GROTRUMMUMPTEEHIREEEHNS TURE * diesem Falle aber ist eine ganz andere Art des Wanderns am Platze. Dann darf man sich vor allem nicht an eine bestimmte Wanderzeit binden, nicht an schönes Wetter im Frühling oder Sommer, wo die Natur den meisten Menschen am schönsten erscheint; man muß dann wandern, sobald das Bedürfnis nach Ausspannung recht stark wird und ein paar Tage Zeit dazu erübrigt werden können. Wer gelernt hat, mit offenen Augen in der Natur sich umzusehen und allen ihren Stimmen zu lauschen, der weiß: Berge und Wälder sind auch schön, wenn sie im Herbst- und Frühlingssturm brausen, wenn sie im Nebel dampfen, wenn sie im Rauhreif prunken oder unter der Schneelast krachen. Sogar der März und der April sind gute Wandermonate. Zwar ist das Wetter unbeständiger als im Sommer oder Herbst, doch hat es dafür andere Reize: selten sind Wolken, Berg und Fels und Baum so wechselvoll beleuchtet, selten strahlt der Himmel am Morgen und am Abend so in allen Tönen vom glühendsten Rot und Gelb, vom tiefsten Violett und drohendsten Blauschwarz bis zum zartesten Grün. Noch sind die Bäume kahl, doch dafür zeigt sich ihr eigenartiger Bau und die Vielgestaltigkeit des Astwerks so wundervoll und klar, dafür leuchten die Rinden so rotgolden, silbergrau oder schneeweiß im Sonnenlicht, dafür liegt ein so duftiger Hauch über Birken= und Buchenwald. An sonnigen Hängen blühen Haselund Weidensträucher und die ersten Frühlingsblumen, und die Tierwelt ist erst recht rege im Vorfrühling. Nie locken Rebhuhn und Fasan so liebestoll, nie schmettert der Fink so laut, nie jubiliert die Lerche so voll Lust. An Menschen aber wimmelt's noch nicht wie zu Pfingsten und in den Sommerferien. im Wirtshaus wird man noch nicht zur Nummer, der Herbergsoater empfängt die Wanderer noch wie der Bauer die ersten Stare. Auch bei der Wahl der Wandergegend mun man vom Ueblichen oft abweichen. Bei rauherem Wetter sind auch sonst vielbewunderte Gegenden nur schwach besucht. Für die schöne Jahreszeit aber, wo alles ausfliegt, gibt es abseits vom großen Touristenstrome wenig berührte und dabei schöne Landschaften noch genug, viel mehr, als man bei den heutigen Verkehrsverhältnissen glauben sollte. Ein, zwei Bahnstunden vom Wohnorte entfernt kann man sich auf Bergen, in Tälern, Wäldern, Heidelandschaften und an großen, vogelreichen Wasserflächen umbertreiben, die selbst Vielbewanderten kaum dem Namen nach bekannt sind. Nicht immer sind's„Sehenswürdigkeiten" im gewöhnlichen Sinne, aber man lernt in diesen Landschaften Naturschönheiten sehen und lieben, die anderen an landschaftliche Glanzpunkte gewöhnten Augen oft ganz entgehen. Die Menschen sind dort urwüchsiger, keine Fremdenindustrie, kein Hotelwesen, keine Rekiameschilder trüben die Freude an der Natur. Freilich für Leute, die große Ansprüche machen an Zimmer, Betten, Speisen und Bedienung, ist eine solche Gegend zum Wandern kaum geeignet, obwohl gerade ihnen ein paar Tage anspruchslosen Lebens nichts schaden würden. * Für den, der in einsamen Gegenden nicht gern allein wandert, sind ein, höchstens zwei Wandergefährten genug. Für mehrere wird die Unterkunft zur Nacht erschwert. Dazu müssen die Wandergenossen einander sehr gut kennen und verstehen, bei der Verfolgung ihrer Neigungen und Interessen aufeinander Rücksicht nehmen, reden und schweigen können zur rechten Zeit und sich nicht die Laune verderben lassen, wenn das Wetter, die Leute oder das Essen einmal nicht ganz nach Wunsch sind. Noch ein paar Worte von der Wanderweise: daß man sich vorher über die Gegend unterrichtet, so gut es eben geht, daß man sich den Kompaß und eine gute Wanderkarte mitnimmt, ist selbstverständlich. Auf Wegemarkierung, wie in der Sächsischen Schweiz, kann man ehensowenig rechnen, wie auf die Zuverlässigkeit von Weg= und Zeitangaben Einheimischer. Die sonstige Wanderausrüstung(Kleidung und Mundvorrat muß noch sorgfältiger sein als in besuchten Gegenden. Das Wanderziel wird nur ganz allgemein bestimmt. Im einzelnen muß man sich je nach Wetter, Zeit, Geld, Bedürfnis oder Stimmung Freiheit und Spielraum lassen. Nicht immer vorwärts heißt es, sondern auch verweilen. Wo's hübsch ist, bleibt man länger und läßt dafür was anderes weg. So können wir, warm in den Wettermantel eingehüllt und das Pfeischen schmauchend, unter überhängender Felswand das Vorüberziehen eines Unwetters mit größter Seelenrube abwarten. Was kümmert's uns, ob wir heute ein paar Stunden weiterkommen oder nicht? Im Notfall bleiben wir im Forsthaus oder Meierhof zur Nacht. So haben wir auch Zeit, einmal stundenlang am See im trockenen Schilshausen verborgen zu sitzen, um das eigenartige Treiben der Wildenten, Graugänse, Wasserhühner, Haubentaucher, Kieditze, Möwen und Rohrsputzen aus größter Nähe zu beobachten. Wir können uns kaum sattsehen und brechen erst auf. wenn uns die Kälte oder Dämmerung vorwärts treibt. Ein andermal liegen wir auf stiller Waldwiese oder im Heidekraut, schlasend oder träumend. in die Ferne schauend oder hinauf in