Wir haben lang genug geharrt, Ihr habt uns lang genug genarrt. Jetzt greifen wir zu unserm Recht! Jetzt stellen wir uns zum Gefecht! Die Lammesgeduld der Massen ist erschöpft! Hunderte, — was sagen wir?— Tausende und Abertausende von Versammlungen haben seit Jahren stattgefunden, in denen das Volk in feierlichster Weise zusammenkam, um seine Forderung nach dem gleichen Wahlrecht zu vertreten. Die Zahl der Resolutionen und Petitionen, die gefaßt worden und der Regierung und dem Dresklassenhause eingereicht wurden, ist Legion. Nur frechen Hohn und grinsenden Spott hat die Sippe der Herrschenden für des Volkes ruhiges, allzu ruhiges Begehren gehabt. Wie Hunde sind wir behandelt worden all die Jahre hindurch— stumm haben wir es ertragen. Aber für jeden Bogen kommt einmal der Moment, wo er— allzu straff gespannt— zerreißt! Eines Tropfens nur bedurfte es, um das Faß der Volksgeduld zum Ueberlaufen zu bringen, eines Windhauchs nur, um all die aufgespeicherte Wut, Empörung, all den Haß und Groll der immer wieder mißhandelten Massen zu heller Flamme emporlodern zu lassen. Und dieser letzte Tropfen, dieser Windhauch war die Schandvorlage der dreußischen Regierung! Diese ungeheuerliche Provokation des gesamten arbeitenden Volkes, diese freche Verhöhnung aller Enterbten mußte selbst den Friedlichsten zu stürmischer Gegenwehr aufpeitschen. Eine Verbesserung des bestehenden Schandwahlrechts war— wenn Worte noch einen Sinn haben— feierlich verheißen worden: eine niederträchtige Verschlechterung wurde dem Volke geboten! Diese „hundsföttische Vorlage", wie sie unser Genosse Ströbel von der Parlamentstribüne berab mit vollem Recht genannt hat— sie war ein Faustschlag ins Gesicht des Volkes! Brennend, klatschend fuhr dieser Faustschlag einer vor Uebermut toll gewordenen Herrscherkaste uns allen ins Antlitz! So also hat Herr Bethmann Wilhelms II. Wort eingelöst! Soweit wagte man es zu treiben! Das wagte man uns zu bieten! Hunde wären wir, erbärmliche, feige Hunde wären wir, ließen wir uns das stillschweigend gefallen! Wir wären es wert, mit Skorpionen gepeitscht zu werden, hielten wir untere Wange diesem frechen Peitschenhieb ruhig hin! Das war die Empfindung, die in Süd und Nord, in Ost und West alle Proletarierherzen be wegte, seit Herr von Bethmann den Arbeitern seine freche Kriegserklärung ins Gesicht geschleudert hatte! Ihr wollt den Krieg aben, ihr Herren— wohlan— so sollt ihr ihn denn haben! Alles, was an uns lag, die Entwicklung der Dinge in ruh zen, friedlichen Bahnen zu halten, haben wir getan! Wir werden auch fernerhin tun, was nur in unserer Macht steht, um Blutvergießen zu verhindern, aber auf die Straße gehen jetzt die Massen— daran wird sie kein Gott und kein Teufel mehr hindern! Und Schutzmannsdrohung erst recht nicht! Genau, wie in England und Frankreich, in Oesterreich und allen anderen Kulturländern werden auch in Deutschland, werden besonders auch in Preußen von jetzt an die Arbeiter das Recht auf die Straße für sich in Anspruch nehmen und werden es sich nötigenfalls zu erzwingen wissen! Was wir in den Versammlungssälen reden und resolvieren, hat man nicht gehört, nicht hören wollen: nun wohl, wenn wir auf der Straße sind, muß man uns hören, muß man uns sehen— mag man wollen oder nicht! So gut die Sippschaft der Hurravatrioten ihre— sogar nächtlichen— Straßenkundgebungen veranstaltet, werden auch wir jetzt auf der Straße demonstrieren so oft und in welcher Weise es uns paßt! Die Rechte, die man uns nicht freiwillig gioi, nehmen wir uns! Und der Arbeiter, der am Hochofen und in der Grube tagtäglich im Dienste des Ausbeutertums sein Leben aufs Spiel setzt, wird nicht zurückschrecken, wenn der Schutzmannsabel ihm sein Recht strittig machen will. Fließt Arbeiterblut für das Kapital, so kann es auch fließen im Kampfe ums echt! Und so haben an diesem Sonntag in ganz Preußen die Arbeiter sich ihr Recht auf die Straße erobert und nie wieder werden sie sich dies Recht nehmen lassen! Die Straßen aller preußischen Städte hallten gestern wider von den alten revolutionären Kampfesliedern des Proletariats, von dem stürmischen Wahlrechtsschrei der Massen, und so oft noch werden sie von diesem Schrei, diesem immer gewaltiger anschwellenden, immer grollender, immer drohender sich fortpflanzenden Schrei widerhallen, bis das Ziel erreicht, bis errungen ist das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Preußzenwahlrecht für Männer und Frauen! Mit diesem Sonntag ist der Wahlrechtskampf in Preußen in ein neues Stadium getreten! Ausschließlich von den Herrschenden wird es abhängen, ob die Arbeiterschaft gezwungen sein wird, noch schärfere Saiten aufzuziehen! Unser Waffenarsenal ist noch lange nicht erschöpft und die Diskussionen, die seit einigen Tagen in fast allen Parteiblättern ganz spontan über den politischen Wahlrechtsstreik eingesetzt haben, mögen den Herrschenden zeigen, daß die Arbeiterschaft diesmal entschlossen ist, wenn es sein muß, alles daran zu setzen, daß sie diesmal nicht, wie leider nur zu oft schon, Schindluder mit sich spielen lassen wird! Noch ist der Demonstrationsstreik nicht beschlossen und unsinnige Torheit wäre es, ihn wild, ohne Plan und Parole, bald hier, bald dort zu inszenieren! Noch hoffen wir, daß die Herrschenden es nicht zum Aeußersten treiben werden! Aber die Entschlossenheit, mit der an diesem Sonntag das preußische Volk überall auf die Straße stieg, mag den Herrschenden beweisen, daß auch der Krug unserer Geduld nur so lange zu Wasser geht, bis er bricht, und daß im Notfalle die Arbeiterschaft auch nicht davor zurückschrecken wird, ihre wirtschaftliche Macht in die Wagschale des Wahlrechtskampfes zu werfen! Lernet, ihr Herren— gewarnt seid ihr jetzt! * In Dortmund knüpfte die Straßendemonstration der Massen nicht an Versammlungen, sondern entwickelte sich ganz sponran— für das Ausbeutertum und die Polizei völlig unerwarte:! Nur unter den Arbeitermassen war es bekannt geworden, daß sich Deputationen von Vertrauensmännern des Proletariats vormittags ½12 Uhr zu den in Dortmund wohnenden bürgerlichen Dreiklassenabgeordneten begeben würden, um ihnen die Forderungen der Massen vorzutragen. Von Werrn Gronowski, dem Zentrumsmann, haben wir die Zusage, daß er für die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen eintreten wird, seit fast zwei Jahren beigentlich schwarz aus weiß, und da wir natürlich nicht annelien dürfen, daß der Mann zum wortbrüchigen Schurken werden wird, so erübrigte es sich, ihn diesmal zu besuchen. Dagegen hatten wir das dringende Bedurfnis, uns mit dem Abgeord neten Schmieding einmal Auge in Auge über die Wahlrechtsfrage auszusprechen. Ihn aufzusuchen, waren die Genessen Redakteur Konrad Haenisch, Knappschaftsältester Nobis und Maurer Jakob Ritter bestimmt. Die Unterhaltung mit diesem Bruder des Dortmunder Oberbürgermeisters war umso dringlicher, als Herr Schmieding künzlich in nationalliberalen Blättern geradezu tolle Wahlrechtsartikel veröffentlicht hat, deren Inhalt merkwürdigerweise mit dem der kurz darauf publizierten Schandvorlage der Regierung eine höchst auffallende Aehnlichkeit hatte.— Außerdem wohnt in Dortmund noch, und zwar in derselben Elisabethstraße, in der sich auch die Schmiedingsche Villa befindet, Herr Geheimrat Haarmann, der Dreiklassenabgeordnete für Iserlohn. Die Aufgabe, ihn aufzusuchen, war den Genossen Stadtverordneten Max König, Redakteur Geora Bever und Bergmann Klein zugefallen. Erst am Samstag war unter den Massen bekannt geworden, daß diese Besuche stattfinden werden, aber mit Blitzesschnelle we war der Entschluß gereift, die genannten Vertrauensmänner auf ihrem Wege zu begleiten, ihren Forderungen den gehörigen Nachdr.:“ zu verleihen und die Antwort der Abgeordneten aus sierten Arbeitern des Wahlkreises Altena Lüdenscheid d= Iserlohn, ersucht der Wa A Sie, Herr Landtagsabgeordneter, in der Frage der Wahlrechtsreform für Preußen für die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen einzutreten. Sollten Sie einen ablehnenden Standpunkt einnehmen, so ersuchen wir Sie, uns über folgende Punkte Ihre Ar schauungen zu präzisieren: 1. Wie gedenken Sie sich gegenüber der neuen Bethmann Hollwegschen Wahlrechtsvorlage zu verhalten? 2. genen Sie in ihr die in der Thronrede zur Eröffnung 2. Sehen des preußischen Landtages im Jahre 1908 versprochene„organische Fortentwicklung" des bestehenden Wahlrechts für Preußen? 3. Werden Sie sich bei den jetzigen Beratungen über die Bethmann=Hollwegsche Wahlrechtsvorlage für die Einführung des geheimen Wahlrechts erklären? 4. Sind Sie gewillt, sich für das von der Regierung vorgeschlagene Privilegien=Wahlsystem unter Beibehaltung des Dreiklassenwahlprinzips auszusprechen? Hochachtend Die Deputation. A.: Beyer, Klein, König. * Zentrum. Um 11 Uhr allmählich durchbricht die Sonne die Nebel. In den Straßen das übliche Sonntagspublikum in Feierlagsstimmung. Noch weiß niemand, daß es in den Arbeitervierteln sich rührt, daß bald der Massentritt der Arbeiterbataillone erdröhnen, die Straßen widerhallen werden von den Klängen der Arbeitermarseillaise. Toch eines fällt dem aufmerksamen Beobachter auf. eine gewisse Erregung der Polizei. Beamte eilen hin und her, sie ahnen wohl die kommenden Dinge, doch sind sie völlig im Ungewissen. Die geheimnisvolle Ruhe in den Straßen wird den Herren heinabe unheimlich. Durch die Brückstraße eilt der volitische Kommissar Elsholtz mit einigen anderen Beamten in Zivil. Alle Passanten werden scharf gemustert, nichts Verdächtiges macht sich bemerkbar. Dann wieder stelzt mit steisen Beinen der übernervöse Kommissar Schrank durch die Brückstraße: statt der üblichen Mütze trägt er den Helm. Schräg gegenüber dem„Römischen Kaiser“ haben 5 bis 6 Geheime Posto gefaßt. Alles geht seinen gewohnten Gang, doch wird der Verkehr von Minute zu Minute lebhafter. Aber nirgends eine Ansammlung. nirgends eine Störung, und darum merkt die Polizei auch noch mmer nichts. Vom Turme der Reinolditirche schlägts 11 ½ Uhr. Da auf einmal, wie mit einem Schlage sind die Massen da, Tausende und Abertausende, wie aus dem Boden gestampft. Der ganze Westenhellweg ist erfüllt von der demonstrierenden Arbeiterschaft. Mächtig erbraust die Marseillaise. Da erst wird die Polizei aufmerksam, im Laufschritt eilt ein Beamter hierhin, der andere dahin. Keine Helmspitze läßt sich 1. ehr blicken und ungehindert strebt das Volk dem Körnerplatz und dem Wall zu. Fortgesetzt ertönen die Kampfeslieder des Proletariats, die ab chseln mit Hochrufen auf das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht. Erstaunt eilten die Bourgeois an die Fenster, es gab Leute, eordneten aus die glaubten, die Revolution sei schon ausgebrochen, sie vererster Quelle zu erfahren. Die Schriftstücke, die den Herren rammelten schleunigst Fenster und Türen. Sie haben keineAhnung sollten, hatten folgenden Wortlaut:l vom Wollen und Streben der Arbeiterschaft, keine Ahnung davon, daß das Volk um seine höchsten Güter zu kämpfen bereit ist. 5 unterbreitet Dortmund, den 13. Februar 1910. Herrn Landgerichtsrat a. D. Th. Schmieding, Mitglied des Hauses der Abgeordneten. Dortmund. heute bei Ihnen vorsprechende Deputation, entsandt Die heute....— von den 10000 Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Dortmund=Hörde und den 40000 Mitgliedern der freien Gewerkschaften, ersucht Sie, Herr Landtagsabgeordneter, in der Frage der Wahlrechtsreform für Preußen für die Uebertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen einzutreten. Sollten Sie einen ablehnenden Standpunkt einnehmen, so ersuchen wir Sie, uns über folgende Punkte Ihre AnAuf dem Wall. schauungen zu präzisieren: 1. Wie gedenken Sie sich gegenüber der neuen n Hollwegschen Wahlrechtsvorlage zu verhalten? 2. Sehen Sie in ihr die in der Thronrede zur Eröffnung des preußischen Landtages im Jahre 1908 versprochene„organische Fortentwicklung" des bestehenden Wahlrechts für Preußen? 3. Werden Sie sich bei den jetzigen Beratungen über die Bethmann=Hollwegsche Wahlrechtsvorlage für die Einführung des geheimen Wahlrechts erklären? 4. Sind Sic gewillt, sich für das von der Regierung vorgeschlagene Privilegien=Wahliystem unter Beibehaltung des Dreiklassenwahlprinzips auszusprechen? Hochachtend Die Deputation. J. A.: Haenisch, Nobis, Ritter. II. Dortmund, den 13. Februar 1910. Herrn Geh. Justizrat Wilhelm Haarmann, Mitglied des Hauses der Abgeordneten. Dortmund. Die heute bei Ihnen vorsprechende Deputation, entsandt von den 10000 Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins für den Wahlkreis Dortmund=Hörde und gliedern der freien Gewerkschaften, und Zahlreiche Trupps von Arbeitern strömten noch von der Rheinischenstraße her über den Körnerplatz, als plötzlich über den Westenhellweg die Arbeitermarseillaise aus tausenden und abertausenden von Kehlen ertönte und sich mit dem dumpfen Tritt heranrückender Arbeiterscharen vermischte. Verwundert bleibt das bürgerliche Straßenpublikum stehen und schaut sich gegenseitig an: Was ist denn das? Aus einem Laden, der eben geöffnet wurde, blicken neugierige Gesichter. Erschreckt ziehen sie sich zurück, als sie die heranrückenden Scharen bemerken, und rasselnd fallen in der nächsten Sekunde die Schaufensterjalousien herab.. Man glaubte auch hier, daß die Revolution beginne. Aus den Restaurants eilten die Spießbürger von ihren Stammtischen auf die Straße— der Frühschoppen wurde jäh unterbrochen; fromme Kirchgänger, die mit dem Gesangbuch in der Hand über die Straße wanderten, blieben besonders verdutzt stehen. Unter dem begeisternden Gesange des Sozialistenmarsches kam der imposante Zug, der fortwährend Zustrom erhielt, af den Körnerplatz. Stürmische Hochrufe auf das freie Wahlrech. unterbrachen von Zeit zu Zeit die Kampfgesänge und lenkten die Aufmerksamkeit der Bourgeoisie auf die Demonstranten. Schon war der Anfang des Zuges am Stadttheater, als— kaum übersehbar— immer noch neue Massen aus dem Westenbellweg strömten und die Wälle dicht füllten. Kein Polizist weit und breit zu sehen. Geradezu musterhaft war das Verhalten der gewaltigen Massen, sodaß nicht die geringste Verkehrsstockung eintrat. Besonders große Mengen neugieriger und aufgeschreck er Bourgeois standen am Hauptpostgebäude und am„Grafenhof“. Als die Menge in die Elisabethstraße— wo die beiden Abgeordneten Haarmann und Schmieding wohnen— einbiegen will, erscheint ein Polizist, eine Mappe unterm Arm, und sieht verdutzt auf die anziehenden Scharen, deren Kampfgesang gerade hier außerordentlich wuchtig klingt. Nach kurzem Besinnen springt der Beamte in den Zug: Geben Sie fort! Gehen Sie fort! Aber was ist Einer unter so Vielen?! Sauft wird er beiseite geschoben, worauf er sich schleunigst einem größeren Trupp seiner Kollegen zuwendet, die soeden in der Nähe des eehe Trrris Bismarckdenkmals auftauchen. Ungehindert zieht nun die kaum den 40000 Mit= übersehbare Schar der Demonstranten in die Elisabethstraße ein, 5000 organi=“und durch die„stille Straße, in der reiche Bourgeois ihre * Spec er luxuribsen Heimstätten au des Proletariats und Wahlrecht kämpfenden aufgeschlagen, dröhnen die Kampfgesi die vumpfen Schritte der um ein fr Arbeiterbataillone. reiel In der Elisabethstraße. Schon bevor die Spitze des Zuges die Elisabethstraße erreicht hatte, waren die beiden Deputationen dort angelangt. Aber die Herren Abgeordneten waren—— nicht zu Hause! Während jedoch die Haarmann=Deputation das oben mitgeteilte Schriftstück wenigstens abgeben konnte, zeigte sich die Villa Schmieding völlig verbarrikadiert. In sämtlichen Stockwerken waren alle Holzläden vor den Fenstern herabgelassen, auch auf wiederholtes Klingeln der Deputation öffnete niemand!! Als der Zug vor dem Hause Haarmanns angelangt war, brachte dort Genosse König ein von den Massen brausend auf genommenes Hoch auf das Wahlrecht aus. Und sobald vor Schmiedings Villa Genosse Haenisch bekannt gegeben hatte, daß auch dieser Herr für die Forderungen des Volkes nicht zu sprechen sei, und sobald auch hier das Wahlrechtshoch verklungen war, das von unserm Genossen im Anschluß an diese(mit vieltausendstimmigen Pfuirufen aufgenommene) Mitteilung ausgebracht worden war, erhob sich dumpfdröhnend wieder der Massen gesang: „Das freie Wahlrecht ist das Zeichen"— ein Gesang, dem dann. von Tausenden gesungen, wieder das alte Proletarierkampflied folgte:„Wer schafft das Gold zu Tage!