ur Scherz und Ernst. neldorf, Sonntag den 27. Januar 1839. (Als Zugabe zur Düsseldorfer Zeitung.) r. 8. Zu spät! Erzählung von A. Westen. „Gibt es auf Erden wohl einen lästigern, unglückseligern Stand, als den unsrigen?" klagte Eduard Pille seinem Amtsgenossen und vertrauten Freunde, dem Doktor der Medizin und Kompagnie=Chirurgus, Oskar Heilhoff, als sie, ihr Quartierbillet in der Hand, den kleinen Chirurgen=Tornister auf dem Rücken und den Degen an der Seite, der nahen Försterwohnung im Buchwalde zuschritten, wo sie, während der Zusammenztehung der Truppen in dieser Gegend für vierzehn Tage Aufnahme finden sollten.„Haben wir uns," fuhr er nach einem tiefen Seufzer fort,„heute während des langen Marsches, in einer asiatischen Hitze, nicht gebrauchen lassen müssen, wie ein Paar Pilze, die man mit Füßen tritt? Während Jeder, vom Offizier bis zum Soldaten herab, sich an den Ruheplätzen der Erholung überließ, oder an dem Stückchen Brod, aus dem letzten Nachtquartier, seine guten Zähne versuchte, wurde uns da auch nur ein Augenhlick des Genusses zu Theil? Herr Doktor, mir blutet die Nase,— Herr Doktor, schaffen Sie Rath für meine wunden Füße,— ach! Herr Doktor, ich bekomme eine Ohnmacht,— in des T..... Namen! wo stecken denn die Pflasterkasten,— der Grenadier N. liegt ja im Sterben!— so tönte es von Allen Seiten,— als ob wir nicht auch Nasen und Füße, und Ohnmachten und Sterben in unserer, fast in Flüssigkeit aufgelösten Körperhülle mit uns herumtrügen.— Und nun am Ende, wo wir doch gewiß glauben durften, mit dem Packknechte wenigstens ein gleiches Recht zu haben, schickt man uns in das entfernteste Quartier,— in die Spelunke einer ehemaligen Försterei,— wo weder Sonne noch Mond unsere Leiden beleuchten werden.— Ich hab' es satt, dieß hochgepriesene Soldatenleben und würde mich heute noch an der großen Eiche da drüben aufknüpfen— die auch das Ziel unserer diesmaligen Noth zu verbergen scheint, wenn diesen Herbst nicht meine Dienstzeit ein Ende erreicht hätte."—„Brüderchen!" lachte der ebenfalls sehr erschöpfte, aber weniger verzagte Oskar,„Soldaten und Bettler gehen sich nichts um, und wenn sie, statt einer Meile auf dem geraden Wege, auch deren 10 auf dem krummen machen müßten.— Außerdem hat die Trauerposaune, welche Du so kräftig erschallen läßt, auch ein sanftes Adagio des Trostes in ihrem Gefolge.— Sieh' dort Matthissons idyllisches Paradies, die Försterei, wo wir nicht allein ein„herrlich ist's im Grünen,"— sondern auch ein„köstlich ist's im Flaumenbett,"— anstimmen wollen, wenn—" „Wenn der Quell der Aganippe unsern ermatteten Gliedern neue Kräfte gegeben hat," fiel Eduard spöttelnd ein.„Du weißt, ich liebe solche arkadische Situationen nicht,- das schlechteste Kämmerlein in dem hohen Schlosse des stolzen Barons, wo unsere Offiziere heute froh leben werden, wäre mir lieber gewesen, als das ganze Paradies Deiner Frau Försterin."—„Lästere nicht!" sprach Oskar mit komischem Ernste,„auch Deine Stunde wiro einst kommen, wo Du die Drangsale des Lebens gern in die Einsamkeit der tröstenden Natur begraben möchtest." „Chamäleon!" lachte Eduard,„wie waren doch Deine Ansichten, beim perlenden. Champagner des freigebigen Prälaten, im gestrigen Quartiere, noch so verschieden von den jetzigen." „Darin liegt ja eben die ganze Kunst dieses winzigen Ameisenlebens,— sich fügen nach den Umständen, und sowohl aus der Blume des Rheinweins, wie aus dem Sauerstoffe der Buttermilch Honig zu finden. Gestern lieferte uns der Keller des Prälaten transatlantische Weine,— heute wird uns die Milchkammer der Försterin erquicken." „Eine reizende Aussicht," schaltete Eduard kläglich ein. „Das ist sie, in der That, denn die Försterin soll eine reizende Tochter haben," versicherte Jener.