Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn= und gesetzt. Felertage. Abonnementspreis frei ins Haus, mit der täglichen Unterhaltungsbeilage und dem 8seitigen„Illustriertem Sonntagsblatt 55 Pig pro Monat, durch die Post bezogen für 8 Monate 1.50 Rotationsdruck und Verlag, sowie für die Inscrate verantwortlich: Viktor Schanzer, Dortmund. und der täglichen Unterhaltungsbeilage Erpedition: Dortmund, Prinzenstraße 9Nr. 163. Dortmund, Freitag, den 15. Juli 1910. nationalliberal=klerikal=antisemitische Reichstagswahlkartell in -k. Hagen, 14. Juli. Begreiflicher Weise hat das Vorgehen der Nationalliberalen in Hagen=Schwelm berechtigtes Aufsehen erregt. Es ist pikant, daß diese mit ihrer„Tat“ an die Oeffentlichkeit getreten sind, als der Erbprinz Hohenlohe dem schwarz=blauen Block die Absage erteilte. Wie vorauszusehen war, wirft ein Teil der nationalliberalen Presse der Fortschrittspartei jetzt vor, daß sie ein Zusammengehen mit der nationalliberalen Partei abgelehnt habe. Diese Behauptung bedeutet das Gegenteil von den der Oeffentlichkeit unterbreiteten Tatsachen. Die Freisinnigen haben nicht eine Abmachung mit den Nationalliberalen zurückgewiesen, sondern sie haben sich lediglich geweigert, einem schon bestehenden nationalliberal=klerikal=antisemitischen Kartell beizutreten. Gan, zu schweigen von den aufreizenden Bedingungen, unter denen dieser Beitritt erfolgen sollte. Der Hagener nationalliberalen Parteileitung ist es nie Ernst gewesen mit einer Verständigung mit der Volkspartei. Sie rückt jetzt stückweise mit der Wahrheit heraus. In einer Erwiderung auf die freisinnigen Darlegungen wird gesagt, daß die nationialliberale Partei „angesichts der näherrückenden Bürgermeisterneuwahl genötigt war, einen Kampf zwischen der Rechten und Mitte bei den Kommunalwahlen 1911 hintanzuhalten“. Das ist des Pudels Kern. Wegen der„näherrückenden Bürgermeisterneuwahl“, kam bei den Stadtverordnetenwahlen im Vorjahre der Pakt zwischen Nationalliberalen, Klerikalen und Antisemiten zustande, aus dem gleichen Grunde wurden auch die von den Fortschrittlern jetzt angebotenen mündlichen Verhandlungen abgelehnt. Es kam und kommt„den vereinigten bürgerlichen Parteien“ unter Führung des bekannten Rechtsanwalts Cremer darauf an, daß die nächsten Kommunalwahlen eine Mehrheit ergeben, die bei der Bürgermeister=Neuwahl dem fortschrittlichen Oberbürgermeister Cuno gewisse Bedingungen stellen kann und diesem nötigenfalls die Pistole aus die Brust setzt. Daß dazu die Fortschrittspartei niemals ihre Hand bieten wird, ist selbstverständlich. Es mutet recht eigenartig an, wenn die„Dortmunder Zeitung“, die„Rheinisch=Westfälische Zeitung" u. a. davon reden, daß die Nationalliberalen das Verdienst in Anspruch nehmen dürfen,„die Gefahr erkannt zu haben und rechtzeitig zur Sammlung auf dem Plan erschienen zu sein.“ Der Grund dieser „Sammlung“ ist keineswegs die Sicherung des fortschrittlichen Reichstagsmandats, sondern der Sturz des Oberbürgermeisters Cuno, der dem Zentrum und den Nationalliberalen Cremerschen(oder Heyl'schen). Schlages schon längst verhaßt ist. Ergötzlich ist es auch, wie die genannten beiden Organe mit einem Mal den Nationalliberalen und Klerikalen höchstes Lob zollen, weil diese den Kreis,„wenn irgend möglich, dem Bürgertum erhalten wollen". Vor gar nicht allzu langer Zeit, nämlich bei den Stadtratswahlen im Herbst, haben dieselben Blätter noch mit viel Geschick und Ausdauer nachgewiesen, daß einem„Schwarzen“ gegenüber stets der„Rote“ das kleinere Uebel sei. Wie schrieb doch damals das Essener Scharfmacherblatt?:„Wer die Tatsachen ansieht, wie sie sind, wird nicht umhin können, zu erklären: der Essener Fall eines Zweckbündnisses mit der Sozialdemokratie(gegen das Zentrum) ist nicht nur gerechtfertigt, sondern er muß erweitert und auch bei politischen Wahlen ins Auge gefaßt werden“. Und heute! Die Nationalliberalen sind die wahren„Staatsmänner“, weil sie Arm in Arm mit dem Zentrum gegen die Fortschrittspartei losziehen, um den Wahlkreis Hagen=Schwelm,„wenn irgend möglichi den bürgerlichen Parteien zu erhalten“. Und die Freisinnigen sind die„Kirchturmspolitiker“, weil sie nicht mit Pauken und Trompeten in dies Feldlager einmarschiert sind. Wie sich doch die Zeiten ändern! Ob und wie weit das Hagener Beispiel das Verhältnis der Fortschrittspartei zu den Nationalliberalen in Westfalen und Rheinland bei den kommenden Reichstagswahlen beeinflußt, kann noch nicht gesagt werden. Das„Dortmunder Tageblatt“ redet bereits einer Vergeltungspolitik das Wort, und es kann nicht bestritten werden, daß in freisinnigen Kreisen für eine solche unter dem unmittelbaren Eindruck des Hagener Falles viel Neigung vorhanden ist. Wir möchten einer Verärgerungstaktik nicht das Wort reden. Was in Hagen sich als unmöglich herausgestellt hat, kann in anderen Wahlkreisen recht gut möglich sein. Jedenfalls aber muß zunächst abgewartet werden, wie sich die westfälische Provinzialleitung der Nationalliberalen zu dem Vorgehen ihrer Hagener Freunde stellt. Notwendig ist auch eine baldige Stellungnahme der nationalliberalen Zentralleitung hierzu Von einem westfälischen Abgeordneten der nationalliberalen Partei ist bekannt daß er sich mit aller Entschiedenheit gegen den Hagener „Bund“ ausgesprochen hat. Reich. Die badischen Sozialdemokraten für das Budget. Bei der heutigen Abstimmung der zweiten badischen Kammer über das Finanzgesetz haben die Sozialdemokraten für das Budget gestimmt. Der Abgeordnete Dr. Frank gab vor der Abstimmung folgende Erklärung ab:„Es läge nahe, durch Ablehnung des Finanzgesetzes dagegen zu protestieren, daß die völlige politische Gleichberechtigung der sozialdemokratischen Staatsbürger noch immer nicht durchgeführt ist. Mit Rücksicht auf die besonderen politischen Verhältnisse verzichten meine Freunde jedoch auf eine solche Demonstration und werden für das Finanzgesetz stimmen.“ Die Erklärung wurde mit lebhaftem Bravo auf der Linken aufgenommen und das Finanzgesetz gelangte dann einstimmig zur Annahme. Diplomatenschub. Für den Posten des kaiserlichen Gesandten in Sofia ist der bisherige kaiserliche Generalkonsul in Kalkutta von Below=Saleske in Aussicht genommen. „Wankende Ministerstühle“ in Baden. Zu dem Thema„Wankende Ministerstühle“ erfährt der Korrespondent der„Frankfurter Zeitung“ aus Heidelberg, daß die beiden Minister v. Dusch und v. Marschall ihre Rücktrittsabsichten vorerst noch nicht zu verwirklichen gedächten, da Geheimrat Göller nicht zu bewegen sei, das Portefeuille der Finanzen zu übernehmen. Auf Vorschlag des Großherzoglichen Kabinetts ist Geheimrat Babos als Nachfolger Honsells zum Finanzminister ausersehen. Seine Ernennung soll in den nächsten Tagen nach Schluß des badischen Landtages erfolgen. Die Zündholzsteuer und die Frauen. Auf dem Sommerfest des Bundes der Landwirte auf der Dusterpfort führte der oldenburgische Landtagsabgeordnete v. Levetzow=Sielbeck nach einem Bericht der Deutschen Tageszeitung aus: „Er könne nicht glauben, daß anläßlich der Finanzreform die Verhetzung so weit gediehen sei, daß — wie mehrseitig behauptet— die Frauen sogar über die geringe Erhöhung der Streichholzpreise erbittert seien, er könne das nicht glauben, wenn er an den Opfermut der Frauen unseres Volkes in früheren Zeiten denkt, die ihren schönsten Schmuck, ihr blondes Haar, verkauften, um den Erlös dem Könige zu senden, damit er seine Soldaten mit guten Waffen versehen konnte.“ Dieser Vergleich ist eine Blasphemie; denn diesmal handelte es sich nur darum, die Großgrundbesitzer vor einer Erbschaftssteuer zu bewahren. Sportvereine als politische Vereine. Eine für Sportvereine prinzipiell wichtige Entscheidung fällte der erste Strafsenat des Kammergerichts. Jeder Verein, der eine Einwirkung auf politische Angelegenheiten bezweckt, muß laut Vorschrift des neuen Vereingesetzes einen Vorstand und eine Satzung haben. Zwei Wochen nach Gründung des Vereins muß der Vorstand die Satzung und das Mitgliederverzeichnis des Vorstandes der Ortspolizeibehörde einreichen usw. Jede Aenderung der Zusammensetzung des Vorstandes und der Satzung ist innerhalb zwei Wochen nach Eintritt der Aenderung der Ortspolizeibehörde anzuzeigen. Der Vorsitzende eines Radfahrervereins in Guben war der Zuwiderhandlung gegen diese Vorschriften angeklagt, weil er es unterlassen hatte, die erwähnten Aenderungen vorschriftsmäßig der Polizei anzuzeigen. Der Angeklagte wandte ein, es handle sich nicht um einen politischen Verein. Die Strafkammer hat aber angenommen, daß es sich um einen politischen Verein handelt, und den Angeklagten zu einer Geldstrafte verurteilt. In der Urteilsbegründung wurde ausgeführt, Für den Zweck eines Vereins kommt nicht nur die Satzung, sondern auch das Tun und Treiben des Vereins in Frage. Auch kommt in Betracht, was der Verein in Zukunft bezweckt. Der Verein gehört zum Bunde„Solidarität“, der auf dem Boden der Sozialdemokratie steht; es kann daher nicht mehr zweifelhaft sein, daß auch der in Betracht kommende Radfahrerverein sozialdemokratische Tendenzen verfolgt.— Gegen dieses Urteil legte der Angeklagte Revision ein. Der erste Strafsenat des Kammergerichts erkannte auf Abweisung der Revision und legte dem Kläger die Kosten des Verfahrens auf, und zwar mit etwa folgender Begründung: Politische Angelegenheiten sind solche, welche die Verfassung, Verwaltung und Gesetzgebung des Staates die staatsbürgerlichen Rechte der Untertanen und die internationalen Beziehungen der Staaten unter einander in sich begreifen. Es ist gleichgültia, ob dieser Zweck des Vereins nur ein Nebenzweck ist; es genügt, wenn er dem Willen des Vorstandes und seiner Mitglieder entspricht. Die Vorentscheidung enthält keinen Rechtsirrtum, es ist daher, wie geschehen, erkannt worden. Von einem jugendlichen politischen„Verbrecher“ weiß der„Elsässer“ folgendes Erlebnis mitzuteilen: Gelegentlich des diesjährigen Schulausfluges sang der 12 jährige Quartaner Scholly, Sohn des Notars in Thann im Eisenbahnzuge die Marseillaise— ohne Worte, da er sie nicht kannte— und verleitete Mitschüler, sie mitzusingen. Für dieses Vergehen erhielt der Schüler zwei Stunden Arrest, durch deren Absitzen das deutsche Vaterland wieder einmal gerettet wurde. Man amüsiert sich darüber in elsässischen Kreisen aus dem Grunde höchlichst, weil der der Sünder der Sohn eines altdeutschen Beamten ist. Difficile est, satiram non scribere!— Ein Bub, Sohn altdeutscher Eltern, der wahrscheinlich mit dem kleinen Plötz noch im Streite liegt, wird zum politischen Märtyrer, weil er ein Lied brummte dessen Text er nicht einmal kennt. Weinen möchte man über eine solche bureaukratische Wirtschaft, wenn sie gar nicht zu lächerlich wäre! Italien. Rom, 14. Juli. Die„Tribuna“ teilt mit: Die Mächte vereinbarten, auf die türlische Protestnote zu antworten, daß sie dem König von Griechenland nichts vorzuwerfen hätten. Dessen Intervention habe die von der Türkei selbst betriebene Beilegung nur erleichtert. Rom, 14. Juli. Infolge der Unterbrechung der Verhandlungen zwischen dem Vatikan und Spanien bezüglich der Reform des Konkordats hat der hl. Stuhl beschlossen, ein Weißbuch zu veröffentlichen, um seine Haltung in dieser Angelegenheit zu rechtfertigen. Rußzland. Petersburg, 14. Juli. Die Verhaftung dei Barons Ungern=Sternberg ist, wie sich jetzt herausstellt. auf die Denunziation eines in hiesigen Journalistenkreisen sehr bekannten und sich eines recht üblen Rufes erfreuenden Dr. P. erfolgt. Zwischen Dr. P. und Ungern=Sternberg herrschte eine gewisse Rivalität in ihren Beziehungen zu der hiesigen Vertretung einer kremden Macht. Griechenland. Athen, 14. Juli. Nach einem Telegramm aus Canea werden vier Panzerschiffe der Kretischen Schutzmächte in der Bucht verbleiben, bis die Mächte sich mit der Lösung des Zwischenfalles einverstanden erklären. Die Abgeordneten reisen inzwischen w'eder heim Die Ruhe und Ordnung ist auf der Insel völlig ungegestört. In hiesigen politischen Kreisen hält man es für wahrscheinlich, daß die Mächte auf die letzte kretische Note antworten werden, da die Frage der Eidesleistung nunmehr erledigt ist.— Anstelle der gestern zur Entlassung gelangten Riserven beginnen Ende der Woche zwei neue Jahrgänge eine sechswöchige Uebung. Die Auffassung, daß die Türkei selbst bei einer günstigen Entwicklung auf Kreta den Krieg provozieren wird, verstärkt sich. Die 50 Millionen=Anleihe hält man nunmehr für gesichert. Spanien. Paris, 13. Juli.. Meldungen von der spanischen Grenze zufolge, bereiten sich in Spanien ernste Zwischen11 112 Im Ruhmesglanz. Roman von Benno Zehden. 