Grausame Totenfeiern. Die Gebräuche bei den Totenbestattungen auf dem Ozeanien genannten Inselarchipel zwischen Australien nud Amerika sind so grausamer Natur, daß sie uns fast unglaublich erscheinen. Stirbt auf den Freundschaftsinseln der Häuptling, so erdrosselt man dessen vornehmste Frau, damit sie ihn nach Boluthu, dem Paradies der Gestorbenen, begleite. Die anderen Weiber sitzen heulend um die Leiche, sie sind in die schlechtesten, ganz zerrissenen Matten gehüllt, weil man das zerlumpte Gewand für das beste Sinnbild des Schmerzes und der Zerrissenheit des Gemütes hält. Ihr schauderhaftes Aussehen ist dazu angetan, Entsetzen zu erregen. Die Augen sind von dem unaufhörlichen Weinen geschwollen, die Wangen sind durch die zahlreichen Schläge, die sie sich selbst versetzt haben, so aufgelaufen, daß die armen Geschöpfe kaum aus den Augen sehen können. Auch die Brust schlagen sie sich in ihrer wahnsinnigen Selbstzerfleischung braun und blau. Das Volk scheert sich insgesamt den Bart und trauert ungefähr vier Monate lang. Jeder läßt während eines Monats den Bart lang wachsen und reibt sich während der Nacht den Körper mit Oel ein. Am Begräbnistage setzt sich alles, Männer, Weiber und Kinder, mit brennenden Fackeln in die Nähe des Grabes. Stundenlang bleiben sie so sitzen, dann kommen alle auf ein Zeichen, das von einem der Leidtragenden gegeben wird, in das Grab heran, umkreisen dasselbe, die Fackeln schwinzend und legen diese dann auf das Grab nieder. Als der König Finau starb, trieben es die Häuptlinge mit der Selbstbeinigung wie toll. In einem durch die Zuschauer gebildeten Kreise sprangen sie mit dem kläglichsten Jammergeschrei umher, zersetzten sich mit scharfen Steinen, Messern oder Muscheln den Körper, daß das Blut in Strömen floß. Einige versetzten sich mit dem Streitkolben solche Schläge auf den Hirnschädel, daß sie einige Zeit lang ganz irrsinnig varen.— Absonderliche Gebräuche herrschen auch auf den Fidschi=Inseln. Werden die Bewohner altersschwach und zlauben sie, lange genug gelebt zu haben, so bereiten sie sich jum Begräbnis vor, ja in hohem Alter oder bei schweren Erkrankungen kommt es vor, daß sie ihre Kinder bitten, ie zu erwürgen. Einem solchen Gesuch leisten die Kinder nicht nur Folge, sondern sie machen ihre Eltern auch selbst darauf aufmerksam, daß sie lange genug gelebt haben und inn sterben könnten. Dies geschieht, weil bei den FidschiInsulanern der Glaube herrscht, daß der Zustand nach dem Tode genau dem im Leben entspreche. Die Kinder wünchen deshalb nicht, daß ihre Eltern mit geschwächtem Körper n der andern Welt erscheinen und erdrosseln sie lieber. Aus demselben Grunde erdrosseln die Insulaner die Liebinggsweiber und Diener eines Häuptlings, damit es ihm nicht an Gesellschaft und Bedienung im Himmel sehle. Deszleichen erschlagen sie einen starken Krieger, damit derselbe einem Häuptling den Weg bahnen und die sich ihm entzegenstellenden bösen Geister verjage. Diesen Opfern sucht iber keiner zu entfliehen, alle halten es vielmehr für eine jroße Ehre, sich für ihren Häuptling töten zu lassen, um hn in die andere Welt begleiten zu können. kerzen und gibt ihnen die Gestalt zweier Menschen. Dani vergräbt man sie insgeheim. Wenn dies nun so geschieht daß ihre Gesichter einander zugewendet sind, dann neigen sich die dargestellten Personen einander in Liebe zu; wenn sie einander den Rücken kehren, dann hört die Liebe der beiden auf.