unä Illustrierte Wockensckritt rum Oüsseläorker öeneral-Anreiger (^) Nr. 39. Düsseldorf, 23. September 1 ^ 1 . Aas Luftschiff „Schwaöen" in Aüffeldorf. Die „Schwaben" hat mit ihrer Fahrt nach Düsseldorf einen Geschwindigkeitsrekord — 70 Kilometer in der Stunde — ausgestellt. Dis „Deutschland", der vorletzte Zeppelin-Kreuzer, besaß eine maximale Ligengeschwindigkeit von rund is Sekundenmetern. Die 19,5 Sekundenmcter der „Schwaben" sind von einem sehr scharfen und sehr objektiven Beobachter festgestellt worden, von — Major Parseval in Person. Der gewaltige Fortschritt läßt sich auf drei Dinge zurückführen: auf die straffere Außenhaut, den Fortfall der vorderen Höhensteuer und die stärkeren Motoren. Die „Deutschland" hatte drei Daimlermotoren von nominell je 120 ?8, die aber nur eine Maximalstärkc von ca. 520 R3 Antriebskraft hergaben. Die „Schwaben" hat drei Maybachmotoren von je i so l?3, so daß der Gesamtantrieb effektiv -150 I?3 beträgt, also rund iZo R8 mehr. Line sehr glückliche Neuerung scheint die Steuerung zu sein, die ausschließlich hinten angebracht ist, und zwar in einfachster Meise, je zwei Rahmen horizontal für die Höhen- und je zwei Rahmen vertikal für die Scitcnstcuernng. Die früheren vorderen Höhcnstener, die zur richtigen Navigation des Schiffes stets in entgegengesetztem Sinne betätigt werden mußten wie die Hinteren Höhcnstcuer, scheinen größere Reibungen und Hemmungen verursacht zu haben, als man annahm. Zn dem wunderbaren Geschwindigkeitserfolg der „Schwaben", die das Merk Zeppelins krönt, trägt außer der vermehrten Faltenlosigkcit des imprägnierten baumwollenen Außcnstoffcs, der das Aluininiumgcrippe umkleidet, auch wohl schließlich noch die veränderte Verjüngung der beiden Luden des 11 Meter dicken und 110 Meter langen Tragkörpers bei. Mährend bei den früheren ,,2"-Schiffcn beide Spitzen ogival oder parabolisch verliefen, ist dies jetzt nur bei der vorderen Spitze so, die Hintere Spitze verläuft in einen langen spitzen Kegel, an dessen Lude die ideal einfachen Steuerorgane sitzen und der dem Abströmcn der Luft vermutlich eine sehr günstige Form bietet. Das Luftschiff kann 25, d.h. 1 bis 5 Passagiere mehr, mitnehinen als die „Deutschland". Der Ernst des Lebens. Humoreske von Ignaz Pauer. (Nachdruck verboten.) ie dumpfe Lust in der lange verschlossen gewesenen, neu eingerichteten Wohnung umfing das von der Hochzeitsreise heimgekehrte junge Paar. Zum ersten Male allein, im eignen Heim!... Es waren ganz eigenartige Gefühle, die den jungen Professor und sein kleines Frauchen beschlichen, als sie die Räume betraten, die nun Zeuge sein sollten all der kleinen Leiden und Freuden, die der Ehestand mit sich bringt, und beide, die sich sonst doch stets soviel zu sagen hatten, wo immer sie auch sein mochten, schwiegen eine ganze Weile, und auch dann kam Rede und Gegenrede nur in kurzen, sich auf das Nötigste beschränkenden Sätzen stoß- und sprungweise hervor. Erst als sie es sich bequem gemacht, standen sie einander beim Hellen Scheine des Auer-Lichtes gegenüber, sahen sich in die Augen und sanken sich dann in kundiger Weise in die Arme.... Professor Rudi Schwerdtlein hatte seine Berta ihren Eltern und Angehörigen aus der Residenz in die kleine Universitätsstadt entführt, in der die junge Frau keinen Bekannten besah und sich ihr fernerer Umgang fortan nur auf die Freunde ihres Gatten beschränken sollte. Dieser hatte auch ein grU empfohlenes Dienstmädchen ausgenommen, das jedoch krankheitshalber den Termin des Eintrittes um acht Tage verschieben mußte. So waren nun die beiden jungen Leutchen allein, was Frau Berta mit Rücksicht auf die Hilflosigkeit ihres Gatten in allen