Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn= und gesetzt. Feiertage. Abonnementspreis frei ins Haus, mit der täglichen Unterhaltungsbeilage und dem 8seitigen„Illustriertem Sonntagsblatt 55 Pfg. pro Monat, durch die Post bezogen für 8 Monate 1.50 Mk. Rotationsdruck und Verlag, sowie für die Inserate verantwortlich: Viktor Schanzer, Dortmund. ageblatt verbunden Lokat-Anzeiger für mit dem Dortmund u. Hörde und der täglichen Unterhaltungsbeilage K#### sowie der Illustvierten Sonntagsbeilage. Erpedition: Dortmund, Prinzenstraße 9—11.— Fernsprech=Anschluß Nr. 3299. Inserake die 8 gespaltene Kolonelzeile oder deren Raum 25 Pfg. Reklamen die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 60 Pfo Beilagen nach Uebereinkunft. Bei zwangsweiser Beitreibung der Insertionsgebühren durch Klage oder Konkursverfahren wird der Rabatt hinfällig. Für Aufnahme von Inseraten an bestimmt vorgeschriebenen Tagen übernehmen wir keine Garantie. die Redaktion verantwortlich: Max Sonnemann. Dortmund. Nr. 211. Dortmund, Freitag, den 9. September 1910. 27. Jahrg. Zum Reichsvereinsgesetz. * Die jüngste Nummer der„deutschen Juristenztg.“ bringt eine interessante Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichts zum Reichsvereingesetz. In dem fraglichen Fall, hatte die schriftliche Satzung der Polizei, welcher sie eingereicht worden war, nicht genügt, um den Vereinszweck erkennen zu lassen; infolgedessen hatte die Polizei dem Vorstande des Vereins aufgegebenn, die Satzung durch genauere Angabe des Vereinszwecks zu vervollständigen. Das Oberverwaltungsgericht hat diese Auflage für unberechtigt erklärt. Denn das Gesetz gebe dem Vereinsvorstande kein Mittel, die Mitglieder des Vereins zur Ergänzung der einmal beschlossenen Satzung zu zwingen; es verpflichte ihn lediglich, binnen einer bestimmten Frist nach Gründung des Vereins die Satzung und das Verzeichnis der Mitglieder des Vorstandes der für den Sitz des Vereins zuständigen Polizeibehörde einzureichen. Dem habe der Vorstand im vorliegenden Falle genügt. Das Gericht führt aber weiter aus, daß es trotzdem der Polizei nicht an einer Handhabe fehle, über die Vereine das zu erfahren, was sie wissen müsse, um ihre Aufgabe erfüllen zu können. Wenn auch die Vorschrift des früheren preußischen Rechts, wonach die Vorsteher von Vereinen, welche eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten bezwecken. nicht nur verpflichtet waren der Polizei die Statuten und das Mitgliederverzeichnis einzureichen, sondern ihr auch auf Erfordern jede darauf bezügliche Auskunft zu erteilen hatten, in das Reichsvereinsgesetz nicht aufgenommen sei, so bestehe doch das allgemeine Necht der Polizei, dann von den Vereinen Auskunfterteilung zu verlangen, wenn dies zur sachgemäßen Ausübung der Polizeigewalt erforderlich sei. Senatspräsident Dr. Schultzenstein, welcher diese Entscheidung dem Fachblatte eingesandt hat, macht gleich auf die Bedenken gegen den Schluß dieser Entscheidung aufmerksam. Einmal hebt er mit Recht hervor, daß das Oberverwaltungsgericht in der Annahme eines allgemeinen Rechtes der Polizei auf Auskunft sehr weit gehe; ein solches allgemeine Recht sei nur als Ausfluß eines allgemeinen polizeilichen Oberaufsichtsrechts denkbar, dieses aber im modernen Staate nicht mehr anzuerkennen. Dann aber weist er darauf hin, daß es überhaupt nicht als unter den Rahmen der Obliegenheiten eines Vereinsvorstandes fallend anzusehen sei, sich über die Vereinstätigkeit zu äußern; man denke hierbei nur etwa an die Schwierigkeiten, die im Falle einer verschiedenen Auffassung mehrerer Mitglieder des Vorstandes eintreten könnten. Von dem Vereinsvorstand als solchem kann aber nicht etwas verlangt werden, was außerhalb seiner Obliegenheiten liege, ähnlich wie nicht von einer Behörde etwas, wofür ihr die Zuständigkeit fehle. Man muß aber vor Allem noch geltend machen, daß die Anerkennung eines solchen Rechts der Polizei direkt in das vom Reichsvereinsgesetz gerantierte Vereins= und Versammlungsrechts eingreift. Das Reichsgesetz hat ganz genau festgestellt, welche Auskunft der Polizei gewährt werden muß, es hat eine allgemeine Bestimmung, wie sie das frühere preußische Recht kannte, nicht aufgenommen. Daraus ist doch nach allgemeinen Grundsätzen der Auslegung zu folgern, daß zu Zwecken der Vereinsund Versammlungspolizei die Behörde keine weitere Auskunft soll fordern dürfen. Sonst könnte ja die Polizei das Recht beanspruchen, vom Vorstande eine Liste der Vereinsmitglieder zu erhalten, wovon das Gesetz absichtlich nichts sagt. Es erscheint notwendig, gegen eine solche Interpretation der Bestimmungen des Reichsvereinsgesetzes, welche dem Vereinsrecht noch weitere Beschränkungen auferlegt als sie das Gesetz selbst schon enthält, entschieden Widerspruch zu erheben. Deutsches Reich. Zur Spionageaffäre in Der Vater des unter AAnklage gestellten Leutnants Herr Oberstleutnant a. D. Helm in Charlottenburg; bestreitet ganz entschieden die Möglichkeit, daß sein Sohn Spionage getrieben habe. Er betont, wie es ja auch schon verschiedene englische Blätter getan haben, daß die beiden Befestigungswerke, die der angebliche Spion skizziert haben soll, gänzlich veraltet und jeden strategischen Wertes bar seien, bezweifelt aber zunächst noch stark, daß man bei seinem Sohne überhaupt irgendwelche Planskizzen gefunden habe. Im Auswärtigen Amt erklärt man, keinerlei amtliche Nachricht über die Angelegenheit zu haben. Die gleiche Auskunft wurde Oberstleutnant Helm auf der englischen Botschaft in Berlin gegeben. Der verhastete Leutnant Helm vom Nassauischen Pionierbataillon 21 wird im Gefängnis von Winchester ehrenvoll behandelt und darf Besuche empfangen. Nach seinem ganzen Austreten ist es, wie aus Lonvon gemeldet wird, kaum glaubhaft, daß er ein Spion ist; denn er hat sich mit größter Unvorsichtigkeit benommen und keinerlei Geschick gezeigt. Außerdem spricht er sehr mangelhaft englisch. Die Presse behandelt den Fall mit großer Ruhe, bloß die Daily Mail benutzt die Gelegenheit zu einem Artikel in dem bekannten Stil, in welchem all die Lügen der letzten Jahre über den Aufenthalt deutscher Offiiere in den östlichen Grafschaften und über die als Kellner verkleideten Agenten aufgewärmt werden. Zur Feuerbestattung in Preußen. Dem Abgeordnetenhause wird im Winter ein Gesetzentwurf wegen Zulassung der fakultativen Feuerbestattung in Preußen zugehen. Nationalliberale und Sozialdemokraten gegen die hohen Fleischpreise. Aus Offenbach wird berichtet: In Sachen der Fleischnot hatten die nationalliberale und sozialdemokratische Stadtverordnetenfraktionen Dringlichkeitsanträge für die letzte Stadtverordnetensitzung eingebracht. „L. Z. VI“ macht Passagierfahrten. Der Frankfurter Zeitung zufolge hat„L. Z. 7“ gestern vormittag wieder seine gewohnten Passagier= fahrten nach Straßburg ausgenommen. Damit sind die Gerüchte eines