Rro. 18. Dortmund, Freitag den zten März 1815. Oeffentliche Bekanntmachungen. Am 1bten März Mörgens 9 Uhr sollen in der vormaligen Domdechanei zu Minden eine Anzahl aus England herstammender Arzeneimittel von vorzüglicher Güte durch Fürsorge der dortigen Königl. Regierungs=Commission öffentlich meistbietend versteigert werden, welches mit Bezug auf das hier nachfolgende Verzeichniß derselben zur Kenntniß der Kauflustigen gebracht wird. Münster den igten Febr. 1815. Königl. Preuß. Militair=Gouvernement zwischen Weser und Rhein. C. v. Heister. Vincke. Verzeichniß von denjenigen in Preuß. Minden befindlichen engl. Arzenei=Vorräthen, welche entweder dem Verderben unterworfen oder anderer Umstände wegen nicht zur Aufbewahrung geeignet sind: 22 Pf. Acidum Bencoicum, 44— Balsam Capaivae, 13—— Peruvianns 110= Cassia Fistula, 5;— Castoreum, 60— Catechu, 189— Ceratae calaminaß, 46— Getaceum, 46 Pf. Certix Angusturae, 94— Extr. Colocgnshides comp., 54—— Conij maculati 21—— Hyossiami 400— Lapis Galamin, pulw. —.— Maces, 34— Myrrha, verunr. mit Gutti, 1140— Natrum sulphuricum, a24— Oleum Rivini 46— Piper longum, 31— Pulvis antimonialis 531—— Crelae comp. 20——— c. cpio. —— Doctor James, 38 Gläser. 3— Radix contrajeruse, 190— Sago 17— Scammonium, 1o— Semen Cardamonii minus 390— Tamarindi, 131— Tinctur Jalappae; 400— Ungt. Cerae, 180—— Hydrarggr fortins, 250—— Rhesinae. Dem handeltreibendenden Publicum gereicht zur Nachricht, daß die Epidemie in Eadir und Gibraltar aufgehört hat, und die 130 freie Communication mit beiden Plätzen zu Wasser und zu Lande wieder hergestellet ist. Münster den 1Zten Febr. 1815. Königl. Preuß. Civil=Gouverneur zwischen Weser und Rhein. Vincke. * Ich komme so eben von einer auf hen Befehl vorgenommenen Untersuchungsreise in Betreff der im Kreise Essen ausgebrochenen Blattern=Epidemie zurück, und habe meine Berichtserstattung bereits abgegeben. Die Resultate derselben werden dem Publicum bekannt gemacht werden. Vorläufig die bereits tausendfältig auch jetzt aufs neue bestätigte Erfahrung: daß vorsichtig und ächtvorgenommene Vaccination durchaus und ohne alles Bedenken gegen Ansteckung von natürlichen Blattern schützt, u. daß in solchen Fällen, wo vaccinirt gewesene Kinder von Blattern befallen sind, lediglich eine fehlerhaft verrichtete Vaccination Schuld gewesen ist. Dortmund den rten März 1811. Der Landphysicus Dr. Ebermaier. * In dem allerhöchsten Königl. Patent wegen Wiedereinführung des allgemeinen Landrechts und der allgemeinen Gerichtsordnung vom hten Sept. v. J. ist unter andern§. 7. wegen der holographischen und vor Notarien errichteten Testamente verordnet, daß die von den Erblassern eigenhändig ge= und unterschriebenen, ohne Beobachtung einer weitern Form bisher gültig gewesenen Testamente, imgleichen diejenigen, welche von Notarien aufgenommen worden, nur noch während eines Jahres, vom rsien Jan. 1815 an gerechnet, als rechtsbeständig erachtet werden sollen. Nach Ablauf dieses Zeite raums soll in Ermangelung einer anderweitig gültig aufgenommenen Dispesition die gesetzliche Erbfolge eintreten, wofern nicht nachgewiesen werden kann, daß der Erblasser während des ganzen einjährigen Zeitraums von Errichtung eines Testaments nach den Vorschriften des allgemeinen Landrechts verhindert gewesen ist. Es soll jedoch in allen Fällen, in welchen Personen, die vor Notarien ihr Testament errichtet haben, solches gerichtlich auf= oder annehmen lassen, die Gebührenfreiheit Statt finden, so daß selbige nur die entstandenen baaren Auslagen zu entrichten verbunden sind. Von Seiten der unterzeichneten Ober=Landes= Gerichts=Commission wird vorstehende allerhöchste