Gefahren des Lobes. — Ein Wort an die Mütter.— Ein auch nur einigermaßen aufgewecktes und geistesfrisches Kind ist bald so klug, um aus beständigem Lob, aus fortwährendem Vorgezogenwerden seine Schlüsse zu ziehen. Mag es sich auch anfangs gehoben fühlen, wenn es über andere gestellt wird, binnen kurzem wird es derartige Wertschätzung oder Ueberschätzung als ihm gebührend quittieren, und das bescheidenste, sanfteste Kind kann dann zum eiteln kleinen Laffen, zur naseweisen, vorlauten Zierpuppe werden. Und wie in einer Untugend ein ganzes Gefolge von schlechten Eigenschaften die Schleppe tragen, so wird solch ein anmaßendes Geschöpfchen zum Haustyrann, zum Egoisten, dessen Mitgefühl für andere vor der eigenen Wichtigkeit erblaßt, das trotzig, unliebenswürdig wird, wenn man ihm nicht willfährt, und Güte mit Undank lohnt, weil es jede Sorgfalt, jede Liebestat als schuldigen, selbstverständlichen Tribut einheimst. Herzensgüte findet man bei Kindern, die ganz von ihrem vergötterten, kleinen Ich durchdrungen sind, wohl schwerlich. Und darum heißt es, die Zügel fest in die Hand nehmen und den Kopf regieren lassen, wenn das Mutterherz dabei auch im Geben zu kurz kommen mag: das Lob sei kurz und knapp bemessen, insbesondere in Gegenwart Dritter. In Kreisen von Erwachsenen sind Kinder überflüssig, denn eben hier, bei dem sogenannten„Aufführen", werden Lobhudeleien gezüchtet. Wenn all die feilen Schmeicheleien der Tanten, Vettern und Basen nicht in der Gegenwart des Kindes sprudeln würden, dann wären sie eben nur Balsam fürs Mutterherz und nicht gleichzeitig Gift für die kindliche Seele. Aber der Weihrauchkessel wird so heftig geschwungen, daß das Herzchen und die Sinne des Kindes davon umnebelt werden. Da muß der Luftzug gesunden Menschenverstandes erfrischend dazwischen fahren, denn gute Anlagen verkümmern auf halbem Wege der Entwicklung aus Mangel an Fleiß und strebsamkeit. Wer sich genügt und in steter Zufriedenheit mir sich leot, hat kein Streben und keinen Schaffensdrang. und das allzu üppige Lob trägt oft die Schuld daran, daß die Auffassungslust und-kraft des Kindes erlahmt. fernen Ländern Ueber die Lage der indischen Frauen findet man no immer unzutreffende Ansichten. Tatsache ist jedenfalls, da: die indischen Frauen im allgemeinen von ihren Ehemännern höher geachtet werden, als ihre Schwestern im Westen. Von frühester Jugend an wird den Indern Verehrung vor den Frauen anerzogen. Jede Unfreundlichkeit einer Frau gegenüber wird nach altem Volksglauben sofort vom Unglück verfolgt, und eines Mannes Gebet bleibt unerhört, wenn seine Frau sich ihm nicht anschließt. Bei einer Krönung ist die Gegenwart der Frau des Prinzen unerläßlich, und sollte es ihr unmöglich sein, zu erscheinen, so wird ihre Statue an die Seite ihres Gatten gestellt; andernfalls würde die Zeremonie keine Gültigkeit haben. Die allgemeine Moralität ist in Indien eine sehr hohe, denn wenn es auch wahr ist, daß dem Hindu gestattet ist, eine zweite Frau zu nehmen, falls die erste kinderlos bleibt, so ist es doch außerordentlich selten, daß er von dieser Vergünstigung Gebrauc macht. Ein alter Aberglaube sagt, daß eine Witwe ge zwungen werde, den Scheiterhaufen zu besteigen. Da: ist gänzlich falsch, denn ob eine Witwe ihrem Gatten in den Tod folgen will oder