Hein unö Illustrierte Sonntagsbeilage ?u clen _ „Düffelciorfer Neuesten Nachrichten" Ur. ^9 Sonntag. 6en S. Dezember >908 Solasaat. (2. Fortsetzung.) Roman von vis „Guten Morgen, Herr Doktor!" sagte Eva in einem so ernsthaften Ton, daß der Ankömmling ganz verwundert aufblickte. „Meine Angehörigen sind drinnen im Hanse." „Oder, in die Sprache des Herzens übersetzt: Beeilen Sie sich gefälligst, diese meine Angehörigen statt meiner mit Ihrer schätzbaren Gegenwart zu beglücken!" Aber sie schüttelte den Kopf und sah ihm ohne Unfreundlichkeit frei ins Gesicht. „Warum sind es immer nur Ungezogenheiten, die Sie mir Zutrauen, Herr Dokror? — Halten Sie mich wirklich für gar so kindisch?" Er mochte Wohl ein Scherzwort als Erwiderung ans den Lippen gehabt haben, Plötzlich aber nahm auch sein Gesicht einen veränderten Ausdruck an und er bemächtigte sich ihrer Hand. „Verzeihung — es war bei Gott nicht bös gemeint! — Aber was ist Ihnen, Fräulein Eva? — Har man Ihnen etwas zuleide getan? — Ihre Augen schwimmen ja in Tränen." Er konnte gewiß nicht für einen schönen Mann gelten, der junge Landarzt aus Ankenhof. Dazu war sein Gesicht zu unregelmäßig, seine Nase zu breit und sein Schnurrbart zu struppig. Auch ließ sich nicht leugnen, daß nur ein ausgezeichnetes Wohlwollen die Farbe seines widerspenstig borstigen Haupthaares mit kastanienbraun bezeichnen konnte und daß die Mehrzahl der Menschen es gleich dem alten Jeremias einfach rot genannt haben würde. Aber häßlich — nein, häßlich war er auch gerade nicht, wenigstens nicht in diesem Moment, wo es so warm ans seinen Augen leuchtete und wo es so liebenswürdig weich um deu schönen Mund unter dem borstigen roten Schnurrbart zuckte. Saß doch der von der Natur etwas stiefmütterlich bedachte Kopf überdies auf einem so wohlgestalteten, ebenmäßigen und kraftvollen Körper, daß ein schönheitsfreudiges Auge um des Wohlgefallens an dieser elastischen Mannhaftigkeit willen schon einige kleine Mängel mit in den Kauf nehmen konnte. Eva hatte ihre Hand rasch wieder frei gemacht und war mit dem Taschentüchlein hastig über die Augen gefahren. „Nicht doch! — Ich bin im Gegenteil noch niemals glücklicher gewesen als eben jetzt. Sie werden mir das hoffentlich glauben, nachdem Sie gehört haben, daß meine Schwester Sophie sich soeben verlolst hat." Er machte kein Hehl aus seiner Überraschung. „Verlobt? — Fräulein Sophie? — Das ist ja allerdings ein überaus erfreuliches Ereignis. Und nach der Sitte des Landes habe ich die Pflicht, auch Ihnen dazu zu gratulieren. Darf man fragen, wer der beneidenswerte Sterbliche ist?" „Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen, Herr Doktor! — Es ist ein Freund meines Bruders, Herr William Peterscn aus Hamburg." Eva täuschte sich Wohl nicht, als sie es wie einen leichten Schatten über das sonnengebräunte Gesicht des Arztes hinhnschen zu sehen meinte. „William Peterseu?" wiederholte er. „Der Sohn des Schiffsrecders und Senators? — Da bekommen Sie allerdings sehr vornehme Verwandtschaft, Fräulein Eva! — Und unsereins wird sich nun wohl etwas weiter in den Schatten zurückziehen müssen." Mit einer Bewegung von entzückender Anmut warf sie das Köpfchen zurück. „Das soll doch wohl nur ein Scherz sein. — Jedenfalls hat die Vornehmheit des Herrn Peterseu für mich keinen Anieil an meiner Freude über Sophiens Verlobung. Denn für mich gibt es auf der ganzen Well nichts Vornehmeres als meinen Papa." „Und ich möchte der allerletzte sein, Ihnen darin zu widersprechen", sagte er, während sein warmer Blick unverwandt an ihrer Lieblichkeit hing. „Aber fürchten Sie nicht, drinnen im Familienkreise vermißt zu werden, Fräulein Eva?" „Ach, die sind ja so glücklich, daß sie vorerst wohl nur an sich selbst denken. — Wenn Sie indessen meinen künftigen Schwager kennen lernen möchten, gehe ich gern mit Ihnen hinein.' trieb illbsäsu. (Nachdruck verboten.) „Ich brauche nicht erst die Bekanntschaft des Herrn Peterseu zu machen, deun ich hatte während meiner Hamburger Zeit bei verschiedenen Anlässen den Vorzug, ihm zu begegnen." Eva sah ihn aufmerksam an. „Das klang eigentlich gar nicht so, Herr Doktor, als ob Sie es wirklich für einen besonderen Vorzug hielten." „Sind Sie so scharfhörig, kleine Eva? — Es war aber durchaus nicht meine Absicht, etwas derartiges zum Ausdruck zu bringen." „Ihre Absicht vielleicht nicht. Herausgchört habe ich es darum doch. Und nun sollen Sie auch ganz aufrichtig gegen mich sein und sollen mir sagen, was Ihnen an William Peterseu mißfällt." „Ich werde mich wohl hüten, diesem Befehl zu gehorchen. Die größere oder geringere Lebhaftigkeit meiner Sympathien für den zukünftigen Herrn Senator fällt hier doch wahrhaftig blutwenig ins Gewicht". „Aber wenn ich Sie doch darum bitte", bcharrte Eva mit der Hartnäckigkeit, die sie in Angelegenheiten, die ihr wichtig schienen, zuweilen an den Tag legen konnte. „Mir zuliebe könnten Sie es schon tun." „Ihnen zuliebe täte ich mit Freuden wohl auch schwereres, Fräulein Eva! — Aber in diesem Fall wäre ich tatsächlich in Verlegenheit, was ich Ihnen sagen sollte. Ich weiß von Herrn William Peterseu ja doch nur, daß er ein Muster an gesellschaftlicher und zweifellos auch an kaufmännischer Korrektheit ist — der wahre und vollkommene Typus eines Hambnrgischcn Patriziers. Ist Ihnen das nun genug?" „Und ein Mensch ohne Seele — nicht wahr?" „Wie kommen Sie darauf?" fragte er verwundert. „Wer hat Sie auf eine solche Vermutung gebracht?" „Niemand — natürlich! — Denn mein Papa hält große Stücke auf ihn, mein Bruder ist mit ihm befreundet, und meine Schwester — nun, meine Schwester hat ihn gewiß sehr lieb. Wie sollte also in unserem Hause anderes als Gutes von ihm geredet werden! Aber ich kann mir nicht helfen. Ich komme nun einmal nicht über diese Empfindung hinweg und über die schreckliche Angst, daß die arme Sophie an der Seite dieses kalten Menschen unglücklich werden könnte." Sie bemerkte es glücklicherweise nicht, daß der Glanz in Doktor Rasmussens Augen mehr und mehr zu einem Leuchten innigster Zärtlichkeit geworden war. Und ihr entging wohl auch das leise Beben seiner Stimme, da er erwiderte: „Sagten Sie nicht vorhin, Ihre Schwester hätte ihn sehr lieb? — Wenn dem so ist, brauchen Sie sich um ihr Glück vorderhand wahrlich keine Sorge zu