“ Ein merkwürdiger Verfluchungszauber findet sich auch in einigen Versen des„Testaments des heiligen Ephraem“:„Die ägyptischen Zauberkünstler nahmen, un Mosen zu verderben, etwas von seinen Haaren und seiner Kleidern. Dann machten sie ein Bild Mosis, legten es au ein Grab und riefen ihre Dämonen gegen ihn an.“ Die Haare, die von Moses selbst stammten, sollten den Zauber kräftiger machen. In früher arabischer Zeit wurde vor einem Mann, der die Treue gebrochen hatte, ein Bildnis in Ton angefertigt und aufgestellt. Dann rief manz g# hat die Treue gebrochen, also verflucht ihn.“ Ein Wörterbuch berichtet über einen zauberischen dem der Fettschwanz des Schafes mit Nadeln durchstochen dann unter Zauberformeln auf einem alten Grabe aufgehängt und eine brennende Laterne darunter gestellt wurde. Wie durch die Hitze das Fett allmählich sich löste und verging, so sollte auch der, dem der Zauber galt, in Abzehrung dahinsiechen und sterben. Ein Denkzettel. Als der seiner Zeit vielgenannte Modekönig Gray'Orsay zum ersten Male nach London kam, erhielt er bei einem Gastmahl seinen Platz neven La#y Holland, einer zwar nicht mehr jugendlichen, aber noch immer koketten und gefallsüchtigen Dame, die an diesem Tage ganz besonders exzentrischer Laune war. Nacheinander ließ sie den Loffel, die Serviette, die Gabel, oas Lorgnon, den Fächer und schließlich das Taschentuch zu Boden fallen, und jedesmal bückte sich der Graf zuvorkommend, den betreffenden Gegenstand aufzuheben und der Lady wieder zuzustellen. Als sie aber aufs neue die Serviette vom Schoße gleiten ließ, wandte sich'Orsay zu dem hinter seinem Sessel stehenden Diener mit den Worten: „Legen Sie doch mein Kuvert auf den Fußboden; ich werde dort mein Diner beendigen, das wird für die Lady und für mich bequemer sein.“ — Citz und Humor. Vergilbte Blätter. Zauberei mit Menschenbildern. Weitverbreitet ist der srauch gewesen, mit Bildern eines Menschen einen Zauber uf ihn auszuüben. Um einen eigenartigen Liebeszauber andelt es sich in folgendem Brauch, über den der arabische Schriftsteller al Gahiz berichtet:„Man macht zwei WachsDurch Heirat! Ein Reisender in Texas erzählt, daß er eines Tages einen Feldweg entlang ritt, als ihm ein ziem. lich pompöser Eingeborener begegnete, der sich als Oberst Higgins vorstellte.„Waren Sie Oberst in der Armee der „Konföderierten"?“ fragte ihn der Reisende.—„Nein, mein Herr."—„Also auf der Seite der Union?“—„Nein, mein Herr, nichts dergleichen.“—„Gehören Sie denn dem Korps der Texas Rangers an?“—„Nein, mein Herr, keineswegs.“ —„Ah, ich sehe, Sie kommandieren eins der Miliz=Regimenter.“—„Nein, mein Herr. Ich verstehe überhaupt nichts vom Soldatenwesen.“—„Woher haben Sie aber denn den Rang eines Obersten?"—„Ich bin durch Heirat Oberst geworden, mein Herr.“—„Durch Heirat? Wie denn das?"—„Ich heiratete die Witwe eines Obersten mein Herr, Oberst Thomson.“ Frech. Der Schuldner:„Es tut mir sehr leid, mein Herr, aber ich kann Ihre Rechnung diesen Monat nicht bezahlen.“— Der Gläubiger:„Aber dasselbe haben Sie mit ja vor einem Monat auch gesagt!“— Der Schuldner:„Nun habe ich mein Wort nicht gehalten?“ Auch. Hedda:„Wer ist der hübsche Herr dort mit dem weichen Filzhut?"— Ella:„Das ist ein Künstler.“— Hedda:„Und der, der raucht?“— Ella:„Der hat auch kein Geld.“ * * 25s S 9 5 2 S S S3 ISSSS S An S 1- Ssger n S *#3 5## 5 23 Nr. 60. Lüdenscheid, den 30. 