„Aber, Bruder, warum eilst Du plötzlich so sehr?— Nimmmich mit, Doktor Pille, oder ich hänge mich an das Schlepptau Deiner Rockschöße und lasse mich von Dir fortziehen, wie der befrachtete Staatswagen von der Lokomotive auf der Eisenbahn." Da machte der Eilige Halt!—„Nur Eine Tochter, sagtest Du?" fragte er den nachhumpelnden Freund. „So hörte ich," erwiederte dieser,„und da ich sehe, daß sich Deinen ermüdeten Beinen neue Spannkraft und Deiner todtesmatten Brüst neues Leben mittheilt, so will ich Dir nur vorweg erklären, daß ich nicht gesonnen bin, mich hier eben so, wie etwa schon früher, von Dir aus dem Sattel heben zu lassen,— denn ich hege eine uralte Vorliebe für alle Förstertöchter." „Meinetwegen auch für die Frauen," brummte Herr Pille dazwischen,„aber wie erfuhrst Du, daß hier eine Waldnymphe—" „Ha, ha! nun wird er poetisch," lachte Oskar hell auf,—„aber es war auch die höchste Zeit, daß Du den Sauerteig Deiner bösen Laune hinter die freundliche Hülle Deines Sammetgesichts verstecktest,— denn wir sind am Ziele."— Unter diesem Gespräche hatten die beiden jungen Aerzte die Außenwerke der Försterei, eine von hohen Hecken umgebene Lehmwand erreicht, welche das kleine, jetzt nur von der Wittwe des vor einem Jahre verstorbenen Försters Burg bewohnte Häuschen begränzte. Ein großer, zottiger Hühnerhund, der einst glückliche und treue Begleiter des Waidmanns, begrüßte die Gäste durch ein lustiges Gebell, und gleich darauf trat auch Martha, das Hausmädchen, heraus, den Herren ihr Zimmer anzuweisen. „Bei Gott! hier ist's gut seyn, hier laß' uns Hütten bauen," rief Oskar in dem wonnigen Gefühle der Behaglichkeit aus, das jeden Soldaten nach einem angreifenden Marsche unwillkührlich durchschauert, wenn er der Bürde des Rückens entledigt, die ermüdeten Glieder auf dem bequemen Sessel ausdehnen kann. „Und was für ein Paar schneeweiße, duftende Betten hier in der Kammer, so recht zur Erquickung des Leibes erschaffen," fuhr er fort, als sich seinem geübten Blicke die Herrlichkeiten der neuen Wohnung entfalteten.„Was mich aubetrifft, Doktor Pille, so kündige ich dem Kompagnie=Dienste für heute den Krieg an,— denn ich will meinen Leib pflegen. Mögen sie Allarm trommeln und blasen, mögen sie mit der Erfurter großen Glocke Feuerlärm läuten, ich rühre mich heute nicht aus dieser Behaglichkeit. Eduard stimmte zwar in die lauten Aeußerungen der Zufriedenheit nicht mit ein, aber man sah seinem geregelten Treiben, der systematischen Reihenfolge seiner kleinen Geschäfte doch an, daß er die nächsten 14 Tage nicht zu den verlorenen seines Lebens zählen wollte. Frau Burg, die Försterin, hatte es freilich auch an keiner Aufmerksamkeit gegen die lieben Gäste fehlen lassen,— war ihre Anwesenheit doch ein Volksfest für die ganze Gegend, dessen man sich seit vielen Jahren nicht mehr zu erfreuen gehabt hatte.