Die„Annener Zeitung" erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag. Anzeigeblatt s. Annen und die benachbarten Anzeigegebühr für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 10 Pennig. Abonnementspreis inkl. UnterhaltungsBeilage vierteljährlich nur 1 Mark. Telephon=Nr. 334. Amtichts Ergau. Inserate finden bei der großen Auflage der Annener Zeitung weite und billige Verbreitung. Telephon=N. 324. Nr. 10. 1905. Dienstag, den 24. Januar. 21. Jahrgang. Der Riesenstreit in Peiersburg! Neues Bombenattentat. Petersburg, 21. Januar. Gestern Nachmittag wurden zwei bombenartige Geschosse gegen den Winterpalast geschleudert, die Hunderte von Geschossen enthielten, jedoch nicht platzten. Das Vol steht in dichten Scharen vor dein Palaste und verlangt, daß der Kaiser die— unten mitgeteilte— Petition vorlese. Petersburg, 24. Januar. Die Petition der Arbeiter an den Kaiser lautet folgendermaßen: „Wir Arbeiter, Bewohner Petersburgs, kommen zu Dir, wir sind elende, beschimpfte Sklaven und unterdrückt von Despotismus und Willkür. Als die Grenze unserer Geduld erreicht war, stellten wir die Arbeit ein und baten unsere Herren, uns nur das zu geben, ohne das das Leben eine Qual ist; alles wurde abgelehnt, alles ist nach Ansicht der Fabrikanten ungesetzlich. Wir hier, viele Tausende, sowie das ganze russische Volk haben keine Menschenrechte. Durch Deine Beamte sind wir Sklaven geworden. Jeder, welcher es wagte, vom Schutze der Interessen des Arbeiterstandes zu sprechen, wurde ins Gefängnis geworfen. Der gesamte Arbeiterund Bauernstand wurde der Willkür überlassen. Das Beamtentum besteht aus Räubern und Dieben von Staatsgeldern. Das Beamtentum brachte das Land in gänzliche Zerrüttung, bürdete ihm einen schimpflichen Krieg auf und führt Rußland immer mehr an den Rand des Unterganges. Das Volk ist jeder Möglichkeit beraubt, seine Wünsche und Forderungen auszudrücken und an der Festsetzung der Besteuerung und der Staatsausgaben teilzunehmen. Alles dies widerspricht dem menschlichen und göttlichen Recht Wir wollen lieber sterben, als unter solchen Gesetzen weiter leben. Mögen unter solchen Verhältnissen die Kapitalisten und Beamten leben! Kaiser, hilf Deinem Volke! Vernichte die Scheidewand zwischen Dir und dem Volke. Möge das Volk vereint mit Dir regieren! Aus uns spricht nicht Dreistigkeit, sondern der Wunsch, aus einer uns allen unerträglichen Lage herauszukommen. Eine Volksvertretung ist unentbehrlich. Es ist notwendig, daß das Volk selbst mitregiert! Befiehl, daß Vertreter aller Stände und Klassen, auch Arbeiter, berufen werden. Dies ist unsere Hauptbitte; wir haben aber noch andere.“ Die Petition zählt dann diese Wünsche, die sich hauptsächlich auf die verzweiflungsvolle Lage der Arbeiter beziehen, auf und schließt: Befiehl die Erfüllung unserer Bitten, und Du machst Rußland glücklich; wenn nicht, so sterben wir hier, wir haben nur zwei Wege: Freiheit, Glück oder Grab; wir bringen gern unser Leben Rußland zum Opfer dar. Petersburg, 21. Jan. Seit Mittag haben die Arbeiter die Arbeit in vielen industriellen Werkstätten, in allen größeren typographischen Anstalten, in allen privaten und staatlichen Zeitungen, sogar an der Akademie der Wissenschaften eingestellt. Der Ausstand in den Arsenalen nimmt zu. Bis jetzt ist es noch zu keinerlei Zusammenstößen mit der Polizei gekommen, die sich äußerlich passiv verhält, nichts destoweniger herrscht vollste Ordnung unter den Arbeiterversammlungen. „* * Rußland gleicht zur Zeit einem Pulverfaß, in dem ein Zufallsfunke die Explosion hervorrufen muß Die Untersuchung über den Schrapnell=Schuß am Dreikönigstage ist noch nicht abgeschlossen; als ihr Ergebnis wird offiziell auch ohne Frage irgend ein bedauerliches Versehen bezeichnet werden. In Wirklichkeit aber hat es sich um einen Anschlag gehandelt, der nicht ohne Beteiligung dieses oder jenes Gardeartilleristen hätte zur Ausführung gebracht werden können. Ein Glück war es, daß von den 150—200 Geschossen des Schrapnells nur ein verhältnismäßig kleiner Teil zur Explosion gelangte. Hätte die Granate regelrecht funktioniert, so wäre ein gräßliches Unglück entstanden. Während der Schrecken über dieses Verbrechen noch ganz Petersburg erfüllt, ist neues Unheil hereingebrochen. Die streikenden Arbeiter, weit über 100000 an der Zahl, haben dem Zaren erklätt, lieber sterben, als das unwürdige Joch, unter dem sie leben, noch weiter tragen zu wollen. Der gestrige Sonntag war zur Veranstaltung von Arbeiterdemonstrationen ausersehen, wie sie in der Hauptstadt des Zaren bisher ohne Beispiel waren. Man muß sich daher auf Nachrichten von sehr schweren Zusammenstößen gefaß machen. Zur Unterdrückung eventueller Unruhen waren die umfassendsten Vorbereitungen getroffen worden. 50000 Mann Truppen waren in der Kaserne konfiguiert, andere waren in den Ministersen und öffentlichen Gebäuden, wieder andere in den Höfen von Häusern untergebracht worden, um jeden Augenblick eingreifen zu können. Zu Straßenkämpfen war es in einigen Straßen schon Ausgangs voriger Woche gekommen. Es erschienen keine Zeitungen mihr, da sich die Setzer dem Generalstreik angeschlossen haben; die Bäcker drohten gleichfalls mit Einstellung der Arbeit, das elektrische Licht war abgeschnitten worden. Die Streikenden erklärten sich zu jeder Maßnahme entschlossen, um ihre Forderungen durchzuführen. Die Arbeiter fordern achtstündigen Arbeitstag und einen Minimallohn von einem Rubel, d. h. also 3 Mark und einige Pfennige täglich, anstatt des Arbeitstages von 11 Stunden mit einem Lohn von etwa 2 Mark. Von Petersburg ist der Streik nach Moskau und Libzu übergesprungen. In beiden Orten ist die Proklamierung des Generalstreiks gewiß und wahrscheinlich schon erfolgt, wenn unsere Leser diese Zeilen zu Gesicht bekommen. Aus der Instandsetzung des vierten Geschwaders, woran in Libau Tag und Nacht gearbeitet wird, wird dann vorläufig natürlich nichts. Unter den Arbeitern Kaukassens ist eine revolutionäre Bewegung ausgebrochen, die immer größeren Umfang gewinnt. Die Arbeiter lweiden von geheimen armenischen Komitees unterstützt und mit Gewehren und Revolvern versehen. In den Petroleumwerken von Baku wurden 100 Bohrtürme in Brand gesteckt, mehrere Eisenbahnlinien zerstört. Das Bahnpersonal wurde durchgeprügelt und vertrieben. Von sämtlichen Foroerungen der streikenden Arbeiter Petersburgs wird auch nicht eine bewilligt werden. Die Ablehnung kann sehr wohl das Signal zum Ausbruch der Revolution werden. Verfassung oder Revolution, Freiheit oder Tod heißt die Losung. Die imense Krise hat mit dem Appell der 100000 Arbeiter an den Zaren, die ohne Waffen, mit ihren bloßen Leibern für ihre Forderungen einzutreten entschlossen sind, ihren Höhepunkt erreicht. Was die Forderungen der Arbeiter im einzelnensbetrifft, so wird darüber folgendes mitgeteilt: Gleichberechtigung vor dem Gesetze für alle, vom Großfürsten bis zum Arbeiter, Freiheit der Person, sofortige Entlassung aller politischen Gefangenen, Glaubensfreiheit, Zusammenberufung einer Volksvertretung, die auch über das Ende des Krieges zu beschließen hat, Achtstundentag und weitere Regelung der Arbeiterfrage. Einer Abordnung der Ausständigen der Putilow=Werke in Petersburg' gelang es, alle Betriebe in einem Umkreise von 18 Kilometern zum Stillstand zu bringen. 