Sonntag, 18. Dezember 1904 Sonntagsbeilage zum Kölner Local-Anzeiger Mit besonderer Abteilung: Für die Frauen und Kinder. Christkindlein naht! Es weht der Wind und ist so kalt, Es kuarrt der Schnee im dürren Wald, Die Sterne glänzen hell darein, Da nahet sich ein Kindelein. Ein Knabe lieb und wunderhold, Mit seinem Himmelsschein von Gold Erhellt er mild die Dunkelheit Und streuet Segen weit und breit. Er bricht so manches Bäumelein Im dunkelgrünen Tannenhain Und bringt's den Kindern, die beglückt Das Bäumchen schauen, viel geschmückt. Ihr kennt das Knäblein allzugut, Das opferte sein eigen Blut, Und gab sein Leben hin für euch, Ein Leitstern in das Himmelreich. So betet denn zum Kinde fromm: Du lieber Jesu, komm, o komm, Und zieh in unsre Herzen ein, Zu schenken uns den Frieden dein.— Den Frieden, den die Engel dort Verkündigten am stillen Ort, Den Frieden, den du uns gebracht In jener heil'gen ernsten Nacht. Franz Graf von Pocci. Die Prügelheilmethode in China. Von R. Dieper, Missionar in Schantung. Wer die Ueberschrift liest, wird selbstverständlich an ein Heilverfahren auf dem moralischen Gebiete denken, wo die Prügel ja von alters her eine gute Medizin waren. Die Prügelheil# Ein Sankt Niklasabend. Novellette von Justus van Maurik. Aus dem Holländischen übertragen von A. F. Schulte=Bunert Fritz, der Hausbursche vom Hotel Rosenbad, ist eben in mein Zimmer gekommen, um noch Kohlen aufzulegen. Er meinte: „Der Herr soll es heute abend mal schön warm haben. So mutterseelenallein am Niklasabend ist doch schon frostig geuug!“ Es ist hier in Burtscheid totenstill, wie ausgestorben. Weder Fahren noch Reiten und Gehen, ja nicht einmal Hundegebell hört man. Man kann es sozusagen draußen frieren hören; im Garten krachen die Aeste und plumpst ab und zu ein Schneeklumpen von den Bäumen auf die hartgefrorene Erde. Nach Tisch ist jeder, wie gewöhnlich, auf sein Zimmer gegangen, und da sitze ich nun wie ein Verbaunter in einer Totenstadt, einsam und allein! Ich finde auf meinem Tische das Handelsblatt, stecke mir eine Zigarre an und lese Sankt NiklasAnzeigen und=Reklamen. Im Geiste verweile ich wieder bei den vielen schönen Sankt Niklasabenden, die ich mitgemacht habe. Ich sehe den Boden mit Papierschnitzeln besät, mit Stroh, Holzwolle, Papieren von allerhand Farben— Umhüllungen der verschiedenen Ueberraschungen, die der„Sinterklas“ gebracht hat. Ich rieche den Kräuterduft des Spekulatius und den süßen Mandelduft der Lebkuchen. Und nun führen mich meine Gedanken zurück ins elterliche Haus, in die Tage, da ich noch ein Hosenmänuchen war, das unwandelbar fest an Sankt Niklas glaubte und mit angstbeklommenem Herzen beim Schornstein stand und das schöne Lied sang: Lieber, heiliger Nikolas, Bring den kleinen Kindern was! Ich entsinne mich plötzlich eines kleinen Ereignisses aus meinem Kindesleben, das einen großen Eindruck auf mein Gemüt machte und meinem Glauben an einen echten Sinterklas den Todesstoß versetzte— ich will es eben erzählen. Wir zu Hause dersten, kurz vor dem Festtag, einen Wunschzettel schreiben, den die Mutter vor unseren Augen mit etwas Heu für Sankt Niklas' Schimmel in einen Schuh legte und unter den Schornstein setzte. Auf geheimnisvolle Weise verschwand einige Tage darauf der Zettel, und wir sahen am sechsten Dezember morgens beim Aufwachen im Schlafzimmer einen herrlich gedeckten Tisch stehen, auf welchem wir, außer einer Menge von allerlei Leckereien, die gewünschten Gegenstände, wenigstens die meisten davon, vorfanden. Ich konnte nie recht begreifen, wie es eigentlich möglich war, daß Sankt Niklas mit seinem Pferd über die Dächer und Schornskeine ritt und so genau wußte, wie ich mich zu Hause betrug. Es lag für mich etwas Geheimnisvolles darin, das mich gewaltig methode aber, über die wir heute plandern wollen, bezieht sich allen Ernstes auf die Krankheiten des Leibes, so zwar, daß unser Praktikus, Tschao ist sein Name, behauptet, er könne mit Prügeln ebensogut oder noch besser alle möglichen Krankheiten heilen, wie andere Doktoren solches mit Pillen und Arznei zu tun vorgeben. Indes ist es nicht allein der Stock, der in Anwendung kommt, sondern je nach Verschiedenheit des Leidens werden Tamariskenruten gebraucht, Lederriemen, Lineale und vor allem die Schuhsohlen. Wir können die Anwendungen, wie sie unser Doktor vornimmt, in Oberprügel(Rückenprügel), Wadenprügel, Sohlenprügel usw. einteilen. Die Fußprügel sind besonders bei Krämpfen in Gebrauch und das Schlagen geschieht mit Schuhsohlen. Zu bemerken ist, daß die chinesischen Schuhsohlen nicht von Leder sind, sondern von zusammengenähtem Papier und Tuch. Sind sie auch nicht wasserdicht, sind sie doch überaus hart und ungeschmeidig, und die Schläge damit dürften fest genug sitzen. Einst lief ein Kranker hinter Hru. Tschao her, laut heulend vor Schmerz; er hatte Seitenstechen und schon einige Pfund Medizin verschluckt, die ihm andere Aerzte verschrieben, aber ohne Erfolg. Unser Prügeldoktor schien davon zu wissen, denn er nahm wenig Notiz von dem Kranken, der ihn verfolgte und nicht genug Worte finden konnte, des Doktors=Können und Wissen in allerhand Lobsprüchen zu feiern. Endlich warf sich der Patient zu Boden und bat mit emporgehobenen Händen um Hülfe. Darauf schien Tschao gewartet zu haben; er nahte sich ihm und traktierte ihn mit einer Anzahl— Fußtritten.„Steh auf,“ sagte er dann,„jetzt bist du geheilt; willst du aber später gleich geheilt sein, dann suche nicht erst Kurpfuscher auf!“ Kaum hatte sich der Kranke von seinem Schrecken erholt, waren auch die Schmerzen allsogleich verschwunden, nur dort, wohin der erzürnte Doktor seine Fußtritte gerichtet hatte, schmerzte es ihn noch etliche Tage. Es würde zu weit führen des einzelnen das Heilverfahren des Hru. Tschao zu beleuchten und in welcher Weise für die verschiedenen Krankheitserscheinungen verschiedene Arten von Prügel in Anwendung gebracht werden. Hauptprinzip des Tschao ist: Der Schmerz muß mit Schmerz vertrieben werden; anzog und worüber ich, so jung ich auch noch war, doch logisch nachdachte und redete. Ein Pferd auf glatten, oft beschneiten Dächern, in schmalen Dachrinnen, über hohe Schornsteine und zwischen hohen Häusern trabend— das wollte mir nicht einleuchten. Ich ging zu Gysbert, dem Meister in der Fabrik, der mein besonderer Freund war, und bat ihn um Aufklärung. Gys war in seinem Beruf ein fortgeschrittener Mann, sehr belesen und hatte eine fröhliche Natur. Er kannte mich von Geburt an und hielt große Stücke auf mich; das bewies er durch Bogen und Pfeile, die er mir aus Meerrohr machte, oder durch Schiffchen aus alten Holzschuhen und andere, für einen Jungen Sachen. „Gys! Sage mir nun mal die Wahrheit: gibt's wohl einen echten Sinterklas?“ „Was sagst du da, Männeken?" Diesen Kosenamen hatte er stets für mich.„„ich hab'n gestern morgen noch selbst gesprochen; da kam er in die Fabrik, um zu fragen, ob die Arbeiter lieber Lebkuchen oder Spekulatius haben wollten.“ „Und wie sah er denn aus?“ „Na... hm! Alt, grau, mit so nem langen Bart und nem großen Pelzmantel.“ „Hatte er keine hohe Mitra auf, Gys?“ „Nein, Männeken, die trägt er nur des abends, untertags würden ihm die Jungens auf der Straße nachlaufen.“ „Was hatte er denn auf?“ „Na, so'n hohen Zylinder, gerade wie dein Papa.“ „Aber sein Pferd?“ „O! Das steht so lange bei Piet Jansen im Stalle. Heute abend setzt er sich wieder drauf...“ „Aber, Gys, wie ist das denn möglich? Im Dunkeln reiten und dann über die ungleichen Dächer... Ist's auch wirklich wahr?“ „Haben es dir denn Papa und Mama nicht gerade so erzählt?“ „Jawohl! Aber...“ „Na, Männeken, wenn die's sagen, ist's doch auch wahr. Papa und Mama werden doch nicht lügen!“ „Nun ja... Gys... aber sie können es wohl aus Spaß sagen... Ich glaub's doch nicht, ehe ich's gesehen habe.“ „Nun sieh mir einer diesen kleinen ungläubigen Thomas an. Glaubst du denn auch nicht, daß du was bekommst? Findest du denn nicht, was du dir gewünscht hast, des Morgens auf dem Tisch?“ „Ja, Gys... aber wie kommt der Tisch in unser Schlafzimmer? Niklas kann ihn doch nicht durch den Schornstein schieben; der ist viel zu eng. Wie ist das denn möglich?