1I. 2 SSS Sp 5 S 3S S 95 8. Sa S S 9 3 85 S SS Und als sie alles von sich heruntergewälzt hatte und noch immer still in sich hineinweinte, ging ihre Mutter noch einmal den weiten Weg entlang, mit schauenden Augen und horchenden Ohren, und sie sah und hörte mit den Sinnen der Mutterliebe. Sie soh Volquard Frerksen im Frühnebel auf dem Deich stehen, sie hörte seine harte und doch weiche Stimme, und es war ihr wie fernes Glockenklingen. Mit ihren mageren Armen umfaßte sie ihre Tochter und flüsterte ihr zu:„Hertje, Volquard Frerksen hat nach dir gefragt. Er war vor einigen Tagen hier.— Rein, nein, bleib nur still liegen, ganz still, ganz still. Er will wiederkommen, wenn die verirrte Möwe heimgekehrt ist ins Nest. Wenn der Herbststurm schreit, hat er gesagt, dann kommen alle Möven heim, dann werfen die wilden Wellen sie aus Land. Ja, Hertje. Und nun bist du da, irr und wirr, segelmüde, ohne Steuer und Kompaß; aber du bist doch da, ach Gott, du bist doch da!“ Ihre Freude ging über in ein zärtliches Gekammel, aber Hertje Cydesens Herz verstand die leisen, abgerissenen Worte und sog sie gierig in sich auf.—— Da kam ein schwerer Schritt durch die Küche, harte Holzschuhe klangen dumpf und kurz auf der Steindiele. „Hertie! Um Sottes willen, das ist der Vater!" Es war eine fliegende Angst in den Worten, und die Mutterhände die jäh zurückzuckten, zitterten. „Geh, geh! Am Gottes willen, geh. Hertie! Vater darf dich hier nicht sehen, heute nicht. Ich will erst mit ihm sprechen. Geh zu Binne Traulsen, bis morgen, Hertje, bis morgen!“ Aber schon wurde die Tür geöffnet, und Meinert Cydesen trat ein. in Oelzeug und Südwester, wie er vom Watt gekommen war. Ohne Gruß trat er ein, ließ seinen Blick durch die Stube flammen und ging wortlos aus Fenster. Hertje war aufgesprungen, um an die Tür zu gehen und hinauszueilen. Aber nein, sie wollte nicht fliehen! Sie wollte auch nicht mit der Aussprache bis morgen warten. Noch heute wollte sie das Band zwischen sich und dem Vater anknüpfen. Totenstill war es. Jeder stand wie auf der Lauer vor einem Angriff. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Stuhllehne fest und blickte zu ihrem Vater hinüber. Wie blaß der geworden war, wie schlaff und alt seine Züge! Das hatte die See nicht getan, das war ihre Schuld und keines anderen. Es durchgrauste sie, wie sie den alten Vater so wortlos am Fenster mit sich kämpfen sah. „Vater!“. Ganz leise, fast unhörbar, sagte sie es. Er zuckte zusammen, ohne sich nach ihr umzudrehen. „Vater! Vater!" Wie ein halbunterdrückter Angstschrei war es. Und als er immer noch schwieg und wie tot zum Fenster hinausstarrte, da wankte sie auf ihn zu und faßte nach seiner Hand. Aber hart schüttelte er sie von sich ab. Sie fiel vor ihm nieder und tastete nach seinen Knien. Ganz irr und wirr war ihr zu Sinn, alles wirbelte in ihr und um sie herum wie eine tosende, rasende Sturmflut, und sie stammelte und schrie:„Vater ich habe gesündigt vorm Himmel und vor dir!“ Sie wußte nichts anderes zu sagen als immer nur dies, das wie ein Hülferuf aus ihrer Kindheit in ihre heutige Nacht hinüberirrte. „Vater, ich habe gesündigt, vorm Himmel und vor dir!“ Da reckte er sich und stand vor ihr mit schlagbereiten Händen. „Wie der verlorene Sohn! Rein, viel schlimmer, viel schlimmer! Wie eine verlorene Tochter, eine Dirne! Ja, wie eine Dirne!“ Der Grimm, und Jammer des letzten Jahres brach in ihm lgs und er stieß sie, daß sie über die Diele taumelte. „Wie eine Dirne bist du aus dem Hause gelaufen bei Nacht und Nebel mit einem Halligräuber vom Festland. Zum Spott hast du unsere Halligen gemacht von Röm bis Helgoland bei allen Wattenschiffern. O du! Weißt du. woher graue Haare kommen? Und weißt du, was schwache Mütter todkrank macht? Weißt du das 2* Sie hatte sich erhoben und stand totenblaß vor ihm, die herabhängenden Hände gefaltet, und ließ seinen Zorn auf sich niederschlagen, willenlos. ohne sich zu verteidigen. „Aufs Watt sollte man dich schleppen und dich an eine Bake binden bei kommender Flut, wie man es früher tat mit solchen wie du eine bist.“ Nur einmal versuchte sie. ihn zu unterbrechen. indem sie krampfhaft die gefalteten Hände vorKreckte und mit harter, gequälter Stimme ausrief: „Nein! Nein! Richt so. Vater, nicht so! Ich habe nichts Schlechtes getan! Nein. nein, nicht so!“ Und mit schwacher Stimme fügte sie hinzu: „Ich wäre sonst nie, niemals wiedergekommen.“ „Ha, ha. ha! Nicht wiedergekommen! Wenn im Winter die Seeoögel kein Futter mehr finden, dann fliegen sie schreiend zur Hallig! Du und nicht wiederkommen—“ Da geschah etwas, das ihn plötzlich stumm machte. Mühsam hatte sich die Kranke aus dem Bett erhoben und versuchte nun über die Diele zu humpeln, um dem Streit ein Ende zu machen. Zwei, drei Schritte tat sie mit schier übermenschlicher Kraft und brach dann mit einem gellenden Schrei zusammen und stürzte zu den Füßen ihres Mannes hin. Noch einige Male griff sie mit den Händen um sich und lag dann stumm und regungslos auf der Diele. Wie vom Blitz getroffen, stand Meinert Cydesen und starrte auf die Unglückliche, die bleich und still vor ihm lag. Er rührte kein Glied, er war wie erstarrt. Dann fuhren seine Finger an seinem Körper mechanisch auf und nieder und strichen tastend über die Stirn. Dann bückte er sich. Als aber Hertje sich der Mutter nähern wollte, reckte er sich trotzig und schreckte sie mit einem harten Blick zurück. Vorsichtig hob er seine Frau empor und legte sie ins Bett und stand eine kurze Zeit über sie gebückt und horchte auf den Schlag des Herzens. Als er sich wieder umwandte, war sein Gesicht weiß wie ein Segel, auf dem die Sonne liegt. Er packte mit beiden Händen nach dem Oelrock. riß mit wilder Gewalt die Knöpfe auf und holte tief und schwer aufstöhnend Atem. Seine Augen waren groß und starr, und sein Blick war hart und kalt wie das Abendlicht auf Eiswellen. Zitternd näherte sich Hertje ihm. Die Linke hatte sie auf die Brust gepreßt, die Finger der Rechten drückte sie an die zuckenden Lippen und schluchzte. „Vater! Vater!" Eine quälende Angst flackerte in ihren Augen. ein lähmendes Entsetzen sprach aus ihrer Stimme. Sie wollte sich dem Bett nähern, aber mit einem harten Schritt trat der Vater ihr entgegen und sagte: „Geh, Hertje Cydesen! Geh, und komm nie wieder! Nie! Und— wenn du über die Kirchwarft gehst. dann— dann sage dem Pastor er möge für Mutter die Totenglocke schlagen lassen, damit sie es auf allen Halligen wissen.“ Ohne sie anzublicken wandte er ihr wieder den Rücken, schloß langsam, vorsichtig die Türen am Wandbett fest zu und zog den Schlüssel ab. Wortlos ging er über die Diele, riß die Haustür auf und schritt dann wieder durch die Stube zur Küche. Noch einmal sah er zurück, und es klang etwas milder, als er wieder sagte: „Geh. Hertje Cydesen!“ Sie hörte es nicht mehr. Vor dem Wandbett kauerte sie nieder und krallte mit den Fingern an den Türen, um sie aufzureißen. Mit beiden Händen pochte sie daran, und ihre zertretene Seele wimmerte nach der Mutter. Und plötzlich stieg hart und drohend aus dem Dunkel ihrer Tage ihre schwere Schuld vor ihr auf Ja, nun war es eine Schuld! Nun gab es kein Verzeihen mehr; ihre größte Liebe war ihres Lebens größte Schuld geworden. And die Schuld wuchs und wurde riesengroß und überdunkelte ihr ganzes Leben und vergrub alles, alles was einst licht und hell gewesen war. Volquard Frerksens Liebe hatte sie verraten, ihre Hallig und ihre Eltern hatte sie verraten und verlassen, und nun hatte sie ihre Mutter getötet! Denn das war auch ihre Schuld, das war der letzte und schwerste Hammerschlag ihres Vergehens. Mühsam erhob sie sich und tastete mit den Händen über die Wandtüren, als wollte sie ein Kreuz zeichnen,— es sollte ihr Abschied von der Mutter sein. Dann wankte sie zur Tür hinaus und ging die Warft hinunter. Es war ganz dunkel geworden. Der Nebel lag schwer und drückend auf der Hallig. Kein Leuchtfeuer war weit und breit zu sehen; der kaltfeuchte Nebelatem hatte alles erstickt. Hertje Cydesen brauchte kein Licht. Ihr Lebensschiff suchte keinen Nothafen, von dessen Mole freundlich ein heller Schein winkte. Langsam, gebückt, mit erstorbener Seele ging sie über das Halligvorland auf das Watt hinaus. Die Flut war hochgekommen. Sie rauschte und klatschte an den Halligrand, und seltsam griff mitunter eine weißköpfige Welle in den Nebel Vverh..# u dur es Mit heiserem Schrei strich eine Schar wilder Gänse tief über die schwarze See und rauschte mit schweren Flügeln dem Festland zu, und von weit, weit draußen her rief dumpftonig ein Nebelhorn aus Not und Tod nach Hülfe; es mochte ein verirrter Wattenfischer sein, der seine Hallig suchte. Hertje Cydesen kämpfte sich durch das kniehohe Wasser unaufhaltsam weiter. Nur einmal stand sie still und horchte, als ein klagender Glockenton durch den Nebel über das Watt schwamm. Sie wußte, was die Glocke verkündete, und ging schneller vorwärts, immer weiter, immer weiter bis sie plötzlich im vorüberströmenden Tief mit leisem Aufschrei versank und von den dunklen, stürmenden. drängenden Stromwellen in die rauschende, alles verschlingende Nordsee hinausgetragen wurde. Und die Totenglocke der Hallig klagte über See und Sand hinaus. Zwischen Frühling und frühem Sommer. Das Bild des Monats von Dr. C. Skwarra. Dieses Mal. ist der erste Sommermonat zugleich der Pfingstmond. Er eint die Schönheit des Frühlings mit der des Frühsommers. Das riesige Gewächshaus der Heimat ist voll von Blüten und frischen Blättern. Alles strotzt vor Fruchtbarkeit, ist grün und bunt unter dem flutenden Licht der Sonne. Ununterbrochen umtönt uns Gesumm. Honigbienen, schwer beladen mit gelben Höschen. kehren heim von kilometerweiten Flügen und laden den Pollen ab zur Nahrung für Brut und Stockgefährten, die noch nicht ausfliegen. Wer hat einer der Arbeiterinnen schon einmal zugeschaut bei ihrer Tätigkeit? Da müht sich eine, den eingespeichelten Blütenstaub in die Beingrube zu packen; dort umgeht eine den engen Eingang ins Blüteninnere und beißt die Blüte von außen durch. Sechs Wochen nur währt das Bienenleben im Sommer und ist ausgefüllt mit Arbeit Tag um Tag. 10000 bis 50000 geschäftige Arbeiterinnen regen sich eifrig für ihren Staat, die einen im Bau als Ammen, Wachsbereiter, Wächter, die anderen draußen als Sammler und Träger. An einem Stock hängen zahlreiche Tiere: erregtes Summen verrät, daß Schwärmbereitschaft bei den Insassen vorhanden. Tü, tü— tü, tü— der zarte Ruf der alten Königin wird hörbar. Er ist die Aufforderung zum Auszug aus dem Hause. Wer einen Schwarm am Ast findet(stärkste Schwärmzeit um Johanni), hat Grund zum Staunen. Dicht gedrängt. zum Klumpen geballt, klammert sich Tier an Tier. Oft hängt die Traube stundenlang, bis das Zeichen zum Aufbruch und Abflug ertönt. Der Landmann braucht gutes Wetter.„Wenn kalt und naß der Juni war, verderbt er meist das ganze Jahr!" Dann„erkältet“ er— sagt der Volksmund— den ganzen Sommer. Kartoffeln schieben ihr düsteres Kraut aus der Erde, und der Pflug des Landmannes ist fleißig beim Häuseln. Grünes Gewoge ist auf den Feldern weit und breit. Die gleichmäßige Fläche hoher schlanker Halme beherrscht die Landschaft: Getreide, das bedeutet soviel wie das„Erdgezeugte“. Gerste und Weizen schieben sich wie kleine Wickelkinder aus den langen Blattscheiden, in denen sich die jungen Aehren in tiefer Verborgenheit entwickeln. Wintergerste blüht schon in den ersten Tagen des Juni. Der Roggen hat auf gutem Boden Mannshöhe erreicht. Weh, wenn ein Hagel kommt! Herrlich ist es, wenn leiser Hauch Bewegung in die dichten Reihen bringt. Welle auf Welle läuft sacht über die Felder, in unaufhörlichem Spiel wiegen und biegen sich die Halme; ein seiner Schleier hebt und senkt sich im Winde. Der Roggen blüht! Der lockere„Nebel“ ist nichts anderes als Milliarden männlicher Keimzellen. Die Wiesen sind die Gärten Gottes: grün in tausendfacher Tönung, bunt von Blumen gestickt. Den feldeingetretenen Pfad. der zum Dorfe führt. dürfen wir begehen. am Abend wollen wir hier entlang wandern. Die letzten Fallschirme des Löwenzahns sehen wir gerade noch beim Niedergehen jedes einzelne Früchtchen wiegt weniger als ein Gramm. Die Scharrwachtel ruft im dichten Bewuchs und scheint unermüdlich mit ihrem eintönigen Ruf: Cräck. Cräck. Warm und feucht ist der Abend, Fledermäuse huschen vorüber und tun sich gütlich an den zahlreichen Kerfen, die auch in der Dämmerung die Wiesen reichlich bevölkern. Schwärmer huschen um die Blüten, verharren schwirrenden Fluges hier und da und saugen mit langen Rüsseln den lebenerhaltenden Honig. Still ist die Nacht: lautlos gleitet ein Schatten nach den krünpligen Weiden am Bachrand. Wenn wir leise sind. können wir den Steinkauz sehen, der dort zwischen den Besenreisern der Kugelweiden seinen Standort hat. Mäuse sucht der großäugige Vogel. Aus dem Kleeschlag auf dem Acker strömt füßer betäubender Duft aus Tausenden roter Blüten. Das Ende des Monats bringt erste Erfüllung des Sommers: Erdbeeren und Kirschen. Imso### 1 IB 172#5 Wöchendtutt fur Fallikike und Hellklat Beilage zur Tremonia=Central=Volksblatt Nummer 22 Arnsberg, den 2. Juni Jahrgang 1938 Aeterder=Phintgstsrädete. Von Otto Urbach. Das Pfingstfest ist gleichsam der Sammelpunkt aller Feste des Wonnemonds, des Rosenmonats und vielleicht des Sommers überhaupt: St. Georg (23. April), Maifeier, Himmelfahrt, Sommeranfang, Sonnenwende, Johannistag, Fronleichnam.