militärischen Verbots aus Fortifikations= rücksichten hinfällig. Das Arbeitsprogramm des Reichstages. Ueber den Termin des Wiederzusammentritts des Reichstages liegen bestimmte Entschließungen noch nicht vor, doch soll die Zeit im November nicht ungenutzt verstreichen. Der Bundesrat wird seine Arbeiten so beschleunigen, daß noch im November dem Reichstag genügend Material zugeht, damit die Session mit Rücksicht auf die nächstjährigen Reichstagswahlen recht ergebnisreich und nicht zu spät abgeschlossen werden kann. Neben den vier großen Vorlagen vom Sommer(Wertzuwachssteuer, Arbeitskammergesetz, Reichsversicherungsordnung, Strafprozeßordnung), sind dem Reichstage eine große Reihe neuer Vorlagen zugegangen, die noch vor den Neuwahlen zum Abschluß gebracht werden sollen. Neben dem Schiffahrtsabgabengesetz, das vom Bundesrat bereits verabschiedet ist, kommen zunächst der neue Reichsetat und das neue Friedenspräs: izgesetz in Betracht. Vor Weihnachten soll auch noch das Gesetz über die Privatbeamtenversicherung vom Bundesrat verabschiedet werden. An sonstigen Vorlagen finden sich in Vorbereitung der Entwurf einer elsaß=lothringischen Verfassung, eine Novelle zum Gesetz über die Staatsangehörigkeit, eine Novelle zum Patentgesetz, ein Kurpsuschereigesetz, ein Abdeckereigesetz, eine Novelle zur Regelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe, das Hilfskissengesetz und der neue deutsch=schwedische Handelsvertrag. Ob es gelingen wird, diesen reichen Stoff zu erledigen, erscheint zweifelhaft, namentlich betreffs der Reichshersicherungsordnung und der Privatbeamtenversicherung. Was den preußischen Landtag anbetrifft, so wird seine Session weniger arbeitsreich sein und auch nicht vor Anfang Januar begingen. Seine Hauptarbeit wird die Erledigung des Etats sein. Ueber weitere Vorlagen stehen nähere Bestimmungen noch aus. Ausland. Belgien. Brüssel, 8. Sept. Der zur Zeit hier tagende Kongreß für Feuerbestattung nahm einen Antrag des Lausanner Delegierten Kraft an, dahingehend, eine internationale vermanente Kommisssion für Feuerbestattung zu gründen. Hierauf wurde ein weiterer Antrag angenommen, worin die Parlamentarier aller Länder ersucht werden sollen, Gesetze zu erwirken, welche eine freie Errichtung von Krematorien gestatten sollen. Rußlans. Petersburg, 8. Sept. In der Umgehung der Hauptstadt wurde in der letzten Nacht wieder eine weitverzweigte Anarchistenvereinigung ausgehoben, die mit den neulich gemeldeten Verhaftungen in Verbindung stehen. Auch bei dem jetzt festgenommenen Teile der Bande wurde ein Lager von Explosivstoffen gefunden, darunter zwei Bomben, von denen jede genügt, ein ganzes Haus dem Erdboden gleich zu machen. Bisher wurden 30 Verschwörer festgenommen. Schweiz Jürich, 8. Sept. Der Stadtrat schlägt der Gemeinde vor, Wöchnerinnen, die wenigstens ein Jahr lang hier wohnen, und auf ein Einkommen von nicht mehr als 2000 Fr. ohne Vermögen angewiesen sind, den unentgeltlichen Besuch der kantonalen Frauenklinik zu gestatten. Der Kanton soll für Erweiterung der Klinik einen städtischen Beitrag von 400000 Francs erhalten. Türkei. Belgrad, 8. Sept. Man meldet aus Uesküb. daß die türkische Regierung die Mobilistierung aller Reservisten der drei Armeekorps in der europäischen Türkei angeordnet habe und daß diese Mobilisierung bereits begonnen habe. sche Ban. Serbeut e, wurde Bulgarten. Sofia, 8. Sept. Der berüchtigte bulgarische Ban denführer Simon, der an den mazedonischen allein gegen 20 politische Morde verübt hatte, verhaftet. Die Türken fanden bei ihm einen großen Teil des Geheimarchivs des bulgarischen Komitees, sowie Ordres Siegel und, originale Aktenstücke, welche die bulgarische Regierung kompromittieren und sie als Anstifterin der Revolution in Mazedonien entlarven. Serbien. Belgrad, 8. Sept. In Pritzrend hat man mehrere Führer der letzten Revolution aufgehängt. Unter den Hingerichteten befinden sich die Russen Kabasch und Rassim=Apha, ferner der Bajracktar von Ost=Rozub und verschiedene andere Maires. Alle diese Hingerichteten verübten die seinerzeit gemeldeten Massacres der Serben in der Türkei. Griechenland. Athen: 8. Sept. Der kretische Deputierte Kunduros hat zugleich im Namen von Micheledakis und Papamastorakis von neuem die kategorische Erklärung an die griechische Regierung abgegeben, daß alle drei ihre Wahl zur griechischen Nationalversammlung nicht annehmen werden. Man hält es für wahrscheinlich; daß Kunduros die neue kretische Regierung bilden wird, Amerika. Chicago, 8. Sept. Die kalifornische Legislatur nahm verschiedene Gesetzentwürfe an, denen zufolge insgesamt 17 Millionen Dollar für die geplante Weltausstellung in San Franzisko flüssig gemacht werden. kammertag. S. u. H. Stuttgart, 6. September. In den fortgesetzten Beratungen der zehnten Vollversammlung des Verbandes deutscher Handwerks= und Gewerbekammern begründete Dachdeckermeister Müller (Koblenz) im Auftrage der Handwerkskammer Koblenz drei Leitsätze betr. die Revision des Beschlusses des dritten Kammertages zu Leipzig bezgl. des Paragr. 100 g der Gewerbeordnung. Der Referent wies darauf hin, daß seinerzeit die überwiegende Mehrzahl der deutschen Handwerkskammern die Einführung des Paragr. 100 a verlangt hätten, daß dieser aber den Erwartungen nicht entsprochen habe. Der Redner gebraucht im Laufe seiner Ausführungen einige scharfe Wendungen, die der Vorsitzende Plate(Hannover): soweit sie sich gegen den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Klemonermeister Jakobskötter und den Sekretär der Handwerkskammer Osnabrück Korthaus, richteten, als der Würde des Kammertages nicht entsprechend bezeichnete. Die Auslassungen des Vorsitzenden fanden aber den Protest der Versammlung. Sekretär Hartgenheim(Hildesheim) vertrat die Anschauung daß, wenn der Paragr. 100g aus der Gewerbeordnung ausgemerzt werde, eine umfassende Organisation des Handwerks stattfinden könne. Er sprach sich im Namen der Handwerkskammer Hildesheim für vollständige Beseitigung des Pacagr. 100g aus. Der frühere Reichstagsabgeordnete Jakobskötter (Erfurt) erklärte sich für die Beibehaltung des Paragr. 100g und gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß, Des Vaters Ehre. Roman von Ewald August König. 47 „Exzellenz mögen das mit den bitteren Erfahrungen entschuldigen, die ich gemacht habe,“ erwiderte Richard freimütig,„meine früheren Beschwerden und Bitten sind stets als unbegründet zurückgewiesen worden, nun wurde ich auch noch durch die vorzeitige und heimliche Beerdigung meines unglücklichen Vaters.. „Diese übereilte und unzeremonielle Beerdigung billige ich selbst nicht,“ unterbrach der Minister ihn rasch. „Man sagte mir, Sie beabsichtigten eine Demonstration, nur um eine solche zu verhüten, sei der Befehl zu diesem vorzeitigen Begräbnis gegeben worden. Lagen die Dinge in der Tat so, dann ist der Beamte, der den Befehl gab, entschuldigt, und ich kann nur bedauern, daß die Verhältnisse ihn zwangen, ihn zu geben.