Bestimmung hiermit zur Achtung öffentlich bekannt gemacht. Münster den 2osten Jan. 1815. Königl. Preuß. Ober=Landes=GerichtsCommission. v. Bernuth. „„ Die durch Verfügung Sr. Excellenz des Königl. Herrn Justizministers d. d. Berlin den zusten Jan. l. J. provisorisch als Justizcom: missarien bei hiesiger Ober=Landesgerichts=Commission ernannte Herren: Mathias Sigismund Dyckhoff und Ignaz Schweling, haben jene Anstellung ausgeschlagen, welches in Verfolg diesseitiger Bekanntmachung vom 8ten l. M. hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird. Münster den reten Febr. 1815. Königl. Preuß. Justiz=Organisations= Commission. v. Bernuth. Steckbrief. Gestern Abend in der Zeit zwischen 5 und 1 1 Uhr sind die beiden unten signalisirten Arrestanten, welche wegen verübter Diebstähle inhaftirt und zur Criminal=Untersuchung gezogen waren, aus ihrem Gefängnisse ausgebrochen und aus dem hiesigen Arresthause entwichen. Ich ersuche demnach sämmtliche, sowohl Militair= als Civilbehörden, auf diese Flüchtlinge vigiliren, dieselben im Betretungsfalle verhaften und an mich abliefern zu lassen. Dortmund den agsten Febr. 1815. Der provisorische Inquirent 11# Richter Dohm. E iuSignalements: 1) Chrisioph Baum, ein Handelsmann, 22jährigen Alters, katholischer Religion, angeblich aus Amsterdam gebürtig, ohne bestimmten Wohnort. Nach einem bei ihm gefundenen Passe neunt er sich auch Friedrich Stein, aus Cöln gebürtig und daselbst wohnhaft; er will indessen von diesem Passe, der zu Kleineborg am hten Mai 1814 ausgeferügt ist, nichts wissen. Der Inculpat ist 5 Fuß 55 Zoll groß, hat blonde Haare, blonde Augenöraunen, graue Augen, eine niedrige Stirn, große Nase, einen dicken Mund, ein rundes Kinn, länglichtes Gesicht, eine blasse Gesichtsfarbe u. eine Schnittnarbe an der linken Hand über den kleinen Finger. Bei seiner Entweichung trug er einen runden Hut, einen dunkelblauen tuchenen Ueberrock mit kamelhaarenen Knöpfen von derselben Farbe, ein zerrissenes Unterkamisol von Madras, ein grautuchenes Collet mit länglichten Knöpfen und Schnüren von derselben Farbe, eine zerrissene gelbe Hose von gestreiftem Nanquin und ein Paar oben ausgeschnittene Stiefeln. 2) Johann Heinrich Heinemann, ein Ackerknecht, vormals Bergischer Soldat, der einige Zeit in Spanien gedient hat, ist aus Eickel gebürtig, und zuletzt bei dem Colonus Stratmann zu Hamme als Knecht in Diensten gewesen, 27 Jahre alt, lutherischer Religion. Er ist 5 Fuß 25 Zoll groß, hat schwarzbraune Haare und Augenbraunen, eine runde Stirn, blaue Augen, stumpfe Nase, gewöhnlichen Mund, ein rundes Kinn, schwarzbraunen Bart, rundes Gesicht und eine frische Gesichtsfarbe. Der Zeigesinger der linken Hand ist krumm, und hat eine länglichte Hiebnarbe. Bei seiner Entweichung trug derselbe eineu runden Hut, zugebundene Schuhe und einen blauen Kittel. Privat=Bekanntmachungen. Edickalladung. Zur Befestigung des wechselseitigen Zutrauens und zur Sicherstellung wider alle Realansprüche haben die Eheleute Franz Andr. Voß zu Steele, Verkäufer einer, und Joh. Theod. Schulte zu Wisthoff, Käufer anderer Seits, in einem freiwillig gerichtlich vollzogenen Kaufund Verkaufcontract festgesetzt, daß wegen demn verkauften Gut, die Brinker= oder Voßhofe in Steele, ein öffentliches Aufgebot nachgesucht werden soll, welchem Antrag von Gerichts wer gen deferirt worden. Diesem gemäß werden zur vollständigen Berichtigung des Besitzes Eickels von dem Johann Schulte zu Wisthoff und zu seiner Deckung wider alle Realansprüche alle unbekannte Realprätendenten aufgefordert, ihm an die in Steele belegenen Brinker; oder Voßhofe, bestehend aus einem großen Wohnhause, Scheune, Garten, Hofplatz