häuslichen Dingen den ersten schweren Kummer verursachte. Die Sonne schien hell durch die Fenster des Schlafzimmers, deren Vorhänge herabzulassen man natürlich vergessen hatte, und erweckte den jungen Gatten, der eben davon geträumt hatte, seine Frau durch das von ihm zubereitete Frühstück in angenehmes Erstaunen zu versetzen. Rasch erhob er sich und, auf den Fußspitzen in die Küche schleichend, stieß er an den Waschkasten, der zwar in der Ecke stand, ihm aber dennoch im Wege war, wobei es einen heftigen Anprall absctzte. Trotzdem erwachte die schöne Schlüferin nicht, sie war solche Geräusche in den unterschiedlichen Hotels, in denen sie sich während ihrer Hochzeitsreise aufgehalten hatte, gewöhnt geworden, und so konnte Schwerdtlein seine segensreiche Tätigkeit ungehindert beginnen. Durch heftiges, andauerndes Klirren erweckt, fuhr Berta aus süßen Morgenträumen erschrocken empor. Kaum hatte sie Zeit, sich zu besinnen, und schon streckte der Professor den Kops forschend durch die halbgeöffnete Tür des Schlafzimmers. „Um Gottes willen, was ist geschehen?" „Ach nichts, mein Engel — ein paar Tassen... ich weiß nicht, dieses Zeug — wenn man nur ein bißchen daran tippt, ist es schon zerbrochen." „Ja, aber sage mir nur... dieser Geruch — brennt es denn draußen?" „Ach nein, Kind, das ist vom Rechaud — ich habe mir nämlich beim Anzünden den Bart ein wenig versengt." „Anzünden? — Wozu das?" „Ja, weist du, ich koche eben unser Frühstück, nun hat's zuvor geklopft, es war das Milchmädchen — denke dir, mein Schatz, hält mich die für den Bedienten und will zu kokettieren anfangen! — Nein, so etwas! — es ist ganz unglaublich! — ich habe ihr aber die Tür vor ihrer Stumpfnase zugeschlagen!" Ein leises Zucken spielte um Frau Bertas Lippen, als sie Miene machte, aufzustehen. Der Mustergatte jedoch widersetzte sich diesem Vorhaben. „Beruhige dich nur, mein Kind, ich werde die Scherben einstweilen in den Reisekoffer geben, man kann sie ja wieder herausnehmen — und jetzt koche ich das Frühstück." Die junge Frau aber beeilte sich, in die Küche zu kommen, ehe diese vollständig demoliert wurde, der Professor jedoch war noch schneller in der Erzielung wirksamer Effekte. Ein penetranter Gereich drang von der Küche herein, und als Frau Berta mit einem Schreckensrufe hinausstürmte, sah sie diese von einer Dampfwolke erfüllt, in deren Mitte ein wahnsinnig gewordener Hampelmann einen kunstgerechten Schuhplattler aufzuführen versuchte. „Aber Männchen, mein Gott, was hast du denn schon wieder angestellt?" „Weiß der... hupp... diese Milch... hupp... kaum hatte ich den Kaffee hineingeworfen, lief sie schon über." Frau Berta glitt vorsichtig über die braune Brühe, um das Fenster zu öffnen. „Du hast also den Kaffee in die Milch gegeben?" „Ja, was denn sonst? — Jetzt müssen wir leider auf das Frühstück verzichten, es ist fast alles in meine Hausschuhe geflossen — das aber wollen wir beim Mittagessen einbringen — nicht wahr, Bertchen?" Der Professor war seiner Frau zum Fenster nachgegangen, Wobei er, wie ausgesucht, gerade nur dorthin trat, wo sich die meiste Milch auf dem Boden angesammelt hatte. Frau Berta machte sich fertig, ihre Einkäufe zum Mittagessen zu besorgen, welche günstige Gelegenheit Schwerdtlein benutzte, um eine neue Ueberraschung für seine Frau vorzubereiten. Ein großes Die Kochzeitssekerkichkeiten am russischen Kose. König Peter von Serbien, der mit dem Kronprinzen Alexander und der Prinzessin Helene in Petersburg ein- gctroffcn war, um an der Hochzeit seiner Tochter Helene mit dem Prinzen Johann Konstantinowitsch teilzunehmen, wurde vom Zar am Bahnhöfe empfangen und in seinem wagen nach