Aus Kheinland und Westfalen.
6 M.=Gladbach, 7. Nov.[StadtverordnetenVersammlung.] In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde zunächst der besoldete Beigeordnete Baumann mit 22 von 23 Stimmen einstimmig für eine weitere Amtszeit von 12 Jahren wiedergewählt; ein Stimmzettel war unbeschrieben. Alsdann wurde der unbesoldete Beigeordnete Commerzienrath Thcodor Croon ebenfalls einstimmig, und zwar für eine Amtsperiode von 6 Jahren wiedergewählt. Ein anderer Punkt der Tagesordnung betraf die Kleinbahnfrage. Betanntlich sollten mehrere Kleinbahnen von M.-Giadbach und Rucydi ausgebam und in jeder Stadt ein Electricuätswerk errichtet werden, das sowohl für die Bahnen den elecirischen Strom liefern, als auch für sonmae Licht= und Kraftzwecke dienen sollte. Die Rentavilitätsberechnung und die von verschiedenen Electrictätswerken eingesandten Kostenanschläge ergaben jedoch, daß die Ausfuhrung des Planes in dem vorhergesehenen großen Umfang ganz unrentabel sein und die städtischen Etats in unvernünftiger Weise belasten würde. Die Stadtverordneten beschlossen daher, den Zuschlag auf Grund des erlassenen Ausschreibens nicht zu ertheilen. Ferner nahm das Collegium Kenntniß von einem Beschlusse der von beiden Städten gemeinschaftlich gewählten Kleinbahn=Commission, wonach zur weiteren Förderung der Angelegenheu ein Arbeitsausschuß, welchem aus M.=Gladbach die Stadtverordneten Fr. Brandts und C. O. Langen jr. und aus Rheydt Oberbürger= meister Dr. Strauß angehören, mit der Aufgabe eingesetzt ist, zunächst mit der Firma Siemens& Halske in Berlin über die Ausarbeitung zweier neuer eingeschränkter Projecte, eines in Anlehnung an die bisherigen Bedingungen für die Errichtung zweier Electricttätswerke und eines auf Grund neu aufgestellter Grundzüge für die Errichtung eines Electrictätswerkes, und zwar in M.-Gladbach— zu verhandeln und hiernach die zur Ausführung des Unternehmens dienlichen Verträge mut dem Vorbehalten vorzubereiten, daß die Städte freie Hand behalten, beliebige Theile des Unternehmens in eigener Regie auszuführen, und daß die vorbereiteten Verträge den Stadtverordueten=Versammlungen in M.=Gladbach und Rheydt zur Beschlußfassung vorzulegen sind. Demnach ist das großartige Project, den ganzen M.=GladbachRheydter Industriebezirk mit einem Netz von Kleibahnen u durchziehen, vorläufig an der Rentabilnätsfrage gecheitert.— Zu Beisitzern für die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen wurden die Stadtverordneten Spengler und Hüsgen, zu Stellvertretern die Stadtverordneten Becker und Commerzienrath Erckleutz gewählt. Zur Durchführung der Kamperstraße nach dem Volksgarten, der jetzt immer mehr besucht wird, wurde der Ankauf eines Grundstückes von 1 ½ Morgen zum Preise von 7500 Mk. beschlossen. Stadtverordueter Becker var sodann um Aufklärung darüber, ob es wahr sei, daß Angestellte der Badeanstalt, die in der Anstalt selbst i ihren Freistunden Anstreicherarbeiten machten, dieses auch außerhalb der Anstalt für eigene Rechnung thäten. Die hiesigen Handwerker beklagten sich sehr daruber. Der Vorsitzende versprach, den Fall zu untersuchen, hielt jedoch diese Art von Beschäftigung, die den Anschauungen der städtischen Verwaltung völlig zuwiderliefe, für sehr unwahrschemlich. Zum Schlusse theitte der Vornende noch mit, er habe jetzt die officielle Mittheilung erhalten, daß die Verlegung des Bezirkscommandos von Erteienz nach Rheydt am 1. April 1899 erfolge. Der Stadt= und Landkreis M.=Gladbach wird von dem Bezirkscommando Neuß abgetrennt und dem Rheydter Bezirkscommando zugetheilt, das außerdem dann die Orte des bisherigen Bezirkscommandos Erkelenz umfaßt.
