Geschäftsstelle und Anzeigen-Annahme Marzellenstraße 37, im Neubau. S Anzeigen-Preis: 15 Pfa. 51,„erzspatigg Seile. *0*„— Bevorzugt verlangte Anzeigen (erste und letzte Seite) 20% höher.— Kölner Stellenund Arbeits=Gesuche, sowie Miet=Anzeigen für kleine Wohnungen bis zu 10 Zeilen bei Dorausbezahlung 8 Ofg. die Heile. Offerten=Annahme 25 Ofg. Reklamen 40 Ofg. S täglich in jedes Haus von Köln sowie in Deutz und fast allen Vororten unentgeltlich getragen. Für Stockwerke und Hinterhäuser mit Sonntags-Veilage 30 Ofg. monatlich. Local Kölner General-Anzeiger für die rheinische Hauptstadt und Fremdenblatt. Nr. 17.(Colonia.) Feuilleton des Kölner Local=Anzeiger. 28. April 1901. a Schwesterchen Halja. Erzählung von Wassilj Tschajtschenko. Aus dem Ukrainischen übertragen von I. P. Becker.*) Der alte Iwan Lawrußj vergoß eine Thräne, die über sein Gesicht rollte und an seinem langen grauen Schnurrbart hängen blieb. Unwillig bemerkte er es; denn ziemte es sich einem alten Manne, der schon in die Sechzig ging, zu weinen? Nein, das war kindisch!... O die Pfeife! Und wiederum begann er seine Pfeife anzuzünden, die er nun schon dreimal angezündet, die aber auch dreimal schon ausgegangen war. Auch diesmal hielt er sie nicht lange zwischen den Zähnen. Trübe Gedanken gewannen in seinem Kopfe die Oberhand, und er lehnte das Haupt auf den Tisch. Und die Pfeife lag wiederum vergessen unter seinen Füßen, und Iwan sah sie nicht. Jetzt konnte er überhaupt nichts mehr von seiner Hütte sehen; denn ein Nebel legte sich auf seine Augen, und wieder läuft ihm etwas Heißes über die Wangen und hängt ihm wieder an dem grauen Schnurrbart. Ja, über fünf Jahrzehnte hat er durchlebt, viel genug, und niemals hat Iwan geweint— außer als kleiner Knabe und jetzt! Nicht ohne Grund weint der alte Mann: seine Gefährtin, mit der er in völliger Gesundheit fast drei Jahrzehnte zusammengelebt — ist nicht mehr, liegt tot im kalten Grave. Was soll da der alte Mann noch auf der Welt thun, ganz allein und dazu mit drei kleinen Kindern? Kein Glück hat ihm Gott beschert: seine großen Kinder starben oder gingen zu den Soldaten, und nur die kleinen blieben zu Hause, von denen das älteste, ein Mädchen, erst zwölf Jahre zählt. Und diese drei schliefen jetzt so ruhig, so friedlich, und nur auf dem Gesichtchen Haljas, des älteren Mädchens, zeigen sich noch Thräuen— ja freilich, hat sie doch gestern, als die Mutter begraben wurde, bis Mitternacht geweint, so geweint, wie jetzt der alte Vater. Wieder brennt etwas auf seiner Wange, aber er spürt es nicht mehr.„Sechsundzwanzig Jahre habe ich mit dir gelebt, Nasta, und jetzt mußten wir scheiden...“ Erinnerungen an alles, was schon lange vergangen ist, ergreifen den alten Mann. Wie doch die Jugendjahre im Gedächt nis haften! Jetzt dagegen!—was man heute gethan, das weiß man morgen nicht mehr. Nur jene fernen Jahre vergessen sich nie, nie „Mutter!“ rief im Halbschlummer ein kleiner Knabe, der auf der Bank schlief.„Mutter!" Er öffnete die Augen, schaute verwundert umher, richtete sich, noch halb im Schlafe, auf und setzte sich aufrecht.„Mama! Wo ist Mama?“ Der kleine Knabe schwieg eine Weile, erinnerte sich dann mit einem Male des Begräbnisses am Tage vorher und rief von neuem:„Mutter! Die Mutter will ich!“ Und Thränen stürzten aus seinen Augen. Die beiden Mädchen: Halja und die jüngere Odarka, erwachten von seinem Schreien und richteten sich gleichfalls auf. Odarka machte es sofort dem Bruder nach, und zu zweien riefen sie, jämmerlich weinend, nach der Mutter. Dieser Ausbruch des Schmerzes weckte Iwan aus seinem trüben Dahinsinnen. Er trat zu den weinenden Kindern. „Weinet nicht, liebe Kinder!“ sagte er zu ihnen und liebkoste sie. „Die Mutter will ich!“ rief trotzig der kleine Basilius. „Die Mama ist nicht mehr, Kinder...“ sagte leise, fast unhörbar der Vater.„Mutter ist nicht hier: sie ist zur Tante Mariechen gegangen. Wartet nur, sie kommt bald wieder.“ „Nein, nein!“ rief der Knabe.„Vater, das ist nicht wahr: Mama ist nicht ausgegangen, Mütterchen hat man gestern in die Erde vergraben! O, dort draußen ins Grab! Ich will es aber nicht... dort ist Mutter zu kalt!“ Wiederum weinten die Kinder. Nur Halja verhielt sich ruhiger und suchte die Thränen zu bezwingen, die aus ihren braunen Augen hervorquollen und über ihr bleiches Gesichtchen rannen. Dann trocknete sie, sich überwindend, ihre Thränen und saß, ohne zu klagen, da; nur ihr kleines Körperchen erzitterte noch zuweilen von dem schweren Kummer, aber auch von der Kälte, die in der ungeheizten Hütte herrschte. Basilius und Odarka weinten noch immer, jämmerlich nach der Mutter rufend. Das dauerte nun fast eine Stunde; Iwan wußte nicht, was er machen sollte. Aber als ob Halja jetzt dessen überdrüssig wäre, wischte sie sich noch einmal die letzten Thränenspuren weg und setzte sich zu den Kindern. Sie legte ihre feinen Aermchen um ihren Nacken, zog sie an sich und suchte sie zu trösten. Iwan hörte nicht, was sie ihnen leise ins Ohr flüsterte; nur einige abgerissene Worte drangen zu ihm hin. „Weinet nicht... ich will euch Grütze kochen... ja, ja, ihr Lieben... ich mache dir ein Püppchen und dir singe ich vom Kößchen!“ *) Abdruck ist nicht gestattet. Gesetz vom 11.Juni70,§§ 7 u. 10. D. Red. Sonntags=Beilage. Sonntag, 28. April 1901. Und das unglückliche kleine Mädchen, das selbst kaum die Thränen zurückhalten konnte, sing an von dem„Kätzchen" zu singen, jenes selbe Liedchen, welches noch kürzlich die Mutter ihr vorgesungen, die liebe Mutter, die jetzt im kalten, schneebedeckten Grabe liegt. Wie die Mutter sie mit diesem Liedchen erfreut hat, so tröstet sie damit jetzt die kleinen Geschwister, die ja auch, wie sie, ohne Mutter geblieben. Anfangs hörten die Kinder nicht auf sie, aber sie weinten doch weniger heftig, schwiegen dann still und schluchzten nur noch von Zeit zu Zeit auf. Dann, als auch das Schluchzen sich gelegt und Halga den beiden die Thränen abgewischt hatte, sagte Basilius:„Ich will aufstehen!