und Anzeigen-Annahme Marzellenstraße 37, im Neubau. Anzeigen-Preis: 15 Pfs. die einspaltige Zeile. Bevorzugt verlangte Anzeigen (erste und letzte Seite) 20% höher.— Kölner Stellenund Arbeits=Gesuche, sowie Miet=Anzeigen für kleine Wohnungen bis zu 10 Zeilen bei Dorausbezahlung 8 Ofg. die Heile. Offerten=Annahme 25 Ofg. Reklamen 40 Ofg. S 1ird täglich in jedes Haus von köln sowie in Deutz und sast allen * Vororten unentgeltlich getragen. Für Stockwerke und Hinterhäuser mit Sonntags-Veilage 30 Ofg. monatlich. Postpreis: M..00(3 Mon.), 67 Ofg.(2 Mon.) 34 Ofg.(1 Mon.). Kölner nzeiger General-Anzeiger für die rheinische Hauptstadt und PTrrzr Nr. 27.(Colonia.) Sonntags=Beilage. Sonntag, 5. Juli 1903. Feuilleton des Kölner Local=Anzeiger. 5. Juli 1905. 8 Die Anstern des Herrn Damiano. Novellette von Alfredo Panzini. Genehmigte Uebertragung von K. Brenning. Diese einfache, lustige Geschichte ist nicht mir, der ich sie niederschreibe, begegnet, sondern einem von mir sehr geliebten und verehrten Verwandten, obwohl ich zu meiner Erleichterung das Ereignis in der ersten Person erzähle. Als Beweis dafür diene die Behauptung, daß ich inbetreff meiner Beköstigung höchst anspruchslos bin, mich unter Umständen gleich einem Hidalgo gern mit einer Hand voll getrockneter Oliven begnüge, während mein Freund ein Erzfeinschmecker ist. Ich war an jenem Morgen hungerig, hungeriger denn je, erstens weil aus trübem Aprilhimmel ein Nordwind blies, den ich kalt über die Haut laufen fühlte, und zweitens weil das Gabelfrühstück durch den Gang nach dem Finanzbureau, wo ich mein Gehalt geholt, um eine Viertelstunde hinausgeschoben worden war. Außerdem ist es unglaublich, wie sehr eine laute, begeisterte Unterhaltung mit der lieben Schuljugend den Appetit steigert und die Lungen stärkt! Am besagten Morgen hatte ich mich bei der Erklärung der Provencalischen Dichtkunst stark ereifert und fühlte ganz besonders das Bedürfnis nach Stärkung. „Gehen wir hinein! Einmal ist keinmal. Was kann's auch kosten! Eine Lira, höchstens zwei, und im übrigen: habe ich nicht mein Gehalt in der Tasche?“ * Ich öffnete mutig die Glasthür eines der vornehmsten und berühmtesten Restaurants der Stadt und befand mich in einem prachtvollen Saal, wo rote Sammetdivaus vor sauber gedeckten Tischen zum fröhlichen Niederlassen einluden. Ich muß gestehen, daß der Ruf der ausgezeichneten Küche mich gerade dies Lokal hatte erwählen lassen. Auch wäre ich schon früher gekommen, wenn mich nicht bis jetzt eine gewisse Abneigung gegen die Kellner zurückgehalten hätte, die den Gast von der Höhe ihres gegen das bartlose Kinn sich stemmenden weißen Halskragens herab durchbohren, sofort dem Eintretenden die ganze Lebensgeschichte vom Gesichte ablesen und mit den Augen ungefähr so sprechen: Du bist kein Millionär, kein Edelmann, kein Verschwender, kein Geschäftsmann! Du siehst nach einem armen Ehrenmann aus, der das Leben mühsam hinschleppt! Welcher Wind hat dich gegen deine Gewohnheit hierher verschlagen? Beeile dich, um dich baldmöglichst zu entfernen!— und dann nicht einmal„danke“ sagen, wenn man ihnen ein schönes Trinkgeld von 20 Centesimi verabreicht. Dies waren meine Gedanken; doch ich hatte mich geirrt. Kaum trat meine Wenigkeit in das große Eßzimmer, so erhob sich der Wirt— ohne Zweifel war es der Wirt, der auf einer hohen Marmorbank throute— von seinem großartigen Sitz, kam mir entgegen und verneigte sich vor mir in tiefer Ergebung. Er war jung, frisch und zierlich, so rosig, so blühend gesund, daß er dem Lokal wahrhaft Ehre machte. „Wenn die Schnepfen und Wachteln deines Restaurants ein ebenso zartes Fleisch haben wie du, so ist dein Ruhm nicht übertrieben. Doch hüte dich, junger Freund, vor Entdeckungsreisen in unbekannte Länder, denn wenn du unter kannibalische Feinschmecker gerätst, so stehe ich nicht für deine Rückkehr ein.“ Dies sagte ich ihm in Gedanken, indem ich mit gleichem Lächeln seinen Gruß beantwortete. Weiter lächelnd, machte er einem behenden, geschniegelten Kellner rätselhafte Zeichen. Anderswo angetroffen, hätte ich diesen Kellner mit einem Volksvertreter verwechselt oder mit einem vor Damenpublikum Redenden, oder mit einem herausgeputzten Aesthetiker, der sich anschickt, einer begeisterten Zuhörerschaft die Symbole seiner wunderbaren Psyche zu enthüllen— und das war ein Kellner. Er folgte mir, befreite mich von Hut und Stock, nahm mir den Ueberzieher ab und führte mich an eine fast leere Tafel, denn es waren nur zwei schweigsame Engländer zugegen, die ihr Essen mit so feinem Anstand zu sich nahmen, als handelte es sich darum, Apothekerpillen zu verschlucken. Jeden Augenblick „ sagten sie:„Tes“, und ich konnte nicht umhin zu bedenken, wie die Engländer, die mit so viel Zartsinn und Schüchternheit speisen, mit so großer Gier ganze Nationen verschlingen. Kaum saß ich, so stand der Kellner mir gegenüber und sagte, den Tisch kaum mit den Fingerspitzen berührend: „Wollen Sie mit der Probe einer eben dem Eis entnommenen Trüffelpastete beginnen? Sie werden sie äußerst schmackhaft finden.“ „Fangen wir an, wie Sie meinen!“ „Und was für Wein wünschen Sie? Wir haben sehr guten Barolo in Flaschen.“ „Daran zweifle ich nicht; mir genügt ein gewöhnlicherer Wein.“ „Wie Sie befehlen.“ Sofort stellte er einen blitzblanken Fiasko vor mir auf mit toskanischem Wein und der Etikette: Uralter Chianti. „Zu gut für mich... und wird sehr teuer sein?“ „Im Gegenteil, mein Herr," antwortete der Kellner,„und trinken Sie, so viel Sie mögen.“ Als ich den duftenden Trank langsam in ein zartes Kelchglas goß, spürte ich in der That, daß es ein köstlicher Wein war. Auch die ganmenreizende, meinem Munde bis dahin unbekannte Pastete war von seltener Feinheit. Als ich einige geröstete Brotschnittchen damit bestrich, sagte ich mir, daß ein Koch, der solche Leckerbissen herzurichten verstehe, der Dankbarkeit seiner Mitmenschen wert sei. Nach der Aufnahme dieser Speise erschien der Kellner wieder und sagte mit seinem gewinnenden Lächeln: „Jetzt rate ich Ihnen zu einer Suppe mit frisch angelangten Bologna=Nudeln.“ Einen so uneigennützigen Rat auszuschlagen, wäre unhöflich gewesen, und so willigte ich in die„cappelletti“, die eine ebenso freundliche Aufnahme wie die Trüffelpastete fanden. „Jetzt, Signore, bringe ich Ihnen eine gebratene Wachtel mit Champignons.“ Ich hatte schon mehr als genug, denn meine gewohnte Enthaltsamkeit überstieg beim Vormittagsessen nicht eine Bouillon und ein Fleischgericht. Die Pastete hatte aber leider schon den Magen erweitert, und außerdem kam es mir bettelmäßig vor, bei der Suppe stehen zu bleiben. Aufrichtig gesagt, hatten die Worte: eine Wachtel mit Champignons, mich an einen schwindelerregenden, mit meiner Börse nicht in Einklang stehenden Preis gemahnt. Der Kellner, der auf meinem Gesichte Zweifel lesen mochte, beeilte sich zu sagen:„Es ist eine Specialität des Hauses.“ Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und zur gebratenen Wachtel— die ihren Ruhm bestätigte und nur den Nachteil hatte, daß sie die Oberfläche des Weines im Fiasko fallen ließ und dadurch einen gewissen Nebel in meinem Gehirn erzeugte. „Jetzt ist es aber geung,“ erklärte ich, als der Kellner, nachdem er die elenden Reste der Wachtel weggeräumt, einen Teller vor mich hinsetzte, der von Silber schien und auf dessen weißer Serviette große Perlmutterschalen sich breit machten, die sechs tadellose, ungewöhnlich große Austern aufwiesen. „Die habe ich aber nicht bestellt!“ rief ich mit gerechtfertigter Entrüstung. „Sehr wahr, mein Herr," erwiderte der Kellner mit einem eines Edelmannes würdigen Anstand.„Doch wissen Sie,“— er dämpfte seine Stimme—„diese Austern kommen nicht mit auf die Rechnung“— er dämpfte seine Stimme noch mehr—„heute ist San=Damiano=Tag.“ „Ohne Zweifel; doch ich habe nie gehört, was die Anstern mit diesem Tage zu thun haben.“ „Nein, mein Herr, die Austern nicht. Aber der Sohn des Wirtes heißt Damiano; sein Namenstag ist heute, und da ist es Sitte, den Gästen, die uns mit ihrem Besuche beehren, irgend eine Delikatesse vorzusetzen.“ Was sollte ich zur Antwort geben? Durfte ich Zweifel äußern an der Wahrhaftigkeit dieser Rede? Ich hob meinen Blick von dem köstlichen Gericht zu der Marmorbank empor, von wo der zu meinem Glücke auf den Namen Damiano hörende junge Herr mich anblickte und zu sagen schien: Glauben Sie nur, was der Kellner sagt; Sie können sie ohne Furcht vor einer Verpflichtung verspeisen! So nahm ich mit den Fingerspitzen eines der köstlichen Weichtiere, das einen Duft von Seealgen und frischen Oceanwellen ausströmte, und verschlang es— ein Genuß, dessen Wonne noch heute in meinem Herzen lebt. Und die übrigen fünf Austern erlitten dasselbe Schicksal; die eine war noch schmackhafter, als die andere. Der gefräßige Mensch ist erfinderisch, dachte ich bei mir, er legt der Erde, der Luft und dem Wasser Steuern auf, um seine Gelüste zu befriedigen. Obgleich das Laster der Gutschmeckerei eines würdigen Menschen unwürdig ist, verfällt unsere Natur doch öfter als wir denken in diesen Fehler. Nun brachte der Kellner eine Fruchtschale, angehäuft mit Mandarinen, Datteln und anderen vorzüglichen Früchten, welche die liebe Erde, die Mutter alles Guten und Schönen, hervorbringt. Unmöglich konnte ich die Früchte ausschlagen; nach einer so vornehmen Mahlzeit wäre es geradezu unschicklich gewesen. Aber trotz des glückseligen Empfindens quälte mich der herbe Gedanke, daß eine Tageseinnahme meines Lehrerberufes nicht genügte, um die Kosten dieses üppigen Gastmahles zu bestreiten. Alle diese Herrlichkeiten mußten den Preis von fünf Lire und achtzig Centesimi übersteigen: eine Summe, über die ich täglich erst nach zwölf Jahren steter Lehrthätigkeit verfügen konnte. Da dieser mißliche Gedanke mir die angenehme Arbeit des Verdauens erschwerte, zog ich es vor, mich von ihm zu befreien und rief den Kellner „Der Herr wünschen?