Zarskoje-Selo geleitet. Araucnschnke der Diakonissenanstast Kaiserswerth. PKok. La,i Tu»,, Düsseldorf, MkM l-4:O N'^V!' > r , Will' weiches Tuch, das er irgendwo aufgestöbert hatte, um den rechten Fuß bindend, begann er mit den graziösen Bewegungen eines Fußballspielers den Zimmerboden zu putzen. Alles um ihn her zitterte und bebte, die Fensterscheiben klirrten, der Schweiß tropste ihm von der Stirne, aber er ließ nicht locker. — Bertchen sollte sich bei ihrer Rückkehr die Augen aus dem Kopfe wundern über die spiegelblanken Parkette. Da plötzlich ein dumpfes Dröhnen, und Schwerdtlein zappelte mit den Beinen in der Luft, es hatte ganz den Anschein, als ob er mit den Füßen Fliegen fangen wollte. In diesem Moment klingelte es. Schwerdtlein erhob sich mühsam, wobei er eine Etagere voll unterschiedlicher Nippes umstürzte und schlich zur Tür. Es war ihm zumute, als ob alles in seinem Körper in kleine Stücke zerrissen wäre. „Aber Rudi, lieber Himmel, wie siehst du aus? Was ist dir denn passiert?" Frau Bertas Blick schweifte abwärts zu den Postamenten ihres Gebieters, sie bemerkte den eingebundenen Fuß. „Hast du dir den Fuß verletzt, armer Kerl? Und gar mit meinem Reiseplaid hast du dich eingebunden?" „Dein Reiseplaid? Und ich habe das Zeug zum Zimmerputzen verwendet." Berta hörte nicht mehr. Sie war ins Zimmer geeilt. „Um Gottes willen, wie es hier aussieht! Ja, was hast du denu da nur wieder augestellt?" „Schau, Herzchen, ich wollte dir eine Freude machen, da bin ich ein wenig ausgerutscht und gleich ist der Kasten umgefallen... o diese modernen Möbel! —Ich sage es immer, ich bin kein Freund davon!" ZUM Julielfelt der Aiakonisserianstatt Kaiserswerth. 75 Jahre sind jetzt seit der Gründung der Diakonisscnanstalt in Kaiserswerth verflossen. Aus diesem Anlaß geben wir heute im Bilde den Neubau der Fraucnschule, eines Pensionats für junge Mädchen höherer Stände,und das Verwaltungsgebäude wieder. 'Außer diesen hat jedoch die Anstalt noch eine große Reihe anderer Baulichkeiten aufzuweisen. Am Markt steht das Stammhaus mit der alten Rirche und dem Hospiz, dem „Paul-Gcrhardt-Stift" und dem Altersheim. In einem andern Teil des Hauses erhalten junge Töchter des Bürger- und Beamten- standcs eine tüchtige Ausbildung im Haushalt (Haushaltungsschulc). Um sich im Rochen zu üben, haben die jungen Mädchen wahrlich Gelegenheit genug, denn die Rüche mit ikrcn mächtigen Herden und Resseln muß täglich für H00 bis 500 Personen die Mahlzeiten liefern, ^sn der lvallstraße liegt die kleine Rirche der Stadtgemeinde, in der der Gründer der Anstalt, Theodor Fliedner, die ersten 27 Jahrs gewirkt hat. Rechts neben der Rirche ist das alte Schul- haus der Gemeinde, links das alte Fliedncrsche Pfarrhaus, lveitere Gebäude sind der lvasser- turm, das Leamtenhaus, das Lehrsrinnenseminar, aus dem bisher sSvo Lehrerinnen hervorgcgangcn sind, die Rlcinkindcrschule, (Ökonomie mit HS Rühen, das lvaisenstift, das Mutterhaus, zwei Krankenhäuser, in denen 25 Schwestern walten, drei Lrziehungs- häuscr für sittlich gefährdete Mädchen, das Feierabcndhaus und die neue Rirche. WWW IWUM Zkcrwastllngsgeöäude der Aialionisscnanslalt Kaiserswerth, fl,°t. L. Tuch», Düsseldorf. Nun ging's ans Aufräumen, wobei der Professor alles zertrat, was nicht schon zerbrochen war, dann wurden die Scherben in den Koffer geschafft, der nun schon bis zum Rande gefüllt war, worauf sich Berta dem Herde zuwandte, das Mittagessen zu bereiten. Tätigkeitslüstern umschlich sie Rudi, tiefe Reue über das von ihm angerichtete Unheil lag auf feinen gutmütigen Zügen ausgeprägt. Berta sann auf Trost, indem sie seine bewährte Kraft zu weiterer Hilfeleistung heranzog, deren