“ Halja begann ihn anzukleiden und zog ihm die Stiefel an. Die mit dieser Arbeit noch nicht vertrauten Händchen benahmen sich zwar etwas ungeschickt und wollten nicht recht mit, aber schließlich brachte sie es doch fertig, und sie machte sich nun an Odarka. Hier ging es schon leichter von statten, und sogleich ging sie nun sogar daran, die beiden Kinder zu waschen. Basilius sträubte sich und wollte nicht gewaschen werden, weil es zu kalt sei, und es bedurfte langer Ueberredung, bis sie ihn soweit gebracht hatte, daß er damit einverstanden war. In ihrem geschickten Eifer aber zeigte Halja ganz und gar die Emsigkeit der verstorbenen Mutter. „Vater! Ich möchte essen!“ bat leise Odarka, den Vater am Aermel zupfend. „Ich will auch etwas zu essen haben!“ rief Basilius. Der arme Vater langte von dem Wandbrett das Brot herunter. „Ich will kein Brot, ich will Grützesuppe!“ sagte unwillig der Knabe. „Liebes Söhuchen, es ist keine Grützesuppe da... aver warte nur, ich will sie kochen.“ „Ich will nicht warten, ich will sie gleich!“ Und wieder flossen Thräuen. Der alte Mann wußte nicht, was er anfangen sollte. Da gelang es Halja, wieder die Kinder zu trösten. Ob sie ihnen nun etwas von Grützesuppe erzählte, oder von etwas anderm— auch dieses Mal beruhigten sie sich. Immer seltener wurde des Basilius ungestümer Ruf:„Aber ich will es so nicht! So will ich es!“ Und bald schwieg er ganz. Die Kinder begannen das Brot zu essen. Basilius faßte mit beiden Händchen sein Stück und biß aus ganzer Kraft mit seinen weißen Zähnchen hinein. Er ließ jetzt nicht mehr die Lippen hängen, und seine Augen blickten schon etwas munterer drein. Doch es war kalt in der Hütte, und die Kinder bekamen blaue Hände. „Ich friere!" begann wieder der Knabe. Halja nahm eilig einen alten Rock und bedeckte damit Bruder und Schwester. „Ich habe kein Salz mehr!...“ sagte Basilius dann weiter und zeigte Halja sein Brot. Und Odarka bat:„Auch mir Salz!“ Halja streute sofort den Kindern grobes, graues Salz dick auf das Brot. Vorläufig war jetzt wenigstens den Kindern der Hunger gestillt, und vorläufig gaben sie sich ruhig und zufrieden. Iwan aber überlegte, was er thun sollte; denn den hungrigen Kindern mußte doch etwas gekocht werden. Er ging aus der Hütte, zerkleinerte etwas Holz und trug es herein, um den Ofen zu heizen. Was sollte er nun kochen? Er suchte— und fand etwas Kleie vor. Ich will ihnen Grütze kochen,— dachte er und begann, die Kleie zu waschen. Dann brachte er sie in den Topf. „Hm, das war nicht richtig! Wo wurde es denn allemal hineingethan! Ich hätte doch zunächst Wasser heiß machen müssen.“ Und er schüttete die Kleie wieder aus dem Topfe— dann aber umfaßten plötzlich zwei kleine Händchen seinen Hals, und zwei braune, verweinte Aeuglein blickten ihm in die Augen. „Vater, lasset... ich mache schon... ich weiß, wie.. Iwan blickte verwundert auf Halja. „Lieber Vater, überlasset es mir, ich kann es schon...“ „Aber, Töchterchen, du bist doch noch zu klein!" „Doch, obwohl ich klein bin, weiß ich wie... Ich habe es schon gelernt. Jetzt ist niemand mehr da... und Mama ist nicht mehr...“ Zwei Thränen erglänzten wieder in den Augen des Mädchens. Schweigend ging Iwan vom Ofen und setzte sich an den Tisch. Odarka und Basilius saßen auf der Schlafbank und blickten in schweigsamer Verwunderung bald auf den Vater, bald auf Halja, die emsig den Topf spülte, Wasser hineingoß und nun auf den Ofen stellen wollte. Doch der Topf war ihr zu schwer und sie rief daher den Vater herbei: „Vater, hilf' mir, bitte!“ Iwan kam ihr zu Hülfe, nahm den Topf und stellte ihn auf den Ofen. Dann nahm die kleine Hausfrau Salz und Fett, und, wie eine erfahrene Hauswirtin, machte sie sich ans Kochen. Hier wollten die kleinen Hände freilich anfangs gar nicht gehorchen, obschon sie sich fast zusehends an die Arbeit gewöhnten. Iwan verwunderte sich schweigend über sie. „Eine tüchtige Hausfrau wird sie werden!“ sagte er mit trübem Lächeln leise vor sich hin und ging aus der Hütte. Die Kinder aber schauten verwundert auf die kleine Schwester, die noch vorgestern mit ihnen und den Püppchen spazieren ging und die jetzt sie ankleidet, sie wartet, ihnen kocht— ja ganz und gar wie Mutter. „Halja, der Rock hat sich hier verrückt,“ ruft der Bruder. Sie eilt, ihn wieder zuzudecken. Er faßt sie um den Hals. „Halja, du kochst mir Grützsuppe?“ forscht der Knabe, ihr in die Augen blickend. „Freilich koche ich sie, ich bin schon dabei,“ sagte sie, ihm über den Kopf streichend. „Streiche mich bitte so, wie Mutter es that!“ sagte Basilius, ihre Hand führend, und sie willfahrte seiner Bitte. Die kleine Odarka faßte sie ebenfalls an der Hand und klagte: „Das Brot ist so hart, ich hab' mir die Lippe ganz wund gebissen... es thut so weh!“ Und sie lehnte ihren Kopf an den Arm der Schwester, und die Schwester liebkoste sie beide. „Bekommen wir nun jetzt bald die Grützsuppe?“ sagte der Knabe. „Wartet, wartet, jetzt gleich!