“ „Diese Notwendigkeit muß ich in Abrede stellen, eine Demonstration lag nicht in meiner Absicht.“ „So hatte man Grund, diese Absicht zu vermuten. Ste forderten ja auch eine Sektion der Leiche, welchen Zweck hatten Sie dabei im Auge?“ „Ich wollte mir nur Gewißheit darüber verschaffen, ob mein Vater wirklich wahnsinnig gewesen ist.“ „Konnten Sie daran zweifeln?“ „Ich zweifle heute noch daran, Exzellenz.“ Ueber die Stirne des Ministers glitt ein Schatten des Unwillens.„Haben Sie auch bedacht, welchen Vorwurf Sie damtt der Regierung machen?“ fragte er mit schärferer Betonung. „Richt der Regierung, Exzellenz, sondern demjenigen, der.. aber ich darf ja nicht wagen, eine Anklage auszusprechen, so lange ich sie nicht beweisen kann. Doch ich glaube nicht an die Schuld meines Vaters, er war ein Ehrenmann, ein gewissenhafter Beamter.“ „Ich glaube, Sie waren damals noch zu jung, um sich ein richtiges Urteil über die Ereignisse bilden zu könneu,“ unterbrach der Minister ihn mit einer abwehrenden Gebärde.„Auch in dem Leben eines Ehrenmannes kann eine Stunde kommen, in der er der Versuchung nicht zu widerstehen vermag, zumal wenn durch eigene Schuld dis Verhättnisse drückender geworden sind. Sie verlangen Vorlegung der Schuldbeweise, ich kann diesen Wunsch erfüllen, aber ich werde es nur dann tun, wenn Sie mir auf Ehrenwort versprechen, von diesen Beweisen keinen indiskreten Gebrauch machen zu wollen.“ „Ich gebe das Versprechen," erwiderte Richard.„War mein Vater in der Tat schuldig, so kann ich selbst ja nur wünschen, daß der Schleier für alle Zeiten ruhen bleibt.“ Der Ministernahm einen Aktenstoß von seinem Schreibtisch und überreichte ihn dem jungen Manne. „In diesen Akten werden Sie ein Schuldbekenntnis Ihres Vaters und ein ausführliches Protokoll über den plötzlichen Ausbruch des Irrsinns finden, diese Beweise müssen und werden hoffentlich auch Ihnen genügen.“ Das Schuldbekenntnis seines Vaters kannte Richard schon, er hatte ja durch Edgar eine Kopie desselben erhalten, ihn verlangte nun um so mehr danach, das Original zu sehen, weil er die Richtigkeit dieses Schriftstückes stark bezweifelte. Und diese Zweifel wollten auch jetzt nicht schwinden, schon in der Fassung dieses rückhaltlosen Bekenntnisses lag etwas, was ihm Mißtrauen einflößte, ebensowenig konnte er an den plötzlichen Ausbruch der Tobsucht glauben. Die übrigen Schriftstücke las er nur flüchtig, sie hatten keinen besonderen Wert für ihn, überdies fand er auch zwischen ihnen und dem Schuldbekenntnis eine Lücke, die unausgefüllt blieb, hier mußten einige Aktenstücke fehlen, die ihm absichtlich nicht vorgelegt werden sollten. Er sagte das unumwunden, als er die Lektüre beendet hatte, und machte kein Hehl daraus, daß diese Lücke in der ohnehin sehr schwachen Beweiskette sein Mißtrauen nur steigern mußte. „Sie sind schwer zu überzeugen,“ erwiderte der Minister.„Weitere Beweise kann ich Ihnen nicht geben, Sie müssen sich mit diesen begnügen. Bedenken Sie wohl, was Sie tun, wenn Sie Ihre Zweifel weiter verfolgen und einen hohen Staatsbeamten eines Verbrechens beschuldigen, das er unmöglich begangen haben kann. Ich weiß sehr wohl, wohin diese Zweifel zielen und gegen welche Personen sie gerichtet sind, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie sich in einem bedauerlichen Irrtum befinden.“ „Diese Versicherung allein kann mich nicht überzeugen.“ erwiderte Richard, der seine Ruhe bewahrte, so gewaltig es auch in seinem Innern tobte,„ich nehme die Zweifel, mit denen ich kam, wieder mit.“ „So wollen Sie uns angreifen?“ „Nein, Exzellenz, ich sehe ein, daß ich damit nichts erreichen würde, aber ich bitte, abermals um eine Audienz nachsuchen zu dürfen, wenn es mir gelingen sollte, die Beweise zu finden, die ich unablässig suchen werde.“ Der Minister wiegte mit ernster, mißbilligender Miene das Haupt.„Sie werden diese Beweise niemals finden," sagte er in warnendem Tone;„ich kann Ihnen nicht verbieten, sie zu suchen, aber ich will Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie sich nur Unannehmlichkeiten dadurch bereiten werden, und daß Sie jedenfalls besser tun, an die eigene Zukunft zu denken. Daß Sie an die Schuld Ihres verstorbenen Vaters nicht glauben wollen, macht Ihnen alle Ehre, aber diesem Bekenntnisse gegenüber sind Ihre Zweifel schwer zu begreifen.“ Ein Handwink verabschiedete den jungen Mann, der mit einer Verbeugung schweigend das Kabinett verließ. Draußen atmete Richard tief auf, die schwere Last lag noch immer drückend auf seiner Seele, ihm wäre wohler gewesen, wenn er in dieser Audienz die Ueberzeugung von der Schuld seines Vaters gewonnen hätte. Wie die Dinge jetzt noch immer lagen, mußte er an der qualvollen Vermutung festhalten, daß sein Vater das Opfer eines Justizmordes geworden war, daß er für die Schuld eines anderen hatte büßen müssen. Und wer dieser andere war, glaubte Richard nun auch zu wissen. Was aber konnte er diesem mächtigen Manne anhaben, so lange er keine Beweise gegen ihn gefunden hatte. Durfte er hoffen, diese Beweise jemals zu finden? Acht Jahre waren seit jenem Ereignis verstrichen, nur wenige Personen mochten sich desselben noch erinnern, und daß auf dem Wege einer Zeitungsfehde mit der Regierung nichts zu erreichen war, hatte Richard bereits erkannt. Die Warnungen und ernsten Vorstellungen seiner Angehörigen und seiner Freunde waren auch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben, er sah ein, daß er durch einen offenen Angriff gegen die Regierung seinem gütigen Prinzipal nur Verlegenheiten, seiner Familie ernste Sorge, und sich selbst Aerger und nutzlose Aufregungen bereitete. War auch seine Stimmung immer noch ernst und gedrückt als er in das Haus des Bankiers zurückkehrte, so hatte doch der Sturm in seinem Innern ausgetobt. Gremel läßt Sie bitten, ihn in seinem Wohnzimmerzu erwarten," sagte der Hausdiener, als Richard schon im Begriff stand, in das Bureau einzutreten,„er hat im Kabinett augenblicklich eine Unterredung mit einem fremden Herrn.“ „Es ist gut,“ sagte Richard und stieg langsam die Treppehinauf, die zur Privatwohnung seines Chefs führte. Als er die Tür zum Wohnzimmer öffnete, fand er sich Dina gegenüber. „Ihr Herr Vater hat mich ersuchen lassen, ihn hie: zu erwarten,“ sagte er,„wenn ich indessen stören sollte.. „Durchaus nicht," unterbrach Dina ihn mit einer einladenden Handbewegung,„ich bitte, nehmen Sie Platzund seien Sie versichert, daß Sie willkommen sind. Sie kommen von der Audienz beim Minister?" Nur mit einem flüchtigen Blick schaute er in ihre bunklen Augen, die voll warmer Teilnahme auf ihm, ruh ten, dann senkte er verwirrt die Wimpern.„Ja, ich wadort,“ erwiderte er. „Und darf ich fragen, was Sie erreicht haben?“ „Nichts, mein Fräulein, der Herr Minister hat mir Beweise für die Schuld meines Vaters vorgelegt, die ich als solche nicht anerkennen kann.