Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e. V. Rigemeiner kreisanzeiger Bezugspreis: Einschließlich Botenlohn für den Monat 1.80 Reichsmark.— Einzelpreis 10 Reichspfennig.— Die Schwelmer Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn= und Feiertage. Geschäftsstelle: Schwelm Nenstraße Nr. 6.— Celegr.=Anschrift: Zeitung Schwelm. Fernruf Nr. 2018.— Postscheckkonto Hannover 76913.— Für unverlangt gesandte Mannskripte wird keine Verbindlichkeit übernommen. Betriedsstörungen oder Streiks rechtfertigen keinerlei Ersatzansprüche. fur den Ennepe=Kahe kreis Auf roter Erde Schibelmer Radtanzeiger Mit den Beilagen: Blätter für Unterhaltung— Modebericht— Auf heimischer Scholle. Im Anzeigenteil für 1 mm Höhe(36 mm breit) ilb des Verbreitungsbezirkes 10 Reichspfennig: Anzeigenpreis: 8 Reichspfennig, außerhalb im Zeklameteil(75 mm breit) 30 Reichspfennig. Bei Wiederholung Ral.=#, der jedoch bei gerichtlicher Beitreibung und im Falle einer Geschaftsaufsicht oder eines Konkurses fortfällt. Die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Cagen oder Stellen wird nicht gewährleistet. Schluß der Anzeigenannahme: Vormittags 10 Uhr. kummer 16 eeste. Llai uiltwoch, den 4v. Jamnar 193. 38269909 Letzter Sitzungsabschnitt des Preußischen Landlagog Vorstoß gegen die FürstenSandtages, abfindung zurückgewiesen Minister Steiger über die deutschnationale Forderung einer landwirtschaftlichen Einfuhrsperre Kurze Tagesneuigkeiten Reichsrat am Donnerstag * Berlin, 20. Jan. Der Reichsrat wird in seiner Vollsitzung am Donnerstag die Zusammenstellung der am Reichshaushaltsplan 1931 vorgenommenen Aenderungen erledigen, die in den letzten Tagen Gegenstand der Ausschußberatung war. Auf Antrag der Ausschüsse wird bei dieser Gelegenheit der Reichsrat eine politische Entschließung fassen. Um die Zulassung zu den Verwaltungsgerichten * Berlin, 20. Jan. Der Rechtsausschuß des Reichstages nahm am Dienstag einen Antrag der Deutschen Volkspartei an, auf die Landesregierungen einzuwirken, daß landesrechtliche Beschränkungen der Zulassung von Rechtsanwälten vor Verwaltungsgerichten. Disziplinargerichten und Verwaltungsbehörden beseitigt werden. Haussuchung im Parteibüro der Kommunisten in München * München, 20. Jan. Im Münchner Parteibüro der Kommunistischen Partei sowie in den Räumen der RGO. wurde gestern eine Haussuchung durch die Polizei vorgenommen, bei der verschiedene Zeitschriften beschlagnahmt wurden. Eine Person wurde festgenommen. Riesige Heringsschwärme vor der Elbmündung * Cuxhaven, 19. Jan. Cuxhavener Fischer. die mit großen Heringsfängen eintrafen, berichten über riesige Heringsschwärme, die seit Ende vergangener Woche vor der Elbe stehen. Nach der Schilderung der Fischer sind die Schwärme teilweise so stark gewesen, daß es unmöglich war, mit den Netzen hindurchzukommen. Flugzeugabsturz in Darmstadt— Der Pilot rettete sich durch Fallschirmabsprung * Darmstadt, 19. Jan. Ein neues Flugzeug der akademischen Fliegertruppe Darmstadt wurde heute nachmittag bei einem Versuchsflug zerstört. Der Pilot brachte die Maschine in 1200 m Höhe in eine Rechtskurve, aus der sie trotz wiederholter Versuche aus bisher noch nicht aufgeklärten Gründen nicht herausgebracht werden konnte. Der Pilot sprang mit dem Fallschirm ab und kam unversehrt zu Boden. Zwischenfall auf der britischen Botschaft in Tokio * Tokio, 19. Jan. Die Fensterscheiben der britischen Botschaft wurden heute von vierzehn Indern eingeworfen, die auch in die Kanzlei eindrangen und dort schweren Sachschaden anrichteten. Sie protestierten gegen die Festnahme Gandhis und wollten den Botschafter sprechen. Der Botschafter, der den Empfang ablehnte, benachrichtigte die Polizei, die jedoch nur vier Inder festnehmen konnte, während die anderen spurlos verschwanden. Ein Sohn Gandhis verhaftet * Bombay, 19. Jan. Gandhis jüngster Sohn, Ramdas. ist verhaftet worden. Die Boykottbewegung hat heute in Lahore durch die Aufstellugn von Kongreßteilnehmern vor ausländischen Tuchgeschäften begonnen. Vierzehn Freiwillige. unter ihnen zwei Führer des örtlichen Kongresses, wurden verhaftet. Eine Gruppe Kongreßfreiwilliger wurde durch Stoffhändler angegriffen und mißhandelt. Mordprozeß gegen zwei bengalische Studentinnen * Kalkutta, 19. Jan. Vor einem Sondergericht hat hier der Prozeß gegen die beiden 20jährigen Studentinnen aus Bengalen begonnen, die wegen der Ermordung des englischen Bezirksbeamten Stevens angeklagt sind. Der Mord war der erste Fall terroristischer Umtriebe in Bengalen, in dem Frauen eine Rolle spielten. Man behauptet, daß die Mädchen Stevens zur Besprechung einer Veranstaltung in seinem Hause aufsuchten und ihn während der Unterhaltung erschossen. Ausschreitungen in Jena Polizeibeamte mit Steinen beworfen. * Jena, 19. Jan. Im Laufe des gestrigen Nachmittags versammelten sich vor den Zeiß=Werken eine Anzahl Kommunisten, um die dort beschäftigten Arbeiter und Angestellten zu verbotenen Demonstrationen aufzufordern. Später kam es dann in der Stadt zu weiteren Zusammenrottungen, Zusammenstößen und schweren Ausschreitungen, meist kommunistischer Demonstranten. Hierbei wurden die Polizeibeamten aus dem Hinkerhalt mit faustaroßen Steinen beworfen und zum Teil verletzt. Die Täter konnte nicht ermitlelt werden. Am späten Abend wurde von einer Polizeiabteilung eine kommunistische Funktionärversammlung ausgehoben und die Räume einer gründlichen Durchsuchung unterzogen. Bereits am gestrigen Vormittag war auf dem Marktplatz zwei Polizeibeamten der Tschako vom Kopf geschlagen und die Schulterabzeichen abgerissen worden. * Berlin, 19. Jan. Der Preußische Landtag hat sich gestern in seinem letzten Sitzungsabschnitt in der zu Ende gehenden Legislaturperiode versammelt. Allerdings liegt der neue Haushaltplan noch nicht fertig vor, so daß das Plenum erstmals bis zum 23. Januar tagen und dann eine Pause bis zum 11. Februar einlegen wird. Die Hauptaussprache wird sich am Donnerstag um die preußische Sparverordnung drehen; vorerst stehen nur kleinere Vorlagen zur Beratung. Bei Eröffnung der Sitzung gedachte Präsident Wittmaarck des Unglücks auf der Karstengrube bei Beuthen. Er teilte mit, daß er namens des Landtags der Bergwerksgesellschaft, der Belegschaft und den Angehörigen der Opfer das Beileid ausgesprochen habe. Das Haus erledigte dann zahlreiche Ausschußanträge. Dabei wurden Anträge des Beamtenausschusses angenommen, die die stärkere Heranziehung von Versorgungsanwärtern auch als Maschinenschreiber und Stenotypisten im Kanzleidienst sowie die Vermehrung der Stellen fün Strafanstalts=Hauptwachtmeister verlangen. Der Abg. Riedel(Staatsp.) beantragte, die Anträge seiner Fraktion und der Kommunisten über Revision den Fürstenabfindung von der Tagesordnung abzusetzen, da diese Angelegenheit zurzeit einem Reichstagsausschuß vorliege und auch der Rechtsausschuß des Reichstags dazu noch einmal Stellung nehmen will. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Nach kurzer Aussprache beschloß das Haus, die Geschäftsberichte der Preußischen Elektrizitäts=A.=G., der Duisburg=Ruhrorter Hafen=A.=G. und der Hamburgischen Preußischen Hafengemeinschaft G. m. b. H. für 1930 durch Kenntnisnahme für erledigt zu erklären. Bei der Beratung des Ausschußvorschlages über die staatsparteiischen und kommunistischen Uranträge auf Revision und Einstellung der Zahlungen an vormals regierende Familien setzte sich der Abgeordnete Stolt(Kom.) in längeren Ausführungen für den Antrag seiner Fraktion ein. Abfindungen an ehemalige Fürstenhäuser nicht mehr zu zahlen und die so freiwerdenden Summen zur Unterstützung notleidender Volksschichten zu verwenden. Entsprechend dem Ausschußbeschluß wurden die staatsparteilichen und kommunistischen Uranträge abgelehnt. Dagegen fand Annahme der Antrag des Hauptausschusses, nochmals in ernste Erwägungen einzutreten, ob die finanziellen Gründe für die Schließung der Berliner Chirurgischen Universitätsklinik so zwingender Natur seien, daß die Schließung unvermeidlich erscheine, andernfalls solle der Beschluß der Regierung rückgängig gemacht werden. * Paris, 19. Jan. Die Sitzung der Kammer eröffnete Kammerpräsident Bouisson mit einer Ansprache, in der er für seine Wiederwahl zum Kammerpräsidenten dankte und dann zur außenpolitischen Lage übergehend kurz bemerkte, daß die Kammer berufen sein werde, wiederum außenpolitische Entscheidungen zu treffen. Er als Präsident der Kammer glaube nicht aus der ihm mit Rücksicht auf sein Amt auferlegten, Reserve herauszugehen, wenn er erkläre, daß Frankreich nichts von seinen Gläubigeransprüchen aufgeben könne, ohne die Garantie einer Herabsetzung seiner Schulden in gleicher Höhe. Er glaube so den Geist kennzeichnen zu können, in dem alle internationalen Abkommen abgeschlossen und von der französischen Kammer ratifiziert worden seien. Frankreich habe in seiner Außenpolitik stets seinen friedlichen Willen bekundet, sowohl bei den früheren schwierigen Verhandlungen als auch durch seine aufrichtige Mitarbeit in den internationalen Institutionen, wie dem Völkerbund, der Europäschen Union usw. Frankreich sei stets dazu bereit gewesen, sich umfassend anzupassen und seinen Standpunkt zu berichtigen, wenn die Notwendigkeit dies erfordert hätte; natürlich unter der Bedingung, daß man gemeinsam darüber berate. Frankreich sei der Meinung, Abkommen, die lange Zeit erörtert und feierlich in Kraft gesetzt worden seien, könnten nicht durch einen einseitigen Entschluß eines der Vertragspartner gekündigt werden. Abg. von Plehwe(Deutschn.) forderte unter Hinweis auf die durch das Absinken ausländischer Währungen drohende Gefahr der Ueberflutung der deutschen Grenze mit ausländischen Erzeugnissen Annahme eines deutschnationalen Antrags, der aus eine völlige Einfuhrsperre für landwirtschaftliche Veredelungserzeugnisse und Futtermittel abzielt. In seiner Erwiderung betonte Landwirtschaftsminister Steigen, daß er sich bei dem Reichsernährungsministerium bereits für die Veredelungswirtschaft eingesetzt habe. Seit dem Rückgang der englischen Währung hätten die nordischen Länder und auch Holland besonders eifrig versucht, den deutschen Markt zu erobern. Hier liege eine wesentliche Ursache für die schlechte Preisbildung der deutschen landwirtschaftlichen Veredelungserzeugnisse. Er als preußischer Landwirtschaftsminister habe seine Forderungen bei dem Reich angemeldet; mehr zu tun liege nicht in seiner Zuständigkeit. Er könne sich aber denken, daß die Reichsregierung nicht imstande sei, so gegen die starke Einkuhr vorzugehen, wie es ihr vielleicht erwünscht wäre. Denn es unterliege keinem Zweifel, daß unsere Ausfuhr nach Holland, Finnland und Dänemark größer sei als die Einfuhr aus diesen Ländern. Daher könnten keine Maßnahmen ergriffen werden, die diese Ausfuhn auf die wir angewiesen seien, beeinträchtigten. Nach längerer Aussprache nahm das Haus den Ausschußantrag in der vom Abgeordneten von Plehwe(Deutschn.) vorgeschlagenen abgeänderten Form an. Weitere Anträge des Landwirtschaftsausschusses verlangen Einwirkung auf die Reichsregierung im Sinne einer Herabsetzung der Futtermittelzölle und Schutzmaßnahmen für das deutsche Holz. Sie wurden ebenfalls angenommen. Um 18.30 Uhr vertagte sich das Haus auf Mittwoch 12 Uhr: Beratung der Polizeiverordnungen über das Verbot nächtlicher Geländeübungen, den Verkauf von Hieb= und Stoßwaffen und üben den äußeren Schutz der Sonn= und Feiertage. Preußische Elatsberatung am 16. Februar * Berlin, 19. Jan. Der Aeltestenrat des Preußischen Landtages beschloß, daß die Plenarsitzungen des Landtages bis einschließlich Samstag dieser Woche gehen sollen. Von Donnerstag ab wird auf Grund der preußischen Sparverordnung eine politische Aussprache durchgeführt. Das Landtagsplenum tritt dann am 11. Februar wieder zusammen, bis zu einem am 13. Februar berechneten Tagungsabschnitt, um sich dann auf den 16. Februar zu vertagen, wo die erste Lesung des Etats 1932 beginnen wird. In der Februartagung sollen zunächst die Anträge der Reichsneugliederung und zu den Beschlüssen des Ausschusses der Länderkonferenz zur Beratung kommen. Wir können für die Zukunft keine Lösungen annehmen, die, ohne die Krise beschwören zu können, Frankreich in seinen wesentlichen Interessen und in seinem durch frei geschlossene Verträge betonten Rechten treffen würden. Wir werden das Recht auf Reparationen nicht verjähren lassen. Man fordert von uns aber eine Entlastungsquittung zugunsten unserer Schuldner. Wir haben aber eine doppelte Pflicht, nämlich gegenüber den Generationen, die den Krieg miterlebt haben, eine Pflicht der Rechtschaffenheit, die darin besteht, nichts von unserem Guthaben zu opfern, ohne einen entsprechenden Erlaß unserer eigenen Schulden; und gegenüber den kommenden Generationen haben wir eine Pflicht der Vorsicht, nämlich alle Abkommen von einem gerechten Ausgleich der Produktions= und Existenzbedingungen abhängig zu machen. Dieses Gleichgewicht wäre zerstört, wenn nach überwundener Krise das Mißverhältnis zwischen den finanziellen und steuerlichen Lasten, die die Völker in ihrer Aktivität belasten, Frankreich bei der Konkurrenz auf dem Weltmarkt in einen Zustand unbedingter Unterlegenheit versetzen würde. Die Regierung wird bei allen bevorstehenden Verhandlungen zur Anpassung der in Kraft befindlichen Vereinbarungen über die Kriegsschulden an die Periode der wirtschaftlichen Depression weiterhin sich streng an diese grundsätzlichen Prinzivien halten. die das französische Parlament stets gebilligt hat. Regierungserkiärung Lavals Nach der Ansprache des Präsidenten wurde Frankreich demaskiert sich In Paris ist am Montag zwischen dem deutschen Botschafter von Hoesch und dem französischen Ministerpräsidenten Laval