— Die Strahlen aller dieser und noch vieler anderer Feste erscheinen gesammelt in diesem einen Brennpunkt: Pfingsten. Pfingsten ist die Hochzeit des Jahres,— das Fest der höchsten Entfaltung der Schöfungspracht. Goethe faßt das unbeschreiblich Sonnenhafte und Festliche dieses Tages in die so hochzeitlich anmutenden Worte: Pfingsten das liebliche Fest war gekommen: es grünten und blühten Feld und Wald; auf den Hügeln und Höhen, in Büschen und Hecken Uebten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel; Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen; Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde... Kaum je im Jahre erleben und spüren wir so mächtig wie zu Pfingsten die Segensmacht der Sonne, Naturkraft und Schöpfungssegen, das Wunder des Lebens und der Fruchtbarkeit, die Gnade der Gesundheit... Wir verstehen es, wenn man z. B. im Oldenburgischen die Haustüren und Fenster an diesem Tage weit öffen läßt„damit der Heilige Geist hereinkomme“, daß man in Oesterreich den Pfingsttau mancherorts als„Heiligengeisttau" bezeichnet und als etwas ungemein Kostbares betrachtet und trinkt. In mancherlei uralten Bräuchen ahnen wir noch heute, wie unsere naturverbundenen Vorfahren die Kraft und den Segen der Schöpfung erlebten, erkannten, verehrten und ihren Lebenskreis hineinzuziehen sich bemühten. Vieles, was uns im Brauchtum heute als Freude an Schmuck, an Spiel und Scherz anmutete, war einst sinnvolle, man möchte sagen„religiöse“ Handlung. Auch wir schmücken unsere Häuser, Ställe, Baugerüste, Fuhrwerke, Schiffe und selbst die Tiere mit frischem Grün, namentlich der Birke. Ursprünglich aber war dieses Schmücken mehr als Ausdruck der Schmuckfreude! Die Birke gehört zu den ältesten Bäumen des europäischen Nordens. Die Germanen. auch einige Stämme der Slawen, ehrten die Birke hoch: Sie sahen in ihr ein Sinnbild des Frühlings und des neuerwachenden Lebens. In der Birke waren nach ihrem Glauben die Lebens= und Segenskräfte der Schöpfung in gesammelter Macht zusammengeballt. Birkenreiser— manchmal auch Hasel= und Wacholderzweige— vereinigte man zu„Lebensruten“. Der Schlag mit der Birkenrute sollte Menschen und Vieh Lebenskräfte mitteilen und zugleich vor Krankheit und Hexerei bewahren. Wurde das Vieh zum ersten Male wieder auf die Weide getrieben, so schlug man es leicht mit der Lebensrute. Am Vorabend des 1. Mai stecken die Bauern von der Oberpfalz bis zum Böhmerwald Birkenzweige an die Stalltüren; in Pommern werden die Birkenzweige, die zu Pfingsten die Häuser schmükken, später zum Ausräuchern der Ställe verwendet. um dem Vieh„angehextes“ Ungeziefer zu vertreiben. In Questenberg(goldene Aue) wird seit alten Zeiten zu Pfingsten ein Kranz aus Birkengrün„in der Größe eines Wagenrades“ an einem Eichstamm aufgehängt. In all diesen und zahlreichen anderen Bräuchen schimmert der alte Volksglaube noch erkennbar durch: die segenskräftige Pflanze— meist die Birke, in Ostpreußen aber auch z. B. duftenden Kalmus, der in den Stuben und vor der Tür ausgestreut wird,— soll Segenskräfte mitteilen und Unheil fernhalten. Das ist auch der ursprüngliche Sinn der heute meist nur noch als Zierde üblichen— Pfingstbräuche gewesen, die mit buntfarbigen Bändern und vergoldeten Eiern(das Ei ist Sinnbild der Fruchtbarkeit!) behangen sind. Der erste Austrieb des Viehs findet besonders in den Bergen oft zu Pfingsten statt oder wird zu Pfingsten wiederholt. Jubel erfüllt das Dorf; die Tiere sind mit frischem Grün bekränzt. Das letzte Tier heißt in Niederdeutschland vielerorts Pfingstkau oder Pfingstosse(Pfingstkuh, Pfingstochse); der Bursche, der als letzter auf dem Sammelplatz oder auf der Wiese erscheint, heißt Pyengsten. * 0 komm, du Gottesgeist mit deiner Kraft umbrause uns mit deines Sturmes Wehen, laß neues Wollen groß in uns erstehen, entflamme uns zu heilger Leidenschaft. Entzünde machtvoll unser träges Blut, da Geist der Tat, des Rates und der Stärke und glühe läuternd uns zu neuem Werke und schmiede unser Herz in deiner Glut. Laß uns voll Sommer werden, Gottes Saat in uns erwachsen, laß uns alles wagen, der Menschheit Fackel stürmend vorzutragen, und gürte uns mit Kraft zu großer Tat. I. F. Pfingstvoß(Pfingstsuchs), das letzte Mädel Pfingstbrut(Pfingstbraut). Im Erzgebirge bezeichnet man den letzten Hirten als Pfingstlümmel; in der Grasschaft Mark(Reg.=Bez. Arnsberg) nennt man ihn Pfingsthammel. Der Deutsche aller Stämme liebt Pünktlichkeit und tadelt Unzuverlässigkeit. Es ist lehrreich zu sehen, wie das völkische Brauchtum da erzieherisch wirkt. Mit den Langschläfern und Nachzüglern des ersten Auftriebs treiben die Burschen und Mädel ihren Mutwillen. Die Altmärker staffierten den letzten Pferdejungen mit Feldblumen aus und verspotteten ihn weidlich als„bunten Jungen“. In der östlichen Steiermark, z. B. in Hartberg und Umgebung, weckte man die Langschläfer mit dem Spottvers: Pfingstluken steh auf, reck die Luken auf der Höh auf. nimm an Besen, kehr aus, nimm die Goaßl(Geißel), treib aus, treib auf'n grean(grünen) Wasen die Küch müssen grasen! Leg die nochmal nieder, aufs Jahr bist es wieder! Mit Brennessel= und Birkengerten wird der Faulpelz aufgescheucht.— Aehnlich dem ersten Austrieb sind auch die um Pfingsten üblichen Flurumgänge und Flurumritte mit mancherlei abten Bräuchen verknüpft. Im deutschböhmischen Sudetenland war bis vor wenigen Jahrzehnten das Königsreiten ein schöner Brauch: Alle Reiter, an der Spitze der Dorfrichter und die Geschworenen ritten um ein Feldgebiet der Gemarkung. Aehnlich ist der„Traidegang“ in der Oberpfalz. Seit einigen Jahren hat sich der früher allgemein verbreitete Eulogius=Ritt im Badischen Schwarz= wald(z. B. Lenzkirch) wieder eingebürgert. Berühmt ist ein Flurumgang am Pfingstdienstag in Coesfeld, die Coesfelder Kreuztracht. Flurumgänge waren ein Stück des Brauchtums unserer Vorfahren längst ehe es bei uns kirchliche Prozessionen gab: So wurde nach einem Bericht des Tacitus das Bild der Erdgöttin Nerthus auf einen von Kühen gezogenen Wagen über die Felder gefahren. Das bedeutete mehr als eine hübsche Sitte: Der ursprüngliche Sinn dieser Umgänge war tiefreligiös: Die Segensmächte der Schöpfung sollten den Aeckern mitgeteilt. alles Unheil von ihnen ferngehalten werden. Daneben aber hatten sie wohl den praktisch=rechtlichen Zweck, die Unversehrtheit der Flur=Grenzen alljährlich zum Ausdruck zu bringen: Das war in früheren Zeiten, als es noch keine Vermessungs= und Grundbuchämter gab, ein außerordentlich dringliches Anliegen! In manchen Pfingstspielen, die uns heute als harmloser Scherz ansprechen, leben altgermanische Vorstellungen aus grauen Vorzeiten— ost für uns kaum noch richtig deutbar— weiter. Was liegt dem„Wasservogel" zugrunde, dieser mit Laub, Schilf und Wasserblumen verkleideten Gestalt, mit der das junge Volk in manchen Orten Bayerns und Schwabens umzieht? Was war ursprünglich der in Blumen und Zweige gehüllte schwäbische„Pfingstputz", der eine Maske aus Baumrinde und vorn und hinten Kuhglocken trug? Wer ist der grünverkleidete elsässische, wer der „goldene" Pfälzer Pfingstquak? Hier und dort wird der„Wasservogel“— in diesem Falle ein vermummter Bursche— von zwei Mädeln im Bach tüchtig gewaschen; dafür zieht er diese mehrmals ins Wasser hinab. In Thüringen verbirgt sich der in ein Moos= und Laubkleid verkleidete „wilde Mann“ im Walde, und die Jugend zieht aus, ihn zu suchen. Die Namen wechseln; bald ist’s der Maikönig(Tilleda). bald der Graskönig, bald das Laubmännchen, bald— wie in Mecklenburg — die mit Ginster geschmückte, Glumenbekränzte „Pfingstblume". Sicher lebt in solchen Spielen die Erinnerung an eine altgermanische Naturgottheit fort, deren Segenskraft für Menschen, Vieh und Aecker begehrt wurde. Damit mag zusommenhängen, daß man zu Pfingsten vielerorts die Brunnen reinigt.— Und wenn in Kärnten und im Vogtlande die Burschen zu Pfingsten mit Peitschen über die Aecker knallen oder in die Obstbäume schießen, wenn anderorts die Hirtenjungen sich abends bei Feuer und Peitschenknallen um den Maibaum lagern,— so ist das mehr als bloßer Ausdruck frühlingshafter Lebensfreude. Vorchristliches Brauchtum lebt darin weiter; entspricht doch auch das Peitschenknallen ursprünglich etwa dem Schlog mit der Lebensrute; es dient zur Vertreii bung der Unheilsmächte. Wir wollen indes nicht alle Pfingstspiele tiessinnig ausdeuten. Diese Spiele, die oft auf dem Pfingstanger“ ihre Feststätte haben— Kranzstechen, Ringwerfen. Reiterspiele. Wettläufe. Tänze— sind vielfach unmittelbarer und unreflektierter Ausdruck der Lebensfreude, Gesundheit und Jugendkraft. Pfinastgelage mit Laubhütten. Gartenfeste mit nächtlichem Lampionschmuck, Schützenfeste mit Preis= und Talerschießen, Bauernspiele, die manchmal, wie das Gailtaler Kufenstechen, wie mittelalterliche Turniere aussehen.— harmloser Uebermut, der sich kundtut in allerhand Mummenschanz und Scherz,—spiegeln die große Freude wieder. die der Lenz in allen Herzen entzündet hat. Der Tieferblickende wird aber hinter manchem überlieferten schönen Brauch tiefe Weisheit ahnen, die sich in Sinnbildern gstenbart. 1 S an mahd 100 gun Mishlane# eein uihen hiefbieg gun M Mehie gun Wshiungt 124 Anbinsg ut Mt Muhug cmte #a atnmmine vemrn mi an i a W uun n J ihhng zim hi aun el c n gun „M h Tiud c tumt m nuc big“ M t 11# ii 130 mt ii Muh ne cchn uh WMch enng 100 zlm n 1 M 2 fnn uticc Wcb#### 1 s u M ue g 13 zung Der Schelm von Bergen. Eine historische Pfingtgeschichte von E. Trost. Die Maisonne leuchtete warm über die weite Ebene zwischen Rhein, Main und Taunus vor dem„goldenen Mainz“. Dort herrschte buntes, fröhliches Gewimmel wie in einem Ameisenhausen. Der grüne Plan hatte sich für kurze Wochen in ein gewaltiges Heerlager verwandelt. in dem die erlauchtesten Fürsten, die Träger der ersten Namen des Deutschen Reiches und zahllose hochmögende ausländische Ritter, geistliche Herren und Würdenträger, ein einzigartiges Pfingstfest begingen: Kaiser Friedrich Barbarossa hatte sie alle zu einer großen deutschen Nationalfeier geladen, um in diesen Pfingsttagen 1184 den Friedenschluß zu Konstanz und die hart errungenen Erfolge der letzten Jahre zu feiern. Gleichzeitig sollten auch die beiden ältesten Söhne des Kaisers, der 19jährige König Heinrich und der 16jährige Herzog Friedrich den Ritterschlag erhalten. So erhob sich auf den Feldern vor Mainz eine ausgedehnte Zeltstadt. Auf der neben einer Kapelle inmitten des Festplatzes errichteten, holzgezimmerten Kaiserpfalz flatterten die Banner lustig im Wind. Zehntausende von Edelleuten waren mit Frauen und Töchtern, mit Knappen und Troßbuben erschienen. Fahrende Sänger, Spielleute und Gaukler sorgten für die Unterhaltung der vornehmen Gäste, die nicht nur zu Pferde sondern auch auf buntgeflaggten Rheinund Mainschiffen angekommen waren. Aber auch das Volk verlebte gute Tage, Arme und Kranke. Pilger und Wanderer wurden auf Kosten des Kaisers reich bedacht, mit Speise und Trank bestens bewirtet und kamen