machen. Und Sie dürfen auch Herrn William Peterseu nicht unbedingt nach dem beurteilen, was sie bisher von ihm gesehen haben. Die Liebe ist eine Zauberin, der sich an wundertätiger Kraft nichts anderes ans Erden vergleichen kann. Sie können das jetzt noch nicht wissen, aber eines Tages wird es auch Ihnen offenbar werden. Und dann wird Ihnen niemand mehr zu sagen brauchen, daß die Liebe nicht nur die Macht besitzt, dem kältesten, fühllosestcn Menschen eine lebendige Seele einzuhanchen, sondern daß sie auch über die noch hundertmal köstlichere Gabe verfügt, die Augen einer liebenswürdigen Frau ein- für allemal blind zu machen für die Mängel und Schwächen eines geliebten Mannes. — Ist es nicht sehr gleichgültig. Fräulein Eva, was Herr William Peterseu für Sie oder für mich ist? Solange Ihre Schwester ihn liebt, wird er ihr das Ideal aller männlichen Vollkommenheiten bleiben, und damit ist dann auch, wie ich denke, die beste Gewähr für ihr Glück gegeben." Mit der gläubigen Aufmerksamkeit eines vertrauensvollen Kindes war sie seinen Worten gefolgt, und nun leuchtete es wieder hell und sonnig ans ihrem Gesicht. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor! — Sie haben mir eine große — eine sehr große Last vom Herzen genommen. — Und nun kann ich auch wieder hincingehen. — Sie kommen doch mit?" „Nicht jetzt!" lehnte er freundlich ab. „Es sollte überhaupt nur eine „Stippvisite" sein, da ich nachher noch ein paar Krankenhesuche zu S8S 1908 machen habe. Und nun habe ich mich hier draußen mit Ihnen schon verplaudert, daß ich mich nach »angebrachtem Glückwunsch unhöflich schnell wieder empfehlen müßte. Ich verschiebe es also lieber auf ein andermal" ihres bisherigen, fast ausschließlich auf kleine Plänkeleien beschränkten Verkehrs noch niemals der Fall gewesen war. Dann ging sie mit glänzenden Augen den Weg zurück und musterte im Blumengarten prüfend die Rasenstücke. Erst zwei der schlafenden MM AMU Eva wußle trotz der Kürze ihrer Bekanntschaft, daß bei dem Doktor Rasmussen kein Zureden hals, wenn er einmal Ja oder Nein gesagt hatte, und so verschwendete sie ihren Atem nicht, aber sie gab ihm bis an die Parkpfortc das Geleit und winkte ihm, da er sich in einiger Entfernung noch einmal umwandte, so freundlich zu, wie es während Knospen waren vom Sonnenlicht zu duftigen Blüten wachgeküßt worden. Eva brach sie, eilte ins Haus und reichte sie in lächelnder Verwirrung den Verlobten. Die Schwester schloß sie in die Arme und der Bräutigam dankte mit einer ungesuchten Freundlichkeit, die die kleine Schwägerin freudig 19S8 387 erglühen ließ. — Wahrhaftig, Doktor Rasmnsscn mußte recht gehabt haben: die zaubergewaltige Liebe würde sicherlich das Wunder zuwege bringen, auch diesem kalten Menschen eine warme, lebendige Seele ein- zuhanchen. Spät am Abend, als die Gäste sich entfernt hatten, zog Martin Boyen seine ältere Tochter zu sich heran und fragte: „Du hast also volles und schrankenloses Vertrauen in dein künftiges Glück?" Sophie sah ihm in die ernsten Augen und nickte froh. „Ja, Papa! — Freudiges und festes Vertrauen!" „Das ehrt dein eigenes Herz wie es den Mann deiner Wahl ehrt, und cs wirkt auch auf mich beruhigend und erhebend." Nach einer kleinen Weile aber fuhr er ans grübelndem Schweigen fort: „Es wird dir freilich gehen, Kind, wie einer Pflanze, die in einen anderen Boden versetzt wird. Und das hat mich zuerst bedenklich gemacht. Du hast die Luft in einem Hause geatmet, in dem ein weiter, freier Friede das Vermächtnis derjenigen war, deren stille, gesunde Art auch nach ihrem Weggange fortwirktc. Das Lärmen des Lebens ist an der Scbwelle dieses Hanfes verrauscht, wie die Welle am Scestrand; ihr habt höchstens züwcilcn ibr Pochen oder Branden vernommen, aber ihr seid ihrem Dränen und ihren Gefahren nicht ausgcsctzt gewesen, ihr lebtet in eurer umbütcten Welt frei und geborgen. Und nun willst du die uncrprobtcn Flügel regen und hinansfliegen in eine andere Heimat — die vielleicht nicht so umhegt und nicht so gesichert ist gegen Sturm und Wogenprall. In der vielleicht — in der wahrscheinlich — nein, in der gewiß ein anderer Geist umgeht als der der lang entschlafenen, ganz schlichten, ganz anspruchslosen, aher auch wahrhaft freien und lcbens- mntigcn, klugen Frau. Die S.wge, die banale Sorge, wird deiner neuen Welt ja auch fremd sein, und das ist etwas; aber sie ist nicht das schlimmste, sie ist z» überwinden, und sie hat darum sogar etwas von stählender Kraft. Das Drohende ist die Unfreiheit, die doppelte, des äußeren Lebens und des Geistes. Es ist der gesellschaftliche Zwang der bevorzugten Höhcnstcllnng, die beengte Anschauung der exponierten, in Vorurteilen, Rücksichten und Einbildungen befangenen Kastenmcnschcn. -- Das wollte und mußte ich dir noch sagen, Kind, weil es das war, was mich bedrückt hat. Aber ja —", er lächelte gntlannig, „ich glaube selbst, du nimmst einen Fonds ans dem alten Hanse in der Neichenstraße mit — oder ans der neuen Heimstätte am blauen See, der dir und den Deinen ein glückliches Schutzmittel sein wird; einen starken Zug der individuellen Freiheit, der deinen Herd reinigend umfächeln — und der, wenn es sein muß, auch einmal zu einem die Wolken wcgfegenden Stnrmbranscn anschwcllen wird." Und eine ungekünstelte Zuversicht, als hätte er sich selbst eine ernste Sorge vom Herzen geredet, klang aus seinem: „Glück zu, mein geliebtes Kind!" 4. Kapitel. Das Dorf Ankcnhof war eine Ortschaft, die bis vor zwei Jahrzehnten kein wesentlich anderes Gesicht gezeigt hatte, als die meisten umliegenden ^Dörfer der wälderreichen Ebene Ostholsteins auch, die aber seitdem eine ziemlich umfassende Wandlung durchgemacht hatte. Dieser Umschlag datierte in den Anfängen bis ans den Bahnban Nenmünster-Nenstadt zurück, der der bäuerlichen Siedelnng den Schienenweg und eine Haltestelle gebracht hatte, deren Wert jedoch von dem schwerfälligen Volksschlage noch lange unterschätzt worden war. Manche Dörfler waren zwar ans Neugierde ein paar Stationen weit, bis nach Plön oder Nenmünstcr, mitgesahrcn; für den Transport ihrer Produkte, die meist nach Nenmünstcr oder Kiel gingen, bedienten sie sich aber nach wie vor der bäuerlichen Leiterwagen mit den schweren, trägen Gäulen davor, und der Schienenweg galt ihnen als eine Lnxnsstraße, von