1910. Altterhättungs=Bentage 187 Lüdenscheider Tageblatt. .(25. Fortsetzung). Redaktion, Druck und Verlag von Heinr. Krause, Lüdenscheid. Eine Aacht. Roman von Anna Seyffert=Klinger. (Nahdruck derbeinh, *„Ich habe wohl die Ehre, Frau und Fräulein von Bittner,“ bemerkte sie, bescheiden näherkommend. Kelling erhob sich.„Fräulein Brandis,“ sagte er vorstellend,„ich kenne den Papa sehr gut, er ist Aufseher in der Zementfabrik.“ „Was führt Sie zu uns, Fräulein?“ fragte die Rätin, hr Staunen nicht verbergend, sie war immer in Furcht, elling werde ihr Elemente ins Haus bringen, gegen die ##re Tochter protestierte. „Ich habe die Uhr gefunden, die Sie, Fräulein von Bittner, verloren, ich glaube wenigstens, daß es die Ihrige ist.“ Elfriede machte eine hastige Bewegung nach dem Päckhen, das Emmi Brandis in der Hand hielt, die Rätin kam ihrer Tochter jedoch zuvor und nahm es in Empfang. Paul Kelling hatte sich erhoben und bot seinen Platz höflich dem jungen, sehr einfach, doch zierlich gekleideten Nädchen an. Vergleichend blickte er von Emmi zu Elfriede hinüber. „Das duftige, bescheidene Veilchen neben der stolzen, forvernden Centifolie,“ er konnte sich des Vergleiches nicht enthalten. Und weshalb glühten Elfriedes Wangen in einem so ieberisches Rot, warum blickten ihre Braunaugen so unstät ind unnatürlich glänzend? Im Moment fand er für diese seltsame Erscheinung, die an der kühlen, formgewandten Baronesse doppelt aufallen mußte, keine Erklarung. 1 Emmi hatte bescheiden Platz genommen. Freudig ervartungsvoll sah sie zu, wie die alte Dame; das Papier uuswickelte. „Wahrhaftig, Elfriedes Uhr! Aber was soll das beenten, der Brillant, welcher der Uhr den hohen Wert verieh, fehlt ja!“ Frau von Bittner sah mit einem Blick, der niederchmetternd treffen sollte, zu Emmi hinüber.; Das junge Mädchen antwortete mit einer Bewegung, je ihr Erstaunen verriet.„Ich habe die Uhr so gefunden. nädige Frau, wie ich sie ihnen überreichte. Und vor mir at niemand sie ausgenommmen, denn ich tsetzte mich ja uf die Bank, wo Ihr Fräulein Tochter vorher ausgeruht atte. Ich konnte mir ja wohl denken, daß die Uhr Ihnen ehort,“ wandte sie sich an Elfriede,„aber ich wollte doch rit die Annonze abwarten, ehe ich hierher kam. Es war nir eine Freude, Ihnen Ihr Eigentum zurückgeben zu önnen.“ Sie hatte sich erhoben, verneigte sich und wollte gehen. „Halt!“ rief Frau von Bittner,„soz dürfen Sie nicht ort! Mit der einfachen Erktärung, daß Sie die Uhr, wie e hier ist, gefunden haben, kann ich mich unmöglich zurieden geben. Die Uhr war mit einem Brillanten, der inige tausend Mark Wert hat, besetzt. Der Brillant fehlt ind von Ihnen darf ich denselben verlangen!"! „Aber gnädige Frau!“ rief Emmi empört. Frau von Bittner war in höchster Erregung, ihre Händ zitterten, als sie Kelling die Uhr zur Ansicht hinreichte „Sie können genau erkennen, mein Freund, wie der Brillan hier eingefügt war, in großartiger Fassung, er kann nu gewaltsam ausgebrochen sein.“ Paul nahm die Uhr entgegen und unterzog sie eine eingehenden Prüsung.„Sie haben ganz recht, gnädig Frau, der Edelstein kann nur auf gewaltsame Weise ent fernt worden sein, aber das muß schon früher gescheher sein. Jedenfalls können Sie das Fräulein nicht für der fehlenden Stein verantwortlich machen.“ Er gab die Uhr zurück. Frau von Bittners Auger funkelten.