nicht, bleibt durchaus ihr selbst überlassen. Wenn sie das Opfer nicht bringen will, steht es ihr vollkommen frei, es zu verweigern. Falls sie sich aber freiwillig dazu entschließt, so wartet ihrer die Märtyrerkrone und sie wird mit dem Titel„Devi“ ausgezeichnet. Ein weiterer Irrtum ist, daß die Witwe lebendig verbrannt werde. Zuerst wird ihr ein Kelch mit Gift gereicht, und dann erst erfolgt das Verbrennen. Ein alter Glaube ist, daß eine Verwünschung, die irgendwem Unglück prophezeit, nur auf einen Mann angewendet wirke, von einer Frau jedoch harmlos abgleite. Die Brautkette der Jamunderinnen. Jamund liegt westlich von Köslin, nahe an der Ostsee und am Jamunder Bodden. Marie Nerese berichtet in ihren plattdeutschen Geschichten„Bi mi tau Hus“ folgenden hübschen Vorgang: Als die Prinzeß Charlotte, die Schwester Kaiser Wilhelms I. und spätere Kaiserin von Rußland, zur Trauung nach St. Petersburg reiste und in die Gegend von Köslin kam, trat ihr am Gollenberge eine Schar junger Mädchen in Brautkleidern entgegen. Eine von ihnen, Anna Lassahn, begrüßte die Prinzeß mit einem plattdeutschen Gedicht. Als sie geendigt hatte, nahm die Prinzeß eine goldene Kette vom Halse und schmückte das Mädchen damit. Später entstand Zank und Streit unter den Bräuten Jamunds. Die anderen behaupteten, die Lassahn wäre in ihrem Brautschmucke, mit der goldgestickten Haube auf dem Kopfe, nur eine Vertreterin aller Bräute in Jamund gewesen und wäre also, wie sie alle, nur bei der Hochzeit berechtigt, die Kette zu tragen: die Kette sei Eigentum der Gemeinde. Die Lassahn aber gab sich damit nicht zufrieden; sie behauptete fest, die Kette wäre ihr persönliches Eigentum. Der Streit war nur dadurch zu schlichten, daß man die Großfürstin selbst um Entscheidung bat. Sie sandte der Lassahn 50 Taler zur Ausstattung; im übrigen aber ließ sie die munder darin gewähren, daß jede Braut die Kette an ihrem Hochzeitstage tragen sollte. So wird sie als Eigentum der Gemeinde noch heute in der Kirche zu Jamund aufb wahrt. Scherzfragen. eiche Hosen kann kein Schneider anfertigen? 2. Welche Ellen kann man essen? 3. Auf welcher Straße kann man weder gehen noch fahren? Vexierbild. Wo ist die Hexe? — Auflösungen in nächster Nrimmer.— a S 9 a 5 93 55 25 # SSSSan sn 95S53g: TSESPNSS —— 7 5„ S S 2 *-„ S S OFTSSDST SESE S Sogg 955 SSOxESS SSESNES5 S88 BSSSSSSBSESSSERSBRASSS S Sa #% S 9 2 S•TTSn #gsgg GaE ## ExSSgTSSERS Nr. 73. Lüdenscheid, den 13. September. 1910. Aitterhätiuiigs=Ventage (877 Lüdenscheider Tageblatt. Redaktion, Druck und Verlag von Heinr. Krause, Lüdenscheid. Die Samarikerin. (3. Fortsetzung.) „Was bleibst du denn so lange draußen in der Kälte?" fragte die Alte verdrießlich. „Lieber Himmel, du weißt ja, daß ich hinter Peter hergelaufen bin.“ „Der ist längst da. Hier liegt er auf der Ofenbank." „Wahrhaftig! Da hätt' ich gar nicht weiter zu suchen brauchen. Nun, desto besser! Gute Nacht, Großmutter! Ich bin müde und du wirst es auch sein.“ „Komm mal her— ganz nah, ganz dicht zu mir.“ „Willst du noch was?“ „Ich will die Wahrheit wissen! Warum läufst du so oft in Nacht und Kälte hinaus, bald unter dem, bald unter jenem Vorwand?