dem Anglokatholizismus redet Sheila=Kaye=Smith das Wort in ihrem Roman„The End of the House of Allard“. Hier sagt sie der falschen Aristokratie des Anglokatholizismus Fehde an und empfiehlt die Rückkehr zur wahren Demokratie des„Katholizismus“, der eine Verschmelzung sein soll von tiefster Innerlichkeit mit praktischem Realismus, der sich bewußt entfernt von allen Abstraktionen und sich ganz einstellen will auf die Anschauungen und Bedürfnisse des Volkes, in seinem inneren wie äußeren Wesen, der nicht auf Ideen, sondern auf Instinkten beruht und darum den Anspruch auf Unvergänglichkeit macht. Der Roman ist aber nicht ein rein religiöser Roman; es ist vielmehr ein ir den Kreisen der landbesitzenden„Gentry“ sich bewegenden Heimatroman, in dem die Dichterin ihre bodenreformatorischen Ideen mit religiösen Gedankengängen verbindet. Mit dem Anglokatholizismus befaßt sich Sheila=Kaye=Smith auch in einem halb gelehrten Werke:„Anglo=Catholicismus"(London 1925). Daß die Wirkungen des Anglokatholizismus sogar in nicht anglokatholischen Kirchen sichtbar sind, ist für sie sein größter Triumph; die Wiederherstellung des religiösen Lebens im Anglikanismus erachtet sie als eine Großtat der Catholic Revival, als den sichersten Beweis dafür, daß die Bewegung vom heiligen Geiste inspiriert ist: Sie sieht den Anglokatholizismus nun fest verankert in der anglikanischen Kirche und nicht mehr nur in der Defensive stehend; wie die weitaus meisten Anglokatholiken wünscht sie nicht den Austritt aus der anglikanischen Kirche, die für sie trotz aller Fehler und Mißgriffe die wahre„katholische Kirche“ bleibt. Dem Anglokatholizismus weist sie die besondere Aufgabe zu, der anglikanischen Kirche zu all dem zu verhelfen, was sie verloren habe, einen Kompromiß der anglikanischen Kirche mit dem Pan=Protestantismus zu verhindern und die katholisierenden Tendenzen der vielen Sekten friedlich zu fördern. Der anglikanischen Kirche schreibt sie die Aufgabe zu, dem englischen Volke das sakramentale Leben zu vermitteln und die Christenheit zu einigen, wozu sie dank ihrer Lebensfreiheit, ihrem umfassenden Charakter, ihrer politischen und geographischen Lage besonders berufen sei. Der orthodoren Kirche des Östens steht sie nahe, weil auch sie einen nicht päpstlichen Katholizismus verfechte, dem Westen fühlt sie sich verbunden durch gemeinsame Bande der Sitte und des Temperamentes. Die Hoffnung auf eine, wenn auch noch so lose, Vereinigung mit dem Osten sei zur Zeit größer als die Hoffnung auf eine Verbindung mit dem Westen. Aber sie erteilte den Hoffnungen Roms auf eine Verbindung der anglikanischen Kirche mit der römisch=katholischen Kirche keine endgültige Absage; denn sie gibt die Möglichkeit zu, daß der Ruf„Papisterei"(popery), der in den 60er und 70er Jahren wesentlich rituelle und zeremonielle Bedeutung gehabt habe und heute Marienverehrung und besonders liturgische Andachten vor dem im Tabernakel aufbewahrten Altarssakramente bedeute, eines Tages wirklich das bedeuten werde, was er besage. Und wenn man dem anglikanischen Kleriker Darwell Stone(„De Faith of an English Catholic“. London 1926) glauben darf, so gibt es unter den heutigen Anglokatholiken zwar wenige, welche in der anglikanischen Kirche verbleiben, trotzdem sie die päpstliche Unfehlbarkeit anerkennen, nur einige, welche, wie die Traktarianer, dieses Dogma gänzlich leugnen, aber viele, welche dem Papste vom geschichtlichen Standpunkte aus einen Primat zugestehen, und unter diesen vielen sogar manche, welche diesem Primat göttliches Recht oder göttliche Autorität zuschreiben. Im Gegensatz zu SheilaKaye=Smith nimmt Stone an, daß zur Zeit wahrscheinlich die meisten Anglokatholiken die Aussichten auf eine Wiedervereinigung mit Rom unter päpstlichem Primat für hoffnungsvoller halten als die Aussichten auf eine Vereinigung mit dem Östen. Als Endziel schwebt Stone, wie allen Anglokatholiken, auch denjenigen, welche mehr mit dem Östen sympathisieren, die Vereinigung aller Katholiken, des Östens wie des Westens, vor und als ideales Höchstziel die Aufnahme aller anderen christlichen Gemeinschaften. Aber er verlangt Opfer von allen Seiten, also auch von der römischkatholischen Kirche, und wenn er hiermit die Preisgabe des Unfehlbarkeitsdogmas meint, dessen Anerkennung durch den Anglokatholizismus Sheila=Kaye=Smith wenigstens in eine, wenn auch noch so ferne Aussicht stellt, dann wird Stones Ideal eine Utovie bleiben müssen. Die römisch=katholische Kirche muß auch vom Anglokatholizismus die Anerkennung der päpstlichen Oberhoheit verlangen, wenn sie sich nicht selbst aufgeben will; die Orientalen fordern einen autoritativen Widerruf des protestantischen Irrtums in den 39 Artikeln, der nur durch das Parlament geschehen könnte. Mit der Erfüllung der einen wie der anderen Forderung durch die „Hochkirche“ ist in absehbarer Zeit kaum zu rechnen. Zudem wird jeder Einigungsversuch erschwert oder gar unmöglich gemacht durch die einander widersprechenden Tendenzen innerhalb der Staatskirche, die praktisch schon keine Einheit mehr ist und als eine Verbindung von katholischer Organisation und katholischem Geiste mit protestantischem Dogma eine echt englische Kompromißbildung darstellt. Zu seinem 10. Todestag. Von Dr. G. Tilenius. Am 20. Juli 1926 sind es zehn Jahre her, daß Reinhard Johannes Sorge auf dem Schlachtfeld in Frankreich gefallen ist. Eine große Hoffnung wurde damit vernichtet, ein starkes, begnadetes Leben, das ein Ringen um Höchstes bedeutete und daher zur Führerschaft der jungen deutschen, expressionistischen Dichtung berufen war. Am 29. Januar 1892 ist Sorge als Sohn des protestantischen Stadtbauinspektors Max Sorge in Berlin=Rixdorf geboren. Er besuchte das Gymnasium mußte es aber frühzeitig aufgeben, da der Irrsinn des Vaters Not über die Familie brachte. Die Lehrlingsschaft in einem Eisengeschäft und späterhin in einer Bank, konnten ihn natürlich nicht befriedigen. So kehrte er schließlich zur Schule zurück, die er mit der Oberprimareise endgültig verließ. Um schnell Geld zu verdienen, sollte er Schauspieler werden. Doch die Annahme seines genialen, mit 19 Jahren geschriebenen und mit dem Kleistpreis ausgezeichneten Dramas„Der Bettler“ durch den Verlag S. Fischer, entschied über sein zukünftiges Schicksal. Er lebte von da an nur seinem künstlerischen Schaffen. Vor einiger Zeit gab der Verlag Kösel u. Pustet unter dem Titel„Der Jüngling“ den lang erwarteten Sammelband der Frühdichtungen Sorges heraus. Schon hier offenbart sich die tiefe und reine Glut einer gottentflammten, mystischen Seele, die in Rhythmen von tönender, hinreißender Wucht oder voll trunkener, stiller Verzückung das Verhältnis von Gott zum Menschen gestaltet. Es seien nur einige der bedeutendsten herausgegriffen: Guntwar, ein dramatisches, meisterhaftes Bruchstück— Der Antichrist— Die erste Fassung des Bettler— Prometheus.