Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. ungeineiner Rleisanzeiger Bezugspreis: Einschließlich Botenlohn für den Monat 1.80 Reichsmark.— Einzelpreis 10 Reichspfennig.— Die Schwelmer Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn= und feiertage. Geschäftsstelle: Schwelm Neustraße Nr. 6.— Celegr.=Anschrift: Zeitung Schwelm. (ernruf Nr. 2018.— Hostscheckkonto Hannover 76913.— Für unverangt gesandte Mannskripte wird keine Verbindlichkeit übernommen. Betriebsstörungen oder Streiks rechtfertigen keinerlei Ersatzansprüche. fUe den Ennepe=Kahr= nreis Auf roter Erde Schibeiner Riadlanzeiger Mit den Beilagen: — Blätter für Anterhaltung— Modebericht Anzeigenpreis: Im Anzeigenteil für 1 mm Höhe(36 mm breit) 8 Reichspfennig, außerhalb des Verbreitungsbezirkes 10 Reichspfennig; im Reklameteil(75 mm breit) 30 Reichspfennig. Bei Wiederholung Rabatt, der jedoch bei gerichtlicher S=Lreibung und im Falle einer Geschäftsaufsicht oder eines Konkurses fortfällt. Die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Cagen oder Stellen wird nicht gewährleistet. Schauß der Anzeigenannahme: Vormittags 10 Uhr. — Auf heimischer Scholle. Rummer 125 Erstes Blakt Dienstag, den 31. Mai 1932 103. Jahrgang Aubendurgs Hiei und Weg Man spricht von einem parteimäßig nicht gebundenen Kabinett Rationalsozialisten u. Deutschnationale verlangen vollkommene Systemänderung Das Echo im Auslande Die Gründe des Rücktrilts * Berlin, 31. Mai. Das Continentale Nachrich= tenbüro des Wolffschen Büros schreibt: Angesichts der Volksstimmung, die eine stärkere Drehung der verantwortlichen Reichspolitik nach rechts wünscht, hielt der Reichspräsident eine neue Notverordnung auf der Basis eines Kabinetts Brüning nicht mehr für tragbar. Diesen Eindruck von Hindenburgs Ansichten dürfte der Kanzler bereits in der Sonntag=Besprechung gewonnen haben, die ja übrigens auch nur von kurzer Dauer war. Damit hatte die gestrige Kabinettssitzung, die um 11 Uhr begann, nur noch den Zweck, den offiziellen Rücktrittsbeschluß des Gesamtkabinetts herbeizuführen, den der Kanzler dem Reichspräsidenten überbrachte. Was weiter? Der Reichspräsident hat durch die Art, wie er die Regierungskrise weiterführt, zu erkennen gegeben, daß er streng am parlamentarischen Muster festzuhalten gedenkt. Er hat am Montag nachmittag zunächst den Reichstagspräsidenten Löbe empfangen, nach ihm die Sozialdemokraten Wels und Breitscheid, endlich Herrn Goering und Herrn Hitler von den Nationalsozialisten. Für den Dienstag vormittag sind zu ihm Herr Kaas vom Zentrum, Herr Hugenberg von den Deutschnationalen und Herr Dingeldey von der Deutschen Volkspartei gebeten. Der Dienstag nachmittag ist dann den kleineren Parteien vorbehalten. Der Reichspräsident wird sich zunächst nur die verschiedenartigen Rezepte anhören, die die Parteiführer für ihn in Vorbereitung haben. Nationalsozialisten und Deutschnationale verlangen vollkommene Systemänderung. Herr Goebbels verlangt im„Angriff“ das Recht der Nationalsozialisten auf die Staatsführung. Die Sozialdemokraten haben ihre Fraktion zum Mittwoch einberufen, deuten aber schon an, daß eine Fortsetzung ihrer Tolerierungspolitik einem neuen Kabinett gegenüber kaum in Frage kommen könne. Vor Dienstag abend ist jedenfalls kaum damit zu rechnen, daß der Reichspräsident einen Auftrag zur Regierungsbildung vergibt. Er selbst scheint an ein parteimäßig nicht gebundenes Kabinett zu denken, das seiner Einstellung nach rechts orientiert ist, etwa in der Form. daß er„eine Persönlichkeit seines besonderen Vertrauens“ mit der Bildung eines parteipolitisch nicht gebundenen Kabinetts beauftragt. Eine solche Kombination hat aber irgendwelche Unterstützung von den Sozialdemokraten nicht zu erwarten, wahrscheinlich aber auch kein Tolerieren. Aber die nationalsozialistische Fraktion würde vermutlich in der Luft hängen, wenn ihr nicht von vornherein die Vollmacht zur Reichstagsauflösung mitgegeben würde. die aber bei der Volksstimmung doch nur einen Sieg der extremen Rechten, also den Rücktritt dieser eben erst gebildeten Regierung im Gefolge haben könnte. Es hat deshalb auch gar keinen Sinn, die zahllosen Kandidaten, die schon wieder aufmarschieren— es sind ja im Grunde immer dieselben, angefangen von dem früheren Reichswehrminister Geßler bis zu Herrn von Gayl— zu nennen. Die Liste wird sich vermutlich bis zum Dienstag abend noch erheblich vergrößern. Und gerade weil von einer„Persönlichkeit des besonderen Vertrauens" die Rede ist, könnte man sehr leicht eine große Ueberraschung erleben. Darüber besteht auch im Reichspräsidium volle Klarheit, daß die Entwicklung möglichst rasch gehen kann, daß ein Kabinett innerhalb weniger Tage auf den Beinen stehen muß, schon damit nachher die Franzosen den Versuch einer Sabotage der Lausanner Konferenz nicht auf uns abwälzen können. Der Reichshaushalt 1932 bleibt unerledigt * Berlin, 31. Mai. Das zurückgetretene Kabinett Brüning hat den Haushaltsplan für 1932 nicht mehr endgültig fertigstellen können; denn gerade die Meinungsverschiedenheiten über die Dekkung des Fehlbetrages in diesem Etat haben zum Sturz des Kabinetts geführt. Ein geschäftsführendes Kabinett, wie es die Regierung Brüning nunmehr ist, kann jedoch nach parlamentarischem Brauch keine wichtigen Gesetze, also auch keinen Etat, dem Parlament vorlegen. Bis Ende Juni ist der Haushalt des Reiches gesichert. In der Zwischenzeit ist jedoch die Neubildung der Regierung und die endgültige Aufstellung eines Haushaltsplanes nicht mehr möglich. In parlamentarischen Kreisen rechnet man daher damit, daß mindestens für einen Monat ein Uebergangsetat notwendig werden wird, der der geschäftsführenden Regierung oder dem neuen Kabinett lediglich die Ermächtigung zur Leistung eines bestimmten Aufgabenteils des alten Etats gibt. Das Kabinekt Brüning und seine Lestungen Zwei Jahre Arbeit Reichskanzler Dr. Brüning ist nach seinem heutigen Rücktritt genau zwei Jahre und zwei Monate im Amte gewesen. Nach dem Sturz des Kabinetts Müller gelang es ihm, sein erstes Kabinett zu bilden das bis zum 1. Oktober 1931 im Amte blieb. Schon wenige Monate nach der Bildung seines ersten Kabinetts, das bei der Ablehnung des bei seiner Vorstellung eingebrachten Mißtrauensvotums über eine Mehrheit von 66 Stimmen verfügen konnte, kam es zur ersten personellen Veränderung insofern als der damalige Reichsfinanzminister Prof. Dr. Moldenhauer zurücktrat und am 26. Juni 1930 durch Reichsfinanzminister Dr. Dietrich ersetzt wurde. Die Arbeiten des Kabinetts Brüning standen von Aufang an im Zeichen der schweren Wirtschaftskrise. Die erste große Notverordnung vom 16. Juli 1930 hatte daher auch heftige parlamentarische Kämpfe zur Folge, die zum Beschluß der Aufhebung der Notverordnung führte, woraufhin der Reichstag aufgelöst wurde. Die Neuwahlen sanden am 14. September statt und ergaben ein außerordentlich starkes Anwachsen der Nationalsozialisten. Trotzdem konnte sich das Kabinett Brüning auch weiterhin im Reichstage behaupten, nachdem es ein neues Finanz= und Wirtschaftsprogramm aufgestellt hatte. Kurz vor dem Erlaß der zweiten großen Notverordnung kam es noch zum Abschwenken der Wirtschaftspartei, die den Justizminister Dr. Bredt zurückzog. Die zweite Notverordnung wurde sodann am 1. Dezember 1930 veröffentlicht. Nach der Bereisung der deutschen Ostarenzen in den ersten Januartagen 1931 wurden die Verhandlungen mit Oesterreich eingeleitet, die am 31. März 1931 zur Veröffentlichung des Deutsch= [Oesterreichischen Zollpaktes führten. Diese Zollvereinbarungen hatten lebhafte politische Auseinandersetzungen zur Folge, die durch Ueberweisung des Zollabkommens an den Haager Gerichtshof zunächst abgebogen werden konnten. Es setzte jetzt die Vorbereitungszeit der großen internationalen Verhandlungen ein. Reichskanzler Dr. Brüning reiste mit Reichsaußenminister Dr. Curtius nach Chequers, wo es zur ersten Fühlungnahme mit den englischen Staatsmännern kam, was dann im Verlaufe des Sommers 1931 weitere Ministerbesuche zur Folge hatte. Diese außenpolitischen Fragen wurden zunächst durch die finanzielle Entwicklung Deutschlands etwas in den Hintergrund gedrängt, folgte doch der Inkraftsetzung des Hoover=Moratoriums vom 10. Juli 1931 die berühmte Danatnacht vom 13. zum 14. Juli, in der die Notverordnung betr. die Reichsgarantie für die Danatbank sowie die anschließenden Bankfeiertage beschlossen wurde, was eine Reihe weiterer Notverordnungen über den Devisenverkehr, den Zahlungsverkehr der Bauken, die Presse, die Kapital= und Steuerflucht und die Auslandspaßgebühren zur Folge hatte. Ende Juli wurde sodann das Reiseprogramm fortgesetzt, und Brüning und Curtius fuhren zunächst nach Paris, um mit Laval und Tardieu zu verhandeln und die anschließende Londoner Konferenz vorzubereiten. Am 26. Juli besuchte der amerikanische Staatssekretär Stimson Berlin, am 27. Juli trafen Macdonald und Henderson in Berlin ein, und am 7. August reisten Dr. Brüning und Reichsaußenminister Dr. Curtius nach Rom, wo das Besuchsprogramm zunächst seinen Abschluß fand. Die französischen Staatsmänner Laval und Briand trafen am 31. August zu ihrem Gegenbesuch in Berlin ein, während der italienische Außenminister Grandi in Vertretung des italienischen Ministerpräsidenten Mussolini den Gegenbesuch der italienischen Regierung am 25. Oktober 1931 in Berlin abstattete. In Verfolg der internationalen Auseinandersetzungen um die deutsch=österreichischen Zollvereinbarungen kam es am 6. Oktober zum Rücktritt des Reichsaußenministers Dr. Curtius und einen Tag danach zur Gesamtdemission des ersten Kabinetts Brüning. Dr. Brüning wurde sofort mit der Regierungsbildung beauftragt, und es gelang ihm schon in zwei Tagen, sein neues Kabinett zu bilden, das nur einige Veränderungen gegenüber dem ersten Kabinett aufwies, insofern, als Prof. Warmbold zum Reichswirtschaftsminister, der bisherige Staatssekretär Joel zum Reichsjustizminister und der Reichswehrminister mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsinnenministeriums beauftragt wurden. Bei seiner Vorstellung vor dem Reichstag gelang es Dr. Brüning, sich wiederum eine Mehrheit zu sichern, und den Reichstag sodann bis zum 23. Februar 1932 zu vertagen. Am 8. Dezember 1931 wurde die 4. Notverordnung veröffentlicht, die zu gleicher Zeit einen Burgfrieden bis zum 3. Januar 1932 verkündete. Die ersten Monate des neuen Jahres standen vollkommen im Zeichen der Vorbereitung der Reichspräsidentenwahl, wo Dr. Brüning zunächst den Versuch machte, auf parlamentarischem Wege die Verlängerung der Präsidentschaft Hindenburgs durchzusetzen, was aber scheiterte, da sowohl Hitler als auch Hugenberg diesen Weg ablehnten. Es kam am 13. März zum ersten und am 10. April zum zweiten Wahlgang, wobei Reichspräsident von Hindenburg wiedergewählt wurde. Am 13. April unterzeichnete der Reichspräsident eine Notverordnung, durch die die SA. und SS. allgemein verboten wurden. Die innerpolitische Lage nahm in Verfolg der allgemeinen wirtschaftlichen und internationalen Verwicklungen immer kompliziertere Formen an, wozu schließlich auch noch der Ausgang der Preußenwahl und das damit verbundene starke Anwachsen der Nationalsozialisten nicht unwesentlich beitrug. Dem Ausscheiden Warmbolds aus dem Reichskabinett folgte schließlich die Ankündigung, daß der Reichswehrminister von seinem Amt zurücktreten wolle, um sich ganz den Arbeiten des Reichsinnenministeriums zu widmen. Die letzte Tagung des Reichstages endete wiederum mit der Ablehnung der eingebrachten Mißtrauensvoten gegen das Kabinett, doch konnte über die eingebrachten Einzelmißtrauensvoten nicht abgestimmt werden, da die Zwischenfälle im Reichstags=Restaurant die Tagung auffliegen ließen. In der Folgezeit hat sich nun das Kabinett mit der Ausarbeitung der Maßnahmen zur Sanierung der Sozialversicherung befaßt, die in dieser Woche erlassen werden sollten. Inwieweit es nun zur Durchführung dieser Maßnahmen kommen wird, hängt von der weiteren Gestaltung der Dinge ab. Das Echo der Presse im In- und Auslande Die Berliner Presse schreibt .“ Berlin, 30. Mai. Der nationalsozialistische „Angriff“ nennt den Rücktritt die„Folge des ###denburger Wahlsieges“. Die Stunde der NSDAP. sei gekommen. Noch habe der Reichstag das Wort.— Die Deutsche Allgemeine Zeitung“ meint, daß der Rücktritt erfolgt sei, weil seit dem politisch unglaublich kurzsichtigen Verbot der SA.=Abteilungen eine Spannung zwischen Regierung und Reichspräsident bestanden habe, die gelöst werden mußte. Worauf es ankomme, sei eine solche Auswahl des neuen Reichskanzlers und seiner Ministerkollegen, daß die ehrliche Berücksichtigung der an die Macht drängenden Volksbewegung der Rechten offenbar werde. Zugleich werde sich zu zeigen haben, daß die Hitler=Partei unbedingt auf die Mitwirkung erprobter und angesehener Praktiker der Politik und des Wirtschaftslebens angewiesen sei.— Die „Germania“, sagt, die neue Lage stellt den Reichspräsidenten vor eine außerordentlich schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Die Lage Deutschlands ist jedenfalls so daß ohne jeden Zeitverlust eine handlungsfähige Regierung gebildet werden muß, und man darf erwarten, das alles geschieht, um dieser lebenswichtigen Forderung Rechnung zu tragen. Die politischen Konsequenzen, die sich aus dem heutigen Vorgang ergeben, müssen jedenfalls in den allernächsten Tagen restlos geklärt sein.