“ versprach Halja und eilte wieder zum Ofen, aber nicht auf lange; denn bald hatte der Bruder, bald die Schwester etwas zu klagen und zu wünschen, und bald stellte Halja mit diesem, bald mit jenem die Kinder zufrieden. Düster vergeht der Tag. Der Vater verläßt die Hütte, kommt wieder herein— augenscheinlich weiß er nicht, was er anfangen soll. Er spricht nicht; denn schon ohne ein Wort bringt alles ihm und den Kindern die teure Hingeschiedene in Erinnerung. Nur zuweilen, wenn sie ihn etwas fragen, giebt er eine Antwort; sonst bemitleidet er sie schweigend. In ihrem großen Schmerze wollen die Kinder auch nicht spielen. Odarka zieht zwar ihr Püppchen und eine zerbrochene Figur hervor und stellt sie auf die Bank. Wie früher will sie spielen: eine Mutter läßt ihre Kinder Beeren im Walde suchen; dort fällt ein Wolf sie an, kaum können sie entrinnen. Schon will sie ihr Püppchen sagen lassen: Mutter erlaube uns... Aber das Wort„Mutter“ bringt das auf eine Weile vergessene Weh wieder zum Ausbruch, bitterlich weinend läßt sie die Püppchen fahren und setzt sich wieder auf die Bank hin. Halja jedoch bemüht sich emsig, sie trägt den Kindern das Frühstück auf, dann auch das Mittagessen. Der Vater aber ißt nichts. Nach dem Mittagsmahl tritt Basilius zu ihm hin, als er, au der Bank sitzend, schweigend seinen trüben Gedanken nachhängt. „Vater!“— sagt er, ihn an der Hand fassend—„Vater!“ Sein Gesichtchen hat plötzlich einen nachdenklichen Ausdruck angenommen, der einem Kinde in diesem Alter sonst fremd ist. „Was denn, liebes Söhnchen?“ „Väterchen, Halja wird jetzt unsere Mutter sein," sagt der Knabe, auf die Schwester weisend. „Ja, sie wird es sein, sie wird es sein!“ flüstert der Vater und vermag kaum seine Thränen zu bemeistern. „Sie ist ganz wie Mutter," beginnt wieder der Knabe;„sie hat Grützsuppe gekocht, sie hat mich angezogen.“ „Ja, Söhnchen, ja sie wird schon alles machen, aber weine du nicht, spiele... es wird schon...“ * Sie hatten schon zu Abend gegessen. Traurig war das Essen vergangen— das erste ohne die Mutter; der alte Vater lag am Ofen; die Kinder schickten sich an, zur Ruhe zu gehen. „Halja, schaukle mich!“ bat Basilius, auf der Schlafbank sitzend. „Gleich, Basilius, gleich!“ „Halja, hilf mir, bitte, das Kleid ausziehen! Sieh'mal, hier ist ein Knoten, den ich nicht lösen kann!“ rief Odarka. Und Halja begann, da sie mit ihren Fingern den Knoten nicht aufmachen konnte, ihn mit den Zähnen zu lösen. Endlich schwiegen die Kinder und verhielten sich ruhig; Halja legte sie hin und deckte sie zu. Da baten sie wieder:„Aber, Halja, wir wollen nicht schlafen, erzähle uns ein Märchen!... Ueber die drei Schwestern und die Flöte aus Maßholder," gab Odarka an. Halja setzte sich neben sie und begann zu erzählen:„Einst lebte ein Mann und eine Frau, und sie hatten drei Töchterchen, und das kleinste nannten sie Halja.“ „Halja? Wie du?“ unterbrach der Knabe. „Ja, wie ich. Einst gingen sie nun in den Wald, um Beeren zu suchen. Die Schwestern pflücken und essen, Halja aber sammelt ihre Beeren in einen Topf, den sie mitgebracht, und sagt: Die bringe ich Vater und Mutter nach Hause...“ „So, wie du es thust,“ sagt wieder der Knabe.„Du pflückst auch die Beeren und giebst sie dann uns. Und Beeren sind so süß!“ „Schweig doch und unterbrich mich nicht immer!... Da sagen nun die Schwestern untereinander: So können wir aber nicht nach Hause gehen. Sie allein hat Beeren, und wir haben M e— A* Seite 28. April 1901 gar keine. Wir wollen sie totschlagen und dann nehmen wir ihr So erzählte Halsa, und die Kinder lauschten. Die kleine Odarka rückte ein wenig näher an sie heran, legte ipren, Korf auf ihr Aermchen und schaute nachdentlich, auf die Scypeperz Basilius hörte schweigend, eifrig, ja fast gierig zu, ohne auch nur ein Auge von der Schwester abzuwenden, weil es eben gar Halja zr, alse tot— die arme Halsal— und war auch schon in die Erde verscharrt. Aus dem Grabe wuchs aber ein Maßholderbaum heraus. Ein Zauberer schnitt sich eine Flöt. von dem Holze und sang: Gemach, gemach, Zauberer, spiele, Mir die Schwester hat man erschlagen, Unter dem Strauche sie eingegraben, Ist mit den Füßen darauf gesprungen... Die Kinder hören zu, wie Halja singt, dann gehen die Wort des Marchens ruhig weiter in der kindlichen Ausdrucksweise d kleinen Mädchens. Lauge zieht sich das Woschfeg ehiig# anderes schließt sich ihm an. Doch allmählich schließen sich die Augen der Kinder: ein tiefer Schlaf nimmt sie gefangen. Und Odarkas Kopf ruht auf dem Kissen neben dem Brüderchen, Die Klad, rub= und auch der alte Vater ist endlich em geschlafen. Nur Halja, das kleine, bleiche Mädchen mit braunen Angen, die neue Mutter für die Fern.gntz., Her Gütte nicht. Leise erhebt sie sich und tritt in die Mitte der„Hütte. Vort läßt sie sich auf die Kniee nieder und flüstert ihr Abend gebet— ohne vorber ihre Worte zu überlegen und darüber nachzudenken, sondern voll kindlichen Vertrauens betet sie zuerst das Vater unser und das Gegrüßet seist du, Maria—, mehr als diese beiden Gebete kennt sie nicht. Dann fährt sie fort, und die Worte quillen aus ihrem Herzen. Seinen Silberschein ausgießend, schwebt der bleiche, Igud am hohen Himmel. Er schwebt dahin, und in seinem funkelnden Lichte gewahrt er, als er hinblickt, die kleine Hütte, junge Mädchen, auf den Knieen liegend, betend flüstert: O Gott! Nimm meine Mutter zu dir aus dem kalten Grabe da den noch laß es ihr wohl bei dir ergehen! Und mir, o Herr, gieb, daß ich arbeiten lerne, daß ich an Mutters Stelle fur Brüderchen und Schwesterchen sorgen kann.... Und der Mond wundert sich über das heilige Bild, das ihm bietet, stannt und umflutet es mit einem Meere silberne Lichtes. Erblickt er wohl, der Ewigkreisende, das Mädchen, ver nimmt er wohl ihr Gebet? O und wenn— irnar er es dann nicht hinauf, dieses Gebet, vor den Thron des Ewigen und leg er es ihm nicht zu Füßen, als das reinste, das heiligste Gefühl Und Halsa betet noch immer, in Mondesscheine knitend, wie ein überirdischer reiner Geist der lautersten Liebe. Dann, bekrenzt sie sich dreimal, erheht sich, tritt zu Bruder und Schwesk., deckt ihre