33 Paul war allein. Ein sonderbares Leben begann. Da ihm vor der großen stillen Wohnung graute, entließ er alles Personal, bis auf einen Diener und lebte fortau nur noch im Atelier, neben dem er sich sein Schlafgemach herrichten ließ. Pauls Wesen war verändert. Es gab Zeiten, in denen er einsilbig und versonnen war, und dann konnte er oft stundenlang sitzen, trinken und rauchen, und wie starr auf einen Punkt blicken und grübeln. Aber es gab auch Zeiten, in denen er tollen und toven konnte, wie ein Zwanzigjähriger. Dann war er wie aus Rand und Band, nie konnte es toll und wild genug hergehen und allen voran war er dann der Tollste. Einmal traf ihn der alte Doktor. Warnend erhob er seine Stimme:„Mein lieber Freund, Ihr Leben gefällt mir gar nicht, aber auch garnicht. Seit Sie allein sind, ist Ihr Aussehen ganz miserabel. Am besten hätten Sie schon getan, mit Ihrer Frau zusammen zu fahren, denn etwas Erholung ist Ihnen sehr, aber sehr notwendig.“ Lachend wies Paul ihn ab. Er aber mahnte noch einmal:„Sie sind kein Jüngling mehr, mein Bester. Wenn Sie noch einen solchen Anfall bekommen wie damals, dann garantiere ich für nichts.“ Doch Paul ließ ihn reden und führte sein Leben weiter. Tagsüber Arbeit und Arbeit, und die Abende, die halben, oft auch die ganzen Nächte eine Hetzjagd von aufregenden Vergnügungen, dabei schwere Weine und schwere Zigarren ohne Maß. So ging es weiter und weiter. Aber manchmal, mitten im tollsten Taumel, kam es üiber ihn wie eine Mahnung aus einer anderen Welt. Dann rührte er kein Glas an, warf die Zigarre fort und starrte in düsterer Melancholie vor sich nieder. Und dann auf einmal erklangen ihm wieder die Worte Alfreds hell in der Seele, und wie ein Grauen packte es ihn dann, wenn er an die Zukunft dachte. Doch schnell griff er wieder zum Wein, um den Schmerz zu betäuben und die Stimmen in seiner Brust zum Schweigen zu bringen. Und toller als je tobte er dann weiter. Eines Morgens, als er vom wüsten Gelage heimkam, sah er sein verlebtes Gesicht im Spiegel und er erschrak zum Entsetzen. Zum ersten Male fiel es ihm auf, wie sehr er in diesen paar Monaten gealtert hatte. Das machte ihn nachdenklich. Und dann eines Tages, als er wieder mal recht fleißig arbeiten wollte, konnte er es nicht, die Hand zitterte so stark, daß er keinen Pinsel halten konnte, es war, als ob alle Kraft aus dem Arm gewichen wäre. Es wird vorübergehen, dachte er und ließ die Arbeit liegen, kleidete sich um und ging in eine lustige Gesellschaft. Aber es ging nicht vorüber, im Gegenteil, es wurde stärker und stärker. Doch den Arzt zu fragen, genierte er sich. Also setzte er vorläufig alle Arbeit aus, in der Hoffnung, daß es dann besser werden würde. Da er aber an Arbeit gewöhnt war und nun zu unfreiwilliger Muße gezwungen wurde, so ärgerte ihn das, und er wurde über alle Maßen nervös, so daß ihn die geringfügigste Kleinigkeit zum maßlosen Zorn reizen konnte. Einmal war er in Gesellschaft. Frau Doktor Elbert und er saßen plaudernd und scherzend in einer Nische, die durch ein Blumenarrangement sie vor der ganzen Gesellschaft verdeckte; unbeobachtet konnten sie da sitzen, während sie selbst dech alles, was rings geschah, gut hören und sehen konnten. Und so belauschten sie ein Gespräch von zwei Herren, die in nächster Nähe standen und eins der neuesten Bilder Pauls kritisierten. „Da, sieh Dir nur den Schinken da an, nennst Du das noch Kunst? Ich nicht. Das ist nicht gemalt, das ist hingesudelt.“ Und der andere entgegnete höhnend:„Aber, lieber freund, weshalb die Aufregung? Das ist doch keine neue Weisheit mehr. Die Kundigen wissen es alle längst, daß es mit diesem berühmten Meister rapide abwärts geht; in einem Jahre kräht kein Hahn mehr nach ihm, dann ist er ein vergessener Mann.“ Als Paul das hörte, wurde er kreidebleich. Und Frau Doktor Elbert erschrak dermaßen über sein Aussehen, daß sie ihr Entsetzen kaum verbergen konnte. Später dann trat Paul ganz harmlos zu den beiden Herren.„Nun, wie gefällt Ihnen mein neues Strandbild dort?“ fragte er. „O, es ist eine sehr interessante Arbeit, lieber Meister," versicherte der Herr, der vor wenigen Minuten so absprechend urteilte,„wirklich sehr fein und zart empfunden.“ Paul schwieg. Er war wütend. Nur mit Gewalt hielt er an sich, um keine Skandalszene zu machen. Kurz drehte er sich um und ging weg. Alles tobte und raste in ihm.. sie logen, sie logen allesamt. In die Augen sagten sie einem die dicksten, fadesten Schmeicheleien und hinterher ließen sie nicht ein gutes Haar an einem. Alle, alle waren sie Lügner, Lügner aus guter„Sitte“, damit der gute Ton nur gewahrt würde. Wütend lief er fort. Es war alles in ihm schwankend geworden, haltlos ging er dahin. Es war etwas in ihm zerbrochen, schmerzvoll fühlte er es. Und als er daheim war, warf er sich nieder auf das Ruhebett und preßte das Gesicht in die Kissen, er hatte den Glauben an die Menschheit verloren. Was er für Freundschaft und Aufrichtigkeit gehalten, war nichts als gleißnerischer Tand, als äußerer Firnis und dahinter war alles leer, seelenlos und kalt. Einem Phantom war er nachgesagt. Und der, der es gut mit ihm gemeint, der ihm die Wahrneit gesagt hatte, den hatte er verlacht, den hatte er gehen lassen. Nun war er allein. Starr sah er sich um; ja, allein, denn sie, auch sie, die es gut mit ihm meinte, auch sie hatte er fortgehen lassen. Allein, mutterseelen allein war er. Dann stand er auf, machte Licht, alle Flammen mußten brennen, und nun trat er hin zu seinen Arbeiten und betrachtete sie; mit scharfen, kritischen Blicken betrachtete er sie, und da plötzlich fiel es wie Schuppen von seinen Augen, da plötzlich wurde er wieder sehend, und nun, nun erkannte auch er es, daß er auf einem abschüssigen Wege war, auf einem Wege, der ihn in die Tiefe führen mußte. Ja, er war blind gewesen, all die Zeit hindurch hatte er sich von dem Erfolg blenden lassen, war ein eitler, egoistischer Narr geworden. Und er hatte vergessen, daß es ein Wesen gab, das ihn liebte, das in treuer Hingabe ihn einst vom Tode gesund gepflegt hatte, so blind, so unglaublich verblendet war er gewesen, daß er es jetzt fast kaum begreifen konnte. Aber das Gute in ihm, der echte, feste Kern, der war doch stärker, denn jetzt kam es zum Durchbruch, und jetzt rettete er ihn vor dem Verfall. Wie hatte damals doch der alte Arzt gesagt?„Der Born, aus dem uns ewig neues Leben und die Schaffensfreude fließt, ist allein nur die Liebe, die echte, wahre Liebe!" In derselben Nacht noch schrieb er einen langen und lieben Brief an Veronika und bat um Verzeihung für alles. * In Arco wurde es Frühling. Die ganzeCampagna prangte wiederim Blütenschmuck, und lustige Menschen sangen Lieder vom Morgen bis zum Abend. Vom Gardasee her wehte der frische Südwind und brachte Grüße mit aus dem schönen, sonnigen Italien. Sinnend saß Veronika und sah in all die junge Pracht; auch in ihrem Herzen keimte sa wieder die Hoffnung auf einen neuen Frühling; sinnend und glücklich saß sie da und blickte träumend in die schöne, lachende Welt. Lange war sie still und betrüht umhergegangen und hatte manche heimliche Träne geweint, aber ganz ver zweifelt war sie nicht, denn eine Stimme in ihr sagte, daß all das Erlebte nur eine Zeit der Prüfung gewesen, und daß er, den sie trotz alledem noch immer treu und hingebend liebte, daß er eines Tages wiederkommenmußte ja, wiederkommen mußte. Das kühlte sie mit aller Zuversicht, die in ihr tebte. Und ste hatte sich nichr getäuscht. Als sie seinen Bries bekam, en dem er reuevoll um Verzeihung hat für alles, was er ihr angetan, der weint sie stille Freudentrinen. Und dann, wenige Toge später, als er dann selbe kam. und sich ihr zu Füßen ness, da hob ste ihn auf un schloß ihn in ihre Arme. Die Liede sprach das letzte Wort. — Ende.=" 181,1 1 MI1K84 2715 KE A AFE 4 9145 sane vor, infolge ver neuerlichen Saltung der revoluionären und sozialistischen Elemente. Mann befürchtet eziell in Katelonien und Barcelona Unruhen. Aus diesem Grunde werden große Truppenabteilungen in Bereitschaft gehalten. Es handelt sich jedoch einstweilen koch um Vorbeugungsmaßregeln. Bis jetzt ist die Ruhe hirgends gestört worden. Madrid: 14. Juli. In den nächsten Tagen wird eine Broschüre des Pastors Simarro, Professor an der Universität in Madrid erscheinen, Diese Broschüre, welche während der jüngsten Kammerdebatte der Abgeordnete Salillas bereits erwähnte, wird großes Aufsehen erregen. Es handelt sich um eine Untersuchung der Unruhen in Barcelona. Ferner soll diese Broschüre über die Angelegenheit Ferrer und über die Ursachen über die Ankläger Ferrers, seine Richter usw. Aufschluß geben. Aus der Untersuchung des Professors Simarello geht hervor, daß Ferrer sich in keiner Weise an den Unruhen in Barcelona beteiligt hat. Die Broschüre gilt als erster Schritt zugunsten einer Revision des Ferrer=Prozesses. Montenegre. Agram, 14. Juli. Das„Agramer Tagebl.“ meleet aus Cettinje, die Mächte hätten bereits in die Erhebung Montenegros zum Königreich eingewilligt und zwar auf ausdrücklichen Wunsch des russischen Kaisers. Die Skupschtina wurde die Erhebung zum Königreich noch vor dem Regierungsjubiläum beschließen. Nach dem Jubiläum werde der Ministerpräsident Tomanovio demissionieren, sein Nachfolger werde wahrscheinlich Mijuskowio. Amerika. Newyork, 14. Juli.„Tribune“ ist unsicher über die Interpretation des Mandschurei=Vertrages und will abwarten. Die„Newyork Times“ bringt einen sarkastisch gehaltenen Leitartikel. Sie schließt damit zu erklären, daß solange Japan ein Eisenbahnmonopol in der Südmandschurei habe, man über die„offene Tür“schweigen müsse. Dieses Versprechen, sowie das über Chinas territoriale Integrität würden von Rußland und Japan mit Füßen getreten. Das Blatt veröffentlicht ein Interview mit dem chinesischen Gesandten in Berlin, welcher eine chinesisch=amerikanische Allianz befürwortet. Zur Codesfahrt des Luftschiffes Lokales und Dortmund, 15. Juli. —* Vom Bezirks=Ausschuß in Arnsberg ist noch eine Verwaltungsklage aus Dortmund nachzutragen. Es klagte der Kaufmann Leonhard Weiner von hier, Inhaber einer Automobilfahrschule, auf Gewährung der Genehmigung zur gewerbsmäßigen Stellenvermittlung für Chauffeure. Der hiesige Stadtausschuß hatte den Kläger hier abgewiesen, während der Bezirksausschuß das abweisende Erkenntnis aufhob und ihm die beantragte Erlaubnis erteilte. —* Zu Hilfsrichter beim Reichsgericht sind die Oberlandesgerichtsräte Joseph Keller und Dr. Wilhelm Meyer aus Hamm ernannt worden.. —* Besichtigung. Die Mitglieder des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung, der Baukommission, und des Kuratoriums der Handwerker= und Kunstgewerbeschule besichtigen heute Nachmittag die von der Schulleitung veranstaltete Ausstellung. —* Wiederaufnahmeverfahren. Wie verlautet, oll in der Angelegenheit des Hauptmanns a. D. Möltenhoff versucht werden, das Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen. Der Verurteilte hat sich bekanntlich bei dem Urteil beruhigt und seine Strafe bereits angetreten. Man kann daher gespannt sein, welche Gründe für die oben genannte Aktion in's Feld geführt werden dürften. — Schwarze Listen. Die Schuhmacher=Innung hat in ihrer letzten zahlreich besuchten Generalversammlung einstimmig die Herausgabe einer schwarzen Liste über faule Kunden beschlossen. Auch der Innung nicht angehörende Schuhmachermeister sollen ersucht werden, die Namen säumiger Zahler mitzuteilen. —* Wirtschaftsübernahme. Die der Brauerei 5. Lehmkuhl gehörende unbeschränkte Schankwirtschaft Markt 17, seither von dem Restaurateur Johann Clement geleitet, übernimmt am 1. August der Restaurateur Paul Birkendahl von hier. — Tödlicher Unfall. Der 14 Jahre alte Hilfsarbeiter Rudolf Jandel, der auf der Orenstein u. Koppel'schen Fabrik in Dorstseld beschäftigt war, stürzte aus beträchtlicher Höhe herab und erlitt schwere innere Verletzungen. Im Johannes=Hospital, wohin er überführt werden mußte, ist der bedauernswerte Knabe gestern Oskar Erbslöh+. Oscar Erbslöh, das jüngste Opfer der Luftschifjahrt, gehört seit dem Jahre 1907, wo er das Gordon BennettRennen der Lüfte mit dem Ballon„Pömmern“ gewann, zu den bekanntesten Luftschiffern Deutschlands. Am 5. April 1906 war er Ballonführer geworden, im September desselben Jahres nahm er als Begleiter des Hauptmanns von Abercon an der ersten GordonBennetfahrt teil, und im folgenden Jahre, am 21. Oktober, begann er seine berühmteste Fahrt, in der er in den Vereinigten Staaten das Gordon=BennettRennen gewann. Diese Leistung ist umso anerkennenswerter, als er in Amerika völlig unbekannte