ungefährlichste Art ihr in der Bewachung der Kochtöpfe zu bestehen schien. Rudi sollte das Ueberlaufen verhindern, indessen sie im Schlafzimmer Ordnung machen wollte. So wie die Situation am Herde sich nur einigermaßen kritisch gestalten würde, sollte er sie nur sogleich rufen. Dieser Weisung versprach Schwerdtlein pünktlich nachzukommen und bezog mit wichtiger Amtsmiene den verantwortungsvollen Posten. Frau Berta suchte ihre Arbeit so rasch als möglich zu beendigen, wurde aber plötzlich durch laute Hilferufe aus der Küche aufgeschreckt. Besorgt eilte sie hinaus und da stand der Professor am Herde, mit beiden Händen den Deckel auf den übergehenden Fleischtopf pressend. „Geschwind, nur geschwind, der Topf läuft über!" „Und da drückst du den Deckel darauf"? „Nun ja, doch — Hi—i—i—lfe!" „Aber du verbrennst dich ja!" „Das spüre ich — die Hand ist futsch — Hi—i—i-lfe!" „So laß doch aus!" „Dann läuft's ja über!" Frau Berta wollte den Topf vom Feuer wegrücken, allein Schwerdtlein drückte nur um so kräftiger nieder. Der Dampf drang zischend unter dem aufgepreßten Deckel hervor, Eingang zu einem chinesischen Tempel. und die junge Frau hatte schwere Mühe, ihren widerspenstigen Gatten endlich zum Rachgeben zu veranlassen. Nun besah er seine Hände, zwei Finger waren total verbrannt. „Annes Männe," tröstete Berta, „hättest du doch den Topf nur ganz einfach zur Seite gerückt.". „Ja aber... wer denkt denn auch gleich an alles? — das nächste Mal —" versank er schon, auf dem Diwan liegend, wo ihn seine Frau vorläufig unschädlich gemacht hatte, in gar trübselige Reflexionen. Er rekapitulierte traurig die bisherigen negativen Resultate seiner wirtschaftlichen Tätigkeit, die er sich noch so schön vorgestellt hatte, und eS wurde ihm bange vor der allernächsten Zukunft. Da trat Berta mit der dampfenden Suppenschüssel ein, und alle Angst war verschwunden. Flink ward der Tisch gedeckt und freudestrahlend schöpfte Schwerdtlein die Suppe auf den Teller. „Sag' mal, Kinderl, was ist das. eigentlich für eine Suppe?" Nim, siehst du denn das nicht? — eine Nudelsuppe." „Ja — aber wo sind denn die Nudeln?"... Frau Berta warf einen Blick in die Schüssel und wurde rot bis in den Hals — diese hatte sie vergessen!... Aber schon war der Professor in die Küche geeiltj von der er eine Handvoll des zu Nudeln zerschnittenen Teiges hereingebracht und ohne weiteres in die Suppe geworfen hatte. „Siehst du, Schatz, wenn, ich nicht an alles denke! — Aber jetzt wollen wir es uns schmecken lassen..." 7 ^! WMMK »AiF p'-.; Jer chinesische Holt der Meeresstille, davor ein AZonze. Schweigen ist Gold, Reden ist — Blech. Humoreske von Emil Friderici. dlllso, es bleibt dabei; ich sehe gar nicht ein, daß bei festlichen ^ Anlässen, wie z. B. beim bevorstehenden Kaisersgeburtstag, immer die ,alten Leute^ die offiziellen Reden halten sollen," bestimmte der Präses des Künstlervereins, der den stolzen Kneipnamen Dux führte, in entschiedenem Tone; „die Füchse müssen mehr herangeholt werden. Silentium! Wer nochmals zwischenheult, fliegt in B. V.I Du, Küles," wandte er sich an den tollsten der Füchse, „hältst also die Kaiserrede. Ich bitte mir aus, daß du die Ehre, die dir damit zuteil Wird, zu würdigen weißt und keinen Blödsinn quatschst. Da muß ,WupsL drin sitzen!" Der Fuchs wagte einzuwerfen: „Aber erlaube mal, ich kann ja gar nicht reden, habe noch niemals geredet, will mich auch verpflichten, niemals zu reden, ich." „Gequasselt hast du dafür desto mehr!" hauchte ihn der gestrenge Präside ungnädig an, „dann lernst du wenigstens begreifen, was Reden heißt. Keinen langen Blamm, kurz und kernig; was geredet wird, muß Hand und Fuß