— Hier ringt der inbrünstige Wahrheitssucher noch mit dem Nietzsche'schen Ideal vom Uebermenschen, aber man spürt, daß die furchtbare Spannung eine Lösung finden muß. In Rom machte der Dichter eine tiefgehende religiöse Wandlung durch. Unter dem Eindruck der Erschütterung entsteht— ganz im Geiste Dantes, doch aus eigenem Erleben heraus— der Sang in 12 Gesängen „Mutter der Himmel“, das„Hohelied der Mütterlichen“, ein in Bildern und Sprache gleich kühnes Werk, das an das Echteste und Feinste der Mystik aller Zeiten und Völker zu denken zwingt. Eine zweite italienische Reise vertieft den neu gewonnenen Glauben. Im September 1913 tritt der Dichter mit seiner Frau zum Kaholizismus über. Im Anschluß daran begibt sich das junge Paar nach Flüelen in der Schweiz, wo ihnen, bis zum zweiten Jahre der Weltkriegkatastrophe, eine neue He,mat wird.— Ihren künstlerischen Niederschlag fand die Konversion in dem Bekenntnisdrama„Guntwar“ oder „Die Schule eines Propheten“. In großartigen Gedichten wird der Kampf zwischen Christ und Antichrist aufgerollt. Eine weitere geistige Frucht des entscheidenDer engelgleiche Maler. Von Ludwig Frhr. von Pastor. Nordöstlich von Florenz, unweit Giottos Heimat, wurde in der Nähe des Castello Vicchio im Mugello 1387 Fra Angeliro da Fiesole geboren. Sein Familienname ist unbekannt; man weiß nur, daß sein Vater Pietro hieß. Sein weltlicher Vorname war Guido. Als zwanzigjähriger Jüngling, der sich schon früh im Malen geübt, trat er 1407 gemeinsam mit seinem Bruder in das Dominikanerkloster ein, welches der für die Ordensreform begeisterte Giovanni Dominici ein Jahr zuvor in dem uralten Bergstädtchen Fiesole gegründet hatte. Guido hieß nun Fra Giovanni. Die Beinamen Beato und Angelico hat ihm erst die dankbare Nachwelt gegeben. Sein Noviziat machte er in Cartona. Ob er von dort nach Fiesole zurückkehrte, ist nicht bekannt; jedenfalls blieb er hier nicht lange, denn die Dominikaner mußten Fiesole infolge ihrer Anhänglichkeit an den rechtmäßigen Papst Gregor XII. verlassen. Sie wandten sich zunächst nach Fologno, fünf Jahre später wegen der Pest nach Cortona, wo sie bis 1418 blieben. Darauf kehrten sie nach Fiesole zurück. Volle achtzehn Jahre hat der Meister dann in dem dortigen, prächtig gelegenen Kloster zugebracht. Dieser Zeit entstammt die jetzt in S. Marco aufbewahrte della Stella", ein liebliches Miniaturbild. Nach Höherem strebend, rang sich Fra Angelico bald von dieser Kreinmalerei los, wenn auch nicht sofort mit durchschlagenvem Erfolg. Dies zeigt ein Blick auf den durch seine holdseligen Engelsfiguren weltbekannten Flügelaltar, den er 1433 für die Genossenschaft der Flachshändler zu Florenz malte. Als Fünfzigjähriger siedelte Fiesole im Jahre 14: nach dem Kloster S. Marco in Florenz über. Hier b gann der gottbegnadete Künstler, der bisher vorwieger der Tafelmalerei gelebt, alsbald das Kloster mit Fre ken auszuschmücken, die dessen bescheidenen Räumen eine Weltruhm verschafft haben. Fiesoles Stil wird jet monumentaler, sein Vortrag breiter und dramatische zeine F. uren lebendiger. Der Einfluß der Stadt, der Masaccio, Ghiberti und Donatello wirkten, ist un perkennbar In den unteren Gängen von S. Mard stellte Fiesole seinen Klostergenossen eine Anzahl vo Vorbildern aus ihrem Orden vor Augen. Die Türli nette der Pilgerherberge schmückte er mit einem überau Christus selbst kommt als Go erstab und Hut, zwei Dominikaner erfassen yerzlichem Willkomm Hand und Arm des Herrn. Wigensten hat Fiesole in auffallender Wei Christi bevorzugt; namentlich wir ude, die Szene der Kreuzigung„mit de mannigfaltigsten Wechsel des Ansdrucks und der myst schen Beziehungen darzustellen. Der Einfluß der Krei zesmystik der hl. Catarina von Siena wird hier deu lich sichtbar; die Ideen der von den Dominikanern hochverehrten Seherin bringt Fiesole ergreifend zum Ausdruck. Ein Bild kehrt unter den Fresken von S. Marco zweimal wieder: der am Kreuze sterbende Heiland, zu dessen Füßen der hl. Dominikus kniet. Der große Ordensstifter umfaßt mit beiden Händen den vom Blute des Heilandes geröteten Kreuzesstamm; der sterbende Gottmensch wirft ihm einen Blick von unbeschreiblicher Milde und Erbarmung zu, den Dominikus mit einer Innigkeit erwidert, die jedem Beschauer unvergeßlich bleiben wird. Den der Idee des Opfers so sehr entsprechenden Ausdruck der Milde und Hingebung hat Fiesole auch in vielen andern Darstellungen Christi bevorzugt; selbst wenn er den Heiland als Weltrichter das „Weichet von mir, ihr Verfluchten!" aussprechen läßt, gibt er seinem Antlitz einen Zug des Mitleids und der Trauer. Aber auch die Majestät des Herrn versteht Fiesole in bisher unerreichter Weise darzustellen, so namentlich in der Verklärung auf dem Tabor, wo Christus in übermenschlicher Größe, die Arme in Kreuzesform weit ausstreckend, wie eine himmlische Vision mit gebieterischer Hoheit den Beschauer gefangen nimmt. Ebenso erstrahlt auf der in einer anderen Zelle von S. Marco überaus eigenartig und wirkungsvoll dargestellten Verspottung des Herrn Christi königliche Würde. Die mächtigste Schöpfung des Meisters aber ist das Fresko der Kreuzigung im Kapitelssaal von S. Marco, an Größe der Komposition wohl mit Raffaels Disputa zu vergleichen. Wie dort, so sind es auch hier die großen Lehrer und