M.=Gladbach. 7. Nov.[Cäcilia=Concert.) Der städtische Gesangverein„Cäcilia“ eröffnete die diesjährige Wintersaison mit der Aufführung von Schumann's„Paradies und Peri“. Der nunmehr endgittig angestellte Musikdirector Hans Gelbke bewies durch das Concert ein reiches Können. Die Chöre gelangen sämmtlich sehr gut; üverall hatte Herr Gelbke mit Sicherheit die geeigneten Zeutmaße getroffen, und die Einsätze waren glatt und sicher. Van den Solisten sang Fräulein Ohse in Behinderung des Fräulein Dassau das kleine Mezzosopransolo tadellos. Frau Nöhr=Brajmin war eine vorzügliche Peri, während Frau Crämer=Schleger aus Düsseldorf mit ihrer Altstimme brillirte. Der Tenorist Wulff ließ es— vielleicht in Folge seiner jüngsten Krankheit— etwas an Sicherheit mangeln, während Herr Sistermann seinen bekannten Baß vortheilhast zur Geltung brachte. Das Orchester wurde von der Krefelder Kapelle gestellt, die durch Kölner und Düsseldoreer Künstler verstärkt war, und leistete Anerkennensmerthes.
a Odenkirchen, 7. Nov.(Einbruchsdiebstahl.] In der vorvergangenen Nacht brachen Diebe in den Laden des Metzgermeisters D. an der Burgstraße hier ein. Die Spitzbuben zerstörten die äußeren Feusterblenden, die sie dann aushoben und über eine Mauer in einen benachbarten Garten warfen. Dann drangen sie durch das Overlicht ein. Nachdem sie das Feuster von innen geöffnet hatten, wurde der„Transport“ der Fleischwaaren und nachher auch der Rückzug unbehelligt bewerkstelligt. Der Nachtwächter hatte gegen vier Uhr die Straße noch passiert und zu dieser Zeit an dem Laden noch nichts bemerkt. Die Diebe werden daher wohl erst in den Morgenstunden„gearbeitet“ haben.
□ Bohwinkel, 7. Nov.(Gauverband Bergischer Lehrervereine.] Der Gauverband Bergischer Lehrervereine hielt hier am Samstag seine Herbsiversammlung av. Den Verhandlungen lag das Thema zu Grunde: „Welche Stellung nehmen wir ein zur Einführung der einzelnen Zweige des Handfertigkeitsunterrichts in dem Volksschuiunterricht?" Der Referent Rector Göhl von Wermetskirchen, redete der Einführung das Wort, weil dieser Unterricht geeignet sei, alle Kräfte gleichmätzig in Anspruch zu nehmen und harmonisch auszubilden. Er mache die Anschauung lebendig, befördere den Darstellungstrieb und bilde die Kinder in Dingen aus, die ihnen im späteren Leben zu statten kämen. Die lebhafte Devatte ließ aber erkennen, daß die Lehrerschaft der Einführung des Handfertigkeutsunterrichts noch keineswegs befürwortend gegenüberstebt. Wohl müsse der Unterricht mehr pragmatisch wirken, aber es sei zweifelhaft, ob der Handfertigkeitsunterricht das halte, was sich seine Gönner von ihm versprächen. Andere Thätigkeiten seien viel eher geeignet, harmonisch aus
bildend zu wirken. Vor Allem solle man sich hüten, praktische Ziele für das spätere Leben in der Schule erreichen zu
wollen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, die den dargebotenen Stoff als dankenswerthe Gabe zur weiteren Klärung der Frage der Einführung des Handfertigkeitsunterrichts ansieht.— Dem Gauverbande sind jetzt fast alle Bergischen Lehrervereine beigetreten.
O Ohligs, 7. Nov.[Landespolizeiliche Abnahme der Strecken Obligs=Solingen, Solingen=Central=Wald und Central= Gräfrath der electrischen Kreisbahn.)] Der Regierungspräsident hat zur landespolizeilichen Abnahme der Stiecken Obtigs=Solingen, Solingen-Central= Wald und Central=Gräfrath der electrischen Kreisbahn Termin auf den 9. November dis. Is., Mittags 12½ Uhr, auf dem hiesigen Bahnvofsvorplatz anberaumt. An demselben nehmen Theil die Vertreter der Provinzial=, Eisenvann= und Postbekörde, der Electricitäts=Gesellschaft „Union“, sowie der Landrath Möllenhof und die Burgermiister der betheiligten Gemeinden. Anläßlich der Inbetriebsetzung der genannten Bahn finder am 10. dss. Mis. im Hotel„Kaiserhof“ hierselbst ein Festessen statt.