“ „Wohl deshalb nicht, weil Sie an diese Schuld nicht glauben wollen.“ „Weil ich es nicht kann, so lange ich nicht überzeugt werde. Würden Sie in solchem Falle anders urteilen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Dina, und nun war es an ihr, vor seinem forschenden Blick die Augen niederzuschlagen;„ich würde auch dann noch an meinem Zweifel festzuhalten suchen, wenn ich die Ueberzeugung gewonnen hätte. Was gedenken Sie nun zu tun?“ „Nichts!“ erwiderte erruhig.„Dem Himmel sei Dank!“ sagte sie, und ein Strahl aufrichtiger Freude glitt über ihr anmutsvolles Gesicht,„Sie glauben nicht, wie sehr der Gedanke mich beunruhigt hat, daß Sie durch Ihre Angriffe gegen die Regierung sich selbst unglücklich machen könnten.“ Richard blickte überrascht arf. 133.18 fäglich abends 8 Uhr:! Beispielloser Erlolg: des aus 10 der grössten Welt-Attraktionen besteh. Programms. Das Tagesgespräch! Des größte Rätsel! Gastspiel Ernesto Bellini Kinemacolor! 6½ Sennets mit ihrer Pantomime: Vor dem Altenhause in einem Zoologischen Garten. Moritz Heyden, Humorist. Hartmanns Hundetheater: Die lustige Witwe von Sevilla und 10 Sensationen aller Welttelte, IMN•TIHLEIIU-TIEE Täglich abends 7 Uhr Grosse Doppel-Ulk-Konzerte mit Gesang. Original-bayr. Bauern-Kapelle 2 Damen D’Hollertauer 16 Herren. Erstes Bückeburger Bauern- Ensemble Quartett- u. Duo-Gesang. 1 Dame 7 Herren. Dir.: H. Dornfeldt. Paut Thiele. 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Oktober 1910 beginnt je ein neuer achtwöchtger Meisterkersus für Schneider, Schuhmacher, Bau= und Möbelschreiner, Bauschlosser und Kunstschmiede im neuen Schulgebäude der Handwerker= und Kunstgewerbeschule in Dortmund, Brügmannstraße. Aufgenommen werden Schneider= und Schumacherme ster, Schlosser bezw. Kunstschmiede= und Schreinermeister sowie in erster Linie solche Gesellen, die sich in Kürz selbständig machen wollen und die Gesellenprüfung abge legt haben. Gesellen, welche diese Prüfung noch nich abgelegt haben, aber an einem Meisterkursus teilzunehmen beabsichtigen bezw. sich hierzu melden, tun daher gut, sich sofort zur Ablegung dieser Prüfung zu melden. Anmeldungen zu obenerwähnten Meisterkursen sind bis spätestens 5. September 1910 unter Beifügung einer selbstgeschriebenen Lebenslaufes, eines amtlichen Führungszeugnisses und der Beweise über die Lehrlings-, Gesellen-, Militär- und ebtl. Meisterverhältnisse an den unterzeichneten Leiter der Kurse einzureichen. Das Unterichtsgeld beträgt 20 M. für den Kursus, In der Regel erhalten die Teilnehmer reichliche Beihülfet zum Lebensunterhalte Geschäftszimmer des Leiters: Dortmund, Brügmannstraße im neuen Schulgebäude der Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Die westfälischen Handwerkskammern sind zu weiterer Auskunftserteilung gern bereit. Die nächstfolgenden Kurse in den genannten Haudwerkszweigen, sowie ein Malerkursus, werden voraussichtlich am 9. Januar 1911 beginnen. Dortmund, den 13. August 1910. Das Kuratorium der Meisterkurse: Der Leiter: Dr. Schmieding, Oberbürger- Regling meister, Geheimer=Regierungrat. Direktor., Straßensperrung. Die Stauffenstraße, von Ardey= bis Markgrafenstr., wird zwecks Ausbesserung von Freitag, den 9. ds. Mts. ab. bis auf Weiteres für Fuhrwerk gesperrt. Dortmund, den 8. September 1910. Polizei=Verwaltung. f. Brötchen WienerHörnchen 2 mal täglich frisch! Zustellung frei Haus ab 6 Uhr morgens. Lemmerts Wiener Feinbäckerei Conditorei und Café 134 Westenhellweg 134. Heute Goldbarsch Bratscholle Bratschellfisch Rotzunge Schellsisch, groß Psd 40 Pf. mittelgroß Pfd. 28 Pf. Große Scholle Pfd. 44 Pf. Kleiner Heilbutt Pfd. 50 Pf. Zander Psd. 85 Pf. Steinbutk Pid. 150 Pf. Lebende Aale Pfd. 175 Pf. Pfd. 10 Pf. Pfd. 18 Pf. Pfd. 38 Pf. Pfd. 36 Pf. Im Schnitt: Schellfisch Cabliau Seelachs Lengfisch Austernfisch Salm Psd. 82 Pf. Pid. 28 Pf. Pfd. 20 Pfe Pfd. 29 Pfe Pid. 35 Pf. Pfd. 125 Pf. Wegengsh. sehr schöne Etage, 4 Zimmer mit Wintergarten, Küche und Mansarde, z. 1. Okt. oder später z. verm. Näh. Winkelstr. 23. part Größte Auswahl in feinsten Marinaden. Täglich Eingang frischer Räucherwaren. Deutsche Danpflischerei-Gesellschaft „Kordsee“ Gerberstraße 1-3. Rheinischestraße 11. Fernunf Nr. 217. 927 S— S 20 8 Joysss Go 6S—— B 0 D □•,U Weberee „Jawohl. Haben Sie ihn denn gekannt?“ „Nein,“ sagte Merkel, mit dem Kopf schüttelnd—„woher sollt' ich ihn auch kennen?“ „Sie sagen, er wär' nach Amerika gegangen,“ meinte der Kreiser,„und das ist auch wohl möglich, denn in dem Amerika drüben steckt eine Menge Menschen, die hier was ausgefressen haben, und da soll sie nachher einer triegen.“ „Was trinkt Ihr denn da, Freund?“ „Einfaches.“ „Das sieht aber dünn aus—“ „Ja—'s sieht nicht bloß so aus“— lachte der Kreisel —„aber anderes lohnt's nicht—“ „Lohnt's nicht—“ „Mit dreißig Taler Gehalt jährlich,“ meinte der Mann, kann man kein Lagerbier zahlen.“ „Und wie wär's mit einem Glas Grog?“ „Ja, Grog,“ schüttelte Kaurich mit dem Kopf,—„einen Schnaps wohl; aber ein Glas Grog kostet hier drei Groschen.“ „Kellner! noch ein Glas Grog für den Mann.“ „Wär' nicht übel, aber wie komm ich dazu?“ Ich trinke nicht gern allein, Freund, und Ihr tut mir einen Gefallen; wenn Ihr mir helft.“ „Wenn man allen Menschen so leicht einen Gefallen tun könnte,“ sagte der Kreiser freundlich,„da wär's hübsch auf der Welt.“ „So aber nicht?“ „Na— ich will nicht klagen, ich hab' wenigstens mein Brot, wenn auch oft nicht mehr.“ „Und wurde der Geschichte damals nicht weiter nachgeforscht?“ „Der mit dem Wilderer? Ei nun ja: sie kriegten einen Wildbretshändler hier in der Stadt— den Hafenmüller, wenn Ihr ihn kennt, aber Ihr seid doch wohl fremd da — den kriegten sie vor, und er sollte in der letzten Zeit viel mit dem Merkel verkehrt haben— aber sie konnten ihm nichts beweisen. Ich mußte deshalb auch ein paar Mal herein aufs Amt, es machte sich aber nicht, und wie ihnen der Merkel richtig entwischt war, schlief die Sache ein— ich kriegte nicht einmal Schmerzensgeld. Aber potz Wetter, es ist gleich neun Uhr, und da bin ich um die Zeit auf die Polizei beschieden wegen ein paar Holzdieben.“ „Euern Grog könnt Ihr aber doch erst trinken? Da kommt er.