Verantwortl. Redakteur: Anton Stehle. Druck u. Verlag des„Düsseldorfer Volksblatt“, m. b. H., beide in Düsseldorf. Gratis-Beilage zum„Düsseldorfer Volksblatt“ der einzelnen Arkikel verboten.) Zweiter Sonntag in der Fasten. Evangelium nach dem heiligen Matthäus 17, 1—9.„In jener Zeit nahm Jesus den Petrus, Jakobus und Johannes, dessen Bruder, mit sich, und führte sie abseits auf einen hohen Berg. Da ward er vor ihnen verklärt: und sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider wurden weiß wie der Schnee. Und siehe, es erschienen ihnen Moses und Elias, welche mit ihnen redeten. Petrus aber nahm das Wort und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein für uns: willst dn, so wollen wir drei Hütten machen, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Als er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe: Diesen sollet ihr hören! Da die Jünger dieses hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Und Jesus trat hinzu, berührte sie und sprach zu ihnen: Stehet auf und fürchtet euch nicht. Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie Niemand als Jesum allein. Und da sie vom Berge herabstiegen, befahl ihnen Jesus und sprach: Saget Niemanden dies Gesicht, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sein wird." chenkalender. Sonntag, 8. März. Zweiter Sonntag in den Fasten. Johann von Gott, Ordensstifter † 1550. Evangelium Matthäus 7, 1—9. Epistel: 1 Thessalonicher 4, 1—7. 9 Maria EmpfängnisPfarrkirche: ½10 Uhr Pontifikalamt celebrirt vom hochw. Erzbischof Dr. Antonius Fischer. Maria Himmelfahrts Pfarrkirche: Hl. Kommunion der Knaben. 9 St. Lambertus: Fest des hl. Willeicus, an welchem die Reliquien desselben zur Verehrung ausgesetzt sind. Morgens 7 Uhr gemeinschaftliche hl. Kommunion der mar. Jungfrauen=Kongregation und Nachmittags ½4 Uhr Vortrag und Andacht für dieselben. Montag, 9. März. Franziska, Ordensstifterin † 1440. 9 Maria Empfängnis-Pfarrkirche: Abends 7 Uhr Andacht zum Troste der armen Seelen. Dienstag, 10. März. 40 Martyrer † 316. Mittwoch, 11. März. Rosina, Jungfrau. O Maria Empfängnis=Pfarrkirche: Abends 7 Uhr St. Josefs=Andacht mit Predigt. 9 Maria Himmelfahrts=Pfarrkirche: Abends ½8 Uhr St. Josess=Andacht. 9 St. Lambertus: Nachmittags 5 Uhr Fastenpredigt und nach derselben Rosenkranz=Andacht. Donnerstag, 12. März. Gregor der Große, Papst 604. 9 Maria Empfängnis=Pfarrkirche: Morgens 8 Uhr Segens=Hochamt. Freitag. 13. März. Ernst, Abt. 9 Maria Empfängnis=Pfarrkirche: Abends 7 Uhr Kreuzweg=Andacht mit Fastenpredigt. 9 Maria Himmelfahrts= Pfarrkirche: 7½ Uhr Fastenmesse und Abends ½8 Uhr Kreuzweg mit Fastenpredigt. Samstag, 14. März. Mathilde, Kaiserin † 908. Bilder aus der Passion unseres I. Nahe herangerückt war bereits der Zeitpunkt, an dem der Herr am Altare des Kreuzes Sich für unser Heil opfern wollte,— vorher aber wollte Er den Jüngern einen tatsächlichen Beweis dafür geben, daß Sein Tod nicht etwa durch Verwicklung menschlicher Schicksale, sondern durch Seinen eigenen freien Willen herbeigeführt wurde. Darum stieg Er mit den drei Jüngern, die bald nachher Zeugen Seiner Todesangst im Garten Gethsemani sein sollten, hinauf auf einen hohen Berg (Thabor), um Sich ihnen dort im Strahlenglanze göttlicher Herrlichkeit zu zeigen. Es ist„die Sonne der Gerechtigkeit", die noch einmal aufleuchtet in voller Herrlichkeit und Pracht, bevor sie„untergeht“ im freiwilligen Opfertode für das Heil der Menschheit. Wir haben schon wiederholt, lieber Leser, die einzelnen Evangelien der Fastensonntage mit einander betrachtet: vielleicht ist es dir daher ganz willkommen, wenn wir heute und an den folgenden Sonntagen dieser hl. Bußzeit einzelne„Bilder" aus der Passion unseres Herrn etwas genauer ins Auge fassen. Feiern wir ja doch in dieser hl. Zeit besonders das große Werk der Erlösung,— also ziemt es sich auch, daß wir in diesen 40 Tagen uns recht oft versenken in dieses großartige Werk der erbarmenden Liebe Gottes. Deßhalb wünscht auch die Kirche, daß in dieser hl. Zeit das Leiden Jesu sich den Herzen ihrer Kinder tief einpräge: ähnlich, wie einst das blutüberströmte Antlitz des Erlösers in das Schweißtuch der hl. Veronika. In gar einfacher und rührender Weise erzählt uns die hl. Schrift, was sich am Vorabend des Leidens Jesu im Abendmahlssaale zu Jerusalem zutrug. Es ist das Vollmaß der Liebe unseres Herrn, das uns hier— namentlich in der Einsetzung des allerheiligsten Altarssakramentes— lebendig vor die Seele tritt, während das Vollmaß des Leidens des Herrn uns klar wird in Gethsemani, und das Vollmaß der Bosheit sich erfüllt in dem Gottesmorde auf Golgatha. Am ersten Tage der ungesäuerten Brote,*) — so erzählt die Schrift— an welchem das jüdische Volk verpflichtet war, das Österlamm zu schlachten, sandte Jesus zwei Seiner Jünger aus, Petrus und Johannes, und sprach: „Gehet hin und bereitet uus das Österlamm, auf daß wir es essen."