auch als Zuschauer bei den glänzenden Feierlichkeiten wohl auf ihre Kosten. Am Morgen des zweiten Pfingstfeiertages erfolgte nach einem Hochamt unter glanzvollen Zeremonien die Schwertleite der jungen Kaisersöhne. Im Anschluß an dieses Ereignis fanden große Turniere und Waffenspiele statt. Da maßen nicht nur die eben zu Rittern geschlagenen jugendlichen Hohenstaufen Heinrich und Friedrich mit anderen edlen Herren in ritterlichem Spiel. Auch der Kaiser selbst nahm trotz der silberglänzenden Strähnen, die ihm schon Haar und Bart durchzogen, an den Turnieren teil und wußte Schwert und Lanze siches zu führen. Seine Gemahlin, die noch immer schöne Beatrix, wohnte mit ihren Edeldamen den Kampfspielen auf einer hohen, schöngezierten Tribüne bei und die Sieger erhielten ihre Preise in Gestalt von Waffen, kostbaren Gold= und Silbergeräten und schönen Kleidungsstücken aus den Händen der Kaiserin. Ein fremder, junger, hochgewachsener Ritter hatte sich mit geschlossenem Visier an einigen Turnieren beteiligt und dabei seine Gegner mehrmals in den Sand geworfen. Als er das Knie tief vor der Kaiserin beugte. um einen goldenen Becher als Siegespreis in Empfang zu nehmen, setzte er den Helm ab und Beatrix sah ein kühnes, gebräuntes, von lang herabwallendem. dunklem Haar umrahmtes junges Gesicht. Gleich darauf aber zog der junge Ritter den schweren Helm wieder über den Kopf und verschwand in der Menge der Adeligen, die sich um Tribüne und Turnierplätze drängten. Eine Weile sah die Kaiserin der hohen Gestalt nach. Sie hätte gerne Näheres über den fremden Ritter erfahren. Aber bei der Menge von Männern in reicher Gewandung oder blitzenden Rüstungen, die die Feststätte bevölkerten, war es schwer, einen Einzelnen im Auge zu behalten. Am Abend huldigte die glänzende Gesellschaft vornehmer Männer und Frauen in einer eigens zu diesem Zweck erbauten hölzernen Halle dem Tanze. Die Spielleute fiedelten und flöteten auf einer Estrade. unzählige Kerzen strahlten taghell. die Kaiserin selbst eröffnete an der Seite des Grafen von Hennegau den Reigen. Da sah sie den fremden Ritter wieder, der so tapfer gesochten und den goldenen Becher errungen hatte. Er trug wertvolle, vornehme Kleidung und tanzte mit einem schönen jungen Hoffräulein so leicht und gewandt, wie wenige im weiten Raum. Später lehnte er ein wenig abseits von den anderen an einer Wand des Saales und die schönen, dunklen Augen in dem scharfgeschnittenen Gesicht blickten mit traurigem Ausdruck über die bunte heitere Menge. Es war Sitte bei diesem Hoftag, daß die Kaiserin sich der Reihe nach adelige Herren und hohe Würdenträger kommen ließ. und ihnen die Ehre erwies, mit ihnen zu tanzen. Einmal befahl sie auch den fremden Ritter an ihre Seite. Der Fremde zuckte zusammen, als die Pagen der Kaiserin vor ihm erschienen, er zauderte, dann abet wari er stolz den Kopf zurück und folgte den Edelknaden zum Thron der Herrscherin. Einen Augenblick später glitt sie an seinem Arm durch den Saal. Tausend Augen folgten dem Paar, tausend Augen forschten im Gesicht des fremden Ritters, dem die Auszeichnung zuteil wurde, mit Beatrix zu tanzen und den niemand kannte. Plötzlich übertönte ein lauter Aufschrei das Fiedeln der Spielleute. Einer der Grafen sprang vor und riß den fremden Ritter so derb von der Kaiserin weg, daß er taumelte. Dann streifte er die Handschuhe von den Händen und schleuderte sie zu Boden: „Elender, Schurke, wie kannst du es wagen, hier zu erscheinen? Wie kannst du dich unterstehen, mit der Kaiserin zu tanzen!“ Blaß, mit hart zusammengepreßten Lippen stand der fremde Ritter da. Auf die verwunderte Frage der Kaiserin rief der Graf: „Der Schurke, der sich hier eingeschlichen hat, ist der Sohn des Schelms von Bergen! Ein Schinderssohn, ein Freiknecht, ich habe ihn genau erkannt!!“ Ein ungeheurer Tumult folgte diesen Worten. Vielstimmig gellten Entsetzensschreie durch den Saal. Die Musik verstummte. Ein Schinder hatte mit der Kaiserin getanzt, hatte beim Turnier gefochten, ein Sohn des Schelms aus Bergen bei Frankfurt, dessen Geschäft für ehrlos galt samt den Menschen, die ihm zu nahe kamen! Drohend umringten die Ritter den jungen Mann. Doch keiner berührte ihn: Einen Schelm durfte nur der Henker anfassen! Man meldete dem Kaiser den unerhörten Vorfall. Friedrich Barbarossa näherte sich der Gruppe und blieb von dem Schinderssohn stehen: „Ist es wahr? Bist du wirklich der Schelm von Bergen?“ „Ja——“ erwiderte der junge Mann ruhig. „Was hast du dann bei unserem Fest zu suchen?“ „Ich habe das Schinderhandwerk nie ausgeübt, sondern wanderte und kämpfte lange Jahre in fernen Ländern. Ich bin reich, jung, gewandt in ritterlichen Künsten. Aber ehrlos! Da wollte ich nur einmal im Leben so sein wie andere, frei sein, nicht zu den Ehrlosen, Verachteten gehören! Selbst um den Preis meines Lebens——“ „Du weißt also, daß dich der Tod durch Henkershand erwartet?“ „Ich wußte es schon, als ich mich unter die glänzende Versammlung der Edelleute mischte.“ „So wird nun unser schönes Fest durch eine Hinrichtung getrübt—“ sagte der Kaiser traurig. „Wenn Ihr es nicht verhindert———“ „Wie könnte ich dies? Du hast dich schwer vergangen! Jeder muß in den Grenzen bleiben, die sein Stand ihm zieht!“ Da trat der junge Mann einen Schritt vor und warf sich vor dem Kaiser auf die Knie: „Laßt Gnade vor Recht ergehen! Urteilt, daß nicht die Kaiserin durch die Berührung meiner Hände entehrt wurde, sondern daß ich durch sie von nun an frei und ehrbar sei!“ Der Kaiser zögerte. Doch Beatrix lächelte ihm „Laß' unser Fest durch keinen Mißton trüben!“ Da nickte Friedrich Barbarossa und sprach: „Nun gut! Du bist klug, Schelm von Bergen! Du wirst ein tapferer Ritter und treuer Vasalle werden!“ Er zog sein Schwert und legte es dem Knienden auf die Schulter: „So gelte„Schelm von Bergen' von heute an als ritterlicher Name!“ So wurde der junge Mann vom Kaiser zum Ritter geschlagen und die ganze Versammlung jubelte dem Herrscher zu. Das Geschlecht des Schelms von Bergen blühte lange als eines der angesehensten im Frankenland und erlosch erst lange nach dem der Hohenstaufen. Das Bett der Anna Maria. Von Erna Klostermann. Da steht es nun im Museum in Dortmund unter den Ravensberg'schen Bauernmöbeln, behäbig und breit, so daß drei Personen bequem Platz darin haben. Mit Schnitzwerk ist es reichlich ausgestattet. Sonnenblumen, Symbole der Fruchtbarkeit, erheben sich aus den Feldern. An den vier Kanten streben Säulen empor, die einen geschnitzten Himmel tragen, und im Kopfteil steht der Name der Bäuerin, die dieses Stück Aussteuer in die Ehe brachte: Anna Maria Kleine Gödinghaus Anno 1837. Wie kommt dieses Glanzstuck alter bäuerlicher Möbelverarbeitung in das Museum? Es gibt kaum einen Mann in Westfalen, der so viel altes Kulturgut vor dem Verschleudern und Vernichten bewahrt hat, wie der verstorbene Museumsdirektor Baum. Für seinen Tempel war ihm keine Mühe zu groß und kein Weg zu ungangbar, wenn er einer Abteilung ein Wertstück zuführen konnte. Er hatte einen ausgesprochen guten Instinkt für die Gegenden, aus denen etwas zu holen war. Er hatte aber auch außerdem überall seine Helfer und Freunde, die ihm mitteilten, wenn irgendwo ein altes Stück gesichtet wurde, das zum Verkauf stand oder das sich in den gepflegten Museumsräumen besser ausnahm als#vischen einem Teil neuen Hausrats, zu dem es nicht mehr paßte. Es war in den Jahren, als man begann, die schweren Bauernmöbel als unmodern zu beseitigen und durch neuartige Sachen zu ersetzen. Manche alte wertvolle Truhe wanderte als Hachselkiste in die Scheune. Viele handverzierte Schränke mußte man aus verschmutzten Abstellräumen später erlösen. Hier diente einer als Ausbewahrungsort für Pferdegeschirr, dort stapelte man Säcke darin auf. Und was Vater und Mutter noch benutzt und als Erbteil geschätzt hatten, wurde von den aufgeklärten modernen Kindern nach und nach fortgeräumt. Erst die heutige Zeit, die für die Erhaltung des Alten und Bodenständigen predigt und kämpft, öffnete Augen und Herzen wieder für die Handwerkskunst der Vorfahren. Jetzt kommen ständig Besucher aus allen Gebieten Westfalens ins Dortmunder Museum, um den Hausrat und die Einrichtungsgegenstände zu betrachten, zwischen denen ihre Ahnen lebten. Die meisten freuen sich an den gepflegten Teilen in der stilechten Umgebung, andere aber betrachten nur mit einem lachenden Auge das, was vor 30 oder 40 Jahren aus dem Hause getragen wurde. Es war ja nicht immer und überall so, daß man die Gegenstände leichten Herzeno vergab. Um manches wertvolle alte Möbel sind tausende Worte geredet und viele Kikometer verfahren und verlaufen worden, ehe es seinen jetzigen Ehrenplatz fand. Es ging auch nicht immer ohne List ab, aber darauf verstand sich der gute, pfiffige Professor. Im blauen Kittel, mit einem derben Knotenstock und in ehrlichem Plattdeutsch machte er sich auf den Handel. Man kommt dem Herzen der Leute näher, wenn man vertrauenswürdig, das heißt wie ihresgleichen aussieht, das wußte er. Korn und Bier haben häufig ein wenig nachgeholfen. Wenn Baum dann mit seinen Gästen nach einem fidelen Abend ein Wirtshaus verließ, so hatte er den von einem Bauern unterschriebenen Verkaufsvertrag in der Tasche. Ueber den SchelPhoto: Tiefensee menstreich regte sich hier und da eine Bäuerin auf, die von dem mit ihrem Mann abgeschlossenen Vertrag nichts wußte, wenn der Professor am andern Tag das Stück abholen wollte. Ueber den Groll kam man aber schnell hinweg, denn manches gute Stück, das von dem handwerklichen Fleiß der Väter zeugte, wäre später doch wer weiß wohin gewandert und vernichtet worden. Zu dieser Zeit war es dem Professor zu Ohren gekommen, daß im Ravensberg'schen ein Bett mit Ueberdachung stände, das den bereits im Museum vorhandenen münsterländischen Betten ähnlich sei. Er ließ es sich genau beschreiben und sagte:„Ich muß es haben, und ich hole eo!“ Eines Tages tauchte er in dem Ort auf und quartierte sich in der Nähe des Bahnhofs ein. In der Wirtsstube erfuhr er am Abend so allerhand über die Art der Bewohner, und sein Plan lag fest. Am anderen Morgen begab er sich in aller Frühe zu dem Hof. Als er die Deele betrat, auf der die Hühner lustig gackerten, hörte er in der Küche ein Mappern und Hantieren. Schon alles zührig, u M Wu Mhsisg lnt i M t WM i apy u n gu ig#m ig.. fn Mut ud ur uu c u w uue ub 11# Es war eine aufschreckende Unruhe in ihnen. Angstvoll, wie der jammerschwere Schrei eines Untergehenden, gellte immer wieder ihr lauter Ruf durch den Nebel. Zitternd stand er in der Luft, einen kurzen Augenblick nur, und dann flog er wieder seewärts und schlief für eine kleine Spanne Zeit ein, wenn die Möven sich wieder auf den Steindamm niedergelassen hatten, bis sie abermals aufgescheucht wurden und endlich mit zornigem Kreischen auf ihren weißen Schwingen über die schwarzen Wellen zum Deich hinüberfuhren. Da stand die dunkle Frauengestalt, die in langsamer, keuchender Wanderung auf dem holprigen, aus Felsklötzen zusammengeworfenen Damm die Möwen vor sich hergejagt hatte, aufatmend still und blickte dem entfliehenden Schrei nach mit toten, starren Blicken. Als sie an die Stelle gekommen war, wo der Steinwall das Halligvorland berührte und sich zu einem breiten, strohuberdeckten Damm ausweitete, setzte sie sich auf ein Reisigbündel, das eine müde gewordene Flutwelle liegen gelassen hatte, verkrampfte die Hände im Schoß und sah starr vor sich hin. Weit hinter ihr lag im Nebel der dunkle Festlandstreifen, von wo sie hergekommen war wie eine sturmverschlagene, flugwunde Seeschwalbe. Scheu und ängstlich war sie über den Deich gehuscht, um nur von keinem gesehen zu werden. Sie konnte die sehenden Augen nicht ertragen, diese harten, klaren, suchenden Friesenaugen, in denen immer gleich Denken und Meinen lag, und die zu dieser Stunde immer über Deich und Watt gingen. Immer mußte sie fürchten, daß zwei seeblaue Augen darunter sein würden, um sie seltsam hart und doch traurig anzublicken. Diese Augen gehörten Volquard Frerksen, und sie hatte Angst vor ihrem Forschen. Wie der Glanz eines Leuchtfeuers, so standen sie immer, blank und treu, und es kam eine stille Freude über alle, die in diese Augen sahen, wie