haben. Du hast Zeit genug zum Präparieren. „Schweigen ist Silber, Reden ist Blech," zitierte der zum Festredner Aus- crsehene in ohnmächtigem Zorn. Dux ließ sich nicht weiter mit ihm ein, da unter den andern ahnungsvollen Füchsen, die unzufrieden mit dem despotischen Regiment des Präsiden, eine kleine Revolution auszubrechen drohte, die im Keim erstickt werden mußte. „Also du," wandte sich der Gestrenge an einen andern, „hältst die Rede auf die Gäste, du auf die Offiziere, du... Himmeldonnerwetter! Silentium! Die räudige Fuchsenbande stärkt sich mit ihre^n Rest; eins ist eins, zwei ist zwei, drei ist- Boden sehen!" Präses Dux machte nie langen Prozeß und betrachtete auch die vorliegende Angelegenheit als erledigt. Der Fuchsmajor nahm seine Pslrgebefohlenen nochmals besonders ins Gebet, und dann ließ der Präses einen feuchtfröhlichen Cantus präparieren, und „Das war der Graf von Rüdesheim" schmetterte es alsbald aus den Kehlen der alten und jungen Korona jubelnd durch den trauten Raum. Der Bann war gebrochen, der Unmut verflogen, die Kneipe war eröffnet und somit das politische Gleichgewicht wieder hergestellt. » * * Der große Abend war da, und die muntere Künstlerschar fand sich im Bereinslokal in der Bedeutung des Tages entsprechender Stimmung ein, die Reserveoffiziere des Vereins in ihren Uniformen hatten noch Kameraden vom Festmahl in der Tonhalle mitgeschleppt und gaben dadurch der Festlichkeit auch nach außen hin ein patriotisches Gepräge und sorgten für bunte Reihe. Eine Anzahl Gäste, meist alte Bekannte, hatte sich eingefunden, und bald war die verlängerte Festtafel dicht besetzt mit plaudernden und lachenden Menschen. Alles war in rosiger Laune, bis ans ein Füchslein am unteren Ende der Tafel, welches sich einer gewissen Beklemmung nicht erwehren konnte, und das war begreiflich. Verarme Kerl kalkulierte so: Wenn einer reden kann, so ist das was Schönes, wenn einer aber nicht reden kann und redet doch, so ist das zum mindesten eine Frechheit, ergo rede ich nicht. Ja, Wenn es noch der Toast auf die Damen oder die Rede auf die Gäste wäre, das wäre noch einigermaßen angegangen, aber die Festrede, die offizielle Kaiserrede — brrr... Geschähe dem Präses ganz recht, wenn ich mich unsterblich blamierte. Ueberhaupt diese Zumutung ; mein Lebtag habe ich nie geredet und soll nun vor versammeltem Kriegsvolk meine Jungfernrede halten. Das kann ja nett werden, aucliatur st altera pars! Wer dieser ^.ltsra par3 nun sein würde, war ihm zunächst noch schleierhaft, aber es würde schon werden. Von Demosthenes oder wer der alte Reichstagsabgeordnete gewesen war, hatte er mal gelesen, daß er sich aufs Reden trainiert habe, indem er ans Meer ging, einen Kieselstein unter die Zunge nahm, um den Redefluß nicht zu überhasten und dann seinen Unsinn brüllend von sich zu geben, um der Wogen Brandung zu übertönen. Ja, dieser Bierheilige hatte es bequem, aber hier lag die Sache anders. Erstens mal konnte der arme Küles in näherer und weiterer Umgebung von Düsseldorf kein Meer entdecken, und „ruhig Hingang zu einem chinesischen Weeyans. El ZW-- fließet der Rhein", wie cs im Liede von der Loreley heißt, so daß von Wogenbrandung keine Rede sein konnte, und die Geschichte mit dem Kieselstein bchagte ihm nun schon gar nicht. Als Kind hatte er mal ein Zehnpfennigstück verschluckt, und das hatte ihm genug Angst eingejagt, bis es endlich nach langen, qualvollen Stunden wieder das Licht der Sonne erblickte, um in Bonbons umgesctzt zu werden. Und nun erst gar ein Kieselstein; schauderhaft. Präses Dux erhob sich, klopfte mit seinem Hammer, der, aus einer Baumwnrzel gebildet, einem phantastischen Tierkopfe glich, auf