— Der„Börsen Courier" führt aus: Ein Zwischenzustand kaum mehr erträglicher Art ende an seinem (Fortsetzung auf der 2. Seite.) Die Episode Brüning Keine Regierung der Nachkriegszeit hat sich in Deutschland so lange im Amte halten können wie das Kabinett Brüning. und zwar lediglich deshalb, weil bisher ein besonders starkes Vertrauensverhältnis zwischen dem Kanzler und dem Reichspräsidenten bestand. Als dieses Vertrauen sich lokkerte. brach das System zusammen, das der Reichskanzler Brüning aufgerichtet hatte. Das unglückliche SA.=Verbot, das den Reichspräsidenten an einer seiner empfindlichsten Stellen traf und den Reichsminister Groener politisch unmöglich machte, gab den ersten Anstoß. Der sachliche Inhalt der geplanten neuen Notverordnung führte zum offenen Konflikt zwischen dem Kanzler und dem Kabinett, da Brüning es offenbar nicht über sich vermochte, sich von seinem Ministerkollegen und Parteifreund Stegerwald zu trennen, und da auch andere Kabinettsmitglieder sich mit Stegerwald solidarisch erklärt hatten. Der Reichspräsident aber blieb unnachgiebig und lehnte die Unterschrift unter die Notverordnung in dieser Fassung ab, während er sich gleichzeitig nicht entschließen konnte, dem Reichskkanzler die von ihm erbetenen weitgehenden Vollmachten für die Stabilisierung seiner Regierung zu erteilen. Als Brüning im April 1930 die schwere Erbschaft der verflossenen unfähigen Parteiregierungen übernahm, da wurde das Heraustreten des jungen begabten Zentrumsführers mit starken Hoffnungen begrüßt, obwohl es bei dem Stab des Kabinetts infolge der Gegnerschaft mit der Hugenberg=Gruppe schon eine Fehlzündung gab. Brünings erste Fehlberechnung bestand darin, daß er durch die Reichstagsauflösung vom Sommer 1930 eine Mehrheit der ihm folgenden Parteien erzielen zu können glaubte. Das Ergebnis aber war ein lawinengleiches Anwachsen der Rechtsopposition, woraus Brüning dann den Schluß zog, daß er sich der Sozialdemokratie nähern müsse, die ihn bis dahin heftig bekämpft hatte. So kam jene Regierungsweise zustande, die ein Mittelding zwischen Parlamentarismus und autoritärer Demokratie war. Brüning ist im Verlauf seiner Kanzlerschaft niemals über seine Frak= tionsgebundenheit hinweggekommen, und aus dieser Bindung heraus hat er im Zuge der Entwicklung die Politik der Halbheiten betrieben, die letzten Endes jetzt seinen Sturz veranlaßt hat. Es wird schwer sein zu entscheiden, ob Brüning als Reichskanzler die Entwicklung vom Parlamentarismus weg zur autoritären Demokratie bewußt gewollt, ober ob er sie stets nur als ein unvermeidliches Uebel angesehen hat.. Praktisch bedeutet seine Regierungstätigkeit einen starken Machtzuwachs für das Amt und die Person des Reichspräsidenten von Hindenburg, für dessen Wiederwahl sich Brüning so energisch eingesetzt hatte. Die Tragik in dem politischen Wirken dieses Nachkriegskanzlers besteht darin daß er den einzigen Weg, der zu Deutschlands Rettung führen kann, immer nur mit Zaudern und Zagen gegangen ist, und daß er es nicht wagte, sich von denjenigen politischen Kräften zu lösen, die ihn nur deshalb so lange unterstützt haben, weil sie in ihm ein Mittel zur Verhinderung des berhaßten Rechtskurses sahen. So kam das widernatürliche Bündnis zwischen Brüning und der Sozialdemokratie zustande, das sich in den Ländern in einer Verfolgung der nationalen Opposition auswirkte. Die Welle des Unwillens gegen Brüning und seine Politik stieg immer höher, und wenn es im Laufe der letzten zweieinviertel Jahre immer wieder Gelegenheiten gegeben hat, bei denen Brüning den Anschluß nach rechts hätte finden können, so wurden diese zuletzt immer seltener. Die Ansätze zu einer Neugestaltung der gesamten deutschen Politik namentlich auf außenpolitischem Gebiet sollen nicht verkannt werden. Brüning hat die Tributfrage bis zu dem Punkte geführt, wo die Welt ein deutsches Nein wenigstens entgegennimmt, wenngleich wir auch von einer Endlösung noch weiter entfernt sind, als Brüning es noch vor wenigen Wochen glaubte. Aber in der Innenpolitik ist seine Amtstätigkeit durch eine fortdauernde Unzulänglichkeit gekennzeichnet, die die Probleme immer vor sich herschob, anstatt sie ernsthaft anzupacken. Keine der großen Reformfragen, von deren baldiger Lösung das Wohl und Wehe von Staat und Volk abhängen, ist unter seiner Regierung wirklich in Angriff genommen worden. So kam es, daß alle Ansätze immer wieder versackten, und daß Brünings Nachfolger vor einer geradezu gigantischen Aufgabe steht, weil die Fundamente für einen haltbaren Staats. und Wirtschaftsaufbau überhaupt erst gelegt werden müssen. Die Regierung Brüning hätte in der Geschichte der Nachkriegszeit die Wegbereiterin für ein neues deutsches Regierungssystem werden Bönnen, das 5 2 MFA Mikrotilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. inneren Widerspruch. Welcherlei Anfang damit gemacht sei, wisse heute noch niemand zu sagen.— Die„Börsenzeitung" sieht den letzten Grund für den Rücktritt Brünings darin, daß der Kanzler sich endgültig geweigert habe, das Steuer der Regierung herumzuwersen und ohne die Linke mit der Rechten zu regieren.— Die„Deutsche Tageszeitung“ sagt: Jetzt stehe auch vor den politischen Parteien und vor den politisch maßgebenden Kräften die Verantwortung für die Neugestaltung der Dinge, jetzt stehe die Opposition eindentig und klar vor der Verantwortung. Pariser Pcessestimmen Paris 30. Mai. Zur Demission des Reichskanzlers schreibt„Temps“, der Reichskanzler stürzte unter den Schlägen, die die Rechtsparteien mit der Militärkamarilla verabredet hätten. Wenn es nicht direkt zu einer Diktaturregierung übergehe, sei es wahrscheinlich, daß die Auflösung des Reichstages der Demission des Reichskanzlers Brüning auf dem Fuße folge. „Journal des Debats“ erklärt, Reichslanzler Brüning sei zurückgetreten, obwohl er den Nationalisten Unterpfänder zugestanden habe. Er werde von der Hitlerbewegung hinweggespült. Der Sturz Brünings werde an dem deutschen Programm nichts ändern; er werde aber einen Wechsel in der Methode ermöglichen; Brüning sei ein Friedensapostel nach der Art des Bismarck=Schülers Dr. Stresemann gewesen. Seine letzte Rede bezüglich des Verlangens Deutschlands, nichts zu bezahlen und frei zu rüsten, sei scharf und wagemutig gewesen. Trotzdem habe Brüning dem neuen Deutschland nicht genügen können. Die nationalistische„Liberté“ schreibt: Gleichviel, welche Regierungskoalition nunmehr in Berlin zustande komme, Frankreich wisse, daß es sich künftig dem Herrn Deutschlands, nämlich Hitler, gegenüber befinde. Es sei vielleicht besser, daß die wirklichen Beauftragten Hitlers Deutschland auf der Abrüstungs= und auf der Lausanner Konferenz verträten. Der erste Eindruck in London * London, 30. Mai.„Es würde eine Tragödie allergrößten Ausmaßes sein, wenn Dr. Brüning stürzen und wenn, Deutschland in Lausanne die Politik Hitlers vertreten würde“, so schrieb heute mittag noch in einem Leitartikel das Abendblatt „Star“, das ein paar Seiten weiter in seinem Nachrichtenteil den Rücktritt des deutschen Reichskanzlers veröffentlicht. Trotzdem man durch die Meldungen der Morgenpresse aus Berlin schon etwas auf diesen Rücktritt vorbereitet war, hatte man doch gehofft, daß er in letzter Stunde noch verhütet werden könnte. Das Bedauern darüber ist mit ernsten Befürchtungen für die Zukunft Deutschlands und damit auch des übrigen Europa gemischt. In einem Berliner Telegramm über den Rücktritt Brünings heißt es: Die daraus entstehende Lage ist von großem Ernst für Deutschland und muß schwere Rückwirkungen für Europa haben. Sie bedeutet, daß am Vorabend der Lausanner Konferenz Deutschland in eine politische Krise allererster Größe gestürzt wird. „Deutschland braucht einen Cromwell“ Ein Hitler=Interview im Daily Skeich * London, 30. Mai. Daily Sketch veröffentlicht unter der Ueberschrift„Hitler wünscht Freundschaft mit uns zu schließen“ ein Interview seines Sonderkorrespondenten mit dem Führer der NSDAP der sich zu dem englischen Journalisten ausführlich über die Not des deutschen Volkes und die Unmöglichkeit weiterer Reparationszahlungen geäußert hat. Hitler erklärte u. a., was den früheren deutschen Kaiser und seine Familie betreffe, so hegten die Nationalsozialisten keine feindselige Gesinnung gegen sie. Prinz August Wilhelm sei sogar bekanntlich ein Mitglied der Partei. Aber die königliche Familie habe keine Bedeutung weiter, außer, daß ihre Rehabilitierung eine moralische Frage sei. Hitler führte dann aus, er arbeite seit 13 Jahren auf eine wirkliche Verständigung zwischen Deutschland und England hin und habe dabei die Unterstützung seiner ganzen Partei. Während die Bemühungen um eine freundschaftliche Verständigung mit Frankreich zuweilen hoffnungslos erschienen, sei die Lage bezüglich Deutschland und England ganz anders. Deutsch= land habe in der Vergangenheit Fehler begangen, besonders 1911 und 1898. Die Politik der gepanzerten Faust sei damals etwas übertrieben worden. Hitler fuhr fort: Solange es keine Abrüstung auf gesunder Grundlage gebe, sei er dafür daß England eine zur Verteidigung ausreichende Flotte und daß Deutschland zum gleichen Zwecke eine starke Armee habe. Wenn die Franzosen veranlaßt werden könnten, ihre Heeresstärke auf die deutsche von 100000 Mann herunterzubringen und auf die Waffenarten zu verzichten, die Deutschland verboten sind, dann würde er volles Vertrauen zum Völkerbund haben. Solange aber der jetzige ungeheure Unterschied bestehe, könne nicht ernstlich von Abrüstung gesprochen werden. Der Kommunismus in Deutschland mache keine ernstlichen Fortschritte. Allerdings würde Deutschland ohne das Bestehen der nationalsozialistischen Partei heute bolschewistisch sein. Zum Schluß sagte Hitler mit Nachdruck:„Was Deutschland heute braucht, ist ein Cromwell.“ Aefdints uegehen. * Berlin, 30. Mai. Das Wahlergebnis in Oldenburg ist eine neue Bestätigung für den siegreichen Vormarsch der nationalen Opposition. Nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch die Deutschnationalen haben einen großen stimmenmäßigen Zuwachs zu verzeichnen, und überraschenderweise hat auch die Landvolkpartei ihre Stellung etwas verbessern können. Das wesentliche Ergebnis dieser Länderwahl aber besteht darin, daß die Nationalsozialistische Partei zum erstenmal in einem Länderparlament die absolute Mehrheit errungen hat. Die Linkspresse tröstet sich damit, daß das Bild bei jetzt etwa stattfindenden Wahlen in den anderen Ländern und im Reich wesentlich anders aussehen würde. Dies mag für den Augenblick stimmen, aber wir dürfen nicht vergessen, daß dieselben Linksblätter, die jetzt derartige Betrachtungen anstellen, schon vor Jahresfrist behaupteten, daß die Nationalsozialisten zahlenmäßig überhaupt keiner Steigerung mehr fähig seien, da sie nach dem Zusammenbruch der Mittelparteien alle ihre Reserven ausgeschöpft hätten. Für die Wahl bezeichnend ist die Tatsache daß die Nationalsozialisten diesmal nicht nur die Mittelparteien mit Ausnahme der Landvolkgruppe wegrasiert haben, sondern daß sie im Verlauf eines Jahres den marxistischen Gruppen min. destens 6000 Stimmen und dem Zentrum mehr als 4000 Stimmen, in beiden Fällen annähernd 10 Prozent, abnehmen konnten. Sieht man die Dinge von dieser Seite her an, dann gewinnt das Oldenburger Wahlergebnis eine ganz besondere Bedeutung. Man wundert sich heute schon nicht mehr darüber, wenn Parteien wie die Deutsche Volkspartei und die Wirtschaftspartei, die ehedem in Oldenburg eine große Rolle spielten, überhaupt aus dem Parlament verschwinden, weil sie sechs Siebentel oder sieben Achtel ihrer Stimmenzahl binnen Jahresfrist eingebüßt haben. Der Umstand aber, daß die marxistischen Gruppen nochmals eine schwere Schlappe erleiden mußten, weist auf eine geradezu revolutionäre Sinnesänderung im deutschen Volke hin. Der nationalsozialistische Wahlsieg gewinnt noch dadurch an Gewicht, daß diesmal die benachbarte Rechtsgruppe, die Deutschnationalen daran nicht passiv beteiligt sind, sondern daß die DN BP. ihre Stimmenzahl sogar gegenüber dem Vorjahre nicht unwesentlich erhöhen konnte. Die Länderwahlen in Norddeutsch= land können nicht ohne Einfluß auf die weitere Entwicklung der deutschen Politik bleiben. Kaffee Hag: .. so gesund wie er gut ist .. unübertrefflich, aber nicht teurer! sich allmählich aus den Klauen der Parteiherrschaft befreit und den Staat zu neuer Leistungsfähigkeit führt. Sie hat die Kraft zu solchem Wirken nicht gefunden wobei man ihr ohne weiteres zubilligen muß, daß sie unter einer besonders großen Ungunst der Verhältnisse wirken mußte. Aber die Geschichte urteilt nach dem Erfolg, und sie wird deshalb die Regierung Brüning als eine Episode bezeichnen. Naeze Tagesreigienen Wieder normaler Verlauf des Sklarek=Prozesses * Berlin, 30. Mai. Im Sklarek=Prozeß wurde am Montag das Plädoyer von Staatsanwaltschaftsrat Dr. Weißenberg fortgesetzt. Da die prozessualen Schwierigkeiten, verursacht durch den Selbstmordversuch des Bürgermeisters Kohl aus dem Wege geräumt sind, ist nunmehr mit einem normalen Prozeßverlauf zu rechnen. Die Strafanträge der Staatsanwaltschaft werden noch im Laufe der