„Ich verstehe Sie nicht, Herr Kelling. Hier is es doch unschwer zu erkennen, auf wessen Seite das Rech liegt. Es befremdet mich sehr, daß Sie für das jung Mädchen da Partei nehmen. Sie wird schon wissen, wohir der Brillant gekommen ist!".... „Oder Ihre Tochter weiß es!“ rief Emmi in flammen. der Entrüstung.„Sehen Sie dorthin, gnädige Frau, das Gesicht Ihrer Tochter verrät durch untrügliche Zeichen, daf sie sich schuldig fühlt.“ e I. SEstum Elfriede zuckte nur verachtlich die vollen Schuttern, dock ihre braunen Augen irrten zu Boden.„Mir ist die Auseinandersetzung unsagbar peinlich, und ich glaube, Fräulein Brandis weiß in der Entrüstung nicht, was sie spricht, daher verzeihe ich ihr die törichte Bemerkung.... Der Brillant wird sich ja auf eine oder die andere Weise wieder anfinden, wenn nicht anders, geben wir noch ein Inserat auf.... Vorläufig danken wir Ihnen, Fräulein, die verheißene Belohnung können wir allerdings erst dann geben. wenn der Brillant sich wieder angefunden hat.“ Sie wollte dem jungen Mädchen, welches ihren Zorn kaum zu meistern vermochte, über den Tisch herüber die feine, schmale Hand reichen. Aber die Bewegung wurde nicht beachtet. Emmi sagte kein Wort mehr. Stumm, ohne aufzusehen, ging sie hinaus. Es war, als wandle die Rätin eine Ohnmacht an. Unwillkürlich streckte sie beide Hände weit aus.„Es handelt sich um Tausende, die uns verloren gehen!" Paul Kelling schüttelte unmutig den Kopf.„Bedenken Sie nur, gnädige Frau, daß Sie eine tadellose, junge Dame des Diebstahls bezichtigen; das ist ein schlechter Dank für die Ihnen erwiesene Gefälligkeit. Ebensowenig angebracht war es, von einer Belohnung zu sprechen. Die Eltern von Fräulein Brandis leben in durchaus wohlgeordneten, wenn auch schlichten Verhältnissen. Die Familie genießt allgemein die größte Hochachtung.“ „Sie scheinen dort ja sehr genau informiert zu sein.“ sagte Elfriede spitz,„es schien ein hübsches Einverständnis zwischen Ihnen und dem Fräulein zu bestehen.“ Frau von Bittner erschrak. Auf Kelling setzte sie all ihre Hoffnung. Sie hielt ihn für einen durchaus barmWuonn KS Ssso1 Ueed * B—* „ San gen F9E3 SSn an S SS S UTSES B006s Wac * ** * 6 2 3 3 E 2 = ∆ 5 E S 9 * 5 2 E 3 8 *„ 6—— .S9E—25E S S S 855 #S Saus 55 Geß Bnh „—*— .#• 2 2= S 95 n Ba.n*. * S 289T San SDGR S 5 S 2 8 B S.58 SiPag##### SugsSSSgpoSSSh#gn ** D FggühESgaESgagS 55 a SSSE SCEgFISSSTSSES: STAUEEE S S 5 S 8 * i * „•" S5. S 50 8 5 SE 65• S a" 7 Snter. 78 18 i5 losen Menschen, welcher in blinder Verliebtheit zu Elfriede emporschaute. Er besaß ein gutes Einkommen, war intelligent und, wie schon erwähnt, bei seinem Chef hochangesehen. Er war keine so üble Partie. Wenn die unberechenbare, trotzige Elfriede ihn nun auch fortschickte oder ihn dermaßen reizte, daß er nicht wiederkam, so war kein Ersatz für ihn vorhanden. Er war der einzige, welcher bisher ausdauernd, allen Kaprizen des schönen Mädchens mit immergleicher Gelassenheit begegnend, zu ihnen ins Haus kam. „Sei nicht so unleidlich, Friedel!“ rief sie,„wenn Herr Kelling mit den Leuten befreundet ist, haben auch wir Nachsicht zu üben. Du vor allem trägst die Schuld an diesen Ungelegenheiten, hättest deine Uhr sicherer befestigen und besser beachten sollen, dann fehlte der Brillant nicht.“ Auch Elfriede mochte einsehen, daß sie zu weit gegangen. Am liebsten hätte sie Paul so recht tief gedemütigt, aber das zu tun, wagte sie nicht. Ein wenig vorsichtiger gab sie sich, seitdem Volkmer sich so ganz unvermittelt von ihr abgewandt hatte. „Begleiten Sie mich, Herr Kelling,“ sagte sie halb bittend,„ich muß einen Spaziergang machen. Mein Kopf brennt. Ich weiß nicht mehr, was ich spreche.