“ „Ja... hm! Sieh mal, das ist nun für dich ein Rätsel, aber Sankt Niklas, der weiß es. Geh jetzt nur schön zu Bett, Männeken, dann sollst du morgen mal was sehen.. Oh... Ja, warte mal!“ Er rief mich zurück.„Hier, greif zu, das schmerzt es irgendwo, so muß anderswo ein unberer Sttmerg hervorgerufen werden; schon die Natur der Medizin weist auf dieses Gesetz hin, da fast jede wirklich wirkende Medizin bitter ist oder doch unangenehm schmeckt. Die Natur, zumal die Haut, muß zur neuen Tätigkeit angeregt werden; es kann das durch Hitze und Kälte geschehen, durch Reiben, Kneten und Stechen. Das erste und erfolgreichste Mittel sind aber die Prügel. Handelt es sich um Krankheiten der inneren Organe, leiten die Nerven den Reiz von der Haut dorthin über und veranlassen sie zur neuen Tätigkeit. Uebrigens kommt auch das Kneten, Reiben und Stechen bei dieser Heilmethode in Anwendung, aber nur in untergeordneter Weise. Für Kranke, denen die Kur zu empfindlich ist und die sich auf keinen Fall prügeln oder stechen lassen wollen, hält Hr. Tschao Finessen in Bereitschaft. Er hat eine geheime Kammer, in der sie eine oder mehrere Nächte verbringen müssen, je nach der Schwere des Uebels. In den Kammern wimmelt es von braunen Gesellen, die sich mit wahrem Ingrimm auf den neuen Gast werfen. Die Folge davon ist, daß die ganze Haut dermaßen gereizt wird, daß der Kranke gewöhnlich an einer Nacht genug hat und gern bereit ist, die noch vorhandenen Krankheitsrückstände eventuell mit Prügeln austreiben zu lassen. Außer dem Flohzimmer kommt noch eine Läusejacke in Anwendung; wer eine Nacht darin verbringen muß, ist am andern Morgen in der Regel auch„geheilt". Besagtes Verfahren wird besonders empfohlen für Kinder, die an Blattern leiden, ohne daß diese hervorbrechen wollen. Die Insektenbisse sollen das Gift an die Oberhaut leiten, so daß die Krankheit weiter nicht mehr gefährlich ist. Man glaube aber ja nicht, das Prügelheilverfahren des Tschao sei so ganz und gar neu, und Hr. Tschao sei ein wunderlicher Kanz oder gelte als Wunderdoktor.„Rückkehr zur unverfälschten Natur“ gilt ihm als Hauptgrundsatz. Wie diese Rückkehr uun aber gerade in Anwendung solcher„feindlichen" Mittel bestehen soll, darüber spricht er sich nicht aus. Die Schuhsohle galt den Chinesen von jeher als Gesundheitserzeuger und mit ihr wird sowohl bei Menschen als Tieren kuriert. Diesen Sommer war unter dem Rindvieh hier eine Seuche ausgebrochen. Die Bauern hat Niklas jetzt schon für dich gebracht, gestern... Aber vorsichtig damit sein, sonst kommt mir deine Mutter auf den Kopf! Gys gab mir einen Pappdeckelschild, prachtvoll mit Silberpapier und roten Streifen beklebt und einen Spieß mit gelber Quaste und Blechspitze dran. „Das hast du gemacht, Gys!“ „Natürlich; aber auf Befehl von Sankt Niklas.“ „Aber dann bist du Sankt Niklas,“ folgerte ich ziemlich logisch...„Komm, sag mir nun mal ehrlich: wer ist es nun eigentlich?" „Na denn, wenn du es niemand wiedererzählst! Willst du mir das versprechen?“ „Ja, wirklich! Niemand. Die Hand darauf:... Nun, wer ist es denn?“ Gys sah mich ernst an und nahm seine Pfeife aus dem Mund. „Es ist ein Vetter von Jan Hoppla, der verheiratet ist mit Fräulein Truitje Dingsda, eine Verwandte der Familie Tüddelüddelütt!... So, Männeken, nun weißt du's ganz genau. Laß es dir gut gehen... Adjüs! Ich muß an die Arbeit.“ Ohne weitere Komplimente schob er mich grinsend sauft zur Tür hinaus. Ich war so klug als wie zuvor! Der Abend kam. Wir hatten uns an dem Tage mit dem Essen beeilt; der Tisch war abgeräumt, das Teegedeck stand bereit. Mama saß auf ihrem gewohnten Platz und blickte ab und zu lächelnd nach Schwesterchen und mir. Ich brannte vor Ungeduld, horchte auf jedes Geräusch draußen und fragte von Zeit zu Zeit: Kommt er nun bald? Papa rauchte eine Zigarre und las andächtig die Zeitung. Es war echtes Niklaswetter. Der Schnee lag fußhoch in den Straßen, und der Ostwind blies ab und zu heftig in den Schornstein, sodaß die Funken unten aus der Oeffnung des altmodischen Säulenofens stoben. Eben aufblickend sagte der Vater, auf die Funken deutend: „Er ist im Anmarsch... hörst du, wie sein Pferd prustet und schnaubt über dem Schornstein!“ „Ach, Papa! Das ist ja der Wind...“ „Das meinst du nur... Horch, jetzt hört man ihn deutlich übers Dach reiten... Warte!" Der Vater stand auf und rief, indem er sich unter den Schornsteinmantel bückte, hinauf:„Ssnkt Niklas, bist du da?. Ja?... O jawohl, ich verstehe dich sehr gut!... Jawohl, die Kinder sind sehr artig gewesen, komm nur herein, bitte... Ach so, er kommt dieses Mal durch die Tür. Schön! Ich will dir aufmachen.“ Es war mir doch nicht recht geheuer, als ich sah, wie Papa die Tür eben aufmachte, denn all meine Vergehen traten mir plötzlich vor die Seele, und als Mama auch aufstand und flüsterte: „St, Kinder, da kommt er!“ erschrak ich doch.„ Schwere, stampfende Tritte erklangen auf dem Marmor stur sagten, es sei die„Ochsen=Malaria". In der Tat zeigten die davon befallenen Tiere ähnliche Symptome, wie sie bei Fieberkranken zutage treten: Müdigkeit in den Beinen, das Gefühl von Kälte, Ausschlag in den Lippenwinkeln und auf der Zunge. Um dem Uebel zu steuern, streut man den Tieren heiße Asche auf den Rücken; hierauf wurden dieselben mit Schuhsohlen tüchtig verarbeitet. Anfangs zeigte sich das Vieh störrisch; wenn dasselbe aber einige Zeit geprügelt war, schien es die wohltätigen Wirkungen der Kur zu verspüren und verhielt sich vollends ruhig. Und was die Hauptsache ist: alle Tiere, welche dermaßen behandelt wurden, waren nach einigen Tagen wieder vollständig hergestellt. Uebrigens so ganz außergewöhnlich scheint die Praxis unseres Doktors Tschao doch auch nicht zu sein. Blutsauger kamen und kommen daheim ja schon seit geraumer Zeit bei Kranken in Anwendung und es ist schließlich nur die Frage, welche Sanger die besten sind. Sich mit kleinen Ruten die Haut peitschen, um ihre Tätigkeit zu wecken und zu erhöhen, tun jetzt noch die Philiponen(ein russischer Volksstamm), allerdings wohl nur in gesundem Zustande. Wer weiß, ob nicht auch bei uns daheim eines Tages ein neuer Doktor Eisenbart ersteht, der die Leute nach seiner Art kuriert, d. h. das Prügelheilverfahren der Chinesen in Anwendung bringt; es dürfte dann jedenfalls nicht an Leuten fehlen, denen die Haut juckt, d.., die sich prügeln lassen wollen. Welt und Wissen. 0 Die deutschen Frauen und die Luftschiffahrt. Erst in allerneuester Zeit haben auch die deutschen Frauen begonnen, selbsttätig in die Förderung der Luftschiffahrt einzu greifen. Nicht, daß sie schon selbst große Leistungen zuwege gebracht hätten, aber ihre Beteiligung an Ballonfahrten ist schon für sich allein unzweifelhaft eine mächtige Unterstützung dieses edlen Sports. Früher haben nur einzelne Frauen=den Mut besessen, Ballonfahrten zu unternehmen. Die erste deutsche Luftschifferin war Frau Wilhelmine Reichardt in Berlin, die schon 1811 mit einem Ballon auffuhr. Dann folgte 1828 Fräulein Schüler in Berlin, weiterhin Frau Securius und im letzten Jahrzehnt Kätchen Paulus. Jetzt ist die Beteiligung der Frauen an der Luftschiffahrt, wie Major Mödebeck im letzten Heft der Aeronautischen Mitteilungen ausführt, in ein neues Stadium eingetreten, nämlich in der Form einer regelmäßigen Betätigung in den aeronautischen Vereinen. Der Oberrheinische Verein für Luftschiffahrt zog von vornherein dem weiblichen Geschlecht keine Schranke und zählte daher auch bald mehrere Damen zu seinen Mitgliedern. Im Berliner Verein für Luftschiffahrt wurde den Frauen erst 1897 der Weg frei gegeben, nachdem die Frau des bekannten französischen Luftschiffers Surcouf die Anregung dazu gegeben hatte. Hier erfolgte der erste Aufstieg mit weiblichen Insassen am 12. August des letzgenannten Jahres, aber zunächst blieb die Teilnahme von Damen eine Ausnahme. Das tätige Interesse von Fürstlichkeiten am Flugsport hat wohl nicht wenig dazu beigetragen, die Ausführung von Luftfahrten durch Frauen modern zu machen. Gegen Ende des Jahres 1900 ging die Prinzeffin Adelheid von Sachsen=Altenburg in dieser Richtung vor, und im Jahr darauf die für alle wissenschaftlichen Bestrebungen eingenommene Prizessin Therese