Füße mit dem Rocke zu und legt sich selbst neben sie hin, ihren Kittel sich über die Schulter wersend. Lange noch wundert sich der Mond, lange noch gießt er sein himmlisches Licht in die Hütte und blickt er staunend zum Fenster hinein, bis eine Wolke ihn verdrängt und bedeckt (!) Nachen, 25.April1901. Der große Waldbrand, der vorgestern in der Gegend von Montjole wütete, ist gestern von neuem ausgebrochen und hat weitere 1000—1100 Morgen Fichtenschonung ergriffen. Jusgesamt sind nach der Schätzung von Sachverständigen etwa 3600 Morgen betroffen worden. Nach den neuesten Meldungen kann das Feuer als gelöscht angesehen werden. So stark wie in der letzten kurzen Periode der Trockenheit, dürften die Waldbrände noch nicht auseinander gefolgt sein. In den paar Tagen, die seit dem letzten Regen verflossen sind, waren Waldbründe zu verzeichnen in Vaals, etwa eine halbe Stunde von Nachen entfernt, dann bei Geilenkirchen, in Raeren bei Eupen und neuerdings in Probsteiwald bei Eschweiler. Ueber die Entstehungsurfache ist nichts bekannt, doch versichern Sachverständige, daß so ziemlich alle diese Brände auf leichtsinniges Umaehen mit Feuerzeug beim Rauchen zurückzuführen sind. a Nachen, 24.Aprili901. Auf Grube Nordstern ereignete sich heute Mittag eine Explosion schlagender Wetter. Es wurden el' Bergleute verwundet und zwei getötet. Die Katastrophe ist zurückzufuhren auf eine unbefugte Oeffnung der Lampe. En Eschweiler, 23.April1901. Von den auf der Zeche Reserve infolge Expiosion schlagender Wetter verbrannten drei Vergleuten ist bereits einer gestorben. Wie festgestellt wurde, entstand das Unglück durch unbefugtes Oeffnen einer Grubenlampe. * Imgenbroich, 24 April1901. Gestern Nachmittag um 1 Uhr brach in den Fichtenbeständen der Gemeinde Imgenbroich auf dem Hohen Venn Feuer aus. Die große Trockenheit auf den Haideflüchen und der starke Ostwind gab dem Feuer eine schnelle und ungeheure Ausdehnung. Bis 5 Uhr nachmittags waren ungejähr 2000 Morgen beste Fichtenkulturen und ältere Bestände verbrannt. Den an das Venn angrenzenden Conzener und Mützenicher Gemeindewald hat das Feuer auch schon zum Teil zerstört. Eine starke Löschmannschaft ist aufgeboten, welche mit Erfolg der weiteren Ausbreitung des Feuers entgegenarbeitet Bk Koblenz, 22.April1901. Unter der Beschuldigung, Wein verfälscht und verfälschten Wein unter Verschweigung dieses Umstandes verkauft zu haben, stand der Weinhändler und Weingutsdesitzer Jakob Sahler zu Krenznach am Samstag vor der hiesigen Strafkammer. Er hat, wie die Untersuchung ergab, aus sieben Stück Wein zehn Stück gemacht, indem er zehn Centner gemahlene Rosinen, 50 Liter Drusen(Hefen) und zur jedes Stück anderthalb bis zwei Centner Zucker mit Wasser zusetzte. Von diesem Wein wurde das Stück zu 1200 Liter zu 330 Mark, z. B. von der Firma Local-Anzeiger Nr. no: Sonntag die Untersuchung des Chemikers Dr. Seust ergab, der Anforveru#ng des Gesetzes von 1892. Die Firma Feist& Reinhardt erklatt, habe nicht gewußt, daß der Wein gefälscht war; von dem Rezept d Schmiererei habe sie erst Kenntnis erhalten, als der Wein gerauf war. Das Gericht lehnte die Vereidigung der Teilnehmer der Firm Dr. Feist& Gümbel, sowie des Weinkommissionärs Max Haas *e.- Teilnahme verdächtig ab. Ein Küfer bezeugte, Jaß s 600 Liter Most 120 Liter, Wein, gerngzsse Pzegen Gieg. Interessant ist die folgende Thatsache. Als dem unge klagten die Klageschrift zugestellt war, reichte er ein Schriftstu ein, worin er erklärte nichts dagegen zu haben, wenn er in Geldstrafe verurteilt würde, wenn nur nicht öffentlich vor Gerich buße Zahlur sämtlicher Kosten und Veröfentlichung des Urteils in den. Aotekermaten, Drichzslerhest, Meschluen. 50 Klaster Holz usp. 6 Düsseldorf, 21.Aprill901. Heute Abend kurz nach 6 Uhr entstand in der an der Bäckerstraße gelegenen Az:; Mpiz udternpihlichte ein Brand, der große Verwüstungen anrichtete. Mit unermudlicher Thätigkeit griff die Feuerwehr sowie die Reservefeuerwehr ein, und nach einstündiger harter Abeit war die Gefahr beseitigt.„ Neuß, 25.April1901. Gestern Nachmittag hatte sich ein sechsjähriger nabe in das sogenannte Schiff nnter einem schweren Lastwagen gesetzt. Als er während der Fahrt seinen Sitz verlassen wollte, wurde er von dem Fuhrwerk überfabren und erlitt so schwere u. Immigrath(bei Soliugen), 22 April19o1. Auf unaufgeklärte Weis entstand gestern Mittag hierselbst ein Waldbrand, der mehrere Morgen Wald einäscherte. Die Feuerwehr der Umgegend war an der Brandstätte thätig, konnte aber wenig ausrichten. Dortmund, 24.April1901. Heute Morgen wurde der Bergmann Jakob Wroblewski, der am 18. Aug. v. J. nachts seine Frau und seine acht Jahre alte Tochter Stauislava nach wohlüberlegtem Plane durch Erdrosseln ermordet und auch versucht hat, seine beid anderen Kinder zu töten, im Gefängnishofe durch Scharfrichter Reindel hingerichtet. Der Mörder hatte bekanntlich erst nach seiner Verurteilung ein Geständnis abgelegt. 17 1162 n Osnabrück, 24 April 1901. Gestern Abend gegen 11 Uhr wurde auf dem Herrenteichswall ein bis jetzt unbekannter Herr, der eine größere Geldsumme bei sich trug, mit einer Schußwunde aufaefunden. Die Kugel war durch die Brust gedrungen und im Schultergelenk stecken geblieben. Schwer verletzt wurde der Fremde ins Hospital geschafft. Anscheigend liegt ein Selbstmord vor. F Frantfurt a.., 21 April1901. Die Stadt Frankfurt ist dieser Tage wieder mit einem reichen Vermächtnis bedacht worden. Ein früherer Chirurg, der kürzlich verstorbene Hr. Rentner Gering, hat ihr 150,000 M. zur Errichtung einer Heimstätte für alleinstehende Frauen in seinem Testament hinterlassen. 