Woche gestellt werden. Urteil im Brandstiftungsprozeß Strecker * Potsdam, 30. Mai. Das Schwurgericht verurteilte den 70 Jahre alten Dr Strecker wegen Brandstiftung in Tateinheit mit Versicherungsbetrug wieder zur Mindeststrafe von einem Jahr Zuchthaus. Schwere Universitätsunruhen in Wien * Wien, 30. Mai. Heute vormittag kam es in der Universität, in der Technischen Hochschule und in der Hochschule für Welthandel zu schweren Zusammenstößen, die bis in die Mittagsstunden andauerten, und zwar zwischen nationalsozialistischen Studenten und ihren politischen Gegnern, besonders auch jüdischen Studenten, von denen zwei schwere Verletzungen erhalten haben sollen. Die Hochschule für Welthandel ist geschlossen. * Wien, 31. Mai. Wegen großer Studentenkrawalle ist auch die Wiener Universität bis auf weiteres geschlossen worden. Carnera geschlagen * London, 30. Mai. Bei den Londoner Berufsboxkämpfen am Montagabend schlug im ersten Kampf der Südafrikaner Mac Corkindale den französischen Schwergewichtsmeister Griselle in der dritten Runde durch Kampfabbruch Im Hauptkampf besiegte der Kanadier Larry Gains den italienischen Riesen Primo Carnera nach Punkten. Das Ozeanflugzeug Brownes brennend ins Meer gestürzt * Newyork, 31. Mai. Das Flugzeug, mit dem der Newyorker Flieger Brownes nach Tokio gestartet war, geriet in Brand, als mittels einer Schlauchleitung über dem Meere ihm von einem anderen Flugzeug Betriebsstoff zugeführt werden sollte. Das Flugzeug stürzte brennend ins Meer. Brownes konnte gerettet werden. Amerika lehnt die Teilnahme an der Lausanner Konferenz ab TU. Washington, 31. Mai. Die amerikanische Regierung hat die Aufforderung des englischen Ministerpräsidenten Macdonald, sich an der Lausanner Konferenz zu beteiligen, abgelehnt. Der Tag vom Stagerrat Ehrenwache der Reichsmarine vor dem Reichspräsidentenpalais. * Berlin, 30. Mai. Am Gedenktag der Skagerrak=Schlacht wird alljährlich auf besonderen Wunsch des Reichspräsidenten die ständige Ehrenwache vor dem Reichspräsidentenpalais von der Reichsmarine übernommen. In diesem Jahr wird dieser Ehrendienst von der Besatzung des Linienschiffes„Schlesien" unter Kommando des Kapitänleutnants von Both ausgeübt. Zum Aufzug der Wache hatte sich trotz dem regnerischen Wetter eine große Zuschauermenge eingefunden. Unter klingendem Spiel marschierte die Truppe von der Kaserne in Alt=Moabit über den Platz der Republik zur Wilhelmstraße. Am Brandenburger Tor erreichte die Begeisterung der vieltausendköpfigen Menge ihren Höhepunkt. Reichspräsident von Hindenburg erwartete bereits im Beisein seines Sohnes auf der Vortreppe des Palais die im Paradeschritt anrückende Ehrenwache und begab sich nach erfolgtem Ablösungszeremoniell zu den Wachtsoldaten, um hier an jeden einzelnen einige persönliche Worte zu richten. Die vor dem Palais stehende Zuschauermenge brachte immer wieder Hochrufe auf den Reichspräsidenten aus, in die sich auch vereinzelte Rufe„Deutschland erwache!" und„Heil Hitler“ mengten. Ein Teil der Wache marscherte zum Reichswehrministerium weiter, wo ebenfalls unter großer Anteilnahme des Publikums und unter stürmischen Zurufen die Ablösung der Reichswehrwache durch Marinesoldaten erfolgte. Papft Pius Xl. 75 Jahre all * Berlin, 30. Mai. Papst Pius XI. feiert am 31. Mai den 75. Geburtstag. Schon als vor zehn, am 6. Februar 1922 im Konklave, der Wahlversammlung der Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle zu Rom, das hohe Amt des Pontisex Maximus auf die Schultern des damaligen Erzbischofs von Mailand, Achille Ratti, gelegt wurde, hatte sich dieser in der päpstlichen Diplomatie bereits einen Namen gemacht, der ihn auch in Beziehungen zum Deutschen Reich brachte: In einer aufgewühlten Zeit. im April 1918, wurde Ratti als apostolischer Visitator nach Polen entsandt, das damals noch von den Deutschen besetzt war. Im Juli 1919 war Ratti zum Nunzius in Warschau ernannt worden. Die von Benedikt XV. angebahnte Politik der Versöhnlichkeit zwischen dem Vatikan und dem italienischen Staat fand ihre Vollendung in dem Laterauvertrag, der den seit September 1870 bestehenden Zustand, nachdem sich der Papst als der Gefangene des Quirinals betrachtete, aufhob und die Gründung einer Stadt des Vatikans vorsah. Arbeitsfragen Ein Schiedsspruch im Ruhrbergbau. Lohnordnung um zwei Monate verlängert. * Essen, 30. Mai. In dem Lohn= und Manteltarifstreit im Ruhrbergbau wurde Montag mittag nach kurzer Verhandlung durch den Schlichter Professor Brahn ein Schiedsspruch gefällt, durch den die Lohnordnung um 2 Monate unverändert verlängert wird. Ueber die im Manteltarifvertrag geregelte Arbeitszeit soll erst verhandelt werden, wenn über das Mehrarbeitsabkommen, das zum 30. September ds. Is, erstmalig kündbar ist, verhandelt wird. Der Manteltarif läuft mit einigen Aenderungen in der Urlaubsfrage bis zum 31. März 1933. Die Nachverhandlungen finden am Donnerstag nachmittag im Reichsarbeitsministerium in Berlin statt. „Aus Stadt und Kreis Bilte des Verschönerungs Verein Schwelm Wir sind stolz auf unsere Heimat, und wir können mit Recht stolz darauf sein, solch eine Fülle von Naturschönheiten zu besitzen. Gerade jetzt, da wieder alles grünt und blüht, wird uns die herrliche Reichhaltigkeit unserer nahen Heimat voll bewußt. Es lockt uns hinaus in die Wälder, in die Täler und auf die Höhen. Dort vergessen wir alle Nöte, die schweren Gegenwartssorgen und verbinden unser ganzes Ich mit dem immer neuen Wunder: Frühling. Gewiß, die Natur ist die Spenderin all dieser Schönheiten, ihr müssen wir dankbar sein. Aber wer pflegt die Wälder, die Täler, wer macht sie uns gangbar? Das ist die Arbeit des Verschönerungsvereinz Schwelm. Kultus verbindet sich hier mit Natur. Der Verein sorgt dafür, daß nicht alles verwildert und die Schönheiten der Natur allen zugängig sind. Die vom V. V. S. aufgestellten Bänke an den schönsten Plätzen laden zur Ruhe ein, und wer möchte die Sophienhöhe, das Fastenbachtal, die Wolfsbecke und den Steinhauserberg in ihrem gepflegten Zustand missen? Jeder Spaziergänger wird dort irgendwo seinen Lieblingsplatz haben, den er nicht wieder entbehren möchte. Ist's nicht so? Ohne die Arbeit des V. V. S. läge alles verwildert da. Durch Aufforstung wird der Waldbestand vergrößert, durch Aufstellung von Nistkästen und Vögelfütterung im Winter bleiben uns unsere gefiederten Sänger erhalten und beleben den Wald. Der V. V. S. bittet nun die Bürgerschaft, ihm bei der vielgestaltigen Arbeit treu zur Seite zu stehen und ihn durch Eintritt in den Verein zu unterstützen. Durch Sterbefälle und Fortzug früherer Mitglieder ist die Mitgliederzahl erheblich gesunken. Vor allem sei an die Neuzugezogenen die Bitte gerichtet, sich bei dem Vorsitzenden des V. V. S. Max Klein. anzumelden; der niedrigste Beitrag beträgt 3 M. im Jahr. In den nächsten Tagen kommt eine Botin des V. V. S. ins Haus. Der Verein bittet die gegenwärtigen Mitglieder um ihre alte Treue und stellt es ihnen anheim, neue Mitglieder zu werben. Nachklänge zur Reichspräsidentenwahl pu. Vor der Kleinen Strafkammer in Hagen nahmen gestern 11 Angeklagte auf der Anklagebank Platz. Sie alle waren in der Nacht nach der ersten Reichspräsidentenwahl von der Schwelmer Polizei festgenommen und nach Feststellung ihrer Personalien wieder freigelassen worden. Der Sachverhalt war folgender: In der Nacht zum 14. März wurde die Schwelmer Polizei zur Verstärkung nach Esborn gerufen. Auf der Rückfahrt nach Schwelm wurde das SA.=Auto der NSDAP. gesichtet und gestellt, da die Vermutung aufgetaucht war, daß die Insassen bewaffnet waren. Unter hocherhobenen Händen mußten die Mitglieder der aufgelösten SA., nämlich Emil M., Albert E., Alfred H., Paul B., Alb. Fr. und Friedrich E., die in dem Wagen saßen, diesen verlassen. Bei der Durchsuchung des Wagens wurden eine Armeepistole und ein beschwerter Gummischlauch gefunden. Bei Emil M. wurde Munition gefunden. Im Graben neben dem Auty fand die Polizei noch eine Schußwaffe, Munition, einen Totschläger, feststehendes Messer usw. Dieser Vorfall wurde vom Amtsgericht Schwelm abgeurteilt und Emil M. und Friedrich E. erhielten je 1 Monat Gefängnis die übrigen wurden freigesprochen weil nicht festgestellt werden konnte, wer im Besitz der gefundenen Waffen war. Bei der Hausdurchsuchung des früheren SA.= Heims in der Bahnhofstraße flüchtete der anwesende ehem. SA.=Mann M., der dann auf dem Hofe, unter Reisig versteckt, gefunden wurde. Er trug einen Ladestreifen mit 10 Patronen, aber keine Waffe bei sich. Auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom 8. Dezember 1931 wurde er vom Amtsgericht Schwelm zu 1 Monat Gefängnis verurteilt. In der gleichen Nacht wurde auch der ehem. SA.=Mann Erwin F. festgenommen, weil er einen geladenen Trommelrevolver und 30 Schuß bei sich trug. Auch er erhielt 1 Monat Gefängnis. Bei Walter H. wurde eine Feile gefunden. Dies sah das Gericht als eine Stichwaffe an und verurteilte H. zu 30 RM. Geldstrafe wegen Vergehens gegen das Waffenmißbrauchgesetzt. Der Staatsanwalt hatte gegen diese Urteile Berufung eingelegt. In der gestrigen Beweisaufnahme ergad sich derselbe Tatbestand wie in der Verhandlung vor dem Amtsgericht in Schwelm. Der Vertreter der Anklage beantragte für die Insassen des Autos für jeden eine Gefängnisstrafe von 3, für Friedrich E. und Paul B. je 4 Monaten Gefängnis, weil der erstere der Führer und B. wegen Landfriedensbruch vorbestraft war. Der Staatsanwalt nahm als erwiesen an, daß alle eine Waffe besessen hätten, auch sei gemeinschaftliches Handeln anzunehmen, da der eine von dem anderen gewußt habe, daß er eine Waffe mitführe. Weiter beantragte der Staatsanwalt den Walter H. freizusprechen, weil die gefundene Feile keine Waffe sei, die ihrer Natur nach dazu angetan sei, anderen Stichverletzungen beizubringen. Dagegen beantragte er weiter, die Angeklagten Ewald M. und Erwin F. ebenfalls wegen Verstoßes gegen die Verardnung des„Reichspräsidenten zu der vesrstrafe von 3 Monaten Gefängnis zu verurteilen. Nach über einstündiger Beratung sprach das Gericht Helmut F., Albert E., Alfred H., Paul B. Alb. W. und Friedrich E. frei. Im übrigen wurde das erstinstanzliche Urteil aufgehoben und die Angeklagten Emil M. zu 4 Monaten Gefängnis Erwin F. und Ewald M. zu je 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Walter H. wurde freigesprochen. Die Beisetzung Admirals von Hipper. Im Krematorium Ohlsdorf bei Hamburg fand die Einäscherung des kürzlich verstorbenen Admirals von Hipper statt. Das Bild links zeigt(von links) den Chef der Marineleitung, Admiral Raeder, mit dem Bruder des Verstorbenen und dem Hamburger Bürgermeister Dr. Petersen— rechts: die Aufbahrung im Hamburger Krematorium mit der Ehrenmache. Turnersilme im Modernen Theater Am Donnerstag, dem 2. Juni 1932, werden auf Veranlassung des Turnvereins„Zur rothen Erde von 1848“ im Modernen Teater in Schwelm, Kaiser Friedrichplatz, Filmvorführungen über das Deutsche Turnen gezeigt werden. Es kommen 3 Filme zur Vorführung und z#dar 1. Film:„Es wächst ein Geschlecht: Turnerinnen“. 2. Film:„Frohe Menschen“, ein Film der deutschen Turnschule. 3. Film:„Kunstturnen“. der deutschsprachigen Presse e.V. Die Filme sind von der Fachpresse und den Tageszeitungen überall glänzend beurteilt worden und viele begeisterte Zuschriften von Behörden und maßgebenden Führern der Turn= und Sportwelt haben die Leitung der Deutschen Turnerschaft zu der Herausgabe der Filme beglückwünscht. So schreibt u. a. Exzellenz Lewald, der 1. Vors. des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübnngen: .. und es drängt mich. Ihnen zu dieser herrlich gelungenen Darstellung turnerischer Arbeit an der Jugend Deutschlands die aufrichtigsten Glückwünsche auszusprechen. Ich bin sicher, daß von diesem Film eine starke Werbewirkung ausgehen wird.“ Auch das„Zeutralinstitut für Erziehung und Unterricht“ und die„Deutsche Fachturnlehrerzeitung" bringen eine ausgezeichnete Kritik der Filme. . Die Bilder sind ausgenommen an der Deutschen Turnschule in Charlottenburg, an der Musterschule Loges in Hannover; sie führen den Beschauer an die märkischen Seen, nach Hamburg, München, Frankfurt, an die Nordsee, ins Gebirge nach Oberwiesenthal, an den Plöner See und in die Lüneburger Heide. Neben den gebräuchlichen Turnübungen sehen wir die hohe Schule des Kunstturnens, ferner Volkstänze, Wandern, Waldläufe, Fechten, Rudern, Schwimmen, Faltbootfahrten, Skiläufe und viele andere Darstellungen auf dem Gebiete der Leibesübungen. Die Filme sind als volksbildend und kulturfördernd anerkannt. Die Hauptvorstellung ist am Donnerstag abend 20 Uhr. In dieser werden nach Beendigung des Filmteils noch Aufführungen der Turnerinnen=Abteilung des TV.