die ziehenden Wolken, den Stimmen der Vögel lauschend oder dem Rauschen der Wipfel. Ein Stündlein solcher Rast wirkt Wunder auf Nerven und Gemüt. Am Morgen weilen wir ein Viertelstündchen in der feierlichen Stille eines Kirchleins, zum Frühstück sitzen wir beim Landmann am Feldrain, dann wandern wir mit dem Försterburschen durch den Wald, mit Landbriefträger oder Botenfrau, fahren ein Stück mit dem Mühlknecht auf dem Kutscherbock und hocken am Abend mit Bauern, Waldarbeitern und Handwerkern im Wirtshaus hinterm Ofen am großen Tische. Wir erzählen, was sie von uns wissen wollen, und lauschen ihren Gesprächen ohne Dreinreden und Besserwissenwollen. Auf diese Weise sehen und erfahren wir hundert interessante Dinge, von denen der blasierte Städter selten oder nie etwas vernimmt: von Geschichte und Sage der Gegend, von Wohnung, Kleidung, Sprache, Ernährung und Kindererziehung, von Feldbestellung, Arbeitsweisen und=geräten, von Schnurren, Liedeln und Necknamen, vom Freien, Hochzeitmachen und Begrabenwerden. Auf diese Weise kommt man nicht so weit herum und siehk auch nicht so vielerlei, wie der, der stramm von Ziel zu Ziel wandert: aber dafür lernt man Land und Leute besser kennen und verstehen, sieht tiefen Sinn in Bräuchen, der dem rasch Vorübereilenden verborgen bleibt, lernt achten, was er nur belächelt. In dieser Wanderweise liegt wirkliche Erholung, bluht noch ein Restlein, Romantik, die dem arbeitüberhetzten Stadtmenschen von heute gar nichts schaden kann und die ihm lieb wird, sobald er ihren Segen für Leib und Seele einmal an sich selbst erlebt hat. M. Brethfeld. Aus der Dürer=Bundes=Korrespondenz.) Kleines Feuilleton. Wie wächst das deutsche Volk in einer Stunde? Nur wenigen wird es bekannt sein, daß in Deutschland, nach dem Stand des Jahres 1910, in jeder Stunde durchschnittlich 225 Geburten und 125 Todesfälle erfolgen, also daß das deutsche Volk in jeder Stunde einen Geburtenüberschuß von 100 aufzuweisen hat. Wie diese„Bevölkerungsbewegung“ in einer Stunde vor sich geht, das spielt sich auf der diesjährigen Stuttgarter Ausstellung für Gesundheitspflege auf einer eigenartigen Riesentafel wirklich in einer Stunde ab: in Deutschland erfolgt alle 16 Sekunden eine Geburt, alle 28 Sekunden ein Todesfall, angezeigt durch ausleuchtende rote und schwarze Scheiben. Genau nach dem Sekundenzeiger erscheinen die 116 männlichen und die 109 weiblichen Geburten, sechsmal in der Stunde eine Toigeburt, zweimal in der Stunde Zwillingsgeburten. Wesentlich langsamer als das Leben arbeitei der Tod, aber immer noch viel zu schnell für unsern Kulturstand: aue 1½ Minuten stirbt bei uns ein Säugling(20 Knaben, 15 Mädchen in einer Stunde). Auch an was die Deutschen sterben, führt im einzelnen die Tafel vor: alle 4½ Minuten ein Todesfall an Tuberkulose, alle 10 Minuten ein Todesfall durch bösartige Geschwülste; dreimal in jeder Stunde verläuft ein Unfall tödlich, zweimal passiert ein Selbstmord. Durch Unfall und Selbstmord sterben in Deutschland mehr Menschen als durch Diphtherie, Scharlach, Masern und Typhus zusammen genommen. Am Ende der Stunde sehen wir das Erzebnis: Das deutsche Volk ist um 100 Leben reicher geworden. Wartend stehen große Menschenscharen vor diesem eigenartigen Kunstwerk, das in vielseitiger Buchführung die Einnahmen und Ausgaben unseres Volkskörpers zur eindringlichen und unvergeßlichen Anschauung bringt. * Die gemarterten Goldfische. Viele Leute halten sich Goldfische; aber es besteht in weiten Kreisen noch Unkenntnis, wie diese Tiere behandelt werden müssen. Man sorge vor allem für ein großes, viereckiges Gefäß. Die kugelförmigen Goldfischgläser sind durchaus ungeeignet, da durch die geringe Wassermenge und durch den völlig unzureichenden Luftzutritt der Insasse zu einem langsamen Sterben verurteilt ist. In dem weitbauchigen, oben nur wenig geöffneten, kugelartigen Glase sind manchmal sogar mehrere soldsische eingepfercht. Keine Pflanze sorgt für die Erneuerung des verbrauchten Sauerstoffes, kein Sand dient zur Aufnahme der das Wasser verpestenden Ausleerungen des Fisches. Schon in kurzer Zeit ist der Sauerstoff im Bassin aufgezehrt; die schmale Oeffnung des Glases aber läßt neue Luft wenig zu. Sieht man, wie der Goldfisch an der Oberfläche angestrengt die atmosphärische Luft atmet, so ist das ein Zeichen, das er zu ersticken droht. Auch bei Erneuerung des Wassers gibt es Gefahren. Gewöhnlich wird ohne Rücksicht, ob die Temperatur des alten Wassers durch die Zimmerwärme oder durch die Sonne stark gesteigert ist, anstatt gleichwarmen oder mindestens abgestandenen Wassers, einfach kaltes Wasser, wie es aus der Leitung kommt, hineingeschüttet. Auch die Ernährung des Goldfisches ist oft unvernünftig. Während jeder andere Zierfisch in der Gefangenschaft sein natürliches und abwechselungsreiches Futter bekommt, muß der Goldfisch darben: denn man gibt ihm Brotkrumen, Oblaten, unverdauliche Ameisenpuppen, Mehlspeisen usw. Wer sich Goldfische halten will, kaufe zunächst ein kleines Lehrbuch, wie ein Aquarium zu versorgen ist, wenn er nicht Belehrung durch einen Sachkundigen findet. Humor und Satire. Die erste Zigarre.