von Bayern. Im Mai 1901 kam auf diese Weise eine hocharistokratische Ballonfahrt zustande, indem die Besatzung eines Luftschiffes aus dem Erzherzog Leopold Salvator von Oesterreich, seiner Frau, der Erzherzogin Blanca, seinem sechsjährigen Töchterchen, Erzherzogin Margaretha, und der Prinzessin Therese von Bayern bestand. In Berlin kamen 1901 auch erst zwei, 1902 dagegen schon sieben Ballonfahrten mit Damen zustande, und seitdem ist eine weitere Zunahme zu verzeichnen gewesen. In Oesterreich hat selbstverständlich das Beispiel der erwähnten fürstlichen Fahrt sehr anregend gewirkt, umsomehr als der Erzherzog Leopold Salvalor an der Spitze des dortigen Vereins steht. ** Eine Fabrik, in der jeder Angestellte blind ist, befindet sich in Philadelphia. Die Fabrik wurde im Jahre 1874 von Mr. H. L. Hall, der selbst blind ist, begründet. Er ist noch jetzt der Leiter der Fabrik, der von dem glühenden Wunsch beseelt ist, jedem Blinden in Amerika Arbeit zu verschaffen. Seine Fabrik schilderte Mein Schwesterchen suchte sein Heil plötzlich bei Mama, und ich griff ängstlich nach Vaters Hand. Aber gleich darauf war ich wieder beruhigt und mußte selbst lachen, denn statt einer tiefen Baßstimme, die ich erwartete, fragte ein Piepstimmchen: „Sind die Kinderchen auch brav gewesen? „So ziemlich, Sankt Niklas!“ autworteten Vater und Mutter zugleich. „Dann sollen sie auch was von mir haben!“ klang die Piepstimme wieder, und gleichzeitig erschien um die Türecke eine rote Arbeitshand, die eine Menge Pfeffernüsse, Plätzchen, Schokolade und Zuckerbohnen ins Zimmer warf. Sofort fielen wir darüber her, und der gute Heilige streute freigebig weiter, bis ich, dicht bei der Tür angelangt, plötzlich sehr unehrerbietig ausrief: „Niklas hat erfrorene Hände, Mama, grad wie Kaatje! Und er spricht so komisch.“ Eine Lawine von Spekulatius verhinderte mich, weitere Entdeckungen zu machen— ich hörte hinter der Tür unterdrücktes Kichern und eiligst fortschlürfende Schritte. Dann öffnete ich mutig die Stubentür und— sah niemand. Aber da und dort auf dem Flurboden lagen: Pfeffernüsse, Plätzchen, Schokoladetäfelchen, die, ebenso wie Kleindäumlings Kieselsteinchen mir die Spur wiesen— nach der Küche. „Mama!“ erklärte ich wieder eintretend, entschlossen:„Kaatje ist Niklas!" „Fehlgeschossen, liebster Jung#! Kaatje hat ihm nur ein bißchen helfen müssen, weil er so viel zu tun hat heute abend. Der echte Sankt Nikolaus kommt heute nacht, wenn ihr schlast...„ Heiß und müde vor Freude, mit einer großen Düte voll „Leckers“, ging ich an jenem Abend zu Bett. Mutter kam, um mir wie gewöhnlich einen Nachtkuß zu geben. Hast du auch wohl gebetet, Kerlchen?“ *#in Mama! Ich kann jetzt nicht.. Zolonia. sonntagsbeilage zum Kölner Local-Anzeiger. er selbst:„Im ganzen beschäftigen wir 125 Mann; wenn das große Publikum uns mehr unterstützen würde, könnten wir die doppelte Anzahl beschäftigen. Es sind über 100 Blinde vorgemerkt, die auf Anstellung warten. Wir machen hauptsächlich Besen. Sie werden aus Besenkorn gearbeitet, von dem wir in den letzten beiden Jahren 1927 849 Pfd. verbrauchten. Das ist natürlich die denkbar feinste Qualität, da Blinde keine anderen Besen verarbeiten können. Wir haben 92175 Dutzend Besen verfertigt, wofür wir etwa 800 000 Mark in bar erhielten, und wir bezahlen den Leuten 2,19 M. für das Dutzend. Einige der geschicktesten Arbeiter verdienen wöchentlich 50., die ungeschicktesten bringen es auf 30 M. wöchentlich. Auf das Besenbinden bin ich verfallen, weil es schnell erlernt und alle dazu gehörige Arbeit von Blinden ausgeführt werden kann. Außerdem steigt die Nachfrage nach Reisbesen ständig; das ganze Jahr über gibt es keine stille Zeit.“ (0 Ameisennester als Spielzeug. Dieses Jahr hat dem Londoner Publikum ein ungewöhnliches Spielzeug beschert, einen Glastasten mit einer Ameisenkolonie. Der Glaskasten ist etwa einen Quadratfuß groß, die Tiefe des Nestes beträgt etwa ein Viertel Zoll; umgeben ist es von einem festen hölzernen Rahmen. Die dazu verwande Erde ist eine besondere Mischung, auf der keine Pilze wachsen. Bevölkert wird dieses Nest von etwa 200 Arbeiterameisen. Der Preis dieses Spielzeuges beträgt M. 12.50. Der Herr, der auf den Gedanken kam, diese Nester auf den Markt zu bringen, hatte den Vortrag eines Entomologen gehört, der ein solches Nest gezeigt und nachher von Damen bestürmt wurde, ihnen ähnliche Nester zu besorgen. Durch den Deckel kann man die Ameisen arbeiten und sich bewegen sehen. Es werden dazu Wiesenameisen vom Felde genommen. Auch die Blattläuse, die bekanntlich als„Kühe" dienen, sehlen nicht. k1 K Eine Frau als Forschungsreisende. Aus London wird berichtet: Die bekannte Forschungsreisende Mrs. French Sheidon, die von Sir Alfred Jones zur Untersuchung der Zustände im Kongofreistaat ausgeschickt war und allein zu Fuß durch die sumpfigen Gegenden des Landes gereist ist, kehrt jetzt nach einer Abwesenheit von vierzehn Monaten auf dem Dampfer Leopoldville nach England zurück. Mrs. French Sheldon ist von Geburt Amerikanerin. Sie ist nicht nur eine ausgezeichnete Forschungsreisende, sondern hat sich auch durch die Uebersetzung und Dramatisierung von Salammbo bekannt gemacht; überdies hat sie eine Anzahl Bücher und Stücke geschrieben und sich auch als Bildhauerin betätigt. Sie hat Medizin studiert und ihren Doktor gemacht. K Die Tournee der Dairsdame. Aus London wird berichtet: Daß eine Dame der höchsten englischen Aristokratie sich auf eine Konzerttournee nach Amerika begibt, gehört wohl nicht zu den alltäglichen Dingen. Die Dame, die diesen außergewöhnlichen Schritt unternimmt, die Gräfin v. Limerick, ist eine bekannte irische Schönheit, die nicht nur durch ihre große musikalische Begabung, sondern auch durch den lebhaften Anteil, den sie an allen philanthropischen Bestrebungen nimmt, Aufsehen erregt hat. Das Geld, das sie auf ihrer Tournee einnehmen wird, will sie zum Bau und zur Ausstattung einer Musikschule in Dublin verwenden, welche die Musik in die Häuser des Volkes bringen und musikalisch begabten Iren die Möglichkeit einer Ausbildung ihres Talentes gewähren soll. Die Tour wird im Februar beginnen und drei Monate dauern. Lady Limerick will auch in Privathäusern Konzerte geben. 18. Dezember 1904. Allerlei von nay und fern. Eine englisch=chinesische Hochzeit in London. Am Montag fand in der Kirche von Marylebone in London eine echt chinesische Hochzeit statt. Eine junge englische Dame reichte ihre Hand einem kleinen Chinesen namens Yung Hsi Hsiao. Die Braut überragte ihren jetztigen Eheherrn um mehr als Kopfeslänge, und dieser sah trotz seiner tadellosen Londoner Kleidung ebenso wie seine beiden chinesischen Begleiter außerordentlich chinesisch aus. Der junge Chinese lebt seit drei Jahren in London, wo er sich auf den Tienst in der Gesandtschaft vorbereitete. Sein Vater war ein Man darin und ein bedeutender Seidenhändler. Er ist jetzt gestorben, und Hsiao gibt seine diplomatischen Pläne auf, um das Geschäft seines Vaters weiterzuführen. Als bestes Andenken an England nimmt er seine große englische Frau mit. Die Erlaubnis zur Ehe mußte der junge Chinese, da beide Eltern tot waren, von dem chinesischen Gesandten in London einholen, und die Familie der Braut hat es wahrscheinlich durchgesetzt, daß der Standesbeamte ausdrücklich erklärte und sich unterschreiben ließ, daß diese Ehe sowohl in England, als auch in China gültig sei. Die jungen Leute hatten sich bei einer Theegesellschaft kennen gelernt, die dazu Veranlassung bot, daß sich der Chinese— wie man sieht, mit großem Erfolg— von seiner jetzigen Frau englischen Unterricht erteilen ließ. Es fiel bei der Hochzeitsfeier auf, daß keiner der anwesenden Chinesen den Zopf trug, Kleidung und Haartracht waren vollständig europäisch. ** Ein Opfer des Kartenlegens ist die 32jahrige Frau des Musikers Rosch in Berlin geworden. Sie wurde Donnerstag mittag plötzlich irrsinnig und drohte, in dem Hause alles zu demolieren. Auch an der Droschke, mit der sie nach Herzberge über geführt werden sollte, zertrümmerte sie die Wagenscheiben. Erst nach längeren Bemühungen gelang es, die Ueberführung der Kranken nach der Irrenanstalt zu bewerkstelligen. Einer