Verhältnisse antraf; die großen kanadischen Seen, mit deren Ueberfliegen er rechnen mußte, stellten eine bedeutende Gefahr dar, und überdies, hatte er nur Karten, die sich auf die Angabe von Flüssen, Eisenbahnen und Städten beschränkten, taber weder Gebirge noch Landstraßen angaben. Bei der folgenden Schilderung der siegreichen Fahrt Erbslöhs folgen wir seinem eigenen Berichte, den er für das geschätzte Ullsteinsche Werk„Wir Luftschiffer“ geschrieben hat. Am Abend des 19. Oktober fand ein großes Festbankett der Teilnehmer der Fahrt und der Mitglieder der Luftschiffervereinigungen und Comitees statt. Mit den letzten Lorbereitungen für den Aufstieg und mit der Füllung des Jallons begann man um 10 Uhr morgens am 21. Oktober. Am Forestpark herrschte reges Leben; auf Veranlassung oss Präsidenten Roosevelt leistete Militär Hilfe, so daß sieh alles glatt abwickelte. Die Mittagspause verwendeten v# Lustschifser zu einem letzten Imbiß, und um 2 Uhr begas ssch Erbslöh mit Clayton, seinem Begleiter zu seinem Ballon. Neun Ballons, darunter drei deutsche, standen im hellen Sonnenschein nebeneinander; der Ballon Pommern“ unterschied sich besonders durch seine kuelrunde Form und die citronengelbe Farbe von den indern. Das Loos entschied, daß Erbslöh als erster dbfahren sollte Punkt vier Uhr wurde das Zeichen sazu gegeben. und mit 41 Sack Ballast an Bord stieg per Ballon unter Klängen des Liedes:„Deutschland, Deutschland über Alles“, bgleitet von dem„Glück ab“ und dem Hurrarufen der Menge schnell in die Lüfte. Von den übrigen Ballons, die in Abständen von je Der bei Pattscheid abgestürzte Lenkballon-Erbslöß“. Die neue grauenvolle Luftschiffkatastrophe, welche sich am vorgestrigen Tage bei Leichlingen ereignete, und fünf wackere Aeronauten, darunter dem bekannten Luftschiffer Oskar Erbslöh, den Tod brachte, hat überall die regste Teilnahme hervorgerufen. Das Luftschiff„Erbslöh“ der Rheinisch=Westfälischen Motorluftschiffahrts=Gesellschaft, welches am Mittwoch Morgen von Leichlingen aus zu einer Fernfahrt aufgestiegen war, und von seinem Konstrukteur, dessen Namen es trug, selbst geführt wurde, stürzte nach halbstündiger Fahrt über Pattscheid aus einer Höhe von 800 Meter ab. Die kühnen Piloten wurden bei dem entsetzlichen Sturze zerschmettert und der Ballon selbst in einen wüsten Trümmerhaufen verwandelt. Das Luftschiff„Erbslöh“ welches wir heute im Bilde zeigen, ist, wie schon angeführt, unter Aufsicht und nach den Entwürfen des getöteten Oskar Erbslöh gebaut worden; es war besonders als leistungsfähiges Sportluftschiff von gutet Tragfähigkeit gedacht. Der Ballon hatte ein Fassungsvermögen von 2900 Kubikmeter und ähnelte in seinem Aussehen den französischen Luftschiffen. Er hatte eine Länge von fast 55 Metern; sein größter Durchmesser betrug 10 Meter. Im Innern des Luftschifses befand sich ein Ballonett, welches 450 Kubikmeter enthielt und zum Ausgleich des Gasverlustes diente. Die an Drahtseilen hängende Gondel war 27,3 Meter lang und trug an ihrer Spitze den aus Mahagoniholz gefertigten, einen Durchmesser von 4,5 Metern aufweisenden Propeller. Die Motorenstärke betrug 125 P. S., die eine Geschwindigkeit von 13 Metern in der Sekunde entwickelten. Elberfeld. 14. Juli. Die Hinterbliebenen des verunglückten Luftschiffes Oskar Erbslöh erhielten vom deutschen Kronprinzen folgendes Telegramm: Ich spreche Ihnen anläßlich des schrecklichen Unglücks meine wärmste Teilnahme aus. Mögen Sie in der allgemeinen Trauer um den Verlust des vortrefflichen Mannes Trost finden. Auch den Hinterbliebenen der tapferen Begleiter sage ich mein herzlichstes Beileid.“ Wilhelm, Kronprinz. Aachen. 14. Juli. Zur Erbslöh=Katastrophe teilt das Aachener Oberservatorium mit: Die Witterungslage bei der gestrigen Luftschiffkatastrophe war folgende: Der Nebel in der nördlichen und mittleren Rheinprovinz namentlich aber im Rheintale hatte keine große Höhe, war von mittlerer Dichte und stieg etwa 400 Meter über dem Erdboden. Eifel, Hohes Venn und die bergischen Höhen waren nebelfrei. Die Luftbewegung war äußerst schwach. Eine Anfrage am Tage vor der Katastrophe seitens der Mitglieder der Luftschiffahrt bei dem Aachener Observatorium hat nicht stattgefunden. Köln, 15. Juli. Nach erfolgter ärztlicher Besichtigung sind die Leichen der fünf verunglückten Luftschiffer zur Beerdigung freigegeben worden. Da alle Toten aus Elberfeld oder Barmen stammen, sind sie bereits im Laufe des gestrigen Tages dorthin übergeführt worden. Ueber die Beerdigung bestimmen die Familien. Es wird angeregt, an der Stelle der Katastrophe einen Gedenkstein zu errichten. Dem Kaiser ist von dem Unglück Meldung erstattet worden. ** Habt Ihr auch alle Euer Todesurteil unterschrieben? Als alles zur Abfahrt bereit war, richtete Herr Erbslöh scherzhafterweise an seine Gefährten die Frage: „Habt Ihr auch alle Euer Todesurteil unterschrieben?“ Dann gab er das Zeichen zur Abfahrt und das Luftschiff verschwand bald in dem herrschenden Höhennebel. Die Teiluahme Frankreichs. Paris, 14. Juli. Die Katastrophe des Lenkballons Erbslöh wird in allen Pariser Zeitungen in würdiger Weise kommentiert. Sogar die nationalistischen Blätter enthalten sich jeder schadenfrohen Bemerkung, wohl in Erinnerung an den Tag und an das aufrichtigste Mitgefühl, mit dem in Deutschland seinerzeit das Unglück des Lenkballons Republique besprochen worden ist. Nur eine Zeitung macht eine Ausnahme. Im Paris Journal des Deputierten Gerault Rissart wird mit starker Ueberhebung auf die Ueberlegenheit der französischen Luftschifflotte gegenüber der deutschen hingewiesen. Der einzige Lenkballon, der sich in Deutschland bewährt habe, sei der Lenkballon Glouth. Die angebliche Vorherrschaft Deutschlands im Reiche der Luft sei nur eine klägliche Selbsttäuschung gewesen. Abend infolge Blasenzerreißung und Bauchfellentzündung gestorben. K 5 Minuten einander folgten, wurde keiner wieder gesichtet. Der„Pommern“ schwebte über die Riesenstadt St. Louis. Erbslöh ließ den Ballon zunächst bis auf 1500 Meter steigen, um sich dort dem Südwest= oder Westwinde zu überlassen. Es folgte eine prachtvolle Nacht, in der die Landschaft im hellen Vollmondscheine dalag; Erbslöh rechnete darauf, nach Massachusetts oder Connecticut zu kommen. Am folgenden Tage erblickten die Luftschiffer eine unbekannte Landschaft unter sich und trieben dauernd nach Osten. Sie hatten die Orientierung verloren, und ihr Bestreben war darauf gerichtet, sie im Laufe des Tages wieder zu finden. Gegen 4 Uhr nachmittags gingen sie bis auf 50 Meter herunter, und nachdem sie vergeblich durch Sprachrohr um Auskunft angerufen hatten, hatten sie mit einer weiteren Anfrage Glück und erfuhren, daß sie im Staate Ohio, nicht fern von der Stadt Columbus seien. Als sie sich um 7 Uhr abends Vittsburg näherten, war die Nacht schon hereingebrochen und die gewaltige Industriestadt erschien wie ein kolossales Lichtermeer, in dem die Feuer der Schnelzöfen geradezu blendeten. Die Aussichten waren günstig, denn es war noch reichlich Ballast vorhanden. Die Geschwindigkeit des Ballons war größer geworden, der Kurs hatte sich nur wenig geändert. In der zweiten Nacht wurde das Alleghanygebirge überflogen. Hierbei galt es hauptsächlich nicht zu tief zu kommen um nicht durch einen Bergrücken vom Winde abgeschnitten zu werden. Beim Manöverieren verlor Erbslöh die Windrichtung und trieb südöstlich ab, so daß er darauf rechnen mußte, an der Küste von New Jersey zu landen. Bei Anbruch des dritten Morgens erkannten die Luftschiffer unter sich die herrliche Gegend von Philadelphia. Die große Stadt erwachte gerade aus dem Schlafe und Signale zeigten den Beginn der Arbeitszeiten der Fabrikeu an. In allen Tonarten erschollen die Sirenen und bald war de: Lärm so laut, daß Erbslöh sich kaum noch mit Clayton durch Worts verständigen konnte. Unter der Einwirkung der Sonnenstrahlen stieg der Ballon wieder in die Höhe, und durch Ballast auswerfen, wurde er bis auf 3200 Meter gebracht. Hier sah Erbslöh ein, daß er nicht siber Newsork hinweg nach Connectieut kommen lönne, uno beloß daher möglichst an der Küste von New=Jersey zu landen. Von weitem sah er den Atlantischen Oze—* Fahrraddieb. Der frühere Betonmeister Aug. Reuter aus Gelsenkirchen wurde am Mittwoch Nachan. Zehn Meilen von der Küste zog er am Ventil, der Ballon senkte sich auf Asbury Park zu, und um 8 Uhr Morgens landete er an einer Straßenkreuzung. Sofort versammelte sich eine große Menge Neugieriger, und bald war der Ballon geborgen, zusammengefaltet und verpackt.. Einige Souvenirjäger eigneten sich dabei Erbslöhs Flaggen an, nur die deutsche wurde dabei gerettet. Als Erbslöh zwei Stunden später in Newyork ankam, wurde er bereits als Sieger begrüßt. Zur Urgeschichte des Mörtels bringt Prof. Rohland in der„Natur“ als dem Organ der Deutschen naturwissenschaftlichen Gesellschaft (Geschäftsstelle Th. Thomas in Leipzig. Preis pro Vierteljahr einschl. jährlich fünf Buchbeilagen Mk. 1,50) ganz unerwartet Aufschlüsse, die es verdienen, in weitesten Kreisen bekannt zu werden. Es ist interessant— sagt er— den Spuren nachzugehen, die andeuten, in welcher Reihenfolge und in welcher Weise das Menschengeschlecht sich der verschiedenen Rohmaterialien, die es in der Natur vorfand, bemächtigte, um sie zur technischen Verwertung zu bringen. Die Namen der Entdecker in der ältesten Zeit sind unbekannt geblieben; gleichwohl müssen die ersten Gedanken, die zu den einfachsten technischen Operationen führten, wie etwa zum Brennen des Kalkes und dessen Verwendung als Mörtel, als gleichwertig geachtet werden mit denen, die den Weg zur Auffindung der Radiumverbindungen wiesen. Wie auch jetzt noch, so hat auch früher bei diesen Entdeckungen der Zufall eine große Rolle gespielt. Bei der Entwicklung von Höhlenmenschen zum Bewohner der ersten, festgefügten Hütte ist ein anorganisches Materjal, der Kalkstein, zunächst in den Vordergrund getreten. Zahlreich sind die Formen, in denen er dem Menschen in der Natur sich darbietet; in den roheren Formen des Kalkspats, der Kreide, des Muschelkalks, des bituminösen Kalks, des Dolomits, in Verbindung mit dem Magnesit bis zu den edleren Modifikationen des Tropfsteines und des Marmors. Und auch in der Tierwelt findet sich dieses Material in mannigfacher Weise Verwendet vori i# brmittag dabei abgefaßt, als r aus einer Toreinfahrs im Brüderweg ein Fahrrad zu stehlen beabsichtigte. Er war gerade im Begriffe davon zu fahren, als der Besitzer hinzukam, welcher den Dieb dann der Polizei übergab. Bei dieser Gelegenheit ließ sich wie uns berichtet wird, ein Augenzeuge dazu hinreißen, dem Diebe verschiedentlich Ohrfeigen zu verabreichen. Unseres Erachtens hatte derselbe hierzu keinerlei Recht und dürfte die Sache für letzteren vielleicht auch noch ein unangenehmes Nachspiel haben. — Kronenburg. Heute Freitag, den 15. Juli Abends 8 Uhr kommen unter Hüttners Leitung folgende Werke zur Aufführung: Marsch Hmoll von Schubert „Scenen aus„Don Juan“ von Mozart. Polonaise A Dur von Chopin. Prolog a. d.„Bajazzo“ von Leoncavallo. „Benediktus“ von Mackewzie. Tonbilder a. d.„Walküre“. von R. Wagner.„Largo“ von Händel.„Meditation“ von Bach=Gounod. Ouvertüre„Oberon" von C. M. v. Weber. Brackel, 14. Frecher Raubanfall. Als gestern Abend an der Weiche zwischen Brackel und Asseln der Straßenbahn Körne=Unna ein Motorwagen hielt, bestieg ein fremder Mann den Wagen, in welchem sich außer dem Wagenführer und dem Schaffner nur eine Frau befand. Der Fremde warf dann plötzlich dem Schaffner eine Hand voll Asche und Sand in das Gesicht und griff gleichzeitig nach der Geldtasche des Schaffners. Dieser wehrte sich und rief dem Wagenführer um Hülfe an. Noch ehe dieser erscheinen konnte, war der freche Patron wieder in der Dunkelheit verschwunden. Die Geldtasche war nur aufgerissen worden und das Geld lag teilweise im Wagen umher. Bochum, 14. Juli. Wie die Zeche Prinz Regent uns mitteilt, konnte man bis heute Mittag zwei Uhr trotz der verzweifelten Arbeit der Rettungsmannschaften noch nicht zu den beiden verschütteten Bergleuten gelangen. Dazu kommt, daß man bis jetzt auch keine Lebenszeichen mehr von diesen erhalten konnte. Um schnell zu den beiden Unglücklichen zu kommen, versuchte man aus einem Nebenschachte durch einen neugegrabenen Weg an die Unglücksstelle heranzukommen. Dabei stieß man jedoch unerwartetecweise auf so hartes Gestein, daß zur Beiseiteschaffung desselben Sprengungen erforderlich gewesen wären. Diese konnte man jedoch wiederum nicht vornehmen, da man jeder neueren Verschüttungsgefahr vorbeugen mußte. So hat man heute Nachmittag wieder an der alten Stelle begonnen und man hofft, die Verunglückten bis morgen Mittag bergen zu können. Recklinghausen, 14. Juli. Bei einem schweren Gewitter, das über die Gegend bei Haltern und Dülmen hinwegzog, zündete der Blitz in der Westfälisch=Anhaltischen Sprengstoffabrik. Mit gewaltiger Detonation flogen drei Pulvermühlen in die Luft. Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen, doch soll der Materialschaden sehr bedeutend sein. Der Knall der Explosion war so stark, daß er hier wahrgenommen werden konnte. Nach einer weiteren Meldung sind durch die Explosion mehrere Mengehäuser zerstört worden. Ueber die Höhe des Schadens sind nähere Angaben noch nicht zu erlangen. Herdecke, 14. Juli. Hier wurde die am Sonntag vor acht Tagen bei Gelegenheit einer Kahnfahrt an der Hohensyburger Fähre ertrunkene Tochter des Anstreichermeisters Ambrock aus Kabel gelandet und zwar am Wehr gegenüber der Besitzung Hausen bei Herdecke. Elberfeld, 14. Juli. Abordnung englischer Arbeitgeber und Arbeiter in Deutschland. Eine aus 23 Personen bestehende Abordnung englischer Arbeitgeber und Arbeiter aus den Städten London, Northingham, Kensington, Burnley, Dephford, die sich auf einer Studienreise durch Deutschland befindet und bereits die verschiedensten größten Städte von Deutschlaud besucht hat, besuchte auch heute Elberfeld und ließ sich nach Besichtigung des Rathauses und seiner Sehenswürdigkeiten, namentlich der alten Säle, sowie einiger anderer Sehenswürdigkeiten der Stadt die Einrichtung des städtischen Arbeitsnachweises erklären. Aehnliche Einrichtungen haben die Herren auch in andern großen Städten besichtigt. Sie erkannten die praktische Bedeutung des Nachweises der Arbeit seitens der Arbeitgeber, wie auch seitens der Arbeiter lobend an. Gewerkvereinsteil. Hagen, 13. Juli. Der Regierungspräsident von Baake=Arnsberg hat infolge der Bitte der Stadtverordnetenversammlung um Einleitung von Einigungsverhandlungen in der Hagen=Schwelmer Metallindustrie an die beiden Parteien die Anfrage gerichtet, ok sie zu Verhandlungen bereit seien. Die Antwort lautete beiderseits zustimmend. stehen z. B. die Austernschalen zum allergrößten Teile bis zu 97 v. H. aus Kalziumkarbonat. Nun erscheint es sehr wahrscheinlich, daß diesel Material einst bei der Herstellung des einfachen Mahles längere Zeit erhitzt wurde,— und zum Erstaunen der Menschen jedenfalls vollständig zerfiel. Das Kalkbrennen war entdeckt und damit das, was der gelehrte Chemiker die Dissoziation des Kalksteins, seine Spaltung in entweichende Kohlensäure und festes Kalziumoxyd nennt. Kamen nun diese zerfallenen Steine, der gebrannte Kalk, zufällig in Berührung mit Wasser, so trat wieder ein Vorgang ein, der unsere Ahnen zuerst vielleicht mit Grauen erfüllt haben mag; unter wallenden Wasserdämpfen und unter starker Erhitzung verband sich der Kalk mit dem Wasser zu einem neuen, breiartigen Stoffe; waren aber im Kalkstein Strontianverbindungen enthalten, so traten gar zu nicht geringer Verwunderung in den Dämpfen rote, zuckende Strahlen auf Ein genialer Erfinder, dessen Name aus dunkler Vorzeit nicht bekannt geworden ist, lehrte dann seine Mitmenschen, diesen Brei zum Aneinanderfügen von Steinen zu verwenden; zum ersten Male trat ein Luftmörtel in die Erscheinung; denn dieser Brei, der gelöschte Kalk, hat die Fähigkeit, unter Aufnahme der Kohlensäure aus der Luft zu erhärten, und an den Steinen mit großer Adhäsionsenergie festzuhaften.. In ungeheuren Mengen findet sich in der Natur ein scheinbar nutzloses Material in den Flüssen, am Meere, in pflanzenarmen Wüsteneien, der Sand. Doch auch er hat Verwendungszwecke beim Luft= und hydraulischen Mörtel gefunden. Denn erst durch Zusatz von Sand zum gelöschten Kalk wird ein brauchbarer Mörtel hergestellt, der ohne ersteren schwinden, Risse, und Sprünge erhalten, und nur ganz langsam erhärten würde. Bei sehr alten Mörteln ist der Sandzusatz sehr gering; bei einem Mörtel, der von der Pyux in Athen zu Perikles Zeiten, 400 v. Chr. etwa, stammt, betrug er nur 12 v. H.; bei einem 600 Jahre alten Mögtel von der Bastel in Wien 32,5 v. H.; während er jetz# etwa 50 v. H. zu betragen pflegt. —— Hamburg, 13. Juli. Die Organisakion der deutschen Werftarbeiter bahnt eine Lohrbewegung für die 40000 Werftarbeiter in Hamburg, Bremen, Flensburg Niel, Lübeck, Rostock“ und Stettin an. Sie fordert die Einsetzung von Arbeiterausschüssen, ferner 10 Prozent LLohnerhöhung bei verkürzter Arbeitzeit und Regelung der Akkordarbeit. Kriminalität in Heer und Marine. Ein bedeutender Faktor für die Beurteiulug der Tüchtigkeit eines Heeres ist die Kriminalität, oder die Statistik der abgeurteilten Vergehen und Verbrechen der Soldaten. Nach der letzten Uebersicht ist das Bild. das sich für unser Heer und unsere Marine ergibt, ein sehr günstiges zu nennen. Die Gesamtzahl der Bestrafungen war im ganzen deutschen Heere für militärische Verbrechen und Vergehen im Jahre 1908 5980, gegenüber 8548 im Jahre 1907; die Gesamtzahl der Bestrafungen für bürgerliche Vergehen und Verbrechen im Heere 5259, gegenüber 5160 im Jahre 1907. Bei der Marine wurden im Jahre 1908 für militärische Verbrechen und Vergehen im ganzen 1020 Mann abgeurteilt, gegenüber 1023 Mann im Jahre 1907. Im Jahre 1908 waren davom 303 Fälle kriegsgerichtliche Urteile(im Jahre 1907: 775) und standgerichtliche Fälle 217(gegen 248 im Jahre 1907), für bürgerliche Vergehen wurden im Jahre 1908 bei der Marine 495 Mann bestraft, gegenüber 490 Mann im Jahre 1907. Es wird interessieren, daß die meisten militärischen Vergehen in Gehorsamsverweigerungen unterer Militärpersonen bestanden. Schwere Vergehen militärischer Natur sind fast gar nicht abgeurteilt worden, wegen Feigheit wurde im ganzen deutschen Heere nicht ein Mann bestraft. Wegen Mordes oder Totschlags kamen in der ganzen Armee nur drei Mann in Betracht. Auch die Vergehen bürgerlicher Natur waren durchaus leicht zu nennen, so daß das Gesamtbild, das sich aus dieser Statistik ergibt, ein durchaus günstiges zu nennen ist. Auf die einzelnen Staaten ergibt sich folgendes Bild: In Preußen wurde wegen militärischer Vergehen 7222 Mann verurteilt(gegenüber 6893 im Jahre 1907). Kriegsgerichtliche Strafen waren davon 5460(5134) und standgerichtliche 1766(1759). Wegen bürgerlicher Vergehen wurden in Preußen 2579 triegsgerichtliche und 1179 standgerichtliche Urteile im Jahre 1908 gefällt. In Bayern war die Anzahl der für militärische Vergehen kriegsgerichtlich Bestraften 729, die der standgerichtlich Bestraften 312. Für bürgerliche Vergehen wurden im Jahre 1903 in Bayern 1060 Mann abgeurteilt(986 im Jahre 1907). In Sachsen wurden insgesamt 431 Mann im Jahre 1908 wegen militärischer Vergehen abgeurteilt, 52 Mann weniger als im Jahre 1907. Für bürgerliche Vergehen wurden im Jahre 1908: 235 Mann abgeurteilt(im Jahre 1907: 256 Mann). In Sachsen weist das Jahr 1908 also einen bedeutenden Rückgang auf. Schließlich ist noch die Kriminalität im württembergischen Armeekorps zu erwähnen. In Württemberg haben beide Jahre eine sehr geringe Anzahl von Bestrafungen gebracht. Wegen militärischer Vergehen wurden kriegsgerichtlich 236 Mann(gegen 210 im Jahre 1907) und standgerichtlich nur 46 Mann(57 im Jahre 1907) abgeurteilt. Für bürgerliche Vergehen wurden 203 Mann(202 im Jahre 1907) bestraft, von denen 124 Urteile kriegsgerichtlicher und 84 Urteile standgerichtlicher Natur waren. Aus all diesen Angaben geht hervor, daß der moralische Stand unseres Heeres ein ausgezeichneter zu vennen ist, besonders wenn man die Zahlen in Betracht zieht, die für andere Armeen maßgebend sind. Kassel. 14. Juli. Im Kalibergwerk„SachsenWeimar" bei Philippsburg sind ein Bergmann getötet und zwei tödlich verletzt worden. Eine Anzahl Bergleute waren dem Erstickungstode nahe: sie konnten aber noch rechtzeitig ins Leben zurückgerufen werden. Das Unglück ereignete sich dadurch, daß nach dem Abfeuern der Schreckschüsse die Bergleute den Sicherheitsraum zu früh verließen. Dresden, 14. Juli. Kaufmann Robert Schön, Inhaber der Firma Weigel u. Schön in Neustadt in Sachsen, ist verschwunden. Vor etwa acht Tagen wurde in der Fabrikfiliale in Langenburgersdorf ein großer Explosionsherd entdeckt, der angelegt war, um das Fabrikgebäude in die Luft zu sprengen. Als die Polizei nach eingehender Untersuchung Verdacht gegen Robert Schön schöpfte, hob dieser am Samstag einen großen Betrag bei der Bank ab, verschaffte sich auch anderwärts noch ganz erhebliche Summen und verschwand. Goslar, 14. Juli. In dem nahe gelegenen Hüttenort Oker ging gestern abend ein schweres Gewitter mit starken Hagelschlägen nieder. Der auf dem Klausbergschen Gute zu Besuch weilende Professor v. Ickenbrecher aus Wilmersdorf, der sich im Garten aufhielt, flüchtete vor dem plötzlich einsetzenden Hagelschauer in die Waschküche eines Nebenhauses. Als er das schützende Dach eben erreicht hatte, traf das Gebäude ein kalter Blitzstrahl, der sich auch auf Prof. v. Ickenbrecher übertrug und Lähmungserscheinungen bei ihm verursachte. Lübben, 14. Juli. Gestern abend wurde bei Werben im Spreewald der Soldat Meister vom Blitz erschlagen und seine Mutter gelähmt. Berlin, 14. Juli. Nach einer Depesche des„B. L.=2 aus Innsbruck sind auf der Birnlücke fünf Tourist abgestürzt. Drei von ihnen, darunter eine Dame name Zenig und ein Herr Anton Pesch aus Berlin, wurd schwer, die beiden anderen leicht verletzt.— Eine Bi linerin namens Zenig und ein Herr Pesch, bei den ein Unfall in Frage kommen könnte, ließen sich jedoch Berlin bisher nicht ermitteln. Berlin, 18. Juli. Der Kriminalpolizei in Münck ist es gelungen, den seit vielen Jahren gesuchten Fals münzer Wilde aus Berlin zu verhaften. Glei zeitig mit ihm wurde seine Geliebte und deren Schwe festgenommen. Diese legten ein Geständnis dahin daß Wilde falsches Geld fabriziert habe und daß sie ihrer Schwester und Wilde Touren durch ganz Deuts land gemacht hätten, um das Geld abzusetzen. Die d werden nach Berlin gebracht, wo sie vor Gericht geste werden. Wilde ist als geisteskrank bekannt und sch wiederholt aus Irrenanstalten, in die er gebracht word war, entsprungen. „Königsberg, 14. Juli. Wie aus Angerburg richtet wird, sind dort der frühere Eisenbahnschaffn Sudau nebst Frau und dem 15jährigen Sohn weg Felschmünzerei verhaftet worden. Eine# 89 Falsifikate, sowie Apparate zur Herstellung falsa Geldstücke wurden Tannwald i. Böhmen, 14. Juli. In der Nthe von Eisenbrod warf ein Mann im Wahnsinn sein jüngstes Rind in einen Topf mit siedendem Wasser, tötete dann ein zweites Kind durch Fußtritte, erwürgte seine verbeseilende Mutter und spaltete seinem Vater mit einem Beil den Kopf. Erst nach einiger Zeit gelang es, den Wahnsinnigen zu überwältigen und in die Irrenanstalt zu schaffen. Zwei größere Kinder konnten sich rechtzeitig verstecken. Posen, 123. Juli. In Wollstein erkrankten gelegentlich des Sommerfestes des dortigen Bürgervereins über 20 Personen, nachdem sie Kaffee getrunken hatten, unter schweren Vergiftungserscheinungen. Die Kranken befinden sich in ärztlicher Behandlung. Der Kaffee soll in einem kupfernen Kessel gekocht worden sein. Paris, 13. Juli. Im Krankenhause von Alencon befindet sich eine Frau, die seit dreißig Jahren in tiefem lethargischen Schlafe liegt.