— Sie aber fragten: „Wo willst Du, daß wir es bereiten?"— Er antwortete ihnen:„Siehe, wenn ihr in die Stadt(Jerusalem) kommt, wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, und saget zu dem Hausherrn:„„Der Meister läßt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich Östern mit meinen Jüngern. Wo ist der Speisesaal, worin ich mit ihnen das Österlamm essen kann?“" Sogleich wird er euch einen großen, mit Polstern belegten Saal zeigen; daselbst richtet für uns zu!"— Die Jünger gingen und kamen in die Stadt, wo sie es so fanden, wie Jesus ihnen gesagt hatte, und sie bereiteten das Östermahl. Da es nun Abend geworden, kam Jesus mit den Zwölfen dorthin und setzte sich mit ihnen zu Tische. Die Ceremonien des Östermahles waren *) Während der sieben Tage des Paschafestes durften die Juden kein gesäuertes Brot essen(2. Mos. 12.), deßhalb wurde das Österfest auch Fest„der ungesäuerten Brote" genannt. Sonntag, 8. März 1903. durch das Mosaische Gesetz in jener einfachen und doch so großartigen Weise geregelt, wie die alttestamentlichen Dinge überhaupt. Mit dem Blute des geschlachteten Lammes wurden die Türpfosten des Hauses besprengt, und das Lamm am Feuer gebraten. Mit geschürzten Kleidern und mit Stäben in der Hand standen die Teilnehmer des Mahles um den Tisch herum— mit hastiger Eile wurde das Lamm verzehrt, zugleich mit ungesäuertem Brot und bittern Kräutern. Alles das geschah zur lebendigen, dankbaren Erinnerung an die Befreiung des Volkes aus der egyptischen Knechtschaft— aber auch als ein Vorbild der Befreiung aus der geistigen Knechtschaft des Teufels durch das wahre Österlamm, das für aller Menschen Heil geschlachtet wurde am Kreuze. Jenes vorbildliche Österlamm also wollte der Herr zum letzten Male mit den Jüngern essen:„Sehnlichst— sprach Er— habe Ich verlangt, dieses Östermahl noch mit euch zu essen, bevor ich leide. Von nun an werde Ich es nicht mehressen, bis es seine Erfüllung erhält im Reiche Gottes."— Ein Schrifterklärer gibt diesen Worten des Herrn folgende Deutung: Es ist das letzte vorbildliche Pascha,— Ich werde es nicht mehr begehen, da wir am Ende des Mahles das wahre Pascha mit einauder feiern werden. Nachdem nun das Mahl gehalten war, stand Jesus vom Tische auf und befahl auch den Aposteln, sich zu erheben und in der Reihe so sich zu setzen, wie es für die Handlung, die zu verrichten Er im Begriffe stand, sich am besten eignete. Dann legte Er Sein Oberkleid ab, nahm ein leinenes Tuch und band es Sich um. Dann goß Er Wasser in ein Becken und fing an, Seinen Jüngern die Füße zu waschen und sie abzutrocknen mit dem Linnentuche, das Er Sich umgebunden hatte. Wo ist die menschliche Zunge, lieber Leser, die über dieses Geheimnis de'r Demut und Liebe einigermaßen entsprechend zu reden vermöchte? Der auf dem Berge Tabor von himmlischer Herrlichkeit wie mit einem Gewande umhüllt war, umgürtet Sich mit einem Linnentuche, wie der niedrigsten Sklaven einer,— der die Wasser des Weltmeeres wie in einem Schlauche sammelt, gießt Wasser in ein Waschgefäß,— Er, vor dem alle Kniee sich beugen müssen, der kniet hier wie ein Knecht vor den erstaunten Jüngern! Da verstehen wir aber auch sofort den hl. Petrus! Zu ihm kommt der Herr wohl zuerst, da er in Zukunft ja der Erste unter den Brüdern sein sollte. Ganz außer sich ruft der erstaunte Jünger:„Herr, Du willst mir die Füße waschen?!"— Jesus antwortete und sprach zu ihm:„Was Ich tue, verstehst dujetztnicht; duwirstesaber nachher verstehen!"— Petrus aber erwiderte:„In Ewigkeit sollst Du mir die Füßenicht waschen!"— Jesus antwortete ihm:„Wenn Ich dich nicht wasche, so wirst du keinen Teil an mir haben!"— Da sprach Simon Petrus zu Ihm:„Herr, nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!"— Jesus antwortete ihm: „Wer gebadet ist, bedarf nicht mehr, als daß er die Füße wasche, so'ist er ganz rein.“ Was will der Herr wohl damit sagen, lieber Leser? Um es zu verstehen, müssen wir die damalige Sitten beachten: Die Alten pflegten, wenn si n einem Gastmahl geladen waren, unterwegs ein öffentliches Bad zu besuchen. Nun konnte es aber nicht fehlen, daß auf dem Wege vom Bade bis zum. Hause des Gastgebers die(bloßen) Füße wieder einigen Staub und Schmutz ansetzten, der dann im Hause des Gastgebers durch einen dazu bestimmten Sklaven entfernt wurde.