— Als sie sich nun den Herren vorstellte, um sie, in recht artiger Weise, willkommen zu heißen, beeilte sich Oskar, ihr, mit der Galanterie eines Hofmannes, eine Menge von Lobeserhebungen zu machen, die bei der regsamen Hausfrau niemals eine gute Wirkung verfehlen. Aber der Faden der gewöhnlichen Komplimente riß unserm Doktor, beim ersten Umdrehen um die Spindel seiner Redseligkeit, plötzlich kurz ab,— denn er stand— ganz wider Erwarten— vor einer blühenden, jungen Frau, die in der prangenden, erquickenden Natur aufgewachsen, die Jugendfülle der ersten zwanzig Lenze bis in ihr 34stes Jahr mit hinüber genommen hatte. „Ich glaube, daß Mutter und Tochter in einer Person vor uns standen," äußerte Oskar, als er mit dem Freunde wieder allein war,„denn abgesehen davon, daß sich bis jetzt noch keine Spur von einem jungen Mädchen vorfand, so ist unsere Wirthin auch unbedenklich viel zu jung, um eine erwachsene Tochter haben zu können. Sey dem aber, wie ihm wolle, so ist Madame Burg ein herrliches Weib, und Jedem, der bei ihrem Anblicke theilnahmlos dasitzt, wie Du, werfe ich den Fehdehandschuh bin." „So darf ich ihn nicht aufheben," meinte Eduard ruhig,„denn ich finde sie auch ganz leidlich." „Leidlich! Herr Gott! über den Pfuscher von einem Arzte, der das Staats=Examen gemacht hat. Mensch! hast Du die Anatomie so ganz über's Knie gebrochen, daß Du das herrliche Ebenmaaß aller Glieder, die schwellenden Formen des Körpers, den Reiz, die Grazie aller Bewegungen nur leidlich nennen kannst? Geh'! lasse Dir das Lehrgeld wiedergeben,— die Frau ist ein wahrer Engel."— „Dann würde ich sie zu der Klasse der Posaunen=Engel zählen," gähnte Eduard trocken und warf sich ins offene Fenster. „Du bist ein Stockphilister!" versicherte der Verliebte, indem er die Thür öffnete, um wo möglich eine Gelegenheit zur neuen Unterhaltung herbeizuführen. „Himmel! was ist das?" rief er plötzlich, und wies auf den Hof.„So wahr ich lebe, das Heidelberger Faß auf einem Kameel.— Was will das Monstrum in unserm Revier?" „Ha, ha, ha!" frohlockte Eduard,„der Galan Deines Natur=Engels, so gewiß ich den Doktorhut trage. Betrachte doch den Schwamm seines braunen OelkuchenGesichtes, wie er sich trennt, um einem Paar Erbsen, zum Blinzeln nach den Fenstern der Wohnstube, Platz zu machen. Richtig! da ist ja auch der Gegenstand seiner sehnsüchtigen Blicke,— ei! wie vertraut, wünsche wohl zu bekommen, Frau Försterin!— O weh! nun zieht er auch ihr kleines Patschchen an den Wallfischschlund, glückliche Reise, Madame Burg!— möge es Ihnen nicht schlechter ergehen, als weiland dem ehrenfesten Jonas."— „Bruder! reich' mir die Büchse von der Wand, daß ich dem Ungebeuer auf die Haut brenne," knirschte Oskar, indem er mit komischem Aerger nach dem Degen griff,„Samiel hilf! laß' den Verruchten meiner Kugel nicht entrinnen."— „Er entführt sie! er entführt sie, Ihm nach!"— schrie Eduard dazwischen und stürzte, in gut nachgeabmtem Eifer, zum Zimmer hinaus, auf den Hof, als der Reiter mit der Försterin hinter der Hecke desselben verschwunden war, während der Degenschütze, wie angewurzelt vor Aerger und Schreck, ihm nachsah. Weit durfte die Verfolgung aber nicht ausgedehnt werden,— denn von der Stelle aus, wo das Paar so eben eine Unterhaltung gepflogen hatte, bemerkte Doktor Pille das leichte Gewand der Försterin und wie die Letztere dem auf dem Heimwege schon begriffenen Reiter eben noch zurief: „Heute Abend um 11 Uhr erwarte ich Sie also." „Das ist denn doch deutlich genug,— wahrlich, eine Liebessprache, die weiter keiner Auslegung bedarf," brummte Eduard vor sich hin, als er zu dem gespannten Collegen zurückkehrte. „Nun, was sah'st Du?" fragte dieser begierig,„sprich mein Urtheil,— aber ohne mich zu täuschen." Schnell nahm Jener eine Guitarre, die sich im Zimmer befand, und sang: In diesen schatt'gen Buchen, Wo sich's so wonnig wohnt, Woll'n wir Erholung suchen, Die uns'rer Mühe lohnt.