erneut über die Frage der Lausanner Konferenz gesprochen worden. Es war in eingeweihten Kreisen schon längst kein Geheimnis, daß den Franzosen der Termin für die Lausanner Konferenz unbequem war. So wurde in der Oefsentlichkeit aller europäischen Hauptstädte schon seit einigen Tagen davon gemunkelt, daß eine Verschiebung der Konferenz geplant sei. Viel wesentlichen als die Hinauszögerung des Beratungsgebietes um zwei oder drei Tage, worüber an sich natürlich zu reden wäre, ist aber die Tatsache, daß die Franzosen sich überhaupt gegen eine Konferenz mit der Tagesordnung: Endgültige Tributlösung sträuben. Die Vermutung daß Frankreich noch vor Konserenzbeginn sich offen zu einer solchen Sabotage der Tributverhandlungen bekennen würde, hat sich nicht als trügerisch erwiesen. Ueber die Besprechung zwischen Laval und dem deutschen Botschafter von Hoesch hat das Pariser Havas=Büro am Dienstag mittag eine offenbar offiziös inspirierte Notiz verbreitet, in der darauf hingewiesen wird, daß eine endgiltige Lösung der Tributfrage und der Kriegsschuldenfrage schon wegen der demnächst bevorstehenden Wahlen in Frankreich, Deutschland und Amerika unmöglich sei. Das Havas=Büro will wissen, daß inzwischen eine Verständigung zwischen Frankreich und England dahin erfolgt sei, das Hoover=Moratorium um sechs Monate oder um ein Jahr zu verlängern. Die französische Absicht geht nun offenbar dahin, über eine solche Maßnahme zwischen den Gläubigerstaaten eine Verständigung herbeizuführen, so daß dadurch die Lausanner Konferenz„gegenstandslos“ würde. Wäre dies wirklich der Fall und würde sich die englische Politik damit einverstanden erklären, dann könnte Frankreich für sich einen wesentlichen Erfolg in der Sabotierung der Tributverhandlungen verbuchen. Ueber den Stand der Verhandlungen zwischen London und Paris konnte man am Dienstag in Berlin noch nicht ganz klar sehen. Fest stand eigentlich nur, daß die Verhandlungen noch nicht beendet waren. Bekanntlich ist man auch in London zu der Ueberzeugung gelangt, daß jetzt angesichts des kranzösischen Widerstandes eine Endlösung nicht zu erreichen ist. Infolgedessen dürften sich die Meinungsverschiedenheiten in erster Linie auf die Dauer des neuen Provisoriums erstrechen. Den Engländern liegt selbstverständlich daran, eine etwaige Zwischenregelung möglichst kurz zu befristen, damit schon bald über die Endregelung der Tributfrage verhandelt werden muß. Frankreich dagegen fühlt sich bei dem Hoover=Provisorium recht wohl zumales hofsen kann, daß durch die Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes Deutschland allmählich für ein französisches Diktat immen reifer wird. Gerade diese Erwägung aber müßte die Reichsregierung veranlassen, die Verlängerung des Hoover=Moratoriums nicht widerspruchslos anzunehmen. Wie in Berlin verlautet, hält die deutsche Außenpolitik an der Absicht fest, die Tributfrage sobald wie möglich grundsätzlich aufzurollen. Wenn die Franzosen eine solche Auseinandersetzung torpedieren, dann scheint es erforderlich, daß die Reichsregienung ihre Erklärung der Unmöglichkeit aller weiteren Tributzahlungen nochmals nachdrücklich wiederholt und den an der Tributfrage interessienten Regierungen amtlich notifizieren läßt. Mit der stillschweigenden Verlängerung des Hoover=Moratoriums ist uns und der ganzen Welt nicht gedient. Es ist auch nicht damit getan, daß man die Lage jetzt als„festgefahren" bezeichnet. Solche Störungsversuche der Franzosen mußten vorausgesehen werden. Sie gehören zu dem wohlüberlegten Plan der französischen Politik. Wenn die Reichsregierung folgerichtig anihver politischen Linie kesthalten will, dann muß sie erst Mittel und Wege finden, um die Tributdebatte erneut in Fluß zu bringen. Ein Zurückweichen wäre jetzt der erste Schritt zu einer neuen außenpolitischen Niederlage. von Ministerpräsident Laval und Justizminister Bérard folgende Regierungserklärung verlesen: Nicht ein Mißtrauensvotum hat das voraufgegangene Kabinett veranlaßt, zurückzutreten. Fast zwölf Monate hindurch haben Kammer und Senat der Regierung ihr Vertrauen niemals versagt und in der abgelaufenen Parlamentssession mehr als einmal bekräftigt. Die Ereignisse selbst und die Schwierigkeiten, die uns eine einmütige Anstrengung aller erforderlich erscheinen ließen, genügen, um heute die wesentlichen Punkte des Programms, das wir dem Parlament zu unterbreiten haben, zu bestimmen. Unsere Regierung steht vor großen außenpolitischen Aufgaben. Sie wird zwei Problemen, die gegenwärtig GeFrankreich besteht auf seinem Schein „Wir werden uns das Recht auf Reparationen nicht verjähren lassen“ Kammersitzung in Paris P. — Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. genstand internationaler Erörterung sind. sich widmen müssen: die Reparationen und die Einschränkung und Herabsetzung der RüstunDie Krise, deren Auswirkungen Frankreich infolge der gegenwärtigen wirtschaftlichen Abhängigkeit der Nationen auch spürt, hat nicht nur die öffentliche Meinung der Völker in Verwirrung gebracht, sondern auch zahlreiche Systeme wachgerufen, die eher auf doktrinärer Einbildungskraft als auf der Realität der Tatsachen begründet sind. Die Welt ist nach Formeln begierig, die ihr Heilung versprechen. Sie nimmt leider mit zu großer Bereitschaft die Theorien auf, die ein Universalmittel bringen wollen. Die Annullierung der Reparationen und Schulden würde auf diesen Geisteszustand zurückgehen. Nach dieser Hinsicht ist die französische Politik durch das Memorandum vom 15. Juli 1931 definiert worDie Regierungserklärung ermähnt das Protokoll von 1924, das, obwohl es nicht ratifiziert worden sei. am vollständigsten die französische Auffassung wiedergebe, ferner die allmähliche Anwendung dieser Gedankengänge in dem Abkommen von Locarno, dem Kellogapakt, dem allgemeinen Schiedsgerichtsabkommen, mit denen sämtlich der Name Briand verbunden bleibt; all das seien die unveränderlichen Grundsätze der französischen Politik. An dieser Politik. so fährt die Erklärung fort, haben alle Parteien teilgenommen, und alle Franzosen würden sie aufrechterhalten. Alle erklären, daß sie sich den Erfolg nur in einem bestimmten Rahmen denken, nämlich der Achtung des Begriffes des Vertrages, der Schiedsgerichtsbarkeit. der Definierung des Angreifers, des gegenseitigen Beistandes, also der wäre verkehrt, etwa auf irgendeine Schwäche oder Müdigkeit Frankreichs und damit auf den Verzicht auf diese Grundsätze rechnen zu wollen. Der Wille Frankreichs, den Frieden zu organisieren, schließt beides aus. Außenpolitische Debatte Während sich der Senat nach Verlesung der Regierungserklärung vertagte, trat die Kammer auf Antrag des Ministerpräsidenten sofort in die Beratung der vorliegenden Interpellation über die allgemeine und auswärtige Politik der Regierung sowie die Zusammensetzung des Kabinetts ein. Die Eröffnungsrede des Kammerpräsidenten und ebenso die von Ministerpräsident Laval abgegebene programmatische Erklärung fanden an den Stellen. die Frankreichs Anspruch auf Reparationen und Sicherheit betonen, fast einmütige Zustimmung. Als im Zusammenhang mit der Erwähnung der Bemühung um Sicherheit Briands Name fiel, brach die Kammer in ungeheurem Beifall aus. Als erster Interpellant erklärte der Abgeordnete Ledoux(Radikal), er könne dem neuen Kabinett das Vertrauen nicht schenken. Der nächste Interpellant, der sozialistische Abgeordnete Frossard, sagte, man habe sich in Frankreich anscheinend der Illusion hingegeben, daß Frankreich von der Weltwirtschaftskrise verschont bleiben werde. Heute könne man eine solche Meinung nicht mehr aufrechterhalten. Frossard erklärte, daß Maginots Tod keineswegs die Gesamtdemission des Kabinetts hätte zur Folge haben müssen. Doch scheine es, daß Laval nur darauf bedacht gewesen sei, ohne Briand wiederzukehren. Er spendete unter frenetischem Beifall von zwei Drittel der Kammer der politischen Tätigkeit Briands Anerkennung. Der Abg. Louis Marin rief: Heute verschwindet die Person Briands; morgen wird seine Politik verschwinden. Frossard erwiderte, die Mehrheit zeige jetzt ihr wahres Gesicht. Aber die Friedenspolitik sei mit einer reaktionären Mehrheit unmöglich. Ministerpräsident Laval müsse erklären, ob er tatsächlich Briands Werk vernichten wolle. Danach interpellierte der Führer der Sozialisten. Léon Blum, die Regierung über die bevorstehenden Konferenzen. Er sagte, man dürse die Erklärungen des Reichskanzlers Dr. Brüning nicht durch die Brille der Pressekommentare betrachten, sondern müsse fragen, ob sie nicht dem französischen und englischen Botschafter gleicheeitig abgegeben worden seien. Der Reichskanzler habe im Grunde genommen von der vorübergehenden Zahlungsunfähigkeit Deutschlands auf eine definitive geschlossen. Für ihn und für Deutschland sei die Reparationsfrage geregelt. Unter wiederholten Protestrufen aus der Mitte und von der Rechten des Hauses fragt Blum, ob die verschiedenen Regierungen Frankreichs alles getan hätten, um die republikanischen und demokratischen Elemente Deutschlands zu unterstützen. Wenn Frankreich sich an den Buchstaben seines Rechts klammere, begünstige es die Provaganda Hitlers. Die Ausführungen Blums wurden von rechtsstehenden Abgeordneten wiederholt unterbrochen. Blum meinte, daß der Streit darüber, ob Deutschland die Wiederaufbaukosten schon erlegt habe, einem internationalen Schiedsgericht unterbreitet werden müsse.(Lebhafter Protest rechts.) Der Reparationsgläubigeranspruch Frankreichs sei berechtigt, aber Deutschland könne wegen seiner gegenwärtigen Lage nicht zahlen. Wolle die Regierung etwa zur Politik des Zwangs und der Pfänder zurückkehren? Er wolle nicht, daß der Youngplan einseitig zerrissen werde. aber ebensowenig, daß man ihn gewaltsam aufzwinge. Blum trat für die französische These ein, daß an die Vereinigten Staaten kein Centime mehr gezahlt werden dürfe, als Frankreich von Deutschland erhalten werde. Zum Abrüstungsproblem übergehend erklärte Blum, wenn die französische Regierung bei der These, wie sie im Memorandum entwickelt sei, bleiben sollte, würde es sich nicht lohnen, die Abrüstungskonserenz zu beschicken. Frankreich würde dann nicht nur politisch, sondern intellektuell isoliert werden. Zum Schluß richtet Blum an die Regierung die Frage, ob sie die Politik Briands fortsetzen wolle. Als Louis Marin in die Debatte eingreisen wollte, begannen die Sozialisten ein Pultdeckelkonzert. Deutschland hält an der Lausanner Kouferenz fest * Berlin, 20. Jan. Gegenüber der Havaserklärung, in der eine Verlängerung des HooverKarsa, g far Unleesaun... der deichhierone für die Bamten * Berlin, 19. Jan. Im Haushaltsans: chuß des Reichstages wurde die Aussprache über die Kreditgewährung an Großbanken fortgebest.„ Abg. Pilserving(Soz.) war der Ansicht, es gebe jetzt gar keine andere Möglichkeit, als mit Krediten weiterzuhelfen. Wenn man das aber tue, dann sei naturgemaß eine gewisse Kontrolle und Einflußnahme der öffentlichen Hand auf die Banken die Folge. Wahrscheinlich wisse die Regierung selbst noch nicht, für was sie alles zu haften habe. Man solle einen Unterausschuß bilden, damit man sich mit diesen Fragen aufs eingehendste beschäftigen könne. Abg. Stolper(Staatspartei) unterstützte diese Anregung Hilferdings. Die Ursache der großen Bankenmisere liege nicht so sehr in den Banken selbst als in dem schlimmen Zustand des Kapital= und Kreditmarktes. Der Haushaltsausschuß beschloß sodann, einen Unterausschuß zur Untersuchung des Bankenproblems zu bilden, in den je ein Vertreter jeder Fraktion hineingeschickt werden soll. Es folgte die Beratung eines volksparteilichen Antrages, der verlangt, daß die Industrieumlage den Prozentsatz des Jahres 1930 nicht übersteigen darf und von Betrieben, die das Jahr 1931 mit Unterbilanz abschließen, nicht erhoben wird. Nachdem von seiten der Reichsregierung dargelegt wurde, daß dieser Antrag das Aufkommen aus der Industrieumlage auf die Hälfte zurückschrauben würde und daß für diesen Ausfall ein finanzieller Ersatz bisher noch nicht gefunden sei, beantragte die Deutsche Volkspartei die vorläufige Zurückstellung des Antrages in der Hoffnung, daß die Besprechungen zwischen dem Minister für Osthilfe und dem Reichsfinanzminister bald zu einem Ergebnis führen würden, das zeige, wie man den eventuellen Ausfall an Industrie= umlage anderweitig decken könne. Die vorläufige Zurückstellung wurde beschlossen. Es folgte die Beratung einer vom Finanzministerium dem Haushaltausschuß vorgelegten Zusammenstellung der am Reichshaushaltplan 1931 vorgenommenen Aenderungen. Reichsfinanzminister Dietrich verlas als Antwort auf die Frage, ob am Reichshaushalt überhaupt noch etwas geändert werden könne, den§ 18 des Haushaltgesetzes, der die Reichsregierung ermächtigt, Ausgaben des ordentlichen Haushalts bis zur Gesamthöhe der Mehrausgaben oder Mindereinnahmen abzusetzen. Der Gesetzestext zeige unmißverständlich, daß die Reichsregierung ermächtigt sei, von sich aus Einsparungen an den Haushaltausgaben vorzunehmen. Die vorgelegte Zusammenstellung sei deshalb durch den Ausschuß nicht abzuändern. Der Haushaltausschuß nahm die Vorlage zur Kenntnis, betraute den Abg. Dr. Cremer(DV.) mit der Berichterstattung für das Plenum des Reichstages und vertagte sich dann auf Mittwoch. ning, in dem es u. a. heißt: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie unmöglich und untragbar der Reichskanzler Brüning für das deutsche Volk geworden sei, dann sei dieser Nachweis in den letzten Tagen und Wochen lückenlos erbracht worden.