Blätter für Scherz und Ernst. Düsseldorf, Sonntag den 6. November 1836. Nro. 89. (Als Zugabe zur Düsseldorfer Zeitung.) Die Leiche als Braut. (Fortsetzung.) Bargas trat in das königliche Zelt, verbeugte sich tief vor Don Fernandez und sprach: Mein ritterlicher König, du weißt, wie sehr ich stets davon entfernt war, auf Alles, was meine Ahnen thaten, mit Hochmuth mich zu stützen; daß ich mich stets ritterlich bemühte, unter Kastiliens Männern nach meines Königs Namen, den Namen Vargas zuerst nennen zu machen. Allein dies Alles scheint nicht Allen in deinem Lager zu genügen, es bedarf einer stärkern Probe, um diese Hartgläubigen endlich zu überzeugen, daß Vargas, wäre er auch nicht eines edlen Stammes Zweig, doch vermöchte eines neuen glorreichen Stammes Wurzel zu seyn. Laß mich die Zeichen meines Schildes noch einmal verdienen und zugleich den Mauren beweisen, wie hoch Kastiliens Ritter ihnen überlegen sind. Erlaube, daß ich einen Boten nach Sevilla sende, der zwölf der tapfersten Mauren zu geschlossenem Kampf gegen sechs der Unsrigen fordere, und gestatte mir, daß ich aus deinem Heer fünf Mitkämpfer mir wähle. „Mein edler Ritter, du forderst gar Schweres von mir, was ich als König dir wohl versagen muß. Gar ernst ist der Kampf der beiden Völker, und geizen muß ich mit dem Blute meiner Tapfern." Wohlan mein König, erwiederte mit einiger Bitterkeit Vargas, indem er mit einer Verbeugung sich entfernen wollte, vielleicht ist der Maure meinen Bitten geneigter, denn Alhamar selbst soll einer meiner Kämpfer seyn und vier seiner maurischen Ritter werden wohl die Genossen mir nicht verweigern. „Bleib', mein theurer Ritter, lieber wollt ich das schönste Schloß meines Königreichs verlieren, als dir nur einen Augenblick des Kummers verursachen. Wohlan, wen wählst du zu deinen Mitkämpfern?" Den König Alhamar und seinen Bruder Selim von den Mauren. Aus unsern ehristlichen Rittern meinen tapfern Freund, den Großmeister von Santjago Don Leo Relajo Correa, und den Edlen Don Garceran de Lara. Nun bedarf es, um das halbe Dutzend voll zu machen, noch eines sechsten Ritters. Wahrlich, ich wüßte dem ahnenreichen Don Inigo de Haro größere Achtung nicht zu beweisen, als indem ich ihn zum sechsten Kämpfer wähle. Der Vorschlag des Vargas wurde den gewählten Rittern bekannt gemacht und mit lanter Freude aufgenommen. Correa und Lara drückten dem Wackern bieder die Hand, Alhamar stürmte freudetrunken an seine Brust, das ganze Christenlager fühlte sich stolzer und muthiger erhoben. Nur Don Iniao de Haro schien über diese Zumuthung empört, von Vargas Vertrauen fast beleidigt zu seyn. Er sprach zum König: Stets wird man in jeder Schlacht unter den Vordersten mich sehen, aber dieser Kampf ist zwecklos und kann gefährlich werden. Haben wir wohl nöthig, so herb mit unserm Muth zu prahlen, nachdem die Mauren ihn schon so oft erprobten? Ueberdies steht bei dem Kampfe mein König nicht an der Spitze und nie wird Don Haro einen anderen als Anführer anerkennen. Trotz des höhnendes Blickes, womit diese hochmüthige Rede begleitet wurde, schwieg Vargas, ruhig auf sein Schwert gestützt. Aber Alhamar flammte auf in stolzem Zorn: ich glaube wohl, daß der Jüngling Don Inigo de Haro sich nicht herabwürdigen kann, wenn er unter eines Vargas oder eines dieser Männer Anführung zum Kampf auszieht! Uebrigens mag er mich, den König von Grenada, als Anführec bei diesem Kampfe betrachten, obschon es keines Führers bedarf, wo wir Alle als Gleiche ausziehen. Haro rief mit steigendem Hochmuth