und beiläusig 20 Morgen Ackerland, habende vermeintliche Ansprüche im Ganzen oder theilweise, sie rühren her aus Eigenthums:, Zehntrecht, Eidei=commissarischen Behandigungs=, Servituts= oder sonstigen Reglansprüchen, in Zeit von; Monaten bei Gericht, und spätestens in dem präclusiven Termin m eten Mai s. J. Morgens 9 Uhr anzumel: den und gehärig zu justificiren, unter der Warnung, daß die Ausbleibenden mit ihren etwaizen Realansprüchen an dieses Gut und seine Zubehörungen werden präcludirt, und ihnen desfalls ein ewiges Stillschweigen per sentendiam wird auferlegt werden. Denen es hier an Bekanntschaft fehlt, werden die Herren Justiz Commissarien Franz Arn. Tutmann, Casper Alerander Tacke, Chrikian=Saurmilch, Peter Hagens vorgeschlagen, welche mit hinreichender Vollmacht und Insormation zu versehen sind Essen im Königl. Gericht den zten Januer 1871. X. V. Biesten. Devens. Verkaufs=Anzeige. Auf Befehl des hohen Gouvernements solken folgende, von dem aufgehobenen Kloster Beyeuburg herrührende Gegenstände respect. zum Verkauf und zur Verpachtung an den Meiuibietenden ausgesetzt werden, als: 1) das in der Stadt Uuna suh Nr. gr. auf dem sogenannten Kletterpoth gelegene Wohnhaus mit Grund und Boden und dem hinter dem Heuse befindlichen Hefraume oder Garten wird ohne vorherigen Verpachtungsversuch sofert zum Verkauf ausgeboten, wogegen sowohl 8) die zu dem gedachten Hause gehörigen, vor dem Unnaischen Wasferthore nächst Klemps, Bollen, Laas und Nielings Garten gelegene zwei kleine Gärten, als auch 3) der jenem Hause bei der Theilung der Unnaischen Heide in der Gegend der Dröters=Colonie aub Nr. 133. anerfallene Antheil zuerst zur Verpachtung, und dann in dem nämlichen Termin zum Verkauf ausgesetzt werden sollen. Kauf= und Pachtlustige wollen am Montag den rzten März l. J. Vormittags 11 Uhr sich an der Behausung des Herrn Gastwirths Schürmann in Unna einfinden und ihre Gebote ad protocollum abgeben. Die Vorwarden können vorher auf dem Domainen=Büreau zu Unna eingesehen werden. Dertmund den inten Febr. 1815. Der Domainen=Directer v. Bernuth. Gesehen und genehmigt. Dertmund den agsten Febr. 1815. Der Landesdirector Frhr. v. Romberg. Verpachtung. Da ich Willens bin, das Gut Frönsberg, bei Iserlohn gelegen, mit Einsaat, Vieh und alles, was zur Wirthschaft gehört, so zu verpachten, daß es am Maitag bezogen werden kann: so können sich Pachtlustige bei mir persönlich oder in frankirten Briefen melden und die Verpachtungs=Bedingungen einsehen. Frönsberg den 2Isien Febr. 1815. v. Hobe. 438 Aufforderung. Mein Bruder Jürgen Heinrich Degener zu Westhofen an der Ruhr in der Grafschaft Mark wurde bei der ersten Loosung zum frauzösischen Militairdienst weggenommen und unter das zweite Großherzoglich Bergische Regiment zweites Bataillon gethan. Mit diesem Regiment ist derselbe damals von Düsseldorf nach Spanien marschirt, und soll dem Vernehmen nach zu Versailles im Lazareth gesorben seon. Da seine Geschwister über dessen Leben oder Tod in Ungewißheit sind, so wird derselbe hiermit aufgefordert, falls er etwa noch am Leben seyn möchte, Nachricht von sich zu geben. Menschenfreunde, welche ebenMannichf.a Die Klosterkirche. Von H. Clauren. (Fortsetzung.) Als eben die Schlafbedürfnisse des Majors, seinem wiederholt erklärten Willen gemäß, ungeachtet der nochmaligen Protestanonen des Pfarrers, zur Kirche geschafft werden sollten, kam der Adjudant, der den Major fast alle Abende besuchte. Dieser Kuzte zwar anfänglich über die Wahl des in seiner Art eigenen Schlafkabinets mit KanAltar und Orgel, indessen fand er so viel Originelles in der Sache, daß er ihr am Ende seinen Beifall nicht versagte, und