„Zur rothen Erde“ gezeigt. Nachmittags 3 Uhr ist eine Vorführung für Schülerinnen und Schüler, wozu die Schulen eingeladen worden sind. Das„Moderne Theater“ wird das Programm durch die Emelka=Tonwoche(Wochenschau) und den Naturfilm„Lindau am Bodensee" bereichern. Die Eintrittspreise sind äußerst niedrig gehalten und sind nur dafür bestimmt, die Unkosten zu decken. Auf das morgen erscheinende Inserat wird schon jetzt aufmerksam gemacht. Schwelm, 31. Mai. :: Einziehung von Kostenmarken. Kostenmarken, die über eine Reichsmark oder mehr lauten, verlieren mit dem 31. Mai 1932 die Gültigkeit, wenn sie keine Jahreszahl tragen oder wenn der Aufdruck(links und rechts auf der Marke, z. B. 19 28) auf das Jahr 1928 oder ein noch weiter zurückliegendes Jahr hinweist. Vom 1. Juni bis 30. September 1932 können ungültig gewordene Marken bei der Gerichtskasse gegen gültige Kostenmarken umgetauscht werden. :: Die Gesellenprüfung der Bäckerinnung Schwelm fand am 30. Mai in der Berufsschule unter dem Vorsitz des Obermeisters Philipp Gärtner statt. Es nahmen mit gutem Erfolge an der Prüfung teil die Lehrlinge: Willi Strohm, Lehrmeister Otto Mennenöh, Willi Leihe Lehrmeister Fritz Berghaus, Joseph Hirscher, Lehrmeister Heinrich Fingerhut, Arnold Lankat, Lehrmeister Walter Hülsenbeck, Willi Suhens, Lehrmeister Joh. Kronenberg, Gerhard Jakob Lehrmeister Julius Dahlmann, sämtlich zu Schwelm. Obermeister Gärtner sprach am Schlusse der Prüfung die Lehrlinge frei und wünschte ihnen für die Zukunft alles Gute. Die Lehrlinge Willi Strohm und Joseph Hirscher bekommen, da sie ihre Lehre noch nicht beendet haben, den Gesellenbrief erst nach Beendigung der Lehrzeit und nach Ablegung der praktischen Prüfung ausgehändigt. Milspe, 31. Mai. 29. Tagung der Kreissynode Schwelm in Alispe Gestern fand im Evangelischen Gemeindehaus in Milspe die Synodalkonferenz der Kreissynode Schwelm statt. Aus Sparsamkeitsrücksichten war die Tagung von Rüggeberg nach Milspe verlegt worden. 68 Vertreter der Kirchengemeinden Schwelm, Milspe, Gevelsberg, Haßlinghausen, Nächstebreck, Langerfeld, Rüggeberg und Voerde nahmen an der Versammlung teil. Am Vormittag hielt zunächst Pfarrer Engels eine Morgenandacht. Es folgte dann die Konstituierung der Synode durch, den Superintendenten Sassenberg, Haßlinghausen. Der Jahresbericht des Superintendenten beschäftigte die Versammlung mehrere Stunden. Er war gegliedert nach den Hauptpunkten: Kirche Synoden, Gemeinden, das Verhältnis zwischen Schule und Kirche, religiöser und sittlicher Zustand der Gemeinden. Bei der Behandlung des Themas„Kirche“ sprach man längere Zeit über die Frage der Dissidenten. Außer den Baptisten und Darbysten seien auch die Neuapostoliker und die„Internationale Gesellschaft Ernster Bibelforscher“ eifrig bei der Werbearbeit. Ueber das Verhalten der Kirche bei Beerdigungen von Dissidenten gingen die Meinungen auseinander. Dagegen war man sich darüber einig, daß gegen die religionslosen Dissidenten, d. h. gegen die Gottlosenbewegung der Kampf ganz entschlossen geführt werden müsse. Die einzelnen Synodalen zeichneten Wege auf, wie schon Erfolge in diesem Kampfe gezeitigt seien und wie weiter gekämpft werden müsse. In diesem Zusammenhang wies Rektor Möller, Schwelm, auf die gefährliche Arbeit der„Liga für Mutterschutz" hin. Er erhärtete seine Behauptungen durch die Preußische Standesamt=Statistik über den Rückgang der Eheschließungen und Geburten, die wir am Mittwoch, dem 27. April, in der Nr. 98 unserer Zeitung veröffentlichten. Es wurde dann die Besprechung über den Jahresbericht unterbrochen, und Pastor Lic. Dr. Beckmann, Spest, hielt einen Vortrag über: „Die gegenwärtigen Aufgaben der Männer in unseren Gemeinden.“ Nachdem die Frauenarbeit in den Gemeinden geordnet sei, müsse man nun daran gehen, den „Männerdienst" zu organisieren. Die Pfarrer Kariekrtrurten Tihuug in Gebeisderg Gevelsberg. 31. Mai. pn. In der gestrigen Stadtverordnetensitzung, die von Bürgermeister Rappold geleitet wurde, lag nur eine beschränkte Tagesordnung vor, die leicht in halber Stunde hätte erledigt sein können. Aber die Kommunisten im Verein mit den Sozialisten, die in ihren Reden immer wieder von der Vorlage abschweiften und in hoher Politik machten, sorgten dafür, daß die öffentliche Sitzung bis zu drei Stunden sich hinzog. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhoben die Kommunisten energisch Protest gegen das scharfe Vorgehen der Gevelsberger Polizei. Bürgermeister Rappold sagte Untersuchung der gemeldeten Vorfälle zu. Auf eine Anfrage, ob ein weiterer Abban der Richtsätze für die Wohlfahrtserwerbslosen geplant sei, erwiderte der Bürgermeister, daß der Verwaltung hiervon noch nichts bekannt sei. Es wurde sodann die Mitteilung gemacht, daß an Stelle des Obervollziehungsbeamten Dmoch der Versorgungsanwärter Heumann die Geschäfte übernommen habe. Für den aus dem Hauptausschuß ausgeschiedenen Stadtv. Odemer wurde Stadtv. Weber gewählt. Infolge Ablebens des Schiedsmannes für den zweiten Bezirk. Bracht, mußte dieses Amt neu besetzt werden. Die Wahl fiel auf den Geschäftsführer Schüttler. Als Stellvertreter wurde Lehrer Hermann gewählt, da Lehrer Kirchhoff dieses Amt abgelehnt hatte. Bei der Vorlage über eine Neufestsetzung von Fluchtlinien im Ortsteil Vogelsang stellte Stadtv. Happ(Z.) den Antrag, in Zukunft bei Vorlagen über Fluchtlinienänderung auch den Stadtverordneten eine kleine Skizze zuzustellen, damit sich diese vor der Sitzung mit der Sache befassen können. Der Antrag wurde angenommen. Die Verwaltung brachte sodann einen Antrag ein, die mutmaßlichen Straßenbaukosten vor Erteilung der Bauerlaubnis bei der Stadtkasse zu hinterlegen. Nach§ 13 des Ortsstatuts vom 13. Januar 1913 sind die Bauherren bei der Errichtung von Wohngebäuden an noch nicht fertiggestellten Straßen u. a. verpflichtet, die mutmaßlichen Straßenbaukosten zu hinterlegen. seit Beendigung des Krieges hat die Stadtverwaltung von dieser Bedingung Abstand genommen und die nicht unerheblichen Kosten für Ausbau der Straßen aus Anleihemitteln gedeckt. Der Zinsendienst hierfür war aus allgemeinen steuerlichen Mitteln aufzubringen. Es dürfe nun nicht verkannt werden, daß durch den Ausbau der Straßen den Anliegern nicht unerhebliche Werte durch die Aufschließung des Baugeländes zugeflossen seien. Es hätte deshalb erwartet werden können, daß der erforderliche Grund und Boden unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden wäre. Dies ist jedoch in einer Reihe von Fällen nicht geschehen. Es erscheine deshalb der Verwaltung geboten, nunmehr das eingangs erwähnte Ortsstatut hinsichtlich der Hinterlegung der Straßenbaukosten wieder in Wirksamkeit treten zu lassen. Stadtv. Hapy(Z.) wünschte, daß das Ortsstatut auch den Stadtverordneten zugänglich gemacht wird. Der Endeffekt der Vorlage sei doch nur der, daß die Verwaltung Baugelder erhält, über die sie sofort frei verfügen will. Die Vorlage sei reichlich ungeklärt. Redner bat, die Sache an den Hauptausschuß zurückzuverweisen. Auch Beigeordneter Kohlmann sprach gegen die Vorlage. Stadtv. Halverscheid(B. A. G.) stellte den Antrag, die Sache an den technischen Ausschuß zurückzugeben. Dieser Antrag fand mit 11 zu 8 Stimmen Annahme. Die beantragte Uebernahme der Häuser der verkrachten Baugesellschaft Deutsches Heim, Münster, in das Eigentum der Stadt brachte eine längere Aussprache. Nach dem Zusammenbruch wurde die Stadt Gevelsberg aus ihren Bürgschaften in Anspruch genommen. Um die Stadt vor Schaden zu bewahren, wurden am 1. 8. 1931 die Häuser von der Stadt in Verwaltung genommen. Die eingehenden Mieten wurden zur Abdeckung der Zinsverpflichtungen verwandt. Alles drängt nun auf eine baldige Auseinandersetzung zwischen der Baugesellschaft und der Stadt. Infolge der weitgehenden Verpflichtungen der Stadt aus den übernommenen Bürgschaften ist es ratsam, daß die Stadt baldigst das Eigentum der Häuser erwirbt, weil doch nicht daran zu denken ist, daß die Baugenossenschaft wieder auflebt. Im Falle des Eigentumsüberganges hat die Stadt die beste Kontrolle, daß alles getan wird, um sie vor Verlusten zu schützen. Der Reichsminister der Finanzen hat auf Antrag der Stadt die Grunderwerbssteuer, die aus Anlaß des Eigentumsüberganges fällig wird, aus Billigkeitsgründen erlassen. Die Vorlage ging dahin, daß die Stadt Gevelsberg die Grundstücke, wie sie stehen und liegen, mit den darauf ruhenden Hypotheken übernimmt. Die Stadt erfüllt. unter der Voraussetzung, daß sie hierzu in der Lage ist, die Verpflichtungen aus den übernommenen Bürgschaften für die Zwischenkredite. Vom Tage der Auflassung gehören die aufkommenden Mieten voll der Stadt. Die ktadt Münster hat, um den Zusammenbruch der Gesellschaft zu vermeiden, dieser einen Betrag von 80000 RM. bereitgestellt und verlangt diese Summe von der Stadt Gevelsberg. Eine Regelung mit den Hypothekengläubigern ist getroffen. Falls Mittel aus der Hauszinssteuer zur Verfügung gestellt werden, wird die Stadt die Bürgschaften ablösen. Auf diese Weise kommt die Stadt voraussichtlich ohne Verlust aus dem Geschäft mit der Baugesellschaft heraus. Die Verwaltung schlug vor, den Vorschlag der Stadt Münster, auf Anerkennung „Alle Brachleidende K. Rufting aufmerks. gemacht. seien nicht mehr in der Lage, alle auf sie einstürzenden Arbeiten allein zu bewältigen. Daher müßten tatkräftige evangelische Männer gesammelt und planmäßig auf den Kampf vorbereitet werden, so daß sie auch Aemter in der Kirchengemeinde bekleiden könnten. Ein besonderes Arbeitsfeld erwachse dem Männerdienst in der kirchlichen Erziehung der Jugend und der Betreuung der Erwerbslosen. An diesen Vortrag schloß sich eine sehr rege Aussprache, die sich bis nach 1 Uhr hinzog. Am Nachmittag wurde zunächst ein Antrag des Rektors Möller, Schwelm, einstimmig angenommen, der es den Gemeinden zur Pflicht macht, auf die Bestrebungen der Liga für Mutterschutz und verwandte Vereinigungen besonders aufmerksam zu sein und den Gemeindemitgliedern die Wesensart und Ziele dieser Verbände klar vor Augen zu führen. In der klaren Erkenntnis der großen Gefahren für das Wohl und Bestehen unseres Volkes sei dies von der größten Wichtigkeit. Dann ging die Besprechung über den Jayrcshericht wetter. Es wurde beschlossen, den Mitgliedern des vorstandes, den Deputierten der Gemeinden und den Fachvertretern statt 6 M. nur 2 M. Tagegeld zu zahlen. Für alle Fälle sollen 6 M. gezahlt werden, wo ein Verlust an Arbeitslohn durch die Tagung entstehe. In Hottenstein konnte die Gemeinde eine neue Orgel für 4500 M. anschaffen. Bei der Besprechung über das Thema: „Schule und Klrche“ wies Rektor Möller, Schwelm, auf die großen Gefahren der Durchziehklassen hin. Er forderte, daß auch diese Klassen regelrechte Lehrkräfte bekommen müßten. Weiter wurde folgender Antrag einstimmig angenommen:„Der Staat ist religionslos; er kann den Religionsunterricht als planmäßiges Lehrfach einrichten. Es ist untragbar für Schule. Kirche und Familie, daß ein dissidentischer Schulrat Einsicht nimmt in den evangelischen Religionsunterricht und darüber ein Urteil fällt. Der evangelische Lehrer, das evangelische Elternhaus und die evangelische Kirche müssen fordern, daß dies von unter kirchlicher Mitwirkung Leauftragten evangelischen Schulräten geschieht.“ Das Referat über„Das Provonendum des evangelischen Konsistoriums: Die Gemeinde und ihre Jugend“ hielt der Pfarrer Kamp, Schwelm, woran sich ebenfalls eine eingehende Debatte anschloß. Es wurde immer wieder betont, daß man vor allem die Jugend außerhalb der christlichen Vereine erfassen müsse. Rektor J. R. Hauck, Milspe, gab darauf den Kassenbericht über das Rechnungsjahr 1930, wonach nur die Gemeinden Gevelsberg und Voerde einen Kassenbestand hatten, alle übrigen schlossen mit einem Fehlbetrag ab. Sämtlichen Gemeinderendanten wurde Entlastung erteilt. Der neue Haushaltsplan der Kreissynodalkasse wurde durch den Rentmeister Niemer vorgelegt. Dieser ist so aufgestellt, daß er keinen Fehlbetrag aufweist, wenn die Kirchengemeinden ihren Verpflichtungen nachkommen. Er schließt mit 68000 M. gegenüber 93000 M. im Vorjahre in Einnahme und Ausgabe ab. Von diesem Betrage ist eine Umlage von 56972 M. weiterzuleiten. So erscheint der Haushalt ausgeglichen, aber die Umlage vom vergangenen Jahr ist noch nicht zur Hälfte hereingekommen. Durch den Etat werden 15 Prozent des Reichseinkommensteuersolls festgelegt als Kirchensteuer. Als Vertreter für den Gustav=AdolfVerein wird an Stelle des ausscheidenden Pfarrers Dedeke, Milspe, der Pfr. Siekermann, Voerde gewählt. Pfarrer Altenpohl stellte den Antrag auf Bewilligung einer Kirchenkollekte für die Taubstummenseelsorge und die Uebernahme der Kosten für den„Wegweiser für Taubstumme“ für die Mitglieder des Taubstummenvereins. Beides fand einstimmige Annahme. Als nächster Tagungsort wurde wieder Rüggeberg vorgesehen. Kurz nach 7 Uhr wurde die Tagung geschlossen. (=) Seinen 80. Geburtstag feiert heute David Flockenhaus Birkenstraße 8, in geistiger und körperlicher Frische. Wir gratulieren! Bestsalen, Rheinland und Nachburgevieie Kommunisten überfallen Nationalsozialisten 1 Toter, 8 Schwerverletzte TU. Remscheid, 31. Mai. In der Nacht zum Dienstag gegen 12 Uhr wurden Nationalsozialisten, die von einer Versammlung aus Wermelskirchen kamen, in Hilden von Anhängern der Kommunisten überfallen und beschossen. Dabei wurde ein Nationalsozialist, ein früherer Polizeibeamter, durch einen Kopfschuß sofort getötet, drei andere Nationalsozialisten erlitten schwere Verletzungen; sie mußten dem Krankenhaus zugeführt werden. Am Dienstag vormittag wurden zwei bekannte Kommunisten unter dringendem Tatverdacht aus ihren Betten heraus verhaftet. Vorläufig leugnen die beiden noch sich an dem Ueberfall beteiligt zu haben. * Hagen, 30. Mai.