ihm entgegen: Preis und Ehre euch, dem tapfern Ritter! Preis und Ehre euch dem König auf Grenadas Boden, aber hier wird Haro keinen Vorzug euch einränmen! Ein edler Stolz! fiel Vargas ruhig lächelnd ein, ein bequemer Stolz, der schön verbirgt, was man nicht aussprechen mag! Haro warf einen wüthenden Blick auf Vargas, seine Hand fuhr nach dem Schwert, und ohne des Königs rasches Einschreiten wäre Vargas Wunsch nach einem Kampfe mit dem Verhaßten jetzt schnell erfüllt worden. Fernandez besänftigte mit klugem Wort die gereizten Gemüther und bat einen andern Kämpen zu diesem freiwilligen Kampf zu wählen. Don Tello de Osorio trat rasch aus dem glänzenden Kreis hervor, reichte Vargas die Hand und rief: Wozu, Vargas, eine Wahl, haben wir nicht schon Mann an Mann gekämpft? Nimm mich hin, laß mich der sechste seyn und wäre es auch der letzte Gang, den wir zusammen gehen! Vargas und Alhamar schlossen ihn freudig in die Arme und der König gab sogleich seine Einwilligung zur Absendung des Boten in die Stadt. Selim, Alhamars Bruder, wurde eckoren, die glänzende Gesandtschaft nach Sevilla zu führen, und dort den Wunsch der castilischen Ritter vorzutragen. An dem äußern Thore der Stadt angelangt, baten sie um Einlaß und Erlaubniß, mit dem König zu sprechen. Allen wurden die Augen dicht verbunden und erst wieder geöffnet, als sie im Saal des Pallastes vor dem Throne des Königs, vor der Versammlung aller Großen seines Reichs erschienen. Ismael erröthete beim Anblick des Bruders seines ehemaligen so schändlich beleidigten Freundes. Selim würdigte ihn keines Blickes. „Was soll die Botschaft? Was will der stolze Christenkönig? Warum sendet er mir statt eines seiner Ritter einen Abtrünnigen, einen Verräther an seinen Brüdern und an dem Propheten?" König von Sevilla, erwiederte Selim, nicht der König von Grenada sendet mich hierher. Nicht neuer Unterhandlung wegen komme ich, sondern, um den verrätherischen Ismael und eilf deiner Ritter zum Kampf auf Leben und Tod in die Schranken zu fordern. Mein Bruder, ich und vier krastilische Ritter, wir stellen uns ihnen entgegen auf dem Blachfeld zwischen dem Lager und den Mauern der Stadt. „Alhamar krönt seine Verrätherei durch solchen Uebermuth. Wehe! der Muselmann kämpft gegen den Muselmaun an der Seite der ewigen Feinde unseres Glaubens!" Rufe dein Wehe über dich selbst und über den Schandbeladenen, der so schwer verhängnißreiches Unheil durch seine Frevel über uns herabgerufen hat! Du selbst, Xaraf, hast kein Recht, meinen Bruder zu schmähen. Er war dein Freund, dein Wohlthäter; ihm allein verdankst du, daß du König von Sevilla wurdest und noch bist. Doch genug, du selbst weißt und fühlst, wie sehr dein Sohn sich gegen uns vergangen, wie sehr du selbst freveltest.— Meine Botschaft hast du, so gib die Antwort! „Er soll für seinen Hochmuth büßen, und bestraft werden für seinen Verrath! Du selbst, abtrünniger Maure, kehre zurück in das Lager der übermüthigen Christen, und melde ihrem König, daß heute über drei Tage Ismael mit eilf maurischen Rittern der unverschämten Forderung genügen und auf dem Kampfplatze erscheinen werden. Groß ist Allah und Mahomed ist sein einziger Prophet!" Auf Wiedersehen denn, brach Ismael höhnisch los, auf Wiedersehen vor meiner Lanzenspitze, damit ich für die heutige Botschaft den verdienten Lohn dir reiche! Ruhigen Stolzes wendete sich Selim, ohne ihn eines Wortes zu würdigen. Die Augen wurden der ganzen Gesandtschaft wieder verbunden, und klingenden Spiels begleiteten sie maurische