“ „Na, solange werden sie wohl noch warten,“ lachte der Mann, indem er vergnügt den heißen Duft des Getränks einsog und dann langsam zu kosten anfing. Endlich wurde er damit fertig, schüttelte dem Mann mit dem weißen Bart freundlich die Hand— draußen schlug es gerade neun Uhr— hing sich seinen Ranzen wieder um und verließ raschen Schrittes die Wirtsstube, um seiner Vorladung pünttlich Folge zu leisten. Merkel saß wie in einem Traum. Es war ihm zu Mute, als ob er garnicht mehr dieser Erde angehöre und in himmlischen Sphären mit den Engeln herumflöge. Kaurich lebte— er hatte ihn nicht erschossen— er war kein Mörder und die Jahre lange endlose Angst und Gewissenspein umsonst gewesen— aber das nicht allein—— er brauchte sich jetzt den Gerichten nicht zu stellen; das Schreckensbild des Kerkers und Zuchthauses schmolz wie ein Nebel in Rauch und Dunst zusammen. Frei— frei—frei! Er war frei wie der Vogel in der Luft, und mitten in der Wirtsstube hätte er niederknieen und seinem Gott aus vollem; jubelndem Herzen danken mögen. Er fühlte auch, daß er seiner Bewegung nicht lange mehr Herr bleiben konnte; er mußte hinaus in die freie, fröhliche Luft— mußte unter grüne Bäume, in den Sonnenschein. Er war ja ihr wiedergegeben, der herrlichen Natur— aufs neue geschenkt— aufs neue geboren! Das waren selige Momente, die er da draußen im Wald unter den grünen Bäumen verbrachte, und heiße Freudentränen, aber auch Tränen des innigen Dankes und brünstige Gebete quollen zu ihm empor, der in seiner Vaterhuld so Entsetzliches von ihm abgewendet. Was er die langen, furchtbaren Jahre gelitten und ertragen, es war ja vergessen in dem einen seligen Gefühl dieses Augenblicks. Als er aber, nach wohl einer Stunde, in die Stadt zurückkehrte, erfaßte ihn sonderbarer weise jetzt die Angst, daß er erkannt und festgehalten werden könne, denn der Mordversuch wie Wilddiebstahl war ebenfalls genug, um ihn jahrelang hinter die feuchten Kerkermauern zu bringen. So weit ging aber seine Gewissenhaftigkeit nicht, um sich eines geschossenen Hirsches und bloß angeschossenen Kreisers wegen freiwillig den Händen der Polizei zu überliedern, und er beschloß deshalb, sich nicht länger hier aufzuhalten, sondern nun mit freiem Gewissen und glücklicherem Herzen ungesäumt nach Amerika zurückzukehren. Aber er war nicht undankbar. Von Bremen aus— eine Stunde vorher etwa, ehe der Dampfer Bremerhaven verließ, gab er einen Geldbrief„an den Kreiser Kaurich in Pastewitz, Revier Heunitz in—“ auf die Post, und während er weit draußen schon wieder auf blauem Wasser schwamm lieferte der Postbote das Schreiben an die bezeichnete Adresse ab. Da der Kreiser nicht lesen konnte, und auch wegen des Geldes, das in dem Brief enthalten, in großer Unruhe war, so ging er damit zum Förster, um sich von dem Rat zu holen. Dieser erbrach das Schreiben, welches zwei Hunderttalerscheine enthielt und die folgenden Zeilen: „Mein lieber Kaurich— Ihr könnt gar nicht glauben welche Freude Ihr mir damit gemacht habt, daß Ihr noch am Leben seid, denn mein Gewissen hatte mich, weil ich Euch tot glaubte, nach Deutschland zurückgetrieben. Gott sei Dank, daß Euch die Kugel nichts geschadet hat. Ich gehe jetzt wieder nach Amerika zurück, aber Schmerzensgeld bin ich Euch noch schuldig, und das folgt an bei mit zweihundert Taler Pr. Kur. Seid mir nicht mehr böse und grüßt den Herrn Förster von mir. Euer alter Bekannter von neulich im Bierhaus mit dem weißen Bart, Justus Merkel, früher Kürschnermeister und Wilddieb.“ Die Freude des So viel Geld hatte beieinander gesehen, jubelnd nach Hause Glück zu verkünden, Taler ließe er sich herumschießen.“ armen Kreisers läßt sich kaum denken. er in seinem ganzen Leben noch nicht viel weniger gehabt, und wie er endlich sprang, um seiner Frau das unverhoffte meinte er—„für wieder zweihundert um die andere Seite auch noch einmal Allerlei Ueber das Taschentuch fällt der Düsseldorfer Spezial arzt für Nasen=, Hals= und Lungenkranke Dr. Thom in seinem in den„Blättern für Volksgesundheitspflege“ soeben erschienenen Aufsatze„Schutz gegen die Erreger der Tuberkulose“ ein beachtenswertes Urteil. Er sagt:„Das Taschentuch von heutzutage hält überhaupt einer tritischen Betrachtung schlecht stand. Das Tuch können wir allenfalls durch fleißiges Waschen rein erhalten., aber wie steht es mit der Tasche, in die es immer wieder hineingestopft wird? Schon bei einer harmlosen Erkältung wie Schnupsen. Die Tasche wird nur in einem Waschkleid oder Waschanzug der wohltätigen Reinigung teilhaftig. Wer ein Wohltäter der Menschheit werden will, der führe in der Bekleidungsbranche auswechselbare und doch handlicheTascheneinsätze ein, um dem reinen Taschentuche auch einen reinen Ort zu geben. Entbehren kann es der Hustende nicht. Denn trockener Husten ist durch ein vor den Mund gehaltenes Taschentuch ungleich richtiger gedeckt als durch die Hand, die vielleicht in derselben Minute dem Freunde zum Gruße gereicht wird. Das Taschentuch muß allerdings drei Voraussetzungen erfüllen: Es sei erstens weiß, damit es gekocht werden kann, zweitens klein, damit es nicht so viele Stoffteilchen aufwirbelt, drittens, es muß reichlich vorhanden sein, damit häufiger Wechsel leicht möglich ist. Eher Verschwendung als Sparsamkeit mit Taschentüchern für jeden mit Kartarhen der Atmungsorgane Behafteten! Wenn Tuberkelbazillen im Auswurf festgestellt sind, so gebührt solchen Kranken ferner ein eigener Taschentuchbeutel, um vor der Wäsche eine Hantierung mit den Tüchern auszuschließen und gleich den ganzen Beutel samt Inhalt kochen zu lassen. Bunte Taschentücher, besonders von solchen Dimensionen, daß sie gleichzeitig als Rucksack benutzt werden können, gehören auf den Aussterbeetat. — * E 685— S. S E 8 * S B 6:— — 55#9 S S1 □ 0 □2 ** S 9 * 5 —— Das Fräulein von Scuderie. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. von E. T. A. Hoffmann. (Nachdruck verboten.) Er rennt über Hals und Kopf nach Hause, hinein in die Werkstatt, hämmerte darauf los, und in acht Tagen ist ein Meisterwerk zu Stande gebracht. Aber so wie der, der es bestellte, kommt, mit Freuden die geforderte geringe Summe bezahlen, und den fertigen Schmuck mitnehmen will. wird Cardillac verdrießlich, grob, trotzig.— Aber Meister Cardillac, bedenkt, morgen ist meine Hochzeit. Was schert mich Eure Hochzeit, fragt in vierzehn Tagen wieder nach.— Der Schmuck ist fertig, hier liegt das Geld, ich muß ihn haben— Und ich sage Euch, daß ich noch manches an dem Schmuck ändern muß, und ihn heute nicht heraus geben werde.— Und ich sage Euch, daß wenn ihr mir den Schmuck, den ich Euch ebenfalls doppelt bezahlen will, nicht herausgebt im Guten, Ihr mich gleich mit Argensons dienstbaren Trabanten anrücken sehen sollt. Nun so quäle Euch der Satan mit hundert glühenden Kneipzangen, und hänge drei Zentner an den Halsschmuck, damit er Eure Braut erdroßle!— Und damit steckte Cardillac dem Bräutigam den Schmuck in die Busentasche, ergreift ihn beim Arm, wirft ihn zur Stubentüre hinaus, daß er die ganze Treppe hinabpoltert, und lacht wie der Teufel zum Fenster hinaus, wenn er sieht, wie der arme junge Mensch, das Schuupftuch vor der blutigen Nasse, aus dem Hause hinaus hinkt.