Arris Start für das Münsterland. Gratis=Beilage zum Westfälischen Merkur. No. 6. Donnerstag, RRR Unterhaltendes. Aus dem Friedhofe. Von Isabella Braun. (Fortsetzung.) Nepomuk war außer dem Dienstpersonale der einzige männliche Besucher des Försterhauses, selbst sein Beuder betrat es nie, denn der Oberjäger furchte die Stirne bei jedem Versuche dort einzudringen. Den Blödsinnigen rechnete er aber nicht zum Männervolke, und somit erklärt sich dessen Bevorzugung. Johanna sah ihn immer gerne kommen und ließ ihn gerne weilen. Er sprach nichts, als was er auszurichten hatte, aber er stand neben ihr im Garten und half ihr das Unkraut ausjäten und lauschte auf ihre Reden voll kindlicher Heiterkeit. Hie und da sang Johanna sogar ein Lied, und wenn er dann später einsam durch die Felder wanderte, pfiff er die Melodie, und wenn der Ton nicht richtig klang, schüttelte er den Kopf, blieb stehen, legte die rechte Hand sinnend auf's Herz— und nun versuchte er's nochmal. Richtig da mußte der süße Ton geschlummert haben, denn nun klang es harmonisch.— O Menschenherz! seiest du auch noch so fest vermauert, in dir rauscht doch der himmlische Liebestraum, und um so heiliger und reiner, als die Welt keine Ahnung davon hat und keine Beimischung dazu gibt! II. Es war an einem schönen lauen Sommerabende, als Anton mit einem in Briefform gefalteten Papier zu Nepomuk trat. Sein Auge strahlte, seine Schritte hoben sich leicht, es war, als ob ein inneres Glück ihn trage und hebe. Er winkte dem Bruder beiseite und flüsterte:„Nepomuk, willst du für mich einen Gang in's Försterhaus machen, aber heute nicht zum Alten, sondern ganz heimlich zu Johanna? In diesem Papiere steht etwas geschrieben; eine Antwort brauch' ich eben nicht, aber— Nepomuk merk, was sie dabei für ein Gesicht macht, ob sie fröhlich, traurig oder gar ärgerlich aussieht, ob sie roth oder bleich wird, und merk auch auf jedes Wort, das sie zu dir sagt; dann komm und erzähl' es mir wieder; willst du?“ Nepomuk hatte mit gespannter Erwartung auf jedes Wort gehorcht. Als ihm Anton den Auftrag wiederholen wollte, schüttelte er mit dem Kopfe; legte die Hand auf's Herz und sagte zweimal rasch nach einander:„Alles hier wissen! Alles hier wissen!“ Er ging eilends und lächelnd fort, schlich um den Gartenzaun des Försters und drückte auf die Klinke des Seitenpförtchens, welches zur Gartenlaube führte, die reich mit Jerichorosen überwachsen war und süßen Duft verbreitete. Johanna pflegte sich an jedem schönen Abende dort aufzuhalten, und das hatte Nepomuk treu in seinem Herzensgedächtden 20. Januar 1859. S nisse bewahrt. Dieser heimliche Weg führte ihn unbemerkt zu Johanna, und als er plötzlich mit dem vorgehaltenen Brieflein an ihrer Seite stand, entfuhr ihr ein leiser Schrei der Ueberraschung, aber es war keine von unangenehmer Art, denn sobald sie ihn erkannte, zog ein holdseliges Lächeln über ihr Gesicht. Nepomuk sprach, wie gewöhnlich kein Wort, sondern starrte die schöne Johanna bewundernd an und hielt immer noch das Brieflein ihr entgegen. Das Mädchen blickte darauf. erröthete, zögerte. Nun stotterte Nepomuk mühsam genug: „Nicht an den alten Herrn, an Sie vom Tony.