— Ich mein, mit dir ist auch nicht alles richtig, Mädel. Künftig bleibst du daheim!" „Ich tu' nichts Unrechtes und laß mich nicht einsperren!" Noman von B. Corony. (Pachdruck verboten. ochererter s Forstmann, dessen Zeit immer auf die Minute eingeteilt war, konnte keine Unpünktlichkeit leiden. „Weißt du nicht mehr, was hier Hausgebrauch ist und wann gegessen wird?“ fuhr er Walter an.„Schon anderthalb Stunden läßt du uns warten. Das ist keine Art und Weise und zeugt von sehr wenig Respekt gegen deine Eltern.“ !„Verzeiht nur,“ entschuldigte sich der junge Mensch. „Ich irrte mich— meinte, es wäre noch viel früher. Alte, liebe, bekannte Plätzchen suchte ich auf und vergaß darüber, nach der Uhr zu sehen. Es soll nicht wieder vorkommen.“ „Das möchte ich mir auch sehr entschieden ausgebeten haben. Du kommst nur zu besonderen Gelegenheiten heim, und dann hat man weiter nichts davon, als Unordnung im Haushalt. Hältst du dich vielleicht für was Besseres, als Glaucke uun nict daß du mit Sting###: deine Eltern sind und glaubst, ihnen keine Rücksicht schuldig „Glaub nur nicht, oaß ou mit deinem Trotzropf alle zu sein? Dann tät's mir leid, daß ich dir, um deiner MutWände einrennen kannst. Mädel. Mädel, das sag' ich dir: ter letzten Wunsch zu erfüllen, freie Berufswahl bewilligte. Unehr' hat's schon genug gegeben; mach du mir nicht auch Sie wollte nun einmal das Erbteil, das ihr von einem entnoch weiche!"... 8#e##.... fernten Verwandten zufiel, in solcher Weise verwendet „Ich mach' dir keine, brauchst dich nicht zu sorgen,“ er= wissen.“ widerte Eva kurz, und die Hand. an welcher der Ring flim=:]„Vater, was denkst du von mir wegen einer zufälligen merte, schnell in die Schürzentasche versteckend. Die Groß=] Verspätung? Gab ich dir denn je Ursache, mich für undankmutter war zwar halbblind, sah aber doch oft recht deutlich bar und unehrerbietig zu halten?" gerade das, was sie nicht sehen sollte. 1s.„Laß doch schon gut sein, Andris!“ sagte Renate, die .„Geh meinetwegen zu Bett!“ stieß die alte Frau un. Suppe vorlegend.„Walter hat unsere Gewohnheiten versteundlich hervor.„Morgen reden wir weiter miteinander.“ gessen. „Gute Nacht!“ wiederholte das Mädchen und schlüpfte:]:„Dann muß man sie ihm wieder ins Gedächtnis rufen. in die Kammer, wo Margot sie erwartete. Dort zündete:] Wenn ich als junger Bursche so vergeßlich gewesen wäre, sie eine kleine Lampe an, drehte bei ihrem schwachen Schein“ bei der Tür hinausgeworfen hätte mich mein seliger Vater, den Ring hin und her und hing ihn dann an einem Bänd- und recht würde er getan haben.“ „Ich chen um den Hals. Die Großmutter durfte ihn nicht sehen, sonst wäre jat unpünktlich, des Fragens und Ausforschens kein Ende##meien. 3. Kapitel. Walter blickte noch lange zu den Fenstern der Mühle: empor, hinter deren alten roten Vorhängen schwaches Licht schimmerte. Dort weilte das süße, liebe Mädchen. Den hin und her huschenden Schatten warf ihre schöne Gestalt. Jetzt löste sie wohl das prächtige Haar, daß es wie ein goldener Fliebt!“ war wirklich nicht aus Trotz oder Nichtachtung ., versicherte der junge Mensch. Seiner Stimme Ton verriet, daß er mühsam eine gereizte Aeußerung unterdrückte.„Noch einmal: Es tut mir leid, gefehlt zu haben, aber geschehene Dinge sind doch nicht zu ändern.“ „Und mit dieser landläufigen Redensart soll nun natürlich alles beigelegt und ausgeglichen sein. Du findest es ganz selbstverständlich, daß ich mich sofort zufrieden gebe?