10 Aus Baden, 24.April 1901. Der 26 Jahre alte Tagelöhner Jakob Heamann von Eiterbach bei Heidelberg hat die Frau seil Bruders mit bestialischer Grausamkeit ermordet. Der Chefarzt der Heidelberger Irrenklinik, Prof. Dr. Kräpelin, Wein in kleineren Gebinden zu 50 Pfg. das Liter. Von einem Wirte, welcher davon gekauft hatte, entnahm die Kreuznacher Polizeibehörde eine Flasche zur Probe und ließ diese vom Gerichtschemiker Dr. Stern untersuchen. Dadurch kam die Sache aus Licht. Weiter wurde nachgewiesen, daß der Angeklagte versätschten Wein an kleine Leute in Flaschen n 30 Pfg. über die Straße verkauft hat. Diese wußten nicht, daß es sich um Kunstwein handelte. Der Angeklagte hat durch den Weinkommissionär Haas an die Firma Feist& Reinhardt in Vingen 46 Stück gemachten Wein zu 260 M. das Stück anbieten lassen, welche diese schließlich zu 190 M. erstand. Um diesen Wein herzustellen, waren 140 Centner Zucker, Rosinen, Drusen und vierzehn dis fünfzehn Fuder Tresterweine gebraucht worden. Gleichwobl entsprach er, wie der den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin beobachtet hatte, erklärte ihn zwar für voll verantwortlich für seine Handlungen, meinte aber, daß er„die unverkennbaren Charakterzüge des sogen. geborenen Ver brechers zeige". Dieses Gutachten ist durch die übrige Beweisaufnahme wesentlich berichtigt worden. Nach bem Zeugnis des Lehrers sowie des Ortsgeistlichen war Heckmann ein gut beanlagter Schüler, im deutschen Stil wie im Rechnen mit hervorragenden Leistungen. Aber er wurde durch die häusliche Erzichung verdorben. Wenn ihn der Lehrer für Lügen und ähnliche schlimme achen strafte, kamen die Eltern, in der Regel die Mutter, und nahmen den Burschen gegen den Lehrer in Schutz. Sie waren förmlich stolz auf die„Schlauheit" und Durchtriebenheit ihres Jockele“. Von der Kirche und Christenlehre wurde er häufig ferngehalten. Er wurde in der Jugend arbeitsscheu und verlegte sich aufs Stehlen. Gegen seine Schwägerin faßte er einen unbezähmbaren Haß, weil sie seine schlechten Eigenschaften öfter tadelte; st siel schließlich seiner Rachsucht zum Opfer. Wenn irgendwo, so kann wohl hier nicht von einem„geborenen“ Verbrecher, sondern nur von den Früchten einer schlechten Erziehung die Rede sein. Nicht die Schädelbildung, sondern das Elternhaus trägt die Hauptschuld an dem Schicksal dieses Menschenlebens. Die Geschworenen sprachen Heckmann nach kurzer Beratung des Mordes schuldig, der GerichtsE Mannheim, 22.April1901. Unter großen Andrang des Publikums wurde heute vor dem Schwurgericht gegen den 26 Jahre alten Tagelöhner Jakob Heckmann aus Eiterbach bei Heiligkreuzsteinach wegen Mordes verhandelt. Der Angeklagte hat in der Frühe des 20. November v. J. im Domänenwald bei Eiterbach seine Schwägerin, die Frau des Landwirts Michael Heckmann, aus Rache erschossen, weil diese ihm öfters wegen seiner Arbeitsschen Vorhaltungen gemacht und sich bei ihrem Manne über seine Diebereien beklagt hatte. Der Angeklagte legte nach anfänglichem hartnäckigem Leugnen ein umfassendes Geständnis ab, widerrief es aber bald wieder, um es dann abwechselnd zu bestätigen oder für richtig zu er klären. Zur Beobachtung in die Universitätsirrenanstalt nach Heidelberg verbracht, simulierte er dort moralischen Irrsinn, doch sind Psychiater in ihrem Gutachten zu dem Schlusse gekommen, daß Heckmann zur Zeit der That zurechnungsfähig gewesen sei. err ist schon nehrmals wegen Diebstahls vorbestraft, zuletzt mit 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis. Der Angeklagte, der bis zum letzten Augenblick leugnete, wurde vom Schwurgericht zum Tode verurteilt. Er nahm Mannheim, 22. April1901. Heute früh um 7 Uhr versuchten beim Umdrehen des Dampfers Mannheim., der Anhängeschiffe hatte, die Führer eines mit neun Personen besetzten Nachens sich an diese Schiffe anzuhängen, obgleich sie davor gewarnt wurden. Der Nache schlug um und sämtliche Insassen stürzten in die Fluten. Die Besatzung der Schiffe war zwar schnell bei der Hand, aber es gelang nich sämtliche neun Personen zu retten, vielmehr fanden vier Leute den Tod in den Wellen. Die Ertrunkenen, welche bis auf einen ver, heiratet waren, stammten aus Mannheim, Hersheim und Altlußheim. Die Leichen der Ertrunkenen sind bisher noch nicht gelandet. draußen Um der Immatrikulation seines Sohnes, des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, in der juristischen Fakultät Bonn beizuwohnen, begab sich der Kaiser am Mittwoch zur rheinischen Universitätsstadt. Die Feier ging schnell vorüber; um so näher trat Se. Majestät dagegen abends der Studentenschaft, da er an einem Kommers zu seinen Ehren teilnahm. Bei dieser Gelegenheit hielt er eine längere Ansprache, die mit ihren romantischen Anklängen wie mit ihren ernsten geschichtlichen Hinweisen und Mahnungen für die Zukunft der akadenischen Jugend gleich start zu Herzen gegangen sein wird. Der Kaiser erinnerte an die Fürstichteiten, die früher schon die Ugipersität Vonn bezogen, und gedachte vor allem der glücklichen Zeit, die er selbst dort verbracht. Bei der Erwähnung des Prinzen Albert von Coburg gedachte er seiner Großmutter, die steks ein friedliches und freundliches Verhältnis zwischen England und Deutschland angestrebt haobe Dam enzsehl der Kaser de Prege Lei, hetiegelg, ie. dankens im Sinne strenger Abgrenzueg nach außen; diese habe dem alten deutschen Reiche gesehlt— wobei der Kaiser, wohl an die italienische Politik dachte— und dessen Entwickelung im deutschnationalen Sinne sei deshalb unmöglich gewesen. D Besitzer starker Fürstentümer seien dann leider in Konflikt mit Kaiser und Reich gekommen, sie hätten die Kaiser um ihre Macht beneidet, der Adel beneidete die Städte, der Bauer den Adeligen. Was für unselige