“ „Die Rechnung.“ Sofort nahm er aus seinem Hemdenschlitz ein schwarz=ledernes Notizbuch und schwenkte einen ungeheueren Bleistift, bei dessen Anblick meine vor kurzem auf dem Finanzbureau erhobenen neuen Bankscheine etwas von ihrer Farbe verloren und erbleichten. „Das ist schnell geschehen: das Dejeuner nach festem Preise zwei Lire fünfzig, der Wein“— er blickte ganz oberflächlich den Fiasko an—„halbe Lira, drei Lire im ganzen.“ Erleichtert atmete ich auf. „Bescheidene Preise das; ich werde oft kommen...“ sagte ich, und weiteres Lob sollte noch folgen, aber— „System des Hauses!“ sagte mit einfacher Bescheidenheit der gewiegte Kellner. „So bringen Sie mir den Kaffee.“ „Wünscht der Herr auch ein Gläschen Cognac?“ „Warum nicht? Gern einmal im Jahre.“ Der treffliche Kellner kehrte mit einem Tablett zurück und flüsterte mir ins Ohr:„Wünschen Sie eine eingeschmuggelte Cigarre? Ich habe unvergleichliche Havannas.“ „Das ist gesetzwidrig.“ „Deswegen können Sie ganz ruhig sein. Der Herr Oberstaatsanwalt, der hier speist, raucht nur meine Havannas und versorgt sich noch außerdem damit.“ „Wenn das der Fall ist!" Und der mir ewig unvergeßliche Kellner zündete mir eine prachtvolle Havanna an, deren zarter, blauer Nebel, vermischt mit dem Nebel des Weins und des Liqueurs, mich in ein unbeschreibliches Glückseligkeitsgefühl wiegte. „Die Welt ist schön und herrlich die Zukunft," wiederholte ich mit dem großen Dichter— und vernahm keinen Lärm um mich, obgleich der Saal jetzt voll von Gästen war.... Als ich allmählich begriff, daß der mir gegenüber stehende Stuhl sich bewegte, öffnete ich die Augen und erkannte den jungen Damiano, der sich schüchtern vor mir niederließ. Was will der?— fragte ich mich. Er lächelte, lächelte mit dem Ausdrucke des Wohlgefallens und Wohlwollens in seinem frischen Gesichte. Dann hörte ich die grausamen Worte, die mich in der Verdauung störten „Herr Professor, ich sehe, Sie kennen mich nicht mehr... ich hingegen kenne Sie sehr gut.“ O weh! seufzte ich innerlich, die Freude des Inkognitos ist zu schnell entschwunden! „In der That, nein, mein Herr...“ stammelte ich. Er lächelte noch immer.„Vor zehn Jahren war ich Ihr Schüler. Sie erinnern sich meiner nicht, während ich Sie nicht vergessen habe, Herr Professor.“ Ich seufzte innerlich noch tiefer. Zartfühlend wie ich bin, schämte ich mich, von einem ehemaligen Schüler auf meiner häßlichen Eßgier ertappt worden zu sein. „Ich danke Ihnen für Ihr freundliches Gedenken. Ich habe so viele Schüler unterrichtet, daß ich mich des einzelnen nicht immer entsinne.“ „Und doch sollten Sie sich meiner erinnern, Herr Professor," bestand mein Gegenüber mit unerklärlichem Lächeln.„Ich heiße Damiano Saltori. Dieser Name mur Ihnen etwas ins Gedächtnis rufen.“ Er wartete einen Augenblick, dann sprach er die folgenden schrecklichen Worte:„Sie, Herr Professor, ließen mich bei der Prüfung von der Tertia in die Untersekunda unbarmherzig durchfallen.“ Mit der Wonne der Verdauung war es jetzt gründlich vorbei. Ich weiß nicht, was ich antwortete, ich werde aber ungefähr gesagt haben:„Entschuldigen Sie, ich that es nicht absichtlich. Es thut mir aufrichtig leid.“ „Nicht doch, Herr Professor. Ihnen verdanke ich ja mein jetziges Leben!“ rief zu meinem Staunen der junge Mann ganz begeistert.„Ihnen verdanke ich meinen Wohlstand, mein Glück. Wie oft hatte ich Lust, Sie auf der Straße anzuhalten und Ihnen meine Dankbarkeit auszusprechen, doch fehlte mir der Mut dazu. Jetzt, wo Sie in meinen Wirkungskreis getreten sind, habe ich mir erlaubt...“ „Ich verstehe Sie nicht,“ erwiderte ich etwas bestürzt, da ich fürchtete, mein Exschüler möchte sich jener Redefigur erinnern, die man mit dem Namen„Ironie" bezeichnet. „Die Sache ist klar wie die Sonne. Erinnern Sie sich noch daran, was Sie mir sagten?“ „Ich?... Nein, junger Herr.“ „Sie sagten: du bist ein guter, braver Junge, doch um klassische Studien zu betreiben, bedarf es nicht bloß des Geistes, den du nicht besitzest, sondern auch der Kunst. Du hast keinen Kunstsinn; du bist eine Auster. Ich erinnere mich ganz genau dieser Ihrer Worte.“ Ich errötete bei der Erinnerung an die eben verschlungenen köstlichen Tiere und hatte ein Gefühl im Magen, als würden sie wieder lebendig. 282 Seite 2. Kölner Loral-Anzeiger Nr. 180. Sonntag. 5. Juli 1903. „Verzeihen Sie.“ „Aber Sie sagten ja die reinste Wahrheit!“ fuhr der würdige Damiano fort.„Nur meine Eltern wollten sie nicht begreifen. Ich sollte durchaus Advokat werden, den Familiennamen durch den Doktortitel veredeln. Das Latein begriff ich einfach gar nicht, und schon bei den italienischen Aufsätzen schwitzte ich nicht wenig. Deshalb thaten Sie wohl daran, mich durchfallen zu lassen.“ „Ich entsinne mich gar nicht...“... „Haben Sie den Auftritt zwischen Ihnen und meinem Vater vergessen? Und erinnern Sie sich noch, wie jener Abgeordnete, unser Bekannter, vom Vorstand die Papiere verlangte, um sie dem Minister vorzulegen?“ „Jawohl, jetzt weiß ich es. Es war der Abgeordnete... „Sie aber blieben unerschütterlich, selbst als der Vorstand zu schwanken begann... unerschütterlich!“ „Konnte ich anders?“ „Nein, und ich wiederhole, Sie thaten recht. Dies haben auch meine Eltern später erkannt, als sie mich auf meinen Wunsch in die Schweiz schickten, wo ich die Sprachen und den Handel erlernt habe. Ich hatte die Absicht, meines Vaters Geschäft zu vergrößern, während er es hatte eingehen lassen wollen. In dem, was ich jetzt bin, fühle ich mich vollkommen glücklich. Den Cornelius Nepos aber konnte ich nicht begreifen.“ Er lachte. „Nur zu wahr!“ Ich atmete auf. Herr Damiano bestand darauf, mir selbst den Ueberzieher anzulegen, reichte mir Hut und Stock und bat mich, ihn oft durch meinen Besuch zu erfreuen. „Nie werde ich den San=Damiano=Tag vergessen!“ „Sie sind zu gütig, Herr Professor.“. Der Wirt selbst öffnete mir die Glasthür, und ich verließ das Restaurant, die vorzügliche Havanna zwischen den Lippen, wie ein Bankier oder ein Baron, der das Geld für sein Frühstück nicht abzuwägen braucht. 7 Bonn, 29.Juni1903. Ein etwa 25jähriger Schneidergeselle aus Löbau und ein 16jähriges Mädchen aus Mainz waren am Samstag von Wiesbaden hierher gereist, um sich hier gemeinsam das Leben zu nehmen. Am Sonntag Morgen begaben sie sich in das oberhalb des Trajekts Bonn—Oberkassel am Rheinufer stehende Weidengebüsch. Dort schoß der Schneider dem Mädchen eine Revolverkugel in die linke Brust und tötete sich dann selbst durch zwei Schüsse in das Herz. Das Mädchen, dessen Verletzung nicht lebensgefährlich ist, wurde im Friedrich Wilhelm=Stift untergebracht. [ Dann(Eifel),.Juli1903. Infolge Blitzschlages wurde hier und im nahen Bleckhausen ein landwirtschaftliches Gehöft eingeaschert und in Bauler ein junger Mann in der Stube, in welcher sich auch noch andere Familienmitglieder befanden, getötet. Die meisten in den letzten Tagen über die Mitteleifel niedergegangenen Gewitter waren von heftigem Regen und vielfach von Hagel begleitet. v Düsseldorf,.Juli1903. Eine Dienstmagd sprang vor einigen Tagen in den Rhein, wurde aber von verschiedenen Schiffern, die mit Kähnen ihr nacheilten, gerettet und in das Krankenhaus gebracht. Gestern wurde die Lebensmüde aus der Anstalt entlassen, sprang gegen Abend abermals in den Strom und kam nicht mehr zum Vorschein. * Dortmund,.Juli 1903. Eine Protestversammlung, welche gestern Abend im Lokale des Tierparkes stattfand, nahm folgende Resolution an, welche dem Magistrat, dem Stadtverordnetenkollegium sowie dem Minister des Innern zugehen soll:„Die heute im Tierpark versammelten zahlreichen Einwohner der Stadtgemeinde Dortmund erheben schärfsten Protest gegen die am Abend des 25. Juni von Polizeimannschaften gegen Hunderte von friedlichen Bürgern verübten Gewaltthätigkeiten und grausamen Mißhandlungen und verlangen, daß die Polizeiverwaltung keinen Augenblick zögert, im Interesse der öffentlichen Sicherheit und des Ansehens des Gemeindewesens den Betroffenen eine ausreichende Genugthuung zu gewähren. Die Versammlung erwartet ferner, daß das Stadtverordnetenkollegium sich mit der Sache befaßt und die Stadtverwaltung den Opfern des Stichwahlabends Schadenersatz in vollem Umfange gewährleistet. Die Versammlung beschließt ferner, das Bureau zu beauftragen, über die Vorkommnisse am 25. Juni an die höheren Verwaltungsbehörden als Aufsichtsbehörden zu berichten und in der betreffenden Eingabe die Bitte auszusprechen, daß möglichst bald eine Rektifizierung des Verhaltens der Polizeiorgane am Abend der Stichwahl erfolge, damit bei den Einwohnern wieder das Gefühl der Unsicherheit und Entrüstung schwindet.