“ Johanna griff mit bebender Hand nach dem Briefe, entfaltete ihn, blickte hinein, las die erste und zweite Zeile, las wieder von Anfang, und eine holdselige Verwirrung malte sich in ihrem Antlitze. Lange, lange sah sie auf das Blatt, und es stand doch so wenig darin;— sie schien tief versunken zu sein in die Welt ihrer Gedanken und Gefühle; sie hatte wohl den harrenden Boten völlig vergessen. Dieser schaute unverwandt auf das Mädchen und den Brief; ihre Verwirrung und Versonnenheit hatten sich auch ihm mitgetheilt. Endlich athmete Johanna tief auf und erhob den Blick; dieser traf den guten Nepomuk mit seinem treuen, ehrlichen Auge. Da zog ein nasser Glanz durch die ihrigen, mit einer überwältigenden Bewegung des Herzens streckte sie beide Hände dem Jünglinge entgegen, sah ihn mit seelenvoller Innigkeit an und flüsterte dabei: „Mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder.“ Nepomuk hielt die beiden, weichen Hände in den seinen. Er konnte kein Wort hervorbringen; es wogte in seinem Gemüthe von unnennbarer Seligkeit!„Bruder," hatte sie gesagt; o, dieses Wort enthielt ja eben für ihn einen vollen Liebeszauber.„Bruder“ war für ihn das ganze Wörterbuch der Zärtlichkeit. Und sie sagte dieses Wort zu ihm, statt der sonstigen Anrede, wie jeder Fremde sie gebrauchte. Und sie hatte gelächelt unter Thränen; sie hatte mit ihren lieben Augen all die Zärtlichkeit ausgedrückt, welche das Wort„Bruder“ in sich schließt. Das Alles ging in dem Herzen des armen Blödsinnigen vor und spiegelte sich in seinem Gesichte ab. Er wollte reden, aber seine Mundwinkel bebten,— er versuchte einen Ton, doch er konnte nicht sprechen. Da war auch Johanna wieder ruhig und besonnen geworden; rasch zog sie ihre Hände aus Nepomuks Händen, eilte zum nächsten Rosenstocke, brach halb erschlossene Knösplein ab, fügte ein Vergißmeinnicht dazu, näherte sich wieder in schwesterlicher Traulichkeit dem Jünglinge und steckte das Sträußlein vorsichtig in das Knopfloch des Rockes. Nepomuk ließ alles ohne ein Wort der Entgegnung geschehen und blickte nur leise lächelnd auf das erröthete Mädchen, das selbst einer halb erschlossenen Rosenknospe und einem Vergißmeinnicht glich. Es war zwischen Beide ein stummer Verkehr getreten. Auch sie vermochte nach den Worten:„Mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!" nichts mehr über die Lippen zu bringen; sie zog ihn am Arme fort zur Gartenthüre, reichte ihm nechmal die Hand und eilte von hinnen fort, auf ihr heimliches Mädchenstübchen, wo sie das Briefchen las und wieder las, es küßte, dann auf die Kniee sank, den Kopf in die Hände barg und betete.— Dann trat sie vor das Bild ihrer verstorbenen Mutter und hier las sie zum ersten Male das Brieflein laut, als ob sie es derselben vorlesen wollte. Dann erhob sie den kindlich=frommen Blick zum Bilde und flüsterte: „Mutter, Mutter! er will, ich soll sein Weib sein! Gib uns deinen Segen, Mutter! ich liebe ihn; o, ich liebe ihn so innig.“ — Dann knieete sie wieder nieder vor dem Bilde, neigte das Haupt und empfing so den Segen der verklärten Mutter. Inzwischen war Nepomuk wie ein im Traume Wandelnder nach Hause gekommen. Der Bruder hatte ihn mit immer steigender Ungebuld erwartet und zog ihn nun mit sich fort in sein Zimmer. Aber all sein Drängen nach einem ausführlichen Berichte konnte die Zunge des Bruders nicht lösen; doch las er aus dessen glücklichem, glühendem Gesichte eine gute Botschaft; er glaubte, Nepomuk habe seine Werbung verstanden und Ueberraschung fessele seine Sprache. Darum frug er endlich:„Was hat Johanna zu dir gesagt, Nepomuk? Erzähle mir nur das Eine.