Folgen seien daraus entstanden! So solle denn die akademische Jugend den festen Vorsatz fassen, als Germanen an Germanien zu arbeiten, ohne kosmopolitische Träumereien, ohne Parteitendenz, in dem sittlichen Ernste, den der Blick auf Lehre und Beispiel des Heilandes verleihe. Bei der ausgedehnten Beratung der Vorlage über das Urheberrecht kam im Deutschen Reichstage auch der fliegende Gerichts stand der Presse zur Sprache; das Wesen dieses Uebelstaudes liegt darin, daß jeder, der Grund zur Klage gegen irgend eine Zeitung zu haben glaubt, den verantwortlichen Redacteur an jedem beliebigen deutschen, vom Wohnsitze des Redacteurs noch so weit entfernten Orte persönlich vor Gericht ziehen kann, wenn nur nach diesem Orte eine einzige Nummer der betr. Zeitung regelmäßig versandt wird. Der Abg. Haußmann von der württembergischen Volkspartei stellte während der Beratung über den Urheberrechtsentwurf den förmlichen Antrag auf Beseitigung des fliegendes Gerichtsstandes. Der Staatssekretär im Reichsjustizamt, Nieberding, nannte diesen Antrag einen unzulässigen Druck auf die verbündeten Regierungen— eine Wendung, die man etwas auffällig findet angesichts der Thatsache, daß Reichstag und verbündete Regierungen gleichberechtigte Gesetzgebungsfaktoren sind und auch unter voller Berücksichtigung des Umstandes, daß Hr. Haußmann nicht der Reichstag ist. Dem Gedanken nach war die Mehrheit des Hauses ganz mit Hrn. Haußmann einverstanden, nur glaubte man im Centrum und auf Seite der nalliberalen, daß die gewünschte Aenderung der Gesetzgebung sich nicht im Zusammenhange mit dem Urheberrechtsgesetz durchführen lasse. Statt eines förmlichen Antrages brachte dann am Schlusse der Beratung des Urheberrechts der nationalliberale Abg. Büsing eine Resolution ein, in der die verbündeten Regierungen ersucht werden, in Sachen des fliegenden Gerichtsstandes der Presse eine gesetzliche Aenderung baldigst in die Wege zu leiten. Vielleicht ist wirklich etwas in diesem Sinne endlich zu erwarten, da nach den Worten des Staatssekretärs Nieberding die verbündeten Regierungen bereits„in die Erwägung der Frage“ eingetreten sind. Der Reichstag befaßte sich dann mit dem Süßstoffgesetze. Dieses will zu Gunsten des Absatzes des natürlichen Zuckers den erbrauch des Saccharins, jenes unverdaulichen Süßstoffes, der aus Theer gewonnen wird, einschränken. In Belgien##. gecharin überhaupt verboten und zwar aus gesundheitlichen Gründen. Früher war die Stimmung im Reichstage für eine sehr starke Einschränkung des Verkehrs mit Saccharin günstiger als heute immerhin wird wohl in der Kommission, an welche der Entwurf verwiesen wurde, der Gedanke zum Durchbruch gelangen, daß, wenn der Zucker besteuert wird, auch künstliche Süßstoffe gerechterweise einer Steuer unterworfen werden müssen. Gleich darauf folgte die Beratung eines Branntweinsteuergesetzes; dieses ist nötig geworden, weil die 1895 eingeführte Branntweinsteuer nur bis September dieses Jahres erhoben werden darf; auch hört mit diesem Termine der Denaturierungszwang für nicht zum Genusse bestimmten, billigeren Spiritus auf. Die Kleinbrenner haben von dem jetzigen Gesetze wenig Vorteil gehabt, namentlich von dem Denaturierungszwange, weshalb denn der Centrumsredner an dem dem neuen Entwurfe zu Grunde gelegten alten Gedanken der Brennsteuer und des Denaturierungszwanges manches auszusetzen hatte. Die Regierung erklärte, bei dem Entwurfe zu beharren, damit der Landwirtschaft auf leichterem Boden ein gefährlicher Preisrückgang des Spiritus erspart bleibe. Weiterhin kam wieder die ostafrikanische Kolonialbahn zur Nach dem an den Reichstag gelangten Entwurfe soll das Reich eine Garantie für die von privater Seite zu bauende Bahn von Dar=es=Salaam nach Mrogoro übernehmen. Nur die Nationalliberalen konnten sich ganz mit dem vorgelegten Finanzplane befreunden; während die übrige Linke in herkömmlicher Weise den Bahnbau überhaupt bekämpfte, hatten Centrum und Konservative gegen den Vertrag mit der Privatgesellschaft ernste Bedenken. In der Budgetkommission wird voraussichtlich eine Ablehnung erfolgen, selbst wenn die Regierung noch warmer, als es der Reichskanzler jetzt im Plenum gethan, für den Vertrag eintreten sollte. Das Preußische Abgeordnetenhaus verwies die Novelle zum allgemeinen Berggesetz an eine Kommission. Von konservativer Seite wurde dann ein Antrag auf Zwangsversicherung des Schlachtviehes eingebracht unter dem Hinweis darauf, daß die Allgemeinheit an einer solchen Versicherung ein Interesse habe; diesen Gedanken vertrat auch der Abg. Herold namens des Centrums. Die Regierung stellte die Vorfrage des Fleischbeschaugesetzes, das noch immer nicht in Kraft getreten jei; ehe dasselbe wirke, könne die Regierung nicht an eine Versicherung des Schlachtviehes herangehen. Auch diese Angelegenheit wird in einer Kommission weiter beraten werden. Die Alldeutschen und Socialdemokraten in Oesterreich sind aus Rand und Band darob, daß der Erzherzog Franz Ferdinand das Protektorat über den katholischen Schulverein übernommen hat. In Rede und Schrift lassen sie ihrem Unmut Lauf, und im Abgeordnetenhause ist ein Antrag eingegangen auf Beseitigung der Bestimmung, wonach eine persönliche Kritik an Mitgliedern des Herrscherhauses nicht statthaft ist. Der Ministerpräsident Körber hielt diese Bestimmung entschieden aufrecht uno wies darauf hin, daß thatsächlich sehr ausgiebige Kritik geübt worden sei und werde, womit er andeutete, daß nur wirkliche Beleidigungen zur Strafe gezogen würden. Die Alldeutschen Rölner Local-Anzeiger Nr. 113= Konntag. 