“ Nun betraten nacheinander die Opfer des Stichwahlabends, welche sich zahlreich eingefunden hatten, die Rednerbühne. Die Leute erzählten schlicht ihre Erlebnisse. Hiernach sind sogar Frauen und junge Mädchen mit der Klinge zu Boden geschlagen worden. Das Schicksal eines Reisenden namens Hach ist geradezu tragisch. Derselbe präsentierte sich mit völlig verbundenem Kopfe der Versammlung. Der Mann befand sich ohne Begleitung auf der Kapellenstraße; plötzlich sprengte ein berittener Polizeibeamker herau, schwang den Säbel und hieb dem Manne mit einem Schlage die Nase aus dem Gesicht. Dann ist der Betreffende noch vorr mehreren Beamten durch Säbelhiebe am Arm verletzt worden. Einn anderer erzählte, ein Polizeikommissar sei mit gezogenem Säbel in eine Wirtschaft gestürzt, um die Gäste herauszutreiben, während braußen ein halbes Dutzend Schutzleute standen und die aus der Wirtschaft Fliehenden mit den Worten empfingen:„Jetzt giebt's Sänges!"„„ &a Schmalkalden,.Juli 1903. Der große Brand in dem Flecken Floh hat größere Ausdehnung angenommen, als bisher gemeldet wurde. Es steht nunntehr fest, daß 97 Gebäude eingeäschert worden sind, darunter allein 41 Wohnhäuser, wodurch 47 Familien mit rund 250 Köpfen obdachlets sind. Der Immobilarschaden wird von Sachverständigen auf eine Viertelmillion geschätzt. Die Entstehungsursache wird wohl umermittelt bleiben; auch hier ist es möglich, daß Selbstentzündung durch zu frisch eingebrachtes Heu vorliegt. a Frankfurt(Main),.Julà1903. Das Schwurgericht sollte heute über den Gärtner Strack von Rödelheim verhandeln, welcher am 29. Januar an einem zehmjährigen Mädchen sich vergangen und dann das Kind in die Ridda gestoßen hat, worin dasselbe ertrunken ist. Vor Beginn der heutigen Verhandlung teilte der Staatsanwalt mit, daß Strack sich heute Morgen in seiner Zelle an seinen Hosenträgern erhangt halse. Ib Mainz, 30.Juni1903. Nach langen Verhandlungen und mehr fachen Anregungen in der Ständekammer in Darmstadt ist bezüglich der Niederlegung der in Kastel freiwerdenden Festungswerke jetzt endlich zwischen dem Militärfiskus und der Gemeinde Kastel ein Vertrag zu stande gekommen, der als erster Schritt zur Entfestigung von Kastel anzusehen ist. Hiernach läßt die Gemeinde Kastel die Festungsgräben zuwerfen, die Wälle beseitigen und das ganze Festungsterrain planieren und zwar auf Kosten und Rechnung des Militärfiskus. Wenn diese Arbeiten, mit welchen am 1. Oktober begonnen wird, erledigt sind, werden Normen über die Höhe des Preises des freiwerdenden Baugeländes festgestellt, die auf den gemeinsamen Tarationen des Mititärfiskus und der Kasteler Gemeindevertretung beruhen. Die Kosten für Planierungs= und Zuschüttungsarbeiten ersetzt die Militärbehörde der Gemeinde Kastel nach Ausführung der Arbeiten in bar. der endgültigen Feststellung des Ergebnisses der Reichstaaswahlen hat das Centrum in dem neuen Reichstage einen Bestand von 100 Mitgliedern gegen 103 im früheren Reichstage. Der Verlust von drei Mandaten hat natürlich die ausschlaggebende Stellung des Centrums nicht schwächen können und so bleibt es auch fernerhin der Angelpunkt. Zwar fielen den Socialdemokraten 81 Sitze zu, aber diese ihre Verstärkung wird bis auf ein halbes Dutzend wett gemacht durch Verluste, welche die anderen Fraktionen der Linken erlitten haben, so daß an den Folgerungen aus der Annahme des Zolltarifs, der Handelsvertragspolitik auf dessen Grundlage, nichts geändert wird. Die Konservativen und die Reichspartei haben dank der Stichwahlen ihre alte Stärke gewahrt, die Nationalliberalen, denen bei den Hauptwahlen nur sechs Sitze zufielen, erhielten durch die Unterstützung anderer Parteien schließlich doch noch ein halbes Hundert. Dieser Erfolg ist zum guten Teil auch Centrumsstimmen zu verdanken, so wenig dies die nationalliberale Presse zugeben möchte. Wo es die Nationalliberalen mit der Hetze gegen die Katholiken zu arg gemacht hatten, wie in Karlsruhe, dort konnten es die Katholiken freilich nicht mit ihrer Ehre vereinigen, für den mit einem Socialisten in der Stichwahl befindlichen Nationalliberalen einzutreten, wenn selbst es auch der verhältnismäßig so sympathische frühere Abg. Bassermann war, ein Politiker, der in politisch=einheitlichem und social=aufgeklärtem Sinne so viele seiner Parteigenossen weit überragt. Für die Socialdemokraten erhebt sich jetzt als die zweitstärkste Partei die Frage, ob sie beanspruchen will, ein Mitglied in das Reichstagspräsidium zu entsenden. Die mit der Bekleidung eines Postens im Präsidium verbundenen Obliegenheiten in Beziehung zum Reichsoberhaupte gestalten diese Frage für die überzeugten Republikaner, die doch auch gern ein äußeres Zeichen ihrer Macht im Parlament sich gönnen möchten, zur einer kitzeligen. Die Kasuisten der Partei tragen die Theorie vor, der Kaiser sei als Bundesoberhaupt eigentlich doch nur mit dem Präsidenten einer Republick zu vergleichen und wenn ein Socialdemokrat in seiner Eigenschaft als Mitglied des Reichstagspräsidiums dem Kaiser nahe trete, dann brauche dieser Genosse in demselben nicht den Monarchen zu sehen. Wenn ein„Genosse" als Vicepräsident des Reichstags gewählt werden sollte, so hat er natürlich sich in die damit verbundenen Pflichten zu fügen. Daß die anderen Parteien unbedingt zunächst in Vorverhandlungen mit den Socialdemokraten eintreten und sich gewissermaßen einen Kandidaten von ihnen erbitten müßten, wie der Vorwärts es darstellt, um dann seiner Partei die Beschlußfassung vorzubehalten, ist keineswegs so unerläßlich. Sollte die Mehrheit sich dahin schlüssig machen, daß einem Mitgliede der socialdemokratischen Fraktion ein Vicepräsidentenposten zu übertragen sei, so kann sie die Wahl der Persönlichkeit auch unabhängig treffen; auf den Verächter der Reichstagssatzungen Singer wird diese Wahl freilich wohl an letzter Stelle fallen. Wenn der betreffende Socialdemokrat die Wahl nicht annimmt, dann haben die Mehrheitsparteien in ihren eigenen Kreisen noch Auswahl genug. Die Verlegenheit in dieser Sache ist jedenfalls nicht auf seiten der Mehrheit sondern auf derjenigen der Socialdemokratie, die sich in die einmal gegebenen Verhältnisse hineinzufinden hat, wünscht sie überhaupt Berücksichtigung. Mit scheelen Augen hat man in England dem Besuche eines nordamerikanischen Geschwaoers in Kiel zugesehen. Wir stellen gleich von vornherein fest, daß wir in diesem Besuche nach dessen unmittelbarer und mittelbarer Vorgeschichte nichts erblicken können, was eine dauernde Besserung der Gesinnung der Yankees gegenüber Deutschland verbürgen könnte. Die Yankees können nun einmal nicht aus ihrer Haut heraus; sie respektieren nur die Macht und Gewalt, die sie an eigenem Leibe fühlen, für Freundlichkeiten haben sie so wenig Sinn, daß sie dieselben nur für Schwäche halten. Wenn der Besuch des amerikanischen Geschwaders wirklich eine bessere Zeit einleiten sollte— uns ist es gewiß recht, nach den bisherigen Erfahrungen ist Ruhe, Kühle und Entschiedenheit das geeignetste Mittel, den Yankees zu imponieren, die von natürlicher Höflichkeit, Edelmut der Gesinnung, Ehrlichkeit gegen sich und andere und Selbstzucht großenteils gar keine Ahnung haben. Mau braucht nur das Echo ihrer Meinung zu hören, wie es in dem Organ des englischen Ministeriums des Aeußern, dem Daily Telegraph, vernehmlich wird:„Die genaue Besichtigung des Flaggschiffes Kearsarge durch den Kaiser Wilhelm hat, so schreibt man diesem Blatte, eine Besprechung hervorgerufen, die genügen könnte, zu einem neuen deutsch-amerikanischen Zwischenfall zu führen, und deren Inhalt kaum mit den Aeußerungen der Freundschaft von Seiten des deutschen Monarchen übereinstimmt. In Marinekreisen sagt man, der Kaiser habe sich lediglich zu dem Zwecke eingeladen, um den Kearsarge genau zu besichtigen. In Regierungskreisen erweckt das Lob des Kaisers über den Präsidenten Roosevelt kein Echo. Der venezolanische Zwischenfall und der Angriff auf die Regierung in Washington, als das Mittelmeergeschwader Marseille besuchte, sind noch zu lebhaft in aller Menschen Erinnerung. Marinebeamte sagen, daß die deutsche Flotte ihrerseits außerordentlich geheimnisvoll thue mit ihren Schlachtschiffen und keine genaue Besichtigung erlaube. Man erklärt ferner, daß es gegen die maritimen Sitten verstoße, wenn ein fremder Gast an Bord eines Kriegsschiffes auf dessen Besichtigung bestehe. Man ist in Marinekreisen davon überzeugt, daß der Kaiser alle Hülfsquellen seines Reiches und seiner Werften auf das äußerste anspanne, um eine Flotte zu schaffen, die weniger den Zweck hat, die Heimat zu verteidigen oder die deutschen Kolonieen im Falle eines Krieges zu schützen, als den, die amerikanische Flotte zu übertreffen. Man fragt, was die deutsche Flotte und die deutschen Zeitungen sagen würden, wenn Präsident Roosevelt oder Admiral dewey eine einfache Einladung an Bord eines deutschen Kriegs rungsgemäß die deutsche Flotte nicht so geheim thut, wie nach dem Wunsche dieser Yankees die amerikanische thun sollte. Die rohen Instinkte, Mangel an Bildung des Herzens und Geistes bei der großen Masse ermöglichen es allein, daß solche Hetzereien Erfolg haben. Die skrupellose Yankeepresse, die in englischen Blättern rührige Sekundanten hat, nutzt diesen Mangel nach besten Kräften aus, um jeder Möglichkeit einer Besserung der allgemeinen Stimmung gegen Deutschland entgegenzuarbeiten. Da verschlägt es wenig, wenn nach einem New=Yorker Bericht das Marineamt