— Jetzt aber geben wir dem großen hl. Augustin das Wort:„Der Herr sagt, daß auch der, welcher ganz gewaschen ist, noch die Füße waschen müsse. Was hat das zu bedeuten? Was anders wohl, als daß der Mensch, der in der hl. Taufe ganz gewaschen wurde, doch noch nötig habe, die Füße wieder zu waschen, weil er, auf Erden wandelnd, mit dem Iroischen in Berührung kommt. Die menschlichen Regungen und Empfindungen, von denen wir in diesem sterblichen Leben nicht frei bleiben können, sind gleichsam die Füße, an denen wir durch die Berührung mit irdischen Dingen befleckt werden. Das ist so wahr, daß der hl. Apostel Johannes schreiben konnte:„Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde haben, so täuschen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ (1. Joh. I, 10). Darum ist auch die hl. Fastenzeit von der Kirche weise angeordnet, damit wir durch die im rechten Geiste geübte Abtötung des Leibes eine entsprechende Reinigung der Seele erzielen. S. Lebensgefährliche Gewerbe. Von Karl Rudolfi. Die Spruchweisheit des Volkes sagt:„Wer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um" und will damit sagen, daß derjenige, der mutwillig mit seinem Leben spielt, sich nicht beklagen darf, wenn er schließlich eines Tages seinen Einsatz verliert und Freund Hein als unerbittlicher Mahner die Schuld, die nur mit dem Sterben bezahlt werden kann, einfordert. Ein geheimes Gruseln vor der Nähe des Todes befällt uns, wenn wir den halsbrecherischen Produktionen gewisser Künstler im Cirkus und anderswo zusehen, und das ist vom Standpunkte des warmen, menschlichen Mitfühlens gewiß nur selbstverständ lich. Aber wenn auch das Unglück für die Familie ebenso groß ist, wenn es diejenige eines waghalsigen Artisten, oder jene eines auf das Pflaster stürzenden Dachdeckers betrifft, so darf man doch nicht übersehen, daß im ersteren Falle es meistens freier Wille war, den Lebensunterhalt durch tollkühne Kunststückchen zu erwerben, statt durch bürgerliche Beschäftigung, während es auf der andern Seite absoluter Zwang ist, daß eine große Anzahl Menschen tagtäglich ihr Leben in gefährlichen Berufen aufs Spiel setzt. Wer sich auf dem Turmseil produziert, sich aus dem Korbe des Luftballons mit dem Fallschirm zur Erde herabfallen läßt oder in wahnsinnigen Voltigen durch die Manege rast, muß, wenn ein Unglück eintritt, sich sagen „tu l’ a voulu. George Dandin“; wer aber im gefährlichen Gewerbebetrieb, der nicht einmal, entsprechend der Gefahr, höheren Gewinn abwirft, sein Leben verliert oder dauernd zum Krüppel wird, ist zehnmal mehr zu beklagen als der erstere; denn er gehört zu den Opfern, welche dem Moloch des modernen Verkehrslebens täglich in großer Zahl zur Beute werden; und kein Mensch fragt nach ihnen, die Leben und Gesundheit hingeben müssen, wie wir uns eben darau gewöhnt haben, daß vielerlei Arbeiten nicht ohne bedeutende Lebensgefahr zu verrichten sind. Tötliche Unglücksfälle im Gewerbebetriebe hat es zu allen Zeiten gegeben, auch damals, als die Aegypter die ungeheuren Felsblöcke zu ihren Tempelbauten und Pyramiden wälzten und die Athener das Parthenon aufführten: Werke, welche bei den damaligen technischen Hülfsmitteln nicht ohne schwere Verluste an Menschenleben vollendet werden konnten. Auch heute fordert die Beschäftigung der Maurer und Zimmerleute mehr Opfer, als man gemeinhin glaubt; denn in den Zeitungen kommen meistens nur Unfälle, welche durch ihre Mosenhaftigkeit oder durch die eigenartigen begleitenden Umstände besonderes Aufsehen zu erregen geeignet sind. Unsere 4 bis 5 Stock hohen Wohnhäuser wollen aber auch angestrichen und eingedeckt sein, und die Feuerungsanlagen müssen nach kurzen Zwischenräumen immer wieder aufs neue gereinigt werden; in schwindelerregender Höhe arbeitet der Klempner an der Blechbekleidung der Kirchturmspitze, der Monteur an der Einwölbung einer riesigen eisernen Bahnhofshalle oder fast tausend Fuß über dem Erdboden, um an dem Eisengerüste des Eiffelturmes Nieten und Schrauben nachzuziehen. Eine unachtsame Bewegung, das Reißen eines Seiles, und es saust in jähem Falle ein Körper durch die Luft, der unten mit dumpfem Falle aufschlägt. Neugierig eilen die Passanten der Straße herbei, die vielleicht noch froh sein müssen, daß sie nicht durch den Todessturz des menschlichen Körpers ebenfalls zu schwerem Schaden gekommen sind. Wenige Minuten darauf rasselt in eiligem Tempo der Rettungswagen heran, dem meistens nur die traurige Pflicht obliegt, einen Toten oder Sterbenden in die Leichenhalle oder ins Hospital zu schaffen. Dann geht der pulsierende Strom des Verkehrslebens weiter seinen Gang, und am nächsten Morgen meldet die Unfallchronik der Zeitungen lakonisch in zwei Zeilen, daß der Klempner N. N. auf dem Neubau in der X-straße durch einen Sturz vom Dache getötet wurde. Die Fälle, in denen Dienstboten beim Fensterputzen sich zu