den Tisch und eröffncte die Fcstkneipe mit kurzen, kernigen Worten, worauf alsbald wieder eine zwanglose fröhliche Unterhaltung einsetztc. Die Zeit ging im Fluge dahin. Küles suchte sein Heil im Alkohol, stürzte mehrere Gläser Wein hinunter, um Stimmung zu bekommen, erreichte aber gerade das Gegenteil. Die anfangs mühsam zusammengesuchten noch, als Dux ihm die Folgen seiner Handlungsweise in den schwärzesten Farben ausmalte. Ihm gegenüber saß ein „alter Herr", der seiner Schweizer Nationalität den poetischen Kneipnamen Uli verdankte, und der sich in allen ihm zu Gebote stehenden Gutturallauten, wie sie ausschließlich seine Landsleute nur aussprechen können, bemühte, den gequälten Fuchs zum Sprechen zu reizen. Als aber auch das versagte und die Spannung aufs höchste gestiegen war, erhob er sich und bat ums Wort. Und nun legte er im unverfälschtesten Schwyzer Dialekt, den Diphthong ch in gewohnter Weise als,Rachenlaut wie bei „kochen" aussprechend, los: „Meine hockverehrten Gäschte, liebe Leute! Da mein Kollegge Küles nicht den Mut hat, zu Ehren seines Landesherrn ein paar Worte von sich zu cheben, so sehe ich mich verpflichtet, dies an seiner Statt zu tun. Es wird Sie vielleicht befremden, daß ich als Eidchsnosse, quasi Republikaner, mich dieser Aufgabe unter« r»>v LMM VLL , ^ - MX Jas tzisenvahnnnglück Lei Grkratl). Am f2. September früh riß von einem von Hochdahl nach Lrkrath zu Tal fahrenden Güterzug die Kuppelung. Lin Teil blieb infolge starken Brcmsens am Berge stehen, während der vordere Teil bis zum Bahnhof fuhr und hier hielt. Hierauf fuhr der andere Teil, jedenfalls infolge Versagens der Bremsen, mit aller Gewalt auf den vorderen Teil des Zuges auf, so daß 8 Güterwagen aus dem Gleise gehoben und zum größten Teil vollständig zertrümmert wurden. Menschenleben sind glücklicherweise nicht zu beklagen. Gedanken wirbelten bald wirr in seinem lockigen Kopfe herum. Und als ihn jetzt eilt aufmunternder Blick des Fuchsmajors traf, war auch der letzte Rest von Fassung weg. „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort", läßt Schiller seinen Wallenstein sagen. Das mußte ganz entschieden ein Irrtum sein. Präses Dux ließ ihn nun höflichst und dringend ersuchen, seine Rede vom Stapel zu lassen, aber der Fuchs, eingedenk des Wortes: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt drin um", hüllte sich in hartnäckiges Schweigen. Selbst ein wohlgemeinter Rippenstoß des Fuchs- mnjors änderte an der Sache nichts. Man wurde bereits aufmerksam, und die Situation fing an kritisch zu werden. „Küles, los!" klang es ihm von allen Seiten flüsternd ans Ohr, „es ist die höchste Zeit, los!" Aber Küles stieß ein so fürchterliches Schweigen aus, daß gegen die berühmte Verschwiegenheit des Grabes der reine Kirmestrubel auf der Golzheimer Jusel war. Er schwieg auch selbst dann ziehe, aber ich tue es chern und dabei aus beschter Ueberzeugung. Es ischk die Pflicht eines cheden Künschtlers, daß er seinem anche- stammten Landesherrn chederzeit die chebührende Ehre erweischt, zumal an seinem Wiegenfeschte. Als eifriger Förderer der Künschte steht Kaiser Wilhelm heute wieder einmal im Mittelpunkte unserer Interessen und läscht uns dessen chedenken, was er in dieser Beziehung chetan und cheleischtet hat usw." Uli erschöpfte sich, so gut es ging, in seinen Ausführungen, dabei neben der erzielten Begeisterung gleichzeitig eine unfreiwillige Heiterkeit bei den andächtig Zuhörenden auslösend. Jubelnd erklang das ausgebrachte Kaiserhoch, und kaum war der obligate erste Vers der Nationalhymne verklungen, als man sich in Beglückwünschungen des „Eidchenossen" wegen seines bisher noch nicht