(^) Illustrierte Mocliensckrikt rum vüsseläorker 6eneral-klnreiger (M) Ar. 26. Düsseldorf, 29. Ii»ni 1s9l2. 'L MM W-GM :^'Ätz - « <' WM Absturz eines Wauzuges auf der Kleinbahn Solingen—Kronenverg. Auf der Baustelle Stöcken der im Bau begriffenen Kleinbahn Solingen—Cronenberg, auf der vor einigen Wochen schon mehrere Wagen der Schmalspurbahn von dem hohen Brückengcrüst abstürzten, ist am 1 ?. Juni ein aus Lokomotive und 12 Wagen bestehender Bauzug verunglückt. Auf der abschüssigen Strecke des 20 Meter hoch angeschütteten Bahndammes zwischen Stöcken und Schrodtberg fuhr die Lokomotive mit den beladenen Wagen zu Tal, als plötzlich auf den feuchten Schienen die Bremsen versagten, obwohl sie bis zum Acußcrsten angezogen waren. Mit rasender Schnelligkeit fuhren die vordersten Wagen — die Maschine bildete den Schluß des Zuges — über das Gleisende hinweg und stürzten von dem die Fortsetzung des Bahndammes bildenden 20 Meter hohen Brückengcrüst ins Tal, die übrigen Wagen und die Lokomotive mit sich reißend. Menschen sind nicht verunglückt, da Bremser und Führer rechtzeitig absprangen. Der Materialschaden ist ganz bedeutend; der Verlust der Lokomotive beträgt allein 1Z OOO Mark. Phot. Max Garze, Solingen, Im Sumpfe der Großstadt. Ein Sittenbild von Karl Deik er, Düsseldorf. I ch führe den verehrten Leser heute in das dunkelste Viertel einer rheinischen Großstadt. Früh, wenn der Morgen dämmert, wenn das Nebelhorn der Fabrik in den jungen Tag hineintutet, wenn der Arbeiter, seinen Henkelmann in der Hand, der Stätte seines Schaffens zustreüt, wenn die einsame Lerche, ans dem Hintergelände der Fabrik jubilierend, einem Aeroplan gleich ihren ersten Aufstiegversuch zu unternehmen sich anschickt, dann, dann-— ja, was dann?- Ein kleines Gewässer ist es, in dem sich das Fabrikgebäude widerspiegelt, obenauf versuchen ein paar Wasserlinsen ihre verkorkste Existenz aufs neue zu begründen, auf seinem Boden ruhen viele Denkmäler menschlichen Schaffens und irdischer Arbeit, wie zum Beispiel einige im Laufe der Zeit unbrauchbar gewordene Töpfe aller möglichen Genres und ein ehemaliger Stiefel. Friedlich gesellt sich diesen Produkten der Industrie eine Katze zu, welche sich hier im idyllischen Wasser von allem Erdeuleid ausruht, der Held unseres Hürkifäie Willtärstndir»ltominilüan unter Iiührnng des Generalinfpektenrs der schweren Artillerie Exzellenz Ibrahim D'ascha zur Erprobung von K-lirI)ard1-Geschühen aus dem Schießplatz der Rheinische» Wclali'warcn- und Maschinenfabrik zu Antcrlnß. Und inmitten all dieser Herrlichkeit hauste er, Romans, Heribald, der Stichling.- Seine Frau hieß Desiree und war mit allen Tugenden, welche ein weibliches Wesen besitzen muß, verschwenderisch ausgestattet. Ihre höchste und schönste Tugend aber war ihre unentwegte Treue zu ihrem Gatten. Man sieht, daß selbst im Sumpfe der Großstadt Frauentreue Vorkommen kann — in diesem Falle wurde sie geweckt durch den Umstand, daß Heribald der einzige männliche Stichling iir unserm Sumpfe war und sich mithin Desiree keine Gelegenheit bot, eine Untreue zu begehen. Als Aufenthaltsort hatte sich Desiree den köstlichen alten Stiefel auserkoren, und wenn Heribald, ihr Gatte, so recht verliebt in sie war, so zog er seinen Feiertagsrock an, dessen Schönstes die knallrote Weste war, und »rächte ihr vor dem Stiefel Feusterpromenade. Heribald und Desiree waren dreistachelige Stichlinge; es gibt nämlich auch neunstachelige, aber'-die sind lange