“ Ein Ständchen, eine Ovation, wie sie dem edlen Paar Schmieding=Haarmann wohl noch niemals dargebracht worden sind! * In der Gutenbergstraße. Hatte die Polizei rat= und tatlos bisher von jeglichen Maßnahmen Abstand genommen, so änderte sich das Bild, als die Demonstranten in die Gutenbergstraße einbogen. Von der Elisabethstraße her hatten sich inzwischen vier Berittene den Weg dur chdie Menge gebahnt, welche die Demonstranten auseinander zu treiben versuchten. Sie ritten rechts und links in die Massen hinein, wofür sie ein vieltausendstimmigen„###ut!" nach dem anderen ernteten. Hier konnte man auch wieder die alte Erfahrung machen, daß es zu Aufläufen und Unruhen erst dann kommt, wenn die Polizei angeblich„Ruhe" stiften will. Durch ein in der Nähe der Eisenbahnbrücke aufgestelltes Polizeikommando wurden die Demonstranten vom Einbiegen in die Hagenstraße abgehalten. Doch konnte die Polizei nicht allzuviel ausrichten, da der Zug sich nach der anderen Seite bewegt hatte. Hier drohte die Situation kritisch zu werden, denn man glaubte, daß die Berittenen, die ihre Plempe gezogen hatten, auf die wehrlose Menge einschlügen.... Das war indeß nicht der Fall. Und so suchten die teilweise zerstreuten Demonstranten bald wieder Anschluß an den Hauptzug, der inzwischen auf der Hohestraße angelangt war. Vorher und auch dort wieder konnte man deutlich beobachten, wie gut die Ueberrumpelung der Polizei gelungen war; die allgemeine Ratlosigkeit bewies es. Weiteres von der Völlig ratlos und verwirrt zeigte sich die Polizei von Anfang bis zu Ende. Wurden doch sogar Trupps zum— Hafen kommandiert, vermutlich, um abzuwarten, ob einige Schiffe mit Demonstranten ankommen würden. In der Balkenstraße konferierten vier Beamten, und das Resultat ihrer Beratung war:„Wir(die Polizei) sind völlig falsch informiert gewesen.“ An einer anderen Straße sah man, wie Spitzel in Arbeiterkleidung sich der Polizei zur Verfügung stellten. Ueber das Treiben dieser Achigroschenjungen empörten sich sogar Bürger, die meinten, die Spitzel wollten sich noch ihr Mittagessen verdienen. Ob die Polizei sich dieser Burschen bedient hat, wissen wir allerdins nicht. Daß aber die Polizei trotz auer Spitzel der Arbeiterschaft ratlos gegenüber steht, hat der gestrige Sonntag bewiesen. Wenn sie sich vor Blamage sichern will, gibt sie die Straße frei. Das Volk wird sich sein Recht nicht nehmen lassen. Und es weiß auch selbst Ordnung zu halten. Nach dem Gewerkschaftshause strömte der Zug weiter. Wenige Minuten währte es, und der große Saal war von den Demonstranten besetzt, unter denen— das muß besonders hervorgehoben werden— sich auch christliche Arbeiter befanden, die bis dahin fromme Schäflein der Kirche und des Zentrums waren, an diesem Tage aber, mitgerissen von der allgemeinen Begeisterung, zur plotzlichen Erkenntnis ihres lasseninteresses gekommen waren. Genosse Schreiber eröffnete dann die Versammlung als Zusammenkunft der Mitglieder des Sozialdemokratischen Vereins und stellte kurz unter lautem Beifall das prächtige Gelingen unserer Demonstration und die musterhafte Haltung der Massen fest. Stehend, mit entblößtem Kopfe, sangen die Anwesenden den Wablrechtsders der Arbeiter=Marseillaise. Genosse Klupsch nahm nun das Wort zu einer anfeuernden Ansprache, die lauten Widerhall fand. Er betonte, daß man zum ersten Male in Dortmund eine machtvolle Kundgebung durcheichnete die neue Wahlrechtsvorlage als ungekrovokation der Arbeiterschaft und wies mit darauf hin, daß man im bevorstehenden Wahle wahrscheinlich noch zu schärferen Mitteln als zu bloßen Wahlrechtsdemonstrationen werde greifen müssen. Noch während der Rede Klupschs entstand plötzlich unter den Anwesenden eine starke Erregung. Vom Eingang her hörte man die Rufe: „Kriminalbeamte sind hier.“ „Raus mit den Achtgroschenjungen!“—„Spitzel haben hier nichts zu suchen.“ Der Beamte, der sich somit erkannt sah, drängte unter allgemeiner Empörung zum Ausgang, und Genosse Klupsch stellte ausdrücklich fest, daß Polizeibeamte nichts in dieser Versammlung zu suchen hätten, die nur aus Mitgliedern des Sozialdemokratischen Vereins bestände. Später wiederholte sich die nämliche Szene, und wiederum mußte ein Unberufener den Saal verlassen. brigens: den braven Spitzeln hatte man am Ende der einandergesprengt. Sie trafen sich jedoch wieder auf dem Wall und nachdem gesetzt habe, bezei heuerliche P Entschiedenheit d Uebrigens: den braven Versammlung, als die Teilnehmer auf Straße strömten, noch einen hübschen Spaß zu verdanken, freilich nur auf Kosten der Polizei. Plötzlich erschien nämlich ein Kommissar, die Schuppenketten unterm Kinn, mit einigen Beamten, die von den Spitzeln herbeigeholt worden waren. Sie suchten nun die Straße zu„säubern", obwohl alles so wie so im Begriffe war, nach Hause zu gehen! Nun aber, beim Anblick der Polizei, wurde man noch einmal angespornt zur Demonstration, und noch einmal erdröhnten die dochs aufs freie Wahlrecht, und zum letzten Male ertönte der besang der Marseillgise.... So war hier die Polizei so recht deutlich der„Geist, der stets das Böse will— und doch das Gute schafft...“ Und bald zog der Herr Kommissar mit seinen Mannen wieder ab. * Nach der Demonstration. Daß nach der wohlgelungenen Demonstration die Straßen nicht gleich wieder das übliche Alltagsbild boten, ist umso begreiflicher, als zahlreiche Arbeiter aus der Umgebung sich die Teilnahme nicht hatten entgehen lassen. Ueberall standen Trupps von Arbeitern, denen die Freude über das Schnippchen, das man der Polizei geschlagen hatte, aus den Augen leuchtete. Allerorten sprach man die Hoffnung aus, daß die Regierung sich den unabweisbaren Forderungen der proletarischen Staatsbürger nicht werde auf die Dauer verschließen können. Ueberall, ildete unsere DemonDer Zug nach dem Gewerkschaftshause. Etwa gegen ½1 Uhr, während noch auf dem Westenhellweg alles in Aufregung war und Grupven von Straßenpassanten, die sonst auf Dortmunds Hauptstraße ungestört ihren Sonntagsbummel abhalten, das Geschehene besprachen, erklang plötzlich drüben vom Markt weithin schallend die Marseillaise, und dröhnend erbrausten die Hochrufe auf das freie Wahlrecht. Der zweite Zug, der nicht mehr zur Elisabethstraße gelangte und dann durch die Hansastraße, über den Wickedeplatz zum Innern der Stadt gedrängt wurde, war auf dem Marktplatze angekommen! Der gute, alte Marktplatz! So eine Kundgebung hat er gewiß noch nicht gesehen! Im Sommer, wenn die Zeit der Militärfeste herankommt, da pflegen sich hier die Kriegervereinler und andere guten Patrioten zu versammeln und spielen„Parade“. Wie weit davon entfernt war das, was er gestern erleben mußte! Im geschlossenen Zuge brach sich ein schwärzliches Gewimmel von Proletariern Bahn, die für ihr Recht demonstrierten, die der Bourgeoisie zeigen wollten, welche Massen es sind, die sich nicht mehr länger knechten und treten lassen. Freilich, dem Polizeitrupp, der an der Ecke des Marktes zum Westenhellweg Posto gesaßt hatte, schien das garnicht recht zu sein. Anfangs tummelten sich die Behelmten wie eine Schar aufgeschreckter Kaninchen; wobei man sich besonders über den nervösen Herrn Kommissar Schrank amüsieren konnte; sie wußten nicht, was sie tun sollten, als die Spitze des Zuges, der etwa 4000 Mann umfaßte, zur Brückstraße herüber bog. Erst, als der weitaus größte Teil glatt durchgekommen war, versuchte es die Polizei, eine Kette zu ziehen. die aver durchbrochen wurde. Da die Schutzleute sich verhältnismäßig vernünftig benahmen und es nur bei wenigen Momenten zu Handgreiflichkeiten mit Demonstranten kam, ging alles ziemlich gut ab. Bald war der ganze Reinoldiplatz und die Brückstraße mit den protestierenden Arbeitern erfüllt,— wiederum erklang brausend das Lied von den„Arbeitsmännern“, — ein Hoch auf das freie Wahlrecht nach dem anderen erdröhnte, und die braven Spießbürger, die Geschäftsleute, die Backfischchen und Gymnasiasten, die da sonst flanieren, rissen die Augen und die Ohren auf. Die Fenster oben öffneten sich und Ueberraschte beugten sich herab; an den Türeingängen der Häuser und der Läden drängten sich die Menschen und fragten und tauschten ihre Eindrücke aus, als wären sie ganz plötzlich jäh aus einem Schlummer erwacht. Elegante Damen mengten sich unter die Proletarier und wollten wissen, was denn„das alles zu bedeuten“ habe.„Hoch das freie Wahlrecht“, so erscholl es wieder. Und die Frager wußten Bescheid. Weiter marschierte der Zug. Dem schwarzen Menschenmeer konnte niemand wiederstehen, niemand vermochte gegen den Strom zu schwimmen. Erst am Bahnhof, hinter dem Burgtor, stauten sich die Massen nicht mehr so dicht wie vorber. Durch die Eisenhahnunterführung strebte der Zug der Münsterstraße, nach dem Norden zu. Doch siehe, am Steinplatze standen wieder ein paar Schutzleute. Die guten Leute benahmen sich so würdig, wie es der Augenblick gehot: ruhig blieben sie auf ihrem Posten, ohne nervös zu werden. Unaufhörlich sangen die Demonstranten, immer wieder erklang das Hoch auf das freie Wahlrecht, und somit hatten auch der nördliche Stadtteil und seine belebtesten Straßen ihren Anteil an der imvonierenden Kundgebung des Proletariats. ger in den Wirtschaften, auf den Straßen, stration das einzige Gespräch. Selbst bei der Polizei, die wohl erst glaubte, daß unsere Wahlrechtskundgebung noch den ganzen Nachmittag dauern werde. Denn wohin man blickte: überall standen die Sicherheitsmänner in Trupps von ein bis zwei Dutzend: an der Jacobikirche, am Burgwall, an der Bahnhofstraße, unter der Bahnüberführung, am Steinplatz usw. Die Schuppenketten herunter, machten sie einen durchaus kriegerischen Eindruck. Gelegenheit zum Einschreiten— die wohl mancher Heißsporn herbeisehnte— fand sich jetzt ebenso wenig, wie vorhen. Als sie das Ueberflüssige ihres Wartens endlich eingesehen, machten sie es den Demonstranten nach: sie zerstreuten sich! Wie nervös übrigens die Polizei war, geht auch noch daraus hervor, daß gegen 12½ Uhr der Ostenhellweg abgesperrt wurde. Selbst dort wohnende Personen konnten nicht in ihre Wohnung gelangen.„Diese natürlich durchaus überflüssige Maßnahme bat die Geschäftsleute am Ostenhellweg am meisten geschädigt. Wofür sie sich hoffentlich bei der Polizei bedanken werden. * Die Straßendemonstrationen im Kuhrbezirk. Fur den Wahlkreis Hamm=Soest fand eine gemeinsame Kundgebung in Unna statt, die in prachtvoller Weise verlief. Mehr als 5000 Menschen strömten aus allen Teilen des Kreises zusammen und erregten natürlich die volle Aufmerksamkeit unserer Spießer. Die Versammlung, die unter freiem Himmel hinter der Rasche'schen einen prächtigen Anbli mann=Boch einem dreifachen ngt. Sie krosenI.„„— sie abermals auseinandergesprengt worden, be gaben sie sich im Zuge nach dem Versammlungslokal zurück. Die Polizei nahm einige Verbastungen vor. Nach Recklinghausen=Süd hatte die Polizei drei Kolonnen Schutzleute mit der Straßenbahn hinausgeschickt, doch sanden diese ehensowenig zu tun, wie die— Feuerwehr, die sich zu Polizeidiensten bereit gestellt hatte. Alles in allem muß die Demonstration als wohlgelungen bezeichnet werden— woran die kleinen Zwischenfälle mit den Vertretern der heiligen Hermandad nichts ändern. Hagen. Hier waren drei überfüllte Versammlungen. Die Straßendemonstration(über 3000 Personen] ist glänzend verlaufen. Die Polizei verhielt sich ruhig. Die Demonstranten trugen Schilder mit der Aufschrift:„Hoch das allgemeine Wahlrecht!“ Nach einstündiger Dauer löste sich der Zug auf. In Essen fand eine große überfüllte Versammlung statt, in welcher Genosse Gewehr sprach. Nach der Versammlung bewegte sich ein großer Demonstrationszug von 13 000 Personen nach dem schwarzen Arbeiterviertel Essen=West. Die Polizei hatte angenommen, die Demonstranten würden in die innere Stadt dringen und hatte diese durch mehrere hundert Polizisten abgelehnt. Auch am Abend noch ließ die Polizei nicht einmal einzelne Personen in die innere Stadt gelangen. Zwischenfälle haben sich nicht ereignet. Die Demonstrationen in Berlin. In Berlin und seinen Vororten prangte am Sonntag an den Plakatsäulen ein rotes Plakat folgenden Inhalts: Bekanntmachung. Es wird das„Recht auf die Straße" verkündet. Die Straße dient lediglich dem Verkehr. Bei Widerstand gegen die Staatsgewalt erfolgt Waffengebrauch. Ich warne Neugierige. Berlin, den 18. Februar 1910. Der Polizeipräsident. von Jagow. In den Kasernen hatte das Militär den ganzen Tag Bereitschaft gestanden. Die Polizei war auf den Wachen zusammengezogen und vertrieb sich dort die Zeit, so gut es eben ging. An besonders„gefährdeten“ Stellen, so an den Zugängen zur Wilhelmstraße, wo der Reichskanzler wohnt, an den Zugängen zu den Linden, zum Schloß usw. standen die Schutzleute bereits morgens mit umgeschnalltem Revolver und herabgelassener Schuppenkette. Schon nach zehn Uhr wurde es auf den Straßen lebendig, die Arbeiter strömten den Versammlungslokalen zu. Die Säle waren schon lange vor Beginn der Versammlungen überfüllt, sodaß vor den Lokalen, auf den Straßen erhebliche Menschenansammlungen stattfanden, die den Schluß der Versammlungen abwarteten. Dann setzten sich die Demonstranten in Bewegung. Die Züge vereinigten sich an bestimmten Punkten mit anderen und nun zählten einige der Züge nach vielen Zehntausenden an Teilnehmern. Der Verkehr wurde indes nirgends erheblich gestört, denn die Demonstrationszüge bewegten sich nach Möglichkeit auf den Bürgersteigen. Die Polizei verhielt sich im allgemeinen ziemlich ruhig, sodaß die Ruhe und Ordnung nicht gestört wurde. Wir lassen nachstehend die Berichte aus den einzelnen Gebieten folgen: Erster Wahlkreis. Die Genossen des ersten Kreises zogen nach Schluß ihrer Versammlung in Dräsels Festsälen unter Hochrusen auf ein freies und gutes Wahlrecht und unter dem Gesang der Arbeitermarseillaise nach dem Oranienburger Tor zu, wo sie sich mit den Genossen des fünften Kreises begrüßten. Dann zweigte sich ein Teil ab, um zu versuchen, nach der Siegessäule zu kommen. Durch die Absperrung der Brücken wurde das vereitelt. Ganz besondere Absperrungen hatte man beim Schloß und Unter den Linden getroffen. Doppelt und dreifach war die Absperrung aller Zugänge. Ein ganzes Heer von Polizeioffizieren und Mannschaften war aufgeboten. Namentlich bis zur Friedrichstraße war der Verkehr ziemlich unterbunden. Sonst ist von der„Via triumphalis der Hohenzollern“ nichts zu melden. Wie glaubhaft versichert wird, war im königlichen Marstall nicht nur Kavallerie, sondern auch Artillerie untergebracht. Zweiter Wahlkreis. dasenhaide und Die Versammlungen in der Hasenhaide und in der ViktoriaBrauerei abgehalten wurde. gewährte tigen Anblick. Der Vortrag des Genossen Huseochum löste eine zündende Begeisterung aus. Mit achen Hoch auf das freie Wahlrecht wurde die Verallen Richtungen heimkehrenden Wahlrechtskämpfer außer ordentlich demonstrativ. Auch die Genossen des Hamm=Soester Wahlkreises können mit ihrer Kundgebung durchaus zufrieden sein. Die Polizei verhielt sich— reserviert. wie anerkannt werden muß— In Bochum wurde die proletarische Wahlrechtskundgebung eingeleitet durch eine Riesenversammlung. Der„Schützenhof“ war bis auf den letzten Platz gefüllt und wurde schließlich polizeilich abgesperrt. Etwa 5000 Männer und Frauen folgten den markigen Ausführungen des Genossen König aus Dortmund, der die schändliche Wahlrechtsvorlage gebührend beleuchtete. Nachdem eine entsprechende Resolution einstimmig angenommen, bildeten die durch einige Tausend Arbeiter verstärkten Versammlungsbesucher einen imposanten Demonstrationszug, zu dem die königliche Polizei die Genehmigung erteilt hatte. In dem musterhaften, ruhigen Zuge wurden zwölf große er getragen, auf denen weithin zu lesen war:„Hoch das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht!“ Gesungen wurde nicht,— doch imponierte der Zug besonders durch die wunderbare Ruhe, mit der er sich vorwärts bewegte—, dagegen brachte die Menge vor öffentlichen Häusern, auf Plätzen usw. brausende Hochrufe auf das freie Wahlrecht aus. Am Westfalenplatze löste sich der Zug in aller Ordnung auf und erreichte die wohlgelungene Demonstration ihr Ende. Die Polizei verhielt sich sehr reserviert und war teilweise sogar sehr entgegenkommend. Wenn die königliche Polizei sich immer so mustergültig verhielte, könnte man ihr ein Kompliment nicht versagen. In Gelsenkirchen war die Versammlung von mehr als 2500 Arbeitern besucht; Genosse Arbeitersekretär SchneiderDortmund brandmarkte unter stürmischem Beifall der Massen das Wahlrechtsscheusal. An der Straßendemonstration, die von der Behörde genehmigt worden war, beteiligten sich 5000—6000 Personen. setzten sich die etwa 2000 Versammlungsteilnehmer in Bewegung und zogen durch die Große Geldstraße über den Markt, die Kunibertistraße und den Kaiserwall nach dem Rathaus. Hier wurden die Demonstranten von der sehr nervösen Polizei ausgen in Brauerei waren überfüllt; Tausende konnten keinen Einlaß finden. Nach Schluß der Versammlungen zogen die Demonstranten durch die angrenzenden Straßen und vereinigten sich mit einem Zuge, der aus Schöneberg kam. Die Teilnehmerzahl wird auf etwa 20.000 geschätzt. Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht wechselten mit Arbeitergesängen ab. Am Winterfeldtplatz wurde eine Ansprache gehalten und ein woch auf das Wahlrecht aus gebracht. Damit war die Demonstration zu Ende. Polizei war fast nirgends zu sehen: vor den Versammlungslokalen waren die üblichen Posten aufgestellt. Dritter Wahlkreis. Auch hier waren die Versammlungen überfüllt. Die Teilnehmer zogen zwanglos nach dem Stadtinnern. Während die Versammlungsbesucher, die in den Arminhallen waren, ungehindert bis zur Wilhelmstraße vordringen konnten, wurden die aus dem Gewerkschaftshause Kommenden schon am Kaiser=FranzGrenadierplatz aufgehalten. Man versuchte, trotzdem weiter zu kommen, was auch teilweise gelang. Der Zug, an dem etwa 10000 Personen teilnahmen, kam bis zum Gendarmenmarkt und zerstreute sich dann langsam. Vierter Wahlkreis. Eine imposante Kundgebung war die Demonstration im vierten Berliner Reichstagswahlkreis, der den östlichen Teil der Stadt umfaßt. Die fünf Versammlungen im Kreise waren überfüllt, Zehntausende fanden keinen Einlaß. Die Demonstranten kamen truppenweise. Aus dem Nordosten der Stadt kam ein Jug von etwa 1000 Personen; ihm schlossen sich immer neue Massen an. Im Nu war eine Menge von über 10000 Personen am Elysium in der Landsberger Alle, die dann unter Gesang von Arbeiterliedern und mit Hochrufen auf das freie Wahlrecht die Petersburgerstraße entlang gingen. Inzwischen waren auch die Versammlungen beendet: jetzt gruppierten sich die Massen in einem Zuge, wie ihn der Osten Berlins bisher noch nicht gesehen hat. Alle Fenster waren von Schaulustigen dicht besetzt: an der Frankfurter Allee vereinigte sich der Zug mit weiteren Demonstranten. Jetzt ging es durch die Warschauerstraße über die Oberbaumbrücke nach dem Schlesischen Tor, wo bereits gewaltige Menschenmassen die Ankommenden erwarteten. Hier wurde eine kurze Ansprache gehalten und mit einem Hoch auf das allgemeine Wahlrecht gingen die Demonstranten, die auf etwa 40000 Personen geschätzt wurden, auseinander. Auf dem ganzen Wege war kein Schutzmann zu sehen, weshalb es auch einerlei Zwischenfällen kam. Fünfter Kreis. Die Versammlung war sehr stark besucht. Nach Schluß posanten Demonstramit Demonstranten Linden beschützte ein starkes Schutzmannsaufgebot Kaiser und Thron. Sechster Wahlkreis. Im Norden der Stadt waren die Versammlungen ebenfalls überfüllt. Polizei war fast nirgends zu sehen. Schon am frühen Vormittag wurden die Schutzleute von den Außenbezirken in Massen nach der inneren Stadt dirigiert. Von dem bekannten Versammlungslokal der Schönhauser Gegend, dem„Berliner Prater“, zog nach 1 Uhr, als die überfüllte Versammlung ihr Ende erreicht hatte, ein mächtiger Zug die Schönhauserstraße hinunter, wo er mit Pankower Demonstranten zusammentraf. Am Humboldtpark kamen auch die übrigen Demoustranten aus dem Die Versammlung war sehr stark besucht. formten sich die Teilnehmer zu einem imposa: tionszuge, der sich an der Friedrichstraße mit aus anderen Kreisen vereinigte. Unter den Lin sechsten Kreise und aus Charlottenburg. rote Fahne XU purde entfaltet und eine imposante Massenversammlung. der wohl 50—60000 Menschen zeilnahmen, fand auf dem groß Wiesengrunde statt. Genosse Ledebour und der Demokrat Dr. Breitscheidt hielten Ansprachen. Arbeitergesänge erund die Hochrufe auf das freie Wahlrecht wollten nicht enden. In der„Bockbrauerei“ und in den„Pharussälen“ standen die Versammlungsteilnehmer dicht gedrängt. Die geräumi gen Lokalitäten und Gärten faßten nicht die Menge. Nach Schluß der Versammlungen bildete sich ein imposanter Zug, der durch die Straßen des Nordens zog und sein Ziel Humboldthain] ohne Zwischenfälle erreichte. In der Turmstraße sah man keine Polizeiheamten, wohl aber waren einige Dutzend Unteroffiziere in der Feuerwache unter In den Berliner Vororten fanden gleichfalls De monstrationsversammlungen statt, die durchweg einen Massen besuch aufzuweisen hatten. In den größeren Orten Rixdorf, Schöneberg, Charlottenburg. Ober=Schöneweide, Lichtenberg u. a. m. waren die Versammlungssäle viel zu klein, um die Erschienenen zu fassen. Nach Schluß der Versammlungen zogen die Demonstranten nach dem Stadtinnern. Mächtige Züge begaben sich nach Berlin. Im allgemeinen war die Polizei zurückhaltend; nur in Rixdorf kam es zu Zusammenstößen. Hier nahmen an der Wahlrechtsdemonstration über 8000 Personen teil.: Kurz vor dem Auseinandergehen des Zuges schritt die Polizei gewaltsam ein. Die Demonstranten hatten sich auf dem Richardplatz, vereinigt, wo eine Ansprache gehalten wurde. Die Polizei schlug rücksichtslos auf die wehrlose Menge ein; ernsthafte Verletzungen sind indes nicht vorgekommen. * Aus dem übrigen Preutzen. Die Ronsdorfer Versammlung war von über 400 Personen besucht. Eine Resolution wurde einstimmig angenommen. Es folgte eine Demonstration durch die Stadt bis zum Rathause, Hochrufe auf das Wahlrecht wurden ausgebracht. Die Polizei verhielt sich ziemlich passiv. Remscheid. Hier sprach Liebknecht vor 3000 Personen. Hunderte fanden keinen Einlaß. In zwei immer anschwellenden Zügen gings zum Volkshause. Am Bahnhofe wurden Liebknecht Ovationen dargebracht. Da sich die Polizei taktvoll benahm, wurden Zusammenstöße vermieden. In Elberfeld=Barmen waren 7 Versammlungen. Besucherzahl über 4000. In Elberfeld Demonstration durch die Hauptstraßen zum Königsplatz, dort wurden Hochs ausgebracht. Die Polizeiarheit war unerheblich. In Barmen waren die Hauptstraßen durch doppelte Ketten abgesperrt. Die Demonstranten mußten durch Nebenstraßen ziehen. Die Beteiligung in beiden Städten über 8000. Im Wahlkreis Düsseldorf vier überfüllte Versammlungen, nachfolgend Straßendemonstration durch die Hauptstraßen der Stadt von 10000 Personen, die vor die Wohnungen des Abg. Kirch, des Herrenhausmitgliedes Marx zogen. Polizei war zurückhaltend. Köln a. Rh. Die Kölner Parteigenossen zogen um 11 Uhr südlichen——— Zuge zur südlichen Stadt, wo drei Die zu mehreren hundert Mann vom Dom aus in gewaltigem Versammlungen stattfanden. Die au—. zu Fuß und zu Pferde aufgebotene Polizei drängte den Zug zunächst in eine Nebenstraße, doch vereinigten sich die Teile bald wieder, um nach halbstündigem Zuge in einer Zahl von insgesamt 10000 Mann am Ziele einzutreffen. In der Hauptversammlung redete Genossin Zetkin. Unter minutenlangem Beifall der Versammelten erklärte sie:„Rufen die Jnnker: „Hoch der Staatsstreich!, so rufen wir: Hoch die Republik!“ Eine Kundgebung wie die heutige hat Köln noch niemals gesehen. Die Demokratische Vereinigung hatte am Sonnabend eine Volksversammlung veranstaltet, in der sie gegen die Wahlrechtsvorlage protestierte und für Preußen das Reichstagswahlrecht und eine neue Wahlkreiseinteilung verlangte. In Biebrich a. Rh. fand eine auch von Bürgerlichen außerordentlich stark besuchte Versammlung statt. Die einstimmig angenommene Resolution wurde durch eine Deputation dem nationalliberalen Landtagsabgeordneten Wolff übermittelt. Die Polizei hatte umfangreiche Vorkehrungen getroffen; auch die Mannschaften der Unteroffizierschule waren in der Kaserne konsigniert. Nach Schluß der Versammlung zogen die Teilnehmer vor die Wohnung des Abgeordneten Wolff und brachten Hochrufe auf das allgemeine Wahlrecht aus. Frankfurt a. M. Versammlung im Zirkus Schumann von 7000 Personen besucht. Tausende standen noch vor dem Lokal. Plötzlich erschienen berittene Polizisten, die schonungslos in die Leute hineinritten. Eine Frau mit einem Kind aus dem Arm wurde zu Boden geritten und mußte von der Rettungswache abgeholt werden. Die Polizisten ritten sogar in die Häuser hinein und hieben auf harmlose Passanten ein. Nach Schluß der Versammlung zogen etwa 20 000 Teilnehmer nach dem Hohenzollernplatz. Die Polizei war völlig überrascht, denn sie hatte in der Kaiserstraße abgesperrt. Die Demonstranten wurden von 20 berittenen Schutzleuten eingeholt, zahlreiche Personen wurden verletzt. Auch in anderen Straßen fanden schwere Zusammenstöße mit der Polizei statt. Unter lauten Pfuirufen der Massen sprengte die Polizei in der Nähe des Hischgrabens abermals in die Demonstranten hinein. Sogar in das Haus drang die Polisei ein, in dem sich die Redaktion der„Volksstimme" befindet. Verschiedene Genossen wurden verhaftet, nach einigen Stunden aber wieder freigelassen. Selbst in bürgerlichen Kreisen wird das Vorgehen der Polizei scharf verurteilt. In Magdeburg begann sich eine Stunde vor Beginn der Versammlungen die Hauptstraße mit Demonstranten zu füllen, deren Menge bald zu Tausenden anschwellte. Unter Hochrufen und dem Gesang von Wahlrechtsliedern zogen die Massen nach den in den Vororten belegenen Versammlungslokalen. Die der Teilnehmer dürfte mit 10.000 nicht überschätzt sein. Na Schluß der Versammlungen begaben sich die Massen wieder nach der Stadt. Dem Andrang der Menge vermochte die Polizei nicht standzuhalten, und bald waren die Hauptstraßen wieder mit Demonstranten gefüllt. Zum Schluß kam es zu einer Kundgebung vor dem Rathause und der Wohnung des Oberbürgermeisters. Mehrere Verhaftungen wurden vorgenommen. Erwähnti sei noch, daß die Versammlungen eine Deputation zu dem Landtags.— Gruson sandten, der sich ganz im nationalliberale und die Verhafteten geschlossen abgeführt. Mit Vorliebe hieben die Polizisten auf Fliehende ein. Noch um 8½ Uhr wurhe auf dem Markt in das zahlreich versammelte Publikum hineingeritten. Hierbei wurden auch wieder Kinder verletzt. Die Versammlungen in der Umgebung Kassels waren außerordentlich stark besucht. Es herrschte überall begeisterte Kampfesstimmung. In Spremberg und Forst waren die Versammlungen stärker besucht als sonst. Die Umzüge verliesen ohne Störung. In Kassel selbst konnte wegen der Stadtverordnetenwahl, für die mehrere Versammlungen einberufen worden waren, eine Wahlrechtsdemonstrationsversammlung stattfinden. In Hannover wurden 13 Versammlungen abgehalten. Die Teilnehmerzahl wird auf 20—25 000 Personen geschätzt. Polizei war gewaltig gerüstet, verhielt sich aber passiv. Rathenom. Mehr als 1500 Personen, die Versammelten zogen nach Schluß durch die Straßen der Stadt. Die Polizei war zurückhaltend. Harburg. Trotz zweier am Mittwoch abgehaletner, überfüllter Versammlungen demonstrierten am Mittag 3000 Personen. Die Straßendemonstration verlief in musterhafter Ordnung, weil die Polizei ferngeblieben war. In Altona=Ottensen glänzende Kundgebungen. Im„Englischen Garten“ 6000 Teilnehmer. Im„Sternzahl“ 2000. In Ottensen zwei überfüllte Versammlungen mit 4000 Personen. Große Absperrungen Schutzleute zurückhaltend. Polizeihauptmann Klaeber aggressiv durch rücksichtsloses Hineinreiten. Kiel. Im Kieler Wahlreise sanden 15 Versammlungen statt, die sämtlich überfüllt waren. In Kiel nahmen etwa 10000 Personen daran teil. Die Demonstranten zogen in geschlossenen Trupps nach den Versammlungslokalen. Nach Schluß der Versammlung zogen die Teilnehmer in vier großen Zügen durch die Hauptstraßen der Stadt. Am Gewerkschaftshause wurden die Züge, die sich inzwischen vereinigt hatten, durch die Polizei gesprengt. Man vereinigte sich wieder und zog vor das Haus des Oberbürgermeisters. Auf dem Exerzierplatze sog die Polizei blank, die Menge verhielt sich aber ruhig, sodaß die Polizei von der Waffe keinen Gebrauch machen konnte. Stettin. Aus 8 Versammlungen zogen etwa 7000 Personen nach dem Innern der Stadt. Die Polizei hatte den Paradeplatz abgesperrt. Infolgedessen bewegte sich der Zug durch die vornehmeren Viertel, um sich dann in einer Vorstadt aufzulösen. Es wurden vereinzelte Sistierungen vorgenommen. Während des ganzen Nachmittags fand auf dem Paradeplatz über eine Stunde lang ein Massenspaziergang statt, den die Polizei nicht verhindern konnte. Die Versammlung in Erfurt war von 1600 Personen besucht. Hunderte mußten umkehren. Nach Schluß zogen die Teilnehmer vor das Regierungsgebäude und brachten Hochrufe auf das freie Wahlrecht aus. Polizei und berittene Gendarmen gingen energisch gegen die Demonstranten vor. Das Militär war in Bereitschaft. In Ilversgehosen bei Erfurt nahmen 500 Personen an der Versammlung teil. In Schönebeck=Elbe waren 1600 Personen versammelt. Nach der Versammlung fand ein Umzug durch verschiedene Straßen statt. Die Demonstranten zogen vor das Rathaus und brachten sort ein Hoch auf das allgemeine Wahlrecht aus. Die Polizei hat einige Personen festgenommen. dem Zechenderbaub angeschlossenen Zeche zus Arbeit angenommen werden dürfen. Was sagt Herr von Sydow dazu? Ob er Veranlassung nehmen wird, sich um diesen Skandal zu kümmern? Oespel. Grauenhafte Mißstände werden uns wieder von der Zeche„Borussia“ gemeldet. Wir teilten schon mit, daß das Seil gerissen sei, und die Belegschaft feiern sollte. Nachher wurde bestimmt, die Fahrten zu klettern, die Koblen sollten mit dem defekten Seil weiter gesördert werden, bis ein neues Förderseil da war. Dies wäre an sich nichts absonderliches. Aber die Art und Weise, wie die ganze Sache gehandhabt wird, ist zum mindesten— schauderhaft. Will man von einer Fahrte durch die Fahrbühne gelangen, so ist man gezwungen, einen Aufzug zu machen, um sich nachher in dem auf den Bühnen liegenden Schlamm aufzurichten; da die Fabrien zu kurz sind, um hoch genug steigen zu können. Im Fahrschacht ist kaum für einen Mann Platz. Daß man aber auf„Borussia“ nicht so lange Zeit hat, bis das Drittel, welches seine Schicht beendet hat, zu Tage geklettert ist, sondern das solende Drittel ihren Kollegen schon entgegenklimmen muß, ist auf diesem Loche selbstverständlich. Nun kann sich jeder denken, wie es in einem Fahrschacht, wo abgerackerte Bergleute mühselig heraufsteigen, während ihnen ihre Kameraden entgegenkommen, aussieht, wenn kaum soviel Raum vorhanden ist, daß eine Person durchkann. Die Personenfahrt mit dem gerissenen Seil ist verboten. Das geniert aber die Beamten garnicht. Während sich die Kameraden noch im Fahrschacht befinden, springt z. B. Steiger Manns auf den Korb, und fährt in die Grube, um die unten angekommenen Kameraden an die Arbeit zu treiben. So geht es die ganze Schicht. Aber nicht nur der Steiger, sondern auch der Anschläger nimmt für sich das Recht in Anspruch, mit fast jedem Korb. einerlei ob Kohlen oder Steine gefördert werden, herauf und herunter zu fahren. Jeoenfalls ist demselben dies befohlen, zum mindesten erlaubt worden, sonst würde er sich einer so großen Gefahr nicht aussetzen. Wie es in Anbetracht solcher Verhältnisse im Bau der berühmten„Borussia“ aussieht, kann man sich denken. Alles was man sieht, sind Mißstände. Daß noch manche Witwe der Zeche„Borussia“ den Verlust des Ernährers, viele Kinder den Verlust des Vaters zuschreiben, das hat man anscheinend auf diesem Pütt schon ganz vergessen. Anstatt danach zu streben, eine Musterzeche zu werden, läßt hier die Antreiberei und Mißachtung der selbstverständlichsten Sicherheitsmaßregeln alles zu wünschen übrig. Nun, für heute mag es genug sein. Aber das können sich die Herren von„Borussia", Oespel merken, daß es die Kumpels bald satt sind. Man sollte kaum glauben, wie große Angst die Herren vor der„Arbeiter=Zeitung" haben. Sehr oft werden Arbeiter, wenn sie im Verdacht sind, der„Arbeiter=Ztg.