— Doch, Freund! willst Du mir glauben,— So laß' die Försterin; Dein Herz kann sie Dir rauben, Ihr's gab sie längst dahin,"— Eine Ordonnanz unterbrach den Sänger. „Herr Doktor Pille sollen sogleich zur Kompagnie kommen, der Herr Feldwebel hat Zahnschmerzen," rappoctirte der Bote und entfernte sich wieder. „Nun sage selbst," rief der zum Zahnarzt beförderte Pille,„kann man in diesem verwünschten Rocke auch nur einen Augenblick, sein eigener Herr seyn? Wird man nicht gehetzt, wie das Wild dieses Waldes, ohne Schonung und Rücksicht? O! wäre ich doch lieber meines Vaters Spazierstock geworden, als das Jammerbild seines, zum Kompagnie=Chirurgus verurtheilten Sohnes." Und dennoch gab es auf Gottes weiter Erde keinen emsigeren, gewissenhafteren und redlicheren Arzt, als ihn. Von Hause aus mit dem Stein der Weisen begabt, nach dessen Erlangung wohl Jeder, und natürlich auch der Arzt, zu trachten pflegt— wir meinen ein erkleckliches Vermögen— fürchtete er sich nicht vor Schnupfen und Rheuma, wenn er, im füßesten Schlafe, aus der Ruhe gestört wurde.— Ein Freund der Geselligkeit, galt ihm das Krankenbett des armen, hülflosen Bruders doch mehr, als Spadille, Manille und Basta an der mit Gold servirten Tafel Stets aufgelegt, sich beim Glase mit Freunden zu erfreuen, blieb er doch immer der Herr seiner Sinne: denn sein Leben war ja der Menschheit geweiht, die in ihrem Dienste nur den freien Mann und nicht den Sklaven brauchen kann. So verließ Doktor Pille, mit Pelikan und Verbandtasche versehen, den glücklichen Heilhoff, dem unterdessen ein angenehmeres Loos zugedacht war Mit sich selbst noch nicht im Reinen, wie er die nähere Bekanntschaft der lieblichen Wirthin anknüpfen sollte, erhielt er von dieser die Einladung, den Kaffee im Freien, unter der großen Mahleiche einzunehmen. Schnell in den besten Staat geworfen, säumte er nicht, den Salon der Natur zu betreten, wo ihn weder englischer Reichthum, noch französische Ueppigkeit erwarteten und in dessen blauer Wölbung er sich dennoch so glücklich fühlte. Frau Burg empfing ihn an dem mit zwei Tassen besetzten eichenen Tische. „Wird Ihre Fräulein Tochter nicht auch—" brachte der Doktor widerstrebend heraus. „Mein Gott! wie wissen Sie denn?"— fragte die Wirthin sichtbar betroffen und zögernd. „Ich erkundigte mich im Dorfe, und da erfuhr ich—" „Meine Tochter wird es beklagen, Ihre Bekanntschaft nicht gemacht zu haben, wenn sie von ihrer Ausflucht zurückkehrt." „Sie ist verreist?" „Seit heute früh." „Unstreitig um den unwillkommenen Gästen aus dem Wege zu gehen." Madame Burg erröthete ein wenig und sah dem jungen Arzte recht unzweideutig schalkhaft in die Augen, als sie erwiederte: „Dann hätte ich ja dieselbe Partie ergreifen müssen." Die feine und verbindliche Wendung benutzend, verfolgte der glückliche Doktor ein Gespräch, bei welchem er so viel herausbekam, daß die Försterin mit dem gefürchteten Reiter in keinem zärtlichen Verhältnisse stand,— wogegen die sonst so unbefangene Frau gleich kurz abbrach, wenn auf ihre Tochter die Rede kam. Natürlich fügte sich Oskar sehr leicht in ihren Wunsch, hatte er doch Ursache genug, die Tochter über die Liebenswürdigkeit der Mutter zu vergessen.