nicht so schön. Heribald, der Stichling, war ein brillanter Schwimmer vor dem Herrn, Uli, der Frosch, welcher ihn hier und da aufsuchte, wenigstens sagte das, und er blieb bei seiner Behauptung. Auch die großen, mittler» und ganz kleinen Wasserkäfer hatten nebst Wasserwanzen und Wasserspinnen einen Heidenrespekt vor Heri- balds Schwimmtüchtigkeit.Kamen sie ihm zu nahe, tvie der Teufel war er hinterher, und zum mindesten zwickte er sie tüchtig ins Bein. Ans Leben ging er ihnen vorläufig noch nicht, für seine und seiner Gattin Nahrung sorgten ja vorläufig die sterblichen Ueberreste der Katze, welche für einen Stichlingsgaumen eine Delikatesse bildeten. Ich kann das nicht beurteilen, denn wenn ich jemals Katzenfleisch aß, so geschah das unbewußt in irgendeinem Hotel, wo sich ein Hase in seiner Abwesenheit durch eine Katze vertreten ließ. Hier kann ich nicht umhin, das Anpassungsvermögen der Katzen lobend zu erwähnen, denn sie schmecken genau wie Hasenbraten. — Also, unser Heribald war ein großer Freund von Hasenbraten, und deshalb machte er sich, als ein echter Gourmet, über die Katze her, und Desiree, sein Weib, half ihm, sie sich nach und nach zu Gemüts zu führen. Neben Desiree befanden sich noch fünf weitere weibliche Stichlinge in Heribalds Reich, aber die waren noch lange nicht »MBOWN 'AK"--' - - Der neue Dampfer „Düsseldorf" der Dentfch-Anstral. Aampffchisfs-Hefeirfch. Kamöurg, ervaut von I. H. Hecklenöorg, A.-H., Geestemünde- Foin Nenne» in ßastrop am 12. Juni: Ankunft des Uarseval auf dem Kassroper Nennplah. pssol. L, mialor, Lastrop. MH- ausgewachsen, und Heribald, der Stichling, kannte die betreffende» Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches. Eins jedoch paßte ihm keineswegs. Diese jungen Mädchen bekundeten ebenfalls eine große Vorliebe für Hasenbraten, und sowie Hecibald den Rucken gekehrt hatte, um Desiree den Hof zu machen, stürzten sie alle fünf über die liebliche Katze her. Und eines Tages — es war an einem Sonntag — kam er hinter die Schliche seiner im Backfischalter stehenden Gefährtinnen, und schnaubend in edlem Zorn stürzte er sich auf die erste beste und riß ihr eine Seitenflosse total aus. Die Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches, welche Körperverletzung behandeln, kannte Heribald nicht, er hatte nur die obenerwähnten und die mit ihnen zusammenhängenden studiert. Und dies war Körperverletzung mit tödlichem Ansgang. Zitternd an allen vieren — Pardon, allen Flossen —, legte sich Sieglinde, so hieß die junge Dame, auf die Seite. Heribald machte sich schleunigst aus dein Staube, verfolgt von den Verwünschungen der andern Fische. Da traf ein eigenartiger Laut sein Ohr. Er vernahm vom Ufer her die Worte: „Du, Pitter, kick ens, da sind Stachel« ditzkes drin!" —- Das Verhängnis nahte in Gestalt zweier Jungen, welche, mit leeren Bierflaschen bewaffnet, auf Raub ausgingen. Pitter und Jupp waren ehrsame Bürgerssöhne, sie fühlten viel Trieb zur Natur in ihrem Innern und bekundeten ihr Naturinteresse sehr intensiv dadurch, daß sie den Maikäfern die Beine ausrissen und die Frösche mit einem Strohhalm aufbliesen. Auch Uli, Heribalds Freund, hatte daran glauben müssen. Und das war sehr traurig. Still saß Uli, der Frosch, am Rande des Tümpels und ließ gerade den lieben Gott einen guten Mann sein, als Pitter und Jupp seiner ansichtig wurden. Wie ein paar Indianerhäuptlinge stürzten sie über den armen Uli her, und dann geschah das