Erscheint täglich an Ausnahme der Soun= und gesetzl. Felertage. Abonnementspreis frei ins Haus, mit der täglichen Unterhaltungsbeilage und dem 8seitigen„Illustriertem Sonntagsblatt 55 Pig. #ro Monat, durch die Post bezogen für 8 Monate 1.50 Mi. Rotationsdruck und Verlag, sowie für die Inserate verantwortlich: Viktor Schanzer. Dortmund. verbunden Lokat-Anzeiger für und der täglichen Unterhaltungsbeilage Erpedition: Dortmund, Prinzenstraße 9—11. mit dem Dortmund u. Hörde sowie der Illustrierten Sonntagsbeilage. — Fernsprech=Anschluß Nr. 3293. Nr. 173. Dortmund, Mittwoch, den 27. Juli 1910. Inserate die 8 gespaltens Kolonelzeile oder deren Raud 25 Reklamen die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 60 PfoBeilagen nach Uebereinkunft. Bei zwangsweiser Beitreibung der Insertionsgebühren dunch Klage oder Konkursverfahren wird der Radatt hinfällig. Für Aufnahme von Inseraten an bestimmt vorgeschrie“ Tagen übernehmen wir keine Garantie. Für die Fedaktion verantwortlich: Max Sonnemann. Dortmund. 27. Jahrg. Erstes Blatt. Der Aufmarsch der Parteien. Aus parlamentarischen Kreisen wird dem„Hamb. Fremdenblatt“ aus Berlin geschrieben: Die Reichstagswahlen beschäftigen, obgleich die Legislaturperiode erst im Januar 1912 abläuft, schon gegenwärtig die Parteien in einem Maße, als ob in einigen Monaten der Wahlkampf entbrennen müßte. Dieser Eifer ist an sich hoch erfreulich, Doch darf nicht vergessen werden, daß es sich bei diesen Erörterungen über den Aufmarsch der Parteien für den nächsten Wahlkampf die sich gegenwärtig in breitester Oeffentlichkeit abspielen, fast lediglich um taktische Fragen handelt, deren Entscheidung gewöhnlich nicht vor versammeltem Kriegsvolk und vor den lauernden Augen des Feindes erfolgt. Wenn es nach den Wünschen der Rechten ginge, so richtete sich der nächste Wahlkampf in gemeinsamer Frontstellung der Konservativen aller Farben des Zentrums und ferner der Nationalliberalen gleichmäßig gegen die Fortschrittliche Volkspartei und Sozialdemokraten, wobei freilich vorläufig unentschieden bleibt, wohin die Polen die doch im vorigen Jahre den Reaktionären getreue Dienste gleistet haben, zu rechnen sind, ob zu den Freunden oder zu den Begnern der geplanten„nationalen“ Koalition. Die Nationalliberalen schwanken. Der Zug des Herzens drängt einen großen Teil von ihnen nach rechts hin. Die Stimme des Verstandes ruft ihnen eindringlich zu, daß die Einigkeit des Liberalismus bei den nächsten Reichstagswahlen die„Forderung des Tages“ sein muß. Wer diese Einigkeit stört, degradiert sich zum Schleppenträger der Reaktion. Von diesem Bewußtsein sind weite Kreise innerhalb der Nationalliberalen Partei nicht nur in den jungliberalen Vereinen, durchdrungen. Es ist ein erfreulicher Beweis für die Erstarkung des Solidaritätsgefühls aller Liberalen, daß nicht die Fortschrittliche Volkspartei, sondern auch ein beträchtlicher Teil der Nationalliberalen sich zu der Forderung Bassermanns bekennt: Bei den nächsten Reichstagswahlen dürfen liberale Kandidaten einander nicht bekämpfen. Wenn es bei den nächsten Wahlen erreicht werden könnte, daß, vielleicht abgesehen von einzelnen Wahlkreisen, in denen ein Wettbewerb zwischen den liberalen Parteien nicht nur gefährlich, sondern zur Verstärkung der liberalen Wählerschaft erwünscht wäre, ein allgemein liberales Wahlbündnis zur gegenseitigen Unterstützung abgeschlossen werden könnte, so würde der Liberalismus einen Wahlsieg schon vor den Wahlen errungen haben. In der Fortschriltlichen Volkspartei ist die Bereitwilligkeit zum Abschluß eines Wahlabkommens mit den Nationalliberalen überall vorhanden. Aber innerhalb der Nationalliberalen Partei führen im Westen einflußreiche Leute das große Wort, die sich zwar nationalliberal nennen, in Wirklichkeit aber in ihren Gesinnungen den Konservativen und dem eigener Kraft. Roman von Nora Denkes. 19 Und das Bewußtsein, daß er sich der Möglichkeit, Lenchen zu besitzen, eigentlich beraubt hat, läßt ihn ihre Schönheit mit traurigen Augen genießen. Sie bemerkt sein bedrücktes Wesen und fragt:„Ihnen fehlt heut etwas, Herr Doktor. Hab ich recht?“ „Sie haben recht, Fräulein Lenchen,“ erwidert Thielecke fast bitter. Daß Sie das übrigens bemerken, tröstet mich wenigstens ein wenig. Mitgefühl, und zwar Ihr Mitgefühl, ist ja immerhin Balsam auf meine Wunde. Kein heilender zwar; doch ein lindernder." Lenchen ist ganz erstaunt und erschreckt. So hat sie Thielecke, den immer hochgemuten, noch nie reden gehört. Was bedeutet das? Sie kann es nicht verhindern, daß ihr die Augen ein wenig feucht werden, als sie ihn ansieht und verwundert spricht:„Daß ich Sie so reden höre, Herr Doktor..! Oder haben Sie jemand teueres verloren?" „Noch nicht. Oder eigentlich gar nicht besessen, und doch.. auch verloren.“ Dann nach einem großen Blick ihrerseits:„Lassen Sie mich, Lenchen lassen Sie mich. Ich bin heute ein verzweifelt wehleidiger Geselle. Lassen mich.“ Dabei preßt er ihre Hand fest in der seinen, daß sie sie kaum spürt, und sie soll ihn lassen. Und immer so leidenschaftlich traurig blickt er in ihre Augen, daß ihr Herz in dem knappen Kleide zum Zerspringen hämmert. In kindlich vorwurfsvollem Ton spricht sie die Klage aus:„Ich hatte mich so gefreut auf heute, und jetzt machen Sie mich ganz traung Siedendheiß fährt es Thielecke zu Herzen. Liegt nicht ein bewußtes Geständnis in dieser holden Klage? Sie hatte sich so gefreut. Gewiß nicht auf Rüger und Wetter. O nun heißt es: hinein in das tollste Menschengewühl. Und lachen, lachen und schwatzen, ob auch mit zuckendem Herzen. Sonst bricht das lodernde Gefühl durch die zusammengepreßten Lippen und dann, dann..: Vater und Mutter daheim, in dem schuldenbelasteten Besitz, warten, daß er ihnen eine reiche Schwiegertochter zuführen soll. So ist die Geschichte. Doch, Eile mit Weile. Also wippt Bund der Landwirte näherstehen, als den Nationalliberalen. Unter den Nationalliberalen Abgeordeten sind nicht wenige, die der Bund der Landwirte als seine Hörigen betrachtet, Infolge dieser klaffenden Gegensätze ist es begreiflich, daß die Nationalliberalen hin und herschwanken, ob sie im nächsten Wahlkampf sich zur Rechten oder zur Linken halten sollen. So einmütig die Fortschrittliche Volkspartei in dem Wunsche einer Verständigung mit den Nationalliberalen ist so weit gehen die Ansichten über das Verhältnis zur Sozialdemokratie auseinander. Ein Block von Bebel bis Bassermann wäre gewiß zur Zurückdrängung der Reaktion ein erstrebenswertes Ziel. Er hat aber zur Voraussetzung nicht nur die Zustimmung der Nationalliberalen, sondern vor allem auch der Sozialdemokraten. Innerhalb der Nationalliberalen Partei hat der Gedanke an ein Wahlabkommen mit den Sozialdemokraten Freunde in Süddentschland gewonnen.. Aber der Block von Bebel bis Bassermann hat zur Bedingung vor allem, auch eine vollständige Aenderung der sozialdemokratischen Wahltaktik. Nur wenn die Sozialdemokraten sich entschließen, in einer ganzen Reihe von Wahlkreisen zugunsten der Liberalen auf eigene Kandidaten zu verzichten, verspricht ein liberal=sozialdemokratischer Block Erfolg. Revisionistische Kreise sind diesem Gedanken nicht abgeneigt. Wie aber die Mehrheit der Partei darüber denkt, wird in acht Wochen auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Magdeburg sich herausstellen.. Solange die Sozialdemokratie in ihrer alten Taktik festhält, und wie früher im Wahlkampf in erster Reihe ihre Angriffe nicht gegen die Konservativen, sondern gegen die Freisinnigen richtet, ist für diese die Preisgabe der Zweifronten=Theorie Selbstmord. Vorerst muß für die nächsten Reichstagswahlen das Streben vor allem dahin gehen, die Liberalen in ihrer gemeinsamen Kampfeslinie zu vereinigen, und zu verhüten, daß die Nationalliberalen gewonnen werden, mit unbeschränkter Haftpflicht einzutreten in eine G.. m. b. H. zur Rettung der Konservativen. Deutsches Reich. Neue Wahlrechtsvorlage in Sicht. Die„Post“ schreibt: Gegenüber verschiedenen widersprechenden Meldungen sind wir in der Lage, festzustellen, daß tatsächlich eine neue Wahlrechtsvorlage im Ministerium des Innern ausgearbeitet wird. Es sind bereits bestimmte Entwürfe in Arbeit, die zur Zeit der Beratung der maßgebenden Stellen unterliegen. Wann der Entwurf im Landtage eingebracht werden wird, darüber ist noch keine Entscheidung gefallen. Zentrumsantrag in der barrischen Abgeorsnetenkammer. Verschiedene Abgeordnete der Zentrumspartei haben in der Abgeordnetenkammer einen Antrag eingebracht, die Staatsregierung zu ersuchen, die bisher von Privaten, sogenannten Studiengesellschaften und anderen privaten Verbänden betriebenen Vorarbeiten zur er mit den Fingern und schlägt einen anderen Ton an: „Launen, Fräulein Lenchen. Männerlaunen! Wissen Sie, die sind gräulich. Fort mit Schaden. Fröhlich woll'n wir sein.“ Die Militärkapelle spielt eben einen rauschenden Waler, und feurig saust das schöne Paar mitten unter das ustige Volk. Lachend und scherzend, aber ihre Hände trennen sich nicht. Einmal, noch einmal. Morgen kann man ja dann wieder vernünftig sein. Agnes Hollmann aber, ist in einem von zwei mutigen Rennern gezogenen Schlitten unter tönendem Schellengeklingel soeben vom Eisplatz abgefahren. Ihrist„das blöde Hinundhergeschiebe“ übern Kopf zu dumm, erklärt sie. Mehrere Offiziere häugen sich lachend an das stolze Gefährt. Unbarmherzig klopft ihnen Agnes auf die an der Rampe fassenden Finger,„Fort, fort! Ich mag keine Begleitung. Die Menschen sind mir zu dumm. Fort, fort!“ Und der Kutscher erhält den Auftrag, weit hinaus zu fahren, auf das freie Feld, wo man kein Menschengesicht sieht, nur Schnee und Eis.„Vorwärts, den Tod will ich um mich haben.“ Die so schnöde entlassenen Kavaliere aber springen lachend zurück auf den Eisplatz. Sie wissen schon wo das„Goldfüchslein“ der Schuh drückt.„Na fürchte Dich nicht, grünäugige Hexes sitzenbleibst Du auf keinen Fall.“ Solche und ähnliche Witze schwirren durcheinander, während Agnes aus dem Bereich der Menschen gekommen, den ganzen kostbaren Kleiderbesatz von dem Schoß herunterreißt und zum Schlitten hinauswirft. Nur der verfluchte Fetzen ist schuld, daß es heute so gekommen ist. ** „Ach Müttterchen, goldigschön war’s heute auf der Eisbahn! Goldigschön!“ versichert dagegen Lenchen ihrer Mama daheim in dem wohl durchwärmten kleinen Schlafgemach. Aengstlich und verwundert streichelt Frau Klinger ihres Kindes erglühte Wangen.„Aber ich begreise Dich nicht, Herz; wie kannst Du nur so sprechen? Goldig schön.. und es ist bitter kalt draußen. Du kannst Dir den Tod holen, wenn Du Dich bei dieser Temperatur so heiß läufst.“ Und im klagenden Ton fortfahrend:„Ich hab einen halben Korb Holz verbrennen müssen, bis ich Erwerbung von staatlichen Konzessionen für größere elektrische Kraftwerke selbst zu betätigen, um bei der Vergebung dieser Konzessionen freie Hand zu haben. Tirpitz bleibt. Die seit einiger Zeit umlaufenden Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt des Staatssekretärs des Reichsmarineamts Admiral von Tirpitz sind, wie von maßgebender Stelle mitgeteilt wird, vollständig erfunden. Der optimistische Herr Erzberger. Sehr günstige Aussichten auf die künftigen Geldbedürfnisse des Reiches glaubt der Abgeordnete Erzberger in der„Germania“ eröffnen zu können: So viel steht fest, daß beim normalen Lauf der Dinge das Anleihebedürfnis des Reiches sehr rasch sinken wird und daß es sich in wenigen Jahren nur noch auf werbende Anlagen erstrecken wird. Ohne Optimist zu sein, darf man konstatieren, daß das Reich sich somit auf dem besten Wege der Gesundung seiner Finanzen befindet. und daß es noch dem derzeitigen Schatzsekretär bei konsequenter Fortsetzung seiner Politik möglich sein wird, wieder einmal einen Etat ohne Anleihen vorlegen zu können. Gewiß werden neue Aufgaben und neue Ausgaben kommen, weil Stagnation der Feind des fortschreitenden Lebens ist und die Nation schädigen würde; aber sie können im Rahmen der heutigen Finanzen befriedigt werden. Wenn diese Zeit an unsere Türen pocht, dann werden auch die grimmigsten Gegner der Reichsfinanzreform die vor Jahresfrist geschaffen worden ist, die Anerkennung nicht mehr versagen können.— Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Telegramme an Bassermann. Der jungliberale Verein Frankfurt a. M. hat heute an den Reichstagsabgeordneten Bassermann nachstehendes Telegramm gesandt: Wir lsprechen Ihnen im unerschütterlichen Vertrauen und in Treue unsere aufrichtigen Sympatien aus und sind davon durchdrungen, daß Sie der Partei und dem Vaterlande gerade in diesen Zeiten unentbehrlich sind.. Wir verurteilen die gegen Sie gerichteten Angriffe persönlicher und volitischer Gegner aufs schärfste und sind überzeugt, daß, gleich der gesamten Jugendbewegung unserer Partei auch die überwältigende Mehrheit der altnationalliberalen Organisationen mit Begeisterung hinter Ihnen als unserem glänzend bewährten Führer steht.— Die nationalliberale Vertrauensmännerversammlung in Leipzig, die den Ausschluß Langhammers beschlossen hat, faßte auch folgende Erklärung: Der Vorstand des nationalliberalen Landesvereins für das Königreich Sachsen spricht dem langjährigen und verdienstvollen Führer der Partei, Herrn Bassermann sein volles Vertrauen aus, und weiß sich mit den Parteifreunden im Lande einig in dem Wunsche, daß seine Führerschaft, deren Wert und Bedeutung durch die letzten Angriffe der Gegner noch bestätigt wird, der nationalliberalen Partei erhalten bleiben möge.. das Schlafzimmer einigermaßen warm gemacht. Und wenn die Kälte so anhält, müssen wir noch in dieser Woche frisches kaufen. Und das Geld.. ist zu den Vorbereitungen für das Christfest aufgegangen.“ Mit gesenktem Hauptsteht Lenchen inmitten des Zimmers und steckt nachdenklich die Hutnadel in das niedliche Barett, in dem sie„Ihm“ so gut gefallen hat. Geld . Holz.. Ach Armut, Not! Bleigewicht an den Flügeln der Jugend. Und die Schweigende gewahrt, wie das goldige Licht, das nur jetzt alles um sie herum erfüllt, langsam versinkt, und die schweren Schatten des Lebens, der Alltagssorgen sich allgemach ausbreiten. Mit einem tiefen Aufseufzen legt sie ihren Eislaufstaat in den Kasten. Diesem schönen, glücklichen Tag, der übrigens wie alles, wozu Frau Mathilde das letzte Wort spricht, für Lenchen mit einer Dissonanz endete, sollte nun eine Reihe sehr trüber folgen. Frau Klinger erkrankte an Influenza, die bei ihrer schwachen Konstitution recht gefährlicherschien. Natürlich wurde der alte Hausarzt Doktor Buntrock zur Behandlung zugezogen; und er brachte die Patientin nach vier Wochen auch wieder glücklich auf die Beine. Als ein wahres Skelett wankte und schlotterte die Rekonvaleszentin, wenn möglich noch nervöser geworden, im Hause herum. Ihre Klagen fanden von Morgen bis zum Abend kein Ende; und schwer und traurig durchlebten die beiden Frauen den Winter. Lenchen arbeitete soviel ihre jungen Hände und Augen nur vermochten. Tillitante half mit Lebensmitteln und manchmal auch mit kleinen Geldsummen aus. Viel konnte sie freilich nicht geben, denn Onkel Römer hielt die Geldkasse gewaltig unter Kontrolle. Vielleicht wollte sie aber auch andernfalls nicht mehr tun, da es sie verdroß, daß doch der weitaus größte Teil für die in ihrer Krankheit immer noch über Gebühr anspruchsvolle Schwägerin ausgegeben würde. Die Monatsmiete fand auch immer wieder ihren Weg in Lenchens Tasche. Trotzdem guckte die Not an allen Ecken und Enden heraus. Vieleicht fehlte es auch an einer den Verhältnissen genau angepaßten Einteilung, da Frau Klinger einen armen Haushalt zu beraten nicht gelernt hatte, Lenchen aber noch zu unerfahren war, um sich ein sicheres Urteil über nötige und überflüssige Ausgaben zu bilden. Jetzt war Lenchen, nach der Krankheit der Mutter Ausland. Oesterreich=Ungarn. Wien, 26. Juli. Wie der Ischler Korresponden der„Neuen Freien Presse“ erfährt, wird nicht nur Kaiser Wilhelm, sondern auch seine Gemahlin in Schönbrunn eintreffen, um dem Kaiser Franz Josef persönlich ihre Glückwünsche zun 80. Geburtstage zum Ausdruck zu bringen. Wien, 27. Juli. Wie es heißt, wird vom näch sten Schuljahre an, sämtlichen Gymnasien und Realschulen, sowie an verwandten Lehranstalten Oesterreicht der fakultative Schießunterricht eingeführt werden. Frankreich. Paris, 26. Juli.. Die bisher bekannten Resule tate der Generalratswahlen sind heute früh folgender Conservative und Reaktionäre, sind gewählt 194, Pros gressisten, 164, Linksrepublikaner, Radikale, Radikalsozialisten und Sozialistische Republikaner, also Regierungsparteien sind gewählt 896, geeinigte Sozialisten 46. Stichwahlen sind erforderlich in 142 Fällen. Die Conservativen gewinnen 38 Sitze und verlieren 44, die Progressisten gewinnen 19 Sitze und verlieren ebenfalls 44, die Republikaner und Radikalen gewinnne 73 Sitze und verlieren deren 60; die geeinigten Sozialisten gewinnen 20 Sitze und verlieren 2. Italien. Rom, 27. Juli. Aus einer unbedeutenden Un sache kam es vorgestern in Vernotico in der apulischen Provinz Lecce zu öffentlichen Kundgebungen, die alsbald in Gewalttätigkeiten ausarteten.. Die einschreitende Gendarmerie wurde zuerst mit Steinen und dann mit Revolvern angegriffen.. Ein Wachtmeister und 5# Mann wurden schwer verletzt. Die Gendarmerie gab zwei Salven ab. Die Demonstranten flüchteten und ließen zwei Tote und 30 Verwundete zurück.. Serbien. Belgrad. 