es als unwahr erklärt, daß die amerikanischen Flottenoffiziere die genaue Besichtigung des Flaggschiffes durch den Kaiser unpassend gefunden und kritisiert hätten und wenn es die Inspektion als eine ehrende Aufmerksamkeit ansieht. Diese Erklärung geht vollständig unter in der Giftsance, welche die journalistischen Giftmischer der Yankeepresse dazu bereiten. Selbst sonst zunftmäßige Optimisten der deutschen Presse, die unsere auswärtigen Beziehungen in rosenrote Tinte zu tauchen pflegen, erklärten es für nützlich, auch bei solchen Gelegenheiten, wie der Kieler Feier, nicht zu sehr in Gefühlsüberschwang zu verfallen, und erinnern daran, daß die Frage, ob ein amerikanisches Geschwader auf die mehr oder weniger deutliche Einladung des Kaisers nach Deutschland kommen würde, seiner Zeit zu unliebsamen Erörterungen und Weiterungen Anlaß gab, daß innerhalb der amerikanischen Regierung der oder die kompetenten Minister eine Fahrt amerikanischer Schiffe nach Deutschland nicht wollten und Präsident Roosevelt erst ein Machtwort sprechen mußte, um sie trotzdem durchzusetzen. Es wurde auch daran erinnert, daß wir Deutsche und unser aufstrebendes Reich bei vielen Amerikanern nicht beliebt sind und von der Union seit längerer Zeit nicht viel Freundliches erfahren haben. Wenn nun auch Präsident Roosevelt für seine korrekte und freundliche Haltung Dank verdient, so darf man nicht vergessen, daß Roosevelt ein Produkt der Umstände ist und stets bereit sein wird, den stärkern Umständen sich zu fügen. In Oesterreich=Ungarn befindet sich der politische Karren gewohnheitsmäßig nicht im richtigen Geleise, jetzt ist er aber wieder ganz daraus geraten. Allerdings hat Ungarn ein neues Kabinett unter dem bisherigen Banus von Kroatien, dem Grafen Khuen Hedervary, erhalten, aber dieses neue Kabinett ist weit davon, eine gesicherte Zukunft vor sich zu haben. Als der Ministerpräsident am Dienstag seine Programmrede hielt, zeigte es sich, daß die Unabhängigen ihm gegenüber genau so aufsässig sind, wie gegenüber seinem Vorgänger Szell. Als er von der Vorlage betreffend das erhöhte Rekrutenkontingent Ungarns für das gemeinsame österreich=ungarische Heer sprach und dieselbe als„einstweilen“ zurückgestellt bezeichnete, entstand unter den Unabhängigen ein Lärm, der Khuen Hedervary zu den schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft berechtigt und ihm bewies, daß seine Verhandlungen mit den Führern der Widersacher, den fanatischen Nationalisten Kossuth und Komjathy, ohne Frucht geblieben waren. Diese beiden Männer legten auf Grund der obstruktionistischen Haltung ihrer Parteigenossen dann auch den Parteivorsitz nieder. Die ungarischen Verhältnisse haben auf Oesterreich ungünstig zurückgewirkt. Zunächst erkannte der Kriegsminister v. Welsersheimb, daß er selbst stark mir zu den Kosten der Herstellung eines neuen Kabinetts in Ungarn habe beitragen müssen, indem auf die Rekrutenvorlage Verzicht geleistet wurde. v. Welsersheimb verlangte deshalb zunächst allein seine Entlassung. Bald schloß sich ihm aber das gesamte Ministerium Koerber an, das sich dem von Ungarn aus jetzt geübten Druck wegen schneller Erledigung des Ausgleichs nicht fügen kann wegen der Schwierigkeiten, die es durch die Tschechen im Reichsrat erfährt. Da in dieser parlamentarischen Körperschaft wieder einmal die Maschinerie durcheinandergeraten ist, ist zum so und so vielten Male die Zuflucht zum§ 14 der Verfassung genommen worden, laut welcher der Kaiser vorbehaltlich späterer Zustimmung des Parlaments vorläufig das Budget bewilligen kann. Kaiser Franz Joseph will angesichts der Schwierigkeiten, ein neues Kabinett zu bilden, v. Koerber nicht gehen lassen, doch besteht der Tscheche Rezek auf seinen Rücktritt. Nachdem das Ministerium Combes in Frankreich seine gegen die individuelle Freiheit gerichteten Bestrebungen mit nur einer ganz geringen Mehrheit der Abgeordneten der Kammer durchgesetzt hatte, bereitete ihm der Vorgänger von Combes, der freiwillig von der Macht zurückgetretene Waldeck=Rousseau, im Senat eine moralische Niederlage, deren Wirkung zunächst die ist, daß Combes und seine Leute die Krallen wenigstens etwas einziehen. Der frühere Ministerpräsident, dessen Erbe Combes angetreten hat, um die freiheitsfeindliche Gesetzgebung seines Vorgängers zu vergröbern, hat seinen Nachfolger in schroffster Weise desavouiert. Nicht als ob die Katholiken von Waldeck=Rousseau etwas besseres zu erwarten hätten— dieser kühle Politiker hat nichts von dem Fanatismus der jetzt am Ruder befindlichen Kirchenfeinde; er will dasselbe, wie diese, aber er will es nicht in einer überstürzenden Weise erreichen, die den Erfolg in Frage stellt. Waldeck=Rousseau will langsam, aber sicher gehen, er erwartet von der näheren oder entfernteren Zukunft, was Combes und Genossen vom Augenblicke fordern. Als Combes nur mit 16 Stimmen Mehrheit die Abwürgung von 85 weiblichen Orden in Bausch und Bogen durchsetzte, erkannte er sofort, daß der Wind sich gedreht hatte— Waldeck=Roussean war der Urheber. Combes lenkte sofort ein und erklärte auf eine Anfrage, daß trotz dem Kammerbeschluß die Krankenanstalten der soeben „aufgelösten“ weiblichen Kongregationen noch weiter bestehen bleiben sollten. Im Senat machte Waldeck=Rousseau seinem Nachfolger den Vorwurf, er gehe in seiner Thorheit darauf aus, ein Gesetz, das die bürgerliche Stellung von 75000 Personen nahe angeht und eine starke Rückwirkung auf die Armenpflege und de Schulwesen der Departements und der Gemeinden üben mußte, unvermittelt durchführen zu wollen. Es handelt sich dabei um 110 Millionen für den Bau von Schulhäusern und eine Vermehrung des Unterrichtsbudgets um jährlich 12 Millionen. Das Gesetz von 1886, welches die allmähliche Ersetzung der Kongregationsschulen durch weltliche anordnete, wurde langsam so durchgeführt, daß es gegenwärtig in den 36000 Gemeinden des Landes nur noch 2500 giebt, die sich nicht gefügt haben. In ähnlicher Weise hätte man, sagt WaldeckRousseau, das Gesetz von 1901 durchführen, und man hätte für das weitere Schicksal der Schulen, welche ohne die Erlaubnis Kölner Loral-Anzeiger Nr. 180. Sonntag, 5. Juli 1903. Seite 3 der Behörden von den gesetzlich ermächtigten Kongregationen gegründet worden waren, Sorge tragen sollen. Dies wurde unterlassen, obwohl im Senat und in der Kammer unparteiische Anwälte sich vernehmen ließen. Nach der Eile, mit der gegen die kongreganistischen Schulen vorgegangen wurde, tadelte der Redner scharf die von dem Ministerium Combes empfohlene und von der Kammermajorität genehmigte Methode, die Prüfung der einzelnen Gesuche einfach abzulehnen und den Senat bei der Beschlußfassung beiseite zu lassen, eine Methode, die gegen die Artikel 13 und 18 des Vereinsgesetzes geradezu verstoße und einem Versprechen, das er selbst als Ministerpräsident dem Senate gegeben, zuwiderlaufe. Die socialdemokratischen Fanatiker sind außer sich darüber, daß Waldeck=Rousseau ihrem Combes deraleichen zu bieten wagt, Combes selbst aber weiß, was es zu bedeuten hat, wenn Waldeck=Rousseau, der so lange geschwiegen hat, jetzt mit einer so deutlichen Warnung hervortritt. K Am Vorabend des Johannistages. Aus Rom. 24 Juni1903, wird der Kölnischen Volkszeitung ge schrieben: Ein eigenartiges Bild bot gestern Abend, der Stadteil unmittelbar vor dem„Haupt und der Mutter aller Kirchen des Erdkreises", St. Johann im Lateran. Schon bei der Fahrt über den Korso war dieser ungewöhnlich belebt, endlose Wagenreihen, eine froh flutende Menge. Der Johannistag(24. Juni) wird in Rom als gebotener Feiertag gefeiert und am Vorabend durch ein großes Volksfest eingeleitet, das sich auf der ausgedehnten Piazza di Porta S. Giovauni, neben genannter Kirche, abspielt. Tausende qualmende Talglampen, von der Stadtverwaltung auf Pfählen aufgestellt, erhellen die weite Fläche, unzählige Verkaufsstände umsäumen den Platz, durch flackernde und ebenso qualmende Petroleumfackeln beleuchtet, an der Südseite fliegende Osterien mit Holzbänken und Lampions, in denen der gute Wein von Velletri ausgeschenkt wird. mius diesem Licht= und Qualmmeer schallt uns der Ton zahll oser Glocken und Glöckchen entgegen: den Campanelli di S. Giovanni, kunslos geformt, nicht aus tönendem Erz, sondern aus klingendem Thon, die kleinen, doppelt faustgroßen zu einem Soldo(4 Pfg.) das Stück. Zu Tausenden werden sie feilgehalten, in allen Tönen angepriesen, zu Tausenden gekauft und zu Tausenden im Eifer des Bimmelns zerbrochen. Scherzend bemerkte einer von uns, auf die überall herumliegenden Thouscherbeu deutend, jetzt könne man begreifen, wie im Lause von Jahrhunderten der Monte Testaccio, der Scherbenberg, entstanden sei. Ruhig bewegt sich die Volksmenge, aber irgend ein Geräusch macht jeder: alles schreit, klingelt, tutet durcheinander, wie vor Jahren am Karnevalsmontag auf der Hohestraße in Köln. Dabei die phantastischen Lichtwirkungen auf den Gesichtern! Hier stehen Dutzende Tische mit am Bratspieß gebratenen Schweinen und finden lebhaften Zuspruch. Daneben verkauft man kleine Thonfigürchen, Volkstypen darstellend. Dort preist ein dunkelhaariger Junge mit blitzenden Augen seine runden Kuchen an, weiter werden Tausende Nelkensträußchen mit stark duftendem Thymian feilgeboten. Kleine Blechtuten finden steigenden Absatz, jeder hat ein Campanello und schwingt es unermüdlich jedem im Gedränge dicht vor der Nase. Der Trubel ist kaum zu beschreiben, und doch sehen wir keine Roheiten, nur harmlose Lust am Spektakel. Ortskundige Begleiter erzählten uns, daß für diesen Abend vor S. Giovanni lange Zeit gespart wird, um dann mal tüchtig austoben zu können. Gegen 11 Uhr lagert eine solche Wolke von Qualm und Stand über dem Platze, daß die entfernten Lichter nur mehr schimmern und der klare Nachthimmel kaum mehr durchscheint. Wir flüchten in eine der Osterien, allwo die dicke Padrona, erfreut über dieses Einfallen eines Schwarmes von Tedeschi, einen Holztisch mit dem Aermel säubert und ein weißes Leinentuch auflegt. Von diesem etwas geschützten Platz aus haben wir einen trefflichen Einblick in das vorüberflutende Getümmel. Der Lärm wird immer toller, aber da das Volk nichts trinkt, bleibt es in anständigen Formen. Kleinen Verkäufern mit Cerini(Wachszündhölzern), gebrannten Haselnüssen usw., die durstig nach unserem Weißwein schauen, bieten wir zu trinken an: der erste that einen Schluck und giebt das Glas einem Kameraden, der trinkt auch nicht mehr und gefragt, warum nicht, antwortet er: „Es bekommt mir nicht gut.