die Pfeife und die Pistolen des Majors selbst in Die Kirche trug, und den besten Platz für falls der Familte unt mie Nachricht barüber geben könnten, werden sehr darum gebeten. Westhofen den 1hten Febr. 1815. Caspar Diederich Degener. Wer geneigt ist, Rinder auf der Quappenburg zur Weide zu treiben, dem sagt die Expedition dieser Blätter das Nähere. Anerbietung. In einer bedeutenden Essigbrauerei in einer Stadt der Grafschaft Mark wird ein erfahrner Brauknecht gesucht, der auch zugleich etwas von der Küperei versteht. Wor hierzu Lust hat und Zeugnisse seines Wohlverhaltens beibringen kann, melde sich in der Erz pedition des Westph. Amsblates. tigkeiten den Strohsack und die darauf zu tegende Mutraze dem Major mit aussuchen half. Er erbot sich, dem Major Gesellschaft zu leisten, und meinte, es sey für sein Bert allenfalls noch wohl Raums geuug, indessen dankte der Major, um gegen den Pfarver morgen den vollen Beweis führen zu können. Sie saßen beide eine geraume Weile vor dem Altar zusammen, rauchten ihr Pfeifchen, tranken ihr Glas Bier dazu, und plauderten von diesem und jeuem; aber je länger sie sprachen, je keiser singen sie an zu reden, denn es schallte in der weiten leeren Kirche so furchtbar, daß es immer klang, als sprächen sechs, sieben Personen mir ihnen zugfeich. Der Adjudant war wohl ein munteres Haus, aber hier schien er befangen. Er seh sich einigemale rechts und links um, und in 134 die lähge dunkle Kirche vor sich hin, und meinte am Ende doch, daß er bei seinem Schulzeu lieber schlafe, als hier in dem alten gothischen Gebäude. Der Major schwieg, und als es im Dorfe zehen schlug, und der Adjudant sein Pfeischen ausklopfte, und ihm gute Nacht sagte, ging er schweigend und ernst mit ihm bis zur kleinen Kirchthür, ließ den Adjudanten heraus, und riegelte hinter ihm zu. Die große Kirchthür hatte er vorher schon untersucht, und sie verschlossen gefunden. Jetzt war er allein in dem hohen schauerlschen Tempel Gottes. Die ewige Lampe brannte ein siilles Flämchen ohne weiten Schein und Schimmer. Auf dem Altar standen zwei brennende Wachskerzen. Er nahm eine davon, und stellte sie neben das Bett, welches wie ein Paradesarg vor dem Altar stand, und legte sich halb entkleidet nieder. Seine Pistolen lagen neben ihm auf einem Schemmel. Er schloß die Augen, um einschlafen zu wollen, aber sein aufgeregter Geist gebot dem Körper; er konnte keinen Schlaf finden. Er horchte mit geschlossenen Augen, ob ich etwas bewege. Ein leises Gerille, als ob sich ein Steinchen in der dunkeln Höhe des Spitzgewölbes losgebröckelt habe und herabrolle, und imwer größer und schwerer werde, ze tiefer es komme, ward ihm vernehmbar. Er schlug die Augen auf, richtete sich in die Höhe, und starrte die lange finstere Kirche hinab— da war ihm, als schwebe erwas Weißes oben bei der Orgel umher. Aber kaum, daß sein Blick dorthin geslogen war, verschwand auch schon das Nacht89 „ Einbildung“ sagte er zu sich selbst, und legte sich wieder nieder, und schloß die Augen, und bedeckte sie mit seiner Rechten. Er zwang sich einzuschlafen, aber eine unwillkührliche Hitze überhauchte sein Innersies, und drängte ihm einen gelinden Schweiß durch alle Poren. In der Kirche war alles wieder still. Kein lebendes Wesen rührte sich im großen schwarzen Raum. Nach langer, langer Weile aber vernahm der Major deutlich ein fernes Klirren, als siel eine eiserne Kette. Dießmal war keine Einbildung im Spiele; er hatte erst ein heimliches Klimpern, dann das Klirren der eisernen Glieder in einander, und endlich das Fallen der Kette wie auf Steinpflaster gehört. Er rafste sich wieder in die Höhe. Er riß die Augen weit auf, sein forschender Blick strich an der Kanzel vorbei, da hob etwas Weißes sich auf dem Platze empor, wo sonst der Prediger steht, und verschwand. „Wulfenek““, sagte heimlich der Major zu sich selbst,„ solltest Du kommen, um Dein Wort zu lösen? Aber es ist ja nicht möglich! Es isi ja nicht möglich!