“ Sie wird mittels einer in den Schlund eingeführten Röhre ernährt, durch die flüssige Nahrung in den Magen eingeführt wird. Das Sonderbare des vorliegenden Falles ist, daß die Temperatur der Kranken in keiner merkbaren Weise herabgesetzt erscheint, während andere Lethargische gewöhnlich fast so kalt wie eine Leiche sind. Paris, 14. Juli. Die Geschworenen sprachen die Verkäuferin Bourette des Gistmordes einstimmig schuldig. Sie wurde zu lebenslänglichen Zuchthaus uno zur Zahlung voon 100000 Fr. Buße an die Witwe des ermordeten Tenoristen Godard verurteilt. Newyork, 14.Juli.. Eie italienischer Kaufmann namens Manzella ist ein Opfer der schwarzen Hand geworden. Er wurde gestern von einem andern Italiener namens Giuseppe Spemazzio, der sich Geld von ihm borgen wollte, getötet. Als der Kaufmann die Absicht seines Gegners bemerkte, gab er einen Revolverschuß ab, der jedoch fehl ging. Hierauf'streckte Spemazzio den Kaufmann durch einen Revolverschuß nieder. Die 17jährige Tochter des Getöteten, die garade ins Zimmer kam, tötete den Mörder ihres Vaters durch drei Revolverschüsse. Neuyork, 14. Juli. Die Hitze forderte gestern wiederum zahlreiche Opfer; in Neuyork zählte man allein zwölf Tote, obgleich die Hitze gegen die Vortage nachgelassen hat. „Luisenbräute“ nennt der Vokksmund jene Mädchen, die alljährlich am Todestage der Königin Luise von Preußen in der Potsdamer Hof= und Garnisonkirche getraut werden und als Hochzeitsgabe 450 Mk. erhalten. König Friedrich Wilhelm III. hatte am 19. Juli 1811 angeordnet, daß in der Sterbestunde seiner Gemahlin sechs Mädchen dienenden Standes getraut werden sollten. Aus den Zinsen der Luisen=Denkmalstiftung, die etwa 72.000 Mk. beträgt, wird die Ausstattungsgabe bestritten. Natürlich knüpfen sich Bedingungen an die Zulassung als Luisenbraut. Die Mädchen müssen den größten Teil ihrer Dienstzeit bei Potsdamer Herrschaften verbracht haben, gute Zeugnisse besitzen und sich eines tadellosen Rufes erfreuen. Inbetracht kommen nur Dienstmädchen, gewöhnlich im Alter von 22 bis 25 Jahren. Der Stand des Bräutigams spielt keine Rolle. Da die Luisenbräute immer in der Sterbestunde der Königin Luise das kirchliche Ehebündnis schließen, ist es Vorschrift, daß alle schwarze Brautkleider tragen, weshalb sie auch die „schwarzen Bräute“ genannt werden. In diesem Jahre werden(am 19. Juli) 12 Luisenbräute getraut werden. Da nur für sechs Bräute die Mittel vorhanden waren, haben Wohltäter das Gelo zur Verfügung gestellt, damit auch die andern sechs Jubiläumsbräute ausgestattet werden konnten. König Georg als Indianerhäuptling. König Georg V ist dazu berechtigt, den Lederrock, die Moccasins und den Schmuck aus den Federn des Kriegsadlers“ kurz die ganze Tracht eines Indianerhäuptlings anzulegen. Eine englische Wochenschrift macht auf diese wenig bekannte Tatsache aufmerksam. Es ist etwa ein Jahr her daß Englands König, der damaligen Prince of Wales, zum Indianerhäuptling gemacht wurde. Damals versammelten sich in Brantfort(in Ontario) die 6 Völker der Mohawkindianer und übertrugen dem englischen Prinzen den Häuptlingstitel; der Prince of Wales hat damals auch in einem Dankschreiben geantwortet. König Georgs Vater war übrigens auch Indianerhäuptling: König Eduard trug in der Mohawksprache einen Namen, der auf Deutsch„Sohn der großen weißen Mutter“ bedeutet Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, daß noch ein anderer Angehöriger des englischen Königshauses der Herzog von Connaight, sich als Indianerhäuptling bezeichnen darf. Pariser Nachtszen=: In Paris, Zwanzig Minuten nach Mitternacht. Vor der Großen Oper. Hinter einer dichten Schutzmannskeite und hinter den Reitern, die die Eskorte des Präsidenten bilden, steht das Publikum in gewaltigen Hausen und wartet geduldig auf das Erscheinen des Königs und der Königin von Bulgarien. Das Opernhaus erstrahlt im Glanze einer seenhaften Beleuchtung. Plötzlich zeigt sich ein Laternenauslöscher der Gasgesellschaft, der mit der größten Gemütlichseit fast alle Laternen, die die Umgebung des Theaters beleuchlen, auslöscht. Bald liegt die ganze Straße im Finstern. Warum löschen Sie denn die Lichter aus?" fragt ein Neugieriger den Laternenmann.„Das Königspaar ist ja noch nicht fortgegangen....—„Weshalb ich sie auslösche?" erwidert ruhig der Beamte der Gasgesellschaft.„Weil sie jeden Abend um diese Zeit ausgelöscht werden.“ Spricht's und löscht auch noch die beiden großen Laternen aus, die direkt vor der Oper stehen. Inzwischen ist das Königspaar erschienen: Die Menge schreit:„Hoch!“, ohne etwas zu sehen. Es ist ein geradezu gespenstisches Schauspiel. Und die königlichen Wagen fahren hinaus ins Dunkel. Zwei Minuten später aber erscheint ein zweiter Beamter der Gasgesellschaft, der mit großem Eiser die soeben erst von seinem Kollegen ausgelöschten Lichter wieder anzündet.„Was machen Sie denn da?“ fragen ihn die Leute. „Weshalb zünden Sie denn die Laternen wieder an?"— „Weil der König da ist!" antwortete der Mann.—„Aber der König ist ja schon längst sort..“—„Das ist nicht meine Sache! Man hat mir befohlen. des Königs wegen die Lichter anzuzünden, und ich zünde sie an. Befehl ist Besehl!“— Man sieht wieder einmal, daß Licht und Schattenseiten bureaukratischer Zucht genan so gut echt=französisch wie echt=preusisch sind. Handel Die Nieder deutsche Bank, Kommanditgesellschaft auf Aktien, ließ folgende Bekanntmachung bei ibren Filialen und Kassenstellen anschlagen: Zurzeit findet eine Revision durch die deutsche Treuhandgesellschaft statt. Die Kassen sind daher an drei Tagen geschlossen. Ferner wird einem Dortmunder Blatte aus Berlin telegraphiert: Wie wir erfahren hat die Reichsbank in dankenswerter Weise die Initiative ergriffen, um die Berliner Großbanken zu einer Regelung der bei der Niederdeutschen Bank entstandenen Schwierigkeiten zu vereinen. Auch politische und parlamentarische Kreise intéressieren sich auf das Lebhafteste für eine baldige Behebung der Schwierigkeiten damit die zahlreichen Gewerbetreibenden, die daran interessiert find, keinen Schaden erleiden. Den Gläubigern der Bank ist daher zu raten, durch die dreitägige Schließung der Kasse nicht die Ruhe zu verlieren und die in Kürze zu erwartende Regelung der Angelegenheit abzuwarten. Mehrere Aufsichtsratsmitglieder haben ihr Vertrauen in die Solidität der Bank durch Hergabe beträchtlicher Kredite dokumentiert. Patent=Listen. Zusammenstellung der vom Patentbüro Conrad Köchling, Dortmund, Steinplatz 1., erwirkten mit Einschluß der in den Verbreitungsbezirk der Zeitung entfallenden Schutzrechte der letzten Woche. A. Patentanmeldungen. Staubring für Achsenbüchsen an Eisenahnfahrzeugen: Firma H. Klein, Kamen.— Unabhängig vom Ofen bewehrter und abnehmbarer Ofenkopf für Regenerativöfen: Pötter u. Co., Dortmund.— Hürde zum Aufstapeln von Walzgut: Märkische Maschinenbauan= stalt L. Stuckenholz, Wetter.— Vorrichtung zur Verschiebung des Kettenangriffspunktes an Drahtzugscheiben: G. Stracke, Werne.— Wendevorrichtung für Blockformen: Märkische Maschinenbauanstalt L. Stuckenholz, Wetter. B. Patenterteilungen: 224578. Mit einer kugelschalförmigen Tür versehener Dammverschluß für Bergwerke: Gewerkschaft Emscher=Lippe, Datteln.“— 224534 Verfahren zur Beseitigung vom Lunkern beim Walzen von Blöcken: Märkische Maschinenbauanstalt, L. Stuckenholz, Wetter. — 224 592. Vorrichtung zur Aufhebung der Täuschung bei Vorlagen und Retorten und Kammeröfen: August Klönne, Dortmund.— 224599. Zusammenlegbare Feldbettstelle mit nach der Mitte des Bettes einklappbaren Kreuzböcken: R. Ruthenfranz, Witten— 224619. Lösbare Verbindung der einzelnen Längen einer Schüttelrutsche: A. Naß, Herne. C. Gebrauchsmustererteilungen. Lenkstange für Fahrräder u. dergl. mit Sicherheitseinrichtung gegen Diebstahl der Räder: Ferdinand Diek, Bönen bei Hamm.— Lehrmittel zum Erlernen des Lesens: Josef Severin= Hamm.— Haken für Tore u. dergl.: Firma W. Borggräfe, Westhofen.— Schmier= vorrichtung für Schlösser: Hubert Vith, Herten.— Ausstellungs= und Verkaufskasten mit nach hinten verschließbarem Glasdeckel, speziell für Konditoreien: E. Höner, Witten.— Wandkartenschrank und Wandkartenordner, der aus einzelnen Abteilungen zusammengesetzt werden kann und dessen besondere Kartenträger die Karten so ordnen, daß sie in schräg aufsteigenden Reihen in Gruppen übereinander liegen: Fr. Brinkmann, Dortmund.— Auf verschiedene Größen einstellbare Kuchenbackform: I. Wegener, Werl.— Bürstenhalter für Kohlenbürsten: M. Vahle, Selm.— Elektrische Glühlampe mit mehreren von einander isolierten Glühfäden, von denen nicht nur jeder allein, sondern auch zwei und mehrere gleichzeitig zum Glühen gebracht werden: J. Anmüller, Langendreer.— Quittungs= und Rabattkontrollheft mit eingelegtem Kohlenpavierblatt: A. Helt, Dortmund.— Vorrichtung zum Verhüten der Schwankungen und des Geräusches bei Luft= und Gasleitungen: Fr. Dorfs, Dortmund.— Dampfkesselschlammejektor mit Strahlrohr mit Düse und mit Löchern versehenem horizontal liegendem Saugrohr: H. Braun, Dortmund. — Grubenholz=Raubvorrichtung: J. Böckmann, Lünen. — Seitenkipper für Grubenwagen: I. Böckmann, Lünen. Letzte Telearamme. Ballon=Unfälle und kein Ende. Duisbura, 14. Juli. Der Aviatiker Strack unternahm heute morgen auf den Wiesen am Pulverwege mehrere Probeflüge, die vorzüglich gelangen. Der günstige Ausfall machte den Aviatiker mutig und er ging in Höhe bis zu 60 Meter hinauf. Hier vollführte er nun verschiedene Wendungen und Schleifen und der Apparat gehorchte präzise seinem Führer.. Als der Aviatiker zum Erproben des höhenen in niedere Regionen hinunterstieg, stürzte plötzlich der Apparat zur Erde, wobei er erheblich verletzt wurde. Der rechte Flügel zerschmetterte vollständig. Der Aviatiker, der unter seinem Apaarat zu liegen kam, blieb wie ein Wunder am Leben. Außer einigen unbedeutenden Hautabschürfungen hatte er keinerlei ernstere Verletzungen erlitten. Die Reichsversicherungsordnung. Berlin, 14. Juli. Die Reichsversicherungskommission erledigte ohne nennenswerte Aenderungen den Rest des zweiten Buches, Krankenversicherung. Die Weiterberatung, beginnend mit der Unfallversicherung, wurde auf den 20. September festgesetzt. Von der Nordlandfahrt des Kaisers. Berlin, 14. Juli. Der Kaiser ist nach guter Fahrt heute früh um 84 Uhr in Belholmen eingetroffen. Das Wetter ist unverändert schön und sehr warm. Nachts waren nur 9 Grad. An Bord ist alles wohl. Verhaftung vor dem Palais des Fürsten Henkel zu Donnersmarck. Berlin, 14. Juli. Heute mittag wurde vor dem Valais des Fürsten Guido Henckel zu Donnersmarck auf dem Pariser Platz der Schriftsteller Eduard H. in dem Moment verhaftete als er von dem Fürsten die Summe von 500000 Mark erpressen wolte. Henkel der bereits durch frühere Affären der Polizei bekannt war, beschuldigte den Fürsten, das er unter den Besitzungen seiner Nachbarn in Schlesien nach Erzen hab, schürsen lassen. Fürst Henckel zu Donnersmark weilt gegenwärtig in Gastein. Zum Bombenattentat bei Berlin. Berlin, 14. Juli. Die Mutter des verletzten Lichtenrader Gutsbesitzers Kraatz erhielt aus Berlin eine Postkarte mit sichtlich verstellter Handschrift, die offenbar von dem Täter herrührt. Auf der Karte, deren Inhalt von Beleidigungen strotzt, ergeht sich der Schreiber gegen Kraatz und seine Familie in bittersten Vorwürfen darüber, daß sie sich als wohlsituierte Leute durch die Weigerung ihm die gewünschten 3000 Mark zu zahlen, so kleinlich gemacht hätten, Die Karte wurde der Polizei übergeben. Berlin. 15. Juli. Das Treiben der Erpresserbande, die das Attentat auf den Gutsbesitzer Kraatz verübte, wird immer verwegener. Nachdem gestern der Familie Kraatz eine Postkarte unflätigsten Inhalts zugegangen war, erhielt sie in den Abendstunden einen Brief folgenden Wortlauts: Nachdem sie doch die Gemeinheit gemacht haben, und es die Polizei mitgeteilt haben, haben wir Ihnen blutige Rache geschworen.. Drei oder vier Stunden nachdem Sie diesen Brief bekommen haben, fliegt Ihr ganzes Haus und alles mit und auch die ganze Familie in die Luft. Es ist alles gut vorbereitet und kann jetzt losgehen. Hochachtungsvoll.... Folgende undeutliche Buchstaben sind zu lesen M. d. Sch. B.. A. N' D. E. Adresse und Schrift ähneln der, die auch die vorangegangenen Erpresserschreiben aufweisen.. Da der Absender seine Drohung schon einmal wahr gemacht hat, so sind von der Polizei für diese Nacht dir umfassendsten Schutzmaßnahmen getroffen gewesen Der mit Bleistift geschriebene Brief war nachmittags in Berlin auf dem Postamt 21 aufgegeben worden. Trotz der umfassenden polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen befinden sich die Mitglieder der Familie in fürchterlicher Aufregung. Die bisher vorgenommenen Festnahmen konnten sämtlich nicht aufrecht erhalten werden. Das Polizeipräsidium erhielt gestern einen Brief, in dem sich der Absender erbittet, der Polizei den Täter des Lichtenrader Verbrechens zu nennen und zwar gegen eine Belohnung von 1000 Mark, die in barem Gelde um 3 Uhr nachts beim Denkmal der Berolina am Alexanderplatz niederzulegen sind, widrigenfalls würde später die Alexander=Kaserne in die Luft gesprengt werden. Gefährliche Fahrt durch die Lüfte. Berlin, 14. Juli. Eine gefährliche Fahrt durch die Lüfte hatte der Ballon„Lilienthal“ des Berliner Vereine für Luftschiffahrt zu bestehen. Gestern war er von der Ballonhalle des Vereins in Schmargendor## aufgestiegen. Der Ballon geriet in zwei Gewitter. Durch schwere Böen wurde er hin= und hergeworfen; schließlich aber konnte doch die Landung nach längerer Schleifenfahrt bei Gussow in der Mark ohne Zwischenfall erfolgen. Aufdeckung einer Skandalaffäre in Dresden. Dresden, 14. Juli. Der Naturheilkundige Kämp, und seine Ehefrau, eine Masseuse, wurden vor kurzer Zeit verhaftet. unter der Beschuldigung, schwere kupplerische Delikte begangen zu haben. Sie suchten durch Inserate mit den besten Gesellschaftskreisen in Verbindung