70 hervorragende Fabrikbesitzer aller Nationalitäten traten in Petersburg zusammen, um über die Lage zu beraten. Es wird die Zerstörung der Fabriken durch die Ausständigen befürchtet. Auf Anfrage im Ministerium wurde die Antwort erteilt, der Zar habe zum Schutze der Unternehmer drei Regimenter Kavallerie und eine Division Infanterie zur Verstärkung der Garnison nach Petersburg erhalten. ** * Reobtation in Rußtand. In Petersburg herrscht offene Revolution, das kann nun keinem Zweifel mehr unterliegen; die schon lange im Volke schlummernde und sich immer mehr ausgebreitete tiese Gärung kam ganz urplötzlich zur Eruption, es kam so, wie man es lange voraussah und wie es schli.ßlich nicht anders kommen konnte. Die Befürchtungen, welche man für den Sonntag von dem angekündigten Zuge der streikenden Arbeiter zum Winterpalast behufs Ueberreichung iyrer mitgeteilten Massenpetition an den Zaren persönIch gehegt hatte, haben sich in fürchterlcher Weise bestätigt. Das Militär hat auf das Volk scharf eingebauen und geschossen. Zahlreiche Tote und Verwundete, darunter viele Frauen und Kinder, blieben auf dem Kampfplatz. Die Arbeitermassen bewaffnen sich und bauen Barrikaden. Die Erbitterung wächst, da die Demonstranten zuerst friedlich und in Ordnung auftraten, bis das Militär sie angriff. Wir geben nunmehr eine Schilderung der Vorgänge nach den vorliegenden telegraphischen Meldungen: Petersburg, 22. Jan. Mittags 2 Uhr eine vieltausendköpfige Menge nach dem Winterpalastplatz, wo es zu Zusammenstößen mit Militär kam und es etwa 150 Tote und viele Verwundete gab. Im Wassiliostrow=Stadtteil wurden Barrikaden gebaut und Telegraphen zerstört, Arbeiter mit Säbeln und Werkzeugen bewaffnet. Gegen 3½ Uhr erfolgte ein Zusammenstoß am Newskiprospekt, wobei 30 Tote, viele Verwundete. Die Ankündigungen und Drohungen des Peiersburger Arbeitersomitees, dessen Leiter, der Pope Gapon, aus Petersburg ausgewiesen ist, mit allen Streikenden vor das Winterpalais zu ziehen, um dem Zaren ihre Bittschrift um Bewilligung politischer Rechte zu überreichen und nötigenfalls das Winterpalais zu stürmen und die Stadt in Brand zu stecken, hatten die russischen Regierungen zu den erorderlichen weitgreifenden Gegenmaßnahmen veranlaßt. Ueber 100000 Mann Soldaten waren in der Stadt vereinigt, alle wichtigen Gebäude militärisch besetzt. Zur Verhinderung des für den gestrigen Sonntag geplanten aber verbotenen Massenzuges der Arbeiter zum Winterpalais— der Zar hatte sich nach Gabschina begeben— wurden die in die Vorote führenden Straßen militärisch besetzt, während fliegende Kolonnen alle Zusammenretlungen zerstreuten. Durch behördliche Bekanntmachungen wurde auf die schweren Folgen eines Widerstandes gegen die Behörden und die bewaffnete Macht hingewiesen. Es fanden verschiedene Zusammenstöße statt, aber die Regierung lehnte bisher jede Forderung der Arbeiter ab, während die großen Betriebsinhaber zu Verständigungsversuchen mit den Streikenden bereit waren. Petersburg, 23. Jan. Das Schreiben, welches der Führer der Arbeiter, Priester Gapon, an den Kaiser gerichtet hat, lautet: Herrscher, glaube nicht, daß Dir die Minister die volle Wahrheit über die Lage gesagt haben. Das ganze Volk vertraut Dir und beschloß, morgen Nachmittag 2 Uhr vor dem Winterpalais zu erscheinen, um Dir seine Not darzulegen. Wenn Du, wankelmütig, nicht vor dem Volke erscheinst, dann zerreißt Du das moralische Band zwischen Dir und dem Volk. Das Vertrauen zu Dir wird schwinden da unschuldiges Blut zwischen Dir und dem Volke fließen wird. Erscheine morgen vor Deinem Volke. empfange unsere Ergebenheitsadresse mutigen Geistes! Ich, der Vertreter der Arbeiter, und meine tapferen Arbeitsgenossen, garantieren die Unverletzlichkeit Deiner Person. Wir lassen die weiteren telegraphischen Berichte folgen: 22. Januar. Um 3,30 Uhr nachmittags zerstreute das Militär auf dem Newski=Prospekt in der Nähe der Admiralität die dichtgedrängte Menge durch drei Salven, wodurch 30 Personen getötet und viele verwundet wurden. Höchst erbittert ist die Menge im Zentrum der Stadt gegen die Offiziere. Man reißt ihnen die Epauletts ab, schlägt sie und ruft:„Mörder“! Wenn die Verwundeten vorübergetragen wurden, entblößten die Leute ihr Haupt und schrieen„Hurra“! Petersburg, 22. Jan. 9 Uhr 30 Minuten abends. Trotz des Ausstandes der Arbeiter der Warschauer und Moskauer Bahnen dauert der Personen= und Frachtverkehr fort, obwohl unter Schwierigkeiten. — Auf dem Newskiprospekt ist eine große Volksmenge versammelt. Das Volk versucht, die Straße mit Bänken und Gittern für die Kavallerie zu sperren. Petersburg, 22. Jan. 1¼ Uhr morgens. Im Stadtteil Wassili=Ostrow wurde bis nach Mitternacht geschossen. Paris, 23. Jan. Der„Matin“ erhielt aus Petersburg, 1 Uhr nachts, folgendes Telegramm: Gegenwärtig werden die Läden in den Vorstadtvierteln geplündert. Man befürchtet, daß die Ruhestörer Feuersbrunst hervorrufen werden. Nach polizeilichen Mitteilungen sind am Newa=Tor 300 getötet und etwa 500 verwundet worden. Am Waskotzki=Tore, in der Nähe des Moskauer Bahnhofs, wurden 500 getötet, 700 verwundet. Im Stadtteil Wassili=Ostrow sind 200 Meuschen getötet und gleichfalls 500 verwundet worden. In den übrigen Stadtteilen gab es gleichfalls mehrere Tote und Verwundete. Der Minister des Innern soll von den Ereignissen niedergeschmettert sein. Die Polizei erklärte: Wir haben den Ruhestörern nur eine Lektion gegeben, jetzt werden sie uns für einige Zeit wohl in Ruhe lassen. Was gedenkt der Friedens=Zar zu tun, um dem Blutvergießen in seiner eigenen Hauptstadt ein Ende zu bereiten? Er erinnert in seiner Hilflosigkeit ganz an den oft zitierten Greis auf dem Dache. Petersburg, 23. Jan. Der gestrige Versuch der Petersburger Arbeiterschaft, dem Zaren die Bittscheift zu überreichen, ist völlig gescheitert. Der Zar blieb in Zarskoje Selno. Militär verhinderte das Vordringen der Arbeiterschaft zum Winterpalais und beschoß die Volksmenge mit scharfen Salven. Es wurde ein schreckliches Blutbad angerichtet. Ueber 2000 Tote und 4000 Verwundete blieben auf den Kampfplätzen. Die Hospitäler sind überfüllt. Großfürst Wladimir befehligte die Truppen und ordnete ein rücksichtsloses Vorgehen an. Es wird der Ausbruch einer vollständigen Revolution befürchtet. Rede Gapons an die Arbeiter. Brüder, nach dem heutigen Tage haben wir keinen Kaiser mehr. Das Blut der Unschuldigen trennt ihn vom Volk. Infolgedessen rufe ich Euch zu: Es lebe der Beginn der Volkserhebung für die Freiheit! Ich segne Euch alle und werde heute Abend bei Euch sein. Petersburg, 24. Januar.(Panik in Petersburg.) Wie ein Telegramm in später Nachtstunde meldet, herrscht Panik in Petersburg. Die Aufständischen drohten, alle Regierungsgebäude in die Luft zu sprengen. Viele Stadtteile sind total im Dunkeln infolge des Streiks der Arbeiter der Helies=Fabrik. Es heißt, auch der Bahnverkehr zwischen Petersburg und Moskau habe auf gehört. Aus der Gontilow=Fabrik wurden tausende von Explosivkörpern gestohlen Gerüchtweise verlautet, auch der Zar werde heute ein Manifest erlassen, durch das über Petersburg der Belagerungszustand verhängt werde. Der russisch-sapanische Krieg. Auf dem mundschurischen Kriegsschauplatze ist man jetzt wieder beim Bombardieren. Andere Bedeutung als den Truppen die Einförmigkeit zu vertreiben, haben diese Kanonenschüsse nicht; so lange die Kälte sich immer von neuem in so scharfer Weise bemerkbar macht, ist an einen geschlossenen Angriff nicht zu denken Die französischen Häfen auf der Insel Madagaskar waren vor acht Tagen von einem Teil der russischen Flotte, die sich dort schon mehrere Wochen anfgehalten hatte, verlassen, aber eine Weiterreise nach dem Osten ist nicht erfolgt. Admiral Roschdjestwensky läßt seine Kriegsschiffe manöverieren. Bevor die