Ritter bis an die äußersten Wachen der Kastilianer. Die Kämpen rüsteten sich mit großer Sorgfalt für den großen Tag. Kein Fleckchen durfte an Helm oder Harnisch bleiben, sonnenblank mußte alles erscheinen Die besten Schlachtrosse wurden unaufhörlich in Kampfspielen geübt, die Lanzen, Schwerter und Dolche mit besonderer Aufmerksamkeit geprüft. Voll Bewunderung sah das christliche Lager zu seinen sechs Helden empor, aber keines ohne Zagen und Bangen. Ismael war berühmt als ein kühner Degen, und viele der maurischen Ritter standen im Ruf hober Tapferkeit. Wie sollte nun Einer gegen Zwei solcher Männer bestehen können? Heiter und guter Dinge war Niemand im Lager als die sechs Ritter, deren Kampflust und Vertrauen mit jeder Stunde zu wachsen schien. Alhamars Auge leuchtete mehr und mehr in ungewöhnter Freude, jede neue Stunde scheuchte eine Wolke der Trauer mehr von seiner Stirn, erleichterte sein Herz und stählte seine Kraft. Waffenstillstand bis vier und zwanzig Stunden nach dem Kampf war beiden Heeren verkündet. Von beiden Seiten wurde an der Kampfbahn eifrigst gearbeitet, beschlossen, daß während des Kampfes weder Christ noch Maure eine bestimmte Gränze überschreiten sollte, und dahin wurde der Kern von beiden Heeren als Wache gestellt von Stunde an. Ein eigenthümliches neues Leben bewegte sich in der Stadt und in dem Lager der Christen. Ein seltsames Schauspiel war es, die beiden feindlichen Könige an denselben Schranken umherreiten, sich ritterlich begrüßen und friedliche Befehle ertheilen zu sehen, Kreuz und Halbmond neben einander zu erblicken. Während dessen seufzte die arme Morima, die unschuldige Ursache dieses verhängnißreichen Kampfes, in einem abgelegenen.Gemach des Königspallastes von Sevilla, und tödlicher Schmerz nagte an ihrer Seele. Ismael war ihr ein Gegenstand des Schreckens und Abscheues, und bisher mit allen seinen Anträgen, Versprechungen und Drohungen stets voll Verachtung zurückgewiesen worden. Er hatte bereits begonnen, einen Theil seiner Drohungen zu erfüllen und so eng sie eingesperrt, daß kein Maure ihr Daseyn ahnen, ihren Jammer hören konnte. Bleiben sollte sie in diesem Kerker, bis sie seine Wünsche hören, seine Gemahlin werden wollte. Eine alte Negerin war ihre ganze Gesellschaft, eine neue Qual für sie, und täglich erschien Ismael mit seinen Anträgen dringender sie zu bestürmen, ihre Geduld zu ermüden, ihre Leiden zu mehren, ihrer Hülflosigkeit zu spotten. Die Nacht vor dem Kampfe bedeckte die Erde. Morima saß in ihrer düstern Einsamkeit in schmerzvolle Träume versunken, eine matte Lampe zitterte in der Nachtluft und verfinsterte mehr alle Gegenstände ringsumher, als daß sie sie erhellt hätte. Die arme Gefangene hatte dunkle Worte von einem Kampfe gehört, Alhamars Nähe verfahren. Schmerz und Hoffnung und Besorgniß rangen in schwerem Kampfe. Das Knarren ihrer Thüre schreckte sie auf, Ismael stand vor ihr; laut schrie sie auf, zu solcher Stunde war er noch nie gekommen. Verzweiflung verlieh ihr neuen Muth und eine neue Waffe, rasch erfaßte sie die große eiserne Lampe, um damit jeden Angriff abzuwehren. Ismael betrachtete sie lange mit lächelndem Hohn, dann sprach er sanft:„Morima, fürchte nichts, weder die Liebe noch der Rache Geist führt mich jetzt zu dir, ich komme nur, um dir Lebewohl zu sagen." Lebewohl? Welch neuen Betrug hast du ersonnen? Willst du noch tiefer in's Elend mich stürzen? Erkläre offen, welche neue Qual du über mich beschlossen hast. „Von Freuden, von Wonnen könnte hier alles ertönen; allein