Tode stürzten, sind dank des steigenden Gebrauches der Rettungsgürtel und der zunehmenden Einrichtung der Fenster mit Flügeln, die sich nach innen öffnen, in entschiedener Abnahme begriffen. Geradezu fürchterlich aber wütet der Tod dagegen trotz aller Schutzvorrichtungen unter den Bergwerksarbeitern. Der Bergbau zählt der Natur der Sache nach, seit jeher zu den gefährlichsten Beschäftigungen. Es sind aber nicht, wie man im Publikum allgemein glaubt, die Explosionen schlagender Wetter, welche die meisten Opfer fordern; denn nur ein Achtel bis ein Viertel aller im Kohlenbergbau sich ereignenden tötlichen Verunglückungen sind auf Rechnung derartiger Katastrophen zu setzen. Der weitaus größte Teil der Unglücksfälle entsteht vielmehr durch mechanische Verletzungen mit Werkzeugen und Maschinen, durch Verschüttungen, Brüche im Gebirge, Loslösung von unterminierten Gesteinsmassen, Einsturz von mangelhaft unterstützten Hohlräumen, bei der An= und Ausfahrt im Förderkorbe. Dazu kommen die schweren Erkältungskrankheiten in mangelhaft ventilierten, feuchten Gruben und die schweren, frühzeitig zum Tode führenden Krankheiten, welche durch Einatmung von Grubenstaub entstehen, ferner Bleichsucht, Herz= und Gelenkleiden, die alle ihren Grund in den eigentümlichen Verhältnissen haben, unter welchen der Bergmann tief drunten in der lichtlosen Tiefe zu leben und zu arbeiten gezwungen ist. Mit außerordentlicher Lebensgefahr verbunden ist auch das Geschäft des Baumfällens und des Herunterschlittens des gefällten Holzes im Gebirge bei Winterschnee. Im platten Lande bekommt man von den hierher gehörigen Unglücksfällen zwar verhältnismäßig wenig zu hören, und im armseligen märkischen Kiefernwalde sind die Verunglückungen dieser Art auch nicht besonders zahlreich. Ganz anders in Bergländern, wo der an steiler Wand arbeitende Holzfäller nicht mit derselben Leichtigkeit wie in der Ebene dem stürzenden Baume ausweichen kann. Die zahllosen„Marteln", d. h. Holztafeln am Wege, welche dem die Alpen bereisenden Touristen in naiven Worten und bildlicher Darstellung von derartigen Unglücksfällen Kunde geben, sind ein Beweis der zahlreichen Opfer dieses Berufes. Außerdem giebt es aber kaum ein noch so kleines Dorf im Gebirge, in dem nicht ein oder mehrere Invaliden wohnen, die den Verlust ihrer graden Glieder beim Baumfällen erlitten haben. Auch bei der Seeschiffahrt findet ein ganzes Heer von Menschen alljährlich den Tod, sei es nun durch Schiffbruch oder dadurch, daß sie beim Segelmanöver über Bord fallen und nicht mehr aufgefischt werden können. An den deutschen Küsten der Nord= und Ostsee zählte mau allein im Jahre 1893 nicht weniger als 533 größere oder kleinere Schiffsunfälle bei welchen 65 Personen ertranken und 341 aus drohender Lebensgefahr gerettet wurden. Fordert die See schon an Küsten, die mit Leuchttürmen und Rettungsstationen ( reich versehen sind, so bedeutende Opfer, so verzehnfachen sich diese natürlich an den überseeischen Gestaden, ferner, schwach bevölkerter Länder. Die Schiffahrt treibende Strandbevölkerung wird daher durch ihren Beruf wahrhaft dezimiert und überall giebt es in den Küstenorten zahlreiche Witwen und Waisen, deren Ernährer auf dem Grunde des Meeres liegt.„Aber„navigare necesse est.“ Diesen von Alters her ständigen Verunglückungen stehen diejenigen gegenüber, welche erst durch die eigentümlichen Verhältnisse der Neuzeit mit ihren Verkehrsmitteln und Industrien hinzugekommen sind. In erster Linie stehen hier die Eisenbahnen. Die Statistik des deutschen Bahnverkehrs beweist, daß in dem Jahrzehnt von 1882 bis 1892 auf unseren Schienenwegen fast 6000 Menschen den Tod gefunden haben, während ungefähr die dreifache Anzahl verletzt wurde. Rechnet man hiervon die verunglückten Reisenden, die Selbstmörder und jene ab, die, außerhalb des Bahnbetriebes stehend, durch einen unglücklichen Zufall zu Schaden kamen, so bleiben noch immer über 3000 Bahnbeamte und Arbeiter, welche in dem genannten Dezennium beim Bahnbetrieb getötet wurden, während etwa 17000 in demselben Zeitraume andere Verletzungen erlitten. Die deutschen Bahnen machen aber mit ihrer Gesamtlänge von gegenwärtig rund 50000 Kilometer immer erst ein Fünfzehntel des Eisenbahnnetzes der Erde aus, und wenn man auch in Betracht zieht, daß in einem Kulturstaat wie Deutschland infolge des dichten und intensiven Zugverkehrs die Unfälle unter den Bahnbediensteten etwas höher sein werden, als in den verkehrsarmen, schwachbevölkerten Ländern, so greift man doch in der Schätzung nicht zu hoch, wenn man annimmt, daß innerhalb des genannten zehnjährigen Zeitraumes auf der Erde mindestens 35000 Bahnbeamte und Arbeiter im Betriebe getötet und