Hein uncl Nro. l I < KI8I.I07NM Illustrierte Sonntagsbeilage?u äen ..Oüffeläorfer Neuesten Nachrichten" Sonntag clon I. Januar I90S Oüsselclorfer Seschichtchen. XLV. Der Selbstmörder Nummro 2. Matthes war Kulissenschieber und verliebt. Er war aber mehr verliebt als Kulissenschieber. Verliebt ist ja schließlich jeder einmal und das macht ja weiter nichts, aber wenn man wie Matthes auch noch Kulissenschieber ist, dann kann man leicht mit den äußeren Verhältnissen in Konflikt kommen. So ging es nämlich dem Matthes! Er war sonst ein ganz vernünftiger, zuverlässiger Kulissenschieber, aber seit einiger Zeit, ich glaube, seit zwei Wochen, stieß er jeden Tag mindestens zehnmal mit dem Kopfe gegen eine Kulisse, schleppte verkehrte Versatzstücke herbei und in der letzten Arrangierprobe hatte er gar die große Leiter umgerannt. Das konnte natürlich so nicht mehr weitergchen. Das hatte er sich schon selbst oft gesagt, das sagte er sich auch jetzt wieder, als er hinter der Kulisse stand und tränenden Auges der großen Liebesszene zwischen Romeo und Julia in Capulets Garten zusah. Es wurde ihm mit einem Male ganz weich ums Herz, und seine Gedanken schweiften über Capulets Garten hinaus nach dem Hafenwall, wo sie wohnte, sie! Er sah es lebhaft vor sich, das kleine Fensterchen mit den geblümten Gardinen, hinter denen er Sättchens Kopf so oft hatte schimmern sehen, wenn er abends vorbeikam. Er sah die Fuchsienstöcke und die Geranien, die mit Sättchens Haar zu konkurrieren versuchten. Matthes seufzte tief. In diesem Seufzer lag alles! Hätte ihn doch Sättchen gehört, dann wären Worte überflüssig gewesen, dann hätte Sättchen genug gewußt. Sie hatte noch keine Ahnung von dem riesigen Brand, den sie in Matthes dreißigjährigem Herzen angefacht. Wenn er doch nur eine Gelegenheit fände, es ihr zu sagen! Matthes seufzte wieder und sah gedankenvoll nach Romeo und Julia hin. Mit einem Male ging ein frohes Leuchten über sein Gesicht. Da war es ihm klar geworden, daß er cS auch so machen müßte wie der Romeo! Des Nachts vor dem Fensterchen! Ei, ja! Das wäre noch so was! Das würde unbedingt großartig wirken! Selbstverständlich, so müßte er es machen und zwar sobald als möglich, denn die Ungewißheit, in der er schwebte, konnte er nicht länger aushalten. Also heute abend noch nach der Vorstellung. Ei, wie herrlich würde das werden! Natürlich müßte der Mond scheinen und über die Liebesszene, die MattheS sich gar nicht auszumalcn wagte, einen milden, poesievollen Glanz breiten. Und dann — „Matthes!" Matthes schrak zusammen. „Wat es?" „Sag, Matthes, wat stehste denn do als Widder on bes am dröme, sag?" „Oh, nix." „Eja, nix! Dat kenne mer. Dat mach der Deuwcl Wesse, wat Du en de letzte Ziet häs. Wat fält Dich eijentlich." „Oh nix." „Eja, eja. Met Dich stemmt et nit mich!" „Och, Du beS jo doll." „Eja, eja, eja! Jöngke, Jöngke! — Komm, helf mich he dä Boom op Sit setze." „Ejo." „Enä, dä nit, he dä! — Ich sag jo, Du bes am dröme." — Romeo und Julia waren tot; Matthes schlang sich das gestrickte Umschlagetuch fest um den Hals und trabte nach dem Hafenwall. Es war bitterkalt, aber der Mond war da mit seinem milden, poesievollen Glanz und weil ihm das ein gutes Omen schien, vergaß Matthes die Kälte. Als er vor dem Fensterchen stand, fing ihm doch ein bißchen das Herz an zu klopfen. Er sah sich scheu nach allen Seiten um, und als er keinen Zeugen entdeckte, nahm er all seinen Mut zusammen und hauchte leise und zaghaft: „Sä—ä—ättchc!" Alles blieb still, nur der Nachtwind rüttelte an den Fensterläden. Matthes trippelte von einen Fuß auf den andern und blies sich in die steifgefrorenen Hände. „Sä—8—ättche!" rief er wieder, aber etwas lauter. Keine Antwort. Matthes trat näher an das Haus heran und rief wieder leise und zärtlich: „Sä—8—ättche!" Kleine Pause. MattheS rieb sich die rotgefrorenen Ohren und schaute fehnsüchtig zum Fensterchen empor. Da — das Herz wollte ihm still- stehen vor freudiger Erwartung — da fah er, wie die geblümten Gardinen sich bewegten und er hörte wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Ein Flügel öffnete sich und Sättchens goldenes Ge- lock glänzte im Mondschein. „Wä es do?" „Ich, Sättche." „Wä ich?" „Ich, d'r Matthes." „D'r Matthes?" „Eja." „Ja, du lcever Jott, wat wollt Ehr denn eso spät?" „Sättche, ich könnt et beim beste Welle nit mich ushalde." „Wat?" „Sättche, de Sehnsucht verzährt mir." „Wat saht Ehr, sprecht hädder." „Sättche, wenn de mar bloß emol e Ogeblcckske mich aanhöre gratulieren zum neuen Jahre! Wells „Wat dann? Wat wollt Ehr?" „Wat ich Dich jctz sage well, dat könnt ich jo och bei en angere Jeläjcnhcit —" „Dat meen ich och." Äwer ich könnt et nit mich ushalde, ich halt —" „Zappcrment noch emol! Wenn Ehr Qch nit bald nsguatscht, dann läg ich mich Widder en et Bett! Ment Ehr, ich wollt mich der Pepps hole? Ich stonn he em Nachtskiddel!" „Sättche, Du häs woll schon lang jemerkt, dat ich — ö — dat ich —" „No, no, wat denn?" s „Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagsbeilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten Matthes holte tief Atem. „Liebes Sättche, ich — ich liebe Dich!!" „Huh! No joht äwcr! Ich jlöv, Ehr hat er eene dröwerl" „Sättche, ich bin bei volle Verstand!" „Doll! Maat doch, dat Ehr no Hns koomt! Ehr fit jo besoffe!" „Ich schwöre, Fräulein, bei dem heilsten Mond," zitierte Matthes. Sättche fing an zu lachen, daß die Geranientöpfe wackelten. „Höt op, höt op, ich jonn ns em Liem!" „Sättche, liebste mir nicht?" „Lät Och en et Bett, Doll, Ehr fit am phantaseere." „Sättche, et es mich nit zum Lache! Liebste mich nit?" „Och, joht mich doch ewäg." „Sstot, Sättche! Dein Wille jeschehe. Hör jetz mie letz Woot! Wenn se morje mine Leichnam em Rhing senge, dann schreit dä nom Himmel!" Sättche kreischte vor Lachen. „Du bes et dann schold, Sättche, dann häs Du mich om Jewesse! Leb wohl, Sättche!" Das Fensterchcn war schon wieder geschlossen. Matthes hörte noch immer das Lachen. Mit tieftragischer Miene wandte er sich und stolperte an den Rhein. Finster starrte er in das dunkele Wasser. „Enä," sagte er, als er fühlte, wie ihm die Beine steif vor Kälte wurden, „enä, ich well mich nit verfasse wie en kranke Katzl Ich well idial stärwe, dä!" Und er rannte nach Hause. „Ich häng' mich op," murmelte er, als er die Treppe zu seinem möblierten Zimmer hinanfstieg. Feierlich verriegelte er die Tür. Er hatte sich schon den Hosenträger um den Hals gelegt und suchte einen passenden Haken, da stand er plötzlich still und sagte: „Enä, ophängc es och nix, do kritt mer eso'ne blaue Kopp von. Dat well ich nit." Er setzte sich auf den Bettrand und fing an nachzugrübeln, wie er wohl am schönsten und idealsten seinem kummervollen Dasein ein Ende machen könnte. Sein Kops sank immer mehr nach der Seite, bis er schließlich auf dem Kissen lag, und bald hörte man