zu treten und veranstalteten in ihrer Wohnung geheime Zirkel, bei denen wahre Orgien gefeiert wurden. Die Polizei erfuhr davon und drang während einer solchen nächtlichen Sitzung in die Wohnung ein, wobei eine große Anzahl moderner Hilfswerkzeuge gefunden und beschlagnahmt wurden. Da die Voruntersuchung sehr belastendes Material zulage förderte, hat sich Kämpf in seiner Zelle erhängt, während die Untersuchung gegen die Frau fortgesetzt wird. Von den dabe bloßgestellten Beteiligten haben mehrere die Flucht er. griffen, um gerichtlichen Weiterungen zu entgehen. Die Verössentlichung des russisch=japanischen Uebereinkommens. Petersburg, 15. Juli. Die Veröffentlichung des russisch=japanischen Abkommens hat in allen russischen Städten, besonders im Osten einen ungewöhnlich günstigen Eindruck gemacht, ganz besonders in Wladiwostok. Der Vertrag hat die Stellung Iswolskis stark befestigt. Von diplomatischer Seite wird versichert, das ein japanisch=russischer Eisenbahnvertrag, dessen Veröft fentlichung zum August bevorsteht, vom Finanzministerium ausgearbeitet wird. Ferner wird behauptet, daß das russisch=japanische Abkommen gar nichts mit dem Vorschlag des Staatssekretärs Knor bezüglich der Neutralisation der Eisenbahnen zu tun hat. Testamentsfälschungsaffäre in Moskau. Petersburg, 14. Juli. Die jüngst in Moskau erfolgte Aufdeckung einer Organisation zur planmäßigen Fälschung von Testamenten löst einen ungeheuren Skandal aus. Die Organisation unterhielt Agenten bei allen Gerichten, Waisenstühlen und Archiven, erhielt genaue Informationen über hinterlegte herrenlose oder zweifelhafte Erbmassen und fabrizierte falsche Dokumente oder fälschte echte Testamente, mit denen sie die Erbberechtigten um ihr Vermögen brachten. für die Reise. Eine totale Umwälzung bringt das neue Handlungsgehilfengesetz für breite Schichten der Bevölkerung durch die Festlegung des Rechtes auf Urlaub. Haben auch schon früher viele sich eines solchen zu erfreuen gehabt, so ist derselbe jetzt gesetzlich so manchem gewähren leistet, der bisher an Urlaub gar nicht zu denken gewagt. An den Betreffenden liegt nun, den Urlaub auch in vernünftiger Weise zu wirklicher Erholung zu benutzen, wie sie eine Wanderung durch Wald und Flur, über Berg und Tal in so idealer Weise bietet. Will man aber eine solche Urlaubswanderung, die durch die vielen Verkehrsmittel erleichtert wird, mit wirklichem Genuß verbinden, so ist die erste Bedingung: Mit verschiedenen Alpengebieten in G. Freytag's Touristenwanderkarten 1:100.000(à K 2.—), Wiener Ausflugskarten 1:100.000(à 40 h), Umgebungskarten 1:25.000 (à K 1.— und K 1.20) vorliegen, oder eines guten Führes unerläßlich, um sich über Weg und Steg, über Unterkunfts=Möglichkeit, über das was sich dem Auge in der durchwanderten Gegend an Bergen und Burgen, an Wasserfällen und Höhlen usw. bietet, klar zu sein und nicht an Sehenswertem vorüber zu laufen. Die k. u. k. Hof=Kartographische Anstalt G. Freytag& Berndt, Wien VII Schottenfeldgasse 62 hat einen ausführlichen„Wegweiser für Alpenteuren und Sommerreisen“ herausgegeben, der auf Verlangen kostenlos versandt wird und zur Orientierung über oben genannte Karten, so wie über eine Fülle anderer Führer und Panoramen etc. außerordentlich geeignet ist. Die Firma A. Lichtenstein hat ihr Herrenund Knabengarderobengeschäft nach Brückstr. 32, Ecke Gerberstr. verlegt, wo sie in dem geräumigen Lokal die Neuheiten der deutschen Herren=Mode in größter Auswahl übersichtlicht vor Augen führen kann. In den großen Schaufenstern erblickt man eine kleine Auslese aus dem reichhaltigen Lager in Herren=Jünglings= und KnabenGarderoben, sowie in allerhand Berufskleidung. Wer vor der Ferienreise seine Garderobe gut und billig zu vervollständigen beabsichtigt, sei auf die Firma A. Lichtenstein „Deutsche Herren-Moden“ empfehlend aufmerksam gemacht. Hordseebad Cuxhaven. Seehad u. Laftkurert I. Ranges. Sommer u. Wialer-Kurort. Warme u. kalte Seebäder.— Hell- u. medizinische Bäder. Abwechslungsreichst. Szenerie inf. d. enorm. Seeverkehrs Hamburgs, Ankunft u Abf. d. Schnelldampfer d. Hamburg-Amerika-Linie. Segel-Regatten d. Kaiserl. Tachtklubs u. d. Norddeutsch. Regatta-Vereine. Frequenz: 22791 Kurgäste, 98000 Passanten, Prospekte d. d. Verband der Nordseebäder, Hasenstein& Vegler 4-G., sowie durch die Badekommission. Neu eröffnet! Spezialhaus für Herren-, Jünglings- u. KnabenGarderoben, sowie sämtliche Berufs-Kleidung Ecke Ger rücks Bisher Brückstrasse 39 Albert Lichtenstein. Täglich abends 7 Uhr: Kapelle der 14aer Metz. Musikmeister: H. Frenzel. Solisten-Ensemble Gendelo Krulich. Paul Thiele. Freitag, abend 8 Uhr: Grosses Militär-Konzert der Kapelle d. Sächs. Fuß.-Art.-Regts. Nr. 12 Eintritt 30 Pfg. Vorzugskarten mit 20 Pf. Nachzahlung gültig. Wegen Vermietung meines Ladenlokals per 1. August 1910 und Ueberfüllung meines Lagers verkaufe ich Herde, Oefen, Gaskocher Waschöfen Motor-, Hand- und Dampfmaschinen, Mangeln, Wringmaschinen und sonstige Küchengeräte 3::::::: zu jedem annehmbaren Preise. Aug. Kromberg, Kaiserstrasse 74. Bekanntmachung. Vom beteiligten Publikum wird vielfach angenommen, daß im städtischen Bureau für Invaliditäts= und Altersversicherung, Spitthoff 2, Zimmer 1, die zu verwendenden Marken käuflich zu haben seien oder die Annahme von Geld zum Ankauf von Marken an der bezeichneten Dienststelle stattfinde. Diese Annahme ist nicht zutreffend. Die bestehende Bestimmung geht vielmehr ausdrücksich dahin, daß in jedem Falle die erforderliche Anzahl von Marken von den Beteiligten selbst beizubringen ist. Die Entwertung der Marken geschieht in Gegenwart der Person, die die Karte vorlegt. Der Verkauf von Versicherungsmarken erfolgt durch die Post. Im Interesse der Beteiligten und zur Vermeidung überflüssiger Gänge wird auf diese Bestimmung ausdrücklich hingewiesen. Dortmund, den 1. Juli 1910. Der Magistrat. —.— e Will irhner * IStaus- u. Jamilienmdache Garlinenwasche n Oppreteoauf Aag * Inesualitat, IItäbkenübche. Sun aanberete Nusfuhrung, p#empte: Aebet. Olympia-Theater Dortmund Gastspiel Hamburger Carl Schultz-Theater. Stürmischer Erfolg! Täglich abends 8 Uhr: Die geschiedene Frau Operette in 3 Akten von Leo Fall. Kronenburg. Philharmon. Orchester. Dirigent: Georg Hüttner. Freitag, den 15. Juli 1910: 9. Abonnements-Konzert Anf. 8 Uhr. Entree 1 Mk. Ulmenplatz 50 Pf. Abonnements a. d. Kasse. S0obon Wer liebt? ein zartes, reines Gesicht, rosiges, jugendfrisches Aussehen und schönen Teint? Alles dies erzeugt: Steckenpferd-Lillenmüch-Seile v. Bergmann& Co., Radebenl. Preis à St. 50 Pf. ferner ist der Lilienmilch-Cream Dada ein autes vorzüglich wirkendes Mittel gegen Sommersprossen Tube 50 Pfg. bei: Alb. Brügmann, Betenstr. 27 und Hohestraße 6. Ed. Blumberg, Münsterstr. 74. Heinr. Köhler, am Markt, Jacob Münster, Wißstraße. und Filiale Kuckelke=Drogerie. Paul Prött, am Markt. H. W. Greeven, Münsterstraßr 7. Adler=Apotheke, Markt 4. Hermann=Apotheke, Schützen straße 16. 30Löwen=Apotheke, Münsterstr. 9 Ed. Stehmann Brückstraße 19 Th. 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Donnerstag 28. Freitag, 29.„„„„„„ anberaumt worden. Die Musterung der Pferde erfolgt nach Polizei=Bezirken getrennt und zwar haben die Pferdebesitzer, welche im 1. 2. und 7. Bezirk wohnen, ihre Pferde auf der Gürtelstraße und diejenigen Besitzer, welche im 3., 4., 5., 6. und 8. Bezirk wohnen, ihre Pferde auf der Mallinkrootstraße(zwischen Münsterstraße und Nordmarkt) vorzuführen. Die Pferdebesitzer des hiesigen Stadtkreises werden demnach aufgefordert, bei Vermeidung einer Executivstrafe bis zur Höhe von 150 Mk. und. zwangsweiser Herbeischaffung der nicht gestellten Pferde auf Kosten der Besitzer ihre sämtlichen Pferde mit Ausnahme: a) der unter 4 Jahre alten Pferde, b) der Hengste. c) der Stuteu, die entweder hochtragend sind, d. h. dereAbfohlen innerhalb der nächsten 4 Wochen zu erwarten ist, oder innerhalb der letzten 14 Tage abgefohlt haben, d) der Vollblutstuten, die im„Allgemeinen deutschen Gestütsbuch“ oder den dazu gehörigen offiziellen— vom Unionklub geführten Listen eingetragen und von einem Vollblutheugst laut Deckschein belegt sind, auf Autrag des Besitzers. e) derjenigen Mutterstuten in den Remonteprovinzen Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Hannover, welche in ein Gestütsbuch für edles Halbblut eingetragen und laut Deckschein über 6 Monate tragend sind oder innerhalb der letzten 8 Wochen abgefohlt haben, auf Antrag des Besitzers, 1) der Pserde, welche auf beiden Augen blind sind, g) der Pserde, welche in Bergwerken dauernd unter Tag arbeiten, h) Der Pferde welche wegen Erkrankung nicht marschsähig sind oder wegen Ansteckungsgefahr den Stall nicht verlassen dürfen, ) d e r P f e r d e, w e l c h e b e i e i n e r f r ü h e r e n i n h i e s i g e r S t a d t abgehaltenen Musterung als dauernd kriegsunbrauchbar bezeichnet worden sind, k) der Pferde, unter 1,50 m Vandmaß dem Kommissar, welcher die Vormusterung bewirkk, vorführen zu lassen. Von der Verpflichtung zur Vorführung ihrer Pferde sind ausgenommen: 1. Mitglieder der regierenden deutschen Familien. 2. die Gesandten sremder Mächte und das Gesandtschaftspersonal, 8. die aktiven Offiziere und Sanitätsoffiziere bezüglich der von ihnen zum Dienstgebrauch gehaltenen Pferde, 4. Beamte im Reichs= oder Staatsdienste hinsichtlich der zum Dienstgebranch, sowie Aerzte und Tierärzte hinsichtlich der zur Ausübung ihres Berufes an dem Tage der Musterung unbedingt notwendigen eigenen Pferde, 5. die Posthalter hinsichtlich derjenigen Pferdezahl, welche von ihnen zur Beförderung der Posten kontrakt mäßig gehalten werden muß, 6. die Königliche Staatsgestüte, 7. die städtischen Berufsfeuerwehren. Wir bemerken, daß jedem Pferdebesitzer mit Ausnahme derjenigen, deren Pferde bei früherer Musterung als daue#nd kriegsunbrauchbar bezeichnet worden und derjenigen Besitzer, welche nach der im vorigen Monat stattgefundenen Aufnahme etwa noch in Zugang gekommen sind, noch eine besondere Aufforoerung durch Polizeibeamte zugestellt werden wird. Endlich haben die nach der Aufnahme im vorigen Monat in Zugang gekommenen neuen Pferdebesitzer ihre Pferde an einem der oben bezeichneten Tage und zwar jedesmal am Schlusse des Musterungsgeschästes des belr. Tages vorzustellen. Dortmund. den 1. Juli 1910. Königliches Landratsamt des Stadtkreises Dortmund. Straßensperrung. Die Straße Rosenthal, von Olpe bis Ostenhellweg, wird wegen Herstellung eines Kabelkauals von Freitag, den 15. d, Mis., an bis auf weiteres für Fuhrwerk gesperrt. Dortmund, den 14. Juli 1910. Polizei=Verwaltung. Städtische Desinfektionsanstalt, Bornstraße Nr. 205. Fernspr. 3249. Desiufektion von Kleider= und Wäschestücken, Bettwerk, Polstermöbeln, Teppichen, Pelz= und Sammetsachen 2c. Auskunft erteilen die städtische Desinfektionsanstalt und das städtische Medizinalamt, Betenstr. 35. Fernspr. Stadtzentrale Nr. 20. 1081 Schlosser, Nieter u. jugendl. Arbeiter gesucht. Orenstein& Koppel— Arthur Koppel A.-G. Bochum. 1230 — O 12 * B BRT — — □ 10 8 S . 1 m e * 6 . S G30 2 S SSgg 8e SESAS ———**— Oo o“ 6— R 280.— .— SVETTS 8 —. — 29— —. 1 ER S 0 —— 8 90 — 5— 8 a 5• * O □ □—„ S-MgSE 0 S kopn 60EW*. TSTSEEEE — 555 — 0 2 3o — Mw„."„S• —*„*•"— 60— —-— ESRW S GgSSSSge — B.08 „*S ET• S Si 5 " 518 8 S HnAg B * 67— 22 5 „* B•• 8 5 ∆ S SL ORE S.9T BSgggß! 2** 11,4 Sonnenhalde bei der Tochter, wenn du nichts darwider hast; das Meitschi hal mir erlaubt zu kommen.“— „S'st nicht möglich,“ sagte die Wirtin, drehte sich um auf dem Sißze, daß er ganz über Ort kam und schlug die Hände ineinander.—„Wohl, wohl Mutter,“ sagte Christen;„und ich habe gute Hoffnung; öppe grusam habe ich nicht anhalten müssen.“—„Tu bist doch :5•1 das größte Glückskind, wo auf Gottes Erdboden lebt. Scheulsi dem Meitschi nicht ein, tanzest nicht mit ihm, kramest ihm nicht, machst nüt drNarr und z'letzt doch ein Bestelites fur den nächsten Sonntag; jetzt verstehe ich mich nicht mehr auf die Welt, und auf die Meitscheni erst nicht; das ist doch zu meinen Zeiten anders gegewesen:—„Nein Mutter,“ sagte Christen,„das ist immer so gewesen: es ist mit den Mädchen gerade wie mit den Fischen; für jeden Fisch muß man was Arartes an der Angel haven: wo die Forelle beißt, da beißt die Varbe nicht, und wo die Barbe beißt, da sieht die Nase nicht um sich— und wo die Nase beißt, spaziert der Alet vorbei, und dazu muß man sich noch wohl der Jahreszeit; im Frühling will z. B. die Forelle zarte Würmer und Larven: gegen Herbst verachtet sie dieses Zeug und will nichts als Heuschrecken. Gerade so ist's bei den Meitscheni; sie beißen auch nicht alle ans Gleiche: da muß man nun erfahren, was jedes liebt, und was für Zeit es ist; das ist die Kunst, und wer die kann. dem beißen alle.