“ Ob das„kölsche Jungens“ auch so machen würden? Schwerlich! Gendarmen wandern vereinzelt zu zwei und zwei ruhig durch die Menge; sie finden nichts zu thun im Interesse der öffentlichen Ordnung. Gegen Mitternacht ziehen wir heim, betäubt und verwirrt von so viel Duft, Qualm und Lärm. Aber schön war's doch und ein Stück südlichen Volkslebens, das nur unter dem Nachthimmel Italieus in dieser Weise sich abspielen kann. Heute morgen, am Tage des h. Johannes selbst, kamen wir vormittags wieder auf den Platz: alles weg, Buden, Lichtträger, Verkäufer, Menschen— der Platz gereinigt. Das Getümmel der vergangenen Nacht an derselben Stelle erschien uns jetzt wie ein Traum, als wir zum Hochamt das herrliche Gotteshaus am Lateran betraten. Kardinal Satolli, Erzpriester der Basilika, celebrierte das Pontifikalamt. Durch die Freundlichkeit eines der Kanoniker der Basilika, Msgr. Strauiero, erhielten wir in einem der Chororatorien vorzügliche Plätze. An das bei solchen Kirchenfeiern übliche Vokalund Instrumentalkonzert müssen bas deutsche Ohr und der deutsche Geschmack sich erst gewöhnen. Der Andacht thut's keinen Eintrag. **„I wähl net!“ Man schreibt der Frankf. Ztg.: Kurz vor dem letzten Wahltermin war in einem kleinen schwäbischen Dorfe ein Reisender mit einem Bauer ins Gespräch gekommen, das sich schließlich auch um die Wahl drehte. Auf die Frage, wer sein Kandidat sei, antwortet der Bauer:„I wähl net!“ Darüber drückt der Reisende seine Verwunderung aus; indes erfolgt auf seine Frage nach dem Grunde nur die Antwort:„Iwähl net!“ In der sicheren Erwartung, vielleicht bei einem Glase Bier den Wahleifer des Bauern etwas anzuspornen, lädt ihn der Reisende ins Wirtshaus ein, wo er ihm die Pflichten eines jeden Staatsbürgers, zu wählen, klar zu machen sucht Der Bauer trinkt ein Glas Bier nach dem andern, die Zeche ist bereits ganz namhaft und der Reisende agitiert immer noch erfolglos, denn der Bauer antwortet stereotyp:„I wähl net!“ Endlich reißt dem Reisenden die Geduld; er springt auf, zahlt und will gehen, da ruft ihm der Bauer nach:„Ha, i wähl net, weil i fünf Jahr Ehrverluscht hab!“ Buntes Allerlei. ** Ein Großherzog als Civilkläger. Ein eigenartiger Rechtsstreit beschäftigt gegenwärtig unter der Bezeichnung: Großherzog Ernst Ludwig von Hessen wider Hofmöbelfabrikant Glückert das Landgericht in Darmstadt. Der der Klage zu Grunde liegende Thatbestand ist nach der Tägl. Rundschau kurz folgender: Glückert erwarb s. Z. von der großherzoglichen Kabinettsdirektion in der sogenannten Künstlerkolonie auf dem Alexandrawege in Darmstadt zwei Grundstücke, die er inzwischen bebaut hat. Nach dem Inhalte des Kaufvertrages hat er sich jedoch verpflichtet, keine Wäsche auf dem Dache zu trocknen, das als dringliche Gerechtigkeit zu Gunsten des dem Großherzoge gehörigen Nachbargrundstückes gewahrt wurde. Nun trocknet der Beklagte aber doch Wäsche auf dem Dach, weshalb er jetzt auf Unterlassung dieser Handlung gerichtlich belangt werden soll. ** Das Zunehmen der Blinddarmentzündungen. In der medizinischen Zeitung Lancet bespricht Dr. Kellet Smith die auffällige Erscheinung, daß die ernsten Blinddarmentzündungen gegen früher in merkwürdiger Weise zugenommen haben. Der Arzt maßt sich zwar nicht an, eine Erklärung für diese Erscheinung gefunden zu haben, er hält es aber für möglich, daß der Genuß von Speisen, die in gefrorenem Zustand gewesen sind, die Schuld tragen könne. Fleischspeisen, so sagt er, wären schneller der Zersetzung ausgesetzt, wenn das Fleisch vor dem Kochen gefroren gewesen wäre, und es sei daher nicht unmöglich, daß derartige Speisen die Därme septischer machten, als dies bei Genuß von frischem Fleisch der Fall wäre. Jedenfalls sei nicht zu bestreiten, daß gerade unter den civilisierten Nationen die Erkrankungen des Blinddarmes in Zunahme begriffen seien. * Eine Einbrecherbande aus schulpflichtigen Kindern haust jetzt in den östlichen Vororten Berlins. Vorwiegend werden Automaten in den Restaurants geplündert, und zwar mit einem Raffinement, das auf gründliche Erfahrungen auf diesem Gebiete schließen läßt. Daneben werden Ruder= und Segelboote, die am Wasser liegen, bestohlen bzw. unbrauchbar gemacht. Einen Streifzug hatte die Bande in einer der letzten Nächte nach der Kolonie Kiekemal unternommen. Aus Aerger, daß bei den Einbrüchen wenig erbeutet wurde, zertrümmerten sie, was ihnen in die Hände kam. * Ein Zweikampf auf Säbel fand im Grunewald statt. Die Gegner waren ein Schriftsteller und ein Stud. chem. Als Grund des Zweikampfes wird ein Mißverständnis angegeben. Die Geguer wollten sich versöhnen, die Unparteiischen ließen das aber nicht zu! Und so gab es Hiebe und Stiche auf beiden Seiten. (0) Eydtkuhnen, 27.Juni1903. Die Schmuaaler bereiten den Grenzsoldaten immer neue Schwierigkeiten. Jetzt sind sie auf die Idee verfallen, zum Schmuggel dressierte Hunde zu verwenden. Die Tiere werden meist am Abend mit aufgeschuallten Spiritusbüchsen losgelassen und erreichen so fast ausnahmslos ihr Ziel. Das Abfangen oder Wegschießen der Hunde ist mit Schwierigkeiten verknüpft. Nunmehr versucht die russische Grenzwache, die Tiere zu vergiften, um so auch diese Art des Schmuggels zu unterdrücken. O ** Stendal,.Juli1903. Der Lehrer Wilhelm Erxleben aus dem Dorfe Klein=Engerasea wurde nach zweitägiger Verhandlung vom hiesigen Schwurgericht, weil er das eigene Schulhaus in Brand gesteckt hatte, zu zwei Jahren Zuchthaus und Jahren Ehrverlust verurteilt. ** Drei blühende Menscheuleben sind bei Sköpen in der Tilsiter Niederung durch den Uebermut eines Arbeiters am 20. v. zu Grunde gegangen. Zwei Mädchen von 17 und 18 Jahren badeten etwa um 8½ Uhr in der Gilge. Plötzlich kam ein Arbeiter M. hinzu und wollte die Mädchen ängstigen. Letztere gingen nun weiter in den Fluß hinein, den M. bittend, sie doch in Ruhe zu lassen. M. achtete jedoch nicht darauf, sondern folgte den Mädchen immer weiter. Plötzlich gerieten beide Mädchen an eine tiefe Stelle und versanken.., der nun sah, was sein Leichtsinn angerichtet hatte, versuchte die Mädchen zu retten, wurde jedoch von ihnen mit in die Tiefe gezogen. Nach etwa einviertelstündigem Suchen wurden M. und ein Mädchen gefunden. Alle sofort angestellten Wiederbelebungsversuche blieben, der Danz. Ztg. zufolge, erfolglos. Das zweite Mädchen wurde erst am Sonntag Vormittag gefunden. M. war verheiratet und Familienvater. * Leipzig, 28.Juni1903. Heute Vormittag 11 Uhr wurde auf dem Naschmarkte das Deukmal des jungen Goethe enthüllt. Das Denkmal stellt Goethe als Student dar; es trägt am Postament die Reliefporträts von Käthchen Schönkopf und Friederike Oeser. Es ist in Bronze gegossen nach dem Modell des Professors Seffner. ** Schwerin(Mecklenburg), 29.Juni1903. Im Dorfe Niendorf, Amt Neustadt, entstand Samstag Nachi Feuer in einer Erbpachtstelle, wobei zwei Knechte verbrannten. Ein Dienstmädchen, welches eine ältere Frau rettete, erlitt ebenso wie die Frau schwere Brandwunden. ** Hambura, 29.Juni1903. Neuen Nachrichten zufolge ist der bei Sanguin River gestrandete Dampfer Luln Bohlen nebst Ladung und Post völlig verloren. Passagiere und Mannschaften sind gerettet, erstere wurden beim Cap Palmas, letztere bei Sinae gelandet. Die Passagiere werden dort vom Postdampfer Helene Woermann abgeholt und dem am 30. Juni von hier nach Swakopmund abgehenden Dampfer Haus Woermann in Las Palmas zugeführt werden. Die Mannschaft wird auf dem Dampfer Eduard Bohlen nach Hamburg befördert, dessen Ankunft in Hamburg zwischen dem 15. und 20. Juli erwartet wird. ** München,.Juli1903. In Ober Wangenbach bei Mainburg brach in der vergangenen Nacht Feuer aus, das mehrere Gebäude zerstörte. Drei Personen sind verbrannt; drei wurden schwer verletzt und einige werden noch vermißt. Das Unglück ereignete sich dadurch, daß Feuerwehrleute sich in eine Stallung begaben, um das Vieh zu retten; währenddessen stürzte das Dach ein und begrub die Feuerwehrleute. Ob sich außer den drei Toten und drei Schwerverletzten noch Personen unter den Trümmern befinden, konnte bisher nicht festgestellt werden. ** Ausgehobener Adlerhorst. Aus Merau wird berichtet: Den Jägern