der ein sonderlicher Vorteil für das Dorf nicht zu erwarten stand. Erst »ach fast einem Jahrzehnt fand sich ei» Wagemutiger, der auch von Ankcnhof aus die Bahn seinen Interessen dienstbar machte. Es war das ein einfacher Bauernsohn, dem in seiner Soldatcnzcit die-Gedanken ebenso wie die steifen Beine gelenkig gemacht worden waren, und der nach seiner Rückkehr in die Heimat in der Nähe der Bahn eitlen Zicgcleibctricb eröffnete. Er war selbst nicht unvermögend, und das war sein Glück; denn die Verwandten und befreundeten Bauern verhielten sich seinem Unternehmen gegenüber sehr skeptisch. Aber die Jahre gabelt ihm Recht. Der Lehm der Gegend eignete sich für den Betrieb vorzüglich, und die Steine fanden nach Plön und namentlich nach Nenmnnster so reichen und lohnenden Absatz, daß der junge Besitzer der Anlage sich bald nicht nur einen eigenen Schiencnstrang nach dem Bahnhöfe, sondern auch ein eigenes Wagenmaterial znlcgcn und in günstiger Bauzeit fast täglich mehrere Waggonladungen versenden konnte. Die Dörfler staunten und fingen langsam an, die Bahn mit etwas anderen Angen zu betrachten. Dabei war' es aber selbstverständlich, daß sie sich noch nicht weiter aufrcgten und für sich selbst immer noch in dem alten Schlendrian fortbastclten. Der „Ziege -Schlüter", wie sie den Pionier nannten, hatte eben ein Glück gehabt, zu dem in einem zweiten Fall die Bedingungen nicht mehr gegeben waren. Ein anderes Unternehmen aber? Ja, wer das noch erfinde» konnte! Was das noch sein sollte! Dafür war doch überhaupt keine Möglichkeit mehr. Dann belehrte abermals ein Schlüter die Dörfler. Der „Kramer- Schlüter", der in seinem Anwesen am Bahnhof eine Krämcrci und Gastwirtschaft betrieb, verlegte sich auf den Kornhandcl, kaufte das Getreide in der ganzen Gegend um Ankenhof ans, zog seine Kreise bis in die Nachbardörfer und bald bis auf die großen Güter — und hatte in knapp ein paar Jahreslänfen ein zweites Unternehmen geschaffen, das die verblüfften Bauern anstaunen konnten. Und dann kam bic dritte Gründung, die große Holzhandlnng am Bahnhof, die sich rapide auswnchs, schon im ersten Jahre die Ziegelei in der Arbcitcrzahl überholte, und nach einem knappen Dezennium zwei lange Reihen von Arbeiterwohnbänscrn dastehcn hatte, in denen an vierhundert Seelen nicht gerade bequem, aber doch reinlich und ausreichend untergcbracht waren. Nun wachten auch die schläfrigen ans ihrer Betäubung ans, und es begann ein Hasten, zunächst ans dem Zuwachs der Bevölkerung den naheliegenden Nutzen zu ziehen. Ein Müller aus der Nachbarschaft baute nahe dem Bahnhof eine Kornmühle und das Drehen der riesigen Windflügcl war symbolisch für das in einen Erwerbsanfrnhr geratene Dorf. Wo Söhne, die ein für die dörflichen Verhältnisse passendes Handwerk erlernt hatten, in der Fremde weilten, wurden sie mit verlockenden Schilderungen zur Heimkehr ermuntert, und nicht wenige der jungen Leute folgten und erträumten sich eine Zukunft ähnlich der des mindestens wohlhabenden Ziegclcibcs tz.rs. Die Schnhwaren, die bis dahin von Bornhövcd hatten bezogen werden müssen, wurden min in einem Hanse in der Nähe der Arbeiterkolonien fcilgcbotcn. Der Orts- Vorsteher, der eine Bäckerei im Nebenzeschift venieb, war wenig erbaut von einem jungen Fachmann, der sich am östliche», dem Bahnhof zngc- kehrten Ende des Dorfes niederließ und ihm die lohnende Kundschaft von der Bahngegegcnd wegschnappte. Ein Schmied war schon länger ein Bedürfnis gewesen, und ein neugebackener Sattlermeister hatte mindestens sein Auskommen. Ein Tischler, ein Radcmachcr und ein Böttcher vervollständigten die Liste der Zngcwanderten und fanden ihre Arbeit und ihren Lohn. Die Einwohnerzahl des Ortes war ans tausend Seelen angcwachsen, als ein Kaufmann ans Bornhövcd in Ankenhof ein Hans mit netten Schaufenstern anfführcn ließ, in dem Ban eine Filiale seines bekannten Mannfaktnrwareiigcjchäftes einrichtete und als einer der Ersten die Aufmerksamkeit ans cin.Genieindeniitglied lenkte, das von da an mehr und mehr in den Vordergrund treten sollte. Der Mann war ein Freund des Ankenhofer Lehrers Heinrich Suhr, und es blieb kein Geheimnis, daß er von diesem beraten worden war; wie cs vorher bei dem Ziegel- Schlüter, der Suhrs Schüler gewesen war, auch schon der Fall gewesen sein sollte. Die Dörfler hatten das damals auch so von ungefähr gehört, aber kein Gewicht darauf gelegt oder mit nicht gerade gutwilliger Absichtlichkeit darüber hinweggcschen, weil der strenge und eigenwillige Führer ihrer Jugend bei ihnen nichts weniger als beliebt, sondern als „nenernngssüchtig" und zur „Bevormundung" neigend verdächtig war. Offen mit ihm anznbindcn, wagte zwar niemand, da Snhr sich seiner Gegner ebenso schlagfertig als, wenn es sein mußte, derb zu erwehren wußte. Aber so im geheimen webte doch ein Geist der Unzufriedenheit gegen ihn, und der stumme Groll der Ortsbewohner gab weder die Tüchtigkeit des Mannes in seinem Berufe, noch sein uneigennütziges Eintreten für die allgemeine Wohlfahrt zu. Und Heinrich Suhr erleichterte ihnen das: er strebte nicht nach dem Beifall von irgendeiner Seite, hiklt im Gegenteil mit seiner Person bescheiden zurück und fand seine Befriedigung eigentlich darin, wenn er ein vorgestccktcs Ziel znm Besten der Gemeinde in unablässiger, aber stiller, fast ängstlich verhüllter Arbeit erreichen konnte. Sein neues Mitwirken an der Vergrößerung des Dorfes gab aber wenigstens den Geweckteren zu denken, und wenn anfangs die hämischen Stimmen nicht fehlten, die die B.dentnng gerade des neuen Zuwachses zu verkleinern suchten, so mehrten sich doch bald die Einsichtigen, die einen Vorteil der Gemeinde angesichts des Zuspruchs ans den Nachbarorten und von den Gütern nicht mehr zu bestreiten wagten. Einige Heimliche schlichen nun in den Abendstunden, wenn cs dunkel geworden war, verschämt nach dem Schnlhanse und suchten den Rat Snhrs auch für ihre eigene Angelegenheiten einznholen. Und wenn es auch der Egoismus war, der sie leitete, Heinrich Snhr nahm sie willig ans und mühte sich redlich ab, ihnen znm Vorwärtskommen förderlich zu sein. Und was er riet, schlug meistens ein, und die Ratsuchenden staunten, welche fast unerschöpfliche Fülle praktischen Wissens er in jedem Fache entwickelte, ob nun Fragen der Land- oder