„Will Herr Brüning noch länger einer Zusammenfassung aller nationalen Kräfte des Volkes den Weg versperren, nachdem der Herr Reichspräsident selbst ihn ersuchen mußte, seine ebenso erfolglosen wie peinlichen parlamentarischen Bemühungen um die Reichspräsidentenwahl einzustellen? War der Wink noch nicht deutlich genug? Oder bedarf es noch einer stärkeren Betonung, daß das deutsche Volk, das den Generalfeldmarschall von Hindenburg in freier Volkswahl in sein hohes Amt einsetzte, keinen Reichspräsidenten von Herrn Brünings Gnaden wünscht? Wenn Herr Brüning das nicht endlich begreift, worüber in der Auffassung des Volkes und der des Herrn Reichspräsidenten längst Uebereinstimmung herrscht, dann wird man allerdings auch vergeblich von diesem Kanzler erwarten, daß er sich der Verantwortung bewußt ist, die in aller Schwere auf ihn fallen wird, wenn durch sein noch längeres Verbleiben das Volk dem Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg entfremdet wird. Es besteht kein Zweifel mehr, daß sowohl für eine innerpolitische nationale Einigung wie für eine voll erfolgreiche Politik nach außen Herr Dr. Brüning heute ein nicht mehr lange zu ertragendes Hindernis ist. Das deutsche Volk erwartet von Herrn Brüning auf den nicht mißzuverstehenden Brief Hitlers nur eine Antwort: sofortigen Rücktritt. Reichstagspräsident Loebe zur politischen und wirtschaftlichen Lage Moratoriums angeregt und für den Fall dieser Verlängerung die Lausanner Konferenz als überflüssig bezeichnet wird, wird in hiesigen unterrichteten politischen Kreisen mit allem Nachdruck betont, daß Deutschland nach wie vor unter allen Umständen an dem baldigen Zusammentritt der Reparationskonferenz festhält. Es kann nur immer wieder auf den Wiggin=Bericht vom August vergangenen Jahres und das Baseler Gutachten hingewiesen werden, die beide die Notwendigkeit einer baldigen Regelung der Reparationsfrage verlangen. Man ist in politischen Kreisen der Auffassung, daß sich kein Staatsmann diesen Notwendigkeiten entziehen kann. haben England und Frankreich die Absage bereits beschlossen? * London. 19. Jan. Es wird gemeldet, daß England und Frankreich übereingekommen seien, die Lausanner Konferenz nicht stattfinden zu lassen, da die Frage des Moratoriums, das bis Ende des Jahres laufen soll, bereits gelöst ist. Man hat Amerika eine Mitteilung darüber bereits zukommen lassen und wartet nur noch auf die Antwort von Amerika. An deren Zustimmung ist nicht zu zweifeln. Amerika und eine Moratoriam-Verlängerung Keine verbindliche Stellungnahme TU. Washington. 20. Jan. Das Staatsdepartement hat den amerikanischen Botschafter in Paris, Edge, ermächtigt, Laval mitzuteilen, daß die Vereinigten Staaten augenblicklich eine verbindliche Stellungnahme zur Frage einer Verlängerung des Schuldenmoratoriums ablehnten. Die Initiative müsse von den Europäischen Staaten ausgehen, die unter sich eine Einigung erzielen und wieder an Amerika herantreten sollten. Die deutsche Verarmung Denkschrift über die Reichsausgaben— Die deutschen Steuererträge gingen ins Ausland— 68 Milliarden RM. Reparationen gezahlt * Berlin, 18. Januar. Der Generalberichterstatter des Reichsrats für den Reichshaushalt, Ministerialdirektor Dr. Brecht, hat dem Reichsrat eine Denkschrift„Die Ausgaben des Reiches 1931 und früher mit besonderen Bemerkungen über den Schuldendienst" vorgelegt, aus der wir folgendes entnehmen: wim: TLitenhann. Während der normale innere Schulbendienst des Reiches infolge der Inflation und der geringen Aufwertung(bei der mehr als 100 Milliarden RM. innerer Kriegskosten ganz ausgefallen sind) nur 485 Millionen RM. jährlich beträgt, wendet Frankreich für den normalen inneren Schuldendienst jährlich mehr als 3 Milliarden RM. auf, England nach heutigem Kurs sogar etwa 45 Milliarden RM. Beide Länder sind im Gegensatz zum Deutschen Reich in der Lage, ihren inneren Gläubigern diese großen Beträge zur Verfügung zu stellen. In Frankreich und England macht, wie das Statistische Reichsamt berechnet hat, der innere Schuldendienst etwa 28 v. H. der öffentlichen Ausgaben aus, in den Vereinigten Staaten und in Italien etwa 22 v. H., im Deutschen Reich dagegen nur 4,9 v. H. Von den Steuerleistungen kommt also in Frankreich mehr als ein Fünftel, in England sogar mehr als ein Viertel den inneren Staatsgläubigern zugute. Dieser Kreislauf wird bei dem Vergleich der Steuerleistungen regelmäßig übersehen. Es hat daneben noch nach deutscher Rechnung 68 Milliarden RM., nach amerikanischer Rechnung 37 Milliarden RM. an äußeren Kriegslasten getragen, davon unbestritten über 12 Milliarden in bar, während die deutschen inneren Kriegsgläubiger in der gleichen Zeit höchstens 2 Milliarden erhalten haben. Daraus erklärt sich die Verarmung und insbesondere die Kapitalnot, unter der wir leiden. Die Arbeit des Reichskommissars 10prozentige Preissenkung in der Seifenindustrie * Berlin, 19. Januar. Der Reichskommissar für Preisüberwachung verhandelte mit der Seifenindustrie. Die Seifenindustrie hat für die wichtigsten Sorten ihre Preise gegenüber dem Stand vom 30. Juni 1931 auch bei den nichtpreisgebundenen Waren im Durchschnitt um mindestens 10 Prozent gesenkt. Soweit eine solche Preissenkung bisher nicht vorgenommen wurde, ist sie, abgesehen von Schmierseise, im Laufe des Monats Januar durchzuführen. Senkung der Gas= und Elektrizitätspreise Die Gas= und Elektrizitätstavife sind jetzt wiederum in einer Reihe weiterer Orte gesenkt worden, insgesamt haben 75 Gaswerke und 48 Elektrizitätswerke ihre Tarife herabgesetzt. Unter den Gaswerken befinden sich die von Magdeburg, Bielefeld Hamburg, Erfurt und Merseburg, unter den Elektrizitätswerken das Badenwerk in Karlsruhe, die Elbinger, Dresdener, Hamburger, Aachener, Erfurten und Schweidnitzer Elektrizitätswerke, sowie das Ostbayrische Kraftwerk in München und das Oberschlesische Elektvizitätswerk. Preisauszeichnung auch bei Schuhreparaturen Die Händlerspanne im Kartoffelhandel Durch Verordnung des Reichskommissars für Preisüberwachung sind Preisauszeichnungen auch für Schuhreparaturen angeordnet worden. Ferner sind die Schornsteinsegertapen gegenüber den Sätzen vom 1. Dezember 1931 um 15 Prozent gesenkt worden. Der Reichskommissar wird sich des weiteren demnächst mit der Händlerspanne im Kartoffelhandel beschäftigen; weiter sollen im Laufe der Woche die Preise für Hausrat, Eisenwaren, Linoleum und Tapeten überprüft werden. Gerüchte, daß zwischen dem Reichspost= und Reichsfinanzministerium Verhandlungen über eine Senkung der Telephongebühren stattfänden, werden von zuständiger Stelle als unrichtig bezeichnet. Geringe Bierpreissenkung * Berlin, 19. Januar. Wie wir erfahren, hat der Preiskommissar auf Grund seiner Verhandlungen mit den Brauereien angeordnet, daß der Bierpreis ab 1. Februar um 2 Mark je Hektoliter Vollbier gesenkt wird, also von 49,85 auf 47,85 M. Der Ausschankpreis soll eine entsprechende Senkung erfahren. Unlauterer Preisabbau Schließung von Betrieben bei unwahren Angaben Der Preisüberwachungskommissar Dr. Goerdeler hat an die Landesregierungen ein Rundschreiben gerichtet, worin er sich gegen Unlauterkeit im Preisabbau wendet. Er macht aufmerksam auf die Beobachtung, daß Geschäftsleute ihre Waren unter Schlagworten wie„Voller Preisabbau" oder „Preissenkung entsprechend den Notverordnung" anbieten, obgleich diese Angaben nicht der Wahrheit entsprechen. Der Kommissar verlangt, daß die Polizei= und Strafverfolgungsbehörden dagegen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unnachsichtlich einschreiten, und droht für besonders krasse Fälle Schließung der Betriebe an. Es wird daher vor einem solchen Verfahren dringend gewarnt. Sollten derartige Fälle eintreten, so würde der Wirtschaft daraus eine neue Gefahrenquelle erwachsen, immer weiter in eine Zwangswirtschaft verstrickt zu werden. Die Znnahme der Wohlfahrtserwerbslosen in Preußen * Berlin, 19. Jan. Die Zahl der von den preußischen Gemeinden betreuten Wohlfahrtserwerbslosen ist im Dezember weiter sehr erheblich gestiegen. Nach der Erhebung des Preußischen Statistischen Landesamtes vom 31. Dezember sind in Preußen 1112844 vom Arbeitsamt anerkannte Wohlfahrtserwerbslose gezählt worden gegenüber 999585 am Ende des Vormonats, so daß sich im Dezember eine Zunahme um 113 259 ergibt. * Breslau, 20. Jan. Am Dienstag abend sprach in einer Kundgebung der SPD. Reichstagspräsident Loebe über die politische und wirtschaftliche Lage. Zur wirtschaftlichen Lage erklärte Loebe, daß wir jetzt zwar statt sieben Millionen„bloß“ 5,5 Millionen Arbeitslose hätten. Gedacht werde dabei aber nicht, daß der niedrigste Punkt der Konjunktur stets erst im Februar erreicht werde. Während früher die internationale Verschuldung gegenseitig gewesen sei, stelle sie sich heute einseitig dar. Hieraus ergebe sich die Forderung nach Aufhebung der Reparationen. Es sei das stete Streben der Sozialdemokratie gewesen, die Weltmeinung für den Gedanken einer Streichung der Tribute reif zu machen. Jetzt fordere auch die SPD. Schluß mit den Reparationen, selbst wenn die Kriegsschuldenstreichung nicht gleich auf dem Fuße folge. Brüning habe die Genesung Deutschlands durch eine übertriebene Sparpolitik herbeizuführen gesucht. Bereits in einem Vierteljahr würden sich die Folgen dieser Tendenz durch neue Lücken im Haushalt bemerkbar machen, wenn man nicht in vier Wochen auf diesem Wege abstoppe. Es sei in Deutschland eine Unmenge Arbeit vorhanden, die mit eigenen Rohstoffen und Arbeitskräften geleistet werden könne. Der Redner streifte weiter Pläne, die den Charakter einer Arbeitsdienstpflicht ähneln und erklärte, daß die Auseinandersetzungen hierüber bald im Mittelpunkt des deutschen Interesses stehen würden. Da die bisherigen Bemühungen zu keinem Ziele geführt hätten, werde man sich neu entscheiden müssen. Diese Maßnahmen seien so gut und einsichtig zu treffen, daß eine Umstellung ohne große Opfer oder großes Blutvergießen vonstatten gehe. Die Arbeiterschaft habe endlich in eine gemeinsame Front gegen die Katastrophenpolitiker zu treten. Sei die Wahl Hindenburgs, so erklärte Loebe die einzige Möglichkeit zur Verhinderung einer Kandidatur etwa der des Generals von Epp, so ziehe die SPD. Hindenburg vor Sollte man versuchen, Die Hindenburg-Spende * Berlin, 19. Januar. Unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten trat das Kuratorium der 1927 von ihm gegründeten Stiftung HindenburgSpende zusammen. Den Geschäftsbericht erstattete der ehrenamtliche Geschäftsführer Ministerialrat Dr. Karstedt. Dem Bericht ist zu entnehmen, daß die Stiftung bisher insgesamt nahezu fünf Millionen Mark in rund 27000 Einzelfällen, vorzugsweise an Kriegsbeschädigte, Kriegerhinterbliebene und Veteranen verausgabt hat. Im Jahre 1931 wurden 999000 Mark an Unterstützungen ausgezahlt. Die Unkosten haben regelmäßig 10000 M. im Jahre nicht überstiegen. Scharfer nationalsozialistischer Angriff gegen Reichskanzler Bruning * München, 19. Jan. Die Nationalsozialistische Parteikorrespondenz verbreitet einen offenbar von maßgebender Seite inspirierten ungewöhnlich scharfen Artikel gegen den Reichskanzler Brüdie Spe. enbenbutg vor. Evur man versuchen, die Arbeiterklasse abzuschlachten, dann würden Hände fallen. Der deutsche Arbeiter werde mit jenem Bürger= und Offizierstum fertig, das sich 1918 ins Mauseloch verkrochen hätte. Pensionierte deutsche Beamte sollen in Deutschland wohnen * Berlin, 19. Jan. Die Reichsregierung hat an die in den Niederlanden wohnenden pensionierten Beamten die Aufforderung gerichtet, den Wohnsitz wieder in Deutschland zu nehmen, wenn sie ihrer Pensionsansprüche nicht verlustig gehen wollen. Die Frist zur Rückkehr ist allgemein auf drei Monate festgesetzt. Bei Personen, die eigene Besitzungen in den Niederlanden haben, beträgt die Frist 6 Monate. Nach niederländischen Blättermeldungen werden allein dort etwa 50 Personen betroffen. Neue auarchistische Ausschreitungen und Kirchenbrande in Spanien * Madrid, 19. Jan. In der Stadt Valencia und in drei Dörfern der gleichnamigen Provinz versuchten Anarchisten und Kommunisten den Generalstreik auszurufen. Sein Ausbruch konnte noch rechtzeitig von der Polizei verhindert werden. Trotzdem gelang es den Revolutionären, mehrere Kirchen in Brand zu stecken, Bomben zu werfen und größeren Sachschaden anzurichten. Nur das rasche Eingreifen der Feuerwehren und die Hilfsbereitschaft des größten Teiles der Einwohner ermöglicht es, die Kirche vor der völligen Vernichtung zu bewahren. Auch in Sagunto kam es zu anarchistischen Ausschreitungen, wobei 50 bewaffnete Arbeitslose einen Doppelposten der Zolltruppen überfielen und niederschlugen, während andere Revolutionäre die Telephon= und Telegraphenleitungen durchschnitten und einen Bombenanschlag auf die Kaserne der Guardia Civil versuchten. Die Anarchisten verteilten Flugblätter, in denen zur Entwaffnung der Guardia Civil, zum Kloster= und Kirchensturm und zur Ermordung aller Geistlichen und Ordensmitglieder aufgefordert wird. Weitere Unruhen wurden aus der Umgegend von Bilbao gemeldet, wo die streikenden Arbeiter die Kirche des Dorfes Santurce in Brand gesteckt haben. Strenge Regierungsmaßnahmen in Spanien angekündigt * Madrid, 19. Januar. Die Reeierung hat strengste Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ordnung angekündigt. In Bilbao wurden bisher über 70 Verhaftungen vorgenommen. Unter den Verhafteten befinden sich auch angesehene Bürger, die politisch rechts stehen. Die Rechts Schwelm, 20. Januar. (=) Nächste Notsammlung am 9. Februar. Der Arbeitsausschuß der Schwelmer Nothilfe hat gestern beschlossen, am Dienstag, den 9. Februar, wieder eine Sammlung in Lebensmitteln und Bekleidungsstücken abzuhalten. (=) Morgen N. S. D. A. P.