— Gar nicht zu erklären war es, daß Cardillac oft, wenn er mit Enthusiasmus eine Arbeit übernahm, plötzlich den Besteller mit allen Zeichen des im Innersten aufgeregten Gemüts,mit den erschütternsten Beteuerungen, ja unter Schluchzen und Tränen, bei der Jungfrau und allen Heiligen beschwor, ihm das unternommene Werk zu erlassen. Manche der von dem Könige, von dem Volke hochgeachtetsten Personen hatten vergebens große Summen geboten, um nur das kleinste Werk von Cardillac zu erhalten. Er warf sich dem Könige zu Füßen, und flehte um die Huld, nichts für ihn arbeiten zu dürfen. Ebenso verweigerte er der Maintenon jede Bestellung, ja mit dem Ausdruck des Abscheues und Entsetzens verwarf er den Antrag derselben, einen kleinen, mit den Enblemen der Kunst verzierten Ring zu verfertigen, den Racine von ihr erhalten sollte. „Ich wette,“ sprach daher die Maintenon,„ich wette, daß Cardillac, schicke ich auch hin zu ihm, um wenigtens zu erfahren, für wen er diesen Schmuck fertigte, ich weigert herzukommen, weil er vielleicht eine Betellung fürchtet und doch durchaus nichts für mich arbeiten will. Wiewohl er seit einiger Zeit abzulassen scheint von seinem starren Eigensinn; denn wie ich höre, arbeitet er jetzt fleißiger als je, und liefert seine Arbeit ab auf der Stelle, jedoch noch immer mit tiefem Verdruß und weggewandtem Gesicht.“ Die Scuderi, der auch viel daran gelegen, diaß, sei es noch möglich, der Schmuck bald in die Hände des rechtmäßigen Eigentümers komme, meinte, daß man dem Meister Sonderling ja gleich sagen lassen könne, wie man keine Arbeit, sondern nur sein Urteil über Juwelen verlange. Das billigte die Marquise. Es wurde nach Cardillac geschickt, und, als sei er schon auf dem Wege gewesen, trat er nach Verlauf weniger Zeit in das Zimmer. Er schien, als er die Scuderf erblickte, betreten und wie einer, von dem Unerwarteten plötzlich getroffen, die Ansprüche des Schicklichen, wie sie der Anblick darbietet, vergißt, neigt er sich zuerst tief und ehrfurchtsvoll vor dieser ehrwürdigen Dame, und wandte sich dann erst zur Marquise. Die frug ihn hastig, indem sie auf das Geschmeide wies, das auf dem dunkelgrün behängten Tisch funkelte, ob das seine Arbeit sei? Cardillac warf kaum einen Blick darauf und packte, der Marquise ins Gesicht starrend, Armbänder und Halsschmuck schnell ein in das Kästchen, das daneben stand, und das er mit Heftigkeit von sich schob. Nun sprach er, indem ein häßliches Lächeln auf seinem roten Antlitz gleißte:„In der Tat, Frau Marquise, man muß Rene Cardillac's Arbeit schlecht kennen, um nur einen Augenblick zu glauben, daß irgend ein anderer Goldschmidt in der Welt solchen Schmuck fassen könne. Freilich ist das meine Arbeit.“ So sagt denn, fuhr die Marquise fort, für wen Ihr diesen Schmuck gefertigt habt.„Für mich ganz allein,“ erwiderte Cardillac,„ja Ihr möget,“ fuhr er fort, als beide die Maintenon und die Scuderi ihn ganz verwundert anblickten, jene voll Mißtrauen, diese voll banger Erwartung, wie sich nun die Sache wenden würde,„ja Ihr möget das nun seltsam finden, Frau Marquise, aber es ist dem so. Bloß der schönen Arbeit willen suchte ich meine besten Steine zusammen, und arbeitete aus Freude daran fleißiger und sorgfältiger als jemals. Vor weniger Zeit verschwand der Schmuck aus meiner Werkstatt auf unbegreifliche Weise.“„Dem Himmel sei es gedankt,“ rief die Scuderi, indem ihr die Augen vor Freude funkelten, und sie rasch und behende wie ein jungles Mädchen von ihrem Lehnsessel aufsprang, auf den Cardtllac losschritt, und beide Hände auf seine Schultern legte, „empfangt“, sprach sie dann,„empfangt, Meister Rene, das Eigentum, das Euch verruchte Spitzbuben raubten, wieder zurück.“ Nun erzählte sie ausführlich, wie sie zu dem Schmuck gekommen. Cardillac hörte alles schweigend mit niedergeschlagenen Augen an. Nur mitunter stieß er ein unvernehmliches Hm!— So!— Ei— Hohol — aus und warf bald die Hände auf den Rücken, bald streichelte er leise Kinn und Wange. Als nun die Scuderie geendet, war es, als kämpfe Cardillac mit ganz besondern Gedanken, die während dessen ihm gekommen, und als wolle irgend ein Entschluß sich nicht fügen und fördern. Er rieb sich die Stirne, er seufzte, er führ mit der Hand über die Augen, wohl gar um hervorbrechenden Tränen zu steuern. Endlich ergriff er das Kästchen, das ihm die Scuderi darbot, ließ sich auf ein Knie langsam nieder und sprach:„Euch, edles, würdiges Fräulein! hat das Verhängnis diesen Schmuck bestimmt. Ja nun weiß ich es erst, daß ich während der Arbeit an Euch dachte, ja für Euch arbeitete. Verschmäht es nicht, diesen Schmuck als das Beste, was ich wohl seit langer Zeit gemacht, von mir anzunehmen und zu tragen.“ Ei, ei, erwiderte die Scuderi anmutigeno scherzend, wo denkt Ihr hin, Meister Rene, steht es mir denn an, in meinen Jahren mich noch so herauszuputzen mit blanken Steinen?— Und wie kommt Ihr denn dazu, mich so überreich e — EER · 2 S 9 1.— 8 5 *. E 81• S 5 81 B— S• E GHSOS:EESE.„ m SSSSSSSSSESGS S o a C * QaSttoE 8 X3 42 zu beschenken? Geht, geht, Meister Rene, wär' ich schön wie die Marquise de Fontange und reich, in der Tat, ich ließe den Schmuck nicht aus den Händen, aber was soll diesen welken Armen die eitle Pracht, was soll diesem verhüllten Hals der glänzende Putz? Cardillac hatte sich indessen erhoben und sprach, wie außer sich, mit verwildertem Blick, indem er fortwährend das Kästchen der Scuderie hinhielt:„Tut mir die Barmherzigkeit, Fräulein und nehmt den Schmuck. Ihr glaubt, es nicht, welche tiefe Verehrung ich für Eure Tugend, für Eure hohen Verdienste im Herzen trage! Nehmt doch mein geringes Geschenk nur für das Bestreben an, Euch recht meine innerste Gesinnung zu beweisen.“— Als nun die Scuderi immer noch zögerte, nahm die Maintenon das Kästchen aus Cardillac's Händen, sprechend:„Nun beim Himmel, Fräulein, immer redet Ihr von Euern hohen Jahren, was haben wir, ich und Ihr mit den Jahren zu schaffen und ihrer Last!— Und tut Ihr denn nicht eben wie ein junges verschämtes Ding, das gern zulangen möchte nach der dargebotenen süßen Frucht, könnte es nur geschehen ohne Hand und ohne Finger. — Schlagt dem wackern Meister Rene nicht ab, das freiwillig als Geschenk zu empfangen, was tausend Andere nicht erhalten können, alles Goldes. alles Bittens und Flehens unerachtet.—“ Die Maintenon hatte der Scuderi das Kästchen während dessen aufgedrungen und nun stürzte Cardillac nieder auf die Knie— küßt der Scuderi den Rock— die Hände — stöhnte— seufzte— weinte— schluchzte— sprang auf— rannte wie unsinnig, Sessel— Tische umstürzend, daß Porzellan, Gläser zusammenklirrten, in toller Hast von dannen.— Ganz erschrocken rief die Scuderi:„Um aller Heiligen willen, was widerfährt dem Menschen!" Doch die Marquise, in besonders heiterer Laune bis zu sonst ihr ganz fremdem Mutwillen, schlug eine helle Lache auf und sprach:„Da haben wir's Fräulein, Meister Rene ist in Euch sterblich verliebt, und beginnt nach richtigem Brauch und bewährter Sitte echter Galanterie Euer Herz zu bestürmen mit reichen Geschenken.