Hausbewohnerin gegenüber hatte die Bedauernswerte vor einigen Tagen geäußert, daß ihr die Kartenlegerin geweissagt habe, ihr Mann, der Musiker, liebe sie nicht mehr und halte es mit einer anderen. Frau R. glaubte sich nun stets von der angeblichen Nebenbuhlerin, welche überhaupt nicht existierte, verfolgt und trug in den letzten Tagen ein aufgeregtes Wesen zur Schau, das schließlich in Irrsinn ausartete. Der Tod einer dreiundachtzigjährigen Schauspielerin. Mitten aus ihrer Tätigkeit heraus wurde, wie aus New York gemeldet wird, die älteste amerikanische Schauspielerin, die im 85. Jahre stehende Mrs. George Henry Gilbert, die in ganz Amerika berühmt ist, hinweggerafft. Sie starb am Freitag in Chicago, wo sie gerade auf einer Turnee weilte, infolge eines Schlaganfalls, der sie nach einem kalten Bad traf. Mrs. Gilbert kam erst im Alter von 33 Jahren als Tänzerin nach Amerika und ging einige Jahre darauf in Cincinnati zur Bühne über. 1864 spielte sie in New York die Baronin Freitenhorsen in Lady Dufferins Drama Finesse. Dreißig Jahre lang gehörte sie der Truppe Daly an und kreierte über hundert Rollen. In Chikago trat sie in einem Stück, das Mr. Clyde Fitch besonders für sie geschrieben hatte, auf; diese ihre letzte Turnee sollte mit einem achttägigen Aufenthalt in London enden.„„ (0) Eine Ratze im Sack. In der Themsemündung in der Nähe von Southend liegt eine kbeine Insel die den Namen Canvey führt. Sie ist auf den Karten eingezeichnet, und e gibt sogar schöne Beschreibungen von ihr. Aber sie hat seit den letzten Jahrzehnten einen Nachteil, sie ist nämlich nur bei Ebbe sichtbar und verschwindet während der Flut fast vollständig unter den Wellen. Diese Insel wurde nun vor einigen Tagen in London öffentlich meistbietend verkauft und von einem Herrn erstanden, der sich noch niemals die Mühe genommen hatte, hinzufahren, sondern sich lediglich auf die schönen Beschreibungen verließ! Er war, nachdem er der glückliche Besitzer geworden war, nicht wenig erstannt, als er sah, daß sein Besitztum nur immer zeitweilig zur Oberfläche der Erde gehört, und als er sich erkundigte, wo denn eigentlich die schöne Villa sei, von der der Anktionator gesprochen habe, da wurde ihm ein alter halb im Sand vergrabener Eisenbahnwagen gezeigt!. 1 ** Wie sich Geld verdienen läßt. Eine Genichtsverhandlung in Exeter ergab die erstaunliche Tatsache, daß ein Mann, der sich als Charakterleser in den Zeitungen empfahl und aus den Handschriften den Charakter der Einsender feststellte, in London eine Jahreseinnahme von 30- bis 40000 M. hatte. Sein eigener Charakter scheint aber trotz der Fähigkeit des Charakterlesens etwas mangelhaft gewesen zu sein, denn er ist des betrügerischen Bankrottes angeklagt. ** Der feste Schlaf der Jugend. Vor einiger Zeit stießen die Dampfer Goolistan und Inventor während eines dichten Nebels im nordatlantischen Ozean, dicht vor Vigo, zusammen. Beide Schiffe waren beschädigt; der Goolistan aber so ernstlich, daß man voraussah, daß er sinken werde. Infolgedessen ging die Mannschaft in die Boote. Eines der Boote kenterte und sieben Matrosen ertranken. Der Rest der Mannschaft wurde an Bord des Inventor genommen. Der Kapitän des Goolistan glaubte als letzter das sinkende Schiff verlassen zu haben. Als aber am folgenden Morgen das Schiff immer noch schwamm, gingen einige Leute wieder an Bord zurück, um zu sehen, ob sie noch etwas von ihrem Eigentum retten könnten. Ihr Staunen war groß, als sie den Schiffsjungen festschlafend in seiner Hängematte fanden. Er hatte den ganzen Zusammenstoß und die Räumung des Schiffes überschlafen, während jeder davon überzeugt war, daß er einer der Ertrunkenen gewesen sei. ) A l s T e i l h a b e r i h r e s G a t t e n i n d e r A n w a l t s p r a x i s a r beitet Mrs. Philipp Carpenter, die neugewählte Präsidentin der New Yorker Föderation. Die Firma heißt Carpenter und Carpenter. Sie war die erste Frau, die vor dem New Yorker Gerichtshof einen Prozeß gewann, die zweite, die dort überhaupt vorgelassen wurde. Sie ist der juristische Ratgeber von verschiedenen Klubs, bevorrechtetes Mitglied des republikanischen Frauenklubs und Präsidentin des New Yorker Juristinnenklubs. „Warum nicht, mein Liebling?“ „Weil ich zu viel Freude gehabt habe.“ „Dann mußt du dem lieben Gott gerade besonders dafür danken." „Ach, in' du's heute abend nur mal für mich, bitte Mamachen, ja?“... Ich hatte sicher schon lange geschlafen, vielleicht wohl etwas unruhiger als sonst infolge der außergewöhnlichen Freude— als ich plötzlich wach wurde durch einen Lichtschein, der auf mein Gesicht fiel, und ein unangenehmes Kreischen, als ob eine wenig benutzte Tür geöffnet würde. Mit klopfendem„Herzen, mäuschenstill, blieb ich liegen und lauschte. Sollte es doch wirklich wahr sein, daß Sankt Nikolaus selbst kam in der Nacht; sollte ich ihn nun wirklich zu sehen bekommen Ich weiß noch sehr gut, daß ich vor Erwartung ganz aufgeregt wurde, aber auch schlau genug war, mich geräuschlos im Bett aufzurichten und auf die Kniee zu legen, so daß ich durch die Oeffnung der Bettvorhänge ins Zimmer blicken konnte. Ich hörte, wie etwas in Papas und Mamas Zimmer leise hin und hergeschoben wurde. Die sonst stets geschlossene Zwischentür stand offen, und das Licht der im andern Zimmer brennenden Lampe schien mir gerade ins Gesicht. Bange war ich durchaus nicht, aber neugierig, schrecklich neugierig! Ich hielt den Atem an, so vorsichtig ich nur konnte, und sah— Vater und Mutter, die zusammen einen Tisch durch die Tür schoben. „Leise, leise,.. langsam!“ hörte ich die Mutter flüstern, „sonst werden die Kinder wach." Mutter schob, Vater zog; der Tisch war etwas zu breit für die Tür, aber endlich kam er schräg, mit zwei Beinen voraus herein und stand im Augenblick dicht vor meinem Bett. Vater holte die Lampe, wobei er mit der Hand das Licht verhüllte. Ich sah, daß er den Schlafrock an hatte und die Zipfelmütze auf dem Kopfe. Mutter war ebenfalls im Nachtgewand und hatte die blaukarrierte Küchenschürze vorgebunden. Ich konnte alles ausgezeichnet sehen, denn Vater hatte die Lampe hinten im Zimmer auf die Kommode gesetzt mit einem Schirmchen davor. Er brachte ein Servierbrett voll verschiedener Sachen herein und deckte dann geschickt ein weißes Tischtuch über unseren Festtisch. Mutter lief auf den Zehen hin und her, setzte alles hin und ging nach hinten. Sie kam mit gefüllter Schürze zurück. Gemeinsam legten nun Vater und Mutter alle Leckereien in hübscher Zusammenstellung auf dem weißen Tischtuch zurecht. Sie hatten selbst Freude daran und lachten schon leise im voraus über die Freude, die ihre Kinder haben würden. Dann und wann flüsterten sie leise:„Nein, leg' dies hierhin für ihn, so!... Hier ist ein I von Schokolade... das dabei... und an dieser Seite für Schwesterchen oder... Reiche mir, bitte, mal das Püppchen... allerliebst, nicht? Wie wird sie sich freuen... Schön so, nun noch etwas Zuckerzeug drum herum...“ Ich konnte es nicht länger aushalten— ich mußte sie merken lassen, daß ich das große Geheimnis entdeckt hatte. Plötzlich stand ich aufrecht im Bett, schlug die Gardinen weit zurück und rief: „Hurra! Jetzt weiß ich's! Ihr beide zusammen seid Niklas, einen echten gibt's nicht!“ Meine Mutter erschrak so heftig, daß sie alle Zuckersachen, die sie noch im Schoß hatte, fallen ließ. Vater packte mich, ohne etwas anderes zu sagen als:„Warte, du Racker!" und brachte mich ins andere Zimmer. Dort habe ich jene Nacht zugebracht und, mollig warm zugedeckt, auf dem Sofa geschlafen. Als ich am anderen Morgen von meiner lieben Mutter wach geküßt wurde, bat sie mich: „Liebster Junge! Erzähl's nur deinem Schwesterchen nicht, nein? Laß es nur noch ein bißchen an Sankt Niklas glauben: Seit der Zeit habe ich gewußt, daß es keinen echten Niklas gibt, daß es aber Tausende echter Väter und Mütter gibt, die das Andenken an den Heiligen, ihrer Kinder wegen, treu und fromm in Ehren halten. Nr. 51. 