“ etwas mitgeteilt zu haben, dieserhalb gefragt. Die Gesinnungsschnüffelei steht in vollster Blüte.— Ergänzend wird uns noch mitgeteilt, daß eine Fahrbülne kaput, und trotzdem es gemeldet wurde, noch nicht gemacht worden ist. Auf den obersten Fahrten fliegt den Leuten der„Pferdemist" entgegen. Es stinkt wie in „„### einem Pferdestall, demnächst werden wir die Mißstände im onen versammelt. Nach Bau dieser Zeche näher beleuchten. Wir hoffen bestimmt, daß die verschiedene Straßen Verwaltung dafür Sorge trägt, daß die Bergleute nicht mehr sagen können:„So ein„Sauloch“ wie„Borussia“ gibt es nirgends.“ Bremerhaven. In den Unter=Weser-Orten wurden zwei! Drovinz=Nachrichten Versammlungen abgehalten, die von über 2000 Personen, darun=I..„—„„„ ter viele Frauen, besucht war. Es fanden zum ersten Male— Duisburg. Während der Freitag=Nachtschicht auf Zeche Straßendemonstrationen statt. Deputationen gingen zum Land=„Westend“ in D.=Meiderich ging der Anschlagspunkt am blintagsabgeordneten Klußmann, wurden aber nicht vorgelassen. Die den Schacht zu Bruch. Die Bergleute Smith und Bölker wurPolizei verhielt sich zurückhaltend.. den unter den Trümmern begraben. Einer sofort ihmen etwa 450 Personen an der Versamm- verbeigeeilten Rettungsmannschaft gelang es, nach angestrengter mehrstündiger Tätigkeit die Verschütteten zu bergen. Beide waren tot. Zei v. In Grandenz nahmen etwa 450 Personen an der Versamm lung teil. Kottbus. Nach Schluß der Versammlung demonstrierten ca. 300 Personen. Die Polizei war aufgeboten, ebenso ein Regiment Infanterie mit scharfgeladenen Gewehren, jedoch gab es keine Arbeit für sie. In Fürstenwalde war die Versammlung von über 2000 Personen besucht; die Teilnehmer zogen am Schluß durch die Stadt, ohne irgendwie gehindert zu werden. In Mühlhausen i. Th. war die Mittagsversammlung von einem Raume erfolgte etwa 1000 Persopen besucht. Die gesamte Schutzmannschaft und pulver befanden ein starkes Gendarmerieaufgebot stand in Vereitschoft,„Nach„ Paris, 18. Februa:. Der Marineminister erhielt vom franSchluß der Versammlung zogen die Teilnehmer vor## Rathaus, zösischen Vizekonsul in Palma folgende gestern abend um 10 Uhr Die Schutzleute versuchten, die Demonstranten zu zerstreuen. Es aufgegebene Depesche: Die""“ Neueste Nachrichten. Ursache des Unterganges des„Generals Chanzy“. Paris, 13. Februar. In der Compagnic Transatlantique vermutet man, daß die Explosion des„General Chanzy“ in nem Daume aufalate, in dem sich dreißig Tonnen Schießin Ursache des Unterganges des„General ist wahrscheinlich eine Kesselexplosion. Die Postsäcke ind den Gelds ldsendungen wurden Er nilldenchen C.fain. wurden eine Anzahl. Verhaftungen vorgenommen. Chanzy“ ist wahrscheinlich .. In Nordhausen fanden zwei große Versammlungen statt, an mit den eingeschriebenen Briefen und die sich ein Umzug bis zur Mitte der Stadt schloß. Die Gen= gerettei darmen aus dem ganzen Bezirke waren zusammengezogen, ver=I Paris, 14. Februar. Zu dem Untergang des Dampfers hielten sich aber ruhig, so daß die Demonstration ohne Zwischen=„General Chanzy“ wird noch gemeldet: Als einzige Leichen falle verlief.— In dem nahegelegenen Sangerhausen war wurden gestern die eines Mannes von etwa 30 Jahren und S'uum 11 Uhr vormietags ktars k.=k. A 11#####. einer Frau, die ihr Kind umklammert hielt, an das liser geStriegan(Schl.). Um 11 Uhr vormittags stark besuchte Ver= schwemmt. 6 französische Torpedojäger werden von morgen ab sammlung, dann Demonstrationszug um den Ring, hierauf eine die an der Unglücksstätte schwimmenden Leichen die an der Unglücksstätte schwimmenden Leichen zu suchen. Der einzige Ueberlebende Baredez will sich jetzt deutlich weitere ebenfalls überfüllte Versammlung fgren Versgazmlunger einer Kesselexplosion in der Nähe des Riffs von Correnueva gutthwig, Hyptgr, und erinnern. Nach den Aussagen Baredez sonen. Im Wahlkreise Wandsleben demonstrierten mehrere ne bei einander liegende Orte gemeinsam, so daß es in Groß-Ottei leben zu einer Teilnehmerzahl von 2000, in Westerhöfen zu ein solchen von 1700 Personen kam. In Thale zog die Polizei ble Halberstadt über 2000 Teilnehmer, in Burg Oschersleben 1100, Staßfurt 600, Thale 600, Osterwieck 500, Quedlinburg 400, Calbe a. S. 300 und Salzwedel 350 Personen. Im Wahlkreise Wandsleben demonstrierten mehrere nahe einer solchen Jog die Polizei blank und trieb die Demonstranten auseinander. Aus Halle a. S. werden schwere Polizei-Brutalitäten gemeldet. Als nach 11 Uhr Tausende zu den Versammlungen strömten, wurden schon viele Verhaftungen vorgenommen. Die Polizei schritt rücksichtslos ein. Die abgesperrten Versammlungen waren von über 6000 Personen besucht. Große Massen fanden keinen Einlaß. Nach Schluß zogen die Massen unter Absingen der Marseillaise heimwärts. Am Stadttheater trafen die Züge gufeinander. Hier waren ungefähr 15000 Menschen versammelt. Die Polizei war überrascht und requirierte berittene Artillerie. Auch eine Kompagnie Infanterie wurde herbeigerufen. Ohne jede Aufforderung, den Platz zu räumen, sprengte plötzlich die Polizei zwischen die Menge und richtete ein fürchterliches Blutbad an. Mehrere Passanten erlitten entsetzliche Verletzungen; auch zwei Kinder wurden schwer verwundet. Die Attacke wiederholte sich mehrfach. Der Theaterplatz war von allen Seiten abseperrt, so daß es der Menge nicht möglich war, sich zu zerstreuen. Die Verletzten mußte man mit Krankenwagen fort50—60 Verhaftung chaffen. Außerdem wurden Verhaftungen vorgenommen Zaborze, die sämtlich überfüllt waren. Die Polizei starrte in Waffen, bekam aber nichts zu tun, weil von Straßendemonstratienen abgesehen wurde. Königsberg. Gewaltige Demonstration auf dem Paradeplatz. Versammlung Ludwiasyof sehr stark besucht, riesiges Polizeiaufgehot. Straßenabsperrungen, mehrere Verhaftungen. Tilfit. Versammlung unter freiem Himmel, 700 Teilnehmer. Vorher und nachher Straßendemonstrationen ohne ernste Zwischenfälle. *** Protest der schwäbischen Demokraten. Der Volksverein für Groß=Stuttgart besaßte sich Freitag abend mit der Landtagsrede des Herrn von Bethmann=Hollweg und nahm dann folgende Resolution an: „Die vom Volksverein Groß=Stuttgart einberufene öffentliche Versammlung protestiert aufs entschiedenste gegen jeden Angriff auf die bestehende Reichsverfassung und fordert viel- v. mehr endlich eine gerechtes und entschiedene Fortentwickelung ist ein Gefecht im Gange derselben. Sie protestiert mit Entschiedenheit gegen die grundlosen Beschimpfungen der deutschen Südstaaten durch en preußischen Ministerpräsidenten und Reichskanzler Fürsten Bethmann=Hollweg in der Donnerstag=Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses, in dem er als Folgen demokratischer, rungn, wie wir sie war das Licht des Leuchtturms in dem Morgennebel kaum wahrzunehmen. Der finnische Landtag. Helsingfors, 18. Febr. Der neue Landtag wird, wie nunmehr endgültig feststeht, bestehen aus 42 Altfinnen, 28 Jungfinnen, 26 Schweden, 86 Sozialdemokraten, 17 Agrariern und einem christlichen Arbeiter. Es sind 15 Frauen zu Deputierten gewählt, darunter 9 Anhängerinnen der Sozialdemokratie. Die *„„ 789633 Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen ist 789633. Chinesische Soldaten bekämpfen sich gegenseitig. Hongkong, 18. Febr. In Kanton bekämpften sich drei Bataillone chinesischer Soldaten gegenseitig; dabei wurde eine Polizeistation erstürmt. 200 Soldaten desertierten. Die Bewegung richtet sich nicht gegen die Fremden. Kanton, 13. Febr. Die meuternden Truppen, zwei Bataillone Infanterie, stürmten ein Polizeigebäude. Die Stadttore sind geschlossen, die treugebliebenen Truppen mobilisiert; am Osttor Zur Erinnerung und her Einrich politischer besitzen, einen Rückgang der Kultur und der Erziehung und eine Verflachung und Norn-n— sifan hauptete. an die erste Verrohung der politischen Sitten beBürgerliche Rundgebung gegen die Wahlrechtsvorlage. Vertreter der städtischen Selbstverwaltung, der Wissenschaft und Kunst, der Industrie und des Handels, wollen am Sonntag, 20. Februar, mittags 12 Uhr, im Zirkus Schumann eine große Protestaktion gegen die preußische Wahlrechtsvorlage veranstalten. Dortmunder Wahlrechts-Demonstration am 15. Februar 1910 haben wir Aus dem Wahlkreise Dortmund=Hörde. Dortmund, 14. Februar. * Neue Praktiken vom Zechenarbeitsnachweis. Bei den Debatten über den Zwangsarbeitsnachweis im Ruhrgebiet bezeichnete es Herr von Sydow als einen großen Fortschritt, daß anstelle der sechsmonatlichen Aussperrung für die sogenannten kontraktbrüchigen Bergleute eine Aussperrungsdauer von 14 Tagen getreten sei. Neuerdings werden nun aber auf den echen des Ruhrgebietes an die Bergleute Zettel verteilt, in nen es heißt: „Sie werden hierdurch darauf aufmerksam gemacht, daß, falls Sie sich auf unserer Zeche einen Kontraktbruch zuschulden rommen lassen, Sie dieserhalb 6 Monate auf keiner anderen 4 Postkarten nach photographischen Momentaufnahmen(aufgenommen vom Westenbellweg, Markt, Balkenstrasse, Drückstrasse) herstellen lassen. Diese Bilder sind vorzüglich gelungen und werden für die Teilnehmer eine schöne Erinnerung bilder Preis pro Stück 10 Pfennig, alle vier Karten 35 Pfennig. Bestellunger nohmer sämtliche Zeitungsboten an. Expedition der Arbeiter-Zeitung Dortmund, Rielstrasse 5. Reste-Verkauf Beginn Montag. den 14. 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Der Abschluss der Wahlrechtsdehatte. Im Abgeordnetenhause gingen am Sonnabend die Die zweite Garnitur der Redner leitete der konservative Abg. e und brachten zum Schluß die Ueber= Malkewitz ein. In seiner besseren Vergangenheit SchriftWahlrechts debatten zu Ende und brachten zum Schluß weisung der Vorlage an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Was aus den Kommissionsverhandlungen herauskommen wird, weiß noch kein Mensch. Aber soviel zeigten auch die Reden des dritten Tages, daß— die Reform mag ausfallen, wie sie will— die breiten Massen des arbeitenden Volkes entrechtet bleiben. Vielleicht werden einige Mittelstandskreise für würdig erachtet, mit den Militäranwärtern zusammen in eine höhere Klasse befördert zu werden, aber die Arbeiter bleiben rechtlos. Als Redner der Freisinnigen Vereinigung kam der Abg. Dr. Pachnicke zum Wort, den nährend der Blockpolitik wegen seiner besonders setzer und eine Zeitlang eifriger Anhänger der sozialdemokrati schen Partei, hat er sich jetzt zu einem konservativen Konzessionsschulzen entwickelt, der wegen seines fließenden Mundwerks hier und da von seiner Partei vorgeschickt wird, wenn es eine schlechte Sache zu verteidigen gilt. Diesmal argumentierte Herr Malkewitz besonders geschmacklos. Vor allem das„Berliner Tageblatt“ hat es ihm angetan, und gegen dieses richtete sich der größte Teil seiner Angriffe. Natürlich entrüstete auch er sich über den schlechten Ton der Sozialdemokraten, bewies seinen guten Ton aber in demselben Atemzuge mit der Behauptung, daß ein Teil zahmen Haltung viele schon zu den Nationalliberalen geworfen des Abgeordnetenhauses der Fürsorgeerziehung dringend bedürftig hatten, der aber durch seine Wahlrechtsrede bewies, daß er auc zu sein scheine. Die sozialdemokratischen Abgeordneten erfreuen noch echt liberale Töne anzuschlagen versteht. Er fertigte über, sich nicht einer so unbegrenzten Duldung des Präsidiums. Sachlegen den freikonservativen Draufgänger v. Zedlitz ab, der be lich war der Malkewitzschen Rede zu entnehmen, daß die Konserkanntlich nach Oldenburgscher Weise am Tage vorher für die vativen in der Kommission dafür sorgen wollen, auch dem MittelAbschaffung des Reichstagswahlrechts eingetreten war und stand die Möglichkeit eines Aufrückens in eine höhere Klasse zu ostentativ das Abgeordnetenhaus, diese Karikatur einer Voliz= geben. Als würdiger Anhänger der Partei der Drehscheibe ervertretung, das preußische Volkshaus genannt hatte. In diesem wies sich der zweite nationalliberale Redner Dr. Krause„Volkshause“ sitzen nach einer Aufstellung Dr. Pachnickes 140 Königsberg. Es soll nicht geleugnet werden, daß er manches Großgrundbesitzer, nur 8 Kleingewerbetreibende und noch weniger scharfe Wort gegen rechts fallen ließ, daß er überzeugend die einArbeiter. Es gehört die ganze junkerliche Dreistigkeit eines seitige Bevorzugung der Konservativen bei der Besetzung aller Zedlitz dazu, angesichts solch offenkundiger Verhältnisse so lügne, höheren Verwaltungsposten nachwies, daß er mit guten Gründen rische Behauptungen aufzustellen. Selbst bei Dr. Pachnicke hat die Bethmannsche Behauptung widerlegte, die preußische Regiedie Regierungsvorlage die tiefste Erbitterung hervorgerufen, die rung seye üver den Parteien. Dann aber zeigte er auch gleich in ihren Bestimmungen noch weit hinter den Wahlrechten zurück, seine andere Seite: seine Bewunderung vor der eminent lauteren bleibt, die gegenwärtig in Japan und Rußland bestehen. Eine Persönlichkeit des jetzigen Ministerpräsidenten, seinen grimmen zutreffendere Illustration des Bülowschen Wortes:„Preußen in Haß gegen die um ihr Recht kämpfende Arbeiterklasse. Unter Deutschland und Deutschland in der Welt voran“ ist wohl seit einem Aufwand von viel Pathos wandte er die ganze Wucht langem nicht geliefert worden. Neues konnte natürlich aug am Schlusse seiner Rede gegen die äußerste Linke und suchte der Dr. Pachnicke an vernichtender Kritik gegen diese Ausgeburt einer Sozialdemokratie die nationale Gesinnung anzusprechen. Dabei wirklichen Wahlreform nicht vorbringen. Er unterstrich noch###schmahre er das abgebrauchte Mittel der Herrschenden aller einmal vor allem den mittelstandsfeindlichen Charakter dieser Länder nicht, die sozialdemokratischen Parteien des Auslandes Bethmannschen Reform, die die Gewerbetreibenden und auch ais„nationa!