„a Zigarr um fünf Pfennig— sind S' so gut— und um zehn Pfennig Hoffmannstropfen.“ („Flieg. Bl“) Nach der Arbeit Unterhaltungs=Beilage der„Arbeiter=Zeitune“. Erscheint wöchentlich dreimal. Nr. 84. Mittwoch, den 15. Juli. 1914. Krenz und quer durch Amsterdam. . Von Paul Wolf(Düsseldorf). II. Das Straßenbild von Amsterdam verrät im Grundriß System und Geschmack. Wie schon erwähnt, gleicht es mit seinem halbkreisförmigen Plan einem Spinngewebe, wenn man sich die Straßen und Grachten(Kanäle) als die Fäden und den Zentralbahnhof als Ausgangspunkt denkt. Was der Stadt aber fehlt, ist eine eigentliche imponierende Hauptstraße im Innern. Naturgemäß käme dem„Dam“ die Rolle zu, der vom Zentralbahnhof aus den Halbkreis des Stadtbildes in der Richtung nach Süden in zwei Hälften teilt, diese Aufgabe aber nicht vollendet, sondern sich schon nach einigen hundert Schritten am Rockin=Kanal in eine schmale Straße verläuft. Im übrigen wird dem Straßenbild ein eigenartiger Charakter durch die zahlreichen Grachten aufgeprägt. Diese, ehedem die Hauptverkehrswege, sind heute noch in solchem Maße ein natürlicher Bestandteil des Verkehrswesens, daß ihre Ufer nicht einmal eingefriedigt sind und die Amsterdamer mit einer den Fremden ängstlich berührenden Sorglosigkeit hart an der gemauerten Uferkante entlang gehen und radeln. Die Zahl der Brücken in der Stadt beträgt etwa 350. Sie sind gut imstand, wenn auch meist ganz schmucklos. Das kann allerdings kaum wundernehmen, wenn man sich vergegenwärtigt, welche ungeheuren Summen der Bau und die Instandhaltung so zahlreicher Brücken ohnehin schon kosten. In den vielen Brücken ist auch, wie ich mir habe sagen lassen, der Hauptgrund zu suchen, weshalb Amsterdam erst verhältnismäßig spät— vor etwa zwölf Jahren— zu Straßenbahnen gekommen ist. Das nunmehr ausgebaute Straßenbahnsystem ist aber durchaus großzugig angelegt; Wagenmaterial und Wagenfolge, welttädtisch, die Preise mäßig. Neu und angenehm fand ich die an Straßenecken und auf Straßeninseln errichteten Wartehallen, die erheblich geschmackvoller sind, als die wenigen, die man mittlerweile auch in Deutschland hier und da findet. Ein abschreckendes Beispiel fand ich jüngst in Köln hinter dem Dom. Die Straßen selbst sind im Innern der Stadt mit wenig Ausnahmen, die fast alle auf die die Grachten begrenzenden Straßen entfallen, sehr schmal. In den Außenvierteln, besonders im Süden, herrscht aber hinsichtlich der Breite und des Baumschmuckes ein ganz moderner Straßenbau. Das Pflaster ist im allgemeinen gut; auch Asphalt und Holz sind mehrfach anzutreffen. Praktisch ist die Verlegung der elektrischen Kabel in Rinnen, die in die Bürgersteige eingelassen und mit aushebbaren Platten verdeckt sind. Kleinstädtisch, um nicht zu sagen rückständig, nimmt sich aber das Ziegelsteinpflaster aus, mit dem die Bürgersteige fast ausschließlich befestigt sind, selbst in den neuen Stadtvierteln. Man denke sich die Fugen zwischen den Backsteinen— die nicht nur kleiner als die in Deutschland verwendeten, sondern auch weicher sind—, durch Regen ausgespült, die Steine selbst abgenutzt und die Oberfläche krumm und buckelig! Wer da nicht zum Fluchen kommt, wenn er alle Augenblicke mit den Stiefelspitzen förmlich in den Fugen stecken bleibt, dem kann man ohne Gewissensbisse auch zumuten, auf Erbsen zu knien. Anscheinend hat man jedoch allgemach in diesem Pflaster ein Haar gefunden, denn in einigen Straßen findet man die Bürgersteige bereits mit Asphalt oder Basaltinplatten belegt. Was am Straßenbilde noch besonders auffällt, das sind die außerordentlich schmalen, glatten, gänzlich kunstlosen Gebäude. Ich habe diese Bauart s. Z. in Köln und Alt=Düsseldorf bestaunt. In Amsterdam aber fand ich diesen Typ in noch nie gesehener„Vollendung". Häuser von 2½ bis 3 Meter Breite, dabei aber 4 und 5 Stock hoch! Von einem Hofraum ist kaum oder gar nicht die Rede. Wie die Leute da in die oberen Stockwerke kommen? Ich sollte es am ersten Abend erfahren. Das kleine, deutsche Hotel, in das mich ein guter Bekannter aus Deutschland führte, war auch solch eine auf die bohe Kante gestellte Zündholzschachtel. Die Treppe führte von der Gaststube aus(die die ganze„Breite" des Hauses einnahm) zum ersten Stockwerk. Aber was für eine Treppe! Eine komplette Hühnerstiege. Doch das Ding war noch luxuriös gegenüber der zweiten,— und dritten,— und vierten! Die zweite und dritte waren Wendelstiegen, die in einem Schacht von etwa 75 und 60 Zentimeter eingebaut waren. Ist es da schwer, sich vorzustellen, wie die zum„Olymp“ führende vierte beschaffen war? Sie zu erklettern und— wieder hinab zu kommen, ist auf alle Fälle schwerer. Obschon ich beim Ersteigen dieser Treppen alle Aufmerksamkeit auf mein Gleichgewicht und damit auf meine körperliche Sicherheit verwenden mußte, hatte ich doch noch Zeit, unwillkürlich daran zu denken, wie da etwa