Eisverhältnisse in Ostasien nicht günstiger geworden sind, werden die Russen kaum dorthin aufbrechen. Die Fahrt würde ihr sicheres Verderben sein. Der japanische General Kurokt, der Sieger vom Jalufluß, wird schon wieder einmal tot gesaat. Preußisches Abgeordnetenhaus. Sitzung vom 21. Januar. Erster Punkt der Tagesordnung der Sonnabendsitzung war die zweite Beratung des Gesetzentwurfs über die Beteiligung des Staates an der Bergwerks=Gesellschaft Hibernia. " Die Abgg. Cassel(fes. Vp.) und Münsterberg(frs. Vg.) waren gegen die Vorlage, die ihr Ziel doch nicht erreichen werde. Uebrigens bestünden auch da, wo der Staat Arbeitgeber ist, durchaus keine paradiesischen Verhältnisse für die Arbeiter, wie die alljährlichen Klagen aus dem Saargebiet zeigten. Abg. v. Arnim(kons.) sprach für die Vorlage und hielt das Vorgehen der Regierung in der Hauptsache für richtig. Abg. Schiffer(ntlib.) verkündete die Zustimmung der Mehrheit seiner Freunde zu der Vorlage. Auch die Abgg. Gamp(frkons.) und Vogt(Ztr.) traten für sie ein, ebenso Abg. Oeser(frs. Vp.), im Gegensatz zu seinen politischen Freunden. * 4 — Vom Kaiserhofe. Bei prachtvollem Winterwetter fand am gestrigen Sonntag im Berliner Schlosse das Krönungs=Ordensfest in üblicher Weise statt. Eine große Zuschauermenge hatte sich eingefunden, um die Gala=Ausfahrt der geladenen Gäste in Augenschein zu nehmen. Nach Verteilung der Dekorationen fand im Weißen Saale Defilier=Kour statt, später Gottesdienst in der Schloßkapelle und Nachmittags um 1 Uhr Festmahl. — Unter den Fürstlichkeiten, welche am 27. Januar zur Geburtstagsfeier des Kaisers in Berlin anwesend sein werden, wird sich auch Fürst Ferdinand von Bulzarien befinden. — Die Beisetzung der Leiche der Großherzogin Karoline hat am Sonnabend in Weimak“ programmäßig stattgefunden. Die Stadt trug Trauerschmuck, ein zahlreiches Publikum— unter ihm viele Landleute— hatte sich eingefunden. Nach einer kurzen Feier in der Hofkirche wurde der mit herrlichen Kränzen geschmückte Sarg auf den Leichenwagen gesetzt, dann ging der Trauerzug unter den Klängen der Militärmusik nach der Fürstengruft. Hinter dem Sarge schritt Großherzog Wilhelm Ernst, ihm zur Seite Prinz Friedrich Leopold von Preußen als Vertreter des Kaisers und der König von Sachsen. In der Gruft hielt der Oberhosprediger eine Ansprache, der er den gemeinsamen Einsegnungsspruch des großherzoglichen Paares:„Sei getreu bis in den Tod“ zu Grunde legte. Zum Schluß verrichtete der Großherzog ein Gebet am Sarge. Aelontales. Zum Aufstand in Südwestafrika. Major Gräser vom Großen Generalstabe in Berlin wird Generalstabsoffizier des Generalleutnants v. Trotha in Südwestafrika. Er bearbeitete bisher die Angelegenheiten der Südwestafrikanischen Expedition, ist also für den neuen Posten gut vorgebildet. Die Zahl der Aerzte in der südwestafrikanischen Schutztruppe wird wieder um achtzehn vermehrt. * Diessüdwestaftikanischen Anfiedler. Der Beschluß der Budgetkommission des Reichstags, für die Entschädigung der südwestafrikanischen Anfiedler statt der von der Regierung geforderten 5 Mill. Mk; nur 3 Mill. zu bewilligen, wird mehrfach kleinlich genannt. Das Organ des Bundes der Landwirte sagt, die Knauserei bei einem solchen Anlaß müßte geradezu beschämend wirken. Wage man nicht, die moralische Verpflichtung ganz zu bestreiten, so dürfe man nicht ein Almosen hinwerfen, sondern müsse so viel gewähren, daß wenigstens die Existenz wieder gesichert und der tatsächliche Schaden möglichst ersetzt werde. Ein Reich, wie das deutsche, dürfe hier nicht kleinlich sein, sonst setze es sich in der Achtung der ganzen Welt herab. Das Blatt hofft, daß der Reichstag selbst die Summe bewilligen wird. Frankreich. Das neue Ministerium Rounier wird nach vorwiegender Annahme in den ersten Tagen dieser Woche gebildet sein, wenn nicht in allerletzter Stunde etwas dazwischen kommt. Seinem Charakter nach würde es einen ziemlich strammen Ruck nach rechts bedeuten, es ist daher von vornherein mehr als fraglich, ob es bei der heutigen Zusammensetzung der Kammer, die vorwiegend nach links weist, lunge imn Amte bleiben kaun. Der Genrarstkeit. § Annen, 23. Januar. Der Streik scheint momentan auf einen Ruhepunkt angelangt zu sein, doch läßt sich nicht sagen, wie lange er auf demselben verharrt. Im Reichstage hat man in den letzten Tagen des langen und breiten über den jetzigen Ausstand debattiert, wobei die Abgeordneten Hus und Brust warm für die Forderungen der Bergarbeiter eingetreten sind. Am Schluß der Samstags=Sitzung des Reichstages, in der die Debatte über den Bergarbeiterstreik in Westfalen fortgesetzt wurde, nahm der preußische Handelsminister Möller Gelegenheit, seiner Genugtuung über den ruhigen Ton der Diskussion Ausdruck zu geben, und daran folgende Worte zu knüpfen:„Ich hoffe, die Tonart, die hier heute vorgeherrscht hat, ihren Eindruck auf das Wirkungen des Die Hörder Hütte liegt fast vollständig still, nur das Blechwalzweik soll noch auf einige Tage mit Kohlen versehen sein. Die Hochöfen sind gedämpft. Auch hier hat die Verwaltung die Arbeiter, die schon auf Zechen gearbeitet haben, aufgefordert, auf den Schächten „Schleswig" und„Holstein“ als Bergarbeiter anzufahren. Es sollen die Tonart, de hier heute vorgeherscht hat, ihren Eindruck auf das sch auch einige Arbeiter bereit erklärt haben, als Streibrecher den Land und auf den unglücklichen Bezirk, der vom Streik betroffen Vergleuten in den Rücken zu fallen. ist, nicht verfehlen wird, daß sie aber auch denen, die geglaubt haben, Die, Gutehoffnungshütte in Oberhausen dämpfte den zweiten sich auf einen ablehrenden Standpunkt gegenüber den Verhandlungen Hochofen und legte das Martinswerk, die Knüppel= und Walzenstellen zu können, klar macht, daß sie sich einer fast geschlossenen Die Westfälische Drahtindustrie Hamm legte Samstag das ganze Werk still. 1200 Mann müssen feiern. öffentlichen Meinung gegenüber befinden, und daß sie daraus die Mahnung entnehmen werden, den schweren politischen Fehler, den sie begangen haben, möglichst bald wieder rückgängig zu machen“. Wenn bisher noch irgendwo Zweifel bestanden, ob die Regierung wirklich ernstlich gewillt sei, mit gleichem Maße zu messen, so müssen sie durch diese Worte des Ministers, dem bisher Parteilichkeit zugunsten der Arbeitgeber vorgeworfen wurde, beseitigt werden. In der Tat konnte man in der lebhaften Bewegung, die diese Aeußerung hervorrief, deutlich auch von sozialdemokratischer Seite den Ruf Sehr gut“ erschallen höten.„6 Zu der unmotivierten Steuung des vergvaunchen Vereins— die sogen. Siebenerkommission als Vertreter der Bergarbeiter nicht anerkennen zu können— wird geschrieben: Bekanntlich hat der Bergbauliche Verein es abgelehnt, überhaupt in Verhandlungen mit den Arbeitern einzutreten. Zur Begründung dieses Verhaltens hat er erklärt, die Delegierten der Bergarbeiter hätten von diesen keine Vollmacht, jede Verhandlung mit ihnen sei also zwecklos. Selbst wenn die Zechenbesitzer Recht hätten, mit der Behauptung, die Arbeiterdelegierten seien nicht die bevollmächtigten Organe der Arbeiter, so hätten sie sich doch jenes Wortes erinnern sollen, das Kaiser Wilhelm im Jahre 1889 zu demselben Herrn Krabler und seinen Freunden sagte, die auch jetzt an der Spitze der streikfördernden Bergherren stehen. Der Kaiser erklärte damals: „Wenn die Herren der Ansicht sind, daß die Deputierten (der Bergleute) nicht die maßgebenden Vertreter der Kreise, die dort streiken, wären, so macht das nichts aus. Wenn sie auch nur einen Teil der Arbeiter hinter sich haben und die Meinung wiedergeben, die in ihren Kreisen besteht, so wird doch immer der moralische Versuch der Verständigung von hohem Werte sein.