=Versammlung. Von der Pressestelle der N. S. D. A. P., Ortsgruppe Schwelm, werden wir gebeten auf die morgige große Kundgebung auf der„Wilhelmshöhe“ nochmals hinzuweisen. Auf Grund des regen Kartenverkaufes wird diese erste nationalsozialistische Kundgebung im neuen Jahre stark besucht werden, so daß rechtzeitiges Erscheinen im eigensten Interesse dringend geboten ist. Alles Nähere ist aus dem heutigen Inserat sowie aus den Plakaten und Flugblättern ersichtlich. „Der fidele Bauer". Im Viktoriasaal des Herrn Wiese wurde am vergangenen Sonntag diese bekannte Operette von Leo Fall mit Erfolg aufgeführt. Es ist erfreulich, bei niedrigen Eintrittspreisen den Schwelmer Theaterfreunden gute Aufführungen zu bieten.„Der fidele Bauer“ sand starken Beifall. Die„Heinerle“ Szene war wohl die beste Leistung. Die erst 8jährige Hildegand Hagedorn sang und tanzte, daß die helle Freude daran hatten. Hilde Wernerals Annemarie war voller Temperament, Gerti Dorecht gesanglich und darstellerisch gleich gut. Von den Herren waren Benny Rhein als„Lindoberer“, Paul Kreith als„Stephan" und Willi Strüning es„fidele Bauer“ gut. In Vorbereitung sind:„Schwarzwaldmädel", Viktoria und ihr Husar“, ferner die neue Operette„Der Regimentspapa“. (=) Das Fußballspielen auf öffentlichen Straßen und Plätzen nimmt in letzter Zeit wieder überhand. Wir haben schon oft darauf hingewiesen, daß auf Grund einer Polizeiverordnung dieses Fußballspielen verboten ist und bestraft wird. Es handelt sich hier um eine Gefährdung der öffentlichne Sicherheit, auf die die Kinder von den Eltern, Erziehern und Lehrern immer wieder hingewiesen werden sollten. Die Volizeiverwaltung sieht sich jedenfalls veranlaßt, jetzt mit strengeren Strafen vorzugehen. * Das Verbot roter Plakate aufgehoben. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst der Antwort des preußischen Ministers des Innern auf eine kleine Anfrage, die sich mit einem Einzelfall des Verbots roter Plakate befaßte, entnimmt, war das Verbot roter Plakate infolge einer die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdenden Verwendung der roten Farbe für Plakate, insbesondere politischen Inhalts, erforderlich geworden. Die seinerzeit hierfür erlassenen Polizeiverordnungen sind inzwischen nach Sammlung entsprechender Erfahrungen über die Auswirkungen der Notverordnungen vom 28. März und 6. Oktober 1931 nicht mehr unbedingt notwendig aufgehoben worden. * Die 5=Mark=Scheine gültig! In weiten Kreisen der Bevölkerung besteht die ganz falsche Ansicht, daß die 5=Mark=Scheine, da dieselben verhält. nismäßig wenig im Verkehr sind, keine Gültigkeit mehr haben. Es ist sehr schwer, derartige Wertzeichen in Zahlung zu geben. Tatsächlich sind die 5=Mark=Scheine niemals abgerufen, sondern lediglich durch Hartgeld verdrängt worden. :: Wann kommt die nächste Volkszählung? Die bereits 1930 fällige Volkszählung soll entgegen den ursprünglichen Absichten nach einer Mitteilung des Reichswirtschaftsministers auch im lausenden Jahre ausfallen. Der Reichsstädtetag hat daraufhin bei den zuständigen Reichs= und Landesbehörden nochmals beantragt, die Volkszählung 1932 unbedingt vorzunehmen. Maßgebend für diese Stellungnahme ist, daß infolge der wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Umschichtung die Ergebnisse der Volkszählung für 1925 unrichtig geworden und daher für die Verwaltungspraxis nicht mehr verwendbar sind. :: Der Anti=Schnarch=Apparat. Beim Londoner Patentamt ist ein origneller Apparat angemeldet worden, der das Schnarchen verhindern soll. Der wichtigste Teil der Erfindung ist ein Mikrophon, das auf jeden Schnarchlaut empfindlich reagiert. Auf dem üblichen Wege, also durch Stromvibration, setzt dies Mikrophon eine Nadel in Bewegung, die in irgend einen Körperteil des Schnarchenden sticht und ihn dadurch weckt. Manche Leute werden allerdings lieber schnarchen wollen, als die ganze Nacht hindurch in irgendeinen Körperteil— es sei, welcher es wolle — gestochen zu werden. zentsatz an Eisen enthalte. Die Beweisaufnahme ergab, daß die verarbeitenden Firmen ihre Lieferungsverträge mit Großfirmen im Schrothandel abschließen. Diese wiederum schließen mit Unterhändlern ab, so daß das Werk beim Eingang der Waggons nicht sehen kann, welche Firma tatsächlich geliefert hat. Dies stellt sich nur heraus, wenn Reklamationen gemacht werden. Die fraglichen 10 Waggons sind in der Henrichshütte durch die Kontrolle gegangen und abgenommen worden. Wohl wurden 3 weitere Waggons beanstandet, zwei davon wurden gegen Preisnachlaß angenommen, der andere nach Milspe zurückgesandt. Der Angeklagte bestreitet, diese Waggons geliefert zu haben und nach den Zeugenaussagen scheint hier eine Verwechslung mit dem Bruder des Angeklagten vorzuliegen, der ebenfalls in Milspe einen Schrothndel betreibt. Nach den Aussagen des Abteilungsleiters P. von den Klöcknerwerken sind die fraglichen Waggons nicht beanstandet worden, was aber nicht ausschließe, daß Beimischungen vorgenommen wurden. In Zeiten großer Eingänge ließe sich eine strenge Kontrolle nicht durchführen, das wüßten die Händler auch und stellten sich danach ein. Auch der DiplomIngenieur T. von den Rheinischen Stahlwerken bestätigte dies und führte noch aus, daß eine Beimischung verboten sei. Hochofenschrot dürfe nur aus Abfällen rein technischen Eisens bestehen, unter Hochofenspänen verstehe man reine Späne ohne jede Beimischung einer anderen Schrotart. Hammerschlag falle überhaupt nicht unter den Begriff Schrot. Gerade die Milsper=Gevelsberger Gegend sei wegen Schrotlieferung etwas berüchtigt, weil wegen der vielen Tempergießereien viel Tempererz beigemischt werde. Bezüglich der 10 Waggons an die Henrichshütte führte der Diplom=Ingenieur Th. noch aus, daß die Kontrolle auf der Henrichshütte sehr genau sei, was aber nicht ausschließe, daß ein gewisser Prozentsatz von Beimischung vorgelegen haben könne, keinesfalls aber der Satz von 40 bis 50 Prozent, wie der Zeuge M. angegeben habe. Der Staatsanwalt sah den Betrug als erwiesen an und beantragte eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten. Das Gericht kam zu einem Freispruch. Dem Angeklagten sei wohl der Vorwurf zu machen, daß er trotz Verbotes Beimischungen vorgenommen habe, dadurch sei das Material minderwertiger geworden. Nach der Rechtsprechung sei aber die Lieferung von vertragswiöriger Ware noch kein Betrug. Der Angeklagte habe selbst nicht mit den Werken in einem Vertragsverhältnis gestanden, er sei nur den Schrotfirmen gegenüber vertraglich gebunden gewesen. Es habe sich auch nicht feststellen lassen, daß der Angeklagte den Werken besondere Zusicherungen gemacht hat, er sei auch nicht nach der Beschaffenheit der Ware befragt worden. Eine Rechtspflicht der Offenbarung habe für den Angeklagten nicht bestanden. Aus rechtlichen Gründen müsse daher Freisprechung erfolgen. büßt werden. Für den Rest wurde eine 3jährige Bewährungfrist zugebilligt. :: W o h n b a u t ä t i g k e i t. D i e Z a h l d e r e r r i c h t e t e n Wohngebäude betrug im Jahre 1931: 12(11). Diese Gebäude enthielten zusammen 42(31) Wohnungen. Die geschaffenen Wohnungen teilen sich auf in 34 Zwei=, 5 Drei=, 1 Vier= und 2 Sechszimmerwohnungen, zusammen 99(92) Wohnräume. Hiervon wurden 4(15) Wohnungen mit 53(10) Wohnräumen von privater Seite, 11 Wohnungen mit 32 Wohnräumen von der Gemeinde und 27(16) mit 57(39) Wohnräumen von einer gemeinnützigen Baugesellschaft errichtet. Die Klam. merzahlen bedeuten das Ergebnis des Vorjahres. ::: Die erste Elternversammlung eine Protestkundgebung. Am Montag abend fand die erste Elternversammlung des vergrößerten Schulsystems Wassermaus statt. Ihr ging eine Elternbeiratssitzung der Schulen Wassermaus, Friedenshöhe und Becke voraus, in der der neue Elternbeirat gewählt resp. ergänzt wurde. Als Vertreter des früheren Schulbezirks wurde Herr Drevermann und für den ehemaligen Bezirk Friedenshöhe Herr Hof in den Elternbeirat gewählt. Als Vorsitzender des Elternbeirats leitete Herr A. Schmidt die sehr stark besuchte Elternversammlung. Nach der Begrüßung wies er auf die Mißstände hin, die durch die Zusammenlegung der drei Schulen entstanden seien. 249 Kinder müßten durch fünf Lehrkräfte in 4 Klassenräumen unterrichtet werden, der zweite Jahrgang sei ohne Klassenraum, bilde also eine sogenannte„fliegende Klasse“. Die dadurch verursachten Schäden seien untragbar. Eine oft sehr lebhafte Aussprache zeigte das Interesse, das die Eltern an der Schule haben; es wurde darauf hingewiesen, daß an der Becke die schöne, noch fast neue Schule und auch die Friedenshöher Schule leer ständen, und hier fehle der Klassenraum. In der Aussprache wurde auch bekannt gegeben, daß in den nächsten Tagen die Schulverbände sich mit dem Antrag auf Errichtung einer sog. weltlichen Schule befassen müßten, 144 Kinder hätten sich bereits gemeldet. Zum Schluß der Versammlung wurde eine Kommission gewählt, die beim Amt, vor allem aber beim Schulrat wegen sofortiger Abhilfe vorstellig werden soll. Deutsche Kasernen müssen abgerissen werden. In Trier werden jetzt auf Grund der Bestimmungen über die Entmilitarisierung der Rheinlandzone alle diejenigen Kasernen niedergerissen, die nicht einem rein wirtschaftlichen Zweck dienen. Unser Bilddokument gibt die Abbrucharbeiten in der Jägerkaserne VIII wieder, die neben anderen Gebäuden ein Opfer dieser unsinnigen Bestimmunder vewocer B. rung in das Krankenhaus erfolgt. In der letzten Woche ist fast täglich ein Kind dem Krankenhaus zugeführt worden. Hoffentlich führen diese strengen Maßnahmen dazu, der Krankheit bald Herr zu werden. * Beim Spiel verunglückt. Beim Versuch, eine Papierschlange beim Spiel abzufangen, geriet ein 10 Jahre alter Junge vor ein Motorrad, von dem er erfaßt und auf die Straße geschleudert wurde. Wie festgestellt ist, hat das Kind einen Beinbruch, eine leichte Gehirnerschütterung und verschiedene Hautabschürfungen davongetragen. Das verletzte Kind wurde in die nahegelegene elterliche Wohnung gebracht. Milspe, 20. Januar. — Die Beimischung im Schrothandel pu. Der Schrothändler Hermann G. aus Milspe sollte der Ruhrtal=A.=G. Henrichshütte in Hattingen, sowie den Eisen= und Stahlwerken— Klöcknerwerk— in Hagen=Haspe minderwertigen Schrot geliefert und daher die Firmen geschädigt haben. G. saß gestern vor dem Hagener Schöffengericht auf der Anklagebank und hatte sich wegen Betruges zu verantworten. Die Anzeige ging von dem Sohn des Schrothändlers M. in Altenvoerde aus, der beobachtet hatte, daß der Angeklagte auf seinem Lagerplatz Hochofenspäne mit Hammerschlag bezw. Tempererz und Walzensinter vermischte und diesen gemischten Schrot zur Verladung brachte. Nach den Feststellungen des M. ist die Henrichshütte in Hattingen mit einmal 10 und 8 Waggons, die Klöcknerwerke mit 3 Waggons mit dem minderwertigen Material beliefert worden. In der Inflationszeit sei es bei den Händlern üblich gewesen, diese Beimischungen vorzunehmen, viele Firmen haben diese Gepflogenheit beibehalten, trotzdem es unstatthaft sei. Der Angeklagte bestritt die Beimischung nicht. Nach seinen Angaben läge keine Schädigung der Firmen vor, da das Material immer den üblichen Propresse schließt daraus, daß die Abwehrmaßnahmen einseitig rechts angewendet würden. In Pamplona kam es am Dienstag zwischen Sozialisten und Kommunisten zu blutigen Zusammenstößen, in deren Verlauf 35 Personen verwundet wurden. Gardeverein Milspe= Voerde=Altenvoerde. Zur diesjährigen Jahreshauptversammlung am Sonntag, den 16. d. M., im Lokale des Kameraden Strohmeyen in Milspe, waren die Kameraden zahlreich erschienen. Mit der Begrüßung der Erschieneuen verband der 1. Vorsitzende Trosky den Glückwunsch für das neue Jahr. Im Anschluß hieran gab er den Jahresbericht bekannt. Der Mitgliederstand beträgt augenblicklich 106. Neu aufgenommen wurden 2 Kameraden. Der verstorbenen Kameraden Daniel Weuster, Paul Lensing und A. Redemann wurde in ehrender Weise gedacht. Der vom Kameraden Kramer vorgelegte Kassenbericht zeigte trotz den schlechten Zeit eine gesunde Finanzlage. Die Beiträge für das Jahr 1931 waren restlos eingegangen. Der 1. Vorsitzende dankte dem 1. Kassierer Kramer für seine mustergültige Kassenführung und wurde der Kamerad Kramer anschließend einstimmig zum 1. Kassierer wiedergewählt. Als Kassenprüfer wurden die Kameraden Wüllner, Emde und Frese wiedergewählt. Für den ausgeschiedenen und von hier verzogenen Fahnenträger Kamerad Tuschik wurde Alb. Menze aus Voerde gewählt. Für den Kreisverbandstag wurden als Abgeordnete die Kameraden Kummer, Winkelmann und Ischebeck bestimmt. Der Vergnügungsausschuß fand die Wiederwahl unter Erweiterung mit den Kameraden Wieth und Gehlen. Der Gardeverein beteiligt sich an den Volkstrauertagveranstaltungen in Voerde und Milspe. Ueber die Kreiskriegerversammlung berichtete Kamerad Köddermann. Im Schlußwort bat Kamerad Trosky nochmals alle Kameraden, in dieser schweren Zeit treu und einig zusammenzuhalten und schloß hierauf die Versammlung. pu. Amtsunterschlagung. Der Postschaffner Gr. von hier hatte sich eines schweren Vertrauensbruches schuldig gemacht. Er kam 1914 als Aushelfer zum Postdienst und wurde 1925 angestellt. Ihm oblag die Bestellung im Landbezirk, er hatte u. a. auch die Nachnahmebeträge einzuziehen. Am 8. November 1930 fuhr der Angeklagte zu einem Fußballspiel nach Wetter. Unterwegs verlor er seine Brieftasche. Der Finder sah in der Tasche verschiedene Nachnahmekarten und gab seinen Fund beim Postamt Herdecke ab. Dieses verständigte das Postamt Milspe und übersandte die Nachnahme zuständigshalber nach Milspe. Der Angeklagte erfuhr hiervon— ging morgens früher zum Dienst und entwendete vom Tisch des Postvorstehers den fraglichen Brief mit den Nachnahmekarten. Die Ueberwachungsstelle bei der Oberpostdirektion wurde benachrichtigt und die Untersuchung ergad, daß der Angeklagte seit Juni 1931 bis Oktober 1931 verschiedene Nachnahmebeträge, insgesamt 240 M. eingezogen, aber nicht abgeliefert hatte. Er ging so vor, daß er schon vor der Abstempelung sich die Karten aneignete. Daher konnten sie ihm nicht mehr zugeschrieben werden, erschienen naturgemäß auch nicht in dem Zuschreibebuch. Da er den einen Betrag mit den anderen deckte, fiel das Tun des Angeklagten nicht weiter auf. Der Betrag wurde später von dem Vater gedeckt. Der Angeklagte hat, nach seiner Angabe, das Geld auf seinen ausgedehnten Bestellgängen für sich ausgegeben. Er hat nicht aus Not gehandelt. Das war strafverschärsend, strafmildernd, daß er sich die langen Jahre hindurch einwandfrei geführt hat, und sein offenes Geständnis. Das Gericht blieb unter den beantragten 8 Monaten Gefängnis und setzte die Strafe auf 6 Monaten fest. Davon sollen 9 Monate verVoerde, 20. Januar. Aenderungen an der Berufsschule. In der Berufsschule Voerde sind mit Beginn des neuen Jahres umfangreiche Aenderungen vorgenommen worden. Der bisher von hiesigen Lehrkräften der Volksschule nebenamtlich erteilte Unterricht wird jetzt von in Gevelsberg hauptamtlich angestellten Gewerbelehrern erteilt und zwar unterrichten die Berufsschullehrer Butterweck, Strack und Dr. Borbeck Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag nachmittags von 2 bis 7,30 Uhr im Schulgebäude am Häufgen. Die Leitung der Schule liegt nach wie vor in Händen des Rektors Blanck von hier. Die Gesamtzahl der Schüler beträgt 140, davon nehmen 100 am Zeichenunterricht teil. Es sind 5 Klassen eingerichtet: O. Metallarbeiter=Oberstufe, Ha. Bauhandwerker, Hb. Schwankende Berufe und Lebensmittelgewerbe, N. Metallarbeiter=Unterstufe, M. MetallarbeiterMittelstufe. .:. Der M.