in dem Zimmcrchen nichts mehr als das schwache Ticken der Wanduhr und ein dumpfes, rasselndes „Nrrrh, rrrrh", das vom Bett herübcrkam und manchmal von einem tiefen Seufzer unterbrochen wurde. Matthes träumte bis an den Hellen Morgen von allen möglichen Selbstmordutensilien. Als er mir einem schweren Kopf aufstand, da war es ihm klar, wie er sterben mußte. Er zog sich seine Sonntagskleider an und stieg langsam und gemessen die Treppen hinunter. Ein paar Häuser nebenan war ein Spczereilaoen. Dahinein trat er. „Jode Morje! Ich hätt' jän en Dos' Schwäwelhölzkes." „Wat för'n!" „So'n, die mer an de Box aanmaake kann." „Aha." Matthes bezahlte und ging wieder nach Hause. Er nahm eine Untertasse und stellte sie auf den Tisch. Darauf öffnete er die Streichholzschachtel und fing an, von den Hölzchen die braunen Köpfe mit dem Taschenmesser abznschabcn, während ihm eine Träne nach der andern die Backen hcrabfloh und in die Untertasse siel, wo sie sich mit dem abgeschabten Zündstoff vermengte. „Sättche, Sättche," murmelte Matthes und seine Stimme zitterte, „Sättche, Du bes et schold. Du treibs en treue Seele in der Dod erenn. Du wccß nit Wat De dchs. Sättche, Sättche — Au! Ha — Zavpcr- ment, do Han ich mich en der Fenger geschneede! No äwcr flöck e Läppke dröm, dat meut am Eng noch Blotverjiftnng jäwe." Matches saugte die kleine Schnittwunde aus und band etwas Leinenband um den Finger. Dann fing er wieder an zu schaben. Er hatte schon die halbe Untertasse voll und wollte gerade Milch hinzu- gießen, da klopfte es. „Herein," rief er, hatte aber keine Zeit mehr, die Untertasse zu verbergen. „Morje, Ohme Matthes." „Ach, Jösefke, Wat wellste denn?" „Ne schöne Jruß von de Mama un ich sollt Dich sage, ob de — och, Ohme Matthes, wat haste da für e lecker Znckergeschräbs?" fragte das Bübchen, als es die Untertasse mit den abgeschabten Streichholzköpfen sah. ,.Öm Joddeswelle, Keuk!" rief Matthes entsetzt, „bliev davon! Dat es Jeft, dat es nix für Dich! Du bes noch ze jonk für ze stärwe! Nit dran jche, Jösefke, dat is Babah! „Kammer dat nit esse, Ohme Matthes?" „Enä, enä, dat is för de Ratze on für die Schwobe on Kakerlackc" „Aha. — Sag, Ohme Matthes, ich sollt Dich frage, ob De heut abend nach Haus' käms. De Mama will Riefkooke backe." Matthes stand tiefsinnig am Tisch vor der Untertasse. Sättchen ging ihm durch den Kopf, aber auch der leckere Reibekuchen. Ja, der Reibekuchen! Hm, den konnte seine Schwester so fein backen, so lecker! Ja, und das Leben war doch eigentlich viel zu schön, und der Reibekuchen schmeckte besser als die Strcichholzköpfchen mit der Milch. Gerührt wandte Matthes sich zu dem Bübchen und sagte, während ihm das Wasser in den Augen und im Munde zusammenlief: „Jösefke, Du häs mich jerättet, Du bes jrad zu rechter Zict jekoome. E Veedelstöndche späder on ich wör ene dode Minsch jewäse. Dä, häste ene Jrosche, hol' Dich do Balkczucker för. Sag Din Mama, ene schöne Jruß on ich köm hüt Owend no'm Riefkooke! — Jösefke, Jösefke, Du häs mich jerättet, dat wäd ich Dich mie Läwe nit verjässe." Er legte dem Bübchen die Hand auf den Lockenkopf. „Jösefke, Jösefke! Die Träne quillt, de Ärde hat mich wieder!" _ ll. L—8ek. Inge H)jlhe!inj. (5. Fortsetzung.) Oppon. (Nachdruck verböte,,.) Die Unterhaltung am oberen Ende des Tisches war außerordentlich lebhaft, als plötzlich, ganz unvermittelt, die Hofdame der Prinzeß sich an Jngeborg wandte und sie fragte: „Nicht wahr, Frau Doktor, Sie geben mir gewiß gern Auskunft, welchen Text der Herr Pfarrer neulich in dem Kinder-Nachmittaggottes- dienst für seine Predigt angewandt." Jngeborg antwortete ruhig: „Es tut mir leid, Ihnen nicht dienen zu können, ich habe das Gotteshaus nicht besucht." „Überhaupt noch nicht?" fiel die Hofdame rasch ein. Jngeborg schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich halte meine Andacht im Krankenzimmer." „Also wohl Atheistin, wie jede gelehrte Dame," meinte die Kindermann spitz. „Sie find zu schroff, doch muß ich es bekennen, daß ich eigentlich nicht gewöhnt war, regelmäßig die Kirche zu besuchen. Ich habe meine Andachtsstundcn in anderen Räumen, oft selbst in freier Natur gehalten, und wenn ich vielleicht nicht den orthodoxen Standpunkt einnehme, so glaube ich doch ein tiefes, religiöses Empfinden zu besitzen und nenne mich keineswegs eine Atheistin." „Aber es ist unglaublich, daß alle Frauen, die aus dem Rahmen des Althergebrachten heraustreten," meinte das alte Fräulein, „zuerst auch den Glauben abstrcifen, der eigentlich doch im Herzen der Frau seine echte Heimat haben müßte. Das scheint wohl das Recht der Emanzipierten zu sein." Die Prinzessin war dem Gespräch ebenso aufmerksam gefolgt als die andern und meinte, cs wäre ein Unding, fortzuleben ohne den Trost, allsonntäglich in der Kirche im Verein mit den zahlreichen Gläubigen zu beten und sie hoffe bestimmt, daß Jngeborg ihr bald in dieser Beziehung recht geben würde. Die junge Frau verneigte sich stumm und wandte sich dem Prinzen zu, der sie eben anredete. „Sie betet nicht!" „Sie besucht keine Kirche!" So flüsterten die Damen durcheinander. „Welch furchtbares Beispiel für unsere Heranwachsenden Töchter! Ja, die Großstadt birgt verschiedene Elemente, man hätte ihr gar nicht so liebevoll enlgegenkommen dürfen, man müsse ein wenig Reserve zeigen, sich zurückziehcn, besonders die Heranwachsende Jugend" — und dabei streiften die Mütter mit zärtlichem Blick das untere Ende des Tisches, wo Sylvia, Pfarrers Lotte und zwei der Rodeschen Mädchen sich bemühten, ihre spärlichen Reize den neben ihnen sitzenden Offizieren der benachbarten Garnison ins Treffen zu führen. Bald hob die Prinzessin die Tafel auf. Man hatte sich in den Musiksaal begeben, um dort noch ein wenig vor dem Abschied zu plaudern, während die Herren in der Bibliothek eine Zigarre rauchten. Die Kindermanu setzte sich ans Harmonium und spielte ein Weih- nachtslied. Sie fragte Jngeborg, ob sie musikalisch sei. Die junge Frau bejahte und die Prinzessin forderte sie auf zu spielen. Jngeborg spielte aus einem Weihnachtsoratorium. Tie schweren, getragenen Klänge erschallten mächtig durch den weiten Raum und zwangen alle zum Lauschen und zur Andacht. Die Herren waren leise in die Tür getreten und bald hatte die Spielende die ganze Gesellschaft um sich vereint. Als sic geendet, wurde ihr verdientes Lob gespendet und wieder war Jngeborg der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeiten und sogar die Prinzessin ließ sich herab, ihr beim Abschied ein paar huldvolle Worte zu sagen. Jeder der Herren beeilte sich, der schönen Frau für den gehabten Genuß zu danken und auch die Damen mußten sich dazu verstehen, — es geschah natürlich mit sauersüßem Lächeln und in Redensarten, in denen Jngeborg einen geheimen Stachel des Neides fühlen konnte. Als sie dann in das gemeinsame Garderobenzimmcr