“ Es sollte wohl zugleich eine Entschuldigung ihres Verhaltens sein. Wenigstens nahm Paul es so. Er verneigte sich schweigend und nahm seinen Hut.„Ich bin bereit, gnädiges Fräulein.“ Sie setzte einen Florentiner auf das dunkle Gelock. Dann gingen sie um das Haus herum und gelangten in eine Birkenallee, die direkt zu dem See hinunterführte. Von der Seite blickte Elfriede mehrmals verstohlen in sein blasses, geistreiches Gesicht, das einer undurchsichtigen Maske glich. So gern hätte sie gewußt, was in ihm vorging. Aber weder seine Augen, noch die leichtgeschlossenen Lippen verrieten etwas. Endlich schien er es zu bemerken, daß sie in seinen Zügen forschte. Er wandte ihr sein Gesicht zu.„Gnädiges Fräulein, Sie wissen, wo der Brillant sich befindet. Vertrauen Sie sich mir an. Ich schwöre, keinem Menschen etwas zu verraten und Ihnen als Ihr treuester Freund beizustehen. Aber sagen müssen Sie es.“ Sie wurde dunkelrot.„Ihre Kombinationen sind mehr als kühn, Herr Kelling, ich habe keine Antwort darauf.“ Er blieb stehen. Ein eiserner Entschluß prägte sich in einen Zügen aus.„Ich bringe es doch heraus. Geben Sie der Wahrheit die Ehre, wenn auch nur aus dem einfachen Grunde, daß Sie sich unabsehbare Verdrießlichkeiten zu erparen suchen.“ Unter seinem festen Blick, der wie eine Stahlklinge bis in ihr Herz drang, schien sie heftig zu erschrecken. Sie erzlaßte.„Sie fühlen mehr für Fräulein Brandis, als Sie uzugeben wünschen. Vielleicht ist das junge Mädchen Ihre seimlich verlobte Braut?" Jetzt endlich sah er sie mit Augen an, aus denen heiße Leidenschaft ihr entgegenflammte.„Würde ich dann täglich Ihre Nähe suchen, Elfriede? Nein, die kleine Emmy ist nir nichts anderes, als eine liebe Bekannte, die flotteste Tänzerin der Klubbälle. Dorthin kommen die Kasinozamen ja nicht, daher ist Ihnen das junge Mädchen auch o ganz unbekannt. Ein liebes, herziges Ding, ich mag sie zern, und meine Seligkeit möchte ich darauf verwetten, daß ie außerstande ist, ein Unrecht zu begehen.“ „Mir aber trauen Sie Lug und Betrug zu. Wir wollen imkehren, Herr Kelling, und mag nun kommen, was da vill, ich höre Ihre Beleidigungen nicht länger mit an.“ „Doch, Elfriede, Sie müssen mich noch weiter hören. ks ist die passende Stunde zu einer entscheidenden Ausprache zwischen uns.... Ich liebe nicht jenes Mädchen, ondern Sie, Elfriede! Ihre wundersame Schönheit, Ihre Inmut und nicht zum wenigsten Ihr Stolz haben es mir ingetan und mich völlig bezaubert.“ „Davon merkt man aber nicht das mindeste!" unterrach ihn die junge Dame spöttisch,„Sie haben eine sondergaré Art. um mich zu werben, mein Herr!" „Machen Sie dafür nicht mich verantwortlich,“ wehrte er gelassen,„ich sehne mich von ganzer Seele nach einer eigenen Häuslichkeit. Alles, was mein ist, möchte ich Ihnen zu Füßen legen, und doch wage ich kaum, Ihnen ein herzliches Wort zu sagen.“ Sie lachte hell auf.„Ja, weshalb sind Sie denn ein solcher Hasenfuß?" Er ließ ihre Bemerkung unbeachtet.„An eine Heirat ist vorläufig nicht zu denken, es hieße, sich mit sehenden Augen ins Unglück stürzen. Erst müssen Sie Ihre Fehler ablegen, Elfriede, Ihr Sinn muß eine Wandlung erfahren, ehe Sie meine Gattin werden!" Jetzt blitzten ihre Augen zornig.„Nie!