Heiligen der Kirche, Vertreter aller Jahrhunderte, die an dem unergründlichen Geheimnis Anteil nehmen. Aus ihren Blicken und Gebärden liest der Beschauer den erschütternden Eindruck, den der Tod des Weltheilandes auf die Freunde des heiligen Kreuzes ausgeübt hat. Tiefer Schmerz, heiliges Entzücken, hingebende Liebe, felsenfeste Hoffnung, dankbare Bewunderung sind in diesen herrlichen Erscheinungen zu lebendigem Kontrast ausgeprägt, aber maßvoll, ohne laute Gebärden, denn über allen thront, Barmherzigkeit und Trost darreichend, der Erlöser. Derselbe Meister, der so Großartiges zu gestalten vermochte, weiß anderseits namentlich in seinen Engeln und seinen Darstellungen aus dem Leben Mariä holdselige Milde und Lieblichkeit in zartester Weise auszudrücken. Die himmlische Reinheit und kindliche Herzenseinfalt, die Demut und der Gehorsam der Gottesmutter sind wohl nie inniger und frommer gemalt worden. Es ruht ein eigener Zauber auf dem, was Fiesole geschaffen hat. Alles ist einfach und klar, edel und ungesucht. Da der Meister vor allem die Regungen des Seelenlebens schildern will, bietet er seine ganze Kunst auf, wenn er den Spiegel der Seele, das Antlitz, darstellt. Aber es ist keine natürliche, sondern eine überirdische Schönheit, die in seinen Köpfen zum Ausdruck gelangt. Auf Durchbildung der Körperformen im Gewande legt Fiesole kein Gewicht; seine schlanken Gestalten sind wie durchsichtig hingehaucht, ganz vergeistigt und verklärt. Dem entspricht durchaus die zarte, harmonische Farbengebung, deren sanften Zauber keine Beschreibung auch nur annähernd zu schildern vermag. Für den Gesamteindruck sind diese duftigen, reinen und lichten Töne von wesentlicher Bedeutung: sie eignen sich vorzüglich für die himmlischen Gestalten, die Fiesoles Phantasie ganz erfüllten. Nie wollte er, wie Vasari erzählt, anderes als Heiliges malen. Oft sagte er: wer diese Kunst übe, müsse in Ruhe und ohne weltliche Gedanken leben; wer Christi Werke darstelle, müsse stets mit Christus zusammen sein. Wie sehr das ganze Denken und Fühlen des Meisters in der Betrachtung der Werke Christi aufging, zeigt die hinreißende Ergriffenheit im Gesichtsausdruck seiner Gestalten. Da ist nichts Gemachtes, Erkünsteltes, alles ist erlebt, alles ungesucht und wie von selbst gekommen. Kein künstlicher Aufschwung war nötig, um sich in die entsprechende Stimmung erst hineinzuversetzen; das Bild ist der lebendige, wahre Ausdruck des tiefsten eigenen Denkens und Fühlens. Indem die Malereien die in die erhabensten Geheimnisse des Christentums ganz und ausschließlich versenkte Seele Fiesoles widerspiegeln, wirken sie fast wie eine überirdische Erscheinung; es sind Gebete in Farben. Ein Dichterleben im alten Rom. Von Geh.=Rat Prof. Dr. Th Birt. Wir entnehmen diese launige Schilderung dem soeben neu erschienenen zweibändigen Werke„Horaz' Lieder" des Verfassers. Der erste Band„Horaz' Lieder und römisches Leben" stellt den Dichter und seine Kunst mitten hinein in den Boden, au dem seine Kunst wuchs.(Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig.) Horaz, der Odendichter, wie sah er aus? Gibt es kein Bild von ihm? Er hat sich leider nicht malen lassen, setzte noch nicht sein Porträt vor seine Werke, wie unsere Dichter Hinz und Kunz es tun. Es wurde in Wachs bossiert, aber schlecht, und er wehrt sich dagegen. Was wir aber von ihm hören, wirkt zunächst enttäuschend: eine muntere Seele, kregel und lebenslustig: nichts Schwärmerisches; dabei klein und untersetzt wie ein bauchiger Krug auf zwei Beinen; gar kein Römer, mutmaßlich Griechenblut und Emporkömmling, als junger Mensch isoliert, da ohne alle Geschwister und Vetternschaft, dazu unbeweibt, hartnäckigster Junggesell, aber nun doch von bester großstädtischer Erziehung und darum guter Gesellschafter, kordial und lachlustig, aber auch oft bissig sarkastisch und daher, kaum hatte man einige Spottverse und auch lyrische Versuche von ihm gelesen, in den höheren Kreisen gern gesehen, ja carressiert, geliebt, und gefürchtet. Das zu sehen, ist erstamnlich genug. Rom den Schrittes ist die grandiose, von apokalyptischem Geist erfüllte Vision„Gericht über Zarathustra“, in der sich der Jünger mit flammendem Protest gegen die Lehren seines Meisters wendet. Immer mehr drängte es Reinhard Johannes Sorge zu objektiven, rein symbolischen Gestaltungen. Aus diesem Verlangen heraus erwächst sein schönstes, von franziskanischer Inbrunst durchglühtes Werk„Metanoeite". Hier bannt er die großen Geheimnisse: Mariä Empfängnis und Heimsuchung, des Heilands Geburt, die Darstellung Jesu und sein Wiederfinden im Tempel, in die singende klingende Form dreier Mysterienspiele. In denselben Bahnen bewegen sich die dialogischen Dichtungen„Mystische Zwiesprache", eine wahrhaft von Schauern der Mystik überflogene Zwiesprache, ein Ringen mit und um Gott. Glut und Größe ist in diesen gewaltigen, der Psalmen= und Prophetensprache angepaßten Versen, in denen Adam und Eva vom Fluch und der Verheißung Gottes, Isaak von seinem Opferwillen zu Abraham sprechen, in denen Moses Loblied zu Gott ertönt und Weisheit von den Lippen Metusalems träuft. Karl Muth, der Herausgeber des„Hochland", der, unterstützt von Frau Susanne Sorge, sich mit Liebe und Eifer für den geistigen Nachlaß des Dichters einsetzte, sagt in seiner biographischen Einführung zu der Dichtung„Mutter der Himmel“: „Sorge war eine von tiefer Leidenschaft des schöpferisch begabten Menschen erfüllte Natur. Einzig in unseren Tagen stand er da, als der ganz inbrünstige, seiner inneren Welt rückhaltlos und unbedingt hingegebene Mensch, der sich mit mystischer Glaubensinbrunst der poetischen Ausdeutung der christlichen Geheimnisse und Offenbarungstatsachen als dem eigentlichen Ziel seines unbedingten Strebens zuwendet.— Wenn je einer, so hat er sein Sterben als ein Opfer empfunden nach den wundervollen Worten, womit der 11. Gesang von„Mutter der Himmel“ beginnt: So ist es, daß man all sein Wesen hingibt, Sich opfert, um die Reinigung zu vollenden, Und so durch Bluten an den eigenen Händen Zu fliehn zum Schöpfer, der das Opfer liebt Um Seinetwillen, wie Er Sich gegeben, Und der Sein Gut durch Opfer nur verheißt, Und gab in Opferung der Welt das Leben.