Schreckliche! — Jupp hatte seine Liebe zur Natur und zu Tieren von seinem Vater geerbt, gleich ML r i r«» M M M. M. SS» SV! .4L- ^ ZZlick auf die Städteansssellung in Düsseldorf. hofxhot. Joseph he> ne, Düsseldorf. Die Städteausstcllnug zu Düsseldorf f9f2 für Rheinland, Westfalen und benachbarte Gebiete ist in dem durch gewaltige Hallenanbauten vergrößerten städtischen Aunstpalast in rund f 30 Hallen und Räumen untergebracht. Insgesamt ist das Ausstcllungsterrain über soooo gru groß. Die Eröffnung erfolgt am 29. Juni, Protektor ist Prinz August Wilhelm von Preußen, Die Ausstellung umfaßt fünf Gruppen: f, Städtebau, 2, Einrichtungen für die Gesundheit, 3 . Einrichtungen für die Araukeupflege, 4, Hochbauten, 5, Industrie; sie ist die bedeutendste ihrer Art. 204 r^r7Ä^^rc72r^^^^r^r^r^t^r^^r7r>r^>r^2r77> tiefem wollte er Naturwissenschaften studieren, um wie er Wärter im zoologischen Garten zu werden. Und jetzt übte er sich. Still blies er unfern Uli auf, indem er ihm einen Strohhalm in den Bauch praktizierte, und wie war seine Freude groß, als er strahlenden Antlitzes das Opfer seiner starken Lungen in das Wasser warf, wo dasselbe hilflos zappelnd umhertrieb. Hier nahm ihn Heribald, der Stichling, in Empfang. „Ach, sieh mal an, da wären wir ja! n' Tag, Uli!" Dieser stöhnte. „Hilf mir, lieber, guter Heribald, ich Hab' solch gräßliche Leibschmerzen!"— „Aha," meinte der Stichling, „wohl gerade so wie damals, als du meinen armen Bruder verschluckt haß? Jetzt hast du deine Strafe!" -— „Das tat ich ja nur aus Versehen, ich glaubte, es sei ein Bitterling. Ich werde doch keinen Stichling verschlucken II" Dies letztere leuchteteHerrn Heribald gar wohl ein. Er dachte an > , seine Stacheln, welche ihn vor dem Geschick eines Bitterlings bewahrten, gleichzeitig stieg in ihm ein gewisses Gefühl des Dankes auf, denn seitdem Uli seinen Bruder verdaut hatte, war er, Heribald, der Stichling, Herr seines Gebietes. Freundlich schwamm er auf den armen Uli zu und pickte ihn tüchtig mit einer seiner Stacheln in den Bauch. Pfff, pffsf- psfff-> Jupps tiefstes Innere, was all er den guten Uli eingc- blasen, ging nun flöten. Erleichtert tauchte Uli zunächst unter, welche Prozedur ihmbislang wegen seines mit Luft gefüllten Bauches nicht gelingen wollte. Stöhnend hielt er die rechte Hand auf die Wunde gepreßt, welche ihm Heri- baldsFreundschaft beigebracht, und wehmütig faßte er eine vorüberschwimmende Libellenlarve und verzehrte sie auf Heribalds Wohl und zur eignen Stärkung.— Jupp und Pitter dagegen standen am Ufer und fertigten neue Entwürfe zu neuen Heldentaten aus. Ihr Schuldkonto war für den heutigen Tag eigentlich schon überbelastet, aber da hier kein Dazwischenkommen störender Kräfte, wie zum Beispiel Polizisten usw., zu befürchten war, so beschlossen die beiden, neue Schandtaten den alten hinzuzufügen. Pitter war der älteste. Er entstammte einer alten, weitverzweigten niederrheinischen Adelsfamilie und nannte sich K-in feuchtfröhliches Stelldichein. sshot. Gebr. Haeckel, Verlm. Schmitz. Er war sehr stolz auf diesen Namen, und dazu hatte er alle Ursache. Und sein Bestreben war auch, immer dem alten Namen seiner Väter Ehre zu machen. Und das hatte er heute den ganzen Tag getan. Aber wenn ihn bei der Bestrebung, seinem Namen Ehre zu machen, einmal versehentlich die Polizei beim Wickel kriegte, so hatte er auch alle Ursache, seinen Namen zu verwünschen, denn niemand glaubte ihm, daß er Schmitz heiße, obwohl