“ gegen die sozialdemokratische Partei des eigenen die Bauern zurücksetzt hinter den Unteroffizier und den an. Landes auszuspielen. Diese Methode ist zu abgeschmackt und so hängigen Beamten. Mit anerkennenswerter Schärfe wandte er häufig widerlegt, daß unsere Gegner gut taten, sich diese abgesich sowohl gegen die despektierlichen Aeußerungen des Herrn von standenen Redensarten endlich zu verkneifen und mit besseren Bethmann=Hellweg über das Reichstagswahlrecht, die sich erst Grunden zu kommen, falls sie solche haben. Ein Freikonservativer recht nicht gehören von einem Manne, der in seinem neuen Amt erst zeigen soll, ob er was kann, und gegen die staatsstreichlüsterne Rechte, deren wahrer Gesinnung im Reichstage Herr v. Oldenburg und im Landtage Oktavio v. Zedlitz Ausdruck gegeben haben. Und nun geschah das Ungeheuerliche: Herr v. Bethmann, der am Donnerstag in mehr als einstündiger, wohlpräparierter Rede das Reichstagswahlrecht herabgesetzt und die süddeutschen Staaten mit ihren freiheitlichen Verfassungen grundlos beschimpft hatte, erhob sich, aber nicht, um auf die gegen ihn gerichteten Angriffe einzugehen— dazu reichte es offenbar nicht aus—, sondern um den einen Pachnickeschen Satz zurückzuweisen, daß die jetzige Wahlrechtsvorlage im Vergleich zum Königswort in der Thronrede ein Rückzugsgefecht darstelle. Das bestritt Herr von Bethmann und verlangte, worauf ihn freilich eine Lachsalve der Linken begrub, mit solchen Versicherungen ernst genommen zu werden. Sprachs und setzte sich, hörte sich die weitere Debatte noch eine Weile an und verschwand dann auf Nimmerwiedersehen. Kläglicher hat wohl selten sich ein Minister in einer politisch bedeutsamen Frage benommen, wie Herr v. Bethmann, dessen parlamentarischer Mißerfolg sich würdig dem Mißerfolge des Kriegsministers im Reichstage vom Tage vorher anschloß. versuchte in der weiteren Debatte, den Vorstoß seines Parteifreundes v. Zedlitz als harmlos hinzustellen, gerade wie im Reichstage die Konservativen Herrn v. Oldenburg nicht ernst genommen zu sehen wünschten. Wer Herrn v. Zedlitz und den Einfluß dieses in seiner Art geschickten und gerissenen Politikers kennt, weiß, was von dieser mehr als faulen Ausrede zu halten ist. Der letzte Redner war der freisinnige Abg. Fischbeck, unrühmlichst bekannt als Wortführer der bürgerlichen Linken beim vierfachen Mandatsraub. Hier gebärdete er sich stark oppositionell, sprach von den Parteien, die sich um den Thron scharen und einseitig egoistische Zwecke verfolgen, und verstieg sich sogar zu einer Rechtfertigung der aufpeitschenden Erbitterung über die Unzulänglichkeit der Bethmannschen Wahlreform. Am Montag steht die Interpellation der Nationalliberalen wegen der Beamtenmaßregelungen in Posen auf der Tagesordnung. Verhandlungsbericht. 20. Sitzung, Sonnabend, den 12. Februar 1910. Haus und Tribünen sind stark besetzt. Am Ministertisch: von Beil Moltke. Dr. Pachnicke(Frs. Vag.): Der Ministerpräsident hat verhmann=Hollweg, von sucht, die Probleme der Zeit zu erfassen. Mit ihm zu diskutieren, hat einen gewissen Reiz, aber man kommt dabei zu ganz anderen Ergebnissen.(Sehr richtig! links.) Die den Parlamentarismus herabsetzenden Aeußerungen des Ministerpräsidenten dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Sie sind sehr wenig angebracht bei einem Staatsmann, der erst seine Laufbahn anfängt! Die Regierungsbank ist nicht das Zentrum, von dem politische Kultur und Bildung ausgeht.(Sehr gut! links.) Große Worte und kleine Taten bezeichnen den Ministerpräsidenten. Die Vorlage hat größte Enttäuschung und tiefste Erbitterung hervorgerufen. Es darf nicht dabei bleiben, daß die eine Hälfte des Volkes über 300 Abgeordnete und die andere nur 140 wählt. Wie will man leugnen, daß die öffentliche Wahl die Wahlbeeinflussung begünstigt? Auch die Sozialdemokraten üben in den Städten Terror.— Die Bevorzugung der ehemaligen Soldaten ist eine ungerechtfertigte Zurücksetzung der Gewerbetreibenden und vor allem der Bauern. Abgelegtes Examen ist kein Maßstab der Bildung und Bedeutung. Für uns Freisinnige ist die Vorlage unannehmbar, schon darum, weil sie nicht die geheime Wahl bringt. Zufrieden ist mit der Vorlage nur die Sozialdemokratie, weil sie ihr willkommenen Agitationsstoff bietet.(Zuruf bei den Soz.: An dem fehlt es uns auch sonst nicht.) Freilich möchte ich die Sozialdemokraten bitten, nicht auf die Straßen zu steigen und keine ungesetzlichen Mittel anzuwenden. Mit Straßendemonstrationen bereiten Sie nur den Gegnern eines gesunden Wahlrechts Freude.(Sehr richtig! bei den Freis.] Herr von Zedlitz hat gestern ein gefährliches Wort gesprochen: Reich oder Reichstagswahlrecht? Das kann natürlich nur so viel heißen, daß das Reichstagswahlrecht fallen muß.(Hört! hört!) Herr von Zedlitz unterscheidet sich von Herrn von Oldenburg nur darin, daß Oldenburg gleich nach Bajonetten ruft, Zedlitz nach Paragraphen.— Der Reichstag hat im allgemeinen den sozialen und nationalen Sinn geweckt, wie nur irgend ein anderes Parlament. In England wie in Frankreich sehen wir Demokratie und Patriotismus eng vereint. Was soll es also heißen, wenn Herr von Richthosen Demokratie und Wehrkraft in Widerspruch stellt? England ist das Mutterland des Parlamentarismus und zugleich eines der mächtigsten Länder der Erde. Wir müssen auch in Preußen zu einem Verlament kommen, dessen Zusammensetzung uns für die Vertreter der Gesamtinteressen der Nation bürgt.(Lebh. Beifall links.) Ministerpräsident von Bethmann=Hollweg sucht unter ungläubiger Heiterkeit der Linken der Behauptung entgegenzutreten, daß die Regierung mit der Einbringung dieser Vorlage ein Rückzugsgefecht antrete. Ich bringe doch nicht zum Spaß eine Vorlage ein mit solch einschneidenden Verfassungsänderungen! (Lärm, Lachen und Unruhe links.) Die Staatsregierung hat Anspruch darauf, ernst genommen zu werden.(Bravo rechts, lautes Lachen links.) Malkewitz(kons.): Der Abg. Ströbel hat die Vorlage grimmig bekämpft und sie„hundsföttisch“ genannt. Nicht nur die sozialdemokratische Presse agitiert in diesem Tone. Er findet sich auch im„Berliner Tageblatt". Nur naive Leute halten es immer noch für ein bürgerliches Blatt. Nach Herrn Träger soll sich ganz Süddeutschland über die Wahlrechtsvorlage aufperegt haben. Ja, warum denn? Wir haben uns auch über die bayerische Wahlrechtsvorlage nicht aufgeregt.(Sehr gut! rechts.)] Wir haben schwere Bedenken gegen jede Wahlreform (Aha! links), weil wir an dem alten konservativen Charakter des preußischen Staates mit Zähigkeit festhalten. Wir wollen den demokratischen Aspirationen im Reiche und Preußen das Gleichgewicht halten.(Bravo! rechts, Lachen links.) Der Freisinn übt Selbstmord, wenn er fur das Reichstagswahlrecht in Preußen eintritt. Wir wollen die Herren aber doch noch recht lange hier im Hause sehen.(Große Heiterkeit. Rufe links:„und in Fürsorgeerziehung nehmen.“ Stürmische Heiterkeit.) Ein Teil des Hauses scheint der Fürsorgeerziehung dringend zu bedürfen.(Große Heiterkeit.) Warum haben die Liberalen das Wahlrecht nicht geändert, als sie die Mehrheit hier hatten? Damals gefiel es ihnen ausgezeichnet.(Heiterkeit. Sehr gut! 66 „Soldaten sein schön! Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. —(Nachdruck verboten.] 30!„(Fortsetzung.) Volter hatte der leidenschaftlichen Erzählung sinnend zugehört. Wie er mit ihm fühlte. Wie lebendig erschien ihm doch das alles, das ganze Elend. Die beredte Zunge Polowskys hatte seine Grundsätze auf einen Moment ins Wanken gebracht. Es wollte sich in ihm auch ein Bedürfnis nach Wiedervergeltung regen, das er aber sofort im Keim unterdrückte. Einen Blick des tiefsten Bedauerns und Verst hens warf er auf den Gefangenen. „Ich verstehe und begreife deinen Zustand und deine Absicht vollkommen. Ich kann mich ganz gut in deine Lage versetzen. Ich bedaure bloß dich! Du tust mir leid in tiefster Seele. Glaube mir— ich habe schon so viel einstecken müssen, ohne an Wiedervergeltung zu denken. Man muß die nötige Festigkeit des Charakters besitzen. Vielleicht ändern sich deine Ansichten noch.“ „Nie,“ rief Polowsky. „Das wollen wir nicht hoffen,“ entgegnete Volter ruhig. „Du hast lange keine Menschen gesehen. Sechs Jahre Soldatentöcke um sich zu haben, ist etwas Furchtbares für unsereinen. Werde erst frei! Sollst sehen, Polowsky, dann kommst du auf andre Gedanken und läßt die dumme Geschichte da fahren. Dem einzelr Menschen lege ich weniger Schuld bei. Das System das derbliche, der Zwang, dieses wehrlose Preisgegebensein! 1 dir das taten, hatten zu viel Gewalt in Händen. Und die mißbrauchten sie. Es gibt noch viele solcher und wird auch in Zukunft noch viele geben.“ „Ja, ja! Aber meine Rache laß ich nicht, nie! Ich muß sie alle drankriegen, diese Hunde, diese Elenden! Dann werden wir schon weiter sehen.— Es tut mir unbeschreiblich wohl, einer mitfühlenden Seele mein Herz auszuschütten, aber dagegen darfst du mir nichts reden.“ „Hast du keine Furcht, verraten zu werden?“ „Nein. Wenn Bornemann— oder wenn du dreist dem Arzt melden würdest, du hättest mich beobachtet und wärst zur [leberzeugung gekommen, daß ich nicht krank wäre, würde man dir doch gar nicht glauben!— Ich weiß, ihr tut es nicht.— nn tor es tätet, bliebe meine Behandlung dieselbe. Nein, ich habe dir hauptsächlich erzählt, um vor deinen Augen so zu erscheinen, wie ich wirklich bin.— Bornemann hat mir, wie ich schon sagte, viel von dir erzählt. Von deinem Freund, deiner Braut, von deiner ganzen Art und Weise. In den langen Jahren auf Festung habe ich mir etwas wie Menschenkenntnis angeeignet. Wie ich dich nun sah und von dir hörte, merkte ich aleich das Gemeinsame, das wir beide haben. Du urteilst sicher über das Militärwesen und dies ganze Dasein genau so wie ich. Denk ja nicht, ich sei ein gänzlich verkommenes Subjekt. Ich habe urteilen gelernt. Was für verschiedene Existenzen habe ich während meines Jammerdaseins kennen gelernt. Ich habe dabei die Augen offen gehabt. Und du glaubst gar nicht, wie so eine Haft die Sinne schärft. Meine Mitgefangenen waren auch nicht elle dumme Bauern. Im Gegenteil, viele Schlaue und Intelligente waren dabei, aber auch viele Schlechte. Da hab' ich manches gelernt. Man hatte ja geistig weiter nichts zu tun, als sich, gegenseitig zu studieren. „Dabei siehst du nicht ein, daß das eine große Dummheit ist, was du begehen willst?“ Das ist etwas andres! Ich begreife, daß Rache eines vernünftigen Menschen unwürdig ist. Aber ich kann doch nicht unders. Diese schadenfroh lachenden Gesichter will ich einmal sehen, entsetzt, angstvoll, zitternd vor mir, den sie gequält, geschunden, ärger wie ein Tier— einmal muß ich sie so sehen, oder es nagt und wurmt in mir unaufhörlich—— früher finde ich keine Ruhe!“ „Ich sehe, es ist vergebens, dich von diesen Gedanken abzu bringen. Mach das mit dir selbst ab.“ „Werde ich auch!“ „Es ist bloß unsäglich traurig, daß man Menschen so weit treiben kann. Wo man hinblickt beim Militär, nichts als Lüge, ung, verhaßter, verfluchter Zwang!— Ach! Alles Böse treiben Verstellung wird hier förmlich gezüchtet— gemeinster Mißbrauch der Autorität! Man muß ganz sittlich fest sein, durchkommen zu können.“ um ohne Schaden „Ja, ja, du hast recht. Schon der Anfang, Zwang, erzeugt Widerwillen. Man muß lügen, sich verstellen; so kommt man hübsch langsam ganz herunter!“ Schweigend saßen sich beide eine Weile gegenüber, bis Volter aufschreckte und nach seiner Uhr sah. „Jetzt wird gleich die Ablösung kommen,“ rief er. „Was? Schon so spät?“ Zehn Minuten vor Neun. Was ich für dich tun kann, wird geschehen!“ versicherte Volter, während er sich zur Ablösung vor bereitete. Ich danke dir, rief Polowsky und reichte Volter die Hand, die dieser ergriff. „Sei nur vorsichtig und laß die andern nichts merken!" „Da hab keine Sorge. Ar rede ich mit keinem!“ lußer mit dir und Bornemann Am ersten Feiertag war Volter auf Krankenwache bei Polowsko, und am zweiten durfte er mit den Schülern der äußern Station das Lazarett nicht verlassen. Eine große Operation war in Aussicht. Am Vormittag war nach dem Spezialisten telegraphiert worden, weil der Zustand des blinddarmkranken Gefangenen sich von Stunde zu Stunde verschlimmert hatte. Um vier Uhr nachmittags sollte der Operateur kommen, den Kranken zu untersuchen und, wenn nötig, gleich zu operieren. Die ganze Station war in Aufregung. Bis zur Ankunft des Arztes wurde all.s zur eventuellen großen Operation vorbereitet, Verbandsmittel hergerichtet, Instrumente abgekocht, steril gemacht. Sergeant Bogdahn kommandierte die Sanitätsschüler im Operationssaal herum. Mit einemmal wollte alles richt klappen, und der Hauptschuldige war Bornemann. Dieser bewahrte aber bei den verschiedenen liebenswürdigen Titula= turen seine gewohnte humorvolle Ruhe, die den Sergeanten nur noch wilder machte. Auf dem Korridor schrie dieser ihm zu:„Holen Sie mir sosort meine Mütze aus dem Burschenzimmer, die ich dort liegen gelassen habe.“ „Hu Befehl, Herr Sergeant.“ Bornemann wußte genau, daß die Mütze in dem Burschenzimmer des linken Flügels des Lazaretts sich befand. Um aber den Sergeanten zu ärgern, drehte er sich langsam um, nach dem rechten Flügel zu, ins verkehrte Burschenzimmer zu gehen. „Wo wollen Sie denn hin?“ rief ihn der Sergeant zurück. „Ins Burschenzimmer, die Mütze holen.“ „Sie haben doch vorhin gesehen, daß ich von dieser Seite kam. Da können Sie sich doch denken, daß ich dort die Mütze vergessen habe.“ „Das habe ich nicht gesehen!“ „Nun gehen Sie! Aber ein bißchen dalli!“ Wieder drehte sich Bornemann gemütlich um und tat so, als wenn's ihm selbst recht eilig wäre. „Bornemann!— Kommen Sie mal her!“ rief ihn Sergeant Begdahn wieder zurück.„Sie bewegen sich gerade wie in einem Zigarrenladen. Hier gib“'s keine Zigarren zu sortieren! Machen Sie marsch— marsch!— Sonst werde ich das mit Ihnen mal im Hof unten üben, Sie Schwein Sie!“ „Jawohl, Herr Sergeant,“ antwortete Bornemann, in einem Ton, als wenn ihm diese Aussicht ein ganz besonderes Vergnügen bereitet hätte. Sergeant Bogdahn mußte ihn nun schon gehen lassen, wie er ging. Sonst hätte es ihm doch zu lange gedauert, bis er seine Mütze endlich bekam. (Fortsetzung folgt.) rechts.) Auf einmal schwört jetzt die Linke auf ein Königswort. Selbstverständlich muß das Königswort eingelöst werden. Aber das ist von Seiten der Regierung jetzt geschehen. Die neuen Vorschläge über das Aufrücken in höhere Klassen sind in unseren Augen eine Schwächung des Einflusses des Mittelstandes. Wir werden danach zu trachten haben, ihm seine berechtigte Stellung zu erhalten.(Beifall rechts.) Das richte sich nicht gegen die Beamten, für die allein die Vorlage Privilegien„vorsieht. Redner nimmt die preußische Beamtenschaft gegen die Beleidigungen des„Berliner Tageblattes“ in Schutz. Es ist ganz gleichgültig, ob solch ein Mann aus einem Ochsenstall Ostelbiens stammt; wenn er nur 12 Jahre mit Ehren des Königs Rock getragen hat, so ist er dann ein nützliches Element des Staates.(Großer Beifall rechts.) Die geheime Stimmabgabe ist eine Schwächung des Verantwortlichkeitsgefühls, und eine solche Schwächung kann verhangnisvolle Folgen für den Staat mit sich bringen.(Sehr richtig! rechts.] Leuten von 21 Jahren und Frauen das Stimmrecht zu geben, das hieße aus der Volksvertretung eine Kinderstube machen.(Beifall rechts.) Wenn der Abg. Ströbel sich darüber gewundert hat, daß andere Parteien sich nicht dem Empfang anschlossen, den seine Freunde dem Ministerpräsidenten bereiteten, so vergißt er doch die große Partei der anständigen Leute, die sich trotz aller Meinungsverschiedenheiten hier zusammenfindet.[Lebh. Beifall rechts.) Uebertrumpft wird das Benehmen der sozialdemokratischen Abgeordneten noch durch ihre Presse, die dem Ministerpräsidenten nachsagt, er wolle das Volk in den Zustand der Sklaverei zurückführen. Sklaven sehen anders aus als unser preußisches Volk, das in seinen wirtschaftlichen Verhältnissen gründlich vorwärts gekommen ist. Das unwürdigste aber ist, daß die Genossen aus bürgerlichen Kreisen Zuzug bekommen. Redner erbost sich abermals über das„Berliner Tageblatt", und schließt mit der Versicherung, daß seine Fraktion weder in der Kommission noch im Plenum die für den Mittelstand unerläßlichen Bestimmungen des geltenden Wahlrechtes preisgegeben werde. Der alte tüchtige preußische Staat darf nicht durch Experimente gefährdet werden.