I)S1N uncl Illustrierte Sonntagsbeilage ru den „Düsseldorfer Neuesten Nachrichten" Nr. 31 Sonntag, clen 2. Nugust IS08 (2. Fortsetzung.) VIII. Für Robert bestand jetzt die ganze Woche aus den zwei Stunden Unterricht, den er bei Fräulein Mizzi Straubiuger nahm. Alle andern Tage waren sozusagen Erwartungsstadicn. War der Sonntag vorüber, fing er an bis Mittwoch zu zählen, lag dieser hinter ihm, dann rechnete er bis Sonntag. Und saß er in dem hübschen, gemütlichen Zimmer und seiner Lehrerin gegenüber, die ihm alles so ruhig und klar, so sachlich erläuterte, dann verflog nur allzu bäufig der Sinn der Worte für ihn, dann sah er nur das ernste, feine Gesicht, dann hörte er nur die liebe Stimme, die sich in sein Herz schlich mit einer Süße, wie er sie noch niemals, selbst in seinen jungen Jahren, empfunden hatte. Natürlich mußte er sich bald zusammennchmen, wenn sie nicht merken sollte, daß ihn etwas anderes zu diesen Stunden veranlaßt- als dasJntercssefür die französische Sprache. Währenddes Unterrichts saß Mizerl mäuschenstill bei ihren Spielsachen. War dieser zu Ende, dann flatterte sie wie ein Vogel, der lange auf einem Ast gesessen hat, von ihrer Ecke auf und Onkel Robert auf den Schoß, und dann begann eine lustige Plauderstunde. Onkel Schwarz war zum Onkel Robert aufgerückt, und das bewies, wie sehr ihn die Kleine ins Herz geschlossen hatte. Und sie batte auch alle Ursache dazu. Jedesmal, wenn Robert kam, Halle er irgendeinekleine Überraschung für sie in der Tasche. So lieb er auch das kleine Mizerl hatte, so war's doch vorwiegend der Gedanke an die Tante, der sich als ununterbrochener Segen auf das Haupt des Kindes ergoß. Wenn Robert etwas in einem Schaufenster sah, wobei er sich dachte, das wäre für sie, das würde ihr Freude machen, dann ging er in einen Laden und kaufte Naschwcrk oder eine Spielerei für das kleine Mizerl, da er die große Mizzi nicht beschenken konnte. Eines Tages brachte ihr Robert beim Erscheinen ein Tierbilderbuch uit, das das Kind in lautes Entzücken versetzte. Und Blatt um Blatt wuchs der Jubel, besonders bei der letzten Seite, wo ein Schwarm Schwäne abgebildet war. „O, diese großen, schönen Vögel mit dem schneeweißen Gefieder und e langen, gelben Schnäbeln! Tanterl, sich nur, sich nur!" rief sic r», ufhörlich. Oer alte Kopist. Ein Charakterbild von Lanolins vsutoob-IVeiss. (Nachdruck verboten.) Der Ballon Zeppelins in seiner Halle in Manzell Die Tante trat heran, bewunderte ebenfalls und nannte die Namen der Tiere. „Und gibt's auch Löwen und Tiger, die leben? Und all die grünen und roten Vögelchen hier? Und leben auch Schwäne?" fragte Mizerl mit glühenden Wangen. „Natürlich, SchatzerlI Alle diese Tiere leben! Man hat die lebenden auf diesem Papier abgemalt!" „O, Tanterl, den Löwen möcht' ich sehn und all die bunten Vögelchen! Und die Schwäne möcht' ich sehn, besonders die Schwäne, Tanterl!" „Das sollst du, mein Herzl! Sonntag fahren wir nach Schönbrunn in den Tiergarten, dann sollst du alle Tiere sehen, die hier in deinem Bilderbuch sind." Mizerl klatschte in die Hände, dann aber sprang sic auf, faßte Roberts große Hand und rief: „Und nicht wahr, Tanterl, derOn- kel kommt mit? Der gute Onkel Robert, der mir das Bilderbuch geschenkt hat!" So verhalf das kleine Mädchen in unbewußter Dankbarkeit dem großen Onkel zu etwas, was er kaum in Gedanken zu wünschen gewagt hatte. DemFräuleiu MizziStraubin- gcr blieb nichts anderes übrig, als die Einla- düng freundlich zu wiederholen. _ Der von den zweien so sehn- lichst erwartete Sonntagmorgcn brach an und versprach einen schönen Tag zu bringen. Vor Tagesgraucn war ein Gewitter nicdergegangen, hatte die Last gereinigt und den Staub von Wegen und Stegen gewischt, daß die ganze Natur in Frische, Duft und Glanz wie gebadet war. Die drei fuhren mit der Trambahn bis zur Endstation, dann ging's zu Fuß weiter, zwischen wogenden Ährenfeldern, die goldgelb in der Sonne schillerten, auch an Stoppelfeldern vorüber, wo Garbenbündcl in Reih' und Glied lagerten, denn die Ernte hatte schon begonnen, dann wieder quer durch saftig grüne Wiesen, die von gelben Butterblumen durchwirkt waren und auf denen im vollem Glanz die Morgensonne lag. Es war einer jener strahlenden Sommertage, der auch in ein trübes Gemüt noch einen Hauch von Trost und Hoffnung zu bringen vermag. Wie mochte er auf die wirken, die ausgezogen waren, ihn in Lust und Freiheit zu genießen! 242 1908 Bei Mizerl erregte alles Entzücken, sie jauchzte und jubelte bei jedem Schritt. Robert war auch nicht viel anders zumute. Er war schon lauge Jahre nicht außerhalb Wiens gewesen. Diese Weite, diese Bläue, diese soilucugeträuktc, zitternde Luft! . . . Ihm war so leicht und frei ums Herz, als sei er wieder jung geworden; eine fast übermütige Stimmung überkam ihn. Er jagte sich mit Mizerl, ließ sich von ihr Haschen, wälzte sich mit ihr im Grase um die Wette und trieb allerlei lustiges Spiel. Und wenn es sich auch drollig genug auSnahm, wie sich seine große, unbeholfene Person dazu stellte, so ließ dies Bild doch keine kränkende Heiterkeit aufkommcn, so herzlich klang sein Lachen und ein solcher Jubel lag in Mizcrls Stimme, wenn sie ihn mit ihren kleinen Händchen faßte. So kamen sie nach Schöubrunn und betraten das Portal des herrlichen Kaiserschlosses. Es bot an diesem Vormittag einen lebhaften, farbenprächtigen Anblick. Der weite, zu beiden Seiten von schlanken Säulen flankierte Hof war mit Soldaten aller Waffengattungen ungefüllt und die bunten Uniformen und blitzenden Gewehre leuchteten und funkelten in der Sonne. Mizerl stand zuerst mit großen, staunenden Augen da, dann schien sie das kriegerische Bild zur Nachahmung zu reizen. Sic legte plötzlich den kleinen rosa Sonnenschirm, den sie in der Hand hieli, wie ein Gewehr auf die Schulter, fing regelrecht an den Soldaten vorüber zu marschieren an und sang mit ihrem süßen Stimmchcn das Lied, das sie im Kindergarten gelernt hatte: „Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!" In ihrem weißen Sommerkleidcheu, den breiten, Hellen Strohhut im Nacken, das rosige Gesichtchen von braunem Lockengcwirr umflattert, bot das Kind ein gar liebliches Bild. Die Tante wollte Mizerl zuerst erschrocken Einhalt gebieten, als sie aber den schmunzelnden, wohlgefälligen Ausdruck auf allen Gesichtern sah, wie sogar ein paar Unteroffiziere belästigt vor der Kleinen salutierten, indem sie sporenklirrend die Hand an die Mützen legten, ließ sie'S mit einem glücklichen Lächeln gewähren. Aber auch Robert dachte: „DaS kleine Mädel muß man lieb haben. So was Süßes und Herziges gibt's bald nicht wieder." Dann durchschritten sie den hohen gewölbten Torbogen, der