doch dieser Name ziemlich verbreitet ist. Ir, das war sonderbar. — Sein Partner Jupp hatte einen weit seltenern Namen, jedoch an Alter und Klang ebenso feudal wie derjenige Pitters. Er hieß nämlich Müller. Seine Freunde nannten ihn „Müllers Jupp", während Pitter nur der „Schmitze- pitter"genannt wurde Beide waren mithin bekannt als tüchtige Kämpen, und wehe den andern Jungen, welche ihre Wege kreuzten und vielleicht zufällig gleiche oder ähnliche Interessen verfolgten. Jupps Vater war von Beruf Hundefänger, also auch er beschäftigte sich mit Zoologie, und von ihm hatte der Sohn den reichen Vorrat seiner kynologischen Kenntnisse. Er konnte alle Hunde voneinander unterscheiden, die Dogge vom Teckel und den Boxer vom russischen Windhund. Auch jetzt zeigte sich Müllers Jupp wieder als erstklassig erKynologe. Stolz deutete er auf den Boden desGewässers und sprach zu Pitter die inhaltschweren Worte: „Kick ens, dat da is kene Honk, dat is en Katz!"-Tief gerührt ob dieses Weisheitsergusses, griff der Schmitze- pitter einen Stein und warf denselben in die Fluten. Wenn man einen Stein ins Wasser wirft, gibt es lauter Kringel. Hier mich. Voll Jnteressebemerkte Pitter das, und mit einiger Freude ließ er dem einen Stein viele andere folgen, durch welche Handlungsweise sich die um Sieglindens Leichs gescharten Stichlinge veranlaßt fühlten, sich schleunigst in Deckung zu bringen. Und das sollte ihr Verhängnis sein. Zwar wehrte sich Desiree gegen die Eindringlinge, aber das half nichts, in hastiger Flucht flutschten alle in den schönen alten Stiefel. „Jupp," sagte der Schmitzepitter, „Jupp, kick ens, die Stachelditzkes sitze all in der Hin gestrandetes Schiff als Zicstanrant in ZLinz auf Iiügen. Debr. Ya°-kci, B-mi». Stiefel." Henbald, der Stichling, hatte ge ade noch Zeit, sich so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen, denn schon ließ Pitter seinen Worten die Tat folgen. Es war eine schnöde Tat. Majestätisch stieg er nieder in die dunkle Flut, stieß den Katzenleichnam zur Seite und hob mit einem energischen Ruck den Stiefel empor. Heribald, der Stichling, heulte auf. „Desiree, meine Desiree!"-Zu spät, seine Desiree war zum Teufel.-Und mit ihr die armen, unmündigen jungen Mädchen. Heribald sah noch, wie Jupp und Pitter den Stiefel umkehrten, bemerkte dann, wie seine Desiree nebst Gefolge in eine inzwischen mit Wasser gefüllte Bierflasche spazierte, — dann ward es schwarz vor seinen Augen. —- Triumphierend wandelten Jupp und Pitter ihren Penaten zu, die Flasche mit dem kostbaren Inhalt hielt Pitter in der Rechten. Er schlenkerte sie hin und her, und der kostbare Inhalt begann allmählich seekrank zu werden. Da zuckte es wie ein Blitz durch Jupps Gehirn und er ersuchte seinen Freund, ihm die Fische auszuliefern. „Du lts wol doll?" Das war alles, was Pitter als Antwort auf solch niedriges Ansinnen hatte. „Aber de Flüsch gehört mich doch," meinte Jupp. — Schwapp, hatte ihm sein Freund eine runtergehauen. Die Ohrfeige reflektierte sofort auf den gütigen Spender und schon war der Zweikampf im Gange. Zunächst wurde das Korpusdelikti, die kostbare Flasche, hingestellt, von wegen der Bewegungsfreiheit, und dann hagelte es Hiebe, untermischt mit Ehrentiteln, die in keinem Lexikon verzeichnet stehen. Heiß war der Kampf, aber die Ehre des Sieges groß — so groß, daß sie keiner dem andern gönnte. Und mit dieser Ehre des Sieges war ja auch der Besitz der Flasche nebst Inhalt verbunden. Endlich, endlich