25. April 1901. Seite 3. kehrten bei dieser Debatte ihre Raufboldnatur wieder hervor, während die Christlichsocialen zu Mitteln griffen, welche die Obstruktion so oft gehandhabt hat, um den Fortgang der Verhandlungen zu hindern. Gleich erbost wie über den Erzherzog sind die Kirchenfeinde über den imposanten öffentlichen Aufzug der katholischen Vereine Wiens, dem man hauptsächlich die Bedeutung einer Gegenkundgebung gegen die Los von Rom-Bewegung und die neuerlichen Verunglimpfungen der Beichte zuschreibt. Auf jede Weise sucht die fanatische Hetzpresse in Wien, in und außer Oesterreich diese Kundgebung herabzuwürdigen, sie zu verspotten, zu verunglimpfen, beweist aber damit nur den großen Eindruck, dem sich niemand entziehen konnte; es ist soviel geredet worden von den Tausenden, die sich von Rom losgerissen— hier sah man Zehntausend das Bekenntnis der Treue gegen Rom öffentlich ablegen. Die religiösen Vereinigungen in Portugal sind jetzt thatsächlich durch ein Dekret in die Zwangslage gebracht, sich binnen einem halben Jahre zu verweltlichen; sieben Klöster wurden sofort geschlossen. Rußlands Beziehungen zu Frankreich wurden in diesen Tagen angewärmt durch den Besuch des französischen Ministers des Auswärtigen, Delcassé, in St. Petersburg. Vielerlei Vermutungen sind an diese Reise geknüpft worden, als wenn Delcassé von einer Lockerung des Dreibundes Nutzen ziehen wollte oder gar als wenn anderseits der bedenklich schwache Faden zwischen Paris und St. Petersburg stärker geknotet werden sollte. Man wird wohl am sichersten gehen, wenn man den Zweibund für ebensowenig gelockert ansieht wie den Dreibund. Wegen Ostasiens allein haben die Herren in St. Petersburg schon genug zu reden, und eben wegen Ostasiens dürfte Rußland Frankreich nötiger haben als umgekehrt. Freilich hätte dann, so sollte man sagen, Rußland nach Paris gehen sollen; aber die Lage wird darum doch nicht anders. Aus China wurde berichtet, daß der General Liu, welcher westlich von Paotingfu mit einer starken Truppenmacht stand, dem ihm zugegangenen kaiserlichen Befehl Folge geleistet und sich außerhalb des Bereichs der militärischen Interessen der Verbündeten zurückgezogen hat. Die Expedition unter den Generalen Baillond und v. Ketteler wurde dadurch gegenstandslos. Kaiser Kwangsü hat an Stelle des bisherigen Staatsrates eine neue Behörde, das Generalamt für Staatsangelegenheiten, geschaffen, welches die nötigen Reformen beraten soll. Der Krieg in Südafrika kostet den Engländern, wie das neuerliche Bekenntnis des Schatzkanzlers ergiebt, so viel, daß jetzt neue Anbändelungsversuche des Oberstkommandierenden Kitchener mit Botha eine merklich andere Aufnahme finden, als die ersten. Zweifellos hat Kitchener auch diesmal die Anregung dazu gegeben, daß Frau Botha sich wiederum zu ihrem Manne begab. Die englische Presse thut allerdings so, als habe die Frau den Schritt ganz aus eigenem Antriebe gethan, aus der Erkenntnis heraus, daß die Buren nichts mehr zu hoffen hätten. So schwindelt ein Blatt frisch darauf los, Frau Botha gebe sich von neuem Mühe, einen Frieden zu stande zu bringen, und dieses Mal sei mehr Hoffnung auf Erfolg vorhanden als bisher; Lord Kitchener hat sich bereit erklärt, innerhalb der nächsten Tage eine Deputation von Burengeneralen zu empfangen. Es sei kein Zweifel mehr, daß General Botha wiederum um Bedingungen bitten werde. Gegen besseres Wissen wird hier behauptet, daß Botha neulich um Bedingungen gebeten habe, während sie ihm doch von Kitchener freiwillig oder besser unter dem Drucke der Lage angeboten worden sind. Wenn jetzt neue Verhandlungen stattfinden, so wird Botha sich auf dieselben nur unter der Bedingung einlassen, daß er günstigere Zusagen erhält, als damals. — Das katholische Weib. Unter dieser Ueberschrift hält einer der ersten schweizerischen Journalisten, R. Baumberger, in seiner Ostschweiz eine furchtbare Abrechnung mit der Firma Graßmann& Cie. Er behandelt die schmutzigen Verleumdungen der katholischen Frauenwelt zunächst unter schweizerischen Gesichtspunkten, aber mit einer Kraft und Würde, welche dieser Lektion, vielleicht dem Besten und Wirkungsvollsten, was bisher über diesen Gegenstand geschrieben wurde, internationale Beachtung sichert. Mit der Kirche und mit ihren Priestern wird heute auch das katholische Weib, das die Beichte ehrt und eine Gnade in ihr sieht, verdächtigt. Die Thoren und Knaben, die das thun, wissen gar nicht, daß sie damit die schönsten Blätter unserer eigenen Geschichte beschmutzen und beflecken. Mag eine gewisse liberale Presse in Zürich, mit der neuen Zürcher Zeitung voran, mit der Graßmann=Hetze halb offen, halb versteckt kokettieren, so soll sie doch nicht vergessen, daß jene prächtigen Züricher Frauen, die sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit dem Panzer umgürteten und das Schwert zogen, die Frauen, die die Stadt retteten und seither den Stolz in Zürichs Geschichte bilden,— katholische Frauen waren, Frauen, die beichteten und die Beichte heilig hielten, weil sie ihre Heiligkeit an sich selber erfahren hatten. Und die Appenz. Ztg., welche den Rummel ebenfalls protegiert, soll sich sagen lassen, daß jene Frauen von Gais, die mit denen von Appenzell vor bald 500 Jahren in blutigem Ringen am Stooß die Appenzeller Freiheit aus der Wiege hoben, katholische Frauen waren, Frauen, die zur Beichte gingen und sie als Segen und Glück betrachteten. Die liberale Presse der Centralschweiz, mit dem nichtswürdigen Zuger Volkblatt an der Spitze, lasse sich berichten, daß jene Nidwaldner Frauen und Mädchen, die in den Schreckenstagen von 1798 wie Heldinnen für ihr Vaterland und seine Freiheit stritten, während sich gewisse Helden des Aufklärichts in sklavischen Bücklingen vor der Despotie ergingen, daß diese Frauen und Mädchen, die