bei den Wattenschiffern, wenn sie die Halliglichter über der Tiefe blinken sahn. Nur Hertje Cydesen hatte Angst vor diesen Augen; sie lagen auf ihrem Denken und Tun, auf ihrer Seele und ihrem Leben wie ein Schein, der alles grell beleuchtet und aufdeckt. Darum hatte sie sich über den Deich hinübergestohlen wie ein Dieb, und darum war sie in schnellen Sprüngen den Steindamm hinausgestürmt, gesprungen, gerannt, ohne sich umzusehen. Nur einmal war sie stehengeblieben und hatte die Blicke den weiten Weg übers Watt zurückwandern lassen. Hoch auf dem Deich hatte sie einen stehen sehen wie einen Pfahl. Sie wußte, daß nicht Volquard Frerksen es war, sondern der Wirt aus der kleinen Strandkneipe auf Lütt=Jens=Warft, der mit seinen roten Triefaugen das Watt absuchte; aber dennoch war sie atemlos weitergelaufen, bis sie das Festland nur noch als dunklen Streifen sehen konnte. Hertje Cydesen saß und starrte vor sich hin. Lange saß sie so. Dann hob sie den Kopf, stützte ihn auf die Rechte, indem sie den Ellbogen aufs Knie legte, und blickte gerade aus. Vor ihr lag ihre Heimathallig wie ein dunkler Hügel im Abendnebel. Die Dunkelheit stieg lautlos aus dem Meer und kam immer näher über die Fluten gegangen, bis sie Hallig und See, Deich und Damm umfing. Ab und zu zerriß ein heller Lichtblitz vom Amrumer und Sylter Leuchtturm den Nebel und flammte durch die Nacht, und die festen Halligfeuer im Süden standen wie fromme Sterne über den Wellen. Ein kalter Wind hob sich aus der dunklen See, lief durch den grauen Nebel und stieß gegen Hertje Cydesen, daß sie fröstelnd zusammenschauerte und sich in ihr großes Umschlagtuch verkroch. Eine grenzenlose Müdigkeit lag auf ihr und drückte schwer, als sie sich erhob und langsam auf die Hallighäuser zuwankte. Das große Heimweh, das sie hergetrieben hatte, war plötzlich in ihr gestorben und zergangen wie eine weiße Welle, die sich im Dünensand verliert, und alles Verlangen in ihr war müde geworden und wie ein krankes Kind in Schlaf gesunken. Aber statt dessen war eine kalte, harte Furcht in ihr wach geworden und eine schreiende Angst vor der lautlosen, unheimlichen Ruhe der dunklen Hallig und vor all den Menschen, zu denen sie zurückkehrte. Heimgehen! Heimgehen! Als das Wort zum erstenmal aus dem Grunde ihrer Seele aufgetaucht war, da war ein helles, zitterndes Lachen darin gewesen, klingendes Wellenrauschen und jubelndes Halliglerchensingen, und ein trotziges Lied vom Nordsturm war darin lebendig gemorden. Immer lauter und lauter hatte es gerufen. Wie eine Flutwelle war es über sie gekommen, hatte alles Dunkle und Schwere von ihrem Leben abgespült und sie nach Hause getrieben wie ein Boot, in dessen Segeln Hafensehnsucht drängt. Heimaeben! Heimaeben! Und nun, da sie auf der Hallig stand, war das alles, alles tot, und nur die Angst stand vor ihr mit großen, starren Augen.—— Aus den unverhängten niedrigen Fenstern der Hallighäuser lief das schwache, gelbe Lampenlicht zitternd in den Abend hinaus und verkroch sich in den Gartenhecken. Da duckte die Angst sich wieder nieder wie ein geschlagener Hund, und die Heimsehnsucht wollte neue helle Wellen werfen. Aber das war alles, alles wieder vorbei, als aus dem äußersten Hallighaus ein großes, klares Licht in langem, breitem Streifen hinausschritt. Es ging über die kleinen, kahlen Strandnelkenbeete, uber die niedvige Fliederhecke, kroch die Halligwarft hinunter bis auf das blauschwarze Wasser und lag darauf mit einem tiefen, stillen Schein. Das Licht kam aus Meinert Cydesens Haus, und dahin wollte sie, die mit müden Schritten durch den Nebel ging, und deren Seele zitterte und zagte, als sie heimwollte ins Vaterhaus. Hertje Cydesen stand am Fuß ihrer heimatlichen Halligwarft, und ihre brennenden Augen irrten hinauf zu den erleuchteten Fenstern. Sie stand ganz regungslos, mit schlaff herabhängenden Armen. Wie ein Baum stand sie, still, stumm, ohne Bewegung; aber hin und wieder lief ein Zittern durch ihren Leib und schüttelte sie wie der Wind die frosterstartten Zweige. Sie schluchzte wie ein abendbanges Kind, und die See rauschte und sang in ihre Angst. Ihre geschlossenen Augen blickten nach innen, in ihre Seele hinein und auf alle Gestalten, die da lebendig wurden und aufstanden. Alle Tage, die im grauen Nebel der Vergangenheit versunken waren, kamen wieder zurückgegangen mit harten, dröhnenden Schritten und standen vor ihr wie dunkle Riesen und versperrten ihrer Seele den Weg zum Frieden. Und vor sich her schoben sie mit unerbittlichen Händen eine schwere Schuld, die nackte, drohende Schuld der Stunde, in der sie von Hallig und Haus gelaufen war, um dem fremden Deichausseher, den sie liebte, aufs Festland zu folgen. Heimlich, im grauen Frühdämmer, war sie damals an den Strand geschlichen, wo das Postboot schaukelte, das sie über das Wattenmeer nach dem Festland tragen sollte. Keinen Blick hatte sie nach der Hallig zurückgeworfen. Lachend vor Glück war sie ins Boot gesprungen und hatte sich ihrem Geliebten in die Arme geworfen. Und da, als die Segel schon im frischen Morgenwind standen, war plötzlich einer die Warften hinuntergesprungen und hatte sich über den Bootsrand geschwungen und sich neben den Postschiffer auf die Steuerbank gesetzt. Volquard Frerksen war es gewesen, er, mit dem sie so manchesmal nach Langeneß zum Tanz gefahren war und in dessen stillen Augen immer die Liebe geflammt hatte. Aber was kümmerte sie sich an diesem Morgen um ihn! Sie hatte sich mit ihrem Geliebten vorn ins Boot gesetzt, so daß das große Segel zwischen ihnen und Volquard Frerksen wie eine undurchdringliche Wand stand. Und auch dann, als sie über den Deich geklettert waren und er plötzlich laut und scharf ihren Namen gerufen hatte, war sie nur leise zusammengezuckt, und hatte dann lachend sich von dem andern den weiten Marschweg bis zur Eisenbahnstation führen lassen. Damals dünkte es sie keine Schuld, sondern nur das Recht ihrer großen Liebe, die den Mann ihrer Wahl wollte, auch gegen den Willen und Wunsch der Eltern. Wie eine Springflut war diese Liebe über ihrem jungen Leben zusammengeschlagen, rauschend und brausend, alle Ufer überspringend, bis ihr die fürchterliche Erkenntnis ward, daß sie um ihr Heiligstes betrogen wurde, als sie ihn anflehte, ihrer Liebe Segen und Weihe zu lassen, wurde ihre Liebe auf die Gasse verstoßen und lachend in den Schmutz geworfen. Da waren alle Liebesströme verrauscht und verronnen zu einer leeren, grauenhaften Ebbe. Mit toter Seele hatte sie vor einem breiten, dunklen Strom gestanden, um ein Ende zu machen, um Schmach und Schande zu ersticken, um sterbend mit den Wellen hinauszurauschen in das Meer ihrer Heimat. Plötzlich aber war das weiße Schwingenpaar einer Möwe über sie hinweggehuscht, und ihr klagender Schrei hatte das große Heimweh nach dem Frieden ihrer Hallig wachgerufen. Und nun war sie da, nach einem langen, schweren Wege. Hertje Ccdesen stieg die Warft hinauf. Am Grabentor blieb sie stehen und legte beide Händer schwer darauf. Ein dürrer Fliederzweig bog sich darüber. Sie faßte mit zitternden Fingern danach und zerbrach ihn gedankenlos in viele kleine Stücke. Keinen Schritt weiter konnte sie gehen. Eine lähmende Angst drückte sie schwer. Aber nein! Sie wollte stark sein. Sie wollte alles Grauen und alle Furcht von sich abschütteln. Sie wollte wieder mutig sein. Wie ein Kind wollte #e sein, so wie früher, wenn sie vom Muschelnsammeln auf dem Watt nach Hause ins Zimmer zur Matter gestürmt war.— Und doch machte sie die knarrende Sittertür so leise auf, als fürchte sie, gehört zu werden. Und doch schritt sie langsam, ganz langsam den Gartensteig hinauf bis zur Haustür, und stand davor und starrte darauf wie auf etwas Fremdes, Niegeschautes. Ein tieser Atemzug stieg aus ihrer Brust. Sie war wieder zu Hause. Aber ihr Herz pochte hart und schnell, und die Hand, die nach dem Türgriff langen wollte, war lahm und kraftlos. So schwer, so bitterschwer war es. Sie mußte sich on den Türpfosten lehnen. Wie, wenn sie wieder umkehrte, jetzt gleich, in diesem Augenblick, ohne von ihren Eltern gesehen zu werden, und ins Nachbarhaus ginge und da bis morgen wartete? Dann würde vielleicht diese entsetzliche Angst vorübergehen und ihr pochendes Herz ruhiger werden. Aber sie besann sich wieder. Nein! Nein! Nein! Heute mußte es sein, heute und in dieser Minute. So weit war sie schon gegangen, geirrt, gelaufen, von Heimweh und Friedenssehnsucht gejagt, und hatte immer nur gedacht: Wenn du nur erst zu Hause wärst! Wenn du nur erst in der engen Stube auf der kleinen Hallig ständest, wo aller Lärm und Trug und Lug fremd und tot ist, wo es so ruhig, so heimlich ist!— Und nun, wo sie endlich da war, sollte sie umkehren, sollte sie fliehen? Nein, nein, nur auf eine Sekunde zuckte der Gedanke durch ihr Hirn, und gleich verwarf sie ihn wieder. Und dann— dann stand sie plötzlich drinnen in der Stube an der schmalen, weißgestrichenen Tür. Ihre Augen flogen durchs Zimmer und blieben an den halbgeöffneten Türen des Wandbettes hängen, stier und groß. Sie wußte, darin lag ihre Mutter, lag immer noch darin, so wie damals, als sie bei Nacht und Nebel Haus und Hallig verlassen hatte. Da lief ein Zittern durch ihren Körper. Das rüttelte und schuttelte sie wie mit harten, erbarmungslosen Fäusten. Sie konnte sich nicht mehr halten und sank mit einem tiefen, schweren Seufzer auf einen Stuhl.... „Wer ist da?“ Eine leise Stimme war es, die wie eine müde Möwe durch die Stube zitterte, eine leise Stimme, der man es anhörte, daß sie viel zu sich selbst gesprochen und oft in dunkler Nacht um Antwort geweint und gebangt hatte. Und doch traf die leise Stimme Hertje so hart und schwer, daß sie wie unter einem Keulenschlag zusammenzuckte und wieder starr und mit weitaufgerissenen Augen zum Wandbett hinüberblickte. Und wieder kam die Stimme durch das Zimmer. „Ist jemand da?“ Einen Augenblick war es ganz still. Nur das seine Summen und Singen der Lampenflamme und das Atmen der Kranken war zu hören. Dann zerriß ein gellender Schrei die Stille. „Mutter!“ Hertje stürzte über die Diele, schlug vor dem Bett nieder und vergrub das Gesicht in den Kissen, und aller Gram der vergangenen Tage und alle jammernde, irrende Verzweiflung ihres jungen, zertretenen Lebens schluchzte und weinte aus ihrer Brust. „Mutter! Mutter!" und immer wieder„Mutter! Mutter!“, und war bald wie ein leises Wimmern, bald wie ein lauter Schrei... Ihre bange Seele weinte und schrie sich aus. „Mutter, stoß mich nicht von dir! Mutter, laß mich nicht allein?“ Ihre Hände tasteten nach denen der Mutter. Die aber lag still und sah mit seltsam großen Augen vor sich hin. Dann stieg ein Glanz in ihre Blicke wie ein blankes Wattenfeuer, und wie aus weiter Ferne kam es über ihre Lippen: „Du hast mich lange allein gelassen, Hertie. Mein Herz hat oft und viel nach dir geweint. In jeder Nacht stand meine Seele und sah übers Watt nach dir aus, und immer waren meine Ohren wach, nach dir zu hören. Ich wußte, daß du kommen würdest; .. wir Halligkinder müssen immer wieder heimkehren zu unserer Nordsee. O Hartje, mein Herz ist bange gewesen um Dich!“ Sie hatte sich mühsam erhoben und saß nun aufrecht in den Kissen; ihre Hände lagen auf dem Haupt ihrer Tochter mit zärtlichem Streicheln. Es war, als ginge ein geheimnisvoller Zauber von ihnen aus. Der löste den schweren, drückenden Bann, der auf der Seele ihres Kindes lag, so daß sie wieder frei wurde und in mühsam hervorgestoßenem, schluchzendem Bekenntnis alle vergangenen Tage noch einmal durchwanderte. Langsam, ganz langsam und mit drückender Mühe ging ihre Seele diesen Weg; sie führte ein altes, zitterndes Mutterherz mit sich. Es war ein trostloseo, eintöniges Wandern. Am Wege stand weder das lachende, singende Glück ihrer jungen, stürmenden, hinausdrängenden Liebe, noch das dunkle, drohende Schuldbewußtsein. Nur der graue, traurige Nebel einer dumpfen, pfadverlorenen Verzweiflung und einer gänzlichen Verlassenheit lag um sie herum. Mtt uc Mut iu mhl hog gun. M So uud|10 Mmimmc aquaiuz za n uwom hoe zun — M M N 1 10 gui übun 2g inn gun 110; sayd sego sve zom guvi biunc 220 lnv zu va unn gun S ct ian aibun ie hntun guspechlind zute zva s VII. „Ich ditte Sie, meine lieben Gäste—“ die Justizrätin hob beschwörend die Hand„— ich bin ja noch gar nicht fertig! Man gibt eine Mitgift nur dann, wenn der Mann bereits vorhanden ist. Ich kenne aber einen solchen Mann, wir haben uns von seiner Tüchtigkeit überzeugt, er liebt Lisbeth und Lisbeth liebt ihn. Und deshalb darf ich das Wort an Sie richten, meine liebe Frau Lenz: Nm Namen unseres lieben Karl Viereck bitte ich Sie um die Hand Ihrer Tochter Lisbeth Nach diesen Worten brach ein Stimmengewirr aus, das zum Orkau anschwoll. Die Justizrätin war auf Mutter Lenz zugegangen und hatte sie umarmt. Ursel und Carla umarmten und küßten Lisbeth, und Viereck durfte seine Schwägerinnen auf die Wangen küssen. Der Assessor legte beide Hände auf Bierecks Schultern und sagte:„Ich weiß, was ich dir zu danken habe, ohne dich...