“ Die Maintenon führte diesen Scherz weiter aus, indem sie die Scuderi ermahnte, nicht zu grausam zu sein gegen den verzweifelten Liebhaber, und diese wurde, Raum gebend angeborner Laune, hingerissen in den sprudelnden Strom tausend lustiger Einfälle. Sie meinete, daß sie, stünden die Sachen nun einmal so, endlich besiegt werde wohl nicht umhin können, der Welt das unerhörte Beispiel einer drei und siebzigjährigen Goldschmidts-Braut von untadelichem Adel aufzustellen. Die Maintenon erbot sich, die Brautkrone zu flechten und sie über die Pflichten einer guten Hausfrau zu belehren, wovon freilich so ein kleiner Kiek in die Welt von Mädchen nicht viel wissen könne. Da nun endlich die Suderie aufstand, um die Marquise zu verlassen, wurde sie alles lachendes Scherzes ungeachtet doch wieder sehr ernst, als ihr das Schmuckkästchen zur Hand kam. Sie sprach: Doch, Frau Marquise! werde ich mich dieses Schmuckes niemals bedienen können. Er ist, mag es sich nun zugetragen haben wie es will, einmal in den Händen jener höllischen Gesellen gewesen, die mit der Frechheit des Teufels, ja wohl gar in verdammtem Bündnis mit ihm, rauben und morden. Mir graust vor dem Blute, das an dem funkelnden Geschmeide zu kleben scheint.— Und nun hat selbst Cardillacs Betragen, ich muß es gestehen, für mich etwas sonderbar Aengstliches und Unheimliches. Nicht erwehren kann ich mir einer dunklen Ahnung, daß hinter diesem Allem irgend ein grauenvolles, entsetzliches Geheimnis verborgen, und bringe ich mir die ganze Sache recht deutlich vor Augen mit dem Umstande, so kann ich doch wieder gar nicht auch nur ahnen, worin das Geheimnis bestehe, und wie überhaugt der ehrliche, wackere Meister Rene, das Vorbild eines guten, frommen Bürgers, mit irgend etwas Bösem, Verdammlichem zu tun haben soll. So viel ist aber gewiß, daß ich niemals mich unterstehen werde, den Schmuck anzulegen. Die Marquise meinte, das hieße die Scrupel zu weit treiben; als nun aber die Scuderi sie auf ihr Gewissen fragte, was sie in ihrer, der Scuderi Lage; wohl tun würde, antwortete sie ernst und fest: weit eher den Schmuck in die Seine werfen, als ihn jemals tragen. Den Auftritt mit dem Meister Rene brachte die Scuderi in gar anmutige Verse, die sie den folgenden Abend in den Gemächern der Maintenon dem Könige vorlas. Wohl mag es sein, daß sie auf Kosten Meister Rene's, aller Schauer unheimlicher Ahnung besiegend, das ergötzliche Bild der drei und siebzigjährigen Goldschmidts=Braut von uraltem Adel mit lebendigen Farben darzustellen gewußt. Genug, der König lachte bis ins Innerste hinein und schwur, daß Boileau Despreaux seinen Meister gefunden, weshalb der Scuderi Gedicht für das Witzigste galt, das jemals geschrieben. Mehrere Monate waren vergangen, als der Zufall es wollte, daß die Scuderi in der Glaskutsche der Herzogin von Montansier über den Pontneuf fuhr. Noch war die Erfindung der zierlichen Glaskutschen so neu, daß das neugierige Volk sich zudrängte, wenn ein Fuhrwerk der Art auf den Straßen erschien. So kam es denn auch, daß der gaffende Pöbel auf dem Pontneuf die Kutsche der Montansier umringte, beinahe den Schritt der Pferde hemmend. Da vernahm die Scuderie plötzlich ein Geschimpfe und Gefluche und gewahrte, wie ein Mensch mit Faustschlägen und Rivpenstößen sich Platz machte durch die dickste Masse. Und wie er näher kam, trafen sie die durchbohrenden Blicke eines todtbleichen, gramverstörten Jünglings=Antlitzes. Unverwandt schaute der junge Mensch sie an, während er mit Ellbogen und Fäusten rüstig vor sich wegarbeitete, bis er an den Schlag des Wagens kam, den er mit stürmischer Hastigkeit aufriß, der Scuderi einen Zettel in den Schooß warf, und Stöße, Faustschläge austeilend und empfangend, verschwand wie er gekommen. Mit einem Schrei des Entsetzens war, so wie der Mensch am Kutschenschlage erschien, die Martiniere, die sich bei der Scuderi befand, entseelt in die Wagenkissen zurückgesunten. Vergebens riß die Scuderi an der Schnur, rief dem Kutscher zu, der, wie vom bösen Geiste getrieben, peitschte auf die Pferde los, die den Schaum vor den Mäulern wegspritzend, um sich schlugen, sich bäumten, endlich in scharfem Trab fortdonnerten über die Brücke. Die Scuderi goß ihr Riechfläschchen über die ohnmächtige Frau aus, die endlich die Augen aufschlug und zitternd und bebend, sich krampfhaft festklammernd an die Herrschaft, Angst und Entsetzen im bleichen Angesicht, mühsam stöhnte: Um der heiligen Jungfrau willen! was wollte der fürchterliche Mensch?— Ach! er war es ja! er war es, derselbe der Euch in jener schauervollen Nacht das Kästchen brachte! — Die Scuderi beruhigte die Arme, indem sie ihr vorstellte, daß ja durchaus nichts Böses geschehen, und daß es nur darauf ankomme, zu wissen, was der Zettel enthalte. Sie schlug das Blättchen auseinander und fand e Worte: Ein böses Verhängnis, das Ihr abwenden konntet, stößt mich in den Abgrund!— Ich beschwöre Euch, wie der Sohn die Mutter, von der er nicht lassen kann, in der vollsten Glut kindlicher Liebe, den Halsschmuck und die Armbänder, die Ihr durch mich erhieltet, unter irgend einem Vorwand— um etwas daran bessern, ändern zu lassen, zum Meister Rene Cardillac zu schaffen: Euer Wohl, Euer Leben hängt davon ab. Tut Ihr es nicht bis übermorgen, so dringe ich in Eure Wohnung und ermorde mich vor Euern Augen! Nun ist es gewiß, sprach die Scuderie, als sie dies gelesen, daß, mag der geheimnisvolle Mensch auch zu der Bande verruchter Diebe und Mörder gehören, er doch gegen mich nichts Böses im Schilde führt. Wäre es ihm gelungen, mich in jener Nacht zu sprechen, wer weiß, welches sonderbare Ereignis, welch' dunkles Verhältnis der Dinge mir klar geworden, von dem ich jetzt auch nur die leistete Ahnung vergebens in meiner Seele suche. Mag aber auch die Sache sich nun verhalten, wie sie will, das was mir in diesem Blatt geboten wird, werde ich tun, und geschähe es auch nur, um den unseligen Schmuck los zu werden, der mir ein höllischer Talismann des Bösen selbst dünkt. Cardillac wird ihn doch wohl nun seiner alten Sitte getreu, nicht so leicht wieder aus den Händen geben wollen. Fortsetzung folgt. III. 8 —" Wu GET 1 # 1 □.„„„ 5 □ d. S 22 S o E S= 8·2 U □ UESM SU U 68 ui S.* E g.*— G.2• Zür•n —* 6 — 2 33 93 s 4,3 Das böse Gewissen von Friedrich Gerstäcker (Schluß.) u rom Polizeigebäude befand sich eine Ki.##e, die draußen anzeigte„Bayrisches und einfaches Bier“— dort hinein trat er, und zu der frühen Stunde glaubte er, daß er auch ziemlich sicher sein könne, keine Gäste weiter darin zu treffen. Trotzdem saßen aber doch schon hier und da an den Tischen Leute— er hatte nicht gewußt, daß Markttag war, und mehr kamen noch in die Stube, während er schon an einem der hinteren Tische Platz genommen. Aber was kümmerten ihn die fremden Menschen! Er kannte keinen daron, und sie ihn noch viel weniger. Er bestellte sich etwas Butterbrot und Käse und eine halbe Flasche Wein— dieser aber war, wie ihm der Kellner sagte, nicht im Lokal zu bekommen, dagegen sehr guter Grog— und Punschessenz hatten sie ebenfalls.