(Doch Hotelhochhausbau am Hauptbahnhof?) Mit dem Plan des Gaststättenunternehmers Felix Voos, am Hagener Hauptbahnhof an der Ecke Ebertund Bahnhofstraße ein Hotelhochhaus zu errichten, befaßte sich jüngst der Stadtausschuß. Er hat das Bedürfnis für ein solches Hotel, wie es hier geplant ist, anerkannt, während die Einsprüche des Polizeipräsidiums und des Gastwirtegewerbes die Bedürfnisfrage verneinen. Die Konzession für die Errichtung des Hotels ist damit noch nicht erteilt. Zunächst hat sich jetzt mit dem Plan der Bezirksausschuß in Arnsberg zu befassen. Die endgültige Entscheidung liegt in der Hand des Ministeriums. Wenn das Ministerium die Konzession erteilt, bleibt den Gegnern des Projektes als letztes Gegenmittel noch die Anfechtung der Konzessionserteilung im Verwaltungsstreitverfahren. Das Gastwirtsgewerbe und nicht zuletzt natürlich auch die Gaststätten in der Bahnhofsgegend erheben ihren Einspruch u. a. auf Grund der in der jetzigen Wirtschaftskrise von ihnen besonders befürchteten Auswirkungen eines solchen neuen Unternehmens auf die bestehenden Gaststätten. Erscheinungen, wie beispielsweise das Darniederliegen des Hagener Saalbaues stellen, abgesehen von anderen Beispielen, nach Ansicht des Gastwirtsgewerbes dem neuen Plane keine günstige Voraussage. Die Stadtverwaltung begrüßt den Plan u. a. aus verkehrstechnischen Gründen. insofern das neue Haus(mit Läden., 80000 RM. abzulehnen, die Grundstücke auf der#####imtan Schenkwirtschaft, sowie Case) 3.50 Mevorgeschlagenen Basis zu übernehmen, wobei sich die für die Stadt eingetragenen Hypotheken in Eigentümergrundschulden verwandeln, der vorzeitigen Ablösung eines Teiles der Bürgschaften durch Rückgabe von Pfandbriefen und Kommunal= obligationen zuzustimmen. In der Aussprache waren sich alle Parteien einig, die Vorlage anzunehmen. Dabei erfuhr man, daß die Mietrückstände der Baugesellschaft bisher 35000 RM und die Mietrückstände in den städtischen Wohnungen 70000 RM. betragen. Die Abstimmung ergab das seltene Bild der einstimmigen Annahme. ter hinter die Baufluchtlinie des alten Hauses („Industriehaus“) zurückgerückt werden muß, was vor seine sehr zweckmäßige Erbreiterung des Bahnvol-shofsvorplatzes bedeutet, zugleich auch im Interesse einer vorübergehenden Entlastung des Wohlfahrtsamtes durch Einstellung von Bauarbeitern und Handwerkern. * Hagen, 30. Mai. Zum Fall Schur wird noch mitgeteilt, daß die Identifizierung der Leiche gelang mit den Eingravierungen auf Trauring und Uhr; die bei der Toten gefunden wurden, auch auf Grund der Kleidung. Der Zweck der grauenvollen Tat ist noch nicht mit Bestimmtheit anzugeben. Uhr und Ring hat der Täter seinem Opfer nicht abgenommen. Das kann aus Vorsicht geschehen sein. Die Handtasche fehlte. Wenn es der Mörder war, der nach dem Verschwinden der Frau Schur in die Wohnung einschlich und dort eine Kommodenschublade aufbrach, so muß es eine ängstliche Natur gewesen sein, wenn er einen Diebstahl beabsichtigte, oder er hat sofort gefunden, was Linderhaufen, 31. Mai. * Ermittelt wurde ein Mann aus Linderhausen, der mehrere Fahrräder, Pferdedecken und Hühner in Schwelm und Umgehung anstabr..... Pestohlen haven soll. Die polizeiliche Untersuchung ist noch im Gange. Gevelsberg, 31. Mai. * Von einer Wespe gestochen. Ein hiesiger junger Mann, der einen Spaziergang machte, wurde unterwegs von einer Wespe gestochen. Der Stich war derartig gefährlich, daß die Hand am Abend so dick geschwollen war daß sich der Mann in ärztliche Behandlung begeben mußte. * Radlerunfall. Ein Radfahrer aus Schwelm, der sich auf einer Spazierfahrt befand, erlitt einen Rahmenbruch. Der Fahrer kam zu Fall und zog sich erhebliche Hautabschürfungen zu. Schee, 91. Mai. * Landung des Ballons„Bammler". Der Ballon„Bammler“ aus Dortmund, der gestern morgen gegen 11,30 Uhr zu einer zeitbeschränkten Wettfahrt in Dortmund mit anderen Ballonen aufgestiegen war, landete um 2,45 Uhr in Schee in einer kleinen Wiese bei einem Walde. Der Ballon versuchte nochmals den Aufstieg, mußte dann aber endgültig landen, da der Betriebsstoff nicht mehr ausreichte. Wetterbericht der Wetterwarte Essen Fortdauer des stark wolkigen bis bedeckten Wetters, nur zeitweise Niederschläge, mild zwischen West und Nordwest schwankende Winde. ickel, HautunreinigZeiten beseitigt unter Garantie einfaches Bepinseln mit dem wasserklar- farblosen Bacteriton(unsichtbare Anwendung) Fl. 1.50, 2.50, 4.50 nur bei H. u. G. Brieden 1612 er brauchte, nämlich irgendeinen Hinweis auf seine Persönlichkeit, an dessen Beseitigung ihm natürlich gelegen sein mußte. Das Bargeld und die Sparkassenbücher lagen übrigens zwischen allerlei Kram in der Speisekammer, die leicht durchs Fenster von draußen eingesehen werden konnte. Raubmord ist also keineswegs sicher, aber auch nicht ausgeschlosMöglichkeit eines Lustmordes ist im Hinauf das Alter der Getöteten nur gering. Die Obduktion scheint auch keinerlei Anhaltspunkte dafür erbracht zu haben. Von dem Täter fehlt bisher jede Spur.7 * Dertmund, 30. Mai.(Doppelselbst55„Samstag nachmittag machte eine Frau der 4#i##e die Mitteilung, daß ihr das Zimmer der aujahrigen Ehefrau Tillmann, die seit einiger Zeit von ihrem Mann getrennt lebt, nicht geöffnet worden sei. Sie vermute ein Unglück. Die Polizel ließ darauf das Zimmer gewaltsam öffnen. Den eindringenden Polizeibeamten bot sich ein grausiges Bild. Frau Tillmann lag tot im Bett mit geöffneter Pulsader, während der bei ihr wohnende Schweißer Girka sich an der Innentür erhängt hatte. Er hatte sich gleichfalls die Pulsader geöffnet. Aus einem hinterlassenen Brief geht hervor, daß beide freiwillig den Tod gesucht haben. * Wuppertal, 31. Mai.(40 Jahre S. Marcks, Barmen.) Im Jahre 1892 wurde in Barmen die Firma Gladbacher Fabrik=Depot S. Marcks, Lindenstraße 2, von dem heutigen Inhaber Simon Marcks gegründet. Ihm zur Seite standen seine beiden Schwestern, mit denen zusammen er in rastlosem Streben den Grundstein zu dem heutigen Unternehmen legte. Einige Jahre später wurde das Zweiggeschäft gleichen Namens in Elberfeld gegründet. Die Firma hat sich durch ihr Prinzip. trotz niedriger Preise beste Qualitäten zu bieten, rasch einen treuen Kundenstamm erworben. Infolgedessen wurde eine Vergrößerung des Geschäftes notwendig, so daß im Jahre 1911 die Verlegung in das Haus Wertherstraße 28a erfolgte. Im Jahre 1914 erhielt das Lokal durch einen Erweiterungsumbau seine heutige Gestalt. Der Name Marcks ist weit über die Grenzen Barmens im Bergischen Land und im benachbarten Westfalen bekannt als Spezialhaus für Baumwollwaren, Herrenartikel, Strumpfwaren, Trikotagen, Strickwaren, Handarbeiten und verwandte Artikel. Ein neuer Beweis dafür wird der morgen den 1. Juni, vormittags 11 Uhr. beginnende Jubiläums=Verkauf sein, der gleichzeitig als Dank gilt für die Treue und Anhänglichkeit der alten Kunden des Hauses Marcks. Wir verweisen besonders auf beigefügte Beilage. * Gruiten, 30. Mai.(Die glückliche Gemeinde Schöller.) In knapp 25 Minuten wurde vom Gemeinderat in Schöller der Haushaltplan verabschiedet. Schöller ist bekanntlich in der glücklichen Lage, seinen Etat unter Inanspruchnahme verschiedener Fonds ausgleichen zu können. Gegen die von der Amtsversammlung beschlossene Verteilung der Amtsumlage wurde vom Ge · MIFA Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. meinderat Einspruch erhoben. An Steuern werden erhoben 170 Prozent Grundvermögenssteuer, 450 Prozent Gewerbeertragssteuer, 1160 Prozent Kapitalsteuer und 50 Prozent vom Landessatz der * Solingen, 30. Mai.(Der Prozeß gegen Knecht.) Der Prozeß gegen den Sparkassenbeamten Knecht, der etwa 70000 RM. unterschlagen hat, soll am 23. Juli vor dem Erweiterten Schöffengericht Solingen verhandelt werden. * Remscheid, 30. Mai.(Steinwürfe gegen einen Eisenbaynzug.) Freitag abend gegen 7 Uhr wurde von drei unbekannten jungen Burschen ein unter der Brücke an der Brückenstraße in Güldenwerth fahrender Milchzug mit Steinen beworfen. An einem Eisenbahnwagen wurden Fensterscheiben zertrümmert. Die sofort angestellten Ermittlungen nach den Tätern verliefen er* Düsseldorf, 28. Mai.(Ein verbängnisvoller Blitzstrahl.) Samstag nachmittag gegen 4.30 Uhr ging ein kurzes, aber heftiges Gewitter über dem südlichen Teil Düsseldorfs nieder. Es handelte sich um ein sogenanntes trockenes Gewitter, die ganz besonders gefährlich sind und leicht Menschenleben vernichten oder Sachschaden anrichten. Diesem Gewitter sind zwei Gärtner zum Opfer gefallen. Der in der Mitte der 60er Jahre stehende Gärtner Josef Eickeler kam an dem Felde des Gärtners Wilh. Andrevorbei, der im gleichen Alter steht und gestern Namenstag hatte. Josef Eickeler beglückwünschte Wilhelm Andree und wollte ihm gerade die Hand geben, als ein Blitz niederfuhr und die beiden bewußtlos zu Boden warf. Eickeler wurde besonders schwer getroffen und starb nach kurzer Zeit. Andree trug eine rechtsseitige Lähmung davon. * Köln, 30. Mai.(Goldfunde?) Amtliche Stellen bestätigen, daß Arbeiter des Telegraphenamtes, die in den Kabelschächten Schildergasse Ecke Antonsgasse und an der Wollküche Löcher graben wollten, um das angesammelte Wasser zum Abfluß zu bringen, auf goldhaltigen Sand stießen. Der ausgehobene Sand war mit glitzernden Teilchen durchsetzt. Eine Probe des Fundes ist dem städtischen Chemiker zur Untersuchung vorgelegt worden. Das Kölner Tageblatt meldet hierzg, daß ein Uhrmacher, der von den Arbeitern a### Su verständiger hinzugezogen wurde, das Gold als echt befunden habe. Obwohl man in letzter Zeit sich daran gewöhnt hat, Meldungen mit einer gewissen Skepsis aufzunehmen, insbesondere um die vermutlichen Mengen, scheint eine augenzeugliche Besichtigung der neuen Kölner Goldgrube die Hoffnung offen zu lassen, daß es sich doch um ein größeres Vorkommen handeln kann. Denn sogar die benachbarten Kabelschächte weisen den goldhaltigen Sand auf. Der Einwurf, daß man das Gold bei Legung der Kabel schon hätte finden müssen, erledigt sich dahin, daß man durch Grabung der Abzugslöcher in Tiefen vordrang, die bei einer normalen Kabellegung gar nicht erreicht werden. Nur der Umstand, daß sich Wasser in den Schächten angesammelt hatte, und tiefere Abzugslöcher erforderlich waren, führte zu der Entdekkung der Goldteilchen.„. 4.9 9 * Düren, 30. Mai.(Auto mit 8 Zentner geschmuggelten Zucker beschlagnahmt.) Im Bereiche des Hauptzollamtes Düren hielten Beamte unweit von Rötgen einen verdächtigen Kraftwagen an. Eine genaue Durchsuchung förderte nicht weniger als acht Zentner Zucker zutage, die in Holland gekauft worden waren. Die Insassen, drei bekannte Berufsschmuggler versuchten zwar, zu entkommen, mußten die Absicht aber bald aufgeben. Wagen und Ware wurden beschlagnahmt. * Bentheim, 30. Mai.(Zugentgleisung im Bahnhof Bentheim— zwei Schwerund fünfzehn Leichtverletzte.) Ein Eisenbahnunglück, das leicht schlimmere Folgen hätte annehmen können, ereignete sich auf dem Bahnhof Bentheim=Nord der Bentheimer bahn. Beim Einlaufen des Mittagszuges stürzte die Lokomotive infolge falscher Weichenstellung um. Der Lokomotivführer Rosenthal wurde stark verbrüht, der Heizer Rehr erlitt schwere Beinverletzungen. Der erste Personenwagen Jtürzte die drei Meter hohe Böschung hinunter und blieb liegen. Der zweite Wagen entgleiste ebenfalls, stürzte aber nicht um. Fünfzehn Personen erlitten Verletzungen. Der Sachschaden ist erheblich. Kühe: a) 30—32. 6) 26—29 c) 20—25, d) 15—19; Färsen: a) 33—35, b) 27—32; Fresser(mäßig genährtes Jungvieh): 20—24; Kälber: a)—. b) 42 bis 47, c) 35—41, d) 25—34; Schweine: a), b). c) und d) 38—41, e) 34—97. 1)—. a) 30—33. Geschäftsgang: In allen Gattungen mittel. Der Markt wurde geräumt. * Dortmund, 30 Mai. Auftrieb: Großvieh 610, Ochsen 26, Bullen 125. Kühe 424, Färsen 26, Fresser 9, Kälber 425, Schafe 24, Schweine 2411. Es notierten: Ochsen: a) 1. 34—46, b) 1. 31—33 c) 25 bis 28; Bullen: a) 30—32, b) 26—29, c) 22—25. Kühe: a) 31—33, 6) 28—30. c) 24—27. d) 19—23, Färsen: a) 34—35 b) 30—33 c) 27—29 Kälber: a) —. b) 40—42 c) 41—43, d) 39—40, e) 37-38. f)— g) 32—37. Marktverlauf: Großvieh in guten Tieren rege, sonst mittel, geräumt. Kälber mittel, Schweine rege, geräumt. Biehmärkte * Elberfeld, 30. Mai. Auftrieb: 715 Stück Großvieh darunter 168 Ochsen, 89 Bullen. 351 Kühe. 66 Färsen, 41 Fresser, ferner 548 Kälber, 6 Schafe, 2934 Schweine. Es notierten: Ochsen: a). 35, 37 5) 30—-34. c) 25.20; Bullen: a) 28--31, 5) 22.