“ Und weiter wies der Kaiser damals die Bergwerksbesitzer darauf hin, daß sie dem Staate und den beteiligten Gemeinden gegenüber die Pflicht haben, den Schwierigkeiten eines Streiks vorzubeugen und die Beilegung des Streiks herbeiführen. Leider ist die Hoffnung nicht groß, daß die Erinnerung an diese Vorstellungen des Herrschers die Berggewaltigen zum Einlenken bestimmen könnte. Herr Krabler hat sich schon 1889 sehr harthörig gegenüber den Mahnungen des Kaisers erwiesen. Er war damals, wie der„Fr. D. Pr.“ geschrieben wird, ein besonders enrazierter Gegner des zwischen dem verstorbenen Dr. Hammacher und den Deputierten der Bergleute abgeschlossenen Vorvertrages, auf grund dessen später eine Einigung stattfand. Krabler lehnte auch damals Verhandlungen mit dem von den Bergleuten mit Wahrung ihrer Interessen beauftragten Abg. Schmidt=Elberfeld ab, und es ist wesentlich seiner Einwirkung zuzuschreiben, daß die damals auch von Dr. Hammacher empfohlenen Arbeiterausschüsse abgelehnt wurden. Daß er ahne Zwang jetzt seine schroffe Stellungnahme revideren sollte. ist nicht zu erwarten. Indessen ist es in jedem Fall:#n#nes Kaiserwort zu erinneen. Sielleicht steift es wenigstens dir 9egierung den Nacken. Die Sammlungen für die Streikenden werden immer eifriger und sie haben ganz überraschende Resultate.— In Frankfurt a. M. hat sogar ein Fabrikdirektor 50 Mk. für die Stre#casse gespendet. Wir kennen einen ähnlichen Fall aus unserer nächsten Nähe.(D. Red.) In Heidelberg tagte eine vom nationalsozialen Verein einberufene große Volksversammlung, in der die Professoren Max Weber, Otto Cohnheim und Frau Marianne Weber vornehmlich über amerikanische Verhältnisse sprachen, die Versammlung beschloß eine Sympathiekundgebung für die streikenden Bergarbeiter, auch wurde für diese eine Sammlung veranstaltet. Eine von weit über tausend christlich=sozialen Textilarbeitern besuchte Versammlung in München-Gladbach erklärte sich mit den streikenden Bergleuten solidarisch. In einer Resolution wurde das ablehnende Verhalten der Zechenbesitzer scharf verurteilt und zu Sammlungen für die Streikenden aufgefordert. Zehntausend Mark hat gestern der Ausschuß der Berliner (sozialdem.) Gewerkschaftskommissionen den streikenden Bergarbeitern als erste Rate überwiesen. Damit haben die Sammlungen einen vielversprechenden Anfang genommen. In nächster Zeit dürften auch einzelne Gewerkschaften mit der Bewilligung größerer Summen folgen. Ueber den augenblicklichen Stand des Streikes und seine Folgen verzeichnen wir folgende Meldungen: Die Zahl der Ausständigen beläuft sich nach der Statistik des Bergbaulichen Verein heute auf 193438, nach den gestrigen amtlichen Feststeklungen, die der Reichsanzeiger heute veröffentlicht, auf 204724. Die höhere Ziffer des Reichsanzeigers wird man sich so erklären können, daß in ihr die drei Schichten zusammengefaßt sino, während die vom Bergbauverein veröffentlichten Zahlen sich nur auf die kombinierte Tagesschicht beziehen. Die Mittag= und Nachtschicht würden demnach rund 10000 Streikende umfassen. Vom Ausstande gänzlich unberührt waren die Zechen:„Luise Tiefbau",„Westhausen", „Altendorf,“„Vereinigte Charlotte“ bei Ueberruhr,„Katharina" und„Friedlicher Nachbar“. *** Herne, 21. Jan. Infolge der Bergarbeiterbewegung werden die hiesizen Restaurants abends 8 Uhr bis auf weiteres geschlossen. Diese Bestimmung ist von der höheren Verwaltungsbehörde erlassen worden.— Auf Zeche„Viktor“ kam es gestern zu einigen Ausschreitungen, sodaß die Polizei einschreiten mußte und einige Verhaftungen vornahm. Heeren, 21. Jan. Heute Morgen strömte die fast 1600 Mann zählende Belegschaft unserer Zeche nach ihrer Arbeitsstätte, um den verdienten Lohn in Empfang zu nehmen. Berlin, 21. Jan. Die„Nordd. Allgem. Ztg.“ meldet: Der Reichskanzler empfing heute Nachmittag den aus dem Ruhrgebiet zurückgekehrten Oberberghauptmann v. Velsen zu einer längeren Unterkcoung.. 99„" Rau Hannaper Fammend traf, Dortmuns, 23. Januar. Von Hannover kommend trafen am Samstag Nachmittag 50 Beamte der königlichen Polizei hier um im Landkreise Dortmund zur Unterstützung der übrigen Sicherheitsbeamten verwendet zu werden. Die Beamten, die von zwei Wachtmeistern geführt wurden, wurden von Herrn Landrat v. Rynsch in Empfang genommen, der ihnen auf dem Bahnhof die Instruktionen erteilte. Morgens trafen auch eine Anzahl berittener Gendarme hier ein. Hoffentlich haben die Beamten hinreichend Gelegenheit, sich unsere Stadt zu besehen und unser Bier auf seine Güte zu probieren. Mit einem späteren Zuge trafen auch noch 150 Schutzleute und mehrere Polizeileutnants aus Berlin hier ein. Diese empfingen ihre Instruktionen in der Schubert'schen Reitbahn, wo die Beamten in Reih und Glied antraten. Der Eisenbahnbetrieb hat ganz natürlich eine außerordentliche Einschränkung erfahren. Das Arbeitsministerium verlangt von aller beteiligten Eisenbahndirektionen Nachweisungen darüber, wieviel Kohlen= und Kokszüge seit dem Beginn des Bergarbeiterstreiks in ihren Bezirken ausgefallen sind, und zwar fortlaufend für jeden Tag. Von Langendreer aus fuhren am Samstag Abend 17 Lokomotiven nach Kattowitz in Oberschlesien, um von dort Kohlen für die Eisenbahn herbeizuschaffen. Das Personal fuhr Sonntag früh nach. Das Baroper Walzwerk hat in der vergangenen Woche drei Feierschichten einlegen müssen. Die Zeche„Luise Tiefbau“ ist vertraglich verpflichtet, dem Walzwerk die Kohlen zu liefern, die Zeche kann jedoch ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, weil die Belegschaft zwar anfährt, aber nicht mehr Kohlen fördert, als die Zeche zur eigenen Kesselfeuerung benötigt. Die Dortmunder Union feiert an diesem Montag vollständig. Dienstag soll wieder gearbeitet werden, falls bis dahin englische Kohle angekommen ist. Lokale und provinzielle Nachrichten. § Annen, 24. Jan.(Aufgehoben) ist infolge des Streikes auch die für den 28. d8. Mts. geplante allgemeine Kaisersgeburtstagsfeier; daför soll jedoch, wie wir hören, im Herbst ein patriotischer Familienabend veranstaltet werden. + Annen, 23. Jan.(Zur Bergarbeiter=Bewegung.) Im Zeller'schen Saale fand am gestrigen Nachmittag eine große Bergarbeiterversammlung statt' welche trotz des außergewöhnlich starken Besuches— es waren wohl so zirka 1100 Personen anwesend— in musterhafter Ruhe verlief. Als Einberufer eröffnete Bergmann Schlischo mit einem kräftigen„Glück auf“ die Versamlung, worauf in das Bureau die Kameraden I. Schlischo, Aug. Heyer und Gustav Möller gewählt wurden. Als erster Referent trat Herr SpürkelAltenessen, vom Gewerkverein christlicher Bergarbeiter, auf, der einleitend erwähnte, daß es wohl allen Kameraden bekannt sei, in welch' schroffem Ton der bergbauliche Verein den Vertretern der Bergleuze entgegengetreten sei. Welche Mühe habe es doc gekostet, das Antwortschreiben an Effert zu erhalten, und gerade wie zum Hohne habe schon vorher die Antwort in einem öffentlichen Blatte gestanden. Den streikenden Bergleuten würde vorgerufen, daß sie Kontraktbruch begangen hätten. Gewiß, der Kotraktbruch habe stattgefunden, aber wie sollten es die Bargleute anders gemacht haben und wer habe denn größeren Kontraktbruch begangen, die Arbeiter oder die.werkschaften? Die Forderungen des 1889er Protokolls zwischen den Arbeiter=Delegierten Schröder, Bunte und Siegel und Dr. Hammacher als Vorsitzender des bergbaulichen Veretns seien festgelegt worden, aber wurden seine Abmachungen gehalten? Nein, und infolgedessen mußte auch Dr. Hammecher seinen VorstandsTup er vyne gosten niederlegen. Der Referent verlas dann das in Frage kommende Protokoll und fand bei jedem Punkte Ausstellungen, die für den Bergarbeiter Kontraktbruch bedeuteten. Bei Reichstags=. Gemeinde= und Knappschaftswahlen nabe man versucht, den Bergarbeitern das Wahlrecht zu beschneiden, ob das kein Kotraktbruch sei? Die Bergleute seien aber auch freie, deutsche Bürger, für sie sei auch das Wahlrecht geschaffen. Betr. der jetzigen Forderungen teilte Redner noch mit, daß auf Zeche„Rheinpreußen" alle Forderungen bewilligt seien, warum nun aber hier? Weil diese Zeche außerhalb des bergbaulichen Vereins stehe. Alle innerkalb desselben vereinten Gruben halten Disziplia, beobachtet Ihr(die Bergleute) ebenso siramme Disziplin, stebet fest zusammen, daß unsere Organisation Anerkennung findet. Gerade die Organisan sei den Gerren ein Torn im Auge und deshall wollten sie auch die Vertreter der Zechen nicht anerkennen und sich nicht in Unterhandlungen einlassen.