Sieg. Pitter lag am Boden, Jupp als Triumphator obendrauf —-daneben lag die Flasche, deren Inhalt ausgelaufen war. Desiree tanzte ihren Totentanz, ibre kleinen Kolleginnen hatten denselben größtenteils schon beendet. Holbeins Totentanz, Rethels Totentanz geben nicht annähernd das wieder, was sich hier abspielte. Es war furchtbar. —- Einsam hockte Uli am Teiche. Mit seinem Freunde Heribald war nichts mehr anzufangen. Eine tiefe Melancholie hatte diesen ergriffen. Traurig umschwamm er die tote Katze, und der Hasenbraten wollte ihm nicht mehr munden. Er magerte sichtlich ab, und nachts im Traume hörte man ihn oft sonderbare Reden führen, vor allem war es das Wort „Desiree", welches er sprach. Ulis Wunde war geheilt, Haribalds, des Stichlings,Wunde aber war unheilbar. Im grauen Büßerkleid durchstreifte er alle Topfe und sonstigen Gegenstände, „Desiree", rief er, „Desiree"!!" Doch vergeblich. Uli wurde die Sache sehr langweilig und er hupfte von dannen. Nun war Heribald ganz allein. Denn mit all den Rückenschwimmern, Libellenlarven und den Wasserkäfern konnte er sich nicht unterhalten, erstens verstand er ihre Sprache nicht und dann erlaubte ihm ja auch sein Stand nicht einen solchen Verkehr. Der Sommer kam. Heiß brannte die Sonne auf unsere rheinische Großstadt, auf die Fabrik und den Tümpel. Das Nebelhorn tutete immer noch, und die Arbeiter gingen noch immer alltäglich mit ihrem Henkelmann an Heribalds Reich vorüber. Aber je mehr die Sonne brannte, um so kleiner wurde dies Reich, und da kam plötzlich der Tag, da Heribald, der Stichling, auf dem Trocknen saß. Und das war zuviel für ihn —-da ist er gestorben. Schade! — ßinschienenvahn für Monte ßarlo. >ter». Ill.-vcrlag. Das neueste System für eins einschienige Bahn wurde für die Strecke Nizza—Monte Larlo angenommen; sie soll fertiggestellt sein. Die Wagen laufen zwischen zwei Schienen, die gleichzeitig den elektrischen Strom leiten. o- /'La? 'S-»,- -4- K, ritz' 2 Novelle von H. SPont. s^lie erreichten den Gipfel der Felswand, und mit einem Male lag der Gletscher vor ihnen—gigantisch, leichenfahl, von Rissen durchzogen. Johannes blieb stehen, und mit denr Finger auf die Klippen deutend, die das Schneefeld beherrschten, sagte er warnend: „Lassen Sie uns um Gottes willen nicht weiter Vordringen, gnädiges Fräulein. Glauben Sie mir nur, es war schon unrecht von mir, wenn ich gestern Ihrer Laune nachgab und einwilligte, Sie zu begleiten. Schon seit Tagesgrauen marschieren wir, und es dauert noch zwei volle Stunden, bevor wir am Fuße des Crabioules anlangen, wo höchstwahrscheinlich Glatteis herrscht. Der Crabioules ist bös, recht böse, besonders gegen Ende des Sommers. Lassen Sie uns nach Espingo zurückkehren. Wir zünden ein kräftiges Feuer an, machen uns eine gute Suppe, und ich bringe Sie gesund wieder zurück." Doch sie heftete ihren scharfen Blick auf ihn und sagte mit bebender Stimme: „Ich habe keine Furcht. Der Crabioules gefällt mir. Ich will hinaufsteigen, und ich werde auch hinaufsteigen!" Der Mann wandte die Augen ab. Ganz bestimmt, diese junge Dame behexte ihn. Ein erstklassiger Führer der Pyrenäen, fühlte der dreißigjährige Bergbewohner sich entwaffnet vor diesem Kinde, das er fürchtete. „Nun, dann um so schlimmer!" erklärte er. „Sie wollen es nicht anders. Ich bitte Sie also nur, mir zu gehorchen." Und gewandt rollte er das Seil auf, knotete es um die zarten Hüften und schlang es sich um den eignen Körper. „Wir