in den Park führte, und standen bald an dem umbuschten Weiher, wo Mizerl die Bekanntschaft mit den lebenden Schwänen machte, was im Grunde doch nur eine Art Wiedersehen war. Denn sie behandelte sie wie liebe Bekannte, gab ihnen zärtliche Schmeichelnamen, fütterte sic mit dem Brot, das ihr die Tante in ein kleiner Körbchen gepackt hatte, unterhielt sich mit manchem in einem geheimnisvoll flüsternden Tone, als erzählte sie ihm etwas. Vielleicht von den Schwänen in ihrem schönen Bilderbuche, die immer still auf einem Platze sitzen mußten und sich nicht rühren konnten? . . . Die Tante und Robert saßen auf einer Bank in der Nähe und hörten dem drolligen Geplauder zu. Und dann sprach Robert aus, was er kurz vorher gedacht hatte: „Gnä' Fräulein müssen sehr glücklich sein." Sie verstand ihn und lächelte ihm freundlich zu. „Sie meinen Mizerls wegen? Sie haben recht. Ich kann mir das Leben ohne das Kind nicht mehr denken." Ilnd jetzt dachte der arme-Robert: „Sie hat das Kind . . .sie braucht keinen Menschen auf der Welt . . . Wenn ich wieder aus ihrem Gesichtskreis verschwände, sie würd' cS kaum merken. . ." Mizerl ließ ihm keine Zeit, niedergeschlagenen Gedanken uachznhäugen, sie halte den Schwänen nichts mehr zu erzählen, kam herangcsprungen und faßte seine Hand. „Jetzt wollen wir die roten und grünen Vögelchen sehen, nicht wahr, Onkel?" bettelte sic. Sie erhoben sich und gingen weiter durch breite, herrliche Alleen, die wie grüne Mauern zu beiden Seiten standen und ein fast undurchdringliches Dach über ihrem Haupte bildeten. Sie suchten das Vogelhaus auf, wo Tausende von Stimmchen zwitscherten und sangen, wo'S von F-lügclschlagen rauschte und es in allen Farben leuchtete und glühte. Dann besuchten sie die Tierkäfigc, und auch Mizerls kleines Mäulchen wurde nicht still von Fragen, die unermüdlich bald Tante Mizzi, bald Onkel Robert beantwortete. Fräulein Straubinger trat auch heute mehr aus sich heraus. Der Helle, frohe Tag im Freien und die ausgelassene Fröhlichkeit des Kindes steckten sie an; sic lachte und scherzte. Ihre ruhige Zurückhaltung und der fast herbe Ernst ihres Wesens hatten nichts Verletzendes oder nur Unangenehmes. Man fühlte, daß es das in sich Abgeschlossene einer hart mitgenommenen und vornehmen Natur war. Und Robert gefiel ja alles an ihr. Er hätte sich keinen Zug, keine Linie, keine Bewegung anders denken mögen. Sein Gefühl hatte etwas von der demütigen Verehrung eines Vasallen. — Wie eine Königin kam sie ihm vor, die auf den offenen Markt de? Lebens, wo man sich stieß und beiseite schob, hineingedrängt worden war . . . Sie saßen ansruheud ans einer Bank im Schatten einer mächtigen Eiche, ivährend Mizerl, die nicht lange stillhalten konnte, den Schmetterlingen nachjagtc, und waren ins Plaudern gekommen. Durch einzelne Andeutungen von ihm gewann sie einen Einblick in sein völlig vereinsamtes Leben, daß er keinen Menschen in der Welt sein nannte, zu keinem gehörte. Mizzi fragte, ob er denn keinen Freund in Wien hätte? Nein, auch keine Freunde! Er hatte wohl im Laufe der Jahre Leute kennen gelernt, innerlich war er nie jemandem näher getreten. „Ja warum denn?" dachte Mizzi und sah in sein breites, treuherziges Gesicht und in die guten, harmlosen Augen. Wie war denn das zu verstehen? Hätte sie von dem einen dunklen Punkt in seiner Vergangenheit gewußt, wär's ihr vielleicht eher verständlich gewesen. Aber Mizzi Straubinger konnte noch viel weniger von sich sprechen. — Der Schleier, der über ihrem Elternhaüse, über jenen schweren Jahren lag, an dem rührte sie niemals . . . Sie erzählte ihm einiges von ihrem Aufenthalt in Frankreich und daß sie vielleicht heute noch dort wäre, wenn nicht das Unglück im Hause ihrer Schwester geschehen wäre. „Wie lauge haben Sie das Kind?" fragte Robert. „Seit drei Jahren. Mirzel war noch nicht ganz ein Jahr alt, als ich sic zu mir nahm." „Da haben S' aber viel Unruh' und ungewohnte Müh' gehabt, gnä' Fräulein!" meinte er. „Ja, ja, zu schaffen gibt schon etwas. Aber trotz der ungewohnten Mühe ebenso viel Freude und Befriedigung. Man ahnt gar nicht, was solch ein Würmchen einem werden kann . . .," ihre Stimme klang weich und voll Zärtlichkeit. „Als Sie bei uns einzogen, war's Mizerl krank. Die Hausmeisterin erzählte es mir damals", sagte Robert. „Ach ja, lebensgefährlich, eine schwere Blinddarmentzündung I Der liebe Gott hatte Mitleid und hat sie mir gelassen . . Aber hüten muß ich das Kind wie einen Augapfel. Sie ist ja nur zart und neigt leider zu Erkältungen. Und das ist gar nicht leicht, Herr, Schwarz; denn 's Mizerl ist so lebhaft." „Tanterl, rufst mich?" fragte die Kleine, die mit glühendem Gesichtchen angelaufcn kam. Daun mit einem Blick auf die Tante und sich liebevoll an sie schmiegend: „Tanterl, bist denn traurig?" Mizzi lächelte ihr zu und strich ihr die Haare aus der heißen Stirn. „Wer wird denn an solch einem schönen Tage traurig sein? Nun ist's aber genug, mit dem Herumlaufen! Bist gewiß hungrig und durstig, mein arm's Haschcrl?" „Ach ja, Tanterl!" „Daun gehn wir znm Steindel und essen Mittag." Mizzi sah auf ihre Uhr. „Es ist auch schon reichlich Zeit, es ist nach eins. Ich Hab' das Kind zu lang warten lassen." - IX. Die Restauration Steindel lag gerade dem Schlosse gegenüber. Der Garten war groß und schattig, mit unzähligen Tischen und Stühlen besetzt und von Sonntagsausflüglcrn überfüllt. Es war schwer einen Platz zu finden, und sie durchquerten den Garten einige Male hin und her. Sie bekamen erst einen freien Tisch, als ein paar Gäste aufstanden. Er befand sich dicht am Gitter, das den Garten von der Straße schied. Da bei der Menge der Besucher nicht so rasch au Bedienung zu denken war, ging Mizzi kurz entschlossen selber ins Haus, um Milch für das Kind zu holen. „Achten S' nur aufs Kind, ich bin im Augenblick wieder hier", bat sie Robert. Es dauerte aber doch eine Zeit, bis sie wiedcrkam. „Auch drin ist's überfüllt und das Büfett belagert. Es hat ordentlich einen Kampf gekostet", erzählte sie und wischte sich mit dem Taschentuch das jetzt erhitzte Gesicht. Mizerl trank mit unendlichem Behagen die so schwer eroberte Milch, wenn auch in kleinen Zügen, wie's die Tante mit Vorsicht gebot, und aß ihr Brot dazu. „Dann haben wir Wohl wenig Aussicht, bald etwas zum Essen zu bekommen", meinte Robert. „So scheint'?." „Dann will ich mir auch einen Kellner erobern", sagte er heiter und entfernte sich. Es dauerte auch nicht lange, da kam er mit einem der befrackten Jünglinge zurück, den er der Sicherheit halber am Arme fcsthielt. „Gnä' Frau befehlen?" Es war nicht weiter zu verwundern, daß er sie beide für ein Paar hielt . . . Das Alter hatten sic