an 200 000 verletzt worden sind. Von diesen schreckenerregenden Zahlen fällt übrigens nur der geringste Teil auf Verunglükungen während der Fahrt und die so gefährlich aussehende Fahrkartenkontrolle während derselben von den Laufbrettern der Wagen durch die Schaffner. Die meisten Unfälle ereigneten sich vielmehr in den Bahnhöfen beim Verschieben und Zusammenkoppeln der Wagen. Die Erfindung eines brauchbaren Kuppelungssystems, bei dem der Arbeiter nicht unter deu Puffern hindurch zwischen die Wagen zu treten brauchte, wäre eine Großtat, für die der Erfinder mit dem schönsten Monument und den größten Ehrungen belohnt werden müßte. Uebrigens verursacht auch das winterliche Schneeschaufeln bei Schneeverwehungen an der Bahn und die Arbeiten des Schienenwechsels auf offener Strecke eine nicht unerhebliche Zahl der schwersten Verunglückungen, wenn der Schnellzug in den Knäuel lebender Menschenleiber hineinfährt, die sich nicht schnell genug vom Bahnkörper entfernten. Eine die Nerven des Zuschauers aufregende und in der Tat recht gefährliche Beschäftigung ist die Arbeit der Telephonarbeiter beim Spannen der Drähte an den auf Dächern erbauten Gerüsten, besonders zur Winterszeit, wenn jeder Tritt auf den eisbedeckten Dächern und glatten Leitersprossen den Tod bringen kann. Aber auch im Innern der Fabriken lauert der Tod fast in allen Ecken auf seine Opfer. Die giftigen Dämpfe in den Arsenikhütten, bei der Fabrikation von Quecksilberspiegeln, von Phosphorzündhölzchen, bei der Schwefelsäurefabrikation und in vielen andern Betrieben, namentlich solchen, welche mit der Entwickelung von viel Staub verbunden sind und wahre Zuchtanstalten für bakterielle Krankheiten, insbesondere für die Tuberkulose bilden, sind Beweise dafür, wie bei Herstellung unentbehrlicher Bedarfsartikel schleichende Gifte ebenso sicher das Menschenleben vernichten, wie es die berüchtigte aqua tofana der Italiener tat. Dazu kommen die durch Maschinen verursachten Unglücksfälle, von denen jeder Tag neue Beispiele bringt. Unfallverhütungsgesetze und Schutzvorrichtungen tun zwar das möglichste, um den Unglücksfällen vorzubeugen; aber man kann nicht jede Maschine oder Transmission derart verkleiden, daß eine Verletzung ausgeschlossen wäre; denn diese Vorrichtungen wollen bedient sein. Insbesondere gehört die Kreissäge, welche zur Holzbearbeitung unentbehrlich ist, zu den Instrumenten, bei denen immer wieder Unfälle vorkommen werden. Jede neue Industrie, jede neue Erfindung bringt auch neue Unglücksfälle. In den versicherungspflichtigen Betrieben des deutschen Reiches ereigneten sich 1894 nicht weniger als 75527 Verletzungen, bei denen eine Entschädigung festgestellt wurde. Hiervon entfielen 33728 auf gewerbliche Berufe, 37383 auf den Betrieb der Landwirtschaft und der Rest auf andere Beschäftigungen. Die Zahl der Getöteten betrug hierbei 6782. Diese Unglücksliste eines einzigen Jahres beweist, daß alle Schutzvorrichtungen das menschliche Elend nicht aus der Welt zu schaffen vermögen. Die Zahl der Unglücksfälle im Erwerbsleben wird vielmehr mit Sicherheit noch bedeutend zunehmen, da auch die Industrialisierung in reißend schnellem Tempo fortschreitet. Das Testament des Königshofbauern. Aus der Praxis eines Gerichtsassessors. Mitgeteilt von Friedrich Thieme. Die Mehrzahl der Menschen ist der Meinung, daß nur der Strafrichter interessante und aufregende Erlebnisse zu verzeichnen hat. Das ist ein Irrtum— auch in der Civilrechtspflege kommt mancherlei vor, was sich würdig neben die spannendsten Episoden der Kriminalprozesse stellen läßt. Hier ein Erlebnis, das mir vor einigen Jahren bei der Aufnahme eines Testaments zustieß. Ich erhielt eines Abends den plötzlichen Auftrag, ein Testament aufzunehmen. Die Ordre war mir aus mehrerlei Gründen nicht angenehm. Erstens war es im Februar und kalt, und zweitens regnete es in Strömen, dazu zeigte die Uhr schon auf sechs und ich konnte, die Vorbereitung zur Abfahrt eingerechnet, frühestens um neun in dem entlegenen Dorfe sein, in welchem der Testator wohnte. An eine Rückkehr vor ein, zwei Uhr nachts war daher keineswegs zu denken. Mit ziemlich sauertöpfischem Gesicht erkundigte ich mich nach den näheren Umständen. „Die höchste Eile tut not," informirte mich mein Vorgesetzter.