werden um die Klippen herumgehen, indem wir den Schnee ausnutzen und die Eisfelder vermeiden. Treten Sie genau in meine Fuhtapfen, stützen Sie sich auf den Stock, und wenn Sie ausgleiten, so klammern Sie sich fest — ich bin dann immer noch da!" Jawohl, er war da, der brave Johannes Garrigou, und während dieses zweistündigen stummen Ringens vergaß er keinen Augenblick die kostbare Bürde, deren Dasein von seiner geringsten Bewegung abhing. Nie war seine Aufgabe ihm schöner und edler erschienen, und nie hatte er so ihre Größe gefühlt. jForts. aus S. 207.) Bilder aus Neuseeland. ^>>.ie Maoris (-Eingeborene) Neuseelands, welche vor etwa 400 Jahren ans Samoa cinwandertcn, sind von hellbrauner Farbe und gedrungener, kräftiger Gestalt; im vergleich zum Europäer mit länger» Vorderarmen und kürzer» Unterbcincn ausgestattet. Die früher allgemein übliche Tätowierung wird jetzt auf die kippen und das Rinn der Frauen, und zwar erst bei der Verheiratung, beschränkt. Die hauptsächliche Kleidung besteht aixs Zwei phormium (Flachs)-Matten,von denen die kürzere durch einen Gürtel um den keib fest- gehalten wird, und die andere, oft mit Hundcfcllcn gefütterte und auf der Außenseite mit Federn geschmückte Matte um die Schulter gehängt wird. Mft trifft man indessen die Maoris in abgelegter europäischer Aleidung, in der sie einen schlechten Eindruck machen. Die gewöhnlichen Häuser bestehen aus Baumstämmen und geflochtenem Rohr; das Innere ist bis auf einige Aästen für Fische und Schmuck- fcdern ohne Möbel. Bei den Häusern der vornehmen sind alle Balken und Pfosten mit kunstvollen Schnitzereien bedeckt, oft mit Mustbeln ausgclegt und rotbraun und schwarz bemalt. Diese Schnitzereien wurden früher bei dem Mangel an Messern höchst mühsam mit Muscheln, Glaslava Gingevorene von Aeuseerand. und Glasachaten hergestellt: jetzt ist diese Technik nahezu ausgcstorben. Den poetischen Sinn der Maoris beweisen ihre Ariegs- und kiebeslicder sowie die zahlreichen, auf die Erklärung der merkwürdigen Naturerscheinungen der Nordinsel gerichteten Mythen; unter den Eingeborenen finden sich überhaupt vorzügliche Redner und Geschichtenerzähler, denen man mit großer Ausdauer lauscht. Ihre Gesamtzahl beträgt kaum 50 000 gegen etwa eine Million Kolonisten auf Neuseeland. — Der Aanierisee verdankt ebenso wie die andern romantischen Seen der Südinsel seine Existenz den Gletschern der SVOAilometer langen Alpenkette. Ihre Abflüsse bilden außer Viesen hcrrlichenScen eine große Anzahl tief cingeschnittcner prächtiger Fjorde. Die Gletscher reichen auf der Mstseite der Südinsel bis zu 835 Meter, auf der Westseite sogar bis zu 2(2 Meter Höhe über dem Meere hinab, erreichen aber ihre frühernStraßcn, die Fjorde, nicht mehr. Spuren vulkanischer Tätigkeit sind nur noch in einigen heißen (Duellen zu finden. Die Vegetation, die mit der Pflanzenwelt Australiens wenig gemein hat, ist eine reiche, vielfach sehr üppige, und zwar besteht sie aus einer reizvollen Mischung tropisch-indischer und antarktisch heimischer Arien Aer Htetfcher des 3788 in hohen Aorangi oder Mount tzook auf Weufceland. ui«»- Auch nicht die leiseste Unruhe beherrschte ihn mehr. Von seinen: geschickten Arm gehandhabt, ließ der blanke Stahlpickel weiße Eissplitter umherfliegen, die im Sonnenlicht glitzerten und funkelten ... Ohne ein Wort zu sprechen, hatte er endlich das Werk vollbracht. „Sie sind ein guter Führer," sagte sie schlicht. „Mau behauptet, in den Pyrenäen gäbe