ein„Schwerbeladener" hinaufkommen mag. Und gar, wenn er von einigem Gewicht ist. Ich ließ mir jagen, daß solche Unglückliche eben wohl oder uoel unter, das heißt auf der Straße bleiben müssen. Bei der Ruhe und Besonnenheit der Amsterdamer Polizisten, die besser zu ihrer Haltung als zu der herabgelassenen Sturmtette ihres „Feuerwehrhelms“ paßt, scheint das glücklicherweise nicht sonderlich gefährlich zu sein. Zur Ehre der Amsterdamer sei übrigens gesagt, daß es wohl des Sonntags abends ziemlich laut auf manchen Straßen zugeht, daß aber die Wirkung der hier vor etwa zwanzig Jahren eingesetzten Temperenzbewegung recht deutlich bemerkbar ist. Wie aber bringen denn da die Leute die Möbel ins Haus, wird vielleicht der Leser fragen. Je nun, nach der Art, wie die Bauern das Heu auf den Boden schaffen: mittels einer Zugleine durch die Fenster. Es sieht zwar gefährlich aus, wenn da z. B. ein Klavier an einem Häuschen hinaufgezogen wird, dessen Front nicht viel breiter als das Instrument ist, und man hat manchmal das Gefühl, als müßte der alte Dachstuhl, aus dem der„Galgen“ hervorguckt, unter der Last zusammenbrechen. Umsomehr, als viele Häuser mit ihrer Vorderfront um 30 bis 40 Zentimeter aus dem stehen. Eine bauliche Maßnahme, die mit Rücksicht auf U wemmungen getroffen sein soll, um so das Zurückfließen des Wassers aus den Häusern zu fördern. Nebenbei bemerkt: das von mir beschriebene„Treppenhaus“ ist bei weitem noch nicht das schlechteste. Im Judenviertel und in den alten Proletarierquartieren, in welch letzteren in neuerer Zeit von Stadt wegen einige Hundert dieser antiken Wolkenkratzer niedergelegt wurden. int es damit noch ärger bestellt. Dort muß in den engen Wendeltreppen wegen mangelnden Raumes ein von oben herabhängender Strick das Geländer ersetzen! Nur mit Grausen kann man da an den Ausbruch einer Feuersbrunst denken, und auch die Versicherung. daß die Amsterdamer Feuerwehr außerordentlich leistungsfähig ist, vermag die schlimmsten Befürchtungen nicht zu bannen. Das Merkwürdigste an dem Bauwesen Amsterdams schien mir, daß die enge Bauart und die damit bedingte Verkrüppelung der Treppenhäuser, die in dem durch Befestigung des Sumpfbodens von jeher sehr teuren Baugrund ihre natürliche Erklärung finden mag, auch in die Neubauten der Außenviertel übernommen worden ist. Die Häuser in den neuen Stadtteilen sind nicht nur verhältnismäßig sehr schmal, sie sind auch hinsichtlich der Bauart— von Stil kann man nicht gut reden— fast alle nach Schema F zusammengekleistert. Ganze Straßenfronten, ein Haus genau wie das andere. Sogar im äußersten Süden, wo man anerkennenswerte Versuche zu architektonisch guten Prwvathäusern findet, grinsen mit unheimlich wirkender Regelmäßigkeit aus jedem Hausgiebel die Galgen hervor. Diese nehmen sich hier um so häßlicher aus, als sie aus einem einfachen Stück T=Eisen mit einem weit herabhängenden s=Haken gefertigt sind. So werden die schönsten Bauten verhunzt. Es ist ganz unverständlich, wie solche bautechnische Rückständigkeit und ästhetische Barbarei sich selbst in die neuesten Versuche architektonischer Emanzivation hinüberretten konnten. In einer Stadt, wo Geld ist und die aus einem andern Kunstgebiet Weltruf genießt!— Was aber lobend hervorgehoben zu werden verdient, ist die Solidität der Baugerüste und der Bauzäune, welch letztere merkwürdigerweise in Ausführung und Anstrich mehr Geschmack verraten als manche„moderne“ Fassade! (Schluß felgt,) Wiedergefunden und doch„verloren“. Skizze von Robert Schönwald. —(Nachdruck verboten.) Eine feuchtfröhliche Gesellschaft war's, die sich da im Grase gelagert hatte. Frau Schulz, die Pensionatsmutter, war, wie schon so oft, auch heute wiederum mit allen ihren„möblierten Herren" ins Freie gezogen. Auch heute hatte sie, wie bei E 8 R A·-ULUGTGT ... E•AU BTEE S" OhTALEEE 5.S S 8 8 * er a** ——* üe — 0 E—— * SEG„* —— E 7* B E üheren Gelegenheiten, durchaus nicht versäumt, ihren fünf eiratsfähigen Töchtern Gelegenheit zu geben, sich an diesem Ausflug zu beteiligen. Frau Schulz war eine weise, immer rechnende Dame, und sie glaubte auch hier das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden zu müssen, schon seit Jahren darauf hoffend, bei diesen Ausflügen, bei denen es recht familiär und ungezwungen zuging, wenigstens eine ihrer Töchter an den Mann zu bringen. Feucht=fröhlich war die Gesellschaft, obgleich es bei dem jetzt stattfindenden Waldpicknick sich nur um das Knallen von Selterswasserpfropfen handelte. Indes tat das alkoholfreie Getränk der guten Laune keinen Abbruch, und alles beteiligte sich an den müber= und herüberfliegenden Witzen. Alles? Nicht doch, einer war da, der das nicht tat! Und dieser eine saß still im Grase mit verschränkten Armen, den Blick gen Himmel gerichtet, als handelte es sich darum, wissenschaftliche Beobachtungen über die am Horizont sich zeigenden, weißen Lämmerwölschen zu machen. Da wurde er jäh aus seinen Träumen aufgeschreckt, ein Korkstopfen war ihm ins Gesicht geflogen, und fast gleichzeitig damit rief ihm ein jovial dreinschauender Herr im süddeutschen Dialekt zu:„Nun, was schaun Sie denn drein, Herr Professor, gerad wie die Katz', wenns donnert? Denken Sie wieder an vergangene Zeiten? Wie wär's, wenn Sie uns einmal ein Kapitel aus Ihrem Leben erzühlten?" Die anwesenden Damen, die die Tat des mutwilligen Pfropfens mit einem großen Jubel und schallendem Gelächter begrüßt hatten, gingen sofort auf dieses Thema ein.