6 Die serbische Frau. In dem Krönungszuge König Peters von Serbien sind nur Nänner einhergeschritten. Und doch erzählt eine der vielen alten serbischen Volkssagen, die sich um die hervorragendsten Ereignisse des Landes gewoben haben, daß es einst die Aufgabe der Frauen gewesen sei, dem Fürsten bei der Krönungsfeierlichkeit die Insignien seiner Macht und die Embleme einer glücklichen Herrschaft vorDas war die einzige Gelegenheit, bei der die serbische Frau in größerer Oeffentlichkeit erschien; sie war und ist noch heute die ausschließliche Hüterin des häuslichen Herdes und die Erzeherin ihrer Kinder; für diesen Beruf Hausfrau und Mutter n sein, wird die Serbin von frühester Kindheit an erzogen. sie hat es nicht nötig, in fremde Dienste zu treten und tut das uch nur in den seltensten Fällen. Sie hat meistens, ebenso wie Mehrzahl der serbischen Männer, ein Stückchen eigenen Grund und Bodens, das sie bewirtschaftet. Sie muß also schon ##shalb zu Hause bleiben, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wird. Jedoch das Bewußtsein, ihre eigene Herrin zu sein, gibt ihr eine gewisse Kraft und eine natürliche Einfachheit im Wesen, wie man sie häufig bei der, abseits vom Weltgetümmel lebenden sändlichen Bevölkerung findet. So wachsen die Kinder der breiteren Volksschichten unter den Augen der Mutter auf, die sie mit großer Liebe erzieht, allerdings immer im Sinne der althergebrachten Ueberlieferung, denn die Serbin hängt streug an den Sitten und Gebräuchen der Vergangenheit. Das Mädchen steht ganz unter dem Einflusse er Mutter, die, wenn sie die Zeit für gerommen erachtet, für hre Tochter einen Gatten sucht. Ist die Brautwerbung in aller form vor sich gegangen, so wird an einem Sonn= oder Feiertage die Hochzeit veranstaltet. Und einer solchen Hochzeit habe ich einst in einem kleinen Orte in der Nähe Belgrads beigewohnt, und die Vorkommnisse bei derselben sind mir noch getreu in der Erinnerung. Es wird ein prächtiger Festzug gebildet, in dem sich die Braut mit ihrem Hochzeitsbeistande und mit ihren Verwandten und Freunden nach dem Hause des Bräutigams begibt. Von den Brüdern— das Verhältnis der Geschwister in Serbien ist ganz besonders innig— wird nun die Braut dem Verlobten mit herzlichen Worten übergeben. Mit dem Brautpaare an der Spitze, setzt nun der Zug seinen Weg bis zur Kirche fort. In der Kirche schlingt der Priester, nachdem er die üblichen Gebete verlesen hat, ein weißes Tuch um die linke Hand der Braut und un die rechte des Bräutigams. Dann setzt er dem Brautpaare zwei metallene Kronen auf die Häupter und steckt ihnen die symbolischen Ringe an die linken Zeigefinger. Die Getrauten halten darauf, begleitet von ihren Beiständen, mit brennenden Kerzen in den Händen, einen dreimaligen Umzug um den Geistlichen und dieser nimmt ihnen die Krone und das Tuch wieder ab. Pistolenschüsse und Musik verkünden außerhalb der Kirche den vollzogenen Ehebund. Dann geht es mit Musik zum Hochzeitshause zurück, wo die Mutter die Neuvermählten mit Segenswünschen und mit Brot und Wein empfängt. Letzteres ist eine iymbolische Andeutung, daß es im Hause des jungen Paares nemals an Speise und Trank fehlen möge. Dann beginnt das hochzeitsmahl und nach demselben küßt die Braut alle Anwesenden auf die linke Wange. Am nächstfolgenden Morgen macht die junge Gattin, begleitet von ihrer Jugendfreundin, einen Gang zum Brunnen, um Wasser zu holen, und bei dieser Gelegenheit trägt sie einen hufeisenförmigen Kopfputz aus Pappe, an dem, inmitten natürlicher und künstlicher Blumen, große Rosen aus Silbermünzen, die oft ihre ganze Mitgift bergen, befestigt sind. Diesen sonderbaren Kopfputz trägt die junge Frau bei allen festlichen Gelegenheiten, bis ihr erstes Kind geboren ist. Dann verschwindet sie in der Stille des Hauses, in dem ihr Leben nun einfach, aber doch nicht ohne imeren Reichtum dahin fließt. Es ist durchaus unrichtig, wenn zuweilen behauptet wird, die Frau in Serbien sei eine Null und sie werde von dem Manne auch als solche angesehen. Im Gegenteil, er sieht sie als unumschränkte Herrscherin des Hauses an und überläßt ihr alle Verfügungen über dasselbe. Nur außerhalb des Hauses gibt es für sie, nach der Ansicht des Mannes, nichts zu tun, und das liegt an den— man darf wohl sagen glücklichen— Verhältnissen, die der Frau bisher noch im großen und ganzen den Kampf ums Dasein erspart haben. Allerdings von Zeit zu Zeit tauchen auch in Serbien schon Bestrebungen auf, die den Wirkungskreis der Frau zu erweitern suchen. So wurde beispielsweise im Dezember des Jahres 1901 dem Senate eine Vorlage unterbreitet, welche für die Frau das Stimmrecht verlangte. Der Senat verwarf jedoch die Vorlage, obgleich der Metropolit und die Bischöfe sie unterstützten. Seither hat man von ähnlichen Bestrebungen nichts mehr gehört, und das beste, was man der serbischen Frau wünschen kann, ist wohl, daß ihr auch ferner der Eintritt in den Kampf des Lebens erspart bleibe. Vermischtes. ** Ein Hotel für Babps und Kinder bis zu acht Jahren ist die neueste Errungenschaft, deren London sich rühmen kann. das Hotel befindet sich im Westen der Stadt und steht unter der Aussicht des Norland=Pflegerinnen=Instituts. Es hat den Zweck, Aindern, deren Eltern verreisen müssen, ein sicheres und gemütliches Heim zu bieten. Die Einrichtung vermag den besonderen Anforderungen auch der wählerischsten kleinen Insassen zu genügen. Las Hotel enthält sechs Reihen Gemächer, die im Babystil eingerichtet sind und aus einer Tages= und Nacht=Kinderstube bestehen, in denen ausgebildete Pflegerinnen die Aufsicht führen. Es werden immer drei Kinder zu einer Familie vereinigt, ein ganz kleines kind, ein sieben= bis achtjähriges und eins, das dem Alter nach zwischen beiden steht. Die Möbel in allen Zimmern sind von lliputanischer Größe. Tische und Stühle, Wasserkrüge, Waschbecken und Waschtoiletten entsprechen der Größe der kleinen Gäste. Die eine Reihe Gemächer ist ganz in weiß Email eingerichtet, die andere in hell Eiche. Die Gäste der einzelnen Gemächer dürfen nicht mit einander verkehren; die Wärterinnen sollen ihre kleinen Pflegebefohlenen ohne Hülfe von außen zu unterhalten wissen. Das Babyhotel hat auch ein Fremdenbuch, in das die Freunde der kleinen Lewohner sich eintragen können. Das Haus wird schon jetzt von vier Babys und drei kleinen Kindern bewohnt. Es werden Kinder von einem Monat an bis zum Alter von acht Jahren auf Wochen Zolonia. sonntagsbeilage zum Kölner Local-Anzeiger. Monate oder Jahre ausgenommen. Kinder, die noch die Flasche bekommen, müssen 12 bis 42 M. wöchentlich, je nach dem Zimmer bezahlen, für ältere Kinder beträgt der Preis 760 bis 2000 M. jährlich. In den„Remisne" stehen eine Anzahl Kinderwagen, in denen die Bewohner der Norland=Kinderstuben ihre tägliche Spazierfahrt in Kensington Gardens machen. ** Eine rührende Geschichte von der Capferkeit eines elfjährigen Knaben erzählen amerikanische Blätter. Der elfjährige Harry Leut aus dem New Yorker Stadtteil Broux hatte sich mit seinem Schulkameraden John Wood nach dem Güterbahnhofe der New Haven= und Hartfort=Eisenbahn begeben mit der Absicht, von hier aus eine kurze Fahrt als blinde Passagiere zu unternehmen. Als nun ein Zug vorüberfuhr, sprang Wood behende auf das Trittbrett eines Wagens, während Leut fehltrat und unter die Räder geriet, wobei ihm beide Beine abgefahren wurden. Der Verletzte gab keinen Schmerzenslaut von sich, aber sein Kamerad Wood schrie um Hülfe, bis der Zug hielt und Aerzte zur Stelle waren. Der kleine Dulder wurde in ein Krankenhaus gebracht, und kein Zeichen des Schmerzes konnte man an ihm bemerken. Er bat nur mit schwacher Stimme, daß man seine abgefahrenen Beine auch nach dem Krankenhause bringe. Bald darauf erschien die von der Polizei benachrichtigte Mutter des Knaben im Hospital und trat weinend an sein Bett. Aber auch jetzt bewahrte der Kleine vollkommene Ruhe und tröstete seine Mutter mit den Worten: Mutter, weine nicht! Sollte der Arzt wirklich meine Beine nicht mehr annähen können, gut, dann werde ich hölzerne Beine bekommen, und wenn ich auch verkrüppelt sein werde, ich bleibe dir wenigstens erhalten.