(Lebhafter Beifall rechts, Lachen links.) Dr. Krause(natl.): Auch das Reichstagswahlrecht hat die Existenz einer starken konservativen Partei nicht gehindert. Herr Malkewitz hat von der Linken Beweise gefordert für die Reformbedürftigkeit des Wahlrechts. Eine merkwürdige Forderung angesichts der allgemeinen Unzufriedenheit mit dem jetzigen Wahlrecht.(Sehr richtig! links.) Die Bedeutung der Industrie in Deutschland kommt der der Landwirtschaft mindestens gleich, aber das Wahlrecht begünstigt einseitig die Landwirtschaft. Mit der direkten Wahl will die Regierung das politische Interesse beleben. Aber Herr von Zedlitz befürchtet davon agitatorische Verhetzung. Agitation muß sein. Agitieren die Herren von der Rechten etwa nicht?(Zuruf links: Und wie! Heiterkeit.) Die Vorschläge wegen Privilegierung einzelner Gruppen seitens der Regierung lassen das sozialversöhnliche Moment vermissen.(Sehr richtig! links.) Gibt man den Unselbständigen und wirtschaftlich Schwachen ein Wahlrecht, so muß es das geheime sein, denn nur die Stimmen, die nach Ueberzeugung abgegeben werden, haben ethischen Wert. Wir rechnen auf eine Mehrheit für die geheime Wahl in diesem Hause. Und wenn sich dann die Regierung auf die Seite dieser Mehrheit stellt, dann wird das Herrenhaus si herlich nicht ablehnen. Wenn es eine so starke konservative Sirömung im Lande gibt, wie Herr von Zedlitz behauptet, warum fürchten denn dann die konservativen das geheime Wahlrecht? (Sehr gut! links.] Bei der öffentlichen Wahl haben die Landräte einen unzulässigen Einfluß auf das Resultat. Sie sind mächtiger als die Minister. Wir kommen nicht darüber hinweg, daß wir eine Parteiregierung haben, eine konservative Parteiregierung, das pfeifen die Spatzen von den Dächern!(Sehr richtig! links.) Auch wenn es der Ministerpräsident nicht billigt, ist es Tatsache. Ich habe oft in konservativen Kreisen die Aeußerung gehört, daß es durchaus falsch sei, die Bildung der Menschen zu heben. Daß Bildung, namentlich für die niedern Stände, nicht notwendig sei, sie erzeuge Unzufriedenheit, mache die Leute rebellisch.(Hört, hört! links.) Mehr liberaler Geist in der Verwaltung würde viele höhere bürgerliche Elemente von der Sozialdemokratie wegführen. Ist es denn den Herren von der Rechten noch nicht aufgefallen, daß in allen Ländern, in denen liberale Strömungen vorherrschen, die Betätigung der Sozialdemokratie eine ganz andere ist als bei uns?(Sehr richtig! links.) In England und Frankreich verdient die Sozialdemokratie die Bezeichnung einer nationalen Partei. Die„Arbeitermassen lassen dort das intransigente in Ton und Inhalt maßlose Verhalten vermissen, zu welchem sie bei uns greifen. Sollte nicht ein innerer Zusammenhang bestehen zwischen liberaler Regierung und dieser Betätigung der Sozialdemokratie?(Sehr wahr! bei den Natl.) Unsere Sozialdemokratie ist allerdings— darüber können auch die längsten Reden nicht hinwegtäuschen— nicht nur demokratisch, sondern auch antimonarchisch und antinational. Die Sozialdemokratie, nicht aber, das muß unterschieden werden, der deutsche und preußische Arbeiter!(Lebh. Zustimmung bei den Natl.) Arbeiterschaft und Sozialdemokratie sind nicht identisch. Unter national verstehen wir etwas anderes als der Abg. Ströbel. Wir verstehen darunter den Stolz auf eine wunderbare große Geschichte. Wir verstehen darunter, daß, wenn einmal wieder trübe und ernste Zeiten heraufbeschworen werden, dann wieder wie im Jahre 1870 ohne Rücksicht auf Stand und Partei alle zusammenhalten. Diese Gesinnung hier bei der Vorlage mitsprechen zu lassen, ist unsere patriotische Pflicht. (Lauter Beifall bei den Natl. und rechts.) Ministerpräsident von Bethmann=Hollweg, der sich zu Worte gemeldet hatte, winkt ab. Dr. von Woyua(freikons.]: Man hat das Wort meines Parteifreundes von Zedlitz:„Reich oder Reichstagswahlrecht“ zu tragisch genommen. Niemand auf der Rechten denkt daran, den Reichstag durch 10 Grenadiere auflösen zu lassen oder das Reichstagswahlrecht zu beseitigen. Aber Preußen hätte unter dem Reichstagswahlrecht nicht die machtvolle Entwickelung nehmen können, die es genommen hat.— Wir Hannoveraner sind für die öffentliche Wahl. Unsere Bauern würden es garnicht verstehen, daß man nicht die Courage hat, für seine Uebe.. zeugung offen einzutreten. In der Kommission wird zu prüfen sein, wie die Gewerbetreibenden gegen den Terror der demokraten geschützt werden können.(Beifall rechts.) ozialFischbeck(Irs. Vpt.): Wenn ein neues Wahlrecht auf Grund dieser Vorlage zu Stande kommt, so wird die Mißstimmung im Volke noch zunehmen. Wenn man dem Herrn Ministerpräsidenten alles glauben will, dann brauchen wir in Preußen weder eine Verfassung noch ein Parlament und könnten uns ebensogut einem absoluten Herrn anvertrauen. Die Mißstimmung des Volkes hat sich auch bei den letzten Landtagswahlen geäußert; die große Mehrheit der Wähler hat sich gegen die Politik der Rechten erklärt.(Zustimmung links.) Der Ministerpräsident hat ein hohes Loblied auf die Selbstverwaltung gesungen, aber unsere reaktionäre Politik hat sich immer mehr von den Grundsätzen der Stein und Hardenberg entfernt. Die ländliche Selbstverwaltung wird nicht mehr von freien Bauern besorgt, sondern von konservativen politischen Beamten. (Sehr richtig! links.) Die Mißstimmung des Volkes richtet sich nicht gegen den Monarchen, sondern gegen den Troß, der ihn umgibt, gegen die Leute, die in der Umgebung des Herrschers ihre egoistischen Ziele verfolgen. Diese Leute lieben es immer, den Thron als gefährdet hinzustellen, wenn ihre eigene Machtstellung gefährdet ist.(Sehr richtig! links.) Alle ernsten Monarchisten wollen den Thron von diesen Parasiten befreien! Der Ministerpräsident hat über den sensationellen Einschlag geklagt, der sich in der parlamentarischen Berichterstattung bemerkbar macht. Diese Sensation stammt doch aber gerabe von der unparteiischen Presse, welche die Regierung so sehr begünstigte. Jeder Mittelstandsfreund muß für das geheime Wahlrecht eintreten. Der Reichskanzler geht einen falschen Weg. Auf diesem Wege liegen die Reden gegen das Reichstagsrecht und das Säbelrasseln der Herren von Oldenburg und Konsorten. (Lebh. Beifall links.) Ein Schlußantrag wird angenommen; damit ist die erste Lesung der Wahlrechtsvorlage beendet. Die Vorlage geht an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Das Haus vertagt sich auf Montag 11 Uhr.(Nationalliberale Interpellation, betreffend die Maßregelung der Beamten in Posen, und Fortsetzung der zweiten Lesung des Etats.) Schluß 4 Uhr. Der Wahlrechtskampf. An die Verhöhner des Volkes! Ihr seid die Diebe, die Ihr ohn' Erbarmen Dem Unbeschützten stehlt sein heilig Recht! Ihr seid die Elenden, die Ihr dem Armen Sein letztes Brot zu nehmen Euch erfrecht! Und Ihr seid Mörder, denn Ihr mordet ihn, Der nicht, wie Ihr, in Glanz und Glück geboren, Dem nicht, wie Euch, die rohe Macht verliehn! Sprecht: Wer hat Euch zu Richtern je erkoren?! * Ihr ward es selbst! Um Euer kleines Leben, Das bluterkaufte, länger noch zu retten, Habt mit Gesetzen Ihr Euch dicht umgeben! Gewalt heißt Euer Recht, und Kerker=Ketten! Recht spreche jedem einzig sein Gewissen, Und wo es schweigt, ist nicht das Urteil dein!— Wenn der Gesetze letztes Blatt zerrissen Wird ausgelöscht die letzte Sünde sein! * sagt der Reichstag? Die bürgerliche„Berliner Volkszeitung“ schreibt: „Herr v. Bethmann=Hollweg erblickt nach seinen Ausführungen seine Hauptaufgabe in der Bekämpfung demokratischer Tendenzen und des Parlamentarismus. Wie verträgt sich diese Erklärung mit seinem Amte als Kanzler des Deutschen Reiches, das auf einem demokratischen Wahlrecht aufgebaut ist? Wie kann Herr v. Bethmann=Hollweg es über sich gewinnen, nach seinem Bekenntnis auch nur noch einen Tag Reichskanzler zu bleiben? Und wie stellt sich der Reichstag zu diesem sich als Feind des Reichswahlrechts bekennenden Kanzler? Wie der Bundesrat?“ * Warum warten sie eigentlich? Daß am Donnerstag, dem ersten Tag der Wahlrechtsdebatte, Straßendemonstrationen der Arbeiter vor dem Abgeordnetenhause stattfinden würden, war in bürgerlichen Kreisen allgemein angenommen.„Gut unterrichtete“ Blätter hatten das bevorstehende Ereignis im voraus angekündigt, der Präsident hatte die Abgeordneten brieflich ersucht, den Weg durch ein rückwärts gelegenes Portal zu nehmen, da vor dem Hause Volksansammlungen stattfinden würden. Das Haus war im Belagerungszustand, draußen standen die Polizisten gestiefelt und gespornt, und im Innern tauchten die bekannten Erscheinungen jener gehobenen Wähler auf, die den Zivilversorgungsschein und die Erkennungsmarke in der Tasche haben. Der erste sozialdemokratische Journalist, der die Pressetribüne betrat, wurde mit der Frage bestürmt:„Wann kommen sie?“ und da er lächelnd die Achseln zuckte, glaubte man, er wahre ein Kriegsgeheimnis. Auch der nationalliberale Abg. Schiffer kam in seiner Rede auf die Straßendemonstrationen zu sprechen, die anscheinend diesmal durch das schlechte Wetter verhindert worden wären. Und als die Sitzung zu Ende war, wandte sich ein konservativer Abgeordneter an den diensttuenden Polizeileutnant mit der geängstigten Frage:„Hat sich denn was gezeigt?“„Nein, Herr!"„Na,— Gott sei Dank!“ So warteten sie alle: Regierung, Polizei, Vizepräsident, Journalisten, Abgeordnete—— und waren schließlich ganz erstaunt, zu hören, daß nichts losgewesen, daß gar keine Straßendemonstration geplant gewesen sei. Sie hatten sich's alle so fest vorgestellt, es schien ihnen schon so gewiß, es konnte gar nicht mehr anders sein.... Und nun war es wirklich nichts gewesen! Man wunderte sich darüber! Und fand es gar nicht wunderbar, daß man sich wunderte! Dennoch ist diese allgemeine Verwunderung, fast könnte man es eine Enttäuschung nennen, ein kleines Wunder der Suggestion. Die Herrschaften begreisen, daß die Arbeiter sich das schnöde Spiel nicht länger gefallen lassen und daß die Ungeduldigen auf der Straße demonstrieren wollen, scheint ihnen beinahe schon selbstverständlich. Denn wäre dem nicht so und hielten sie Straßendemonstrationen für unsinnig, zwecklos, oder glaubten sie, die Massen ließen sich ei schüchtern —— 1a. warum warten sie dann eigentlich? * Der Massenstreik und das Bürgertum. Ueber den Massenstreik als Mittel des Wahlrechtskampfes schreibt die nationalliberale„Düsseldorfer „Es ist nicht zu leugnen, daß ein solcher Massenstreik recht nachteilig und unvequem werden könnte... Aber für wen? Den Nachteil und die großen Unbequemlichkeiten eines solchen Generalstreikes würden vor allen Dingen das Bürgertum in den Städten treffen, das von einem solchen Vorgehen großen Schaden haben würde. Nun ist aber gerade das Bürgertum zum großen Teile der Wahlrechtsvorlage der Regierung entgegen.— Die Sozialdemokratie würde also mit ihrer Streikidee gerade diejenigen treffen, die in der Wahlrechtsfrage bis zu einem gewissen Grade zusammengehen.“ Damit wird nur bestätigt, was in der letzten Zeit in der sozialdemokratischen Presse über den Massenstreik zu lesen war. Statt aber die Sozialdemokratie zu beschwören, vom Massenstreik abzustehen, sollte das Bürgertum dafür sorgen, daß die Wahlrechtsfrage bald in befriedigender Weise gelöst wird. Dann gibt es gewiß auch keinen Wahlrechts-Massenstreik! * Bethmann als Plagiator. Der Vorstoß gegen das Reichstagswahlrecht, den der Reichskanzler und Ministerpräsident v. Beihmann=Hollweg in seiner Landtagsrede unternahm, erinnert an ein ähnliches Ereignis, das sich im Dezember des Jahres 1883 abspielte und damals nicht geringe Aufregung hervorrief. Der bürgerliche Demokrat Stern, unterstützt von der Fortschrittspartei, hatte im Abgeordnetenhause einen Antrag eingebracht, der die Einführung der geheimen Abstimmung bei den Landtags- und Kommunalwahlen vorsah. Das gab dem berüchtigten Minister des Innern, v. Puttkamer, Gelegenheit, nicht nur den bestehenden preußischen Zustand zu verteidigen, sondern auch unter wachsendem Beifall der Rechten gegen das im Reiche geltende geheime Wahlverfahren die schärfsten Angriffe zu richten. Schließlich ging Herr v. Puttkamer so weit— ein Schritt, vor dem sich Herr v. Bethmann doch klüglich gehütet hat— einen preußischen Antrag im Bundesrate anzukündigen, durch den das Wahlgeheimnis bei den Reichstagswahlen beseitigt werden sollte. Die Erregung steigerte sich noch, als ein paar Tage später die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" die Mtiteilung machte, daß Herr v. Puttkamer bei seiner Exklärung in vollem Einverständnis mit dem Fürsten Bismarck gehandelt habe, der auf der anderen Seite geneigt sei, das allgemeine, gleiche und öffentliche Wahlrecht, wie es künftig für das Reich bestehen sollte, auch auf die Landtags= und Kommunalwahlen auszudehnen. Fürst Bismarck hielt also das öffentliche Wahlrecht für ein so unbedingt wirksames Mittel zur Bändigung des Volkswillens, daß er mit diesem allein— ohne Klassen= und indirekte Wahl— auszukommen gedachte. Schließlich schlief aber die Sache ein, ohne daß ein entscheidender Schritt zuvor auch nur versucht wurde. Bei der damaligen Zusammensetzung des Reichstages schien der Plan aussichtslos und spätex wurde er nicht wieder aufgenommen. In seiner Rede vom 5. Dezember 1883 hatte der Herr v. Puttkamer, Spitzelchef und Minister des Sozialistengesetzes, u. a. gesagt: „Das Wahlrecht ist nach unserer Auffassung nicht bloß ein individuelles Recht des Einzelnen, seine Parteiansicht zur Geltung zu bringen, sondern es ist ein ihm im öffenklichen Interesse anvertrautes Amt, welches mit einer schweren Verantwortlichkeit verbunden ist... Ich gebe ja zu, daß es Parteien gibt, welche in ihrer ganzen Anlage und ihren ganzen Bestrebungen nach ein Interesse daran haben, durch die geheime Abstimmung die Masse der Nation so zu gestalten, daß das Gefühl der Verantwortlichkeit ihr verloren geht, aber für die Regierung ist der entgegengesetzte Standpunkt det maßgebende. Wir sind der Meinung, daß es für die öffentliche Moral nichts Verderblicheres geben kann, als wenn man den Wähler, den einzelnen sowohl wie die ganze Masse derselben, von dem Gefühl der Verantwortlichkeit für seine Stimmabgabe durch die geheime Wahl entkleidet.“ Dieses echte Puttkamerstück stimmt im Sinn und annähernd sogar im Wortlaut mit Herrn v. Bethmanns neuesten Ergüssen so sehr überein, daß man fast glauben könnte, der gegenwärtige Herr Reichskanzler hätte die Rede Puttkamers auswendig zu lernen versucht, infolge einer Gedächtnisschwäche seien aber noch allerhand Ungereimtheiten hineingeraten, zu denen sich Herr v. Puttkamer nie verstiegen hat. Auch Herr v. Puttkamer war ein Schwadroneur, der die Brutalität seines Handelns mit einem Schwall bedeutend sein sollender Redensarten begleitete. Aber derartige Plattheiten von sich zu geben, wie den unsterblichen Satz Bethmanns:„Unser ganzes Leben setzt sich aus Abhängigkeiten zusammen“, hätte er sich denn doch ein wenig geschämt. * Elender Zynismus. Von der Philosophenschule der Zyniker ist Herrn v. Betbmann nur der Zynismus geblieben, die Philosophie ist längst bei allen Teufeln. Denn elender Zynismus ist es, wenn derselbe Mann mit so unschuldiger Miene von diesen Abhängigkeitsverhältnissen spricht, der den Terrorismus gegen die Beamten zu seinem obersten Regierungsprinzip erwählt hat, dessen Wahlrechtsvorlage einzig und allein auf diesem Terrorismus aufgebaut ist. Und ist es etwas anderes als herausfordernster Zynismus, wenn der Mann in demselben Augenblick, wo er die Entrechtung des preußischen Volkes noch verschärft, sich hinstellt und feierlich beteuert, er vertrete keine Parteiregierung? Kann man diesem Mann, der besser als jeder andere weiß, daß der ganze preußische Staat durch die Besetzung aller Beamtenstellen mit ausgesprochen konservativen Parteileuten nichts ist als die politische Organisation der Junker gegen das preußische Volk, auch nur den guten Glauben für seine Behauptungen zubilligen? Ist es etwas anderes als Zynismus, wenn der preußische Ministerpräsident sich auf den Ausbau der Selbstverwaltung beruft, auf die Tendenz, einen immer größeren Kreis von Aufgaben den Kommunalverbänden zuzuweisen, da er doch wissen muß, daß diese Selbstverwaltung in Wirklichkeit nichts anderes bedeutet als die Diktatur des Landrats? Und ist es nicht vollends der Gipfel des Zynismus, wenn der Mann in dem Moment, wo er eine Vorlage verteidigt, die die Schmach des Rechtsrauves an dem preußischen Volk verewigen will. von der minutiösen Weise zu sprechen wagt, in der sich Preußen zum Rechtsstaat auszubilden versucht?