du Grausame ziehst Ismael's Haß seiner glühenden Liebe vor. Dieser Haß soll dich nun treffen, wehe dir, Unglückliche!" Hoffe nicht, Meineidiger, mich zu schrecken. Das Aergste, das Schrecklichste muß ich ja so oft ertragen— deine Gegenwart! Willkommen sey mir der martervollste Tod, er befreit mich ja von dir! „Vielleicht, du Hochmüthige, bist du deinem Ziel näher, als du wohl wähnen magst." Dank Allah, ewiger Dank dem Propheten, daß sie meine heißesten Gebete endlich erhört haben. Wahnsinnige! lästere nicht den Propheten mit deiner tollen Freude! Nicht befreien soll dich der Tod und nicht erfreuen, nein! die höchste deiner Qualen soll er werden; erscheinen soll er dir in dem Augenblick, wo das Leben eine Quelle des höchsten Glücks dir geworden wäre! Verzweifeln sollst du vor Schmerz im Augenblick, bevor du stirbst!" Starr betrachtete ihn die Arme, als wollte sie auf seiner Stirne lesen, ob er von neuem sie täusche, ob eine furchtbare Wahrheit seinem Mund entronnen sey. Eine unbeschreibliche Angst preßte krampfhaft ihr Herz, brach ihren Muth, durchbebte Leib und Seele. Bald fuhr Ismael fort:„Ja, Thörin!— dein Geliebter, mein Todfeind, kämpft unter den Mauern dieser Stadt an der Seite der Christen gegen Allah und seine Söhne. Sevilla will er erobern, um Morima zu befreien. Aber — ha, ha, ha,— selbst wenn es dem Propheten gefiele, diese treue Stadt preiszugeben, so sollen dennoch Alhamar und Morima lebend sich nicht mehr sehen! Zum Zweikampf hat er mich gefordert, und jauchzend nahm mein Haß den Vorschlag an. Bete nun für deines Ritters Glück, bete Morima, denn stirbt Er, so bist du mein, und falle ich— so ist nur deine Leiche seines Sieges Beute!— Lebe wohl, du Stolze! Gedenke dieser Worte und verzweifle! Du bist meines Lebens Fluch geworden, so verlange denn auch nicht Freude noch Segen von mir!" Er stürmte höhnend hinaus, weinend sank sie auf ihr Polster und der Schlaf floh vor den Schrecken dieser Nacht. (Forts. folgt.) Den Artikel„Eingesandt" in Nro. 302 des Fremdenblattes und die darauf erfolgte Rezension betreffend. Zwar nur ungerne reden wir da, wo das sachliche Interesse des Redakteurs mit den Urtheilen und Meinungen über Kunst so zusammenfließt, daß letztere nur ein einseitiges Produkt des ersteren zu seyn scheinen; doch weil sich der oben angeführte Artikel mit so großer Ruhmredigkeit und scheinbarer Weisheit produzirt, wollen wir über das Warum seines Daseyns und wie er zu würdigen, einige Worte fallen lassen. Der Zweck desselben kann kein anderer seyn, als auf den nachfolgenden, verspäteten und zudem ausgeschriebenen Kunstbericht in demselben Blatte, aufmerksam zu machen, und dieses ist an und für sich sehr unschuldig, wenn der Verfertiger des Artikels nur nicht für nöthig befunden hätte, sich ein so schauerlich gelehrtes Ansehen zu geben. Dieses zu erhalten, nennt er alle bisher erschienenen Rezensionen„Auswüchse" und„Kunstempfindungen." Wir wünschen, wir könnten dies von der darauf im Fremdenblatte erfolgten auch sagen; aber auch dazu ist sie noch zu platt, ist viel zu viel Redensart und Namen, zu viel ein behagliches Auf= und Abwickeln gefühlloser Perioden, ein oberflächliches Berühren persönlicher und akademischer Verhältnisse, eine Sammlung abgelauschter Redensarten mit dem Bindfaden konventioneller Schreibart verbunden; und wir sehen uns in unsern großen Erwartungen, zu denen uns doch der posaunen-engelartig blasende Vorbericht berechtigte, getäuscht. Doch auch dies wäre noch zu entschuldigen, denn Jeder sucht seine