“ Ja, Papa, wenn du mir wirklich ernstlich zürnst, dann gehe ich jetzt zur Bahnstation und fahre mit dem letzten Zuge fort.“ „Ah! Protzig und oben hinaus! Tue, was dir beMantel um ihre Schultern fiel. Wie in inneres Schauen vertieft, lehnte der junge Mensch an dem knorrigen Stamm einer prächtigen Riesentanne. Mit Gewalt mußte er sich losreißen und eilte dann rasch, im Sturmschritt, quer durch den Wald und der Försterei zu. Dort wurde ihm nicht gerade die freundlichste Begrüßung zuteil. Andris Dohme, ein schroffer, sehr robuster, grauhaariger Mann, empfing den Sohn verdricßlich: denn man pflegte sonst viel früher beim Abendbrot zu sitzen, und der #„Geh. Väterchen, sei nicht so bärbeißig,“ bat die kleine Eise, ihr zartes Kindergesichtchen an seine rauhe, von einem Istacheligen Bart verunzierte Wange schmiegend.„Es ist ja nnoch gar nicht so spät. Ich hab' mich, weiß Gott, wie sehr sauf den Bruder gefreut und auf die paar Tage, die er bei uns zubringt. Nun mußt du nicht gleich kratzbürstig sein und mir die Freude verderben. Sei doch nett und lieb, lbitte, bitte! Und du, Bruder, setz dich an den Tisch. Väterichen hat's nicht bös gemeint.— Wenn Walter geht, weine lich die ganze Nacht.“ S uE Zee## #sgn 2— 2 5L B.8 — 9 PMETEE OS „GSD• 5 2—— 2 JaUy * S•#9E S SSS EE 9SS 8 9 S 52 S 8 6 S aug S S 88 S 8 S SSEs e er .-E. Sie drückte die kleine Hand an ihre überströmenden Augen. „Na, ja, meinetwegen! Die Geschichte soll abgetan sein.“ knurrte Dohme.„Reden wir weiter nicht darüber. Setz dich, iß und trink. Kein grämliches Gesicht, wenn ich bitten darf!— Ich will nicht mehr fragen und nicht mehr schelten. Es ist gut! Sei wieder vergnügt, kleine Else. Zieh' das Mäulchen nicht so schief wie ein Wickelkind!" Fröblich lachend sprang sie von seinem Schoß herab, zog den großen Bruder ein wenig an den leicht gekrausten Haaren, drohte ihm mit der winzigen Faust, schlang dann beide Arme um seinen Hals und jauchzte:„Walter, wie bin ich froh und glücklich, dich wieder hier zu haben! Nun soll uns aber auch nichts mehr den vergnügten Abend trüben!" Elje zählte fünfzehn Jahre, sah aber noch ganz aus wie ein Kind und hatte sich auch den unschuldsvollen Sinn, die harmlose Heiterkeit eines solchen bewahrt. Sie war ein ungemein zartes Wesen mit braunen Locken und braunen Angen und einem allerliebsten Nivnfigürchen. Wer das Datum ihrer Geburt nicht kannte, hätte sie für eine Zwölfjährige gehalten. Dohme, sonst so rauh und barsch, stand förmlich unter dem Aschenbrödelpantöffelchen der Kleinen. Ihr schlug er nie etwas ab, sie war sein Liebling, sein Juwel. Er hing an ihr, wie an sonst nichts. Gleich nach der Geburt hatte das Kind die Nottaufe erhalten, denn man glaubte, es sei zur Welt gekommen, um sie sofort wieder zu verlassen. Aber das schwache Lebensflämmchen erlosch nicht. Gerade die Hilfsbedürftigkeit dieses Geschöpfchens machte es dem harten Weidmann teuer. Er fühlte seine Zärtlichkeit, die ihm bis dahin ganz fremd geblieben war, die er dem kräftigen, blühenden, rotbackigen Knaben nie entgegengebracht hatte. „Gebt nur ja auf Elschen acht,“ war stets seine Mahnung, wenn er fortging, und:„Lebt sie noch?