Köln, 7. Nov.[Wettbewerb zur Erlangung mustergiltiger Altarleuchter.] Der Vorstand des Erzbischöflichen Diöcesan=Museums unter dem Vorsitze des Herrn Weihbischofs Dr. Schmitz hat einen Wettbewerb zur Erlangung mustergiltiger Altarleuchter ausgeschrieben, der ein lebhaftes Interesse bei den Künstlern und Kunsthandwerkern, sowie den Metallarbeitern erweckt hat, so daß anzunehmen ist, es wird eine große Betheiligung bei dem Wettbewerbe stattfinden. Für die Altarleuchter ist mittelalterliche Stilart vorgeschrieben, wonach romanische oder gothische Formen zu wählen wären, wovon letztere woyl am Meisten zur Anwendung kommen. Die Ausführung kann in Bronce= oder Messingguß, oder in getriebenem Metall sein, und darf die Höhe des Altarleuchters vom Fuße bis zum Lichtsteller 50 Centimeter nicht übersteigen. Bei dem Wettbewerb wird bezweckt, nicht zu große und schwerfällige Leuchter zu erhalten. Die meist heute in Gebrauch befindlichen Leuchter verunzieren durch ihre große und unschöne Form die Altäre, sie stehen vielfach nicht in dem richtigen Verhältnisse zu der Architectur, sowie dem ornamentalen und figürlichen Schmucke der Altäre. Ter Leuchter soll neven seiner liturgischen Bedeutung auch ein Schmuck des Altars sein. Die alten Altarleuchter haben meist einen breut ausladenden, auf Klauen oder Löwen ruhenden, reich profilirten, in den verschiedensten Formen ausgebildeten Fuß, auf dem sich der nach oben verjüngende Schaft, welcher den Lichtteller tlägt, in angemessener Form entwickelt. Der Leuchter hat vor Allem einen festen Aufstand, was den Leuchtern der späteren Zeit vom Ende des 17. Jahrhunderts ab und auch unseren neueren Leuchtern meist mangelt.— Zur Informirung und zum besseren Verständniß ist auf Veranlassung des Herrn Weihbischofs Dr. Schmitz in dem oberen Museumssaale des Erzbischöflichen Museums zu Köln, Dombof 8, eine Ausstellung mittelalterlicher Altarleuchter veranstaltet, welche besondere Aufmerksamkeit verdient. Bekanntlich haben sich in den Kirchen wenige Altarleuchter aus dem Mittelalter bis auf unsere Zeit erhalten; was aber Mustergiltiges in den Kirchen Kolns und der Erzdiöcese, sowie am Niederrhein und in der Diöcese Münster sich erhalten hat und bekannt war, ist im Erzbischöflichen Museum am Domhof ausgestellt. Zur Auffindung der Altarleuchter haben die bereits erschienenen Bände der„Kunstdenkmäler am Niederrhein“. von Conservator Paul Clemen den Anhalt gegeben. Es finden sich in der Ausstellung sehr kunstvolle Stücke aus dem 12.—17. Jahrhundert, welche in hohem Maße Beachtung verdienen und den Fachleuten als Muster dienen können.
s Köln, 7. Nov.[Schiffsneubau.] Der auf der Werst der Gebr. Sachsenberg(Roßlau) in Mülheim a. Rh. im Bau befindliche groge Salondampfer der Tüsseldorfer Gesellschaft„Kaiserin Auguste Victoria“ wird bald vom Stapel laufen. Die Conntructionen sind schon soweit gediehen, daß man bereits Musterbutzenscheiben einsetzen und einen Probeanstrich machen konnte. Die riesigen Schornsteine liegen auch schon bereit. Sobald der Wasserstand sich hebt, soll das Schiff in das Hasenbecken gieiten. Es ist genau derselbe Typus wie bei den Schiffen„Humboldt“,„Friede“,„Kaiser" und „Wilhelm“, der Gesellschaft, indes sind die Dimensionen größer. Die Länge berrägt z. B. 6 Meter mehr. Am 1. April soll die Probefahrt und Mitte Mai die Incurssetzung stattfinden.