— So verging ihm der Nachmittag nur zu schnell, und hatte der Abend die liebliche Frau auch von seiner Seite entführt, so prangte dafür ihr Name dicht neben ihm in der Rinde einer Pappel, die mit geschwätzigem Flüstern der Nachbarin Eiche das Kosen des Paares wieder erzählte. Da kam Eduard von dem Krankenbesuche zurück. „Bruder, ein himmlisches Weib!" rief ihm der Verzückte entgegen. Aber da kam er an den Rechten. „Wenn der Paroxismus Deiner Fiebergluth nicht bald zu Ende geht, dann werde ich Dich an das Krankenlager senden, von dem ich so eben zurückkehre; wirst Du auch dort nicht abgekühlt, um mich mit Deinen faden Exclamationen zu verschonen, so quartiere ich mich aus," schalt er den Ueberraschten. „Deine Stirn würde gewiß ihre Falten verloren haben," meinte dieser,„wenn Du uns unter jener Eiche gesehen hättest." „Um ein Paar Thoren zu sehen, bedurfte ich Eures Anblicks nicht." „Eduard!" verwies ihn der Andere. „Nun ja, ich nehme meinen Ausspruch nicht zurück. Die Frau ist eine Kokette und Du bist ein Thor. Würde sie sonst ihre Tochter unter Schloß und Riegel verwahren, als hätte sie zwei Gauner unter ihrem Dache? Oder sahst Du das Mädchen etwa schon?" „Sie ist seit heute verreist." „Ha, ha! da sieht man ihre Schlauheit. Es galt natürlich, die gefährliche Nebenbuhlerin aus dem Wege zu schaffen, um desto sicherer für sich selbst zu sorgen. So ist's Recht, Frau Burg, und wenn es Ihnen nicht gelingen sollte, den jungen Springinsfeld in Ihrem Netze zu fangen, so wissen Sie ja, wo Sie Ersatz finden werden." Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er die Försterei, bog vor dem Thore vom Wege aus und verbarg sich in der Gegend hinter einem Gebüsche, wo heute die Unterredung zwischen dem Fremden und der Madame Burg stattgefunden hatte. Es fehlte noch eine halbe Stunde an der zum Rendgzvous bestimmten Zeit, die er auf diesem Posten zuzubringen gedachte. Doch er hatte noch nicht lange gewartet, als eine Frauengestalt durch die Pforte in den Wald trat und vorsichtig einen Nebenpfad einschlug, der in das Dickicht des Holzes hinlief. Er säumte nicht, der Gestalt in einiger Entfernung zu folgen, denn er hatte sich einmal vorgenommen, dem Freunde die Augen zu öffnen, bevor es zu spät wurde, und dazu hoffte er durch die zu erwartende Entdeckung zu gelangen. Nach einem viertelstündigen Gange hielt die Försterin— denn dafür nahm er die weibliche Gestalt— unter dem Dache einer ästigen und belaubten Buche ihre Schritte an und lauschte, wie es schien, nach der entgegengesetzten Richtung ihres zurückgelegten Weges. Endlich, nach einigen Minuten gespannter Erwartung, hörte der Doktor leichte Fußtritte und bald darauf die weiblichen Töne einer Silberstimme. „Du hast Doch nicht lange warten dürfen, mein Mütterchen?" flötete die Fremde, unter tausend Liebkosungen der in Verdacht gehabten Försterin in's Ohr. „Gott sey Dank, daß Du hier bist, mein Florchen," entgegnete diese besorgt,„noch niemals ist mir so bange gewesen, als auf diesem einsamen Gange. War mir's doch immer, als hörte ich Fußtritte hinter mir, und jedesmal, wenn ich stille stand, um mich zu überzeugen, war der Schall wieder verschwunden. Doch ich irrte mich auch wohl,— denn wer sollte so spät auf diesem entlegenen Wege zu thun haben," setzte sie, die ängstlich gewordene Tochter beruhigend, hinzu.„Wie ist es Dir während des langen Tages ergangen, mein Kind? Meine Sehnsucht nach Dir ließ mir nicht länger Ruhe,— deshalb bestellte ich Dich zu dieser Stunde hieher, um Dir wenigstens noch eine gute Nacht zu wünschen." „Ach, ich werde nicht schlafen können außer meinem lieben Bettchen und fern von Dir," meinte mit kläglicher Stimme das Töchterchen.