zurückkebrtcn, wurde Jngeborg wie eine vollständig Fremde behandelt, jeder ließ in seiner Eifersucht und in seinem Zorn Jngeborg fühlen, wie sehr sie Unrecht getan hatte, daß sie Talente gezeigt, die ihre liebenswürdigen Mitschwestern nur in geringem Maße besessen. Während nun die andern traulich Arm in Arm herunterstiegen, ging Jngeborg allein müden Schrittes die Treppe hinab. Ein unbegreifliches Gefühl des Unbehagens hatte sich ihrer bemächtigt. Sie sehnte sich nach dem frischen, kalten Lufthäuch, sie konnte in dieser Enge und Schwüle kaum atmen. Die Damen und Herren der Gesellschaft hatten bereits die Wagen bestiegen, als sie ans die Freitreppe des Schlosses trat. Ihr Mann kam ihr besorgt entgegen. Sie hing sich an seinem Arm und hatte für seine Fragen nur ein stummes Nicken. „Rhein und Dussel", illustrierte Sonntagsbeilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten 3 - ' «MW M»' >>EM r, GE Im Hinterhalt. Nach dem Gemälde von Th. Klechas. (Siche Seite 7.) Ein offenes Break war der letzte Wagen, der leer geblieben. Die jnnge Frau sorgsam in ihre Pelze hüllend, hob der Doktor sie hinein. Schweigend fuhren sie durch die sternenklare Mitternacht. Der Doktor beobachtete Jngeborg, ihr Gesicht sah geisterhaft bleich und schmal aus in der bläulich-silbernen Beleuchtung des Mondes. Er ängstigte sich um sie und umschlang sie. „Du hast heut Spießruten laufen müssen", versuchte er zu scherzen. „Ein weißer Schwan zwischen all den häßlichen, grauen, alten und jungen Entlein. Sie können cS Dir noch immer nicht verzeihen, daß Du anders bist als sie. Die durchdringenden bösen Blicke haben Dich scheinbar krank gemacht, Deine Hände sind so heiß, Dein Atem geht so schnell." Besorgt beugte er sich über sie, doch Jngeborg hatte die Fassung wieder gewonnen. Sie richtete sich empor und begann nun von den eben verlebten Stunden zu sprechen, sie tat, als wenn sie all das Unangenehme und Verletzende kaum gefühlt und der Doktor ließ sich gern täuschen, ja, er begann zu scherzen und karrikierte ein wenig die Gesellschaft. „Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagsbeilage ;u den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten Er erzählte Genaueres von den einzelnen Gästen, die sie dort kennen gelernt. Und in lebhaftem Gespräch und in froher Stimmung war der Weg bald zurttckgclegt und sie atmete froh ans, als sie nach einer Stunde ihr warnies, trautes Heim umfing. Während der Doktor sich »och für eine kurze Zeit in sein Arbeitszimmer zurückzog, begann Jngeborg mit Hilfe des Mädchens ihre Nncht- toilette zu machen. Während sie sich Hals und Arme kühlte und immer neue Fluten kalten Wassers über Stirn und Schläfen rieseln ließ, war es ihr, als könnte sie all' die widrigen, häßlichen Blicke mit dem klaren Naß fortspülen, die auf ihr haften geblieben und die in ihrer Dreistigkeit und Unreinheit sie verlebt, ihrer Seele Wunden zugefügt. Stundenlang lag sie schlaflos da und ein Grauen, eine Hoffnungslosigkeit kam über sie in dem Gedanken, unter diesen Menschen Jahre, vielleicht Jahrzehnte zu leben. Sie bäumte sich dagegen auf, sie ballte die Hände, sie hätte am liebsten schreien mögen, um dieses unbestimmte Weh, das ihr die Brust beengte, los zu werden. Aber während sie sich ein wenig aufrichtcte, sah sie den friedlich schlummernden Gatten neben sich und sie zwang sich zur muhe, um ihn nicht zu stören. Inzwischen hatten die andern ebenfalls ihr Heim erreicht. Frau Bürgermeister konnte sich so schnell nicht zur Ruhe begeben. Ihr erster Gang war zu dem großen, weißen Kachelofen, der im Speisezimmer stand. „Auguste!" rief sie in nicht gerade sanftem Tone. „Die Tassen her, den Napfkuchen, ich bin totgefroren", und während das Mädchen eilig ihrem Befehl Folge leistete, goß sie mit zitternden Händen den dunklen Trank ein. Der Bürgermeister kam auf leisen Filzschuhen, eine lange Pfeife im Munde, langsam aus dem Schlafzimmer herein und beobachtete seine aufgeregte Ehehälfte eine Weile, während Sylvia etwas übellaunig in der Sofaecke hockte und sich von Mama bedienen ließ. „Alte, Altei" sagte das würdige Oberhaupt der Kreisstadt L. „Was ist Dir denn heute über die Leber gefahren? Ging doch alles glatt, die Herrschaften waren befriedigt, das Essen war gut, der Wein war alt und die hübsche Frau Doktor hat etwas Leben in die Bude gebracht." „Kapobus", ertönte es entrüstet, „Du schweigst. — Wie kannst Du es wagen, hier in Deinem ehrsamen, christlichen Heim von dieser . . . dieser. . . dieser." „Frau Bürgermeister, bedenken Sie, was Sie sprechen! —" „Ich weiß, was ich rede. Dieser Person wird der Generalmarsch geblasen." „Warum aber?" „Weil sie nicht in unsere anständige Gesellschaft paßt. Solche mit einer Vergangenheit-" ,,'Ne Vergangenheit hat jeder", war die phlegmatische Antwort. „Und das arme Frauchen ist ehrlicher Leute Kind." „Du scheinst ja sehr gut unterrichtet zu sein. — 'Ne hübsche Larve bringt bei euch alles zuwege." „Und ihr könnt es nicht vertragen, wenn eine eurer Mitschwcstcrn eine bißchen flotter, ein bißchen hübscher ist und vor allen Dingen viel, viel jünger, — so ganz jung." „Schweig', Kapobus, denk an Dein Kind, das hier neben Dir sitzt. — Morgen wirst Du dieser — dieser Frau Doktor das Handwerk legen und an das Kuratorium des Krankenhauses schreiben, daß es dem Herrn Doktor zur Hilfe einen männlichen Assistenzarzt schicke. Sie darf nun ein für allemal mit ihrer Andacht am Krankenbette nicht mehr kokettieren." Und nun waren die Schleusen der Bercdtsamkeit geöffnet. Frau Bürgermeister hielt ihrem Gatten eine Predigt über „diese Person", daß der arme Mann vor Entsetzen immer weiter zurückwich und am Ende kläglich ausrief: „Eulalia, beruhige Dich, Dein Wille geschieht, doch hör' auf zu reden, sonst bin ich, ehe der Tag graut, eine Leiche." „Ich wußte, Kapobus, daß Du mir recht geben wirst," meinte die Frau Bürgermeisterin jetzt etwas besänftigt urd reichte ihm die rote, fleischige Hand zur Versöhnung. „Wir verstehen einander auch ohne Worte", und zu Sylvia sich wendend, sagte sie: „Morgen nimmst Du Dir Liszt vor, Du hast das Schlummerlied doch schon längst gespielt. In Deiner furchtbaren Bescheidenheit läßt Du Dich immer von andern zurückdrängen, wie hätte sich die Prinzeß erst über Dein Spiel gefreut." Sie hatte die dritte Tasse inzwischen geleert und eine tüchtige Bresche in den Napfkuchen geschlagen, nun kreuzte sie die Hände über die etwas geöffnete Taille und lehnte sich behaglich zurück. „Der werd ich's eintränken," sagte sie mit Nachdruck. Dann begann sie Sylvia das blonde Haar in Papilloten aufzuwickeln, ermahnte sic noch, Handschuhe zur Nacht anzuziehn und rief' energisch Auguste, die dem Töchterchen mit der Kerze voran in das jungfräuliche Schlafgemach leuchtete. Kapobus war inzwischen sanft auf dem Sofa cingenickt, sie kitzelte ihn mit einem Fidibus. Als