längst dazu . . . Sie stellte ruhig den Irrtum richtig. „Bitte, Herr Schwarz, bestellen S' selber. Ich bin hungrig und mir wird alles schmecken." Was Robert betraf, so hätte er am liebsten dies Juwel von einem Kellner ans Herz gedrückt. Da aber dies nicht ging, nahm er sich vor, ihm durch ein fürstliches Trinkgeld seine Dankbarkeit zu beweisen. Bald stand das Essen auf dem Tisch, und da sie hungrig waren und es auch schmackhaft znbereitet war, mundete es ihnen doppelt gut. Es war überhaupt ein angenehmes Eckchen, das sie inne hatten. Unter dem schattigen Baum, der dort stand, war's verhältnismäßig kühl, und zu sehen war von ihrem erhöhten Platz auch viel. -Fiaker und Equipagen rollten vorbei, auch vereinzelte Reiter zeigten sich. Da jagte wieder so ein elegantes Gefährt heran. Die Sonne funkelte auf den silbernen Beschlägen desselben, auf d§m blitzenden Geschirr der zwei he.rlichen Pferde, deren rotbraunes Fell wie Seide glänzte. Im Innern saßen drei Herren, ans dem Hintersitz der Groom mit 1908 243 verschränkten Armen. Der Wagen hielt vor dem Eingang zum Garten; die Herren stiegen aus und traten herein. Wie so viele andere schritten sie durch die Gänge, nach einem unbesetzten Tisch ausschanend. In diesem Augenblick wurde einer, gerade Mizzi und Robert gegenüber, frei, sie eilten auf ihn zu und nahmen ihn in Beschlag. In einem der Ankömmlinge erkannte Robert mit Bestürzung Herrn Grilling. War das nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen? Er konnte sich nicht erinnern, ihm in all den Jahren außerhalb der Fabrik begegnet zu sein. Weder ans der Straße noch in irgend einem Lokal war er jemals mit ihm zusammengekommen. Und grade heute! — Seine erste Empfindung war, wie gesagt, fast ein Gefühl des Schreckens. Und der Chef saß so nahe, daß er sich nicht blind stellen konnte. Er mußte den Hut ziehen und grüßen. Ein kaum bemerkbares Nicken, dann ein erstaunter und zugleich ironischer Blick war die Antwort. Merkwürdigerweise gab dies Robert nicht nur die Fassung zurück, sondern ließ etwas in ihm aufsteigen, was sonst nur in seltenen Fällen, sicher aber nie Herrn Grilling gegenüber bei ihm aufkam: eine Regung von Mut und Stolz. Ja, er sollte sich nur die Augen aus dem Kopfe schauen, sein Herr Prinzipat! Mit Fräulein Mizzi Straubinger konnte sich ein noch ganz anderer sehen lassen als er, Robert Schwarz!. . . Sie hatte nichts Altjüngferliches an sich. Wie sic so dasaß in dem leichten Sommerkleide, daS feine, vornehme Gesicht von dem runden Hut beschattet, sah sie wie eine junge, reizende Frau aus. Max Grilling schien derselben Ansicht zu sein. Er sah oft zu Mizzi hinüber, öfter, als cs sich mit einem guten Benehmen vertrug und es Robert lieb sein konnte! Seine dunklen, begehrlichen Angen suchten eine Verbindung herzustellen, ein stummes Gespräch zu eröffnen, Blicke, in denen Bewunderung und ebenso viel Dreistigkeit lag. Mizzi, die sonst nicht sah, was sie nicht sehen wollte, wurde auf die Dauer dies unausgesetzte Anstarren unerträglich. „Wer ist der Herr?" fragte sie Robert mit leiser Stimme. „Sie kennen ihn, denn Sie haben ihn gegrüßt." „Mein Prinzipal . . . Herr Grilling . . ." versetzte er tief bedrückt und zögernd. Er schämte sich, als sei er mitverantwortlich für das ungezogene Benehmen seines Herrn. Sie hatten sich-vorgenommen, so lauge im Garten zu weilen, bis die Hitze etwas abgeuommen haben würde. Nun war ihnen der Aufenthalt völlig verleidet, und sie hätten sich am liebsten gleich entfernt. Doch der Kellner, der sie bedient hatte, war nirgends zu sehen, und so mußten sie sich gedulden. Zum Glück wurden sie durch Mizerl von dem aufdringlichen Gegenüber ein wenig abgelenkt. Sie hatte mit einem zweijährigen Bürschchen, dessen Eltern am Nachbartische saßen, rasch Freundschaft geschlossen, und es war drollig mit anzuichen, wie sie ihn bemutterte. Sic führte den kleinen, kugelrunden Buben, der unsicher und trippelnd ging, an der Hand, schob ihm bald die blonden Härchen aus der Stirn, bald das Kleidchen zurecht; dazwischen klangen die bewundernden, bald mitleidigen Ausrufe. „Tanterl, sieh nur, wie herzig er ist! Und die armen kleinen Fußcrl und Palscherl, sieh doch nur, Onkel, wie klein die sind! Ach, wenn ich so ein Brüderchen hält'! Ich würd' den ganzen Tag mit ihm svielen und ihn waschen und zu Belt bringen und das Abendgebet mit ihm sprechen, grad, wie dn's bei mir tust, Tanterl. Tanterl, könnt' der Bnb nicht bei uns wohnen?" „Würdest du von mir fortgeh'n, Mizerl?" „Nein, ach nein!" rief die Kleine und lief stürmisch auf die Tante zu. '„Das tut's Mizerl nimmer!" „Siehst du, Schatzerl, so geht auch der kleine Bub nicht von Mama und Papa fort. Und Maina und Papa geben ihn nicht weg, wie die Tante das Mizerl nicht fortgibt." Die Lebhaftigkeit der Kleinen hatte nichts Lärmendes und Störendes an sich; sie war so anmutig und drollig wie ihre ganze kleine, süße Erscheinung, und so hörte man auch einzelne Bemerkungen wie: „Gott, ist das Engcrl süß!" „Solch ein gescheites Fratzerl I" „Hat so a herz'ges Goscherl!" „Und bildhübsch ist's obendrein." Der Tante waren solche Bezeichnungen nicht neu. Sie hörte sie oft genug, wenn sie mit dem Kinde spazieren ging. „Wenn man nur immer solch' schöne, gescheite Kinder behalten tat", sagte in diesem Augenblick eine leise, traurige Stimme hinter Mizzi. „Es ist, als ob der liebe Herrgott sie selber haben möcht'. Er denkt, die Engel gehören in den Himmel und nit auf die Erd'." Mizzi sah sich erschrocken um. Hinter ihnen, etwas seitwärts, saß ein Paar: ein Mann und eine halbbäurisch gekleidete Frau, deren bleiches, verhärmtes Gesicht ihr gleich beim Eintreten ausgefallen war. Sie schienen aus der Kirche gekommen zu sein, denn sie hatten ihre Gebetbücher und Rosenkränze vor sich auf dem Tisch. „Wir haben auch so a herz'ges Mädel gehabt, unser Rescrl," fuhr die Frau in derselben eintönigen Weise fort. „Schön war's Kind wie die Engel auf den heiligen Altarbildern in der Kirchen und gescheit wie " erwachs'ner Mensch. Wie sie sechs Jahr gewesen is, hat's der liebe Gott zu sich genommen. Hat ihr nie etwas gefehlt. Ist immer g'sund gewesen wie ein Fischerl im Wasser. Auf einmal legt sich'S hin und in zwei Tagen ist's still und kalt. Aber an blöden Jungen von zwölf Jahren haben wir, der nimmer reden und gehen kann, der gefüttert werden muß wie a Kind in der Wiegen, den haben wir behalten .... Heil'ge Mutter Gottes, wer sich so was nur erklären könnt'!" In der leisen, müden Stimme, in den traurigen, von vielen vergossenen Tränen getrübten Augen und besonders in den letzten Worten lag eine Hilflosigkeit, die mehr ans Herz griff als die lautesten Klagen. „Arme