=G.=V. Erholung, Häufgen hielt im Vereinslokal Fritz Voß die Jahreshauptversammlung ab. Zu Beginn den Versammlung konnte der Vorsitzende sämtliche Sangesbrüder begrüßen, denn alle waren erschienen. Den verstorbenen Sangesbruder Wieke ehrte die Versammlung durch Erheben von den Plätzen. Die Tagesordnung wickelte sich dann schnell und reibungslos ab. Dem Kassierer wurde unter Abstattung des Dankes Entlastung erteilt. Aus dem Jahresbericht war zu erkennen, daß der Verein im vergangenen Jahre überaus rührig war und den deutschen Männergesang trotz der Not der Zeit in keiner Weise vernachlässigte. Als Dirigent wurde Lehrer Oskar Hagen, Milspe, einstimmig wiedergewählt. Als Ueberschuß des letzten Konzertes konnte der Verein 79,60 Mark der Voerder Nothilfe überweisen. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. Aus Anlaß des 60jährigen Bestehens soll in diesem Jahre nur eine kleine Feier im engen Kreise veranstaltet werden. Wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern, ist in Aussicht genommen, im nächsten Jahre die 60jährige Jubelfeier in größerem Rahmen aufzuziehen. Herzkamp, 20. Januar. * Billiger Betriebsstoff. Ende vergangener Woche fuhr in den Abendstunden ein auswärtiger Motorradfahrer an die Tankstelle eines hiesigen Wirtes, füllte den Bauch seines Benzinkessels mit dem teuren Naß und verschwand dann unerkannt. Der Wirt hatte die Tankstelle auf Anregung der Benzinlieferfirma offen gelassen, da nach deren Ansicht„offene Läden zum Kauf einladen.“ Auf derartige Käufer wird zwar kein Tankstellenbesitzer besonderen Wert legen. Gevelsberg, 20. Januar. * Die Besitzung von Friedrizi(Wirtschaft„Zur Sonne“) auf dem Lichtenplatz wurde am Amtsgericht in Schwelm versteigert. Die Mecklenburgische Hypothekenbank, die mit 23000 Mark Hypotheken an 1. Stelle beteiligt war, bot 24000 Mark. Es lag noch ein Angebot der Stadt Gevelsberg mit 11000 Mark vor, die rund 6000 Mark zu beanspruchen hatte. Der Zuschlag erfolgt in 8 Tagen. Die Andreasbrauerei hat 12000 Mark zu fordern. Die Wirtschaftskonzession ist erloschen. * Ueberfall. Nachts wurde auf der Haßlinghauserstraße ein hiesiger Kaufmann von einer Anzahl Burschen ohne Grund überfallen und schwer mißhandelt. Er erlitt sehr schwere Kopfverletzungen und hat einige Zähne verloren, so daß er sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Es wird angenommen, daß politische Motive Grund zu dem Ueberfall gegeben haben. Sprockhövel, 20. Januar. * Ein rabiater Bettler. Bekanntlich bettelte vor kurzem in der Wirtschaft Tr. in Silschede ein Mann in einer Art und Weise, die weit über eine „Belästigung“ hinausging. Das Gericht in Hagen verurteilte jetzt den rabiaten Bettler zu zwei Wochen wegen Widerstand, eine Woche wegen Beleidigung, einer Woche und zwei Tagen wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung, vier Wochen Haft wegen Bettelns und Ueberweisung in ein Arbeitshaus. * Wegen Zusammenbruchs eines Teiles der Förderstrecke mußte am Montag auf der Zeche Alte Haase eine Feierschicht eingelegt werden. Herdecke, 20. Januar. * Die Diphtherie in Herdecke. Die seit einiger Zeit im hiesigen Stadtbezirk grassierende Diphtehriekrankheit ist noch nicht in der Abnahme begriffen. Die Behörde ergreift alle erdenklichen Maßnahmen, um den Seuchenherd zu bekämpfen. So ist neuerdings angeordnet, daß in solchen Füllen, wo eine Isolierung der Kranken in der Wohnung nicht möglich ist, eine sofortige UeberfühZwei Gewinner kämpfen um das große Los Hauptgewinn droht dabei verloren zu gehen. Frankfurt a. O., 16. Jan. Wo zwei sich streiten, lacht gewöhnlich ein Dritter, besonders wenn ihm dabei der Gewinn von 20000 Mk. zufallen soll, wie es in dem merkwürdigen Rechtsfall der Arbeiter Knetsch und Schwietal aus Köben geschehen ist. Knetsch besaß ein Los der Arbeiterwohlfahrtslotterie, das ihm im Glücksfalle ein Wohnhaus im Werte von 20000 Mark einbringen konnte. Da er aber keinen rechten Glauben an eine Gewinnmöglichkeit hatte, zog er es vor, seinem Gläubiger Schwietal das Los anzubieten als Gegenwert für eine geringfüige Geldsumme. So behauptet Schwietal. Wenige Tage darauf fiel der Hauptgewinn auf das Los. Knetsch erklärte sofort, er habe es bloß als Pfand hinterlassen, und verlangte die Rückgabe des Loses. Schwietal hingegen weigerte sich, sein, wie er sagt, rechtmäßiges Eigentum herauszugeben und wandte sich an die Lotterieverwaltung mit dem Ersuchen, ihm den Hauptgewinn zur Verfügung zu stellen. Es blieb Knetsch nichts übrig, als gerichtlich eine einstweilige Verfügung durchzusetzen, auf Grund welcher der Lotterieverwaltung die Auszahlung des Gewinnes bis zur gerichtlichen Erledigung und Klärung der Eigentumsverhältnisse untersagt wurde. Allerdings erklärte darauf die Lotterieverwaltung, daß der Gewinn innerhalb von drei Wochen abgeholt werden müsse, da er sonst zu ihren Gunsten verfällt. Und so wird wohl den beiden Losbesitzern nichts anderes übrig bleiben, als sich schleunigst gütlich zu verständigen. Stosch-Sarrasaui über den Brand seines Zirkus in Antwerpen In einer Pressebesprechung erklärte nach einer Meldung aus Berlin Direktor Stosch=Sarrasani über den Brand seines Zirkus u. a.: Daß Brandstiftung vorgelegen hätte, sei alben sofort klar gewesen, habe doch der Brand an verschiedenen Ecken begonnen. Er sei aber, erklärte Direktor StoschSarrasani, überzeugt, daß nicht ein Akt belgischer Chauvinisten vorliege, sondern, daß es sich um eine Tat handele, die von Nichtbelgiern ausgegangen sei, die vielleicht, so ließ Direktor Stosch=Sarrasani durchblicken, in Kreisen eines Konkurrenzunternehmens zu suchen seien. Was den Schaden anbetreffe, so belaufe er sich nach den gegenwärtigen Schätzungen, ohne die Tiere einzubeziehen, auf rund 600 000 RM., wovon nur der zehnte Teil durch Versicherung gedeckt sei. Zum Schluß verlas Direktor Stosch=Sarrasani ein Telegramm, das er aus Antwerpen erhalten habe, wonach bereits eine Verhaftung vorgenommen sei und das Alibi einer zweiten verdächtigen Person zurzeit noch nachgeprüft werde. In beiden Fällen handele es sich nicht um Belgier. Welterbericht der Wetterwarte Essen In den Morgenstunden stellenweise dunstig, sonst meist heiter und trocken, im Laufe des Tages schneller Temperaturanstieg; schwache Winde aus Ost bis Südost. eniriet un gurgel kältungen vor An u NIFA — Mikrotilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. Westsalea, aheimaud aud Nachduigedieie * Halver, 19. Jan.(Auf dem Lastwagen verunglückt.) Als ein hiesiges Lastauto, das mit gefüllten Teerfässern beladen war, am Freitag die Landstraße Radevormwald—Halver befuhr, gerieten durch irgend einen Umstand die auf dem Lastwagen befindlichen Fässer in Bewegung, wobei ein Faß dem auf dem Wagen befindlichen Straßenwärter Pl. gegen die Beine rollte. Pl. erlitt einen Bruch des linken Unterschenkels. Aerztliche Hilfe wurde dem Verletzten bald zuteil. * W.=Barmen, 19. Jan.(Vom Baum gestürzt und schwer verletzt.) Gestern nachmittag gegen 4 Uhr stürzte auf dem Plateau vor der Barmer Stadthalle ein Arbeiter, der mit dem Ausschneiden von Aesten beschäftigt war, von einem Baum herab und blieb bewegungslos auf der Erde liegen. Bei dem Sturz hat er beide Handgelenke gebrochen und sich vermutlich auch eine schwere Verletzung der Wirbelsäule zugezugen. Mit dem Krankenauto wurde er ins städtische Krankenhaus gebracht. * Neviges, 19. Jan.(Rabiate„Tippelbrüder“.) Im hiesigen Wohlfahrtsamt spielte sich ein unangenehmer Auftritt ab. Es erschienen dort mehrere auswärtige„Tippelbrüder“, die Kleidungsstücke verlangten. Als nur einer von ihnen eine Hose zugesprochen erhielt, gerieten die anderen in Wut. Sie zerrissen ihre Kleidungsstücke und beschimpften und bedrohten den Leiter des Wohlfahrtsamtes, so daß schne#####h die Polizei erschien und dem Vorgang ein gewaltsames Ende bereiten mußte. * Remscheid, 19. Jan.(Falsche Pol beamte.) Gestern abend gegen 11 uyr spielte sich im Stadtpark ein merkwürdiger Vorgang ab. Zwei jungen Männern, die sich auf dem Heimwege befanden, traten plötzlich zwei andere junge Leute in den Weg und gaben sich als Polizeibeamte aus, hielten ihnen Pistolen vor mit dem Rufe„Hände hoch!“ Dann durchsuchten sie ihnen die Taschen und ließen sie wieder frei, ohne sich etwas angeeignet zu haben. Die Ueberfallenen zeigten den Vorfall sofort an. Eine Polizeistreife, die dann sogleich den Stadtpark durchsuchte, fand jedoch von den Unbekannten keine Spur mehr. Nach den Angaben der Ueberfallenen waren es zwei junge 21jährige Burschen, die beide helle Mäntel und Hüte trugen. Was die falschen Polizeibeamten mit der Durchsuchung der jungen Leute bezweckten, ist nicht klar. Wahrscheinlich handelt es sich nicht um einen Raubüberfall, sondern um eine politische Angelegenheit. * Solingen, 19. Jan.(Zwei Frauen wegen Münzverbrechens angeklagt.) Vor dem Schöffengericht hatten sich zwei Frauen wegen Münzverbrechens zu verantworten. Die eine der Angeklagten hatte einen 50=Markschein aus der Vorkriegszeit in Zahlung gegeben. Aber nicht sie selbst vollbrachte das Stück, sondern sie schob eine andere Frau vor, die ein Kind zu einem Händler, einem Schwachsinnigen, schickte, der den Schein auch annahm. Als die Sache klappte, gab die zweite Frau auch einen Schein aus der Vorkriegszeit in Zahlung, machte aber vorher aus der Jahreszahl 1910 die Zahl 1930. Der Betrug kam bald heraus und beide wurden wegen Betruges angezeigt. Die erste Frau, als die Verführerin, erhielt drei Wochen Gefängnis, die zweite, als die Verführte, eine Woche Gefängnis. Die damals gekauften Waren mußten sie mit echtem Geld nachbezahlen. * Düsseldorf, 19. Jan.(Die Leiche Cromms aus dem Rhein gelandet.) Am Montagnachmittag wurde aus dem Düsseldorfer Petroleumhafen durch die Besatzung des Proviantschiffes Rodenkirchen eine männliche Leiche geborgen. Die Ermittlungen ergaben, daß es sich um die Leiche des seit mehreren Wochen verschwundenen Buchhalters Cromm aus Burscheid handelt. Die Mordkommission entdeckte am Kopf der Leiche mehrere Stichverletzungen, außerdem hatte der Tote eine Schnur um den Hals. Bei Cromm handelt es sich um den seit dem 30. November vermißten Geschäftsführer der Opladener Kreisobstverwertungsgesellschaft. Da sein Auto brennend auf der Landstraße bei Benrath gefunden worden war, befürchteten die Angehörigen sofort ein Kapitalverbrechen. Die Obduktion der Leiche hat nun diese Befürchtungen bestätigt. * Mülheim=Ruhr, 19. Januar.(Dr. Fritz Thysseu mandatsmüde.) Die letzte Stadtverordnetenversammlung wurde mit der überraschenden Mitteilung eingeleitet, daß der Großindustrielle Dr. Fritz Thyssen, der von 1912 bis 1919 und 1924 bis heute als Mitglied der deutschnationalen Fraktion in Mülheim angehörte, aus unbekannten Gründen sein Stadtverordnetenmandat niedergelegt hat. * Köln, 19. Jan.(17 Millionen Mark Fehlbetrag in Köln.) Man schätzt in unterrichteten Kreisen den Fehlbetrag des lausenden Rechnungsjahres für Köln auf rund 17 Millionen RM. Noch vor wenigen Wochen errechnete man einen weit höheren Betrag. der aber auf Grund der Erleichterungen durch die Notverordnung auf die angegebene Summe zurückgeführt werden konnte. Die Deckung durch neue steuerliche Belastungen ist wohl ausgeschlossen, zumal die Bürgersteuer mit ihren heutigen Sätzen schon sehr einschneidend wirkt, anderseits weitere Bürgersteuererhöhungen niemals diesen Fehlbetrag auch nur im entferntesten decken können. Die Gewerbesteuern dürfen nicht erhöht werden. Und was die Tarife anbelangt, so erwartet doch jeder weitgehende Senkungen durch die Verwaltung. So zeigt sich das Bild der finanziellen Gestaltung in sehr trübem Licht. Angesichts der Unmöglichkeit, das Loch zu stopfen, wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als den Fehlbetrag auf verschiedene Jahre vorzutragen. * Trier, 19. Jan.