Nr. 222. Dortmund, Donnerstag, den 22. September 1910. 27. Jahrg. Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn= und gesetzt. Feiertage. Abonnementspreis frei ins Haus, mit der täglichen Unterhaltungsbeilage und dem 8seitigen„Illustriertem Sonntagsblatt 55 Pfg. pro Monat, durch die Post bezogen für 3 Monate 1.50 Mk. Rotationsdruck und Verlag, sowie für die Inserate verantwortlich: Viktor Schanze., Dortmund. verbunden mit dem für Dortmund u. Hörde und der täglichen Unterhaltungsbeilage I#T sowie der Illustrierten Sonntagsbeilage. Erpedition: Dortmund, Prinzenstraße 9—11.— Fernsprech=Anschluß Nr. 3299. Inserate die 8 gespaltene Kolonelzeile oder deren Raum 25 PseReklamen die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 60 Beilagen nach Uebereinkunst. Bei zwangsweiser Beltreibung der Insertionsg epühren durch Klage oder Konkursverfahren wird der Radatt hinfällig. Für Aufnahme von Inseraten an bestimmt vorgeschriebenen Tagen übernehmen wir keine Garantie. Für die Fedaktion verantwortlicht Max Sonnemann, Dortmund. Erstes Blatt. An die liberalen Frauen! Die erste Einigung des bisher in sich zerrissenen deutschen Liberalismus ist am 6. März vollzogen worden. Eine neue„fortschrittliche Volkspartei“ umschließt durch ihr Programm die drei Gruppen, in die der entschiedene Liberalismus bisher zerfiel. Dieser bedeutsame Schritt wird aber nur dann einen kraftvollen Aufstieg des Liberalismus einleiten, wenn auf dem gewonnenen breiteren Boden auch neue lebendige Kräste für die liberale Politik eingesetzt werden. Nachdem durch das Reichsvereinsgesetz auch die Frauen zur politischen Mitarbeit gerufen sind, erwächst den liberalen Frauen mit der Möglichkeit zugleich die Pflicht, an der Entwicklung der liberalen Partei mitzuwirken.. Allerdings gestattet die Fassung des Paragraphen 8 (zur Frauenfrage) uns nicht, diese Pflicht mit ungeteilter Freude zu übernehmen. Die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung als Staatsbürger ist den Frauen im Programm der neuen Partei versagt. Es ist aber auf dem letzten Parteitag der freisinnigen Volkspartei die erneute Erörterung der Frauenforderungen in der geeinigten fortschrittlichen Volkspartei durch eine Resolution in ussicht gestellt, während die freisinnige Vereinigung sich gleichfalls in einer Resolution einstimmig auf den Boden der politischen Gleichberechtigung der Frauen gestellt hat. Dashalb haben die auf dem Parteitag anwesenden weiblichen Delegie#ten sich bereit erklärt, in den Reihen des Liberalismus zu arbeiten, in der bestimmten, auf die abgegebene Erklärungen gegründeten Hoffnung, daß die fortschrittliche Volkspartei die politische Gleichberechtigung der Frauen in kürzester Zeit zu ihrem Programmpunkt machen wird. Es gilt also in den Reihen der neuen Partei für ein doppeltes Ziel zu arbeiten: Für die Stärkung des Liberalismus und für die Förderung der politischen Rechte der Frauen. Nur wenn die Frauen innerhalb des Liberalismus und in der Arbeit für seine Ziele eine Macht werden, haben sie Aussicht zu erreichen, was für jede politisch tätige Frau eine selbstverständliche Forderung ist: Die Anerkennung der staatsbürgerlichen Gleichheit der Frau durch das Parteiprogramm. Darum fordern wir alle liberalen Frauen dringend auf zum Eintritt in die liberale Parteiorganisation ihres Ortes und zur energischen Mitarbeit an den Kämpfen des Liberalismus. Unsere politische Arbeit wird über unsere politische Zukunft entscheiden. Zum Zweck einheitlichen Handelns halten wir eine gemeinsame Erörterung über die Stellung und die Aufgaben der Frauen in der neuen fortschrittlichen Volkspartei für geboten. Die Unterzeichneten berufen daher auf den 3. und 4. Oktober nach Frankfurt a. M. eine Konferenz der liberalen Frauen und laden alle in der fortschrittlichen Volkspartei organisierten Frauen zur Teilnahme aufs dringendste ein. Tagesordnung: Sämtliche Versammlungen finden in den Räumen des kaufmännischen Vereins, Eschenheimer=Anlage 44=41, statt. Montag, den 3. Oktober, abends 8 Uhr, im großen Saal des kaufmännischen Vereins: Oeffentliche Volksversammlung. Dei Frauen und die Zukunft des Liberalismus. Frl. Dr. Gertrud Bäumer. Dienstag, den 4. Oktober, vormittags 9 Uhr 30 Min. Die Organisation der Frauen in der sortschrittlichen Volkspartei. Maria Lischnewska. Nachmittags 4 Uhr: Die Arbeit der Frauen bei der nächsten Reichstagswahl. Alice Bensheimer. Martha Zietz. Zu den Sitzungen am 4. Oktober haben nur Mitglieder der fortschrittlichen Volkspartei Zutritt. Anmeldungen und Zuschriften erbeten an Dr. Gertrud Bäumer, Grunewald bei Berlin, Gillstraße 9. Der Arbeitsausschuß: Dr. Gertrud Bäumer. Dr.. med. Agnes Bluhm. Elly Heuß=Knapp.. Maria Lisch= newska. Rudolfine v. Liszt.. Marie Litten. Anna Plothow. Alwine Reinold. Dr.. Aliec Salomyn. Elisabeth Töpfer. Martha Zietz. Der erweiterte Ausschuß: Hedwig Ablaß, Hirschberg. Dr. Elisabeth Altmann=Gottheiner, Mannheim= Dr. Marie-Baum, Düsseldorf. Alice Bensheimer, Mannheim. Pauline Bohn, Königsberg. Frau Professor Bousset, Göttingen. Friederike Bröll, Frankfurt o. M. Manon Coulon, Düsseldorf Mathilde Drees, Hannover. Eleonore Drenkhahn, Altona. Helene v.. Forster, Nürnberg. Ika Freudenberg, München. Margarethe Friedenthal, Berlin. Dr. Agnes Gosche, Leipzig. Elisabeth Hell, München. Ottilie Hoffmann, Bremen.. Dr. Elisabeth Jaffee= v. Richthofen, Heidelberg. Ingeborg Joosten, Leipzig. Dr. Käthe Kalinsky, Königsberg. Elsbeth Koethe, Kassel. Wallye Krobiell, Stettin, Helene Lange, Grunewald=Berlin. Rose Meyer Magdeburg, Anna. Niemann, Osnabrück. Anna Pappsitz, Berlin. Martha Plewe, Stettin, Dr. med. Aliec Profee, Charlottenburg. Julie Salinger, Dresden. Katharina Scheven, Dresden. Klara Schleker, Marlow (Mecklenburg). Marie Schloß, Karlsruhe, Marianne Weber, Heidelberg. Hedwig Weidemann, Hamburg. Bertha Wendt, Hamburg. Luise Wetter, Dortmund. Dr.. Käthe Winoscheid, Leipzig. Selma Wolff=Jaffee, Mannheim. Die bisherigen Ergebnisse der Reichsfinanzreform. Die Berechnung der voraussichtlichen Erträge der neuen Steuern in Nr. 43 der„Mitteilungen des Hausobundes“ ist von parteioffiziöser Seite teilweise bemängelt worden. Wir stellen demgegenüber auf Grund der amtlichen Zahlen fest, daß die seinerzeit so lebhaft gepriesene Rentabilität der Finanzreform in keiner Weise mit der rauhen Wirklichkeit übereinstimmt. Die Behauptung des Hansabundes ist nicht zu widerlegen, daß die Erträge der neuen Einnahmequellen weit hinter den von der Kommission und der Reichstagsmehrheit pomphaft verkündeten Erwartungen zurückgeblieben sind. Schon daß die Gesamtmehreinnahme in dem ersten Etat, in welchem die neuen Steuern voll zur Geltung kommen sollten, nur zu fünfsiebtel(nach den Worten des Reichsschaßzsekretärs) eingestellt wird, ist ein bedenkliches Zeichen. Aber nicht einmal diese Summe wird nach den bisherigen authentischen Ergebnissen einkommen, wenn die einlaufenden Beträge sich auf der bisherigen Höhe weiter halten sollten. Das Ergebnis der neuen bezw. erhöhten Steuern zu den erwarteten Erträgen stellt sich nämlich vom 1. April bis Ende August ungefähr folgendermaßen: Außer der Umsatzsteuer für Grundstücksübertragungen haben demnach sämtliche Steuern, die neuen ebeno wie die durch die Finanzreform erhöhten, einen zum Teile recht erheblichen Minderertrag gegen den sehr vorsichtig aufgestellten Etat ergeben. Bisher sind die tatsächlichen Einnahmen hinter dem Etatsansatz um 18 Millionen Mark zurückgeblieben zes muß also für das ganze Etatsjahr mit einem Ausfall von 43 Millionen Mark gerechnet werden, falls die Einnahmen sich nur auf der bisherigen Höhe halten. Und dies alles gegenüber einem Etat, welcher die neuen Steuern nur zu fünssiebentel eingestellt hat. Deutsches Reich. Zum silbernen Ehejubiläum des badischen Großherzogpaares. Das Präsidium der zweiten badischen Kammer hat dem Großherzogpaar unter Ueberreichung einer Adresse die Glückwünsche des badischen Landtages überbracht. Die beiden der soozialdemokratischen Fraktion angehörenden Mitglieder des Präsidiums, die Abgeordneten Geis und Scheible haben sich am Empfang im Schlosse nicht beteiligt, sie haben aber, wie die„Badische Landeszeitung“ erfährt, sich wegen ihres Nichterscheinens mit dringender Verhinderung entschuldigt, die wohl in der Teilnahme am Magdeburger Parteitage zu erblicken ist. Ein Fiasko des Zentrums. Wie gering die Begeisterung der Zentrumswähler für die ihnen zuerteilten Kandidaten neuerdings ist, zeigt das Wahlresultat in der Stadt Hörter bei der jüngst erfolgten Nachwahl, in der Professor Martin Spahn gewählt wurdee. In Hörter sind(in runden Zahlen) 1300 Wähler vorhanden, davon etwa 600 katholische. Von diesen 1300 Wählern haben rund 400 ihre Stin me abgegeben, und zwar je zur Hälfte für die Kandidaten der Sozialdemokratie und des Zentrums. D. unter den zu Hause gebliebenen 900 Wählern etw400 katholische sind, so hat also nur etwa ein Drik. tel der katholischen Wählerschaft für den offiziellen Kandidaten des Zentrums gestimmt. Für die Todesstrafe begeistert sich erneut in einem Leitartikel die klerikal„Germania“. Sie vertritt damit nur konsequent der Standpunkt ihrer Kirche, die stets für möglichst zahlreiche und möglichst grausame Hinrichtungen gewesen ist in majorem Dei gloriam. Das einfache Köpfen nach geordnetem, gerichtlichem Verfahren muß daher daher den Anhängern dieser menschenfreundlichen Richtung schon als eine große Konzession, als eine starke Einschränkung ihrer eigentlichen Grundanschauungen erscheinen. Ausland. Belgien. Brüssel, 21. September. 116 deutsche Hand werker und kleine Kaufleute sind heute unter Führung und auf Kosten des Hansabundes in Brüssel eingetroffen, um die Weltausstellung zu besichtigen.. Der Präsident des Hansabundes, Geh. Rat Rießer, weilt schon heit einigen Tagen in Brüssel, um die Besichtigung selbst leiten zu können. Heute abend werden die Handwerker im Deutschen Hause offiziell begrüßt, wo man ihnen zu Ehren ein kleines Fest veranstaltet. Rußland. Odessa, 21. September. Ein Erlaß des Stadte hauptmanns von Odessa verfügt die Auflösung der Deutschen Gesellschaft zur Förderung der Volksbildung in Südrußland. Petersburg, 21. September. In vergangener Nacht wurde hier eine sozialdemokratische Geheimdruckerei entdeckt: zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Spanien. Madrid. 21. September.. Die Wiederherstellung der konstitutionellen Garantien wird am 2. Oktober stattfinden. Türkei. Salonichi, 21. September. In Monastir und Umgebung werden geheime Lager von Bomben und Waffen beschlagnahmt. Asien. Neuyork, 21. Sept. Wie die„Associated Preß“ aus Tokio meldet, veröffentlicht die Zeitung „Hochishimbun“, Einzelheiten über eine Verschwörung zur Ermordung des Kaisers von Javan. Die Verschwörer wurden verhaftet. Des Vaters Ehre. Roman von Ewald August König. 68 „Jedes ungebührliche Betragen werde mit der Zwangsjacke oder anderen Strafmitteln geahndet werden. Ich habe allesversucht, das Herz dieses Teufels in Menschengestalt zu rühren oder an sein Gewissen zu appellieren; roh und herzlos wie er, waren auch seine Knechte, die nicht wagten, gegen seine Befehle zu handeln. Es wurde mir nicht erlaubt, die meinigen wiederzusehen, noch schriftlich mit ihnen zu verkehren, ich sei ein Staatsgefangener, hieß es, die Regierung habe befohlen, mich in einsamer Haft zu halten und keinen Verkehr mit der Außenwelt zu dulden. Dann und wann gab mein Wärter mir Nachricht von den meinigen, aber ich konnte ihn nicht bewegen, einen Brief an sie zu besorgen. Dann und wann auch wurde ich in einen langen Korridor geführt, in dem ich einige Minuten lang auf und ab spazieren durfte, später erst erfuhr ich, daß es geschah, um mich meinen Angehörigen aus der Entfernung zu zeigen. Zu gewissen Zeiten fühlte ich mich todmüde, ich fiel dann in einen Schlaf, der mitunter vierundzwanzig Stunden dauerte, dies konnte nur daher rühren, daß man ein Opiat in meine Speisen mischte, und ich vermute, es geschah jedesmal, wenn eine gerichtliche Revision der Anstalt stattfand. Einmal sah ich die Gerichtsherren in meiner Zelle, aber man hatte kurz vorher mich gewaltsam in einen Zwangsstuhl gesetzt, mein Gesicht beschmutzt, meine Haare in Unordnung gebracht und mir ein Gift eingeflößt, das meine Sinne verwirrte, sie zuckten bedauernd die Achseln und verließen mich wieder. Gar oft wurde mir Arznei gebracht, ich habe sie nie genommen, man wollte mich anfangs zwingen, sie zu nehmen, aber ich setzte ihnen so heftigen Widerstand entgegen, daß sie mich bald in Ruhe ließen. Sieben lange Jahre, und jede Stunde in diesen Jahren eine Ewigkeit. Wie lange noch sollten die Höllenqualen dauern? Man sagte mir, ich sei vergessen, niemand kümmere sich mehr um mich. Ich glaub's, ich kann es auch den meinigen nicht verdenken, wenn sie der fruchtlosen Bemühungen müde geworden sind. Mein Wärter hat mir versprochen, diese Papiere meinem Sohne zu übergeben, wenn er es tut, so will ich ihm verzeihen und keine Anklage gegen ihn erheben, er führte nur die Befehle seines werrn aus, dem ich meinen Fluch hinterlasse.“ „Folgen Datum und Unterschrift!“ schloß Simon, während er das Dokument zusammenfaltete und die Flasche aus der Hand seines inzwischen zurückgekehrten Bruders nahm. „Was meinen Sie? Wird jemand glauben, daß dies ein Wahnsinniger geschrieben haben könnte?" fragte Wilhelm spöttisch.„Ja, stieren Sie mich nur an, wenn Sie mich jetzt vergiften könnten, würden Sie es mit Wollust tun, das weiß ich.“ Der gefesselte Mann konnte nur durch ein leises Stöhnen antworten, er zerrte noch einmal an seinen Fesseln, obgleich er wußte, daß es vergeblich war. „Der Inhalt dieses Schriftstückes ließe sich durch meine Mitteilungen noch ergänzen,“ nahm Simon wieder das Wort, das struppige Haupt auf beide Arme stützend,„ich könnte die Summe nennen, die der Präsident Ihnen jährlich gezahlt hat, und ich kenne auch die Mittelchen, mit denen Sie den Gerichtsherren Sand in die Augen streuen. Wäre der Präsident ein reicher Mann gewesen, hätte er eine große Summe zahlen können, dann wäre der Patient schon im ersten Jahre ins Jenseits befördert worden. Sie wollten das Honorar führ ihn so lange wie möglich beziehen, nur deshalb wurde sein Leben geschont. Na, Sie wissen nun, woran Sie sind und was Ihnen blüht, wenn Sie uns verfolgen lassen oder vor dem Ankauf der Wertpapiere warnen. So, nun wollen wir gehen, ich habe nicht länger Lust, Ihnen Gesellschaft zu leisten und mich von Ihnen anstieren zu lassen, waffnen Sie sich mit Geduld, bis Sie erlöst werden.“ Er steckte die Papiere in die Tasche und nahm die Reisetasche auf, indes Wilhelm die Fesseln noch einmal prüfte und einige Stricke fester anzog. Sie löschten das Licht aus und schlossen die Türe hinter sich zu, und als sie in ihrem Zimmer angelangt waren, jubelten sie über das Gelingen ihres Plaues. Wie an jedem Morgen, so wurde auch heute Punkt fünf Uhr das Dienstpersonal der Anstalt durch die große Glocke geweckt. Die Brüder hatten inzwischen Toilette gemacht und sich zur Reise gerüstet, Wilhelm war, Dank der unausgesetzten Warnung Stmons, ziemlich nüchtern geblieben, er nahm in seiner Tasche eine volle Filasche mit, die er bei der Abfahrt leeren wollte. Peter Sturm blickte freilich erstannt auf, als er die beiden mit der Reisetasche vor sich stehen sah, aber er wußte ja, daß Simon das Faktotum des Doktors war und schon oft im Auftrage des letzteren eine Reise gemacht hatte. „Hier sind die Schlüssel," sagte Simon ruhig,„schließ' hinter uns das Tor zu und laß niemand ein, der in der Anstalt nichts zu suchen hat. Wir müssen einen Tobsüchtigen holen und werden wohl erst morgen zurückkehren; es ist kein angenehmes Geschäft.“ „Aber eine Abwechslung,“ schaltete Wilhelm ein, während sie dem Tore zuschritten; ich bin nur froh daß ich einmal aus dem Hundsloch herauskomme.“ „Der Doktor hat bis nach Mitternacht mit mir gearbeitet,“ fuhr Simon fort,„es waren da noch Briefe zu schreiben und verschiedene Papiere auszufertigen; ich glaub' nicht, daß er heute so früh wie gewöhnlich aufstehen wird, deshalb gib doppelt acht, daß er alles in Ordnung findet; wenn er lange schläft, ist er immer verdrießlich.