“ Bei dieser Frage löste sich die ganze Seligkeit des Jünglings in einen Strom von Thränen; er stürzte an die Brust des Fragenden und rief:„Bruder! mein lieber, lieber Bruder!" Anton hielt den Bruder lange in seinen Armen. Er nahm diesen Erguß als ein Zeichen brüderlicher Theilnahme; er glaubte sich verstanden und versank in die ganze, reiche Gedankenwelt seines eigenen Glückes; er hatte bereits den Bruder vergessen, der immer noch an seiner Brust ruhte und die gleiche Seligkeit und das gleiche Vergessen des Bruders theilte.— Endlich erwachten die Beiden zum Bewußtsein; sie reichten sich nochmal die Hände, und Nepomuk stieg die Treppe zu seinem Dachstübchen empor. Vorsichtig schaute er sich um; ja er war allein! Nun eilte er zu seinem Schranke, öffnete sein Liebesheiligthum, wo die abgedorrten Blumen lagen, hob das seidene Tuch vorsichtig empor, um kein Stäubchen der dürren Blätter zu zerstreuen, sah mit innigem Blicke auf den Reichthum an Liebesgaben— nahm aus dem Rocke den neuen, bedeutungsvollen Strauß und legte ihn zu den abgewelkten Reisern. Nein, er konnte ihn nicht den fremden Blicken preis geben; es durfte kein Duft davon in der Stube verschweben; hier sollte er verborgen ruhen immer und immer, bis auch er selbst ihnen einmal gleiche und ruhe im Grabe. Dies war die Empfindung des Jünglings, freilich nicht klar ausgedrückt im Gefühle oder Worte; aber seine Liebe hatte nichts mit irdischen Wünschen oder Hoffnungen zu thun, und daß es noch ein innigeres Verhältniß für ihn gäbe, als die Worte andeuteten:„Mein Bruder! mein lieber, lieber Bruder!“ lag nicht im Gedanken= und Gefühlsbereiche des armen Blödsinnigen. Nepomuk knieete lange vor dem geöffneten Schranke, wie ein Knabe vor dem Kripplein; dann deckte er das Tuch wieder darüber, stand auf, schloß den Schrank und that heute den Schlüssel in sorgfältigeren Verwahr unter das Polster seines Bettes. Jetzt strömte das Blut rasch und lustig durch seine Adern; eine unbeschreibliche Heiterkeit malte sich in seinem Gesichte; er warf eine Kußhand dem Schranke zu und wollte eben das Fenster, welches auf die Gallerie des Hauses ging, öffnen, als er erschrocken zurückprallte. Fest an die Scheiben gedrückt sah er das häßliche höhnische Gesicht des bösen Borzula. Mit einem Satze war er an der Stubenthüre, riß sie mit Heftigkeit auf, stürzte auf den Franzosen, packte ihn und hielt ihn mit seiner ganzen Mannesstärke fest. Beide sprachen kein Wort. In Nepomuk gährte und brauste es; diese höhnischen, bösen Augen hatten den heimlichen, den reinen Quell seiner Empfindung belauscht und es kam wie eine Entweihung über ihn; Borzula aber fürchtete sich vor Nepomuks Händen, die ihn gepackt hielten, wie vor den Klauen eines wilden Thieres. Aber die Furcht vermehrte nur seine innere Bosheit, und er sann mitten darunter auf Rache. Endlich rang er einen Hilferuf aus seiner geschnürten Kehle, und sogleich erschien im Hintergrunde die herbeieilende Gestalt der Frau Kanzleidirektorin. Sie war eine zarte aber besonnene Frau; sie kannte die siegreiche Macht, welche sie über den Sohn besaß. Sanft legte sie ihre Hand auf Nepomuks Hände, sah ihn vorwurfsvoll an, und augenblicklich lösten sich die Finger von dem umschlungenen Halse, ermattet sanken seine Arme hernieder, und Borzula fand es am klügsten, durch eilige Flucht zu entgehen. Es lag nicht in seinem Plane, Rede zu stehen und Auskunft zu geben. Die Mutter führte nun den Sohn von dem Schauplatze des Vorganges. Sie forschte nach der Ursache, aber vergebens; Nepomuk schwieg auf alle Fragen, und die Mutter zählte nun den Angriff in die Reihe der vielen Streitigkeiten, welche zwischen Nepomuk und Borzula an der Tagesordnung waren. — All das Erlebte war zu viel gewesen für den armen Blödsinnigen. Er