Frau!" konnte sich Robert nicht enthalten zu sagen. Bei Mizzi Straubinger wär's gewiß auch nicht ohne Eindruck geblieben. Aber die ersten Worte der Frau hatten ein Gefühl dcS Schreckens in ihr hervorgcrufen, so groß, daß alles andere drin unter« ging. Sic war ganz blaß und zitterte heftig. Robert bemerkte ihre Verstörtheit. Zum Glück war der Kellner in der Nähe, er rief ihn an, bezahlte, dann erhoben sie sich und schritten dem Ausgang zu. Es war nicht zu vermeiden, sie mußten auch an dem Tisch vorbei, wo Herr Max Grilling mit seinen zwei Begleitern saß. Wieder streifte Mizzi ein heißer, dreister Blick, während Robert ein Lächeln zuteil wurde, das zu sagen schien: „Wie kommst du dummer Kerl zu dieser Bekanntschaft?" Als sie draußen auf der Straße waren, wo der Sonuenglanz blendend weiß alles überflutete, atmete Mizzi auf, wie jemand, der einer Gefahr entgangen ist. „Wie konnten gnä' Fräulein nur so erschrecken?" sagte Robert bedauernd. „Sie können mich ruhig auslachen, Herr Schwarz! Ich verdicn's; denn ich Hab' mich ganz kindisch benommen", versetzte sie. „Aber, so lächerlich es klingen mag, ich hatte das Gefühl, als ginge Unheil von der Frau aus . . . Jetzt tut's mir leid, daß ich so unfreundlich war." „Sie waren nicht unfreundlich, Sie waren einfach bestürzt", wandte Robert ein. „Ja, aber warum denn? Worte können einem doch nichts anhaben, weder gute noch schlimme. Und wie oft hört man im Volke derartige Ansichten. Es sterben schöne und unschöne, begabte und unbegabte Kinder, aber jedes Kind, das einer Mutter entrissen wird, ist ihrem Herzen daS Schönste, Beste, Unübertrefflichste. Nur auf diese Weise läßt sich die Sache erklären. Und so hat dies Wort nur die Verzweiflung einer Mutter ersonnen. In diesem Falle ist sie gewiß berechtigt und zu verstehen; denn das schöne, gesunde Kind starb ihr und das idiotische blieb zurück", fügte Robert hinzu. „Was mich besonders ergriff, war ihre Frage, die unbewußt bittere Anklage dieser naiven, gläubigen Seele." „Ich Hab' auf nichts geachtet, nur gestrebt, mit Mizerl aus ihrer Nähe zu kommen." „Oft packt einen etwas, ohne daß man sich gleich darüber Rechenschaft geben kann", sagte er entschuldigend. „Da haben Sie recht, das ist das Gebiet der dunkeln Empfindungen. Wir meinen so vieles abgetan zu haben: Aberglauben und auch häufig den Glauben — aber trotz der stolzen Bewußtseins, über so vieles erhaben zu sein, trotz dcS inneren Bcfreitseins bleibt ein Restchen Spuk in den meisten Herzen zurück, das sich bald so, bald so äußert . . . Wir sind und bleiben Kinder, die sich im Dunkeln ängstigen . . ." Unter diesem Gespräch waren sie die Straße hinuntergeschritten; da es aber noch zu heiß war, das Städtchen zu besichtigen oder einen Spaziergang außerhalb desselben zu machen, kehrten sie wieder um und in den schattigen Schloßpark zurück, wo noch manches Schöne zu sehen und es so wundervoll kühl unter den herrlichen Bäumen war. Jetzt am Nachmittage wimmelte es auch da von Besuchern, Erwachsenen und Kindern. Und Mizerl, die zuerst untröstlich über die etwas gewaltsame Trennung von dem kleinen Buben war, vergnügte sich himmlisch, da sie reichlichen Ersatz fand. Als die Sonnenstrahlen schräge fielen, verließen sie wieder den Park und auch die winkligen Gäßchen des Orts. In einem Wirtshause an der Landstraße nahmen sie die etwas verspätete Jause ein und Robert beeilte sich, den Kaffee zu bestellen und zu bezahlen. Er mußte cs sich aber gefallen lassen, daß Mizzi nicht nur zu diesem, sondern auch noch nachträglich zum Mittagessen und zu der Fahrt ihren Teil beisteuerte. „Sie werden mir doch nicht zumuten, mich freihalten zu lassen", meinte sie, als er schüchtern eine Einwendung zu machen wagte. Sie sagte es weder hochmütig noch irgendwie verletzend, und doch brachte es ihm zum Bewußtsein, daß er sich daß ihr gegenüber nicht hatte erlauben dürfen. . . . Aber trotz des kleinen Mißtons, der übrigens bald verschwand, war's ein einzig schöner Tag für ihn gewesen. _ (Fortsetzung folgt.) Oie exotische Ratze. Von L. '1'biels. (Nachdruck verboten.) Sie saßen im Kaiscrgarten und hatten gerade ein vorzügliches Diner eingenommen. Fräulein Grete legte den Löffel, mit dem sie eben das Erdbeereis ausgeschmeckt hatte, beiseite. „Muttchen, nun wird es aber bald Zeit, sich zu entschließen, wo wir den Nachmittag verbringen wollen." 244 ISO« Die verwitwete Rentner Lehmann lächelte. Sie wandte sich an das männlich: Mitglied des Trios: „Ja, wie ist cs, Herr Assessor? Wo soll's hingchen?" Assessor Kluge schob sein Pincenez zurecht, zuckte die Achseln und sandte einen ratlosen Blick aus seinen immermiiden Augen zu seinem schönen Visavis hinüber. „Ich weiß wirklich nicht. Mir ist alles recht, was die Damen befehlen." „Wie wär'S denn mit dem Zoo?" schlug die Tochter vor und wippte erwartungsvoll mit ihrem Stuhle. „Ich habe da neulich ein reizendes Kätzchen gesehen. Ich glaube aus Siam. Ein himmlisches Tierchen!" „Um dieses Kätzchens wegen?" „O, es ist süß!" Frau Lehmann blickte die Schwärmerin verweisend an. „Gehab dich doch nicht so wegen einer Katze! Aber zum Zoo könnten wir wirklich wieder einmal fahren." „Ober, zahlen!" Der Assessor rief's, beglich an den dienstfertig hcrbcieilenden Ganymed die Zeche und bedeutete diesem, ein Auto zu besorgen. Wenige Minuten später hielt ein Wagen vor dem Tore. Die drei stiegen ein, und in schneller Fahrt ging's hinaus nach Charlottenburg. Es war ein heißer Sommcrtag. Schier unerträglich schlug die Hitze von dem durchglühten Asphalt zurück. Der Assessor legte seinen „Aber Ihre Frau Mutter?" „Gehen Sie nur ruhig mit. Ich sitze ganz gern eine Weile allein. Nur nicht zu lange!" meinte Frau Lehmann. Sie gingen. Nach wenigen Schritten hatten sie das große Raubtierhaus erreicht. Müde lagen die gewaltigen Löwen umher, und nur vereinzelt rannte eins der Wüstentiere unmutig zwischen den Gittcr- stäbeu hin und her. Selbst die sonst so ruhelosen Tiger dehnten ihre langen Leiber auf dem Boden. Schläfrig blinzelten sie mit ihren grünen Augen, in denen es sonst so wild flackerte. Auch die kleineren fremdländischen Katzcnticre hatten sich in den tiefen Schatten ihrer Behältnisse zurückgezogen. „Da müssen wir schon inS Haus hineingehcn, um an die andere Seite der Käfige zu kommen", sagte Fräulein Grete. „Kommen Sie, Herr Assessor!" Als ihnen die stickige, nichts weniger als angenehm duftende Luft des Jnnenraum» entgcgcnschlug, fragte Fräulein Grete mit unschuldigem Gesicht: „Wenn Sie lieber draußen warten . . .?" „Aber nicht doch!" entgegnete der Assessor. Und mit Emphase fuhr er fort: „Mit Ihnen ginge ich in die Hölle hinein!" „Na, na!" Ihr Lachen klang etwa» spöttisch. „Sic