“ „Werd schon acht geben,“ sagte der Wärter.„Glückliche Reise!“ „So weit wären wir,“ sagte Wilhelm aufatmend, als das Tor hinter ihnen geschlossen war,„ich geb’ was darum, wenn wir uns schon eingeschifft hätten!“ „Geduld, so weit kommen wir auch!" erwiderte sein Bruder.„Der Alte wird toben und wüten, das ist sicher, aber verfolgen läßt er uns nicht. Der Präsident, dem er natürlich die ganze Geschichte mitteilt, wird auch abraten, wir haben zu gute Waffen, als daß sie es wagen dürften, uns anzugreifen.“ „Na, wenn wir glücklich durchkommen, sind wir gemachte Leute,“ sagte Wilhelm, während er die Flasche aus der Tasche holte,„wollen während der Reise darüber nachdenken, welche Namen und Titel wir uns zulegen. Baron von Goldmann klänge gar nicht übel.“ Simon schwieg, sie sahen die ersten Häuser der Stadt schon vor sich, bis zum Bahnhofe war's immer noch eine bedeutende Strecke Weges. Plötzlich blieb Wilhelm stehen, sein Gesicht wurde fahl, der Blick starr und gläsern. „Die Polizei,“ sagte er heiser. Simon sah jetzt auch die beiden Polizeibeamten, die in Begleitung eines alten Herrn ihnen entgegenkamen; scheinbar gleichgültig zuckte er mit den Achseln, aber die innere Angst sprach doch aus jedem Zug seines Gesichtes „Uns wird es nicht gelten,“ erwiderte er,„wir haben ja das Wort des Präsidenten, wir müssen ihig weitergehen, fliehen wir jetzt, dann sind wir verloren.“ „Na, ich wüßte auch nicht, was sie uns auhaben könnten,“ sagte Wilhelm, trotzig das Haupt zurückwerfend. „Beweise haben sie nicht, und von dem, was in der Anstalt vorgefallen ist, wissen sie nichts.“ „Halt!" befahl der Kriminalinspektor, der jetzt die beiden erreicht hatte.„Seid Ihr nicht Wärter aus der Irrenanstalt?“ „Aufzuwarten!“ erwiderte Simon.„Wir sind ausgeschickt, um einen Patienten zu holen.“ „Und was habt Ihr in der Reisetasche?“ „Die Zwangsjacke und anderehübsche Dinge, mit denen Bekanntschaft zu machen ichkeinem Menschenwünsche.“ „Dazu scheint sie zu schwer zu sein.“ „Halten Sie uns nicht länger auf,“ sagte Simon ungeduldig.„wir dürfen den Zug nicht versäumen, unser Doktor ist ein strenger Herr.“ „Ihr werdet wohl einstweilen auf die Reise verzichten und mich begleiten müssen,“ erwiderte der Inspektor. der seinen Beamten verstohlen einen bedeutungsvollen Wink gegeben hatte,„vorwärts, macht keine Umstände.“ „Oho!“ fuhr Wilhelm auf.„Von begleiten müssen kann hier keine Rede sein.“ Er fuhr mit der Hand in die Tasche, aber ehe er sie wieder herausziehen konnte, hielten die Beamten seine Handgelenke schon umklammert, die einige Sekunden später fest aneinander gekettet waren. Simon, der auf ein so rasches Verfahren nicht gefaßt gewesen war, hatte die Flucht ergreifen wollen, aber die Fanst des Inspektors hielt ihn mit eisernem Griff am Rocktragen; nun wurde auch er gefesselt. „Das sollen Sie büßen,“ knirschte Simon in ohnmächtiger Wut.„Wie dürfen Sie einen Menschen verhaften, der aar nichts verbrochen hat?“ „Was Ihr und Euer Bruder verbrochen habt, wird die Untersuchung feststellen,“ erwiderte der Inspektor ruhig, während er die Taschen des Gefangenen durchsuchte und die gefährlichen Papiere, sowie den Schlüssel zur Reisetasche herausholte.„Manches wissen wir schon und das übrige werden wir erfahren.". 183.18 Zum Zusammenbruch der Niederdeutschen Bank. l. Gläubigerversammlung im Konkurse Pötter& Co. Dortmund, 21. September. Ueber den Stand des Konkurses der AktiengesellPoetter u. Co., die infolge des Zusammenbruches der Niederk eutschen Bank gleichsalls fallierte, erstattete der Verwalter der Masse, Rechtsanwalt Winkelmann einen umfassenden Bericht, der deshalb interessant ist, weil aus ihm hervorgeht, wie es Ohm und Konsorten gemacht haben, um der Niederdeutschen Bank flüssige Mittel zu verschaffen, wobei die Herrschaften selbstverständlich ihre eigenen Vorteile nicht verschmähten. Die Gesellschaft Poetter u. Co. wurde gegründet im Jahre 1887 von dem jetzt in Düsseldorf lebenden Zivilingenieur Heinrich Poetter. Im Jahre 1902 trat der Direitor Sandmann in das Unternehmen ein, dessen Geschäftsbetrieb die Erbauung von Fabriken, Hüttenwerken usw. war. Der Immobilienbesitz der Gesellschaft bestand aus einem Hause an der Kaiser Wilhelm=Allee Nr. 50, Wert 150000 Mark und dem jetzigen Geschäftsgebäude, das mit einem Verkaufswert von 159000 Mark angesetzt war. Die Taren rührten von dem damaligen Aufsichtsratsmitgliede der Westfälischen Bankkommandite Ohm Hernekamp u. Co., Gustav Maiweg her. mit dem die Gesellschaft Poetter u. Co. zwecks Eröffnung eines Kredits in Verbindung getreten war. Ferner wr eain sieben Hektar großes Baugrundstück in Marten mit aufstehenden Gebäuden vorhanden, das Ziegeleizwecken diente, und mit 192000 Mark bewerket wurde. An sonstigen Werten waren vorhanden: Effekten 150000 Mark, Mobilienkonto 11 000 Mark, Zeichnungen und Patente 450000 Mark. Die Firma arbeitete recht gut, aus der Anfertigung von Zeichnungen erzielte sie 1899 allein 36,000 Mark, für die Firma Gorbwitz u. Co. in Heinsburg hatte sie 461 000 Mark Arbeiten ausgeführt und 127000 Mark verdient, Gasanlage Friedrich Wilhelmshütte 23.600 Mk., Verdienst 11000 Mark, Benzolfabrik Nordfrankreich 200000 Mark, Verdienst 33000 Mark, Walzwerk in Lonkam(China) 315000 Mark, Verdienst 138000 Mk., Martinwalzwerk in Boskome(Bilbav) 1014000 Mk., Verdienst 368912 Mark So war der Stand, als ein Jahr später die Gründung der jetzt in Konkurs geratenen Aktiengesellschaft Poetter u. Co. durch die Niederdeutsche Bank am 20. Februar 1909 erfolgte. Gründer waren außer Heinrich Poetter, Direktor Sandmann, Ingenieur Pellenberg, Bankier Ohm für die Niederdeutsche Bank und Rechtsanwalt Bonzel in Dortmund. Das Grundkapital betrug 500000 Mk. Poetter erhielt hiervon als Entschädigung für die Eintragung seines Handelsgeschäfts 364 Aktien, den Rest übernahmen die Gründer. Der Bücherrevisor Hartwig, der jetzt im Gefängnis sitzt, wurde als ständiger kaufmännischer Beirat in die Gesellschaft berufen, seine Aufgabe war vornehmlich, entstehende Differenzen zwischen Auftraggeber und Gesellschaft zu schlichten. Im Jahre 1904 schied Poetter aus der Gesellschaft aus und verpflichtete sich gegen Zahlung von jährlich 12.000 Mark kein Konkurrenzgeschäft zu gründen. Diesen Vertrag soll Poetter verletzt haben, indem er in Düsseldorf ein neues Geschäft gründete und weswegen gegen ihn jetzt Ansprüche in Höhe von 100000 Mark geltend gemacht werden. Die Beamten besoldete die Gesellschaft angemessen. Die Direktoren Sandmann und Pellenberg erhielten z. B. je 15000 Mark jährlich, das später sogar auf 21000 Mark erhöht wurde. Am 30. Juni 1905 trat Stadtrat Maiweg(Dortmund) und Bankier Püttmann=Damme(Oldenburg) in den Aussichtsrat ein, von welcher Zeit ab die Niederdeutsche die Bankgeschäfte mit Poetter übernahm, nachdem diese das Konto bei der Westdeutschen Vereinsbank in Münster abgelöst hatte. Als Sicherhehit wurden der Niederdeutschen im Jahre 1906 alle Patente und Zeichnungen verpfändet, außerdem für 180000 Mark Hypotheken ferner die ausstehhenden Forderungen in Höhe von rund 1200000 Mark. Der Direktor Pellenberg schied um diese Zeit aus, weil er bei Ausführung eines Auftrages an die Gesellschaft Konkordia Fehler begangen hatte, wodurch der Poetter=Gesellschaft ein Verlust von 100000 Mark entstand. Haftbar hat der Aussichtsrat Pellenberg nicht gemacht, es heißt in einem Sitzungsprotokoll aus verwandtschaftlichen Rücksichten habe man Abstand davon genommen, es sei aber auch nichts von ihm zu haben gewesen. Im Jahre 1906 erfolgte die erste Gründung und damit beginnen auch die Schiebungen unerhörter Art, die Ohm beging und zu denen die Aufsichtsratsmitglieder stille schwiegen. Die Ziegelei Poetter u. Co. in Marten wurde unter dem Namen Zigelei Deutschland in eine G. m. b. H. umgewandelt. Der Direktor Quantz von der Lünener Bank beteiligte sich mit 10.000 Mark Einlage, während Dortmunder Stadttheater. ms. Dortmund, 21. September. „Maria Maadalene“ Trauerspiel von Fr. Hebbel. Hebbels bürgerliches Trauerspiel„Maria Magdalene“, das heute an unserer städtischen Bühne in Scene ging, hat sich trotz aller Bemühungen auf der deutschen Bühne nicht einzuführen vermocht. Unser Theaterpublikum läßt sich nicht gern ein eindringliches„Memento mori“, wie es in dem nicht mit Unrecht Schillers „Kabale und Liebe“ an die Seite gestellten Trauerspiel geschieht, vor Augen halten. Die„Maria Magdalene“ ist ein düsteres Stück, das mit eiserner Konsequenz durchgeführt ist. Der„Maria Magdalene“, sagt der Dichter in einem Brief an Siegmund Engländer,„liegt ein Vorfall zu Grunde den ich in München selbst erlebt habe, als ich bei einem Tischlermeister, der mit Vornamen sogar Anton hieß, wohnte. Ich sah, wie das ganze ehrbare Bürgerhaus sich verfinsierte, als die Gendarmen den leichtsinnigen Sohn abführen; es erschütterte mich tief, als ich die Tochter, die mich bediente, ordentlich wieder aufatmen sah, wie ich mit ihr im alten Ton scherzte und Possen trieb.“ Die peinliche Handhabung des poesieumflossenen Stückes zu erzählen darf ich mir wohl ersparen, auch wenn ich nicht vorauszusetzen wage, daß sie allgemein bekannt ist.. Wer das Stück nicht kennt, kann es sich für 20 Pfg. in der Reklamschen Bibliothek kaufen und lesen. Als Motiv könnte das Wort Meister Antons über dem Stück stehen:„Kinder sind wie Aecker, man sät ein gutes Korn hinein und dann geht Unkraut auf..“ Die Aufführung war von Herrn Oberregisseur Karl die Aktiengesellschaft Poetter u. Co. 140000 Mark Sacheinlage einbrachte und ihr zugleich 72000 Mark gutgeschrieben wurden. Mit den Beträgen wurde die Bankkommandite belastet. Wenn bis dahin die Gesellschaft ziemlich gut gearbeitet hatte, ging es mit Riesenschritten bergab, als die Gesellschaft auf Veranlassung Ohms und Hartwigs mit Gründungen begann. Auf Veranlassung Ohms sollte die Gesellschaft auch mit der Maschinenfabrik Altenessen verschmolzen werden, es ist aber nicht dazu gekommen, aus welchen Gründen ist nicht bekannt. Dagegen wurde die Erhöhung des Aktienkapitals um 500000 Mark beschlossen, das ein Konsortium, bestehend aus Stadtrat Maiweg=Dortmund, Bankier Püttmann=Damme, Geheimrat Im Walle=Münster, Bankier Ohm und die Lünener Bank übernahm. Die Aktien wurden aber an die Niederdeutsche Bank gegeben und dafür dem Konsortium ein Kredit in Höhe von 1 Million Mark eröffnet. Es wurden aber Abmachungen dahin getroffen, daß Wechsel akzeptiert und Tratten ausgestellt wurden von der Poetter u. Co.=Aktiengesellschaft, für welche das Konsortium das Obligo übernahm. In einer Aussichtsratssitzung haben die Mitglieder Kenntnis davon genommen, daß für die Poetter=Gesellschaft zu dieser Zeit für 555000 Mark Akzepte und 335000 Mark Tratten im Umlauf waren. Direktor Sandmann machte den Aufsichtsrat auch darauf aufmerksam, daß nach dem mit dem Aktienkonsortium und der Niederdeutschen Bank getroffenen Abmachungen diese Akzepte nicht in die Bücher und Bilanzen für 1909 aufgenommen worden seien. Der Aufsichtsrat genehmigte dieses und ordnete an, daß auch fernerhin diese Akzepte nicht in die Bücher und Bilanzen ausgenommen wurden. Dieser merkwürdige Beschluß, der nach Ansicht des Konkursverwalters eine Bilanzverschleierung schlimmiter Art darstellt, ist von allen Aussichtsraksmitgliedern unterschrieben worden. Die Niederdeutsche Bank setzte diese Wechsel in Umlauf, um sich Geld zu verschaffen. Im Juli dieses Jahres gingen aber bereits für 70000 Mark dieser Wechfel unter Protest, weil die Gesellschaft nicht zahlen könnte. Diese Tatsache und die völlige Abhängigkeit von der Niederdeutschen Bank gaben der Gesellschaft den Todesskoß. Verfehlt waren auch die seitens des Bankiers Ohm ins Leben gerufenen Filialen der Poettergesellschaft in London, Paris, Kattowitz und Wien. Die letztere wurde in seine G. m. b. H. umgewandelt, als Teilhaber fungierten Rechtsanwalt Bonzel und Hartwig. Die Gesellschaft arbeitete stets mit Verlusten, nichtsdestoweniger ließen sich die Aufsichtsratsmitglieder Tantiemen zahlen. Hartwig zog sich schnell zurück, er zeigte seinen Austritt schriftlich mit den schönen Worten an: „Möge das Unternehmen weiter blühen, wachsen und gedeihen!“ Dabei wußte er, daß die Gesellschaft stets mit Verlusten gearbeitet hatte und die Kassen leer waren. Auf Veranlassung Ohms sollte in Dortmund eine Gesellschaft für Erbauung von Hütten und Bergwerksanlagen G. m. b. H. gegründet werden. Man wollte der Poettergesellschaft also eine direkte Konkurrenz schaffen. Als Grund wird allerdings angegeben, um der drohenden Konkurrenz der Firma Poetter u. Co. in Düsseldorf zu begegnen. Der Konkursverwalter vermutet aber, und zwar nicht ganz mit Unrecht, daß der wahre Grund darin zu suchen ist, um der Niederdeutschen Bank einen neuen Akzeptkunden zuzuschieben, um mit den Wechseln arbeiten zu können. Deshalb wurden dem bei der Niederdeutschen Bank tätigen Direktor Schmitt der die Seele des neuen Unternehmens werden sollte, Patente und Musterschutzberechtigungen im Betrage von 250000 Mark verkauft;; er wurde als Kaufman Schmitt vorgeschoben um nicht als Abgesandter der Niederdeutschen Bank zu erscheinen. Das Stammkapital wurde auf 1 Million Mark bemessen, jeder Teilhaber sollte 50000 Mark übernehmen. Daß es sich um keine reelle Gründung handelte, dafür sprechen nach den Ausführungen des Konkursverwalters der äußerst dürftig abgeschlossene Vertrag und die Talsache, daß keiner der Beteiligten die Einlage zahlen konnte und auch nicht wollte. Bei dem Abkommen mit Schmitt waren Ohm und Rechtsanwalt HuchzemeierGelsenkirchen zugegen. Für die an Schmitt verkauften Patente im Werte von 250000 Mark übernahm die Niederdeutsche Bank Bürgschaft. Auch die Gründung der Kraftlastwagengesellschaft m. b. H. in Aachen wurde in der Absicht ins Leben gerufen, um Geld nach der Niederdeutschen Bank zu bekommen. Vorgeschoben wurde von der Niederdeutschen Bank Stadtrat Maiweg der anscheinend über den Kopf des Vorstandes hinweg handelte, da sein Vorgehen erst in der Aufsichtsratssitzung vom 13. März 1909 genehmigt wurde, sein persönliches Interesse ergab sich aus der für ihn festgesetzten Vergütung, er wurde nämlich mit Laue und G. Block in Altenessen in den Aufsichtsrat gewählt. Das Stammkapital wurde auf 650000 Mk. festgesetzt, in das sich die Ohmschen Gründungen teilen sollten, und zwar sollten übernehmen die Motorlastwagengesellschaft 200000 Mark, Maschinenfabrik Altenessen 120000 Mark, Aktiengesellschaft für luftlose Bereifung 120000 Mark, Habermann u. Guckes 60000 Mark, Poetter u. Co. 30000 Mark, Bochumer Metallwarenfabrik 30000 Mark, Industrie für Holzverwertung 30000 Mark, Nettelthaler Gesellschaft 30000 Mark, und das Dortmunder Brauhaus 30000 Mark. Geschäftsführer war Dr. Nolden, der jetzt ebenfalls im Gefängnis sitzt. Die Firma ist gar nicht in Tätigkeit getreten. Nur die Poettergesellschaft zahlte durch die Niederdeutsche Bank. Der Betrag ist aber Ende August der Poettergesellschaft wieder zurückgewiesen worden mit drem Bemerken, die Firma habe ihre Tätigkeit noch nicht ausgenommen, sie werde bei Beginn ihrer Tätigkeit die Beteiligung einfordern. Bei diesem Versprechen ist es geblieben, sodaß die Poettergesellschaft von ihrem Vertrage wieder zurücktrat. Die Gesellschaft ist gar nicht zur Eintragung gekommen, es waren aber bereits an Stempel= und sonstigen Kosten 7000 Mark draufgegangen. Die letzten Versuche Ohms, sich Geld zu verschaffen, sind nicht ohne Interesse. Er wollte sich auf Akzepte der Niederdeutschen Bank, auf denen die Gesellschaft Poetter u. Co. als Aussteller figurierte, Geld verschaffen. Die Hanseatische Bank hat die Verbindung abgelehnt, die Berliner Handelsgesellschaft ist darauf eingegangen, allerdings gegen Sicherheitsleistung. Die Gesellschaft Poetter u. Co. hatte für das Eisenwerk Rote Erde ein Martinstahlwerk in Auftrag, das 400000 Mark kostete. Sie hatte aber keii Geld, un die Bestellungen in Höhe von 300 000 Mark zu regulieren. Die Niederdeutsche Bank konnte den beantragten Kredit vom 300000 Mark nicht geben erklärte sich aber bereit, gegen Zedierung der Ansprüche von Poetter u. Co. an die Aktien=Gesellschaft