“ Dichter und Dichtkunst in der Gedankenwelt des Orients. Gesammelt von Curt Reinhard Dietz. Gott hat Schätze unter seinem Throne; die Schlü dazu sind die Zungen der Dichter.(Mohammed. Durch die Dichtkunst ist der Verkehr der Liebenden edler und sind die Herzen trotziger Krieger weich geworden. Dichtkunst begann, sobald Himmel und Erde geschaffen waren.(Tsuraguki, 882—946; Japan.) * Erhaben ist der Dichtkunst Würde Und sie besiegt das Erdenrund. (Hafis, † 1389; Persien.) Viel sind Taucher im Meere der Dichtkunst, Allein von Tausenden einer nur findet die Perle. (Saadi, 1184—1291; Persien.) In der Brust des Dichters sind alle Schätze der Welt verborgen: seine Zunge ist der Schlüssel hierzu. (Scheich Nasami; Türkei.) * Die Dichter sind des Wortes Fürsten. (Nasami aus Gendsch, † 1180; Persien.) Literatur. Die Verfassung des Freistaates Preußen in ihren Grundzügen dargestellt. Von Gerichtsassessor a. D. Dr. jur. Hans Laut, Direktor bei der Stadtverwaltung Köln. Staatsbürgerbibliethek. Heft 131/132. 1,20 M. M. Bladbach 1926, Volksvereinsverlag, G. m. J. H. Was leider von der deutschen Reichsverfassung gesagt werden muß, daß nämlich die Kenntnis ihrer Bestimmungen nur in geringem Umfange in das deutsche Volk gedrungen ist, diese bedauerliche Tatsache gilt in noch weit größerem Maße für die preußischen Staatsangehörigen hinsichtlich der Verfassung des Freistaates Preußen. Und doch muß es heute die vornehmste Aufgabe jedes Bürgers sein, sich über die ihm nach der Verfassung zustehenden Rechte und die ihm obliegenden Pflichten genau zu unterrichten. Dazu verhilft die vorliegende Schrift. war noch so arm an guten Versen; Horaz schien sogleich ein köstlicher Kerl, eine Preziose, als man die wenigen Federstriche von ihm gelesen; es ging ihm damit ganz so wie dem Vergil, und Mäcen, der Aesthet, der schlemmerhafte Mäcen wurde des Horaz' Gönner. Es lohnte sich, mit Mäcen auf du und du zu stehen; die beiden Männer wurden wie zwei Hälften einer Seele. Pflichtenlosigkeit war dieses Mannes Programm, aber auch Veredlung der Muße. Er schnitzelte selbst gelegentlich seinen Vers; es war das affektierteste Zeug. Aber er war von vornehmer Bescheidenheit und pflegte die Dichttunst viel mehr, indem er die Dichter pflegte, die vor ihm auftauchten. Er hatte einen sicheren Blick für das echte Talent und schenkte dem Verarmten nicht nur Geld und Gut, sondern auch Freundschaft. Horaz aber machte sich rar, und das war klug. Sein bäuerliches Landgut war sein Buen retiro(man hat es neuerdings wieder aufgefunden). Da lebte er sich fest. Aber auch andere schöne Plätze lockten ihn, und die meisten seiner Oden sind sommerlich in ländlicher Stille gedichtet. Pflastertreter Roms war er nur im Winter, wo er dann seine gesellschaftlichen Talente spielen ließ. Die vornehmsten Häuser öffneten sich ihm. Er hat sogar Mäcens junge Gattin, die in seiner Gegenwart sang und tanzte und die er schön und liebreizend fand, besingen dürfen, aber er ist verheirateten Frauen niemals zu nahe getreten. Er stand hoch über dem frivolen Laster, das seine Zeit beherrschte. In dieser gesellschaftlichen Stellung, wie verbrachte Horaz die Tage seines Leben? und wie kamen nun die Oden zustande? Wir merken bald, die Poeterei war nur Nebenwerk. Er lebte; das war die Hauptsache; er lebte als Vollmensch ein gemächliches und doch reiches Leben; denn er las viel und war ein Bewunderer alles Guten und Schönen, was die Griechen gaben. Aber nicht nur das; auf seinem Gut ist er mit Leib und Seele Landbauer gewesen, der mit schmierigen Händen seinen sauren Sabinerwein verpichte. In der Stadt zeitweilig in der Kanzlei der städtischen Verwalzung angestellt, zeigte er sich dagegen grundfaul im Amt(er berichtet es selber schmunzelnd), als ein Tagedieb, der spät aufstand, in den Thermen badete, auf der Gasse herumstrich, in den Frisierbuden den Klatsch auffing, sein Schöppchen zu trinken liebte, aber fast immer nur behaglich zu Zweien, und allerlei Freuden genoß, ohne sich doch je ernstlich die Flügel zu verbrennen. Niemand merkte da wohl, daß er dabei im Stillen doch gelegentlich ein Gedichtlein plante und Versfüße skandierte, ganz sapphische Strophen. Aber die fielen recht spärlich aus; er wollte nur Qualitätsware geben. Im Verlauf von acht Jahren(von 31—23 v. Chr.) kamen nur 88 Oden zustande oder 11 im Jahre und ein Gedicht von ca. 50 Zeilchen kostete also etwa einen Monat. Der ganze Nachlaß des Horaz läßt sich überhaupt auf 240 Seiten abdrucken; das ist noch nicht so viel wie Schillers Wallenstein. Um das herzustellen, war ein Horazleben nötig. ie Deutschen Kompfspiele 1926. berb Köln, 3. Juli. Ueber der alten Rheinstadt liegt Feststimmung. Tausende von Fahnen, vornehmlich weißroten Stadtfarben glühen im Sonnenlicht. Aus allen Ecken und Kanten leuchten die bekannten Kampfspiel=Plakate, sogar die Straßenbahnen stehen im Zeichen des großen Geschehens Ueber allen Jubel und Trubel hinaus reckt sich die Erhabenheit des Deutschen Domes und begrüßt zuerst die von allen Seiten auf die Kampfspiel=Stadt zuströmenden Fremden. Der Hauptbahnhof, schon zu gewöhnlichen Zeiten ein Verkehrsbrennpunkt gewaltigen Ausmaßes, wächst mit den Anforderungen, die an seine Leistungsfähigkeit gestellt werden, ins Gigantische. Der Domplatz ist überflutet von Menschenmassen, die Hohestraße kann in ihrer Enge den Verkehr nicht mehr fassen! Und überall grüßen Fahnen, bilden hinaus zum Stadion eine via Triumphalis Gestern nahm die Stadt=Mannschaft etwas vorweg. Sie spielte im Stadion gegen eine aus Saar=Deutschen gebildete Elf. Man trennte sich 3:1. Dieses Ereignis war aver recht schnell vergessen und heute hielt es fast schwer, das Resultat aufzutreiben. Der Samstag war den Empfängen vorbehalten. Am Abend erhielt der Tag das ihm zustehende Gepräge. Schon frühzeitig schob sich eine unübersehbare Menschenmenge dem Strome zu. Dampfer auf Dampfer und Boot auf Boot füllte sich mit festfrohen Menschen und als