“ lautete seine erste Frage, wenn er heimkam. Das zierliche Wesen, das sich wirklich wie ein Elfenkind in der plump bemalten Wiege ausnahm, lebte weiter und lernte bald dem Vater zulächeln. Es fürchtete sich nicht vor dem sonst so unfreundlichen Mann. Die kleinen wachsgelben Hände griffen in seinen graumelierten Bart und zausten daran. Andris ließ sich das gern gefallen, und als das Töchterchen heranwuchs, spielte er mit ihm, wie mit einem jungen Kätzchen. Er betete nicht viel, weil ihm die Zeit zu karg bemessen war und weil ihm, wenn er sich nach dem mühseligen Tagewerk auf sein Lager warf, die Augen vor Müdigkeit zufielen; stand er aber früh morgens auf, dann waren die ersten Worte, die er murmelte:„Gott erhalte mir mein Elschen!“ und erst wenn er sich überzeugt hatte, daß die Kleine ruhig schlummernd dolag, schritt er, dem Hunde pfeifend, in den Wald hinaus. So entwickelte sich zwischen Vater und Tochter ein ungemein inniges Verhältnis. Packte ihn die übelste Laune und fand er des Polterns kein Ende, so genügte schon ein ängstlicher Ausdruck in Elsens Gesicht, ihn zu beschwichtigen. Auch jetzt kam kein böses Wort mehr über seine Lippen, obschon die finstere Falte zwischen den buschigen Brauen immer noch nicht weichen wollte. Else plauderte und lachte beständig, machte allerlei Späßchen, sorgte dafür, daß die Teller nicht leer wurden und stopfte, als man abgegessen hatte, des Vaters Pfeife. „Morgen früh muß ich ins Stutzbacher Revier,“ sagte Dohme, mächtige Qualmwolken vor sich hinblasend.„Begleitest du mich, Walter?" „Ja, natürlich sehr gern!“ erwiderte dieser.„Das gibt einen prächtigen Morgenspaziergang.“ „Der sich jedoch ziemlich lange ausdehnen kann. Es sind wieder arge Holzdiebstähle vorgekommen. Man muß scharf aufpassen, was außer dem Reisig sonst noch fortgeschleppt wird.“ „Verfüge nur über mich, Vater! Ich habe gute Augen und hoffe, dir nützen zu können.“ O Mit Tagesanbruch brachen Vater und Sohn auf. „Bleibt nicht zu lange!“ bat Else und steckte einen Tannenzweiglein an Walters Hut, während die Försterin, immer nur an praktische Dinge denkend, Dohmes Jagdtasche mit Mundvorrat füllte. Der Weg führte durch den Wald oberhalb der Mühle vorüber. Walter blickte hinunter und blieb stehen. „Nun, worauf wartest du?“ fragte sein Vater. „Sollen wir hier nicht Rast machen?“ „Bist du jetzt schon müde?“ „Das nicht, aber—“ „Nun?“ „Wir könnten doch der Hahnenmüllerin und den beiden Mädchen„Guten Tag“ sagen.“ „Hältst du das für unbedingt nötig?" „Ich meine nur, ein Freundschaftsbeweis deinerseits würde der alten Frau wohltun.“ „Sie bekommt Holz und Lebensmittel und wird überhaupt unterstützt, so weit es mir möglich ist. Mehr kann und will ich nicht tun.“. „Ein paar freundliche Worte, einen guten Rat, solltest du ihr doch nicht versagen.“ „Guten Rat? Hört sie wohl darauf? Längst habe ich ihr zugeredet, die Mühle zu verkaufen, weil Hans ein Trunkenbold ist, der nichts leistet. Das war aber wie in den Wind hineingeredet. Vor zehn Jahren hätten sich Abnehmer für die Mühle gefunden, jetzt kauft das entwertete Grundstück keiner mehr. Wer könnte sich noch Nutzen davon versprechen? Die einstmals so blübende Besitzung die damals in den richtigen Händen zu einer Goldgrube geworden wäre, ist heute nur noch ein altes, morsches Nest, wofür niemand etwas anlegt. Der Käufer müßte es ja sofort niederreißen und einen Neubau aufrichten. Das aber würde sich wenig lohnen, denn jetzt sind rechts und links elegante, komfortable Vergnügungsorte entstanden und haben fast alle Gäste an sich gezogen. Da ist nichts mehr zu machen. Wer sich nicht raten läßt, dem ist auch nicht zu helfen. Mag mit der alten Bude geschehen, was will, mich kümmert's nicht mehr. Für die Großmutter wird schlimmsten Falles schon noch ein Unterkommen zu finden sein, und wenn's nicht anders geht, auch in der Försterei. Gern möchte ich sie ja freilich dort nicht aufnehmen.