Rote Erde ihre Akzepte zur Verfügung zu stellen, die nur der Berliner Handelsgesellschaft angeboten werden durften. Die Poettergesellschaft zedierte in Wirklichkeit ihre Ansprüche in Höhe von 400000 Mark nicht der Niederdeutschen Bank, sonodern der Berliner Handelsgesellschaft. Die von dieser gesandten Beträge gingen an die Niederdeutsche Bank. Die Wechsel gingen aber unter Protest. Die Handelsgesellschaft versuchte zu ihrem Rechte zu kommen, sie prolongierte die Wechsel unter Abtretung von etwa eineinhalb Millionen Mark ausstehende Forderungen an die Handelsgesellschaft. Eine Erfüllung der Verpflichtungen gegenüber der Handelsgesellschaft war bis zu einem gewissen Zeitpunkte nicht möglich und da die Sanierungsversuche an denen auch das Bankhaus Heymann in Berlin mit 100000 Mark beteiligt war, scheiterten, war der Konkurs die unausbleibliche Folge. Dr. Sintinis von der Handelsgesellschaft legte dem Direktor Sandmann nahe, mit der Staatsanwaltschaft zu konferieren, damit ihm von dieser Seite keine Gefahr drohe, wegen der bekannten Schiebung mit den 585000 Mark Konsortialwechsel und der damit im Zusammenhang stehenden Bilanzverschleierung. Die Ursachen des Konkurses ergaben sich aus den vorstehenden Tatsachen Mit dem Gelde ist bei der Gesellschaft nicht gespart worden, die Gehälter der Direktoren mit je 21 000 Mark waren viel zu hoch. Mit Reisespesen wurde nicht gekargt. Als die Gesellschaft in Spanien einen Prozeß hatte, sandte sie zur Wahrnehmung des Termins gleich drei Aufsichtsratsmitglieder nach Madrid, von denen jeder einige tausend ark Reisekosten liquidierte. Bei Eröffnung des Konkurses hatte die Gesellschaft bei der Essener Kreditanstalt ein Guthaben in Höhe von 15000 Mark, außerdem waren zwei Grundschuldbriefe von je 30000 Mark vorhanden. In Arbeit und noch nicht fertiggestellt waren eine ganze Reihe Aufträge, so z. B. der Banbau Berleburg=Allendorf, für dessen Fertigstellung ein anderer Unternehmer gefunden ist, sodaß der Masse hieraus kaum ein Schaden erwächst. Den Bahnbau hatte die Gesellschaft für 453000 Mark übernommen, wovon bereits für 200000 Mark Arbeiten geleistet waren. In Arbeit war auch die Gasanstalt in Paris. Die Aktiengesellschaft Homecourt hatte die Anlage eines Martinofens in Auftrag gegeben, der 195000 Mark kosten sollte. Die Poettergesellschaft ließ sich einen Vorschuß von 65000 Mark zahlen, vergaß aber die Ausführung, sodaß die Gesellschaft um diesen Betrag geschädigt ist. Ferner schweben nooch eine Reihe Prozesse, u. a. verlangt die Gelsenkirchener Bergwerksaktiengesellschaft von der Peottergesellschaft einen Betrag von 14328 Mark. Aus den Verhandlungen ist noch zu erwähnen, daß die Firma noch 228 636 Mark ausstehende Forderungen hat, An die Beamten, denen nicht rechtzeitig gekündigt worden ist, sind bis 1. Januar 1911 noch 53000 Mark Habermeyer sehr sorgfältig inszeniert worden. Die Mitwirkenden bemühten sich durchweg mit bestem Ersoige, dem Stück eine gute Aufnahme zu verschaffen. Das stark besetzte Haus folgte den Vorgängen mit außergewöhnlichem Interesse und stattete seinen Dank für die sich weit über das Mittelmaß erhebende Vorstellung durch wiederholten lebhaften Applaus. Während mir der Lerse des Herrn Weiglin nicht sonderlich gefallen hat, kann ich heute mit Freude konstatieren, dal der neue Heldenvater als Tischlermeister Anton sich in vorteilhaftem Lichte gezeigt hat. Er hatte sich in die keineswegs leichte Rolle liebevoll vertieft und spielte sie wenn ich von einigen sprachlichen Entgleisungen absehe, mit großem Geschick von Anfana bis Ende. Herr Weiglin gab sich als Mensch von Fleisch und Blut, als ein Mensch mit all seinen Vorzügen und Schwächen, mit eiserner Stirn und goldlauterem Herzen, so wie ihn der Dichter sich gedacht hat.. Diese Lebenswahrheit, die Herr Weiglin dem Anton einzuflößen verstand, verfehlte seine Wirkung auf das Auditorium nicht und konnte sie nicht verfehlen. Die heutige Leistung läßt uns das Beste von Herrn Weiglin erhoffen, wenn er erst auf unserer Bühne warm geworden. Ausgezeichnet sekundierte ihm Frl. Hrubesch als Klara. Sie verkörperte das Gretchenschicksal der unglücklichen Tischlerstochter in wirklich poetischer Weise. Mit feinem künstlerischen Takt löste sie die ihr zugefallene Aufgabe, die zu den rührendsken Frauengestalten gehörende Klara in ihrem schweren Konflikt den Herzen der Zuschauer näher zu bringen. Der leichtfertige Karl hatte in Herrn Gerdes einen guten Interpreten gefunden, der dem jugendlichen Brausekopf durchaus gerecht wurde. Des ehrsamen Tischlermeisters Frau lag bei Flr. Gabrieli in besten Händen. Der Bösewicht Leonhard wurde von Herrn Binder einwandsfrei gezeichnet. Es war ein großer selbstsüchtiger Schurke, den er vor uns hinstellte. Mit der wenig dankbaren Rolle des Sekretärs sand sich Herr Mayr so gut es ging ab. Frankfurter Tebrervereins=Sängerchores. Niemand hat dem Geist des Schönen einen herrlicheren Ausdruck gegeben, als der größte Sohn Frankfurts, und wenn auch Goethe im späteren Leben nicht in seiner Vaterstadt weilte, so hat doch die alte Koiserstadt am Main gar manches seiner Wocte als teures Vermächtnis behalten. Die Musen sinden eine gastliche Aufnahme in Frankfurt am Main und eine große Reihe von Instituten, Museen, und Sammlungen dienen der verständnisvollen Pflege der Kunst und Wissenschaften und manches alte Patriziergeschlecht glaubt seinen Namen nicht besser der Nachwelt übermitteln zu können, als durch Stiftungen für große künstlerische und wissenschaftliche Einrichtungen der Vaterstadt. In ganz besonderer Weise läßt sich die Pflege Goetheschen Geistes das Freie Deutsche Hochstift angelegen sein und alljährlich hält es durch eine besondere Goethefeier das Andenken an den Dichter lebendig. Mit dem Jahre 1884 erfreut sich das Hochstift der Unterstützung des Sängerchors des Lehrervereins, der stets mit der Ausführung des gesanglichen Teils dieser Veranstaltung betraut wird. Auch die exklusievste aller furter Konzertveranstaltungen, die Museumskonzecte, erhalten vom Sängerchor bereitwilligst Unterstüitzung, und schon seit 1880 darf der Lehrerchor sich rühmen, dort zu zahlen. Die Passiven belausen sich auf 1042449 Mark, die guten Aktiven auf etwa 243000 Mark. In der Masse werden etwa 20 Prozent liegen. Für die Masse ist insofern noch etwas zu retten, als die Aufsichtsräte der Wiener Filiale von Poetter u. Co. die Herren Bonzel und Hartwig, zur Zurückzahlung der Tantieme veranlaßt werden sollen. Ferner erhebt der Konkursverwalter noch Ansprüche gegen das Konsortium Maiweg, Bonzel und Genosser, weil gestattet wurde, daß die Niederdeutsche Bank sich auf die Akzepte von Poetter u. Co. Geldbeträge verschaffte. Es liefen schließlich für 585000 Mark Wechsel. Der Konkursverwalter glaubt, daß er aus dem Konkurs der Niederdeutschen Bank 10 Prozent, aus dem Konkurs Ohm 1 Prozent, aus dem Konkurs Maiweg 5 Prozent hereinbekommt. Wie viel bei Im Walle und Bonzel zu holen ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Das Eisenwerk Rote Erde läßt die Arbeiten für das an die Firma Poctter u. Co. in Auftrag gegebene Mactinwerk selbst ausführen. Die Gesellschaft macht dieserhalb an die Konkursmasse einen Anspruch von 30000 Mark geltend. Ueber die Geldklemme in der die Niederdeutsche Bank sich befand, machte der Konkursverwalter noch folgende Mitteilung: Der Prokurist Schmitt erschien noch am 11.“ Juli bei der Firma Poetter u. Co. und erbat sich unter ausdrücklichem Versprechen, das Geld am folgenden Tage zurückzugeben, einen Betrag von 11000 Mark. Das Versprechen hielt er natürlich nicht. — Bei der Frage nach Beibehaltung oder Neuwahl des Konkursverwaltesr bemerkte der Konkursrichter, daß bei der Staatsanwaltschaft ein Schreiben eingegangen sei, nach dem der Konkursverwalter unter dem Einfluß des Gläubigerausschusses stehe. Nach den getroffenen Feststellungen könne davon aber keine Rede sein. Für die Mandatsniederlegung des Kaufmanns Gundlach sei kein Anlaß vorhanden gewesen. Der bisherige Konkursverwalter wurde beibehalten. Bei der Stimmzählung ergab sich, daß u. a. angemeldet haben Fabrikbesitzer Mannesmann=Remscheid 20.000 Mark und die Berliner Handelsgesellschaft 580000 Mark. Der Konkursverwalter erklärte, daß die Berliner Handelsgesellschaft seiner Ansicht nach bereits von dem bedenklichen Stand der Niederdeutschen Bank und der Firma Poetter u. Co. Kenntnis gehabt haben müsse, als sie die Beträge hergab. Daraus folgerte man aus der Mitte der Versammlung, daß der vorgenannte Betrag der Berliner Handelsgesellschaft anfechtbar sei. *** Dortmund, 21. Sept. In dem Konkurse der Lünener Bank sind, wie im ersten Prüfungstermin mitgeteilt, 17580 Mark bevorrechtigte und 6277771 Mark nicht bevorrechtigte Forderungen angemeldet; die aus Bürgschaften und Kreditansprüchen hergeleiteten Forderungen wurden vom Verwalter zum Teil vorläufig ohne weiteres bestritten.— Dem Konkurs der Niederdeutschen Bank wurde die Quote auf 10 Prozent, im Konkurs Maiweg auf 5 Prozent und im Konkurs Ohm auf 1 Prozent geschätzt. Dortmund, 21. Sept. In dem Konkurse der Deutschen Glas=Präzisionswerkstätten G. m. b. H. in Brackel, die ebenfalls von der Niederdeutschen Bank gegründet wurde, betragen die Aktiva 21119 Mark, die Passiven 82,394 Mark. In der Masse liegen 10 bis 12 Prozent.— Die Gründung der Glas=Präzisionswerkstätten erfolgte im Auftrage Ohm durch Hartwig, der die von dem Direktor Rosenkaimer als wertlos bezeichneten Patente mit 240000 Mark einstellte für sich und Ohm 120000 Mark. davon in Anspruch nahm und die andere Hälfte der Familie Rosenkaimer gut schrieb. Die Gesellschaft, die ohne alle Mittel war, wurde von der Niederdeutschen Bank damit versehen und geriet bei ihr natürlich arg in die Kreide. *"* Die erste Verhandlung gegen Ohm findet einen hiesigen Blatte zufolge vielleicht schon im nächsten Mo nat statt. Bei der Staatsanwaltschaft finden näm lich Erwägungen statt, ob es nicht angebracht sei, die Versilberung des Alexander'schen Kuxen=Depots, welcher Fall in der Voruntersuchung bereits erledigt ist, für sich zu behandeln. Die Anklage dürfte in diesem Falle gegen Ohm und Schmitt wegen Depotvergehens lauten. Beide Angeklagte sind vor dem Untersuchungsrichter konfrontiert worden und schieben einander die Schuld zu. Ohm behauptet, Schmitt habe die Depots ganz selbständig versetzt, während dieser unter Tränen versicherte, daß Ohm ihm alles befohlen habe, Eine neue Anschuldegung gegen Ohm. Wie dem G.=A. aus Berlin gemeldet wird, hat die dortige Firma Warenhaus Wolff Wertheim gegen Ohm bei der Königl. Staatsanwaltschaft zu Dortmund die Anzeige wegen Betrugs, bezw. Unterschlagung erstattet. Die Firma Wolff Wertheim und die Niederdeutsche Bank standen im Akzentaustausch. Wolff WertK mitgewirkt zu haben. Unter Karl Müller, unter Kogel und unter Siegfried von Hausegger hat er gesanglich teilgenommen. In gleicher Weise wird der Verein bei allen festlichen Gelegenheiten herangezogen, und seine Vereinsgeschichte kann auf manchem Blatt berichten, wie der Lehrersängerchor stets bereit gewesen ist, in erfolgreicher Weise große festliche Veranstaltungen„u verschönern. Da finden wir ihn zur Begrüßung des Staatsministers Falk im Frankfurter Hof, bei der Begrüßung der Turner des 5. Deutschen Turnfestes 1880; 1881 in Wiesbaden auf Einladung des Vereins der Künstler und Kunstfreunde, 1883 in ehrenvollem Auftrage der Stadt vor Kaiser Wilhelm 1. im Palmengarten und 1889 auf Wunsch des Oberbürgermeisters Miquel vor Kaiser Wilhelm 2. bei der Feier zu Ehren des deutschen Naturforscher= und Aerztekongresses und bei der in wahrhaft glänzender Weise in Gegenwart der Kaiserin Friedrich und des Prinzen und der Prinzessin Karl von Hessen veranstalteten Goethefeier 1899. Und weiterhin bei der Akademie und der Senkenbergischen Natirforschei=Gesellschaft, kurz, jedes Jahr weist Daten auf, in denen der Verein der auch im April auf Wunsch Ihrer Kaiserlichen Majestät 1910 ein Konzert in der Erlöserkirche unter besonderem Beifall des Kaisers und der Kaiserin veranstaltete, seine Kunst in den Dienst der Vaterstadt stellte und mit lebhaftem Interesse verfolgen die Frankfurter das Gedeihen des Sängerchors, der mit seinen 300 Mitgliedern ihnen so manche schöne Stunde bereitet hat. Möge ihm neue Anerkennung bei seinem am nächsten Sonntag am Fredenbaum stattfindenden Konzerte (numer. Platz 1 Mark, Verkehrsverein) beschieden sein. heim schickte einen größeren Betrag an Wechseln an die Niederdeutsche. Diese schickte aber keine Wechsel zurück, brachte dagegen die Wertheimschen in Kurs. Es gelang dieser Firma noch im letzten Augenblick, diese Wechsel bis auf einen— über 50000 Mark— zurückzuerhalten. Wegen dieser 50000 Mark hat sie nun Anzeige erstattet. Lokales und Provinzielles. Dortmund, 22. September. —* Die Stadtverordneten Ersatzwahlen. Für die durch Tod aus dem Kollegium ausgeschiedenen Stadtverordneten W. Crüwell und Dr. Kaupe werden die Wähler der 1. Abteilung am 20. Oktober ds. Is. Ersatzwahlen vornehmen. —* Wer hat das Geld erhalten? Auf dem Hauptpostamte ist einem Schalterbeamten am letzten Samstag ein empfindlicher Irrtum unterlaufen. Einem Manne, der bat, ihm Geld auszuwechseln, hat er zweihundert Mark zuviel gegeben. Da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß der Mann, der sich das Geld umwechselte, den Irrtum des Postbeamten selbst nicht gleich bemerkt hat, sei hierdurch darauf hingewiesen, daß das zuviel erhaltene Geld auf dem Hauptpostamte abgegeben werden möge. —* Die Wanderausstellung des Westfälischen Vereins zur Förderung des Kleinwohnungswesens in den Räumer der städtischen Handwerker= und Kunstgewerbeschule erfreut sich eines regen Besuches.. Sie ist täglich von 9—1 Uhr und von 9—6 Uhr geöftnet. Der Eintritt ist kostenfrei. Da die Ausstellung im Sonnabend, den 24. ds. Mts. Abends geschlossen wird, kann jedem, der sich für das Kleinwohnungswesen interessiert und dieselbe noch nicht besichtigt hat, ein Besuch angeraten werden. — Auszeichnung treuer Dienstboten. Nächsten Montag findet abends 8 Uhr im alten Rathaussaale unter Mitwirkung des Evangelischen Männergesangverzins und des Philharmonischen Orchesters ein Festakt statt zur Ueberreichung städtischer Auszeichnungen zn treue Dienstboten. —* Sein 50jähriges Berufsjubiläum feiert heute der Obermeister der Dortmunder Aktiengesellschaft für Gasbeleuchtung Herr Heinrich Bunmann. Wir beglückwünschen Herrn Bußmann zu diesem Ehrentage —Leichenschänder. Nicht einmal die Majestät des Todes hält das Diebesgesindel von Ausführung seines Vorhabens ab.. In der Nacht zum Mittwoch brachen Diebe in ein Zimmer am Sunderweg ein, in dem eine Leiche aufgebahrt stand. Sie stahlen dem Toten die Kleider vom Leibe und warfen die Leiche beiseite, wo sie zwischen Kisten und allerhand Gegenständen gefunden wurde. —* Todessturz. Auf Zeche Lukas stürzte gestern ein Montageschlosser in den Schacht und brach das Genick. pagen, 21. September. Die Fortschrittliche Volkspartei im Wahlkreise Hagen=Schwelm veranstaltet aus Anlaß des Wegganges des Parteisekretärs Kuhle, Samstag, 24. September ds. Is. 8 Uhr abends, im Restaurant Reichshof, Frankfurterstraße 89, ein gemütliches Beisammensein. Odenkirchen, 21. September. Im Stadtteile Dohr stürzte der pensionierte Bahnbeamte Küppers der an seinem Hause Reparaturen vornahm, von einer Leiter, da plötzlich eine Stufe abbrach. Der Mann starb 2 Stunden später infolge schwerer innerer Verletzungen. Fischeln bei Krefeld, 21. September. Das zweijährige Kind des Kesselschmieds Dultzam, aus Nieder bruch ist in einem unbewachten Augenblick in einen Kübel mit Wasser gefallen und ertrunken. Köln, 21. September. Aehnlich wie in anderen Städten versuchten auch hier mehrere junge Burschen, Lehrlinge, die auf der Post Geld aufgeben wollten, es unter dem Vorwande abzuschwindeln, sie seien von dem Geschäft geschickt, weil der Betrag nicht stimme. Einige Lehrlinge ließen sich auch verleiten, das Geld abzugeben.