26. Juli. Der neue Handelsvertrag mit Oesterreich wurde schon gestern redigiert. Wie verlautet, sind Ungarn in dem Vertrage Zollermäßigung gen für Bauholz, gebogene Hölzer, Möbel und Brennholz, sowie für Mehl zugestanden worden, während Oesterreich gewisse Erleichterungen bei der Einfuhr von Textilwaren, Steingut= und Porzellanwaren gewährt wurden. Die Unterzeichnung des Vertrages erfolgt wahrscheinlich morgen. Die„Politika“ ist mit dem Vertrage unzufrieden. Heute findet bei dem österreichischen Gesandten und morgen bei dem serbischen Delegierten zu Ehren der österreichischen Delegierten ein Diner statt.. Lokales und Provinzielles. Dortmund, 27. Juli. —8 Zum Bürgermeister der Stadt Borgentreich (Kreis Warburg) wurde der bei der hiesigen Stadtverwaltung informatorisch beschäftigte Gerichtsreferendar zum erstenmal wieder ausgegangen, um sich einiges Arbeitsmaterial einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit traf sie Sidi Tontch, mit der sie, wie es junge Mädchen so gern, tun, ein Viertelstündchen zusammenstand, um sich über die Tagesneuigkeiten zu unterhalten. Das heißt Sidi war, die einzig Berichtende, nachdem die Wellen der Lokalereignisse an die stille Klingersche Hofwohnung nicht anschlugen. Nach Erledigung einiger minder wichtiger Gesellschafts- und Toilettefragen erzählte Sidi, halb im Flü) stertone, daß Agnes Hollmann ihren Kopf nun doch durchgesetzt habe; denn der schöne Artur verkehrt jetzt als ein häufiger Gast in dem reichen Kaufmannshause. Heiß schoß Lenchen das Blut ins Gesicht, bei dieser ganz harmlos gemeinten Neuigkeit. Offenbar hielt er, auch Sidi für völlig ausgeschlossen, daß ein verarmtes Mädchen, das sich von Weißnäherei ernährt, auf eine so glänzende und gesuchte„Partie“, wie sie Doktor Thielecke war, Anspruch erheben könne. Nachdem Lenchen fühlte, daß die jäh auflodernde Flamme erlosch und sie offenbar blaß geworden sei mußte, weil eine Schwächeempfindung sie übermannt so verabschiedete sie sich schnell von der Freundin mit der Bemerkung, ihre schwache Mutter nicht länger allein lassen zu können. Wie gut, dachte sie, daß sie sich, wei sie den alten Hut aufgesetzt, einen Schleier darüber gebunden hatte. Hoffentlich hatte Sidi den Farbenwechse in ihrem Gesicht unter dem dichten schwarzen Krepp nicht wahrgenommen.— Das wäre ihr ein Trost.. wenn.. wenn es nicht da drinnen in dem engen heimlichen Kämmerchen.. wo, trotz Eis und Schnee, trotz wochenlangem Entbehren des geliebten Gegenstandes, solch holdes Sprossen und Blühen gewohnt, wenn es da drinnen nicht so trostlos klopfen sollte. Die Arme konnte sich nicht helfen, sie mußte aufschluchzen wie ein Kind im Schlaf. Dann tupfte sie mit dem Taschentuchzipfel die Feuchtigkeit vom Schleier ab, die unter ihren Lidern hervorquoll, ob sie es auch nicht wollte. Ach, so jung sein, so jung und so viel Leid tragen müssen; und niemand haben, den mans klagen konnte. Wie war das doch traurig. Ja, Agnes Hollmann. Damals schon, zu Christtag auf der Eisbahn, war ein banges Gefühl in ihr erwacht; trotz der Seligkeit der Stunde, deren Gedenken ihren nun so einsamen Tagen das Sonnenlicht verleihte. 182.18 Funke. Herr Funke wird sein Amt jedenfalls schon im nächsten Monat übernehmen. —* Wohnungsgeldzuschuß. Der durch das neue Wohnungsgeldzuschußgesetz geschaffene Mehrbetrag gelangt jetzt, soweit er fällig ist, zur Auszahlung. Gegenüber dem früheren Zustande wurden von den größeren Orten in Westfalen um eine Stufe herabgesetzt: Münster, Bielefeld, Herford, Minden, Paderborn. Arnsberg und Hagen. —* Grabschändung. Auf dem südwestlichen Friedhofe wurden in den letzten Tagen von ruchloser Hand von mehreren Erbbegräbnissen die Bronzeketten abgedreht und gestohlen. —* Diebstähle.. In einem Hause am Westenhellweg wurden bei einem Etagendiebstahl diverse Sachen gestohlen, ebenso in einem Hause an der Sedanstraße eine Herrenuhr und Damenschmucksachen.— Im westlichen Statteile wurden einem auswärtigen Handelsmann einen Korb mit 150 Pfd. Wellenbutter, sowie 1000 Hühnereier gestohlen.— In der Straßenbahn wurde auf der Strecke Markt=Hörde einem Fahrgast das Portemonnaie mit Inhalt gestohlen.. * Vom Westfälischen Magazin ist soeben Nummer 6 erschienen und hat folgenden Inhalt: Was verstand die Sage unter dem Drachen, den Siegfried erschlug? Von A.. Beneke=Hohenlimburg. Immermanns Nerlin und Goethes Faust. Von Otto Volkart, Bern.. Das Max Regerfest in Dortmund. Von Siegwart Nußbaum. Bochum. Konzertbericht aus Arnsberg. Von W. Fentsch. Mitteilungen der WilhelmAuguste=Viktoria=Bücherei. —* Verschwunden. Der am 8. November 1900 geborene Schüler Nikolaus Reinhold hat sich am Freitag den 22. dieses Monats, aus seiner elterlichen Wohnung in der Lambachstraße Nr. 19 heimlich entfernt. Er war bekleidet mit einem braunen Manschesteranzuge. Es wird Nachricht an das nächste Polizeibureau erbeten. —* Hüttner=Konservatorium. Der heute, Mittwoch, den 27. Juli, abends 7 Uhr an der Kronenburg(mittlerer Gartensaal) für Schüler der Ausbildungsklassen stattfindende Vortragsabend, bringt folgendes Programm: Konzert F=dur, 1. Satz, von I. Seb. Bach, gespielt von Fräulein Hilde Geselbracht; — Konzert B=dur, 1. Satz, von Beethoven, gespielt von Fräulein Betty Goldschmidt;—(beide Konzerte unter gütiger Mitwirkung der Herren Oldörp(Flöte 1), Krämer(Flöte 2), Hirt(Violoncell) und Schillings (Kontrabaß) vom Philharmonischen Orchester, sowie der Orchesterschüler: Herren Ad. Hahne, Fr. Zembritzki und Ewald Becker);— drei Stücke aus meinem Tagebuch von Reger, gespielt von Fräulein Hilde Hunger:— Arie aus Samson:„„Sieh mein Herz erschließt sich“ und„Ständchen“ von Strauß, gesungen von Fräulein Margarete Kürschner;— Zigeunerweisen für Violine von Sarasate, gespielt von Herrn Ew.. Becker:— Streichquartett Es=dur von Mozart, vorgetragen von den Orchesterschülern: Ad. Hahne, 1. Violine: Fr. Zembritzki, 2. Violine; Ewald Becker, Viola; sowie unter Mitwirkung des Herrn L. Hirt, Violoncell, vom Philharmonischen Orchester.— Anmeldung für das am 15. September beginnende Wintersemester werden schon jetzt entgegengenommen. Prospekte versendet gratis das Sekretariat, Kölnischestraße 9. Hamm, 26. Juli. Heute wurden auf der Zeche Radbod wiederum vier Leichen geborgen. Von den 300 Leichen, die sich bei der am 12. November erfolgten Schließung des Schachtes no: in der Grube befanden, sind bis jetzt 180 geborgen, so daß sich jetzt noch 120 Leichen in der Grube befinden. Soest, 26. Juli. Seit einigen Wochen hat sich das zwanzig Jahre alte Dienstmädchen Theresia Falk aus Königsberg von ihrer hiesigen Herrschaft entfernt und ist noch nicht zurückgekehrt. Zuletzt ist es in Begleitung eines Mannes im hiesigen Stadtpark gesehen worden. Seitdem fehlt jede Spur von dem Mädchen. Münster, 26. Juli. Zu der Bluttat in Appelhülsen wird noch gemeldet: Es lassen sich nähere inzelheiten noch nicht feststellen, weil z. Zt. der scheußlichen Tat außer dem Mörder und seinen beiden Opfern Vortragsabende des Konservatoriums. Man muß der Leitung des Hüttner=Konservatoriums dafür danken, daß sie bei Ablauf des Schuljahres Veranlassung nimmt, allen Freunden und Gönnern der Anstalt, besonders aber den Eltern, die Fortschritte, welche die Schüler im Laufe des Jahres gemacht haben, vor Augen zu führen, oder besser gesagt, zu Gehör zu bringen. In dem vorgestrigen ersten Vortragsabgende trat zum ersten Male unsere jüngste Generation auf, um ihr Können zu zeigen. Ohne zu schmeicheln, müssen wir gestehen, daß der Eindruck, den die kleinen angehenden Künstler bei Alten hinterlassen haben, kein ungünstiger war. Wenn man von einer gewissen, indeß leicht begreiflichen Befangenheit absieht, so waren die Leistungen der kleinen Pianisten Egon Haseke, Friedrich Schulte, Fritz Lübbe, Ewald Drees, Helmut Gante, Elisabeth Maeß, Meta Lethaus und Gertrud Günther durchaus anzuerkennen. Auch von unseren beiden kleinen Geigern Joni Duell und Ewald Drees, deren Befangenheit allerdings noch mehr auffiel, als bei den Pianisten, dürfen wir sagen, daß sie mit Eifer und Verständnis ihre Aufgabe zu lösen versuchten. Wenn Karl Schmidt(Klarinette) die bei Wiedergabe eines Satzes des Mozartschen Klarinetlenquintetts, das noch von Herrn Hirt und einigen Orchesterschülern vorgetragen wurde, auf ihn gesetzten Erwartungen später nicht täuscht, so wird er sich sicherlich zu einem guten Musiker ausbilden. Gestern Abend fand im mittleren Saale der Kronenburg der zweite Vortragsabend des Konservatoriums statt. dessen Programm Klavier=, Geigen=, Gelangs- und Cello=Vorträge enthielt. An erster Stelle verdient Herr Friedrich Zembritzki, ein schon vorteilhaft bekannter junger Künstler, genannt zu werden. Er spielte Mendelssohn und zwar ein Lied ohne Worte für Klaviel und den ersten Satz aus dem Violinkonzert. eides wurde einwandfrei vorgetragen; das Geigenpiel, erfreute besonders durch warme Empfindung und llose Technik. Von den Klaviervortrügen gefiel uns noch besonders die Impromptu Valse von Raff, die Fräulein Grete Friede mit zartem Verständnis für die Feinheit des Stückes vortrug,„und ein Rondo für zwei Klaviere von Chovin, gespielt von Fräulein Eisa onetzki und Fräulein Ella Lange. Beide Damen glänzten durch Genauigkeit und gegenseitige Anpassung des Spiels. Fräulein Margarete Kürschner besitzt einen r ansprechenden Sopran. Sie brachte die Arie: Nun eut die Flut von Handn klar und rein zum Vortrag err Otto Weigt spielte mit schönem weichem Ton ein onzert für Violoncell von Nölik., Ferner trugen Herr osef Schulte den ersten. Satz aus der E-dur Sonate gpe Bacgr und Baidten Geit= dandln vridr er ohne Worte von Mendelssohn zu allgemeiner Bejedigung vor. Wir weisen auf den heute Abend stattndenden Vortrag der Ausbildungsklassen bin. nur ein kleines Kind noch im Hause anwesend war und alle übrigen Hausgenossen zur Frühmesse gegangen waren. Die Verfolgung des Mörders war bisher ergebnislos, obwohl Polizeihunde aus Münster und Dortmund zur Hülfe genommen wurden. Die Beweggründe zur furchtbaren Bluttat sind völlig unbekannt. Essen, 26. Juli. Auf der hiesigen Bahnhofsstr. in Borbeck stürzte ein Fuhrmann von seinem Fuhrwerk herunter und geriet unter die Räder. Er wurde schwer verletzt in ein nahe gelegenes Haus gebracht, in welchem er nach kurzer Zeit verstarb. Erkelenz, 26. Juli. Aus der Kapelle in der Ortschaft Uevekoven wurden zwei wertvolle, aus Holz geschnitzte Figuren von Maria und Johannes gestohlen. Die Figuren sind in dem vom Konservator der Rheinprovinz Dr. Clemen verfaßten Werke: Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz abgebildet und beschrieben. Düsseldorf, 26. Juli. Heute Vormittag stürzte von dem Dache eines Hauses in der Augustastriße der 25jährige Installateur Franz Bove auf das Straßenpflaster hinab. Er war sofort tot. Köln, 26. Juli. Auf dem Truppenübungsplatz Elsenborn schlug der Blitz in der Nähe eines exerzierenden Bataillons des Infanterie=Regiments Nr. 30 ein Ein Oberstabsarzt wurde schwer, zwei Offiziere leicht verletzt. Handel und Industrie. * Niederdeutsche Bank. Abgesandte der Treuhandgesellschaft haben in Verbindung mit Vertretern der Essener Kreditanstalt, der Deutschen Nationalbank und des Dortmunder Bankvereins mit der angekündigten Nachrevision begonnen. In Bankkreisen sind, laut „Trem.“, die ungünstigsten Gerüchte über den Stand der Bank verbreitet; vier bis fünf Anträgen auf Eröffnung des Konkurses hat das Amtsgericht bisher noch keine Folge gegeben. Die öffentliche Bekanntgabe des Resultates der Revisionen wird abgewartet.— Am Dienstag morgen erschien der Untersuchungsrichter in den Räumen der Niederdeutschen Bank, der die Bücher der Bank zur Einsichtnahme mitnahm. Wie wir noch hören, ist gegen den Vorstand der Bank ein Ermittelungsverfahren wegen Bilanzverschleierung eingeleitet worden. Köln, 26. Juli. Vornehmlich aus den Kreisen der Gesellschaft für Vermittlungswesen, G. m. b. H. in Köln wurde im vorigen Jahre die Rheinische Feuerversicherungs=Aktiengesellschaft in Köln und in diesem Jahre die Düsseldorfer Feuerversicherungs=Aktiengesellschaft in Düsseldorf gegründet. Die zurzeit der Gründung dieser Gesellschaft schon in Aussicht genommene Rückversicherungsgesellschaft soll nunmehr errichtet werden. Die Gesellschaft für Versicherungsvermittlung in Köln hat die Vorarbeiten über die Kapitalbeschaffung übernommen. Der Gründungsausschuß hat dem Herrn Robert Gerling, dem Direktor der vorgenannten Vermittlungsgesellschaft, die Leitung übertragen. Frankfurt, a. M., 26. Juli. Die Reichsbank wird, wie die Frankfurter Zeitung erfährt, ebenso wie dies bei der Seehandlung schon seit einigen Jahren der Fall ist, sich künftig an der Berliner Börse direkt vertreten lassen. Sie wird also alle Börsenaufträge nicht mehr durch Agenten besorgen lassen, sondern selbstständig ausführen. In Zukunft werden drei Herren der Reichsbank die Vertretung übernehmen. Die neue Vertretung wird mit dem ersten August ihre Tätigkeit aufnehmen Hamburg, 26. Juli. Die Hamburg=AmerikaLinie hat bei Blohn und Voß einen Dampfer von 8 bis 9000 Tonen in Bestellung gegeben von einem neuen System, das auf der Verwendung von Dieselmotoren beruht.. Die Hamburg Amerika=Linie hat gleichzeitig mit der Standard Oil Co. Verträge wegen der Lieferung des nötigen Heizmaterials abgeschlossen.. Der Dampfer wird in die Fahrt nach Newyork und Philadelphia eingestellt werden und eine Geschwindigkeit von etwa 12einhalb Knoten entwickeln. Ferner hat die Hamburg=Amerika=Linie beim Bremer Vulkan einen Dampfer von 8000 Tonnen bestellt für die ostasiatische Fahrt.. * Der Betriebsüberschuß der Harpener BergwerksAktiengesellschaft betrug im zweiten Quartal 1910 bei 74 Arbeitstagen 3779000 Mark, im Vorquartal bei 72 Arbeitstagen 3400000 Mark und im zweiten Quartal des Vorjahres bei 72 Arbeitstagen 3730 000 Mark. Bei dem Vorquartal und bei dem Vorjahrsquartal verstehen sich die Vergleichsziffern nach Abschreibungen auf gelagerten Koks. Der Bruttoüberschuß der Hibernia betrug im zweiten Quartal 1910 2 456 767 Mark, im Vorquartal 2623.488 Mark und im zweiten Quartal des Vorjahres 2442 415 Mark. Kann eine Frau billiger leben als der Mann? So lautet der Titel einer Umfrage, die soeben die englische Gesellschaftszeitschrift„M. A. Z.