Hauswirtschaft, des Handels oder des Gewerbes, großer oder kleiner ökonomischer Verhältnisse zur Erörterung standen. Ein paar Kätencrn, denen mir ein Stück Gartenland zur Verfügung stand, riet er beim Verwerten ihrer Gemüse und des Obstes, und die Leute freuten sich des baren Geldes, das sie erwirtschafteten, und — hüteten ihr Geheimnis, wer als treibender Berater hinter ihnen stand. Von zwei Bauern wurde von dem einen Geflügel und von dem andern Honig von den Bauernhöfen anfgckanft und mit der Bahn nach Kiel versandt — aber auch sie schwiegen, wer ihnen die Einnahmequelle erschlossen hatte. Und wie sic, so machten cs zunächst die anderen Klugen auch, die da heimlich in dem alten Schnlhanse zu Gaste waren. Bis eine Zeit über das Dorf hercinbrach, die zu den schwersten gehörte, die die Herzen erschüttern konnte. In dem Orte waren einmal cinnndvierzig Gebäude durch eine Feuersbrnnst, angelegt von einem Irrsinnigen, zerstört worden, und das Elend war groß gewesen. Aber die es mit durchgemacht und von den Schrecken des Brandes noch nach 388 1808 Jahrzehnten erzählt hatten, verstummten vor dem Leid, das die neue Heimsuchung mit sich brachte. Die Diphtherie hatte ihren Einzug in die Gemeinde gebalten, und sie trat so bösartig und verheerend auf, daß fast kein Haus von schwerer Trauer verschont blieb. Die Kräfte der beiden in Bornhöved ansässigen Ärzte reichten um so weniger ans, als die Krankheit auch in anderen Ortschaften um sich griff. Und es war ein reiner Zufall, wenn ein nach dem Kirchorl gejagter Bote einen der Arzte zu Hanse traf. Da griff in seiner stillen, kraftvollen Art abermals Heinrich Suhr ein. reiste nach Hamburg und brachte den Doktor Herbert Rasmussen mit, einen jungen Arzt, der jahrelang in einem Krankenhaus tätig gewesen war und mit Eifer, Energie und selbstloser Aufopferung den Kampf gegen die Geißel Ankenhofs aufnahm. Und der dann, gehalten von seinem Erfolge und von der gegründeten Aussicht auf eine selbständige Lebensstellung der ländlichen Gemeinde erhalten blieb. Nun wurde der Dorfschnlmeister auch von den steifnackigen, besitzstolzen Bauern offen anders gewertet und sein Ansehen stieg, je mehr die plötzlich gelösten Zungen von seinem Anteil an dem Aufschwung der Gemeinde zu berichten wußten, und je freundschaftlicher sich das Verhältnis zwischen ihm und dem angesehenen, auch von den Großbauern umworbenen Arzte gestaltete. Heinrich Snhr erkannte die ihm günstige Wandlung und war nicht unempfindlich dafür, ließ sich aber in seinem inneren Wesen nicht „beeinflussen. So blieb er der strenge Schnltyrann, hielt sich von der Öffentlichkeit fern und blieb bei allem Wirken für die Gemeindeinteressen stets hinter den Kulissen. In diese Zeit fiel die Übersiedelung Martin Boyens nach Repen- hagcn, und die durch Doktor Rasmussen vermittelte Bekanntschaft des Bankiers mit dem einfachen Dorflehrer, und gleich bei der ersten kurzen Begegnung fühlten sich beide Männer zu einander hingezogen. Das schlichte und doch sichere, zielbewusste Wesen des Mannes berührte in dem alten Geschäftsherrn eine gleichgestimmte Saite, und er lud den Lehrer ein, ihn auf Rcpenhagen zu besuchen. Heinrich Suhr aber schüttelte den ausdrucksvollen Kopf und lehnte dankend ab. „Ich habe von Ihrem Palast gehört, Herr Boyen," sagte er ruhig, „aber der Prunk des Reichtums ist mir fremd geblieben, und ich will ihn auch nicht kennen lernen. Haben Sie Dank für Ihre Güte, aber lassen Sie mich unter meinem Strohdach, wo es zu sorgen gibt und wo ich mich am wohlsten fühle." „So geben sie mir die Erlaubnis," antwortete Boyen, „mich wieder bei Ihnen einfinden zu dürfen." „Das tue ich gewiß mit Freuden. An den Mittwoch- und Samstag- Nachmittagen, in den Abendstunden und an den Sonntagen stehe ich immer gern zu Ihrer Verfügung, wenn Sie keine Ansprüche mitbringen wollen." „Nein, keine!" Und dann kam der alte Kaufherr oft und öfter in das Dorf, ließ seinen Wagen an der Dorfstraße halten und ging zu Fuß den von, Haselknicks überschatteten Seitenweg nach dein Schulhause hinauf. Uno saß oft stundenlang in dem niederen Wohnzimmer Suhrs oder auf der weißgestricheneu Gartenbank vor den Fenstern und faßte an dem Manne und an dem Ort ein Interesse, das ihn dann auch in seinem eigenen Heim nicht mehr los ließ. Die Ausflüge und der Gedankenaustausch mit dem Lehrer wurden ihm zum steigenden Bedürfnis, und wenn er nicht selbst durch gesellschaftliche Verpflichtungen, wie sie namentlich die häufigen Hamburger Besuche mit sich brachten, an die Villa gefesselt war, hielt ihn nichts von der täglichen Fahrt nach dem Dorfe ab. So saßen die beiden Männer auch heute vor dem Schulhause, und die Nachmittagssonne glitt mit schrägen Strahlen noch eben in die Wipfel der mit halbreifen Früchten behangenen Obstbäume, als der Postbote Snhr einen Brief überbrachte, den dieser sogleich öffnete. Boyen wollte nicht hören und sein Blick streifte über den Garten hin und haftete an einem Beet mit großen, grellblüheuden Sonnenblumen, als ein Seufzen des neben ihm Sitzenden ihn anfhorchen und sich forschend umschaucn ließ. Die nur wenig kräftige Gestalt Suhrs war noch mehr als gewöhnlich zusammcngesunken und über das hagere Gesicht lief ein Zucken. „Unangenehmes?" fragte Boyen lakonisch. Und die ebenso kurze Antwort lautete: „Leider — sehr." „Pardon, — lieber Herr Suhr — darf man wissen?" fragte Boyen impulsiv. Suhr richtete sich nicht auf und sprach leise und undeutlich murmelnd, als vergäße er, daß er dem andern berichten wollte und der ihn verstehen sollte. Der Brief hatte ihm sichtlich eine Enttäuschung gebracht und drängte ihm bittere Worte ans die Lippen. „Ja, ich kann mich aussprechen, denn es wird ja doch bald kein Geheimnis mehr sein. Ich muß nachher zu dem Ortsvorsteher und ihm Mitteilung davon machen — er und die Gemeinde werden nicht sehr freudig überrascht sein. Es ist richtig: es gibt ärmere Gemeinden, als die unsere; aber — vom Reichtum sind wir doch auch weit entfernt, und mehr als einer der Bauern und Kleinleute wird nicht wenig bedrückt werden." „Ja, was steht denn in Frage?" warf Boyen ein. „Ja, was. Natürlich der Neubau des Schnlhauses. Und der zweite und dritte Lehrer. Ich sprach Ihnen wohl schon davon, daß es so, wie jetzt, nicht weiter gehen kann? Früher kamen aus dem Dorfe und