— Gestern abend versuchte der beschäftigungslose Arbeiter Stavenhof seine Frau zu erschießen. Als ein Schutzmann erschien, um ihn zu verhaften, feuerte er auf ihn, ohne jedoch zu treffen. Darauf flüchtete der Täter auf das Dach. Von dort stürzte er hinab, und war sofort tot. Der deutsche Kaiser in Wien. Wien, 21. Sept. Heute mittag besuchte Kaiser Wilhelm in der Uniform seines österreichisch=ungarischen Husarenregiments das Rathaus. Auf der ganzen Fayrt war der Kaiser der Gegenstand begeisterter Kundgebungen. Bei der Ankunft des Kaisers spielte die im Arkadenhofe aufgestellte Kapelle der städtischen Ratsamtsdiener„Heil dir im Siegerkranz". Der Kaiser wurde am Fuß der Fest treppe vom Bürgermeister, den Vizebürgermeistern und den Schriftführern der Gemeinderäte empfangen und in den Festsaal zur Eftrade geleitet, während das Trompeterquartett des k. k. Hofoperntheaters unter der Leitung des Professors Stilger den Einzugsmarsch blies. Sodann ergriff Bürgermeister Dr. Neumayer das Wort zu seiner Begrüßungsansprache, in der er der innigen Freude der Gen indevertretung und der gesamten Bevölkerung Wiens 1 er den Besuch Kaiser Wilhelms Ausdruck gab. Seine Huldigung zum 80. Geburtstage ihres Herrschers, an dem die Wiener mit allen Fasern ihres Herzens hingen, erfülle alle mit großem Jubel und verpflichte sie zu unvergänglichem Danke. Mit Stolz erfülle die Bürgerschaft Wiens aber auch der Entschluß Kaiser Wilhelms, das Wiener Rathaus zu besuchen. Sr. Majestät im Namen der Gemeindevertretung wie der Bevölkerung ehrfurchtsvollsten Dank für die hohe Gnade ausdrücke, bitte er den Allmächtigen, daß er den Kaiser schütze und schirme zum Heil und Segen des prächtigen Deutschen Reiches und zur innigen Freude Oesterreich= Ungarns, das die Nibelungentreue des Deutschen Reiches und seines erhabenen Herrschers erst vor kurzer Zeit wieder zu erkennen Gelegenheit hatte. Der Bürgermeister schloß mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser, in das die Versammelten begeistert einstimmten. In seiner Erwiderung dankte der Kaiser zunächst für den großartigen Empfang und besonders dafür, daß die Stadtvertretung beschlossen habe, einen Teil des Ringes nach ihm(dem Kaiser) zu benennen.(Heilrufe.)„Es ist dies,“ fuhr der Kaiser fort,„eine ganz außergewöhnliche Ehrung für einen fremden Monarchen, denn ich glaube in dieser Huldigung einen Ausdruck zu sehen der freundschaftlichen und innigen Gefühle der Sympathie, die zwischen der Bürgerschaft der Stadt Wien und mir schon seit langem bestehen.(Stürmische Heilrufe.) Zum anderen glaube ich aus diesem Beschlusse das Einverständnis der Stadt berauszulesen, daß sich in ernster Zeit die Bundesgefühle in schirmender Wehr an die Seite Ihres allergnädigsten Herrn gestellt haben. Es dies ein Gebot der Pflicht und Freundschaft zugleich, denn das Bündnis ist zum Heil der Welt in die Ueberzeugung und in das Leben der beiden Völker als ein Imponderabile eingedrungen.(Stürmische Heilruse.) Die höchste Weihe aber wird diesem Beschlusse dadurch erteilt, daß er gesaßt werden konnte in dem 80. Geburtstagsjahr Ihres erlauchten Landesherrn, zu dem mein Volk in inniger und warmer Erinnerung hinüberschaut, und zu dem ich als zu einem väterlichen Freund emporblicke in Ehrsurcht(Stürmische Heilrufe), als zum Symbol der personifizierten Selbstverleugnung und Pflichterfüllung. Allen meinen Gefühlen bitte ich Sie Ausdruck zu geben, indem Sie mit mir einstimmen in den Ruf, daß der edle Landesvater, sein Haus und sein Land in Gottes Hand, in Gottes Schietz gestellt bleiben: Seine Majestät der Kaiser und König: Hurra hurra, hurra!“ Kaiser Wilhelm empfing heute vormittag den Besuch Kaiser Franz Josefs. Wien, 21. Sept. Nach 48 Uhr, da der deutsche Kaiser länger in der Jagdausstellung geweilt hatte, begann im Schönbrunner Schlosse das Galadiner zu Ehren des deutschen Kaisers. An demselben nahmen die beiden Monarchen und die Mitglieder des Kaiserlichen Hauses sowie die Staats= und Hofwürdenträger teil Wien, 21. Sept. Vor Abfahrt Kaiser Wilhelms hatten sich auf dem Bahnhofe in Penzing eingefunden Botschafter von Szögyeny=Marich, Botschafter von Tschirschky mit Gemahlin, die Herren der deutschen Botschaft, die Gräfin Oberndorff, Graf BrockdorffRanzau. Nach 9 Uhr traf Kaiser Wilhelm in österreichischer Feldmarschallsuniform und Kaiser Franz Josef in der Uniform des Kaiser=Franz=GardeGrenadier=Regiments mit dem Gefolge in der Halle ein. Nachdem sich der Ehrendienst bei Kaiser Wilhelm abgemeldet und der Kaiser sich von den anwesenden Herren verabschiedet hatte, geleitete Kaiser Franz Josef seinen Gast zum Salonwagen. Die Majestäten schüttelten sich die Hände und küßten sich dreimal. Hierauf bestieg Kaiser Wilhelm den Zug und unterhielt sich noch längere Zeit mit Kaiser Franz Josef. Um 9 Uhr 20 Minuten fuhr Kaiser Wilhelm nach Sigmaringen ab. Sprechsaal. Einewirtschaftliche Gefahr für Dortmund. Zu dem in Ihrem Blatte jüngst behandeltem Thema„Gründung eines Beamtenkonsumvereins“ möge nachstehend jüngster drastische Fall zum warnenden Beispiel dienen: Die Konsumgenossenschaft„Selbsthülfe“?? in Düsseldorf ist verkracht und bietet ihren Gläubigern einen außergerichtlichen Vergleich von 50 Prozent an. An und für sich ist das nichts Außergewöhnliches; es passiert in jetziger Zeit auch anderen kaufmännischen Unternehmungen, aber die Begründung, in dem Rundschreiben an die Gläubiger gibt doch zu ernsten Bedenken Anlaß. Es heißt darin: „Im Falle eines Konkurses würden zweifellos die Lieferanten in weit höherem Maße die Leidtragenden sein, da die größte Anzahl unserer Mitglieder aus Arbeitern besteht, die durch ihr Jahreseinkommen unter 1500 Mark für eine Nachzahlung nur in ganz beschränktem Maße in Frage kämen. Die Haftsumme der 749 Mitglieder(Mitglieder a 30 Mark) beläuft sich auf 22740 Mark, nicht viel höher ist der gesamte Schuldenbetrag, doch würde zur Befriedigung der Gläubiger voraussichtlich nur der allerkleinste Teil der Haftsummen herausgezogen werden können.“ Eine ernste Mahnung für diejenigen, die mit einem höheren Einkommen als 1500 Mark ihr Heil in dem Anschluß an einen Konsumverein zu finden glauben, aber auch für die Meseranten der Konsumvereine! Das augenscheinlich gesundeste kaufmännische Unternehmen kann durch ungünstige Umstände in die Brüche gehen, wie die jüngsten Vorgänge in Dortmund hinreichend beweisen. Welches vernichtende Unglück aber über Beamten= und Arbeitersamilien hereinbrechen kann, wenn nicht nur die eingezahlten Beträge verloren sind, sondern jedes Mitglied infolge von Mißwirtschaft in den Konsumvereinen, die nicht vereinzelt dasteht, noch später für das Defizit haftbar gemacht wird, das mögen sich doch alle erst klar vor Augen führen, ehe sie einem Konsumverein beitreten und ehe es zu spät ist. Letzte Telearamme Kaiserbesuch in Schlesien. Breslau, 22. Sept. Der Kaiser wird auch in diesem Jahre einige Zeit als Jagdgast des Fürsten Henckel v. Donnersmarck auf Schloß Neudeck verbringen und zwar anfangs November. Während des Aufenthalts des Kaisers in Schlesien wird voraussichtlich auch die Einweihung der technischen Hochschule und das Königliche Polytechnikum in Breslau stattfinden. Zur Silberhochzeit des Großherzogpaares von Baden. Karlsruhe, 21. Sept. Nachdem heute früh beim Großberzogsvaar weitere Empfänge stattgefunden hatten, brachten heute mittag etwa 1000 Bürgermeister des Landes dem Großherzog und der Großherzogin vor dem Residenzschlosse eine herzliche Huldigung dar. Prinz Adalbert von Preußen verließ Karlsruhe heute früh. Die Königin von Württemberg ist heute nachmittag nach Stuttgart zurückgekehrt. Radolins Abschied von Paris. Rambouillet, 21. Sept. Präsident Fallières und Frau gaben dem Fürsten und der Fürstin Radolin ein Abschiedsfrühstück, woran auch Ministerpräsident Briand teilnahm. Die Cholera. Pest, 21. Sept. Das Ministerium des Innern erklärte Mohacs für einen Choleraherd, da dort in der abgelaufenen Woche 29 choleraverdächtige Erkrankungen, davon 14 mit tödlichem Ausgang, vorgekommen sind. In Pest selbst ist bisher kein Cholerafall festgestellt worden. Rom, 21. Sept. In den letzten 24 Stunden sind in Apulien 10 Choleraerkrankungen und 8 Todesfälle zu verzeichnen. Petersburg, 21. Sept. Während der letzten 24 Stunden sind in Petersburg 45 Personen an Cholera erkrankt und 11 gestorben. Die Gesamtzahl der Erkrankungen beträgt 569. Ministerkrisis in Transvaal. Pretoria, 21. Sept. Der bisherige Finanzminister der Transvaalkolonie, Hull, weigert sich, das Portefeuille im Unionsministerium anzunehmen. Wenn er den Entschluß nicht ändert, oder wenn man nicht einen anderen Ersatzmann findet als Merrimun, der kein Portefeuille unter Botha übernehmen will, wird Botha zurücktreten müssen. In diesem Falle würde Merriman mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragt. Rein-Aluminium-Kochgeschirr schwerste Qualität kauft man am besten u. billigsten im Spezialgeschäft von 825 Robert Friesewinkel, Dortmund. =Hansastraße 101.— Sonnenweisses Licht! Unempfindlich gegen normale Erschütterungen. Ersatz bei Fadenbruch :: in den ersten:: 100 Brennstunden. Zu beziehen durch sämtliche Installationsgeschäfte. Depot: E. Kahle, Gerberstr. 8. Bekanntmachung. 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Außerdem konnte man nicht die jedesmal herrschenden Windrichtungen und Windstärke berücksichtigen und blieb so über die Eigengeschwindigkeit des Vogels unaufgeklärt. Seit einigen Jahren wird nun auf der Vogelwarte Rossitten eine besondere Methode angewendet„um diese Eigengeschwindigkeit mit möglichster Genauigkeit festzustellen. Bei der Beobachtungshütte Ulmenhorst, wo die kurische Nehrung sehr schmal und übersichtlich ist, halten die Zugvögel meist sehr genau eine gerade Zugrichtung inne. wa wird auf einer abgesteckten Strecke von einen halben Kilometer Länge mittels Feldtelephon und Sekunderstoppuhr zunächst ermittelt, wieviel Zeit die Zugvögel brauchen, um 500 Meter zu durchfliegen. Daraus wird dann berechnet, wieviel Meter in einer Sekunde zurückgelegt werden, worauf unter Berücksichtigung der während der Versuches herrschenden Windrichtung und Windstärke die Eigengeschwindigkeit der Vögel festgesetzt werden kann. Die nachfolgenden Untersuchungen beziehen sich nur auf den Zugslug der Vögel, den der Vortragende mit den übrigen Flugarten vergleicht und dessen charakteristische Merkmale er hervorhebt. Der Zugflug der Vögel zeichnet sich nach den Beobachtungen auf der Vogelwarte Rossitten durch große Stetigkeit, weniger durch große Schnelligkeit aus. Es haben sich bis jetzt folgende Geschwindigkeitswerte für die einzelnen Vogelarten ergeben. Die Nebelkrähe erzielt eine Durchschnittsgeschwindigkei von 19,3 Meter pro Sekunde, und zwar mit 4 Flügelschlägen, das macht pro Minute 831 Meter und für die Stunde ca. 50 Kilometer, also die Schnelligkeit eines gewöhnlichen Schnellzuges. Heinrich Gätke auf Helgoland hat als Zeit, in der die Krähen von Helgoland bis zur englischen Küste fliegen, 3 Stunden berechnet. Das sind 55,5 Meter in der Sekunde. Gätke kommt also auf einen viermal so großen Wert als der auf der Vogelwarte Rossitten ermittelte. Der Vorsitzende hält hier einen Irrtum für möglich, insofern, als die bei Helgoland und England beobachteten Krähenslüge nicht identisch gewesen seien. Die Saatkrähe erreicht 14,5 Meter pro Sekunde, die Dohle 17,1 Meter. Der Staar hat von allen bisher beobachteten Vögeln die größte Eigengeschwindigkeit nämlich 20,6 Meter also 74 Kilometer pro Stunde. Es muß Staunen nehmen, daß die als hervorragende Flieger bekannten Raubvögel, z.. B. Wanderfalke und Sperber eine geringere Schnelligkeit zeigen als der Star, indem der Wandersalke nur 16,4, der Sperber sogar nur 11,5 Meter in der Sekunde zurücklegt. Diese Werte beziehen sich aber nur auf den Zugflug, Wird von den betreffenden Räubern irgend ein Beutetier verfolgt, dann bleibt es natürlich nicht bei so geringer Schnelligkeit. Von Kleinvögeln vollziehen die Finken ihre Wanderungen mit 14,6 die Zeisige mit 15,5, die Kreuzschnäbel mit 16,6 Meter pro Sekunde. die großen Möwen entfalten bei ihren weit ausgedehnten Zügen am Seestcande entVaters Ehre. Roman von Ewald August König. 67 „Außerdem habe ich eine Denkschrift über alle Vorfälle in diesem Hause, ein ziemlich vollständiges Register Ihrer Sünden entworfen, das ich ebenfalls bei mir trage. Lassen Sie mich verfolgen, wird einer von uns verhaftet, so übergebe ich diese sämtlichen Papiere der hiesigen Behörde, auf die Folgen, die Ihnen daraus erwachsen, brauche ich Sie wohl nicht aufmerksam zu machen.“ „Zuchthaus in allen Fällen!“ schaltete Wilhelm ein, und über sein häßliches Gesicht glitt ein boshaftes Grinsen.„Ich glaube, man wird Ihnen auch einige Mordtaten beweisen können, wenn mein Bruder als Zeuge gegen Sie auftritt.“ „Wenn Sie mich verfolgen lassen," fuhr Simon zu dem Doktor gewendet, fort,„und die Polizei mich absaßt, so habe ich für meine Person dann nichts mehr zu verlieren, sondern werde alles bekennen. Merken Sie sich das wohl, und lassen Sie sich nicht durch Ihre Habgier zu Schritten verleiten, die Sie so sicher ins Zuchthaus bringen werden, wie ich jetzt vor Ihnen sitze. Ist noch was in der Flasche?“ „Kein Tropfen mehr,“ erwiderte Wilhelm, indem er sich erhob;„na, ich will gehen und sie wieder füllen, auch noch einmal die Runde machen, inzwischen kannst Du dem Herrn das Poppertsche Dokument vorlesen. Es ist gut, wenn er weiß, was er von diesen Papieren zu erwarten hat.“ Damit verließ er das Zimmer, Simon holte jetzt die Papiere aus seiner Brusttasche und entfaltete eines von ihnen. „Für Sie ist's eine alte bekannte Geschichte,“ sagte er achselzuckend,„Sie werden nichts Neues hören, dennoch will ich Ihnen das Schriftstück vorlesen, damit Sie erkennen, daß niemand behaupten kann und wird, ein Irrsinniger habe es geschrieben. Also geben Sie acht: Ich endesunterzeichneter, Kanzleichef Ernst Poppert, erkläre hiermit bei vollem, klarem Verstande, daß mir ein gen Himmel schreiendes Unrecht angetan worden ist. Und zwar geschah dies heute vor sieben Jahren, als ein Schurke mich gewaltsam in dieses Haus eines noch größeren Schurken Dortmunder Tageblatt. Nr. 222. 27. Jahrgang. seitba Ichlascecken. oper Steppdecken. Origmal Steiners Reformbetten &ap C0 Dortmund. Rose lang eine Schnelligkeit 13,8 Meter. Zum Vergleiche sci erwähnt, daß der Zeppelin 2 von Friedrichshafen nach Frankfurt mit einer Sekundengeschvindigkeit von 12,8 Meter gefahren ist, er blieb also um 1 Meter pro Sekunde hinter dem Fluge der Nebelk tähe zurück. Die Eigengeschwindigkeiten sind übrigens innerhalb einer und derselben Vogelspezies nicht immer gleich. Die Regel, daß Gegenwind die Ortsbewegung der fliegenden Vögel verlangsamt, kann dahin ergänzt werden, daß es gleichgültig ist, ob der Wind von vorne oder mehr von der Seite kommt, da der Vogel bei Seitenwind immer den Abtrieb ausgleichen muß. *** Geheimrat Ehrlich über Ehrlich=Haia 606. Die heutige Versammlung der 24. Abteilung für Dermatologie und Syphilidologie in der Aula der Universität gestaltete sich zu einer großartigen Huldigung für den Entdecker des neuen Syphilisheilmittels, des Professors Ehrlich(Frankfurt a. M.) Der große Festsaal war von Hörern und Diskussionsrednern überfüllt, die dem Gelehrten bei seinem Erscheinen große Ovationen bereiteten, für die er in schlichten Wort dankte Er nahm sofort das Wort zu den Ausführungen über sein Mittel Ehrlich=Hata=606. Der Redner erklärte, er wolle gleich in Medias res eintreten und über die spczifische Wirkung des Mittels sprechen, die an Tierversuchen erprobt ist. Seine erste Eigenschaft ist die schnelle Reaktion, der zweite der Nachweis spezifischer Antikörper, durch Ehrlich=Hata 606, die geeignet sind, die Heilung einzuleiten. Die Serumbehandlung genüge bei Kindern nicht immer, denn selbst wenn nur enige Spirochaeten vorhanden sind, treten immer wieder Rückfälle ein. Hier kann 606 mit großem Erfolge eingreifen. Ferner handelt es sich um die spezifische Serum=Reaktion(Wassermann), hier kann die negative Reaktion durch Injektion von Ehrlich=Hata 606 positiv werden. Es kann sicher gesagt werden, daß ein Fall, der trotz der Behandlung mit 606 die Reaktion behält, ungeheilt ist. Das ist sehr wichtig. Die Behandlung mit 606 ist aber nicht so einfach, man darf die Patienten nicht einfach injezieren und dann aus der Hand lassen, sondern es ist eine Beobachtung von Monaten und Jahren nötig. Eine andere schwer erklärliche Wirkung sei folgende: Es wird von der wunderbar schnellen Wiekung der Injektion berichtet. Z. B. konnte eine Frau der der Daumen zwei Monate lang mit Quecksilber. vergeblich behandelt worden war, in Wochen schon ein Butterbrol mit Wurst essen.