“ einer Reihe von Notabilitäten der englischen Frauenwelt zur Beantwortung vorlegte. Die überwiegende Mehrzahl der Befragten, hat sich für ein nachdrückliches Jal entschieden. Bezüglich der Beweisgründe läßt sich eine gleiche Uebereinstimmung allerdings nicht feststellen, doch sind die Antworten zumeist darin einig, daß die Frau eine größere Veranlagung zur Sparsamkeit habe als der Mann.„Die Männer sind die geborenen Verschwender,“ so steht in der einen Antwort zu lesen, die Frauen dagegen von Natur Märtyrer. Sie sind ernster, von festerem Willen und haben vor allem eine größere Begabung dafür, sogar aus dem Nichts noch etwas zu machen. Die Frau macht sich garnichts aus dem, was man gutes Leben nennt, sie ißt lieber Kuchen als das teure Fleisch und trinkt anstatt der teuren Spirituosen Limonade.. Die Natur der Frau neigt meniger zur Großmut und schreckt vor Ausgaben, die nicht unbedingt notwendig sind, zurück. Sie zählt die Pfennige in der Tasche, was der Mann nie tut. Sie ist konsequent genug, auch mit dem Droschkenkutscher wegen des Fahrpreises zu verhandeln, was der Mann nie fertig bringt. Daher kann sie auch mit viel weniger Geld auskommen und sparsamer leben. Sie tut es auch, aber sie muß sich auch viel versagen und der schließliche Lohn ist ein früherer Tod.“ Eine Frau ist von Natur zum Träumen und für sentimentale Dinge veranlagt, so äußert sich eine andere der befragten Damen, und so gibt sie leicht irdische und materielle Annehmlichkeiten zu Gunsten immaterieller Dinge auf. Das Bestimmende der Frauennatur ist die Liebe, und man erlebt es alle Tage, daß Frauen die bisher durchaus nicht sparsam sind, und billig lebten, sondern für Kleidung und Schmuck große Summen ausgaben, sich mit einem Schlage ändern, wenn sie— lieben. Ein anderes Gutachten erklärt die größere Sparsamkeit der Frauen daher, daß sie nicht so vielen Versuchungen zum Geldausgeben ausgesetzt sind, wie die Männer. Sie haben keine Freunde, mit denen sie im Klub oder Restaurant zusammen sein müssen. Sie sind nicht so große Theaterfreunde wie die Männer und kennen überhaupt viel weniger Vergnügungen als das starke Geschlecht. Eine Frau kann sich auch viel billiger kleiden, als der Mann da sie sich ihre Kleidung, wenn es darauf ankommt, mit geringen Mühen selbst machen kann. Eine Frau hat 101 Wege, um zu sparen, lautet das letzte Urteil.. Ein Mann vermag niemals richtig hauszuhalten, da er über die häuslichen Dinge gar keinen Ueberblick hat. Ein Junggeselle muß hilflos zusehen, wie seine Strümpfe, Kragen, Hemden und Taschentücher geheimnisvoll nach und nach verschwinden, während jede Frau jedesmal die Wäscherechnung aufs genaueste durchsieht.. Die Haushälterin jedes Junggesellen ist in der Lage nach Gefallen zu wirtschaften. Auch das unerfahrenste junge Mädchen, aber weiß die Köchin und das Hausmädchen gut zu überwachen. Ein Mann schämt sich sparsam zu sein, eine Frau sucht eine Ehre darin. Neuvork, 26. Juli. Aus vielen Gegenden der Vereinigten Staaten wird große Hitze gemeldet: In Neuyork waren gestern zwölf, in Pittsburg sechs, in Philadelphia vier und in Boston und Baltimore je zwei Todesfälle durch Hitzschlag zu verzeichnen. Letzte Telearamme Protestversammlung gegen die badischen Genossen. Berlin, 27. Juli. Gestern fanden hier 10 große Protestversammlungen statt, in welche das Verhalten der badischen Genossen scharf verurteilt wurde. Auch dahinlautenden Resolutionen fanden einstimmig Annahme. Meuterei auf dem Kreuzer„Blücher"? Kiel. 27. Juli. Der große Kreuzer„Blücher“ befand sich mit der Hochseeflotte in den norwegischen Gewässern. Am Samstag kehrte er allein nach Kiel zurück und machte an einer Boje im Kriegshafen fest. Der„Blücher“ mußte bald darauf unter Begleitung des Kreuzers„Prinz Adalbert“ nach der Wyker Bucht fahren und ging deshalb im Kriegshafen vor Anker. Am Montag beobachtete man, daß 60 bis 80 Mann der Besatzung des„Blücher“ in der Wyker Bucht, wo die großen Kasernements liegen, unter starker Bewachung an Land gesetzt wurden. Auf dem„Blücher“ soll eine Meuterei stattgefunden haben, deren Anlaß in erster Linie das schlechte Essen gewesen sein soll. Selbst ein Offizier soll sich beschwert haben. Von der Nordlandfahrt des Kaisers. Molde, 26. Juli. Gestern abend war der in Molde wohnende norwegische Amtmann(Oberpräsident) beim Kaiser zur Tafel geladen. Der letzte Abend in Molde zeichnete sich wieder durch besonders schöne Beleuchtung aus. Auch heute ist schönes Wetter. An Bord ist alles wohl. Aalesund. 26. Juli. Die„Hohenzollern“ mit dem Kaiser an Bord, die heute vormittag unter dem Salut der Kriegsschiffe von Molde abgegangen war, traf hier gegen 12 Uhr mittags ein. Der Kaiser begab sich an Land, um den Kaiserbautastein zu besichtigen. Um 4 Uhr nachmittags ist die„Hohenzollern“ mit dem Kaiser an Bord weitergefahren. Aus dem Reichstagswahlkreise Irbach=Bensheim. Darmstadt, 26. Juli. Wie aus politischen Kreisen verlautet, wird Geheimrat Haas, der Vertreter des Reichstagswahlkreises Irbach=Bensheim, nicht mehr kandidieren. Als sein Nachfolger sei der Reichsverbandsdirektor Dr. Becker in Sprendlingen in Aussicht genommen. Der„Krieg um Langhammer“. Dresden, 26. Juli. Der Chemnitzer nationalliberale Verein wird den Ausschluß Langhammers aus dem Landesverein als zu Unrecht und satzungswidrig erfolgt anfechten. Eine neue nationalliberale Gruppe in Sachsen. Dresden, 26. Juli. Eine Vertrauensmännerversammulng der sächsischen Nationalliberalen Partei hat den Landtagsabgeordneten Langhammer aus dem Landesverein ausgeschlossen. Wie der Korrespondent der Frankfurter Zeitung zuverlässig erfährt, wird dies Herrn Langhammer veranlassen, sein Landtagsmandat niederzulegen. Er wird sich bei seiner weiteren parlamentarischen Tätigkeit auf den etwa 2000 Mitglieder zählenden nationalliberalen Chemnitzer Verein stützen, der ihm kürzlich ein einstimmiges Vertrauensvotum ausstellte. Man hofft, daß auch noch andere nationalliberale Vereine Sachsens, die mit dem Vorgehen gegen Langhammer nicht einverstanden sind, sich zusammenschließen werden. Es wird sodann beabsichtigt, mit diesen Vereinen auch die mehrsach mit den nationalliberalen Parteiinstanzen Unzufriedenen zu sammeln, um mit diesen neben der alten Organisation eine besondere nationalliberale Gruppe in Sachsen zu gründen. Zum Tumult in der Straßburger Universität. Straßburg i. Els., 26. Juli, Zu dem bereits gestern Nachmittag stattgefundenen Tumult während der Vorlesung Professor Clöttas erfährt der Straßburger Korrespondent der Frankfurter Zeitung noch folgende Einzelheiten: Am letzten Samstag fand eine mündliche Doktorprüfung statt, in der auch Professer Clöttau verschiedene Eraminanden zu prüfen hatte. Wider alles Erwarten ließ Prosessor Clötta einen der Kandidaten glatt durchfallen. Ein anderer erhielt eine viel schlechtere Note, als allgemein erwartet worden war. Dabei erklärte Professor Clötta zu einem Kandidaten, er sei als Elsaß=4Lothringer unfühig, das Französische so zu sprechen, daß er darin unterrichten könne. Die Studentenschaft ist der Ansicht daß Professer Clöttas Auftreten während der Prüfung viel zu rigoros und rücksichtslos gewesen sei. Ruhe in Straßburg. Straßburg, i. Elsaß, 26. Juli. Da unter den Demonstranten bei den gestern nachmittag während einer Vorlesung des Professors Cloetta stattgefundenen Tumulten auch Angehörige anderer Fakultäten sich befanden, befürchtete man für heute erneute und weit heftigere Ausschreitungen. Professor Cloetta verkündete heute früh durch Anschlag am Schwarzen Brett, daß er für dieses Semester seine Vorlesungen einstelle. Die für heute befürchteten Ausschreitungen sielen infolgedessen fort. Professor Cloetta ist ein geborener Italiener und war früher in Breslau tätig, von wo er als Nachfolger für Professor Gröber auf den Lehrstuhl für romanische Philologie an die hiesige Universität berufen wurde. Typhus in Straßburg. Straßbura. 26. Juli. In der hiesigen Garnison sind in den letzten Tagen verschiedene Typhusfälle vorgekommen, Die Militärbadeanstalten sind geschlossen worden, doch sind bisher nur vereinzelte Krankheitsfälle zu verzeichnen gewesen. Diebstahl eines Postbeamten. Posen, 26. Juli. Der Postgehülfe Albert Röpke in Kröben bei Lissa ist mit zwei Geldbriefen über 3000 Maxk und 1700 Kronen, vermutlich auch noch Kassengeldern seit Sonntag abend flüchtig. Er ist gestern von Lissa nach Bentschen weitergereist. Gründung eines neuen jungliberalen Vereins. Müllheim(Baden), 26. Juli. Vorgestern wurde unter großer begeisterter Beteiligung der Bevölkerung von Stadt und Land nach einer Programmrede des Vorsitzenden des jungliberalen Landesverbandes Rechtsanwalts Dr. Frey-Karlsruhe und nach warm befürwortenden Ansprachen des Reichstagsabgeordneten Dr. Blankenhorn und des Landtagsabgeordneten Kogen ein jungliberaler Verein gegründet. Vom Bund der Landwirte. Tanoau i. d. Pf., 26, Juli. Beim gestrigen Sommerfeste des Bundes der Landwirte, Abteilung Pfalz, wurde bekannt gegeben, daß für die nächste Reichstagswahl im Wahlkreise Kaiserslautern=Kirch= heim=Bolanden Dr. Rösicke wieder aufgestellt werden wird. Ein„Attentat“ gegen das Ehepaar Toselli. Rom, 26. Juli. Das wieder versöhnte Ehepaar Toselli wurde kürzlich das Opfer eines merkwürdigen Vorganges, den die Blätter folgendermaßen erzählen: Herr und Frau Toselli saßen seelenvergnügt in ihrer florentinischen Pergola beim Abendessen, als plötzlich ein Steinhagel hereinsauste, der die Teller und Gläser zertrümmerte. Als der Maestro wutentbrannt vom Stuhle emporfuhr, sah er drei Personen fliehen, deren eine ihm in deutscher Sprache eine schwere Beschimpfund und Drohung zurief. Die sofort verständigte Polizei glaubte, daß das Attentat von einer sächsischen Familie ausging., die in der nahen Ortschaft Seitignano eine Villa bewohnt. Vom Zuge überfahren. Posen, 26. Juli. Auf der Eisenbahnstrecke Görchen=Carolinenthal überfuhr der um 9 Uhr vormittags in Rawitsch eintreffende Zug das Gefährt des Landwirts Holder.. Der Wagen wurde zertrümmert. Die beiden Insassen die Landwirte Holder und Schwarz wurden durch den Sturz so schwer verletzt, daß man an ihrem Aufkommen zweifelt. Das Zugpersonal ließ den Verletzten die erste Hilfe zuteil werden.. Sprechsaal. Es wird uns geschrieben: In den Dortmunder Tageszeitungen findet sich eine Notiz über die Ernennung der Lehrerin Wally Bathe zur technischen Lehrerin an der städtischen höt heren Mädchenschule. Es liegt Fräulein Bathe sehr viel an der Berichtigung, daß sie schon seit 1909 Hauptlehrerin am technischen Seminar ist und daß die vom Magistrat verfügte Versetzung an die höhere Mädchenschule der Rechtswirksamkeit entbehrt. Vor allen Dingen aber ist die Versetzung, die angeblich im dienstlichen Interesse gegen den Wunsch und Willen der Betroffenen seitens des Magistrats erfolgt ist, lediglich auf den technischen Seminarleiter, Stadtschulrat Dornheckter, zurückzuführen, der die Entfernung der Lehrerin Bathe vom technischen Seminar beim Magistrat betrieb, anscheinend, weil sie sich nicht an seiner offiziellen Kundgebung gegen ihre eigene Schwester beteiligen wollte und weil sie von ihrem Vorgesetzten, dem Stadtschulrat Dornheckter, ein größeres Kapital, das sie ihm mal hatte leihen müssen, zurückverlangte. Wegen dieser und anderer Vorkommnisse und Schwierigkeiten, die Fräulein Bathe gehabt hat und die mit ihrer Versetzung an die höhere Töchterschule gegen ihren Willen geendet haben, ist disziplinarische Verfolgung ihres Vorgesetzten bei den zuständigen Behörden beantragt. Von dem Ergebnis dieses Verfahrens wird es abhängen, ob und inwieweit sich die maßgebenden städtischen Körperschaften noch mit der Versetzungsmaßregel zu beschäftigen haben werden. Standesamts=Nachrichten. Dortmund 1, vom 26 Juli. Geburten: Ein Sohn: Rangierer Henkel, Richardstraße 14. Heizer Noell, Paulinenstraße 3. Bahnarbeiter Kleinschnitger, Schützenstraße 13. Rottenarbeiter Senga, Kirchenstraße 5.. Königl. Landmesser Axthelm, Alexanderstraße 24. Vorrangierer Engei, Vlumenstraße 42. Fabrikdirektor Cramer, Knappenbergerstraße 237. Maurer Marx, Scharnhorststraße 31. Eine Tochter: Betriebsaufseher Ehrlich, Uhlandstraße 32. Schlosser Holtmann, Stolzestraße 24.. Steiger Groß, am Kaiserstuhl 13, Platzarbeiter Finger, Clausthalerstraße 235. Schreiner Köhler, Bleichmärschstraße 16. Aufgebote Zementarbeiter Joh. Petr und Anna Bielitzki. Telegraphenarbeiter Th. Schlechter und Gertrud Schlüter.. Eheschließungen: Kaufmann F. Seugen und Beernardine Rapp. Buchhalter H. Schöllermann und Selma Jacobs. Nieter Jak. Silliens und Henriette Schwan. Stadthauptkassenassistent G. Haase und Hedwig Emde. Todesfälle Klara Reimer, Scharnhorststraße 36, 1 Jahr., Ehefrau Hedwig Föh, Stahlwerkstraße 57, 30 Jahre. Buchdruckereibesitzer Edgar Stephan, Leopoldstraße 56., 33 Jahre. Constantia Buermans, Kalberkamp 26, 2 Monate. Im Olympia-Theater gelangt die glänzende Operette„Die geschiedene Frau“ nur noch an fünf Abenden zur Aufführung, da am 31. Juli das OperettenGastspiel beendet ist. Insolge des geradezu sensationellen Erfolges, welchen Frl. Julie Paak in der Rolle als„Gouda von der Loo“ und Frl. Lotti Kolitz in der Titelrolle als geschiedene Frau zu verzeichnen hatten, hat sich die Direktion veranlaßt gefühlt, obigen beiden Damen für Freitag, den 29. Juli einen Ehrenabend zu bewilligen und wünschen wir denselben ein volles Haus. Auf einer beim Besteige Herr Dr. fern von der Erst seit gium angehöl wenn auch l reges Interess Wir wer Dortmi Der Hagistre Dr. Eichho Rechtsschu des Vereins Frau Bal Unentgeltiiche Auskunf Damen an unbem Sprechstunden: Donner Bekan Staatlicher In der Zeit vom d. J. wird in Dortmu gehalten werden. Die mindestens ein Jahr al tätig gewesen sein. 2 andere geeignete Person endigung des Unterricht prüfung statt, an der kursisten beteiligen kön Anmeldungen in de Tätigkeit als Heizer zu Gewerbeinspektion in richten, welche auch nä Arnsberg, den 25. I Vorstehendes wird gebracht. Dortmund, den 9. D Inserate für Echo vom Zellenpreis 15 Pig. Der Reste-Verhaut bietet gewaltige Preisvorteile m befürleten Dr. kogen ein gestrigen Abteilung ie nächste n=Kirch= lt werden selli. e Ehepaar kwürdigen erzählen: t in ihrer Is plötzlich und Glärannt vom ehen, deren Beschimpfdigte Polisächsischen aft Seitigstrecke Görvormittags des Landimert. 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Auf einer Erholungsreise ist infolge eines Absturzes beim Besteigen des Grossglockner der Stadtverordnete Herr Dr. med. fern von der Heimat, aus diesem Leben gerissen. 1301 Erst seit einigen Monaten dem Stadtverordneten-Kollegium angehörend, hat der Dahingeschiedene durch seine, wenn auch leider nur kurze, so doch treue Mitarbeit ein reges Interesse für das Wohl der Stadt betätigt. Wir werden sein Andenken in Ehren halten. Dortmund, den 26. Juli 1910. Der Magistrat: Die Stadtverordnetenversammlung: Dr. Eichhoff. Tewaag. Rechtsschutzstelle für Frauen des Vereins Frauenbildung— Frauenerweb Balkenstratze 18. Unentgeltiiche Auskunft in allen Angelegenheiten erteilen Damen an unbemittelte Frauen und Mädchen. 