“ „Aber die Mädchen?“ „Margot ist noch ein Kind. Wenn Hans aus dem Gefängnis kommt, wird man sie ohnedem nicht bei ihm lassen können. Er müßte sich dann gebessert haben, was kaum zu erwarten ist." „Und Eva?“ „Die?“— Dohme zuckte verächtlich mit den Schultern. „An der ist Hopfen und Malz verloren. Die hat den unstäten Sinn und die Leichtfertigkeit ihres Vaters geerbt. Schade um das hübsche Mädel.“ „Du tust ihr unrecht! Auf der ganzen Welt gibt es kein herrlicheres Geschöpf. Gerade sie ist es wert, dem Elend und der Versuchung entrissen zu werden. Wenn Eva unterginge, wäre es unsere Schuld und nicht ihre.“ Der Förster wandte sich um und sah seinen Sohn scharf an.„Wie willst du darüber urteilen? Das überlasse Leuten, die mehr Erfahrung haben.“ (Fortsetzung folgt.) Ein harmloser Mensch. Kleinstadt=Humoreske— dem Leben entnommen— von E. Rolfs. 3 (Nachdruck verboten.) Er war nicht nur harmlos, sondern auch leichtgläubig. Beileibe nicht etwa dumm. Sonst hätte er doch nicht die Geschichte mit dem Holzhandel ausdenken können. Herr Kaspar Friedrich Rodewald, der harmlose Mensch, hatte wenig oder gar nichts zu tun. Mit Lernen hatte er sich in seiner Jugend nicht sehr geplagt. Sein Vater war früh gestorden, und seine Mutter hatte ihm so oft vorgesagt, er habe es nicht nötig, sich zu plagen, daß er's schließlich glaubte. Zum Glück hinterließ sie ihm genug zum Leben, aber als er sich nach ihrem Tode eine Frau nahm, weil er allein so gar nicht zurechtkommen konnte, war's doch ein Glück, daß diese Frau sehr praktisch veranlagt war und ein strenges Regiment führte. Bei seiner großen Harmlosigkeit hätte sonst aus dem Herrn Rentier Kaspar Friedrich Rodewald leicht ein Armenhäusler werden können. Aber Frau Thusnelda hielt den Schlüssel zum Geldschrank fest und verabfolgte ihrem Gatten nur täglich soviel, wie er für zwei Schoppen Helles und zwei Fünfpfennigzigarren brauchte. Kinder hatte das Paar nicht, und dank der klugen Wirtschaftsführung der Frau Thusnelda kam man auch bei den gesteigerten Lebensverhältnissen gut aus, ohne freilich große Sprünge machen zu können. Herr Kaspar Friedrich ließ sich ohne Widerrede bevormunden, wenn's ihm mitunter auch gelüstete, etwas mehr Geld in der Tasche zu haben. Himmel, wenn's mal abends am Stammtisch im Schwan extra fidel war, wenn alle möglichen Witze erzählt wurden, wenn einem bald der, bald jener freundlich zutrank. dann war’s wirklich ein Kunststück, mit zwei Schoppen auszukommen. Und er hatte manchmal solchen Appetit auf ein Glas Echtes und eine bessere Zigarre! Doch derartige Wünsche blieben eben Wünsche! Hatte Herr Kaspar Friedrich auch wirklich einmal den Mut, ihnen seiner Gattin gegenüber Worte zu verleihen, dann erwiderte sie regelmäßig mit einer großartigen Handbewegung: „Gibt's nicht. Verträgst du gar nicht bei deiner apoplektischen Aulage.