Sachen so gut in den Kauf zu bringen, wie nur immer möglich; aber daß der Verfertiger dieses Vorberichtes, um eine kleine Probe seines großen Urtheils zu geben, das noch einmal sagt, was wir vor mehr als vierzehn Tagen in diesen Blättern ausführlich behandelten, scheint uns ein deutlicher Beweis, nicht nur seiner großen Unverschämtheit, sondern auch seiner eben so großen Unfähigkeit zu seyn. Die Behauptung, den Ruf des Künstlers auf Kosten des Urtheils schonen zu müssen, scheint uns eben so lächerlich, als sollten wir den Inhalt eines Buches darum nicht tadeln, weil es so ganz vorzüglich schön eingebunden.— Natürlich rechnet bei seinen unbefangenen Aussprüchen der Rezensent immer auf die Bildung des Publikums, das die Deutung seiner Worte versteht, und das nicht eines gerügten, oft vermeintlichen Fehlers wegen, das Kunstwerk oder gar den Künstler verachtet, oder wohl gar Kritik und Satyre für dasselbe hält; doch Herr Rezensent im Fremdenblatte scheint dies zu fürchten; sanft entquillt seiner Lippe das lauwarme, aufgefangene Wort, ohne Klang und Ton, weil es weder aus einer kunstbegeisterten Seelenstimmung, noch aus der Kraft des Verstandes entsprungen ist.— Der Verfasser der Anti=Rezension. Ein merkwürdiger Kriminalfall. Die Gazette des Tribunaux theilt folgende Geschichte eines Bibliomanen mit.„Zu Barcelona hatte sich seit kurzer Zeit Don Vincente, früher Mönch des Klosters Poblbt, als Buchhändler niedergelassen. Er las wenig, aber er kannte die alten Ausgaben, und legte einen hohen Werth auf sie. Nun wurde vor einigen Monaten unter andern Büchern eines alten Rechtsgelehrten auch„furs e ordinacions fetes per los gloriosos reys de Arago als reguicols del regne de Valentia“ gedruckt 1482 von Lambert Palmart, der die Buchdruckerei in Spanien einführte, versteigert, von welchem Werke nur dieses einzige Exemplar noch übrig seyn sollte. Don Vincente trieb das Buch bis zu 330 Thaler; allein es wurde dem Buchhändler Patrot für 333 Thlr. zugeschlagen. Bald darauf brach Feuer in dem Lager des Buchhändlers Patrot aus, und man fand den Besitzer desselben verbrannt, Etwa um dieselbe Zeit fand man auch einen Geistlichen der Umgegend ermordet, und den Leichnam eines jungen deutschen Schriftstellers, mit mehreren Dolchstichen durchbohrt. So waren in kurzer Zeit neun Menschen getödtet, unter ihnen Don Pablo Rafael de N., Richter am königl. Gerichtshofe, ferner ein Alcade Mayor und ein Bayle. Es ging aus Allem hervor, daß die Verbrechen nicht aus Habsucht, nicht aus politischem Haß, nicht aus Eifersucht ensprangen; man glaubte vielmehr, daß die heilige Inquisition sich wieder eingedrängt habe, zumal die Ermordeten Männer waren, die sich durch wissenschaftliche Beschäftigungen auszeichneten. Es wurde daher Haussuchung gehalten, namentlich auch bei Don Vincente, der als früherer Mönch in dieser Beziehung Verdacht erregte. Man fand wirklich in einem Bücherfache bei ihm das Directorium inquisitorium des Dominicaners Eymeric de Girona, aber als dieses hervorgezogen wurde, entdeckte man auch die furs e ordinacions, welche der ermordete Don Patrot gekauft hatte, ferner Bücher des ermordeten Don Pablo Rafael und andere. Don Vincente wurde eingezogen, und gestand seine Verbrechen.