“ rief sie,„niemals will ich mich ändern, es fällt mir nicht ein, Sie zu heiraten.“ „Das überlegen Sie hoffentlich noch! Ich will nur Ihr Allerbestes, und wenn Sie mein Weib werden, so wird meine Liebe früh und spät für Sie sorgen, kein Opfer soll mir zu groß sein, um Ihre Wünsche zu erfüllen. Aber ich will nicht Ihr willenloser Sklave sein und eine Undine mein nennen. Ein Herz voll Milde und Poesie, ein tapferer, reicher Sinn voll Erbarmen und Liebenswürdigkeit, das sind die Eigenschaften, die ich bei meiner Gattin zur Bedingung mache. Weder Rang noch Reichtum lockt mich. Ich fühle das Streben in mir, aus eigener Kraft ein Vermögen zu erwerben. Unsere Zukunft wird nicht so schlicht und bescheiden sein, wie es den Anschein hat. Wir werden reich sein, Elfriede, mit zu den allerersten gehören. Doch das sind nur Aeußerlichkeiten, auch im Herzen muß Frieden und Freudigkeit walten, denn dort allein ruht das Fundament des wahren Glückes.“ " Er hatte sich warm geredet. Seine Augen leuchteten, seine schlanke Gestalt dehnte sich. Er war stehen geblieben und reichte ihr nun beide Hände hin.„Schlage ein, Geliebte, gib mir mit einem Kusse die Vollmacht, an unserem Zukunftsglück mit dir vereint zu arbeiten, dich auf deine Fehler aufmerksam machen zu dürfen. Du bist ja so jung, so schön, so berechtigt, das höchste Menschenglück zu besitzen, schlage ein!“ Er war ein anderer in dieser Stunde, Elfriede erkannte es wohl. Wie Licht und Schatten war es über ihr bezauberndes Gesicht geglitten. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, daß das Glück an ihrem Wege stehe. Weshalb hielt sie es nicht fest? O, häte sie doch den Moment genützt, die Hand, welche sich ihr bot, ans Herz gezogen. Es handelte sich ja doch um das Glück eines ganzen, langen Lebens! Sie schwankte. Röte und Blässe wechselten auf ihren Wangen. So ganz in den Wind gesprochen waren seine Worte nicht, sie trafen vielmehr ihr Herz, berührten eine Saite, die leise sehnsuchtsvoll erklang. Und die Mücken spielten in den Sonnenstrahlen, das blaue Wasser murmelte geheimnisvoll, die Zaubermacht der Natur umstrickte zwei Menschen, welche der Wirklichkeit entrückt waren und einen Blick in die Zukunft wagten. Nie zuvor hatte Elfriedes Herz so ungestüm, so ungleichmäßig gepocht.„Wen man liebt, dem spricht man doch nicht von seinen Fehlern,“ sagte sie endlich halblaut, wie aus einem Traum heraus. Sie dachte an Kurt von Larsen. Was hätte sie sich um seine Charakterschwächen gekümmert! Wenn er treu geblieben wäre, sie hätte in heißer Liebe zu ihm gehalten, trotz allem! „Es handelt sich hier um Eigenschaften, die geeignet sind, das Gute in Ihnen zu ersticken. Ich komme nur auf die Geschichte mit dem Brillanten zurück. Geben Sie der Wahrheit die Ehre, Elfriede. Wo blieb der Edelstein? Kein Vorwurf soll Sie treffen, welche Antwort ich auch zu hören bekomme.“ Vielleicht war es taktlos, ja unklug von ihm, in dieser geheiligten Stunde eine so profane Angelegenheit zu berühren. Aber seinem geraden, offenen Sinn widerstand es, auf Umwegen ein Ziel zu verfolgen. Elfriedes Züge erstarrten in Hochmut und kaltem Groll. „Sie scheinen an Einbildungen zu leiden, Herr Kelling. Ich rate Ihnen zu einer Kur bei einem Nervenarzt.“ Sie ging, ohne eine Entgegnung abzuwarten. Aber 95 3 — G 8 6 * 85015 5 S.. 5 2.