„Darf ich denn nicht mit Dir gehen? ich möchte so gern." „Du weißt ja, mein Kind, um welchen Preis Deine Entfernung nothwendig wurde. Herr Wollreich war heute noch bei mir und verlangte, strenger als sonst, daß Du während der Einquartierung Deinen Versteck nicht aufgeben sollst. Mit vieler Mühe zwang ich ihm die Erlaubniß ab, Dich zu dieser Stunde zuweilen zu sprechen. Du bist ihm dies Opfer schuldig." „O wie gern wollte ich noch ein weit größeres bringen," schluchzte die Arme,„wenn er mich nur mit seinen unleidlichen Bewerbungen verschonen möchte, ich kann ihn nun doch einmal nicht ausstehen." „Stille, mein Kind, ich bitte Dich um des Himmels Willen, sprich nicht so laut. Du stößt Dein Glück von Dir, liebe Flora, sey nicht so übereilt in Deinem Vorsatze und bedenke, mit welch' unerschöpflicher Geduld der Amtmann bisher Deinen Widerwillen ertrug." Ein heftiges Weinen von Seiten des jungen Mädchens unterbrach eine Unterhaltung, welche für den Lauscher so interessant zu werden begann. Von ihrer weitern Unterredung konnte er nichts mehr verstehen, als daß die beiden Damen den folgenden Tag, eine Stunde nach Mittag, eine neue Zusammenkunft an dieser Stelle verabredeten. Auf Florchens Ruf erschien ein anderes weibliches Wesen, in dessen Begleitung das traurige Kind seinen Rückweg antrat. Kaum hatte auch die Försterin die Gegend verlassen, als sich Eduard beeilte, dem Wege der beiden Wanderinnen nachzuspüren, um wo möglich das Asyl der armen Flora zu ermitteln. Aber das war ganz unmöglich, denn die Finsterniß wurde so groß und der Wege kreuzten sich bald so viele, daß der Verfolger Bedacht nehmen mußte, sich nicht ganz zu verlieren. Er kehrte deshalb um und versprach der in das Geheimniß mit eingeweihten Buche im Vorübergehen auf morgen einen neuen Besuch. (Forts. folgt.) Der gespenstige Reiter. Reiseabenteuer eines ehemaligen Offiziers. Es war in den ersten Tagen des Monats April, i J. 1829— so erzählte mir mein Freund— als Geschäfte von Wichtigkeit mein persönliches Erscheinen in Marienburg erforderlich machten; ich mußte mich also zu einer Reise dahin entschließen, so gern ich sie auch bis zur schöneren Jahreszeit aufgeschoben hätte, denn wer selten reiset, macht so eine Partie lieber bei schönem Wetter; allein die Nothwendigkeit der Sache machte, daß ich meine Reise beschleunigen mußte. Ein gemiethetes Reitpferd stand um vier Uhr Nachmittags vor meiner Thüre; ich ließ den Braunen nicht lange warten, schwang mich hinauf, und nach wenigen Minuten hatte ich mein liebes Danzig im Rücken. Mein Weg längs der Chaussee ging gut, und das einzige Hinderniß, welches ich zu bekämpfen hatte, war das kalte, unangenehme, regnigte Wetter. Durchfroren und durchnäßt kam ich bei ziemlicher Dunkelheit in Dirschau an; stieg im ersten gelegenen Gasthofe ab, um ein wenig zu ruhen, meinem sich einfindenden Appetit durch einen Imbiß zu begegnen und durch einen erwärmenden Trunk meine Glieder zu erfrischen; fragte unter Anderm den Wirth, wie es mit der Weichsel stände, und bekam zur Antwort:„Schlecht; Ihr Hinüberkommen würde nicht allein beschwerlich, sondern auch gesährlich seyn;" doch ich durfte mich nicht abschrecken lassen, weil ich nach meinem Bestimmungsorte mußte, und wo möglich wollte ich dort noch an demselben Abende eintreffen. Ich bezahlte dem Wirthe meine Rechnung und eilte weiter; aber angekommen an der Weichsel wurde ich von den Fahrknechten zu meinem Schrecken unterrichtet, daß das heutige Hinüberkommen für keinen Preis ausführbar sey, wenn ich nicht mit Gewalt in die Arme des Todes eilen wolle; auch sah ich zum Theile die Unmöglichkeit der Sache wohl selber ein; doch wurde mir der Vorschlag gemacht, daß ich