(Abbruch von Kasernengebäuden.) Mit dem Abbruch von 16 Kasernengebäuden auf dem Gelände von St. Maximin(ehem. 44. Artillerie) wird in dieser Woche begonnen. Die Gebäude, die auf Grund des Friedensvertrages niedergelegt werden müssen, bedecken eine Fläche von 4900 am. Ein Rest von Gebäuden bleibt vorläufig erhalten, da man immer noch hofft, sie zu Wohnungen ausbauen zu können, falls das Reich die Mittel zur Verfügung stellt. Mit den Abbrucharbeiten wurden drei Trierer und eine ausländische Firma betraut. * S a a r b r ü c k e n, 1 9. J a n.( S i e w o l l t e d e n schlafenden Ehemann anzünden.) In Altenwald ist ein Ehemann einem furchtbaren Tode entgangen. Seine Frau hatte ihn, als er noch schlasend im Bett lag, mit Petroleum übergossen. Als sie nun mit einer Fackel aus brennendem Zeitungspapier das Feuer anlegen wollte, erwachte der Mann und konnte im letzten Augenblick seiner Frau das brennende Papier aus den Hand schla1 * Göttingen, 19. Jan.(wirtshausverbot als Strafe.) Ein neuartiges Urteil gegen einen jungen Mann aus Nörten=Hardenberg sällte das Schöffengericht in Göttingen. In angetrunkenem Zustand hatte er sich dazu hinreißen lassen, einen Altersgenossen ziemlich stark zu mißhandeln. Er hatte die Tat nicht bestritten, aber sich mit seiner Trunkenheit entschuldigt. Das Gericht verurteilte ihn zu zwei Wochen Gefängnis, Dorniers neues Landflugzeug stellt sich vor. Das neue mehrmotorige Landflugzeug„Do K“ der Dornier=Werke machte seine erste größere Fernfahrt von Friedrichshafen über Stuttgart nach Berlin. Interessant ist die Anordnung der vier Motoren zu je 200 PS, die mittels besonderer Verstrebungen unter den Tragflächen des Metall=Hochdeckers angebracht sind und der Maschine eine besonders günstige Gleichgewichtslage sichern. Der Führersitz ist in einem weit vorspringenden Vorbau untergebracht, die Kabine faßt zehn Sitzplätze für Fluggäste. billigte ihm aber Strafaussetzung zu unter der Bedingung, daß er für die Dauer eines ganzen Jahres sich abends nach 10 Uhr in keiner Kneipe sehen lasse. Das Gericht wird den Angeklagten, der die Strafe annahm, durch den Oberlandjäger entsprechend beaussichtigen lassen. * Mannheim, 19. Jan.(Schlägerei im Bürgerausschuß.) Im Bürgerausschuß kam es heute nachmittag bei der Beratung der Gebührensenkung infolge nationalsozialistischer Zwischenrufe zu Zwischenfällen. Zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten entwickelte sich eine Schlägerei, bei der verschiedene Stadtverordnete blutig geschlagen wurden und aus dem Saal herausgetragen werden mußten. Der Sitzungssaal wurde polizeilich geräumt. * Echt(Provinz Limburg), 19. Jan.(Ein Nachspiel zum Drama im deutschholländischen Grenzwald.) Das aufsehenerregende Drama, das sich vor mehreren Wochen im hiesigen deutsch=holländischen Grenzwald ereignete und das bekanntlich seinerzeit zur Verhaftung zweier Jagdausseher führte, scheint jetzt ein weiteres Nachspiel im Gefolge zu haben. Seit Freitag, dem 8. Januar, wird nämlich aus der in der Nähe von Echt liegenden Ortschaft Hingen ein 19jähriger junger Mann namens Verkoyen vermißt. Er hatte an diesem Tage abends gegen 19 Uhr die elterliche Wohnung verlassen und ist seitdem nicht mehr dorthin zurückgekehrt. Trotzdem inzwischen etwa ein bis eineinhalb Wochen vergangen sind, haben die eifrigen polizeilichen Nachforschungen bisher noch keinen Erfolg gehabt. Begreiflicherweise hat sich in der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften beim Ein viele Der große Falschmünzerfall in Berlin. Fertenbild von Dr. Salaban und seiner Frau, die in einer Villa bei Berlin für Tausende von Mark falsche 2=Mark=Stücke herstellten und in den Verkehr brachten. Bekanntwerden dieses erneuten rätselhaften Vorfalles große Aufregung bemächtigt. Es wird behauptet, daß der vermißte junge Mann sich noch niemals eines Wilderervergehens schuldig gemacht habe. Bluttat aus * Frankfurt a. M., 19. Januar. In der Nacht von Samstag zu Sonntag kam es in einer Wirtschaft in der Rödelsheimer Landstraße zwischen einem Gastwirt und vier Schirmflickern zu Streitigkeiten, weil die vier die große Zeche, die sie gemacht hatten, nicht bezahlen wollten. Die Schirmflicker verließen das Lokal, kamen aber nach kurzer Zeit wieder und fingen erneut mit dem Wirt Streit an. Der Wirt zog schließlich eine Pistole, worauf einer der Schirmflicher in die Tasche griff und so tat, als ob er auf den Wirt schießen wollte. In Wirklichkeit besaß en aber keine Waffe. Der Wirt schoß in der Notwehr und traf den einen der Zechpreller in den Hals. Der Verletzte wurde sofort ins Krankenhaus gebracht, wo er inzwischen gestorben ist. Die Personalien der anderen drei Schirmflicker sind festgestellt worden. Radlische Bahnen Wapperial Barmen Mittwoch, 20. Jan., 8 bis 10,30 Uhr: Vorstellung für Erwerbslose: Der Raub der Sabinerinnen. Schwank von Franz und Paul von Schönthan. Kein Kartenverkauf. Donnerstag, 21. Jan., 8 bis gegen 11 Uhr: Der Zigennerbaron. Operette von Johann Strauß. Abonnement D, 8. Vorstellung. Preise 2. Freitag, 22. Jan., 7,30 bis nach 10,30 Uhr: Othello. Oper von Verdi. Preise 3. Samstag, 23. Jan., 7,30 bis 10,30 Uhr: Neu eingeübt: Egmont. Trauerspiel von Goethe. Preise 0,50, 1,00, 1,50 und 2 M. Sonntag, 24. Jan., 7 bis 9,30 Uhr: Das Land des Lächelns. Operette von Lehar. Preise 1. Elberfeld Mittwoch, 20. Jan., 8 bis 10 Uhr: Nina, der Filmstar. Komödie von Bruno Frank. Preise 2. Donnerstag, 21. Jan., 8 bis nach 10,15 Uhr: Reiseprüfung. Schauspiel von Max Dreyer. Abonnement C, 16. Vorstellung. Preise 2. Nachruf. Am Montag vormittag gegen 7½ Uhr verschied im hohenAlter von 78Jahren unser früherer Mitarbeiter Geintich Wiesemahn Ueber 59 Jahre war er in unserem Betriebe tätig und uns stets ein lieber, treuer Kollege. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. W.-Beyenburg, den 20. Jan. 1932. Augestellte, Meister u. Arbeiter der Firma Friedr. Erfurt& Sohn G. m. b. H. Wella-Dauerwellen Neues System: Keine lästige Hitze, kein schweres Gewicht mehr am Kopf Ganzer Kopf kompl. von RM 7.50 an E. Schllasd, Lchreia Ahrirtich: Nürnberg 1930 silb. Med., Stettin 1931 gr. gold. Med. B. J. B. R.1 Ortsgruppe Schwelm Horgen, Donnerstag. 21. Jun., abds. 8¼ Uhr sprechen Im großen Saale der Wilbelmshöhe Reichstagsabgeordneter Pg. W. Voller- W.-Barmen Reichstagsabgeordneter Pg. H. Wolkersdörfer-Zeitz über das Thema: Was brihst ans aas Samr 18Sz! Unkosten-Beitrag 30 J Erwerbalose 10 Der Saal ist geheizt. Der Vorstand. was deingt der Randsant! Donnerstag, 21. Januar 6,45—7,00 Leibesübungen. 7,00 Uhr Wettervorhersage und Zeitangabe 7.05—800 Morgenkonzert. 8,00 Wiederholung der Wettervorversage, Zeitangabe und Wasserstandsmeldungen. 9,00—9,40 Uebertragung von der Mirag, Leipzig: Gemeinschaftsprogramm der deutschen Schulfunksender: Schulfunk. 10,00 Erste Meldungen, Zeitangabe und Wasserstandsmeldungen. 10,15—11,15 Mensch und Welt. Gemeinschaftsempfang für Arbeitslose. 11,20—12,00 Schulf unk. 12,00—12,50 Unterhaltungskonzert. 12,50 Wetterbericht. 12,55 Nauener Zeitzeichen, Mittagsmeldungen und Zeitangabe. 13,05—14,30 Mittagskonzert, Leitung: Eysoldt. Nordische Musik. 1. Festmarsch aus„Sigurd Jorsalsar“ von Grieg. 2. Finlandia, sinfonisches Gedicht von Sibelius. 3. Hochzeitsmusik von Jensen. 4. a) Norwegischer Brautzug im Vorüberziehen von Grieg, b) Piazza del Popolo, Ballettszene von Frederiksen. 5. Schwedische Suite von Weßlander. 6. Trauriger Walzer von Sibelius. 7. Irmelin Rose, Lied von Peterson=Berger. 8 Norwegische Rhapsodie Nr. 3 von Svendsen. 14,30 Funkwerbung mit Schallplatten. 15,30 Wirtschaftsmeldungen und Zeitangabe. 15,50—16,10 Geschichten und Lieder vom Winter. 16,10—16,20 Mitteilungen aus dem Schulfunk. 16,20—17,00 Funkpädagogische Arbeitsgemeinschaft. 17,00—18,00 Vesperkonzert. Konzert auf alten Instrumenten. Göhre=Wasewitz=Trio. 18,05—1830 Ketzereien zur Zeit. 18,40—19,00 Italienisch. 19,00—19,15 Wetterbericht, Zeitangabe, Wirtschafts. meldungen und Sportvorbericht. 19,15—19,55 Jugend in Deutschland. Katholische Jugend.(Bericht mit Schallplatten.) 19.55 Erste Abendmeldungen. 20,00—20,55 Beliebte Walzer. 21,00 Das Konzert. Das Orchester des Westdeutschen Rundsunks, Leitung: Generalmusikdirektor Eugen Szenkar und Otto Julius Kühn. Solist: Walter Braunfels(Klavier). Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten Verantwortlich für die Schriftleitung: Pau! Scherz, für den Anzeigenteil: Haus Scherz; Druck und Verlag von M. Scherz: sämtlich in Schwelm. Vaterländischer Frauenvereing vom Koten Kreuz, Schweint Samstag, den 23. Januar nachm. 5 Uhr im Saale der Wilhelmshöhe Wohltätigkeitsaufführung von Fritz Reuter-Spielen I. Platz 1.-#8, II. Platz 50 J, Schülerkarte 30 4 Vorverkauf in der Buchhandlung M. Scherz und im Zigarrengeschäft Neuhaus Ein fleißiges ehrliches nicht zu junges Nauchen welches Haus= und Gartenarbeit versteht, für sofort gesucht. Frau Gustav Bröting Milspe, Kölnerstr. 140 3 Zimmer mit Heizung zu vermieten. Kaiserstraße 29 Feinste Hs1-Jieh. Betten Kinderbett. Stahlmatr.Polster Schlafzim. Chalselong. an jeden. Tellzahlg. Katal. 303 frei Eisenmöbelfabrik Suhi(Th.) Pfd. 1.328 empfiehlt Paur schneider Schweim, Markt. Anschließend: Letzte Meldungen, Bericht über das geistige Leben, Sportbericht. Anschließend bis 23,00: Nachtmusik, Leitung: Eyotot." eumm M. um F 5 23,00—24,00 sconzertubettlagung aus dem Case Wien am Ring, Köln, Kapelle: Janczy Balogh. Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. Zweiles Blatt Aummer 16 „ Mittwoch, 20. Januar 1932 Reichsgründungsfeier der Studentenschaft. Wie alljährlich, veranstalteten auch in diesem Jahre die Studenten Reichsgründungsfeiern. Die erste Veranstaltung dieser Art war der Reichskommers der Deutschen Landsmannschaft, der in Berlin Hunderte von Mützen aller Landsmannschaften der D. L. vereinigte. Die deutsche Mivlern im Heenen Ssten Alle Nationen der Welt amüsieren sich in Kiantschau.— Ein Modebad, das deutschen Soldaten seine Entstehung verdankt.— Japanische Kinder exerzieren am Iltishügel. Von Franz Schombach. Wenn die eroberungslustigen Japaner ihre Drohung, die chinesischen Häfen zu besetzen, in die Tat umsetzen, wird es mal wieder um den idyllischen Frieden des beliebtesten Badestrandes im Reiche der Mitte geschehen sein. Sind doch immerhin schon einige Jahre vergangen, seit Tsingtau die„Riviera des Fernen Ostens“, vom Kriegslärm verschont geblieben ist. Wie die Japaner berichten, hat sich nämlich jenes Gebiet aus einem wassenstarrenden Platz, der zu den größten und wichtigsten Befestigungen der Welt gehörte, zu einem der lieblichsten Stätten an der chinesischen Küste entwickelt. Man muß es den Japanern hoch anrechnen, daß sie unumwunden zugeben, wem die„Riviera des Fernen Ostens“ ihre Kultivierung verdankt. Nämlich niemand anders als den— Deutschen!„Das Reich, das im Jahre 1898 Kiautschau auf 99 Jahre pachtete, hat die Stadt erbaut“, so sagen die Gelben in sachlicher, aber uneingeschränkter Anerkennung, „Deutschland entwarf den Grundriß zu ihrer Entwicklung und hinterließ als schönstes Gedächlnismal den dichten Wald, mit dem es die kahlen Hügel bedeckte.“ Von der Besetzung durch die eigenen Truppen sagen die ehrlichen Japaner nur, daß sie von 1914 bis 1922 gedauert habe, worauf das Gebiet an China zurückgefallen sei. Kann man von den ehemaligen Feinden, die Tsingtau erst nach einem Blutopfer von fast sechstausend Mann in ihre Gewalt bringen konnten, ein größeres Lob für die Kolonisierungstätigkeit und=fähigkeit des Reiches erwarten? Manche Ortsbezeichnung wie der Deutsche Strand und der Iltishüge! erinnern noch an jene Zeit. Golden flimmert der Strand, der herrliche Buchten umsäumt. Mit roten Ziegeln bedeckte Häuser und weiße Bungalows lugen aus dem Walde hervor, der die felsige Schroffheit des Vorgebirges umschmeichelt. Die wohltuende Behaglichkeit, die sich über jene Gefilde breitet, steht im schärfsten Gegensatz zu dem wimmelnden Durcheinander und der drückenden räumlichen Beengtheit, die an den anderen chinesischen Häfen herrschen. Es ist also kein Wunder, wenn alljährlich Tausende von Besuchern jenen idyllischen Strand bevölkern. Besonders die Millionenstadt Schanghai weiß ihn zu schätzen. Ein ausgezeichneter Schnelldampferdienst bringt die erholungsbedürftigen Großstädter in 26 Stunden an die„Riviera des Fernen Ostens". Wer es sich irgendwie leisten kann, flüchtet von den Ufern des schmutziggelben Jangtsekiang an die Gestade der ewigblauen See. Die Nationalitätenfrage, um deren Lösung Schanghai in heißem Bemühen ringt, ist am Strande von Tsingtau in harmonischer Weise gelöst. Nur wenige hundert Ausländer sind es, die zu den ständigen Bewohnern der ostasiatischen Riviera gehören. Aber während der eigentlichen Badezeit schwillt sie auf viele Tausende an, die von Jahr zu Jahr zunehmen. Augenblicklich sind es die Russen, die in dem internationalen Konzert dort die erste Geige spielen. All die Flüchtlinge, die durch die große Revolution aus ihrer Heimat vertrieben wurden, verbringen ihre Ferienzeit an der Küste von Tsingtau, die dann von den slawischen Lauten widerhallt. Daneben tummeln sich die untersetzten Gestalten schlitzäugiger Japaner. Schulkinder aus dem Reiche der Aufgehenden Sonne treten in Reih und Glied an wie einst die deutschen Soldaten auf den Paradeplätzen von Kiautschau, antworten in geradezu militärischer Haltung, wenn der Lehrer ihre Namen aus der Stammrolle vorliest, und springen auf Kommando in gerader Linie ins Meer, zwischen all die soeben noch harmlos spielenden und zwitschernden Chinesenkinder, die beim plötzlichen Nahen der straff organisierten Japaner entsetzt auseinander stieben und sich ängstlich an ihre Enten, Schwäne, Frösche oder sonstwie gestalteten Gummitiere klammern. Wohl kaum ein Volk der Welt fehlt auf diesem internationalsten aller Badeplätze. Aber gerade die vorzügliche Organisation des Verkehrswesens bedeutet eine Gefahr für die Entwicklung der ostasiatischen Riviera. Während die Ausländer über den Raummangel und das Fehlen von guten Straßen in und von den chinesischen Vertragshäfen im allgemeinen klagen, führen von Tsingtau aus prächtige Verkehrswege in das Hinterland, dessen Früchtereichtum der begeisterte Japaner mit dem gesegneten Kalifornien vergleicht. Breite Straßen bringen die Erzeugnisse zu den Sammelplätzen. Immer reger wird der Schiffsverkehr, dem die stets steigende Ausfuhr der landwirtschaftlichen Produkte obliegt. Wird für alle beide, den Verkehr und den Fremdenbetrieb, Raum genug auf Kiautschau sein? Aber wie seine Zukunft sich auch gestalten möge, in jedem Falle gründet sie sich auf das Schaffen deutscher Kolonisten. Weiß der Papagei, was er redet? Von Otto Erich Gurlitt. Das war vor kurzem abends in einem der belebtesten Teile einer Großstadt. Da kreischte aus einer Wohnung eine schrille Stimme:„Mutter, Mutter!