“ Nun war zwar Herr Rentier Rodewald ein spündeldürres Männchen mit einem langen Hals, aber die Sorge seiner Thusnelda um seine Gesundheit rührte ihn doch jedesmal von neuem aufs tiefste. Trotzdem gelang es ihm, als mal wieder die„Bocksaison" im„Schwan" herannahte, nicht, die frevelhaften Wünsche zum Schweigen zu bringen. Es gelüstete ihm zu sehr, nur einmal ordentlich mitzumachen. Und eines Morgens, als seine Gattin ihm auftrug, eine Fuhre Holz auf dem Wochenmarkt einzukaufen, reifte in seinem Innern ein schwarzer Plan. Ja, so mußte es gehen!„Also, du handelst tuchtig, Kaspar Friedrich—“ so beschied ihn Frau Thusnelda,„mehr als 24 Mark gibst du auf keinen Fall. Und wenn du handelseins geworden bist, läßt du das Holz vors Haus fahren, und ich bezahl' es.“ Denn natürlich, eine so große Summe hätte sie niemals ihrem Manne anvertraut. Herr Kaspar Friedrich versprach sein Bestes zu tun und ging. Und er rieb sich lächelnd die Hände und überdachte seinen Plan. Er spazierte eine Weile auf dem Marktplatz hin und her und sah sich die Holzfuhren und ihre Besitzer prüfend an. Dann machte er sich an ein recht treuherzig dreinschauendes Bäuerlein und fragte nach dem Preise der Fuhre. 24 Mark verlangte der Mann; es seien reichlich gemessene 3 Raummeter. Da aber das Angebot sehr groß war, ging er schließlich auf 21 Mark herunter. Und nun zeigte sich die ganze Schlauheit unseres harmlosen Menschen. Er wies den treuherzigen Bauern an, das Holz Steinstraße Nr. 14 abzuladen, und der Frau Rodewald einen Zettel zu übergeben, auf dem zu lesen war, daß Herr Kaspar Friedrich die Fuhre für 25 Mark gekauft habe. „Sehen Sie, mein Lieber, da machen Sie ein gutes Geschäft: ich warte hier, und wenn Sie das Geld haben, kommen Sie wieder zurück, und wir teilen uns in die 4 Mark Ueberschuß. Wissen Sie, meine Frau, die hält die Hand ein bißchen fest auf den Geldkasten, und da will ich ihr mal ein Schnippchen schlagen. Das treuherzige Bäuerlein lachte verständnisvoll und ging bereitwillig auf den Vorschlag ein, mit der Versicherung, er habe auch so eine böse Sieben zu Hause, und ein Mann müsse dem andern helfen. Dann trieb er seine Ochsen an und fuhr davon. Und Herr Kaspar Friedrich Rodewald stand zwei Stunden auf dem Platz und wartete und wartete. Vergebens! Als es Mittag wurde und die Marktleute sich verliefen, da begriff er endlich, daß das treuherzige Bäuerlein nicht wiederkommen würde. Still und bedrückt ging er nach Hause, und Frau Thusnelda empfing ihn mit einer Flut von Vorwürfen über den teuren Handel. Eine Nachbarin hatte ihr berichtet, daß das Holz gar nicht hoch im Preise gestanden hätte wegen des großen Angebotes. „Aber natürlich, wenn man dich schickt, ist man von vornherein geprellt,“ so schloß sie ihren Sermon und warf dem armen Kaspar Friedrich einen vernichtenden Blick zu. Doch das wird man zugeben, wenn der Plan auch nicht geglückt war, gut ausgedacht war er jedenfalls. Unbegreiflich, daß die Leute im Städtchen, die die Geschichte, Geit weiß wie, erfahren haben, noch heute darüber lachen! Die bösen Mitbürger rieben sich eben überhaurt fortwährend an dem harmlosen Menschen, dessen Leichtgläubigkeit sie immer ausnutzten. Es wurden förmliche Verschwörungen geschmiedet zwischen den Mitgliedern der abendlichen Tafelrunde