“ Und doch dräugte sich des entseelten Freundes Gestalt jetzt vor des Mazors Seele, als stände er lebendig vor ihm. Von sanfter Wehmuth überflossen, legre sich der Major wieder nieder, und je fester er die Augen zumachte, je deutlicher sah er in seinem geheimen Innern den Freund seines Herzens, den einzigen Menschen in der Welt, der sein gauzes unbegränztes Vertrauen gehabt hatte. „Ja, Du hast Dein Wort gelöst“ sagte er ohne Worte zu ihm in der Sprache unbehorchter Gedanken,„ich habe Dich gesehen, ich habe Dich wieder gesehen; gehab Dich wohl in Deinem unbekannten Jenseits, dis ich 135 Dir einst folge und mit Dir, an Deiner treuen engelreinen Brust, die Freuden des Himmels zusammen genieße.“ Ein Etwas regte sich in diesem Augenblicke in der Kirche. Es war, als sey es im Rücken des Majors. Er wandte sich schnell um. Es war nichts. Alles, alles war still wie im Grabe der ewigen Nacht. Auf dem Thurm der Kirche im Dorfe schlug 2es eilfe. Der Major blieb nach der Seite gekehrt zu liegen, nach der er sich eben gewandt hatte, um zu sehen, oh er dieses Etwas, das er sich regen gehört hatte, näher entdecke. Der Schemmel mit der Wachskerze und den Pistolen stand auf dieser Seite vor dem Bette. Sein Blick wandelte an der ihm gegenüber befindlichen Wand hin bis zum drei Fuß hohen Gitter des Chors, das die heilige Stätte des Hochaltars von dem übrigen Kirchenraum trennte. Die ganze Wand war geziert mit Leichenstei: nen der Seeligen, die unter ihnen in der Tode tengruft längst vermedert waren; und mit den Bildnissen der verstorbenen Aebte des vormaligen Klosters, und mit Kränzen von Rosmarin und Rauschgold, die zum Andenken der in Gott ruhenden Mönche von ihren Angehörigen hier aufgehängt waren, und mit Schnitz= u. Schnörkelwerk allerlei Art von nußbraunem Holze.“ Die Kerze vor dem Altar und die vor seinem Bette warfen ein schwaches Dämmerlicht auf alles, das hin, und es gestalteten sich ihm daraus die seltsamsten Schatten und Formen. Dicht oben am Gitter, noch innerhalb des Chors, befand sich die Thür zur Sacristei von schwarzem, schwerem Eisenblech. Es war ihm, als öffne sich die Thür. Er stierte unverwandten Blickes auf die Thür — sie öffnete sich langsam immer weiter und weiter. Das Blut stockte ihm in den Pulsen, so griff ihm das Entsetzen in das bebende Herz. Er wollte aufspringen, und hineilen, und sehen, ob diese Thür, die er vorhin genau untersuchte und verschlossen gefunden hatte, sich wirklich bewege. Er rieb sich die Augen, um heller zu sehen. Nein, er hatte sich getäuscht. Die Thür bewegte sich nicht weiter. Aber der Abe, der über dieser kleinen schware zen Thür hing, sah auf ihn herab, als ob er lebe. Des alten eisgrauen Mannes glühendes Auge traf unverwandt gerade auf ihn. Je länger der Major das wundersame Bild ansah, je sprechender ward das finstere melancholische Gesicht; diese tiefen Furchen, diese gelbe Haut, diese blassen Lippen, dieses geistvolle Auge— der Major konnte nicht länger hinsehen, er war, als ob der Abt mit ihm eben zu reden an: fangen werde; es kam ihm vor, als verflächten sich die Furchen, als erglänze die Haut, als öffneten sich die Lippen, als bekomme das Auge Licht und Leben. Der Major wandte sich auf die entgegengesetzte Seite, und kehrte dem Abe, und der verdächtigen Thür und den Leichensteie, nen und Bildern, und Kränzen den Rücken zu. Er sammelte sich wieder, und gewann so viel Ruhe über sich, daß er im Stillen über seine Anwandlung von Furcht lächeln konnte.