“ ** Zwangsheiraten. Der Bürgermeister der Stadt Greenwood (Ohio) ist auf ein probates Mittel verfallen, den bedenklichen Zuständen im Orte ein jähes Ende zu bereiten. Die dortige Negerbevölkerung gebärdete sich sehr zügellos und war nur schwer zu regieren, und der Bürgermeister meinte, die Heirat wäre ein vorzügliches Gegenmittel gegen ihr Treiben. Er erließ daher eine Proklamation, alle Neger müßten sofort heiraten oder die Stadt verlassen. Die Trauung sollte frei sein. Der Erfolg war großartig. Alles drängte sich, die Erlaubnis zur Heirat einzuholen. Bei diesem Sturm auf die Stadtkanzlei wurden einem Neger zwei Rippen gebrochen, ein anderer wurde von seiner Braut mit einem Rasiermesser bearbeitet, weil er noch in der letzten Stunde eine andere heiraten wollte. Der Schreiber konnte nicht schnell genug schreiben, um allen Anforderungen zu entsprechen. Es war ein förmlicher Aufstand, zu dessen Unterdrückung die Polizei geholt wurde. Bei ihrem Vordrängen wurden vier Heiratslustige zusammengehauen, daß sie bewußtlos liegen blieben, wahrend auf zwei Bräuten, die zu Fall kamen, die Umdrängenden herumtrampelten. Alle Neger wollten zwar gern dem Befehl des Bürgermeisters nachkommen; aber eine Anzahl junger Neger und fünf Witwen mußten doch die Stadt verlassen, weil das Angebot an Bräuten nicht der Nachfrage entsprach. Echt amerikanisch! Eine russisch-japanische Feldstation. Zwischen den beiden Gefechtslinien am Schaho liegt, nach einer Angabe des Standard, ein Hügel, in dem sich eine Höhle befindet, und diese Höhle dient merkwürdigerweise am Tage einem japanischen Pikett und in der Nacht einem russischen Pikett als Unterkunftsort. Gründe für diese Abwechselung gibt der Standard nicht an. Es waren die Japaner, die zuerst auf die Idee kamen, mit ihren russischen„Kameraden“ einen Verkehr anzuknüpfen. Als sie sich eines Abends zurückzogen, hinterließen sie eine Flasche Branntwein und einen höflichen Brief, in dem sie sich darüber beschwerten, daß„ihre Freunde, die Feinde," die Höhle stets am Morgen in schmutzigem Zustande ließen. Dies sei ungesund für beide Teile. Diese Mahnung blieb nicht ohne Erfolg, denn als am nächsten Morgen die Japaner die Höhle besetzten, war diese von den Russen säuberlich ausgesegt worden. Die Russen hatten außerdem als Bezahlung für den Branntwein einen Rubel hinterlassen und ihrerseits einen Brief geschrieben, worin sie sagten, sie hätten gehört, daß die Japaner ihre Gefangenen schlecht behandelten und sogar totschlügen. Sie bäten die Japaner, sich gegen diesen Vorwurf zu verantworten. Am folgenden Abend hinterließen die Japaner wieder einen Brief, worin sie erklärten, daß es den russischen Gefangenen in Japan tatsächlich sehr gut gehe. Zum Beweise dafür fügten sie dem Schreiben einige Photographien bei, auf denen japanische Soldaten, die als Gefangenenwächter bestimmt sind, ihre Gefangenen mit Zigaretten und anderen Luxusartikeln regalieren. Der Hügel wird seitdem von beiden Armeen wie eine internationale Postanstalt betrachtet, und der Standardkorrespondent, der aus dem Hauptquartier Oyamas diese friedliche Schilderung schickt, ist der Ansicht, daß diese Postanstalt noch manches interessante Dokument liefern wird. 18. Dezember 1904. de Herr Schulmeister sich befinden deiht. Wenn ick denn hür', he is ganz god to Weg un emm fehlt nix nich, dann gah ick ganz beruhigt nah Hus, un denn irst gäw ick min Lüd von dat Swin to äten, un ät da ok ganz ruhigst fülwst von mit, denn ick wett dann ganz gewiss, dat Swin is gesund west, un da sind keen Tri chinen nich inne. Dat's min Trichinenschau. Wat sall ick dato irst lang na de Stadt schicken?“ Spiel= und Rätsel=Ecke. Schachaufgabe. (10+8) ab 0 d* g h Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Wortspiel. a. b. 1. Gewässer— Fürwort 2. Vorname— Verhältniswort 3. Sinne eindruck— chinesisches Gewicht l. Gabe des Winters— Nahrungsmittel 5. Vorname— Verletzung 6. Allmutter— seltenes Wild Es sind 6 Wörter zu suchen von der unter a angegebenen Bedeutung. Werden von jedem Wort diejenigen Buchstaben fortgenommen, die ohne Umstellung ein Wort von der Bedeutung unter b bilden, so bezeichnen die unter a verbleibenden Buchstabenreste im Zusammenhang einen Teil des Jahres. Zahlenrätsel. 1 2 3 4 5 6 7 5 G westfälische Stadt. 2 5§ 7 Fluß in Italien. 3 7 8 8 4 5 Naturereignis. 4 5§ 2 weiblicher Vorname. 5 2 6 4 Vogel. 6 2 3 4 8 deutsches Land. 5 3 4 8 Auszeichnung. 5 2 1 1 4 Pfe d. 3 7 5 3 4 8 Himmelsrichtung. Pyramide. O Vokal. 0 0 Ausruf. 0 O O Körperteil. 0 O O O tierische Wasse. 0 O O O O französischer Fluß. 0 O O O O O Meerbewohner. Von der Spitze beginnend ist jede weitere Reihe durch Hinzufügung eines Buchstabens unter beliebiger Stellung der übrigen Buchstaben zu bilden. Logogriph. Dem Mädchen schwebts in holden Träumen Vor als das höchste Ideal. Mit anderm Kopf in Feld und Garten Wächst es, bereitet wirds zum Mahl. Bilderrätsel. “ Jur Erheiterung. * Ein„stilvoller Aufsatz“ über die„Prowinz Bromberg“ wird der in Bromberg erscheinenden Ostdeutschen Presse als das „geistige Eigentum“ einer Schülerin aus einer Ansiedelungsschule in der Inowrazlawer Gegend zur Verfügung gestellt. Er lautet: „Die Browinz Bromber gränz an Norden an die Prowinz Hanofer in Süden an die Prowinz Brandenburg in Osten an die Prowinz Posen. Ganz Bromberg bildet eine Prowinz. Oben Norden Unten Süden Rechts Osten links Westen. Der Brombergerkanal gränz an die Prowinz Posen. Bei dem Bromegerkanal befindet sich ein Berg. Der erste Fluß heißt die Netzel, der zweite Fluß ist die Nackel. Der Kanal nich Berg auf und Berg abe fließen kan, machen wir Schleusenkasten. Erst machen wir Wen das Schiff in Kanal fahren soll machen wir das Tor auf und wenn das Schiff drein ist machen wir das Tor wieder zu bis das Waser in Kanal und im Schleusenkasten jegal ist.“ 60 Der Druckfehlerteufel hat in einer Berliner Zeitung wieder einen schönen Streich verübt. In einem Berichte über die Taufe des italienischen Kronprinzen liest man: Monsignor Beccaria, der Hofkaplan, war mit dem Piviale geschminkt. Wir wagen die Vermutung, daß er„mit dem Pluviale geschmückt" war. ** Ein sonderbarer„Schlachtruf". Das Umbrechen des Zeitungssatzes hat schon manchem Redakteur Sorgen gemacht. Was aber alles passieren kann, wenn das Abbrechen des belletristischen Textes einmal einem zerstreueen Setzer allein überlassen bleibt, dafür bot ein Wiener Blatt dieser Dage ein ergötzliches Pröbchen, Dasselbe schloß einen Feuilletonabschnitt— enthaltend den bekannten„äußerst spannenden“ Roman aus„bewährtester tapferen alle mit dem begeisterten Rufe: Fortsetzung folgt.“ ** Die„Trichinenschau“. Ein mecklenburgischer Gutsbesitzer wurde von einem seiner Freunde gefragt, auf welche Weise er seine Schlachtschweine in der nächstgelegenen Stadt auf Trichinen untersuchen lasse.„Nee,“ lautete die Antwort,„mit so'ne Witluftigkeiten gäw' ick mi nich aff; ick heff ein Trichinschau bi mi up et Gud!“ „Un wie denn?"„Je, uns' Schulmeister, de is so arg up et Eten. Wenn ick nu en Swin schlacht heww, denn schick ick emm immer de irste Wurst. Da bin ick ganz sicher, dett he's glik uppett. Nah een, twee Dag besök ick emm denn, un frag so verlurner Wis’, wo (Die Auflösung folgt nächsten Sonntag.) Auflösungen der vorigen Sonntags-Beilage. Skataufgabe. Kartenverteilung: B. ab; bA, 10, 9. 8; cK. D. 9, 8, 7. M. a, b. c. dB, aA, 10; b7; CA, 10; d7. H. ak, 9. 8. 7; bD; dA. 10. D. 9. 8. Skat: bK, dK. Spiel: 1. V. eD. cA. aK(—18) 2. H. bD. bA. b7(—14) 3. V. cK. e10. a9(—14) 4. H. dA. b10, 47(—21) Damit haben die Gegner 67. Geheimschrift. Dein Glück, es ist so selten echt, Und wird Dich oft betören. Der Schmerz verleiht Dir erst ein Recht Dem Leben zu gehören. Tauschrätsel. Sonne, Hacke, Hahn, Amsel, Feder, Rind, Rechen, Zahn, Retter, Falle. Wette, Wind. Ring, Kasse, Reiter, Helm. Linde, Wein, Mais, Rübe Busse, Stern, Haus Gabel, Tier, Reifen, Garten. Schmeichelei ist ein süßes Gift. Rösselsprung. Sei nicht ein Wind= und Wetterhahn, Und fang' nicht immer Neues an! Was Du Dir wohl hast vorgesetzt, Dabei beharre bis zuletzt. Gleichklang. Nachdruck. Bilderrätsel. Hunde, die bellen, beißen nicht. (Nachdruck und Nachbildung aller Teile untersagt.) Verantwortlicher Redacteur: B. Reuter in Köln. Rotationsdruck und Verlag von J. O. Bachem in Köln. — Nr. 51. Loionia. Sonntagsbeilage zum Kölner Local-Anzeiger. 