—„Nur mit dem größten Widerwillen, sagt er, entschloß ich mich, zum ersten Male ein kostbares Buch an einen Geistlichen zu verkaufen. Ich empfand aber gleich einen unbeschreiblichen Drang, es wieder zu haben; ich folgte dem Käufer nach, ich bot ihm sein Geld zurück, und als Alles nicht helfen wollte, stach ich ihn mit einem Messer, daß er zur Erde stürzte und das Blut ihm aus dem Munde strömte, gab ihm die Absolution in extremis, tödtete ihn dann mit einem zweiten Stiche, und nahm mein Buch. Es war ein seltenes Werk„Vigiliae mortuorum secundum chorum ecclesiae Moguntinae“, in gothisch Quart, mit rothen und schwarzen Buchstaben, ohne Seitenzahlen, aber mit Custoden am Ende der Seite."— Dies war nicht Euer einziger Mord?—„Nein! Zamora ist ja nicht an einem Tage erobert. Wenn ein Käufer mir ein kostbares Buch abgekauft hatte, so riß ich gewöhnlich erst einige Blätter heraus. Wenn er dann wieder kam, und sich beklagte, daß das Werk defekt sey, so wußte ich ihn in ein entferntes Zimmer zu bereden, und ermordete ihn."— Empörte sich denn das Gefühl nicht, Hand zu legen an den Menschen?—„Die Menschen sind sterblich; etwas früher oder etwas später, Gott ruft sie doch alle zu sich; aber gute Bücher, die muß man aufbewahren. Gute Bücher sind der Ruhm Gottes."— Habt Ihr dem Buchhändler Patrot alles Geld gelassen, als Ihr ihn ermordetet?—„Wie käme ich dazu, ihm sein Geld zu nehmen, bin ich denn ein Dieb?"— Der Vertheidiger des Don Vincente führte für ihn an, daß Aussagen gegen sich selbst keinen Beweis abgäben, und daß Don Vincente's Werk„furs e ordinacions“ nicht nothwendig das des Buchhändlers Patrot seyn müsse, indem das Exemplar nicht das einzige sey, sondern sich auch ein solches z. B. in der Bibliothek zu Paris befände.— Bei dieser Vertheidigung weinte Don Vincente laut.„O! meine Verirrung war groß!"— Es ist noch möglich, die Gnade der Königin=Regentin in Anspruch zu nehmen.—„Wie unglücklich bin ich!"— Wenn auch die menschliche Gerechtigkeit unbeugsam ist, es gibt eine andere, die ist unerschöpflich; und Reue hat immer Verdienst.—„Nein! Ich weine, weil mein Exemplar jenes Werks nicht das einzige ist." Don Vincente wurde zum Strange verurtheilt. Düsseldorfer Stadt=Theater. Donnerstag den 3. Novembex: Der Maurer und der Schlosser. Oper in 3 Aufzügen nach dem Französischen von Ritter. Musik von Auber. Aubers Opern haben durch die Zierlichkeit der Melodien und durch die anmuthige Behandlung der einzelnen Gesangstücke eine gewisse Popularität in Deutschland erlangt; daß aber dies nur vorübergehend seyn kann, ist in dem ernsteren Sinn unseres größeren Publikums begründet, der auf die Dauer an solchen lieblichen Tändeleien keinen Gefallen finden kann. Die in Rede stehende Oper hat auch ihre Zeit gehabt, sie scheint aber vorüber zu seyn, denn im Ganzen ließ die sonst gute Aufführung ziemlich kalt. Das Publikum schien sich mehr versprochen zu haben, es hatte sich zahlreich genug eingefunden; die Oper war dieselbe— wenn auch nicht in den einzelnen Theilen die Darstellung— aber die Empfänglichkeit war es nicht mehr, und so konnten denn nur die drastischen Elemente Spuren einiger Wirkung hervorbringen. Das bekannte Zankduett mußte wiederholt werden.— Mad. Limbach(Madame Bertrand) hatte aber auch alle Register gezogen, und Dem. Meiselbach(Henriette) schien bei guter Laune zu seyn. Es ist über das Komische in der Musik viel raisonnirt werden, dieses Duett scheint dafür zu entscheiden; denn auch ohne alle Verdeutlichung durch Text oder Darstellung würde es die Lachmuskeln reizen. Mad. Limbach macht auf den Namen einer Sängerin durchaus keinen Anspruch, sie verdarb aber nichts und ersetzte durch ihr lebendiges Spiel den etwanigen Mangel an Gesangfertigkeit vollständig.