5927 Sprechstunden: Donnerstags von 4—6 Uhr nachmittags. Bekanntmachung. Staatlicher Heizer-Kursus. In der Zeit vom 29. August bis 12. September d. J. wird in Dortmund ein staatlicher Heizerkursus abgehalten werden. Die Teilnehmer sollen in der Regel mindestens ein Jahr als Heizer im praktischen Betriebe tätig gewesen sein. Doch können ausnahmsweise auch andere geeignete Personen zugelassen werden. Nach Beendigung des Unterrichts findet eine mündliche Schlußprüfung statt, an der sich unter Umständen auch Nichtkursisten beteiligen können. Das Schulged beträgt 6 Mk. Anmeldungen in denen eine Angabe über die bisherige Tätigkeit als Heizer zu machen ist, sind an die Königliche Gewerbeinspektion in Dortmund, Leipzigerstraße 22 zu richten, welche auch nähere Auskunft erteilt. Arnsberg, den 25. Februar 1910. Der Reglerungspräsident. Vorstehendes wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Dortmund, den 9. März 1910. Der Oberbürgermeister. Verlangen Sie per Postkarte gratis Katalog: A Dortmunder Möbelhaus Schlatzimmer GeschäftsPrinzip Billig und gutl und Küchen mit Heid u. Emaillegeschirr: zu Mk. 250 Anzahl. 20 Mk. zu Mk. 310 Anzahl. 32 Mk. zu Mk. 400 Anzahl. 40 Mk. zu M. 450=750 Anz. 50=75 M. 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In nächster wieder stärker betrie Alsdann nahm de ses Arthur Stadth daß infolge der Reich großer Belastung de Partei eine ganz sel der Magdeburger hältnissen zusammen. sen, daß die noch in den Generalstreik zu mit Sicherheit angen sten Wahlen für di Millionen Stimmen dem dürfe man sich be nicht, daß ange Partei 120 Manda werde sich ja bekan ordnung, der Maise schäftigen. Letztere wäge, daß 1170 K Mitglieder, die im onen Jahresumsatz zeichnet werden kön obwohl die Parte zielten Ergebnissen nötigt sein werde, Frage zu beschäftig Dor Die Der herrschsüch in Mühlenberga ziergänge und sel Schnee und Eis die Stuben gefesse Thielecke gehörta der Winter hat r Gefolge. Da habe der Stadt als an Praxis beginnt sie nur in der Dun Tee und geht dar lierten Lebensgei So bekommte fest entgegen fleif Gesicht. Hausbe Pflichtgefühl, Die Christwo schuhen, die mai ben, auch die ent chens fleißigen Weihnachtsenge ihrer Bescherung kostüm, das an Major Anders Gründen den S Tante läßt die sfrieden lächelnd mit Würsten u Samtfähnchen a e- Zenchen ist u bemn in ihrem lich eislaufen. U gnügen so sehr. Herr Pa Pate st mit gestellt. Doktor Wunschkarte ge Ein kleiner weißaedecktem2 eben enhof tten. burg. len 28. Juli. Konzert Hubert. Inf. 8 Uhr Witterung 1: 1110 Jusik. meider. t zurück! I. Prein arzt n- u. Ohreniten. 008! wall 31 er 7640.— sutigen Tage lastitut tung u. Phoerichtet. lrug larzt 1292 rm- und Stoffleiten Tel. 7675 neurdemie AR I. M. ttr.-Ingenleure, d Architekten dauer.- Eheler find. räucke hr.——— nimmt während Kinder auf. September. 60 bezw. 65 M. sie Geschäftsstelle erheim.(0631 Kranke f. Gesunde 6 Neuhelt Kulturstaaten. für Kranke rt. pgienischen erfüllender Satz. te, schlanke chnürung in tigt Fettleib Hüften. Flage nur: Is Jordan tenstrasse 12. bel wendung von Im bei Drogerie Inischestrasse 4. hung. klonek, geborer witz bei Liebenberg lichen Armenmittels dieselbe nicht sorgt. en zu forschen nzeichen Klr. 461 910. menwesens. Dortmund, Brückstr. 18 Dortmund, Brückstr. 18 meiner gestempelten Preise Mittwoch, den 27. Juli 1910. Dortmunder Tageblatt Nr. 173. 27. Jahrgang. Zweites Blatt. Stadthagen über die badischen Budgetbewilliger. Die badische Budgetbewilligung gab in der in Rummelsburg im Cafee Bellevue abgehaltenen Generalversammlung des sozialdemokratischen Kreiswahlvereins Niederbarnim zu einer vielstündigen, sehr lebhaften Erörterung Anlaß. Der Vorsitzende Brühl(Lichtenberg) teilte zunächst mit, daß es mit der Parteibewegung in Niederbarnim glänzend vorwärts gehe. Die Zahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter sei ganz außerordentlich vermehrt worden. Auch die Mitgliederzahl und die Finanzen seien bedeutend gestiegen. In nächster Zeit werde die Landtagsagitation wieder stärker betrieben werden. Alsdann nahm der Reichstagsabgeordnete des Kreises Arthur Stadthagen das Wort und führte aus, daß infolge der Reichsfinanzreform unter außerordentlich großer Belastung des Volkes die Situation für die Partei eine ganz selten günstige sei. Allerdings trete der Magdeburger Parteitag unter sehr ernsten Verhältnissen zusammen. Es sei keineswegs ausgeschlossen, daß die noch immer nicht gelöste Wahlrechtsfrage den Generalstreik zur Folge haben werde. Es könne mit Sicherheit angenommen werden, daß bei den nächsten Wahlen für die Sozialdemokraten weit über vier Millionen Stimmen werden abgegeben werden. Trotzdem dürfe man sich nicht Illusionen hingeben. Er glaube nicht, daß angelichts der gesamten Verhältnisse die Partei 120 Mandate erhalten werde. Der Parteitag werde sich ja bekanntlich mit der Reichsversicherungs ordnung, der Maiseier und der Genossenschaftsfrage beschäftigen. Letztere sei um so wichtiger, wenn man erwäge, daß 1170 Konsumvereine mit über eine Million Mitglieder, die im Jahre 1908 weit über 350 Millionen Jahresumsatz hatten, als sozialdemokratisch bezeichnet werden können. Höchst bedauerlich sei es, der obwohl die Partei alle Ursache habe, mit den erzielten Ergebnissen zufrieden zu sein, der Parteitag genötigt sein werde, sich mit einer höchst unerquicklichen Frage zu beschäftigen. Wie eine Stinkbombe sei plötzlich das Verhalten der grohen Mehrheit der sozialdemokratischen Landtagsfraktion in Baden in die Partei geworfen worden. Die Fraktion habe mit Ausnahme von dreien für das Budget gestimmt, obwohl auf dem Parteitage zu Nürnberg der ausdrückliche Beschluß gefaßt worden sei, ohne ausdrückliche Zustimmung des Parteivorstandes das Budget stets abzulehnen.“ Es sei das ein Disziplinbruch, wie er in der Partei noch nicht erlebt worden sei.(Ruf: Sehr richtig!) Die Sozialdemokratie höre auf, eine proletarische Partei zu sein, wenn sie dem Klassenstaat die Mittel zur Forteristenz bewillige. Genosse Frank habe geäußert:„„Die besonderen politischen Verhältnisse in Baden gestatteten nicht den Lurus einer Demonstration, die die Budgetablehnung zur Folge gehabt hätte.“ Diese Aeußerung sei geradezu unerhört,, denn es handle sich in keiner Weise um eine Demonstration, sondern um direkte Verletzung der Parteigrundsätze und um einen Disziplinbruch in ärgster Form. Das Vorgehen der badischen Landtagsabgeordneten sei geradezu eine Provokation der Partei, wie man sie noch niemals erlebt habe. Die Badenser wenden ein: Minister v. Bodmann habe wohl erklärt, daß die Sozialdemokraten nicht gleichberechtigt seien, er verkenne aber nicht den berechtigten Kern, der in der sozialdemokratischen Bewegung stecke. Ja, dasselbe stehe selbst in den Motiven des Sozialistengesetzes, das habe Bismarck mehrfach, ja, selbst Bülow und Posadowsky ausgesprochen. Den Badenser Genossen schwebe ein liberaler Großblock vor,, sie geben ihre Grundsätze preis, um mit Hilfe der Nationalliberalen etwas zu erreichen. Sie wenden außerdem ein, wenn, sie für das Budget nicht gestimmt hätten, dann würde das Zentrum den Minister v. Bodmann gestürzt haben. Als ob Sozialdemokraten ihre Vertreter in den Landtag schicken, nicht um die Parteigrundsätze hochzuhalten, sondern Minister vorm Sturz zu bewahren! Ja, zehn Mitglieder der sozialdemokratischen badischen Landtagsfraktion haben sich, anstatt den Sitzungssaal vorher zu verlassen, bei dem Hoch auf den Großherzog erhoben und wollen sogar zur silbernen Hochzeit des Großherzogs Delegierte zur Beglückwünschung entsenden. Dann sei dem republikanischen Charakter der Sozialdemokratie direkt ins Gesicht geschlagen. Ja, er müsse es offen aussprechen, wenn man die Hand, mit der man eine Ohrfeige erhält, küßt, dann sei dies wohl hündisch,, aber nicht sozialdemokratisch!(Lebh. Beifall.) Die Situation gebiete, daß auf dem Parteitag in diesem Punkte volle Klarheit geschaffen werde. Es könne nichts mehr verkleistert oder verschleiert werden. Es müsse den Genossen in schärfster Weise gesagt werden, daß sie die Parteigrundsätze verletzt und einen schmählichen Disziplinbruch begangen haben. Man werde vielleicht einwenden, daß derartige Seitensprünge auch schon von anderer Seite begangen wurden. Dann haben aber die betreffenden Genossen ihr Unrecht eingesehen und bemerkt: Wir sehen ein, daß wir falsch gehandelt haben, es wird nicht mehr vorkommen! Das habe zum Beispiel der Genosse Pernestorfer in Wien getan. Er gebe sich der Hoffnung hin, daß die badischen Genossen ebenso vernünftig sein werden. Wenn die badischen Abgeordneten eine ähnliche Erklärung abgeben, dann sei die Angelegenheit für die Partei erledigt. Jedenfalls müsse dem Parteitag berichtet werden, wie die Genossen im Lande sich zu der Angelegenheit verhalten. Er ersuche, folgender Erklärung zuzustimmen: „Die Zustimmung der Mehrheit der badischen sozialdemokratischen Landtagsfraktion zum Budget und die Motivierung dieser Zustimmung ist ein schwerer Verstoß gegen den auf dem Nürnberger Parteitage (1908) gefaßten Parteitagsbeschluß. Die Teilnahme eines Teiles der sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten an höfischen Kundgebungen ist geeignet, den republikanischen Charakter der Partei zu verhüllen und das demokratische Gefühl der Genossen zu emvoren. Die Generalversammlung beantragt, bei dem Parteitag zum Ausdruck zu bringen, daß der die Parteibewegung schwer schädigende Disziplinbruch und die offenen Provokationen der Gesamtpartei durch die Mehrheit der badischen Landtagsfraktion insbesondere mit der Verwaltung der höchsten Vertrauensämter der Partei unvereinbar ist.“ Von den Rummelsburger Genossen lag ein Antrag vor, der die direkte Ausschließung der badischen Landtagsabgeordneten aus der Partei verlangt. Ein ähnlicher Antrag, der jedoch den Ausschluß nicht direkt verlangt, war von den Pankower Genossen gestellt.— Außerdem lag eine vom Zentralvorstand von GroßBerlin vorgeschlagene längere Erklärung vor, die etwas mäßiger als die Erklärung des Abg. Stadthagen gehalten war. In der Diskussion trat Brühl(Lichtenberg) für der Antrag Groß=Berlin ein. Es handele sich hier nicht um Revisionismus oder Radikalismus, sondern um den von den badischen Abgeordneten begangenen Diszipe linarbruch, der eine strenge Ahndung erfahren müsse, Das Urteil müsse man aber dem Parteitag Überlassen. Er gebe sich auch der Hoffnung hin; daß die Badenser ihr Unrecht einsehen werden. Witzke(Rummelsburg): Er sei der Meinung, dast gegen die Badenser nicht scharf genus vorgegangen were den könne. Wenn man konsequent sein wolle, dann sehe er keinen anderen Ausweg als die Ausschließung. Zum mindesten müsse dem Parteitag gesagt werden wie der Kreis über die Frage denke.— Spieckermann# (Lichtenberg): Er halte es doch für notwendig, zunächst die badischen Genossen zu hören, ehe man ein Urteit fälle.“— Jacobsen(Oberschöneweide): Es sei erforderlich, das Milieu zu berücksichtigen, unter dem die badischen Abgeordneten leben. Die Verhältnisse in Bar den seien doch wesentlich andere wie in Preußen. Er halte es für nötig, das Urteil dem Parteitag zu übere lassen. Man dürfe nicht vergessen, daß hinter den hadischen Abgeordneten die große Mehrheit der badischen, ja süddeutschen Genossen überhaupt stehe. Und wenn man die Sache auf die Spitze treibe, dann könnte man es erleben, daß es zwei sozialdemokratische Parteien in Deutschland gebe. Dann wäre es mit der Einheit der Partei vorüber, und die Gegner würden frohlocken. Er halte es für erforderlich, alles aufzubieten, daß das einheitliche Band der Partei nicht zerrissen werde.“ Angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen müsse ein solches Vorkommnis unter allen Umständen verhüten werden. Er gebe sich der festen Hoffnung hin, daß der Parteitag den richtigen Weg zu finden wissen werde. Miros(Lichtenberg): Der Nürnberger Beschluß besage nicht, daß unter allen Umständen das Budget verweigert werden müsse. Es wäre gerabezu unsinnig, wenn es nicht einen gewissen Spielraum ließe. Wenn die Sozialdemokraten in den Parlamenten Einfluß gewinnen wollen, dann dürfen sie nicht bloß nein sagen, sondern positiv mitarbeiten. Die badischen Abgeordneten haben infolge ihres Verhaltens das Schulgesetz und eine ganze Anzahl anderer Dinge, die den Arbeitern zugute gekommen seien, erreicht. Es müsse auch innerhalb der Sozialdemokratie Ellbogenfreiheit eigener Kraft. Roman von Nora Denkes. 18 Der herrschsüchtige Winter, der seinen Einzug auch in Mühlenberg gehalten hat, hat die abendlichen Spaziergänge und seligen Plauderstündchen im Garten unter Schnee und Eis begraben. Das naßkalte Wetter hielt in die Stuben gefesselt, die nicht ausgehen müssen. Doktor Thielecke gehört allerdings nicht zu den Glücklichen; denn der Winter hat regelmäßig allerhand Erkältungen im Gefolge. Da haben die Aerzte schwere Arbeit, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, und des jungen Doktors Praxis beginnt sich auszubreiten. Gewöhnlich kommt er nur in der Dunkelheit nach Hause, trinkt einen heißen Tee und geht dann ins Stammlokal um seine drangsalierten Lebensgeister aufzufrischen. So bekommt er Lenchen, die dem nahenden Weihnachtsfest entgegen fleißig arbeiten muß, wochenlang nicht zu Gesicht. Hausbesuche zu machen, aber verbietet ihm das Pflichtgefühl, Die Christwoche hat nun, zu den massenhaften Schlittschuhen, die man dem Christkind zur Verteilung übergeben, auch die entsprechend glatte Eisbahn gebracht. Lenchens fleißigen Hände scheinen dem weißbeschwingten Weihnachtsengel besonders wohlgefallen zu haben. In ihrer Bescherung befindet sich ein schwarzsamtenes Eiskostüm, das angeblich Tillitante, in Wirklichkeit aber Major Anders gespendet hat, der aus naheliegenden Gründen den Spender nicht verraten wissen will. Die Tante läßt die Danksagungen und Küsse der Nichte zusrieden lächelnd über sich ergehen. Hat sie doch die Küche mit Würsten und Striezeln versorgt, da kann sie das Samtfähnchen auch noch auf sich nehmen. = Zenchen ist übermütig glücklich über das Geschenk; beimn in ihrem schwarzen Kreppkleid könnte sie unmöglich eislaufen. Und doch liebt sie dieses schöne Wintervergnügen so sehr. Herr Pate Major hat sich übrigens auch, und ganz gehorsamst mit ein paar feingebundenen Büchern einestellt. Doktor Thielecke hat Blumen und eine reizende unschkarte geschickt. Ein kleiner Christbaumbrennenatürlich auch auf dem weißaedecktem Tisch, auf dem die Geschenke ausgebreitet liegen; der von Leuchen selbstverdiente warme Schlafrock „für die liebe, liebe Mama," natürlich oben auf. Daueben das Eiskostüm, in das Leuchen so gerne ihre weiche Wange einschmiegt, weil sie dann den süßduftenden Nelken und Maiglöckchen unauffällig nahe kommen kann. Andere Kleinigkeiten gruppieren sich ringsum diese Hauptstücke; und über das Ganze hat der gute Major noch einen Regen von Zuckerwerk niedergehen lassen und Lenchen knabbert nun mit ihren gesunden Zähnen herzhaft und unverdrossen darauf los. Dazwischen muß sie freilich der haltlos weichen Mutter immer und immer wieder die rinnenden Tränen von den Wangen wischen. „Wein nicht, Mütterlein. Schau, es ist ja jetzt so schön weihnachtlich. Wir müssen uns nun endlich ganz ergeben.“ „Bist Du ein wenig glücklich, meine Kleine?“ „O ja, Mama. Das Weh um den lieben Papa ist ja natürlich noch immer da. Aber doch gemildert. Und dann freue ich mich, daß ich wenigstens soviel erreicht habe, weißt Du, daß ich doch wenigstens etwas verdienen kann. Immerhin, aber selbsterworbenes Geld gibt einen doch so ein festes, sicheres Gefühl. Ja! Ich komm' mir jetzt ganz anders vor als früher: viel besser.