machte sich bald aus dem Bereiche der mütterlichen Aufsicht und schlich hinaus, fort, fort in die stille, einsame, abendliche Landschaft. Heute fehlten bei dem Nachtessen die beiden Brüder denn für die erste Jünglingsliebe hat die Mutterbrust der Natur das süßeste Verständniß. Jeder schlich zu später Stunde unbemerkt in seine Stube, und bald umfingen Jeden die gleichen, wunderbaren Träume von einem Glücke, welches über die arme Wirklichkeit hinausragt. Der Morgen vereinigte alle Familienglieder wie gewöhnlich beim Frühstücke und es war, als ob nichts Besonderes vorgefallen sei. Der Mensch gleicht dem tiefen Meere, die Oberfläche ist manchmal wohl ein glatter, unbewegter Spiegel, und doch verbirgt sie die seltsamsten Geheimnisse. Tief im Meeresgrunde herrscht ein bewegtes Leben, da gibt es Blumen und Perlen, streitende und einander verzehrende Ungeheuer. So verbargen auch drei Menschen dieses stillen Familienkreises ihre inneren Geheimnisse unter einer ruhigen Außenseite. Anton ging wie gewöhnlich an seine Geschäfte, und auch die beiden Andern zeigten sich in ihrer Tageseintheilung nicht verschieden von jedem andern Tage und eine etwaige Verschiedenheit fiel gerade bei ihnen nicht auf, die ja das einförmige Berufsleben nicht in seinen Kreislauf gebannt hatte. Beim herannahenden Abende wurde Nepomuk von innerlicher Unruhe bewegt; bald lenkte er seine Schritte gegen das blühende Thal, hielt aber inne, kehrte zurück und stand in der Seitengasse zum Försterhause; dort aber schien er mit Schrecken dessen Nähe gewahr zu werden, er eilte von dannen, um nach kurzer Zeit wieder an der gemiedenen Stelle zu stehen. Jetzt lauschte er in einem Verstecke, ob Johanna wohl in den Garten trete, und als er wirklich ihre schwebende Gestalt erblickte, ergriff ihn ein leises Zittern. Sein Herz zog ihn zu ihr und seine Schüchternheit drückte ihn immer tiefer in das Versteck. Er überlegte, ob er wohl zu ihr treten dürfe, auch ohne einen Auftrag, was er sagen könnte zu seiner Entschuldigung; aber mitten in seine Gedanken mischten sich immer die Worte:„Mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!“ So begann er sein Denken von Neuem und gelangte durch die süße Störung dieser Worte nie zu einem Abschlusse. Er mochte hier eine Stunde gewartet, verträumt und gedacht haben; die Dämmerung wob bereits jenen für liebende Herzen so entzückenden Schleier, unter welchem die Seele sich freier entfaltet und von äußerm Zwange entfesselt. Auch Nepomuk fühlte eine erhöhtere Kühnheit, oder wurde auch nur sein Verlangen mächtiger. Er trat aus seinem Verstecke, um sich der Gartenthüre zu nähern; da sah er mehr mit dem Instinkte seines Herzens als mit den Augen seinen Bruder nahen, und dieser eilte wie auf Flügeln der Liebe getragen zu der Stelle, nach welcher er seit einer Stunde schüchtern blickte. Wie das liebende Mädchen in jungfräulicher Befangenheit selbst vor dem sehnsüchtig verhofften Glücke bangt, wird der Jüngling von kühnem Jubel getrieben; er ist der Erwerbende, sie die Hingebende; im Erwerben aber liegt Muth, in der Hingebung Demuth und Schüchternheit. Warum zuckte in diesem Augenblicke Nepomuks Herz in einem ahnungsvollen, unsäglichen Weh, als er den Bruder sah, dessen Nähe ihn sonst mit Freude erfüllte? Er wußte es nicht; er langte an sein laut pochendes Herz und wollte leise fortschleichen. Aber eine unbekannte Gewalt bannte ihn gleichsam an die Stelle, wo er verborgen blieb und doch Alles belauschen konnte. Mit angespanntem Gehöre, mit