— Dem. Hauff(Irma) zeigt fast in jeder Rolle Proben ihres Fortschreitens, ihr außerordentlicher Fleiß ist sichtbar. Sind hierdurch die technischen Schwierigkeiten überwunden, so wird sich auch Zeit für die Ausbildung des Vortrages finden, dem allerdings noch manches mangelt. Die rechte Zeit zum Athemholen ist die Hanptgrundlage eines guten Portamento, und hierauf kann der Sänger nicht genug Aufmerksamkeit verwenden.— Herr Beils(Leon) muß dem Dialoge und der Gestikulation etwas mehr Studium widmen, die Nummer" ist keinesweges aus, wenn der Dirigent den Tactstock niederlegt. Uebrigens ist sein Gesang gut und seine Stimme angenehm; nicht angenehm ist die zu sichtbare Anstrengung beim Athmen, es ist dies gewiß nur eine Gewohnheit, also noch zu beseitigen.— Herr Kneisel (Schlosser) machte den schlichten hasenfüßigen Bewohner der Vorstadt zum Harlekin, that übrigens seine Opernschuldigkeit, wenn man so sagen darf. Die eingelegten Witze mit dem Braunschweiger in dem Gastiren als Maurer machten keine Wirkung, da sie nicht zur Rolle paßten. Gewöhnt sich die Herr K. an, so reicht das alte Vademecum nicht aus, dem sie wahrscheinlich entlehnt. Einige Bühnengewandtheit ist dem neuen Mitgliede übrigens nicht abzusprechen.— Herr Lehman vom Stadt=Theater zu Lübeck gab den Maurer als Gast, und gegen Gäste muß man hübsch höflich seyn, deßwegen war das Publikum denn auch fein stille, wenn er sprach oder sang. Seine Stimme ist nicht übel und besonders wohlklingend in einer gewissen Höhe, auch mag sie Geschmeidigkeit besitzen, aber Schule mangelt noch sehr in jeder Beziehung. Vielleicht that die sichtbare Blödigkeit, fast an Angst gränzend, der ganzen Entwicklung seines Talentes Eintrag, und man kann daher, ohne sich einer Ungerechtigkeit schuldig zu machen, noch kein Urtheil begründen wollen. Lebendig und ergötzlich war die Komparserie am Schlusse des Stückes angeordnet, so wie überhaupt das Ganze rund und nett zusammen gespielt wurde. Freitag den 4. Novbr.: Jarobe von Baden, Schauspiel in 5 Aufzügen nebst einem Vorspiel: Die Verlobung, von I. B. v. Zahlhas. Es ist immer gewagt, ein historisches Faktum solcher Art zum Gegenstand einer dramatischen Behandlung zu machen. Der Verfasser hat sich durch Licenzen aus der Verlegenheit geholfen, und das Ding ist nun wederhistorisch, noch, beim Mangel aller poetischen Motive (den Junker von Syberg etwa ausgenommen) dramatisch. Für uns hat das Stück nun eben ein besonderes lokales Interesse, das demselben früherhin einen so außerordentlichen Beifall erwarb; dies kann aber nicht immer neu bleiben, so ist auch jener erkaltet. Das Haus war gut besetzt, aber nicht überfüllt. Die Markgräfin Jatobe starb bekanntlich 1597, wie man sagt, an einem Katarrh, die Prinzessin Sybille überlebte sie noch 28 Jahre, sie starb 1625, vermählt seit 1601 mit dem Markgrafen von Burgau. Letztere war als fromme gemüthliche Dame bekannt, und der Verfasser mußte, des dramatischen Interesses halber, sie zur Megäre stempeln, wozu er den alleinigen Grund aus der Klage hernahm, welche sie dem Landtage zu Grevenbroich 1595 gegen Jakobe vorlegte. Wollte er dadurch seiner Heldin ein tragisches Kolorit geben, so mußten Scenen, wie z. B. das Qui pro quo in der Betstunde, wegbleiben, die durchaus kein Motiv darbieten. Die Darstellung, so gut sie immer seyn mag, kann keinen Totaleindruck hervorbringen, da dem Ganzen Einheit fehlt. Die Verse sind oft holprich, ohne Cäsur und platt.