“ „Mein liebes Lenchen,“ spricht die Mutter gerührt. Innerlich aber denkt sie: auch den Leuten kommst Du anders vor als früher. Aber leider.. nicht besser. Doch verschweigt sie diese traurigen Gedanken. Es ist ja heute Weihnacht. Fest der Freude. Unter den Klängen der Militärkapelle gleitet am ersten Christfeiertag die Jugend von Mühlenberg über die spiegelglatte Fläche des Eissportplatzes, der zur Verherrlichung des Tages ringsherum mit buntfarbigen Wimpeln geschmückt erscheint. Vom frischen Wind purpurn geküßte Wangen und Lippen leuchten, und glänzende Augenpaare lachen zu den diensteifrigen Kavalieren empor, die in Zivil und Uniform, die unzähligen Mädchensknospen gleich Schmetterlingen umschwärmen. Es ist ein schönes buntes Bild, das die glitzernde Bahn belebt; und darum schreitet Lenchen Klinger, die schon so lange keiner Unterhaltung beigewohnt hat, dem Eisplatz mit stürmischer Freude entgegen. Sidi Tontch, ihr treuer Anwalt, erwartet sie, angenehm überrascht, daß die Freundin endlich wieder einmal eine Geselligkeit besucht.„Aber Du, Lenchen, hübsch hast Du Dich gemacht und elegant, nein, wie der schwarze Samt Dich prachtooll kleidet.“ Und es ist wahr. Denn das tiefe Schwarz des mit Troddelverschnürung geputzten Kostüms, hebt Lenchens feines Gesicht in blendender Frische heraus. Und das aus demselben Stoff gefertigte Barett, auf dem die Troddeln ebenfalls lustig baumeln, sitzt über dem braunen Stirngelock„zum Küssen schneidig,“ wie zwei junge Offiziere aus Lenchens Bekanntschaft, sichs gegenseitig begeistert versichern. Auch Agnes Hollmanns scharfe Augen haben die eben Hinzugekommene sofort herausgefunden, die sich mit allen Zeichen der Ungeduld ihre Schlittschuhe von Hans Tontch, einem jungen Akademiker, anschnallen läßt. Agnes ist in einem von oben bezogenen grünen Plüschkleid aufgestiegen. Das lange, überschlanke Mädchen hat eine besondere Vorliebe für schleppend lange Gewänder, die sie natürlich noch größer erscheinen lassen, als sie ist. Aber das hat sie eben gern. Sie will originell, auffallend sein. Und so schwänzelt auch jetzt Schoß, Jackett, Aermel, alles übermäßig lang und faltig an ihr herum, daß sie einer windgepeitschten Föhre gleichsieht. Dabei hält sie ihren Kopf hochmütig zurückgebeugt und den Doktor Thielecke fest an der Hand, denn ihre irrelichternen Augen bemerken sehr wohl die Blicke, die hinter dem Zwicker des Doktors heraus nach jener Seite flakkern, wo Lenchen Klinger soeben langsam zu gleiten beginnt. Auch Lenchen hat natürlich die Anwesenheit des Doktors mit seiner grünen Dame konstatiert. Es sticht sie ja ein wenig, daß Thielecke gerade mit Aques schleift; doch kennt sie deren despotische Natur, die einfach nimmt, wer ihr paßt.„Wenn freiwillig keiner anpackt, fängt sie sich jemand,“ hieß es schon in der Schule von ihr. Also wahrscheinlich hat sie ihn auch gefangen, tröstet sich Lenchen, um ihre gute Laune nicht zu verderben. Nun haben sich die beiden Leutnants Rüger und Welter, zwei unzertrennliche Freunde, die man immer in einem Atem nennt, ihrer bemächtigt. Sie nehmen Lenchen in die Mitte, so daß Sidi gezwungen ist, abzufallen, da sie, eine schlechte Läuferin, nur so herumzappelt. Agnes spürt den Ruck, den dieser Anblick in die von ihr festgehaltenen Rechte Thieleckes bringt.## Ein wahres Haßgefühl gegen das„arme Mädchen“ steigt in ihr auf. Und sie schwört sich, den Kopf mit den wallenden Straußfedern in heftiger Aufwallung zurückschleudernd, diesen schönen Mann unter allen Umständen für sich zu gewinnen. So schleift die kleine Kette, die Lenchen Klinger mit den zwei jungen biegsamen Offizieren bildet, an ihnen vorüber. Doktor Thielecke zieht ehrerbietig seinen Hut, Leuchen nickt leicht mit dem Kopf, sich außerordentlich lebhaft gebend. Agnes wirft sich im selben Augenblick zur Seite, ostentativ zeigend, daß sie Lenchen„schneide“. Ihr schleppendes Plüschgebauschel vom Kleid gerät dabei in einen Sporn Leutnant Rügers und der teure Besatz bleibt an dem harmlos Weiterschleifenden hängen, der, von diesem Hindernis ums Gleichgewicht gebracht, sich nurnach heftigem Balanzieren vor dem Falle bewahrt. Agnes ist von Thielecke ebenfalls auf den Beinen gehalten worden. Aber er, der die das ganze veranlassende Bewegung sehr wohl bemerkt hat, ist nun der Tochter des Hauses, aus dem er das größte Jahreshonorar bezieht, ernstlich böse. „Du langer Grasaff!" denkt er, während er den Besatz von dem Leutnantssporn zu trennen sucht. Nachdem ihm dies endlich gelungen ist, trommelt Agnes, in ihrer diktatorischen Art, die Hälfte des Eislaufpublikums zusammen, ihr Stecknadeln zur Befestigung der nachschleifenden Kleiderborte auszuleihen. Da es den meisten Herren und Damen an solchen Dingen mangelt, werden ihr unter einer Springflut von guten und schlechten Witzen, alle möglichen Befestigungsmittel zur Verfügung gestellt: Zigarettenspitzel, Handschuhknöpfer usw. Diesen günstigen Augenblick benützt der gute Doktor, um dem aus dem Menschenrummel still davongeglittenen Lenchen nachzusetzen. Ein wenig zögernd, aber nicht unfreundlich, legt sie ihre Hand in die seine, denn sie sagt sich, daß es lächerlich erschiene, ihm ein gekränktes Gesicht zu zeigen. O wie wohl tut ihm das ungekünstelte warme Wesen des jungen Mädchens, nach dem den, extreingeistreichen Gebahren, der allgemeinale „interessant" beleumdeten Aqnes. Vielleicht noch nie dar er sich so ganz und gar zu dem schönen Kinde hinge„„„ 182* zogen gefühlt, wie beute. 182,18 P A hherrschen. Selbst der Parkeivorstand habe gegen den Parteitagsbeschluß in München(1902) bezüglich der Stichwahlen gehandelt. Er halte es für das Beste, von jeder Erklärung Abstand zu nehmen.— Schmidt=Stralau: Er sei der Meinung, die Abstimmung über das Budget sei eine bloß taktische und keine Prinzipienfrage. Es sei doch nicht das erste mal, daß sozialdemokratische Landtagsfraktionen für das Budger gsstimmt haben. Es werde gesagt: die Budgekannahme widerspreche den Parteitraditionen. Was sei nicht alles Parteitradition. Sehr lange galt es als Parteikradition, sich von den preußischen Landtagswahlen fernzuhalten. Diese Tradition sei plötzlich über den Hausen geworfen worden. Eine Partei wie die Sozialdemokratie könne man nicht in spanische Stiefel sperren. Er sei ein Gegner der Hofgängerei. Aber sei man doch ehrlich.. Sind nicht die sächsischen Abgeordneten vor einiger Zeit bei einems Hoch auf den König aufgestanden? Die Genossen Ulrich und Geck haben ebenfalls an den Bierabenden teilgenommen. an denen der Großherzog zugegen war und sich in steundschaftlichster Weise mit diesen Herren unterhalten. hat. Was haben die Genossen in Württemberg getan? Diese Hofgängerei sei verschleiert worden, weil die sozialdemokrotischen Stadtverordneten, an der Spitze der Radikale Adolf Hoffmann, in London an Hoffesten keilgenommen haben.. Er müsse ebenfalls warnen, daß es in Magdeburg zu einem zweiten Dresden komme' Man dürfe nicht vergessen, daß wir vor den Reichstagswahlen stehen und auf die große Zahl des Mittelstandes Rücksicht nehmen müssen. Möge man die Angelegenhedem Parteitag überlassen und von jeder Resolution Abstand nehmen. Ganz besonders ersuche er, nicht Delegierte mit gebundenen Mandaten zum Parteitag zu schicken.. Dann könnte man besser die Resolutionen einschicken oder einen Phonographen nach Magdeburg entsenden.— Düwell(Lichtenberg): Er halte es für dringend erforderlich, daß die badischen Abgeordneten für ihre Taten bestraft werden. Es brauche deshalb nicht zu einer Parteispaltung zu kommen. Man wende ein, man müsse erst die badischen Genossen hören. Diese haben aber doch bereits genug gesprochen. Dr. Frank habe erklärt: es sei seit Monaten beschlossen gewesen, für das Budget zu stimmen. Nachdem noch einige Redner gesprochen hatten, erklärte Abgeordneter Stadthagen im Schlußwort: Er gebe sich der festen Hoffnung hin, daß die Badenser so vernünftig sein werden und ihre Verfehlung eingestehen, mit der Versicherung, daß es nicht wieder geschehen solle. Jedenfalls müsse ausgesprochen werden, was ist. Der Parteitag habe die Pflicht, die Badenser Genossen zur Rede zu stellen. Auf keinen Fall dürfe der Glaube auftauchen, es gebe in der Partei zwei Klassen. Der einen sei etwas erlaubt, was der anderen verboten sei. Man dürfe sich doch nicht verhehlen, daß, wenn ein weniger hervorragender Parteigenosse sich ähnlicher Verfehlungen schuldig gemacht hätte, man in schärfster Weise gegen ihn vorgegangen wäre. Wenn der Parteitag das Verhalten der Badenser nicht in schärfster Weise rügen würde, dann höre die=Sozialdemokratie auf, eine klassenbewußte Kampfpartei zu bilden. Der Umstand, daß die Reichstagswahlen vor der Tür stehen, dürfe den Parteitag nicht abhalten, sich mit der Frage in entsprechender Weise zu beschäftigen. Wenn der Parteitag dies unterließe, dann wäre dies für die Partei viel schlimmer, als wenn es zum offenen Bruch käme. Ein solcher sei aber nicht zu befürchten. — Die Rummelsburger und Pankower Genossen zogen hierauf ihre Anträge zurück. Alsdann gelangte die Erklärung Stadthagens mit großer Mehrheit zur Annahme. Strafkammer ließ den Burschen#cy eimm nm einer Gefängnisstrafe von 5 Monaten davonkommen.. Eine Hühnergeschichte, die nebenbei etwas komisches an sich hat, beschäftigte heute die Strafkammer des Dortmunder Landgerichts.. Der am 26. November in Drensteinfurt geb. Bergmann Hermann Uohnenkamp Heesen stattete am 6. Mai dem Hühnerhof des in der Gartenstraße wohnenden Renters Moritz Reinholt einen Besuch ab und holte sich das beste des Federviehs heraus.. Mit einem Hahn und einem Huhn unter je einem Arm, die übrigen in einem Korbe, zog er ungestört des Weges. In der Nähe des Ostenfriedhofes gelung es dem Hahn zu entschlüpfen und auch die Henne gewann die Freiheit. Hahn und Huhn flüchteten in das Strauchwerk des Kirchhofes, wo das Einfangen natürlich eine schwere Sache war, Durch einen des Weges kemmenden Polizeibeamten ließ sich Bohnenkamp schlauerweise nicht stören, er erzählte dem Beamten sein Mißgeschick, der ihm nunmehr beim Einfangen der Tiere behülflich war. Dann zog der Hühnerdieb unbehelligt wieder weiter. Als Mittags der Rentner den Diebstahl zur Anzeige brachte, ging dem Beamten ein Licht auf, es war ihm leicht den Hühnerdieb dem er bereitwilligst Dienste geleistet hatte, in der Person des Angeklagten zu ermitteln. Mit Rücksicht auf das Geständnis des Angeklagten und dem Versprechen, das so etwas nicht wieder vorkommen solle, ließ es der Gerichtshof bei einer Gefängnisstrafe von vier Monaten bewenden. Ein geriebener Schwindler, der schon eine ganze Reihe von Straftaten hinter sich hat, ist der Schlosser Willi Kaltosen, aus Hamm, der hier eine Zeitlang sein Unwesen trieb. Bei dem Wirt Ruksick gab sich Kaltofen als Ingenieur aus und wollte auf einem hiesigen Werke bedienstet sein. Er kaufte dem Wirt ein Motorfahrrad ab und bei dem sicheren Auftreten des Mannes gestattete ihm der Wirt, ohne Bedenken eine Probefahrt: Auf dieser blieb der Herr„Ingenieur“. und ließ dem Wirt als Andenken den nicht bezahlten Kaufpreis in Höhe von 400 Mark zurück. In Gevelsberg veräußerte Kaltofen das Rad an einen Wirt für den Spottpreis von 50 Mark. Der Bursche entging seiner Bestrafung nicht, in Baden wurde er aufgegrifsen und erhielt, heute wegen seines frechen Streiches von der Strafkammer 1 Jahr 3 Monate Gefängnis. In der Nacht zum 8.. April stattete der Platzarbeiter Friedr.. Tiergarten seiner Großmutter, der Witwe Lisette Bormann einen Besuch ab, der allerdings weniger der alten Dame, wie deren Geldkasse galt. Tiergarten erbrach den auch mittelst eines Eisens einen Behälter und machte sich mit 40 Mark davon. Die Dortmunder Strafkammer setzte gegen den Burschen heute mit Rücksicht auf sein Beständnis nur eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten fest. Leivzia, 27. Juli. Die Schwindelaffäre mit den Wechseln von Braganza beschäftigte heute den Ferienstrafsenat des Reichsgerichts als Revisionsinstanz. Vom Landgericht 1 in Berlin war bekanntlich am 25. Mai der Direktor Leslie Clarke wegen fortgesetzten versuchten Betruges zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden.. Die Revision rügte eine Reihe von prozessualen und Formfehlern. Der Feriensenat hob das Urteil des Landgerichts 1 auf und wies die Sache zur nochmaligen Verhandlung an dasselbe Gericht zurück. Aus dem Gerichtssaal. Ferienstrafkammer. Dortmund, 26. Juli. Die Strafkammer in Dortmund verhandelte gegen, den am 15. Oktober 1889 geb.. Knecht Wilhelm Raue aus Unna wegen Diebstahl und Unterschlagung. Der junge Bursche stahl im April d. J. dem Landwirt Bücker in Königsborn Geldbeträge und machte sich dann mit einem Fahrrad, das er sich bei dem Fahrradhändler Keminghaus für 180 Mark bei 10 Mark Anzahlung kaufte, schleunigst aus dem Staube.. Unterwegs verkaufte er das Rad wieder für einen Spottpreis an einem Bäckermeister. Infolge eines Steckbriefs fiel Raue der Polizei alsbald in die Finger, Die Dresden, 26. Juli. Gestern ist über das Vermögen der deutschen Luftschiffahrtsgesellschaft, G. m. b. H., in Liquidation das Konkursverfahren eröffnet worden. Diese Gesellschaft wollte große Schauflüge in MügelDresden veranstalten, hat aber nicht einen einzigen Flug ausgeführt, trotzdem Hunderttausende von Menschen auf die Ankündigung hin auf den Flugplatz hinausgelockt worden waren. Es kam damals wiederholt zu tumultuösen Szenen. Wien, 26. Juli. Auf Anfrage in Friedrichshafen teilt die Zeppelin=Luftschiffahrt=Gesellschaft mit, daß Graf Zeppelin mit seinem Lenkballon in der letzten Augustwoche zum Besuch Kaiser Franz Josefs in Ischl eintreffen wird. Sport. Der Castroper=Rennverein veröffentlicht im WochenRennkalender nunmehr seine Propositionen für das 32. Jahres=Meeting am Mittwoch, den 24. August er. auf der alten historischen Goldschmiedinger Rennbahn. Das Programm des Augusttages ist von 6 auf 7 Konturrenzen vermehrt und werden in diesem 21 500 Mark in bar, außer 3 wertvollen Ehrenpreisen umstritten, außerdem erhalten in 2 Rennen die Trainer des Siegers 450 Mark als Extraprämien. Eröffnet wird das Rennen mit dem Wegweiser=Jagd=Rennen, welches mit einem Preise von 1500 Mark ausgestattet ist; hiervon 1000 Mark dem ersten, 300 Mark dem zweiten, 200 Mark dem dritten Pferde. Das Glückauf=Jagd=Rennen= Offizier=Reiten ist mit 2000 Mark Preisen dotiert; hiervon 1100 dem ersten, 500 Mark dem zweiten, 250 Mark dem dritten, und 150 Mark dem vierten Pferde. Außerdem erhält der siegende Reiter einen Ehrenpreis. Es folgt alsdann das Erin=Jagd=Rennen, Herren=Reiten, mit 2500 Mark Preisen, in welche sich das erste, zweite und dritte Pferd mit 1500 Mark, 600 Mark und 400 Mark teilen. Auch hier ist für den siegenden Reiter ein Ehrenpreis vorgesehen. Als viertes Rennen kommt das Hauptereignis des Tages, das große EmschertalJagd=Rennen, welches von 4500 auf 6000 Mark erhöht ist. 3 Sieger teilen sich hierin zu 4500 Mark, 1000 Mark, und 500 Mark, Der Trainer des Siegers erhält eine Prämie von 300 Mark. Das weitere Castroper Jagd=Rennen— Herren=Reiten— sieht außer dem Ehrenpreise der Stadt Castrop 3500 Mark vor; hiervon 2300 Mark dem ersten, 800 Mark dem zweiten, 400 Mark dem dritten Pferde. Dieses Rennen hat einen Wertzuwachs von 500 Mark bekommen. Im folgenden Verkaufs=Jagd=Rennen sind on Preisen 2000 Mark, wovon 1500 Mark dem ersten, 300 Mark dem zweiten, 200 Mark dem dritten Pferde zufallen, ausgesetzt. Mit dem neu als siebentes Rennen in das Programm aufgenommenen Goldschmiedinger=Jagd= Rennen, welches von 3500 Mark, dem ersten Pferde 2500 Mark dem zweiten Pferde 600 Mark und dem dritten Pferde 400 Mark zusichert wird der Schluß gebildet. Der Trainer des siegendes Pferdes in diesem Handicap erhält außerdem eine Prämie von 150 Mark. Das Goldschmiedinger Jagd=Rennen ist gegen das Vorjahr mit 1500 Mark höher dotiert. Mit den 4 Jockey=Rennen 2 Herren= und ein Offizier=Reiten ist das Programm geschickt zusammengestellt und bringt eine derartige Fülle von Preisen, daß dem alten Platz, dessen Ueberlieferungen in so würdiger Weise festgehalten werden, eine große Beteiligung wieder in sicherer Aussicht steht. Die vorzügliche Dotierung der einzelnen Rennen wird zweifelsohne zahlreiche Nennungen nach sich ziehen. Während für die Rennen 1 bis 6 Nennungsschluß der 6.. August er., festgesetzt, ist derselbe für das 7. Rennen bereits auf den 30. Juli er. genannt. Vermischtes. Berlin. 