Hirschberger sen. und jun. und dem Jagdaufseher Punt gelang es, einen Adlerhorst auszuheben, der in den Prässira=Felswänden unweit des Piz Mont zwei junge Steinadler barg. Während die alten Tiere abwesend waren, ließ sich Hirschberger jun. an einem 29 Meter langen Seil in eine Schlucht hinab, wo es ihm nach großen Anstrengungen möglich wurde, das in eine ziemlich große Felsengrotte eingebaute Nest zu erreichen. Die Jungen schienen etwa vier Wochen alt zu sein. Ihrer habhaft zu werden und sie an die Oberfläche zu den anderen beiden Jagdteilnehmern zu bringen, war eine schwere, geradezu lebensgefährliche Arbeit. Im Horst lagen neben Resten von Alpenhasen, Schneehühnern usw. eine halbe Gemse und ein Murmeltier. ** Die Kathedrale zu Vicenza soll angeblich dem Einsturz nahe sein. Vor etwa Jahresfrist entdeckte man in den Wänden große Risse. Man befestigte über diesen Rissen Glas, um zu sehen, ob ein Weiterreißen stattfinden werde. Am Mittwoch zersprang dieses Glas, und es stellte sich heraus, daß sich die Risse bedeutend erweitert hatten. Die Säulen, die das Mittelschiff tragen, weichen bedenklich von der senkrechten ab. Das Gebäude ist für das Publikum geschlossen worden. Die Kathedrale, die ein außerordentlich schönes Portal aus weißem Marmor besitzt, wurde von den Franziskauermönchen im 13. Jahrhundert gebaut. ** Brüssel,.Juli1903. Ein aus Antwerpen kommender Personenzug, der zahlreiche Kaufleute dieser Stadt mitführte, die sich zum hiesigen Getreidewochenmarkt begeben wollten, stieß auf dem Bahnhof Schaerbeck, einem Vororte von Brüssel, mit einem aus der entgegengesetzten Richtung kommenden Zuge zusammen. Man zählt etwa 20 Verletzte, einige darunter befinden sich in einem bedenklichen Zustande. Alle Verwundeten wurden sofort in die nächstgelegenen Krankenhäuser oder Bureauräume der Gasanstalt gebracht, wo sie ärztlichen Beistand erhielten. Die Leichtverletzten wurden an der Unglücksstelle verbunden und fuhren nach Brüssel weiter. Unter den Opfern befinden sich auch mehrere in Antwerpen ansässige Deutsche. ** Das Automobil im Dienste des Schmuggels. Aus Paris wird der Voss. Ztg. geschrieben: Der Kraftwagen bewährt sich immer mehr zu praktischen Zwecken, vor einigen Monaten war er bei einer Entführung, jetzt beim Schmuggel. Vor einigen Tagen kam bei Hazebrouck ein schwer mit Tabak beladeuer Kraftwagen über die belgische Grenze, fuhr aber so furchtbar schnell, daß an ein Anhalten und Erkennen nicht zu denken war. In geringer Entfernung war er schon in dem aufgewirbelten Staub unsichtbar geworden. Da der erste Versuch so trefflich gelungen, war auf Fortsetzung zu rechnen. Die Zollwächter erfuhren auch, am Montag werde diese erfolgen. Sie trafen ihre Vorkehrungen, bewachten alle Uebergänge und spannten sogar ein Seil quer über die Brücke bei Ronnuef. Der Kraftwagen kam richtig an, aber sein Fahrer sah auch beizeiten das Seil. Im Nu wandte er links ab, fuhr durch das Viertel Neue Welt, überschritt die Geleise bei dem Bahnhof Hazebrouck und verschwand auf Nimmerwiedersehen. (0 Das Nilpferd des Jardin les Plantes zu Paris hat am Mittwoch seinen sechzigjährigen Wärter tödlich verwundet. Der Mann hatte sich in die Einfriedigung begeben, um dem Tier Futter zu bringen. Plötzlich sprang das Nilpferd auf ihn los, riß ihm den Leib mit seinen Stoßzähnen auf und bearbeitete ihn weiter mit seinen Stoßzähnen. Der Aermste wurde nach dem Krankenhaus Pitié gebracht, wo er nach einer Stunde unter schrecklichen Schmerzen verschied. Sein Vorgänger wurde von demselben Tiere schwer verletzt. D ** Die Errichtung eines Porzellanturms auf dem Hügel von Saint=Clond beabsichtigt nach der Voss. Ztg. die staatliche Porzellaufabrik von Sevres. Der Turm soll aus 30 000 Stücken bestehen, in hellen Farben gehalten sein und als Bildschmuck Darstellungen der Tier= und Pflanzenwelt des Waldes und der um ihn sich webenden Sagen erhalten. Man berechnet, daß die Ausführung des Werkes fünf Jahre erfordern wird. ** Madrid,.Juli1903. In Valladolid wütete heute ein heftiges Unwetter. Zahlreiche Personen wurden verletzt, darunter mehrere schwer. In Segovia wurde eine Vorstadt überschwemmt. ** Den Rekord in der Zahl der Verbrechen, die ein einzelner Industrieritter ausführen kann, hat sicher der Schwede Löfdahl gesetzt, der etwa 1800 Fälschungen und 7 Brandstiftungen auf dem Gewissen und dadurch Anlaß zu einem Riesenprozeß gegeben hat, der gegenwärtig in Wenersborg von statten geht. Die meisten Betrügereien betreffen Namenfälschungen auf den Löhnungslisten der Bergslagernes Eisenbahnen(Privatbahnen). Mittels der Brandstiftungen verschaffte er sich ein weiteres gutes Einkommen, indem er die Versicherungssumme einstrich. Wenn Löfdahl jedes einzelne Verbrechen absitzen sollte, müßte er viele hundert Jahre gebrauchen. Als er beim Verhör hierauf aufmerksam gemacht wurde, meinte er nach der Voss. Ziglächelnd:„Nun, ich kann so lange sitzen, wie ich lebe, nachher kann ja ein anderer an die Stelle treten.“ ** Ein neuer Turbinendampfer. Am Samstag hatte die South Eastern und Chatham Railway Company eine Anzahl Gäste zur Probefahrt auf dem Dampfer Queen eingeladen. Dieser Dampfer ist der erste Turbinendampfer, der auf dem Kanal zur Verwendung kommt. Er ist nach dem Muster der zwei Turbinendampfer gebaut, die seit einigen Jahren auf dem Clyde fahren. Seine Länge ist 310 Fuß, die Breite beträgt 40 Fuß und der Tiefgang des Schiffes ist 25 Fuß. Besonders auffällig war den Passagieren das Fehlen jeder Vibration während der Fahrt. Der Dampfer ist bedeutend luxuriöser ausgestattet als die anderen bisher den Verkehr mit dem Kontinent vermittelnden Schiffe. Er kann 1250 Passagiere aufnehmen und fährt schneller als irgend ein anderer Dampfer, der nicht mit Turbinen ausgerüstet ist. Die Queen hat jetzt ihre regelmäßigen Fahrten aufgenommen und verkehrt zwischen England und dem Kontinent täglich im Auschluß an die Züge von Viktoriastation, London, um 11 Uhr früh, und von Paris um 11 Uhr 35 Min. früh. ** Constantinopel, 28.Juni1903. Auf der Verbindungsbahn Salonichi—Constantinopel explodierte vorgestern Abend vor der Station Demir=Beyli eine Dynamitbombe. Die Geleise und eine Lokomotive wurden beschädigt, Personen wurden nicht verletzt. Die Untersuchung ist eingeleitet. Einige Bulgaren wurder verhaftet. Vermischtes. ** Das Eisenbahnunglück in Spanien. Der am Abend des 27. Juni in der Nähe von Logrosio verunglückte Zug bestand aus 18 Wagen und zwei Lokomotiven; er fuhr von Bilbao nach Barcelona und befand sich auf der Brücke über den Fluß Najerilla, als die zweite Lokomotive entgleiste und den ganzen Zug hinter sich herreißend in den 30 Fuß tiefer gelegenen Fluß stürzte. Der Fluß führte wenig Wasser, so daß die Wagen herausragten. Es spielten sich nun fürchterliche Sceuen ab, da die Passagiere verzweifelt um den Ausgang durch die Feuster kämpften. Der Lokomotivführer und der Heizer wurden zu Tode gebrüht. Die Lokomotive steht aufrecht im Flußbett und um sie herum liegt ein wirrer Haufen von Wagentrümmern. Man nimmt an, daß nur sechs Personen ohne Verletzungen davonkamen. Die Zahl der Toten beträgt neunzig. Unter den Passagieren befanden sich Kranke, die auf dem Wege zu den Heilquellen von Fidero waren, und eine Anzahl reicher Minenbesitzer aus Bilbao. Der vom Blute der Verstümmelten rot gefärbte Fluß schwemmte unterhalb Leichen an, auch diejenigen von Gendarmen, die auf dem Wege nach Barcelona gewesen waren wegen des dort herrschenden Streikes. Von Logrosto aus war schnell Hülfe zu Stelle. Ein Eisenbahnschaffner, der bei der Ausplünderung einer Leiche betroffen wurde, wurde verhaftet. Eine weitere Drahtmeldung vom 29. Juni lautet: Nach weiteren Meldungen wurden bis gestern Abend 11 Uhr 100 Leichname von den bei dem Eisenbahnunfall auf der Strecke Bilbao—Saragossa Getöteten geborgen; 70 liegen noch unter den Trümmern. Die meisten Verunglückten sind arg verstümmelt. ** Von Zwergen. Bei seiner Aufnahme in die Pariser Akademie hatte Edouard Rostand der kleinen Gestalt seines Vorgängers Bornier Erwähnung gethan. Dies veranlaßt ein süddeutsches Blatt zu folgender„kleiner" Geschichte der Zwerge. Der Kaiser Augustus halte einen Zwerg, dem er ein Standbild errichten ließ, die Augäpfel dieser Statne aber ließ er aus kostbaren Edelsteinen bilden. Nach Sueton war dieser Zwerg kaum 2 Fuß hoch, 17 Pfund schwer und hatte eine sehr starke Stimme. Tiberius ließ seinen Zwerg an seiner Tafel mitspeisen und erlaubte ihm die kühnsten Fragen. Dieser Günstling hatte so mächtigen Einfluß auf den Geist des Kaisers, daß er ihn eines Tages veranlaßte, die Hinrichtung eines Staatsmannes zu beschleunigen. Marc Aurel besaß einen Zwerg, der kaum 2 Fuß hoch war und dem er den Namen Sisyphus gab. Domitian versammelte an seinem Hofe eine Anzahl von Zwergen, um daraus eine Schar von kleinen Gladiatoren zu bilden. Die Geschichte von dem Zwerge Bebé des Königs Stauislaus dürfte bekannt sein. In den Vogesen als das Kind kräftiger Eltern geboren, maß er bei seiner Geburt nur 15 Centimeter und wog nur ein halbes Pfund. Ein gefütterter Holzschuh diente ihm als Wiege und eine Ziege nährte ihn. So schwächlich er war, überstand er doch im Alter von 6 Monaten die Masern und konnte schon mit 1½ Jahren sprechen und mit Ie. K 2 Seite 4 Kölner Loral-Anzeiger Nr. 180; Sonntag, 5. Juli 1903. 