— 5 Sp#SEN S 875. ## 5 TEEES S S SAEE 5 5 S 95 23 6n 8 * 49 c0 E E E 5 65 S 8 105 S S 55 □ *2 S 9 * 5 6 5 ihre talte Ruhe war erkünstelt. Sie fühlte sich tiefunglücklich. Ein Schluchzen und Sichaufbäumen in ihr, ein Schmerz, als glühe Eisen in ihrer Brust. Zögernd blieb sie stehen. Dann schaute sie sich um. Kelling befand sich noch auf derselben Stelle, wo sie ihn verlassen. Er hatte sich auf den Rasen geworfen und den Hut abgenommen. Der Wind spielte in seinem blonden Haar. Er schien angelegentlich das Spiel der Wellen zu betrachten. Elfriede ging langsam zu ihm zurück. Als er sie kommen sah, erhob er sich. Sein blasses Gesicht leuchtete in verstohlenem Glück. „Wenn Sie mir versprechen, auf die Geschichte mit dem Brillanten nicht mehr zurückzukommen—“ Er unterbrach sie ungestüm, Empörung in jedem Laut seiner Stimme.„Es ist Ihre Absicht, den Verdacht des Diebstahls auf Fräulein Brandis ruhen zu lassen! Und Sie verlangen obenein meine Beteiligung an einer solchen Niedertracht?“ „Sie bedienen sich mit Vorliebe starker Ausdrücke, Herr Kelling; wer von uns beiden läßt es nun wohl an Selbstbeherrschung fehlen?" Seine hellblauen Augen blickten finster.„Ich werde nicht eher ruhen, als bis der Verbleib des Brillanten ermittelt ist, verlassen Sie sich darauf. Es ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.“ „Dann haben wir einander nichts mehr zu sagen.“ Sie warf den Kopf in den Nacken und ging. Und diesmal kehrte sie nicht wieder um. Sie trotzte. Wie kam dieser schlichte Mensch dazu, ihr Vorschriften zu machen? Warum wehrte er sich dagegen, ihr Sklave zu sein, wo so mancher Kavalier schon behauptet hatte, es sei ein süßes Glück, unter ihrem Joch zu schmachten? Auch jetzt wieder wollte sich eine Stimme zu seinen Gunsten in ihrem Innern erheben, doch gewaltsam unterdrückte sie dieselbe. Er verlangte Unmögliches. Es hatte keinen Zweck, weiter mit ihm zu streiten. (Fortsetzung folgt.) 45 Der Toni. i E r z ä h l u n g v o n W. L a n g e r. (Nachdruck verboten.)l(Schluß.) „Möcht' schon wissen, was in dem Sack ist,“ meinte der erste Grenzer. „Pah,“ machte der Brigadier,„Erbsen— hab's ja mit eigenen Augen gesehen.“ „Aber überzeugen möcht' ich mich doch,“ beharrte der Grenzer. „Das ist nun zuspät,“ bedeutete ihm sein Kollege,„der Garten des Wirtes liegt schon in Oesterreich und jenseits der Grenze haben wir nichts zu suchen. Außerdem können ich ja unsere österreichischen Kollegen jetzt um die Sache kümmern.“ „Ich werde ihnen einen Wink geben,“ erklärte der Grenzer und man brach auf, gerade noch zu rechter Zeit, im zu sehen, wie der Toni in beschleunigtem Tempo den Rückmarsch antrat. Und als die Beamten die Schänke verlassen hatten, hißte der Wirt eine schwarz=weiß=rote Fahne als Zeichen, daß alles in schönster Ordnung sei. Da begann beim Toni drüben ein reger Betrieb: etwa sechs rüstige Männer fanden sich ein, jeder halfterte sich einen Erbssack auf und im Gänsemarsch ging's nach der Grenzschänke. Als die Sonne sich dem Untergange zuneigte, war Tonis Niederlage eer und der Grenzwirt verfügte über so viele Erbsen, daß ir damit hätte ein paar Morgen Land bepflanzen können. und als der letzte Sack aus seiner Niederlage heraus war, nahm Toni seinen Bergstock und ging auch nach der Schänke. „'s ist alles gut gegangen," begrüßte ihn der Wirt, „die Hälfte der Säcke sind schon auf der Achse. Da, schar her," beide lugten über den Zaun des Gartens, desser Hinterpforte eben geräuschlos geöffnet worden war. Eis Mann, dessen Füße mit Packleinwand dicht umwickelt waren daß man seine Tritte nicht zu hören vermochte, war i: den Garten geschlüpft, hatte einen Sack aufgeduckelt un war mit demselben ebenso geräuschlos im Walde ver schwunden. „Für einen Guldenzektel schleppt sich so'n Kerl halb tot,“ meinte der Wirt.