26. Juli. Zu den Meldungen über den angeblichen Johann Orth teilt der argentinische Konsul in Wien folgendes mit: Ein Mann namens Baron Otto, der sehr wohlhabend ist, lebt tatsächlich in Argentinien. Ich habe selbst gehört, daß Baron Otto eine gewisse Aehnlichkeit mit Johann Orth besitzen soll, und in Argentinien wird öfter davon gesprochen, daß Baron Otto mit Johann Orth dentisch ist. Im Wiener Oberhofmarschallamt erklärte man zu den Meldungen über Spuren, welche darauf hinweisen, daß Johann Orth unter dem Namen Baron Otto in Argentinien lebe und sich wiederholt in der letzten Zeit in Paris und London aufgehalten habe, daß dort nichts davon bekannt sei. Berlin, 26. Juli. Der Berliner Hoteller Schaurté, der das Hotel„Westminster“, Unter den Linden, leitete, wird von der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Betruges verfolgt. Er ist mit einer Schuldenlast von 500 000 M. flüchtig. Berlin, 26. Juli. Von der gegenwärtigen Leitung des Westminster=Hotels wird erklärt, daß von einer Flucht des Hoteliers Schaurté keine Rede sein könne. Er strebe von Marienbad einen Ausgleich mit seinen Gläubigern an. Wie hoch die Schuldenlast sich beläuft, steht noch nicht fest. Berlin, 26. Juli. Vor kurzem wurden in der Nähe des Hauptpostscheckamtes wiederholt Laufburschen von einem jungen Mann Schecks abgeschwindelt. Der Täter ist jetzt in der Person des aus der Fürsorgeanstalt entwichenen 15jährigen Fürsorgezöglings Adolf Conrad festgenommen worden. München, 26. Juli. Die Verwaltung der Königlich bayerischen Zivilliste hat beschlossen, die Grundstücke und das Königliche Schloß Bera am Starnberger See, den Lieblingsaufenthalt König Ludwigs II, zu Bauzwecken zu verraufen. Schloß Berg wird von allen Fremden, die den Starberger See bereisen, besucht. Hier ist ein Kreuz errichtet worden, das die Stelle bezeichnet, von wo sich der König Ludwig ins Wasser stürzte. Gura=Oper. Berlin, 24. Juli. Die von dem bekannten Opern= und Konzertsänger Hermann Gura geleitete Sommer=Oper im Kgl. KrollEtablissement hat auch in diesem Jahre nichts von ihrer Popularität eingebüßt, und es ist jetzt wohl außer allem Zweifel, daß es ein glänzender Gedanke war, sich hauptsächlich der Aufführung Wagner’scher Musikwerke zu widmen. Das Heer der Nörgler und Zweifler, die nicht einsehen wollten, daß das deutsche Volk in seinem ethischen Empfinden ohne die künstlerischen Taten des Bayreuther Meisters nicht mehr auskommen kann, ist durch den Erfolg der Gura=Oper beschämt. Wenn auch nicht verschwiegen werden soll, daß die Kgl. Intendanz sich den früheren Unternehmungen weniger entgegenkommend gezeigt hat, so bleibt es doch das Verdienst Guras in die Tat umgesetzt zu haben, was vielleicht vor ihm von Anderen erstrebt wurde. Die bei einem zusammengewürfelten Ensemble unvermeidlichsten Mängel gleicht Direktor Gura durch die Hinzuziehung von erstklassigen Bühnenkünstlern aus und bietet dadurch dem Publikum die Garantie, daß bei jeder Vorstellung künstlerische Eindrücke haften bleiben. So brachte das Gastspiel von Knote=München und Leffler=Burckhardt=Wiesbaden für die Ring=Aufführung ausverkaufte Häuser, und die ausgezeichneten Leistungen der beiden Koryphäen begeisterten die Besucher zu schier unendlichen Beifallskundgebungen. Da auch die übrigen Rollen in durchaus würdiger Weise besetzt waren, so mußte die Darstellung des herrlichen Musikdramas selbst dem abgefeimtesten Wagnerkenner viel Freude bereiten. Es wäre ungerecht, wollte ich hierbei Herrn Kapellmeister Stransky unerwähnt lassen, der mit seltener Tatkraft und Umsicht das Ganze zusammenhielt, was in Anbetracht der obwaltenden Umstände gewiß keine Kleinigkeit war. Besonders aber auch glaube ich sein Verdienst hervorheben zu müssen, wenn man bedenkt, was er aus dem BlüthnerOrchester, welches eigentlich ein Konzertorchester ist, herausholte. Herr Dr. von Barn aus Dresden mit. Herrn Urlus aus Leipzig abwechselnd und Frau Guszalewicz aus Köln setzten den begonnenen Reigen in„Triskan und Isolde“ fort und konnten ebenfalls reiche Lorbeeren einheimsen. Am vorigen Freitag hörte ich eine Aufführung von„Lohengrin“, wobei in den Hauptrollen Herr Löltgen=Barmen, Frl. Petzl=Hamburg, Frl. KnochBraunschweig und Herr vom Scheidt=Hamburg beschäftigt waren. Sie alle bewiesen, daß die Gura=Oper aber auch ohne Gäste den Vergleich mit keiner größeren Bühne zu scheuen braucht. Wenn ich daher allen Freunden den Besuch derselben nur dringendlichst empfehlen kann, so bin ich überzeugt, daß sie diesen nicht zu den verlorenen Abenden zu zählen brauchen. L. I. Ein nestbauender Fisch ist der Stichling. Das Tierchen ist zu erkennen an den scharfen Dornen auf Rücken und Bauch, die für das kleine Geschöpf eine furchtbare Woffe sind, derentwegen es auch von den meisten Raubfischen verschont wird. Die Farbe dieses merkwürdigen Fischchens, schreibt Dr. Floericke in seinem„Kleinen Naturforscher“(5 Bändchen, jedes 1.20 Mk., Verlag Nister in Nürnberg), ist sehr von seiner Stimmung abhängig. Gewöhnlich erscheit es schlicht grünlich mit Silberglanz, aber bei zorniger Erregung leuchtet es förmlich auf in den prachtvollsten Farbentönen von Rot, Gelb und Grün. Und dazu bedarf es nur einen geringfügigen Anlasses, denn der Stichling ist ein gar zorniger, leidenschaftlicher und heißblütiger Bursche. Gewöhnlich schilt man ja die Fische phlegmatisch und kaltblütig, aber unser Stichling beweist, daß es das auch Ausnahmen gibt. Und mit dem lebhaften Wesen des Stichlings, der zu den Raubfischen zählt, steht auch seine körperliche Unruhe und Behändigkeit im Einklang. Er ist einer der muntersten und gewandtesten Fische, blitzschnell in seinen Bewegungen, und muß sich immer etwas zu schaffen machen. Jeder wahrt sich sein kleines Revier auf das eifersüchtigste und fängt mit jedem erscheinenden Nebenbuhler sofort eine erbitterte Rauferei an. Das Merkwürdigste beim Stichling ist aber sein Nestbau und seine Brutpflege. Seltsam genug, daß ein Fisch sich im Wasser sein Nest baut, wie ein Vogel im Gebüsch! Ueber den Einfluß des Hungers der Tierpsyche berichtet Dr. Alexander Solowsky, zoologischer Assitent in Karl Hagebecks Tierpark in Stellingen bei Hamburg, in seiner jüngst erschienenen Schrift„Aus dem Seelenleben höherer Tiere"*) unter anderem folgendes Interessante: „Es gilt nicht nur eine Physiologie, sondern auch eine Psychologie des Hungers zu erforschen. Welche in der Tiefe der Tierseele schlummernden Regungen der Hunger auslöst, kann nur der richtig beurteilen, der Gelegen*) Verlag Theod. Thomas, Leipzig 1910. Einzelpreis: Mk. 1,—, eleg. geb. Mk. 1.60. Diese Schrift gehört zu den periodisch erscheinenden Veröffentlichungen der„Deutschen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft“, die gegen einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von 6 Mk. die Halbmonatsschrift„Natur“ und außerder fünf Bändchen liefert. Petersburg, 27. Juli. Die Cholera greift hier in besorgniserregender Weise um sich. In den letzten 24 Stunden erkrankten 58 Personen, von denen 16 gestorven sind. Die Gesamtzohl de: Erkrankten beträgt 280. Gestern brach die Cholera auch im Krankenhaus für scharlachtranke Kinder aus Saloniki, 26. Juli. In Kawalla bei Salonik stürzte das neben dem internationalen Hospital befindliche Frauenbad während der Badezeit ein. Die Katastrophe erfolgte so plötzlich, daß zahlreiche badende Frauen sich nicht retten konnten. Zwei Frauen wurden tot aus den Trümern hervorgezogen, mehrere wurden schwer, viele leicht verletzt. Konstantinovel, 27. Juli. An der Grenze vor Tunis und Tripolis sand ein heftiger Kampf zwischen türkischen Arabern und französischen Truppen statt. Die Verluste sollen 100 Tote und Verwundete betragen. Bei Medina hat ein Kampf zwischen türkischen Truppen und Arabern stattgefunden, wobei letztere starke Verluste erlitten. Wien, 27. Juli. Der Kaiser hat dem frühern deutschen Staatssekretär Frhrn. v. Schoen die Brillanten zum Großkreuz des Leopoldordens verliehen. Luxemburg, 26. Juli. Auf der Metzer Hütte sind sieben Arbeiter bei Reinigungsarbeiten durch ausströmende Gase betäubt worden. Zwei davon erstickten, ebenso ein zur Rettung herbeigeeilter Hilfsarbeiter. London, 26. Juli. Das historische Schloß zu Menlough in der Grafschaft Galway ist niedergebrannt. Die Tochter des Besitzers Sir Valentine Blake ist verbrannt. Zwei Bedienstete sind beim Sprung aus dem Fenster tödlich verunglückt. Neuyork, 26. Juli. Der Bürgermeister von Ridgeway namens Bausan ist durch eine Dynamitbombe, die unter seine Hängematte gelegt worden war, getöter worden. Wien, 26. Juli. Vom Eigergletscher ist der bekannte Berliner Romanschriftsteller Heinz Tovote abgestürzt und hat den rechten Arm gebrochen. Dresden, 26. Juli. Der einjährig=freiwillige Marineartillerist Erich Levin aus Friedrichsort bei Kiel hat im Walde bei Weissig unweit Dresden in der vorigen Nacht seine Geliebte, ein Mädchen aus Charlottenburg ersmossen und sich selbst schwen verwundet. Die Leiche des Mädchens ist noch nicht gefunden worden. Budavest, 26. Juli. Im Komitat SzolnockPopola in Siebenbürgen ist infolge eines furchtbaren Wettersturzes in den letzten Tagen eine Hochwasserkatastrophe eingetreten. Bisher liegen Meldungen vor, die von 25 Toten berichten. London, 26. Juli. Das Nachrichtenbureau„Zentral News“ erhielt aus Montreal in Kanada ein Telegramm des Inhalts, daß Dr. Crippen und seine Geliebte verhaftet worden seien.(Vergl. die Notiz unter„Verschiedenes“.) Man sagte es Miß Le Neve auf den Kopf zu, daß sie kein Knabe, sondern ein verkleidetes Mädchen sei, und sie leugnete dies auch nicht, sondern gab es umumwunden zu. Sie bestreitet aber ganz entschieden, von dem Verbrechen des Dr. Crippen Kenntnis gehabt zu haben. Titeratur. Zu Beginn der Laichzeit betätigt sich das dann in den schönsten Farben prangende Stichlingsmännchen als Baukünstler. Mit dem Maule schleppt es Würzelchen und andere Teile von Wasserpflanzen in die Tiefe, kittet sie hier mit einem klebrigen Leim zusammen, den der Fisch selbst von sich giebt, und beschwert sie mit Sand. Das so entstandene Nest ist etwa faustgroß, von länglichrunder Gestalt, hat einen Eingang und diesem gegenüber einen Ausgang. Die Eier werden vom Weibchen in dieses Nest geleut und hier vom Männchen auf das eifersüchtigste behütet, bewacht und verteidigt, ja gewissermaßen auch bebrütet, indem das hübsche Fischchen sich senkrecht über dem Nesteingange aufstellt und durch unablässige und kräftige Bewegung der Brustflossen eine lebhafte Wasserströmung und dadurch eine stärkere von Sauerstoff erzeugt, Auch die winzigen Jungen werden von dem treuen Vater sorgfältig beschirmt. Es sind nur 40 bis 80, also für einen Fisch nicht viele. Entfernen sich einige vom Neste, so fängt sie der Vater wieder mit dem Maule ein und speit die Däumlinge dann ins Nestinnere aus, ein summarisches Verfahren, das aber den Kleinen durchaus nichts schadet. Für gut gehaltene Aquarien ist der Stichling wertvoll. Narren der Natur. Novellen von Hans Olden, Mit einem Geleitwort von Maximilian Harden. (Concordia Deutsche Verlags=Anstalt, G. m. b. H. in Berlin W. 30). Preis geh. 2 Mark, gebunden 3 Mark. Hans Oldens Novellen sind der sprechendste Beweis, wie sein, wie geistreich, wie kultiviert, wie— literarisch einer sein kann, ohne daß ihm dabei das Wesentlichste verloren gehen muß: die Kraft, unser Gemüt so zu erregen, daß wir uns selbst vergessen und die schöne Form und den Geist und die Literatur und den Herrn Verfasser dazu! Das reinste Glück des Lesers!— Narren der Natur— mein Gott das sind wir mehr oder weniger alle, trotz unseres berühmten freien Willens. Nicht bei Jedem von uns führt diese Abhängigkeit von Mächten die mit uns ihr Spiel treiben zur Katastrophe, wie bei den Menschen dieser Novellen. Aber in Gefahr sind wir alle. Olden, ein Skeptiker und jeder Sentimentalität fremd, hütet sich sehr, in einen billigen Mystizismus zu verfallen und gleichsam immer mit hohler Stimme zu sprechen, um uns zum Schaudern zu bringen.“ Im Gegenteil, er will nichts glauben oder glauben machen was er nicht sieht, erzählt alle diese Dinge fest und ehrlich. Aber immer am Schluß gewahrt man etwas Unerklärbares, Unlösbares, einen gespenstischen Rest der fragend herumirrt. Am ergreifendsten wird das in der Geschichte„Come in!“ Eine finstere Gestalt— blaß wie der Tod— erscheint dem Helden in den kritischen Augenblicken seines Lebens, jagt ihn durch die Welt und wird auch gesehen, als der Held bei einem Eisenbahnunglück umkommt.„Zufall?“ fragt Olden,„Auch dies setzte wieder ein Zufall?“ Und er antwortet sich selbst:„„Ja! Tausendmal ja!“ Man hat die Vision krachend in's Schloß geworfener Türen und glaubt zu sehen, wie sich einer aus den Finsternissen und ihren furchtbaren Fragen in's Leben. in die Sonne hinein rettet! heit hatte, hungernde Tiere vergleichsweise zu beobachten. Ein außerordentlich lehrreiches Beispiel gewähren in dieser Hinsicht die Schlangen, namentlich die Riesenschlangen. Diese großen Reptile liegen im Zustande der Sättioung tagelang sozusagen auf einer Stelle und rühren sich kaum. Sie nehmen von ihrer Umgebung, wenn sie nicht direkt beänstigt werden, keine Notitz, sondern geben sich vollständig im verdauenden Zustande der Ruhe hin. Auch regen sie sich kaum in diesem Zustand, wenn andere Schlangen über sie hinwegkriechen oder sich gar auf sie legen. Ganz anders verhalten sich diese Schlangen aber, wenn sie hungrig sind. Sie kriechen dann nicht nur lebhaft suchend, wobei sie unausgesetzt züngeln, umher, sondern befinden sich in einem furchtbaren Zustand der Erregung. Die gewaltige Freßgier, die diesen Ungeheuern innenwohnt, wird aber plötzlich durch den Anblick der Beute ausgelöst. Ich konnte wiederholt an gefangenen Exemplaren der großen die malayische Inselwelt bewohnende Netzschlange(Python reticulatus) beobachten, welche geradezu titanische Gewalt plötzlich bei ihnen zum Ausdruck kommen kann. Während diese Schlangen, wenn sie nicht hungrig sind, absolnt keine Notiz von ihnen vorgeworfenen Tieren resp. Tierkadavern nehmen, stürzen sie sich, sobald ihre Freßgier erwacht ist, mit Blitzeseile und unter Aufwendung ungeheurer Kraft und Behendrgkeit auf das Opfer, dieses nicht nur mit den Zähnen am Kopfe packend, sondern auch umschlingend und würgend. Nicht selten kommt es vor, daß zwei solcher Ungehener auf die gleiche Beute gierig waren und nun in grimmer Freßwut sich befehdeten. Es sind mir nicht nur Fälle bekannt, das diese Schlangen sich bei solcher Gelegenheit lebensgefährliche Verletzungen beibrachten und direkt Stücke aus dem Körper rissen, sondern ich weiß sogar von einem Fall, bei welchem die beiden Gegner sich so ineinander verbissen, daß sie unfähig waren, voneinander loszukommen. Sie zogen sich gegenseitigig in das Wasserbassin, ihres Behälters und ertranken darin. Aus dieser Schilderung geht hervor, daß der Hunger bei diesen Schlangen den Gemütszustandvöllig verändert: Tiere, die vorher harmlos und vollständig ruhig waren, werden unter dem Zwange des Erhaltungsbetriebes zu den wildesten Bestien, die mann sich vorstellen kaur.