-(Heiteckeit.) Anatomische Verändereigen können natürlich nicht in#o###igen Stunden verschwinden. Wohl aber muß eine zroge schmerzInndernde Wirkung von 606 vorliegen, das nach Art eines Antekexius wickt. Auf der ag####n Seite ist e#er auh eine schmerz= und reizungse igende Wir kung beobachtetm#en. Nach der Marnnun des Rezerenten hat das an den zu geringen Dosen der Einppritzungen gelegen. Ich habe das Mittel immer als sehr gefährlich angesehen, aber dieser Begriff, ist ja ein relativer. Ebenso ist es beim Chloroform, je nach bem Gesundheitszustande der Patienten. Daher ist auch bei 606 eine Nachprüfung des Mittels notwendig. Probringen ließ, um mich bürgerlich tot zu machen, mir ein Verbrechen aufzubürden, das er selbst begangen hatte. Die Papiere, die diesem Dokument beigefügt sind, enthalten eine wortgetreue Kopie jenes damals verratenen Aktenstückes in der ursprünglichen Chiffreschrift und in der Uebertragung, sowie eine Schilderung unserer derzeitigen staatlichen Verhältnisse, wie der Verhandlungen mit dem befreundeten Gesandten. Ich habe das alles aus dem Gedächtnisse niedergeschrieben, und ich hoffe, man wird daraus erkennen, daß trotz aller Schrecknisse, die ich in diesem Höllenkerker erleben mußte, mein Geist heute noch nicht gelitten hat. Als es bekannt wurde, daß jenes geheime Aktenstück durch Verrat in den Besitz des benachbarten Staates gelangt war, blieb ich so ruhig und unbewegt, wie nur ein Mann es sein kann, der sich keiner Schuld bewußt ist. Ich hätte nimmer geglaubt, daß auf mich je ein Verdacht fallen könne, denn war ich auch ein etwas leichtfertiger Lebemann, besaß ich auch mehr Schulden, als ich eigentlich verantworten konnte, so hatte ich doch als Beamter stets meine Pflichten gewissenhaft erfüllt, nach dieser Seite hin durfte mir kein Vorwurf gemacht werden. Nun war es richtig, daß jenes Aktenstück wie auch der Schlüssel zu der Chiffreschrift sich unter meinem Verschluß befanden, und es läßt sich begreifen, daß ich erschrak, als ich hierauf aufmerksam gemacht wurde. Der Präsident von Haberloh gab sich anfangs den Anschein, als ob er mich vor jedem entehrenden Verdacht beschützen wolle, natürlich glaubte er seine eigene Person über denselben hoch erhaben. Es kamen Reskripte aus dem Ministerium, die strengellntersuchung befahlen. Seine Exellenz, der Minister, waren persönlich in meinem Bureau, um den Archivschrank zu besichtigen und Fragen an mich zu richten, die sein Mißtrauen mir nur zu deutlich verrieten. Nun erst erkannte ich den Abgrund, vor dem ich stand, las ich doch auch in den Mienen meiner Kollegen, daß an meiner Schuld schon nicht mehr gezweifelt wurde. Ich sagte den meinigen nichts davon, um sie nicht zu beunruhigen, der Untersuchung, wenn sie gegen mich eröffnet wurde, glaubte ich auch jetzt noch mit Ruhe entgegensehen zu dürfen. Ich erinnere mich nun auch, daß der Präsident vor einigen Wochen mir den Schlüssel zum Archivschrank eines Abends abgefordert hatte, er war mir erst am nächsten Morgen zurückgegeben worden, ein unbestimmter Verdacht tauchte in mir auf, für den ich fessor Alt und Professor Uetersen haben hier mit dem Referenten zusammen gearbeitet. Es müssen nun erk an 10—20 000 Patienten Prüfungen der Gefahrchaneen vorgenommen werden, ehe man das Mittel in die Praxis geben könnte. Ich habe sehr viele Herrn damit beauftragt, z. B. Neißer, Wechselmann, Lesser 2c.. Diese haben sich unter Mitwirkung einer großer Reihe von Fachmännern mit großer Bereitschaft dem unterzogen. Ich habe jetzt 4000 Berichte erhalten. Daraus ersehe ich, daß die Gefahren geringer geworden sind. Nur wenige Personen sind an der Behandlung gestorben. Meistens waren es Fälle sehr schwerer Störungen des Nervensystems(tabes). Ich bin nicht dagegen, im Interesse der Heilung auch verlorene Fälle mit 606 zu behandeln, aber ich bin der Ansicht, daß man schlimme Folgen dann nicht dem Mittel, in die Schuhe schieben soll. Freilich können solche Fälle auch glücklich ausgehen. Z. B. ist ein ganz verblödeter Syphilistischer, der zwei Jahre in einer Irrenanstalt war, in 5 Tagen ganz hervorragend gebessert werden. Aber bei schwe#er Paralyse ist davon abzuraten. Ebenso ist bei Herzeckragkungen das Mittel nicht zu empfehlen, man muß hier auf schmere Vorfälle gefaßt sein. Das Wichtigste ist die Technik des Mittels. Bei Neuralgien ist die nertrale Emulsion, bei weniger schmerzempfindlichen Personen die alkalische Injektion vorzuziehen, hoffentlich findet sich auch in Zukunft eine Kombination. Was die Dosis anbetrifft, so darf man Schweckranken nicht mehr geben als 0,4, gesunden Personen 0,8—1,0. Das Mittel kann außerdem eine Reihe anderer Krankheiten darunter Malaria beeinflussen. Dem Vortcage folgte stürmischer Beifall der Zuhörer. Sozialdemokratischer Parteitag in Magdeburg, 21. September Aus der gestrigen Sitzung ist noch zu erwähnen, daß während der Rede Bebels eine Zusatzresolution einlief, wonach jeder, der gegen Parteitagsbeschlüsse verstößt, ohne weiteres aus der Partei ausscheidet. Bebel erklärte hierzu, daß der Vorstand für diesen Zusatzantrag nicht zu haben sei. Nach der Mittagspause setzte dann die Diskussion ein, die abwechselnd eine Rede für und eine Rede gegen die badischen Budgetbewilliger brachte. Große Heiterkeit erregte es, als bekannt wurde, daß den Revisionisten ein Paket mit Stricken zugegangen sei. Am Mittwoch wurde die Aussprache über die badische Budgetbewilligung fortgesetzt und nahm stellenweise einen äußerst lebhaften Charakter an. Panzer=Bayreuth betonte, daß er in Nürnberg zu den 66 gehört habe, die die bekannte Verwahrung unterGemeindebevollmächtigter Mauerer=München: Wenn sich die Situation geändert hat, müssen wir frauen, o## unsere bisherige Taktik für die neue Situation paßt, (Sehr richtig! bei der Minderheit.) Millionen sind zu uns gekommen und erwarten von uns praktische Erfolge Wenn gesagt worden ist, der preußische Staat sei der gefährlichste und wir Süddeutschen hätten von seiner Gefährlichkeit keine Ahnung, so sagen wir, wir begreisen sehr wohl, welch ungeheuer schwere Stellung unsere Genossen, in Preußen gegenüber dem Junkertum haben. Aber die Norddeutschen begreifen uns nicht und das ist der Fehler.(Lebhafte Zustimmung bei der Minderheit.) Wenn der Antrag des Vorstandes angenommen werden sollte, dann machen Sie dasselbe, was wir dem Zentrum vorwerfen. Der Antrag Zubeil ist ein Bruch unserer uns selbst gegebenen Verfassung, ein Ausnahmegesetz.(Lebhafter Beifall bei der Minderheit.) Lehnen Sie daher den so verfassungswidrigen Antrag im Interesse der Einheit der Partei ab. Rosa Luxemburg: Aus den Reden Franks und Kolbs habe ich bei größter Ausmerksamkeit kein einziges Argument für die Budgetbewilligung heraushören können. (Zuruf: Wenn Sie taub sind, natürlich nicht!) Aus keinem einzigen Gebiet haben unsere badischen Genosselt im badischen Landtag wirklich prinzipielle Forderungen durchsetzen können.(Lachen bei der Minderheit.) Das Paradestück für die erfolgreiche praktische Politik im badischen Landtag war das Schulgesetz, aber mit diesem Schulgesetz sind nicht einmal die Lehrer einverstanden. Und dann haben die badischen Genossen den grandiosen Ersola, daß nunmehr ein Schularzt angestellt wird. freilich keine Beweise finden konnte. Da erfuhr ich, daß einigen meiner Gläubiger kleine Summen als Abschlagszahlung geschickt worden waren, meine Frau sollte die Begleitbriefe geschrieben haben. Im ersten Augenblick erschien mir das nicht unwahrscheinlich, meine Frau war in seinen Handarbeiten geschickt, sie konnte damit ein kleines Sümmchen verdient und dieses Geld zur Tilgung meiner Schulden bestimmt haben. Sie selbst wollte davon nichts wissen, ich fand auch das noch begreiflich, aber als ein Gläubiger mir einen dieser Briefe vorlegte, da fiel es wie Schuppen von meinen Augen, ich erkannte die zierliche Handschrift der Präsidentin, die ich häufig genug auf dem Schreibtisch meines Chefs gesehen hatte. Das war mittags nach Tisch, am Nachmittag wurde ich ins Kabinett des Präsidenten beschieden, der mich noch einmal ins Verhör nehmen wollte. Mit dürren Worten berichtete ich ihm meine Entdeckung, er wurde bestürzt und in seiner Verwirrung ließ er Aeußerungen fallen, die das Geständnis seiner Schuld enthielten. Er bat mich fast auf den Knien, um Verschwiegenheit,sprach von seinen drückenden Verhältnissen und der Versuchung, der er nicht habe widerstehen können, und da ich Mitleid mit ihm empfand, so versprach ich, zu schweigen, aber ich knüpfte die Bedingung daran, daß nun auch jeder Verdacht von mir genommen werden müsse. Er gelobte das, er wollte am nächsten Tage mit mir beraten, wie es am besten geschehen könne, und nachdem er mich nochmals an mein Versprechen erinnert hatte, entließ er mich mit den huldvollsten Versicherungen, durch Gehaltserhöhung und Verleihung eines Ordens sollte ich vor meinen Kollegen nun auch öffentlich ausgezeichnet werden; nun ich konnte mir das schon gefallen lassen, beides hatte ich mir längst gewünscht. Narr, der ich war, diesen Versicherungen Glauben zu schenken. Besser hätte ich getan, sofort zum Minister zu eilen und die Anklage gegen meinen Chef zu erheben, selbst auf die Gefahr hin, wegen niedriger Verleumdung ins Gefängnis geworfen zu werden. Aber wie konnte ich ahnen, daß er noch denselben Abend dazu benutzen werde, mit dem Hüter dieses Kerkers ein Bündnis gegen mich zu schließen. Ich schwieg, wie ich es gelobt hatte, und ging am nächsten Morgen unbesorgt ins Bureau. Was nun auch kommen mochte, der Präsident mußte mich schützen und für mich eintreten, er war verloren, wenn er sein Wort nicht einlöste. Wieder wurde ich ins Kabinett beschieden, der Präsident empfing mich mit ernster, aber gnädiger Miene. Er habe geglaubt, die Sache vertuschen zu können aber der Fürst verlange die Untersuchung, sagte er, es bleibe nichts anderes übrig, als ihm den Namen des Schuldigen zu nennen. Wenn ich meine Schuld offen bekenne, so genüge das, den Fürsten und auch die öffentliche Meinung zu beruhigen, ich aber brauche für meine Person keine Besorgnisse zu heen. Ich werde auf freiem Fuße bleiben und mit voller Zension einstweilen entlassen, aber nach Ablauf einiger Zeit wieder angestellt werden, auch dürfe ich in diesem Falle auf Tilgung meiner sämtlichen Schulden rechnen. Von seiner eigenen Schuld, seinem Geständnis und seinen Versprechungen sprach er nicht, ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte, es tobte furchtbar in mir, aber im ersten Augenbick war es mir unmöglich, ein Wort zu erwidern. Nun las er mir ein Schuldbekenntnis vor, daß ich unterschreiben und durch meine Unterschrift anerkennen sollte, mit einer befehlenden Miene reichte er mir die Feder, aber jetzt brach der Grimm in mir los, ich schlug ihm die Feder aus der Hand und stürzte in blinder Wut mich auf ihn, um ihm das Papier zu entreißen. Wäre ich mit ihm allein geblieben, wer weiß, ob ich nicht einen Mord begangen hätte, meine Hand lag schon an seiner Kehle, aber er hatte das alles vorausgesehen und seine Vorbereitungen getroffen. Im Nebenzimmer warteten der Doktor Leiner und zwei riesenstarke Wärter nur auf den geeigneten Augenblick, um über mich herzufallen, mie einem Knebel im Munde steckte ich in der Zwangsjacke, ehe ich mich dessen versah. So wurde ich in einem geschlossenen, dicht verhangenen Wagen hierher in meine Zelle gebracht, und seitdem habe ich meine arme Fran und meine Kinder nicht wieder gesehen. Der Doktor Leiner, inein Kerkermeister lachte über meine Wut und spottete über meine Bitten, er sagte mir, ich sei kangener# auf Befehl der Regierung uno dürfe nicht hofsen, daß ich dieses Gefänguis lebend wieder verlassen werde. Die Regierung wünsche keine gerichtliche Untersuchung, der öffentlichen Meinung wegen, die sich ohnehin schon zu viel mit der Angelegenheit beschäftigte, ich könne ihr dafür nur Dank wissen, denn eine gerichtliche Untersuchung würde mich sicher ins Zuchthaus bringen. Wenn ich mich in mein Schicksal füge, so solle ich mich nicht zu beklagen haben Widerstand sei ohnedies nutzlos.“ 183.18 as, Straßenpflaster fliegen wie die Proletarier im übrigen Deutschland. Und wer wirft die Proletarier aus den Brotstellen heraus? Es sind die Blockbrüder unserer Genossen Kolb und Frank.(Lebhafter Beifall bei der Mehrheit.) Der ganze Erfolg unserer Badener beruht auf krampfhaft ausgebauschten Lappalien. Das Budget wäre auch ohne ihre Zustimmung angenommen worden, und dadura, daß sie dafür gestimmt haben, ist zur das erhebende Schauspiel der einstimmigen Antahme des Budgets zustande gekommen.(Die Redezeit abgelaufen, und der Vorsitzende Dietz klingelt mit der Blocke.) Ich verlange 20 Minuten Redezeit, denn ich vill einen Antrag begründen. Ich muß noch darauf hinveisen, daß die württembergischen Abgeordneten gestern ter eine Erklärung haben verlesen lassen, die im Widerruch steht mit dem Empfinden der württembergischen roletarier. Diese Erklärung zeigt uns, daß unsere Parlamentarier mit dem Volk genau so umspringen wie die Agrarier mit dem König, und das Volk absolut, wenn es unsern Willen tut!(Beifall bei der Mehrheit, Unruhe bei der Minderheit.) Ueber die Köpfe der württembergischen Proletarier hinweg hat man hier eine Demonstration für die Badener in Szene gesetzt. Stürmische Szenen. Laute Schlußruse ertönen bei der Minderheit; die Mehrheit ruft:„Ruhe, Ruhe!" Der Vorsitzende Dietz klingelt mit der Glocke und sucht vergeblich Ruhe zu schaffen. Es kommt zu stürmischen Szenen, da die Minderheit die Rednerin am Weitersprechen zu hindern sucht. Vorsitzender Dietz: Die Rednerin muß doch wenigstens einen Schlußsatz sagen können! Reichstagsabgeordneter Dr. Frank: Genossin Luxemburg, Ihre Zeit ist vorbei! Heiterkeit bei der Minderheit.) Der Lärm dauert an. chließlich tritt Rosa Luxemburg unter stürmischem Beifall ab. Es folgt eine längere Geschäftsordnungsdebatte. Redakteur Heilmann=Chemnitz: Man hat es als selbstverständlich unterstellt, daß die Haushaltsverweigerung eine Kundgebung gegen den Klassenstaat ist. Ich bestreite das mit aller Entschiedenheit.(Sehr richtig! bei der Minderheit.) Kein Mensch wird mir einreden, daß die Haushaltsverweigerung irgendwelche Bedeutung hat. Die Abstimmung des Reichshaushaltes vollzieht sich unter solcher Unaufmerksamkeit und unter solcher Teilnahmslosigkeit, daß auch Genosse Bebel nicht wird behaupten können, daß er immer darauf geachtet hat. (Bebel ruft: Das ist eine Beleidigung!) Ich bitte um Verzeihung, wenn Genosse Bebel immer aufgepaßt hat. Aber ich kenne sehr viele sozialdemokratische Abgeordnete, die ich selbst bei der Schlußabstimmung über den Haushalt habe Briefe schreiben sehen. Ferdinand Lassalle hat die Haushaltsverweigerung nicht als Kundgebung gegen den Klassenstaat aufgefaßt, sondern als Ausbruch liberaler Feigheit. Warum bringen Sie diese Frage nicht vor das Forum der Internationale! Warum fordern Sie Keir Hardie nicht auf, in England den Haushalt abzulehnen? Der Genosse Ledebour hat es verlangt, aber wo war die deutsche Delegation, die sich ihm anschloß? Keine einzige Partei der Internationale macht das mit! Genosse Bebel hat gesagt: Wir brauchen feste, aufrechte Männer, die bei dem stehen, was sie gesagt haben.(Sehr richtig! Zuruf: Und nicht zu hoch gehen!) Wären Frank und Kolb noch die festen und aufrechten Männer, die wir brauchen, wenn sie jetzt sich plötzlich bemütig unterwerfen? Ich glaube, daß die Wähler ihnen dann eine deutliche Absage geben würden. Ich glaube, diese ganze Debatte wäre zu vermeiden gewesen. Zubeil hat gesagt, in Berlin würde gegen das Budget gestimmt. Das mag richtig sein. In Leipzig, Dresden und Chemnitz stimmen wir dafür und streiten uns doch nicht. Wozu also der ganze Streit, der künstlich aufgebauscht worden ist?