Köln, 7. Nov.[Warnung.] Die englische Gaunergesellschaft, welche Heiratbslustige durch fingirte Inserate in den großen Tagesblättern an sich lockt, um sie dann in schmachvollster Weise zu rupfen, läßt wieder etwas von sich hören. In einer der letzten Ausgaben der„Köln. Zig.“ war folgendes Inserat zu lesen:„Verhältnisse halber suchen die Anverwandten einer Halbwaise mit über 1 Million Mark Vermögen passende Verheirathung. Nichtanonyme Offerten erbeien an Frau Frege, 4 Dunkenreet, Adelphi=London.“ Es ist dies die gleiche Adresse, wie am Kopfe des„Privat=Correspondenzblattes“, welches die Gesellschaft an sich meldende Reflectanten späterhin versendet und dessen im Voraus zu entrichtender Abonnementspreis 25 Schilling beträgt. Nicht ohne Absicht werden nichtanonyme Offerten gefordert, da Mancher, um wieder in den Besitz eines solchermaßen abgesandren Offerten=Briefes zu gelangen, eher veren sein wird, Opfer zu bringen oder mut der Gesellschaft in weitere Beziehung zu treten. In allen Fällen erhält der Resleciam zunächst auf seine Meldung ein durch Umdruck hergestelltes Schreiben, in welchem ihm mitgetheilt wird, daß für die betreffenden Auftraggeber außer seinem Briefe noch eine größere Zahl von Auerbietungen eingegangen seien, von denen naturgemäß nur eine Berücksichtigung habe finden können, daß ihm aber etwas Aebnliches geboten werden könne, und schließlich folgt dann die Aufforderung, einen Geldbetrag einzusenden, worauf seiner Sache alle Mühe zugewendet würde. Der Verlauf der Sache ist dann stets der gleiche: das Abonnement auf das eben erwähnte Zeitungsblatt und fortdauernde Honorarforderungen für Auskünfte und Bemühungen, bis der Betreffende einsicht, daß er der Geprellte ist und die Sache aufgiebt. Es kann also nur nochmals vor dieser Gesellschaft gewarnt werden.
L. Coblenz, 7. Nov.[Ein eigenartiges Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz.] Em eigenartiges Vergehen gegen das Nahrungs
mittelgesetz wurde dem Gastwirth Anton Giffels###
Neuenahr zur Last gelegt. In seinem Hotel speßsen während des Sommers viele Zuckerkranke, welche kur ganz wenig gezuckerte Weine trinken dürfen. Wie kls festgestellt angesehen worden ist, haben zwei solcher Gäste einige Male gezuckerten Wein erhalten, und die Kur hat deshalb bei ihnen keinen Erfolg gehabt. Es wurde deshalb, trotzdem diese Weine an sich gut waren, angenommen, daß Giffels faurlässiger Weise die Gesundheit dieser Gäste geschädigt habe. Das Landgericht Coblenz hat deshalb am 6. August Herrn Giffels wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz verurtheilt. Auf die Revision des Angeklagten hob das Reichsgericht das Urtheil auf und erkannte auf konenlose Freispreaung des Angeklagten. Die Auschauung des Landgerichts wurde als zu weitgebend bezeichnet. Nach den Feststellungen sei der Zuckergehalt nicht so groß gewesen, daß man von Verfalschung reden könne; auch habe der Angeklagte nicht gewutt, daß der fragliche Wemn schädlich sei. Man könne nicht Jemand wegen Fahrlässigkeit bestrafen, der einem Kinde eine Flasche Porter verkauft, weil das Kind möglicherweise damit seine Gesundheu schädige. Etwas Anderes wäre es, wenn der Wein für die Kranken speciell bestimmt und als solcher bezeichnet gewesen wäre. Dies sei aber hier nicht der Fall gewesen.
Münster, 7. Nov.[Volksheilstätte Hellersen. Der Vorsitzende des Vorstandes der Invaliditäts= und Altersversicherungsanstalt Westfalen, Landeshauptmann Overweg in Münster, versendet an sämmtliche Aerzte der Provinz Westfalen ein Schreiven, worin u. A. darauf hingewiesen wird, daß, nachdem die vom Kreiscommunal= verbande Altena errichtete Volksheilstätte Hellersen bei Lüdenscheid seit August dss. Is. dem Betriebe übergeben ist, die Möglichkeit besteht, Lungenkranke zu jeder Jahreszeit, also auch im Winter, nach Maßgabe des verfügbaren Raumes, in einer allen Anforderungen der Wissenschaft entsprechenden, geschlossenen Anstalt unterzubringen. Die Uebernahme eines Heilverfahrens für einen bei der Eingangs erwähnten Anstalt Versicherten, von anderen Erfordernissen abgesehen, kann nur dann erfolgen, wenn als Folge der Krankheit und der Unterlassung der Kur Eintritt der Erwerbsunfähigkeit zu besorgen ist. In Bezug auf die Art der Krankheit wird ein Unterschied nicht gemacht, die Fürsorge erstreckt sich vielmehr auf alle Erkrankte gleichmäßig. Von den Lungenkranken werden folgende zur Behandlung von vornverein für ungeeignet erklärt: Personen mit ausgeprägtem Emphysem, namentlich ältere, ferner solche mit Lungentuberculose in vorgeschrittenem Stadium, sowie in den höheren Altersstufen, namentlich alle tuberculösen Kranken, welche schon Complicationen haben, als Kehlkopfgeschwüre, Mittelrohreiterung, Fisteln, Darmtuberculose, Knochentuberculose, oder bei denen doppelseitige Lungenerkrankung, Cavernen, constantes Fieber sich finden, Kranke mit Herzschwäche, Dyspnon. „Die Herrrn Aerzte“, heißt es zum Schlusse des Schreibens, „können in erster Linie dazu beitragen, daß die Segnungen des sog. Klebegesetzes möglichst vielen Personen zu Theil werden, indem sie in den geeigneten Fällen die Kranken in dem ersten Anfangsstadium zur Kur empfehlen.“
Allerlei.