es keine guten. Ich aber kenne jetzt einen_" Er ließ sie neben sich Platz nehmen, legte einen Schal um ihre feuchten Schultern und packte das Tourenfrühstück aus, zu dem er einen Schluck spanischen Wein mitgebracht. Darin stand er auf. „Warten Sie einen Augenblick. Ich werde unsre Spitze aus der Nähe untersuchen. Aber rühren Sie sich ja nicht!" Doch kaum hatte er sich entfernt, als er auch schon einen jähen, herzzerreißenden Schrei vernahm_ das Echo wiederholte ihn zehnfach. Und als er sich entsetzt umwendete, gewahrte er die junge „Trinken Sie, trinken Sie! Und sorgen Sie, daß Sie nicht steif werden. Sie müssen gehen, damit das Blut wieder in Bewegung kommt. Ailfangs sind Sie vielleicht ein wenig steif, aber Sie werden schon wieder warm werden. Uebrigens brauchen Sie nichts zu befürchten. Ich bin da und werde Sie tragen, wenn es sein muh." Gehorsam stand sie auf und suchte einen Halt für die bebenden Beine — von dem heftigen Aufprall war ihr noch immer der Kopf benommen. Sie nahm den Arm des Mannes, und langsam begannen beide den Abstieg. wie zwei alte Leute, die den Weg suchen. Wie lange dauerte dieser Abstieg zwischen Felsen, Steiutrümmern und über Schneefelder? Johannes wußte es nicht »lehr. Er hatte sie gerettet, er brachte sie zurück — das war alles. Der Instinkt des Bergbewohners ermöglichte es ihm, bei Hindernisseil ihre Schritte zu leiten. Er dachte au nichts andres mehr. Wie im Traum schritt er dahin — Z>er Kanierisee im Word osten des Mount tzooli. Bilder ans Neuseeland «M - Dame, die mit gekreuzten Armen auf dem Rücken den Gletscher hinab- sauste. mit unheimlicher, schwindelerregender Schnelligkeit. Es dauerte kaum einige Sekunden, und der kleine schwarze Punkt hielt an in einem Schneebett. gerade vor einem tiefen Spalt. Sie blieb eine ganze Weile regungslos, wie tot. Aber schon war er ihr nachgeeilt und hob sie eiligst auf. „O, es tut mir weh, es tut mir Weh!" Und mit seinen großen Händen betastete er ihre zarten Beine, den schlanken Rücken, die Hände. „Nichts gebrochen, Gott sei Dank! Du lieber Himmel, was habe ich für Angst ausgestanden! Aber warum gehorchen Sie mir auch nicht! Einen Schritt weiter, und der Tod wäre Ihnen sicher gewesen." Die Schmerzen hatten den selbstbewußten Zug auf ihrem Antlitz gemildert, und Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie lächelte. Johannes aber griff nach der Rumflasche. unsagbar selig bewegt bei der Berührung dieses jungen Körpers, der sich seiner Kraft anvertraute. Eine Kindesseele wohnte in diesem rauhen Menschen. Er wußte in diesem Augenblick nur eins: er war hier. er hielt diese kleine Hand. er führte dieses schwache Wesen. Inzwischen erreichten sie die ersten Tannen. Ach, schon war alles zu Ende! Er mäßigte die Schritte und schlug ihr vor, unter den Bäumen haltzumachen. Doch sie lehnte ab. Der Abend senkte sich herab, und die Frische der Nacht stieg aus den blauen Tälern auf. schon zündeten die Hirten an den Bergen ihre Feuer an. Man hörte die Glöckchen der Herden läuten. Dieser schöne Abend neigte sich wie der schölle Traum, allein der Traum würde nie wiederkehren. Bei dem See von Espingo fanden sie den Pfad wieder. Als sie Astau erreichten, war es völlig Nacht. Die Laternen des Wagens glänzten, und ungeduldig schüttelten die Pferde ihre Schellen. Ein heißer Wunsch, sie noch einmal zu berühren, kam über Johannes — er ergriff das junge Mädchen und legte die leichte Bürde auf die Kissen nieder. Und gar zu gern