bis zur Güttländer Fähre reiten solle, weil dort das Hinüberschaffen wohl noch zu bewerkstelligen seyn würde; ich ließ mir dieses nicht zweimal sagen, griff in die Zügel, lenkte um, und fort ging's zur Güttländer Fähre Dünkler und dunkler wurde es rings um mich, nur hin und wieder drang das Leuchten eines Sternes durch die Nebenwolken, fremd war mir die in schwarze Schatten gehüllte Gegend, kein menschliches Wesen erblickte ich, und nur das Brausen des Sturmes und das Geprassel des, durch das Wasser immer höher gehobenen und geborstenen Eises waren meine schaurigen Begleiter.— Da plötzlich höre ich dicht hinter mir das rasche Trappeln eines Pferdes, und freudig, in dem Wahne, einen Gesellschafter nahe zu haben, blicke ich erwartungsvoll um und sehe— Nichts— wohl aber trabt es immer schärfer und näher, mein Brauner schnauft und stampft, kaum vermochte mein spitziger Sporn ihn vorwärts zu treiben, und ein kalter Schauer überlief meinen ganzen Körper; doch beruhigte ich mich, da mein sonderbarer Begleiter verschwunden zu seyn schien; als ich ihn aber plötzlich wieder, ohne ihn zu sehen, vor mir hersprengen hörte, war es, als wollten mir meine Glieder die Dienste versagen, ein Fieberfrost durchrieselte mich und mein Pferd wurde höchst unruhig; was aber diese unheimliche Stimmung noch vermehrte, war: daß dieses unbegreifliche Wesen plötzlich und pfeilschnell vorüber zu sausen schien, so hörte ich das ungewöhnliche Geräusch wenigstens an, welches sich wieder allmählig verlor, um aber, wie es schien, mit erneuter Schnelligkeit zurückzukehren; es wieder hören, dicht hinter mir haben, die anscheinende Gestalt eines weißen Pferdes, mit einem schwarzen, Menschen ähnlichen Gebilde darauf sitzend, mir im fliegenden Galopp vorbeireiten zu sehen, war Eins, mein Brauner machte einen Seitensprung und es fehlte nicht viel, so wären wir Beide den Damm, ohne es zu wollen, hinabgesturzt. Ich habe die letzten Feldzüge mitgemacht, feindliche Kugeln tödteten neben mir meine besten Kameraden, vom Kanonendonner bebte die Erde, doch mich machte nichts erbeben; aber hier auf dem Weichseldamme, ich gestehe es zu meiner Schande, zitterte ich an allen Gliedern. Da hörte ich in der Ferne das Bellen eines Hundes, und wurde das Blinken eines Lichtes gewahr. Ha! dachte ich, da werden sich auch Menschen befinden, wie du einer bist. Schnell ritt ich dem Lichtscheine entgegen, und kam an eine sogenannte Wachbude; ich stieg ab, und fragte die darin versammelte Menge, ob ich bei ihnen die Nacht über weilen könnte— denn für heute war ich des Reisens satt— und meine Frage wurde mit„Ja" beantwortet. Froh, ein schützendes Obdach gefunden zu haben, brachte ich zuerst mein Pferd in Sicherheit, setzte mich dann ruhig in eine Ecke, pflegte mich, so gut es sich thun ließ, und hörte die Gespräche der Landleute, die hier auf Eiswache waren, mit an; ließ aber wohlbedächtig, um mich nicht Neckereien Preis zu geben, nichts von meinem überstandenen Abenteuer merken. Da war's, als rauschte irgend etwas an dem Fenster vorbei. Mit einem Schreckensruf sprangen mehrere Männer auf, und Einer von ihnen sagte:„Es muß irgendwo große Gefahr seyn, denn der Reiter auf dem Schimmel läßt sich sehen!" und der größte Theil eilte hinaus. Der Reiter nun befremdete mich nicht, wohl aber die gemachte Bemerkung, weßhalb ich den neben mir sitzenden alten Mann ersuchte, mir hierüber eine genügende Erklärung zu geben, worauf ich folgende Auskunft erbielt: „Vor vielen Jahren, da sich auch unsere Vorfahren