2 Jahren ohne Hülfe gehen. Mit 5 Jahren war er vollständig ausgewachsen und kam an den Hof des Königs Stanislaus; mit 15 Jahren aber war er ein vollkommener Greis und erlag mit 19 Jahren einem Schnupfen. ** Von einer folgenschweren Automobilfahrt weiß die Münchener Allg. Ztg. folgendes zu erzählen: Ein seltenes Malheur widerfuhr kürzlich einem jungen Künstler, der sich zu einem Ausfluge in die Umgebung Münchens eines Schnauferls bedieute, das er selbst lenkte. Anfangs ging die Sache ganz gut, als der junge Mann aber mit seinem Benzinroß in eine kleine Ortschaft bei Großhesselohe kam, ging das Unglück an. Der Automobilist fuhr einem Anwohner mitten durch den Holzzaun in den Gemüsegarten und richtete unter den jungen Kohlrabi und gelben Rüben eine riesige Verheerung an. Der Oekonom kam mit zwei Söhnen herbei, komplimentierte den Künstler mit kräftigen Ausdrücken und forderte schließlich für Zann und Gemüsegarten 200 Mark Entschädigung. Da aber der Automobilist in dieser Beziehung momentan ohne genügendes„Benzin" war, behielt der Oekonom das Schnauferl als Pfand zurück, während dessen Lenker mit der Bahn nach München zurückfuhr, um die zur Auslösung seines Fahrzeuges nötigen Mittel zu holen. Allein das Schicksal forderte noch ein weiteres Opfer: Kaum war der Eigentümer des Automobils abgedampft und die Gemüter beruhigt, als ein Sohn des Oekonomen, ein angehender Jugendbildner, den Motor bestieg, um sich ein wenig im Automobilfahren zu üben. Er konnte aber den Verschlußhebel nicht mehr finden, und das Vehikel ging im rasenden Tempo solange querfeldein, bis sich ihm ein Baum als Hindernis entgegenstellte, während es dem„neuen Herrn und Besitzer“ gelang, noch frühzeitig abzuspringen. Als der Künstler zurückkehrte, um sein Fahrzeug abzuholen bzw. auszulösen, fand er es in einem solchen Zustande, daß er es per Bahn zurückspedieren mußte! Nunmehr fordert der Künstler im Klageweg durch seinen Anwalt 500 Mark Entschädigung für sein Automobil, der Oekonom 200 Mark für seinen Zann und Garten, und zudem schweben gegen beide, wie auch gegen den Sohn des Oekonomen, verschiedene Anzeigen wegen Beleidigung, Sachbeschädigung und Uebertretung der Automobilfahrordnung! ** Das Unglück am Piz Blas schildert ein Teilnehmer der Schülerfahrt, die durch eine Lawine ein so trauriges Ende nahm, in der N. Zürcher Ztg.: Wir reisten Donnerstag Morgen von Zürich ab, 18 Schüler, die Professoren Dr. Gröbli und Dr. Vodoz. Von Amsteg aus begannen wir den Aufstieg ins Maderanerthal und von hier aus durch das Etzlithal über den Krenzlipaß nach Sedrun. Hier trafen wir Donnerstag Abend 7 Uhr ziemlich ermüdet, doch wohlbehalten und alle munter ein und übernachteten in der Krone. Um 5 Uhr Freitag Morgen erfolgte von Sedrun die Abreise. Hr. Gröbli hatte von hier noch einen romanischen Bürger mitgenommen. Leider erwies sich, daß dieser nicht die allerbeste Ortskenntnis besaß. Wir hatten die Absicht, unterhalb des Piz Blas ins Val Cornera nach Tschamutt zu gelangen. Plötzlich erheben sich vor uns steile Felswände und bald sehen wir die Unmöglichkeit ein, durchzukommen. Wir kehrten daher, als es nicht mehr vorwärts ging, ein Stück zurück und kamen so ins Val Cadlimo. Hier unn hielten wir uns auf einer Grashalde einen Augenblick auf. Wir waren in zwei Gruppen hier geteilt. Hr. Prof. Gröbli, Prof. Vodoz, Liebmann, Herzog, Kunz, Wolfer, Delpy, Benteführ, Hofmann, Clement und Odermatt saßen an der Halde, unter der sich eine Felswand von etwa 50 Meter befand. Weiter oben, etwas seitwärts, befand sich die zweite Gruppe mit Kinscherf, Eschmann, Constam, Böhme, Billwiller, Moser und Blatter. Kaum saßen wir, als von oben schon ein Schrei und der Ruf Achtung ertönte. Ich schaute rückwärts. Es war, als wenn ein wilder Wasserfall sich auf uns stürzte. Es gab kein Fliehen, schon im nächsten Augenblick hatte uns eine Lawine mit Staubschnee, Eis und Geröll erfaßt und schleuderte eine Anzahl von uns, darunter auch mich, etwa 50 Meter in die Tiefe. Ich glaubte, jetzt gelte es zu sterben. Instinktiv aber focht ich mit Armen und Beinen im Schnee, um nicht mit dem Kopfe aufzustürzen. Einen Moment, ich stand plötzlich wieder auf den Beinen und zwar völlig unversehrt. Gleich neben mir erhob sich Delpy. Rasch überblickten wir die Situation, da kam auch schon Kinscherf, der ebenfalls etwa 20 Meter weit abgestürzt, herunter zu Hülse. Die Lawine hatte uns nicht tief verschüttet, sondern fast auf der Oberfläche liegen gelassen. Es gelang uns, Hru. Prof. Dr. Vodoz, stark am Kopfe blutend, hervorzuziehen und mit gebrochenem Bein auf eine geschützte Felsplatte zu retten. Dann machten wir uns daran, nach und nach auch unsere Kameraden herauszuholen und, soweit sie verletzt waren, zu schützen. Die Schwerverletzten litten fürchterliche Schmerzen. Wir gaben ihnen, so gut es ging, zu trinken, indessen Kinscherf, sich allein auf unbekannten Wegen orientierend, nach Piora eilte, um Hülfe zu holen. Es war ein schwerer und böser Weg. Wir hatten inzwischen unsere Toten und Verletzten, so gut es ging, geborgen. Gröbli und Hofmann waren sofort tot geblieben, Odermatt aber lebte noch unter schweren Schmerzen ziemlich lange und starb erst auf dem Transport nach Piora. Italienische Sennen von den nahen Alpen brachten die erste Hülfe, bald folgten die Mannen von Altanca und gegen Abend konnte der Transport nach Piora beginnen. Es war ein fürchterlicher, trauriger Zug, und zudem schlotterten wir alle vor Kälte. Erst trafen die leicht Verletzten und erst später die Schwerverwundeten ein. Ein heißer Grog weckte erst unsere Lebensgeister wieder. Von den sieben Mann der oberen Gruppe war also Kinscherf uns zu Hülfe geeilt, die anderen sechs sahen wir nach rückwärts auf dem Wege, den wir gekommen, in der Richtung nach Sedrun auf dem Kamm verschwinden. Gegen Morgen erhielten wir Kenntnis von ihrer Rettung. Außer dem Liestaler Arzt, der zufällig mit einem Kegelklub in Piora eintraf, war es noch Hr. Dr. Fabricio Maffi von Ambri, der die erste ärztliche Hülfe leistete. Um 11 Uhr vormittags trafen in Airolo mit dem zuge Hr. Prof. Krönlein mit seinen Assistenten und Instrumenten, sowie eine ganze Anzahl Familienangehöriger der Verunglückten ein und trat sofort den Weg nach Piora an. #0 Vom Hofe in Paotingfu. Aus Tsingtan vom 17. Juni wird der Köln. Volksztg. geschrieben: Bei dem Ende Mai stattgehabten Besuche des Hofes in Paotiugfu wurden einige Europäer, auch der deutsche Ingenieur Delkeskamp, der Kaiserin und dem Kaiser vorgestellt. D. hatte einen Elektromotor im Palaste aufgestellt, der bestimmt war, eine neue Lichtanlage zu speisen. In den für die Kaiserin bestimmten Gemächern wurden prachtvolle Kron= und Armleuchter angebracht. Die ganze Einrichtung ist von Deutschland geliefert worden. Die Zimmer sind durchweg einfach gehalten, aber mit sehr wertvollen Möbeln ausgestattet. Die Zimmerwände sind mit deutschen Tapeten bekleidet, die aus den Vorräten eines Rheinländers aus Tientsin stammen. Als nach der Ankunft des Hofes am ersten Abend die Räume in ihrem weißen elektrischen Lichte erstrahlten, war die Kaiserin entzückt von seiner Wirkung und sandte sofort einen hohen Mandarin zu Hru.., ihm ihre Anerkennung auszusprechen. So brannte auch auf ihren Befehl das Licht in der ersten Nacht bis nach 2 Uhr. Vor der Rückkehr der Kaiserin nach Peking wurde D. und Begleitern die Mitteilung gemacht, daß die Kaiserin sie bei ihrer Abreise zu sehen wünsche. Am Zuge erfolgte die Vorstellung. Die Kaiserin, die aus ihrem Salonwagen herausgetreten war, redete die auf dem Perron Stehenden an und ließ ihnen durch einen vor ihr im Staube liegenden Dolmetscher sagen, daß sie sehr zufrieden mit ihren Arbeiten sei. Nun wurden die Herren zum Wagen des Kaisers geführt; dieser saß hinter dem Vorhange, der ihn vor dem Blick gewöhnlicher Sterblicher schützen sollte. Er schlug den Vorhang zurück und nickte freundlich, seine Pinhear Cigarette(eine Sorte, die jeder chinesiche Kuli sich leisten kann und die per Schachtel mit zehn Stück Inhalt ewa vier Pfennige kostet) nicht aus dem Munde nehmend. Als der Zug sich in Bewegung setzte und man nach europäischer Art die Taschentücher zum Abschied schwenkte, öffnete ein Hofdämchen ihr Coupeefenster um den Herrn ein höhnisches„Jangkuitze"(Fremde Teufel) nachzurufen, was allgemeine große Heiterkeit hervorrief. Nachträglich wurde Herrn Delkeskamp durch den Vicekönig Juanschikai der doppelte Drachenorden mit großer Urkunde übergeben. 2 Gmp; Der Wettbewerb zwischen Mann und Weib. Es ist ein langer Wea von der Eigenwirtschaft zur Weltwirtschaft, aber wir gehen ihn. Jede neue Masche, die dem eisernen Verkehrsnetze angefügt wird, ist ein Schritt vorwärts. Die Geschichte dieser Entwickelung ist zugleich die Geschichte der weiblichen Arbeit. In dem Maße, wie die Eigenwirtschaft durch die centralisierte Produktion und die Verkehrstechnik eingeschränkt wird, wird die häusliche Frauenarbeit eingeschränkt, umgestaltet, zum Teil entwertet. Aus Produzenten werden die Frauen bloße Konsumenten. Ein großer Prozentsatz von Haustöchtern gewinnt Zeit und sieht sich genötigt, selbständig zu werden. Vorsichtige Eltern lehren ihre Töchter, statt auf das unsichere Angebot der Ehe zu warten, mit dem Angebote ihrer Arbeit auf den Markt zu treten. Aber sie finden den Markt bereits besetzt, besetzt von Männern, die alle nach demselben Ziele laufen wollen. Was soll geschehen? Soll der Wettlauf zwischen Mann und Weib beginnen? „Jawohl!