im„Schwan“, Herrn Kaspar Friedrich aufs Eis zu führen. Und zahllose Male war er schon darauf eingegangen, der harmlose Mensch! Man hätte ein ganzes Buch ausfüllen können mit den Geschichten, die von ihm erzählt wurden. Der Glanzpunkt aber war doch die mit dem Gipsgehirn. In der benachbarten Kreisstadt hatte sich ein neuer Arzt, Spezialist für Chirurgie, niedergelassen, von dessen großartigen Kuren man Wunderdinge berichtete. Herr Kaspar Friedrich Rodewald interessierte sich außerordentlich für die Fortschritte der Wissenschaft, besonders die ärztlichen. Denn er hatte eigentlich selbst Medizin studieren wollen, weil sein Großvater mütterlicherseits, der Arzt gewesen war. ihm ein wohlpräpariertes todelloses Gerippe hinterlassen hatte. Aber da außer diesem Gerippe noch allerlei anderes zu diesem Studium nötig war, so ließ es der harmlose Mensch, fühlte sich aber immer noch persönlich beteiligt, wenn von medizinischen Dingen die Rede war. Eines Abends, als man zur gewohnten Stunde um den Stammtisch im„Schwan“ saß, begann der Rendant Kühlmeier, in dem er sich an den Sparkassenverwalter Fischer, seinen besten Freund, wandte: „Denk' mal, Fischer, was ich heute in der Kreisstadt gehört habe. Der Dr. Holzmüller ist doch ein großartiger Mensch! Seine neueste Kur macht enormes Aufsehen!" Herr Kaspar Friedrich spitzte die Ohren, und der Sparkassenverwalter, dem der Rendant hinter dem Bierglas zugeblinkt hatte, fragte mit höchster Spannung: „Na, da bin ich aber neugierig. Schieß los, es wird die anderen Herren auch interessieren, was der Teufelskerl von Doktor wieder für eine Wunderkur gemacht hat!“ „Allerdings, diesmal kann man es wirklich eine Wunderkur nennen. Hören Sie nur. Vor ein paar Wochen fiel einem Maurer auf dem Bau ein Backstein aus beträchtlicher Höhe auf den Kopf, verursachte einen Schädelbruch und zerquetschte dem Aermsten das ganze Gehirn. Der Mann hätte unmittelbar geisteskrank werden müssen, wenn er davon gekommen wäre. Was tut nun unser Doktor? Er löffelt das Gehirn einfach heraus, füllt die Schädelhöhle mit Gips, fügt die Knochen wieder kunstvoll zusammen, und die Geschichte heilt tadellos.“ „Nicht zu glauben.“—„Da hört aber doch die Weltgeschichte auf!“—„Was heutzutage alles möglich ist.“— „Vor solchem Arzt muß man freilich Respekt haben.“— So schwirrten die Ausrufe durcheinander, und Herr Kaspar Friedrich Rodewald saß starr vor Staunen. „Und der Mann ist tatsächlich wieder ganz hergestellt?" so fragte, als die allgemeine Erregung sich etwas gelegt hatte, der Sparkassenverwalter seinen Freund. „Vollstänig, er kann schon wieder arbeiten. Nur wenn er sich heftig bewegt, dann klappert das Gipsgehirn ein bißchen; der Gips muß natürlich feucht eingefüllt werden und ist nun etwas eingetrocknet. Aber das hat ja nichts weiter zu sagen. Es ist sonst ein tadelloses Gehirn. „Ja aber, um Gotteswillen, kann der Mann denn damit denken?" Herr Kaspar Friedrich Rodewald, der sich endlich von seinem Erstaunen so weit erholt hatte, diese Frage zu stellen, schaute den Rendanten mit weitaufgerissenen Augen an. „Genau so gut wie Sie, lieber Rodewald,“ erwiderte in freundlichem Ton der Rendant, und Herr Kaspar Friedrich begriff gar nicht, warum die andern diese Antwort so besonders lustig fanden. Er war eben ein harmloser Mensch!