hier einst versammelt hatten, um auf den Gefahr drohenden Eisgang genau Acht zu haben, bekleidete ein entschlossener, einsichtsvoller und allgemein beliebter Mann aus ihrer Mitte das Amt eines Deichgeschwornen. An einem jener verhängnißvollen Tage entstand eine Stopfung des Eises, mit jeder Minute stieg das Wasser und die Gefahr; der erwähnte Deichgeschworne, der einen prächtigen Schimmel ritt, sprengte auf und nieder, überzeugte sich überall selbst von der Gefahr und gab zu deren Abwehr die richtigsten und angemessensten Befehle; dennoch unterlagen die Kräfte der schwachen Menschen der schrecklichen Gewalt der Natur, das Wasser fand durch den Damm. einen Durchweg, und schrecklich war die Verheerung, die es anrichtete. Mit niedergeschlagenem Muthe kam. der Deichgeschworne in gestrecktem Galopp beim Durchbruche, durch den sich das Wasser mit furchtbarer Gewalt und brausendem Getöse auf die so ergiebigen Fluren ergoß; laut klagte er sich an, auf diese Stelle nicht genug Acht gegeben zu haben, sah darauf still und unbewegt diesen Schrecken der Natur einige Augenblicke an; dann schien ihn die Verzweiflung in vollem Maaße zu ergreifen, er drückte seinem Schimmel die Sporen in die Seiten, ein Sprung— und Roß und Reiter verschwanden in den Abgrund.— Noch scheinen Beide nicht Ruhe gefunden zu haben, denn sobald Gefahr vorhanden ist, lassen sie sich noch immer sehen." Ich setzte am Morgen meine Reise weiter fort, sah den Reiter nicht wieder, wohl aber die schreckliche Verheerung, die das Wasser im obengenannten Jahre angerichtet hat. Miszellen. Kürzlich warf der Todtenwagen, der immer Nachts die Leichen aus der Pariser Morgue auf den Friedhof führt, auf seinem Wege um, die Führer rafften die Leichen, die zum Theil auf das Pfläster gefallen waren, schnell wieder zusammen, und griffen in der Eile einen Betrunkenen mit auf, der ganz bewußtlos an einem Ecksteine lag. Als die Fahrt weiter ging, ertönte aus dem Wagen ein lautes Geschrei. Der Betrunkene war durch die Stöße des Karrens nüchtern geworden, und arbeitete mit Händen und Füßen, um von seiner unheimlichen Umgebung erlöst zu werden. Anfangs ergriffen die Führer, in dem Wahne, die Todten würden lebendig, die Flucht, dann ermannten sie sich aber wieder, und faßten Muth, sich die Ursache des Geschrei's näher anzusehen. Der Betrunkene hat heilige Gelübde gethan, nie wieder ein Glas über den Durst zu trinken. MQueen schätzt in seiner Uebersicht der Statistik des brittischen Reiches den Werth des gesammten Landeigenthums und des Viehstandes der Pachter im vereinigten Königreiche Großbrittanien und Irland zu 2,971,756,670 Pf. St., die einen jährlichen Ertrag von 474,029,688 Pf. St. geben. Das Eigenthum der Manufakturen schlägt er zu 201,000,000 Pf. St. an, die jährlich 262,085,199 Pf. St. eintragen. Während daher das Landeigenthum nicht viel über 3 pCt. einbringt, werden aus dem Manufaktur=Eigenthum über 120 pCt. gewonnen. Der König von Würtemberg hat dem Herzoge von Cambridge zwei weiße Hirsche zum Präsent gemacht. Man bot dem Jäger, welcher den Transport leitete, 100 Rthlr., wenn er seine Rarität, ehe er sie dem Herzoge überlieferte, beschauen lassen wolle. Er blieb jedoch seiner Pflicht getreu, und soll dafür ein wahrhaft königliches Präsent erhalten haben. Im vorigen Jahre wurden in Paris 70,807, Ochsen, 20,126 Kühe, 79,002 Kälber und 426,166 Schaafe verzehrt. Das ist ungefähr 2½ Mill. Pfund Fleisch mehr, als im Jahre vorher. Es wurden allein 40,720 Schaafe mehr geschlachtet als 1837.