glauben mir nicht? Ich wollte, eine der Bestien risse sich los, dann würden Sie schon sehen, daß ich mein Leben für Ihre» einsetze. — Sic weichen mir immer au», Fräulein Grete, trotzdem Sie wißen, eS wissen müssen, daß ich . . ." MM MM -V. L 1,»-^ hülsenbusch. Zylinder, unter dem die Schweißtropfen dick und schwer hervorquollcn, beiseite und trocknete mit dem Taschentuch sein rotleuchtcndcs Gesicht. „Uff! Ist das eine Hitze!" stöhnte er ein über das andere Mal, Frau Lehmann sekundierte ihm getreu. Nur Fräulein Grete schien sich wohl zu fühlen. Mit unverhohlener Schadenfreude beobachtete sic die vergeblichen Versuche ihres Gegenübers, seiner Transpiration Herr zu werden. „Von der Stirne heiß Rinnen muß der Schweiß" deklamierte sie, lustig mit den Augen zwinkernd. „Und warte nur, bald schwitzt du noch mehr", setzte sic leiser hinzu. In der schwülen Luft des RaubtierhauscS sollte ihm die Hölle noch heißer gemacht werden. Was brauchte er ihr auch auf Leben und Tod die Cour zu schneiden! Wenn er der Mutter so gut gefiel, dann konnte ihn die ja nehmen. Ihr paßte er ganz und gar nicht. Seine übertriebene Dienstwilligkeit, die ihn all ihren Launen nachgeben ließ, paßte ihr ganz und gar nicht. Es muhte ein Mann sein, ein rechter Mann, so etwa wie Architekt Neuhofer, den sie kürzlich bei dem Sommernachtsball in der Philharmonie kennen gelernt hatte, spann sie ihre Gedanken weiter. Unterdes war der Wagen am Zoo angclangt. So schritten sie denn über die wohlgepflcgten Kieswege an dem verschiedenerlei Getier vorbei. Als erstes mußte der Assessor eine Anzahl trockener Schrippen erstehen, die Peter, der kluge Elefant, mit offenem Maule auffing. Mutter Lehmann huldigte derweilen ihrer Passion, den buntfarbigen Kakadus, die sich mit mißtönendem Gekreisch in den zu beiden Seiten der Wege aufgestellten Ringen schaukelten, das „Köppele zu krauen". Als Frau Lehmann dann den Wunsch äußerte, etwas an Getränken zu sich zu nehmen, beeilte sich der Assessor, die Damen zum NcstaurationS- plateau zu führen. Aber Fräulein Grete schmollte. Sie zog mißmutig eine AlfonSlippe: „Gott nein, schon wieder sitzen! Ich werde jedenfalls ein wenig zu den Raubtierhäusern bummeln. Kommen Sie mit, Herr Assessor?" „O, wie schade!" unterbrach ihn seine Begleiterin, die angestrengt in einen der Käfige hineinschaute. „Sehen Sie, da hinten liegt das Kätzchen." Der Assessor ließ das Ende des angefangenen Satzes in einem Seufzer ausklingen und blickte ebenfalls durch die engen Gitterstäbe hindurch. Von dem „süßen" siamesischen Kätzchen war nichts weiter zu sehen, als anderthalb Zoll des braungeringclten Schwanzes. Der Assessor lockte: tz — tz — d — Pß — Pß — Pß. Das Tierchen rührte sich nicht. Erst als er sich im Bellen eines Hofhundes versuchte, schnellte der Katzenkörpcr hoch. Fräulein Grete ließ ihren weißen Handschuh in den Käfig baumeln. Flugs griff die kleine Pfote des hübsch gezeichneten Kätzchens zu und legte ihn neben sich aufs Stroh. „Ach Gott, was machen wir nun?" „Den werde ich schon wieder herausholen", sagte der Assessor beruhigend und versuchte, seine Hand durch das Gitter zu zwängen. Doch er kam nur soweit, daß ihm die Siamesin einen Abdruck ihrer Krallen in seinem Zeigefinger ritzen konnte. „Au verfl-Pardon!" Das macht gar nichts!" Und er rüttelt nunmehr vorsichtig an der Verschlußklappe. Diese war mit einer Schraubenmutter angedreht. Der Assessor versuchte sie zu lösen; eS gelang. Nun galt es. den Handschuh herauszuholen. Aber jedesmal, wenn die Hand des Assessors sich vorschob, begann das „reizende" Tierchen zu fauchen und zu spucken. Das Taschentuch krampfhaft an die Lippen gepreßt, sah Fräulein Grete dem Spiele eine Weile zu. Dann faßten ihre schlanken, weißen Finger schnell zu: der Handschuh war gerettet. „Sehen Sie, mir tut sic nichts!" triumphierte Fräulein Grete. „Zu gerne möchte ich sie haben. Da könnten Sie mir wirklich einen Gefallen tun, wenn Sic mir diese Katze verschafften." Sie warf ihm 1908 245 einen koketten Blick zu. „Sie wollten ihr Leben für mich wagen! — Rauben Sie für mich die Katze!" Mit einem silberhellen Lacven verschwand die Eva. Verdutzt stand Kluge da. Er, der königlich preußische Assessor sollte einen Diebstahl begehen? Einen regelrechten Einbruchsdiebstahl?- Aber für Grete Lehmann hätte er wohl einen Mord begehen können. — Er mußte ihr den Wunsch erfüllen. Überdies war die Sache ja gar nicht so schlimm. Er zog aus seiner Brusttasche ein Lcdcretui, entnahm demselben seine Visitenkarte und kritzelte darauf: „In Verfolg einer Wette habe ich die siamesische Katze mitgenommen. Ich werde den Wert derselben morgen ersetzen." Diese Karte warf er in den Käfig. Nun kam der schwierigere Teil der Mission, die Katze, die eine starke Antipathie gegen den Assessor zu haben schien, zu erwischen. Dabei strich der Wärter andauernd im Gang umher. Doch endlich hatte er's doch geschafft. Mit einem Ruck warf er das Tier in seinen Zylinder und drückte diesen gegen die Brust. Dann schritt er eiligst von dannen. Auf Seitenwegen hatte er beinahe den Ausgang erreicht, da — zwischen Lipp' und Kelchesrand schwebt oft der finstern Mächte Hand — stürzte mit gewaltigen Sätzen ein Bernhardiner, dessen feine Nase den Erbfeind witterte, auf den Assessor los. Der suchte vergebens seine Beute zu retten. Rücklings fiel er zu Boden, die Angströhre rollte über den Weg, und mit einem Riescnsprung flüchtete die Katze in das nahe Gesträuch, nicht ohne vorher ihrem Eru- führernoch einen Kratten- hicb auf die Nase versetzt zu haben. In der Nähe erscholl ein silberhelles Lachen. Ein Lachen, das dem Assessor gar wohl bekannt war. Schnell raffte er sich auf. Da kam Fräulein Grete und mit ihr ein Herr. „Herr Architekt Ncu- hofcr! — Herr Assessor Kluge!" „Verzeihung, Herr Assessor!" entschuldigte sich der Architekt, „für dieUngcbärdigkeit meines Hundes. Ich konnte ihn leider nicht zurückhalten. Sie haben sich doch keinen Schaden getan?" „Nein, nein!" wehrte der Assessor ab, mit einem Versuch zu lächeln. „Es ist noch alles heil." Mit einem wehmütigen, vorwurfsvollen Blick auf Grete, setzte er noch hinzu: „Ihren Wunsch konnte ich Ihnen leider nicht erfüllen. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter! — Adieu!" Er griff seinen Hut auf und ging. — — — — ——- Seit der königlich preußische Assessor Kluge für eine aus dem Zoologischen Garten entschwundene siamesische Katze bare 250 Reichsmark erlegen mußte, hat er einen wahren Haß gegen Siam und alle Katzen. Dieser Haß steigerte sich ins Unermeßliche, als ihm eines Tages eine Karte ins Haus flatterte, auf denen sich Grete Lehmann und Architekt Ncuhofer als Verlobte empfahlen. Versuchung. Skizze von Änärd Laint-Is. (Nachdruck «erboten.) Nachdem die alte Frau sorgfältig die Schürzenzipfel um das zu- sammengelesenc Gras zum Knoten geschlungen hatte, versuchte sie mühsam sich aus ihrer gebückten Stellung aufzurichten und stand endlich gerade, soweit das bei ihrem hageren, durch die Jahre gekrümmten Körper möglich war. Brennende, sengende Sonncnglut lag auf Weg und Steg und auf den Feldern, und nicht der geringste Lufthauch minderte die tropische Glut, die vom Himmel herabstrahlte und von dem ausgedörrten Erdreich wieder gen Himmel zurück. Das Gras war weit und breit versengt und mühevoll hatte die Frau stundenlang suchen müssen, hatte zwischen den vertrockneten Büscheln die noch grünen Halme einzeln hcrauspflnckeu müssen, um so für die Ziege im Stall und für die Kaninchen etwas frisches Grünfutter nach Hause bringen zu können. Trotz der stundenlangen Arbeit war es nur wenig, was die Alte zusammengclcscn hatte. Jetzt schob sie sich mit ihren zitternden, ranhgcarbeitetci: und durch Gichtknoten entstellten Händen das kattune Kopftuch zurecht, hob das Grasbündel auf und lud cs sich auf die Schulter. Darauf sah sich die alte Frau mechanisch um, ob nicht irgendwo etwas wie eine Quelle oder ein Wässerchen zu sehen sei, denn sie empfand quälenden Durst und die Kehle war ihr wie ausgetrocknet. Aber sie hatte ja selbst die ganze Gegend abgesucht; soweit ihr Auge reichte, war nichts als verdorrtes Gras und trockene Hecken zu sehen ... es hieß sich in das Unabänderliche fügen, und mit dem Gedanken an ihre Hütte, in der es schattig und kühl war, und wo in einem irdenen Topf neben dem Schrank in der Ecke kaltes, klares Brunnenwasser ihrer wartete, schritt die Alte über das Feld der Landstraße zu und wandcrte in der Richtung zum Dorf weiter. Bei der ersten Wegbiegung hoben sich gegen den stahlblauen Himmel kurze, knorrige Apfelbäume ab. Am Rande des Weges, auf einem Feldrain schritt ein Mann, der, gegen die Hüften gestemmt, einen Korb trug, der mit Aepfeln vollgepackt war. Mit weithin schallender Stimme rief er der Alten ein „Heda!" zu und mit großen Schritten kam er vom Feldrain herüber auf die Landstraße und stand gleich darauf neben ihr. „Heiß heute, was?" „Ja, heiß",antwortete die Alte keuchend. Sie hob den Blick zu dem Mann und blinzelte mit den Augen, denn das blendende, grelle Licht, das auf allem rings umherlag, tat ihr weh; alles blendete sie, aber die grünliche Farbe der Aepfel erfrischte ihre armen müden Augen. „Mußt' gar nicht, daß du so schöne Äpfel auf deinem Grund und Boden hast." „So? ... Na, da weißt du'S jetzt", meinte der Mann und fuhr stolz fort: „Hab' auch nur vier Bäume von der Art . . . sind auch keine Äpfel, um Wein daraus zu machen, Alte! Die kommen auf den Tisch der Reichen . . 60 habe ich in meinem Korb . sind die letzten für dies Jahr. . . von der Sorte bringt mir auf dem Markt jeder einzelne 20 Pfennige ein!" Der Mann wechselte den schweren Korb auf den andern Arm, so daß die alte Frau ihn fast streifte. Die glatten, runden Früchte schwankten durch die Bewegung leicht hin und her und auf die Alte machte es den Eindruck wie eine frischgrüne Welle . . . Die Augen wie gebannt auf die Apfel gerichtet, fragte sie: „Sind sic denn wenigstens saftig?" Der Mann lachte. „Wenn du kosten willst, verkauf' ich dir einen . . . falls du ihn bezahlen kannst." Bei diesem derben Witzwort war eS der alten Frau gerade, als hätte sie einen Faustschlag auf den Kopf bekommen. Die Kehle wurde ihr noch trockner und in den eingefallenen Schläfen fing das Blut au zu hämmern. Ein plötzliches heftiges Verlangen übcrkam die Alte: Oh! in einen solchen Apfel möchte sie hineinbeißen und den Saft der Furcht schlurfen. Es war ihr, als wenn das klare und kalte Wasser in dem irdenen Krug zu Hause ganz schal und abgestanden geworden sein müßte, und als nun die Hoffnung auf diesen Labetrunk, die sie bis dahin die Hitze hatte ertragen lassen, von ihr gewichen war, da fühlte sie sich plötzlich unendlich müde und kraftlos. Als doppelte Qual empfand sie die brennende Sonnenglut, die müheselige Wanderung auf der staubigen Landstraße, ja selbst das kleine Grasbündel auf der Schulter drückte fast unerträglich! Und zu all der Qual kam noch die neue: der Anblick der saftigen Äpfel, die ständig wie eine grünlich goldige Welle vor ihren Augen auf und ab, hin und her schwankten. Der Mann und die alte Frau gingen jetzt stumm nebeneinander her. Er berechnete den mutmaßlichen Verdienst, der ihm aus dem Verkauf der Aepfel erwachsen würde; sie stand unter dem Bann ihres Verlangens, in einen der Apfel hineinzubeißen. Gimborn. 246 1908 Geraume Zeit schwieg sie, denn das, was sie da fragen wollte, erschien ihr doch gar zn ungeheuerlich. Doch dann hielt sie es nicht mehr aus. Mit zitternder, schwacher Stimme, wie ganz alte und kranke Leute sie haben, meinte sie wie beiläufig, das; die Hitze recht durstig mache und daß sie beide sich bon all den Äpfeln — 60 wären cs doch wohl sicherlich — ja vielleicht einen .... Der Mann wandte sich ganz empört rückwärts zu der jetzt einen halben Schritt hinter ihm gehenden Frau . . . „Einen essen? Einen Apfel essen? . . . einen Apfel, der 20 Pfennige kostet? . . . Kannst du ihn bezahlen? . . . Stein? ... Na also! . . . Denkst wohl, ich hab'S so, daß ich Hunderte und Tausende verlieren kann?" Sic stammelte halb undeutlich: „S'ist heiß .... mir ist der Hals wie verbrannt .... 's ist mir gerade, als hätt' ich lauter Feuer verschluckt." „Mir auch .... kannst ja zu Hause trinken .... das ist nichts weiter als Naschhaftigkeit von euch alten Frauenspersonen." Sie schwieg. Noch war sie ganz benommen von ihrer eigenen Kühnheit, überhaupt etwas gesagt zn haben. Und wieder gingen sie auf der einsamen, staubigen Landstraße wortlos ein Stück weiter. „Jetzt kann ich nicht mehr", sagte da mit einemmal die Alte. Und sie setzte sich an den Chansseegrabcn, der die Landstraße von einem Nübenfeld trennte. Der Mann blieb stehen, setzte den Korb auf die Erde und zuckte mit den breiten, viereckigen Schultern. „Bist wohl ganz fertig . . , wie?" fragte er und sich breitspurig hinstcllend, meinte er: „Sieh mich an! Ich könnt noch im flotten Tempo mit meinem schweren Korbe Stunden und Stunden marschieren." „Ja, du! ... Du bist auch jung", ein schwaches Lächeln begleitete die Worte der Alten . . . „Du bist jung und stark und gesund . . . ich ... ich bin eben nur noch ein altes Gerippe." Blinzelnd sah sie zu dem Manne auf . . . schwach, ganz schwach regte sich in ihr die Vorstellung, der Hoffnungsschimmer, daß die Worte ihn vielleicht milder stimmen würden ... sie wollte ibm, wenn'S auch feige von ihr war, schmeicheln, wollte