„Erzählen, ach ja, erzählen Sie,“ erscholl es durcheinander und Fauny, die immer Vorwitzige, glaubte sofort das richtige gefunden zu haben, indem sie rief:„Hört alle zu, der Herr Professor wird uns etwas aus seinem Berufsleben erzählen.“ Der mit„Professor“ Angeredete, ein Herr in den vierziger Jahren, im blauen Marine=Anzug, der sich seinen „Professortitel“ infolge seiner Gelehrsamkeit im Pensionat Schulz erworben hatte, holte tief Atem und sagte gelassen:„Ja, meine Herrschaften, was Sie mir da zumuten, ist nicht so einfach, denn welches Kapitel von welchem meiner 48 hinter mir liegenden Berufe soll ich erzählen? Indes bin ich bereit, Ihrer freundlichen Aufforderung nachzukommen und Ihnen etwas aus demjenigen Berufe zu erzählen, an welchen ich vorhin infolge Ihrer Fröhlichkeit erinnert wurde“ „Nun, denn erzählen Sie uns einmal, wie Sie in Ihrer Jugend schon an Ihre grauen Haare gekommen sind,“ warf Frau Schulz die sich an der Unterhaltung bisher nicht beteiligt hatte, dazwischen. Der„Professor“ richtete seinen Blick auf die Sprecherin und erwiderte bedeutsam:„Gerade Sie, Madame, sollten um wenigsten begierig sein, dieses Kapitel aus meinem Leben kennen zu lernen. Doch da nun einmal Erinnerungen in mir wachgerufen werden, wenn sie auch in meinem Herzen nicht gerade wohlklingende Laute ertönen lassen, so will ich Ihrem Wunsche genügen und so mögen denn die alten Bilder aus der Vergangenheit heraufsteigen. Es war im Jahre 1871, die aus dem Feldzuge heimkehrenden Soldaten hatten die Blattern mitgebracht, und zwei Drittel der gesamten Einwohnerschaft wurde davon befallen. Der Tod hielt reiche Ernte. Unter denen, die man zu Grabe trug, besand sich auch mein damals noch sehr junges Weib. Ich hatte nicht Zeit, mich meinem Schmerze hinzugeben, denn die Dahingeschiedene hatte mir unser einziges Töchterchen, Fanny mit Namen, im zartesten Alter zurückgelassen. Die Epidemie war vorüder. Große Lücken bei alt und jung waren bei der Einwohnerschaft entstanden, und allmählich kam jedem zum Bewußtsein, was er verloren hatte. Auch mich übermannte der Schmerz, denn ich hatte sie geliebt, wie mich selbst. Sie war dahin und was galt der Ersatz, den ich in unserer kleinen Fanny fand? samtliche meiner Berwandten waren begraben und so war ich in meiner eigenen Heimat fast ein Fremder geworden. Die Trauer, die im Orte herrschte, bedrückte alle Gemüter und auch ich war nicht frei davon geblieben. Das Eine war mir klar, daß ich hier, an der Stätte weiner Jugend, verkümmern würde. So faßte ich denn den Entschluß, hinauszugehen in die Welt, um Arbeit und Zerstreuung zu suchen.— Doch der Sängling, meine Tochter, was sollte ich mit ihr beginnen? Durfte ich sie mitnehmen, würde sie mir nicht hinderlich sein in der fremden Welt? überlegte, doch es ging nicht. So entschloß ich mich schweren Herzens, mich von ihr zu trennen und sie der Obhut einer mir befreundeten Dame zu überlassen.“ Hier machte der Erzähler eine Pause, atmete tief auf und ließ prüfend den Blick in der Gefellschaft, die allmählich aufmerksamer geworden war, umherschweisen, dann fuhr er mit etwas fibrierender Stimme fort: „Wenn ich Ihnen sage, daß die Dame mir befreundet war, so ist das Verhältnis, welches uns miteinander verhand, damit eigentlich nicht vollständig ausgedrückt. Es gab eine Zeit, in der wir uns beide mit dem Gedanken herumtrugen, gemeinsam durchs Leben zu wandern, und nur dadurch, daß sie dem direkt ausgesprochenen Wunsche ihrer Eltern nachaab, war es zuzuschreiben, daß aus dem uns gegenseitig gegebenen Versprechen nichts wurde. Sie versprach mir, an meiner Fanny Mutterstelle vertreten zu wollen, und ich dagegen gab ihr die Versicherung, daß es mein Bestreben sein würde, dafür zu sorgen, daß es ihr fur das Kind an nichts fehle. Mit gemischten Gefühlen, voller Hoffnung und Sehnsucht im Herzen, ging ich drei Wochen später an Bord des AmerikaDampfers„Rheinland", um, wie so mancher andere Europamüde, jenseits des großen Teiches das zu suchen, was ich in der Heimat nicht finden konnte, Glück und Zufriedenheit. Genügend mit Barmitteln und Empfehlungen ausgestattet, konnte es mir ja nicht schwer fallen, mir dort eine feste Position zu schaffen. Ohne Hindernisse kam ich in Cleveland im Staate Ohio an und suchte dort zunächst einen Jugendfreund meines Vaters auf. Dieser war Betriedsführer einer Kohlenmine, erinnerte sich meiner noch sehr genau, und ich wurde in seiner Familie mit größter Gastfreundschaft ausgenommen. Der alte Herr erzählte mir viel von seinen Erlebnissen als Kohlengräber, wie er sich allmählich zu seiner heutigen Stellung emporgerungen hatte, und fügte scherzend hinzu:„Ihr Deutschen im Flachlande habt keine Ahnung davon, wie ein Bergmann lebt und wirkt.