er etwas schlaftrunken unartikulierte Laute auSstieß, faßte sie ihn etwas energisch unter dem Arm und führte ihn in das gegenüberliegende Zimmer. „Männche, Männche," rief zur selben Zeit energisch die Frau Schuldirektor, „Dich scheint ja das blonde Frauche ganz behext zu habe. Nu habe ich's aber satt von ihr zu höre, ich bin auch ä mal jung und schön gewesc, wenn ich auch nicht Klavier geklimpert und Dir ins Handwerk gepfuscht habe, so war ich all' mein Lebtag ein reputicrliches Frauenzimmer, das sich nicht hat zu schäme brauche und ich sage es Dir zuyl letztenmalc, wenn Du von ihr sprichst, mir werden se schon klein kriege, sie soll uns nicht unsere Männer wegstehle und a schlechtes Beispiel gebe für die junge Mädche in dem Städtche. Morgen bin ich bei der Kapobusse, da Wern mer schon zusamme mache. —" Der Landcsschulinspektor nickle. „Das arme Huhn ist zu bedauern, die hat auch ein schweres Schicksal in dieses gottvergessene Nest getrieben." „Mag sie sich anders führe, wird man sie auch anders behandle." Der Gatte nickte. „Wie das arme Wesen es auch machen würde, Euch würde sie es nie recht tun." Mit diesen Worten ließ er seine kleine, erregte Frau allein und dampfte in sein Studierzimmer, in dem er auf- und abging, dichte Rauchwolken aus seiner Pfeife dampfend, dann und wann die Melodie eines lustigen Studentenliedes vor sich hinpfeifend. „Der Vater pfeift um Mitternacht!" sagte die Frau Landesschul iuspcktor ganz ängstlich zu ihrem Töchterchen. „Das blonde Frauchen hat ihn ganz behext." Der Landral, der Ingenieur und die Offiziere hatten sich noch zu einem Glase Wein in ihrer Stammkneipe zusammcugefunden. „Wilhelmi, veifluchter Kerl," meinte der jüngste der Offiziere und strich sich sein knospendes Bärtchen glatt. „Hat famosen Blick gehabt. Frauenzimmer hat Rasse, gelehrt und hübsch — was Seltenes. — Wundert mich, daß Zivilist solchen Geschmack hat." Der andere nickte zustimmend. „Bin auch Jroßstadt jewesen — famose Weiber gesehen, nette Kiffer entdeckt-prachtvoll amüsiert — doch so was ist mir nicht in die Quere gekommen." „Das glaube ich Ihnen," meinte der Landrat, „die Dame ist eben in anderen Kreisen zu suchen gewesen." „Erlauben Sie, Verehrtester," meinte der Angeredete etwas hochmütig, „wollen doch nicht etwa behaupten, Dame wäre aus unserer Gesellschaft." „Das behaupte ich allen Ernstes und wer es wagt, etwas anderes zu sagen-" „Landrätchen," lachte der Ingenieur, „Sie Muster aller Junggesellen und Ehescheuen, Sie werden doch nicht auf Ihre alten Tage Feuer fangen!" „Festung bereits eingenommen," näselte der jüngste der Offiziere. „Angebrannte Grütze könnte mich nicht reizen." „Davon verstehen Sie nichts, meine Herren, das ist modern — der sogenannte kaut Zoüt der Empfindungen." „Kellner, Sekt! — Lassen wir mal die Schönheit hochleben, so jung kommen wir doch nicht wieder zusammen." Man zechte noch bis gegen Morgen, der Landrat war zuerst aufgebrochen, er war die ganze Zeit über recht still gewesen und hatte wenig getrunken. Acht Tage später wurde dem Doktor mit der Morgenpost ein ein geschriebener Brief mit Amtssiegel überbracht. Erstaunt öffnete er denselben und las in fliegender Hast die wenigen Zeilen. Seine Hand zitterte und sein Gesicht war bleich geworden, als er den Brief beseite legte. Jngeborg, die mit ihm am Tische saß, gewahrte mit Angst seine Erregung. Fragend sah sie zu ihm auf. Er zögerte einige Minuten, dann sagte er etwas leise und stockend: „Ich muß Dir eine unangenehme Mitteilung machen." Sie faßte seine Hand. „So sprich doch schnell und spanne mich nicht auf die Folter." „Nun denn, man erklärt mir kurz und bündig, daß man Dir das Erscheinen im Krankenhausc und die Ausübung Deines Berufes daselbst verbietet und mir, falls ich die Arbeit nicht mehr allein bewältigen kann, einen Assistenzarzt zur Verfügung stellen will. Das haben wir unfern lieben Mitbürgern zu verdanken! — Diese gemeinen Krämerseelen, die es nicht ertragen können, jemand befriedigt und glücklich zu sehen." „Ich habe schon so etwas geahnt," fuhr er fort, im Zimmer heftig auf- und abgehend. „Bei der Prinzessin schon waren sie alle wild und wütend." Jngeborg sah ihn erstaunt an. „Wem hätte ich was zu leide getan? Ich erinnere mich nicht eines Wortes, das verletzend hätte sein können." „Und doch hast Du sie tief beleidigt, indem Du eben es gewagt hast, hübscher auSzusehen als alle andern, klüger und geistvoller und gebildeter zu kein und noch gar das Klavierspiel dazu, das hat der alten Kapobus fast die Sinne geraubt." „Und darum soll ich — muß ich — leiden, darum wird mir eine Arbeit genommen, die mir Lebensbedürfnis ist?" „Frägt denn jemand danach l — Haben diese Menschen eine Ahnung von einem Ideal, von einem Streben, von lauteren Beweggründen, die zum Handeln zwingen? So niedrig und klein wie sie denken, so glauben sie auch, daß eS andere tun. Sie wollen Dich zwingen, ihnen gleich zu sein. Fügst Du Dich ihnen, so wirst Du Frieden haben." „Aber ich will mich nicht fügen, ich will dagegen ankämpfen bis zum äußersten." „Das ist unmöglich. Wie soll ich mich gegen diesen Beschluß wehren, da ich gesetzlich kein Recht dazu habe." „Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagsbeilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten 5 „So gib diese Stelle auf, laß uns in die Großstadt gehen, wir sind beide jung, wir können arbeiten, können entbehren, können warten. — Der bescheidenste Anfang dort wäre beglückender als hier die Sicherheit und das Wohlbehagen. Du ahnst nicht, wie ich unter diesen kleinlichen Verhältnissen leide, wie es Tag und Nacht meine Sorge ist, es Dir zu verhehlen. In dieser engen Luft ist es kaum möglich zu atmen, jeder Frohsinn, jede Schaffenskraft, jedes freie Denken ist von vornherein genommen. Wie die engen, kleinen Räume, die winkligen Gassen, die öden, menschenleeren Wege einem Furcht einjageu, fast den Atem rauben, so nimmt auch der engbegrenzte Horizont in geistiger Beziehung allen den freien Blick, die Vorurteilslosigkeit. Jetzt erkenne ich sie voll und ganz, die Tragik des Kleinstadtlebens, die man entweder bekämpfen, besiegen oder durch sie untergehen muß. Ein Sichfügen heißt ein Untcrgchen." Mit Heftigkeit, fast sich überstürzend, kamen diese Worte über ihre Lippen. Nun schwieg sie und blickte mit unsagbar traurigen Augen zu ihm empor. Sie hatte Mühe, die Tränen zurückzuhalten. „Du hast recht," sagte er ernst, „doch ich kann mich nicht losmachen, wenigstens jetzt nicht. Mein Kontrakt geht noch auf fünf Jahre und außerdem kann ich die sicheren Einnahmen nicht missen. Mutter ist seit einem Vierteljahr gelähmt, ihre Pflege und Wartung kostet mehr als sonst. Und dann darf ich sie nicht aufregen. Wie würde sie bangen und sorgen, wenn sie es erführe, daß ich die Stellung aufgegeben, deren Erreichung mir zuerst so beglückend erschien. Und