-27, Geschäftliche Mitteilung Doppelt gespart, schafft besser! Kaisers Kaffeegeschäft gibt auch im Juni wieder die Möglichkeit zu besonders sparsamem Einkauf: denn es gewährt an den ersten vier Tagen dieses Monats auf alle Waren mit wenigen Ausnahmen 10 Prozent Rabatt. Auch die so geschätzten echten seinen Porzellantassen und reizenden Dessertteller stehen in diesen Ausnahmetagen auf Wunsch statt Rabatt zur Verfügung. Wer spart, verbessert seine Güter. Wer einen der ersten Junitage zu einem Besuch in Kaisers Kaffeegeschäft benutzt, spart entweder bares Geld oder vervollständigt seine Sammlung von Kaisers wertvollem Porzellan! Keine kluge Hausfrau läßt sich diese günstige Gelegenheit entgehen! Spoel=Nachrichtr Um den Wuppertaler Silber-Pokal FC. Schwelm— Küllenhahn Am kommenden Sonntag hat auch der Schwelmer FC. wieder in den Kampf um den Silberpokal der Stadt Wuppertal einzugreifen. Auf dem Sportplatze an der Brunnenstraße werden sich die Germanen von Küllenhahn, die gegenwärtig an der Spitze der Tabelle liegen, zum Kampfe stellen. Der Schwelmer FC. konnte bisher bei diesen Pokalspielen nicht besonders abschneiden, von vier Kämpfen gingen zwei verloren, man hatte aber bei den Verlustspielen reichlich Pech. Am kommenden Sonntag dürften die Schwelmer zu beweisen haben, daß ihre an den letzten Sonntagen gezeigte große Form keine vorübergehende Augenblickssache ist. Es gilt, die äußerst kampfesfreudige und flinke Germanenelf entscheidend zu schlagen und das ist gegenwärtig nicht leicht. Der Silberpokal ist von heute ab für einige Tage im Schaufenster des Zigarrengeschäftes Neuhaus. Ecke Neustraße und Altmarkt ausgestellt. Nachstehend den gegenwärtigen Stand der Tabelle. Spiele gew. unentsch. verl. Tere Küllenhahn 5 4 0 1 1533 8 SSV. Barmen 4 S 1 0 16:9 7 Langerfeld 6 2 2 2 13:11 6 SSV. Elberfeld 5 2 1 2 729 5 Germania Elberfeld 4 2 0 2 3:5 4 FC. Schwelm 4 2 0 2 11:10 4 SC. Sonnborn 5 1 2 2 9:11 4 Tura Barmen 5 0 0 5 6:21 0 Schwelm hat noch gegen Küllenhahn, Langerfeld und Tura Barmen anzutreten. * Weitere Lockerung der Wohnungszwangswirtschaft. Wie wir erfahren, tritt vom 1. Juni in Berlin eine weitere Lockerung der Wohnungszwangswirtschaft ein. bisher die Altwohnungen mit einer jährlichen Friedensmiete von 600 bis 800 Mark von den Vermietern an Inhaber von entsprechenden Ausweisen frei vermietet werden konnten wird dieses Verfahren ab 1. Juni auch auf die Altwohnungen mit einer Jahresfriedensmiete von 400 Mark lausgedehnt. Der Vermieter ist verpflichtet, das Freiwerden einer solchen Wohnung dem Wohnungsamt mitzuteilen, hat aber das Recht, innerhalb eines Monats nach dem Freiwerden diese Wohnung an Wohnungssuchende frei zu vermieten, die sich im Besitz einer Ausweiskarte befinden. Perantwortlich für die Schriftletung: Paul Scherz, für den Anzeigenteil: Hans Scherg: Druck und Verlag von M. Scherg: sämtlich in Schwelm. S G ecgegT 0 Ven kürtusch, dem 1. Junibis Samzlag, den 4. Juni auf ale Woren(nit Ausnahme weniger Arikel) doppelte Rabattmarken! Auf Wunsch staft Rabatt bei Einkauf für 2 RM ein schöner Desseriteller, bei Einkauf für 3 RM eine seine Tasse mit Untertasse aus echt bayerischem Qualitäts-Porzellan. C K Statt Karten Ihre Vermählung geben bekannt: Willi Bölling Elsbeth Bölling geb. Rösener Schwelm den 31. Mai 1932 Milspe Kölnerstr. 67 Zurück Dr. Engele Facharzt für innere und Nervenleiden. ELBERFELD, Wortmannstraße 25. Für den Salut. „Jaffa Crème“ allerfeinstes Salat- und A Sn.... er bl. 180 Echter, hochprozentiger, extra starker Moselweinessig... Liter 60 Pig. Beides sind erstklassige, allseitig beliebte Qualitätserzeugnisse.— Adler-Drogerle in Hllspe Hermann Fischer Haltestelle der Strassenbahn Tel. 2207 was dringt der Kundsum! Mittwoch, 1. Juni 6,45—7,00 Leibesübungen. 7.00 Wettervorhersage und Zeitangabe. 7,05—8,00 Brunnenkonzert der Kurkapelle Bad Pyrmont(Dresdner Philharmonische Orchester) Leitung: Musikdirektor Curt John. 8,00 Wiederholung der Wettervorhersage, Zeitangabe und Wasserstandsmeldungen. 8.05—8.30 Der neue Haushalt. 9.45—10,00 Gymnastik für Frauen. 101.00 Erste Meldungen, Zeitangabe und Wasserstandsmeldungen...„ 10.15—11.15 Mensch und Welt. Gemeinschaftsempfang für Arbeitslose. 11.20—12,00 Schulfunk. 12.00—12,50 Unterhaltungskonzert. 1250 Wetterberscht.., 84441ng: Suas; 13,00—14,30 Mittagskonzert, Leitung: Wolf. 1. Mit leichtem Schritt, Marsch von Kockert. 2. Maientanz Walzer von Wemheuer. 3. Ouverture zur Oper„Semiramis“ von Rossigi, Melodien aus der Oper„Rigoletto“ von Verdi. 5. Spanischer Tanz Nr. 8 von Sarasate. 6. Szene aus dem Ballett„Der Schwanensee“ von Tschaikowsky. 7. Kamarinskaja, Fantasie über zwei russische Volkslieder von Glinka. 8. Potpourri aus der Operette„Die Zirkusprinzessin" von Kalman. 14,30 Funkwerbung mit Schallplatten. 15.30 Wirtschaftsmeldungen und Zeitangabe. 15,50—16,20 Kinderstunde. 16,25—17,00 Ueberbürdung unserer höheren Schule. 17,00—18,15 Vom Südfunk, Stuttgart: Vesperkonzert, Leitung: Carl Struve. Mitwirkende: Hedwig Picard, Käte Mann. Hans Hanus. das Rundfunkorchester, Leitung: Gustav Görlich; das Jazzensemble der Stuttgarter Philharmoniker, Leitung: Harry Risch. 18,15—18/35 Sozialpolitische Tagesfragen. 1835—19.00 Die Welt auf der Schallplatte. 19,00—19,15 Wetterbericht, Zeitangabe, Wirtschaftsmeldungen und Sportvorbericht. 19.15—1930 Vor allem Gesundheit. 19,30—19,55 Was jeder wissen sollte. 19,55 Erste Abendmeldungen. 20,00—21,00 Abendmusik, Leitung: Wolf. 1. Vorspiel zur Oper„Die Lorelei“ von Bruch. 2. Mephistos Höllenrufe. Walzer von Strauß. 3. Melodien aus der Oper„Aida“ von Verdi. 4. a) Romanze von Tschaikowfki. 5) Lichtertanz der Bräute von Rubinstein. 5. Slawische Tänze Nr. 7 und 8 von Dvorak. 6. Potpourri aus der Operette„Die drei Wünsche“ von Ziehrer. 21,00 Paul Heinrich Gehly: Zum Singspiel„Die lustigen Musikanten“. 21.15 Die lustigen Musikanten. Romantisches Singspiel in zwei Aufzügen von Clemens Brentano. Auschließend: Letzte Meldungen, Bericht über das geistige Leben, Sportbericht. 23.00—24,00 Uebertragung aus dem Café Spolarich in Budapest: Zigeunermusik der Kapelle Jenö Farkas. Spar a. Baadereice. G. m. ö. h. Ichwei Aktiva! Grundstücke Häuser... Neubaukonto Maschinen 2c. Inventar Beteiligung Kasse... Debitoren Raupen-, Blattlaus-, und Schäufings Sehumpfung Erprobte Mittel, mit genauer Gebrauchsanweisung. Adler-Drogerie in Milspe Herm. Fischer Tel. 2207 Amt Oevelsberg„ Haltestelle der Straßenbahn Bilanz per 31. Dezember 1931 RM 19500.— 787842.— 3356,92 4435,64 4. 125.— 1103,11 6788,65 Baudarlehn der Mieter Geschäftsanteile Reserve=Fond I Hypotheken.. Spar=Einlagen Kreditoren Konto transito Reingewinn RM. Passiva! 11342,35 62748.15 2391,53 2644.— 717608.— 6316,30 11480.— 7364,54 1257.45 Naus- und GundbenitgerVerein a. v. Schwein Vereinsberatung an jed. 1. u. 3. Mittwoch im Monat 6—8 Uhr 3841) Schulstraße 34 a RM. 823152,32 RM. 823152,32 Im Jahre 1931 ausgeschiedene Mitglieder 49 „„ eingetretene Mitglieder 56 Mitgliederbestand am 31. 12. 1931 824 Zugang an Geschäftsguthaben der Mitglieder in 1931 Die Haftsumme erhöhte sich in 1931 um..... „„ stellt sich per 31. 12. 1931 auf.... RM. 13955,15 1400.— " 164800.— Schwelm, den 12. Februar 1932 Der Aufsichtsrak: I. A.: Peter Leber. Der Vorstand: Emil Maurer, Karl Hülsberg, Ernst Neum. 0 m m P PFOSSen werden unter Garantie durch Senlce Schr beseitigt. Mk. 1.60, 2.75. Gegen Pickel Mitesser Stärke A. Drogerie Brieden. 1318 U Alt. Ehepaars. in bess. Hause 3 Zimmer= Wohnung zu mieten. Adressen sind unter 4101 i. d. Geschst. d. Z. abzugeben. Uhr Bruch wird immer größer, wenn Sie ein schlechtsitzendes und lästiges Bruchband tragen. Durch solche Bänder verschlimmert sich das Leiden und kann zur Todesursache werden.(Es entsteht Brucheinklemmung, die operiert werden muß und den Tod zur Folge haben kann.) Fragen Sie Ihren Arzt. Hat dieser eine Bandage verordnet, dann muß es in Ihrem Interesse liegen, sich meine äußerst bequeme, unverwüstliche Spezial=Bandage anfertigen zu lassen. Durch Tag= und Nachttragen meiner Bandagen haben sich nachweislich Bruchleidende selbst geheilt. Werkmstr. A. B. schreibt u. a.:„Mein schwerer Leistenbruch ist geheilt. Ich bin wieder in meinem 66. Lebensjahr ein ganzer und glücklicher Mensch!“ Landwirt Fr. St. schreibt u. a.:„Ich sehe mich genötigt, Ihnen nach 2 Jahren meinen innigen Dank auszusprechen... wurde ich ganz befreit von meinem Leiden... J. 88u4.—4 Bandagen von RM. 15.— an. Für Bruch= und Vorfalb=Leidende kostenlos zu sprechen in: Elberfeld, Donnerstag, 2. Juni, von 2—6 Uhr, im tel Deutsches Haus, am Mäuerchen 8. 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Gegr. 1888 Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. Zweites Blatt Rummer 125 „ 5 Dienstag, 31. Mai 1932 Die Sozialversicherung im Krisensturm Der Bericht, der am Freitag im Sozialpolitischen Reichstagsausschuß über die Notlage der verschiedenen Zweige der Sozialversicherung erstattet wurde, ergibt ein geradezu trostloses Bild. Von der Arbeitslosenversicherung schweigt man in diesem Augenblick am besten ganz. Auch wenn sie von seiten des Reiches saniert werden sollte, dann geschieht dies bekanntlich immer nur auf Kosten der Gemeinden, denen neue Lasten zugeschoben werden. Auch die übrigen Zweige der Reichsversicherung befinden sich heute in der allerschwierigsten finanziellen Lage. Akute Kassenschwierigkeiten bestehen in erster Linie bei der Invalidenversicherung und bei der Knappschaft. Daß die Knappschaft schon seit Jahren nur noch von dem Wohlwollen des Reichsfinanzministers lebt, ist eine bekannte Tatsache. Früher, als die Einkommensteuer noch größere Beträge ergab, wurde die Knappschaft bekanntlich auf Grund der Lex Brüning jährlich mit einer stattlichen Anzahl von Millionen Mark subventioniert. Auch heute schießt das Reich aus Steuermitteln 70 Millionen Mark im Jahre zu. Dieser Betrag ist jetzt höher als die ganze Beitragseinnahme, die sich nur noch auf 60 Millionen Mark beläuft, und zwar in erster Linie wegen der zunehmenden Beschäftigungslosigkeit im Bergbau und natürlich auch wegen der Senkung der Löhne. Trotz dieser Reichszuschüsse aber bleibt für 1932 noch ein Fehlbetrag von 44 Millionen Mark, für den, wie es in dem amtlichen Bericht so schön heißt,„Deckungsmöglichkeiten gesucht werden müssen.“ Woher diese Deckung kommen soll, weiß vorläufig kein Mensch, nur besteht Einigkeit darüber, daß die Beiträge nicht erhöht werden können. Bei der Invalidenversicherung, auf die sich jetzt wohl oder übel der bürokratische Reformeifer erstreckt, ist das monatliche Aufkommen an Beiträgen auf 54 Millionen Mark gesunken, während es noch im Jahre 1929 90 Millionen Mk. betragen hatte. Die Ausgaben sind aber die gleichen geblieben, und die Rentenlast ist sogar um 70 Millionen Mark im Jahr gestiegen. Nach dem gegenwärtigen Stande beläuft sich der jährliche Fehlbetrag der Invalidenversicherung auf 330 bis 340 Millionen Mark. Bis jetzt konnten die Verpflichtungen aus dem Vermögen der Invalidenversicherung gedeckt werden. Das wird aber in Zukunft nicht mehr möglich sein. Deshalb die Absicht, die Grundrenten um 17—20 Prozent herabzusetzen. Es soll hier gleich betont werden, daß auf diesem Wege eine wirkliche Sanierung der Landesversicherungsanstalten nicht möglich ist. Bei der Angestelltenversicherung liegen die Dinge noch etwas günstiger. Immerhin hat sie auch einen monatlichen Rückgang der Beiträge in Höhe von 5 Millionen Mark zu verzeichnen, während auf der anderen Seite die Pensionen sowohl der Zahl als dem Werte nach gestiegen sind. Hier macht sich ebenfalls die verhängnisvolle Schere bemerkbar, die mit den bisher angewandten Mittelchen nicht geschlossen werden kann. Denn die Entwicklungstendenz geht bei allen Rentenversicherungen dahin, daß infolge des falschen Aufbaues dieser Versicherungszweige und wegen der veränderten Alterszusammensetzung des deutschen Volkes die Beiträge sinken, aber die Verpflichtungen steigen. Wenn nicht jetzt bald etwas Entscheidendes geschieht, dann wird die Pleite immer größer. Auch eine Besserung der wirtschaftlichen Lage kann die grundsätzlichen Schäden dieser Versicherungseinrichtungen nicht beheben. Die Krisis der Invalidenversicherung und die kommende Krisis der Angestelltenversicherung beruht eben nicht auf Gründen der Konjunktur, sondern sie schreibt sich aus der Struktur der Versicherten her. Die Unfallversicherung steht ebenfalls vor außergewöhnlichen Schwierigkeiten, weil ihre Beitragseinnahmen stark gesunken sind. Hierzu verweist der amtliche Bericht in erster Linie auf die erschütternde Tatsache, daß heute im Baugewerbe 85 Prozent der Arbeiter erwerbslos sind. Bei der Krankenversicherung sind die Einnahmen gleichfalls stark gesunken, und zwar von 2,3 Milliarden Mark im Jahre 1929 auf etwa 1,6 Milliarden jetzt. Dieser Zweig der öffentlichen Versicherung könnte infolge der ziemlich radikalen Einsparungen bei der Versorgung der Erkrankten finanziell leidlich in Ordnung sein, womit natürlich noch nichts für die Güte des jetzigen Systems gesagt ist. Auf der anderen Seite aber haben sich viele Krankenkassen durch ihre unverantwortlichen Luxusbauten für Verwaltungspaläste, Heileinrichtungen usw. in eine ungünstige finanzielle Lage künstlich hineinmanövriert. Das Gesamtbild ist also so dunkel wie nur möglich. Man sollte meinen, daß das Reichsarbeitsministerium jetzt endlich daran geht, Pläne für eine grundsätzliche Neugestaltung der öffentlichen Versicherung auszuarbeiten. Als die Regierung im Sozialpolitischen Ausschuß nach solchen Plänen gefragt wurde, antwortete Ministerialdirektor Grieser, die Regierung habe zurzeit noch keine Pläne. Es ist also hier dasselbe wie überall: man läßt die Dinge laufen und denkt, der liebe Gott wird schon irgendwie helfen. Inzwischen kriecht das Gespenst der Pleite heran. Zusammenstoß bei Lustmanövern * Paris, 28. Mai. Am Freitag haben in der Gegend von Dijon französische Luftmanöver stattgefunden, bei denen der Angriff eines Jagdflugzeuges auf eine Beobachtungsmaschine vorgeführt werden sollte. Während das Jagdflugzeug von einem Unteroffizier geführt wurde, hatte der Kommandant des 6. Luftgeschwaders, Kapitän Lenart, in dem angegriffenen Apparat Platz genommen. Aus noch nicht geklärten Ursachen stießen die beiden Flugzeuge in einer Höhe von etwa tausend Metern zusammen, worauf das Aufklärungsflugzeug abstürzte. Der Kommandant und sein Pilot wurden auf der Stelle getötet. Dem Führer der Jagdmaschine gelang es dagegen, trotz starker Beschädigung seines Apparates notzulanden. Allerlei Wissenswerkes :: Stadt in Konkurs. Die Stadt Köben an der Oder, die im Jahre 1928 ihr 700jähriges Bestehen beging. ist in Konkurs geraten. Die Gesamtschulden belaufen sich auf 600000 M. Der Antrag auf Konkurseröffnung ist von der Schlesischen Bodenkreditaktienbank gestellt worden nachdem Köben die Zinsen für die ausgenommenen Siedlungskredite seit einiger Zeit nicht mehr zahlen konnte. * Umsatzsteuerpflicht von Zugaben. In der letzten Zeit ist die Frage aufgeworfen worden, ob von dem Wert der Zugaben Umsatzsteuer entrichtet werden muß. Zur Klärung dieser Frage hat sich der Reichsausschuß für das Zugabeverbot vor einiger Zeit in einer Eingabe an das Reichsfinanzministerium gewandt. Dieses erteilte unter dem 16. April 1932— S. 4100=38 3— nachstehende Antwort:„Auf das gefällige Schreiben vom 29. März 1932 betreffend Umsatzsteuerpflicht der Zugaben teile ich ergebenst mit, daß die in Form von Waren oder Leistungen gewährten Zugaben insoweit der Umsatzsteker unterliegen, als ihr Wert in dem Preise der Waren oder Leistungen, neben denen sie gewährt werden, enthalten ist. Ein Abzug des Wertes der Zugaben vom umsatzsteuerpflichtigen Entgelt kommt auch in den Fällen des§ 1 Absatz 2 Nr.e der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze der Wirtschaft vom 9. März 1932(Reichsgesetzblatt 1932 Teil 1 S. 121) nicht in Frage. Wird jedoch in diesen Fällen an Stelle der Zugabe der Geldbetrag bar gezahlt, so kann der Steuerpflichtige diesen Geldbetrag nach§ 17 des Umsatzsteuergesetzes 1932 von dem Gesamtbetrag der vereinnahmten Entgelte absetzen.