„Der Arzt selbst hat die Botschaft gebracht. Es handelt sich um den alten Königshofbauern in Wehrdorf, er ist schwer krank und kann jede Stunde sterben. Seine natürlichen Erben sind eine weitläufige Verwandte und ihr Sohn, die sich nie um ihn bekümmert haben. Seine treue Pflegerin und die Führerin seines Haushalts und der Wirtschaft ist eine angenommene, aber leider nicht adoptierte Tochter, Marie Roth, ein braves, wackeres, schönes Mädchen, das dem kränklichen Mann seine ganze Jugend zum Opfer gebracht, und durch harte Arbeit sein Hab' und Gut zusammengehalten oder noch vermehrt hat. Ihr gebührt von Rechts wegen das reiche Erbteil, und der Bauer ist auch seit langem entschlossen, sie zur hauptsächlichen Erbin einzusetzen, während die Verwandte und ihr Sohn mit kleineren Summen abgefunden werden sollen; mit der bekannten Scheu der meisten Menschen vor der Aufstellung eines letztens Willens hat er aber den Akt immer verschoben, bis der Arzt ihm jetzt eröffnet hat, daß es die höchste Zeit dazu ist. Nun möchte er gern, aber die Verwandte und ihr Sohn, die sich seit einigen Wochen unversehens in seinem Hause einstalliert haben, angeblich um ihn zu pflegen, haben die Absendung des Boten hintertrieben. Marie wollte aus erklärlichen Gründen nicht selber schicken— nun hat in letzter Stunde der Arzt selbst auf Wunsch des totkranken Mannes, dem seine Unterlassung schwer auf dem Gewissen liegt, die Berufung übernommen. Freilich ist die höchste Gefahr im Verzuge— Sie müssen sich so sehr beeilen als nur möglich, sonst treffen Sie nur noch einen Toten, und das arme Mädchen wandert ohne einen Pfennig aus dem Hause." „Was an mir liegt, soll geschehen," erwiderte ich eifrig, denn seine Mitteilung hatte mir ein hohes persönliches Interesse an der Erfüllung meines Auftrags eingeflößt. Schon nach einer Viertelstunde war ich mit einem Schreiber nach Wehrdorf unterwegs. Es war ein schauriger Abend, der Regen, mit Schnee vermischt, stürzte herab, wir froren selbst in unseren dicken Ueberziehern. Der Kutscher, von mir angewiesen, spornte die Pferde aufs äußerste an, er kannte den Weg, und trotz der undurchdringlichen Finsternis sausten wir dahin wie das Gespann der Hölle. Nach einer Stunde etwa erreichten wir die bei Thalhausen über den Fluß führende Brücke oder vielmehr, wir befanden uns noch etwa zweihundert Schritte davon entfernt, hörten aber schon das Rauschen und Tosen des durch die Regenfluten hoch angeschwollenen Wassers. Unbesorgt rollten wir dahin, als auf einmal eine Stimme aus der Finsternis uns anschrie: „Halt, um Gotteswillen halt, oder Ihr stürzt in den Fluß!" Sofort hielt der Kutscher an. „Was ist denn los?“ rief er dem Besitzer der Stimme zu, der wie ein Schatten aus der Dunkelheit hervortauchte. „Euer Glück, daß ich Euch treffe, wie Ihr fahrt, wäret Ihr gradeswegs ins Wasser gesaust— die Eisschollen haben die Brücke zertrümmert— Ihr müßt umkehren!“ Ich öffnete hastig das Wagenfenster. „Die Brücke ist nicht passirbar? Zum Kukkuck, das kommt uns ungelegen, wir haben Eile!" „Wo wollen Sie denn hin?" „Nach Wehrdorf!" „Dann tun Sie schon am besten, Sie fahren nach Thalhausen zurück und schlagen von dort die Chaussee nach Holzbach ein—'s ist zwar ein Umweg, aber die Brücke dort ist sicher, ich bin erst Nachmittags drüber gegangen." „Jede Minute ist kostbar" erwiderte ich. „Sollte nicht doch noch über die Brücke zu kommen sein?" „Versuchen Sie's— ich als Fußgänger hab's nicht fertig gebracht. Schicken Sie Ihren Kutscher einmal hin, er mag sich überzeugen. Gute Nacht." Der Mann verschwand im Dunkel. „Er hat recht," rief unser Kutscher, vom Bock springend,„ich will einmal Umschau halten." Ich gab meine Einwilligung, und er schritt eilig der Brücke zu. Ungeduldig harrten wir seiner Rückkehr. Kaum war seit seiner Entfernung eine Minute vergangen, so verspürten wir plötzlich einen heftigen Ruck, die Pferde setzten sich in Bewegung und in rasendem Galopp fuhr der Wagen davon. „Die Pferde— sie gehen durch!" brüllte entsetzt der Schreiber. „Um Gotteswillen— wir fahren in den Fluß!" „Wir ertrinken— Hilfe! Hilfe!" Unsere Herzen hämmerten, dicker Schweiß trat uns auf die Stirn. Angstvoll beugte ich mich zum Schlage hinaus. „Gott sei Dank— wir entfernen uns vom Wasser—" „Aber wir werden irgendwo anstoßen— das Gefährt wird zerschellen—“ „Wir müssen den Wagen zum Stehen bringen," versetzte ich und machte Miene hinaus zu springen. Der Schreiber hielt mich entsetzt zurück. „Herr Assessor, so lieb Ihnen Ihr Leben ist — bei so rasender Fahrt— Sie würden zerschmettert liegen bleiben—“ „Aber wenn wir karambolieren, sind wir um nichts besser daran—“ 1 erwiderte der „O doch „Und uns're Mission—" „Wer kann für Unglück," Schreiber philosophisch. „Wohin kommen wir nur?" „Wahrscheinlich tragen uns die Pferde nach Thalhausen zurück, dort wird man sie anhalten— Hilfe, Hilfe!" „Nützt Ihnen nichts; wir kommen nicht nach Thalhausen. Die Bestien haben einen Seitenpfad eingeschlagen—“ „O weh, dort ist Wald—“ „Jetzt sei Gott uns gnädig!" Wirklich, der Wagen jagte auf einer durch dichten Wald führenden Chaussee hin. Nun war erst recht ein Herausspringen nicht mehr möglich, rechts und links standen die Bäume zu nahe, der Springer wäre sicherlich gegen einen Stamm geworfen worden und hätte sich den Kopf eingerannt. In Verzweiflung saßen wir da, ohnmächtig, dem Zufall preisgegeben. Minute auf Minute verran, immer weiter raste das Gefährt. „Wer weiß, wo wir hin kommen werden.