dann habe ich ja auch Rücksichten gegen Dich zu nehmen. Jahrelang habe ich gekämpft, um Dir eine sichere Zukunft zu bieten und jetzt soll ich Dich in ein Ungewisses fortführen, soll Dir kleinliche Sorgen aufbürden S Du weißt nicht, was das tägliche Leben erfordert und wie schwer ein Entbehren nach außenhin auch ist" „Nein, nein," rief sie erregt, „Du unterschätzt mich, ich kann, was ich will. O, ich möchte Dir zeigen, wie mutig ich bin, nur wenige Jahre einer strengen Arbeit und wir sind am Ziel. Komm fort von hier, wir werden beide darunter leiden. Da draußen ist Leben und Bewegung hier ist ein ödes Welken, ein Sterben." „Du bist erregt," entgeguete er. „Deine Phantasie malt Dir alles zu schwarz. Gerade hier können wir einander mehr sein, für einander leben; wenn Du mich liebst, wirst Du auch diese Enttäuschung überwinden und in dem Gedanken, nur für mich zu leben, Befriedigung finden. Ich verspreche Dir, sobald -ich einen Ausweg — einen sicheren Ausweg habe, den Ort zu verlassen, nur jetzt dränge mich nicht, es ist unmöglich." „So ist wenigstens eine Hoffnung," entgegnete sie bitter lächelnd, „die ich hegen darf, nur hier nicht begraben zu werden." Er sah sie erschreckt an, sie war totenbleich geworden. Der Gedanke, sie könnte hier krank werden, ihr schweres, kaum überwundenes körperliches Leiden könnte sich in irgend einer Art von neuem zeigen, erfaßte ihn mit namenloser Angst. Er glitt vor ihr nieder und umfaßte ihren Leib. „Inge," rief er flehend, „Inge, sei barmherzig, mache es mir nicht so schwer. Du ahnst ja nicht, was mich dieser Entschluß kostet, vertraue Dich nur diesmal rückhaltslos mir an und glaube mir, daß ich nicht anders kann." Sie strich mit ihrer schlanken, blassen Hand über seine heiße Stirn. Es tat ihr weh, ihn so betrübt und so traurig zu sehen. Sie schalt sich wieder hochmütig und unzufrieden. Was wollte sie eigentlich von ihrem Schicksal? War nicht der höchste Wunsch ihres Lebens ersüllt? War sie nicht die glückliche, geliebte Frau des Mannes geworden, dem sie ihr erstes, reines, ihr tiefstes Empfinden geschenkt, das mit ihr gewachsen war in all den Jahren der Einsamkeit und harten Arbeit. Undankbar schalt sie sich, daß diese erste, herbe Enttäuschung, die sie erlitten, — und nicht einmal durch ihn — sie so niedergedrückt. — Freilich hatte das Versagen der Ausübung ihres Berufes sie im Kernpunkt ihres Seins getroffen. Für sie bestand das höchste Glück in der gemeinsamen Arbeit, in dem idealen Streben, Seite an Seite mit dem geliebten Manne zu kämpfen, sein treuester Freund zu sein, danach hatte sie gerungen und gestrebt. Nun sollte sie dieses Glück entbehren, weil es kleinliche, engherzige Menschen so beschlossen und bei diesem Gedanken empörte sich wieder ihr Stolz, ihr Selbstbewußtsein und sie biß die Zähne fest auf ihre Lippen, um den leidenschaftlichen Ausdruck ihrer Gefühle zurückzudrängen, der sich von neuem Bahn brechen wollte. Mühsam, als oh sie jedes Wort einen schweren Entschluß kostete, sagte sie leise: „Ich will mich fügen, tue, was Du für recht hältst." Er küßte stürmisch ihre Hände und dankte ihr innig Er wußte ja, daß sie nur seinem Glück lebte und ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für sie flammte in ihm empor und er beschloß schon jetzt langsam Schritte zu tun, um ihr vielleicht in noch kürzerer Zeit den Wunsch zu erfüllen, den sie begehrte. Er war aufgesprungen und hatte sie in seine Arme gerissen, sein heißes Empfinden für sie schien noch tiefer geworden und während er die Bebende mit seinen starken Armen fest umstrickte, flüsterte er ihr süße, berauschende Worte der Leidenschaft zu und webte sie vollkommen ein in den glühenden Schleier seiner innigen Neigung. _ (Fortsetzung folgt.) Aus meiner Mappe. Von IValtber Lebults vom Lrübl. IV. Der Boxhimncspitter. „Minna, der Rübstiel ist ja angegangen. Puh, wie das riecht, mir wird ganz übel. Davon esseich keinen Bissen," sagte mein Bruder Heinz zu unserer Magd, die eben aus einem Eiumachfasse den Rest des verdächtigen Gemüses zusammenkratzte. „Es ist auch nur für den Boxhanncspitter. Es wird mit einem Stück Speck zusammengekocht, dann frißt er es noch mit Vergnügen hinunter", beschied uns die Magd. „Aber so einen großen Topf voll kann er doch nicht allein aufessen. Du schwindelst, Minna. Das ist für uns mit," argwöhnte mein Bruder. „Du weißt doch, wie er fressen kann," sagte ich. Als bald darauf das Essen fertig gekocht war, nahm Minna die größte, irdene Milch schüssel, die in der Küche war, die mit der großen Blume in der Bütte und dem Spruch um den Rand: Unsre Magd, die Anu', Die hätt' so gern 'neu Mann. In diese Schüssel wurde das Rübeumus getan. Es gab eine tüchtige „Häufe". Oben darauf wurde der Speck gelegt. „Das können keine zehn Menschen essen und auch so'u Fresser nicht, wie der Boxhanncspitter," sagte mein Bruder entschieden. „Doch, er kriegt es herunter," entgeguete ich und es entbrannte ein Meinungsstreit darüber. Wir wetteten um einen Pfennig. Das Essen wurde im Nähstübcheu neben der Küche aufgetragen und der Tagelöhner herbeigerufen. „Hm, Rübstiel und Speck!" sagte er, strich sich behaglich seine unrasierte Wange und setzte sich nieder. Der Papa, die Mama, das Kindermädchen, mein Bruder und ich und alle anderen Geschwister versammelten sich, um den Boxhanncspitter essen zu sehen. Es war ordentlich eine andächtige Sache. Den Tagelöhner aber kümmerte unsere Anwesenheit nicht; er setzte sich an den Tisch, faltete die Hände und sagte: „Komm, Herr Jesus,' sei unser Gast und segne, was du mir be scheret hast." Dann zerbrach er die große Brotschnitte, die neben der Schüssel lag, in lauter Brocken, spießte mit der Gabel in der Linken den Speck auf und fuhr mit dem Löffel in der Rechten in das Gemüse. „Rübstiel und Speck Hab ich all mein Leben gern gegessen", sagte er und legte los, ganz systematisch, erst drei Löffel Gemüse, dann einen Biß in den Speck und dann ein Stück Brot hinterher. Das ging so eine ganze Weile fort, bis die Schüssel halb leer war. Da hielt der Boxhanncspitter inne und tat einen tiefen Seufzer. „Er zwingt es doch nicht", triumphierte mein Bruder. „Paß auf, dein Pfennig ist perdü!" Aber der Boxhanncspitter öffnete die Weste und einen Knopf seiner Hose und wandte sich au meine Eltern: „Et is nu emol eso; wenn einer einen Bruch hat, hat er immer viel Appetit. Der Bruch verlangt dat eso. On ech Han twei Bröke." Er legte mit ungeminderter Kraft aufs neue los. Aber als noch etwa ein Untertäßchen von dem Gemüse iidrig war, seufzte er wiederum gewaltig, wandte sich an die Magd und stöhnte: „Jetzt kann ich uit mehr. Verwahrt mir dat tom Koffie." Mein Bruder behauptete, seine Wette gewonnen zu haben, während ich dabei beharrte, daß ich den Pfennig nicht schuldig geworden, da der Pitter das Rllbstielgemüse doch noch vollständig herunterkriegte, wenn