“..„ „Still!“ sagte Biereck, strahlend vor Glück,„ohne dich wäre ich wiederum nie zu Lisbeth gekommen!“ Dann ging er zu Mutter Lenz, küßte ihr die Hände und sagte:„Verzeihen Sie diese Ueberraschung, es gitch wegen.. Sie folgte seinem Blick zu Carla hin.„Ich habe solche Angst!“ flüsterte sie, und nun trafen sich ihre Blicke mit den Blicken Lisbeths und Ursels. Aber Carla merkte nichts von all dem. Sie folgte vielmehr dem Beispiel des Justizrats und forderte Viereck auf, seinen Platz neben Lisbeth einzunehmen. Dafür dirigierte sie Herrn Macher der neben Lisbeth gesessen hatte, zu sich herüber. Der kleine Mann folgte diesem Befehl mit ängstlichen Gefühlen, denn da war erstens seine Hose, die er immer noch festhalten mußte, und zweitens Frau Hedwig, die ihren Gunter nun plötzlich neben diesem verführerisch schönen Mädchen sitzen sah, das sich gleich bemühte, ihn an ihrer eigenen ausgelassenen Stimmung teilhaben zu lassen.„Wer ist eigentlich der junge hübsche Mann, der sich so freundschaftlich mit Ihrer Gattin unterhält?" fragte sie ihn.„So, Herr Stelling ist das! Oh, ich habe schon von ihm gehört, er soll sehr gejährlich sein.“ Herr Macher sah hilfesuchend im Kreise herum. Mein Sott, dachte er, hilft mir denn niemand? Rein, es half ihm niemand. „Sie, Herr Macher, sind leider verheiratet“, fuhr Carla fort und bewirkte, daß Herr Macher tief errötete,„wer bleibt übrig? Herr Hauschild ist nett, aber zu alt für mich. Helsen Sie mir doch, Herr „Ja, ich“, stotterte Herr Macher und sah entsetzt zu Mollwitz hinüber, der gerade den Redestrom seiner Nachbarin unterbrach und sein Glas Carla entgegenheb „Sie meinen also Mollwitz,“ sagte Carla und prostete dem Schweden zu,„nun ja, wenn meinen... „Ich habe nichts gemeint...“, söhnte Macher und wünschte sich tausend Meilen fort. Da lenkte der alte Justizrat glücklicherweise die Aufmerksamkeit auf sich. Denn man hatte die Eisbombe aufgetragen, und da mußte der Hausherr wohl eine launige Rede steigen lassen. „Liebwerte Gäste!“ sagte der alte Herr,„Sie stehen wohl alle mit mir unter dem Banne der Ereignisse und im Zauber des Glücks, das Fortuna so verschwenderisch über unsern Kreis gestreut hat. Ja, in so einer besinnlichen Stunde wird uns warm ums Herz. und wir danken dem Schicksal, das uns selbst liebe und tapfere Frauen mitgab auf den Lebensweg. In Abwandlung eines schönen Wortes möchte ich also sagen: Höchstes Glück der Erdenkinder ist ja doch doch die Zweisamkeit! Und so hebe ich warnend meinen Finger und richte ihn auf die Junggesellen hier im Kreise und draußen in der Welt: Haltet euch dran! Niemand soll mir sagen, man könne das Glück nicht mit Händen greifen, solange noch so schöne Mädchen unbemannt auf Erden wandeln, wie——“ er hob sein Glas Carla entgegen und wollte weitersprechen— Aber da bekam Karl Viereck seinen Hustenanfall. Der Justizrat sah sich im Kreise um und sah die Blicke der Mutter Lenz. Ursels und Lisbeths angsterfüllt auf sich gerichtet. O weh! Er trank scheinbar verlegen sein Glas aus und setzte sich. Es herrschte peinliche Stille. Da rückte ein Stuhl, und das klang durch die Stille wie Donnergepolter. Carla war aufgestanden. Auf ihrem Gesicht stand ein triumphierendes Lächeln, ihre dunkel leuchtenden Augen gingen von einem zum andern und weckten Angst bei den Schwestern, finstere Entschlossenheit bei Viereck, selbstgefälliges Lächeln bei Mollwitz und frohes Augenzwinkern bei Hauschild. Jetzt hob sie ihr Glas.„Herzlichen Dank, lieber Herr Justizrat, Ihr Wunsch ist mir Befehl. Allerdings— zu seiner Erfüllung gehören zwei. Und noch mehr: die Partner müssen zueinander passen. sie müssen sich sehr genau kennen, sie müssen wissen, was sie voneinander zu fordern haben. Sehen Sie, lieber Herr Justizrat, man hält mich für einen schwierigen Charakter. Und ich bin es auch— gewesen. Man hat mir oft so artige Schmeicheleien gesagt, wie Sie es eben getan haben, das sollte man nicht tun. Das steigt einem jungen Mädchen zu Kopf. Und es ist nicht jeden Mannes Sache, so einen Mädchenkopf wieder zurechtzusetzen. Deshalb ist es gerechtsertigt, wenn unter drei Schwestern ich als letzte an die Reihe komme. Man hätte mir schließlich noch vierzehn Tage Zeit lassen können. Aber dann kam dieses Fest und das große Glücksgefühl, das uns alle beseelt, nein, ich möchte diesen Abend nicht weniger glücklich beschließen als meine Schwestern. Ich trinke dieses Glas auf Ihr Wohl, Herr Justizrat, weil Ihre Worte in mir diesen Entschluß ausgelöst haben.“ Der Justizrat hob sein Glas und trank, er tat es ein wenig geistesabwesend, und keiner folgte ihm. Nur Professor Mollwitz umklammerte nervös den Sektkelch, und auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen. Jetzt wandte sich Carla an Macher, der neben ihr saß.„Lieber Herr Macher, Sie waren so freundlich, mir die Zeit zu vertreiben, nun bitte ich Sie um einen Liebesdienst. Ich möchte den Brauch fortführen, der heute schon zwei Brautpaare zusammenbrachte. Setzen Sie sich bitte an die Seite Ihrer Gattin. Und bitten Sie vorher Herrn Stelling, der diesen Platz jetzt einnimmt, mit Ihnen zu tauschen.“ Herr Macher erhob sich, und wenn er auch auf dem langen Wege um den Tisch herum seine Hose festhalten mußte, so war er doch der erste, von dessen Antlitz alle Spannung gewichen war. Er befand sich in bester Laune. Auch Stelling hatte sich erhoben, aber er ging zu Mutter Lenz, riß die Hacken zusammen, verneigte und sagte:„Verehrte Frau Lenz, wenn es auch die zweite Ueberrumpelung dieses Abends ist, so seien Sie mir nicht böse, wenn ich Sie um die Hand Ihrer Tochter Carla bitte!“ Mutter Lenz sah in das sonnengebräunte, offene Gesicht des jungen Ingenieurs, forschend, als müsse sie sich vom Ernst seiner Worte überzeugen, dann wollte sie sprechen, aber sie konnte vor Ueberraschung, Erleichterung und Glück kein Wort hervorbringen. Sie drückte nur die große Männerhand, die sich ihr darbot, mit beiden Händen, und Stelling bückte sich und küßte diese Mutterhände, die ihm ein stilles JaWort gaben. Dann schritt er an Carlas Seite, legte ihren Arm in den seinen und sagte:„Ich glaube, wir beide sind noch eine Erklärung schuldig. Ich habe Carla heute gebeten, meine Frau zu werden. Sie wollte vierzehn Tage Bedenkzeit haben. Und wenn ich auch sehr gehofft und eigentlich nicht daran gezweiselt habe, daß sie schließlich ja sagen würde, so hat mich ihr Entschluß doch überrascht und maßlos glücklich gemacht. Ja, so ist es, mein liebes, liebes Mädel!“ Die letzten Worte waren allerdings nur für Carla bestimmt. Denn er hatte ihren Kopf zwischen beide Hände genommen und küßte den Mund, der ihm mit glücklichem Lächeln entgegenblühte. Das brach den Bann, der über allen gelastet hatte, und der Orkan, der sich nun erhob, war ungleich stärker als die vorhergehenden. Nur Mutter Lenz sagte nichts. Sie saß immer noch auf ihrem Platz, hatte die Hände im Schoß gefaltet, und in ihrem Gesicht lag ein stilles Leuchten. Der alte Justizrat, der neben ihr saß, streichelte sanft ihre Hände. Dann beugte er sich zu ihr und flüsterte: „Ich habe es gewußt. Professor Hauschild hat mich vorher gebeten, diese Rede zu halten. Damit Carlas Entschluß beschleunigt wurde. Aber nichts verraten...“ „Sie Schauspieler...!" flüsterte Mutter Lenz, aber das war nicht als Vorwurf gemeint. Plötzlich ertönte ein schriller Ruf. Es war das ältliche Fräulein.„Nein!“ schrie sie,„wo ist denn mein Nachbar hingekommen?!“ Sie wies auf den leeren Stuhl an ihrer Seite, den eben noch Mollwitz eingenommen hatte.„ H 84 Da erhob sich Hauschild. und sein Baß uvertönte das Stimmengewirr:„Meine Herrschaften, der Fragen, die hier gestellt werden, sind zu viele! Die Brautpaare sind mit sich selbst genügend beschäftigt. Ich werde mir deshalb erlauben, sobald unsere verehrte Hausfrau die Tafel aufgehoben hat, drüben an der Hausbar eine öffentliche Auskunftei einzurichten!“ Er fand freudige Zustimmung— vor allem der geplagten Brautpaare. ** Die drei Brautpaare saßen in der gemütlichen Ecke des Salons. „Ich glaube, wir müssen dich um Verzeihung bitten, Carla“, sagte Viereck,„denn wir haben dir einen Verdacht in die Schuhe geschoben, der recht unmöglich war.“ „Ihr seid freigesprochen", lachte Carla und zog Lisbeth an sich.„Ich kannte meinen Dickschädel, ich kannte eure Meinung, und ich wollte meinen Weg allein zu Ende gehen. Ich habe deshalb auch Heinz gebeten, nicht zu' uns in Haus zu kommen. Ich sagte deshalb auch nicht, daß ich die Stellung bei Hauschild angenommen hatte, die gleiche, die er dir früher angeboten hatte. So ließ ich euch ruhig bei eurem Verdacht und bestärkte ihn. Ihr hättet mir ja doch nicht helfen können.“ „Ich glaube,“ sagte der Assessor nach langem Sinnen,„wir haben alle, alle sechs, die wir hier sitzen, schon einmal die falsche Meinung voneinander gehaht!“ „Das hat man nun von seinem Spintisieren". sagte Viereck,„was hat man sich seinen armen Kopf zerbrochen, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken! Was hat man kombiniert und konstruiert, was hat man für Pläne geschmiedet und Schicksal spielen wollen...“ Lisbeth packte ihn an beiden Ohren.„Bist du vielleicht nicht zufrieden? Sind wir beide vielleicht nur eine Fehlkonstruktion des klugen Herrn Viereck?“ „Mich dünkt“, sagte Stelling.„diese Konstruktion ist ihm gelungen. Denn er hat sie wohl weniger mit dem Kopf, als mit dem Herzen gemacht. Und dieses Geheimmittel haben wir wahrscheinlich alle— unabhängig von einander— angewandt!“ — Ende.— Schuld und Sühne. Erzählung von Wilhelm Lobsien. Ueber See und Deich spannte sich die Dämmerung. trübe, dunkle Nordseedämmerung. Der Nebelmann watete über das graue, schweigende Watt und schleppte seine kalten, feuchten Netze bis an den Deich, stapfte langsam hinüber und schleppte sich dann weiter in das flache Festland hinein. Der ganze Strand duckte sich in angstvoller Stille unter den nassen Nebelnetzen und lag in schauerndem Schweigen. Es war die Stunde, in der Ebbe und Flut um die Herrschaft ringen. Der schiefergraue Schlamm des Nordseeewatts wurde schon blank. An einigen Stellen blinkerten große Wasserlachen, die langsam größer und größer wurden. Ein eigentümliches, singendes Zischen und Nieseln und Rinseln, das feine, klingende Geräusch wie vor zerplatzenden Wasserblasen stieg aus der schlammigen Tiefe auf und kam seltsam fern und nah durch die stille Luft und wurde stärker und lauter; das waren die Flutmassen, die scheinbar im Watt versiegt waren und nun durch die von draußen wiederkehrende Flut aus dem Grund heraufgelockt wurden. Wie jauchzende Sieger sangen weit draußen die kommenden Wasserwellen; wie müde Verwundete wühlten sich die im Wattenschlamm vergrabenen Wasser empor. Ein leiser Abendwind machte sich auf und lief über den hohen Seedeich, spielte einen Augenblick mit den Nebelnetzen und fuhr dann über das nasse Watt und über die heranschaukelnden Wellen. Mit klagendem Schrei flogen die Möwen den Dämmernebel seewärts, den Inseln und Halligen zu, oder setzten sich auf den Steindamm, der sich in gerader Linie von der Hallig Odland ostwärts nach dem hohen Festlandsdeich erstreckte. *soous Wzu „Lusion ne-msun ag nug lng zoh Sgz“ denkt er, das kommt mir recht. Die Magd, die er aber allein vorsand und der er erklärte, er müsse mit der Bäuerin sprechen, erzählte ihm, daran sei nicht zu denken, die Frau habe die ganze Nacht bei der Sau gewacht, die elf Ferkel geworfen habe. Sie könne jetzt nicht gestört werden. Baum aber ließ sich nicht irre machen: „Ik mot met de Meiserske köern. Doran goiht koin Wiäg verbui. Matt vöran. Ik häwwe keine * G Die Magd besay den Mann, der wie ein Bauer daherkam, den Knotenstock in der Hand. Es sollte wohl ein Viehaufkäufer sein. Vielleicht drängte es wirklich. Sie ging in die Schlafkammer und meldete den Besucher. „Wat will de Kärl?