„Laßt Euch nicht beirren von irgend einer Seite! Hütet Euch per falschen Flugblättern, es wer en allerlei Teiks versucht, aber was nicht von Eneren Führern ausgegeben ist, das darf nicht für Euch gelten.“ Das Einschüchtern betr. Räumung von Wohnungen in Zechenkolonien sei nur ein Kriegsmanöver und stehe auch mit dem bürgerlichen Gesetzbuche, das bei monatlicher Mietzaslung auch monatliche Kündigung festsetzt, in Widerspruch.„Lasset Euch nicht bange machen! Seid einig und bleib: einig, es ist sehr notwendig! Nicht nur zur Gewährung der Forderungen, sondern auch zur Anerkennung dder Orgganisation ist dies erforderlich! Beobachtet größte Ruhe und Frieden daß die heutige Bewegung kum Siege der Bergarbeiter führe. Glück auf!“ Hierauf ergriff Herr Auf der Srtaße=Essen, vom Bergarbeiterverband, (alter Verband), das Wort, um auf Grund der in der letzten Nummer der Rhein.=Westfäl. Zeitung(Kohlentante nannte sie der Redner) gebrachten Berichte über die Interpellation betr. des Bergarbeiterstreikes dieselben als entstellt, teilweise als geradezu wahnsinnig, zu bezeichnen. Redner ging des näheren auf den Verlauf der Debatten ein, die mit einem Mahnworte des Ministers an die Adresse des bergbaulichen Vereins schlossen.„Man fand den richtigen Ton, als die Vertreter aller Parteien mal gründlich mit den Herrn aufgeräumt haben, die dem ganzen Deutschland ihren Willen aufdrücken wollen und die Bergarbeiteitersache steht jetzt so da, daß wir sagen können: Mit der Hülfe des Bürgertums werden wir den Sieg erringen! Der gemachte Vorwurf:„Der Streik sei eine sozialdemokratische Bewegung“ ist nicht mehr als lächerlich und noch ein Wort darüber zu verlieren, hieße Wasser in die Ruhr tragen!" Redner sprach des Ferneren über allerlei Alarmnachrichten und besonders über die Ordnungsleute, welche von vielen Seiten in den Mond gewünscht würden. Diese seien dafür da, oaß Ruhe und Ordnung gehalten würde, daß jeder Streikende sich recht chevaliermäßig benähme. Herr A. giag dann noch des Näheren auf die Forderungen der Bergleute ein, sprach darüber, wie die Zahl der Arbeitswilligen festgestellt und angegeben würde, über den argeblich so hohen Vorrat an Kohlen und über den Import aus Belgien, Frankreich und England. Er widerlegte die Angabe des bergbaulichen Vereins die Forderungen der Bergleute seien undiskutabel, gab einen kurzen Ueberblick über das Durchschnittsalter der Bergleute in den einzelnen Revieren und dem geringen Durchschnittsverdienst gegenüber den riesigee Dividendn der Gewerkschaften und wünscht, daß wenigstens die meisten Forderungen bewilligt würden. Indem er noch daran erinnert, daß jeder Kampf Opfer erfordere, und daß derselbe durch die Organisation geführt werde, mahnt Herr A. zum Beitritt zu der Organisation und schloß mit den begeisterten Worten:„Den Glauben an unsere gerechte Sache kann uns niemand nehmen! Wir glauben an den Sieg und den werden wir erringen!“ In der sich nun anschließenden Diskussion wurde u. a. zum treuen Aushalten aufgemuntert, ermahnt zum Meiden des Alkohols und sich überall, namentlich bei dem bevorstehenden Lohntage, der größten Ruhe zu befleißigen. Mit einem Hoch auf die Einigkeit der Bergleute wurde gegen ½ 6 Uhr die imposante Versammlung durch Herrn Joh. Schlischo geschlossen. —(Tötlicher Unglücksfall.) Der Schwiegervater des hier wohnenden Schlossers L. wollte gestern nachmittag einige Zweige von einem Baum absägen. Er stürzte hierbei unglücklicherweise ab, erlitt einen Genickbruch und starb infolgedessen nach kurzer Zeit. —(Auszeichnung.) Herrn Superintendent König in Witten wurde gestern nachmittag durch den Herrn Regierungspräsidenten von Coels aus Arnsberg der ihm von Sr. Maj. Kaiser Wilhelm verliehene Rote Adlerorden III. Klasse überreicht. Dortmund, 19. Jan.(Mord.) Kürzlich wurde im Felde hier die Leiche einer Frau gefunden. Man nahm an, sie sei an Epilepsie gestorben und begrub sie. Später wurden in den Kleidern Risse gefunden, die auf Messerstiche schließen ließen. Die Leiche wurde ausgegraben, und die Obduktion ergab Mord durch Messerstiche in die Brust. Von dem Täter fehlt jede Spur. Lank bei Krefeld, 21. Jan.(Verbrannt.) Hier ereignete sich ein bedauerlicher Unglücksfall. Das 3jährige Kind des Fabrikarbeiters Pütz stürzte in einen Kessel mit kochendem Wasser und verbrannte derart, daß es alsbald an den erlittenen Verletzungen verstarb. Köln, 21. Jan.(Ueberfahren) In der Nacht wurde auf dem Bahnhofe Ehrenfeld einem Bahnassistenten beide Beine abgefahren. Aachen, 21. Jan.(Todessturz.) In einer hiefigen Brauerei stürzte ein Brauerbursche mit einem Faß Bier die Kellertreppe hinab und blieb sofort tot. Verschsedeneg. — Ein grausiger Gattenmord ist in Bettenhausen bei Kassel verübt worden. Der Bahnhofswirt Weisel durchschnitt seiner Frau mit seinem Rasiermesser die Kehle und öffnete sich dann selbst die Pulsadern. Die Frau ist tot, der Mann nur leicht verletzt. — Beim Schlittschuhlaufen auf dein See bei Ribnitz in Mecklenburg brachen ein Lehrer und sein Pensionär ein. Beide ertranken. — Im schwarzen Meere sollen infolge schweier Stürme vierzig Dampfer und Sealer untergegangen sein. Neueste Nachrichten. Revolutionäre Bewegung in ganz Krakau, 24. Jan. Seit vierundzwanzig Stunden kommt keine Nachricht aus Rußland. Alle Briefe wie Depeschen werden an der Grenze angehalten. Eine revolutionäre Bewegung ist in ganz Polen ausgebrochen. Die Mobilisierung der Truppen wurde verhindert, Brücken zerstört, telegraphische Verbindungen unterbrochen. 5000 Arbeiter unter Vorantritt von roten Fahnen durchzogen die Stadt, die Kosaken waren anfangs machtlos, später trieben sie die Demonstranten in Seitengassen. Athen, 23. Jan.(Explosion.) Mehrere Dörfer in der Umgegend von Agia in Thessalien sind infolge der Erdbeben, die noch andauern, vollständig zerstört, anderseits bedroht das Anschwellen des Peneius die niedrige Lage des Stadtteils Larisso. Der strenge Winter macht die Lage ganz besonders schwierig. Madrid, 23. Jan.(Amnestie.) Anläßlich seines Namenstages hat der König eine Amnestie erlassen, die sich auch auf die Deputierten erstreckt, welche gerichtlich verfolgt werden. Durch diese Amgehie wird eine schpierige politische Frage gelöst. Pescheslolien. Verschiedene Berichte u. a. Landw. Lokalverein, Kavallerieverein und Oespel, Schuleinweihung betr. in der Donnerstag=Nr. D. R. Spielplan des Dortmunder Stadttheaters. Dienstag, den 24. Januar. Serie B. Nr. 33. Blaue Karten. Anfang 7½ Uhr:„Das Schwert des Damokles.