auch erst zum Kaffee. Mein Bruder erklärte meine Auffassung für Hinterlist und Gaunerei und somit prügelten wir uns draußen auf dem Nasen. Da tönte die Stimme des Boxhanncspitter: „Kinder, wenn mau so liebe Eltern hat und immer so reichlich zu essen, wie ihr und keinen Bruch und Leibschaden wie ich, dann sollte man immer brav und verträglich sein." Damit ging er davon, um hinter dem Stalle neben dem Mist sein kleines Verdauungsschläfchen zu halten. Line kreppe höher. Silvester-Skizze von Llieksl Brivelsz-. (Nachdruck verboten.) Gaston Tilloy hatte eben seine Post erhalten, die sein Diener ihm auf den Tisch sgelcgt; doch er beeilte sich nicht, sie zu öffne», sondern war für den Augenblick damit beschäftigt, den Ringen seiner Zigarette nachzusehen, während sein Körper behaglich in einem weichen Fauteuil ruhte. Wozu hätte er sich auch anstrengen sollen! Er erwartete ja weder eine Anstellung vom Staat, die ihm die Post bringen sollte, noch eine Antwort auf eine feurige Liebeserklärung, die er etwa dem Gegenstand seines Herzens geschickt. Er gehörte weder zur Kategorie der Kandidaten, noch zu der der Verliebten. Er gehörte vielmehr zu der Kategorie der außergewöhnlichen und glücklichen Menschen, die gar keine Beschäftigung haben. Er war reich, intelligent, begabt und interessierte sich für das Schauspiel des Lebens nur als belustigter Zuschauer. Sein Leben verfloß ohne Zwischenfall, still und ruhig. Warum hätte ihn also seine Post mehr interessieren sollen als sonst! Übrigens wußte er ja schon so ziemlich, was sie enthielt: einige Betteleien und gewiß auch einige Einladungen, denn der Silvesterabend stand vor der Tür. Es regnete 6 Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagsbeilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten bei Gaston Tilloy Einladungen. Und warum auch nicht? Er war ein hübscher junger Mensch mit grobem Vermögen. Welche Mutter wäre nicht glücklich gewesen, ihm ihre Tochter zur Frau zu geben? Aber Gaston Tilloy ließ sich bon den freundlichen Blicken, die man ihm zuwarf, nicht blenden; als gewiegter Philosoph tat er, als hätte er von dem eigentlichen Grunde der freundlichen Blicke nicht die geringste Ahnung. Da er aber trotzdem gern in Gesellschaft ging, so nahm er die Einladungen doch mit Vergnügen an. Nicht, daß Gaston etwa ein Feind der Ehe gewesen wäre! Dazu war er viel zu vernünftig. Aber er war noch jung und wollte sich nicht übereilen. Außerdem wollte er sich auch nicht von andern verheiraten lassen, sondern seine Frau selbst wählen. Als Gaston seine Zigarette aufgeraucht hatte, griff er nach der Post und öffnete den ersten Brief. , Ja." „Was hat sie denn gesagt?" „Nichts. Sie hat überhaupt nicht den Mund aufgemacht, sie scheint sehr erregt zu sein." „Ist sie jung?" fragte Gaston immer neugieriger. „Jawohl, jung und hübsch und sieht sehr vornehm aus." „Na gut, lassen Sie sie eintreten." Eine Minute später öffnete sich die Tür des Salons, und Fräulein de Lourel trat ein. „Ich bin sehr erfreut, gnädiges Fräulein," sagte Gaston äußerst höflich. „Wollen Sie gefälligst Platz nehmen . . ." „Ich danke Ihnen, mein Herr." Ein paar Augenblicke herrschte ein peinliches Schweigen, dann schien das junge Mädchen Mut zu fassen und begann: Weinprobe. Nach dem Gemälde von Th. Liudenschmit. (Siehe Seite 8.) WWz MM. „Natürlich," sagte er, „die bekannte kleine Einladung. Man tanzt in der nächsten Woche bei Frau Marineres. Nun schön, mögen sie ohne mich tanzen." „Sich', sich'," fuhr er fort, während er die Handschrift auf einem andern Brief erkannte, „was will denn diese gute Madame Balcourt von mir?" Er öffnete und las: „Verehrter Freund! Wollen Sie mir eine große Gefälligkeit erweisen, so kommen Sie heute zum Silvester-Abend zu mir zum Diner. Ich veranstalte eine kleine Feier, aber unglücklicherweise sind wir dreizehn bei Tisch, und ich rechne auf Sie als meinen Retter aus dieser Verlegenheit. Schicken Sie mir, bitte, schnell eine Zeile, daß Sie annehmen, und empfangen sic im voraus den Dank Ihrer ergebenen Henriette Balcourt." „Das darf ich nicht abschlagcn," sagte Gaston, „namentlich, wenn mau gewissermaßen ein Menschenleben retten kann, — besonders am Silvesterabend." Schon wollte er zur Feder greifen, üm zu antworten, als die Wohnungskliugel ertönte. „Wer kann mich denn um 2 Uhr nachmittags stören?" fragte sich Gaston, — da trat der Diener herein und brachte ihm eine Karte. „Genevidve de Lourel?" sagte der junge Mann erstaunt. „Kenne ich nicht. Will die Dame mit mir sprechen?" „Ich bin mir sehr klar darüber, daß Sie von meinem Besuch über rascht sein werden . . ." „Aber sehr angenehm überrascht, mein Fräulein, und wenn ich . ." Mit diskreter Bewegung unterbrach Fräulein de Lourel seine Höf lichkeitsphrase und sagte: „Ich bitte Sie, mein Herr/ meine Situation ist schon peinlich genug, und ich bedarf meiner ganzen Geistesgegenwart, um Ihnen die Gründe meines Handelns auseinanderznsetzen." „Ich höre, mein Fräulein," versetzte Gaston ernsthaft. „Sie kennen Madame Balcourt?" begann das junge Mädchen, „nicht wahr?" „Gewiß, mein Fräulein." „Sie kennen Sie genau?" „Sehr genau kann ich nicht sagen. Aber jedenfalls stehe ich zu ihr und ihrem Manne in den besten Beziehungen." „Und Sie speisen heute abend bei ihr?" „Jawohl, mein Fräulein." „Nun also — auch ich bin heute Abend dort eingeladen . . ." Der junge Mann wollte schon wieder ein Kompliment machen, doch er unterließ es, als Fräulein de Lourel ihn mit einer Handbewegung unterbrach. Er wartete nun darauf, daß sie fortfahren sollte, doch sie fuhr nicht fort, sondern sah den jungen Mann mit seltsamer Miene an. Dieses Schweigen sing an, fatal zu werden, und Gaston hielt es für. seine Pflicht, ihm ein Ende zu machen. 7 „Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagsbeilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten „Gestatten Sie, gnädiges Fräulein — haben Sie mir nur deshalb die Ehre Ihres Besuches erwiesen, nm mich zu fragen, ob ich heute abend bei Madame Balcourt diniere?" „Nein, mein Herr . . . Oder vielmehr — ja . . . denn ich wußte, daß Sie bei Madame Balcourt dinieren würden. Ich wußte es seit dem letzten Donnerstag. An diesem Tage haben meine Eltern ebenfalls eine Einladung erhalten." „Nun, mein Fräulein, dann sind Sie gegen mich im Vorteil, denn ich habe meine Einladung erst diesen Augenblick bekommen . . . doch das tut ja nichts zur Sache. Und da Sie jetzt unterrichtet sind . . ." Fräulein de Lourel sah Gaston in diesem Augenblick starr an, als wollte sie in seinem tiefsten Herzen lesen, dann fuhr sie fort: „Und . . . Sie wissen, warum Sie eingcladen sind?" „Jawohl, mein Fräulein, zufällig weiß ich es: weil sonst dreizehn bei Tische wären." Das junge Mädchen erhob sich. „Es ist häßlich von Ihnen, mit einem Scherze, ja sogar mit einer Lüge auf die ernsthafte Frage zu