von den zur Gemeinde gehörigen Vorgehöiten und Gutsbezirken an die hundertundzwanzig Kinder zusammen, und die beiden Schulzimmer reichten zur Not ans. Aber jetzt ist die Zahl zweihundert schon um ein Dutzend überschritten und die Räume sind viel zu klein geworden. Sie hocken auf den Schulbänken förmlich auseinander, die Luft ist furchtbar und der Massenunterricht nicht minder. Die Kinder sind verschieden; sie sind feine, äußerst empfindliche Gebilde, die, wenn sie sich entfalten sollen, alle nach ihren Besonderheiten gepflegt werden müssen . . . Und wir hier, wir können die Eigenarten nicht einmal ergründen, wir können nur die große Herde zu ziehen, können nur mit der Schablone und nur durch den Zufall zu fördern suchen. Und mein Gehilfe, ein Präparand, selbst ein Junge noch, steht der Herde ganz hilflos gegenüber, kann sie gewissermaßen nur in den Stall treiben und dürftige Versuche anstellen, ob vielleicht ein paar aus der Masse seine Kunststücke, die er ihnen Vormacht, mit der Zeit begreifen und nachmachcn. Das ist die Kehrseite der Entwicklung, die das Dorf durchgemacht hat. Die leibliche Wohlfahrt ist gestiegen, ja; aber die geistige, die ist immer mehr nach abwärts gedrückt worden. Und nun der Schaden ausgebessert werden soll, sieht man erst, wie groß er gcworden ist. Und man steht erschreckt vor den Opfern, die erforderlich sind und die aufzubringen eine harte, wenn nicht unlösliche Aufgabe ist. Und niemand ist da, der die Hände rührt, und keine Regierung, die da beisteht. Nur eine, die da kritisiert und fordert und befiehlt. Nur eine, die die notwendige Abhilfe auch ihrerseits verlangt, Aber die stützende Beihilfe versagt . . ," Suhr hielt noch den knisternden Briefbogen in der Hand, starrte darauf nieder nnd machte eine minutenlange Pause. Dann hob er, ohne sich aus seiner Stellung aufzurichten, langsam wieder an: „Die Pläne des Neubaues sind lange da; die sind auch seit Monaten genehmigt, und die Regierung hat weise vorgesehen, daß noch ein Erweiterungsbau für eine vierte Klasse möglich bleibt. Ö ja, es kann kommen, daß die noch notwendig wird, und die Voraussicht ist sehr, sehr vortrefflich. Nur daß die Herren nicht auch den Beutel aufgetan, daß sie die ganze Last lieber auf das Dorf abgeschoben haben! Hilf dir selbst — das ist die Hilfe derer vom grünen Tisch. Ja, aber wer kann denn aus unserer Mitte groß hergeben? Es ist nicht gut zu verlangen, daß die paar wohlhabende Bauern und der Holzhändlcr Detlevsen vom Bahnhof allein bluten sollen. Die Last muß auf alle Schultern verteilt werden — ach, und da sind dann viele, die sie nur schwer oder gar nicht tragen können. Alle die Hufner/, die Insten, die schon so nicht auf Rosen gebetteten Kätener. Ein Drittel sollte die Regierung hergeeen, und für ein Drittel wollte unter gewissen Bedingungen Detlevsen einstehcn. So blieb das letzte Drittel für die Gemeinde, und das war am Ende zu ertragen. Nun ist der Berg über Nacht wieder doppelt hoch angewachsen, und ich weiß nicht, wie wir da hinüberkommen sollen." _ (Fortsetzung folgt.) Ich mochte wieder jung sein! Humoreske von ilsx blirsekkelä. (Nachdruck verbalen.) „Ich möchte also wieder jung sein," sagte bedächtig der Gerichtsrat, „aber wenn ich bitten darf, mit all den Kenntnissen und Erfahrungen, die ich heute besitze." „Ja, ja, ja!" nickte der Teufel und notierte eifrig in seinem Notizbuche. „Der Gedanke ist zwar nicht neu, aber schön, und jedenfalls noch nicht ansgeführt. Es wäre daher auch wissenschaftlich interessant, das Experiment anzustellen." „Es ist doch eine sonderbare Sache", meinte der erste wieder, ein behädiger Herr von etwa fünfzig Jahren. „Ich sitze hier so auf dem Waldfeste bei einem Gläschen Wein, schaue der tanzenden Jugend zu und denke mir: Wenn du doch da wieder mit drunter sein könntest. Ich gäbe meine Seligkeit dafür —" „Ja, ja!" unterbrach ihn Mephisto, „und mein Stichwort hören nnd sofort erscheinen, ist das Werk eines Augenblicks. So, Herr Gerichtsrat, hier ist oas Schriftstück fertig, ich bitte nur zu unterschreiben." Der Gerichtsrat überflog das Papier. „Sehr gut! Juristisch alles in Ordnung! Ich soll also wieder das Alter von zwanzig Jahren erlangen — ein ganz hübsches Alter! — nnd im Besitze aller meiner jetzigen Kenntnisse und Erfahrungen sein. Hm, ja — aber in welches Milieu wollen Sie mich versetzen — daran habe ich ja noch gar nicht gedacht?,, „Bitte, ich habe sehr Wohl daran gedacht. Herr Gerichtsrat haben den Vertrag nicht ganz aufmerksam gelesen. Hier steht es: .Vertragschließender Gerichtsrat Konradi tritt in genau dieselbe Zeit und dieselbe Umgebung ein, wie damals, als er zwanzig Jahre alt war". — Sic verstehen, Herr Rat, es ist das einfachste und auch für mich eine kleine Erleichterung, — ich schraube nur das Rad der Zeit um dreißig Jahre zurück. Es gibt ja Leute, die sogenannten Fortschrittler", — er lachte Höhnisch " „die behaupten, daß so etwas unmöglich wäre. Nun, Sie werden sofort sehen, daß die Leute in dem erwähnten Punkt ebenso unrecht haben, wie in allen ihren anderen Ansichten. Sind Sie bereit zur Reise in die Vergangenheit?" „Ich bin es." . , d^->- 'ML. '^' >'E 390 1908 ^ Gleich darauf befand sich Gcrichtsrat Konradi in dem Dachstübchen, in dem er vor dreißig Jahren als Primaner gehaust hatte. Entzückt sprang er in die Höhe, Ja, er fühlte wieder die ganze Elastizität der Jugend in sich. Er blickte in den kleinen Spiegel, der am Fensterrahmen hing und nickte seinem Ebcnbildc wohlgefällig zu. Aber einen Augenblick später verdüsterten sich stüne Züge. Er sah den mit Büchern und Heften bckramten Tisch und vor dem Stuhle die Geschichtstabcllcn aufgeschlagcn. Es kostete ihni nur wenig Nachdenken, um herausznrechnen, daß er sich jetzt in seinem zwanzigsten Lebensjahre vor dem Abitnrientenexamcn befand. Nur noch vierzehn Tage trennten ihn von diesem folgenschweren Ereignis. Diese vierzehn Tage hatte er immer die schrecklichsten seines Lebens genannt, und er wußte noch ganz genau, daß er im Examen mit Mühe und Not durchgekommen war, aber nur deshalb, weil er in den letzten vierzehn Tagen wie wahnsinnig gebüffelt hatte. Das stand ihm jetzt also bevor. Was half es ihm nun, daß er sich im Besitz juristischer Kenntnisse befand, deren sich der Justizminister selbst nicht hätte