hätte er ihr die Hand küssen i mögen, wie es die Herren aus der Stadt getan. « Doch sie öffnete ihre Börse — eine goldgestickte Börse mit i Goldstücken — und sagte mit schwacher Stimme: i „Nehmen Sie dies zum Andenken an mich. Ich danke Ihnen > herzlichst. Leben Sie wohl!" — Der Wagen rollte davon. * * * » Das Abenteuer erregte Aufsehen in der Gegend. Einen Monat später erhielt Johannes die Medaille des französischen Alpenklubs. Allein trotz dieser Ehre blieb er traurig. Nichts vermochte in seinem < Herzen die Erinnerung auszulöschen an die schmerzlichen und doch reizvollen Stunden. Mit der alten besorgten Mutter saß er oft schweigend an dem Kamin, in dem das Feuer prasselte. „Dieses „Nun, was warten Sie noch?" fragte sie. Er zögerte, sein gebräuntes Gesicht zu zeigen — in der Hoffnung, die Fremde würde ihren einstigen Führer von selbst begrüßen. Und er hob sie in den Sattel, ohne ein Wort zu sprechen, ergriff die Zügel und schlug den schmalen Weg ein. Er fühlte sich von Mattigkeit und Trauer bedrückt, und es schien ihm, als verflöge sein ganzer Traum wie Staub.wie der Staub, den die Hufe der Pferde aufwirbelten. „Was sagen Sie zu den Pyrenäen?" fragte sie ihren Begleiter. „Welch ein ideales Land für eine Hochzeitsreisei" „Ideal in der Tat!" „Und dann auch knüpfen sich für mich Erinnerungen an diese Gegend — hier hätte ich beinahe mein Leben lassen müssen." „Wirklich.?" „Ja. Es war beim Abstieg eines Felsens. Man nennt ihn den..." „Crabioules, gnädige Frau," murmelte Johannes. Mick auf Schloß Kugenpoet bei Kettwig a. d. Iluyr. PH-"- csigen. L L L -EL 8WR DM Fräulcinchen hat dir den Kops ganz verdreht!" wiederholte sie öfter. Er wagte nicht nein zu sagen, denn es war ja wahr. Und er war viel zu verständig, als daß er hätte glauben können, er, der einfache Bauer vermöchte der schönen Unbekannten ein andres Gefühl einzuflößen als vorübergehende Dankbarkeit. Er war zugegen gewesen und hatte seine Pflicht getan, und dafür hatte sie ihn reichlich entschädigt. Er klagte nicht. Im übrigen kam er seinem Handwerk nach. So vergingen fünf Jahre in ruhiger Erwartung. Sie hatte versprochen, wiederzukommen. Ja gewiß, sie würde wiederkommen. Und sobald der Sommer begann, harrte er ihrer auf dem Dorfplatz. Als er nun eines Tages wieder auf Kundschaft wartete, stieg eine junge Dame aus dem Wagen. Ein großer Schleier bedeckte ihr Antlitz. Doch an ihrem Gang erkannte er sie sofort. Ein junger Mann begleitete sie. Sie verlangte zwei Pferde, um zu dem Oosee aufzusteigen. Unbeweglich betrachtete Johannes sie, und ihre Blicke kreuzten sich. „Crabioules, ja, ganz recht. Denken Sie nur, ich glitt einen Gletscher hinab — es war ein schrecklicher Sturz. Doch ich hatte einen Führer, einen ausgezeichneten Führer. Er hieß." „Garrigou, gnädige Frau," murmelte Johannes abermals. „Wirklich ein braver Mensch. Kennen Sie ihn vielleicht?" „Jawohl, gnädige Frau." „Nun, dann grüßen Sie ihn von mir." „Sehr wohl, gnädige Frau." Hier folgte ein tiefes Schweigen. Man vernahm nur das Brausen des Gießbaches. Mit gesenktem Kopf schritt Johannes dahin. Ein Schluchzen erschütterte seine Schultern. Bei jedem Schritt stieß er an einen Stein. Da Plötzlich aber schrie hinter ihm eine entrüstete Stimme: „Sehen Sie sich doch vor! Sie werfen mich ja noch in den Abgrund! Ja wahrhaftig, ich glaube gar, der Mann ist betrunken!" — verantwortlich für die Redaktion: Bruno Schippang. — Verlag und Druck: !v. Girardet, Düsscldorf-Lssen.