die Dunkelheit anbrach, leuchteten— erst hier und dort, dann immer zahlreicher— Lampions in allen Farben auf. Mit fortschreitender Dunkelheit wurden auf dem Wasser und an beiden Ufern die Lichter immer zahlreicher. Die hochgehenden Wellen des Stromes warfen die Reflexe zurück und unter schmetternder Musik tauchte die Spitze des Fackelzuges an der Hohenzollernbrücke auf. Unendlich lang bewegte sich der Zug, über die Brücke auf der rechten Rheinseite, über die Hängebrücke. Ueberall, in der Stadt, am Strom und auf dem Wasser löste sich die Begeisterung zu einer erschütternden Kundgebung aus: Deutsche aus allen Landen, Deutsche aller Gesinnungen und Arten einten sich am Deutschen Strome zu einem Großen— und seitab reckte der deutsche Dom, zwei mächtigen Schwurfingern gleich, seine grauen Türme gegen den Himmel. Die Türme der Brücke opalisierten in tausend Lichtern, Feuerkaskaden ergossen sich vom mittleren Bogen in die aufgeregten Fluten des Stromes, und aus allen Richtungen kreuzten sich Grüße und deutsche Lieder, Wunsch und Wille, lange Zeit Zurückgehaltenes, sang, klang, Wucht, Größe und Liebe einten sich zu einem Deutschen Abend an den Ufern des Rheines. Während in Essen und Rheydt die Zwischenrunde um den Deutschen Kampfspiel=Pokal die Süddeutschen und Westdeutschen zum Kampfspiel ermittelte, traf man sich auf der Regatta=Strecke in Marienburg zu den Vorrennen der Ruder=Regatta. Für den Endkampf qualifizierten sich für den Achter: Kölner Ruderges. 1891, Kölner Ruderklub für Wassersport, Berliner Ruderklub und Ruderges. Hansa Hamburg; im Doppel=Zweier ohne Steuermann: Gebr. Scheben=Godesberg, Flessel=Loser, Winking=Linz, Donau; Penner=Rutkowski, Hamburg, Mutschler, Worms; im Einer: Walter Flinsch, Frankfurt, Rutkowski, Hamburg, Leux, Frankfurt, Loser, Linz; im Vierer ohne Steuermann: Kölner Ruderges. 1891, Mainzer R. V., Berliner R. C. und Rendsburger R. V. Im Zweier=Kajak wurden zwei Vorläufe ausgetragen, aus denen der Eimsbütteler T. V. Hamburg und der Mainzer Kanu=Verein siegreich hervorgingen. Der Sonntag. Der Sonntag, einer der beiden Höhepunkte im gesamten Kampfspielprogramm, begann mit Fen=Gottesdiensten. Aber auch der Sport kam schon sehr früh zu seinem Recht. Die Einleitung bildeten hier Golfspiele auf dem Marienburger Platz. Auf der Regatta=Strecke in Marienburg wurden die Kanu=Rennen ausgefahren. Leider mußte der Kölner Klub für Luftfahrt die BallonWettfahrt, der ein Verfolgungsrennen angegliedert werden sollte, wegen der widrigen Windverhältnisse absagen. Ob die Veranstaltung noch im Rahmen der Kampfspiele möglich sein wird, muß abgewartet werden. Gegen Mittag setzte ziemlich starker Regen ein, und man glaubte schon, die ganze Veranstaltung ins Wasser fallen zu sehen. Aber der Wettergott hatte ein Einsehen. Nur hin und wieder mäßigte er die Schwüle, die drückend auf allem lastete, durch kleine Schauer, die dem Ganzen keinen Schaden bereiteten. Am Hauptbahnhof u. im Stadtzentrum steigerte sich der Verkehr ins Fabelhafte, und als die Wanderung zum Stadion anfing, wurde dieser Verkehr reibungslos bewältigt. Und hier trafen sich Tausende zu einem großen Erleben. Die Eröffnungsfeierlichkeiten bildeten ein Ereignis, wie es selbst ein Stadt wie Köln sicherlich noch nicht oft erlebt hat. Das wundervolle Oval der Hauptkampfbahn war mit Fahnen aller deutschen Länder geschmückt, und wenn auch die Sonne fortblieb, so war das Bild doch so farbenprächtig, daß man sie nicht vermißte. Immer mehr füllte sich der große Raum, und als pünktlich um 2,30 Uhr der Einmarsch begann, waren vielleicht 20000 Menschen Zeugen dieses feierlichen, dieses unvergeßlichen Bildes. Nach den Klängen einer großen Musikkapelle betrat zuerst eine Abordnung des Reichsausschusses für Leibesübungen, die Berliner Hochschule, die Kampfstätte. Vorangetragen wurde das Banner des Reichsausschusses. Das war der gegebene Augenblick für die Photographen und Kino=Operateure. Brausend stieg der Jubel empor, als die Sportler der Hochschule an der Tribüne vorbeischritten, und immer weiter steigerte sich die Begeisterung und riß sich selbst empor, als die Abordnungen unserer geraubten Gebiete, Danzig, das Saargebiet, Oberschlesien, Deutsch=Böhmen, Siebenbürgen nud das uns vorenthaltene Deutsch=Oesterreich vorbeidefilierten. Besonders herzlich wurden die DeutschOesterreicher und die Danziger begrüßt. Dann folgte der Deutsche Fußballbund, der durch Sportler des W. S. V. vertreten war. Besonders zahlreich war der V. f. R. Köln, Schwarz=Weiß Essen, Turu Düsseldorf, der Rheydter S. V., der Kölner B. C. und der Duisburger S. V. vertreten. Flugzeuge kreisten in der Luft, als die Leichtathleten im Stillauf einrückten. Hier war der Kölner B. C. sehr stark vertreten. Dann kam der Fahnenwald der Deutschen Turnerschaft, voran das Banner. Auch hier wieder begeisterte Hochrufe, als 150 Fahnen vor den Anwesenden vorübergetragen wurden. Es mögen wohl 2000 Turner, Fechterinnen und Fechter, sowie noch 500 Turnerinnen gewesen sein. Dann folgten die Banner des Deutschen Schwimmverbandes, der Deutschen Jugendkraft, des Eichenkreuz=Verbandes, des Deutschen Hockey=Bundes, des Deutschen Fechter=Bundes. Zuletzt kam der A. S. V. 1891 mit zahlreichen Standarten. Beim Einzug der Amateur=Boxer zuckten grelle Blitze über den Himmel. Die Schützenvereine der besetzten Gebiete schritten dem Deutschen Schützen=Bunde vorauf. Es folgte der Bund Deutscher Radfahrer, die D. R. B. und der Deutsche Kanu=Verband. Allen Anwesenden wird neben dem Einzug auch das gewaltige Bild der Aufstellung unvergeßlich bleiben. Tausende von Deutschen, tausende von Fahnen, und seitlich sang ein Knaben=Massenchor, begleitet von Posaunen:„Was ist des Deutschen Vaterland?" Beim Schlusse des Liedes stieg gewaltiger Applaus aus dem Oval empor, und als der Chor ein Rheinlied sang, da kannte der Jubel keine Grenzen. Dann ergriff Herr Oberbürgermeister Dr. h. c. Adenauer das Wort zur Begrüßung. In erster Linie galt sein Gruß, der durch Lautsprecher vermittelt wurde, den Brüdern in den abgetretenen und besetzten Gebieten. Besonders erwähnt