(Lebhafte Zustimmung bei der Minderheit.) er Prozeß gegen Teutuant Helm. Leut nant Hamilion u.Hauphnann Martelli, die Helm verhafteten In der weiteren Diskussion auch Frau Klara Zetkin=Stuttgart. Sie führte aus: Keil hat gesagt, wir sollten die Sache nicht durch die radikale, nicht durch die revolutionäre Brille sehen. Ich möchte Keil bitten, mir zu sagen, durch welche Brille wir die Dinge sehen sollen. (Abg. Frank ruft: Durch gar keine Brille, mit den gesunden Augen!) Ich glaube, Keil sieht die ganze Frage durch einen Nebel, in dem alle Katzen grau sind. Die Gründe unserer badischen Genossen waren geradezu armselig. Man hat hingewiesen auf die komplizierte Natur eines Ministers. Das ist sehr bedenklich, und erinnert an das feuilletonistische Gerede von dem modernen Menschen Bülow und dem Philosophen Bethmann Hollweg.(Sehr gut bei der Mehrheit.) Wir haben aar nicht mit den Naturen und Persönlichkeiten derjenigen zu rechnen, die sich Staatsmänner nennen, sondern vielmehr mit den klippen und klaren Verhältnissen des Staates, dessen Lakaien Staatsmänner sind.(Stürmischer Beifall bei der Mehrheit.) Frank hat gesagt, wir sollten den monarchischen Kundgebungen keine allzu große Bedeutung beimessen, denn die Monarchie habe eine verhältnismäßig untergeordnete Bedeutung im Klassenstaat. Wenn das der Fall ist, warum ist denn Frank mitgegangen beim Begräbnis eines Mannes, der einer der schärfsten Feinde der Sozialdemokratie war? (Sehr richtig.) Wollen wir die Geschlossenheit durch einen Schritt nach rechts hin auf den Flugsand der Kompromiß=Politik mit Wenn und Aber, oder wollen wir sie auf dem festen Granit der Auffassung, auf der die Sozialdemokratie bisher gestanden hat, auf der sie stehen muß, wenn sie bleiben will, was sie ist, der politische Ausbruch der kämpfenden revolutionierenden Arbeiterkasse.(Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Redakteur Dr. Quessel=Darmstadt: Wenn der Parteitag zehnmal beschließt, die Budgetverweigerung ist eine prinzipielle Frage, so ändert das an der Natur der Sache nichts. Sie können beschließen, was sie wollen, es wird die Zeit kommen, wo wir die Vorstandsresolutionen brechen, wo wir sie brechen müssen.(Lärm bei der Mehrheit.) Wir stimmen der Resolution des Vorstandes auch deshalb nicht zu, weil sie eine Unterschätzung unserer parlamentarischen Tätigkeit enthält.(Lebhafter Beifall bei der Minderheit.) Reichstagsabgeordneter Ledebour: Die Bedeutung der Budgetablehnung liegt darin, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten die Anschauung der gesamten Parteigenossen des Landes gegen den Klassenstaat zum Ausdruck bringen.(Lebhafte Zustimmung.) Was der eine oder andere dann für ein Gesicht schneidet, ist ganz gleichgültig.(Heiterkeit.) Ausschließlich in der Tat selbst liegt der Wert der Wirkung. Das ist ja gerade der Fluch in Deutschland, daß wir nicht einmal in den bürgerlichen Parlamentarismus des Klassenstaates hineingekommen sind. Nicht einmal den bürgerlichen Parlamentarismus haben wir, und trotzdem habt ihr in Baden so wenig proletarisches Selbstgefühl,(Lärm bei der Minderheit, stürmischer Beifall bei der Mehrheit), eid so wenig stolz, daß ihr diesen jämmerlichen deutschen Bureautraten die Existenz weiter ermöglichen wollt.(Anhaltender Lärm.) Es muß ausgesprochen werden, daß die Genossen, die sich nicht nach der Resolution Bebel richten, sich damit außerhalb der Partei stellen. Das muß in den ntrag Bebel hinein.(Abg. Bebel ruft: Nein!) Wir haben satt, es ist notwendig, daß wir zu Taten kommen. Das ist auch durchaus mit dem Organisationsstatut in Einklang zu bringen.(Stürmischer Beifall.) Reichstagsabgeordneter Dr. David=Mainz: Ledebour hat mit seiner Rede die beste Begründung für die Resolution zur Einsetzung einer Kommission gegeben; dies: Kommission soll die Frage leidenschaftslos erörtern. Dieser Ankrag ist der einzige Weg, um aus diesen unerträglich werdenden Dislussionen herauszukommen. Bei den nächsten Reichstagswahlen muß es vor allen Dingen darauf ankommen, das Volk von der jetzigen Brotwuchermehrheit zu befreien. In dieser Richtung liegt die badische Entwickelung.(Stürmischer Beifall bei der Minderheit.) Landtagsabgeordneter Müller=München: Bebel hat von einem besonderen Parteiorgan in München gesprochen. Ich kann Ihnen mitteilen, daß dieses Parteiorgan sich sehr glücklich fühlt, unabhängig zu sein von dem souveränen Geldsack Groß=Berlins.(Beifall bei der Minderheit.) Wir wollen, daß an Stelle des unfruchtbaren, scheinradikalen Symbolismus die praktisch revolutionäre Aktion tritt, von der ihr Norddeutscher. bei uns Süddeutschen noch viel lernen könnt.(Stürmischer Beifall bei der Minderheit.) Miss lannah Woadhosse, welche die Verhaftuna D 5 1Helms veranlassre. BE — Angeklot LeutHelm Skizzen vor Portsmouther Spionage Prozese Der Prozeß gegen den in Portsmouth verhafteten, der Spionage beschuldigten deutschen Pionierleumant Helm wird jetzt von den englischen Behörden mit allem Nachdruck betrieben. In seiner letzten Sitzung hat der Gerichtshof entschieden, daß hinreichende Verdachtsgründe gegen Leutnant Helm vorliegen, welche die Fortsetzung des Verfahrens rechtsertigen; der Fall wurde alsdann bis zum 28. September vertagt. Ein Gesuch am Haftentlassung wurde abgelehnt. Unsere Bilder zeigen die Hauptpersonen der Affäre: Leutnant Helm, sodann die eigenartige„Retterin“. ihres Vaterlandes Fräulein Hannah Woodhouse, ferner die beiden Offiziere, die den angeblichen Spion verhafteten; der eine ist ein Artilleriekapitän Horace Martelli, der andere ein Leutnant Hamilton. Es liegt noch folgendes Telegramm vor: London, 21. Sept. Die Anklage gegen Helm wird nicht wegen des größeren Verbrechens des Hochverrats, sondern wegen der geringeren Uebertretung eines Verbotes erhoben werden. Die Anklage der Spionage würde danach fortfallen und es sich nur noch um das unerlaubte Abzeichnen von Festungswerken handeln. Nach einigen persönlichen Erklärungen, an denen sich auch der Reichstagsabgeordnete Lehmann=Wiesbaden beteiligt, trat die Mittagspause ein. Magdeburg, 22. September. Im weiteren Verlauf der gestrigen Tagung ersuchte Reichstagsabgeordneter Bebel im Namen des Parteivorstandes, den Antrag Zubeil und Genossen, daß diejenigen Parteigenossen, die der Resolution des Parteivorstandes zuwiderhandeln, sich ohne weiteres außerhalb der Partei stellen, zurückzuziehen, da bereits der § 23 besage, daß die Genossen, die gegen die Grundsätze der Partei oder die Parteibeschlüsse handeln, aus der Partei ausgeschlossen werden. Der Antrag Zubeil wurde zurückgezogen und der Antrag des Parteivorstandes in namentlicher Abstimmung mit 289 gegen 80 Stimmen angenommen. Dr. Frank erklärte sodann, daß er und seine Freunde selbst nach der Annahme der Vorstandsresolution irgendeine Verpflichtung für später nicht übernehmen. In der Diskussion forderten die Radikalen eine Vertagung bis 9 Uhr und diese wurde ihnen gewährt. Sie benutzten die Pause, um zu einer Beratung zusammenzutreten und als Antwort auf Dr. Franks Rede einen neuen Antrag Zubeil abzufassen. Als die Versammlung wieder eröffnet wurde und man der Meinung war, daß nur noch die Abstimmung über die Vorstandsresolution bevorstehe, rückten die Radikalen mit diesem Antrag heraus, der über die badischen Genossen für den Fall der nochmaligen Budgetbewillignug schon jetzt die Ausschließung verfügt. Bebel war schon nach Hause gegangen. Der Abgeordnete Dietz versuchte die Situation zu retten und die Abstimmung über diesen Antrag auf den kommenden Tag zu verschieben, in der Hoffnung, die Entscheidung in dieser Mittemnachtsstunde unmöglich zu machen. Er wies auf die Notwendigkeit einer Diskussion hin, aber die Mehrheit verlangte sofortige Diskussion. Die Süddeutschen, die sich überrumpelt sahen, verließen den Saal und mit ihnen zahlreiche norddeutsche Revisionisten. In ziemlich regellos geführter Geschäftsordnungsdebatte gelangte immer wieder der Entschluß der Mehrheit zum Durchbruch, heute unter allen Umständen Klarheit zu schaffen. Alle Versuche des Vorsitzenden, Bitten und Einwendungen, die Entscheidung wenigstens bis auf heute früh zu vertagen, wurden zurückgewiesen. Um 412 Uhr nachts begann die namentliche Abstimmung über den neuen Antrag Zubeil. Von 292 Delegierten haben 228 mit Ja, 64 mit Nein gestimmt. Den Saal verlassen haben im ganzen 70 Delegierte. Heute soll nur vormittags verhandelt werden, da für nachmittags ein Ausflug nach Thale geplant ist, Schwelm, 21. Sept. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurde ein von zechs Stadtvetordneten eingebrachter Antrag einstimmig angenommen, wonach der Magistrat ersucht wird, eine Eingabe an die Regierung zur Linderung der Fleischnot abzusend.a. Der Magistrat hat sich bereits in gleichem Sinne schlüssig gemacht. Auch wurde gewünscht, daß die Angelegenheit auf dem Westfälischen Städtetage zur Sprache gebracht werden möge.— Für den Neubau des Realgymnasiums wurde der Lageplan genehmigt.— Mit Rücksicht auf die Teuerung hat sich die Armendeputation dem Spruch der Versammlung des Kollegiums angeschlossen, wonach die Armenpflegesätze für die Woche um 50 Pfg. erhöht werden sollen. Altena, 21. Sept. In der am Sonntag hier im Märkischen Hose stattgehabten Versammlung der Vereinsdelegierten der Fortschrittlichen Volkspartei, die sehr gut besucht war, wurde zunächst offiziell der Anschluß an die Fortschrittliche Volkspartei beschlossen. Dem bisherigen Parteisekretär Herrn Kuhle=Hagen wurde der Dank der Versammlung für die der Partei geleisteten Dienste ausgesprochen. Die dann folgenden lebhaften Erörterungen, an denen sich besonders die Heren Reichstagsabgeordneten Müller, Cohen=Lüdenscheid, Rechtsanwalt Graumann=Altena und Steinenböhmer=Iserlohn beteiligten, befaßten sich in der Hauptsache mit den demnächst stattfindenden Reichstagswahlen. Es wurde der Stimmung Ausdruck gegeben, daß die Fortschrittliche Volkspartei guten Muts und mit Aussicht auf Erfolg in den Wahlkampt ziehen könne und daß vor allen Dingen eine lebhafte Agitation rechtzeitig einsetzen müsse. Auch die Königsberger Kaiserrede wurde im Sinne der Fortschrittlichen Volkspartei gebührend beleuchtet. Alles in allem bildete die Versammlung eine machtvolle Kundgebung der Fortschrittlichen Volkspartei des Wahlkreises Altena=Iserlohn. Düsseldorf, 21. Sept. Gestern vormittag wurde im hiesigen Kunstpalast die Städtebauwoche eröffnet. Als erster Referent aus dem großen Programm der Woche sprach Regierungs= und Baurat Wever über „Städtebauliche Aufgaben im Industrie= bezirk“. Bei seinen Ausführungen kam er zunächst auf die großen Verkehrsstraßen des Industriegebiets zu sprechen, die, wenn sie Straßenbahn= und Kraftwagenverkehr dulden sollen, mindestens 21 Meter breit sein sollen. Da die Verbindungswege der verschiedenen Orte schlecht sind, so daß die Eisenbahn stark in Benutzung genommen werden muß, so ist neben einer Verbesserung der Verbindungswege auch eine Erganzung der Eisenbahnen notwendig. Redner besprach dann den Bau von Schnellbahnen. Als nach den Umständen einzig gegebene Möglichkeit nannte er die Schwebebahn. Für Nebenverkehrsstraßen fordert Wever mindestens eine Breite von 16 Meter, für Wohnstraßen von 5 Meter.— Gartendirektor Freiherr v. Engelhardt behandelte das Thema:„Parks und Waldgürtel“. Die Gemeinden hätten früher die Fürstengärten nachgeahmt, das entspreche aber nicht dem Zweck der Anlagen. Es seien Spielplätze notwendig, die den verschiedensten Spielen dienen, Festsäle im Freien.— In der Aussprache zu diesem Vortrage wurde die Herstellung automobilfreier Straßen augeregt. Der letzte Redner des Tages, Dr. Hegemann=Berlin, hielt seinen Vortrag über„Grünaulagen im amerikanischen Städteleben“. An Hand von Lichtbildern führte er in dieser Beziehung amerikanische Städte vor, an denen das Industriegebiet für Herstellung von Parks und Waldgürteln lernen könne. Höhschcid, 21. September. Die Stadtverordneten von Höhscheid nahmen in ihrer heutigen Sitzung auf Antrag der Sozialdemokraten zur Fleischteuerung Stellung. Sie beauftragten die Verwaltung, bei ber Staatsregierung wegen Oeffnung der Grenzen für die Einführung von Schlachtvieh, sowie wegen der Gewährung von Frachtermäßigungen und Zollerleichterungen vorstellig zu werden. Bei dieser Gelegenheit kam es zu einer längeren Aussprache über unsere gesamte heutige Wirtschaftspolitik, die die sozialdemokratische Mehrheit des Stadtverordnetenkollegiums aufs schärfste verurteilte, wobei auch die Erhöhung der preußischen Zivilliste und andere hochpolitische Fragen mit gestreift wurden. Köln, 21. September. Der von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzte vorbereitende Ausschuß zur Behandlung des Antrages zur Fleischnotfrage hat der Stadtverordnetenversammlung folgenden Beschlußantrag zur Annahme empfohlen: Die Stadtverocdnetenversammlung ersucht den Oberbürgermeister, die zuständigen Staatsbehörden in einer Eingabe um unverzügliche Ergreifung aller zur Milderung der gegenwärtigen Fleischteuerung sofort durchführbaren Maßnahmen zu bitten. Als geeignete Maßnahmen werden vornehmlich empfohlen, die zeitweise Oeffnung der holländischen Grenze zur Vermehrung der Vieheinfuhr aus Dänemark durch Wegfall der Tuberkulinimpfung und Verkürzung der Quarantäne. Zum 50. Todestage Friedrich Zöllners (25. Am 25. dieses Monats jährt sich zum fünfzigsten Male der Tag, an welchem Karl Friedrich Zöllner, der bekannte Komponist des Männergesanges in Leipzig die Augen für immer schloß. 4c Karl Frieärich Zöllner Zöllner wurde am 17. März 1800 zu Mittelhausen in Weimar geboren, besuchte die Thomasschule in Leipzia wo er unter Schicht sein musikalisches Talent ausbildete, und war später an verschiedenen Leipziger Schulen als Gesanglehrer tätig. Im Jahre 1833 begründete er den ersten„Zöllnerverein“, dem in den folgenden Jahren eine Anzahl weiterer Männergesangvereine folgten. Dieselben vereinigten sich nach Zöllners Tode zu dem bekannten gleichnamigen Bund. Vermischtes. Berlin, 22. Sept. Gestern ist es der Kriminalpolizei gelungen, die Juwelen des Bankiers Mosler im Werte von 36000 Mark, die diesem in der Nacht zum Samstag aus seiner Villa in Dahlem gestohlen wurde, in einem Laden in der Puttkamerstraße fast vollzählig wieder gesunden. Der Händler will die Juwelen von dem Diener Berndt des Bestohlenen gekauft haben. Stettin, 22. Sept. Der Rücktritt des Oberpräsidenten von Pommern, Freiherrn v. MaltzahnGültz, wird als zum 1. April bevorstehend bezeichnet Hirschberg i. Schl., 21. Sept. Nachts trat im ganzer Riesengebirge starker Schneefall ein. Auf dem Kamme liegt der Schnee 15 Zentimeter hoch. Bei 2 Grad unter Null schneit es auch in den Tälern am Vormittag noch heftig weiter. Halle a. d. S., 21. Sept. Die„Saalezeitung“ meldet: Um einen in der Feldflur von Trönschau arbeitenden Dampfpflug einer Leipziger Firma gerieten die dort als Heizer beschäftigten Brüder Stein in einen Wortwechsel, in dessen Verlauf Ernst Stein von seinem Bruder durch einen heftigen Messerstich in den Unterleib gerotet wurde. Landsbera a. d. Wartbe, 21. Sept. Der Gefangenaufseher Schönke ist im Gerichtsgefängnis von drei Gefangenen erwurgt worden. Die Täter sind entflohen, aber schon wieder verhaftet worden; sie wären beinahe gelyncht worden. Beuthen, 21. Sept. Als vor der hiesigen Strafkammer der vorbestrafte Grubenarbeiter Johann Czerny wegen Entwendung einer Taschenuhr zu einem Jahre und einer Woche Zuchthaus verurteilt wurde, geriet der Angeklaate bei der Verkündung des Urteils derart in Wut, daß er die Barriere übersprang und sich auf die Zeugen stürzte. Nur mit Mühe konnte der Rasende, der die Gerichtsdiener und andere Personen tätlich angriff, überwältigt werden. Das Gericht ahndete die Frechheit des Angeklagten mit einer Woche verschärfter Haft. Königshütte, 21. Sept. In der benachbarten Bismarck=Laurahütte wurde der Arbeiter John, Vater von sieben Kindern, von einem 200 Zentner schweren Schwungrad, das im Unterwerk der Bismarckhütte verladen werden sollte, gegen eine Mauer gedrückt. Der Mann blieb direkt an der Mauer hängen und starb auf dem Transport ins Hospital. Schuld an dem Unfall sollen Arbeitskollegen haben, die fahrlässig handelten. Zabrze, 21. Sept. Von Kohlenmassen verschüttet wurde auf einer hiesigen Zeche der Arbeiter Wawoczuy, der auf dem Transport nach dem Knappschaftslazarett starb. Der Getötete war 18 Jahre alt und der einzige Ernährer seiner betagten Mutter. Wien, 21. Sept. Da noch zwei der bei dem Eisenbahnunglück bei Rottenmann schwerverletzten Personen mit dem Tode ringen, so dürfte sich die Zahl der Totenopfer auf neun erhöhen. Das Befinden der im Spital befindlichen Verletzten ist relativ günstig. Die Zahl der Verletzten ist nunmehr mit 28 konstatiert worden. London, 21. GSept. Der englische Geograph Thomas Bellis, der eine Expedition zur Erforschung der Südsee leitete, ist, wie aus einer hier eingetroffenen Depesche hervorgeht, von Alligatoren aufgefressen worden. Das Vorkommnis ist darauf zurückzuführen, daß das kleine Fahrzeug, in dem sich Bellis mit seinen Begleitern befand, in einem alligatorenreichen Fluße umschlug. Turin, 21. Sept. Wie das Blatt„Stampa“ aus Beklavista erfährt, ereignete sich auf der Vesuvbahn ein schwerer Unfall. Ein mit Material beladener Wagen, auf dem sich auch fünfzehn Arbeiter befanden, geriet bei der Fahrt vom Vesuv in rasende Geschwindigkeit. An einer Kurve entgleiste er und rannte gegen eine Mauer. Ein Arbeiter wurde gerotet, drei tödlich, die übrigen schwer verletzt. Fort Wayne(Indiana), 21. Sept. Heute wurden hier bei einem Straßenbahnzusammenstoß dreikig Personen getötet. Petersburg, 81. Sept. Im Kreise Porchow wurde der Sohn eines Petersburger Millionärs ergriffen, der eine Rätverbaude organisiert hatte, mit der er die Bauern ausplünderte und die größten Grausamkeiten beging. Die Bauern, die ihn ergriffen, hingen ihn auf. Inserate für Dulsburg (210000 Einwohner) und den Niederrhein veröffentlicht man im weitverbreiteten Ecbo vom Niederrhein, Duisburg. Zellenpreis 15 Pig. Wohnungs- und Stellenanzeigen 10 Pig.) 3 S....