bekannten motorischen Talentes erging. Küles saß sprachlos. Wenn er nicht schon vorher beharrlich geschwiegen hätte, so hätte nran annehmen müssen, die Bewunderung für seinen Retter aus der Not hätte ihm die Sprache geraubt. Erst allmählich kehrte diese wieder und ließ ihn seiner Dankbarkeit Worte finden. „Uli, prost Spezielles!" war alles, was er stammeln konnte, womit er die Zentnerlast vollends von seinem Herzen wälzte. Zusehends ward ihm leichter ums Herz, so daß er bei dcm Liede „Deutschland, Deutschland über alles" bereits wieder mitsingen konnte. Aber noch klang es ihm in den Ohren „es ischt die Pflicht eines cheben Künschtlers, daß, — daß...." was hatte ^Uli vorhin gesagt? Daß man sich eines hilfsbedürftigen Freundes liebevoll annehmen und ihn aus der Patsche reißen müsse. Allmählich war er ganz aus seiner Betäubung erwacht und wurde wieder fidel, wie er es vordem stets gewesen, bis man ihm mit der Zumutung einer Kaiserrede einen starken Dämpfer auf seine Ausgelassenheit, die manchmal aller Beschreibung spottete, gesetzt hatte. obgleich es eigentlich gar nichts mehr zu reden gab. Wenn einer reden kann, so ist das was Schönes, fiel ihm ein; das hatte ihn der ^ltsiL pars aus Schwyzerland gelehrt. Er bat um Silentium und begann wie weiland Wolfram von Eschenbach: „Hochverehrte Tafelrunde I Blick' ich umher in diesem edlen-Kreise, so pocht mein Herz höher beim Anblick der verehrten Gäste und unserer lieben Leute. So manche Rede ist geredet, so manches Lied gesungen, so manches Hoch ansgebracht worden. Da tut es mir weh, konstatieren zu müssen, daß man eines Mannes noch nicht gedacht hat, der sich nur unfern Kunst- Verein in ganz hervorragender Weise verdient gemacht hat dadurch, daß er ihn vor einer fatalen Situation bewahrte, eines Mannes, ohne den unser Verein gar nicht denkbar wäre ..." Alles lauschte gespannt, und das hohe Präsidium beschlich trotz vorgerückter Stunde ein unbehagliches Gefühl, wie es möglich sein könne, daß man eines l. Kaiser Wilhelm, 2. Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand, 3. Prinz Heinrich von Preußen, 4. der österreichische Admiral Graf von Montccucoli, 5. der Lhef des deuischen Neichsmarmeamts Großadmiral von Tirpitz. Kaiser Wilhelm und Erzherzog-Thronfolger Kranz Aerdinand in Kiel. ^ Mitternacht war längst vorüber, und es herrschte die animierteste, von patriotischem Geiste durchwehte Stimmung. Die Geister des Weines machten sich bereits hierund da bemerkbar; doch unfern Külcs ließ trotz aller Dankbarkeit die Bevormundung seitens des Alpensohnes nicht Ruhe finden. „Morgenstund' ist aller Laster Anfang, Müßiggang hat Gold im Mund'," dachte er, und sein Entschluß war gefaßt. Er mußte die Scharte auswetzcn, mußte den Beweis erbringen, daß auch in seinem erhitzten Gehirn leicht beieinander die Gedanken wohnten, zumal sich die anderen zum Reden verdonnerten Füchse, so gut es ging, aus der Affäre herausgerissen hatten und dafür seitens des hohen Präsidiums durch Zutrinken ausgezeichnet worden waren. Letzteres war daher nicht wenig erstaunt, als Küles ums Wort bat und, an sein Glas klingend, zu einer Rede ausholte, so hervorragenden Mannes nicht gedacht haben sollte. Küles fuhr fort: „Eines Mannes, den wir die Zierde und- den Stolz unseres Vereins nennen müssen...." (Kunstpause, während welcher die Spannung aufs höchste stieg) — „und dieser Mann bin ich!" Weiter kam er nicht. Ein Hallo ging an, und der Korona kam es fast so vor, als ob er recht hätte. Der Präses ließ den Frechdachs von Redner für seine himmelschreiende Bescheidenheit, obgleich längst die Fidelitas in ihre Rechte getreten war, in die Kanne steigen. Küles aber goß sich im