„Eine halbe Stunde noch, dann is alles in Sicherheit und die Grenzer können uns sonst was Aber sei vorsichtig, Toni, der eine, der vorhin mit hie war, es war der Musjöh Werner, der hat'ne Picke auf dich er will dir eins draufbrennen, hat er erklärt. Der dick Brigadier ist auch nicht umsonst heute heraufgekrochen: mischeint, die wollen dir heut nacht einen Besuch abstatten.“ Toni lachte.„Werden mit langer Nase wieder ab ziehen und'nen Denkzettel gibt's obendrein. Hast's Röhr del bei der Hand?“ „Ah, abknippsen willst auch noch einen? Hast wai auf'n Korn?“ fragte der Wirt neugierig und holte hinter der Ofenbank das„Röhrdel" hervor. Das war ein regelrechter Gewehrlauf, den Toni nur an seinen Gebirgsstoc anzuschrauben brauchte, um eine trefflichere Kugelbüchse zu haben, von deren Wirkung die gräflichen Förster sich schon oft hatten überzeugen können. Toni schob das„Röhrdel“ in den Aermel seiner Joppe derart, daß das Schloß in der Achselhöhle ruhte.„Droben über die Glauberwiese wechselt ein kapitaler Kerl. Aber den heb' ich mir für morgen für den Anstand auf, der entgeht uns nicht. Jetzt will ich wieder heim, damit ich den mir zugedachten Besuch mit allen Ehren empfangen kann.“ Und der Besuch kam mit erfreulicher Promptheit. Den dicken Brigadier an der Spitze, erschienen die Gendarmen und wohl ein halbes Dutzend Grenzwächter.„Haussuchung,“ schnarrte der Brigadier und zeigte den Befehl des Amtsgerichtes vor. „I' bitt schön,“ Toni lud mit einer Handbewegung die Beamten zum Eintritt ein. Dann setzte er sich an den Tisch, schenkte sich ein Stamperl Enzian ein und griff nach einer Zigarre und zwar nach einer solchen mit„Leibbinde“. „I' bitt schön!“ Die Beamten durchsuchten Kasten und Kisten, drehten alles zu oberst und zu unterst, stöberten auf dem Heuboden und im Keller umher,— nichts zu finden, was irgend auf Schmuggel oder Wilddiebereien schlichen ließ. Blieb noch die Niederlage.„Den Schlüssel heraus,“ herrschte der Brigadier Toni an, der gleichmütig auf seinem Stuhl hockte und nach dem Türpfosten wies, an welchem der Schlüssel hing. Ein Beamter nahm ihn herunter und nun wanderte man nach der Niederlage: sie war vollständig leer und sah so sauber aus, als ob nie Erbsensäcke in derselben gestanden hätten. Wütend stürzte der Brigadier zum Toni hinüber:„Wo sind die Säcke mit den Erbsen geblieben?" „Futsch,“ lachte Toni und deutete mit dem Daumen über seine Achsel in der Richtung nach der Grenze. „Du Gauner du,“ räsonnierte der Brigadier,„na warte, komm' mir nur mal vor die Flinte, dir brenn' ich eins hinauf,“— mit dieser Drohung rückte der Brigadier mit seinen Leuten ab. „Zuerst kriegst du von mir was,“ knurrte Toni, langte seinen Gebirgsstock hervor, schraubte das„Röhrdel" daran und kletterte auf den Heuboden. Aus der Fensterluke sah er im Sonnenschein noch die Helme der Gendarme blitzen. Toni schob seinen Stock vorsichtig zur Luke hinaus, zielte und—: ein Schuß krachte, die Kugel traf die Pickelhaubenspitze des Brigadiers, der vor Schreck gegen einen Baumstamm taumelte. „So,“ schmunzelte Toni,„der wird mich wohl eine Zeitlang in Ruhe lassen.“ Damit stieg er die Treppe hinunter und genehmigte noch ein Gläschen Enzian.