“ erboste sich die Frau, „frone und suih to, dat hoi sik vertuiht!“ Aber die Magd kam wieder herein. Er ließe sich nicht abweisen, berichtete sie. Die Frau überlegte: Sollte sie aufstehen, sich anziehen— oder wurde sie ihn auf andere Weise quitt?„ „Hoi fall rinkummen,“ entschied sie burz, richtete sich auf und zog die kariert bezogene Bettdecke gsat! Baum trat in die Kammer und lenkte seine begehrlichen Augen auf die Bettstatt. Ein schönes Bett, ein herrliches geschnitztes Bett aus Eichenholz. Sonnenblumen lagen auf den Kassetten, und Kerbverzierungen liefen rundum. Säulen, die in geschmückten Bogen ausliefen, trugen den Himmel. Die Bäuerin überlegte, was der Mann wohl wollte, der mit prüfendem Blick das Holzwerk überflog und von ihr überhaupt keine Notiz nahm. „Ik häwwe höärt, dat hui'n Bedde teo verkeapen wör," erklärte der frühe Besucher. Die Bäuerin, ärgerlich darüber, daß sie wegen eines Handelskerls aus ihrer Ruhe geweckt wurde und mit einem Augenblick überlegend, daß eine Witwe doch nicht immer ein ruhevolles Dasein führt, fuhr ihn ärgerlich an: „Na, dann makt män, dat Dui riuthummet. Ik häwwe nix teo verkeapen.“ Und sie kroch wieder vollends unter die Decke und stieß mit Wucht gegen das Fußende. Aber Baum ließ sich nicht einschüchtern: „Vanda hät de niggen Saken mär Ansaohn. Oigentlik pesset dat Bedde nich mär hui heune. Dat Schapp is eak nigge.“ „Maket nix,“ erwiderte die lebhafte Frau. Dat Bedde is alt, ik bin et eak. Nigge Soken briukt wui nit mär.“ Der Professor in Bauernkleidung ging nicht, trotzdem die Frau sich herumwarf, die Bettdecke wieder über die Schultern zog und damit bekundete, daß sie die Unterredung für beendet halte. Er blieb stehen und klimperte spielend mit einer Handvoll Geldstücke in der Hosentasche, sagte aber keinen Ton. Der Klang hatte etwas Bestechendes. Die Bäuerin wurde unruhig, sagte ein paarmal:„Jo, jo“, machte runde Augen und drehte sich herum. „Ik betahle ni schlächt“, kam Baum ihrem Zweisel entgegen.„e Sie verhielt noch einen augenblick und warf dann plötzlich, ohne Baum weiter zu beachten, die Bettdecke zurück. „Goht riut, ik stoh up“, rief sie. Noch nie hatte Baum sich lieber herausweisen lassen aus einem Raum. Die Sache lag günstig für ihn, das Spiel war so gut wie gewonnen, und lachend ging er in die Küche. Es dauerte nicht lange, da kam die Frau nach, die Bänder ihres Rockes noch im Gehen verknotend. Nach einer knappen halben Stunde verließ Baum frohen Mutes den Hof. Das Bett der Anna Maria Kleine Gödinghaus, das vor zwei Generationen in den Hof einzog, war Eigentum der Stadt Dortmund geworden. Der Kaufpreis war entrichtet, und am gleichen Vormittag noch wurde es mit dem karierten, kaum kalt gewordenen Bettzeug abgeholt. Die Komtode. Unsere Heilkräuter, IV. Von Friedrich Schnack Die Sage sieht in den blühenden Scharen der Kamille, die oft die Felder überziehen oder im Getreide erschimmern, auch an den Säumen der Wege aufmarschieren, verwunschene Soldaten. Sie werden„Hermännchen“ genannt— wohl von Her=Mannen abgeleitet. Dieses Heer, zurückflutend von einer unbekannten Schlacht, überschwemmte die Brachäcker und wurde verzaubert. Die zu Blumen verwandelten Soldaten tragen gelbe Kriegshüte mit weißem, herabgebogenem Rand. Sie sollen aus einem Land heimgekehrt sein, ein gewürzhafter Duft haftet ihnen an. Ist es ein morgenländischer? Schon in alter Zeit ist dieses Aroma den Pflanzenkundigen und Forschern aufgefallen. Das Wort Kamille, aus chamomilla herausgewachsen, stammt von dem griechischen Chamaemelon. Melon heißt Apfel— daher Melone— und chamai bedeutet niedrig, klein. Kleines Aepfelchen darf man übersetzen— das Kraut erinnert mit seinem fruchtartigen Geruch an Apfelduft. Gemeint ist die echte Kamille, das Mutterkraut, Matricaria chamomilla. Ihm zur Seite steht seine edle, kräftige, wirksame, südliche, bei uns häufig in den Gärten angebaute römische Kamille, Anthemis nobille. Die echte Kamille wird zuweilen mit der unangenehm riechenden Hundskamille verwechselt, ebenso mit der Ackerkamille oder der Färberkamille. Von diesen dreien hat nur die Ackerkamille einen gewissen Heilwert, während die stinkende Hundskamille zu Insektenpulver verwertet wird, auch vom Imker als Infe#tenschutz, der sich damit einreibt, die Bienen abzuschrecken, benützt wird und die Färberkamille als gelbes Färbemittel dient. Die Ackerkamille hat nur schwach duftende Blüten und einen etwas harzigen Stengel. Die echte Kamille, die berühmte Heilkamille(außer der römischen), erkennt man an ihrem kräftigen aromatischen Duft und dem kegelförmig emporgewölbten Fruchtboden, der hohl ist. Die falsche Kamille, Matricari inodora, besitzt einen nur halbkugelig aufgewölbten Fruchtboden, der nicht hol, sondern mit Mark angefüllt ist. Ihr Duft ist schwach. Sie wird halbmeter hoch, die echte Kamille bleibt klein, niedrig. Sie bewohnt gerne nicht zu feuchte Aecker, Brachfelder, sandige, trockene Plätze und Wegränder. Das einjährige Kraut blüht in den Monaten Mai bis August, und zu dieser Zeit werden auch die Blütenköpfchen gesammelt. Der gefurchte, unbehaarte Stengel der Pflanze wird handlang oder kniehoch, verzweigt sich in viele größere und kleinere Aestchen. Die Blätter sind doppelt gefiedert und zart gezipfelt. An der Spitze der Blütenstiele stehen die strahligen Blütenkörbchen— die Kamille gehört zur großen Familie der Korbblüter, der am meisten verbreiteten Blütenart der Erde, aus der mancherlei wichtige Heilpflanzen hervorgehen, wie der Löwenzahn, der Huflattich, die Arnika u. a. mehr. Der weiße Rand der Blüte ist der Strahlenkranz, das gelbe Innere die Scheibe, die eigentliche Blüte mit ihren Nöhrengefäßen, einer Zusammensetzung von mehr als 400 Einzelblüten, die auf dem hohlen Gewölbe des Fruchtbodens dicht zusammengedrängt stehen. Die weißen Randblüten der jungen Köpfchen bleiben gerade abstehend, während die der reifen Blüten, die sich zum Aufbewahren am besten eignen, nach unten geschlagen sind. Wie zahlreiche sommerliche Heilpflanzen, ist auch die Kamille im Juni und Juli, den sonnenreichen Monaten. in ihrer höchsten Kraft. Die kleinen gelben Sonnenscheiben mit ihren weißen Strahlenkränzchen empfangen die Glut des Tagesgestirns, um sie umzuwandeln in ein heilsames aetherisches Oel. Unsere alten deutschen Kräuterbücher haben den hohen Rang der Kamille als Heilpflanze nachdrücklich betont und ausführlich darauf aufmerksam gemacht. Sie überlieferten damit nur altes Volksgut, bewährtes Wissen. Damals mochte es wohl kaum eine Hausmutter geben, die sich nicht einen Vorrat von Kamille für Notfälle gesammelt oder aufbewahrt hätte, und dieser kluge Brauch ist noch heute auf dem Lande lebendig. Die Anwendung der Kamille ist vielfältig. Die Volksheilkunde betont ihre Anwendung vornehmlich für Personen mit reizbarem Nervensystem und großer Empfindlichkeit gegen Schmerz, sowie bei Neigung zu Krämpfen. Sie findet deshalb häufig ihre Anwendung bei Frauen= und Kinderkrankheiten. Doch soll man sich vor Mißbrauch hüten und die Kamille nur mit Maß gebrauchen, insbesondere bei Magenleiden, das sich wohl augenblicklich bessert, bei längerer Anwendung aber verschlimmert. Die Anwendung geschieht durch den hinlänglich bekannten Tee und durch den aus frischem Kraut und frischer Blüte gepreßten Saft, der mit Weingeist vermischt wird. Es genügt, die Tinktur tropfenweise, zwei bis vier Tropfen, mehrmals tagsüber zu nehmen. Wer sie nicht anfertigen mag oder kann, bedient sich der Kamillen=Präparate der Apotheken oder des homöopathischen Mittels Chamomilla, das, aus der ganzen blühenden frischen Pflanze gewonnen, in Essenzen und flüssigen Potenzen hergestellt wird. Das Kamillenöl, hergestellt aus Blüten und Olivenöl und in der Sonne destilliert, ist ein sehr gutes Einreibmittel.„ Der Wirkungskreis der Kamille ist ausgedehnt. Sie wirkt nervenberuhigend, krampflösend und erwärmend. Ihr ätherisches Oel und ihr Bitterstoff sind ihre Hauptwerkstoffe. Es ist nicht möglich, alle Anwendungsmöglichkeiten zu nennen. Der Blütenabguß——7 Gramm auf 1/ Liter kochendes Wasser— dient bei Koliken, Magenkrämpfen, Blähungen, Magenverstimmungen, bei schlechter Verdauung, Blutguß, Leberkrankheiten, bei rheumatischen und katarrhalischen Fiebern und dergleichen Uebeln mehr. Als Gurgelmittel ist sie sehr empfehlenswert und vor allem für hustende und erkältete Kinder eine wahre Wohltat. Die homöopathische Arzneimittellehre nennt ihr Mittel Chamomilla bei Heiserkeit nach Erkältung, trockenem Erkältungshusten, Scharrhusten der Kinder mit Kitzel im Halsgrübchen, insbesondere nachts. Wer versucht, wird überzeugt. Von warmen Kamillensäckchen und Umschlägen mit Kamille bei Entzündungen, Wunden und Schäden braucht man nicht lange zu sprechen; diese Hausmittel sind wohl bekannt. Die großen Aerzte Hufeland und Friedrich Hoffmann haben die Kamille sehr gerühmt, und dieser Ruhm der Heilpflanze wird nicht vergehen. Neuere Aerzte und Heiler haben nichts anderes gesagt. Es ist eigentlich überflüssig, zum Preis der Kamille ein Wort hinzuzufügen. Wenn in den katholischen Gegenden das schöne Fest der Kräuterweihe im Sommer begangen wird, zum Gedächtnis der fruchtbaren Flur und Pflanzenwelt, ist auch die Kamille im würzigen Kräuterbüschel enthalten, denn sie ist ein heilig=heilsames Kraut. Der Waidmann lacht! Aneldoten von W. Hahn. Der erste Sonntagsjäger war wohl jener stolze Römer, namens Gargilius, von dem der Dichter Horaz erzählt, Gargilius opferte mit Vorliebe der Göttin Diana, wurde aber mit Ungunst bedacht und hatte viel Spötteleien zu erdulden. Da reifte ein bühner Plan in ihm. Er veranstaltete mit großem Gefolge eine Jagd, ließ durch einen Sklaven vorher einen in Rom gekauften Keiler an den Jagdplatz schaffen und kehrte von dort, mit der erlegten Trophäe auf einem Maultiere, stolz nach der Kapitalstadt zurück. Also geschehen vor 2000 Jahren! *„* Karl VI. war ein Meisterjäger. Sein Vertrauter, Graf Trautsohn, sagte ihm einst bei einem Meisterschuß:„Dös is a Schuß! Wär' gescheiter, Majestät wären a Jager geworden!“ Karl erwiderte:„Nu, nu, haben a so z leben!“ "—— Kaiser Wilhelm I. war auf einer Jagd im Harz. Die von ihm zur Strecke gebrachten Stücke beliefen sich auf achtundzwanzig. Als ihm dieses gemeldet wurde, hörte er verwundert zu und sagte dann gutgelaunt:„Bei diesem Ergebnis fallen mir die Worte ein: Es geschehen Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Ist es nicht ein Wunder, daß ich achtundzwandzig Stück erlegt habe, während von mir doch nur fünfundzwanzig Kugeln verschossen sind?“ *„* Ein eifriger Jäger war der Generalpostmeister Stephan. Bei den großen Hasenjagden in Schlesien und Sachsen hat mancher Treiber seine Erfahrungen mit dem Schrot des Generalpostmeisters gemacht. Anläßlich einer Hofjagd in Bornstedt bei Potsdam begrüßte Stephan einmal einen Treiber, den er zu kennen glaubte, mit den Worten:„Alter Freund, Sie kommen mir so bekannt vor, wo habe ich Sie zuletzt getroffen?" Der Treiber erwiderte mit einer Handbewegung nach rückwärts:„Hier, Exzellenz!“ Ein Deutscher, der lange in Indien gelebt und dort auf Tiger gejagt hatte, wurde gefragt, ob das die richtige Waidmannslust sei.„Es ist ein ganz angenehmer Sport,“ erwiderte er lächelnd,„so lange als Sie den Tiger jagen, jagt er aber Sie, so hat es seine Schattenseiten.“ Wieder daheim. Es gehen der Straßen zum Ziele So viele wie Flüsse zum Meer. Es stehen der Städte so viele: Und 5d’ war die Welt— und so leer! Und Berge und Täler und Wälder, Viel Lärmen und Stimmen ringsum. Manch Lerchenlied jauchzt“ über Felder— Doch 5d' war die Welt— und so stumm! Run sitz ich dir stille zur Seite. Fand still in die Heimat zurück: Run singt und unn klingt erst die Weite, Und die Welt ist voll Freude und Glück! Haus Holfert. 