“ Fast das ganze Haus hörte das aufgeregte Schreien, aus dem die Angst deutlich hervorklang. Ein Mensch in Not schien um Hilfe zu rufen. Eine Frau drang als erste in die Wohnung. Sie fand dort zu ihrer Verblüffung keinen Menschen. Aber in einem Zimmer hatte aus dem Ofen gefallene glühende Asche den Fußboden und die Einrichtung in Brand gesetzt, und in einer Ecke sprang ein Papagei aufgeregt in seinem Käfig herum:„Mutter. Mutter!“ Sein Schreien hatte ihm das Leben gerettet und einen größeren Brand verhindert. Gleichzeitig beantwortete er durch sein Verhalten eine Frage, die schon verschiedentlich aufgestellt wurde: „Weiß der Papagei, was er redet?" In diesem Falle zweifellos. Denn das betreffende Tier hatte wohl öfters Hausgenossen„Mutter“ rufen hören, doch nie das Wort selbst nachgeplappert. Seinen blitzenden runden Augen war sicher nicht entgangen, daß die Hausherrin stets kam, wenn ihre Hilfe gebraucht und ihr Name gerufen wurde. Und nun, da Not am Mann war, stieß der Papagei den oft gehörten Hilferuf aus:„Mutter!" Der Vogel wußte also recht gut, was er rief. Oft ist das Gegenteil behauptet worden. Selbst Wissenschaftler erklärten, Papageien plapperten das Gehörte rein mechanisch nach besäßen nicht den Verstand, um den Sinn der Worte zu fassen. Bei jungen Tieren mag das der Fall sein. Aber oft genug haben ausgewachsene Papageien den Beweis dafür geliefert, daß sie das Aufgeschnappte nicht immer wahllos wieder plappern, sondern das der jeweiligen Lage angepaßte Sprüchlein zu schnarren wissen. Ein Papagetenliebhaber aus Teras hut sich die Aufgabe gestellt, die ihm gehörigen Tiere in dieser durch das schrille Kreischen eines Weibchens geweckt:„Mister Daniel, Mister Daniel!“ Schließlich stand er auf, trat an den Käfig und wurde mit freudigem Flügelschlag empfangen. Stolz zeigte das Tier ein Ei, das er eben gelegt haben mußte. Sein Herr kraute ihm anerkennend den Kopf und legte sich wieder nieder. Er wurde in der Nacht nicht noch einmal gestört, denn der Papagei schien sich jetzt, nachdem er sein Werk hatte bewundern lassen, zufrieden zu geben. Ein aus Deutschland nach Texas Eingewanderter hat seinen Papagei als Ladenklingel angelernt. Sobald ein Kunde eintritt, schreit das Tier:„Herr eß!" Der Ruf steigert sich zum Angstschrei, bis der Besitzer kommt. Dann kümmert sich der Papagei um nichts mehr. Er weiß allem Anschein nach, daß er seine Arbeit getan hat. Ein anderes Tier war anwesend, als ein Besuch nach dem Hausherrn fragte und von der Frau die Antwort erhielt:„Er arbeitet draußen im Garten." Besucher und Hausfrau fuhren erschrocken herum, als plötzlich aus dem Papageienkäfig die ernste Mahnung kam:„Ja, aber rühr draußen nichts an!" Allem Anschein nach hatte der Vogel die Worte gehört, als einmal ein Kind die Mutter um Erlaubnis bat, in den Garten gehen zu dürfen, und jetzt hielt es das Tier für angebracht, dem Fremden die gleiche Mahnung mit auf den Weg zu geben. Erstaunlich und sicher nicht rein zufällig war das Verhalten eines Papageis, den eine in Newyork lebende Frau Florence Solecki besaß. Das Tier wurde ihr gestohlen. Hiervon benachrichtigte sie eine Reihe von Newyorker Vogelhändlern. Einer rief sie bald darauf an und sagte, ein Mann wolle ein Tier verkaufen, auf das Frau Soleckis Beschreibung passe. Die Geschädigte eilte sofort dorthin, trat in den Laden und stand vor einem Mann, der einen Käfig mit ihrem Papagei in der Hand hielt. Sie fand keine Zeit, etwas zu sagen, denn im nächsten Augenblick wurde sie von dem Tier mit freudigem Flügelschlag und den früher einmal aufgeschnappten Worten empfangen:„Florence, Liebling, er ist ein Lump, ein Lump, ein Lump!“ Der Dieb war von der unerwarteten Anklage so betroffen, daß er seine Tat ohne weiteres eingestand. Hinsicht zu beobichten. Eines Nachts wurde er Die neuen Briefmarken, deren Ausgabe durch die gesenkten Gebühren erforderlich geworden ist, werden noch in dieser Woche in den Verkehr gebracht werden. Die 6= des Reichspräsidenten von Hindenburg. Pfennig=Marke mit dem Kopf des früheren Reichspräsidenten Ebert ist in Grün, der 12=Pfg.= Wert ist in Rot ausgeführt und trägt den Kopf Dae Roman von MAX NEAL 16 Doppelte Gesicht Der Herzog stand schwerfällig und etwas unwillig darüber auf, daß diese schönen und stillen Minuten schon zu Ende sein sollten. Er hätte immer so sitzen mögen, Bettina im Arm und von ihrem Glück redend. Aber er mußte Bettina recht geben. Die Stunde gebot, persönliche Gefühle und Wünsche hinter die Pflicht zu stellen. Langsam gingen sie durch den Wintergarten dem Ausgang zu. Kaum hatten sie sich entfernt, schlüpfte eine Gestalt hinter dem Zitronengesträuch hervor, vor dem sich die vom Herzog und Bettina benützte Bank befand und das den Lauscher die ganze Zeit über den Blicken der beiden entzogen hatte. Wie ein Fuchs glitt die Gestalt durch eine kleine, für die Gärtner bestimmte Glastür aus dem Wintergarten. Auch der französische Geheimsekretär Poisson hatte seine vermeintliche Pflicht getan. Im anstoßenden Zimmer trafen der Herzog und Bettina auf Joachim von Erken. „Ah. da ist ja der Doppelgänger,“ rief der Herzog sarkastisch. Der Rittmeister verneigte sich. Bettina lächelte mit erzwungener Lustigkeit, während es ihr beinahe den Atem verschlug, als sie sich Iwan Taschew gegenüber sah.„Ich muß noch nachträglich um Entschuldigung bitten, Herr von Erken,“ sagte sie mit gespielter Gelassenheit, „daß ich mich kürzlich in Ihrer Person geirrt habe. Ich hatte zu dieser Entschuldigung noch keine Gelegenheit gefunden.“ Erken antwortete mit eisiger Ruhe, kein Blick verriet, was in ihm vorging:„O bitte, gnädigste Komtesse, für einen anderen gehalten zu werden, ist ja keine Beleidigung.“ In Bettinas Gesicht flammte es wie Haß auf. „Doch, wenn der andere ein Schuft ist!!" „Dann bedauere ich lebhaft, daß mein Anblick traurige Erinnerungen wachgerufen hat,“ erwiderte der Rittmeister tonlos. Der Herzog nickte lebhaft und ein bißchen erlöst. In diesem Augenblick erschienen der Finanz= minister von Schwaz und der Kriegsminister von Reuker und der Herzog zog sie sofort in ein Gespräch. Bettina stand mit zusammengepreßten Lippen für ein paar Sekunden allein mit Erken.„Erwarte mich in einer Viertelstunde im Dianasaal,“ stieß sie kaum hörbar hervor, dann begab sie sich zum Herzog, der noch mit den Ministern sprach. Joachim von Erken verneigte sich und schritt mit einem Gefühl großer Niedergeschlagenheit aus dem Zimmer. Er wußte jetzt, daß Bettina sich nicht hatte täuschen lassen, daß sie ihn erkannt hatte. Im Ballsaal hatte man wieder zu tanzen begonnen. Der Rittmeister schob sich vorsichtig zwischen den Tanzenden hindurch und betrat den Herkulessaal, in dem sich jetzt nur noch wenige Gäste befanden. Erken hatte das Bedürfnis nach Champagner. Er mußte seine Lebensgeister wieder aufrütteln, sich aus der Niedergedrücktheit seiner seelischen Stimmung emporreißen. Als er eben an das Büfett treten wollte, rief ihn eine Stimme an. Er wandte sich um. In einer Nische saß an einem kleinen Tisch der französische Gesandte. Er winkte Erken zu sich heran. Der Rittmeister konnte sich dieser Einladung, so peinlich sie ihm auch in diesem Moment war, nicht entziehen. „Leisten Sie mir doch ein bißchen Gesellschaft,“ begrüßte der Vicomte den Rittmeister und zeigte auf einen freien Stuhl.„Können Sie sich etwas Langweiligeres vorstellen, als so einen Ball an diesem Hof?“ Erken hob leicht die Schulter, während er sich setzte. Semour goß ihm ein Glas Champagner ein, erhob das seine und trank Joachim zu.„Nom de dien... wie kommen Sie bloß an diesen Hof?“ fragte er, nachdem er einen kräftigen Schluck aus seinem Kelchglas getan hatte. Erken hielt den Blick auf sein Stengelglas gerichtet, das er spielerisch zwischen Daumen und Zeigefinger drehte, und beobachtete scheinbar interessiert die aufsteigenden Sektperlen. Dann hob er den Kopf und antwortete mit harmloser Miene: „Durch eine Empfehlung des Generals Freiherrn von Stein. Er ist ein Freund unserer Familie.“ „Sie müßten am Hof Napoleons Dienst nehmen. Männer wie Sie kann Majestät brauchen,“ köderte der Vicomte. Erken schwieg. Semour überlegte einen Augenblick, dann erschien das übliche Diplomatenlächeln wieder auf seinem Gesicht.„Wissen Sie, daß die Fäden der russischen Spionage gegen Napoleon hier am Hof zusammenlaufen?“ Dem Rittmeister stieg eine Blutwelle ins Gesicht. Ihm war, als hätte ihm jemand plötzlich einen Schlag versetzt. „Wir haben sogar schon einen ganz bestimmten Verdacht," fuhr Semour mit triumphierender Wichtigkeit fort, wie jemand, der seinen Erfolg in das richtige Licht setzen will.„Und die betreffende Person ist bereits unter Beobachtung gestellt. Aber leider ist es uns bis jetzt nicht gelungen, sie zu überführen.“ Erkens Mienen hatten etwas Starres, Steinernes angenommen. Fieberhaft arbeitete sein Hirn. Alle möglichen Pläne und Ideen jagten durch seinen Kopf: noch haben sie vorerst nur Verdacht, diese französischen Schnüffler, da kann es doch nicht allzu schwer sein, sie irrejuführen, sie auf eine falsche Fährte zu locken. Dann aber siel ihm ein, daß dieser Verdacht ja gar nicht ihm gelten konnte, würde sonst der Vicomte mit ihm überhaupt darüber sprechen? Das gab ihm wieder seine volle Sicherheit zurück.„Ich kann mir nicht denken, wer hier am Hof...?“ forschte er vorsichtig. Der Vicomte legte den Finger an den Mund. „Eine Dame.“ Erken war einen Augenblick verblüfft. Eine Dame? Das hatte er nicht erwartet. Spöttisch sagte er:„Ja ja... Frauen waren immer gefährliche Spioninnen.“ Der Vicomte beugte sich über den Tisch zu Ersen:„Ich bedarf Ihrer Mithilfe.“ „Und worin soll meine Mithilfe bestehen?" fragte der Rittmeister. Er war jetzt wirklich neugierig, was ihm dieser Franzose zumuten würde. Semour spitzte etwas den Mund und kniff ein Auge zu, als wollte er damit ausdrücken, daß die Sache anfange, auf ein pikantes Gebiet zu geraten. „Sie müssen versuchen, das Herz jener Dame zu erobern.“ Um Erkens Mund zuckte es.„Ach so..., um jener Frau dann das Geheimnis zu entlocken?“ Der Vicomte nickte.„Ich sehe, wir haben uns verstanden. Die Schwäche der Frau ist die Stärke des Mannes. Und bedenken Sie, Napoleon wird Ihnen den Dienst nicht vergessen.“ In Erken begann es zu kochen. Er hätte seinem ewig lächelnden Gegenüber am liebsten einen Faustschlag in das Gesicht versetzt. Aber er beherrschte sich.„Und wer ist die Dame?“ „Sie steht dem Herzog sehr nahe.“ „Die Prinzessin?“ Der französische Gesandte schüttelte den Kopf, dann antwortete er leise, sich rasch umsehend, ob niemand ihr Gespräch belauschte:„Die Komtesse von Hauenstein. Sie lockt aus dem verliebten Herzog alle Staatsgeheimnisse heraus, um sie dann durch einen gewissen Iwan Taschew an Rußland zu verraten.“ Erken war im ersten Augenblick vollkommen sprachlos, als er seinen wirklichen Namen aus dem Mund des Vicomte vernahm, noch dazu in Verbindung mit Bettina. Woher wußte der Franzose von Iwan Taschew? War man ihm schon so hart auf der Spur? Es wurde ihm plötzlich klar, daß seine Stellung hier am Hof erschüttert war, daß er seine Aufgabe beenden müsse, bevor man hinter seine Rolle kam, die er im Dienst seines Vaterlandes hier spielen mußte. Als Spion entlarvt und auf Drängen der Franzosen an die Wand gestellt zu werden, wäre doch ein zu bitteres Ende. Es handelte sich jetzt für ihn nur darum, Zeit zu gewinnen. Blitzschnell überlegte er den Weg, den er gehen mußte. Am sichersten war es, wenn er scheinbar auf den Vorschlag des Gesandten einging. Der Franzose würde dann einstweilen nichts mehr in der Sache unternehmen und abwarten, welches Ergebnis Joachims Bemühungen um Bettina hatten. Dann hatte er hinreichend Zeit, seine hiesige Stellung abzubauen und nach Rußland zurückzukehren, ohne den geringsten Verdacht auf sich zu lenken. Joachims Entschluß stand fest. Ohne mit der Miene zu verraten, was in ihm vorging, sagte er: „Gut, ich will auf Ihren Vorschlag eingehen. Ob es mir gelingen wird, die Komtesse zu überführen, ob sie überhaupt der Spion ist, der Ihnen so viel Sorge zu machen scheint, kann ich heute noch nicht wissen. Sie müssen mir zu dieser Feststellung ein wenig Zeit lassen.