— „Ueberzeugungssachen.“ Im„Berliner Tageblatt" lesen wir: Herr v. Bethmann=Hollweg hat gesagt, ob man die geheime oder die öffentliche Wahl vorziehe, sei„Ueberzeugungssache". Nicht minder sei es„Ueberzeugungssache“, ob man ein gleiches Wahlrecht wünsche oder ein ungleiches. So genau man seine Rede auch studiert man findet in ihr nur zwei„Araumente“ refrain„Gewaltsachen!“— nur mit dem Unterschiede, daß Helmerding erheblich amüsanter und erfolgreicher war. Alles in diesem Leben ist im Grunde„Ueberzeugungssache" und Vernunft, Recht und jeder Fortschrittswunsch sind vequem mit diesem schönen Worte abzutun. Wenn der Pater durchs Astloch in die Badezelle blickt und sich im Interesse der Moral von der Beschaffenheit der Insassinnen zu überzeugen sucht— Ueberzeugungssache! Wenn ein Unteroffizier zur Wahrung der Diszivlin einen Rekruten mißhandelt— Ueberzeugungssache! Wenn der preußische Junker die Steuerzahlerei unter seiner Würde findet— Ueberzeugungssache! Wenn die amerikanische Milliardärstochter sich von ihrem er entführen läßt— Ueberzeugungssache! Zenn die Polizei die friedlichen Damen verprügelt, die aus einer Versammlung kommen— Ueberzeugungssache! enn ein Fürst und ehemaliger Botschafter mit Fischersknechten befreundet ist— Ueberzeugungssache! Wenn die ganze Welt mit Ironie auf das reaktionäre Preußen blickt— Ueberzeugungssache! So ist es gewiß auch„Ueberzeugungssache“, wenn ein ostelbischer Konservativer am Wahltage seine Bauern antreten läßt und ihre öffentlich abgegebenen Stimmzettel kontrolliert. Und es läßt sich in der Tat nichts dagegen sagen, wenn Herr v. Bethmann=Hollweg in der Aufrechterhaltung dieses Systems eine „Ueberzeugungssache“ sieht. —.— e WI n Ein Schwindeltrick des Zentrums. teien, heime Stimmabgabe“ hingetrieben. Eben erst wieder erklärt in ihrer Besprechung, der Schandvorlage die ultramontane „Kölnische Volkszeitung“, daß das Zentrum an dem geheimen Stimmrecht unbedingt festhalte, sagt aber kein Wort von dem noch viel wichtigeren gleichen Stimmrecht! Dieses Manöver, diese ganz planmäßig betriebene Täuschung des Volkes kann cht früh und nicht oft genug entlarbt werden. Wir haben schon wiederholt dargelegt, daß man durch systematische Beleuchtung der rein äußerlichen und formellen Art 1, der öffentlichen Abgabe der Stimme, die Zentrum mit ungeheurer Kraft erklärt: ohne geheimes Wahlrecht keine Wahlreform! Darin verrät sich die bewußte Irreführung, denn es soll so scheinen, als sei die geheime Stimmabgabe das einzig Wichtige und Wesentliche. „Germania“ und„Kölnische Volkszeitung“ sind entrüstet, daß der Abg. v. Zedlitz dem Zentrum„unterstelle“, es wolle die „Reform“ nur so machen, daß sie auch den Junkern angenehm sei. Die„Germania“ behauptet, das Zentrum stehe auf dem Boden der geheimen Stimmabgabe und druckt zum Beweis dafür folgende Stellen aus einer Rede ab, die der Abg. Herold am 15. Januar 1910 im preußischen Klassenhause gehalten hat: „Das aber kann ich sagen: wir verlangen eine durchgreifende, einschneidende Aenderung des Wahlrechts, die unter allen Umständen auch das geheime Wahlrecht sichert.(Bravo! im Zentrum.] Und wir wollen das geheime Wahlrecht nicht nur für die Landtagswahlen, wir wollen es auch für die Kommunalwahlen eingeführt haben.(Bravo! im Zentrum.)“ Die„Germania“ kündigt dann an, das Zentrum werde die Einführung der geheimen Wahl zu einer unerläßlichen Voraussetzung für jede Wahlreform machen. Das heißt also genau wie beim Freisinn: gebt ihr nur die geheime Stimmabgabe, so stimmen wir freudig zu, sind völlig befriedigt und die ganze Hetze der peinlichen Wahlreform ist auf Jahrzehnte erledigt. Die Volksmassen können ja dann in der dritten Klasse wählen und stimmen wie sie wollen, sie bekommen ja immer nur ein Drittel der Wahlmänner, die von den zwei Dritteln der besitzenden ersten und zweiten Klasse nach wie vor hoffnungslos an die Wand gedrückt werden. Dem gewaltig aufschäumenden Walfisch hat man auf diese Weise eine hübsche Tonne zum Spielen vorgeworfen: er glaubt jetzt, seine Kraft erprobe sich an der Vernichtung des ihn peinigenden Schiffes, derweil hebt er nur ein hohles Tönnchen und wird für die schwelgenden Schiffsinsassen wieder ungefährlich. Sollen wir dies Spiel nicht mit allen Mitteln durchkreuzen? Die geheime Stimmabgabe ist sehr wichtig, aber wir wollen vor Allem auch die Gleichheit der Stimmen! Bleibt die Klasseneinteilung bestehen, die den siebzehn Prozent reichen Wählern zwei Drittel der Wahlmänner, den dreiundachtzig Prozent der schaffenden Massen des Volkes nur ein hoffnungsloses Drittel einräumt, dann sind wir genau so machtlos geblieben wie bisher. Selbst wenn sämtliche Wähler in der dritten Klasse soizaldemokratisch stimmten, also dreiundachtzig Prozent des ganzen Volkes Sozialdemokraten wären— die lumpigen siebzehn Prozent der erst= und zweitklassigen Geldsäcke hätten immer, solange sie zusammenhalten, die Zweidrittelmehrheit in jedem Wahlkreise. Darum keine geheime Stimmabgabe als Augenblende für die fehlende Gleichheit! Das Spiel des Freisinns und des Zentrums muß durchschaut und den Massen enthüllt werden! Die Regierung hat freilich nicht einmal die geheime Stimmabgabe vorgeschlagen, aber es wäre vielleicht nicht ausgeschlossen, daß sie sich die geheime Wahl als Schacherobjekt„nachgebend entreißen" ließe, falls das Dreiklassenhaus ernsthaft darauf bestehen sollte. Dann hätte man dem Volke ein lebhaftes Kampfgetöse vorgemacht, allerseits etwas nachgegeben, wäre entgegengekommen, hätte Kompromisse geschlossen— das Volk hätte seine Wahlreform. Es wäre durch geheime Stimmabgabe um die Gleichheit geprellt! Noch einmal, Volksmassen: laßt euch nicht blenden durch das Geschrei um geheime Stimmabgabe! Es ist ein Schwindeltrick! Wir wollen außer dem geheimen vor Allem das gleiche Wahlrecht haben! * Pfarrer Raumann schreibt in der„Hilfe“ zu der Schandvorlage u. a. das Folgende: Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich! Wie brennt jetzt dieses Wort im Bewußtsein aller derer, die für die neueste preußische Schmach und Heuchelei Verständnis besitzen! Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich! Das ist das Wort, über das sich Herr v. Bethmann=Hollweg und Herr v. Rheinbaben zusammen amüsieren, wenn sie das Staatswohl beraten. Alle Preußen! Ja, wer sind denn die echten Preußen? Das sind dic Rittergutsbesitzer und die patriotischen Beamten und die Männer mit dem Zivilversorgungsschein. Alle andern sind verdächtig und sollten eigentlich nur als halbe Bürger behandelt werden. Als Halbe? Nein, als Zehntel von einem Bürger! Immer zehn machen einen richtigen Preußen! Auf diese Weise werden„alle Preußen vor dem Wahlgesetz gleich gemacht". Kurz, sie haben zusammengesessen und miteinander beraten, wie man die Versprechungen des Fürsten Bülow und die Worte der Thronrede aus der Welt schaffen könnte, ohne irgend etwas Wesentliches aufzugeben. Was einer nicht wußte, das wußte der andere. Es war, wie wenn ein Wetteifer im Ausbaldowern von schönen Kniffen erwacht sei. Irgend etwas freilich mußte man opfern, damit man das Ding„Reform“ nennen kann, sicherlich aber darf dies nichts Wertvolles sein. Als ein von Modernität angekränkelter Geheimrat daran dachte, langsam und zunächst nur für die Städte das geheime Stimmrecht einzuführen, da wurde er behandelt wie ein guter dummer Jacob, der von gar nichts nichts weiß. So etwas kann man nicht machen, denn der preußische Staat ist für das öffentliche Versehren! Zwar beim Bundesrat ist er für das heimliche Verahren, alle Regierungshandlungen vollziehen sich heimlich: da seißt es stets„das Ministerium“ hat beschlossen, da deckt sich der einzelne hinter das Amtsgeheimnis, aber der kleine Bürger, der nur alle fünf Jahre einmal eine Viertelstunde lang mitregieren darf, der soll das öffentlich besorgen. Dieser kleine Bürger soll tapferer sein als alle Minister. Das ist so schön, die Tugenden, die man oben nicht mehr zu haben braucht, von denen da unten zu fordern: gebt eure Stimme laut und vernehmlich zu Protokoll, damit man euch nach eurer Stimme behandeln kann! Tretet heran, ihr alten Feldwebel und ihr braven Kriegervereinler, ihr Mitglieder des Verbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, ihr konservativen Bezirksvereinler, ihr Gutsinspektoren, ihr Postbeamten, ihr Arbeiter an den Militärwerkstätten, ihr königlichen Wagenschieber und ihr getreuen Kanzleibeamten der Landratsämter, tretet heran, wie es freien Männern ziemt, und helft den Staat in Offenheit regieren! Wer keine patriotische Seele hat, der mag nur ruhig fernbleiben! Der Beamte aber muß kommen: Er macht sich verdächtig, wenn er nicht wählt! Die Oeffentlichkeit des Verfahrens wird also von den vereinigten Staatsministern nicht preisgegeben, aber da man irgend ciwas hingeben muß, so wirft man das indirekte Wahlverfahren zum Fenster hinaus. Das hat wirklich keinen Zweck mehr und ist nebenbei der einzige Bestandteil des heutigen Wahlgesetzes, der aus dem ursprünglichen liberalen Wahlverfahren von 1818 stammt. Damals dachte man noch nicht an Landratskandidaturen und hielt deshalb die Aufstellung von Wahlmännern für ein geeignetes Mittel, dem Wähler einen zweiten Gang zu ersparen. An den Wahlmännern hat heute kein Mensch mehr ein besonderes Interesse. Sie also werden ausgeschaltet. Fur sich allein würde das weder gut noch schlecht sein, eine technische Erleichterung ohne weitgehende Folgen. Aber so gute Geschaftsleute wie Herr v. Bethmann und Herr v. Rheinbaben werden doch selbst den ältesten Ladenhüter nicht verkaufen, ohne sich etwas dafür einzuhandeln. Weil sie ein Opfer gebracht haben, so müssen sie auch etwas Schönes herausschlagen. Aber was? Hier begann die Schwierigkeit, denn das preußische Wahlrecht ist schon so raffiniert zurechtgemacht, daß es fast gar nicht mehr verschlechtert werden kann. Es gleicht, wie uu sagen pfle Dr. Theodor Barth zu sagen pflegte, einem jener Bilder, die in ländlichen Gastwirtschaften angetroffen werden, auf denen zur Belehrnug der Landleute ein Pferd dargestellt ist, das alle nur denkbaren Pserdekrankheiten hat. Das preußische Wahlrecht hat alle Wahlrechtskrankheiten. So dachte Dr. Barth, aber Herr v. Bethmann=Hollweg findet, daß man das Tier noch etwas weiter schikanieren kann, ohne daß es stirbt. Er erfindet einen neuen Zustand, für den es bisher keinen medizinischen Namen gibt, eine bisher in der Welt noch nicht beobachtete Zwischenform von Klassenwahlrecht und Pluralwahlrecht. Diese neue Pferdekrankheit, die er als Kanzler dem deutschen Volke abgibt. Uns bleibt nichts übrig als mit allen Mitteln und auf jede Weise immer und immer wieder zu fordern: Das Reichstagswahlrecht für Preußen! Mit Zorn und in gerechter Leidenschaft müssen wir dieser reaktionären Regierung das Wort der Verfassung entgegenrufen: Alle Preußen sind vor dem Gesetze gleich! d Demonstrationen. Aus Maadeburg wird depeschiert: Am Donnerstag fand eine von der bürgerlichen Demokratischen Vereinigung einberufene überfüllte Versammlung statt, in der Dr. BreitscheidBerlin über das Wahlrechtsscheusal sprach. Die Versammlung wurde(ebenso wie die Essener bürgerlich=demokratische Versemmlung) mit dem Gesang der Preußischen Wahlrechtsmarseillaise geschlossen. Hierauf zogen die Teilnehmer vor das Rathaus und durch die Hauptstraßen der Stadt, dabei begeisternde Hochrufe auf ein freies, allgemeines Wahlrecht ausbringend. An der Demonstration beteiligten sich 3—4000 Personen. Die zahlreich aufgebotenen„Ordnungshüter" nahmen einige Verhaftungen vor. In Berlin haben die bürgerlichen Demokraten beschlossen, sich in Massen an den Straßenkundgebungen zu beteiligen. Begründung. Die treue deutsche Sitte will das öffentliche Wählen, drum soll auch in der neuen Bill nicht dies Verfahren fehlen. Doch lügt, wer da behauptet keck, es sei nur beim Votieren in aller Offenheit der Zweck, die Wahl zu kontrollieren. Wär' unsre Absicht so etwas, da brauchten wir nicht eigens derlei; es geht auch ohne das— die Reichstagswahlen zeigen's. Es üben bei geheimer Wahl der preußischen Regierung getreu'ste Junker tausendmal genaue Kontrollierung. Der Wähler wird herangeschleift an die Zigarxenkiste, wo man die Zettel sorgsam häuft im Einklang mit der Liste. Gesteht, bedarf man da wohl groß ein öffentlich Verfahren? Nein, wie gesagt, wir wollen bloß die deutsche Sitte wahren (und sorgen, daß auch in der Stadt — wo solche Kisten fehlen— ein jeder, der ein Aemtchen hat, weiß, wen er hat zu wählen). Franz. Eine Mahnung für die preussischen Machthaber! Eine dramatisch bewegte Szene der Freitag=Sitzung des momentan wegen zahlrechtskampfes weniger beachteten Reichs. gab es am Schluß es preußischen Wahr.—. tages. Der Militarismus hat in der Person seines neuesten Chefs, des Kurhessen v. Heeringen, eine derbe Tracht Prügel bekommen, die ihm wohl noch lange in den Gliedern liegen wird. Beim Kapitel„Militärbildungswesen“ kam Genosse Emmel auf die Januschauerliche Provokation zurück und forderte im Hinblick darauf die Unterweisung der Offiziere und Mannschaften in einigen Elementen der Bürgerkunde. Der v. Heeringen antwortete in dem Wurschtigkeitstone, der von Bronsart bis Einem die Parlamentsreden preußischer Kriegsminister auszuzeichnen pflegt. Wenn Herr v. Heeringen sich einbildete, damit die Angelegenheit aus der Welt geschafft zu haben, so irrte er sich gründlich. Genosse Ledebour bestieg die Tribüne und richtete an Einems Nachfolger die dringende Frage, was er mit den schweren Momenten des Vaterlandes gemeint habe, in welchen sich die ausschließliche Beeidung des Militärs auf den höchsten Kriegs herrn als segensreich erwiesen habe. Der preußische Kriegsminister kam mit der verblüffenden Antwort heraus, er hade an kurhessische Vorgänge gedacht. Doch lassen wir hier die Szene aus dem Verhandlungsbericht kolgen. Genosse Ledebour führte aus: Die von Emmel angeschnittene Frage ist im höchsten Grade aktuell.[Lebh. Zust. bei den Soz.] In der Debatte, die sich an das bekannte Pronunciamento des Herrn v. Oldenburg anschloß, erklärte der Kriegsminister, die Stellung der Offiziere zum Kriegsherrn sei eine andere als die der Beamten, der Fahneneid werde nur auf die Person des Monarchen geleistet.(Sehr richtig! rechts). Der Kriegsminister sprach weiter davon, daß es in schweren Zeiten zum Segen des Vaterlandes gewesen sei, daß die Offiziere den Fahneneid nur dem Kriegsherrn zu leisten haben. Wenn er sich nicht deutlicher ausdrückt, bleibt der Verdacht auf ihm ruhen, daß er die Offiziere zum Verfassungsbruch habe anreizen wollen. (Unruhe rechts). Aus der preußischen Geschichte ist mir nur ein solcher Fall bekannt, die Sprengung der preußischen Nationalversammlung im November 1848 durch den Major Herwarth von Bittenfeld. Bekanntlich folgte auf jenen Staatsstreich die Oktroyierung des Dreiklassenwahlrechts, das gegenwärtig der preukische Major v. Bethmann=Hollweg zu reformieren vorgibt.