er Deutsch=Oesterreich. In der Riesenarena erneuerte Jugend den Schwur ewiger Vaterlandstreue und Liebe zur Heimat. Ungemessene steigerte sich das Erleben, als das Deutschland=Lied emporbrandete. So etwas hat der deutsche Rhein noch nicht erlebt, und tausende von Fahnen senkten sich im stillen Andenken, um der toten Brüder zu gedenken. Die Haupt=Ereignisse: das Entscheidungsspiel der Fußballer um den Kampfspiel=Pokal, die Vorrundenspiele der Hockeyspieler, die Kanu= und Ruder=Regatta auf dem Rhein, wurden umrahmt von turnerischen Veranstaltungen. Um 4 Uhr trat der Gau Rheinland des Turnkreises 8b an 18 Barren zu einem Gemein=Turnen der Frauen an. Die Oberleitung lag in den Händen der Oberturnlehrerin Frl. Horstmann. In anschaulicher Weise demonstrierten die Damen was Uebung und Ausdauer zu erreichen vermag. Daran anschließend folgte ein Gemein=Turnen der Männer des Turnkreises 8b an 36 Barren, dessen Leitung Kreisturnwart Franz übernommen hatte. Auch hier sah man wunderbare turnerische Leistungen, deren Eindruck noch erhöht wurde, durch die gleichzeitig an 36 Barren gemeinsam vorgeführten Uebungen. Nachdem auch dieser turnerische Leckerbissen vorüber war, traten die Turnerinnen unter der Führung des Kreisturnwarts Ring zu allgemeinen Freiübungen an. Auch hier war der Eindruck überwältigend; sie dürften der Leibesübung manchen neuen Freund und Gönner zugeführt haben. Als Abschluß der turnerischen Veranstaltung, gleichzeitig aber auch der Höhepunkt turnerischen Könnens führte der Oberturnwart der Deutschen Turnerschaft Kunath die Turner zum Kürturnen am Reck. Wundervolle Uebungen wurden geboten, wobei einer den anderen zu übertreffen versuchte. Insgesamt gaben die turnerischen Vorführungen ein anschauliches Bild darüber, auf welch hoher Stufe das deutsche Turnen sich zur Zeit befindet. Der Abend war ausgefüllt von den Begrüßungs=Feierlichkeiten der einzelnen Verbände. Um 8 Uhr stieg der Begrüßungsabend der Stadt Köln im Gürzenich. Ebenfalls um die gleiche Zeit lud die Deutsche Turnerschaft ihre Mitglieder zu einem Begrüßungsabend in den großen Saal der Kölner Bürgergesellschaft ein. Der Deutsche Fußball=Bund sammelte seine Getreuen im Zoo, während der Deutsche Athletik=Sport=Verband seine Angehörigen im Jagdsaal des Handelshofes begrüßte. Die Fechter feierten im Hochzeitssaal der Bürgergesellschaft ihr Wiedersehen und die Wassersportler fanden sich im Großen Saal der Lese=Gesellschaft zu einem„Rheinischen Abend" zusammen. An allen Orten gelobte man aufs Neue dem Deutschen Sporte Treue, verbunden mit dem Gelöbnis nichts unversucht zu lassen, um aus der Deutschen Jugend ein Geschlecht heranzuziehen, das Deutschland wiedergibt, was es in den letzten schicksalsschweren Jahren einbüßte, womit der 2. Tag der Deutschen Kampfspiele einen würdevollen Abschluß nahm, der allen, die daran teilnahmen, ewig unvergeßlich bleiben wird. Um den Kampfspiel-Pokal. Das Endspiel: Süddeutschland— Westdeutschland 7:2. Köln=Rhein, 4. Juli.(Eigenbericht). Das Endspiel um den Kampfspiel=Pokal gehört der Vergangenheit an.— Das größte Ereignis am Eröffnungstage der 2. Deutschen Kampfpiele ist vorüber. Für den Endkampf hatten sich Süd= und Westdeutschland qualifiziert. Die westdeutsche Elf war vom Spiel am Vortage arg mitgenommen, sodaß sie sich gegen den starken süddeutschen Gegner nicht behaupten konnte. Die Mannschaften traten an folgender Aufstellung an: Westdeutschland. Zolper; Schröder, Sackenheim 1; Müller, Huken, Heine; Pfeifer, Sackenheim, Horn, Lücke, Fiederer; Süddeutschland: Hofmann, Hochgesang, Pöttinger, Dietl, Scherm; Schmidt, Kalb, Kraus; Hagen, Kutkoer; Stuhlfaut. Die Zwischenrunde. Süddeutschland— Norddeutschland 4:2. Essen, 3. Juli. Die Zwischenrundenspiele um den Kampfspielpokal hatte der weise Rat beide ins Rheinland gelegt. Wieder einmal ließ man Westfalen ganz unberücksichtigt, trotzdem gerade zwei neue schöne Kampfbahnen(Münster und Dortmund) ihrer Bestimmung übergeben worden sind. Man scheint an maßgebender Stelle hiervon scheinbar noch keine Notiz genommen zu haben. Die Begegnung, die in Essen im Schwarz=Weiß„Stadion“(!) zwischen Nord= und Süddeutschland stattfand, hatte nicht die Anziehungskraft ausgeübt, die man allseits erwartet hatte. Der Besuch war eigentlich in Anbetracht dessen, daß ein Spiel dieser Gegner in Westdeutschland äußerst selten zum Austrag kommt, schwach. Wir schätzen auf 8—9000 Zuschauer, was für den Ruhrbezirk recht wenig ist. Dortmund, wo man bisher nur unbedeutende Spiele austragen ließ, obwohl der V. f. B.Alem.=Platz nicht viel weniger Zuschauer faßt als Essens Stadion, hätte sicherlich mehr aufgebracht. Westdeutschland— Südostdeutschland 7:3(3:3[1:2)). Rheydt, 3. Juli.(Eig. Drahtb.) Im Stadion des Rheydter Sp. V. standen sich am Samstag, abend bei gutem Wetter vor etwa 8000 Zuschauern Westdeutschland und Südostdeutschland im Bundespokal=Zwischenrundenspiel mit folgenden Mannschaften gegenüber: Westdeutschland: Zolper; Vollbrecht, Richards; Westkämper, Flick, Heitkamp; Fiederer, Lücke, Horn, Sackenheim 2, Pfeiffer. Südostdeutschland: Majunke; Krause, Gregorascheck; Langner, Lehmann, Scholz; Zielsch, Palluschinski, Strcoda, Blaschke, Wolff. -onnon Dortmunder Juli=Rennen. Erster Dag. Abenteurer=Sieger im Großen Preis von Westfalen. Dortmund, 4. Juli. Trotz der anderen großen Veranstaltungen in Dortmund war die Bahn in Wambel gut besucht. Auch der gebotene Sport war hervorragend, und da Außenseiter und Favoriten gewannen, so herrschte die notwendige Rennbahnstimmung. Eine niedliche Ueberraschung brachte Balko, der dem Dortmunder Rennstallbesitzer Otto Schubert gehört, seinen wenigen Anhängern; seine Quote von 295:10 kommt nicht alle Tage vor. eutsche Athletik=Erfolge in London. Zwei erste Siege(Meisterschaften), vier zweite und ein dritter Sieg! Der erste Tag. London, 4. Juli.