„Du hast den Mäusen und Fliegen aus dem Wege gehen wollen“ sagte er zu sich selbst,„den Zweck hast du erreicht, und nun schläfst du doch nicht! Bloß aus alberner Furcht, die dir noch von der Kinderstube aus anklebt. Ein Husarenmajor, der sich anderthalb Jahre kang fast tagtäglich wie ein braver Kerl mit dem Feinde herumgeschlagen hat! Tolle, thörichte Einfalt! Das Weiße auf der Orgel und Kanzel war Spiel meiner aufheregten Phancaste, das Aufgehen der Sacristeithür bloß scheinbar; wenn man am hellen Tage recht starr auf eine Thür sieht, kann man sich am Ende einbilden; sie gehe langsam von selbst auf; das Serille des rottenden und im Fallen immer schwerer wer: denden Steins und das Klirren der Kette— je— gehört habe ich beides, darauf will ich schwören; aber ob es in der Kirche war, kann ich niche behaupten. Ich liege nun anderthalb Stunden hier, und mir ist kein Haar gekrümmt; hausten wirklich Geister hier, die mir etwas anhaben wollten, auf was hätten sit bis jetzt warten sollen? Nichts soll mich mehr stören; ich will kein Auge mehr aufmachen, ich will schlafen; ich will und ich werde schlafen.“ Mie diesem festen Vorsatze streckte sich der Major, jetzt wieder völkig zu sich selbst gekom: men, lang aus, und fiel allmählich in den seeli: gen Zustand der Ruhe, in welchem der Mensch zwischen Wachen und Schlafen schwebt. Der Schlumnnergort überstreute den Müden endlich mir seinem betäubenden Mohn. Die Seele stannte die Smnne aus ihrem täglichen Joche, und gaukelte ihrem Herrn nun im Traume als Schwarzkünstlerinn tausend bunt verworrene Bilder vor sein inneres Auge. De rief es auf einmal leise, aber vernehm: lich:„mein Freund!“ Der Schall dieser Worte traf das Ohr des Masors; ater er hörte sie nur träumend, der schäftigt mit den Luftgebilden, die ihm seine Seele geschaffen. Da rief es wieder„ mein Freund!" und den Masor war es, als spräche ein Engel vom Zimmel herab;, so milde klangen die Töne, und so sanft und so melodisch. Noch war er im Schlafe; aber die weichen Schleier, mit denen ihn Müdigkeit und Schlummer umslort hatten, sieten allmählich vor seinem Auge, und je näher er dem Erwachen kam, je bentlicher ward es ihm, als sey dieses die Stimme seinerverklärten Freundes gewesen. Er schlug jetzt die Augen auf. In der Kirt che war es heller, als vorhin, und in demselben Augenblick hörte er wieder, jetzt vollkomr men wachend, die leisen Worte: mein Freund! Der Major wendete sich rasch um Da stand Wulfenek zehen Schritte von sei: nem Bette. Angethan mit einem weißen Sterbehemde, die tödtliche Schußzwunde in der entblößten Brust, leichenbleich, und eine lange, brennende Kerze in der Linken. „Wulfenek“, schrie der Major, vom Entsehen erstarrt, laut auf, daß das Wort weit in die dunkele hoch gewölbte Kirche hinein schallte, und der Wiederhall zweimal Wulfenek wieder: holte. „Entsetze Dich nicht,“ sprach die Gestalt, „ich bin es.“ Stier war das glänzende Auge; aber W. 1: fenek war es: Nur zarter, jugendlicher die Züge des Todtengesichts, in dem seit Jahr und Tag kein Leben mehr war.„Ich bin zekom: men,“ fuhr die Gestalt fort,„mein Wort zu lösen. Meine Zeit ist kurz. Höre meine letzte Bitte: Setze auf dem Felde der deutschen Ehre: ein eisernes Kreuz mir; ich focht für dasselbe im Leben; gib mir's im Tode!“ „Wutfenek“ wiederholte der Majör, von sein nem ersten Schrecken etwas zu sich gekommen, und wollte aufstehen und auf ihn zueilen. „Bleib,“ entgegnete die Gestalt.„We Du einen Schritt mir nur nahest, zerstieße ich in Niches, und Du bist ein Kind des Tödes.“ (Fortsetzung foldt.)