“.-EE B TSa— GGEyg. ** —*—— 87 8— □ S g PForo „-E. ax-= X„„ 22 — 3- ß S 3u CO S n* 3 n* S S SS S 28 #G BSEEE am„EZn . n SEn ## SFFE 0— — S##ss. ASEZEE „OSRZE S.. 2• — S S SSns SERRSRO "„.•*** SSSRAEE = sB B Fesn#u. 1 8 OETE „ 0 P S 5 S 8 5 S S.b 2 3 SSE F F•2 S e ## S S *7 ——* □ a 8 — □ .* 34 54 8 12 95 und da die Ansiedelungen in der Nachbarschaft wuchsen, und der ganze Distrikt umher noch zu wenig besiedelt blieb, um ihm einen anderen Friedensrichter als Konkurrenten hinzusetzen, so machte er dadurch schon allein ganz hübsche Geschäfte. Ein anderer Vorteil war aber auch noch der, daß er den einzigen wirklichen Laden in der ganzen Umgegend hatte, und ließ sich ein Brautpaar bei ihm trauen, so blieb dem Bräutigam doch selbstverständlich gar nicht anderes übrig, als seiner Braut „im Laden“ ein Geschenk zu kaufen. Fand sie aber etwas, das ihr gefiel, so durfte der Bräutigam natürlich nicht knausern und lange darum handeln. Boyles, der Friedensrichter, forderte dann in aller Gemütsruhe einen unverschämt hohen Preis, und der arme Teufel von neugebackenem Ehemann mußte eben in die Tasche greifen und bezahlen. Ob er nachher schimpfte oder nicht, blieb sich vollkommen gleich, denn er hatte sowohl die Frau als die Ware und wurde eins so wenig wieder los wie das andere. James Boyles war nun über Tag größtenteils mit seinem Faktotum, dem buckligen Vetter, im Laden, kam aber irgend jemand, der seine richterlichen Dienste in Anspruch nahm, sei das nur für eine Trauung oder in einer Streitigkeit, so schloß er den Laden so lange zu— wer etwas kaufen wollte, mußte warten, bis er wieder kam,— lud die Parteien in das dicht dahinter liegende kleine Haus, erledigte dort seine Geschäfte und führte sie dann wieder in den Laden zurück, wo er schon dafür sorgte, daß sie nicht fortgingen, ohne wenigstens einen Trunk Whisky zu nehmen, wenn sie nicht noch außerdem einige Dollars für Waren sitzen ließen. Auf dem breiten Weg hin nach Karthago rasselte das kleine leichte Fuhrwerk der Witwe Roßberg, und die„Stadt“ war schon in Sicht, als sie hinter sich, auf dem trockenen Wege, die Hufschläge eines Pferdes hörte. Sie drehte den Kopf zur Seite und erkannte im Nu den Wirt des„goldenen Affen", der ganz keck und zuversichtlich herantrabte.. Ja, als er vielleicht zehn Minuten später den Wagen passierte; um der„Erste“ auf dem Platze zu sein, hatte er sogar die Frechheit, die Damen achtungsvoll zu grüßen. Frau Roßberg konnte es nicht gut vermeiden; ihm zu banken, es wäre zu unhöflich gewesen, aber sie tat das mit einer außerordentlichen und ihr sonst ungewohnt vornehmen Neigung des Kopfes, was die Kathrine täuschend ähnlich nachahmte. Pechtels nahm aber nur wenig Notiz davon, gab seinem wackeren Tiere die Sporen und sprengte so stolz an ihnen vorüber, als ob er der König von Kartago gewesen und nur eben einmal umhergeritten wäre, um seine Maisfelder zu besichtigen. Er ließ den Wagen der Wirtin auch bald zurück, hing, in Kathargo angekommen, sein Pferd an und ging ohne weiteres in den Laden, wo er sich— für sich und den HändlerFriedensrichter— wie das dort überall Sitte ist,— ein Glas Whisky geben ließ. Boyles trank mit, und Pechtels bezahlte, eine Sache, die ganz in der Ordnung war, und daß er indessen mit dem Friedensrichter über das, was ihn hierher geführt, kein Wort sprach, dafür hatte er zwei Gründe: erstlich wollte er die eigentliche Klage vollkommen der Wirtin vom„goldenen Löwen“ überlassen, und dann— verstand er wohl Englisch genug, um einem Gaste daheim einen„Schluck" oder etwas zu essen zu verabreichen, aber auch nicht die Spur mehr— die Verhandlungen später mußten sie ja denn doch, wenn der Friedensrichter nicht etwa Deutsch verstand, durch einen Dolmetscher führen. Der kleine Wagen war übrigens viel rascher hinter ihm drein gekommen, als er anfangs erwartet haben mochte, denn nur erst wenige Minuten stand er mit dem Richter am Ladentisch, als das Fuhrwerk schon vor die Tür rasselte, und gleich darauf die Witwe; fest entschlossen; dem Gegner keinen Vorsprung und nicht das erste Wort zu lassen, mit der Base den Raum betrat. So rasch trafen auch beide hintereinander ein, daß Boyles wohl merkte, sie gehörten zusammen, und es führe sie eine gemeinschaftliche Sache hierher. Die Dame ließ ihn außerdem nicht lange ihm Zweifel, denn auf Pechtels zeigend, der wiederum seinen Hut lüftete, begann sie dem Yankee— natürlich in deutscher Sprache— zu erzählen, was sie hierher führte, und Boyles horchte auf das erstaunteste ihren Worten, von denen er aber keine Sterbenssilbe verstand. Pechtels selber, obgleich schon seit acht Monaten im Lande, wie wir schon vorher erwähnt, war der englischen Sprache fast gar nicht mächtig. Er verstand einzelne Worte, die zu seinem Geschäfte gehörten, weiter nichts, und als sich Boyles jetzt an ihn wandte und ihn fragte, was die„Lady“ von ihm wollte, nickte er nur mit dem Kopfe und sprach: „All right— lady and me— all right," wodurch er andeuten wollte, daß sie beide eine Klagesache vorzubringen hätten. Der kleine, bucklige Schreiber befand sich natürlich mit in dem Laden, und an diesen wandte sich jetzt Boyles. „Tom, verstehst du, was die beiden von mir woollen? Hol' der Teufel das Kauderwelsch! Wenn man's sprechen soll, bricht's einem die Zunge entzwei, und wenn man's hört, klingt's gerade, als wenn ein alter Fensterladen im Winde knarrt oder eine toll gewordene Mühle klappert.“ „Na, das ist doch klar,“ sagte Tom der gerade beschäftigt war, einem kleinen, eben eingetretenen Jungen einen Topf mit Syrup zu füllen,„Ihr sollt sie zusammenspließen— sie wollen sich heiraten— weiter nichts.“ „Na ja, das dachte ich auch,“ sagte der Friedensrichter, „dann schafft mir nur den Jungen fort, und schließt die Tür zu, damit wir in die Office gehen können; hier im Laden läßt sichs doch nicht machen,“ und der Frau zunickend, daß sie sich einen Augenblick gedulden und ihm folgen solle, sagte er zu Pechtels:„Kommt nur mit, das wollen wir Euch gleich besorgen,“ und schritt ihm dann, wobei er ihm noch einen Wink gab, voran. stortsetzung folgt.) Wie wäscht man zu einer Ausstellung bestimmte Hühner und Tauben. In eine Wanne oder Kübel gießt man lauwarmes Wasser, in welchem man etwas Soda, sowie milde Toilettenseife aufgelöst hat, dann steckt man das Huhn oder die Taube hinein, sodaß nur der Kopf heraussieht, läßt das Tier von einer zweiten Person halten und streicht mit einer weichen Bürste die Federn der Länge nach, wobei Seife nicht gespart werden darf und wobei zu beachten ist, daß keine Federn gebrochen werden. Sodann wird das Tier in einem zweiten Gefäß mit reinem Wasser nachgespült, das Gefieder ausgedrückt und mit feinen sichtenen Sägespänen oder noch besser mit reinem weißen Reismehl trocken abgerieben, wobei das Reismehl ebenfalls nicht gespart werden darf. Das Trockenwerden beschleunigt man, indem man die Tiere in einem weitgeflochtenen Korb an den Ofen oder bei warmem Wetter an die Sonne stellt. Wenn von Ungeziefer befallenes Geflügel erst wenige Wochen alt ist, so bleibt nichts übrig, als die einzelnen Tierchen mit gutem Insektenpulver einzustäuben und die aus dem Gefieder herauskommenden Blutsauger mit der Hand abzulesen, da sich so schwache Tierchen ihrer nicht selbst entledigen können. Bei älterem Geflügel wird es genügen, das Gefieder recht stark mit Insektenpulver einzustäuben und den Tieren dann, entfernt von ihrem gewöhnlichen Laufplatze, Gelegenheit zu tüchtigem Abpuddeln in Sand oder Staub zu bieten. Inzwischen muß der Schlafraum gründlich gereinigt werden; die Wände sind abzukratzen und frisch zu weißen. Dem Weißkalk kann mit Vorteil Petroleum zugesetzt werden. Der Fußboden eventl. die Sitzstangen und dergl. sind gründlich zu reinigen und mit heißer Lauge eventl. 5prozentiger Lösung von roher Karbolsäure in Wasser zu waschen. Sobald der Stall trocken, kann das Geflügel in denselben zurückgebracht werden. Mittel gegen Durchfall bei Kaninchen. Sofortige Trockenfütterung, zerstoßene Wachholderbeeren. Treten aber Kolik und Krämpfe ein, so ist die einzige Rettung; wenn wir den Tieren je nach Erfordernis ein= oder mehrmals einen Eßlöffel laue Milch, der 1—3 Tropfen Opiumtinktur beigemischt sind, verabreichen. Ganz zuverlässige Mittel hat man jedoch bis jetzt nicht. Das zweckmäßigste ist und bleibt auch hier die Vorsicht in der Fütterung, der beste Schutz gegen den Würgengel des Jungvolkes. G für Unterhaltung und Eine Mutter. Roman von Friedrich Gerstäcker. (Nachdruck verboten.) Mitten im Weg kam ein kleiner, dicker Herr auf sie zu, der, die Hände in den Taschen, einen sehr hohen Cylinderhut auf hatte und, obgleich er sehr anständig und einfach gekleidet ging, doch durch seine Beweglichkeit, mit welcher er den kleinen, runden Körper schwenkte und durch sein entschieden vergnügtes Gesicht Rottack's Auge einen Moment auf sich zog. Aber bei solchen Gelegenheiten wie Jahrmarkt uno Vogelschießen, kommen ja oft gar wunderliche Leute zusammen und er wollte eben mit der Gattin vorübergehen, als des Fremden Blick auf sie fiel. Merkwürdig war die Veränderung, die da in dessen Zügen vorging. Im Nu war der kleine vergnügte Mann ganz ernsthaft geworden, ja, er sah ordentlich erstaunt aus, riß aber auch im nächsten Augenblick die rechte Hand aus der Hosentasche und den Hut vom Kopf, wobei ex eine ordentlich blendende Glatze zeigte, und ging tief grüßend, aber wie verdutzt vorüber. Graf Rottack konnte kaum ein Lächeln über den wunderlichen Menschen unterdrücken, aber er dankte freundlich und schritt jetzt in dem hier freier werdenden Weg der gar nicht mehr so fern liegenden Wohnung zu. Auch von Helenens Antlitz war jetzt der Schatten gewichen, der sich über ihre lieben Züge gelegt, und die Farbe in ihre Wagen zurückgekehrt. Sie hatte ihr kleines Mädchen, das nicht länger getragen werden wollte, an die rechte Hand genommen, und die Kleine trippelte munter nebenher und zeigte mit dem freien Händchen, fortwährend jubelnd, bald da=, bald dorthin, wo sie etwas Neues und Auffallendes entdeckte. „Bitte um Entschuldigung“, sagte in diesem Augenblick, dicht an Graf Rottack's Seite eine Stimme„und als er den Kopf danach umdrehte, bemerkte er zu seinem Erstaunen den komischen kleinen Fremden, der wieder mit entblößtem Kopf neben ihm stand, oder vielmehr neben ihm herging und, zu ihm aufsehend, fortfuhr:„Ich habe doch das Vergnügen, den Herrn Grafen Rottack zu begrüßen?“ „Mein Name ist Rottack,“ sagte Felix erstaunt,„aber ich weiß nicht...“ „Und Sie kennen mich nicht mehr? Und die Frau Gräfin auch nicht? Und das?“ rief er, indem er seinen Hut wieder aufstülpte, die Füße auseinander spreizte und beide Hände auf die eingebogenen Kniee drückte— „Hurrjeh, das ist schon die kleine Familie?“ „Jeremias!“ rief in dem Augenblick erstaunt Helene aus. „Jeremias, bei allem, was lebt!“ lachte jetzt Rottack. gerade hinaus, indem er dem kleinen, noch vor den Kindern kauernden Mann die Hand entgegenstreckte.„Mensch; wo kommen Sie auf einmal hergeschneit?“#### „Direkt von Brumsilien, Herr Graf,“ sagte der kleine Mann mit dem ernsthaftesten Gesicht, indem er sich wieder aufrichtete, die dargebotene Hand derb und herzlich schüttelte und dann eben so ungeniert Helenens freundlich gebotene Rechte nahm—„direkt von Santa Clara, aus dem alten Nest, und wahrhaftig, keinem Menschen auf der Welt hätte ich lieber begegnen mögen, als Ihnen Beiden! Der Anblick tut kranken Augen wohl. Und das ist die kleine Familie? Jemine, meine Güte, was für ein paar Puppen; und so geschwinde!“ Ein Zug von Schmerz war über Helenens Antlitz gezuckt, als der Anblick des Fremden aus der fernen Colonie ihr rasch wieder schon fast vergessene trübe Bilder vor die Seele rief; aber wie eine leichte Wolke strich es darüber hin und bald lag wieder lichter Sonnenschein auf dem holden Angesicht. Sie hatte auch Jeremias immer gern gehabt, und wohl gefühlt, daß dem komischen, hastigen Wesen des Mannes ein guter Kern zu Grunde lag, der es treu und ehrlich meinte. Rottack selber war aber hoch erfreut, dem kleinen Manne wieder begegnet zu sein, der ihm Nachricht von vielen Menschen bringen konnte. Uebrigens sah er recht gut, daß sich Jeremias„wenn er auch sonst vielleicht noch der Alte geblieben, in seinen Verhältnissen und seinem ganzen Leben sehr gebessert haben mußte. Er war nicht allein sehr anständig gekleidet, sondern sah auch adrett und sauber aus. Er trug keinen Goldschmuck irgend welcher Art an sich, aber seine Kleider waren vom besten Tuch, die Wäsche schneeweiß. Nur in die Glace=Handschuhe hatten sich die arbeitsharten Hände nicht gewöhnen können, möglich auch, daß vielleicht keine passende Größe aufzufinden gewesen, denn im Innern der Hand waren schon beide aufgeplatzt. Aber seine Bewegungen waren frei und unbefangen, wie immer. „Nun sagen Sie mir aber vor allen Dingen, Jeremias“, rief Rottack endlich, nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen über dieses plötzliche Begegnen erholt, „wie kommen Sie gerade nach Haßburg? Stammen Sie aus dieser Gegend, oder hat Sie nur der Zufall hierher geführt?“ „Keins von Beidem," erwiderte der kleine Mann, der aber sonderbarer Weise wie etwas verlegen bei der Frage wurde;„das ist übrigens eine lange Geschichte, Herr Graf, die sich nicht so auf der Straße erzählen läßt.“ „Dann kommen Sie mit uns, Jeremias,“ rief der Graf rasch,„und essen Sie mit uns— wir gehen gerade zum Diner!“ „Aber, Herr Graf!" rief Jeremias, ordentlich verblüfft. „Machen Sie keine Umstände,“ lachte Felix, der seelenfroh war, gerade jetzt etwas zu finden, das Helene zerstreuen und ihr die frohe Laune wiedergeben konnte; „wir sind ganz unter uns und können da nach Herzenslust plaudern. Ich habe eine ordentliche Sehnsucht danach, wieder einmal etwas von Brasilien zu hören.“ 6„Na, wenn Sie es denn nicht anders haben wollen.“ lachts Ioremias, dem man es aber ansah, wie schmeichelhaft ihm die Auszeichnung war—„mir kann's recht sein. Jemine, es geht aber doch eigentlich nirgends kurioser zu als in der Welt!“ :„Also Sie kommen mit?