zu schämen brauchen. Ein neuer Schrecken durchfuhr ihn, als ihm einficl, Mephisto würde ihn in diese Lage zurückversetzt haben, ohne ihm diejenigen Kenntnisse zurückzugcben, die er im Alter von zwanzig Jahren hatte. Aber als er sich selbst einer kleinen Prüfung unterzog, war er freudig überrascht — der Teufel ivar kulant gewesen, er hatte ihm auch seine ganze Schulwisscnschaft wiedergegeben. Verzweifelt stürzte er sich ans die Gcschichtstab.llen und repetierte mit demselben Eifer wie vor dreißig Jahren und mit demselben Erfolge, daß er vom Stuhle sank und auf der harten Erde einschlicf. Als er sich am nächsten Morgen wieder zur Arbeit setzen wollte und vorher ans Fenster trat, um ein wenig frische Luft zu schöpfen, durchfuhr ihn ein freudiger Schreck, — in dem Hanse gegenüber wurde die Gardine zurnckgcschlagen, und Klothilde erschien, — der Inbegriff aller irdischen Schönheit n»d Lieblichkeit. Es fuhr ihm zwar durch den Sinn, daß sic später recht dick geworden war und einen Häusermakler geheiratet hatte. Aber diese Erinnerung hatte doch nur den Wert eines häßlichen Traumes. Jetzt war er wieder jung, jetzt begann das Leben von neuem —, er würde nicht mehr so feige sein wie früher, jetzt würde er dem Onkel schon die Wahrheit sagen — er wollte und mußte Klothilde gewinnen. Freudig setzte er sich an die Arbeit, der Gedanke an das schöne Mädchen gab ihm neue Kraft. Aber würde Klothilde auch „ja" sagen? Ein wehmütiges Lächeln umzog seine Lippen, als ihm einficl, daß die schöne Klothilde sich über seine große Verehrung eigentlich immer lustig gemacht hatte. Nun ja, damals war er ein grüner Junge — wie er es zwar jetzt auch äußerlich war — aber nun als ein innerlich gereifter Mann wußte er mit Frauen Bescheid, — o er würde sic schon zu nehmen wissen. Wie anders konnte er dem Onkel gegcnübertreten, wenn er ihm sagen durfte, daß er von Klothilde wicdcrgclicbt werde und daß sie beide einig wären, nicht von einander zu lassen. * Das Abiturientenexamen war wieder mit Mühe und Not bestanden und zu Ehren der Abiturienten wurde ein Ball gefeiert. Hager und blaß, angegriffen von der andauernden nächtlichen Arbeit, stand Konradi am Eingänge des Fcstsaales und blickte sehnsüchtig zu Klothilde hinüber. Ob er noch so tanzen können wird wie damals? Er gab sich einen Ruck, schritt ans das schöne Mädchen zu und machte seine Verbeugung. „Danke, Herr Konradi," lächelte sie schnippisch, „ich bin jetzt zu müde." „Darf ich dann um den nächsten Walzer bitten?" „Znm nächsten Walzer bin ich schon engagiert, Herr Konradi." „Was? Konradi? Herr Gerichtsrat heißt es, wenn ich bitten darf." „Was sagten Sie eben?" rief erstaunt das junge Mädchen. „O nichts, nichts — die Hitze —" stammelte der junge Mann verwirrt und zog sich mit verwundetem Herzen zurück. Zähneknirschend setzte er sich an. einen Tisch im Hintergründe und bestellte ein Glas Bier. Aber seine schlechte Laune hielt nicht lauge an. Er sagte sich, daß sein Onkel wie gewöhnlich mit der Familie Klothildens an einem Tisch znsammensitzcn werde und dann hatte er ja Gelegenheit, alle Vcrführcrkünste springen zu lassen, die ihm im Verlauf eines ereignisreichen Lebens bekannt geworden waren. In der Tat hatte er das Glück, Klothildens Tischnachbar zu sein, und er wußte sie so interessant zu unterhalten, daß die Schöne einmal über das andere den Kopf schüttelte und sich sogar herbciließ, ihm Komplimente zu machen. Und dann begann er den Schwerenöter zu spielen, wie er es in den letzten Jahren seines alten Lebens oft so erfolgreich getan hatte, ohne die sonderbaren Blicke Klothildens zu beachten. Plötzlich lachte diese so laut auf, daß d e alten Herren sich fragend zu ihr wandten. „Denk dir nur, Papa!" rief sie heiter, „Herr Konradi hat mich zu einem Rendezvous im Stadtpark eingcladen." „Aber da gibt es gar nichts zu lachen," sagte der Onkel streng, „das zeigt mir, daß der Beugel Wege einschlägt, deren ich ihn bei allem sonstigen Leichtsinn nicht für fähig gehalten hätte." „Es kann einem um die Sittlichkeit der heutigen Jugend bange werden!" fügte Klothildens Vater stirurunzelnd hinzu. Konradi glaubte vor Scham, Zorn und beleidigtem Ehrgefühl in die Erde sinken zu müssen. * * * Einige Monate später stand Konradi in dem Zimmer seines Onkels. „Du kennst mein Ultimatum," herrschte dieser ihn an, „du beendigst dein juristisches Studium und crhälst, sobald du dein Asscssorcxamcn gemacht hast, zur Belohnung die Hand meiner Tochter. Willst du nicht, gut, so geh' — von mir bekommst du nicht einen Pfennig." In Konradis Hirn wogten bunt die Gedanken, — Gedanken, wie er sie seiner deutlichen Erinnerung nach genau so vor dreißig Jahren gehabt hatte. Er haßte das juristische Studium und hätte sich so gern der Naturwissenschaft zugewandt, mit der er sich auch als Gerichtsrat in seine» Mußestunden gern beschäftigt hatte. Und dann seine Cousine! Sie war nicht gerade häßlich, aber gewiß keine Schönheit und ein Jahr älter wie er. Noch weniger einladend war ihr Charakter. Jetzt allerdings wußte er ja aus Erfahrung, nachdem er sie wirklich geheiratet hatte, daß ans ihr schließlich eine leidliche Ehefrau geworden war, - aber welche Kämpfe hatte sie ihm auch gekostet, — und das sollte er nun noch einmal dnrchmachcn! „Lieber Onkel," sagte er, „ich wäre gewiß nicht zu dir gekommen, wenn mich Nicht die bitterste Not getrieben hätte. Eine Zeitlaug hielt ich mich als juristischer Einpauker über Wasser —" „Wie? Was?" rief der Onkel „Du, der du noch nicht effnual das erste Semester hinter dir hast, willst mir einreden, du bereitest ältere Juristen zum Examen vor?" „Ja, Onkel, du kannst das allerdings nicht verstehen, — aber das hängt mit meinem früheren Leben zusammen. Eigentlich müßtest du dich ja erinnern, wie ich vor dreißig Jahren genau so vor dir stand, — damals allerdings war ich nicht einmal einen einzigen Monat imstande gewesen, mir als Student eine Existenz zu verschaffen." Der Onkel war aufgesprungen und starrte den Neffen erschrocken an. „Ich muß einen Arzt holen, er ist übcrgeschuappt", murmelte er und stürzte hinaus. Verzweifelt sank Konradi in einen Sessel. „Lieber Mephisto," flehte er, „wenn du mich hören kannst, so erlöse mich, mach meinen Kontrakt rückgängig und laß mich wieder der Gerichtsrat Konradi im Alter von fünfzig