“ stöhnte ich,„und diese Finsternis—“ „Ein Wunder, das noch nichts passiert ist." So verging in qualvollem Zustande wohl eine Stunde, da hielt der Wagen mit einem plötzlichen Ruck still. Sofort sprangen wir hinaus, aus Furcht, die Pferde möchten wieder anziehen und der Schreiber eilte unverzüglich, die Zügel zu fassen und sie zu halten. „Haben Sie gesehen, Herr Assessor?" „Was?" „Es war mir, als hätte ich eine dunkle Gestalt im Walde verschwinden sehen.—“ „Ich habe nichts wahrgeuommen. Aber Sie können recht haben— wir sind zweifellos nicht das Opfer eines Mißgeschicks, sondern eines Bubenstücks geworden. Durchgehende Pferde hätten uns bei dieser Finsternis und diesem Wetter längst umgeworfen— der Wagen fuhr auch mit solcher Sicherheit, als ob eine menschliche Hand ihn lenkte.—“ „Was glauben Sie?" „Daß die Wehrdorfer Brücke nicht beschädigt und unser geheimnisvoller Entführer derselbe Schurke ist, der uns anhielt und uns das Märchen von der zerstörten Brücke aufbinden wollte.“ „Doch zu welchem Zwecke sollte er— „Begreifen Sie denn nicht?“ unterbrach ich ihn.„Der Schuft ist ein Abgesandter der Erben des Königshofbauern, wir sollen aufgehalten werden, damit wir entweder gar nicht oder zu spät in Wehrdorf eintreffen!“ „Das wäré ja schrecklich!" „Gewiß— aber was fangen wir jetzt an? Mitten im Walde, im Finstern bei strömenden Regen, ohne Kenntnis von Weg und Steg— wir müssen nach Wehrdorf, mindestens können wir nicht hierbleiben." „Allerdings nicht." „Können Sie fahren?" „Habe es noch nie versucht— außerdem, wohin geht es? Wer weiß, wir schlügen vielleicht gerade entgegengesetzte Richtung ein." Wir überlegten eine Weile. Plötzlich rief der Schreiber:„Ich hörte etwas wie fernes Hundegebell—“ „Gut, rufen wir Hilfe!" Wir strengten unsere Stimme an. Endlich vernahmen wir zu unserer Freude einen antwortenden Ruf. Gleich darauf schlug ein Hund in unserer nächsten Nähe an und eine rauhe Stimme erkundigte sich, wer hier sei. Mit wenigen Worten schilderte ich dem Ankömmling unser Ungemach. „Das ist freilich ein Unglück," erwiderte er ernst.„Sie haben gerade die entgegengesetzte Richtung von Wehrdorf eingeschlagen und sind wenigstens drei Stunden davon entfernt. Der nächste Weg führt durch Wilda, aber wenn Sie die Pferde auch noch so ausgreifen lassen, brauchen Sie bei dem Wetter wenigstens anderthalb Stunden.“ „Ja, wenn wir nur einen Kutscher hätten — können Sie uns nicht hinfahren? Eine gute Belohnung—" „Bedaure, ich bin Forstgehilfe, bin auf der Suche nach Wilddieben und darf meinen Posten nicht verlaffen." „Schade— vielleicht sind Sie im Stande, uns eine andere Person—“ „Ebenfalls nicht, das Forsthaus ist fast eine Stunde von hier.“ „Schrecklich, was beginnen wir nur in aller Welt? Der Königshofbauer kann unterdessen hundertmal sterben!“ „Am besten, Sie riskiren es und fahren nach Wilda. Es geht immer gerade aus, und in einer halben Stunde haben Sie es erreicht. Fahren Sie bis dahin langsam, führen Sie im Notfall die Pferde. Dort gehen Sie in den Gasthof, der Wirt wird Ihnen sicherlich einen Fahrer verschaffen.“ Der Plan war gut, es gab keinen andern Ausweg. Wir dankten dem Manne, ließen uns den Weg nochmals genau beschreiben, ich setzte mich auf den Bock, der Schreiber ergriff den Zügel eines der Pferde, so steuerten wir los. Der Forstgehilfe half uns die Tiere in Bewegung bringen. Es war ein mühevolles, riskantes Uuternehmen, aber der Himmel stand uns bei, wir kamen durchnäßt, beschmutzt und halberfroren nach Wilda und hielten vor dem zum Glück noch erleuchteten Gasthof an. „Halten Sie die Pferde, ich will hineingehen und mit dem Wirte sprechen." Ich trat in die Schenkstube, wo noch etwa ein Dutzend Bauern versammelt saßen, und brachte mein Gesuch vor. Zu meinem Erstaunen umringten mich plötzlich einige der Leute und packten mich, andere verließen die Stube und das sich draußen erhebende Geschrei verkündete mir, daß sie mit meinem Gefährten ebenso verfuhren. „Was soll das heißen?" rief ich bestürzt und empört. „Wagendieb, das wirst Du schon wissen," donnerte der Wirt mich an. „Ich ein Wagendieb? Ich bin Assessor des Gerichts in E. und auf dem Wege zu einem Totkranken, um ein Testament aufzunehmen." „Ganz recht, so hat der Mann uns gesagt, der vorhin hier war und uns auf Sie aufmerksam machte," lachte einer der Bauern. „Giebt sich für einen Assessor