“ „Gut— dann bringen Sie mir heißes Wasser und Zucker," sagte Merkel,„und die Flasche Rum dazu— ich will mir den Grog selber machen.“ Es dauerte lange, bis das heiße Wasser kam, und Justas Merkel, während er hinter dem Tisch saß und all' die fröhlichen freien Menschen sah, die sich um ihn her bewegten, fühlte zu seinem Schrecken, daß ihn das nämliche Gefühl überkam wie gestern abend. Die Angst beschlich ihn vor dem Nahenden. Aber gewaltsam kämpfte er jedes dem ähnliche Gefühl zurück; er durfte und wollte sich nicht wieder schwach zeigen, und die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, das Antlitz mit den Händen bedeckt, saß er da und rief sich die alten Bilder in das Gedächtnis zurück. Wieder war er draußen auf dem mondbeschienenen Schlag — wieder sah er den Mann aus dem Dickicht herausspringen — der Schuß knallte, und still und regungslos lag der durchschossene Körper des Unglücklichen auf dem feuchten Grunde — aber nicht das allein, daheim wartete die Frau des Unglücklichen— warteten die Kinder auf den heimkehrenden Gatten und Vater.— Die Suppe wurde für ihn warm gestellt — ängstlich geworden, ging die Frau immer dann und wann an die Tür und horchte hinaus— aber er kam nicht. Durch die mondhellen Felder floh ein Mann— seine Hände sind mit Blut befleckt— der Mörder— und dort im stillen Walde in der kleinen ärmlichen Hütte saß, in Tränen gebadet, die Frau und hatte ängstlich und zagend das kleinste der Kinder an die Brust gedrückt.— So saß sie die Nacht— so saß sie, als die Sonne schon über die Waldung aufstieg— und jetzt Lärmen draußen vor dem Hause— die Stimmen bekannter Holzmacher, die früh an die Arbeit gegangen waren und draußen im Wald den blutigen Leichnam gefunden hatten. — Jetzt brachten sie ihn zu seiner eigenen Hütte kalt und starr— auf einer roh zugehauenen und mit Weiden zusammengeschnürten Bahre lag der Ermordete.— Die Frau tritt in die Tür der Hütte— bleich— atemlos vor Angst und Entsetzen, wen sie da bringen. Jetzt werfen sie die Büsche von der Bahre, mit denen der Leichnam bedeckt ist, und jetzt — Heiland der Welt— da liegt der unglückselige Kaurich — mit Blut bedeckt— die Augen offen— „Guten Morgen,“ sagte eine Stimme, ihm gegenüber; Merkel sah auf.— Ein fremder Mann hatte an dem nämlichen Tisch mit ihm, da es anfing an Platz zu fehlen, seinen Sitz eingenommen und nickte ihm freundlich zu.— Merkel starrte in sein Gesicht, als ob er einen Geist gesehen hätte. Warmer Tag heute,“ sagte der Mann wieder und warf einen alten Jagdranzen, den er über die Schulter trug, ab und neben sich auf den Boden nieder—„verdammt warmer Tag!“ „Sie hatten heiß Wasser und Rum bestellt, nicht wahr?“ fragte der Kellner, der in diesem Augenblick das Verlangte brachte und vor dem Gast auf den Tisch stellte. sagte Merkel; aber er sah weder den Kellner noch die verlangten Spirituosen, denn sein Blick haftete noch immer; wie durch Zauberei gebannt, auf dem vor ihm sitzenden Mann, der aber eigentlich garnichts Besonderes in seinem Aeußeren zeigte. Er trug einen alten, verschossenen und schon oft genug ausgebesserten und geflickten grünen Rock, einen grauen, schauerlich zerdrückten Filzhut, graue Hosen und Wasserstiefeln, und schien auch sein Frühstück mitgebracht zu haben. Er wickelte aus einem alten, wahrscheinlich schon mehrfach benutzten Stück Papier ein großes Stück Schvarzbrot heraus, in welchem, in einem eingeschnittenen Loch, ein Stück Butter saß und bat dann den Kellner, ihm ein Glas einfaches Bier zu bringen— er durfte keinesfalls viel Geld verzehren. Anfangs achtete er wohl wenig oder garnicht auf den Fremden mit dem weißen Lart, den er nur der Höflichkeit wegen angeredet hatte. Zuletzt mochte es ihm aber doch wohl auffallen, daß dieser ihn so anstarrte, denn wir fühlen den Blick des Menschen, mertwürdigerweise, oft, wenn unser Auge auch garnicht an ihm haftet. Möglich auch, daß ihm der Fremde selber mit seinem großen schneeweisen Bart auffiel, denn er wandte sich wieder zu ihm, und als er fand, daß dieser ihn noch immer aufmerksam, ja starr betrachtete, setzte er die Unterhaltung fort: „Sie sind wohl nicht aus dieser Gegend?“ fragte er, indem er sich ein Stück von seinem Brot abschnitt. „Nein,“ sagte Merkel wie im Traum—„aber Ihr?“ „Nicht weit von hier daheim,“ sagte der Mann,„aus Pastewitz.“ „Aus Pastewitz?“ „Ja— aber ich wohne nicht im Dorf.“ „Nicht im Dorf?“ „Nein, im Wald drinnen— ist ein hübsches Stück hier hereinzulaufen, aver bei dem Wetter mag's noch gehen.“ Der Fremde mit den weißen Haaren schwieg eine Weile. Er mochte wahrscheinlich fühlen, daß der andere sein Anstarren auffällig finden könnte, und beschäftigte sich eine kurze Zeit mit dem ihm gebrachten Frühstück; aber sein Blick flog immer wieder zu seinem Visavis hinüber, dessen Züge jedenfalls eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausüben mußten. „Iyr seid Forstmann, nicht wahr?“ fragte er endlich. „Ahem,“ nickte der andere, der gerade den Mund voll Brot hatte—„Kreiser—“ „In Pastewitz?“ „Ahem— beim Förster Neuner— oder Oberförster vielmehr, denn neulich zu seinem fünfundzwanzigsten Jubiläum hat er den Titel gerrien— auf dem Heunitzer Revier draußen.“ „Und Euer Name?“ „Kaurich—“ „Kaurich?“ fuhr der Fremde empor—„aber— das — das ist doch nicht moglic— Wie ich— wie ich vor einer Reihe von Jahren hier war, da— da hieß es ja einmal, daß ein Kreiser Kaurich da draußen im Heunitzer Holz von einem Wilderer er.... schossen wäre.“ „Von dem Lump, von dem Merkel, dem verdorbenen Kürschnermeister, he?“ lachte der Mann—„ja— richtig naufgehalten hat er mir, das muß ich ihm lassen, die Kugel saß auf dem Fleck, wo sie hingesollt, und vorn ist sie rein und hinten heraus; aber diesmal kam ich noch mit einem blauen Auge davon, denn sie fuhr auf der einen Rippe herum, rund um den Leib— man sollte kaum glauben; daß es möglich wäre, und nag acht Tagen konnte ich schon wieder im Walde herumlaufen.“ „Und was ist aus dem— aus dem Wilderer geworden?“ „Ja, du lieber Gott, wer weiß es?“ lachte der Kreiser —„hatte einen Kapitalhirsch die Nacht geschossen, mochte ihm aber doch wohl nicht mehr geheuer in der Gegend scheinen, denn ich wußte jetzt, wer's war, und als ihm die Polizei auf die Hacken wollte, war er nirgends mehr zu finden.“ „Nirgends mehr zu finden—“ wiederholte Merkel eintönig, denn die ganze Stube ging mit ihm im Kreise herum. Es war ihm, als ob er Flügel bekommen hätte und nun garnicht mehr in dem engen Zimmer bleiben könne, sondern zur Decke herausfliegen müsse. „Nein bewahre," lachte der Kreiser—„klug war der Merkel, das muß man ihm lassen, und kein Mensch hatte ihn die ganzen Jahre für einen Wilderer gehalten, so unschuldig tat er immer. Nach der Geschichte wußte er aber wohl recht gut, daß es ihm an den Kragen gehen müßte, und da machte er sich denn natürlich weg.“ „Der Merkel?“ # 7