antworten, die ich an Sie richte." Verdutzt erklärte Gaston: „Aber — mein Fräulein, ich schwöre Ihnen. . ." Doch sie ließ ihn nicht ausreden: „Schwören Sie nicht, Sie schwören falsch!" „Aber ich sage Ihnen nichts als die volle Wahrheit, mein Fräulein." „Die Wahrheit?! . . . Wollen Sie etwa behaupten, nicht zu wissen, daß es sich um eine Heirat handelt? Richtiger gesagt, um unsere Heirat?" „Was — um unsere Heirat? . . . Man will uns verheiraten?" „Ja, natürlich will man das. Ich habe den Beweis dafür. Ist das nicht empörend?" Gaston betrachtete Fräulein de Lourel, die einen ganz allerliebsten Eindruck machte . . . War es wirklich so empörend? Er konnte das nicht finden? „Aber wer hat Ihnen das gesagt, mein Fräulein?" „Man hat mir gar nichts gesagt, aber ich habe Gespräche belauscht . . . Ein Zweifel ist nicht möglich . . . Kurz, dieses Diner ist eine abgekartete Sache, um uns zusammen zu bringen." „Wirklich?" „Ja, wirklich!" . . . Und da ich Weiß, daß es vergebliche Mühe wäre, meine Eltern von einer einmal gefaßten Idee abzubringen, und ich Sie andererseits nicht zum Manne haben will . . ." „Was Sie sagen!" „Sie sehen, ich bin aufrichtig —" „Ja, das sehe ich allerdings . . ." „Nun, so habe ich also einen Entschluß gefaßt. Ich habe Sie einfach aufgesucht, nm Sie zu bitten, der Einladung zu Madame Balcourt heute abend nicht Folge zu leisten. Dann wird die Sache in sich selbst zeriallen." Gaston wußte eigentlich nicht, was er sagen sollte. Er fragte nur etwas betreten: „Warum ... hm — warum wollen Sie mich denn eigentlich absolut nicht heiraten, gnädiges Fräulein?" „Erstens, weil ich Sie nicht kenne . . ." „Das ist allerdings ein Grund . . . ein tadelloser Grund sogar ... Wenn Sie mich nun aber kennen lernten?" „Ja, ich will Sie aber ja gar nicht kennen lernen, mein Herr! Denken Sie doch, wie schrecklich meine Lage sei» würde, wenn ich Ihnen gegenüber die geringste Sympathie empfände . . Heftig, aufbrausend, jähzornig, wie Sie sind." „Was? Ich bin zornig und aufbrausend?" „Nun, das ist doch stadtbekannt . . . Nur meine Eltern wollen es nicht glauben, weil Madame Balcourt sie vollständig zu Ihren Gunsten eingenommen hat . . . Ich möchte wahrhaftig wissen, welches Interesse sie haben kann, Sie mit mir zu verheiraten." „Ja, das möchte ich auch wissen .... Aber wenn sie behauptet, daß ich weder hcflig, noch jähzornig, noch aufbrausend bin, dann muß ich Ihnen ganz aufrichtig erklären, daß sie nicht unrecht hat. Denn wenn es überhaupt einen ruhigen und friedliebenden Menschen gibt . . ." „Außerdem sind Sie ein Spieler!" „Was bin ich, — ein Spieler?" „Haben Sie nicht im vorigen Monat in Ihrem Klub 20 000 Franks in einer einzigen Nacht verloren?" „Ich? Aber mein Gott, ich habe ja in meinem Leben noch nie eine Karte angerührt . . . Ja, ich habe sogar nicht ein einziges Mal den Fuß in einen Klub gesetzt." „So?" „Sie glauben mir nicht?" „Nun denn, nein, ich glaube Ihnen nicht. Ich weiß ganz genau, was ich behaupte. Und ich weiß auch, daß Sie früher mit Fräulein Rose Bridoix verlobt waren und die Verlobung rückgängig gemacht haben, als Herr Bridoix den größten Teil seines Vermögens verloren hatte." Die Anklage wurde mit so scharfer Stimme ausgesprochen, daß Gaston ganz zerschmettert entgegnete: „Na, wenn dem so ist, dann bin ich ja ein Ansbund aller netten Eigenschaften . . . Unter solchen Umständen begreife ich, daß Sie nicht meine Frau werden wollen. Ich bin sogar ganz Ihrer Meinung." Dann aber richtete er sich wieder auf und fuhr fort: „Das Unangenehme . . . oder das Angenehme ist nur, daß ich dieses Fräulein Roie Bridoix absolut nicht kenne." „Sie wollen sagen, Sie kennen sie nicht mehr, seit sie verarmt ist . . ." „Mein Fräulein . . ." „Uebrigens muß ich Ihnen eine Neuigkeit mitteilcn, die Sie jeden falls auf andere Gedanken bringen wird. Meine Eltern sind durchaus nicht so reich wie sie immer geschätzt werden. Sie würden also, wenn Sie mich heiraten, ein recht schlechtes Geschäft machen." Das war zu viel für Gaston. Sein Stolz empörte sich und er sagte: „Daß Sie hübsch und reizend sind, mein Fräulein, das sehe ich, daß Sie stolz sind, davon bin ich überzeugt, aber daß Sie sich in diesem Augenblick im Vollbesitz Ihres Verstandes befinden, daran zweifle ich . . . Ich erkläre Ihnen, daß ich weder ein Spieler noch ein jähzorniger Mensch bin, und daß ich überhaupt nie verlobt war . . . Das ist die reine Wahrheit . . . Und wenn Ihnen dieses F-ränlcin Rose Brivoix gesagt hat, daß sie mich kennt, dann besitzt sie eine recht rege Phantasie, das schwöre ich Ihnen, so wahr heute der letzte Tag im Jahre ist." Es lag in seinem Ton so viel Aufrichtigkeit, daß Fräulein de Lourel nun doch stutzig wurde. Trotzdem faßte sie sich bald und fuhr fort: „Sie brauchen nichts abznleugnen, denn RoseBridoix, meine Pensions- freuudin, hat mir seinerzeit ihre Verlobung mit Ernest Serdot selbst mitgetcilt." „Mit Herrn . . . mit Herrn Ernest Serdot?" rief Gaston und brach plötzlich in ein lautes Gelächter aus. „Ernest Serdot haben Sie gesagt? Ich habe doch richtig verstanden, nicht wahr?" „Allerdings, mein Herr," kam cs halb beleidigt, halb kleinlaut zurück. „Nun, dann begreife ich alles . . - Sie haben sich einfach in der Person geirrt. Herr Ernest Serdot wohnt im dritten Stock, über mir; wir sind hier erst im zweiten. Sie haben sich in der Etage geirrt, mein Fräulein." „Wie, mein Herr, Sie sind nicht Herr Serdot?" „Nie gewesen, mein Fräulein. Ich heiße Gaston Tilloy, zu dienen . .. Und wenn Sie einen Beweis meiner Aufrichtigkeit haben wollen, so lesen Sie diesen Brief, Sie werden darin sehen, i aß mich Madame Balcourt wirklich erst heute eingcladen hat, weil dreizehn bei Tisch sind, um einen Gast zu ersetzen, der sich in letzter Stunde entschuldigt hat." „Wahrhaftig?!" rief Genevibve erleichtert, „ach wenn der Gast doch Herr Serdot wäre." „Das wünsche ich in Ihrem Interesse, mein Fräulein." Die beiden jungen Leute blieben vor einander stehen: er fand sie in ihrer Verlegenheit nun erst recht reizend; sie schämte sich und wußte nicht, was sie sagen sollte. „Ja," wiederholte Gaston nach einer Pause, „es wäre wirklich schade, wenn Sie die Frau dieses Ernest Serdot würden, denn er soll tatsächlich nicht viel taugen." Plötzlich reichte Fräulein de Lourel ganz vertrauensvoll ihrem neuen Verbündeten die Hand. „Ich danke Ihnen für Ihre Sympathie . . . Was mögen Sie von mir gedacht haben! . . ." „Wenn ich Ihnen helfen könnte, Sie von diesem Serdot zu befreien . . ." murmelte er etwas undeutlich. „Ach ja, das wäre mir das liebste Neujahrsgescheuk!" rief sie ganz verklärt, aber wie?" „Man müßte suchen . . . Vielleicht könnte man einen Konkurrenten für ihn ausfindig machen . . . Einen wohlhabenden jungen Mann, — der vielleicht noch reicher ist als er und deshalb in den Augen Ihrer Eltern als noch bessere Partie gelten