Jahren sein. Es ist ja recht schön, jung zu sein, aber an einem Leven voller Widerwärtigkeiten habe ich ganz genug. Ich lebte so schön mit meiner Gattin, die sich mir schließlich augcpaßt hat, und den braven Kindern, die sie nur schenkte. Ich war überall geachtet und angesehen und reichlich mit Lebensgiitern gesegnet, die nur alle Bequemlichkeiten erlaubten, die ich jetzt so sehr vermisse. Bitte, lieber Mephisto, nimm mir die Bürde der Jugend wieder ab." ^ ' « „Ich habe es dir immer gesagt, lieber Mann," sagte die Gcrichts- rätin, „daß es dir nicht mehr bekommt, wenn du mehr als drei Glas Wein trinkst. Du wirst dann immer schläfrig, - und es war geradezu beängstigend anznschen, wie du im unruhigen Schlaf hin und hcrfnhrst und mit den Händen gestikuliertest." Der Gcrichtsrat erhob sich und schaute erst verwirrt, dann lächelnd umher. „So ist cs gut, Alte," sagte er, „am besten, wir bleiben die, die wir sind!" Die Gerichtsrätin verstand ihn zwar nicht, nickte aber trotzdem zu- stimmend. denn sie hatte im Laufe der Zeit es für gerat.» gefunden, ihrem Manne stets beizustimmen. Seitdem pflegte der Gerichtsrat immer mißbilligend den Kopf zu schütteln, wenn jemand äußerte: Ich möchte wieder jung sein. Oer Hiochmüller. Erzählung von llsinriekLIss. (Nachdruck verboten.) Ein rüstiger Fußgänger konnte den Weg von der Kreisstadt Haberg bis zur Lochmühle in zwei Stunden znrücklegen. Ans dieser Strecke lag ein kleines Dorf, das jedoch nur wenig zur Belebung dieser au sich reizlosen Gegend beitrug. Felder wechselten mit Wiesen ab, je nachdem das Gelände hoch oder tief lag, tis endlich häufiger werdende Strauch- und Baumgruppen die Nähe des Waldes andenteten. Die Gegend war also einsam, zumal auch rechts und links von der Landstraße keine menschlichen Ansiedelungen zu finden waren. Vor der Landstraße bog in diesem Augenblick ein mit zwei Pferden bespannter Wagen ab und fuhr in scharfem Trabe aus die Mühle zu. Diese lag in einem engen Talkessel, den die ringsum aufstrebenden steilen Felsen nur an der südlichen Seite offen ließen. Die Hänge der znnächstliegcnden Berge trugen Laubholzbcstand, während weiter zurück sich dunkle Massen ernster Nadelholzdickuugen au den Horizont lehnten. Die Mühle lag in einem Loch, und ihre Lage gab ihr den Namen. Daraus war der munter sprudelnde Gebirgsbach abgcdämmt. Ein breites Wehr zwang einen Teil des Wassers in'den künstlich angelegten Mühlengraben, der sich erst wieder einige hundert Meter unterhalb des großen Schaufelrades mit dem Bache vereinigte. Als heute diese abgeleiteten Wasser das gewohnte Bett wieder fanden, ging ein Raunen und Flüstern durch das rauschende Plätschern, und die 1908 3S1 > --- - > -^ Als Dr. Grimberg vor das Haus trat, fuhr ein zweiter Wagen vor, dem der alte Notar, Justizrat Nagel, entstieg. Der Notar war ein Freund von Grimbergs Vater und kannte durch seine langjährige Praxis alle Leute im weiten Umkreise, ihre guten Seiten und ihre — Schwächen. In der Seele des Arztes klangen die soeben gehörten Worte der Müllerlene noch nach und wühlten die Erinnerung an eine alte Geschichte auf, die ihm vor vielen Jahren sein Vater erzählt hatte, deren Einzelheiten ihm jedoch nicht mehr erinnerlich waren. Lange Zeit zum Nachdenken blieb ihm aber nicht; denn in diesem Augenblicke knarrte die Zimmertüre, nnd in das Halbdunkel der tünche trat der Geistliche. Seine Hand war wie zur Abwehr erhoben, nnd in seinen Mienen spiegelte sich Abscheu.- „Herr Notar, der Müller will sein Testament machen, der Herr Doktor und ich werden wohl Zeugen sein müssen." Die drei Herren betraten das düstere Zimmer, durch dessen trübe Fenster der sche.dcndc Tag winkte. vom Mnftlersest: Die Wunder Indiens. .KrL-.'- anfhorchenden Forellen nnd Krebse hörten verwundert, daß das Mühlrad sich nicht drehe, sondern steif nnd stille stehe wie am Sonntag, daß ein Wagen angckommen sei, der den Pfarrer nnd den Doktor zur Mühle gebracht habe. Was mochte in der Mühle vor sich gehen? Nachdem ein Herr in bequemem Lodenanzug und Radmantcl leichtfüßig ans dem Wagen gesprungen war, folgte in feierlicher Ruhe ein Geistlicher, dessen Haare das Alter schon gebleicht hatte. Während der jüngere sich schnell in das Innere des Wohnhauses begab, ging der ältere langsamen Schrittes eine Weile auf und ab, bis ein Weib in der landesüblichen Tracht der Bäuerinnen auf die Schwelle trat und ihn mit den Worten anredete: „Sie können hereinkommen, Herr Dechant, — er will Sie sprechen." Es war die „Müllerlene", seit einer Reihe von Jahren Wirtschafterin des einsam lebenden Lochmüllers. Ohne ein Wort der Erwiderung ging der Priester an der Frau vorbei, durchschritt die Küche und trat ins Wohnzimmer, das zur Krankem stnbe nmgewandclt war, ohne daß man es hierdurch seinem ursprünglichen Zweck entzogen hätte. Ans dem Tisch lag Hut nnd Mantel des Arztes; dicht daneben umringten schwarze Fliegen einen Tropfen Milch, der dem Anfwischtnche entgangen war. Holzstühle, aus deren Rückenlehne ein Herz her- ansgeschnilten war, st mden wie hilflos an den Wänden; eine roh gefügte Bank füllte den Rann: zwischen Tisch und Seitcnwand ans nnd trug durch ihre unschönen Formen mit dazu bei, dem Raume ein tristes Aussehen zu verleihen. An der Hinteren Querwand, wo das spärliche Licht, das die trüben Scheiben durchstießen, sich fast v.rlor, war ein plnm- p>.s Bett anfgcsclstngen, von dessen gelbweißen Kissen dqs eingefallene Gesicht eines alten Mannes in seiner fahlen Blässe sich nur wenig abhob. Man konnte sehen, daß der Tod in der Nähe lauerte, um im geeigneten Moment mit harter Kno- chenfanst den Rest des fliehenden Lebens völlig zu erwürgen. Als sich die Tür öffnete und die schwarze Gestalt des Geistlichen cin- trat, wandte der Kranke sich mühsam und seinen Lippen entrangen sich ächzend die Worte: „Ich kann nicht sterben!" Die schon halb gebrochenen Augen suchten in verzehrender Angst das Gesicht des Priesters. Während dieser an das Bett trat, verließ der Arzt die Stube nnd stieß mit der Bäuerin, die sich verlegen aus gebückter Haltung vor der Türe aufrichtete, zusammen. „Ach, Herr Doktor!" entfuhr es ihr. Der so Angeredete, praktischer Arzt Or. msä. Grünberg, zog die Frau in das Innere der Küche nnd verwies ihr das Horchen. Ans den schwarzen Augen der Frau, die einst