“ lächelte Helene, die selber schon zu lange in den transatlantischen Kolonien gelebi hatte, um darin etwas Außerordentliches zu finden, daß 18 G 8 2 S = · 2 B S 11 B•58n 2— □• 2: 5 g S 1 1 •• 5 g SS E * 10 00— m R 0 S 27•— E S S 9xuB.iS. 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Das aber war für Helenchen zu viel Vertraulichkeit auf einmal— den fremden Mann kannte sie ja noch gar nicht, und mit einem:„Du, das darfst Du nit!“ fuhr sie zurück und wehrte ihn mit ihren kleinen Händchen von sich ab. „Steckt im Blute,“ lächelte Jeremias, während er, den Kopf seitwärts gehalten, nach ihr hinabsah— bin der kleinen Comtesse noch nicht vorgestellt worden; aber ich weiß, wie man's macht— bitte, warten Sie nur einen Augenblick!“ und ehe Graf Rottack und Helene nur etwas entgegnen konnten, drehte er sich ab und schoß mit langen Schritten auf eine gerade dort gelegene große Conditorei los, in die er eintauchte und wenige Minuten später wieder mit einer jesigen, goldpapiernen Zuckersüte zum Vorschein kam. „Na, und jetzt, mein gnädiges Fräulein,“ rief er, indem er dem lachenden Kinde die Düte offen hinhielt, „was sagen wir nun? Zugegriffen, versteht sich— Kinder sind sich doch alle gleich, allgemeine Menschennatur. Und jetzt wollen wir zum Essen gehen, wenn die Frau Gräfin nichts dagegen haben.“ Damit nahm er die Kleine, die es sich, eifrig mit der Düte beschäftigt, jetzt auch ruhig gefallen ließ, ohne weiteres auf den Arm und unterhielt sich, während Felix mit der Gattin voran und ihrem Hause zuschritt, unterwegs mit der ihm erstaunt und dann lachend zuhörenden Bonne. 3. Das Rendezvous. Mild und erwärmend lag die Nachmittagssonne auf dem schönen Land und warf einen ordentlich magischen Schein über die rotblinkenden Stämme eines Tannenwaldes, der, dunkel und dicht gedrängt, die nächste Hügelkette deckte, und über das breite, wohlgepflegte Wiesental, das sich am Fuße desselben hinzog. Ein kleiner schmaler Fluß schlängelte sich hindurch, helle Weidenbäume mit ihrem grüngrauen Laube faßten ihn ein, während einzelne hochstämmige Erlen mit den knotigen, oft behackten Stämmen dazwischen standen und malerische Gruppen bildeten. Der Fluß aber sprang murmelnd und rasch zwischen ihnen hin und warf die Sonnenstrahlen wie spielend in blitzenden Lichtern zurück. Seitwärts aber erhob sich ein kleiner, sorgfältig mit Blütenbüschen bepflanzter Hügel, aus dessen Strauch= und Baumwerk von einzelnen schlanken italienischen Pappeln überragt, die Mauern eines stattlichen Schlosses oder Herrenhauses hervorleuchteten, während rechts durch einen tiefen Einschnitt der Hügelkette die Ziegeldächer von Haßburg und der eine Turm des Domes sichtbar wurden. In dem Wiesentale selber, bald dicht am Ufer des kleinen Flußes, bald mitten darin, lagen zerstreute Gruppen von Birken, knorrigen Eichen, Linden und Blutbuchen; als ob sie der Zufall dort hätte keimen lassen. In der Tat aber waren sie künstlich angelegt und gepflegt und dienten auch nur dazu, um der ganzen Gegend etwas Parkähnliches zu geben, ohne ihr jedoch den Charakter ihrer ursprünglichen Natürlichkeit zu nehmen. Der ganze Tistrikt war auch in der Tat nur ein erweiterter Teil des unmittelbar an das Schloß stoßenden Gartens und ein schmaler, aber gut gehaltener und mit Kies überstreuter Fahr= und Reitweg lief, den Windungen des Wassers folgend, auf das Schloß zu. Das Ganze wurde durch einen leichten, grün angestrichenen Drahtzaun eingeschlossen, der aber von Weitem gar nicht sichtbar war und dadurch dem Parke nur noch mehr das Ansehen einer freien Landschaft ließ. SSe Menschen waren nirgends zu erkennen, nur unten am Fluß, wo das Hochwasser die Uferbank so ausgewaschen hatte, daß die das Erdreich zusammenhaltenden Wurzeln einer uralten Erle fast eine Art von Dach bildeten, kauerte ein Mensch neben einem hier durch die Ströhmung gewühlten Wasserloch und angelte. Ob er ein Recht dazu hatte? Es schien kaum so, denn Alles verriet weit eher, daß er sich hier auf verbotenem Grund oder doch jedenfalls bei einer verboteneu Beschäftigung befand. Er benützte eine höchst sinnreich so gefertigte Angelrute, daß sie, wenn er sie zusammenschob, genau in seinen alten Eichenstock paßte und durch die unten angeschraubte Zwinge dann vollkommen abgeschlossen und versteckt wurde, und hatte dabei eine alte, abgenutzte, lederne Jagdtasche umgehängt, in welcher auch jedenfalls sein übriges Angelgerät stak, denn draußen war nichts weiter davon zu bemerken. Der ganze Bursche sah überhaupt alt und abgenutzt aus. Er trug einen fadenscheinigen, grauen Rock mit fettigem Kragen, alte lederne Gamaschen und derbe Schuhe, auf dem Kopfe eine abgerissene, graue Mütze und eine baumwollene Weste, wie sie die ärmsten Bauern zu tragen pflegen. Er schien dabei auch nicht mehr jung; das unter der Mütze hervorquellende Haar war, wenn nicht ganz weiß, doch stark gesprenkelt. Nur der kleine, struppige Schnurrbart, der nicht zu seinem Vorteil Spuren von Schnupftabak zeigte, war völlig weiß, was sich leider nicht von seiner Wäsche sagen ließ, und trotzdem sah der Mensch aus, als ob er schon einmal bessere Tage gesehen hätte, mochte er jetzt auch noch so arg heruntergekommen sein. Seine Stirn war hoch und gewölbt und das kleine, graue, lebendige Auge konnte, wenn es nicht scheu umherblickte, oft recht trtzig unter den buschigen Braunen hervorleuchten. In seiner, ob nun hier erlaubten oder verbotenen Kunst schien er übrigens gar nicht so ungeschickt, denn in der kurzen dort verbrachten Zeit hatte er schon zwei mehr als halbpfündige Forellen aus dem fischreichen Strom herausgeworfen, ihnen dann augenblicklich mit einem alten, abgenutzten, aber haarscharfen Genickfänger den Kopf durchstochen und sie, also abgeschlachtet, in seinen Ranzen geschoben. Uebrigens zeigte er wenig Furcht bei seiner Beschäftigung, so versteckt er sie auch trieb; er qualmte aus einer kleinen, kurzen Pfeise mit einem Maserkopf und einer Spitze, die jedem andern Menschen das Rauchen für Lebenszeit hätte verleiden können und hob nur selten einmal und nur dann, wenn er wieder einen Fisch gefangen, den Kopf, um über den Wiesenrand in den Park hinaus zu sehen. Aber er hatte auch einen Wächter. Oben unter der Erle saß ein kleiner Spitz, so alt und ruppig und grau gesprenkelt wie sein Herr, ein Auge geschlossen, als ob er auf der Seite schliefe, während das andere aufmerksam bald da, bald dort hinüberflog, und so regungslos, als ob er zu den Wurzeln, zwischen denen er kauerte, gehörte. Der alte Fischer war auch völlig unbesorgt, denn er wußte recht gut daß ihm das kleine pfiffige Tier das Nahen irgend eines Menschenaugenblicklich anzeigen würde— war es doch darauf dressiert. Uebrigens hatte der Alte ein Recht, sich hier im Park aufzuhalten, denn sein angebliches Geschäft war, die Maulwürfe aus den Wiesen wegzufangen, worin er eine ganz besondere Geschicklichkeit besaß. Auch in der Gegend, in welcher er seit drei Jahren sein Wesen trieb, war er bekannt genug, und das Volk nannte ihn kurzweg den„Maulwurfsfänger". Sodann führte er auch Gift für Ratten und Mäuse bei sich, wußte Mittel gegen jedes andere Ungeziefer, und die Bauern in der Umgegend ließen es sich außerdem nicht nehmen, daß er„mehr verstehe als Brod essen“, das heißt, daß er auch mit übernatürlichen Dingen Gemeinschaft pflege und in einer Anzahl von „schwarzen Künsten“ erfahren sei, die er, wenn er wolle, sowohl zum Nutzen wie zum Schaden seiner Mitmenschen benutzen könne. Fortsetzung folgt. 555 ∆ ## Der Friedensrichter. Von Friedrich Gerstäcker. (Nachdruck verboten.) „Das ist nicht nötig,“ sagte die Base,„der Friedensrichter mag nachher herüberkommen, dazu ist er da. Daß es Euch dann aber schlecht geht, Pechtels, darauf könni Ihr Euch verlassen. Ihr habt die Frau eine gelbe Kuße genannt — zehn Zeugen können wir bringen, wenn's verlangt würde, und Geld wird Euch die Geschichte kosten— viel Geld—“ Und sie mich einen„gelben Affen", Kathrine, das hebt sich also; aber ich bin mit der Klage zufrieden, denn ehe ihr der Richter nicht einmal selber den Kopf zurechtsetzt, gibt die Frau da drüben doch keine Ruhe. Also um wieviel Uhr wollen wir dort eintreffen?“ „Um zehn Uhr, hat die Frau gesagt, sodaß wir bis Mittag wieder zurück sein können.“ „Und Ihr fahrt auch mit, Kathrine?“ „Das versteht sich, und einen Silberdollar zahl' ich in den Klingelbeutel, wenn sie Euch das Schild da oben vom Hause reißen, Pechtels, das kann ich Euch versichern. Es gibt keine bravere und fleißigere Frau in der Welt als die Base, und keinem Kinde legt sie etwas in den Weg, Ihr aber habt sie solange geärgert, bis ihr die Galle ins Blut getreten und sie ordentlich gelb geworden ist, und der Himmel mag's Euch vergeben, aber verdient hat sie's wirklich nicht.“ „Na,“ sagte Pechtels, den Kopf ungeduldig herüberwerfend, „geschwatzt haben wir nun genug. Wenn der Friedensrichter Eurer Frau den Kopf zurechtgesetzt hat, wird sie wohl wieder weiß werden, und nun sagt ihr, daß ich morgen um zehn Uhr ebenfalls in Karthago sein will; ich habe doch in der Nachbarschaft etwas zu tun; das paßt mir gerade,“ und ohne sich weiter um die Kathrine zu kümmern, drehte er ihr den Rücken zu und ließ sie stehen. 2. Beim Friedensrichter. Am nächsten Morgen, noch vor neun Uhr, sah Pechtels, daß gegenüber aus dem„goldenen Löwen“ der kleine offeue Wagen geschoben wurde, den die Frau Roßberg manchmal benutzte, wenn sie auswärts Besorgungen hatte, denn sich wie eine Amerikanerin auf ein Pferd zu setzen, hielt sie für unschicklich und würde es nie getau haben. Bald darauf wurden die beiden Braunen eingeschirrt— ein paar prächtige Pferde, die aber auch im Acker gingen, denn die Frau hatte eine kleine Farm dabei, und etwa zehn Minuten danach kam die Wirtin selber mit der alten Base hinterdrein; und was für eine Haube die Base trug und was für Schleifen daran— aber ohne ihren Sonntagsstaat wäre sie gewiß nicht in die Stadt gefahren. Die Wirtin selber ging sehr sauber, aber in keiner Nationaltracht, sondern modern gekleidet. Es war noch eine ziemlich junge und ganz stattliche Frau, und hätte sich auch verschiedene Male wieder verheiraten können, aber sie wies alle Bewerber ruhig ab, weil sie erklärte, sie würde nie wieder zum zweiten Male freien. Der erste Mann sollte sie nicht allein unfreundlich, sondern oft sogar roh behandelt haben, und sie wollte sich dem nicht wieder aussetzen. Die Männer waren ja doch alle gleich, und sie befand sich so, als ihre eigene Herrin, viel besser und behaglicher. Es war auch in der Tat eine brave und gutmütige Frau und hatte bisher noch gegen niemanden— selbst nicht gegen ihre verstocktesten Schuldner, Haß gezeigt; aber den „goldenen Affen“ haßte sie trotzdem, und als sie an den Wagen trat und ihr Blick auf das gegenüber befestigte Schild fiel, unter dem sich, wie zum Trotz, Pechtels ganz breit hingestellt und jetzt in spöttischer Ehrfurcht herübergrüßte, legte sich ein häßlicher Zug um ihre Lippen, und mit einem verächtlichen Blick auf den Frechen bestieg sie, ohne auch nur den Gruß zu erwidern, das Geschirr. Der Hannes, ihr Arbeiter, nahm die Zügel in die Hand, und fort rasselte der kleine leichte Wagen die Straße entlang, seinem Ziel entgegen. Pechtels hatte einmal große Lust gehabt, sie allein fahren zu tassen und sich garnicht weiter um die alberne Geschichte zu kümmern; einmal aber hatte er es versprochen— und sein Wort mußte er halten,— und dann hätte auch die Wirtin am Ende gar geglaubt, er fürchte sich, die Sache vor Gericht zu bringen. Lächerlich— kein Friedensrichter der Welt konnte ihn zwingen, sein Schild von der Tür zu nehmen, und wenn der in Karthago wirklich albern und parteiisch genug sein sollte, etwas Derartiges anzuordnen, so war er jest entschlossen, sich dem nicht zu jügen, sondern höher hinaufzugehen, und wenn es hätte bis zum Prssidenten sein müssen. Nicht cinmal zu spät wollte er kommen, ging also jetzt ohne weiteres in den Stall, sattelte sich selber sein Pferd, zog sich dann an und folgte, etwa eine Viertelstunde später; in einem scharfen Trabe dem vorangegangenen Geschirr. Das Ziel ihrer Tour hatte allerdings, wenigstens für unsere Ohren, einen etwas volltönenden Namen, Karthago, und der Europäer macht sich vielleicht dabei eine falsche Vorstellung. Es wird besser sein, es etwas näher zu beschreiben, noch dazu, da Tausende ganz gleicher„Städte“ in dem weiten Lande mit ihren Namen Paris, London, Peiersburg, Madrid usw. den Fremden nicht selten überraschen. Karthago war vor noch garnicht so langer Zeit erst, und zwar in ziemlich günstiger Lage gegründet worden, denn dicht daran lief eine schon„abgesteckte“ Eisenbahnlinie, und außerdem führte auch vom Ohiostrom aus der Weg nach dem Zentrum des Staates und von da nach Chicago hinauf, sodaß man fest darauf rechnen konnte, hier in späteren Jahren sogar eine Kreuzung zu bekommen. Städte gründet man aber in den Wildnissen nicht eben durch Häuserbauen, wie es sich eigentlich vermuten ließe sondern nur durch Vermessen des Platzes und Auslegen oder Bezeichnen der verschiedenen Straßen. In der Prärie wurden dann in regelmäßigen Quadraten Pfähle eingeschlagen, und daran befestigte Brettchen trugen bald genug die Namen der für spätere Zeit beabsichtigten Straßen. Da las man denn auf einem Pfahl, der einsam in der Ebene stak,„Hauptstraße“, auf einem anderen„Marktstraße",„Washingtonstraße",„Illinoisstraße" u. s. w., andere kleine Pfähle bezeichneten schon den Platz, wo einmal später das Postgebäude, das Theater, das Telegraphenamt, das Museum und der Gasometer hinkommen sollten, und nun versuchten die Eigentümer des Ganzen, mit einem sauber gemalten Plan, in den Städten herumzureisen und besonders Einwanderer abzufangen, denen sie sogenannte Lots oder Baustellen in ihrer neuen Stadt abverkaufen konnten. Manchmal glückte auch eine solche Spekulation ausgezeichnet, und Plätze, die eine vorteilhafte Stelle gefunden, wuchsen in rasender Schnelle zu großen Städten heran. Sehr häufig blieb aber auch eine solche Stadt nur einzig und allein auf dem Papier, und am„Marktplatz“ stand vielleicht eine einzelne„Logcabin mit ein paar niederen Maishütten, während hundert Schritt davon in Mainstreet oder der„Hauptstraße" ein Schenkladen stand, der an vorbeikommende Fremde Whisky, Kautabak und andere Delikatessen zu verkaufen suchte. Gar so traurig sah es nun allerdings in Karthago nicht aus, aber viel besser auch nicht, denn es war ja, wie vorerwähnt, nur eben erst im Entstchen, und da durfte man freilich seine Erwartungen nicht zu hoch spannen. Die ganze Stadt bestand vorläufig noch aus sieben Häusern mit lauter amerikanischen Familien— einen Franzosen ausgerechnet, der aber nur sehr wenig Ackerbau trieb und meistens von der Jagd lebte. Außerdem befand sich eine Schmiede und eine Grocerie oder eine Materialwarenhandlung im Ort, d. h. ein Laden, in dem eben alles zu haben war, was man nur in diesem abgelegenen Teil der Welt verlangen und gebrauchen konnte: Branntwein, Lebensmittel, Schuhe, fertige Kleider, Werkzeuge, Ackergeräte, Medizinen, Pulver, Blei, kurze Waren, Schmucksachen, kurz, alles und alles. Der Eigentümer desselben, dem etwa die halbe Stadt gehörte, und möglicherweise ein späterer Millionär, war auch zu gleicher Zeit Friedensrichter, Postmeister und Polizeidirektor, und, einen Schreiber abgerechnet, der zugleich als Kommis fungieren mußte und außerdem ein entfernter Verwandter und bucklig war, hatte er keine Hilfe und — brauchte keine. Streitigkeiten kamen unter den wenigen Ansiedlern selten oder nie vor, Verbrechen gar nicht, denn wer sollte in einem Lande stehlen, wo er sich, mit nur weniger Arbeit, sein Brot verdienen konnte. Briefe trafen ebenfalls nur sehr selten ein und wurden ebenso selten geschrieben, und die Tätigkeit des Friedensrichters wurde, außer seinem Geschäft, nur dann und wann durch Traunungen junger Paare in Anspruch genommen, die allerdings in der letzten Zeit ziemlich häufig geworden und ihm dadurch einen hübschen Verdienst einbrachten. Jedes Paar mußte ihm nämlich fünf Dollars bezahlen oder, wie er es nannte, zwei und ein halb per Kopf. Seine ganze Arbeit dabei war in fünf Minuten abgemacht, o. 7 5