könnte ... Er würde um Ihre Hand auhaltcn . . . und — wenn Sie einwilligten, dann würden alle Hindernisse von selbst schwinden." „Ja, aber, mein Herr, dazu müßte ich doch erst jemand haben .. ." „Der sich um Sie bewirbt? . . . Nun, überlassen Sie das mir, ich glaube, ich habe diesen Jemand schon gefunden. Übrigens könnten wir ja heute abend bei Madame Balcourt darüber weiter sprechen . . . denn jetzt haben Sie doch wohl nichts mehr dagegen, daß ich zum Diner komme?" Genevibve antwortete nicht. Sie begnügte sich damit, bis unter die Haarwurzeln zu erröten. Aber als sie sich dann zum Gehen anschickte, fragte Gaston: „Sie gehen nicht mehr — eine Treppe höher?" „Nein!" versetzte sie mit leiser Stimme, und der Blick, mit dem sie das Wort begleitete, zeigte deutlich, daß sie cs nicht mehr für nötig hielt, selbst für ihr Glück zu sorgen . . . Sie ahnte, daß ein anderer das übernehmen, und daß dieser Silvester-Abend über ihr Leben entscheiden würde . . . _ Unsere Gilcler. Gott sei Dank! Die Schule ist wieder einmal überstanden und nun geht es nach Hause. Schon längst sind die Augen während des Unterrichts verstohlen zum Fenster hinansgcwandert »ach dem schönen weißen Schnee auf den Nachbardächern. Und die Prüfung, ob er sich ballen läßt, hat ein gutes Resultat ergeben. Was wird das für ein lustiger Heimweg werden! Drei der munteren Buben sind ihren Kameraden vorausgeeilt und haben hinter einer Hausecke Posten gefaßt. ! Noch hatten sie Zeit, sich einen Vorrat von Munition zu schaffen, aber „Rhein und Düffel", illustrierte Sonntagrbrilage zu den Düsseldorfer Neuesten Nachrichten jetzt kommen mich schon die anderen den Berg hernntergefahren und nun wird die fröhliche Schlacht sogleich beginnen. Wie blitzen die Augen in froher Jugendlnst und in Freude über den gelungenen Überfall, den Th. Kleehas mit seinem Gemälde „Im Hinterhalt" schildert. — Das Bild „Wein probe" von Th. Lindenschmit zeigt uns drei famose ländliche Typen, charakteristisch erfaßt. Wir wollen es diesen Granköpfen gerne glauben, daß sie etwas vom Wein verstehen, mehr vielleicht als mancher, der sich mit Vorliebe als „Kenner" anfznspiclen pflegt. Wie die Augen der beiden andern an den Mienen des Prüfenden hängen, ist mit gutem Humor wiedergegeben. die Gelehrten und letztere wieder durch die Praktiker in ihren Kenntnissen gefördert werden können. Lu unserem ^Dreiscrusschreiben. Als Verfasser der mit dem zweiten Preise bedachten Postkarte „Aeschila" hat sich der Allerlei. sDie Zukunft einer Totenstadt.j Es bestehen, wie schon berichtet worden ist, die besten Aussichten zur Ausführung eines Plans, der auf die Ausgrabung der Stadt Herculaneum gerichtet ist, der einen der drei Ortschaften die von dem großen Vesnvansbrnch im Jahre 70 nach Ehr. vernichtet wurden. Man hat früher an ein solches Unternehmen aus mehrfachen Gründen nicht gedacht. Vor allem hielt man die vulkanischen Massen, unter denen Herculaneum begraben liegt, für eine harte undurchdringliche Lava, außerdem war man noch zu sehr mit Pompeji beschäftigt. Jetzt aber haben die Geologen bewiesen, daß das Leichentuch von Herculaneum von einer andern, für eine Ausgrabung durchaus nicht ungünstigen Beschaffenheit ist und nur an seiner Oberfläche durch die Berührung mit der Luft für den Spaten undurchdringlich geworden ist. Daß die Bloßlegung von Herculaneum reiche Schätze zutage fördern wird, läßt sich schon beurteilen nach einzelnen Stücken, die in Neapel zu sehen und als untadelhafte Kunstwerke erhalten sind. Es ist sogar fcstgestcllt worden, daß Manuskripte, die dort begraben sind, noch jetzt entrollt und gelesen werden können. Mau darf also erwarten, daß die Ausschachtung von Herculaneum das ganze Leben und Treiben einer römischen Provinzialstadt vor mehr als 1800 Jahren in wunderbarer Erhaltung enthüllen werde, sEine eigenartige Vereinigung,j wie sie Wohl zu wissenschaftlichen Zwecken noch nie znsammcngetretcn ist, hat sich in der jüngsten englischen Universitätsstadt Birmingham gebildet als eine „Vereinigung von Wirtschaftsbiologen". Die Gesellschaft bezweckt, alle Sachverständigen aus den theoretischen und praktischen Berufen zur Förderung wirtschaftlicher Fragen zusammenzubringen. Auf der einen Seite gehören dem Verein Landwirte, Arzte, Tierärzte und Kaufleute an, auf der andern Seite Zoologen, Botaniker, Forstleute, Chemiker usw. Insbesondere soll sich die Gesellschaft beschäftigen mit Aufgaben, die sich auf wissenschaftliche Züchtung von Pflanzen und Tieren beziehen, außerdem mit Angelegenheiten der verschiedenen natürlichen Erzeugnisse, soweit sie Gegenstand des Handels sind. Es steht wohl außer Zweifel, daß durch eine solche Vereinigung viel Nutzen gestiftet werden kann, indem die Männer der Praxis durch Ernst In Einigkeit und Harmonie. Originalzeichnung von C. Kunstmaler Herr Hardt gemeldet. Von den übrigen Einsendungen bringen wir im folgenden noch zwei. Das erste „Es werde Licht" stellt die einzige Postkarte ernsten Inhalts dar; der Verfasser des zweiten Beitrags hat sich zur Aufgabe gestellt, ein Gedicht zu schreiben, das mit „sondern" aufängt und mit „aber" aufhört. Wie weit ihm das gelungen ist, mögen unsere Leser selbst beurteilen. Ls weröe Locht. „Es werde Licht." Im Donnertone erbrauste der hohe gewaltige Nuf der Allmacht — mit der Geschwindigkeit des Gedankens flog er in die Unendlichkeit hinaus. Und Leben erwachte überall: mit den gewaltigen Orgcl- tönen der Sphärenmusik rollten die Welten in vor- gcschriebene Bahnen, rings sproßte und blühte die lebendige Natur vom Uranfang an in beständigem Wechsel in alle Ewigkeit. — Aber das erhabene Wort ging nicht verloren: Ewig wie der Schöpfer selbst durchzittert der Ton die Welt, wenn auch nicht hörbar dem stumpfen Sinn der Stanbgeborenen. Nur wenn, unfaßbar woher, geheimnisvoll, wie der Wille des Geheimnisvollen, den Dich ter plötzlich die höhere Wahrheit durchzuckt, die Phantasie desKünstlers ohne sein Zutun schaffend sich regt, dem Entdecker die große Idee sich offenbart, dann jedcSmal berührt den Menichen ein leiser Flügelschlag, wie ein Odem aus dem Jenseits, der Nachhall begrüßen Wortes: „Es werde Licht." Sondern — aber. Sondern kannst du leider von der Liebe, Schatz, nun einmal nicht die dumme Heirat; Sprichst du davon, wird mein Herze trübe, Fliehen möcht' ich gleich denn auf dem Zweirad. O Marie, holdseliges Geschöpfchcn! Liebe mich, ich will dich gern beglücken, Will mit allem, was dein trotz'ges Köpfchen Sich zum Putzen träumt und wünscht, dich schmücken. Doch sprichst du von Heirat, wird gewißlich Mein Gesicht lang wie ein Blei von Faber; Ach dein Hals ist lieblich und dein Mund ist köstlich, Aber Heirat — darin liegt das aber! B. A. Nause. Druck der Düsseldorfer Ver.rgs-Anstalt Alt.-Ges., Neueste Nachrichten. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Schippang, Düsseldorf.