“ Fortsetzung folgt.) T.) MFA Mikrotilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V. Die Srimme Des Schrafurr 44 Roman von G. Schätzler=Perasini Nachdruck verboten 34. Fortsetzung Nachdruck verboten Dorthin wollte sie, wollte diese beiden noch einmal sehen und dann gehen, verschwinden für immer. Ihre Schwester mochte dort den Platz behalten. Aber es sollte ihr nicht gelingen, sie zu verhindern, an das Krankenbett zu treten. Dieser einmal gefaßte Entschluß gab ihr neue Kräfte. Sie sah in einiger Entfernung ein Licht funkeln. Es war das Licht der Station. Nach einer Viertelstunde hatte sie den Bahnsteig erreicht. Gleich darauf fuhr der Zug ein und nahm die junge Frau ak Dr. Curtius kam zehn Minuten zu spät, sonst hätte er Anny noch angetroffen und wer weiß, welches Unglück dann geschehen wäre! Nun blieb ihm selber nichts übrig, als den nächsten Zug abzuwarten. Nach einstündiger Fahrt kam Anny in der Stadt an. Sie nahm dort einen Wagen und ließ sich nach Ruhland hinausfahren. Nun war sie ganz einig mit sich. Eine beinahe übernatürliche Ruhe war über sie gekommen. Die junge Frau stieg in der Nähe des Parkeinganges aus, und war bald darauf in der Dunkelheit verschwunden. Sie suchte sich einen kleinen Seiteneingang. Auch in das Haus würde sie gelangen trotz der wahrscheinlich verschlossenen Haupttüren. * Erwin Bolten hatte sein Krankenbett noch nicht verlassen. Die Verwundung war eine zu schwere gewesen. Aber er war wenigstens außer aller Gefahr, wie die Aerzte erklärten. Sein Denken zeigte volle Klarheit, er entsann sich aller Vorfälle der letztvergangenen Zeit. Nur wortkarg, fast unheimlich finster war er geworden. So viel Mühe sich Fanny auch gab, ihn aufzuheitern oder ihn zu bewegen, mit ihr über naheliegende Dinge zu sprechen, es gelang ihr nicht. Mit Zähigkeit hielt sie indessen an der Hoffnung fest, er werde nach und nach Anny völlig vergessen und ihr, Fanny, seine Liebe wieder zuwenden. Gab es denn eine aufopferndere Pflegerin als sie war? Sie lebte nur noch für den Kranken, wachte über sein Wohl, wie über das eines kranken Kindes. Oft stieg es heiß, wild und leidenschaftlich in ihr empor. Sie wollte heftig fordernd vor ihn hintreten. Aber dann schreckte sie jedesmal wieder der seltsame Ausdruck seiner Augen zurück. Sie wartete— aber ihr vordem so schönes Gesicht fiel darüber ein. S Dunkle Ringe legten sich unter ihre Augen. Alles dies bemerkte sie selbst kaum. In dieser Nacht ward der Kranke von einer ungewöhnlichen Unruhe gequält. Fanny hatte es wohl bemerkt. Es glühte düster in ihren Blicken. Ahnte er denn, was sich fern von Ruhland abspielte? Mit einbrechender Dunkelheit erhielt sie einen Brief. Sie erkannte sofort die Handschrift und erschrak. Von Dr. Curtius! Sie wußte nicht, was er wieder vorhatte. Aber daß es nur eine Schurkerei war, stand fest bei ihr. Wüßte sie doch ein Mittel, sich von diesem Vampyr zu befreien! Doch er trotzte und ging seinen eigenen Weg, riß sie aber nur immer tiefer in den Abgrund. Was er schrieb, war nur wenig, dafür um so verhängnisvoller. „Diesen Abend befreie ich dich von der Doppelgängerin. Ich war die Tage hinter ihr her. Diesmal gelingt es sicher. Nur ihr Tod kann befreiend für uns wirken. Du wirst aber wissen, wie meine Mühe zu belohnen ist. Auch„dort“ muß ein Ende gemacht werden! Du wirst einsehen, daß es gar nicht anders geht, schon unserer eigenen Sicherheit wegen. Wir beide gehören nun einmal zusammen, denn ein Band, fester als jedes andere, verknüpft uns: das gemeinschaftliche Verbrechen. Ich erwarte deine Mitteilungen von jetzt an wieder in meiner Privatwohnung, welche dir ja jetzt bekannt ist und die ich für kurze Zeit verließ. Versuche nicht weiter, mir zu entschlüpfen, diese Mühe kannst du dir ersparen.“ Eine Unterschrift fehlte. Es war auch nicht nötig. So konnte nur einer schreiben! Fanny hatte den Brief wütend zerrissen. Dann zerbrach sie sich den Kopf, um einen Ausweg zu finden. Das war schwer genug. Um das Schicksal Annys kümmerte sie sich nicht; mochte er mit ihr anfangen, was er wollte. Der Brief hatte ihr viel Sorge gemacht. Sie mußte Curtius eine Antwort schicken und sann lange nach, wie sie ihn am besten losbekam. Doch hier gab es kaum etwas anderes als Geld und immer wieder Geld! Da Erwins Zustand in dieser Nacht erneute Sorge bedingte, so kam sie noch nicht dazu, jene wichtigen Zeilen an den Doktor zu schreiben. Nun war es gegen dreiviertel drei in der Frühe. : Erwin war endlich fest eingeschlafen. Bis dahin saß Fanny in einem Stuhl neben seinem Bett und bewachte ihn. Jetzt erhob sie sich. Sie mußte den Brief schreiben, nicht hier, sondern in ihrem Zimmer unten. In zehn Minuten konnte alles geschehen sein. Solange schlief Erwin sicher fest. Sie lauschte noch minutzenlang auf seine Atemzüge, dann schlüpfte sie aus dem Gemache.„ à— In der ganzen Villa herrschte tiefe Ruhe. Die Diener= schaft schlief längst. Nur die Betrügerin wachte bei dem Verwundeten zu solcher Nachtstunde. Fanny machte Licht in ihrem Zimmer und setzte sich an den Schreibtisch, der sonst Anny gehört hatte. Eine letzte Abfindung! Dann aber mußte er sie freilassen, mußte aus der Stadt verschwinden. Sie stellte ihm die Alternative, entweder zu gehen oder sie aufzugeben, oder von der Polizei verhaftet zu werden. Zu allem wäre sie jetzt fähig. Ihre eigene Person wolle sie schon schützen. Jedenfalls sei er ein verlorener Mann, wenn sie ihn fallen lasse. Der Brief war beendet und Fanny steckte ihn in den Umschlag. Morgen früh sollte ihn ein Diener in den Kasten besorgen. Die nervöse Unruhe, welche sie kaum ordentlich schreiben ließ, hatte sich bei ihr noch gesteigert. Sie mußte wieder nach oben zu Erwin. Mehrmals fuhr sie während des Schreibens zusammen, weil sie glaubte, ein Geräusch im Hause zu vernehmen. Aber wer sollte um diese Stunde hier sein? Einzig ihre hochgradig erregten Nerven spielten ihr diesen Streich. Durch die lange Krankenpflege war sie sehr heruntergekommen. Sie schrak oft genug bei dem kleinsten Geräusch zusammen. Lautlos stieg sie auf den weichen Teppichen nach oben. Als sie in dem Vorraum des Krankenzimmers anlangte, blieb sie plötzlich stehen. Ihr Gesicht nahm einen eigentümlich lauernden Ausdruck an. Dann zuckte es um ihren vollen Mund und ihre Rechte griff nach dem Herzen. Das wollte plötzlich stillestehen vor Schreck. Täuschte sie denn ihr Ohr? Im Krankenzimmer ein Murmeln und Flüstern! Wer war denn hier? Sie schüttelte gewaltsam die Lähmung von sich ab, welche sie für Sekunden erstarren machte und lief auf die Verbindungstür zu. Ihre Hand packte den Stoff der verhüllenden Portiere und zerrte dieselbe zur Seite. Wie von einem Faustschlage getroffen, wankte sie vorwärts. Ihre Blicke weiteten sich. Es brauste in ihrem Kopfe. Das Krankengemach war durch eine verhängte Lampe matt erleuchtet. Das Licht reichte jedoch vollkommen hin, um die seltsame Gruppe am Bett erkennen zu lassen. Erwin Bolten saß halb aufrecht in den Kissen. Er war erwacht und sein bleiches Gesicht trug einen Ausdruck, wie Fanny ihn noch niemals an ihm bemerkte. Was sprach nicht alles aus seinen Zügen! Glück, Schmerz und Reue, ein Flehen um Vergebung, aber auch ein fester Wille! Vor ihm kniete ein junges Weib, den Kopf auf das Bett gelegt. Er selbst fuhr ihr mit der freien Rechten liebkosend über das schimmernde Haar. Seine Lippen bewegten sich. „Arme— arme Anny! Kannst du mir je vergeben? Ist deine Liebe so groß, daß sie Unmögliches vollbringt? Ich bin ja so elend geworden— so verlassen!" Fanny verstand jedes Wort. Noch hatte man sie gar nicht bemerkt! Anny Bolten war heimgekommen und diesmal nahm sie Erwin als sein Weib auf. Wankte nicht der Boden unter Fanny? Sie tat nicht die Frage, woher Anny kam, wie sie überhaupt hier sein konnte. Sie war da und das genügte! Ein heiserer Schrei flog über ihre Lippen. „Erwin—! Du bist von Sinnen! Was willst du mit diesem Weibe? Es ist ja die Betrügerin!" Der Kranke blickte Fanny kalt an. Sein Arm legte sich wie schützend um Anny, welche ihn zitternd umklammerte. „Verstoße mich nicht wieder, Erwin!“ stammelte die Arme. „Ich kann ja nicht leben ohne dich und mein Kind! Schicke mich nicht fort; ich tat ja nichts, um dich zu erzürnen! Dein war ich immer, aber man wollte mich verderben!“ „Ich weiß jetzt alles, Anny! Du allein bist die Herrin hier, jene dort ist die Betrügerin!“ lautete seine Antwort. Fanny Ehlers erkannte, daß in diesem Momente alles auf dem Spiele stand. Der Atem flog keuchend aus ihrer Brust. In ihren Augen brannte ein gefährliches Feuer. So tat sie zwei Schritte gegen das Bett. „Das Fieber spricht aus dir!“ schrie sie heiser.„Sieh mich an und du mußt mich erkennen!" Erwin hatte sich noch mehr emporgerichtet. Eisig sah er sie an. „Ich war lange krank,“ gab er zur Antwort.„Jetzt bin genesen an Leib und Seele! Dich kenne ich nicht mehr! Ich sehe entstellte, eingefallene Züge! So sah mein Weib niemals aus! Das ruht hier an meinem Herzen mit dem alten, so lange entbehrten Unschuldsblick, mit diesem Gesicht, das über mir schwebte in den Fieberträumen! Das deine ist mir fremd geworden! So sah Anny Warren niemals aus!“ Was er hier sprach, traf sie vielleicht am furchtbarsten. Er fand keine Aehnlichkeit mehr in ihren Zügen mit denen Annys. Ihre Schönheit war dahin, verloren gegangen in den endlosen Nachtwachen, in den Strapazen der vergangenen Wochen. Und die andere hatte alle ihre Schönheit bewahrt, trotz allem. Das hatte ihn heute überwältigt. Was ihr die Liebe Erwins bringen sollte, diese Aufopferung, hatte sie um das letzte Hoffen gebracht. Er sah in Anny das Bild der Verlorenen, in ihr nur eine Fremde. Sie wankte. Dann aber ballte sich ihre Rechte. Alles verlieren, um das sie rang und kämpfte wie eine Wahnsinnige, alles zurückgeben an die Verhaßte? Nein, lieber erwürgte sie die Verhaftete mit beiden Händen! Sie stürzte auf das Bett zu. „Wenn ich für euch weiter nichts mehr bin als eine Verworfene, so sollt Ihr die Gefahr kennen lernen, mich gereizt zu haben!“ schrie sie auf. Anny sprang emvor. Sie setzte sich zur Wehr. Jetzt auf einmal fühlte sie wieder Mut. „Rühre mich nicht an!“ rief sie,„du weißt noch nicht alles, Fanny Ehlers! Entfliehe lieber, damit ich nicht gezwungen werde, dich der Polizei zu übergeben!" Ein Blick unbeschreiblichen Hasses traf sie. „Du willst mir den Boden unter den Füßen entziehen, willst mich von hier hinausjagen, weil der Schwächling dort dich erkannte! Du kennst deine Doppelgängerin noch nicht!" „Ich kenne dich besser als du es ahnst!“ gab Anny furchtlos zurück.„Wenn du erst weißt, wer Bernhard Warren war, werden dir die Angen aufgehen. Erwin Bolten hatte auf den Klingelknopf gedrückt. Man hörte den schrillen Ton in den Korridoren. In wenigen Minuten mußte die alarmierte Dienerschaft hier stehen. Fanny warf sich plötzlich mit einem nervösen Aufschluchzen vor Erwins Bett. Was Anny vorhin zu ihr sagte, beachtete und verstand sie nicht. „Hast du denn vergessen, Erwin, was ich für dich in den letzten Wochen tat?“ rief sie, die Hände nach ihm ausstreckend.„Ist das dein Dank?“ Erwin Bolten sah nur kalt auf sie nieder. „Deine Hände sind von einem Verbrechen befleckt, das schreckte mich vom ersten Tage an, dir Versöhnung zu bieten. Nur durch Betrug, indem du mein Weib zu einer Schuldigen machtest, hieltest du mich gefangen. Aber als ich entschlossen war, alles aufzudecken und die Arme heimzuholen, ließest du mich im Park durch deine Kreatur, den Doktor Curtius, niederschlagen. Das wäscht nicht tausendfältige Reue wieder ab. Dein Betrug ist aus, trage die Strafe!" Die Elende war emporgesprungen. „Du— weißt,— daß Doktor Curtius—?“ stammelte sie. „Daß ihr ein neues Verbrechen auf euch geladen, ja! Ich wartete, bis ich stark genug sein würde, euch zu verderben!“ „Und du glaubst, daß ich auch diesmal—?“ Sie brach, ohne weiterzusprechen, in ein krampfhaftes, erschütterndes Lachen aus. Anny stand bebend neben dem Bette. Da ward es draußen lebendig. Die Dienerschaft drängte mit erschreckten Mienen durch die Tür des Schlafgemaches. Es waren meist fremde Leute. Als sie ihren Herrn erblickten und die beiden Frauengestalten, von denen die eine, ihre Gebieterin, mit wutentstellten Zügen die Lehne eines Stuhles umklammert hielt, schwiegen sie mit einem Schlage. Wer war denn die fremde bleiche Dame dort? „Hört es alle!“ rief Erwin Bolten.„Man hat mich schändlich betrogen! Die Ihr als meine Gattin hier gesehen, ist eine Betrügerin und Verbrecherin! Mein Weib ist heute zurückgekehrt. Es steht hier an meiner Seite!“ Die Leute starrten alle Fanny Ehlers an, als sähen sie ein Gespenst. Da warf Fanny den Kopf zurück. „Eine Hexe hat ihm den Verstand verwirrt!“ klang es schrill durch den Raum.„Er ist wahnsinnig geworden! Nehmt jene Person fest und führt sie fort. Es ist eine dem Irrenhaus Entsprungene!" „Wehe dem ersten, der Hand erhebt, um mein Weib anzurühren!“ drohte Erwin. Es hätte dieser Drohung nicht bedurft. Niemand aus der Dienerschaft rührte sich. Fenny Ehlers, die mit beispielloser Raffiniertheit ihren Betrug bis auf das äußerste trieb, sah das gefährliche Spiel verloren. Ohne noch ein Wort zu erwidern, stürzte sie nach dem Ausgang, stieß die vordersten des Dienstvolkes zur Seite und enteilte. Sie sah, wie hinter ihr die Brücken zusammenbrachen. Da gab es kein Festhalten mehr. Als sie ihre Zimmer erreichte, raffte sie an Wertsachen zusammen, was sie mitnehmen konnte. „Sie werden meine Rache bald genug fühlen!“ knirschte sie.„Nicht umsonst habe ich ihm einst gedroht, ihn mit mir zu vernichten, wenn er mich aufgibt. Aber erst will ich in Sicherheit sein.“ Der Brief, welchen sie an Curtius geschrieben hatte, knisterte in ihrem Kleide. Das gab ihren wild durcheinandertobenden Gedanken eine bestimmte Richtung. Er hatte recht, jetzt ganz gewiß: sie gehörten beide zusammen in Glück und Unglück, unzertrennlich bis ans Ende. Erwin Bolten ging ihr verloren; da blieb ihr nicht mehr die geringste Hoffnung. Was sie sich nahm, war nicht besonders viel. An die großen Kassenbestände konnte sie ja nicht gelangen. Als sie alles an sich genommen, was ihr zur Verfügung stand, öffnete sie die Tür nach dem Korridor und huschte hinaus. Niemand vertrat ihr den Weg. Als sie am Fuße der Treppe vorüberkam, krampfte sithz ihr Herz zusammen. Alles verloren! Nur der eine Retter blieb ihr noch: Curtius. Wenige Minuten später stand sie im Park draußen. Auch ihr war die kleine, verborgene Pforte bekannt. (Fortsetzung folgt.)