Vollgefühl seiner selbstverliehenen Würde einen Ganzen hinter den weißen Selbstbinder und dachte: „Wenn einer reden kann und redet nicht, so ist das eine Frechheit, wenn aber einer nicht reden kann und redet doch, so ist das was Schönes. Reden ist Blech! Na, denn Prost!" km c v>7 -i :t. ssl ^/. Die Dinosaurierfunde in Wasrika. In einer neueren Ausstellung des Museums in Ncw-Hork befindet sich u. a. ein Skelett von einem großen fleischfressenden Dinosaurier. Professor Henry F. Msborn, der für die Renovierung verantwortlich ist, führt uns einen Allosaurus vor im Augenblick, wo er die Überreste eines Brontosaurus verzehrt. Der Allosaurus war ein fleischfressender Dinosaurier, welcher sich von den kleineren pflanzenfressenden Dinosauriern ernährte. Dieser große, schwerfällige Lrontosaurus, welcher 70 Fuß lang war, wurde schließlich von dem kleineren, aber bedeutend schnelleren Allosaurus vollständig ausgcrottct. Vas in unserem Lildc vorgsführte Skelett ist 2H Fuß lang und 8 Fuß hoch. Auch im Berliner gcologisch- xaläontologischcn Museum treffen in wachsender Zahl, von gewaltigem Umfang die Reste der kolossalen Dinosaurier, der Reptilien der Vorzeit, ein. Sie kommen von der Berliner Teudaguru-Lxpedition, die im Aufträge des Instituts unter keitung des Austos vr. Ianensch und des Assistenten Dr. Hennig nach Bstafrika entsandt worden ist. Die fossilen Reste werden in einzelnen Traglasten zur Rüste befördert und dank sachgemäßer Aonscrvicrung und Verpackung leiden sie ln keiner lvcise unter dem Transport. So geben sie in ihrer Reichhaltigkeit und riesenhaften Größe bei ausgezeichnetem Erhaltungszustand bereits ein gutes Bild von den Erfolgen der Grabungen dieser Expedition, die zu den größten ihrer Art gehört und angesichts des gewaltigen, noch auszubeutcndcn Materials wiederum verlängert werden mußte. Der Aaiscr bringt dem Unternehmen das lebhafteste Interesse entgegen und hat fortgesetzte Berichte über die Expedition befohlen. Nicht weniger als 258 Aisten mit den fossilen Resten kamen bisher nach Berlin, im Gesamtgewicht von 70 000 Ailogramm. Da der Reichtum der so interessanten und kostbaren Tiere an der Fundstelle fast unerschöpflich scheint, sollen die Grabungen, deren Abschluß ursprünglich bereits für sstsO geplant war, fortgesetzt werden, und deshalb gilt cs, in Anbetracht der außerordentlichen Bedeutung der Funde, zu versuchen, die noch notwendigen Mittel in Höhe von über l00 000 Mark zu beschaffen. Lin abschließendes Bild über die Ergebnisse der Expedition läßt sich da noch nicht gewinnen. Aber eins Auswahl der interessantesten Anochen konnte bereits montiert werden. Allerdings gestaltete sich die präxaration der infolge häufiger Liscninfiltcation enorm schweren und harten Anochen derartig mühevoll, daß trotz der Anschaffung einer Bohrmaschine mit elektrischem Betrieb cs der größten Anstrengungen bedurfte. Aus den letzten Schreiben der Lxxeditionsleiter Dr. Ianensch und Dr. Hcnnig sei besonders hcrvorgchoben, daß endlich auch zwei der schnlichst erwarteten und so überaus wertvollen Schädel aufgcfunden und neue Fundplätzc in großer Zahl erschlossen wurden, voraussichtlich wird die Entsendung eines weiteren Museumsbcamtcu für die Ausgrabungen notwendig sein, da die Ergebnisse der Berliner Tcndaguru- Lxpcdition au Quantität wie (Qualität alle Erwartungen weit Übertreffen, die man an dieses wissenschaftliche Unternehmen geknüpft hat.* Ls ist so viel Material vorhanden, daß alle deutschen Museen daran tcilhaben können. Der setzte Kericntag i« der Sommerfrische. «»>'' dr ALM, -tr. verantwortlich für die Redaktion: Bruno Schixxang. Verlag und Druck: !V. Girardet, Düsscldorf-Lssen.