“ „ 2—* S 3 2 SS.— "„—BUPgngnea bFresaeda P *—M-—O„. O a.gm OoREAUE n"*„ 3 D.•=„ #- W s e Wa: E" 2. •..... ETESRR 0 S SE —"*• 0 81. * SE 2 5 .a 0— 2 1 Fa= O. SV LAN F G. 3— BBuges rn #g.ee."— 21,4 Elsi tat durchaus fremd gegen ihn, antwortete ihm nur das Notwendigste, dankte, wenn er ihr die Zeit wünschte; in allem übrigen war sie unbeweglich. Christen ward suchswild darob, und konnte Elsi doch nicht lassen. Hundertmal nahm er sich vor, nicht mehr an sie zu denken, sich ganz von ihr loszumachen, und doch stand sie beständig vor seinen Augen; ihre weißen Hemdeärmel am Brunnen sah er durch sieben Zäune schimmern, und an allen Haaren zog es ihn, bis er unter ihrem Fenster stand. Hundertmal nahm er sich vor, rasch eine andere zu freien, und so dem Dinge ein Ende zu machen, aber er konnte mit keinem Mädchen freundlich sein, und wenn eines gegen ihn freundlich war, so ward er böse; es war ihm, als trügen alle andern Mädchen die Schuld, das sich Elsi so gegen ihn verhärte. Während Christens Weh im Herzen wuchs als wie ein bös Gewächs, wuchs auch der Lärm mit den Franzosen von Tag zu Tag. Schon lange waren Soldaten auf den Beinen; viele Bataillone standen gesammelt den Franzosen bereits gegenüber, welche an den Grenzen lagen, und im Waatlande. Immer mehr bildete sich beim Volke der Glaube aus, der Franzos fürchte sich, dürfe nicht angreifen, und unterdessen schlichen viele herum; die das Gerücht zu verbreiten suchten: die Herren wollten das Volk verraten; wäre dieses nicht, der Franzos wäre längst abgezogen; aber er passe auf die Gelegenheit, und bis er mit den Herren einig sei. Das echte Landvolk haßte den Franzos wie den Antichrist, ärger als einen menschenfressenden Kannibalen; daher ärgerte es sich schwer an dem Zögern der Herren auf dem Rathause; das Schwanken dort war eben nicht geeignet, jene Verleumdungen Lügen zu strafen. Eine schauerliche Nachricht jagte die andere. Da kam plötzlich die Botschaft, der Krieg sei losgebrochen, und die Postboten flogen durch die Täler, alle eingeteilten Mannschaften auf die Sammelplätze zu entbieten. Es war am ersten März spät abends, als auch Christen den Befehl erhielt. Alsobald rüstete er sich und bestellte sein Haus, und Nachbar um Nachbar kam, bot seine Dienste an und keiner vergaß der Mahnung:„Schonet sie nicht, die Franzosen; laßt keinen entwischen; schießt ihnen Köpfe und Beine ab, verbrennt sie dann noch lebendig! Sie wissen es dann in Zukunft, daß sie uns ruhig lassen sollen, die Mordioteufel!“— Christen mochte nicht warten, bis der Letzte fort war; aber ohne Abschied von Elsi wollte er auch nicht fort. Als er an ihr Fenster kam, ging es ihm wie früher. Er erhielt auf Rede und Klopfen keine Antwort. Da sprach er:„Hör', Elsi, ich bin da eben in der Montur und auf dem Weg in den Krieg, und wer weiß, ob du mich lebendig wieder siehst, wenigstens wenn du so tust gewiß nicht. Komm hervor, sonst könnte es dich gereuen, solange du lebst.“— Die Worte drangen Elsi ins Herz; sie mußte aufstehen und ans Fenster gehen. Ta sagte Christen:„So kommst du doch noch; aber jetzt gib mir die Hand und sag' mir, du zürnest mir nicht mehr, und wenn mich Gott gesund erhält, so wollest du mein Weib werden, versprich mir's.“— Elsi gab ihre Hand, aber schwieg.—„Versprichst mir's?“ fragte Christen. Es wollte Elsi das Herz abdrücken und lange fand sie keinen Laut, und erst als Christen noch einmal sagte:„So red' doch, sag' mir, du wolltest mich, daß ich auch weiß woran ich bin,“ antwortete sie:„Ich kann nicht,“ —„Aber Elsi, besinn dich,“ sagte Christen,„denke du könntest reuig werden; sage ja.“—„Ich kann nicht,“ wiederholte Elsi.„Elsi, besinn dich!“ bat Christen dringend,—„sag mir das nicht zum drittenmale; wer weiß, ob du mir dein Lebtag noch etwas sagen kannst; sag' ja, um Gottes willen bitt' ich dich.“— Ein Krampf faßte Elsis Brust, endlich hauchte sie:„Ich kann nicht.“—„So sieh, was du gemacht hast!“ antwortete Christen,„und verantworte es dann vor Gott.“— Mit diesen Worten stürzte er fort; Elsi sank bewußtlos zusammen. Still ging der zweite März über dem Tale auf. Die meisten Bewohner waren am Abend lange vorher aufgewesen und hatten den Abziehenden das Geleit gegeben, und so begann erst spät des Tages Geräusch. Elsi war betäubt und ging herum wie ein Schatten an der Wand. Die Meisterfrau hatte wohl gemerkt, daß Christen oben am Fenster Abschied genommen, aber nichts verstanden. Sie hoffte, daß sie sich verständigt und fühlte Mitleiden mit Elsis Aussehen, welches sie der Angst um Christens Leben zuschrieb. Sie tröstete, so gut sie konnte und sagte, es sei noch nicht gewiß, daß es Krieg gebe; vielleicht sei es nur wieder blinder Lärm. Und wenn schon, so hätte sie gehört, unter hundert Kugeln treffe nicht eine einzige, und Christen sei alt genug, um aufzupassen, daß ihn keine treffe, und nicht so wie ein Sturm drei zu rennen, ohne sich zu achten, wohin. Elsi sollte nur nicht Kummer haben; es werde noch alles gut gehen, und ehe Pfingsten da sei, könne es eine schöne Hochzeit geben. (Forts. folgt.) Allerlei Die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen der Erde. Die Zeit der Ferien und der Reisen ist da, man eilt nach den Bergen und nach dem Meer. Ta ist es vielleicht ganz nützlich, die kühnen Bergsteiger an die höchsten Erhebungen auf unserem Erdkreis zu erinnern und an die Punkte, die einst dafür gegolten haben, wie es ebenso den Schwimmern und den Tauchern in den Seebädern interessant sein wird, Namen und Lage der tiefsten Meerestiefen zu erfahren. Eine französische Zeitschrift stellt die Berge zusammen, die sich um den Ruhm der höchsten Höhe gestritten haben. Lange waren die Gelehrten der Ansicht, daß der höchste Punkt der Erde der Pik von Teneriffa sei, ein seit Jahrtausenden erloschener Vulkan, dessen Tätigkeit aber in der allerletzten Zeit wieder erwacht ist. Dieser Pik, der auf einer der Kanarischen Inseln liegt mitten im Atlantischen Ozean beherrscht dergestalt den Meegessplegel und bietet einen jo gewaltigen Kontrast zu dem gleichsörmigen Niveau der Wellen, daß man ihn schon aus den weitesten Entfernungen bemerkt. Wie ein ungeheurer Riese scheint eer aus dem Wasser aufzuwachsen und dünkte deshalb dem Blick ganz unvergleichlich hoch. So galt er denn lange für den höchsten Gipfel der Erde, obwohl er nur 3810 Meter hoch ist Später wurde dieser Ruhm dem Chimborasso eingeräumt, dem Berg der Andenkette in Südamerika. Ter Chimborasso ist beinahe doppelt so hoch wie der Pik con Teneriffa; 6700 Meter. Seitdem man aber mit mathematischer Genauigkeit die Erderhebungen messen konnte, ist auch der Chimborasso von seiner bevorzugten Stellung verdrängt worden, und den Anspruch, das höchste Gebirgsmassiv des Erdballs zu sein, darf nun unbestritten der Himalaya für sich erheben. Als höchster Gipfel dieses Gebirges gilt der Gaurisanker mit 8840 Meter, doch stehen ihm die meisten der Himalayagipfel in der Höhe ziemlich nahe. Diese Höhen steigen also wieder fast um das Toppelte über den höchsten Berg Europas, den Montblanc, empor, der die Höhe von 4810 Meter erreicht. Die Reihenfolge der höchsten Erhebungen der Erde gestaltet sich nun folgendermaßen: an erster Stelle steht der Gaurisankar; den zweiten Platz nimmt ein Gipfel der Anden von Pern ein, der Surata mit 7900 Meter; ihm schließen sich eine Reihe anderer sehr hoher Erhebungen der Anden an, die alle um einige hundert Meter kleiner sind, bis zu dem Chimborasso herab. An dritter Stelle kann man dann die höchsten Erhebungen von Afrika nennen, den Kilimandscharo mit 5860 Meter und den Kenig mit 5484 Meter, beides Berge des großen Plateaus von Abessinien. Ten vierten Platz behauptet dann der Kaukasus in Asien mit dem Elbrus(5556 Meter) und dem Ararat(5356 Meter). An fünfter Stelle käme dann der Montblanc, der die Alpen in der Schar der großen Gebirge repräsentiert, und ihm schließt sich der Nethon in den Pyrenäen mit 3906 Meter an. An die sechste Stelle ist dann der Pik von Teneriffa gerückt; er, der früher für die erste unter allen Erhebungen galt, darf heute nur noch als die letzte gerechnet werden. Den höchsten Höhen der Erde stellen wir nun ihre tiefsten Tiefen entgegen. Die Abgründe, die sich auf dem Grunde der Ozeane öffnen, sind wohl viel tiefer als die Bergerhebungen hoch sind. Die berühmte Meerestiefe bei den Tongainseln in Polynesien soll nach einigen Angaben fast 10 Kilometer tief sein. Die exakten Messungen haben aber nur eine Tiefe von 9427 Meter unter dem Meeresspiegel ergeben. Fast ebenso zahlreich wie an den Küsten der Tongoinseln sind die großen Meerestiefen im Norden von Australien. Die Tiefe von Challenger mißt 8372 Meter; in die von Tuscarora im Nordwesten von Japan könnte man beinahe den ganzen Gaurisanker versenken, denn sie reicht bis zu 8510 Meter Tiefe herab Außerordentlich häufig sind im Ozean Tiefen von 6500 und 5500 Meter. In der Nähe der Antislen## mei Tiefen von 8300 Meter festgestellt. 5 # 50 7 K Blätter für Unterhaltung und Belehrung. 21 Der Kunstreiter. Erzählung von Friedrich G. (Nachdruck verboten.) „Wie viel Uhr schlägt das?“ sagte Mühler aufhorchend. „Eben elf— keit genug zum Mittagessen.“ „Ja, aber ich muß fort,“ meinte der Alte,„will meinen Jungen gleich aus der Schule mit nach Hause nehmen.— Hier, Wirt, meine Zeche— zwei Glas Bier und ein, zwei, drei, vier, fünf sechs, sieben Schnäpse, — gerade sieben— sehrt Ihr, hier sind die Striche— famoses Zeug, der Kümmel,— hahaha, den alten Forstwart müssen wir uns einmal wieder hierher einladen; das ist ein kreuzkurioser Kerl.— Guten Morgen, Tobias, guten Morgen, Sternenwirt— der Kümmel soll leben!“ Und seinen Hut gegen die Decke werfend, daß er ihm zurück gerade wieder auf den Kopf fiel, nickte er den beiden, darüber nicht wenig erstaunten Männern huldreich zu und verließ mit steifen Schritten die Wirtsstube. 14. Die Schule war gerade aus, und die Knaben und Mädchen froh, der engen Stube entronnen zu sein, tummelten sich lustig draußen herum. In der Tür des Schulhauses aber stand der Lehrer und zog mit voller Brust nach drei Stunden dunstiger, erdrückender Schulstubenatmosphäre; die kalte, frische Luft ein, die von dem See herüberstrich. Die Kleinen, die sich noch etwas im im Zimmer aufgehalten hatten, drückten sich scheu und grüßend an ihm vorüber, bogen dann um die Ecke, warfen noch einen Blick zurück, ob er sie nicht mehr sehen könne, und sprangen dann jauchzend den Gefährten nach. Es war Samstag und heute nachmittag keine Schule weiter, und die kleinen Kerle wußten das zu würdigen und zu genießen. Es ist aber doch die Frage, wer sich mehr darüber freute— der Lehrer oder die Schüler— wenn der erstere auch keine Luftsprünge machte, sondern ernst, mit dem bleichen, abgemagerten Gesichte nach den leichten Wolken hinaufschaute, die oben am Himmel ihre freie, luftige Bahn zogen. Auge und Atemzug drängte dem Weiten entgegen, und wie gern, wie froh wäre der Körper ihnen gefolgt! Der aber war gebannt, gefesselt an den engen Raum, an seine Klasse an der Schüler Schar, und wenn er auch nur wenig erstaunlich wenig Lohn dafür bekam, die wenigen Taler brauchte er eben zum Leben und konnte sie nicht entbehren: denn leben wollen wir ja alle, obgleich viele Leute das auch noch leben nennen, was eigentlich nur existieren heißt. Heute war Samstagnachmittag, und anderthalb Tage — wenn auch nur kurze Wintertage— freie Zeit lag vor ihm, in denen er seine kranke Brust ausruhen konnte, um am nächsten Montag wieder einen neuen Anlauf zu nehmen, sie vollständig zu ruinieren. Und doch lächelte er, als sein Blick auf die sich von ihm forttummelnde kleine lustige Schar fiel, die, mit den Büchern unter dem Arm oder im Ränzel auf dem Rücken, keine Sorgen, keinen Kummer ahnten, wie viel das Schicksal auch vielleicht schon für sie bereit hielt. Er dachte der eigenen Jugendzeit, dachte der frohen Jahre, die auch er durchlebt, und seufzte nur eigentlich darüber, daß er an frohe Jahre stets so weit zurück denken mußte, wenn er sich ihrer freuen wollte. Auch die Knechte kehrten von ihrer Arbeit heim, denn die Pferde mußten zwei Stunde Ruhe haben. Vom Gute waren drei Geschirre unten am See beschäftigt gewesen, bei dem jetzigen Frostwetter Schlamm herauszuschaffen und auf die Wiesen zu fahren. Die Geschirre hatten sie unten stehen lassen und ritten nun auf den Sattelpferden, die Handpferde führend, in den Hof zurück, quer über die gefrorene Wiese hinüber, den nächsten Weg einschlagend. Auf der Straße kam die Erzieherin mit Josefine herunter; sie hatten einen kleinen Spaziergang gemacht, dem aus der Schule kommenden Karl entgegen zu gehen, und der Hauslehrer begleitete sie, um seinen Schüler gleich in Empfang zu nehmen. Karl hatte sich in der letzten Zeit besonders wild und ausgelassen gezeigt, und der Hauslehrer, ein junger Kandidat der Theologie, wußte aus eigener Erfahrung, wie es die jungen Burschen gerade an einem Samstagmittag gewöhnlich ausgelassen treiben; es war deshalb besser, ihm beizeiten einen Zügel anzulegen. Der alte Mühler hatte seinen Neffen schon im Dorfe selber unter dem Schwarm der übrigen herausgelesen, sich aber keineswegs Mühe gegeben, den Uebermut der kleinen fröhlichen Bande zu zähmen. Selber äußerst guter Laune, stieß er, wie er mitten unter die Knaben kam, einen eigentümlich schrillen Schrei aus und sammelte dadurch im Nu den ganzen Schwarm um sich. „Hallo, ihr Kerle!“ rief er jetzt,„gebt Frieden, macht nicht solch einen Heidenspektakel, daß man seine eigenen Worte nicht hören kann! Heda, was seid ihr für ungechickte Jungen!“ wandte er sich plötzlich an zwei, die übereinander wegzuspringen suchten,„kommt einmal her — so müßt ihr's machen!“ „Hurra, der Schwiegervater will springen!“ riefen einige der größeren Jungen, und drängten sich rasch herbei, und der alte Mühler machte in ger Tat, von dem Branntwein aufgeregt, Anstalt, ihnen eine seiner Künste zum besten zu geben, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit plötzlich ablenkte. „Tort! dort! da geht ein Pferd durch!“ schrie der eine der Knaben, und als alle nach der angedeuteten Richtung blickten, sahen sie, wie eins der herrschaftlichen Pferde; das sich losgerissen hatte, in voller Flucht über die # 7 # 69 22 * — — — AR A S* — SS 8/2.2 —• G. S— Sir.* R" 0 3 à 3= BSERE S S 0— G •. E F 2 8 "— S.2— 8— G 8 E***— —• S S E S 8 5*— S E 52— R 9*— S E: 2 — S r. 8 92 * ** — .— S — 8 8— # 5 ** 8 — 8 — 8 E. S 8S 2 □ S Se m G 0 — * 2: E 82 * S S 00 * 2 # S 8 — *— — □ □ 1 2.. 2 ——— 5 9 5 S 1 S.— 2 * S 5 2 "" S—.0 * — * 5 2 5 □ — 2— F 19 FUT0R — S• 9 5 S. S SRE S S 21R S 1— —# 3 6— tr □ 1— — B 5 — 2* 8 — ** B 6 E 1 S S E u 18 8 85 E *—— 9%—— .—— 07— ü 26 — 1— — 2 *• S- P E 2 35 S— 50—* „ SE8 * TE SS * —— 8—— G ER Wiese nach der Straße zu kam und quer darüber hin wollte. „Nimm meinen Ranzen, Onkel!“ schrie da Karl, der, ohne ein Wort weiter zu sagen, seinen Ranzen und seine Mütze zu Boden warf, und, ehe nur jemand eine Ahnung hatte, was er wollte, dem durchgehenden Pferde entgegenflog' „Karl! Teufelsjunge!