unverwandten Augen wendete er sich zu dem Platze, wo Johanna stand. Er sah sie wie ein scheues Reh einen Schritt in den Schatten der Laube treten,— aber bereits stand der Bruder neben ihr; er hörte einen leisen Ruf— Johanna ruhte an des Bruders Brust und dieser nannte sie seine Braut, seine Johanna. Da schlich Nepomuk fort, gesenkten Hauptes: alle seine Gedanken verwirrten sich immer unklarer, endlich dachte er nichts mehr und ging mechanisch die Wege zum Elternhause, stieg die Treppen empor, und als er in seinem Dachstübchen stand, hielt er mitten darin inne, legte die Hand an die Stirne und suchte seine Gedanken zu sammeln.— Vergebens.— Nun nahte er sich seinem Bette, zog den Schlüssel unter dem Polster hervor und eilte rasch zu seinem Schranke, als ob ihm hier alles Verständniß erschlossen würde. Er knieete nieder und schloß auf. (Fortsetzung folgt.) Miszellen. („Respekt muß sein.“) Unter dieser Ueberschrift theilt die„K. H..“ aus Königsberg folgende Anekdote aus den dortigen Gerichtssitzungen mit: Zwei Bäckergesellen wandelten eines Tages nach dem Lustorte Böttchershöfchen, als plötzlich einer derselben auf einen ebenfalls dort anwesenden Bäckerburschen losstürzte, demselben ins Gesicht schlug und ihm den Spazierstock zerbrach. Für solche That hat ihn die Staatsanwaltschaft wegen vorsätzlicher Mißhandlung und Vermögensschädigung angeklagt und es stand zur Verhandlung der Anklage Termin vor dem Kreisgerichte an. Der Angeklagte, über die Veranlassung zur incriminirten That befragt, antwortete: „Ja, sehen Sie, Herr Präsident, er ist Bursche und ich bin Geselle und da muß er doch Respekt haben. Aber Gott bewahre, er grüßte mich nicht einmal, er rauchte sogar eine Cigarre und was doch schrecklich ist, er trug einen Spazierstock.“ — In Anbetracht solcher Uebelthaten, welche sich der Damnisikat schuldig gemacht, und die wohl, wie der Gerichtshof annahm, einen Aerger bei dem Herrn Gesellen erregen konnten, war das Urtheil ein sehr mildes, denn es lautet für beide Vergehen nur auf 5tägige Gefängnißhaft. (Womit bedauert ihr sie?) In London saßen eines Abends mehrere Kaufleute zusammen und besprachen sich über die unglückliche Lage eines Freundes, der durch einen Bankerott um sein ganzes Vermögen gekommen war. Wie leid! wie leid thut mir der brave Mann! sagte der Eine.— Und die liebe Frau thut mir noch mehr leid erwiederte der Andere.— Und der Dritte: Die Kinder sind noch am schlimmsten daran; welcher Zukunft gehen sie entgegen!— Ein Quäker, der bisher dem Gespräche seiner Freunde zugehört hatte, ohne das Wort zu ergreifen, benutzte diesen Augenblick allgemeiner Theilnahme und sprach: Liebe Freunde, ich freue mich, daß ihr an dem Unglücke unseres N. so herzlichen Antheil nehmt; mir geht es gerade wie euch. Aber mit unserm Lamentiren helfen wir ihm nicht, laßt uns zur That schreiten! Ich bedaure unsern Freund mit 1000 Pfund Sterling; womit bedauert ihr ihn?— Und der Erfolg war, daß noch an demselben Abende der Unglückliche ein so großes Kapital erhielt, daß er sein Geschäft wieder beginnen konnte. (Deutschland als Pechfabrik.) Peter Parley's „Geography for beginners“ ist ein Lehrbuch der Geographie, welches in vielen Schulen der nordamerikanischen Freistaaten benutzt wird. In dieser, 160 Seiten umfassenden, mit zahlreichen Holzschnitten versehenen Geographie wird Europa auf 24 Seiten abgehandelt. Auf drei Seiten werden Deutschland, Holland und die Schweiz abgefertigt, wovon 12 Zeilen auf Deutschland kommen. Der Abschnitt beginnt mit den Worten: „Deutschland liegt nördlich von der Türkei." Darauf folgt eine Karakterschilderung der Deutschen:„Die Deutschen sind sehr erfindsam in Manufakturen; sie sind große Musiker und viele von ihnen sind große Gelehrte. Das Land ist sehr bevölkert und reich an glänzenden Städten. In vielen Theilen desselben sind tiefe, düstere Wälder, wo eine große Menge Dech bereitet wird.