(Drahtb.) Die internationalen Leichtathletikmeisterschaften von England, die man nach ihrer Besetzung als eine Art Europameisterschaft ansprechen kann, nahmen am Freitag im Stadion von Stamford Bridge bei London mit den Vorkämpfen ihren Anfang. Leider brachte man in England der großen Veranstaltung selbst zu Beginn wenig Interesse entgegen. Die Presse beschränkte sich auf einige kurze Notizen; auch die deutsche Botschaft in London ließ sich erst auf mehrfaches Drängen dazu herbei, die Führer der deutschen Mannschaft zu empfangen. Dies alles wirkte sich natürlich auf den Besuch aus; nur gegen 2000 Zuschauer hatten sich auf der Bahn von Stamford eingefunden, die 50 000 Personen Platz zu bieten vermag. Am zweiten Tag beschäftigten sich die Zeitungen schon eingehender mit der Meisterschaftsveranstaltung, sie priesen u. a. den Stettiner als einen Läufer, wie man ihn in London noch nicht zu sehen bekommen hatte. Der Besuch war sehr gut. Etwa 35—40 000 Personen konnten den deutschen. Teilnehmern zujubeln, die den denkbar besten Eindruck hinterließen. Die Expedition ist für das Deutschtum in England nicht umsonst gewesen, das konnte man deutlich an dem aufrichtigsten Beifall erkennen, den die Tausenden immer wieder den Trägern des deutschen Adlers spendeten. Besonders Dr. Peltzer war Gegenstand spontaner nicht endenwollender Ovationen, als er sich als Erster in die Liste der englischen Meister eintrug. Aber auch Corts, unser Sprintermeister, kam nicht zu kurz. Man kann mit gutem Gewissen behaupten, daß die überraschend guten Leistungen der deutschen Sportsleute unserem Lande hier in London einen großen Dienst erwiesen haben, und sie werden sicher dazu beitragen, daß bei einem neuerlichen Besuch deutscher Sportsleute das Verhalten der Engländer ein ganz anderes sein wird. Einen glänzenderen Auftakt als die Sprintervorläufe über 100 Yards konnten wir uns wirklich nicht wünschen. In jedem Lauf endete der deutsche Vertreter als sicherer Sieger. Büchner=Magdeburg schlug den erst kürzlich in Berlin siegreich gewesenen Neger Theard. KörnigBreslau fertigte den schnellen Norweger Andersen ab und auch Wege=Leipzig, der den Neuseeländer Porritt schlug, sowie Schüller=Krefeld und Corts=Stuttgart gewannen in blendender Manier. Erst im sechsten und letzten Vorlauf konnten die Engländer ihren Landsmann, den Neger London durchbringen. Allerdings hatte Corts mit 9,8 Sekunden die weitaus beste Zeit erzielt. Der deutsche Meister rechtfertigte denn auch im Endlauf seine Favoritenstellung und gewann sicher mit einem Meter vor dem Schwarzen, der nur wenige Zentimeter vor Körnig und Wege durchs Ziel ging. Schüller hatte wegen seiner Verletzung bei 40 Meter aufgeben müssen, während Büchner in dieser rein deutschen Angelegenheit es vorzog, sich für den 220 Yards=Endlauf zu schonen und nicht antrat. Leider war der Magdeburger in dem von ihm siegreich bestrittenen 100 Yards=Vorlauf durchs Ziel gestürzt und hatte sich leicht verletzt, doch lief er über 220 Yards ein prächtiges Rennen mit großer Bravour. Er mußte nur den starken Engländer Butler, der 21,9 Sekunden benötigte, mit einem Meter Vorsprung den Titel lassen, hat aber die Genugtuung, sich den zweiten Platz gegen so gute Leute wie Porritt und Andersen zu sichern. Einen Riesenerfolg hatte wieder Dr. Peltzer, der in einer halben Meile das Rennen seines Lebens lief. Nicht nur, daß er den Pariser Olympiasieger Lowe in famoser Weise aus dem Felde schlug, mußte auch der Weltrekord daran glauben. In diesem Rennen war das Bild etwas anderes als in dem über 100 Yards: Lowe setzte sich gleich an die Spitze, während sich der Stettiner erst bei der Hälfte hinter ihn auf den zweiten Platz vorzuschieben vermochte. 250 Meter vor dem Ziel griff der Deutsche den Führenden an. Dieser aber schlug den Angriff unter dem Jubel von Tausenden seiner zahlreichen Anhänger glatt ab. Peltzer aber ließ sich nicht entmutigen. Durch die letzte Kurve verhielt er sich abwartend, um seinen Vorstoß in der Zielgeraden mit erneuter Kraft aufzunehmen. Ein kurzer, aber heftiger Kampf, dann war es um den erklärten Liebling des Publikums geschehen, und unangefochten mit fünf Meter Vorsprung zerriß Dr. Peltzer als englischer Meister das Zielband. Weitere fünf Meter zurück folgte der Verteidiger des Titels Griffiths. Der Deutsche hatte den Weltrekord von Meredith von 1:52,2 auf 1:51,6 herabgedrückt. Wie scharf das Rennen war, geht daraus hervor, daß alle sechs Teilnehmer 1:56 liefen(!). Ein Doppelerfolg war dem Stettiner leider nicht beschieden, trotzdem wohl alle mit seinem Siege auch in der Viertelmeile gerechnet hatten. Die riesige Kraftanstrengung, die ihn aber das erste Rennen gekostet hatte, machte sich doch allzusehr geltend. Der Engländer Rinkel konnte sich von Anfang an an die Spitze setzen, die ihm Peltzer trotz mehrfacher Angriffe nicht abzunehmen vermochte. Er endete um einen Meter geschlagen hinter dem in 49,8 Sek. siegenden Rinkel, verwies aber den Holländer Paulen um die gleiche Distanz auf den dritten Platz. Die Meile brachte uns durch Böcher einen weiteren Erfolg. Lediglich dem Franzosen Baraton mußte er sich mit drei Metern beugen, der die glänzende Zeit von 4:17,4 lief. Englands Vertreter Niddel konnte erst den dritten Platz belegen, während das australische Läuferwunder Ralph Rose seine Absichten auf Nurmi nun wohl endlich begraben dürfte. In der langen Strecke über vier Meilen, in der Rätze=Luckenwalde mit etwa 300 Meter Abstand nur als siebenter hinter dem Sieger Websten einlaufen konnte, erwies sich dieser als ein Läufer von großer Klasse. Unbekümmert um die große Hitze, schlug er alle seine Gegner aus dem Felde und gewann sehr sicher in 19:49,6, um 1½ Stunden später die Zweimeilen=Meisterschaft im Hindernislaufen ebenso überlegen zu gewinnen und dabei den britischen Rekord um mehr als eine halbe Minute zu unterbieten. ) Al= wurde in der Der reich dotierte Preis von Westfalen sah schließlich nur drei Pferde am Start; es ist unverständlich, weshalb sich kein Besitzer entschließen konnte, Fol2 für das vierte Geld von 800 Mark satteln zu lassen. Der Stall Rösler, der mit Lauffeuer und Mannesmur doppelt vertreten war, mußte die Ueberlegenheit des von Berlin gekommenen Abenteurer anerkennen, der viel leichter gewann, als es für das Auge aussah. Das spannendste Rennen des Tages war die„Germania", die Imperialist überlegen gewann; hinter dem Hengst kämpften die übrigen Pferde erbittert um die Plätze, und nur der Richter konnte die Plazierung angeben. Der aus Berlin entsandte Magnus kam zu Fall, der Reiter erhob sich unverletzt. Die Ergebnisse: Fredenbaum=Rennen. Für 3jährige und ältere Pferde. 