18. Dezember 1004. it Das hungrige Vögelin. Ueberall liegt draußen Dichter, hoher Schnce, Auf dem Baum ein Vöglein Klagt sein hartes Weh: „Bitter quält der Hunger Mich zur Winterszeit! Nirgendwo ein Körnchen Seh' ich weit und breit: „Kaum noch kann ich singen, Bin gewiß bald tot, Ach, wenn ich doch fände Nur ein Stückchen Brot!“ Müd' das Köpfchen senkend, Schweigt das Vögelein, Kann nicht weiter klagen, Hat zu arge Pein. Häuschen sieht den Jammer, Flugs eilt er hinaus Und mit vollen Händen Streut er Futter aus. Einen Napf mit Wasser Rückt er auch herau, Daß den Durst das arme Vöglein stillen kann. Rasch jetzt ist geschwunden Vögleins Not und Qual Und behaglich schmanst es Von dem reichen Mahl. „Vielen Dank, mein Retter," Piept es voller Freud', „Daß du Mitleid übtest Und Barmherzigkeit. „Gott der Herr wird's lohnen Dir mit güt'ger Hand, Alle guten Taten Sind ihm ja bekannt. „Aber wenn es wieder Grünt und blüht im Ried, Singe ich dir täglich Froh ein Dankeslied!“ werden. Da die Frage der Heizung und Lüftung in den Schlafzimmern während der kalten Jahreszeit besonders schwierig zu lösen ist, so ist die Atmosphäre in diesen Räumen oft von einer EyK Einzige Kinder. Man sagt oft, daß es viel leichter sei, mehrere Kinder zu erziehen als nur eines! Ist es doch natürlich, daß alle Liebe, alle Sorgfalt, alle Erziehungskunst sich auf den einzigen Liebling vereinigen und daß er von den zärtlichen Eltern in den Vordergrund des ganzen Lebens und Interesses gestellt wird. Oft beherrscht dann das Kind das ganze Haus und wird so, ohne daß die Eltern es gewahr werden, sehr, sehr oft zu einem unverbesserlichen Egoisten erzogen. Man sagt nicht mit Unrecht, daß man in einer kinderreichen Familie eher jedes Kind artig finde als das„einzige“ Kind: denn wenn Geschwister da sind, erzieht eins das andere, die Charaktere können sich aneinander abschleifen, eines kann nicht immer seinen Willen allein durchsetzen, es muß sich auch den anderen fügen. Es ist nicht unbeschränkter Alleinherrscher über alle Spielsachen, über alle Geschenke, die gute Tanten und Onkel mitbringen, und vor allem nicht Alleinbesitzer der Liebe seiner Eltern. Es ist ja so natürlich, so erklärlich, daß das einzige Kind mit Liebe und Zärtlichkeit überhäuft wird, daß ihm Wünsche erfüllt werden, die bei mehreren Kindern unmöglich zu erfüllen gewesen wären, daß die Eltern zittern, wenn ihm auch nur das geringste fehlt, daß es immer und überall zum Mittelpunkt aller Interessen, aller Sorgfalt gemacht wird, aber wie schädlich ist es für das Kind selbst. Und dann, wie wird jedes kleine Talent, jedes drollige Wort des Einzigen bewundert und bestannt, besonders wenn auch in der näheren Verwandtschaft keine Kinder gleichen Alters sind, und ein Kind merkt ja so genau auf und weiß nur zu bald, daß es beachtet und bewundert wird. Mag auch in kinderreichen Familien oft Schmalhans Küchenmeister sein, mögen auch die Sorgen für die Zukunft der Kinder größer sein— größer und schwerer ist doch noch die Verantwortung der Eltern „einziger“ Kinder. Für sie ist es doppelt schwer, ihr Kind zu einem vollwertigen, seinen Platz im Leben ausfüllenden und doch bescheidenen Menschen zu erziehen, doppelt groß ist die Gefahr, es zu einem Egoisten zu machen, größer noch sind die Sorgen um Leben und Glück des einzigen Kindes— wohl ihnen, wenn ihre Mühe nicht umsonst geblieben ist. hg Die vorsorgliche Hausfrau. Einer guten Hausfrau darf keine einzige Ausgabe unverhofft entgegentreten. Was in nächster Zeit an Miete, Kleidern, Schuhen und anderen Anschaffungen nötig ist, muß sie immer vor Augen haben. Kommt eine größere Ausgabe dir oder deinem Manne unerwartet, dann gibt's Verdrießlichkeiten, saure Gesichter, böse Launen und, was das Schlimmste ist, leicht Schulden; ist sie aber vorhergesehen, hast du deinen Mann zeitig aufmerksam gemacht, dann ist man darauf gefaßt, und du kannst sorgen, daß ihr sie, ohne zu borgen, bestreiten könnt, indem du jede nicht unbedingt nötige Ausgabe vermeidest, zeitig anfängst, wöchentlich etwas dafür zurückzulegen, und auch deinen Mann erinnerst, dasselbe zu tun. Da nun aber in jeder Haushaltung fortwährend der Fall vorliegt, daß nächstens bedeutendere Ausgaben zu machen sind, so mußt du auch fortwährend diese künftigen Ausgaben im Auge behalten und beständig etwas zurücklegen.— Im Sommer mußt du an die Kosten der Wintervorräte denken und zeitig anfangen, Geld für Bohnen, Kartoffeln, Sauerkrant und Kohlen zurückzulegen, und dein Mann muß ebenfalls die Beschaffung der Winterkleider im Auge behalten. Im Winter, wo dein Keller gut mit Vorräten versehen ist, kannst du am besten sparen und mußt deshalb auf die Ergänzung und Erneuerung der Haus= und Leibwäsche, der Haus= und Küchengeräte und der Sommerkleider bedacht sein. Zu jeder Zeit aber mußt du auch an mögliche Krantheitsfälle oder zeitweilige Arbeitslosigkeit deines Mannes denken. Wenn du also nach Bestreitung aller Bedürfnisse noch einige Mark übrig hast, darfst du nicht meinen: jetzt kinn ich mir aber den längst gewünschten Pelz, den feinen Hut usw. kaufen— das tust du erst, nachdem du einen hinreichenden Notpfennig für besondere Unglücksfälle in der Sparkasse liegen hast, sonst könnte dich der Pelz und der neue Hut bald bitter reuen. 0) Unsere Betten im Winter. Beim Eintritt der kalten Witterung wiederholt sich fast jedes Jahr ein Ausbruch von Krantheiten, deren eigentliche Ursache nicht festgestellt werden kann. Das Journal der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung weist auf einen möglichen Grund hin. Wenn es draußen und demgemäß in den Zimmern oder wenigstens in dem meist ungeheizten Schlafzimmer kalt wird, so holt man Bettzeug yervor, das gewöhnlich während des Sommers außer Gebrauch gewesen war. Stellen sich mun gerade in dieser Jahreszeit Masern, Scharlach und Keuchhusten ein, so liegt der Schluß nicht fern, daß die Krantheitsstoffe im winterlichen Bettzeug sich während des Sommers erhalten haben. Daraus ergibt sich die Forderung, daß die Betten ebenso wie übrigens auch die Winterkleider in irgendeiner Art desinfiziert werden sollten, bevor sie nach Ende des Winters fortgepackt oder spätestens, bevor sie bei Beginn des Winters wieder hervorgeholt Krankheiten mit Eintritt kalten Wetters auch in Familien ausbrechen, die sonst sehr abgeschlossen leben und mit anderen Häusern kaum in Berührung kommen. Namentlich die Keime von Masern und Scharlach und vor allem die der letzteren Krankheit halten sich sehr lange lebensfähig. Noch nach einem Jahr hat sich die Kleidung eines an Scharlach erkrankt Gewesenen als ansteckend erwiesen, obgleich sie inzwischen sorgfältig in Kampher verpackt gewesen war. Die Sorgfalt in der Vernichtung der Krankheitskeime muß also innerhalb des Hauswesens noch viel weiter betrieben werden, als es bisher geschehen ist, und der Hausarzt hat hier eine besonders wichtige und dankbare Aufgabe. Die Krippe. (Zum Answendiglernen für den heiligen Abend.) Was ist das doch ein holdes Kind, Das hier man in der Krippe find't? Ach, solch' ein süßes Kindelein, Das muß gewiß vom Himmel sein. Die Frau, die bei der Krippe kniet Und selig auf das Kindlein sieht, Das ist Maria hehr und rein; Ihr mag recht wohl im Herzen sein. Der Mann, der zu der Seite steht Und fromm hinauf zum Himmel fleht, Das muß der fromme Josef sein, Der tut sich auch des Kindleins freu'n. Und was dort in der Ecke liegt Und nach dem Kindlein schaut vergnügt, Ein Oechslein und ein Eselein, Das mogen gute Tierlein sein. Und die dort kommen fromm und gut, Mit langem Stab und rundem Hut, Das ist der Hirten fromme Schar, Die bringen ihre Gaben dar. Und was den Stall so helle macht, Und was so lieblich singt und lacht, Das sind die lichten Engelein, Die schau'n zu Tür und Feuster ein. Und die dort kommen ganz von fern Und gläubig schauen nach dem Stern, Das sind der weisen Könige drei Mit Weihrauch, Gold und Spezerei. Und ob dem Hüttlein slammt der Stern, Der leuchtet nah und leuchtet fern; Er scheinet auch durch uns're Zeit Und leuchtet bis in Ewigkeit. Sei hochgelobt, du dunkle Zell', Durch dich die ganze Welt wird hell!