“ Selbstverständlich wurde meinem Wunsche, das Innere einer Grube näher kennen zu lernen, auf das bereitwilligste zugesagt. So fuhr ich denn einige Tage später, ausgerüstet wie ein echter und rechter Bergmann, unter Führung meines väterlichen Freundes in den dunklen Schacht.„ Es war nicht die Zeit der Kohlenförderung, immerhin befand sich eine größere Anzahl der nicht gerade kleinen Belegschaft in der Grube bei der Arbeit, und zwar fast ausschließlich Deutsche, darunter, wie ich von meinem Freunde erfuhr, ebemalige Kaufleute, Bankbeamte, mit schlichtem Abschied entlassene Offiziere und so weiter; aber auch solche Knappen, deren Großdäter schon in der deutschen Heimat Kuie- und Hinterleder getragen hatten, also auch schon Bergleute gewesen waren. Wir besichtigten einige Querschläge, Bremsberge, Stapelschächte und andere betriebstechnische Einrichtungen, wobei mein Freund nicht müde wurde, mir alle diese Einrichtungen eingehend zu erläutern. Ich sprach schließlich noch den Wunsch aus, die Art der Kohlengewinnung direkt in Augenschein nehmen zu dürfen. Betriebsführer Lange überlegte einen Augenblick; dann sagte er: „Ja, mein Junge, die Förderung steht zwar-still, aber oben in Strecke 13 ist eine Kameradschaft am Kohlenhauen. Wenn dir der Weg nicht zu beschwerlich ist, machen wir uns einmal hin.“ Die Zumntung, daß mir etwas derartiges zu beschwerlich sein sollte, klang fast wie eine Beleidigung in meinen Obren, und ich gab großartig zurück: Na, Alter, wenn Ihnen bei Ihren langen Beinen die niedrige Strecke nicht zu beschwerlich erscheint, dann mir erst recht nicht. „Theorie und Praxis, mein Junge,“ sagte Herr Lange, mir dabei mit seinem Grubenlicht in die Augen leuchtend.„Du wirst die Wege niemals gehen, die ich schon gekrochen bin.“ Ich verstand den Sinn dieser Worte damals nicht, und wir machten uns auf den Weg nach Strecke 13. Schweißtriefend oben argekommen, war ich denn tatsächlich um eine große Erfahrung reicher und merkte, wie recht Betriebsleiter Lange gehabt hatte, als er sagte, ein anderer könne die Wege nicht gehen, die er„kriecht", venn auch wir hatten den ungefähr 250 Meter langen Weg kriechend zurücklegen müssen. Hier waren fünf von Kohlenstaub geschwärzte Kuappen mit der Gewinnung der schwarzen Diamanten beschäftigt. Auf das laute„Glück auf“ meines Führers, welches erst erklang, nachdem er und ich einige Zeit der Arbeit zugeschaut, ließen die Bergleute Hacke und Schaufel ruhen und erwiderten den Gruß. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich in technischen Ausdrücken um die Arbeit selbst, und ich konnte als Neuling in der ganzen Debatte nichts anderes tun, als den stummen Zuhörer machen. Besonders gescheit mag ich dabei wohl nicht ausgeschaut haben, denn ein grauhaariger Bergmann leuchtete mir plötzlich mit seinem Grubenlicht ins Gesicht, um mich näher in Augenschein nehmen zu können. Diese Gelegenheit benutzte mein Führer, um mich den Anwesenden als den„neuen Direktor“ der Grube vorzustellen. Die Knappen verstanden den Witz, denn ein lautes Gelächter war die Antwort darauf. Schließlich machte einer der Anwesenden einen noch derberen Witz über meine Person, sich dabei wie in Gedanken verloren umschauend nach einem im Hintergrund liegenden früheren Betriebspunkte. (Schluß folgt.) ##atholische Literaturkritik. Als vor einigen Jahren der Versuch unternommen wurde, eine„proletarische Aesthetik“ zu begründen, ist dieses Beginnen mit vollem Recht allgemein auf Widerstand gestoßen. Es hieße der Arbeiterschaft Scheuklappen anlegen und sie zur geistigen Armut verurteilen, wollte man ihr künstlerisches Bedürfnis nur auf solche Werke einstellen, die ihrem proletarischen Empfinden entsprechen. Ganz richtig hat damals Genosse Ströbel in der „Neuen Zeit"(1911/12, S. 789) das Verhöltnis des Proletariats zur Kunst dahin ausgedrückt: dem Proletariat nicht nur auf sozialem und politischem, sondern auch auf künstlerischem Gebiet so viel kritisches Urteil anzuerziehen, daß es im Notfall die dichterische Kraft von der unsympathischen Tendenz zu trennen 5 PC O „°TOEEEOOOEEOUUNSG "— * 2 X 6 * S“E ESSESEE #•— E 1 E*• □ 0—— SU CO;TUESEE, = SEuSSE SaEE ESE SHESSO GS•• S ———— K.— ∆—* PBUT S aSe **— 0•— x—•.