“ schrie der Alte hinter ihm drein, aber Karl hörte ihn schon nicht mehr. Mit einer Schnelle, die seine Mitschüler besonders in Erstaunen setzte flog er mehr als er lief, über die hartgefrorene Straße hin, und traf gerade dort mit dem wenig seiner achtenden Pferde zusammen, als dieses über den Chausseegraben setzte. Im Nu aber war er an seiner Seite— die linke Hand krallte in seine Mähne, die rechte stemmte er gegen die Schulter des Tieres, und halb im Sprunge, halb von dem bäumenden Pferde emporgerissen, saß er schon auf dessen Rücken, wie es eben an der anderen Seite wieder heraus über die Wiese setzte um dem Walde zuzustürmen. Der kleine wilde Reiter machte ihm aber bald begreiflich, daß es nicht länger sein eigener Herr sei, sondern folgen müsse wie er es lenkte. Kaum auf seinem Rücken, auf dem er sich vollkommen zu Hause fühlte, griff er, mit dem rechten Beine sich einklammernd, nach dem heruntergefallenen Zügel, brachte ihn dem Pferde über den Kopf und hatte es, eye es kaum zweihundert Schritte weiter geflogen war, völlig wieder im Zaum und in seiner Gewalt. Zu gleicher Zeit spielte unter der Schuljugend ein anderes Intermezzo, das die kleine Schaar kaum weniger belustigte und in Erstaunen setzte als der tollkühne Reitersprung ihres Kameraden. Ter alte Mühler nämlich hatte, statt Ranzen und Mütze seines Neffen aufzuheben, mit halb zusammengeducktem Körper, beide Hände auf die Knie gestützt, den Kopf etwas zurückgebogen, die Augenbrauen bis in die Haare hineingezerrt, Mund und Augen weit geöffnet, ihm nachgeschaut. Kaum aber sah er, daß der Sprung gelungen war, sah, daß sein Karl sich„nicht blamiert hatte“— wie er ihm später gestand, daß er gefürchtet — sah ihn auf den Rücken des Tieres, als er plötzlich ein lautes Hussa! ausstieß. Zu gleicher Zeit warf er seinen Hut in die Luft, sprang selber hoch in die Höhe, überüberschlug sich, zum unsagbaren Ergötzen der Umstehenden, in freier Luft, kam wieder auf die Füße, fing in demselben Moment den zurückfallenden Hut, ohne ihn mit den Fingern zu berühren, auf der Stirn und stieß dabei ein wahrhaft diabolisches Gelächter aus. Der Jubel der Schuljugend bei dem Luftsprunge des„Schwiegervaters“ läßt sich eher denken als beschreiben. Ueberhaupt wurden ihnen hier zu viele Genüsse geboten, um nicht dabei über die Stränge zu schlagen. Samstagmittag, ein durchgehendes Pferd, das Kunststück des Kameraden, und nun hier gar der Luftsprung eines Mannes, der bis jetzt als zum Gute gehörig, nur mit scheuen Blicken von ihnen betrachtet worden und in der Tat auch nur finster und grämlich zwischen ihnen aufgetreten war— das alles zusammen schien, wie gesagt, zu viel für sie. Ein ähnliches Geschrei oder Geheul, wie es die Wilden in Amerika bei plötzlichen Ueberfällen ausstoßen, machte für einen Augenblick die Luft erzittern, und dann brach sich der Jubel der jugendlichen Bevölkerung in einer Unzahl von Purzelbäumen, wie anderen ländlichgymnastischen Uebungen Bahn. Aber auch der Erzieherin Josefinens war eine kleine, wenn auch nicht in Tätlichkeiten ausartende Ueberraschung vorbehalten. Wie nämlich das durchgehende Pferd, kaum zehn Schritt von ihnen entfernt, über die Straße setzte, und Karl vor ihren Augen auf — dessen Rücken sprang, da faßte die Erzieherin erschreckt Josefinens Arm, sie zurück und einer möglichen Gefahr aus dem Wege zu ziehen. Josefine aber, sich rasch und erregt von ihr losmachend— denn die Szene hatte ebenfalls in ihrem kleinen Herzen all die früheren lustigen Ritte, das freie, herrliche Leben im Zirkus zurückgerufen— sagte lachend:„Ich fürchte mich nicht, Mademoiselle, wenn ich die langen, unbequemen Kleider nicht anhätte, könnte ich das auch!“ „Tu?“ rief Mademoiselle Adele erschreckt aus „Ich? gewiß. Ich reite so gut wie Charles, und das ist gar nichts, was er da macht. Er sitzt ja auf dem Pferde.“ Zum Glück für die Ordnung in Schildheim— denn wer weiß, wie weit der einmal losgelassene Uebermut der Knaben sowohl wie des Alten gegangen wäre!— erschien in diesem Augenblick eine Person auf dem Schauplatze, die den Lärm plötzlich verstummen machte.— Auf seinem Rappen sprengte Baron von Geyfeln, der am See heruntergeritten war, um zu sehen, wie weit die Knechte mit der Arbeit gekommen wären, unten in den Schwarm hinein, und sein Anruf erschreckte und bändigte zugleich die Schuljugend, die den Baron, als oberste Herrschaft im Orte mit ganz besonderem Respelt betrachtete. Fortsetzung solg: Elsi, die seltene Aus diesem Grunde kommt es wahrscheinlich, daß die meisten städtischen Väter ihren Töchtern ein Sackgeld vorbehalten, welches aber sehr oft nicht ausbezahlt wird; auf dem Lande ist man noch nicht so weit und namentlich im Heimiswyl-Graben nicht. Trotz dem Bösewerden ward Elsi dem Christen immer lieber; immer mehr drang sich ihm die Ueberzeugung auf: die oder keine. Ihr zu Lieb' und Ehr' tat er manchen Gang, kam oft zu Besuch in des Bauern Haus und immer öfter vor des Mädchens Feuster, doch immer vergeblich, und allemal nahm er sich vor, nie mehr zu gehen, und nie konnte er seinen Vorsatz halten. Elsi kam, wenn sie seine Stimme hörte, wohl unters Fenster und redete mit ihm; aber weiter brachte Christen es nicht. Je zärtlicher er redete, desto mehr verstummte das Mädchen; wenn er vom Heiraten sprach, so brach es ab, und wenn er traulich wurde, die eigenen Verhältnisse auseinandersetzte und nach denen von Elsi forschte, so machte sie das Fenster zu. Tann ward Christen sehr böse; er ahnte nicht, welchen Kampf Elsi im Herzen bestand. Anfänglich war es Elsi wohl in der Fremde, so allein und ohne alles Kreuz vom Vater her; aber allgemach war eben dieses Alleinestehen ihr zur Pein; denn ohne Bürde auf der Welt soll der Mensch nicht sein. So niemanden zu haben, zu dem man sich flüchten, auf den man in jeder Not bauen kann, das ist ein Weh, an dem manches Herz verblutet. Als Christen der stattlichen Maid sich nahte, tat es Elsi unendlich wohl; Christen war ja eine Brücke in ihre alten Verhältnisse, von der Magd zur Meisterfrau. Aber um zu heiraten, mußte sie sagen, wer sie war, mußte ihre Verhältnisse offenbaren, mußte in der Heimat sagen, wohin sie gekommen; das war's, was sie nicht konnte. Elsi war überzeugt, daß Christen, sobald er wußte, wer sie war, sie sitzen ließe, und das wollte sie nicht ertragen. Sie wußte zu gut, wie übel berüchtigt ihr Vater war, Land auf Land ab, und daß man in diesem Tale hundertmal lieber ein armes Tagelöhnermädchen wollte, als eines von übelberüchtigter Familie her. Wie manches arme Kind sich eines reichen Mannes freut seiner Eltern wegen, weil es hofft, Sonnenschein bringen zu können in ihre trüben alten Tage, so kann ein Kind schlechter Eltern sich nicht freuen. Es bringt nichts als Schande in die neue Familie; den schlechten Eltern kann es nicht helfen, nicht helfen von ihrer Schande, nicht helfen von ihren Lastern. So wußte auch Elsi, daß ihrem Vater nicht zu helsen war, auf keine Weise. Geld war nur Oel ins Feuer und ihn bei sich ertragen, das hätte sie nicht vermocht, und hätte es viel weniger einem N Manne zugemutet, was die leibliche Tochter nicht ertrug. Das ist eben der Fluch, der auf schlechten Eltern liegt, daß sie das Gift werden in ihrer Kinder Leben; ihr schlechter Name ist das Gespenst, das umgeht; wenn sie selbst schon lange in ihren Gräbern modern, das sich an die Fersen der Kinder hängt und unheilbringend ihnen erscheinet, wenn Glück sich ihnen nahen, bessere Tage ihnen aufgehen wollen. Es kämpfte hart in dem armen Mädchen; aber sein Geheimnis konnte es nicht offenbaren. Wenn Christen je gesehen hätte, wie der Kampf Elsi Tränen auspreßte, wie sie seufzte und betete; er wäre nicht so böse geworden; er hätte vielleicht in verdoppelter Liebe das Geheimnis entdeckt, aber was da innen in uns sich reget, das hat Gott nicht umsonst dem Auge anderer verborgen. Es kam Elsi oft an, wegzuziehen, in dunkler Nacht wieder zu verschwinden; wie sie in ihrer Heimat wieder verschwunden war, und doch vermochte sie es nicht. Sie redete sich ein, die Leute würden ihr Böses nachsagen, sie sei gleich dem Tiebe fortgegangen oder noch schlimmeres; aber es war etwas anderes, welches sie hielt, was sie sich aber selbst nicht gestand. So litt das arme Mädchen sehr: das höchste Glück ihm so nahe, und doch ein Gespenst zwischen ihm und seinem Glücke, das es ewig von selbigem schied! Und dieses Gespenst sahen andere Augen nicht; sie durfte nicht schreien; sie mußte die bittersten Vorwürfe ertragen; als ob sie schnöde und übermütig das Glück von sich stieße. Diese Vorwürfe machte ihr nicht nur Christen, sondern auch die Bäuerin, welche Christens Liebe sah und ihrer Magd, welche ihr lieb wie eine Schwester war; dieses Glück wohl gönnte, was nicht alle Meisterfrauen getan hätten. Bei diesen Anlässen konnte sie recht bitter werden in den Klagen über Mangel an Zutrauen, ja manchmal sich des Teutens nicht enthalten, daß Elsi wohl etwas Böses zu bewahren hätte, weil sie dasselbe nicht einmal ihr; welche es doch so gut meine, anvertrauen wolle. Das füllte Elsi mit Bitterkeit; sie sah recht elend aus, und doch konnte sie nicht fort, konnte noch viel weniger das Gespenst bannen, das zwischen ihr und ihrem Glücke stand. Ta geschah es am alten Neujahr, d. h. an dem Tage; auf welchen nach dem alten Tato nach russischem Kalender das Neujahr gefallen wäre, und welches, so wie die alte Weihnacht, ehedem noch allgemein gefeiert wurde auf dem Lande, jetzt nur noch in einigen Berggegenden, daß Elsi mit der Bäuerin nach Burgdorf mußte. Der Tag war auf einen Markttag gefallen; es war viel Volk da, und lustig ging es her unterm jungen Volke, während unter den Alten viel verkehrt wurde von den Franzosen, von welchen die Rede war, wie sie Lust hätten an das Land hin, wie man sie aber bürsten wollte, bis sie genug hätten. Nur vorsichtig ließen hier und da Einige verblümte Worte fallen von Freiheit und Gleichheit und den gestrengen Herren zu Bern, und sie taten wohl mit der Vorsicht, denn Teufel und Franzos waren denen aus den Bergen ungefähr gleichbedeutend.— Als die Bäuerin ihre Geschäfte verrichtet hatte, steuerte sie dem Wirtshause zu; denn leer ging sie von Burgdorf nicht heim, und namentlich am alten Neujahr nicht. Sie wollte Elsi mitnehmen, welche aber nicht wollte, sondern sich entschuldigte, sie hätte nichts nötig, und wenn sie beide hineingingen, so müßten sie sich eilen; weil niemand daheim die Sache mache; gehe sie aber voran, so könne die Bäuerin bleiben, solange es ihr anständig sei, bis sie Kameradschaft fände für heim, oder gar eine Gelegenheit zum Fahren. Wie sie da so schwatzen miteinander; kam Christen noch dazu, stand auf die Seite der Meisterfrau und sagte zu Elsi, jetzt müsse sie hinein; das wäre ihm doch seltsam, wenn ein Mädchen in kein Wirtshaus wollte. Elsi blieb fest und lehnte manierlich ab; sie möge den Wein nicht erleiden, sagte sie, und daheim mache niemand die Haushaltung. Sie müsse kommen, sagte Christen; trinken könne sie so wenig sie wolle, und gehen wann sie wolle; aber einmal wolle er wissen; ob sie sich seiner schäme oder nicht? Das sei einfältig von ihm, sagte Elsi; er solle doch denken, wie eine arme Magd sich eines Bauern schämen sollte, und zürnen sollte er nicht, aber es sei ihr Lebtag ihr Brauch gewesen, sich nicht eigelich zu machen, sondern erst zu sinnen, dann zu reden, dann bei dem zu bleiben, was geredet worden. Die gute Bauerin, welche wenig von andern Gründen wußte, als von Mögen und nicht Mögen, half drängen und sagte, das sei doch wunderlich getan; und wenn zu ihrer Zeit sie ein ehrlicher, braver Bursche zum Weine habe führen wollen, so hätte sie sich geschämt; es ihm abzusagen und ihm diese Schande anzutun. Es ist nun nichts, welches den Zorn des Menschen eher entzündet und sein Begehren stählt, als ein solcher Beistand; darum ward Christen immer ungestümer, und wollte mit Gewalt Elsi zwingen. Aber Elsi widerstand. Da sagte Christen im Zorn:„He nun; du wirst am besten wissen; warum du in kein Wirtshaus darfst; aber wenn du nicht willst, so gibt es andere.“ Somit ließ er Elsi fahren und griff rasch nach einem andern Heimiswyler Mädchen, welches eben vorüberging und willig ihm folgte. Die Bäuerin warf Elsi einen bösen Blick zu, und sagte:„Gell; jetzt hast's!“ und ging nach. Da stand nun Elsi, und das Herz wollte es ihr zerreißen, und der Zorn über Christens verdächtige Worte und die Eifersucht gegen das willige Mädchen hätten fast vollbracht, was die Liebe nicht vermochte, und sie Christen nachgetrieben. Indessen hielt sie sich; denn vor den Wirtshäusern, in welchen ihre Familienehre, ihr Familienglück zu Grunde gegangen; hatte sie einen Abscheu; und zugleich, weil sie in denselben am meisten Gefahr lief; erkannt zu werden oder etwas von ihrem Vater vernehmen zu müssen. In den Wirtshäusern ist's, wo die Menschen zusammenströmen, und sich Zeit nehmen zu betrachten und heimzuweisen, was beim flüchtigen Begegnen auf der Straße unbeachtet vorübergeht. Elsi ging heim, aber so finster war es in ihrem Herzen nie gewesen, seit den Tagen; an welchen das Unglück über sie hereingebrochen war. Anfangs konnte sie sich des Weinens fast nicht enthalten; aber sie unterdrückte dasselbe mit aller Gewalt, der Leute wegen. Da nahm ein bitterer, finsterer Groll immer mehr Platz in ihr. So ging es ihr also; sie sollte geplagt und verdächtigt werden; und sie mußte sich das gefallen lassen und konnte sich nicht rechtfertigen. Wie ehedem in gewaltigen Revolutionen die Berge aus der Erde gewachsen sein sollen, so wuchs aus den Wehen ihres Herzens der Entschluß empor, von allen Menschen mehr und mehr sich abzuschließen, mit niemanden etwas mehr zu haben, nicht mehr zu reden; als sie mußte, und sobald als möglich da wegzugehen, wo man gegen sie so sein könnte. Als die Meisterfrau heim kam; stärkte sie diesen Entschluß; sie beabsichtigte freilich das Gegenteil; aber es ist nicht allen Menschen gegeben, richtig zu rechnen; nicht einmal in Beziehung auf die Zahlen, geschweige denn in Bezug auf die Worte. Sie erzählte, wie Christen sich lustig gemacht in Burgdorf, und sicher gehe er mit dem Mädchen heim, und was es dann gebe; könne niemand wissen; das Mädchen sei hübsch und reich, und pfiffig genug, den Vogel zu fangen. Das würde Elsi recht geschehen, und sie möchte es ihr gönnen, denn das sei keine Manier für eine Magd, mit einem Bauern so umzugehen. Aber sie fange auch an zu glauben, da müsse was dahinter sein, das nicht gut sei; anders könne sie ihr Betragen nicht erklären, oder sei es anders, so solle sie es sagen. Diesem setzte Elsi nichts als trotziges Schweigen entgegen. In trotzigem Schweigen ging sie zu Bette und wachte mit ihm auf, als es an ihr Fenster klopfte und Christens Stimme laut ward vor demselben. Dieser hatte es doch nicht übers Herz bringen können, einen neuen Tag aufgehen zu lassen über seinem Zwist mit Elsi. Er trank, wie man sagt, guten Wein, und je mehr er trank, desto besser ward er. Jemehr der Wein auf dem Heimweg über ihn kam, desto mehr zog es ihn zu Elsi, mit ihr Frieden zu machen. Im Wirtshaus zu Heimiswyl kehrte er mit seinem Mädchen ein, aber nur, um desselben los zu werden mit Manier, ließ eine Halbe bringen, bestellte Essen, ging unter einem Vorwand hinaus, bezahlte, und erschien nicht wieder. Das Mädchen war, wie gesagt, nicht von den Dummen eins; es merkte bald, woran es war, jammerte und schimpfte nicht, hielt nun mit dem, was Christen bezahlt hatte, einen andern zu Gast, und so fehlte es ihm nicht an einem Begleiter nach Hause. Dem armen Christen ging es nicht so gut. Elsi, durch die Bäuerin neu aufgeregt, hielt ihren Entschluß fest, und antwortete nicht, wie Christen auch bat; sie mußte den Kopf ins Kissen bergen, damit er ihr Weinen nicht höre, aber sie blieb fest und antwortete auch nicht einen Laut. Christen tat endlich wild; aber Elsi bewegte sich nicht; zuletzt entfernte sich derselbe halb zornig, halb im Glauben, Elsi habe zu hart geschlafen, und ihn nicht gehört. Aber er ward bald inne, wie Elsi es meine. Die frühere Freundlichkeit war dahin; S sscs-Seue