“ Schwank in ein Aufzug von Gustav zu Puttlitz. Hierauf„Pension Schöller.“ Schwank in 3 Aufzügen von B. Jacobsohn. Mittwoch, den 25. Januar. Serie C. Nr. 34. Gelbe Karten. Anfang 7½ Uhr:„Der Freischütz.“ Romantische Oper in 3 Aufzügen von Karl Maria von Weber. Der Bergbauliche Verein in Essen hat unserer heutigen Nr. ein Flugblatt beigelegt, auf welches wir hiermit aufmerksam machen. e e e L u e J e. Se. m oe, e Todes-Anzeige. Gestern abend 7 Uhr verschied nach kurzer, schwerer Krankheit mein lieber Mann, unser guter Bruder, der Schuhmachermeister August Ritter im Alter von 89 Jahren. Allen Freunden, Verwandten u br“annten teilen dieses mit der Bitte um stille Teilnahme mit Aunen, 24. Januar 1005. Die trauernden Hinter bliebenen. Die Beerdigung findet am Donnerstag, 26. ds. Mts. 3½ Uhr vom Sterbehause, Wittenerstrasse 22 aus statt. Tahtend des Gireirs. ErsatzDanksagu g. Allen denen, welche meinem lieben Gatten, unserm guten Vater die letzte Ehre erwiesen haben, insbesondere den Arbeitern des Kruppschen Stahlwerks sowie dem Herrn Pfarier Lücking für seine trostreichen Worte am Grabe, sprechen wir hierlit unseren herzlichsten Dank aus. Frau Ww. A. 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Die Worte des Reichskanzlers im preußischen Abgeordnetenhause hätten die Arbeiter sympathisch berührt, Minister Möller aber habe die Grubenbesitzer in ihrer ablehnenden Haltung nur noch bestärkt. Wo bleibe die Regierung bei den Zechenstillegungen? Die Unternehmer hätten den Ausstand seit Jahren systematisch heraufbeschworen. Die Seilfahrt sei teilweise auf anderthalb Stunden ausgedehnt worden, die Schicht betrage bis 9½ Stunden, das Nullen erfolge in empörendem Umsange. Reichskanzler Graf Bülow betonte seine volle Unparteilichkeit und richtete an die Streikenden die dringende Mahnung, sich nicht zu Gewalttätigkeiten hinreißen zu lassen, sonst müsse die volle Macht des Staates eingesitzt werden. Die Arbeitswilligen müßten geschützt werden. Daß es nicht zur Einigung gekommen sei, beklage er, aber die Regierung habe ihr Möglichstes getan. Um das Recht in dieser Angelegenheit zu finden, bedürfe es eingehend der Untersuchung. Die Arbeiterorganisationen bei uns seien Werkzeuge politischer Parteien. Sie sollten sich freimachen von einer Parteipolitik, die auch in der Ausdehnung des Streiks nur ein Mittel zur Schürung von Klassenhaß sehe. Minister Möller erklärte, daß alle Beschwerden der Arbeiter entgegengenommen und sorgfältig geprüft werden sollen. Er berichtigte Behauptungen des Abg. Hue und bemerkte, daß die Organisationen versagt hätten. Abg. Stötzel(Ztr.) nahm die Organisationen in Schutz und maß den Unternehmern die Schuld zu. Sitzung vom 21. Januar. Die Lonservative Anfrage wegen der Handelsvertragsverhandlungen mit Oesterreich=Ungarn wurde von der Tagesordnung der Sonnabendsitzung abgesetzt, nachdem Staatssekretär Graf Pojadowsky erklärt hatte, die Verhandlungen seien noch nicht zum Abschluß gelangt und die Beantwortung könne frühestens im Laufe der neuen Woche erfolgen. Das Haus setzt sodann die Besprechung fort über die Interpellation Auer u. Gen. betr. den Bergarbeiterstreik im Ruhrrevier. Abg. Beumer(ntlib.): Ich will nur einige Tatsachen anführen, die geeignet sind, ein Schlaglicht auf die Verhältnisse im Ruhrrevier zu werfen. Ich schicke voraus, daß meine Parteifreunde und auch die Kohlengrubenbesitzer des Westens die Arbeiter aufs lebhafteste bedauern. Wir sind keine Unternehmerpartei, wir wollen auch durchaus, daß die Regierung über den Parteien steht. Die ganze Sachlage ist hier bisher einseitig dargestellt worder. Auch 1889 ist viel geredet worden von brutaler Behandlung der Arbeiter. Die amtliche Untersuchung hat aber dieses Gerede nicht bestätigt. Brutale Behandlung würden sich die Arbeiter gainicht gefallen lassen. Die Klagen über Prügel erinnern mich an folgenden Vorfall: Ein Arbeiter ist widerrechtlich auf die Förderschale gegangen. Der Steiger hat ihn dabei betroffen und gefragt: Soll ich Sie anzeigen, dann zahlen Sie 3 Mark Strafe, oder soll ich Ihnen lieber ein paar überziehen? Die Antwort lautete: Lieber ein paar Hiebe; aber machen Sie es nicht zu grob!(Heiterkeit.) Redner geht dann auf eine Reihe weiterer Einzelheiten in den Hue'schen Ausführungen ein. Hue sagte einer Zeche nach, daß die Arbeiter bei einem Lohn von kaum 4 Mark splitternackt im Wasser stehend arbeiten müßten wegen zu großer Hitze. Dieselbe Zeche, es sei die Zeche„Neumühl“, hat erklären und feststellen lassen, daß ihre Gruben zu den bestventilietten gehören und daß die Hauer über 4 Mark verdienen. Die Zeche hat ferner in zahlreichen Punkten den ihr angetragenen Wünschen der Belegschaft stattgegeben. Und was hat das genutzt? Am andern Tage wurde gestreikt. Und am Streik nahmen auch die ArbeiterDelegierten teil, die vorher von dem Entgegenkommen der Zeche durchaus befriedigt waren. Auf der Zeche„Konstantin“ sollen an einer Stelle 38 Grad Celsius gewesen sein, und die Arbeitszeit soll Wertcge„..„ Dienstag, den 24. Januar. trotzdem über 8 Stunden betragen haben. Die Untersuchung hat ergeben, daß nur 23 Grad und an keiner Stelle mehr als 24 Grad Celsius vorhanden sind. Auf genau demselben Niveau stihen alle übrigen über die Zeche„Konstantin“ vorgebrachten Angaben. Namentlich auch die jenigen über die Lohnhöhe. Eine Klage über Entlassung eines Arbeiters, der eine Beschwerde resp. Wünsche vorgebracht hatte, ist ganz und gar haltlos, denn den betreffenden Wünschen ist Folge gegeben worden. Der betreffende Arbeiter wurde auf seinen eigenen Wunsch entlassen, gänzlich ohne Zusammenhang mit seinen vorausgegangenen schriftlichen Vorbrirgungen. Der Streik ist entstanden, weil so lange von den Führern ins Feuer geblasen wurde, bis die Flamme hochschlug. Dann natürlich konnte das Abmahnen der Führer nichts mehr nützen. Jetzt, nach dem Kontraktbruch können die Zechen nicht nachgeben. Täten sie es, so würde damit der Kontraktbruch sanktioniert. Und was das heißt, das mag man sich wohl überlegen, auch die verbündeten Regierungen mözen das tun. Das Wagennullen ist ein Disziplinmittel, das unentbehrlich ist. Es ist als solches besser als alle Geldstrafen, und es ist im englischen Berggesetze ausdrücklich festgelegt. Dem Oberbürgermeister Schmieding hat gestern Hue nachgesagt, er sei äußerst nervös, was recht durch seine Eigenschaft als Aufsichtsratsmitglied von Haipen zu erklären sei. Dem gegenüber bemerke ich, die Aufsichtsratsstelle hat Schmieding angenommen mit Zustimmung des Magistrats, und Nervosität hat Herrn Schmieding wohl noch niemand nachg sagt. Ich komme zum Schluß. Der Streik bedroht die ganze Provinz mit großer Not. In mancher Bergmannsfamilie wird es an Brot fehlen. Und da muß ich erwähnen, daß bei der sozialdemokratischen Bäckerei=Genossenschaft„Volkswohl“ in Rippenscheid die Brotpreise auß rordentlich hoch sind, höher als sonst in der Provinz, höher auch als in der Konsumanstalt Krupp. Ich folgere daraus: Ehe Sie uns angreifen, kehren Sie vor Ihrer eigenen Tür! Abg. Molkenbuhr(Soz.) geht zunächst auf die Lohnverhältnisse ein. Gibt es wirklich so hohe Löhne, wie Vo redner bezüglich der Zeche„Neumühl“ angegeben hat, bis zu 8 Mark, dann muß es doch auch sehr viele Löhne von nur 2 Maik geben, denn wie sollte sonst der amtlich angegebene„Durchschnitt“ herauskommen. Auf der Zeche„Bruchstraße“ ist der viel getadelte Vertragsbruch notorisch zuerst von Herrn Stinnes selber begangen worden. Und wo, das frage ich Herrn Beumer, sind Verträge abgeschlossen worden, die den Arbeiter verpflichten, sich prügeln zu lassen? Und daß geprügelt worden ist, hat Herr Beumer selbst zugegeben. Was die gestrige Rede des Reichskanzlers anlangt, so könnte dieselbe passieren, wenn sie von einem Saulmeister gehilten worden wäre. Bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit kam der Reichskanzler auf den Zukunftsstaat. Der Reichskanzler, der so lange im Auslande gewesen, hat offenbar das Buch Eugen Richters gegen die Sozialdemokratie 10 Jahre zu spät gelesen.