*<space>[ T ä t t o w i r t e<space> H u n d e.]<space> M a n<space> b e r i c h t e t:<space> W e r<space> die Straßen des vornehmen Viertels in London durchwandert und sein Augenmerk auf die vierfüßigen Begleiter eleganter Herren und Damen richtet, dem wird es bald auffallen, daß einzelne der meist sehr werthvollen Hunde außer einem kostbaren Halsbande und dem unvermeidlichen Maulkorb noch eine andere Decoration an sich tragen, die mon bei näberem Hinschauen als ein auf die kahlgeschorene Haut des Thieres tättowittes Wappen erkennen kann. Es gehört nämlich in England seit Kurzem gewissermaßen zum guten Ton, sich auf seinen Spaziergängen nicht ohne ein tättowirtes Hündchen zu zeigen. Doch ganz abgesehen von der Modecaprice, die den Besitz eines derartig verzierten Vierfußlers vorschreibt, hat die Sache einen sehr vernünftigen Hintergrund. Ein schon von jeher zu vielen Klagen Anlaß gebender Umstand ist der, daß wertyvolle Rassehunde nur zu häufig gestohlen werden. Die Widerwärtigkeiten, die nun mu der Zurückerlangung des abbanden gekommenen Thieres verknüpft sind, sofern man nicht durch irgend ein ganz besonderes Merkmal am Hunde den Beweis beibringen kann, daß man wirklich der rechtmäßige Eigenthümer ist, haben einen„Künstler im Tättowiren“ auf den Gedanken gebracht, den vornehmen und reichen Hundebesitzern seine Dienne als„Animal=Tattoo=Artist“ anzubieten. Der Mann hat mit seiner Idee glänzenden Erfolg gehabt und kann die Aufträge, mit denen er überschüttet wird, gar nicht schnell genug ausführen. Seine besten Kunden oder vielmehr Kundinnen sind gegenwärtig vereinsamte reiche Damen, die in beständiger Angst schweben, ihr Lieblingspudel, Teckel oder Mops könnte ihnen eines Tages verioren geben und aus Mangel an„besonderen Mertmalen“ nicht wiedergesunden werden. Zuerst hatte der Artist die Ohrlappen seiner Tättowirobjecte dazu ausersehen, das Wappen oder den Namenszug der Besitzer zu tragen, bald aber kam er davon ab, da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß gewissenlose Diebe ohne Besinnen das mit dem Erkennungszeichen versehene Ohr amputiren würden. Der sicherste Ort, von dem eine Tättowirung nicht entfernt werden kann, ohne das Thier zu tödten, ist vorne am Halse oder am Bauche dicht hinter den Vorderbeinen. Die Operation soll vollkommen schmerzlos für den Hund sein, da die Haut auf der betreffenden Stelle, nachdem sie mit Sublimatauflösung gewaschen und kahl geschoren ist, mit einer Cocain=Injection unempfindlich gemacht wird. Dann erst ernt die durch Electricität in Bewegung gesetzte und von der geschickten Hand des Künstlers geleuete Tättowirnadel in Function und schon nach wenigen Minuten erscheinen die Umrisse des Wappens, Namens oder sonstigen Merkmals auf der Haut. Leute, deren Hunde so glücklich waren, bei einer„Dog=Show“ eine Medaille zu gewinnen, lassen ihre Lieblinge außerdem noch mit einem genauen Facsimile dieses ehrenvollen Abzeichens schmücken.— Nun wird es nicht lange dauern, so wird auch die Geschäfts- und Künstlerreclame„auf den Hund gekommen“ sein.
*[Scharfer Blick.] Lucie:„Ach, Else, wie ½ die Welt so wunderschön!“— Else:„Wie heißt— ger denn?“