8 5 2 N E S• PEESOSF-BSEEE SGEUES EU„F 12.3 S#EESPASSSS ZSSp 5 ** SP 53 Neue Bücher. Ernstes und Heiteres über die Magenfrage. Daß die Liebe„durch den Magen geht, haben schon unsere Altvorderen behauptet. Wenn man auch heute der Magenfrage weit weniger Bedeutung schenkt als in früheren Jahrhunderten, wenn man es weniger darauf anlegt, mit ausgeklügelter Raffinesse den täglichen Tisch zu bereiten, so bleiben diese höchst materiellen Dinge doch immerhin Angelegenheiten, die mit Geist zu behandeln sind. Kluge Frauen, die sich in der Geschichte einen Namen machten, scheuten sich nicht,„eine fröhliche und zuträgliche Speise" für ihren Eheliebsten selbst herzustellen. Die ältesten deutschen Kochlexika stammen aus weiblicher Feder. Da ist Hildegard von Bingen, die in den„Physika" weise Nahrungslehren erteilt und als erste schriftstellernde Naturkundige sowohl zum Maßhalten anregt als auch Hautverschönerungsmittel erfindet. Ein anziehendes Rezeptbuch schrieb auch Philippine Welser, die Gesponsin des Erzherzogs Ferdinand. Die weise Gräfin Chotek und die„Junckfraw“ Maria Stenglerin befestigten ihre Position an der Seite eines fürstlichen Gemahls durch ihre Kochtugenden. Um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entstanden auch in Klostergehegen interessante Kochbücher mit manchen prächtigen Rezepten. Die süddeutschen und österreichischen Speisenzettel zeigen eine von Klosterbräuchen beeinflußte verblüfsende Vielfalt. Und wenn wir nun noch Martin Luther zu Wort kommen lassen, der sagte:„Das ist ein gemarterter Mann, des Weib nichts weiß von der Küchen, es ist das erste Uebel, woraus sehr viele folgen“, so soll man meinen, daß unsere Vorfahren sehr gut zu speisen verstanden haben müssen. Vor einigen Jahren machte sich Julia Virginia Laengsdorff die Mühe, den Künsten der Alten auf diesem Gebiet nachzugehen. In einer längeren humorvollen Betrachtung„Von alter deutscher Kochkunst“, die sie zu einem Werk „Deutsche Heimatküche“(Societäts=Verlag Frankfurt) beisteuerte, nahm sie ihre Anstrengungen um einen köstlichen Tisch mit amüsantem Erfolg unter die Lupe. Steht es nun heute um die Tafelfreuden wesentlich anders? Nein— und auch ja. Den Mann möchte man sehen, der sich nicht auch heute noch eines wohlgedeckten Tisches freuen könnte! Es brauchen nicht gerade getrüffelte Meerspinnen, gefüllte Kraniche und dekorative Pfauen darauf zu stehen. Für diese lukullischen Genüsse fehlt mehr als nur das Geld. Das ist der wesentliche Unterschied, die Frau von heute muß praktisch und wirtschaftlich kochen, deswegen stellt sich auch das Kochbuch von heute um und paßt sich der veränderten Lebensweise an. Vom Alten wird das Gute und Praktische übernommen, und aus den neuen Erfahrungen zieht man ebenfalls seinen Nutzen. Die Franckh'sche Verlangshandlung Stuttgart bringt jetzt eine broschierte Sammlung„Heimatgerichte“ heraus,(0,80 u jeder Band), die sich mit der Küche in den einzelnen Gauen befaßt.„Das schmeckt an Saar, Rhein und Ruhr“ nennt sich ein Heftchen von Isolde Bedall. Wie die Verfasserin selbst im Vorwort sagt, hat sie auf die schwer Arbeitenden im westlichen Teil Deutschlands Rücksicht genommen und die kräftige Speise aus Kartoffeln, aus nahrhaften Suppen und aus den beliebten Kohlarten in reichlichen Rezepten zusammengestellt. Man findet den beliebten westfälischen Pfeffer=Potthast, die dicken Bohnen mit Speck und den Saarländer Aal in Tartarsoße.„Das schmeckt an der Waterkant“. Unter diesem Titel erzählt dieselbe Verfasserin von den Leibgerichten aus Bremen, burg. Mecklenburg, Pommern und Schleswig=Holstein. Wem Helgoländer Hummer oder Hamburger Kücken etwas Fremdes sind, der lasse sich über die Zubereitung belehren. Was in Berlin und der Mark mundet, darüber wird man in einem dritten Band belehrt. Wer kennt vielleicht Klickerkliebensuppe, wer aß Rapontikasalat? Von der beliebten Berliner Erbsensuppe und vom Spreewald=Eintopf reden viele Vorschläge. Isolde Bedall kennt sich genau so gut in Ostdeutschland aus und macht mit Häckerlen, Mohnpielen und schlesischen Piroggen bekannt. Kalte und süße Speisen und Milchsuppen lernt man zubereiten nach diesem Heft. Auch in die Schweiz wanderte diese Frau, um dort Küchenkünste zu studieren. Sie brachte das Minestrarezept, die Vorschriften zur Herstellung eines Käserösti und eines Luzerner Omeletts und eine Riesenmenge Tips für Krems und Schmalzbäckereien mit. Frau Anna Neumann interessierte sich für die Heimatgerichte aus Württemberg, Baden, Hessen=Rheinpfalz und Elsaß(„Das schmeckt an Rhein und Neckar“). Ueber schwäbische Knödel und Maultaschen und eine AusI. von Hefegebäck weiß sie zu erzählen. Frau H. Bedall sammelte bayrische Zurichtemöglichkeiten. Man erfährt, wie man Leberspätzli, abgebräunte Kalbshaxen und altbayrisches Kümmelfleisch zubereitet. Ihr verdankt man auch die Aufklärung über sächsische und thüringische Leibgerichte. Krebse und Pfaffenschnitzel, Kindtausschüssel und Schleizer Bamdser und andere humorvolle Bezeichnungen wie Küsterpudding und Königsschaum entpuppen sich als bekömmliche Leckerspeisen. In dem Heft„Das schmeckt in Oesterreich“(Doppelheft 1,60 K) hat man alle Gerichte der deutschen Ostmark zusammen. Die Vorliebe für Geflügel, Krapfen und allerlei Gebäcksarten und die Fähigkeit, auch aus einfachen Zutaten leckere Sachen zu bereiten, sind in diesem Heft aufgezeigt. Die neun Hefte werden sich schnell Freunde erwerben. Sie sind nicht nur für die in den einzelnen Gauen Wohnenden berechnet. Es kommt doch oft vor, daß man bei Verwandten oder in den Ferien Gerichte vorgesetzt erhält, die man gern selbst auch servieren möchte. Ein Verdienst— auch im Sinne des Vierjahresplanes— erwarb sich Isolde Bedall mit dem ausgezeichneten Werk„Mit klugen Händen das Beste verwenden"(Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart, kartoniert 1,60). Sie schlägt Küchenzettel vor, die sich der Jahreszeit und der Marktlage geschickt anpassen und hat eine große Auswahl von Verwertungsvorschlägen zur Hand. Eine ausgedehnte Berücksichtigung finden dabei die Suppengerichte, zu denen man Reste von Gemüsen und Soßen unter kleinen Beigaben vorzüglich verwenden kann. Pasteten und Aufläufe, wie Hülsenfrüchte und Mühlenprodukte lernt man in ihrer vielseitigen Verwendungsmöglichkeit kennen. Sparen durch Einsicht, Umsicht und Weitblick, nicht durch Knausern, das ist die Linie dieses„sparsamen Kochbuches für Anspruchsvolle.“ Von ganz anderer Art ist die im Verlag I. Neumann, Neudamm erschienene Rezeptsammlung „Wild und Fisch“, die von den Küchenmeistern der Betriebe Hoffmann und Retschlag zusammengestellt wurde(broschiert 3,— K, gebunden .— i s Kochbuch richtet sich vornehmlich Dr. Pau. Wolff: Kleine Italienfahrt. Mit einer Einleitung von Georg Biermann, 96 S. Preis geb. 4,50, kart..20 RM. Karl Specht, Verlag Berlin=Charlottenburg. Die Reise geht wie im Fluge und ist reich an Ueberraschungen und Ungewohntem. Man entdeckt bis dahin unbekannte Dinge. Unbeschreiblich schön ist die Blumenpracht Italiens; den Wald allerdings wird man vergeblich suchen, dafür entschädigen die Pinie und die Zypresse, die zu den prächtigsten Bäumen, im Erdengarten gehören; immer ändert sich das Bild der Landschaft in raschem Wechsel und gänzlich verschieden sind die Temperamente der Menschen, die in ihr wohnen. Die photographischen Aufnahmen zeigen uns dieses alle Land und seine Bewohner nach auen Seiten, seine Städte, seine Burgen, seine Denkmäler, seine Kanäle, seine Häfen, das Leben in den Gassen, im Stadion, im Gemüseladen, in der Handwerksstube, am Meeresstrand und in den Bergen. Es sind Schnappschüsse eines Meisterphotographen, der auf einer Reise hier und dort Halt machte und das knipste, was hier photographisch fesselte. Von den Dolomiten bis nach Sizilien führt er uns, und unsere Sehnsucht wird wach nach dem sonnigen Süden, den großen Kunststädten der Antike und des Mittelalters, beim Betrachten seiner reizvollen Bilder. So eindrucksvoll sie sind, so wichtig sind die photographischen Daten zu den Aufnahmen für Photofreunde, die auch die wertvollen Ratschläge begrüßen werden, die ihnen Dr. Paul Wolff für die Photoausrüstung zu einer Italienfahrt gibt. Dr. Joseph Hoffmann. Wilhelm Scheuermann. Ein Mann mit Sott. Das Lebenswerk Johann Friedrich Oberlius. Ernst Nowohlt Verlag Berlin. 276 Seiten und 12 ganzseitige Bilder, 4,80 RM. Wilhelm Scheuermann hat im Ernst RowohltVerlag eine sehr erschöpfende Biographie des von 1740 bis 1826 lebenden elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin vorgelegt, dessen Wirken vielfach in Vergessenheit geraten ist, soweit nicht Fr. Lienhardts Oberlin=Roman diesem Vergessen Einhalt zu tun vermochte. Das anschaulich geschriebene Buch Scheuermanns bringt dem Leser das erstaunlich„zeitgemäße" Leben eines Mannes nahe, der der am meisten vor hundertfünfzig Jahren aus verrufenen und ärmsten Gemeinde des Elsaß in igem Wirken eine blühende Landschaft gemacht hat. Wir vernehmen mit wachsendem Interesse, wie dieser 27jährige evangelische Pfarrer begann, in seiner darbenden Gemeinde Waldersbach Wege und Dämme zu bauen, wie er das Saatgut planmäßig zu verebeln begann. uim für an Köche in Hotels, Krankenhäusern und Kasinos, ist daneben aber auch den Hausfrauen zu empfehlen, die sich der besonderen Mühen, die die Wildbretbereitung erfordert, gern unterziehen. Auch wie man Fische, die in Deutschland in Mengen auf den Markt kommen, für Feinschmecker gut herrichtet, zeigt das Buch. Es enthält zudem ein Kapitel über Wildkonserven und erzählt alles, was bei der Verwertung von Wild und Fisch, von Muscheln und Krebsen für die Küche von Wert ist. In einer liebenswürdigen, humorvollen Redeweise befaßt sich der Franzose Marcel X. Boulestin in dem Buch„Merkur in der Küche“ (H. Goverts Verlag Hamburg) nicht nur mit den Kochgewohnheiten seines eigenen Landes, sondern er geht auch den Eigentümlichkeiten anderer Landschaften mit Verständnis nach. In Deutschland ist er schon durch seinen„Almanach der feinen Küche“ bekannt geworden. Nicht umsonst hat er sich„Merkur,“#den Gott des Maßhaltens, als Patron für sein Werk ausgesucht. Vollendet und doch billig soll die Frau kochen lernen. Den Vorspeisen ist ein breiter Raum eingeräumt.„Sie bieten eine gute Einleitung zur Mahlzeit“ sagt der Verfasser. Er weiß sich im übrigen sehr gut in die Situationen der Hausfrau hineinzudenken, wenn eine Speise mißlungen ist. Deshalb ist man auch besonders dankbar, weil er manche Handreichung so nett erläutert, daß ein Danebengeraten unmöglich ist. Wie klar redet er von der„verständlichen Zubereitung eines Omeletts“ und von dem berühmten Gericht„Amerikanischer Hummer!" Mit der gleichen Liebe setzt er die Zutaten und die Aufmachung der Pasteten auseinander, und rät zu einer wohlgewählten Weinfolge wie zu sorgfaltiger Kaffeebereitung. Mit 30 Eintopfgerichten beschließt er das Werk. Nicht zu entbehren ist sein„Gewürzsträußchen", das er zu den meisten Suppen und Braten legt. Es ist nicht nur der Ton eines eleganten Plauderers, sondern auch die freie Art, mit der er seine eigenen Erfahrungen preisgibt, die das Buch anziehend machen. Jede Hausfrau sollte mit noch mehr Mut an die Aufstellung des Speisenzettels gehen. Sie findet unter den vorstehend aufgeführten Büchern immer bereitwillige Freunde, die ihr beistehen, wenn sie ratlos sein sollte. Erna Klostermann. die Aimatischen Verhältnisse des rauhen Steintales geeignete Sorten an Korn, Kartoffeln und Obst zu finden, wie er in großzugiger Weise das Schulwesen organisierte, Armenpflege betrieb und eine Wöchnerinnenfürsorge einrichtete, zu einer Zeit, als der Staat sich noch keineswegs mit sozialer Gesetzgebung befaßte. Dieser Pfarrer eines Hungergebietes schlimmster Art hat in einer vorbildlichen Weise an den Geist der gegenseitigen Hilfsbereitschaft, an den Gemeinnutz und den Ausbauwillen geglaubt, und ist mit diesem Glauben nicht enttäuscht worden, denn ihm ist Dank seines Vertrauens auf die im Volke schlummernden Kräfte vor mehr als hundert Jahren eine Verwirklichung echter: Volksgemeinschaft gelungen, wie sie im Großen gesehen erst eine Errungenschaft des neuen Deutschland ist. Das Buch Scheuermanns, das uns mit den Mühen und Erfolgen Oberlins vertraut macht, läßt die Persönlichkeit dieses uneigennützigen Menschen im Hintergrunde stehen. So mag es der Eigenart Oberlins und der Bescheidenheit seines Wesens entsprechen, wir jedoch hätten gerne nicht nur vom Werk, sondern auch vom Leben dieses deutschen Elsässers, aus dem Scheuermann einige fesselnde Anekdoten erzählt, noch manches mehr vernommen, denn erst vom Menschen, von seinem Herzen aus, kann das Werk dieses Land=Pfarrers aus dem Steintal seine letzte Würdigung finden. Edmund Pesch. Edgar Christian: Das tapfere Herz. Tagebuch eines verlorenen Kampfes. Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart. 123 S. Leinen RM. 3,80. In jugendlicher Begeisterung hatte sich 1926 der erst achtzehnjährige Edgar Christian einer Expedition erfahrener Arktisforscher im Nordwesten Kanadas angeschlossen. Von der Unternehmung kehrte keiner mehr zurück. Sie blieb verschollen, bis man drei Jahre später durch Zufall die Leiche des Jungen fand, der seine älteren Kameraden noch überlebt hatte, bis auch er dem Hunger und der Kälte in der weißen Einsamkeit zum Opfer fiel. Man fand sein bis in die letzten Tage geführtes Tagebuch unversehrt und erfuhr daraus die große Not und das Unglück, daß den Männern beschieden war, dann aber auch die Tapferkeit, mit der dieser vom Forschungstrieb begeisterte junge Mann in den Tod gegangen ist. So bildet die im vorliegenden Buche niedergelegte Schilderung der Expedition und die Veröffentlichung des ausgefundenen Tagebuches ein ergreifendes Tatsachendokument aus dem opferreichen Kampfe um die Erforschung der Arktis. Dr. Wilhelm Blank. Wie gewinnltnanAngerutsdur! Verschiedene Gesichtspunkte im Klein- und Großbetrieb. Seines hervorragenden Nutzwertes wegen erfreut sich das Angorakaninchen steigender Beliebtheit. Es ist nicht schwerer aufzuziehen als andere Rassen, wenn man nur einen gesunden Stamm hat. Es ist widerstandsfähig, schnellwüchsig und genügsam. Die Häsinnen sind gute Mütter und versorgen ihre Jungen ausgezeichnet. Man läßt einer Mutter aber zweckmäßig nicht mehr als sechs Junge. Von der angeblich täglich notwendigen Wollpflege braucht man sich nicht von der Angorazucht abschrecken zu lassen. Wenn man die Tiere auf Holz= oder besser noch auf starken Drahtrosten sitzen läßt, genügt im allgemeinen wöchentliches Durchbürsten und Nachkämmen. Manche Tiere neigen allerdings besonders zum Verfilzen der Wolle, und diese beanspruchen dann mehr Pflege. Will man verwertbare Wolle von den Ansezecozinden gewinger, und das ist ja der wea dei Haltung, hat man die Wahl zwischen drei Verfahren, die zum Teil nebeneinander herlaufen oder sich abwechseln: das Kämmen, das Rupfen und das Scheren. Bei dem gewerbsmäßigen Wollzüchter spielt das Kämmen eine Nebenrolle. Es wird hauptsächlich nur in Zeiten angewandt, wenn es sich darum handelt, die Tiere sauber und unverfilzt bis zur eigentlichen Wollernte zu erhalten. Mit dem Kämmen beginnt man bei Jungtieren nach dem Absetzen von der Mutter, und je mehr Jungtiere man zusammen in einem Stall läßt, um so häufiger muß gekämmt werden. Durch das Beisammenliegen der Tiere wird die Wolle gedrückt, und dann verfilzt sie leicht. Die Neigung dazu ist jedoch bei den einzelnen Stämmen verschieden. Wo die Gefahr des Verfilzens besteht, muß man mindestens einmal wöchentlich kämmen, aber das wird man nur so lange fortsetzen, wie die Wolle noch nicht lang und dicht genug ist, um sie bequemer zu gewinnen. Das Kämmen verursacht mehr Arbeit als jede andere Wollgewinnung und ist dafür zu wenig ergiebig. Am nötigsten ist es zur Zeit der Haarung, denn dann ist die Gefahr des Verfilzens am größten. Im übrigen wird man mit dem Kämmen nur bei kleinen Beständen durchkommen. Gerade deren Besitzer pflegen allerdings großen Wert auf das dauernd schöne Aussehen ihrer Tiere zu legen, wie es beim Rupfen und Scheren nicht zu erhalten ist. Das in Frankreich mehr als in Deutschland gebräuchliche Rupfen ist eine Wollgewinnung, die leicht in Tierquälerei ausartet, nämlich dann, wenn die Behaarung fest am Körper sitzt. Gewalt darf auf keinen Fall angewendet werden. Deshalb ist das Rupfen vor allem in der Zeit des Haarwechsels angebracht, wenn die Wolle sehr lose sitzt. Gerupfte Tiere sehen meist nicht schön aus, weil an einzelnen Körperstellen die Wolle noch zu fest sitzt. Man muß also in Abständen nachrupfen. Die einträglichste Form der Wollgewinnung ist das Scheren. Man kann es das ganze Jahr hindurch vornehmen, wird es aber natürlich in der kalten Jahreszeit unterlassen, nicht nur um Erkältungen zu vermeiden, sondern auch um der Ruhe wegen, die vor allem die Zuchttiere Winter brauchen. Da beim Scheren die ganze Wolle von den Tieren herunterkommt, hat man es dabei am leichtesten, sie nach ihren Längen zu sortieren. Die Rückenwolle und die kürzere Bauchwolle legt man getrennt ab. Ein weiterer Vorteil des Scherens besteht darin, daß geschorene Tiere in den nächsten Wochen überhaupt keine Arbeit mit Bürsten und Kämmen verursachen. In welchen Zeitabständen man scheren soll, das hängt ganz davon ab, welche Haarlänge man wünscht. Den Gesamtgewinn an Wolle kann man durch häufiges Scheren nicht erhöhen, weil kurze Wolle kein Gewicht ergibt und weniger einbringt als lange, volle, dichte Wolle. Im allgemeinen wird man mit drei Schuren das Beste aus seiner Angorazucht herausholen. Als guter Mittelertrag sind bei Scheren 300 bis 350 Gramm Wolle von einem Tier anzusehen. Gegenüber den bisher angebotenen Maschinen verdient die gewöhnliche Schere, wie sie jede Hausfrau auf ihrem Nähtisch hat, den Vorzug. Noch besser arbeitet es sich mit einer Schere mit gebogener Spitze. Man kann damit alle Körperstellen bearbeiten, was mit der Maschine unmöglich ist. Warzeiondung an Viattern. Manche Pflanzen sind imstande, aus altem Gewebe an irgendeiner Stelle junge Wurzeln und Triebknospen, sogenannte Adventivknospen und Adventivwurzeln, zu bilden, wenn ein besonderer Reiz sie dazu veranlaßt. Bei ihnen benutzt der Gärtner deshalb auch die Blätter zur Vermehrung, und er spricht dann von Blattstecklingen. Am bekanntesten ist dieses Verfahren bei dem Schiefblatt, der Königsbegonie, und auch Blumenfreund, der gern alles ausprobiert, kann ##ch damit befassen. Von dieser Topfpflanze gewinnt man junge Ableger, wenn man vollständig entwickelte Blätter n den Kreuzungsstellen der Blattnerven durch##bneidet oder mit einem scharfen Messer ritzt. Die Wundstellen vernarben und bilden Kallus, jene aus zarten, wachsenden Zellen bestehende Gewebemasse die wulstartig an Wunden wuchert. Daraus treiben unten Würzelchen und oben schließlich Knospen. Gewöhnlich werden Blätter abgeschnitten und auf feuchten Sand gelegt. Im feuchtwarmen Glashaus ist das nicht einmal nötig, denn Feuchtigkeit und Wärme genügen als Reiz zur Kallusbildung. Wer kein Gewächshaus hat, legt das Vermehrungsblatt auf eine Schale mit Sand, beschwert es mit einigen Steinchen und deckt eine Glasscheibe darüber. Der Sand muß gleichmäßig feucht gehalten werden. Im Laufe einiger Wochen entwickeln sich dann an den Schnittstellen junge Pflänzchen, die nach genügender Kräftigung in kleine Töpfe eingepflanzt werden können. Man kann das Blatt auch in kleine Stücke schneiden, wobei ein Schnitt jedesmal durch eine Adernverzweigung gehen muß. Die Stückchen werden zum Bewurzeln schräg in feuchten Sand gesteckt. Am besten gelingt diese Vermehrung in den Sommermonaten. Praktische Winke. Kurz, aber wichtig. In Sparzelpflanzungen ist von Ende April bis Ende Juni die Spargelfliege anzutreffen. Das ausgewachsene Insekt legt seine Eier hinter die Schuppen der Spargelpfeifen. Die ausschlüpfenden Larven bohren sich dann in das Innere der Stangen hinein und fressen im Stengel abwärts. Dabei verkümmern die Triebe. Der abgestorbene Gipfeltrieb und die mehr oder weniger starke Krümmung des Stengels verraten die Anwesenheit des Schädlings. Solche Sprosse müssen entfernt werden, und zwar möglichst tief, damit man die fressende Larve wirklich vernichtet. Kröten richten im Garten keinen Schaden an, denn sie leben nur von tierischer Kost. Sie sind fleißige Insektenjäger und deshalb unschätzbare Helfer des Gärtners. Anstatt sie zu vertreiben, sollte man sie sammeln und im Garten aussetzen. Wo es viele Kröten gibt, da wird auch viel Ungeziefer vorhanden sein. Reisende Erdbeeren schützt man vor Erdfeuchtigkeit, die Fäulnis verursacht, und auch vor mancherlei Bodenschädlingen am besten durch belegen der Beete mit strockenem Fichtenreisig, wie man es zum Decken der Rosen und anderer empfindlicher Pflanzen im Winter verwandt hat. Bald nach der Hauptblüte bringt man dieses Reisig zwischen die Erdbeerpflanzen in der Weise, daß es eine federnde Unterlage für die heranwachsenden Früchte bildet. Diese sind dann vor vielen Beschädigungen sicher, auch vor Angriffen der Vögel, weil das Hüpfen zwischen dem Reisig ihnen unangenehm zu sein scheint. Raupenfreie Krautbeete erreicht man dadurch, daß man zwischen die Kohlpflanzen Hansstauden verstreut. Ihr Geruch hält die Schmetterlinge davon ab, ihre Eier an die Kohlpflanzen zu legen. Das Verfahren ist vielfach erprobt worden. Die Rhododendroupflanze verlangt einen sonnigen bis halbschattigen Platz mit kalkfreiem moorigem Boden, der etwas Lehm enthält. In tiefem Schatten wächst sie auch, blüht aber spärlich oder gar nicht. Moorerde kann man sich überall durch Zusatz von Torfmull zu guter Kompost= und Lauberde herstellen. Die Beigabe von Hornspänen ist zu empfehlen. Stalldünger darf man nur völlig verrottet dazugeben. Im Herbst bedeckt man damit den Boden um die Pflanzen. Wichtig ist auch, daß der Rhododendron immer gut feuchte Wurzelballen hat. Nauhen Winden aus Ost und Nord sollen sie nicht ausgesetzt sein. Auf einem der Morgensonne offenen Standort entwickeln sie eher Blüten als auf einem der Nachmittagssonne zugänglichen. Bei der Stallfutterung der Ziege muß alles Futter herangeholt werden. Es soll aus denselben Kräutern und Gräsern bestehen, die auf einer guten Ziegenweide wachsen. Besonders wertvoll ist hier das Futter von sonnigen Waldwiesen, das freilich oft mühsam mit der Sichel geschnitten und weit hergetragen werden muß. vaneben lieben die Ziegen sehr das Laub von Buchen, Hainbuchen, Haseln, Akazien, Linden und anderen Gehölzen. Um das nötige Futter für den Winter bereit zu halten, sollte jeder Ziegenhalter dahin streben, ein Stück Wiese oder Klee, Esparsette oder Luzerne ausschließlich zur Gewinnung von Heu zur Verfügung zu haben. Im Herbst kann man auch Kartoffelkraut und Rübenblätter verfüttern. Herings= und andere Fischabfälle sind als Hühnerfutter gut zu verwenden, nur muß man dafür sorgen, daß sie nicht zuviel Salz enthalten. Sie müssen also vorher gewässert werden. Ferner ist es notwendig, die Gräten so zu zerkleinern, daß keine Schwierigkeiten beim Schlucken und keine Kropfverstopfungen entstehen können. Auch Köpfe und Schwänze zerkleinert man. In dieser Weise vorbereitet kann man die Fischabfälle den Hühnern in einem besonderen Gefäß vorsetzen. Mit der Topfgröße für Zimmerpflanzen meint es mancher beim Umpflanzen im Frühjahr zu gut in der Meinung, je mehr Erdreich den Wurzeln zur Verfügung steht, um so besser müßten sich die Pflanzen entwickeln. Die Erfahrung zeigt aber, daß es nicht so ist. Gleichgroße Pflanzen kommen in kleineren Töpfen oft besser vorwärts. Das kommt daher, daß sich die jungen Faserwurzeln hauptsächlich am Topfrande bilden, wo ihnen durch den voröson Ton Luft zuströmt. Hier füllen sie, wie man beim Austopfen sieht, die ganze Innenwand aus, und erst, wenn sie die Wandung erreicht haben, setzt das lebhafte Wachstum ein. Daher erhält man durch wiederholtes Ampflanzen mit allmähliger Steigerung der Topfweite bessere Pflanzen als beim Einsetzen in unverhältnismäßig große Töpfe. Schalenlose Eier(Windeier) legen Heunen, die zu fett oder zu eiweißreich gefüttert werden und zu wenig Kalk bekommen. Bei der Ueberfütterung mit Eiweiß können Eierstockreizungen entstehen, die zur Folge haben, daß die Schalenbildung unterbleibt. Außerdem können auch Erkältungen und Eingeweidewürmer das Uebel verursachen. Zurächst versucht man es am besten mit Futterkalk und reichlichem Grünfutter bei Entziehung des Eiweißfutters.