“— Ta lachte die Wictin, daß sie den Husten kriegte und lange nicht sagen konnte: „Tu bist e donstigs Kerli, e Spitzbub bist. Aber was hast du dann dem dargehalten, daß es dir gebissen hat?“—„Ja, lue Mutter,“ sagte Christen,„das kann ich dir noch nicht sagen; wenn einer was weiß, und er plaudert es aus, ehe die Sache richtig ist, so ist's auch aus mit dem Glück. Darum laß mich machen: dSach kömmt gut, ich will wetten mit dir.“—„Wetten will ich nicht, e Spitzbub bist, g’hörst?“ ich sag's dir noch einmal. Aber es dün### mich, der Mutter könntest du das doch sagen; ausbringen würde ich es dir doch nicht.“ —„Darf nicht, Mutter; nicht einmal unserm Herrgott würde ich es sagen; wenn er es nicht schon wüßte. Ich weiß wohl; Mutter, expreß brächtet ihr mir es nicht aus; aber ungewol“t entrinnet einem manchmal etwas, man merkt es nicht, bis es draußen ist. Und noch eins: Erit sagt gar nichts von dem, was heute begegnet ist, das ist eine Klappertäsche und meint es immer mit denen am besten, bei denen sie zuletzt ist; die wäre imstande; die ganze Sach in Krebsgang zu bringen und einen Lärm zu machen; daß mir von allen Seiten zum Nachteil geredet würde: Ihr wißt ja wie es geht: wenn zwei zusammen wollen, da leert drTüfel dHöll und schickt all Tüfle=neus für zklüge und z'verlumde.“— Troß ihrer Freude konnie die Mutter es fast nicht ververchen, daß Christen ohne ihre Hilfe zu einer Frau kommen solle: du wirst die Sache gewiß noch verkegeln; du wirst's erfahren, wie es dir geht; wenn dir niemand ratet,“ sagte sie, so oft sie dazu kommen konnte. „Und nie wolllest du des so gründlich kennen; was das Meitsch! liebt; kennst's ja nicht.“—„Häb nicht Kummer, Mutter,“ sagte Christen;„wo du und das Grit mich verhanselt haben; hat mich euer Reden geweckt; und da h##### ich vernommenze u#s mir nötig war.“—„Spitzbub, was du bist! aber es kömmt dir doch nicht gut, zähl da####uf,“ sagte die Mutter. Aber der Mutter Wahrsagen erwahrete sie nicht: Cbristen ebnete immer mehr die Wege, blieh sich gleich, oß tapfer Erdäpfel und brachte es dahin; daß He ihm versprachen, zu ihnen zu Besuch zu zonmen auf Beschau; wie man bei solchen Anlässen zu sagen pflegt. Als er der Mutter die Nachricht brachte; schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und sagte:„Nein aber auch! keinem Menschen hätte ich es geglaubt und wenn mir es der Pfarrer selbst gesagt hätte, daß du so etwas z'weg brächtest; aber e Spitzbueb bist, g'hörst?“ Grone Rühe hatte Christen, die Mutter zu verhindern, aus allen Kräften aufzuwarten und alle ihre Kunst zu einer Mahlzeit zusammen zu raffen. Oeppe was üblich sei, solle sie geben, aber nichts Uebertriebenes, so wie es in einem braven Bauernhause üblich sei, wenn Besuch komme, aber mehr nicht; die Wirtin solle sie nicht lassen hervorgucken, sonst komm's nicht gut; sie werfe ihm den Heuwagen noch vor der Einfahrt um. Sie solle ihm doch glauben: wenn er es ihnen nicht treffen könnte, so hätte er die Sache nicht bis dahin gewerchet. Sie widersprach ihm natürlich bis auf den Tag vorher; dann tat sie akurat, wie er es angegeben hatte. Richtig lief auch alles vortrefflich ab. DsSunnebure waren mit allem ausnehmend zufrieden, mit der Aufwart nicht nur, sondern hauptsächlich mit der Einsicht. Alles war in vortrefflichem Stand, alles Werkzeug dopdelt und dreifach vorh.rnden, Hülle und Fülle in Speicher und Kästen; da hatte man nicht nötig, alles zu Geld zu machen, um der: Schulden zu begegnen; daß sie derselben keine hätten, weder Weinschulden noch andere, bewies die Wirtin zum Ueberfluß noch schwarz' auf weiß. Kurz, die Sache war richtig gemacht und die Verlündigung bestellt. Und richtig, sie hatten recht. Was das für einen Lärm gab, als die Welt vernahm, daß die reiche Tochter an der Sonnhalde Braut sei, ein weggesangen Bröcklein, und dsWirts Christen bei der Tannen sei Hochzeiter! Da war's, als ob man mit einem Stecken das Wüsteste alles in der ganzen Welt aufrühre, alle Neidlöcher, alle Lügenlöcher, alle Bosheit in allen Herzlöchern der ganzen Welt. Wie Bremsen an ein Raß sich hängen, das durch den Wald läuft, so stob es der Sonnhalde zu, stob der Wirtin zu von allen Seiten. und jedes das gestoben kam, machte ein bedenklich Gesicht und sagte, es habe doch noch kommen und sagen wollen, was es vernommen: es sei vielleicht noch nicht zu spät, aber es dürfe es fast nicht sagen. Es ging später die Rede, Cisi aus dem Kabisgrat habe sich selbst auf die Bei..: gemacht in Beiklerkleidern und das Grüslichste an der Sonnhalde von Christen gesagt, sodaß; wenn alles war gewesen wäre, man ihn wenigstens siebenmal köpfen und dreimal hätte hängen müssen. Ansangs wollte es fast kleben in den Ohren und die Sonnenbäurin und die Wirtin wußten nicht recht, was sie glauben sollten und dachten der Sache nach. Als es aber so arg wurde, daß man die Lügen mit Pelzhandschuhen greifen konnte, da wurden sie wieder kaltblütig und ließen die Sachen liegen wo sie lagen und putzten den tapfer ab; es besserte sich alsobald. Schluß folgt. Allerlei Hämorrhoiden sind in unserer Zeit viel häufiger als früher; was dem Mangel an richtiger Muskelbewegung und der verweichlichenden Lebendweise zuzuschreiben ist. Langes Sitzen und der Mangel einer täglichen Bewegung von wenigstens je einer halben Stunde vor= und nachmittags sind Hauptursachen des Zunehmens der Krankheit, die mit der Ueberhandnahme der Nervenleiden(Neurasthenie; Nervenschwäche) fast gleichen Schritt hält. Hier wie dort bilden Diät und Abhärtung; wöchentlich zwei bis drei Bäder, und überhaupt naturgemäße Lebensweise die Hauptmittel zur Beseitigung. Mit Medizin jeder Art läßt sich bei Nervenleiden und Hämorrhoiden gar nichts tun. Daß u. a. die Vermeidung von Federbetten; engen Kleidern und Unterkleidern in beiden Fällen unerläßlich; sei den armen Patienten ernstlich mitgeteilt. K (S Blätter für Unterhaltung und Belehrung. Kunstreiter. Erzählung von Friedrich Nachdruck verboteu.) „Ich will es versuchen, Wolf,“ sagte Georg, dem Bruder die Hand reichend und fest und herzlich schüttelnd, „hier hast du Handschlag und Wort, und was in eines Manschen Kräften steht, dem einmal über ihn hereingebrochenen Schicksal Trotz zu bieten, soll geschehen. Bist du damit zufrieden?“ „Ich bin's, Georg, und stärke dich Gott auf deiner neuen Bahn, der dich so sicher schützen wird, wie ich dir treu zur Seite stehen werde. Beginne denn mit gutem, frischem Mut und wirf dieses Leben, das deiner unwect ist, von dir, wie ein altes, abgetragenes Kleid.“ „Aber diese Woche kann ich mich ihm noch nicht entziehen. Ich muß ihm wie bisher folgen, wenn ich nicht gerade dort, wo ich es am wenigsten möchte, Verdacht erwecken will. Ich hoffe jetzt nur, daß mir der Fürst meine Bitte alschlägt, den Seiltanz zwischen den Türmen zu wagen.“ „Hoffe das nicht,“ sagte der Graf,„ich war gestern zugegen, wie er dir günstigen Bescheid erteilte, und konnte es nicht hindern. Aber eine Ausrede findest du leicht: ein verstauchter Fuß, ein plötzliches Unwohlsein selber kann dich leicht verhindern, von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen. Laß selbst die Vorbereitungen dazu treffen, wenn du willst, nur wage dein Leben nicht weiter in solch nutzloser, frevelhafter— ja, du darfst mir den Ausdruck nicht übelnehmen— entehrender Kunst.“ „Ich will versuchen ob es möglich ist,“ sagte Georg. „Aber ich sehe auch ein, daß du recht hast: Georgine darf vorderhand noch nichts weiter erfahren; ich selber muß dagegen alles vermeiden um ihren Verdacht zu erwecken. Sie ist einmal mein Weib, die Mutter meines Kindes, und ich bin mit ihr für dieses Leben verbunden. Sie einen höheren Lebenszweck kennen zu lehren, sei fortan mein Ziel, uno mein Kind mag dir später danken, was du an ihm— an uns getan.“ „Georg!“ „Genug, jetzt laß mich fort; ich höre wie draußen deine Tür geöffnet wird.“ „Mein Bursche kommt zurück; ich habe ium verschiedene Aufträge erteilt; um ihn für diese Zeit entfernt zu halten.“ „Und wo sehe ich dich wieder?“ „Hier; jeden Morgen bin ich bis zehn Uhr zu Hause. Willst du mich früher treffen; so laß mich durch ein paar Zeilen wissen; wo wir uns ungestört begegnen können.“ „Leb' wohl!“ „Leb' wohl, Georg und Gott stärke dich in deinem neuen Leben!“ Eine volle Woche war nach der gepflogenen unterredung der beiden Brüder verflossen, und der Rittmeister halte in der ganzen Zeit nichts weiter von Georg gehört. Nur die Stadt beschäftigte sich indessen mehr und mehr mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Türmen, je mehr das Ende der Messe heranrückte; wußte man doch. daß die Erlaubnis dazu erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Höhe; und nichts verriet; daß es überhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen? Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafür; aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon beschlossen; den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei draußen und wünsche ihn zu sprechen. Zugleich überreichte er dem Rittmeister die nämliche, mit seiner Adresse beschriebene Karte; die er damals in der Wohnung Monsieur Bertrands hinterlassen hatte. „Ein junger Herr?“ fragte der Rittmeister erstannt; die Karte neben sich auf den Tisch werfend. „Blutjung,“ bestätigte Karl;„sieht auch ein wenig luftig aus, als ol er mit zu der— Sie wissen schon — zu der Reiterbande gehörte.“ „Es ist gut— laß ihn eintreten. Du störst uns indessen nicht, hörst du?“ „Zu Befehl, Herr Rittmeister," erwiderte mit militärischem Takt der Bursche und verschwand aus der Tür; um im nächsten Augenblick den angekündigten Besuch hereinzulassen. Graf von Geyerstein sah einen jungen; sehr elegant gekleideten Mann zu sich eintreten, mit vollen schwarzen Locken und kleinem, leicht aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tür, seinen schwarzen breiträndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben lam ihm allerdings bekannt vor; er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er ihm schon begegnet wäre, und der Fremde machte dabei eine sehr formelle und tiefe Verbeugung, bis Karl die Tür wieder hinter sich ins Schloß gedrückt hatte. „Was steht zu Ihren Diensten?“ fragte der Rittmeister gespannt. „Herr Graf,“ erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurück nach der Tür warf,„ich schätze mich unendlich glücklich, daß Sie mir vergönnt haben— wir sind doch einen Augenblick ungestört?“ „Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?“ „Sie kennen mich nicht mehr?“ lachte der Fremde; und die Stimme klang dem Rittmeister jetzt ganz anders— viel weicher als vorher. „Ich muß in de: Tat gestehen...“ sagte dieser. „Also ist die Verkleidung gelungen,“ lachte plözlich der junge Mann, und mit einem Griff nach dem Munde stand er ohne Schnurrbart vor dem allerdings überraschten Grafen. „Madame Bertrand!" rief dieser aber auch im nächsten Augenblick erstaunt aus. „Bst— nicht so laut!“ warnte die mutwillige junge Frau, indem sie dem Grafen lachend mit dem Finger drohte.„Ihr Bursche braucht gerade nicht mit in das Gehcimnis gezogen werden.“ „Aber was, um Gottes willen, hat Sie bewegen können. „In Verkleidung zu ihnen zu kommen?“ unterbrach ihn die Schöne.—„In anderer Weise konnte ich Ihnen keinen Gegenbesuch abstatten; ohne sämtlichen Kaffeegesellschaften der Residen, auf wenigstens drei Wochen Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Die Verkleidung schlägt aber in meinen Beruf, und daß ich geschickt darin bin, habe ich Ihnen, glaub' ich, bewiesen. Toch Scherz beiseite,“ setzte sie plötzlich, ernster werden, hinzu, „ich mußte Sie sprechen, und da Sie uns nicht mehr mit Ihrem Besuch beehrten, so blieb mir keine andere Wahl, als Sie aufzusuchen. Das Resultat sehen Sie vor sich.“ „Uno haben Sie nicht bedacht, welchen Mißdeutungen Sie sich durch solch einen— gewagten Schritt aussetzten?“ sagte der Graf ernst. Die junge, schöne Frau warf den Kopf mit einem halb spöttischen, halb verdeießlichen Lächeln zur Seite. „Von dem Rittmeister eines Kürassierregiments natte ich allerdings einen anderen Empfang erwartet,“ lächelte sie dabei„als eine ernste Strafpredigt und Ermahnung. Toch wie dem auch sei, mein Herr Graf, ich bin einmal da, und Sie werden mich nicht wieder fortschicken, ohne mich wenigstens zu hören.