2000, 500, 300, 200 Mark. 1400 Meter. 1. Abteilung: 1. Hermoder(Zimmermann), 2. Sonnenvogel (Cataruzza), 3. Steinadler(Nugerer), ferner liefen: Quarta, Gelbstern, Minerva, Hexe, Vision. Gut geschlossener Ablauf mit Sonnenvogel am Schluß. Im Bogen löst sich Hexe aus dem Rudel und biegt mit 2 Längen Vorsprung in die Gerade, wo Her 32 St moder und Sonnenvogel nach vorn gehen und das Ende setzes unter sich ausmachen. Hermoder gewinnt sicher mit ½#zeu Länge; Sonnenvogel wird schlecht unterstützt. Hexe lief gemein in Blinkern. Tot. 17:10, Platz 15, 27, 19:10.2 2. Abteilung. Beschl 1. Mirtur(Staudinger), 2. Pannhütte(Nagy), 3 der k. Königsborn(Kleine); ferner liefen: Ohne Sorge, Trut= liert hahn, Butineuse, Arche. lieren Mäßiger Start, bei dem Königsborn am besten wegkommt. In der Distanz geht Mixtur an dem geschlage de nen Königsborn vorbei und gewinnt leicht mit 2 Län= 9zial. gen vor Pannhütte, die den Weg versperrt fand und man 100 Meter vor dem Ziel außen herum genommen wer- Inn den mußte. Toto 101:10, Platz 23, 14, 16:10. Blankenstein=Jagdrennen. Für 4jährige und ältere Pferde. 2500, 750, 450, 300 seithel Mark. 3000 Meter. kratie 1. Anitra 2(Mäßig), 2. Maiprinz(Wolff), 3. Pri= die S madonna(Renkhardt), ferner liefen: Dante, Goldat, Gräfin Marie, Vögelchen, Turfball, Pfalzmädel, Harriett, Hilde, Peruanerin. Anitra, Primadonna, Peruanerin und Goldat bil hat di deten das Vordertreffen, aus dem Peruanerin und Gol= dder dat nach 1000 Metern zurückfielen. Anitra hatte stets(Par unbedroht die Spitze und gewann nach Gefallen. Mai: prinz kam ganz zum Schluß schön auf, konnte aber die Siegerin nicht gefährden. Toto 20:10, Platz 15, 21, 39:10 von 2 Kappenberg=Rennen. aldem Für 3jährige und ältere Pferde. 2500, 500, 300, 200 promi 1800 Meter. Mark. 1. Szekely(Nagy), 2. Voltaire(Nette), 3. Boppard (Klarmann); ferner liefen: Tingl Tangl, Leichtsinn ist so Cossoulet, Cannebiere, Lola, Serenade, Nora. Stürz Beim gültigen Ablauf verliert Serenade 10 Längen 1922 und folgt aufsichtslos dem Felde, das von Boppard ge die I führt wird. 200 Meter vor dem Ziel führt Szekely, der von Voltaire angegriffen wird, aber noch sicher ge seii: winnt. Tot. 21:10, Platz 12, 13, 56:10. darf Preis von Westfalen. vorsch Für 3jährige und ältere Pferde. 10 000, 4000, 1200, Ung 800 Mark. 1800 Meter. 1. Abenteurer(Staudinger), 2. Mannesmut (H. Blume), 3. Lauffeuer(Dinter)." schluß Mannesmut erklärt. Lauffeuer führt ein schnelles abhe Rennen knapp vor Abenteurer, Mannesmut mit 20 Län= letzter gen Abstand letzter. Eingangs der Geraden ist Lauffeuer geschlagen und Abenteurer geht an die Spitze, um knapp aber sicher mit ¾ Länge vor dem rapid aufgekom Men menen Mannesmut zu gewinnen. Eichenkranz, Tusch, den Händeklatschen. Tot. 17:10. Stellt Hohensyburg=Jagdrennen. Deuts Für vierjährige und ältere Pferde. 2000, 500, 300, 200 Mark. 300 Meter. Nepu 1. Balko(Gerber), 2. Anika(Schulze), 3. Maas Ar (Heidemann); ferner liefen Magnus(gefallen), Cham= in de berlain, Cacao, Tannenberg, Tartarie, Csepal, Tänzer, tio Erlkönig. Lehmpastor nimmt seinem Reiter Broda die Hand, galoppiert einmal um die ganze Bahn und wird ausDie dem Rennen genommen. Trage Tartarie führt vor Erlkönig und Heidi. 500 Meter ließ von Hause geht der überlegen galoppierende Balko in deni Front und gewinnt ganz leicht. Tot. 295:10, Platz 62, 44, 112:10.Mut Germania. finder Für 3jährige und ältere Pferde. Ehrenpreis und schahl 4000 Mark, 1000, 600, 400 Mark. 1400 Meter. hau 1. Imperialist(Nette, 2. Freischütz(Zimmer= gleich mann), 3. Finsternis(Pretzner); ferner liefen: Sonderbündler, Cyrano. Freischütz bringt das Feld in die Gerade. Vor der desc Tribüne wird der spendige Imperialist vorgeworfen, der koni überlegen gewinnt. Hinter ihm kommen die anderen Pferde im dichten Rudel an. Schöne Ankunft. Tot. 79:10, Platz 25, 25:10. Freischütz=Rennen.ichen Für 3jährige und ältere Pferde. 3500, 750, 450, 300 Mark. 2000 Meter. ergri 1. Radio(Staudinger), 2. Sternberg(Floer), 3. inder Salvator(Nagy); ferner liefen Gerwin, Liebhaber, der Uranus, Roberta. früh Gerwin hat sofort die Spitze, am Schluß Sternberg und Schwalbe. In der Distanz geht Radio nach vorm die und hat sein Rennen sofort sicher. Salvator nimm Recht Gerwin in den letzten Sprüngen das dritte Geld. Tot ten 34:10, Platz 16, 16, 25:10. Gef Rennen zu Breslau am 4. Juli. 1. R.: 1. Balios, 2. Rinaldo, 3. Bassano; ferner Seeadler. Toto 15, Pl. 10, 10. Buchm.=Quote 14, Pl. 10, 10. 2. R.: 1. Danabourg, 2. Velejus, 3. Hoboe; ferner Chalzit, Genügsame. Toto 24, Pl. 13, 14. Buchm. Quote 32, Pl. 12, 13. 3. R.: 1. Felsenfest, 2. Amorette, 3. Arndt; ferner Orater, Camarilla, Silva. Toto 25, Pl. 13, 14. Buchm. Quote 23, Pl. 12, 13. 4. R.: 1. Pallamon, 2. Alexander der Große, 3. Darly figgs; ferner Storm Clout, Mazeppa 2, Miterbe, Saloppe. Toto 32, Pl. 16, 18, 26. Buchm.=Quote 29, Pl. 14, 16, 18. 5. R.: 1. Spizey, 2. Darling, 3. Pandora; ferner Humboldt, Vollmar, Juanita 3, Genügsame, Selene, Chrisopras. Toto 24, Pl. 14, 14, 16. Buchm.=Quote 22, Pl. 13, 13, 14. 6. R.: 1. Hagen, 2. Sturmnacht, 3. Santa Barbara; ferner Rabensteinerin, Campanula, Leierfrau. Toto 13, Pl. 11, 12. Buchm.=Quote 12, Pl. 10, 11. 7. R.: 1. Susa, 2. Galeote, 3. Counter tierce; fernet Clio, Gaurisankar, Pomona. Toto 63, Pl. 21, 23. Buchmacherquote 57, Pl. 19, 21. Ini Rennen zu Berlin am 4. Juli. 1. R.: 1. Mistral, 2. Nettelbeck, 3. Ferbellin; fernet Konradin, Nutria, Engadin, Podargos, Sallust. Toto 22, Pl. 12, 13, 13. Buchm.=Quote 20, Pl. 12, 12. 2. R.: 1. Narses, 2. Optinat, 3. Hochstapler; fernet Bigilbert, Graburg, Parnaß, Galantuono, Primas, Lump, Regina 2. Toto 36, Pl. 15, 17, 14. Buchm.=Quot, M, 91. 14, 15, 13. Die ferneren Rennen fielen wegen zweimaligen Wol kenbruches aus.