— " I6 OE S 52 5 * 3 8 zu vermag und sich seelisch nur das assimiliert, was seiner Weltanschauung entspricht. Gegen diese Sätze läßt sich irgendein stichhaltiger Einwand kaum anführen, und es ist auch nie versucht worden, sie zu bestreiten. Gerade der Sozialismus iehrt uns auch die Kunst als ein Produkt ihrer Zeit begreifen, und er muß daher folgerichtig zur Ablehnung jeder ästhetischen Dogmatik kemmen. Was sich aus den Zuständen seiner Zeit erklärt, was innig mit ihnen verwachsen, kann nie nach ewig unabänderlichen Gesetzen beurteilt werden. Wohin eine„proletarische Aesthetik" der angeregten Art führen könnte, vermag uns ein Blick in die katholische Lite raturkritik zu zeigen. Da ist vor einiger Zeit in dritte:(„stark erweiterter“) Auflage ein„Musterkatalog für katho lische Volks- und Jugendbücherei“ erschienen. Herausgegeben ist er von der Redaktion der„Bücherwelt", dem Organ des Borromäusvereins, der sich speziell mit dem Bibliothekwesen befaßt. Das Buch ist 260 Seiten stark, wovon über 90 auf das kritische Verzeichnis der„schönen Literatur“ entfallen. Für die Aufnahme waren(wie schon bei der zweiten Auflage folgende Leitsätze maßgebend:: 1. Auf die Konfession der Verfasser ist keine Rücksicht zu nehmen: 2. verlangt wird, daß das aufzunehmende Buch der katho lischen Glaubens- und Sittenlehre nicht widerspricht und ge eignet ist, einer edlen Unterhaltung sowie einer wahren Volksbildung und Volkserziehung beziehungsweise Jugendbildung zu dienen; 3. vor allem sind die Referenten bemüht, möglichst viele Werke zu registrieren, die mit den genannten Vorzügen hohen künstlerischen Genuß gewähren.(Vorwort.) Daß der letzte Punkt der Leitsätze nicht allzu wörtlich nehmen ist, lehrt der ihm unmittelbar folgende Satz: „Bezüglich der literarischen Bewertung haben die Referenten bei der Aufnahme mancher Werke in weitem Um fang Milde walten lassen und auch die gute Unterhaltungslektüre reichlich berücksichtigt, reichlicher jedenfalts, als bei Anlegung von Schülerbibliotheken statthaft ist. Die Volksbibliothek hat eben ganz andere Rücksichten zu nehmen, selbst hinsichtlich der Einstellung von Jugendschriften, als eine Schülerbibliothek.“ Auf der nächsten Seite wird ausdrücklich hervorgehoben, daß das Verzeichnis auch„Bücher vone hohen literarischen Wert" enthält,„die aber als brauchbare Unterhaltungslektüre Aufnahme verdienen. Die Zahl der literarisch wertvollen, sittlich und religiös im großen und ganzen einwandfreien belletristischen Werke ist nun einmal nicht so groß, daß ihre Bändezahl für etwas reicher ausgestattete städtische Volksbüchereien hinreicht.“ Die Unvollständigkeit wird„gegenüber der Unzuverlässigkeit in der wichtigsten Beziehung, der reiigiosen, als das geringere Uebel“ betrachtet. Wir haben es also hier mit einer katholisch=dogmatischen Literaturkritik zu tun, die auf jeden Fall die religiöse Tendenz der künstlerischen Unantastbarkeit überordnet. Welches sind nun die Ergebnisse dieser klerikalen Sittenrichterei? Schon aus dem Fehlen einer großen Anzahl nicht unbedeutender Romanschriftsteller ließen sich allerlei Schlüsse ziehen. Es sind, um nur einige zu nennen, überhaupt nicht erwähnt: Zola, Spielhagen, Kretzer und viele andere mehr. Von neueren Schriftstellern haben überhaupt nur ganz wenige Gnade vor den Augen dieser Literaturkapläne gefunden. Aber selbst wenn man von dem Manko des Buches absieht, so bleibt noch genug übrig, um die ganze Lächerlichkeit einer solchen dogmatischen Kritik drastisch zu illustrieren. Ich kann mich, nachdem die Schablone bekannt ist, mit einigen markanten Beisvielen begnügen. Greifen wir zunächst einige Dichter heraus, deren ünstlerische Qualifikation im großen und ganzen unbestritten ist und von denen man ihrer ebenso unzweifelhaften christlichen Gesinnung nach annehmen müßte, daß ne in der Richtung der klerikalen Kritik stehen. Da ist zuerst Peter Rosegger. Von ihm heißt es:„Es ist der Schrittmacher für die Los=von=RomBewegung und der Typus jener Halbgebildeten, die mit ebensoviel Aufdringlichkeit wie Unwissenheit über die schwierigsten religiösen Probleme schwatzen.“(S. 55.) Immerhin werden fünf Schriften dieses„Schwätzers“ dem katholischen Volke zu lesen verstattet, aber auch mit einigem Vorbehalt. Nicht viel besser kommt der Schwarzwalddichter Hansjakob fort. Er hat es zwar bis zum katholischen Pfarrer gebracht, ist aber trotz alledem von den übertatholischen Splitterrichtern zu leicht befunden. Vorsichtig heißt es da:„Auch tragen manche Volksbibliotheken Bedenken, ihn in Dorfbibliotheken einzustellen, erstens, weil sie glauben, er verherrliche in seinen„Originalen“ zu sehr solche Leute, die man im gewöhnlichen Leben als Lumpen, heruntergekommene Menschen, Dorfsäufer und Krakeeler bezeichnet, zweitens, weil sie die in den Tagebuchblättern und eiseerinnerungen häufig wiederkebrenden„Schlenkerer" für Bemerkungen halten, die sich mit dem pflichtgemäßen Respekt vor hoher weltlicher und geistlicher Obrigkeit nicht in Einklang bringen ließen. Hansjakob hat nämlich seine Marotten und darf beileibe nicht immer ernst genommen werden.(S. 30.) Trotzdem wird schließlich aber nach einigen weiteren Seitenhieben gegen die Einstellung seiner Schriften kein Bedenken erhoben. Gelinder springt man mit der schwedischen Dichterin Selma Lagerloj um, da heißt es einfach:„Ihre religiösen and ethischen Ansichten harmonieren nicht immer mit der katholischen Religion.„Gösta Berling" und„Jerusalem“ können wegen ihrer Stellung hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe nur mit größter Reserve in Volksbüchereien ausgeliehen werden.