“ Darauf bezieht sich nun der einzige zu Deutschland gehörige Holzschnitt, welcher vorstellt, wie zwei seltsam gekleidete Personen Dech fabriziren. (Als Beitrag zur Amerikanischen Entwickelungsgeschichte) diene folgender Vorfall. Ein schwarzer Sklave in einem der südlichen Staaten hatte eine neue Ackerbaumaschine erfunden und wollte seine Erfindung patentiren lassen. Die betreffende Behörde jedoch behandelte, dem Prinzip der Sklavenstaaten getreu, den Sklaven als ein Ding, als ein Neutrum, das weder Er noch Sie sei, somit kein Erfinder und keine Erfinderin sein, somit kein Patent nehmen könne. Als sich aber der Eigenthümer des Sklaven meldete, da ertheilten sie ihm das Patent ohne Weiteres; denn ihm gehörte von Rechtswegen Alles, was fein Sklave durch Hände= oder Geistesarbeit zu schaffen im Stande sei. (Der Aberglaube) spielt in Irland eine große Rolle, am meisten aber wird man darüber erstaunen, daß kein Schiff, wenn es die Dingle=Bai an der irischen Küste berührt, einen Menschen in seinen Räumen duldet, der Shea heißt. Man lebt dort der festen Ueberzeugung, daß jedes Schiff, welches einen Menschen dieses Namens an Bord habe, untergehen müsse. Dieser Aberglaube besteht seit Jahrhunderten und schreibt sich von einer Sage her, nach welcher einmal ein Shea in der Dingle=Bai sich gegen eine See=Schöne verging, die sich nun fortwährend an seinen Nachkommen rächen soll. (Sonst und jetzt.) Das Eiland, auf welchem jetzt die große Stadt Neuyork steht, verkauften im Jahre 1668 die Indianer an die Europäer für 10 Hemden, 30 Paar Strümpse, 10 Gewehre, 30 Kugeln, 30 Pfund Pulver, 30 Beile, 30 Kessel und eine kupferne Bratpfanne, und beide Theile glaubten einen guten Handel gemacht zu haben. Was mag derselbe Grund und Boden wohl jetzt werth sein! Dreisilbige Charade. Mein erster Theil, bestehend aus zwei Silden, Mag dich mit Wärme stets umschließen, Du trittst ihn dennoch mit den Füßen! Der zweite muß zum Dienste sich bequemen. Mein Ganzes brauchest du Mein Erstes dir zu nehmen. Gemeinnütziges. Gewerbliches. (Schlichte von Leinölkuchen; von Greenwood und Smith.) Die Erfinder benutzen zum Schlichten der Garne oder gewebten Stoffe den aus den Leinsamen gezogenen Schleim. Sie lassen 1 Pfo. dieses Samens in ungefähr 10 Liter(à 7/8 preuß. Quart) Wasser 10 Minuten lang kochen und dann stehen. Nach Verlauf einiger Zeit schlägt sich der nicht aufgelöste Stoff zu Boden. Man gießt nun den klaren oder schwimmenden Schleim ab und kocht den Rückstand nochmals mit frischzugegossenem Wasser. Diese Arbeit wird mehreremale wiederholt. Die erste Flüssigkeit kann nun vermischt als Weberschlichte verwendet werden, wogegen man die andere, weniger Schleim enthaltend in Verbindung mit den gewöhnlich angewendeten Stoffen, wie Mehl, Stärke, Wasserglas u. dgl. benutzt. Anstatt des Leinsamens selbst nehmen die Erfinder nur die ausgepreßten Leinölkuchen und hierin liegt der eigentliche Schwerpunkt der Erfindung, welche durch Versuche zu verfolgen wohl der Mühe werth sein dürfte. (Datentverleihung.) Dem Maschinenbauer Karl Beermann in Berlin ist unter dem 13. Januar 1859 ein Patent auf eine Vorrichtung