“ * Die hohen Fernsprechgrundgebühren. Die ab 15. Januar 1932 erfolgte Senkung einiger Postgebühren ließ die Hoffnung aufkommen, daß die das am Sonntag unter bester internationaler Besetzung ausgefahren wurde, war wieder der Nürburgring, dessen Teilstrecke im schönen Extal bei Adenau wir hier zeigen. Preisabbauaktion auch auf die Fernsprechgebühren ausgedehnt wird. Leider ist der Verwaltungsrat der Deutschen Reichspost mit derartigen Beschlüssen bis heute noch nicht hervorgetreten. Die verhältnismäßig hohen Fernsprech=Grundgebühren belasten vor allem die sogenannten Wenigsprecher, zu denen insbesondere die Provisionsreisenden zählen. Der Bund reisender Kaufleute im DHV. hat schon in früheren Jahren das Reichspostministerium um Herabsetzung der Grundgebühren ersucht. Leider wurden diese Anträge mit dem Hinweis auf die für die Deutsche Reichspost entstehenden hohen Anlagekosten abgelehnt. Da in der Zwischenzeit auf allen Gebieten Preissenkungen und erhebliche Lohn= und Gehaltskürzungen erfolgt sind, hat die genannte Berufsorganisation der reisenden Kaufleute einen ernenten Antrag in dieser Richtung gestellt. Sicherlich würde eine Herabsetzung der Grundgebühren gute Wirkungen für die Ausbreitung des deutschen Fernsprechnetzes zeitigen. Allweffer. Creie Bräunt u.schützt Dringt rasch in die Haut ein A Die Zuidersee ist nun Binnenmeer. Die letzte noch im Zuidersee=Abschlußdeich vorhandene Oeffnung ist jetzt geschlossen worden, so daß nun der ehemalige Zuidersee ein Binnengewässer geworden ist. Das eingeschlossene Gebiet ist bereits teilweise trockengelegt worden und wird vielen Tausenden als Ackerland Nahrung geben. Von Zimmer 2 nach Zimmer 2 Im Schwarzen Adler Roman von FELIXINEUMANN 5 „Wie meinten Sie soeben, Herr Direktor? Ach — ja, ich war wohl ein wenig zerstreut. Ich fühle mich nicht besonders heute morgen. Also sprechen wir den Fall noch einmal durch——. So war es später Mittag geworden, als die Konferenzen beendet wurden und der Diener eintrat, um das„Gnädige Fräulein“ zu melden. Hilds Herz schlug. Sie kam also doch, sie hielt das Versprechen, das sie dem Vater in der vergangenen Nacht gab. Von dem Fund der Tasche ahnte sie gewiß nichts. Der Kommerzienrat winkte kurz mit der Hand und bemühte sich, ein freundlich zustimmendes Lächeln vorzutäuschen. Annemarie trat ein, ein wenig blaß, aber äußerlich völlig ruhig. Hild musterte seine Tochter. Sie war mehr als ein apartes Mädchen, man konnte sie als sehr hübsch und pikant bezeichnen. In den Vaterstolz mischte sich der Groll, daß Annemarie sich in solche Abenteuer einließ, wo ihr doch wahrlich andere Aussichten für die Zukunft zur Verfügung standen. „Ich— komme dir doch hoffentlich nicht ungelegen, Papa?“ Sie ging mit biegsamen, schnellen Schritten um den Schreibtisch und küßte ihren Vater auf die Wange. „Nein, durchaus nicht, mein Kind. Im Gegenteil, ich halte diese Aussprache für unerläßlich. Lege ab und mache es dir bequem!“ Während Annemarie sich in einen der Klubsessel niederließ, flog Hilds Blick nach der Tasche, die seine Tochter soeben auf das Rauchtischchen legte. Sie war aus Krokodilleder, und wenn der Kommerzienrat auch viel zu beschäftigt war, um sich einzelner Toilettengegenstände seiner Damen zu erinnern, so wußte er doch, daß Annemarie diese Tasche früher trug. bis das Brokatgeschenk sie ablöste. Etwas müde griff das junge Mädchen nach den Zigaretten. „Gestattest du? Ich fühle mich abgespannt und ein bißchen Rauchen erfrischt.“ Hild schob den Aschenbecher näher und bemühte sich dann, durch irgendeine Redewendung das Gespräch in Gang zu bringen. „Albert Marken war vorhin hier. Er teilte mir mit, daß er wahrscheinlich im Herbst nach Hamburg übersiedelt.“ Annemarie blickte zum Fenster. Auf ihrer Stirn lag eine leichte Falte. „Warum erzählst du mir das, Papa? Soll das ein Trost für mich sein; daß er nun bald von hier verschwindet?“ „Wenn du das denkst, so hast du mich völlig falsch verstanden Es ist doch immerhin interessant, daß Marken nunmehr selbst an die Spitze des gewaltigen Erbes treten will, das ihm sein Oheim hinterließ. Aber— lassen wir das Thema, wenn es dich irretiert. Sprich dich zu mir aus über die Stimmung, die dich in der vergangenen Nacht fast überwältigte—“ Annemarie warf die Zigarette fort. „Ja! Das will ich tun, denn wenn Mama nicht dabei ist, kann ich offen sprechen und weiß, daß uns der Weg zur Verständigung nicht durch kleinliche Einwendungen immer wieder verbaut wird.“ „Du sprichst wenig respektvoll von deiner Mutter, mein Kind!“ Das junge Mädchen zuckte die Achseln. „Ich meine das nicht so schlimm. Papa! Mama hat gewiß auch mein Bestes im Auge, wie es immer so schön heißt, aber sie sucht es auf ganz falschem Wege!“ Der Fernsprecher schlug an. Hild erledigte ein kurzes Gespräch, dann fuhr seine Tochter fort: „So wie bisher kann es nicht weitergehen! Zwischen dem Gestern und dem Heute liegt eine ungeheure Kluft. Nachdem ich sie übersprang, bin ich um viele Jahre älter und reifer geworden. Ich bin hierher gekommen, um mit dir über meine Zukunft zu sprechen. So— wie ich sie mir denke, und nicht so, wie Mama sie gestalten möchte.“ „Bitte— mein Kind, ich höre!" Annemarie hob das gesenkte Haupt und blickte ihren Vater an.„Ich will fort von hier, fort unter allen Umständen. Ich halte es nicht länger aus, tatenlos im Elternhaus zu bleiben. Dieses Verfahren schlägt allen Grundsätzen von heute ins Gesicht!“ Hild klopfte erregt mit dem Zeigefinger auf die Schreibtischplatte. „Du forderst sehr kategorisch, mein Kind! Du vergißt neben dem, was vielleicht versäumt worden ist, das Gute, das dir zuteil wurde.“ „Entschuldige, ich bin in der Form vielleicht ein wenig zu weit gegangen. An Dankbarkeit fehlt es mir wahrlich nicht. Aber die Erkenntnis, die bei mir in der letzten Zeit heranreifte, sagt mir, daß wir einen ganz, ganz neuen Weg einschlagen müssen.“ Annemaries Hände öffneten die Handtasche, entnahmen ihr ein Tüchlein und führten es an die erhitzte Stirn, die feucht schimmernden Augen. „Ich ersticke in dieser Umwelt. Schickt mich hinaus, damit ich andere Verhältnisse, andere Menschen kennenlerne. Mein Leben spielte sich bislang so ab, indem ich zwischen banalster Prosa und kindlicher Romantik willenlos hin und her geworfen wurde.“ Und nach einer Pause schweratmend:„Ist es da ein Wunder, daß man Torheiten begeht, daß man eines Tages ein grausames Erwachen erduldet und erkennt, daß vom tragischen Idealismus bis zur Lächerlichkeit oft nur ein Schritt ist? Oh— Papa— unterschätze mich nicht, ich bin über Nacht sehend und reif geworden!" Während Hild mit Staunen und Besorgnis sein völlig verändertes Kind betrachtete, schossen ihm wirre Gedanken durch den Kopf. In diesen letzten vierundzwanzig Stunden mußte sich Außerordentliches ereignet haben, und es lag nahe, daß die Geschehnisse eng verknüpft waren mit dem Fund der Handtasche. Was sollte er nun tun? War es ratsam, das Geheimnis zu lüften und die Tochter zu einem Geständnis zu zwingen, oder — war es besser, nicht die tiefsten Gründe des jungen Herzens auszuwühlen? Während er noch zauderte, fuhr Annemarie hastig fort: „Du schweigst und weißt nicht, was du erwidern sollst, Papa! Ich kann mir denken, daß dir diese Antwort schwer fällt. Wären wir beide auf un sallein gestellt, so würdest du meinen Plänen und Wünschen freundlich gegenüberstehen. So aber droht Mama im Hintergrunde, deren Wille — verzeihe mir, Papa— leider nur zu oft auch dein Wille wurde!" „Wohinaus willst du nun eigentlich. Kind? Bis jetzt höre ich nur allgemeinen Klagen und Wünsche. Sprich dich deutlicher aus!“ Annemarie erhob sich und ging unruhig durchs Zimmer, während ihr die Blicke des Vaters besorgt folgten. „Ich will fort und mein Brot selbst verdienen. Das ist keine alberne Marotte, denn bei unseren Verhältnissen brauchte ich das nicht. Aber— mein Selbstgefühl, mein Stolz haben einen schweren Riß bekommen. Ich habe das Vertrauen zu mir verloren und will es dadurch wiederherstellen, daß ich arbeite! Hörst du, Papa, arbeite! Nicht herumschmarotze. Auch will ich diese Stadt nicht mehr sehen. Es wäre mir unerträglich, auf der Promenade oder sonstwo Herrn Marken zu begegnen oder— Herrn Thomas.“ Heftig begehrte sie auf. „Ein neues Leben will ich beginnen und nicht eines fortsetzen, das in Lächerlichkeit endete!“ Hild erhob sich und schritt um den Tisch herum. Dann beugte er sich zu seiner Tochter nieder. „Was willst du mit diesen rätselhaften Worten sagen?“ Seine Stimme war stockend. „Was ist mit dir vorgegangen in den letzten vierundzwanzig Stunden? Ich bin immer dein Vertrauter gewesen, Annemarie, ich will auch jetzt die Wahrheit wissen!“ Er ergriff die Hand seines Kindes. „Du— sprichst von Lächerlichkeit! Wo warst du gestern abend, während wir im Theater weilten?“ Des jungen Mädchens Atem ging kurz und schwer. „Daheim! Wenn ich das Haus, in dem ich wohne, so nennen kann!" Der Kommerzienrat kehrte auf seinen Platz zurück. Er war nun fest entschlossen, den geheimnisvollen Knoten dieser Irrungen und Wirrungen zu durchhauen. Während Annemaries Augen ihm unruhig folgten, griff er in die Schublade des Tisches, holte die Brokattasche hervor und legte sie ohne ein Wort zu sagen auf die Platte. Eine ganze Weile war es still im Raum. Nur die große Standuhr tickte und holte dann zum tiefen Gongschlag aus. (Fortsetzung folgt.) *. IP Mkrotilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. Roman von Hedwig Teichmann, Das indische Dest Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle(Saale) 1. Fortsetzung. Nachdruck verboten. Endlich aber schlüpfte sie doch durch die Hoftür und gelangte auf abgekürzten Wegen in den Kurpark, der seltsam leer war. Alles befand sich wohl draußen auf dem Flugplatz, um die aufregenden Schauflüge zu genießen. Bei einer Wegbiegung prallte sie mit dem Inder zusammen. Er blieb, wie er stets tat, auch heute stehen, flammende Bewunderung in den dunklen Augen. Sein Begleiter und Dolmetscher trat diskret beiseite. Aber Toni hatte nicht Zeit, stehenzubleiben und auf die fremden Laute zu hören. Ihr Herz trieb sie vorwärts, hin zu dem Flugplatz, wo der heimlich Geliebte Herr in den Lüften war. Sicher war der Start bereits vorüber— aber sie mußte ihn sehen und bei seinen Triumphen Zeugin sein. So grüßte sie mit leichtem Kopfneigen und eilte weiter dem Flugplatz zu. Was ging sie der dunkle, fremde Mann an? Ihr fiel ein, was Madame Fleur von ihm erzählt hatte. Und an die Gerüchte mußte sie denken, die über den Inder im Umlauf waren. Er wäre unermeßlich reich— ein König fast in seinem Lande. Der Fürst selbst achte und schätze ihn. Aber auf Toni machte das keinen Eindruck. Ein armer, blonder Ingenieur war ihr viel, viel lieber... Sie kannte einen Abkürzungsweg, den sie entlanghastete. Bäune verdeckten ihr jede Aussicht. Plötzlich er brausender, tausendfacher Aufschrei— ein unbestimmtes Getöse— ein Rasen, Schreien... Etwas war geschehen— das fühlte, wußte sie. Ihr Herz begann laut zu hämmern. Und dann war sie angelangt und arbeitete sich durch die hin und her wogende Menschenmauer und brauchte nichts mehr zu fragen. Zwei Flieger waren in den Lüften zusammengestoßen und aus der Höhe abgestürzt. Die beiden Flugzeuge waren zertrümmert, der eine Lenker tot, der andere schwer verletzt. Die Menge wich, ebbte zurück, man trug den Toten vorüber, mit einem Tuche bedeckt. Tonis starre Augen brannten auf dem Tuche. Wessen Züge verbarg es? Sie kämpfte sich rücksichtslos durch und stand dann vor der anderen Bahre, die den Verletzten trug. Seine Augen waren tief und schwer geschlossen, totenblaß das schmale, energische Gesicht. Toni wußte erst viel später, daß sie in jenen Augenblicken wie unter einem Zwang gehandelt hatte. Sie sagte zu dem Herrn, der bestürzt und erregt Befehle erteilte: „Bitte, mein Herr— es ist ein Verwandter von mir— ich möchte ihn in häuslicher Pflege bei mir haben. Geht das? Kann er bei uns untergebracht werden?" Nach kurzem Hin und Her willfahrte man Tonis Wunsch, und eine Stunde später lag Walter Cornelius in dem Zimmer Nummer fünf, das erst am Morgen das Ehepaar verlassen hatte und das bereits wieder frisch instand gesetzt worden war. Ein Diener wurde angenommen, aber Toni wollte die meiste Pflege selbst übernehmen. Die Großmutter schlug zitternd die fetten Hände zusammen und überhäufte Toni mit Vorwürfen. Doch die stand kühn und trotzig da und beharrte kühl: „Es wird nichts geändert, Großmutter! Du sollst keinen Schaden haben.