“(S. 44.) So geht es endlos weiter. Alle Bücher sind nur daraufhin untersucht, ob nicht irgend ein Wort„gegen den Glauben“ gesagt oder ein„Verstoß gegen die Sittlichkeit" an ihnen enthalten ist. Von Dostojewskys„Schuld und Sühne“ heißt es, daß der Roman„dogmatisch einwandfrei" sei#-tane begeht das Verbrechen,„unerlaubte Verhältnisse Verbeirateter" zum Beispiel oder den„Fall lediger Personen“ gewöhnlich so darzustellen. daß der Leser oftmals mehrere Kapitel weiterlesen muß, bis er merkt, daß eine unerlaubte Tat geschehen ist.(S. 21.) Aber „den Katholiken gegenüber befleißigt sich Fontane der größten Objektivität.“ Bei Hermann Hesse(Peter Camenzind) werden die„Gefühle der Katholiken nirgendwo verletzt“(S. 341. Bei dem katholischen Dichter Paul Keller drängt sich das „erotische Moment“ etwas zu stark in den Vordergrund. Trotz= dem wird er nach der Ansicht des Kritikers der„Lieblingsschriftsteller der Frauenwelt bleiben, und zwar der städtischen"(S. 391. Das erotische Element scheint also die katholische Frauenwelt anzuziehen! Raabe ist in Bezug auf Religion„äußerst zurückhaltend. Im allgemeinen stellt er sich auf den Boden des christlichen Sittengesetzes. Dogmatisch ist er allerdings unbestimmt.“ S. 53.] Manchmal geht die Kritik recht krumme Wege. So heißt es zum Beispiel über Walter Scott:„Ich erinnere mich bei ihm an eine auffallend ausgeprägt protestantisch-englische Geschichtsauffassung bezüglich des katholischen Mittelalters nur bei dem Roman Ivanhoe, worin die Templer als die reinsten Scheusale dargestellt werden. Od das der Grund ist, weshalb gerade die Sozialdemokraten sich so für diesen Roman ins Zeug legen?“ Ein dergestalt gekennzeichnetes Buch ist natürlich ohne weiteres erledigt. Wic ein Dichter nach dem Herzen dieser Kritiker sein soll, wird uns bei der Erwähnung des wahrscheinlich in weitesten Kreisen unbekannten Erzählers Kourad Kümmel verraten. Da heißt es unter anderm: Kümmel schätze ich als Volkserzähler hoch ein. Er ist ein klassisches Beispiel dafür, daß zum eigentlichen Volksdichter nicht bloß künstlerische Fähigkeiten gehoren, sondern vor allem ein goldiges, für Leiden und Freuden der Menschen warm fuhlendes, echt religiöses Gemüt. Kümmel will religiös belebren und zugleich erfreuen. Der Belehrung wegen trägt er die Moral etwas dia ant... Die Zentrale, um die sich alles bewegt, ist der katholische Glaube, vor allem das Kirchenjahr mit seinen freudigen und ernsten Ereignissen.“ Obwohl ausdrücklich große künstlerische Mängel“ festgestellt werden, heißt es zum Schlaß:„Kümmels Werke gebören unvedinat in alle katholischen Volksbibliotheken in Stadt und Land, auch für die Jugend.“(S. 43.] An diesem Kümmel kann sich das katholische Volk berauschen, daher muß er fleißig ausgeschenkt werden! Nach dieser letzten Probe wird man es verständlich finden, daß in dem Verzeichnis der katholische Verlag dominiert, vor allem ist Bachem in Köln stark vertreten, dessen Belletristik der Pater J. Mummbaner dahin charakterisierte:„Glatt, kühl, korrekt— nur keine aufregende Tendenz." Bei den zahlreichen Ausgaben klassischer Schriften aus katholischen Verlagen darf man nicht übersehen, daß diese in der Regel entsprechend„bearbeitet“ sind. Ber sich die Mühe machen würde, diese frisierten Ausgaben mit den Originalwerken zu vergleichen, könnte erbauliche Beiträge zum vorliegenden Thema liefern. Uebrigens verfährt die Kritik mit diesen Sammlungen katholischer Verleger sehr— tolerant. Da wird zum Beispiel(auf S. 78) eine Sammlung:„Aus Welt und Leben, Erzählungen fürs christliche Haus“(Hausen u. Co., Saarlonis als gut und empfehlenswert bezeichnet, während Mummbauer(doch auch ein Katholik sie ablehnt mit der Begründung:„Es steht alles unter dem Nivean, das wir für Volksbildungszwecke fordern müssen— lieber nichts, als solche Geschmacksverbildung!“ Wenn man berücksichtigt, daß der Borromäusverein über 200000 Mitglieder zählt, dann kann man sich ein Bild von den verheerenden Wirkungen einer solchen degmatischen Kritik machen. Jedenfalls lehrt dieses abschreckende Beispiel in aller Deutlichkeit, daß jede Aesthetir zu einer Farce wird, die in irgend einem Dogmatismus erstarrt. (Ernst Mehlich in der„Neuen Zeit“, Nr. 14.) Etwas vom Wandern. Nicht von dem Wandern soll hier die Rede sein, wobei täglich ein bestimmtes Ziel zu erreichen ist, möglichst viele Sehenswürdigkeiten mitgenommen und die im Fuhrer empfoblenen Wege eingeschlagen werden. Das ist für Leute, die recht vieles sehen wollen. Auch nicht vom sportmäßigen Wandern wollen wir reden, wie es jetzt allenthalben üblich wird. besonders bei der Jugend und bei Leuten, die sich nach längerem Stubenhocken einmal recht ausarbeiten, körperlich anurengen wollen. Unsere Wanderart ist meyr für Menschen, die weiter nichts wollen, als in unverdorbener Natur und unter schlichten Leuten einmal auf kurze Zeit aussvannen von nervenermudender Arbeit, von gesellschaftlichem Zwang, von häuslichen und beruflichen Sorgen, um innerlich reicher, frischer und arbeitsfroher heimzukehren zur gewohnten Pflicht. In