an Nähmaschinen zur Herstellung einer sogenannten überwendlichen Naht in der durch Zeichnung und Beschreibung nachgewiesenen Zusammensetzung, und ohne Jemand in der Benutzung bekannter Theile zu beschränken, auf fünf Jahre, von jenem Tage an gerechnet, und für den Umfang des preußischen Staats ertheilt worden. Landwirthschaftliches. (Mittel gegen die Räude der Schafe.) Die gewöhnlich gegen die Räude der Schafe angewandten Mittel, wie Aufgüsse von Essig auf Tabak, Quecksilberpräparate, sind theils unzuverlässig, theils schädlich. Das auf der Pariser Ausstellung unter dem Namen: Préservatif de Long-Barry frères à Londres ausgestellte und mit einer Medaille ausgezeichnete Mittel soll sich als ein schnell wirkendes und sicheres, die Gesundheit der Thiere in anderer Weise nicht angreifendes, Heilmittel bewährt haben. Es ist eine braune, geruchlose Flüssigkeit, die mittelst eines Schwammes auf die Ausschläge der Haut aufgetragen wird, und nebenbei noch das Gute haben soll, daß sie Insekten mancher Art, die sich in der Wolle einnisten und namentlich die Lämmer quälen, gänzlich vertilgt.— Neuerdings wird von einem französischen Landwirth als untrügliches und in seiner Gegend allgemein übliches Mittel wider die Schafräude das Wachbolderöl empfohlen. Ein einmaliges Einschmieren soll zur gänzlichen Beseitigung der Krankheit hinreichend sein. N. d. Landw. Anz. (Aepfel auf Weidenbäume gepfropft.) In Ungarn pfropft man Pfropfreiser von Aepfelbäumchen in Aeste oder in den Stamm von Weiden(Salix), oder okulirt Knospen von Aepfelbäumen auf Weidenbäumen. Sie tragen eine Menge Aepfel von beträchtlicher Größe und weißgelber Farbe, gerathen alle Jahre, auch dann, wenn die Aepfel auf Aepfelbäumen ganz mißrathen, haben aber einen etwas faden Geschmack. Wirthschaftliches. (Fleisch in kurzer Zeit zu räuchern.) Um in 48 Stunden geräuchertes Fleisch zu haben, soll man näch dem„Bresl. Gewbl.“ so viel Salpeter in Wasser zerstoßen, als man sonst Salz zum Einsalzen eines Stückes Rindfleisch gebraucht. In diesem Wasser kocht man das Fleisch und wendet es oft um, so lange bis nach einigen Stunden das meiste Wasser ausgedünstet. Alsdann hängt man das Fleisch in den Rauch, wo es nach weniger als 48 Stunden schon eine ihm dienliche Härte erhält, inwendig vortrefflich roth aussiebt und so gut schmeckt, daß man es für das beste Hamburger geräucherte Fleisch halten sollte. (Milchkochen.) Milch, besonders in größeren Quantitäten gekocht, hängt beim Sieden an den Gefäßwänden an, weil durch den hoben Hitzegrad der Eiweißstoff derselben gerinnt und sich festlegt, wodurch, da er ein schlechter Wärmeleiter ist, das Sieden verzögert wird. Die Hospitalköchin S. Neumeister zu Leipzig beseitigt diesen Uebelstand davurch, daß sie die Siedegefäße inwendig= mit Butter bestreicht. Handels- und ökonomische Nachrichten. Amsterdam, 17. Januar. Preußischer Roggen 3 fl. niedriger. Rappsaat per April 75 L. bezählt, per October nominell 69½ fl. Rüböl per Mai fl. 41, per Herbst fl. 39.— Leinöl effectiv fl. 30¼—30½, per Mai fl. 31¼. Stettin, 15. Januar. Heutiger Landmarkt: Weizen 54 a 62, Roggen 46 a 50, Gerste 34 à 36, Hafer 26 a 31, Erbsen— a— Thlr.— Rüböl fest, loco 14 3/8 a 14 11/12 Thlr. bez., 15 Thlr. Br., pr. Januar und Januar—Februar 15 Thlr. Br., pr. April—Mai 14 5/6 Thlr. Br., 14 3/2 Thlr. Gld., pr. September—October 13 11/12 Thlr. bez., 14 Thir. Br.— Spiritus wenig verändert, loco ohne Faß 20⅜8 pCt. bez., per Januar bis Februar 20¼ pCt. bez., per Fedr.