“ Graf von Geyerstein war in peinlicher Verlegenheit, aber allerdings blieb ihm hier keine andere Wahl, als die Tame eben gewähren zu lassen, und er bat sie artig, dann wenigstens auf dem Sopha Platz zu nehmen. Er selber rückte sich einen Stuhl zum Tisch und wollte sich eben durauf niederlassen, als Madame Bertrand lachend sagte:„Selbst das kann ich Ihnen nicht gestatten— Sie müssen sich zu mir auf das Sofa setzen; denn was ich Ihnen zu sagen habe, möchte ich eben nicht laut schreien. Fürchten Sie sich vor mir?“ Ihr dunkles Auge brannte ihm dabei entgegen, und der Graf sogte artic:„Ich unterschätze wenigstens die Gefahr nicht— aber wie Sie wollen. Und welcher Ursache verdanke ich jetzt die Ehre dieses so— unverhofften Besuches?“ „Ich danke Ihnen, daß Sie kein härteres Wort dafür gebrauchten,“ sagte die schöne Frau,„aber ein eigentümlicher Grund ist es in der Tat, der mich zu Ihnen führt, und zwar kein geringerer als— mein Mann.“ „Monsieur Bertrand?“ „Terselbe. Seit dem Besuch bei Ihnen, Herr Graf, kenne ich ihn nicht mehr. Er ist vollständig ein anderer geworden: trüb; ineinander gebrochen, zurückhaltend, scheu und— das Schlimmste für ihn und uns alle verzagt. Die Zeit über habe ich es auch ertragen und geglaubt; er selber würde es mir endlich gestehen was ihn drückt; denn drücken muß ihn etwas— etwas muß ihm auf der Seele liegen, das den sonst so kräftigen, elastischen Geist mit eiserner Schwere daniederhält; aber er bleibt stumm, und ich bin fest überzeugt; niemand kann mir darüber Auskunft geben als Sie.“ Fortsetzung folgt die Christen eine Frau gewinnt. Von Jeremias Gotthelf. Fortsetzung. Es war daher Christen wirklich nicht recht wohl, als sie dem Bären zugingen, und Operationsplan konnte er keinen entwerfen; denn er wußte nicht, wo er ds Sunnebure antraf, ob sie nach ihm oder vor ihm kommen. Langsam ging er hinter der Mutter die Treppe auf der großen Kammer zu, in welcher das Ordinäri serviert wurde. Brauch ist es, daß man bei solchen Gelegenheiten unter der Türe steht und relognosziert, einigemal den Kopf hineinsteckt und wieder hinauszieht, ehe man hinein geht. So tat natürlich auch die Mutter und über ihren Kopf weg sah Christen ds Sunneburen bereits drinnen, und der Platz neben ihnen noch leer.„Wer ist das?“ fragte die Wirtin, indem sie den Korf zurückzog.—„Weiß es nicht,“ sagte Christen,„aber es nimmt mich selbsten Wunder; mit dem Meitschi habe ich schon getanzt; will doch fragen.“ Unbegreiflich schnell kam er mit dem Bescheid zurück, es seien ds Sunnebure da oben im Tal.—„Tonstig“, sagte die Wirtin,„g'schwind hinein und sitz nebem Meitschi ab, mach nit Flause, ghörst? tu öppe wie's drBruch ist.“ — Rasch die Wirtin voran, segelte der Sonnenbäurin zu, und mit dem Spruch:„Es wird erlaubt sein?“ legte sie sich an ihre Seite vor Anker Christen aber ging Stüdi zu, sagte ganz unbefangen:„Ei, grüeß Gott, das ist schön, daß du auch da bist!“ längte ihm die Hand, dann Vater und Mutter auch ohne weitere Vemerkung und Andeutung der Bestellung; von so was redet man in keinem Wirtshause, auch nicht auf das lei#este. Die Wirtin wunderte sich, daß Christen Vater und Mutter die Hand gab, als ov er sie schon kenne. Mit dem könnte er warten, bis sie auseinander gingen, dachte jje, das sei nur zu nötlich getau; sie könnten ja meinen, das sei ein angelegt Spiel von ihnen, und sie hätten ihnen abgepaßt, um neben sie zu lommen. Daneben sonst führte Christen sich zu ihrer großen Verwunderung anfänglich sehr verständig auf, hatte keine Späße und redete; wie es einem hundertjährigen Bauer wohl angestanden wäre, über das Vieh, die Preise von allem und sonst diesen und jenem.— Der Löhl, dachte sie aber, tut wie ein Großätti und weiß nicht, daß die Meitscheni einem nicht drauf halten, wenn man nicht mit ihnen drNarr macht; einschenken tut er ihm auch nicht, dä donstiges Lappi! er war immer einer und wird sein Lebtag einer bleiben.— Sie mischte sich nicht gerne laut hinein; sie führte mit der Sonnenbäurin interessante Gespräche über ihre Haushaltungskünste und hätte recht kurze Zeit haben können, wenn der Lappi gegenüber nicht gewesen wäre. Sie warf ihm Bicke zu, winkte ihm zu, und als er das nicht merkte, suchte sie unter dem Tisch seine Füße, trappete ihn, und als das nichts half, stüpfte sie ihn an die Beine; aber wie sehr sie sich bemühte, Christen verzog keine Miene, änderte seine Weise nicht. Wär's möglich gewesen, die Wirtin wäre aus der Haut gefahren; die aber war solid und die Schranken des Anstandes sind auf dem Lande aus hartem Eichenholz gezimmert und halten ebenfalls fest; so wußte sich die Wirtin am Ende nicht mehr zu helfen, als zu sagen: der Wein dünke sie nicht gut; sie glaubte; er sei geschwefelt und keinen Tropfen der Gattig könne sie trinken; wenn sie am folgenden Tage nicht Kopfweh haben wolle zum sterben; sie hilf andern kommen zu lassen; öppe eine Halbe guten Roten. Ihm sei der Wein recht, sagte Christen vom Schwefel merke er nichts; darneben wolle er ihr nichts befohlen haben; sie solle nur kommen heißen; wenn es sie gelüste; ihm sei es ganz recht. „Tä donstigs Lappi,“ dachte die Wirtin, und stupfte ihn unwillkürlich ans Schienbein, daß Christen für gut fand, die Füße unter seinen Stuhl zurückzuziehen: Sie bestellte roten Wein, aber guten; vom rechten " 2** 00 1— □ — = ** „SIE =S IÖHESNER a- e- □ 11,3 % befahl sie und als sie ihn erhielt, versuchten sie ihn: es sei vom rechten, sagte sie wie sie glaubte.„Seh du,“ sagte sie zu Stüdi,„mach aus; ich möchte dir auch einschenken; es kömmt afe lustig, wenn die alten Weiber den Meitschene einschenken müssen; seh, mach aus.“ Stüdi mußte sich einschenken lassen, sowie der Sonnenbauer und Bäurin, obgleich die letztere sagte, sie liebe den roten nicht apart; sonst hätte sie auch eine Halbe kommen lassen können. Als sie endlich auch Christen sagte:„Seh, häb dar!“ sagte er:„Tanke, Mutter, ich will bei dem bleiben; zahlen müssen wir ihn alleweg. und ihn stehen lassen und anderen trinken, wär Verschwendung, und er dunkt mich nicht bös.“—„He nun,“ sagte die Wirtin,„wenn du ihn magst, so mag ich dir ihn wohl gönnen; mach wie du willst,“ und machte dazu Augen fast wie Pflugräder. Stüdi gefiel das aber sehr wohl; es ward ihm leicht ums Herz; es tat recht freundlich mit Christen, der sich ganz gelassen gleich blieb, daß es die Wirtin fast aufsprengte.„Hat denn der Lappi keine Augen mehr?“ dachte sie;„wenn er nur die Hand ausstreckte, so hat er das Meitschi und hocket da wie ein Pfund Dörräpfel.“ Endlich sagte sie, es dünke sie, sie höre den Geiger; ob sie nicht einen miteinander haben wollten?“—„Mutter,“ sagte Christen „du hast gesagt, du wolltest bald fort, und wenn man einmal mit Tanzen anfängt, so weißt wohl, man weiß nie, wann man fortkommt.“ Das war der Mutter zuviel; eines so einfältigen Sohnes schämte sie sich; sie konnte nicht mehr an sich halten; sie sagte:„Wirst dich fürchten; daß du so e Leide bist, e Höseler; habe ich nicht gewußt.“—„Mutter,“ sagte Christen,„so einer fürchtet sich nicht,“ und damit nahm er Haselnüsse vom Teller und verdrückle sie mit den Fingerspitzen; als ob es Erdbeeren wären.—„Wenn du dich nicht fürchtest, warum gehst du denn nicht? kannst etwa nicht mehr tanzen oder hast kein Geld für den Geiger, so will ich dir geben.“—„Mutter, aber Mutter,“ sagte Christen, „nehmt es nicht für ungut, ihr vergeßt, daß wir nicht daheim sind, und ob dem Meitschi eine Schlägerei so eines fremden Burschen wegen angenehm ist, weiß ich nicht; mancher wär's recht, aber verständig dünkt's mich nicht, wie Ihr wollt.“—„Für kein Geld, sagte Stüdi, würde es gehen; es wüßte wie ihre Bursche wären und was das auf sich hätte.—„Schämst dich seiner?“ fragte die Wirtin.—„Wüßt nicht warum,“ sagte Stüdi,„aber wenn's einem nicht anständig ist, was herauskömmt; so muß man den Anfang nicht machen.“—„He so geht zusammen auf den Markt, wenn du dich seiner nicht schämst; es gibt vielleicht etwas zu kramen; geht miteinander,“ sagte die Wirtin, der es war; wenn Christen ihr nur ab den Augen käme mit seinem dummen Tun. Tagegen hatte Christen nichts einzuwenden; und Stüdi verstand sich bald dazu; da seine Mutter sagte:„He gang, aber komm bald wieder.“ Christen ging voran und wählte vorsichtig seinen Weg, der nicht ins Gewühl führte, sondern an eine einsame Ecke; wo ein Wort im Vertrauen zu reden war.— „Zürn doch recht nicht,“ sagte Christen von wegen der Mutter; sie ist grusam eine gute, aber sie sieht, wie bei uns die Mädchen tun; und meint; sie seien alle gleich. Ich habe es dir aber den ersten Augenblick angesehen; daß du nicht bist wie die andern, und deretwegen bist mir gleich so lieb geworden. Deinetwegen reut mich kein Geld, aber es z'Unnutz ausgeben für nichts und wieder nichts und nicht wissen; ob du die Sache brauchen kannst und ob sie dich freut; das dünkt mich einfalt und dumm; und ich weiß nicht, ob du mir etwas darauf hast oder nicht? Wenn's selb wäre, so sag's. Sieh, da hab ich eine doppelte Bernerdublone; damit du siehst; daß das Geld mich nicht reut, so nimm sie; hast was nötig, so kaus's, sonst behalt sie; irgend wann wird sie wohl gut zu brauchen sein. Ein Ehepfand soll sie nicht sein; nimm sie nur, ich will deretwegen kein Recht; nur damit du siehst, daß mich deinetwegen das Geld nicht reut. Aber so die Neutaler herumzuwerfen, nur so um sich groß zu machen, das ist eine Sünde; das menschelet nicht, das kalberochtig.“—„Du hast recht,“ sagte Stüdi, „gerade so ist's mir auch.“— So nimm sie,“ sagte Christen.—„Eine schöne ist's,“ sagte Stüdi,„recht luege möchte ich sie gern; und hier schickt es sich mir nicht; ich will sie mitnehmen; wenn du Langeweile darnach kriegst, so komm und hole sie.“— e nun,“ sagte Christen,„das ist guter Bescheid und das Verlangen wird mich bald ankommen, wenn du nichts darwider hast?“—„Was wollte ich?“ sagte Stüdi,„komm wann du willst.“—„So sei's,“ sagte Christen und bot Stüdi die Hand und Stüdi legte die seine hinein und hatte die Augen voll Tränen. Habe ich den Rechten gefunden, dachte es oder bin ich der Narr im Spiel? — Als sie zu den Allen zurückkamen; die hinter einer neuen Halbe Roten saßen und kein schlecht gefallen aneinander gefunden hatten, fragte die Wirtin::„Nun; wo ist der Kram? möchte ihn auch sehen.“—„Haben nichts gefunden,“ sagte Christen;„das uns anständig gewesen wäre; was Lumpiges habe ich nicht mögen und was Rechts war nicht dabe; ein andermal treff's öppe besser, haben wir gedacht.“ Der Wirtin Gesicht lief auf wie altes Leder in siedender Butter; es mußte brennen in ihr; endlich ließ sie einen tiefen Seufzer los und sagte bloß:„ich hülf; wir wollten fort; gewöhnlich sind an diesem Abend Leute über Nacht bei uns, und wenn ich nicht daheim bin, so geht's nicht.“ — Wie sie befehl', sagte Christen; wenn sie noch eine Halbe befehlen wolle, er hätte Durst bekommen; so wolle er unterdessen heißen anspannen.—„Es wird das Beste sein; wo du machen kannst,“ sagte die Mutter sehr verächtlich. Von der Halbe, sagte die Wirtin, möge sie nicht, während dagegen Christen herzhaft und sröhlich trank, heiter Abschied nahm, während der Mutter die Wehmut zu vorderst war, daß sie fast nicht sagen konnte es würde sie freuen; wenn sie zusprächen bei ihnen; wenn sie einmal dort dorbei kämen; und sie hätte recht Freud gehabt sie anzutreffen, hätte schon viel von ihnen gehört, aber sie noch nicht gekannt. Und wenn sie etwa gefehlt; so sollten sie es nicht für ungut haben; sie seien gar grob gewohnt, und besonders heute hätte Christen getan wie ein Grobtan; er wisse doch sonst ungefähr, was der Brauch sei. In höflicher Gegenrede erwiderten die andern. Die Sonnenbäurin sagte, sie hä##e b'sunderbar kurze Ziti gehabt, und Stüdi gab ihr gar freundlich die Hand und sagte; wenn es gefehlt; so solle sie es nicht zürnen, extra hätte es es nicht gemacht; es hätte es öppe nicht im Brauch, jemand zu beleidigen und sie dann gar nicht. Eine Tublone wollte sie geben; wenn sie auf freier Straße wäre, sagte die Wirtin; als sie aufs Wägeli stieg; und bis auf verschiedenen Wegen die Menge auseinander gelaufen; das Gedränge nachgelassen hatte; konnte sie nichts sagen als: Lue, Lue, häb Sorg, hab der tusig Gooteswille weich aus.“ Als es endlich ruhiger auf dem Wege; sagte die Wirtin::„Was du mir für einen Verdruß gemacht hast! wenn ich nicht krank werde, so werde ich es nie mehr; es hat mich sast zerreißen wollen! Da kollert dir das Glück um die Füße herum und du machst dir nichts daraus und streckst kein Glied darnach aus— kann man denn so tun? Diesabisgrattäsche werden dir im Kopf stecken, aber wohl! die will ich dir austreiben und sollte ich extra Kapuziner müssen kommen lassen dafür.“—„Mutter; zürn doch recht nicht; aber ich habe ein Stelldichein für nächsten Sonntag an der XE8½