(Heiterkeit.) Der Tercorismus der Unternehmer läßt den Reichskanzler gleichgültig; aber sobald er etwas von Terrorismus gegen Arbeitswillige auch nur hört, rigt er sich auf. Helfen kann tatsächlich rur die Verstaatlichung des gesamten Kohlenbergbaues. Aber davor schreckt der Reichskanzler zurück aus Furcht vor dem Zukunftsstaat. Bezeichnend für die ganze Sachlage ist es, wie in diesem Falle sozia demokratische und nicht=sozialdemokratische Arbeiter brüderlich zusammenstehen. Das zeigt, wie die Bergleute allesamt sich als solche getroffen fühlen durch des Verhalten der Zechenbesitzer. Geaf Bülow hat gestern auf die sozialen Leistungen der Unternehmer hingewieser. Aber wie sind trotzdem die Erträge und Dividenden des Kohlenbergbaues gestiegen! Auch die ZechenStillegungen des Syndikats bezwecken wieder nur eine Steigerung der Kohlenpreise zum Vorteil der Unternehmer. Jetzt sind die Stilllegungen zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Ist erst der Streik beigelegt, wird man an solchen Stillegungen sicherlich etwas erleben! Die Zustände, namentlich auch mit dem Prügeln, sird unhaltbar. Es ist höchste Zeit, daß der Reichskanzler diesen Mißständen durch Reichsgesetz abhilft. Abg. Pohl(frs. Volksp.): In Oberschlesien sind die Verhältnisse vielleicht nicht mustergültig; aber die Beziehungen zwischen Unternehmern und Bergarbeitern sind dort wenigstens erträgliche. Hier, an der Ruhr, ist zu bedauern, daß sich in die wirtschaftlichen Verhältnisse auch politische einmischen. Es ist unmöglich zu sagen: Hier oder dort allein liegt die Schuld. Man muß sich fragen: Wo ist die Wahrheit? Zu bedauern ist, wie gestern Graf Bülow politische Momente hineintrug, sogar unter Bemerkungen gegen die Dunckerschen Geweikvereine, und ganz dessen uneingedenk, wie segensreich es ist, daß sich in diesen Gewerkvereinen Arbeiter zusammenfinden, die auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung ihre wirtschaftlichen Verhälinisse zu bessern bestrebt sind. Wie kommt man übrigers dazu, die Niederlegung einer Arbeit ohne Kündigung einfach als Gesetzwidrigkeit zu bezeichnen? Daß jemand die Arbeit ohne Kündigung niederlegt, kommt beinahe alle Tage vor, z. B. wegen schlechter Behandlung. Auch das Bürgerliche Gesetzbuch läßt die Niederlegung zu„wegen wichtigen Gründen“, was wichtige Gründe sind, überläßt das Gesetz der Beurteilung der einzelnen. Und ist vielleicht schlechte, grohe Behandlung, ist das Wagennullen kein Grund? Für die ganzen Vorgänge ist der ungenügende Rechtszustand verantwortlich zu machen, vor allem auch, daß nicht Unternehmer und Arbeiter gezwungen werden können, sich gegenseitig Rede und Antwort zu stehen. Heutzutage muß ein Arbeiter, der angelegt sein und nicht hungern will, unweigerlich alle Bedingungen annehmen, die ihm in der Arbeitsordnung gestellt werden. Fraglich ist, ob die Zechen klug daran tun, sich so schroff auf den Rechtsstandpunkt zu stellen. Ein Eingreifen von oben, um die Unternehmer zu Verhandlungen zu zwingen, würde doch sicherlich einen moralischen Einfluß ausüben. Wir halen uns über die Entsendung der Regierungsvertreter in das Streikgebiet gefreut; aber war es klug, war es patriotisch, daß die Zechenbesitzer Verhandlungen ablehnten? Sind die Heirn zu hochmütig, mit Arbeitern zu verhandeln? Den Schaden dieses Hochmuts wird das Vaterland tragen. Abg. v. Kardorff(Rp): Durch Reichs= oder preußisches Berggesetz muß eine Sicherheit gezen mißbräuchliches Stillegen von Zechen geschaffen werden. Die Arbeiter werden einem solchen staatlichin Vorgehen Vorschub leisten, wenn sie so schleunig wie möglich die Arbeit wieder aufnehmen. In der Spiritusbrennerei ist es nicht gestattet, daß, wenn eine kleine Brenn rei eingeht, ihr Kontingent auf die ankaufende große Brennerei übergeht. Eine ähnliche Bestimmung müßte gesitz'ich für das Kohlenyndikat geschaffen werden. Es würde dann nicht mözlich sein, daß Zechen stillgelegt werden, um gleichwohl noch von ihnen Nutzen zu ziehen durch Uebertragung ihres Anteils auf andere Zechen. Abg. Stoecker(wildkons.): Wegen des Kontraktbruchs kann man die Arbeiter allenfalls entschuldigen. Man kann sich den Kontraktbruch aus den Verhältnissen heraus erklären, kann aber den Arbeitern nur recht geben. Gegenüber den gestrigen Ausführungen des Reichskanzlers möchte ich erklären, daß dieser Streik nicht Folge sozialdemokratischer Verhetzung ist. Die Zechenstillegungen haben beunruhigend gewirkt. Die Ocganisationen soll man nicht bekämpfen, sondern sie entwickeln. Die Weigerung der Unternehmer, mit den Arbeitern zu verhandeln, ist unvernünftig und unerträglich. In einer jo ungeheuer wichtigen Frage, wo das Wohl einer ganzen Provinz auf dem Spiele steht, ist es mit den ganzen modernen Verhältnissen unvereinbar, wenn die Zechen nur verhandeln wollen mit ihren Belegschaften, eber nicht mit Verdänden! An die Stelle des absoluten Regiments muß schließlich das konstitutionelle treten. Haben sich das die Könige gefallen lassen müssen, so werden es sich auch die Zechen gefallen lassen wüsser. Lehnen die Zechen die Verhandlungen ab, so stehen wir hier vor der Erscheinung, daß das Syndikat möchtiger ist aks der Staat. Man sagt: Ich kann mit meinem Kapital machen, was ich will. Das kann man aber nur etwa vor Gericht, nicht aber vor dem Ricktrstuhl einer gesunden Sozialpolitik sagen. Was der Reichskanzler gestern sagte, hat die versöhnende Kraft seiner Worte im preußischen Abgeordnetenhause sehr abgeschwächt. Die Regierung hätte schon längst Mittel suchen müssen vor dem Streik, um die D fferenzen vor einem Schiedsgericht auszugleichen, vor einem Schiedsgericht mit Erscheinungszwang! Die Hauptsache sind die Organisationen, damit beide Teile miteinander Fühlung nehmen können. Minister Möller lobte die Ruhe und Mäßigung. Die Grubenbesitzer müßten sich klar werden, daß die öffentliche Meinung gegen sie sei und hätten zu versuchen, den Fehler wieder gut zu machen. Die Besprechung wird Montag fortgesetzt. Der Jug des Gerzens. Roman von Bruno Emil König. 13 Nachdruck verboten. Am Abend gaben die Honoratioren der Stadt dem Offizierkoipe einen Ball, an welchem Thekla, von Herbert geführt, teilnahm und allgemein bewundert, von der Herrenwelt umschwärmt und gefeiert wurde. Allein der Eine, der dem Feste für Thekla allein die rechte Weihe verliehen haben würde, blieb fern. Sie folgte deshalb zum allgemeinen Bedauern dem Onkel ziemlich früh nach dem Hotel zurück. Am andern Morgen sah sich Graf Eberhard genötigt, mit einem befreundeten höheren Offizier einen Ausflug nach der Porta Westfalica zu unternehmen. Thekla blieb zurück. Kaum hatte der Onkel sich entfert, als ihr ein Kavallerie=Offizier gemeldet wurde. Ein Bangen, ein süßes Ahnen überkam ihr Herz, und in atemloser Spannung erwartete sie den Besuch. Da öffnete sich die Tür und— der Heißersehnte stand vor ihr in seiner ganzen männlichen Schönheit. Er verneigte sich tief, ergriff ihre zarte weiße Hand und preßte seine rosigen Lippen darauf. Theklas Rechte zitterte merklich in der seinen und ihre Stimme bebte, als sie den Freund ihrer Jugend und den Retter ihres Lebens aufforderte, Platz zu nehmen und des Onkels Abwesenheit entschuldigte. Sie waren allein, endlich allein nach langer Trennung. Der Moment, den sie so heiß ersehnt und vor den sie gebangt, er war da. Beider Herzen waren so voll; sie hatten sich in den Minuten des Alleinseins soviel sagen wollen und nun?