—März 20 pCt. Br., per Frübjahr 19 3/8 pCt. bez., pr. Mai—Juni 18 3/8 pCt. Br., per Juni-Juli 18¼ pCt. Br. Köln, 17. Januar. Weizen nach Qualität effectiv per 200 Zollpfd. 53—6 1/ Thlr. Br., per März per 200pfd. 6 3/15 Thlr. Br.,— bez., 6 1/12 Gld., per Mai 6 7/3 Thlr. Br.,— bez., 6½ Gld. Roggen effert. per 200 Zollpfd. 4.—5 1/12 Thlr. Br.,— Gld., per März 4 9/10 Thlr. Br.,— bez., 4 3/8 Gld., per Mai 5 ½/12 Thlr. Br., 5½0 Gld. Gerste, oberländ neue per 200 Zollpfd. 5⅛ Thlr. Br., 5 1/10 Gd. Hafer, neuer per 200 Zpfd. 5 5/12 Thlr. Br., alter 6 Thlr. Br. Rüböl effectiv in Partieen von 100 Centnern per 100 Pfund Zollgew. mit Faß 16 1/10 Thlr. Br., — Gd., per Mai per 100 Zollpfd. 15½0 Thlr. Br., 15 1/10—½ bez., 15 3/10 Gd, per Oktober 14 3/10 Tdlr. Br., 14 3/10 Gld.— Spiritus 80% in Partieen von 3000 Quart per 100 Ort. 17 3/10 Thlr. Br.,— Gld.— Rüböl, Weizen, Roggen und Spiritus unverändert— Am Landmarkt betrug die Zufuhr circa 100 Sack, die Stimmung war fest; bezahlt wurde durchschnittlich per 200 Pfd.: Weizen 5 Thlr. 26 Sgr., Roggen 4 Thlr. 27 Sgr., Gerste— Thlr.— Sgr. Paderborn, 15. Januar. Weizen 2 Thlr. 18 Sgr.— Pf. Roggen 2 Thlr.— Sgr.— Pf. Gerste 1 Thlr. 18 Sgr.— Pf. Hafer 1 Thlr. 6 Sgr.— Pf. Kartoffeln— Thlr. 14 Szr. — Pf. Erbsen— Thlr.— Sgr.— Pf. Linsen— Thlr.— Sgr. — Pf. Bohnen 3 Thlr. 4 Sgr.— Pf. Heu pr. Ctr. 1 Thlr. 15 Sgr.— Pf. Stroh pr. Schock 10 Thlr. 25 Sgr.— Pf. Dortmund, 15. Januar. Weizen 2 Thlr. 24 Sgr.— Pfg. Roggen 1 Thlr. 29 Sgr.— Pfg. Sommergerste 1 Thlr. 20 Sgr. — Pfg. Wintergerste 1 Thlr. 20 Sgr.— Pfg. Hafer 1 Thlr. 8 Sgr.— Pf. Erbsen 4 Thlr.— Sgr.— Pfg. Bohnen— Thlr. — Sgr.— Pfg. Kartoffeln— Thlr. 22 Sgr.— Pfg. Heu pr. Crr. 2 Thlr. 5 Sgr.— Pfg. Stroh pr. Ctr. 1 Thlr. 6 Sgr. Neuß, 18. Januar. Weizena 200 Pfd. Zollgewicht 1. Qual. 6 Thlr.— Sgr., 2. Qual. 5 Thlr. 24 Sgr., 3. Qual. 5 Thlr. 18 Sgr. Land=Roggen a 200 Pfd. Zollgewicht 4 Thlr. 22 Sgr. Wintergerste do. 4 Thlr. 26 Sgr.— Pf. Sommergerste co. 4 Thlr. 26 Sgr.— Pf. Buchweizen do. 4 Thlr. 25 Sgr.— Pf. Hafer do. 5 Thlr. 18 Sgr.— Pf. Erbsen do. 8 Thlr.— Sgr.— Pf.— Rübsamen per berl. Scheffel 4 Thlr. 6 Sgr. 8 Pf.— Kartoffeln a 200 Pfd. Zollgewicht 1 Thlr. 10 Sgr.— Pf.— Heu per Ctr. à 110 Pfd. 2 Thlr.— Sgr.— Pf.— Stroh per Schock a 200 Pfd. 2 Thlr.— Sgr.— Pf.— Aveel=Samen 4 Thlr. 3 Sgr. — Pf.— Rüböl per 100 Pfd. neues Gewicht 16 Thlr.— — Pf.— Rübkuchen per 1000 Stück Stampf 53 Thlr. — Sgr.— Pf.— Preßkuchen per 2000 Pfd. neues Gewicht 44 Thlr.— Sgr. Branntwein per Ohm a 123 Quart zu 47 pCt.(ohne Maklergeld) 12 Thlr. 15 Sgr.— Pf.— Gereinigtes Oel 16 Thlr. 15 Sgr.— Pf.— Bei einer befriedigenden Getreidezufuhr blieben die Getreidepreise am heutigen Markte ohne erhebliche Aenderung. Rüböl ebenfalls unverändert. Börsen- Course der Staatspapiere und Actien. Elberfeld, 17. Januar.— Wechsel-Course: Amsterdam k. S. 143 Br., 142 6/10., d. 2 M.— Br. 141 5/10 Gd.— Paris k. S. 80 1/10 Br., 79 5/10 Gd., d. 2 M. 79 3/10 Geld. Hamburg k. S. 151 5/0 Br., 151 ½0., d. 2 M. 150 1/16 Gd., d. 3 M.— Gd. Bremen k. S. 109 1/10 Br., 109 Gd., do. 2 M. 108 3/10 Gd.— Frankfurt k. S. 85 3/10 Br., 85 5/10 Gd., d. 2 M. 85 3/10 Br., 85 1/10 Gd. do. 3 M.— Gd. Berlin 14 T.— Br., 99⅝ Gd., do. 2 M. 99½ Geld Leipzig 2 M. 99 Geld.— London k. S. 6. 21½ Brief, 6. 21 Gd., d. 2 M. 6. 19¾4 Geld.— Geld=Course: Neuethlr. 1. 16. 9. Brabthlr. 1. 16. 5 Franken=Stücke 1. 10. Preuß. Frd'or. 5. 20. Ausl. Pist. 5. 14. Napd'or. 5. 10. Druck und Verlag der Coppenrath'schen Buch= und Kunsthandlung. 7 Herausgeber F. Coppenrath, Münster.