und den andern für seinen Schreiber aus— die Burschen haben in Heiligenburg einen Wagen und Pferde gestohlen und werden den Weg wahrscheinlich nach dieser Richtung nehmen." „Aber Ihr Männer, das ist ja heller Wahnsinn— ich mache Euch für allen Schaden, der mir aus der Verzögerung erwächst, verantwortlich!" „Schon gut, nur her mit Euch, Freundchen—“ „Führt mich sofort zum Bürgermeister, ich will mit ihm sprechen!" „Wollen wir auch— vorwärts!" So absurd der ganze Verdacht war, so mußten wir armen durchnäßten Menschen nns doch nebst dem Corpus delicti, unserem Gespann, zu dem ziemlich entfernt wohnenden Schulzen schleppen lassen, der exst geweckt werden mußte und nach etwa einer Viertelstunde mit ärgerlicher Miene erschien. Unsere Häscher erstatteten ihren Rapport, ich beteuerte dagegen die Richtigkeit meiner Angaben, legte ihm das Amtssiegel und Amtspapier vor, das ich bei mir führte und erinnerte ihn an die Wichtigkeit meiner Mission. „Ja, ja ich weiß— der Königshofbauer ist schwer krank," murmelte er,„nnd Ihr Verdacht— hm, so unmöglich ist's nicht. Die arme Marie sollte mir leid tun. Und doch, wenn der Wagen wirklich gestohlen wäre? Das alles können Sie sich auch verschafft haben— ich weiß wahrhaftig nicht, was ich tun soll." Ich blickte verzweifelnd nach meiner Uhr. Halb zwölf! Wer weiß, ob wir nicht schon zu spät kamen! Da kam mir auf einmal ein rettender Gedanke. „Geben Sie uns einen Kutscher und ein paar Begleiter mit, die uns bewachen, so werden sich diese in Wehrdorf von der Wahrheit meiner Angaben überzeugen oder, falls ich gelogen, sich dort unserer und des Wagens versichern können.“ „Hm, das ginge, wenn Sie aber entfliehen—“ „Meinetwegen binden Sie uns die Hände,“ versetzte ich wütend.„Nur halten Sie uus nicht länger auf." Soweit ging sein Mißtranen indessen nicht. Doch gab er uns außer dem handfesten Kutscher noch zwei mit Knütteln bewaffnete Aufpasser mit, darunter den Gemeindediener, worauf wir endlich, den Wagen mit frischen Pferden bespannt, nach Wehrdorf abfahren konnten. Die Dorfuhr schlug eins, als wir einzogen, fünf Minuten später hielten wir vor dem Gute des Königshofbauern. Der Eingang befand sich auf der nach der Straße belegenen Seite, das Wohnhaus lag jedoch auf der andern Seite am Garten. Einer meiner Wächter zog energisch die Glocke. Niemand hörte! Er probierte die Thür, Sie war verschlossen. Neues lauteres anhaltenderes Läuten— alles blieb still. „Die Leute werden alle im Hause sein," brummte der Mann mürrisch. „Hört man dort nichts?" „Schwer— aber die Gesindestube befindet sich dicht nebenan im Vorratshaus— dort sollte man uns doch hören.“ Wir erneuerten, doch ebenso vergeblich, unsere Bemühungen. Welch entsetzliche Situation! Endlich am ersehnten, so mühsam erreichten Ziele, läßt man uns nicht ein— hört man uns nicht? Erwartet man uns nicht mehr? Ist der Königshofbauer tot? Wir klopfen, rufen und läuten, machen einen Höllenspektakel. Endlich, nach etwa einer Viertelstunde, vernehmen wir den Ruf einer weiblichen Stimme. „Arno, warum öffnest Du nicht— rasch, schließe auf—“ Wieder vergeht eine Weile, endlich nähern sich schlürfende, träge Schritte, während eine Männerstimme laut erwiderte: „Ja ich habe nichts gehört, ich habe fest geschlafen." Ich horchte auf. Die Stimme klang mir bekannt. Fast schien es mir, als wäre es dieselbe, die wir an der Wehrdorfer Brücke vernommen. Gespannt wartete ich auf den Anblick ihres Besitzers, der Bursche hatte sich wohl schlafend gestellt, um uns zurückzuhalten. Langsam, peinlich langsam für unsere Ungeduld schloß er die eichene Tür auf, das Licht einer Laterne blinkte uns entgegen. Bei ihrem Schein erkannte ich einen großen ungeschlachten Menschen im Alter von etwa 25 Jahren, mit dunklem Bart und einer Mütze auf dem Kopfe. Hinter ihm tauchte die Gestalt eines schönen jungen Mädchens auf, in einfach schwarzem Hauskleide, aber trotzdem lieblich anzuschauen. Aber ihr Antlitz war totenblaß und in ihren Augen schimmerten Tränen. „Ich habe die Ehre mit Fräulein Roth?" fragte ich, ihr höflich entgegentretend. „Zu dienen— Sie—?" „Ich bin der Gerichtsbeamte, welcher das Testament Ihres Pflegevaters aufnehmen soll." Sie blickte mich unendlich traurig an. „O Fräulein, es ist doch hoffendlich noch nicht zu spät?" rief ich heftig, und voll Spannung hingen meine Augen an ihren Lippen. „Nein, aber die höchste Zeit!" Gott sei Dank, wir waren noch zurecht gekommen! Ich nahm das Testament auf und Marie Roth erbte das ihr von Rechts wegen zukommeude Vermögen. Gegen die Verwandte und ihren Sohn aber ward die gerichtliche Untersuchung eingeleitet; beide wurden für schuldig befunden und zu einer angemessenen Gefängnisstrafe verurteilt.