— Ingenieur Cornelius ist reich und wird dir das Zimmer besser bezahlen als andere. Kümmere dich so wenig wie möglich um ihn und mich.“ Die alte Frau wollte die ungebührlich kecke Rede entrüstet zurückweisen. Da dachte sie an die Summe, die man bei dieser Gelegenheit verdienen konnte. So schwieg sie kopfschüttelnd und fügte sich.— Seufzend begab sie sich zu ihrem Sitz unter der Lampe, dessen Sesseltiefe von ihrem Umfang und ihrer Seßhaftigkeit erzählte. Toni aber schloß die Zimmertür, zog die Fenstervorhänge zusammen und sank dann am Beit des Bewußtlosen nieder, die Hände mit leidenschaftlichem Jubel und zitternder Seligkeit vors Gesicht schlagend. Er würde nicht sterben— er durfte nicht sterben! Sie würde ihn pflegen, und sollte sie wochenlang kein Auge schließen! Der Arzt hatte einen Beinbruch und eine leichte Gehirnerschütterung festgestellt. Die würde wohl bald behoben sein. Sie war allein mit dem Manne, der in den wenigen Tagen einen so heißen Sturm in ihrer Seele entfacht hatte. Behutsam strich sie ihm über das dunkelblonde, leicht wellige Haar und stellte sich bebend diesen Kopf zerschmettert vor, für immer geschlossen die grauen, kühnen Augen. Das Schicksal meinte es gut mit ihr— der andere war tot— dieser da würde leben, für sie leben, das wußte sie. Freilich— er hatte ihr noch kein Wort von Liebe gesagt— gemessen und nur freundschaftlich war seine Rede stets gewesen. Und doch wußte sie, daß es in seinem Innern anders aussah. Eine so heftige Leidenschaft kann nicht ohne Echo leben! Was tat es, daß sie nicht viel von ihm wußte? Sie fügte die lose hingeworfenen Worte klug zusammen. Der Vater war Offizier gewesen und schon lange tot. Die Mutter, aus altem Adelshause, sehr vornehm, doch nicht reich. Daß sein Herz noch frei war, verdankte sie seinem brennenden Ehrgeiz, hoch hinaufzuklimmen. Würde das nicht am Ende zum trennenden Fluß zwischen ihnen werden? Oh— ihre Liebe würde Brücken schlagen— er mußte ihr gehören— mußte! Draußen verblaßte allmählich der Sonntag, die Gäste kehrten nach und nach zurück, noch erfüllt von den Ereignissen des Nachmittags. Toni sah sie mit der Großmutter in Gruppen stehen, hörte sie flüstern. Zaghaft beugte sie sich vor und berührte leise die Stirn des jungen Mannes. Er lag ganz still. Nur die Wimpern zitterten leise. Plötzlich durchzuckte es sie. Was sollte sie ihm sagen, wenn er erwachte und die ihm fremde Umgebung sah? Hatte sie nicht doch unüberlegt und vorschnell gehandelt? In ihrer Einsamkeit hatte sie sich in Gedanken so viel mit ihm beschäftigt, daß es ihr schien, als gehöre er bereits zu ihr. Er hingegen hatte wohl kaum in seinen Vorbereitungen zum Flug an sie gedacht. Je weiter die Nacht vorschritt, desto nüchterner, klarer wurde ihr zu Sinn, desto mehr fürchtete sie sich vor dem Erwachen des Mannes. Und dann kam alles so anders als sie gedacht hatte, es fügte sich so natürlich, als schlösse man zwei Hälften aneinander. Sie hatte ein wenig geschlafen; der Diener in dem Alkoven nebenan schnarchte laut. Das waren recht häßliche Töne in der stillen, warmen Sommernacht, da die Sterne zitterten und der Silberblick des Mondes über die Dächer wanderte. Durch irgendein Geräusch wachte Toni auf und sah den klaren Blick Walters auf sich gerichtet. Er flüsterte: „Wo bin ich? Wie komme ich hierher?“ „Ich wollte nicht— daß Sie ins Spital kämen— Sie sollten häusliche Pflege haben— und wir hatten gerade dies Zimmer hier frei—“ „Der andere— ist tot?“ „Ja— tot! Sie aber werden leben!" „Habe ich etwas gebrochen? Io guyle mich so bewegungslos.“ „Den rechten Fuß— es ist kein komplizierter Bruch— er wird bald wieder gesund sein...“ „Ich versäume so viel, bin so nötig im Werk...“ „Sie holen dann alles nach.“ Eine Weile lag er ganz still, dann flüsterte er: „Träumte ich, daß der reiche Inder Ihre Bekanntschaft sucht? Man erzählte mir, er sei begeistert von Ihnen—“ Toni lächelte flüchtig und sagte:„Ich hörte auch davon!“ „Was will er von Ihnen?“ „Nichts! Was sollte er wollen? Er hat wohl nur Freude an Schönheit!“ „Und Sie? Was fühlen Sie?“ Toni lächelte.„Es hat mich gefreut. Wer ist nicht gern schön? Wer will nicht gern gefallen?" „Allen? Fräulein Toni— allen?“ „Nein, nur einem— nur allein dem einen!“ Dunkel und strahlend lag ihr Blick auf ihm. Es war ganz still um sie, sie hörten nicht die häßlichen Schna###laute des Burschen, nur das Schlagen ihrer Herzen. Walter Cornelius hatte ein gesundes Herz und gesunde Arme. Er brauchte sie nur auszustrecken und sie um das Mädchen zu schlingen, das ihm ganz nahe saß und dem die heiße, unschuldige Liebe aus den unbewachten Augen leuchtete. Er tat es nicht. Sein Ziel schob sich dazwischen— sein hohes Ziel; er durfte es nicht aufgeben, und es durfte sich ihm nichts entgegenstellen. Um ein loses Spiel mit Toni zu beginnen, war er viel zu ehrenhaft. Heiraten konnte er sie ja niemals. So lag er still und schloß die Augen. Die köstlichen Nachtstunden ließ er ungenutzt verrinnen, den Becher ungetrunken stehen, wenn auch seine Lippen durstig danach lechzten. Toni erwartete nichts. Ihr war es genug, daß er bei Bewußtsein und außer Gefahr und zudem in ihre pflegenden Hände gegeben war. Ein paar herrliche Wochen— ja Monate vielleicht! Aber darin täuschte sie sich. Cornelius hatte eine gesunde Natur, der Arzt erklärte schon nach einigen Tagen, daß der Fuß bald heilen und er imstande sein würde, die Heimreise anzutreten. Schonen allerdings müsse er ihn noch lange. Nach vierzehn Tagen durfte er das Bett verlassen. Er tat dies fast mit Bedauern. Die Zeit war voll wunderbarer Ruhe für ihn gewesen— einer Ruhe, die gleich einem See nur zeitweise aufgewühlt wurde tief unten im Grunde, so daß nur ein Zittern durch die Wellen geht. Das geschah stets am Nachmittag, wenn Toni erschien. Den ganzen Vormittag mied sie sein Zimmer. Der Arzt kam zur Visite, Freunde besuchten ihn. Hier und da sah er Toni in ihrer schlanken Frische über den Hof gehen mit ihrem ruhig aufrechten und doch so anmutigen Gang. Manchmal schöpfte sie Wasser aus dem alten, seltsamen Brunnen und füllte ihre Vasen mit Blumen. Dann schien die Sonne auf ihr schwarzes Haar, das bläulich schimmerte. Sie trug es in dicken Zöpfen wie eine Krone um den kleinen Kopf gewunden. Ahnte sie, daß er sie verlangend beobachtete? Sie schien völlig harmlos zu sein und war keine Spur kokett oder geziert. Ihre Mienen trugen, wenn sie sich ganz unbeobachtet wähnte, oft einen Zug unsäglicher Trauer und Sehnsucht. Das Mädchen hatte wahrscheinlich kein gutes Leben bei ihrer Großmutter. Die alte, sette Frau kümmerte sich nicht sehr um sie oder jagte sie von einer Pflicht zur anderen. Cornelius beobachtete auch, daß öfters Herren zu Besuch erschienen und sich mit Toni unterhielten und daß die Großmutter sie dann auffallend rasch allein ließ. Dann stieg es zornig in seinem Herzen auf, und er murmelte wütend:„Alte Kupplerin!“ Durch seinen Wärter erfuhr er manches von drüben. Aber Toni stand leuchtend weiß wie eine reine Blüte über grauem, trübem Schlamm. Sie kum am Nachmittag, und ihr leichter Schritt ließ sein Herz aufpochen. Im Arm trug sie Zeitungen, Bücher, eine kleine Erfrischung. Sie las ihm vor, und dann sprachen sie lange über das Gelesene und irrten von einem Pfad zum andern, neugierig in des andern Gedanken und Meinungen forschend. Der Ingenieur entdeckte mit Freude, daß Toni vielseitig gebildet und sehr wissensdurstig war. Freudig ergänzte er die Lücken, richtete sich lebhaft in den Kissen auf, erklärte und belehrte wichtig, während Toni ihm alles unbebaute Land freudig überließ und mit ruhiger Demut zuhörte. Er hätte sie gern gefragt, was die häufigen Herrenbesuche bedeuteten. Aber er mied ängstlich jedes allzu persönliche Gespräch. Ihm war es stets, als läge zwischen ihm und Toni ein dürrer Strohschober, der nur eines einzigen Funkens bedurfte, um in Flammen aufzulodern. Und das durfte nie, nie sein. Sein Ziel stand unverrückbar fest vor ihm und war durch nichts zu verschieben. Mit Toni gemeinsam dieses Ziel zu erreichen, schien ihm unausführbar. Hier war wohl kein Reichtum vorhanden— alles deutete darauf hin. Eines Tages erklärte der Arzt: „Nun müssen Sie aus dem Bett und den Fuß bewegen. Ich werde veranlassen, daß Sie einen Fahrstuhl bekommen. Der Wärter kann Sie in den Part zur Musik fahren, wenn Sie daran Vergnügen finden.“ Trotz seines ehrlichen Bedauerns, daß die schönen Stunden nun mit Toni vorüber waren, freute er sich auf seine Rückkehr ins Leben, und er dachte:„Gut so— sie schleicht sich mehr und mehr in mein Herz— und das taugt nicht.“ Als er durch den Hof gefahren wurde, sah er viele neugierige Köpfe an den Fenstern. Toni trat unbefangen aus einer Tür und fragte: „Sie fahren zur Musik? Vielleicht komme ich nach.“ Walter Cornelius wartete, aber sie kam nicht. Da verlor er die Freude an der Musik, an der langentbehrten, warmen Luft und dem schönen Park. Zeitiger als geplant, ließ er sich, mißmutig und niedergeschlagen, heimfahren. Er sah Toni den ganzen Tag nicht. Dafür hörte er einen erregten Wortwechsel zwischen der Großmutter und einem jungen Manne, der, breit und elegant, eine Reisetasche in der Hand, dastand und sehr verdrießlich aussah. Cornelius saß den ganzen Abend am Fenster und weigerte sich, zu Bett zu gehen. Er mußte Toni heute noch sehen und sprechen, die Sehnsucht nach ihr brannte wie Gift in seinem Blut. Später sah er sie wohl auch, aber nur einen Augenblick. Ihm schien es, als hätte sie ein unglückliches, verweintes Gesicht. Warum ließ sie ihn jetzt so allein, nachdem sie ihm die Süße ihrer lieben Gegenwart zu kosten gegeben hatte? Am anderen Tage schickte er den Diener zu ihr; ihm sei nicht wohl, sie möge ihm helfen kommen. Brennend vor Verlangen erwartete er sie. Aber sie erschien nur beim Fenster und stand dort in schöner Lieblichkeit. Er rief leise: „Toni— warum verlassen Sie mich? Ich sehne mich so nach Ihnen— nach unseren Plauderstunden...“ „Wir hatten gestern Besuch— Großmutters einziger Enkelsohn.“ „Ach, wohl der mit der Tasche! Aber nun ist er fort— wie? Und heute kommen Sie mit?“ Toni stand zögernd in sichtlichem Zweifel. Dann flog es wie trotzige Auflehnung über ihr Gesicht. „Ich komme nach, aber nicht mit.“ „Werden Sie mich nicht wieder warten lassen?“ „Nein, ich komme bestimmt!“ Mit leichtem Nicken verließ sie das Fenster. Und Cornelius wartete wieder beim Konzert, ließ die Töne an sich vorüberrauschen und sah nur nach ihr aus. Und Toni kam. Alle Menschen blickten ihr nach, und ein Flüstern folgte ihr gleich schmeichelnden Wellen. Der junge Ingenieur merkte es, und Stolz füllte seine Brust. Aber dann dachte er: Ich allein weiß, wie schön sie wirklich ist— wie rein ihr Herz, wie stolz ihr Sinn. Und mir allein gehört diese Schönheit, nur mir allein. Toni sah ihm lächelnd entgegen. Seine Augen sagten ihr leidenschaftliche Liebesworte, verrieten ihr unverhüllt den Zustand seines Herzens. Als sie neben ihm Platz genommen hatte, sagte er leise: „Ich habe einen letzten Wunsch! Werden Sie ihn mir erfüllen?“ „Wenn ich kann?“ „O ja! Wie ich weiß, grenzt an den Kurpark ein schöner Wald; den möchte ich sehen.“ „Soll Sie der Diener heute dorthin führen?“ „Wir lassen ihn im Park zurück— Sie werden mich weiterfahren. Ja?“ Tonis Brust hob sich schneller, aber sie sagte ruhig zu. Walter bat hastig: „Dann aber, bitte, gleich. Wir wollen nicht viel Zeit verlieren.“ Der Wärter blieb verstehend und gutmütig grinsend im Park zurück, Toni schob den Fahrstuhl mit kalten Händen allein weiter. Der Park ging allmählich in den Wald über; aber noch immer begegnete man Spaziergängern. Walter drängte: „Weiter, weiter, Toni— hier ist's nicht schön...“ Und Toni fuhr weiter. Sie kamen zu einer sonnigen Lichtung. Insekten summten, Wipfel rauschten, Grillen zirpten— es war jene Sommerstille, durchvebt von liebseligen Sommerstimmen, die sich zitternd, schwer und sinnberauschend auf junge Herzen legt. Die beiden saßen unter einem Strauch und schwiegen. Ueber ihnen sang eine Heidelerche. Walter fragte leise: „Verstehen Sie, was der Vogel singt? Da— er fragt: Haft mich, hast mich, hast mich— lieb?"(Forts. folgt.)