— Klein Kindlein in der Jungfrau Schoß, Wie bist du so unendlich groß! Luise Hensel. I Höckerliese. Ein Märchen. Johanna und Liese waren von den Eltern zum nahen Walde geschickt worden, Pilze zu suchen. Da der Vater ein armer Tagelöhner war, suchten sie noch auf diese Weise Geld zu verdienen, indem sie Pilze in der Stadt verkauften. Johanna war ein schönes Mädchen, die arme Liese aber nicht, und dazu hatte sie noch einen Höcker. Liese war ihrer stolzen, faulen Schwester nur gut genug, ihr die Arbeit vorzumachen, was sie auch willig tat: aber statt Dank bekam sie nur harte Worte zu hören. Jetzt waren beide an einem Orte angelangt, wo schöne Pilze standen. Johanna streckte sich faul ins Gras und überließ es der Schwester, die beiden Körbe zu füllen. Auf einmal hörte man ein schwaches Wimmern, erschrocken suchte Liese im Dickicht nach, und schon nach einigen Schritten sah sie ein kleines Reh am Boden liegen, anscheinend verletzt. Liese nahm es voll Mitleid auf den Arm und untersuchte es. Sie fand, daß ein Bein gebrochen war. Sie nahm das Tier mit nach Hause, verband und pflegte es treulich, bis es wieder herumlaufen konnte. Aber merkwürdig, es hatte keine Anhänglichkeit an Liese, sondern suchte immer Johannas Nähe auf, die es aber nicht leiden mochte, sondern ihm manchen Fußtritt gab. Die beiden Mädchen hatten ein Schlafzimmer gemeinsam. Eines Nachts nun, als die Uhr gerade zwölf schlug, wachte Liese auf. Ein heller Lichtschein erfüllte das Gemach, vor Johanna stand ein schöner Jüngling, der diese anredete:„Liebe Johanna, ich bin ein verwunschener Prinz und durch einen bösen Zauberer in das Reh verwandelt, das ihr im Walde gefunden habt. Doch du kannst mich erlösen, ich habe dich sehr lieb, und wenn du mir das Opfer bringen würdest, das zu meiner Rettung nötig ist, sollst du in meinem Reiche die Königin werden. Eine alte Frau, die in einer versteckten Hütte im Walde haust, wird dir alles andere sagen.“ Damit war die Erscheinung verschwunden. Auch das kleine Reh war anderen Morgens fort, niemand wußte, wo es geblieben war. In der folgenden Nacht wiederholte sich die Erscheinung. Liese bat Johanna, den Wunsch des arinen Prinzen doch zu erfüllen und ihn zu erlösen. Johanna aber lachte und sprach: „Fällt mir gar nicht ein, schließlich wage ich noch mein Leben dabei!" Liese war betrübt über die Hartherzigkeit der Schwester und sprach bei sich:„Ob ich es nicht wagen soll, die alte Frau zu besuchen?“ Am Abend nun, als alles schlief, schlich Liese hinaus dem Walde zu. Bald sah sie ein Licht, und als sie näher kam, ein kleines Häuschen. Zagend klopfte sie an; eine alte, weißhaarige Frau öffnete und lud sie freundlich ein, herein zu kommen. Liese erzählte alles, was sie von dem Prinzen wußte, auch daß ihre schöne Schwester nicht kommen wollte, und sie sich deshalb erbarmt habe. Die alte Frau sagte:„Du hast ein gutes Herz, mein Kind, und wirst deinen Lohn erhalten; jetzt höre, was ich dir sage. Hier ine meiner Hütte befindet sich eine verborgene Türe, durch welche du in einen unterirdischen Gang kommst und von dort in die Behausung des Zauberers, der den Prinzen und sein Königreich in der Gewalt hat. Dieser Zauberer hat die Gestalt eines furchtbaren Drachens. An der Stelle, wo er seine Lagerstätte hat, befindet sich ein schwarzer Stein, den mußt du heben, darunter liegt nämlich der goldene Schlüssel verborgen, der den Zauber lösen kann!" Nun pochte die Frau dreimal auf den Boden, worauf ein kleiner freundlicher Zwerg erschien. Zu diesem sagte sie:„Du weißt, was du zu tun hast, mache alles zu meiner Zufriedenheit!“ Der Kleine belud sich mit einem Fäßchen Wein und einer kleinen Schachtel, nahm Liese bei der Hand und stieg mit ihr die Treppe hinab in den Gang. Nachdem sie lange kreuz und quer gegangen waren, blieb der Zwerg stehen und sagte:„So, liebe Liese, nun muß ich dich allein weiter wandern lassen; nimm hier daß Fäßchen Wein, den Becher und das Pulver. Vor der Behausung des Zauberers stehen Wächter, die niemand hereinlassen; die mußt du betrunken machen und dann sehen, daß du den goldenen Schlüssel bekommst; hier werde ich dich dann erwarten, um dich weiter zu geleiten.“ Jetzt klopfte Liese doch ein wenig das Herz, aber sie wollte sich die Angst nicht merken lassen und ging. Bald kam sie an ein Tor, wo die beiden Wächter saßen.„Wohin des Weges?“ riefen die.„Ach, gute Herren, ich bin ein armes Mädchen und wollte sehen, ob mir jemand etwas Wein abkauft.“ Liese lud das Fäßchen ab, nahm den Becher, schüttete heimlich das Pulver hinein, schenkte ein und bot das Getränk den beiden an. Es schien ihnen zu munden; denn sie verlangten immer mehr. Nach und nach wurden ihnen die Augen schwer, es dauerte nicht mehr lange und sie lagen in festem Schlaf. Da löste Liese schnell den Schlüsselbund von dem Gürtel des einen Wächters, schloß auf und schlich näher. Bald hörte sie ein entsetzliches Schnaufen und sah auch schon das Ungeheuer auf einer roten Decke schlafend liegen. Eilig versteckte sich Liese hinter einem Vorhang und kauerte dort eine ganze Weile, stets in Angst, der Zauberer möge sie entdecken. Doch es ging alles gut; nach einiger Zeit erhob sich dieser von seinem Lager und entfernte sich nach der anderen Seite. Leise kam Liese hervor, hob die Decke auf und sah den schwarzen Stein. O Freude, da war auch der goldene Schlüssel. Ueberglücklich steckte sie ihn zu sich und flüchtete hinaus aus der gefährlichen Nähe. Das Tor war offen und die Wächter schliefen noch. Den Schlüsselbund brachte sie an Ort und Stelle und fand draußen auch ihren Begleiter wieder. Als sie eine Weile weitergewandert waren, langten sie plötzlich durch einen Ausgang oben auf der Erde an. Liese schaute verwundert um, sie befand sich in einer wildfremden Gegend, auch ihr Führer war verschwunden. Vor ihr lag ein schöner blauer See. Liese setzte sich an dessen Ufer. Was wollte sie nun machen? Dann nahm sie den goldenen Schlüssel aus der Tasche, aber. o Jammer, der glitt ihr aus den Händen und fiel in den See. Da klagte und weinte sie und rief:„Nun ist all meine Mühe umsonst gewesen!“ Doch sieh, da tauchte eine wunderschöne Fee mit langem goldenem Haar aus dem Wasser auf. Sie neigte sich zu Liese hin und sagte:„Warum weinst du, gutes Mädchen, freue dich doch, du bist ja am Ziel, ich bin jene alte Frau im Walde. Komm mit mir, du selbst sollst den Zauber bannen!“ „Ach liebe, gute Fee,“ sprach Liese,„ich schäme mich aber, wenn ich zum Prinzen komme, ich bin ja so häßlich!" Da hielt ihr die Nixe einen Spiegel vor, und wie staunte die bescheidene Liese, sie war so schön, viel schöner wie ihre eingebildete Schwester Johanna, so daß sie sich selbst kaum wieder erkannte, der Höcker war ganz verschwunden.„So wird Tugend und Treue belohnt, mein Kind, doch nun komme!" Die Frau nahm Liese auf den Arm und stieg mit ihr in die nasse Flut. Immer tiefer und tiefer ging es, bis sie endlich auf einer großen Fläche anlangten, wo sich ringum graues Gestein erhob. Dieses mußte Liese mit dem goldenen Schlüssel berühren. Da, o Schreck, sie wußte nicht, wie ihr geschah, ein donnerähnliches Getöse betäubte sie und sie verlor die Besinnung. Aber es war ein herrliches Erwachen, als sie die Augen wieder öffnete. Sie befand sich in einem wunderschönen Schlosse mit den prachtvollsten Gärten. Sie selbst war geschmückt wie eine Königin, vor ihr stand der Königssohn, der sie in die Arme schloß und sprach:„Hab' vielen Dank, du Gute, Teure, daß du mich erlöst hast, ich weiß, daß du statt deiner stolzen, einfältigen Schwester gekommen bist. Du sollst tausendfachen Lohn erhalten. Nun bist du in meinem Reiche die Königin, und wir werden eine lustige Hochzeit halten!“ So geschah es, es folgte Fest auf Fest, alle hatten ihre gute Königin lieb, und diese war überglücklich. Doch vergaß sie auch ihre Angehörigen nicht. Eines Tages bat Liese ihren Gemahl, diese besuchen zu dürfen. Der erfüllte ihr die Bitte, und in prächtigen, goldenen Wagen wurde die Reise gemacht. Die Eltern und Geschwister, auch alle Bekannten wußten vor Staunen nicht, was sie sagen und denken sollten. Johanna aber weinte sich die Augen rot vor Aerger und Neid; Liese beschenkte alle reichlich; dann aber kehrte sie mit ihrem Gemahl zurück in ihr Königreich, und sie lebten glücklich und zufrieden noch viele, viele Jahre.