—— Da saßen sie sich gegenüber mit ihren pochenden Herzen und niedergeschlagenen Augen, stumm und wortlos, und Heinrich, der dem Tode so manchmal mutig ins Auge geschaut, wagte jetzt den Blick nicht aufzurichten. Thekla wiederum sah sich beklommen um, als suche sie den Onkel. Endlich unterbrach Heinrich das beängstigende Schweigen. Er erhob sich und wollte sich empfehlen, da er den Herrn Grasen nicht angetroffen. Thekla hielt ihn zurück. „Nein,“ hauchte sie,„so schnell lasse ich den Retter meines Lebens nach so langer Abwesenheit nicht von mir gehen!“ Und jetzt war der Bann gelöst, es trafen sich ihrer Augen Sterne, und der Blick der Geliebten drang dem jungen Sohn des Mars tief in das Herz hinein. Er pries sich glücklich, daß ihm das Geschick diese Stunde beschieden, die ihn noch einmal mit dem gnädigen Fräulein und zwar ohne Zeugen zusammengeführt! „Ich freue mich dessen nicht minder," versicherte Thekla mit Wärme,„daß ich Sie wiedersehe, danke ich ja Ihnen allein, denn hätten Sie damals nicht ihr teueres Leben für mich in die Schanze geschlagen, so würde Thekla längst im kühlen Schoße der Erde ruhen. Darum von ganzem Herzen:„Willkommen in der westfälischen Heimat!“ Heinrich verneigte sich verbindlich. „Gnädiges Fräulein!“ stammelte er beklommen. Vor einem wichtigen Wendepunkte meines Lebens stehend, ist diese Stunde des Alleinseins mit Ihnen für mich von der größten Wichtigkeit; denn sie bedeutet unsere letzte Zusammenkunft unter vier Augen.“ „Wie!“ rief die Baronesse ängstlich.„Wollen sie nicht zurückkehren auf die Cappenburg zu Ihrem braven Vater?“ „O doch!“ versetzte Heinrich.„Ich hoffe auf meine baldige Entlassung und dann werde ich nach dem Schlosse kommen, mit dem Herrn Grafen und meinem Vater die Pläne für meine Zukunft zu beraten!“ „Und was würden Sie am liebsten beginnen?“ fragte Thekla und sah ihn erwaitungsvoll an. „Weit, weit hinausziehen in die Ferne, da mir das Glück hier nimmer blüht!“ seufzte der junge Offizier. „Fort?“ wiederholte Thekla schmerzlich überrascht,„und ich hoffte, Sie nun endlich täglich zu sehen!“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihr schönes Antlitz nahm einen geradezu trostlosen Ausdruck an. „Der Onkel sprach davon, daß Sie nunmehr zunächst die Administration der Herrschaft Cappenburg und der beiden Vorwerke übernehmen würden“, fuhr sie bewegt fort, und ein Strahl der Hoffnung glitt über ihre feinen Züge. „Das ist leider unmöglich!“ versetzte Heinrich dumpf und senkte den Blick zu Boden.„Ich würde gerade dort dem Herrn Grafen nur wenig nützen und——“ „Und?“ wiederholte Thekla, seine Rechte ergreifend, als wollte sie ihn zurückhalten und nie mehr in die Ferne ziehen lassen, und weich, fast flehend fragte sie:„Und? Und? O sprechen Sie, Heinrich, sagen Sie mir, warum Sie nicht bei uns leben wollen, offenbaren Sie es mir in dieser Stunde, was Ihnen Ihre Heimat verleidet!“ Der Druck ihrer zarten Hand ging ihm wie ein elektrischer Funke bis nach dem Herzen und mit abgewandtem Antlitz preßte er hervor: „Weil ich dort einen tausendfachen Tod sterben müßte!“ ase aue dane derite Seale alen.. eigenartig traurig von den Lippen der Geliebten. Da endlich kam die so lange heldenhaft zurückgedämpfte Leidenschaft des jungen Mannes mit aller Macht zum Ausbruch und aus der Tiefe seines Herzers quoll es hervor: „Dun, so mögen Sie es denn erfahren, das Geheimnis meines Herzens: Ich muß Cappenburg verlassen, weil an jedem Tage die Schmerzen des Entsagens sich wiederholen würden, denn“— er sank vor der Grliebten in die Knie— denn ich liebe und— darf es nicht! Wen ich liebe?— O, erlassen Sie mir, den Namen auszusprechen! Sie kennen ihn! Sagt mir mein Hrz doch schen längst, daß das Ihre ahnt, was ich für Sie empfinde, daß alle meine Pulse für Sie schlagen. Ich lege Ihnen das Bekenntniß meiner Liebe ab, nicht um Erhörung flehend, sondern um Ihnen die Beweggründe meines Scheidens zu erklären. Sie wssen, welche Schranke sich einer Vereinigung zwischen uns entgegenstellt, es ist die Schranke der Geburt und des Herkommens. Was würde die Welt, was der Herr Graf, und was Herbert dazu sazen, wollte ich, der Sohn des schlichten Schloßverwalters, die begehrende Hand ausstrecken nach dem Kleinod des gräflichen Hauses, nach der Baronesse von Gschmeider. Sie würden mich arrogant und undankbar schelten!“ „O. hallen Sie ein, Heinrich!“ bat Thekla.„Ist Herbeit nicht Ihr Freund? Steht Ihnen der Onkel nicht gegenüber wie ein zweiter Vater, und ehrt er in Ihnen nicht den verdienstvollen Offizier!“ „Deshalb gerabe ist es meine Ehreupflicht, den Frieden des Hauses nicht zu stören, kein Eindringling zu werden in das Heiligtum der Familie, vielmehr deren Satzungen zu ehren.d niemals die Schranken, die das Herkommen zwischen uns aufgerichtet, zu durchbrechen!“ versetzte Heinrich. Er faßte die beiden Hände der Geliebten und sie entzog sie ihm nicht. „Ich sehnte diese Stunde herbei!“ fuhr er fort,„ich mochte nicht scheiden, ohne Ihnen meine Seele ganz erschlossen zu haben.“ Und nun quoll das Bekenntnis aus der Tiefe seines Herzens hervor: „Ich liebe Dich, Thekla, ich werde Dich lieben, bis einst mein Auge bricht und liebe Dich— hoffnungslos!“ 12 Er zog die leise Schluchzende sanft an seine Brust und schaute ihr mit einem Blick unsäglicher Trauer in die tränenumflorten Augen. Sie duldete es widerstandslos. Er neigte seine Lippen auf ihre Stirn, und— sie fühlte unter seinem keuschen Kuß alle Seligkeit einer reinen Liebe und zugleich alles Weh bitteren Entsagens. (Fortsetzung folgt.) Unser alesjänriger grösser POCRUP-AuUVOFNAUT ist eröffnet und gelangt das gesamte Warenlager zu bedeutend ermässigten Preisen zum Verkauf. Waren, die nur den Schein der Billigkeit erwecken, finden bei uns keine Aufnahme. Die Ausverkaufspreise sind auf jedem Etikett deutlich mit Blaustift vermerkt. Wischtücher 10, 6 und PE Besondere Gelegenheit v B140s170 cm zum Aussuchen. Wert bis 8 Mk. 15 Mk Gelegenheitskauf Halbleinene Bettucher 150/225 cm, zum Aussuchen 23 Ak ean, Prina Louisianstuch 9 50 mit kleinen Flecken, p. Stück, 20 Mtr., Wert bis 10.50 Mk. O Mk. Finzelne scbonr u. Hio für die Hälfte des regulären Wertes. eosten Primaschürzendruck bestes Fabrikat 140 breit, Mtr. Wert bis 1 Hk. 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Ebenso läßt Nectar gewöhnlich weder Stuhlverstopfung noch Beklemmung noch Kolikschmerzen noch Herzklopsen aufkommen, erhält vielmehr guten Schlaf und regen Appetit und verhütet also Schlaflosigkeit, Gemütszerstörung, Kopfschmerzen und nervöse Abspannung. In weiten Kreisen des Volkes durch seine Wirkungen geschätzt, erhält Nectar Frohsinn und Lebenslust. Nectar ist zu haben in Flaschen k..25 und zu M1.75 in Annen, Witten, Bommern, Wengern, Langendreer Oispel, Werne, Herdecke, Hörd, Barl##, Bochum Wetter, Aplirbeck, Weitmär, Dorstfeld, Do ttmund usw. in den Apotheken. Auch versendet auf Verlangen die Firma Hi bert Ullrich, Leipzig, im Engros=Verkauf Nectar gegen Nichnahme oder Voreinsendung des entfallenden Betrages zu Originalpreisen nach allen Orten Deutschlands porto= und kistefrei. Vor Nachahmungen wird gewarnt! Man verlange ausdrücklich Dr. Engrl'schen Rectrr. 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