schön gewesen sein mochte, schoß ein tückischer Blitz, und ihrer Stimme konnte man mühsam verhaltene Erregung anmerken, als sie hervorstieß: „Wenn er mir nichts vermacht, verrate ich alles!" Der Arzt, dem sein Beruf oft Gelegenheit bot, einen Blick in die geheimsten Tiefen der Menschensccle zu tun, blieb stehen und schaute der Frau fragend ins Gesicht, dessen Muskeln unausgesetzt von heftigen Zuckungen verzerrt wurden. „Müllerlene, was schwatzt Ihr da?" herrschte der Arzt die Frau an. Das Weib war augenblicklich ruhiger geworden; sie mochte befürchten, eine Übereilung begangen zu haben, und erwiderte ausweichend: „Um 6 Uhr kommt der Notar, dann wird sich alles finden." Drei Tage später trug man den alten Müller zur letzten Ruhe. Die Leute behaupteten, daß dies des Alten erste sei, denn im Leben habe die Ruhe seine Schwelle gemieden. Kurze Zeit darauf trafen der Notar und der Arzt in der „Traube" zusammen, und jetzt erfuhr Dr. Grimberg, daß man dem Müller ein Verbrechen nachsagte, trotzdem die Geschworenen seinerzeit ein Nichtschuldig gesprochen hatten. Ans der „Pfaffcnwies'", über die der bekannte Rotwildwechscl führte, fand man an einem stürmischen Dezembcrtage die Leiche des erst vor kurzem in diesen Belauf versetzten jungen Försters. Die Kugel, ein Rundgeschoß, wie solche aus Flintenlänfen geschossen werden, hatte das Herz durchschlagen und saß im Rückgrat. Ein schwarzbrauner Deckel hielt die Torenwacht. Als man seinen Herrn zu Tale trug nnd die Loch- mühle passierte, nahm der Hund anscheinend eine Fährte ans, die er bis zur Türe des Wohnhauses hielt. Dort heulte das treue Tier in solch jämmerlichen Tönen, daß die Holzhauer die Bahre mit der Leiche sanft zur Erde setzten nnd dem Hunde nachgingen. Die Tür blieb verschlossen, und da auch auf anhaltendes Klopfen nicht geöffnet wurde, nahm einer der Männer den Hund, da dieser sich 1008 M nicht weglocken ließ, auf den Arm und trug ihn neben dem toten Herrn zur Försterei, wo ein junges schönes Weib, an dessen Kleid sich zwei blühende Kinder klammerten, mit irren Augen diesem Tranerzuge entgegenstierte. In das Wehklagen der Försterin und das Weinen der Kinder mischre sich das schaurige Heulen des Hundes.- Der Müller, der unter Anklage kam, konnte sein Alibi beweisen, da eine junge Dirn beschwor, der Angeklagte habe die fragliche Nacht in ihrer Kammer zngebrachl. „Und diese Dirn war?" fragte der Arzt. „Tie Müllerlene", antwortete der Notar. Der alte Pfarrer, der sich mittlerweile den beiden zngesellt hatte, hätte noch etwas hinzufügen können; aber das Gebot seiner Kirche schloß ihm den Mund.- Zwei Wochen später fand ans dem Amtsgericht in Haberg ein Termin statt, zu welchem auch die Wittwe des vor fünfzehn Jahren meuchlings ermordeten Försters Hambuch eine Ladung erhalten hatte. Als diese in den Sitzungssaal trat, fand sie dort die Müllerlene vor, die ihr einen erstaunten Blick zuwarf, dann aber wieder stumpf vor Regel freundlich und heiter, so auch das Bild deS kleinen Gefangenen, der vor Langeweile nicht weiß, was er anfangen soll. Der Humor des Bildes liegt nicht zum wenigsten in dem Gegensätze zwischen dem ernsten Spruche auf der Wandtafel und dem kleinen Faulenzer, der die zweite Hälfte des Spruches viel besser zu würdigen weiß. — Ein Bild frohen studentischen Lebens zeigt uns Hans G. Jentzsch in seinem Gemälde „O wonnevolle Jugendzeit!" Wer den Zauber dieses Stndentenlebens nicht selbst genossen hat, den läßt dieses Bild ihn ahnen. Und wer in ihm Anklänge und Erinnerungen aus seiner eigenen Vergangenheit findet, dem zieht wieder das alte Lied durchs Herz, das auch er einst sang: von der wonnevollen Jugendzeit und der Mm IiospitaliZ. — Von dem dreitägigen Künstlcrfest „Düsseldorf im Jahre 2000" bringen wir heute zwei Momentaufnahmen, die während des Festes an Ort und Stelle selbst gemacht sind. Das eine Bild zeigt die vom Maler Gerh. Janssen (im Vordergrund der zweite von rechts) arrang erte Altdnsseldorfer Kneipe mit den Damen, die sich bereitwillig als Kellnerinnen in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt haben. Das zweite Bild traimnttnmk Uml n MW vom kunstlerfest: Die sich hinstarrtc. Nach Aufzeichnung der Namen der Anwesenden verlas der Richter das Testament des Johann Blasius Bwbach, Besitzers der Lochmühle. Bis zu der Stelle, wo es hieß: „Der Witwe des Försters Hainbuch vermache ich ein Kapital von 6000 Talern, das ich vor zehn Jahren auf der Landesbank cingczahlt habe", folgte die frühgcalterte, granigebengte Frau der Verhandlung, dann brach sie zusammen und mußte in das dem Gerichtsgebände gegenüber gelegene Haus des Dr. Grünberg geschafft werden. Die Erinnerung an einen trüben Dezembermorgen vor vielen Jahren war zu unvermittelt in ihr lebendig g worden. Sie sah wieder mit furchtbarer Deutlichkeit eine von Holzfällern getragene Bahre aus Ästen und Zweigen, darauf, kalt und starr, den, den sic mit ihrem warmen, jungen Herzen so heiß geliebt, und ihr Ohr hörte wieder das herzzerreißende Wimmern ihrer Kinder, durch das ein schauriges Hundehenlen bis weit in den Wald gellte. Unsere Gilcler. Otto Piltz hat die meisten Motive zu seinen Bildern der Kindcr- welt entnommen. Deswegen sind die Szenen, die er schildert, in der Alt-Düsseldorfer Kneipe. zeigt die gesamten Mitwirkenden des ebenso geschmackvoll wie reich aus- gestatteten indischen Theaters. Die „Wunder Indiens" gehörten zu den am meisten begehrten und besuchten Attraktionen des bunten Festes. Die Arrangeure (Klein-Diepold u. s. w.) sind unschwer zu erkennen. Allerlei. sKnnstkenner.j Die Dame, um die sich der Herr bewarb, war etwas stark geschminkt. Der Herr schien nicht recht „anbeißen" zu wollen. Da fragt ihn der Vermittler leise: „Warum treten Sie denn nicht näher?" — „Hm", antwortet der Kandidat, „Gemälde muß mau doch immer aus einiger Entfernung betrachten." sVom Kascrnenhof.j Feldwebel: „Sie, Einjähriger, wenn Sie mir noch einmal auf den Boden spucken, dann geben Sie acht. Sie sind hier aus dem Kaserncnhof und nicht im Salon." (Kein Hindernis.j Heiratskandidatin: „Überdies singe ich gut, und spiele vorzüglich Klavier und Geige." — Vermittler: „Tut nichts, der Bewerber ist znm Glück taub." N"a>>rur! Nrnno Sckipvan», DMeldors. Druck der Düiieiiwrser BerlaaSanstall A.-G.. Neueste Nachrichten.