— Mad. Lauber=Versing(Jakobe) ist vom Verfasser so gut bedacht, daß bei ihren ausgezeichneten Mitteln immer auf Erfolg zu rechnen ist; sie spielte mit Feuer und Kraft. Mad. Limbach(Sybille) war nicht einig mit sich; ihrer Darstellung fehlte der Guß. Sie ho die Extreme zu sehr hervor und wurde erst in den letzten Akten was sie seyn kann, wo ihr die Rolle mehr gestattet einen bestimmten Character zu entwickeln. Möge sie es nicht übel deuten, wenn wir in dieser Beziehung ihrer Vorgängerin, der Dem. Stephany, den Vorrang einräumen, ihr ausgezeichnetes Talent wird dadurch nicht in den Hintecgrund gedrängt; der Grund mag vielleicht auch in Lokalbeziehungen liegen, da letztere die Rolle unter des Verfassers eigner Leitung einstudiren konnte.— Herr Schenk(Herzog) ist auch nicht in seiner Sphäre in dieser Rolle; seine kolossale Kraft zwängt sich ungefügig in die weiche characterlose Erscheinung, und das kann nur Mißtöne geben. Uebrigens verläugnete er den denkenden gewandten Schauspieler nicht. Der Doktor Solenander oder Solynander(nicht aber Solemander wie auf dem Zettel steyt) ist seiner Praxis noch nicht ganz gewachsen, auch schaute er öfters zu sehnsüchtig nach unten.— Herr Seeliger(Manderscheid) und Herr Selig (von Hall), so wie or. Lim-bach(Erzbischof von Köln) gut, die übrigen genügend. C. Schl. iszellen. Treuproor.— Aus dem Badischen schreibt man unter Andern: Neulich hat sich Folgendes ereignet. Ein Ehemann, der ein junges, schönes Weibchen hat, wurde oft von einem jungen, hübschen Manne besucht, und glaubte Ursache zur Eifersucht zu haben, und sein Weibchen der Untreue beargwohnen zu müssen, indem es ihm schien, als sähe sie den jungen artigen Mann eben nicht mit unfreundlichen Augen an. Um sich Gewißheit in der Sache zu verschaffen, bediente er sich folgender List. Eines Abends, als der junge Mann wieder bei ihnen zum Besuche war, hatte der Ehemann Kienruß in seine Westentasche gesteckt. Als sie alle drei Abends auf dem Sopha saßen, löschte der Eheherr, wie aus Versehen, das Licht aus, griff mit seiner Hand schnell in die Westentasche und schwärzte zwei Finger mit dem Kienruße, und fuhr seinem Weibchen damit streichelnd und schmeichelnd unter das Näschen, mit den Worten:„entschuldige, mein Schätzchen, gleich will ich es wieder anzünden." Er verließ das Zimmer, und kam bald wieder mit dem angezündeten Lichte zurück, sah nach dem jungen Herrchen auf dem Sopha, der, wie sein liebes Weibchen, mit einem schwarzen Kienruß=Schnurrbart ganz ruhig auf demselben saß. Der Mann war nun im Klaren, daß das Weibchen seine Abwesenheit benutzt hatte, um dem Geliebten schnell ein Küßchen zukommen zu lassen.— Ein Augenzeuge berichtet in der Nouvelle Minerve über die Art, wie der vormalige Konseils=Präsident, Herr Thiers, reist, Folgendes:„Herr Thiers reist in drei Wagen, denen ein prachtvoll gekleideter Courier voraneilt. Zwei dieser Wagen sind mit vier und der dritte ist mit zwei Pferden bespannt. In dem ersten befinden sich Madame Thiers, Madame Dosne uno zwei Künstler, die auf Kosten des Herrn Thiers die Reise mitmachen. Der zweite Wagen ist förmlich zu einem Arbeitskabinette eingerichtet und ausschließlich für Herrn Thiers und dessen Secretair bestimmt; durch eine sehr sinnreiche Vorrichtung ist ein Arbeitstisch im Junern des Wagens angebracht, der dem Sekretair erlaubt, auch selbst auf schlechten Wegen zu schreiben. Der dritte Wagen ist zum Transport einer Bibliothek bestimmt, die etwa 80 Bände, mehrere geographische Karten und ein kleines Reisebett enthält, in welchem Herr Thiers schläft. Auf der Reise schon hat Herr Thiers sehr eifrig an seiner neuen Geschichte von Venedig gearbeitet."