sich ducken, sich noch geringer machen, als sic war und ihn recht hcrausstrcichen . . . vielleicht erreichte sie dann das, wonach sie so großes, so übermächtiges Verlangen hatte: einen, einen einzigen der Apfel aus dem Korbe. Und als das alte Weib nun sah, daß der Mann ungeduldig wurde und weiter wollte, da stand sie mühselig wieder auf, nahm ihr Gras bündel hoch und schleppte sich weiter. Und mit ihr ging die Versuchung. Eine Viertelstunde mochten sie wohl wieder schweigend nebeneinander gewandert sein, da ertrug die Frau den brennenden Durst nicht länger. Sie bat jetzt direkt um einen Apfel. Der Mann antwortete ihr gar nicht erst, zuckte nur die Achseln und ging absichtlich etwas schneller, so daß die Frau um etwas hinter ihn: zurückblieb. Da glimmte cs wie Schadenfreude und Tücke in ihren trüben Augen auf. Vorsichtig, ganz langsam, streckte sie die rechte Hand aus . . . jetzt berührten ihre hageren Finger die kühle, glatte Schale der Früchte .. . und jetzt . . . ganz rasch, vor Furcht und Freude zitternd, fuhr sie schon mit der Hand, die sich um einen Apfel gekrampft hatte, unter ihre Schürze ... als eine kräftige Manncsfanst ihren Arm packte und ihn so drückte, daß die Knochen des mageren Armes zu brechen schienen. „Ah! du Diebin! . . . Das hast du dir schon seit einer halben Stunde vorgenommen I . . . Einen Avfel für 20 Pfennige ... Du — infame Diebin, du!" Der Mann hatte seinen Korb rasch abgesetzt. Mit einer Hand hielt er die Alte fest, mit der andern stieß und schlug er sie und bei jedem Stoß und jedem Schlag geriet er in größere Wut und schrie dabei: „Darum bist du mir nachgegangen! . . . wie so ein Zigeunerweib umhcrgeschlicheu ... für dich pfleg' ich wohl die Apfelbäume das ganze Jahr! Für dich und deine Naschhaftigkeit sind meine Äpfel wohl da, wie?" So heftig geschüttelt und gestoßen, war der Frau die Schürze mit Gras von der Schulter geglitten, der Knoten halte sich gelöst und das so mühselig zusammengesnchte Grünzeug lag auf der Landstraße verstreut. Auch das Kopftuch war dem Weib iu den Nacken geglitten und graue Haarsträhnen hingen um das vor Entsetzen ganz starre, alte Gesicht. Und immer heftiger schalt und tobte der Bauer: „Du Weibsbild, du! ... Willst du jetzt vielleicht antworten! . . . Aber du sollst noch lauge an mich denken! ... Du gierige ^ Person, du!" Durch einen kräftigen Nnck und Stotz, mit dem der Bauer den Arm der Alten loslieb, taumelte die in den Chausseegraben und lehnte sich mechanisch gegen die Böschung. Mit zitternden Fingern suchte sie das Kopftuch aus dem Nacken wieder in die Höhe zu schieben und dabei bewegten sich ihre Lippen, als ob sie sprechen wollte; aber kein Wort wurde vernehmbar. Wie durch einen roten Nebel sah die Alte, daß der Bauer mit seinem Korb davonschritt und vernahm noch ein dumpfes Geräusch wie von einem hcranrollendcn Wagen. Dann verwirrten sich ihr Gefühl und Empfinden . . . Die Insassen des Wagens, der auf der Landstraße daherkam, sahen im Chaussecgraben ein graues Etwas hin und her huschen, hielten an, stiegen ab und gingen darauf zu. Sic fanden eine alte Frau, die auf den Knien hin und her rutschte, heftig weinte und verworren von klarem kalten Wasser sprach, das sie in einen irdenen Topf getan habe und der nun verschwunden sei . . . sic müsse ihn doch finden und den Saft wolle sie dann trinken . . . Mit der Absicht, die Alte im Dorf dem Schulzen zu übergeben, hoben sie die Kranke auf den Wagen; aber noch ehe das Ziel erreicht war, hatte der Tod die alte Frau erlöst. Unsere Gilcler. Das kleine Manzell am Bodensee war in den letzten Wochen vielleicht der am meisten genannte Ort. Liegt doch dort die riesige Ballonhalle des Zeppelinschen Luftschiffes verankert. — In das Gebiet der Wupperquelle führen uns die beiden folgenden Bilder. Das anmutig gelegene Hülsen du sch verdankt seine Entstehung dem Wohl- tätigkeitssinne des Grafen Adam von Schwarzenberg. Im Jahre 1632 baute er dort zur Aufnahme armer Familien 5 Häuschen, während ein anderes einen Pater des Klosters Marienhcide beherbergte, der in der alten Kapelle die Messe las. Von Hülscnbusch führt ein schöner Weg nach Schloß Gimborn. Der mächtige Eckturm stammt aus dem 15. Jahrhundert, während der übrige Teil des Schlosses im wesentlichen im Anfang des 17. Jahrhunderts gebaut wurde. Einen eigenen Reiz bietet die dem See zugekehrte steinerne Spitzbogenlanbe mit einer Holzgalerie. — Das weihevolle Gemälde „Andacht", das wir auf Seite 7 wiedergcben, ist ein Werk des Malers Hermann Kaulbach, der sich in der Kunstgeschichte einen geachteten Namen erworben hat, wenn er auch an den Ruhm seines Vaters Wilhelm von Kaulbach nicht heran reicht. Allerlei. sFra u und Mutter im Sprich wort.s Der Deutsche sagt: „Mutterlieb' und Treu wird alle Tage neu", nennt den einen Narren, der nicht „Wein, Weib, Gesang" liebt und redet etwas anzüglich von den langen Haaren. Der Engländer: „Die Mutter sagt nicht: willst du? sondern gibt". — Der Schotte: „Traurig ist die Frau, die keine Zunge hat, wohl aber dem Manne, der sie bekommt". — Der Franzose: Schwiegermutter und Schwiegertochter sind ein Sturm und Hagel Wetter". — Der Spanier: „Wer einen Aal beim Schwanz und eine Frau beim Wort nimmt, kann Wohl sagen, daß er nichts hat". — Der Venezianer: „Mutter, Mutter! Wer sie hat, ruft sie, wer sic nicht hat, wünscht sie". — Der Marokkaner: „Das Besteigen der Rosse, das LoSlasseu der Jagdhunde und das Klirren der Ohrringe nimmt die Grillen aus dem Kopf und vertreibt die Langeweile". — DerWalacke: „Das Fleisch wächst auch da, wo die Mutter hinschlägt". — Der Russen „Von unserer Rippe kommt nichts Gutes". — Der Perser: „Der Himmel ist zu Füßen der Mutter". — Der Hindostane: „Einer Mutter Liebe ist die beste von allen". Der Chinese: „In der Gesellschaft hören die Männer einander zu, die Frauen betrachten einander". Bemerkenswert ist, daß die Völker des Südens die Frau im Sprichwort weit weniger gut beurteilen, als Völker des Nordens. Außerordentlich sarkastische Ausfälle gegen das weibliche Geschlecht finden wir unter den Sprichwörtern und Redensarten der Spanier, Franzosen, Italiener, Südrussen, Perser und Nordafrikaner. Ihnen gegenüber behandeln die Germanen ihre Frauen — wenigstens im Sprichwort — ziemlich gut. sWie russische Gefangene entflieh en.s Wohl nirgend werden so waghalsige, verzweifelte Fluchtpläne ausgejonneu und aus- geführt, wie in den russischen Gefängnissen. In einem jüngst erschienenen Buche von Jaakof Prelooker über die „Helden und Heldinnen Rußlands", das bei Simpkin, Marshall L Co. erschienen und in Rußland selbst natürlich verboten ist, wird von einigen wenigen „Glücklichen", denen die