“ rufen Individualist und Manchestermann.„Gebt der Frau Raum, und wir werden sehen!"—„Nein!“ rufen Egoist und Idealist,„wir wollen keine Konkurrenz!"— Der Erstere fürchtet sich vor der Frau, der Andere fürchtet für die Frau. Doch fragen wir, ob wir nicht aus Thatsachen Belehrung schöpfen können. Und wirklich! Sehen wir näher zu, so ergiebt sich, daß wir bereits den Wettlauf zwischen den beiden Geschlechtern haben, daß es sich gar nicht darum handelt, ob der Wettbewerb beginnen, sondern ob er auf alle Gebiete ausgedehnt werden soll. Wir haben bereits den Wettbewerb in künstlerischen und wissenschaftlichen Berufen so gut wie in der mechanischen Arbeit, in Kunst, Literatur und Lehrfach und in der Industrie, und wir haben ihn so lange, daß man von Erfahrungen reden kann. Welches Ergebnis müssen wir nun ohne Voreingenommenheit feststellen? Schlechthin dieses, daß das Weib im schrankenlosen Wettbewerb den Kürzeren gezogen hat. Das Erträgnis der weiblichen Arbeit ist selbst bei gleicher Leistung geringer, als das des Mannes, so im Lehrfach, ja selbst in der Schauspielkunst, trotz der Unentbehrlichkeit der Frau auf diesem Gebiete. Noch viel packender als in den höheren Berufsständen tritt dies Ergebnis in den mechanischen Berufen zu Tage, gleichviel ob die Männer oder die Frauen der eindringende Teil sind. Wo es sich mit der Entstehung der mittelalterlichen Zünfte um Platzbehauptung handelte, wie in der Schneiderstube, da sind die Frauen nicht im stande gewesen, ihr Arbeitsgebiet zu behaupten, und nach Einführung der Gewerbefreiheit ist es ihnen nicht gelungen, den Mann aus der Schneiderei oder auch nur aus der Küche wieder hinauszudrängen. Die einträglichsten Plätze sind bis zur Stunde von Männern besetzt, das reiche Haus beschäftigt Koch und Schneider. Noch schlimmer aber ist das Ergebnis, wo die Frauen die eindringenden Konkurrenten geworden sind. Während die Köche und Schneider wenigstens Lohn und Lebenshaltung hochhalten und zeigen, wie man arbeitet und verdient, werden die eindringenden Industriearbeiterinnen nur durch Unterbietung des Mannes konkurrenzfähig. Die Folgen sind: Sinken der Löhne und der Lebenshaltung und Erschwerung jeder Organisation. Kurz: wo die Männer konkurrierend eindrangen, ging es den Frauen schlimm, wo aber die Frauen konkurrierend eindrangen, ging es beiden schlimm. Diese Thatsachen lehren uns, daß der schrankenlose Wettbewerb nicht der Weg ist, der den Frauen Heil bringt, daß sie viel eher nach Abgrenzung der männlichen und weiblichen Arbeitsgebiete und nach Grenzschutz als nach Schrankenlosigkeit rufen sollten. So müßten Erziehung und Unterricht, sowie ärztlicher und juristischer Rat für das weibliche Geschlecht vorwiegend(nicht ausschließlich) in den Händen der Frau liegen(selbstverständlich müssen ihr alle Bildungswege offen stehen), und Nadel und Kochlöffel müßte der Mann ihr zurückgeben. Von größter Wichtigkeit für die mechanischen Berufe wäre eine systematische Vorbildung an Stelle der Zufälligkeit, die jetzt herrscht. Vielleicht erheben sich Stimmen, die bestreiten, daß das Weib von Natur schwächer sei, als der Mann und die da meinen, die heutige Frau wäre ein verzärteltes Kulturprodukt, das sich zu ursprünglicher Kraft zurückbilden könne, wenn ihm nur Raum gegeben würde. Aber selbst wenn wir gegen bessere Einsicht willkürlich annehmen, daß das Weib durch seine Naturaufgabe nicht stärker belastet sei, als der Mann, erscheint der schrankenlose Wettbewerb nicht als ein Fortschritt. Aller Fortschritt führt, selbst bei mechanischen Berufen, durch Arbeitsteilung, durch Specialisierung hindurch. Wie der menschliche Körper in Hand und Fuß zwei verschiedene Glieder zu verschiedenen Verrichtungen besitzt, so besitzt der sociale Körper in Mann und Weib zwei Glieder, deren Verschiedenheit auf Arbeitsteilung hinweist. Beide zu gleichartigem Gebrauche gleichartig schulen, hieße auch mit den Händen gehen und auch mit den Füßen greifen wollen. Fortschritt wird bewirkt, indem jeder das Seine in größtmöglichster Vollkommenheit leistet, nicht indem jeder dasselbe leistet. Nicht schrankenlose Konkurrenz, sondern Arbeitsteilung unter den Geschlechtern bringt uns vorwärts. Mit aller Entschiedenheit muß aber freilich betont werden, daß Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern nicht eine Teilung in einträgliche Arbeit(für Männer) und minderwertige(für Frauen) bedeutet, ein Zuschnitt der jetzt herrscht. Der Hunger thut der Frau genau so weh, wie dem Manne, und ihre Arbeit ist für die Menschheit genau so wichtig, wie die seine. Gegen die Unterwertung der Frauenarbeit, die sich z. B. greifbar in dem Umstande äußert, daß sie bei gleicher Leistung geringer bezahlt wird, legen Vernunft und Gerechtigkeit ebenso entschieden Verwahrung ein, wiegegen den schrankenlosen Wettbewerb. Zu erklären ist die Unterwertung der Frauenarbeit dadurch, daß die Geringschätzung, die man der häuslichen Arbeit des weiblichen Geschlechts entgegenbringt, auf die Frauenarbeit überhaupt übertragen wird. Als mildernder Umstand fällt bei der Geringschätzung der hausmütterlichen Arbeit eine ihr anhaftende Eigentümlichkeit ins Gewicht: je vorschauender, planmäßiger die Hausmutter waltet, desto geräuschloser arbeitet der(vielfach recht schwierig zusammengesetzte) häusliche Apparat. Diese beglückende Gesetzmäßigkeit und Ruhe im Familienstaate erweckt nun aber leicht den Eindruck, nicht eine köstliche Frucht weiblicher Staatskunst und Intelligenz zu sein, sondern etwas Selbstverständliches, Natürliches, das auch das blödeste Hirn leisten könne. Ausnahmen giebt es überall. Wer da bestreiten möchte, daß im allgemeinen die hausmütterliche Arbeit gering geschätzt wird, der sei an die Aufnahme der Frauenbittschriften um Bildungsgelegenheit zu Beginn der Bewegung erinnert. Man sagte nicht: „Jawohl, bildet euch! Entwickelt euch! Sammelt geistige Schätze und opfert alles auf dem Altare des Hausmutterberufs; die Mutter der bevorzugten socialen Schichten kann gar nicht gebildet genug sein, die bevorzugteste Frau ist für diesen höchsten Beruf gerade gut genug!“ So sprach man nicht. O nein! Die Bittschriften wurden abgelehnt. Die landläufige Ansicht war, daß das weibliche Geschlecht zu ernster geistiger Thätigkeit unfähig sei. Somit schätzte man die Aufgabe der Hausmutter, die denkbar schwierigste, vielseitigste, als eine Aufgabe für inferiore Wesen ein. Diese Einschätzung bildet, gleichviel ob bewußt oder unbewußt, auch heute noch oft den Maßstab für die Beurteilung der Frauenarbeit überhaupt. Zwischen der Scylla solcher Unterwertung und der Charybdis schrankenlosen Wettbewerbs liegt der Weg zu gerechter und weiser Arbeitsteilung. Jedem das Seine! Rälselecke. (Nachdruck und Nachbildung aller Teile untersagt.) Schwer zu ertragen ist für eines Mannes Magen Ein Weib, das niemals weiß, wieviel die Uhr geschlagen: Er hat zu rechter Zeit nicht Früh= noch Abendschmaus, Und Ordnung fehlt der Welt, weil sie ihm fehlt im Haus. Etwas treiben muß der Mensch, Etwas treiben muß den Menschen. Stataufgabe. (a bed die vier Jarben; A Aß; K König: D Dame; B Bube; V M II die drei Spieler). II, der Spieler in Hinterhand, behält auf folgende Karte Wendespiel: b. c. dB, a10, 9, 8; b10. D; CA. D. (Pique=, Herz=, Eckstein=Bube, Kreuz=Zehn, Neun.=Acht; Pique=Zehn, =Dame; Herz=Aß,=Dame.) Er wendet=B, läßt es bei Farbe, findet noch.4 und drückt b10, D, 10 daß er ein siebentrümpfiges Spiel mit vier Matadoren und in der Nebenkarte zwei Asse hat. Das Spiel wird verloren, da die Gegner auf 61 kommen. M reizte gar nicht erst, und V mochte auch kein Spiel machen, da er nur ein sehr wackliges sechstrümpfiges Solo ohne Fünf hätte machen können. Wie saßen die Karten? Wie ging das Spiel? □ □ O □ □ O □ □ □ O Pyramide. Vokal Ausruf Umstandswort Getränk 0 O O O O männlicher Vorname □ 0 0 □ O O" Ze tabschnitt. Von der Spitze ausgehend soll man jede weitere Reihe durch Hinzufügung eines Buchstabens unter beliebiger Stellung der übrigen Buchstaben bilden. Kreuzcharade. 1 2 6 Feige, Ruh, Möbelstück Märchengestalten Nahrungsmittel. Jahreszeit N tzand Abteilung Metall Krankheilsstoff Vorname. Tauschrätsel. Magie, Kasse, Gau, Weste, Bund. Eulen, Reim, Eiter, Rock, Wolle, Rachen, Alm. Von jedem Wort ist durch Umtausch eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein anderes Hauptwort zu bilden(wie von„Mais“ das Wort „Maus“ oder„Main"). Die neu eingesügten Buchstaben müssen im Zusammenhang ein Familienfest bezeichnen. Scherzrätsel. Mit g ruht es verschleiert Ist eitel Zauberei. Ruf' ich's mit r. da kommt gleich Mein Töchterlein herbei. Bilderrätsel. Auflösungen der vorigen Sonntags-Beilage. Schachaufgabe. (Dreizüger: W. Khl, Dh6. Lb3, Sel. e2, Ba2; Schw. Kf5, L12, Sb5, Sd8, Bb4, c5. e5. h7.) 1. Lb3—d1, b3 2. Sc3.— 1.., Saz 2. Sg3t.—... e4 2. Sd4t.—., Ket 2. Lc2t.—., Kg4 2. Sg31.— 1.. beliebig 2. Se3t.— Worträtsel. fee, Ems, Arm, Eid, Eva, Inn.— Ferien. Quadraträtsel. D I E B T R M A E M I L B A L L Scherzrätsel. Fallschirm. Dechiffrieraufgabe. Lerne leiden, ohne zu klagen. (Für den Schlüssel: Leonore, Zunge, Kali, Hindu.) Bilderratfel. Bahningenieur. Verantwortlicher Redactenr: B. Reuter in Köln. Verlag und Druck von J. P. Bachem.