(Unruhe rechts. Glocke des Präsidenten). . Vizepräsident Dr. Spahn: Es ist üblich, die Würdenträger des Reiches bei ihrem zivilen Titel zu nennen.(Zust. rechts, lautes Lachen links.) Ledebour(Soz.]: Ich meinte, der Herr Reichskanzler von Bethmann=Hollweg legt Wert darauf, als Major geführt zu werden.(Gr. Heiterkeit links). Denn bei Parlamentseröffnungen erscheint er in Majorsuniform.(Sehr gut! links). S: Vizepräsident Dr. Spahn:„Ich nahm an, daß Sie den Reichskanzler nur in Scherz als Major bezeichnet haben. Ledebour: Sehr richtig, Herr Präsident! Doch hat der Reichskanzler selbst zu solchem Scherz Veranlassung gegeben, weil er auf die Würde seines Amtes so wenig gibt, daß er bei Parlamentseröffnungen die Majorsuniform anlegt.(Sehr gut! links.] Wenn damals der Kriegsminister nicht ins Blaue hineingeredet hat, so kann er nur die Vorgänge vom November 1848 im Auge gehabt haben. Dann aber läuft seine Rede auf dasselbe hinaus wie das Pronunciamento des Herrn v. Oldenburg. (Rufe rechts: Zur Sache!) Das gehört zum Militärbildungswesen und solche Dinge wären unmöglich, wenn die Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten über die Grenze militärischer Disziplin besser aufgeklärt wären.(Sehr gut! links.) Wir werden übrigens auf den wichtigen Gegenstand noch zurückkommen. Kriegsminister v. Heeringen: Ich habe nur Tatsachen ohne Schlußfolgerungen angeführt. Ich hatte kein Beispiel aus Preußen im Auge, sondern eins aus meiner engeren kurhessischen Heimat.(Stürm. Heiterkeit links und Zurufe: Welches denn? Das mag Herr Ledebour in den kurhessischen Verfassungskämpfen nachlesen. Ledebour(Soz.]: Ich frage Sie auf Ehre und Gewissen, wer von Ihnen hat bei den Worten des Kriegsministers, daß die Stellung der Offiziere durch den Eid dem Kriegsherrn gegenüber eine andere ist, als die der Beamten, und daß die dadurch gegebene klare Situation in vielen Fällen zum Segen des Vaterlandes gewesen ist, auch nur geahnt, daß er auf das ehemalige Kurhessen ansvielte.(Stürm. Heiterk.) Däs hat keiner von Ihnen geglaubt. Daß der Kriegsminister daran gedacht hat, muß ich ja jetzt glauben, wenn es mir auch schwer fällt. Um aber ermessen zu können, wie weit dies Beispiel auf die gegenwärtigen Verhältnisse paßt, muß ich ihn doch bitten, das Beispiel zu nennen und mich nicht einfach auf die kurbessische Geschichte zu verweisen. Wenn Sie ein für das Verhältnis der deutschen Offiziere zum Kaiser und König schlagkräftiges Beispiel anführen können, dann heraus mit der Sprache![Lebh. Sehr gut! links, Unruhe rechts.) Soviel weiß ich übrigens auch aus der kurhessischen Geschichte, daß unter allen deutschen Staaten kein so elendes niederträchtiges monarchisches Regiment gewesen ist wie in Kurhessen.(Lärm rechts.) Vizepräsident Dr. Spahn: Ein solcher Ausdruck ist auch auf ein verstorbenes Herrschergeschlecht unzulässig.(Gr. Heiterkeit links.) Ledebour(fortfahrend): Die kurhessische Geschichte ist ein Schandfleck für Deutschland. Die kurhessische Regierung hat das Volk unter Verfassungsbruch ausgebeutet(Zuruf: Sie waren Stelenverkäufer!] und der Kriegeminister hat dem Ministerpräsidenten und Reichskanzler sowie dem deutschen Kaiser einen schlechten Dienst erwiesen. als er sich zur Rechtjertigung ihrer Stellung auf die kurhessische Geschichte berief.(Seht gut links.) Ich wünsche, daß die Parallele noch weiter geht, und daß die Gewalthaber in Preußen, die sich beikommen lassen, das Volk so zu behaubern, wie es die Gewalthaver in Kurhessen taten, das. selbe Schicksal erleiden wie diese.(Stürm. Beifall links.) Vizepräsident Dr. Spahn: Die Debatte ist geschlossen. Ledebour(Soz.): Und das kurhessische Beispiel?(Der Kriegsminister schweigt.) Also auch der ku.!!(Sehr gut links.) ** Der preußische Kriegsminister und die kurhessische Verfassung. Berlin, 12. Februar. Die Reichstagssitzung vom Sonnabend begann recht temperamentlos, um mit einem erneuten scharfen Zusammenstoß zu enden. In einer Dauersitzung wurde der Rest des Militäretats erledigt. Unsere Fraktionsredner, die Genossen Zubeil und Böhle, fanden Gelegenheit, in zahlreichen Beispielen den Militärfiskus in seiner Eigenschaft als Arbeitgeber und Grundstückspekulant zu beleuchten. In abgeschmacktester Weise versuchte der nationalliberale Gymnasialprofessor Görcke aus Brandenburg, ein wütender Reichsverbändler, angebliche Mißstände in der„Vorwärts“=Druckerei an den Haaren in die Debatte zu ziehen, wurde aber von den Genossen Fischer und Stadthagen so gründlich abgeführt, daß er nur eine kleinlaute Ausflucht zustande brachte. Selbst der Freisinnige Mommsen, wahrhaftig nicht der sozialste seiner Fraktion, kennzeichnete richtig das Verfahren des Nationalliberalen, der sich zum Verteidiger des Militärfiskus aufwarf, von dem doch segar der konservative Tischlermeister Pauli-Potsdam sehr böse Dinge zu erzählen wußte. Die in mancher Beziehung zutreffenden Ausführungen des Herrn Pauli schienen übrigens am allerwenigsten seine eigenen Parteigenossen zu interessieren, die sich gerade die Redezeit ihres Fraktionsbruders zur Frühstückspause auserkoren und nur eine zeitweise, nur aus dem Edlen Gans zu Puttlitz bestehende Schildwache im Saale zurückließ. Als endlich der Militäretat zu Ende beraten war und den Freisinnigen Gelegenheit gegeben hatte, zum Zweck des Durchdrückens einer von der Kommission gestrichenen Regierungsforderung vorübergehend den Kaffernblock ins Leben zurückzurufen, erhob sich der Kriegsminister, um zu erklären, wie er seine Extratour auf das Gebiet der ehemaligen kurhessischen Geschichte gemeint wissen wollte. Wenn der Kriegsminister unsere Fraktion zu überrumpeln beabsichtigt hatte, so hat er sich getäuscht. Er fand den Genossen Ledevour gerüstet. An der Hand eines nationalliberalen Geschichtswerks zeigte Ledebour, wie gerade in Kurhessen in anerkennenswerter Weise das Offizierkorps sich geweigert hatte, sich zum Diener des Verfassungsbruches berzugeben. Der Nachfahre des Menschenverkäufers und sein nichtswürdiger Minister Hassenpflug mußten erst fremde Schergen ins Land rufen, um den verfassungstreuen Widerstand des Volkes und der„Volksvertretung zu brechen. Es ist begreiflich, daß ein preußischer Kriegsminister von 1910, obwohl er just aus Kurhessen stammt und obwohl selbst das reaktionäre preußische Kabinett von 1850 ausnahmsweise einmal auf Seiten des Rechts stand, vor der Vereidigung der Truppen auf die Verfassung zurückschaudert. Ein verfassungstreues Heer würde ein Bollwerk sein gegen den Oldenburggeist. Der Oldenburggeist aber ist der ureigenste Geist des preußischen Militarismus, wie verschieden auch immer die Nüancen seiner Aeußerung sind. Solange Preußen das Preußen der Junker und der Dreiklassenschmach ist, wird jeder preußische Kriegsminister in dem Verfassungseide des Heeres den Untergang even dieses Preußens sehen. Und nicht mit Unrecht. Nur der Kadavergehorsam stützt ein Staatswesen wie diesen.... Darum auch der wilde wüste Jubel der Junker bei den Worten des Kriegsministers, daher diese an Menagerien und Tollhaus gemahnenden Tobsuchtsszenen der Kretins bei Ledebours Ausführungen. Und der rechte Fingel der Bourgeoisie, die Nationalliberalen, beteiligten sich wenn nicht am Toben, so doch am Jubel... Wir sind im Preußen von 1910 noch nicht so weit, wie im Kurhessen von 1850, wo bis auf ein paar Minister und Hofpfaffen alle Klassen für das Volksrecht einstanden..... Am Montag kommen Kali= und evtl. Stellenvermittelungsgesetz heran. dem Wahlkreise Dortmund=Börde. Dortmund, 14. Februar. * Die Firma Behrend in Eving wendet in der letzten Zeit eigentümliche Maßregeln an, um krankfeiernde Arbeiter dem Betriebe fernzuhalten. Ein Arbeiter, der 10 Wochen lang im Krankenhause gelegen hatte, wurde zwei Tage nach seiner Enilassung aus dem Krankenhause gekündigt mit der Motivierung: Leute die krank feierten, könne man nicht gebrauchen. Er (Behrend) wolle sich von der Krankenkasse keine Vorwürfe machen lassen, daß die Leute wochenlang spazieren gingen. Bei seiner Entlassung erhielt dieser Arbeiter das Zeugnis, daß er ein fleißiger Arbeiter gewesen sei. Ein anderer Arbeiter, der seit dem 31. Dezember 1909 krank feiert, ging am 28. Januar zu der Firma, um sich seine Invalidenkarte zu holen, denn er wollte einen Antrag auf Ueberweisung in eine Heilanstalt stellen, weil er lungenleidend ist. Der Kassierer sagte darauf, wenn er noch länger krank feiere, dann müsse seine Stelle besetzt werden, und der Meister Baum fügte hinzu, wenn er wieder anfangen wolle, die Stunde, denn waren aber nicht das Bestreben zu haben, sich bei der Firma angenehm zu machen. Vor etlichen Wochen hat er sich sogar erlaubt, einen Vorzeichner zu verhauen und hinauszuwerfen. Er wird aber auch noch die Erfahrung machen müssen, daß er sich auch mal die Fabrik von draußen ansehen kann; denn es wechseln nicht allein die Arbeiter sehr viel bei genannter Firma, sondern auch die Meister. Die Firma besteht jetzt drei Jahre und in diesen drei Jahren hat sie den fünften Meister. Die Arbeiter lernen aber hoffentlich aus diesen Vorkommnissen und schließen sich dem Deutschen Metallarbeiterveroande an, damit derartige Verhältnisse beseitigt werden, denn nur allein die Unorganisierten sind Schuld an derartigen Verhältnissen. * Ein Steuerstreit der Dortmunder Brauerei=Aktiengesell„Union“. Die Brauexei=Aktiengesellschaft„Union" zu ortmund besitzt in Köln ein Restaurationsgrundstück, das verpachtet ist. Auf Antrag der Gesellschaft nahm der Bezirksausschuß eine Verteilung des gemeindesteuerpflichtigen Einkommens der Gesellschaft vor. Dabei rechnete er als Einkommen aus dem Kölner Grundstück der Gesellschaft nur den Pachtzins, den die Gesellschaft von dem Pächter erhält. Damit war der Oberbürgermeister von Köln nicht zufrieden. In seinem Antrag auf mündliche Verhandlung beantragte er, daß mehr als Einkommen aus dem Kölner Grundbesitz angerechnet werde, unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Gesellschaft auch Gewinn ziehe aus dem Bier, das ihr Pächter in der Restauration absetze, die in dem Hause sei. Er führte dazu aus: Die Gesellschaft betreibe in Köln ein Gewerbe, indem der Pächter ihr Bier dort verkaufe. Das Einkommen aus ihrem Kölner Grundbesitz sei nicht zutreffend berechnet, wenn nur der Pachtzins berechnet werde. Der Pächter schänke vorwiegend ihr helles Bier aus. Das müsse berücksichtigt werden, wenn der Mann auch nicht verpflichtet sei, kein anderes Bier auszuschänken. Sie erziele aus dem Grundstück also auch insofern einen Gewinn, als ihr Bier dort ausgeschänkt werde. Der Gewinn aus dem an den Pächter gelieferten Bier sei als Teil des Einkommens der G.sellschaft aus dem Grundbesitz in Köln anzusehen. Der Bezirksausschuß wies aber den Klageantrag des Oberbürgermeisters ab. Das Oberverwaltungsgericht bestätigte dies Urteil mit folgender Begründung: Allerdings sei richtig, daß der Pächter das belle hier aus der Brauerei nehmen müsse. Der Bezirksausschuß habe sich aber keines Rechtsirrtums schuldig gemacht, wenn er nicht berücksichtigte, daß der Pächter das helle Bier aus der Brauerei nehmen mußte. Was die Brauerei durch den Ausschank dieses Bieres in Köln verdiene, das stelle nicht einen Geldwert dar, der als Aequivalent für Ueberlassung des Grundstückes an schaft Dortn Pächters dar, die in Geld abgeschätzt werden könne. Darum könne der Gewinn der Gesellschaft aus ihrem in Köln zum Ausschank gelangenden Bier bei der Verteilung des gemeindesteuerpflichtigen Einkommens nicht berücksichtigt werden. Lünen. Die Harpener Berghaugesellschaft beabsichtigt, gemeinschaftlich mit der Gewerkschaft„Viktoria" bei Lünen einen Kohlenhafen anzulegen, und zwar an dem Zweigkanal Datteln=Hamm für die Zechen„Preußen" und„Viktoria". Das erforderliche Hafengelände wird von der Kanalverwaltung miterworben und an die Hafeninteressenten abgetreten. Lünen. Mit dem Beginn zum Bau des neuen Amtsgerichts scheint es dem sicheren Vernehmen nach jetzt ernst zu werden. Seit einigen Tagen weilen hier drei Vertreter der Staatsbehörde usw., um das Baugelände in Augenschein zu nehmen. Der Bau soll am 1. April d. J. in Angriff genommen werden, und soll zwei Jahre bis zu seiner Vollendung dauern. Das Baugelände soll im Parkstraßenviertel an der Holtgrevenstraße liegen. Aus dem Sauerlande. In Serkenrode bei Finnentrop brannte das Haus des Posthalters und Gastwirts Schmidt bis auf den Grund nieder. Das Inventar wurde gerettet und ist der Schaden durch Versicherung gedeckt. Die Entstehungsursache ist unbekannt.— Ein Wilddieb erhielt vom Unnaer Schöffengericht 6 Monate Gefängnis zudiktiert. Es ist der Schmied P. aus Fröndenberg, der im Bausenhagener Revier auf frischer Tat ertappt, wurde. Attendorn. Auf welche Art und Weise die Stellvertreter Gottes in Attendorn ihres Amtes walten, zeigt folgendes Gespräch zwischen einem ledigen Mann, der zur Beichte ging, und einem hiesigen Franziskanerpater. Auf die Frage des Paters, ob er dem katb. Gesellenvereine angehöre, antwortete ihm der Betreffende, daß er hierzu schon zu alt sei. Hierauf sagte der Pater, so solle er doch wenigstens dem kath. Arbeiterverein beitreten, worauf jener erwiderte, daß er sich selbiges überlegen wolle. In seinem Agitationseifer äußerte sich der Pater schließlich, daß es da doch nichts zu überlegen gäbe und er nur ruhig Mitglied des Vereins werden solle; denn wenn er einmal von hier fort wäre, käme er doch nicht mehr dazu. Ob einem Manne, der schon zu alt ist, um als Mitglied dem kath. Gesellenverein angehören zu können, eine derartige Bevormundung not tut, wollen wir dahin gestellt sein lassen, wahrscheinlich ist aber der Beichtstuhl nicht der richtige Ort, eine solche Agitation für die betreffenden katholischen Vereine zu betreiben, oder ist es notwendig, wenn man der Alleinseligmachenden angehören will, daß man auch gleichzeitig noch Mitglied des einen oder anderen Verus?. Dies eins dieser Art sein mu ieser Vorfall beweist mal wieder Aus dem Wahlkreise 14. Februar. Soest. Die Mitgliederversammlung findet am Mittwoch, den 16. Februar, abends 9 Uhr bei Hagen statt. Reichhaltige Tagesordnung, u. a. Vortrag des Genossen Schmitz über:„Die Wahlrechtsvorlage“. Provinz=Nachrichten. Witten. Wegen fortgesetzter Akkordreduktion wurde über die Gießerei des Stahlwerks Stockum die Sperre verhängt. Zuzug von Formern und Gießereiarbeitern ist streng fernzuhalten! Deutscher Metallarbeiterverband.(Verwaltung Witten=Annen.) zur Genüge, in wie engem. Zusammenhange die Religion mit dem Verein für politische Unmündige steht, dessen Entstehung hierorts lediglich dem Umstand zuzuschreiben ist, daß es bei gelegentlichen Wahlen an er nötigen Menge Stimmvieh fürs Zentrum mangelte. Briefkasten der Redaktion. R. K., Deusen. Wenn Ihre minderjährige Tochter sich ohne Ihre Genehmigung vermietet hatte, dann kann sie nicht bestraft werden, wenn sie den Dienst ohne Kündigung verläßt. I. G. L. 2000. Wenn es zur Klage kommt, dürften Sie kaum Recht bekommen. Halten Sie doch die Kündigungsfrist ein, dann gehen Sie allen Scherereien aus dem Wege. Ortsverwaltung der Gastwirtsgehilfen. Wir bitten wegen der eingesandten Notiz in den Vormittagsstunden einmal bei uns vorzusprechen. Für die Redaktion verantwortlich: G. Beyer; für den Inseratenteil: R. Umbreit; Druck und Verlag: A. Gerisch, sämtlich in Dortmund. Althoff's„Weiße Woche“. Wir machen unsere Leser auf das in der morgigen Nummer erscheinende Inserat„Die weiße Woche“ aufmerksam Alsbergs 95[Serientage 295 Dortmund Brückstr. 26 Kleiderstoffe Popelins Sotir- Troger Meterre dg. 95 Seidenstoffe Tafsets, Düchesse, Bleper geifser 166. 954 und Abschnitte in Kleider= an Roate sossen, schwarz und farbig, sehr II Noces geeignet für Konfirmanden= V. 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