Flucht gelang, erzählt. Da ist zum Beispiel der berühmte Gregora Gershuni. der 1904 zum Tode verurteilt und dann zn lebenslänglicher Zwangsarbeit begnadigt worden war. Er war ursprünglich in der berüchtigten „Schlüsselburg" untergebracht, wurde dann aber nach einen: Gefängnis in Ostsibirien gebracht. Von hier gelang es ihm auf eine geradezu halsbrecherische Weise zu entkommen: Er versteckte sich nämlich längere Zeit in einem Kohlfaß, das in dem Keller des Gouverneurs außerhalb des Gefängnisses stand. Als alles stille war, kroch er heraus, und Freunde halfen ihm mit einem Wagen weiter. Ein außerordentlich glücklicher Einfall kam dem durch seine verschiedenen Fluchten berühmten Leo Deutsch bei seiner letzten Entweichung zn Hilfe. Unmittelbar nach dem Erlaß eines Zarenmanifestes, das ihm mit anderen Revolutionären Sicherheit verhieß, wurde er arretiert und nach Tnrukhansk geschickt. Unterwegs wurde er mit einer Bewachung von zwei Mann znm Einkauf von Kleidern von den: Hanpttrnpp der Gefangenen entfernt. In dem Laden begannen die ihn begleitenden Wächter sich derartig für den Handel zu interessieren, daß Leo Deutsch unbemerkt ins Nebenzimmer entwischen konnte. Von hier sprang er in den Hof, dessen Pforte WUMD Andacht. Nach dem Gemälde von Herrn. Kanlbach . § 2 - 7 . V Hs^ A.-LL. L^§'- ^-'?W WZL'>AW Ä-- -" .- ^ E »MH ^ ZV' MÄEtzKMM 4 tzW?MM ^ >.. LM-/;.? '^AZ MW MW UM MLr 2 « 1908 offen war, und zufälligerweise befanden sich gerade in derselben Stadt einige seiner Freunde, die ihm weiter halfen. Eine „Masscnflncht" politischer' Verbrecher wurde ans geradezu geniale Weise von einigen Rcvo- lntionären ins Werk gesetzt. In dem berüchtigsten Gefängnis von Warschau, dem Paviak.. wurde dem Gouverneur telephonisch mitgeteilt, daß zehn genau bczcichncte politische Verbrecher von dem Paviak nach der Zitadelle transportier! werden sollten, und zwar unter der Aufsicht eines Hauptmannes,' der sie mit seiner eigenen Mannschaft abholen würde. Zur festgesetzten Stunde erschien die angekündigtc BcwachnngSmann- Ei» Erfolg der hundedressnr: Zuhörer bei einem vnüdoggenkonzert. schaft mit einem Beglaubigungsschreiben und nahm die zehn Gefangene im Gefängniswagen mit. Diesen Wagen fand man am nächsten Morgen angefüllt mit Uniformen und Gefängnis- klcidern, die Gefangenen selbst jedoch nicht mehr. Aus den „Fliegenden Blättern". sUuvcrfroren.j Gläubiger (im Theater zum Schuldner, als dieser seinen Parkettsitz gerade neben ihm hat): „Und deshalb haben Sie heute früh 40 Mk von mir geborgt, damit Sie nun abends da neben mir sitzen können?" — Schuldner: „Hätten Sie mir 60 gegeben, wie ich wollte, — dann säß ich in der Loge!" Sanierungen am Nieierrhem, im Gergischen lüanie uni im 1?uhrgebiet. XVI. (Nachdruck verboten.) Von Grafcnbcrg nach Gerresheim, Hubbelrath, Knittkuhle; zurück durch den Naher Wald. führenden Weg zu gelangen, wenden wir uns entweder rechts und sodann bei der ersten Gabelung links über Papendell nach Kaisershaus oder wir schreiten geradeaus, halten uns bei der Gabelung rechts, gehen bei dem Gehöft Gr. Ncutersberg in die Niederung hinunter und suchen jenseits desselben den nach Kaisershaus führenden Weg zu erreichen, der in den Hubbelrather Weg mündet. Auf letzterem kommen wir nach einer Wanderung von 14/. Stunde — von Gerresheim ans gerechnet — bei dem Friedhof des kleinen Dorfes an, das urkundlich als Edclsttz schon im 10. Jahrhundert erwähnt wird. AufderMettmanner Chaussee zeigt ei» Wegweiser die Richtung Krumbach — Schwarzbach —Ratingen an; wir steigen in die Senk lnn- ab und können über Diepensiepen oder an Born vorbei nach der von Mettmann-Hassel nach Natingen führenden Straße gelangen, um das Schwarzbachtal zu erreichen, aus dem in der Nähe der Schiffen- und der Schönhcitsmühle sich Wege nach dem hochgelegenen Gehöft Knitt- knhlc hinzichen. Werdas Schwarzbachtal meiden will, wendet sich bei Born links und kommt von hier aus in einer Viertelstunde nach Knittkuhle. Von hier können wir links an Wolfsaap vorbei nach dem Kriegerdenkmal wandern und auf der breiten Fahrstraße hinunter nach deni Gc- birgssaum gehen, wo wir uns links dem Ausgangspunkt der Tour zu wenden. Emp fehlenswert ist es, von der Knittkuhle geradeaus auf Bauenhaus zuzu- schreitcn, um von hier links durch den Wald die Haltestelle Rath z» erreichen. Die vorstehende Tour läßt uns, U. In dem Dorfe Grafenberg folgen wir eine kurze Strecke der die Höhe hinanfnhrcnden Straße; wo diese eine Biegung nach links macht, wenden wir uns rechts und durchwandern die prächtigen Anlagen der Hardt. Wenn wir die Hardt an der entgegengesetzten Seite verlassen, erblicken wir die nahe Stadt Gerresheim, deren schöne Stiftskirche (aus dem 13. Jahrhundert) nebst dem dahinter befindlichen malerischen Quaden- hof wir in Augenschein nehmen. Gerresheim ist nach dem fränkischen Ritter Gerich benannt, der 873 sein Besitztum zur Gründung eines Fraucn- stists hergab. in das seine Tochter Reginberga als erste Abtissin, er selbst als Priester eintrat; seine Gebeine ruhen in dem in der Kirche ausgestellten Sarkophag. Als im Jahre 1583 der zum Protestantismus übergetrelene.Kur- fürst von Göln, Gebhard Truchses;, die Gerresheimcr Sliftsdame Agnes Gräfin von Mansfeld zur Gemahlin nahm, löste sich das Stift aus; zwei Jahre später wurde cs durch den Herzog von Berg Neuher Rönnen überwiesen. Bei der allgemeinen Säkularisation der Klöster wurde auch die Abtei Gerresheim aufgehoben ( 180 U). Die Stiftskirche nebst den Resten des alten Krenzganges zur Rechten lassend, kommen wir nach dem am Gebirgssanm gelegenen Gerricnsbrnniicn, der unser» heidnischen Vorfahren als geheiligt galt. Hier wenden wir uns links und wandern auf dem nächsten Wege rechts das Gebirge hinauf und gelangen durch einen Hohlweg auf den aus dem Düsseltal bei Erkrath links nach Ralingen führenden alten Weg. Wollen wir die Tour nichr bis Hubbelrath ansdehnen, so gehen wir hier links nach der Düsseldorf-Mettmanncr Landstraße, kreuzen dieselbe und wandern in der bisherigen Richtung (nordwärts)wciter. Bei der vierten Wegteilung. wenden wir uns links, um bei dem Gehöft Knittknhl Umschau zu halten, denn die Fernsicht nach Ratingen, Homberg, Hciligeuhaus, Velbert ist hübsch, Um von der Hochebene bei Gerresheim auf den nach Hubbelrath A/iönIreiü 2 0 «//HoifköL NH 7ooie5- a. o. soweit sie nicht durch Wald führt, die Besiedclungswcise des Gebirges erkennen, bei der die Höhen unbewohnt erscheinen und die Gehöfte und Weiler in den von Baumgruppen bestandenen Senken und Tälern liegen. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Schippang, Düsseldorf. Druck der Düsseldorfer Verlagsanstalt A.-W., Neuesten Nachrichten.