lieber Marter und Tod erlitten, als daß auch nur eine ihre Ehre der französischen Soldateska preisgab, katholische Frauen und Mädchen gewesen, und Frauen und Mädchen, die fleißig zur Beichte gingen und Gott für diese Gnade dankten. Schmäht die Beichte, ihr schmäht auch diese Frauen und Jungfrauen, werft Schmutz auf das, was eine Ehre und ein Stolz, ein Seelenadel an Größe und Reinheit in der Schweizergeschichte bildet. Und katholische Frauen, die beichteten, sind die Heldinnen Spaniens im Kriege gegen die Franzosen gewesen, ein katholisches Mädchen, das beichtete, war Johanna von Orleaus, ein katholisches Mädchen, das beichtete, das herrliche Mädchen von Spinges im tyrolischen Pusterthale. Es kommt nicht von ungefähr, daß das freigeistige Drama der Gegenwart seine Heroinen unter den Gefallenen sucht, daß ein Dumas damit anfing, und daß andere auf seine Pfaoe gingen; zu welchem reineren und höheren Glanze stehen diese Heldinnen in Weibesgestalt da, diese Frauen mit der Glorie des Glaubens, der Vaterlandsliebe und der Weibesehre um das Haupt, diese Frauen, die beichteten. Und es giebt Frauen, die zum Beichtstuhle noch enger stehen, als diese anderen, die noch mehr beichten als sie. Das sind jene Frauen, die Heroinen der Barmherzigkeit und Menschenliebe sind, die im Kugelregen der Schlachtfelder Verwundcte stärken, in die Pesthöhlen eintreten, um jenen Armen Hülfe zu bringen, welche andere Menschen längst geflohen haben, in den Cholera= und Typhusspitälern Tag und Nacht der Kranken warten, in die Verbannungsorte der Aussätzigen eilen und ihr schreckliches Schicksal mit ihnen teilen, das kein Entrinnen kennt; es sind jene Tausend und Hunderttausend und Millionen Frauen, die seit den ersten Zeiten der Kirche Opferleben für die Leidenden der Menschheit lebten, für die Armen der Menschheit und für ihre Unglücklichen, und dieses Leben meist mit einem Opfertod der Liebe besiegelten, und alles sind Frauen gewesen, die beichteten, viel beichteten und oft beichteten und gerade in der Beichte eine größte Stütze für ihr seelisches und physisches Heldentum fanden. Und nun verdächtigt weiter, verleumdet weiter; haltet Wahnwitzige, wie einen Graßmann, hoch; hängt euch an die Weisheit von Pastoren einer Gemeinschaft, deren Alter nicht größer ist, als der Faden an ihren Rocknähten, nicht stärker, als dieser Faden, und deren Kulturthaten nicht schwerer wiegen, als daß der nämliche Faden sie tragen würde, ohne zu zerreißen; vergeßt aber nicht, daß man damit auch beklext, was goldenes Blatt unserer Geschichte, beklext, was Sänle in der Seelenentwickelung unserer Civilisation und Kultur ist, und vom Haupt des Menscheutums mit roher Hand reißt, was sich als idealster Blütenkranz um dasselbe gelegt hat— vergeßt nicht, daß man damit Stusen mit Schmutz bewirft, auf denen niederkniet, was sich gesitteter Mensch und Patriot nennt. Das alles möge man bedenken, nur ein klein wenig bedenken, und der Weg ist offen, aus einer Verirrung zu kommen, die dem kaum begonnenen neuen Jahrhunderte die erste — Schamröte auf die Wangen gebrannt hat! Amts= und Familienpflichten. Aus Madrid wird der Voss. Ztg. unter dem 12. April geschrieben: In der nahen Ortschaft Leganés, die an der Bahn Madrid=Lissabon liegt und bekannt ist durch ihre großartige Irrenanstalt, hat sich vor einigen Tagen ein komischer Vorfall zugetragen. Als nämlich der Zug in genannten Bahnhof einfuhr, waren die Insassen nicht wenig erstannt, anstatt des uniformierten Vorstehers einen grotesk als Frau verkleideten Mann auf dem Perron zu sehen, der übrigens die Befehle eines Bahnvorstehers gab. Das Bahnhofpersonal konstatierte, daß der Verkleidete richtig der Vorsteher war, glaubte jedoch, derselbe sei irrsinnig geworden und rief die Gendarmen herbei, um seine Ueberführung in die nahe Irrenanstalt zu veranlassen. Der Vorsteher verschwand aber rasch in seine Wohnung und kam bald in der vorschriftsmäßigen tadellosen Kleidung wieder, und aus seinen Erklärungen ergab sich folgendes: Herr Parera, der Bahnhofsvorsteher, hat ein kleines Kind, das mit Ziegenmilch aufgezogen wird. Die Mutter hatte nun die Gewohnheit, eine Ziege, die sie hielt, jeden Morgen selbst zu melken, aber vorgestern mußte sie wegen Einkäufe nach Madrid und beauftragte ihren Mann mit dem Melken der Ziege und der Pflege des Kindes. Der Bahnhofsvorsteher begab sich in den Stall und schickte sich an, die Ziege zu melken, diese aber scheute sich vor ihm und wollte nicht stille stehen. Der Sängling schrie aus Leibeskräften, und der arme Mann wußte nicht, was er anfangen sollte. Da plötzlich verfiel er auf den Gedanken, die Kleider seiner Frau anzuziehen— und richtig, die Ziege ließ sich nun ruhig von ihm melken. Während er also beschäftigt war, hörte er den Zug heraubrausen und, ohne an seine Verkleidung zu denken, stürzte er auf den Perron, um seinen Amtspflichten nachzukommen. * nevergang..: Wie hat sich denn dein Bruder, der eingefleischte Vegetarianer, wieder an Fleischspeisen gewöhnt?".:„Sehr leicht, er hat zuerst nur fleischfressende Pflanzen gegessen!“ ** Erklärlich..:„Wird sich denn Ihre Tochter immer noch nicht verheiraten? Sie ist doch alt geuug?".:„Nein, Sie will noch warten.“.:„Worauf denn?".:„Auf einen Freier!" Buntes Allerlei. ** Nächtlicher Besuch. Der Kaiser stattete bei seinem letzten Aufenthalte in Kiel nachts gegen 11 Uhr dem Schulschiffe Charlotte einen Besuch ab, um sich die Schlafräume der Kadetten anzusehen. Nachdem er die Kabine seines Sohnes und des Militärgonverneurs Kapitänleutnant v. Ammon, besichtigt hatte, begab er sich in den den Kadetten zugewiesenen Unterkunftsraum. Die jungen Leute schliefen, und das elektrische Licht erleuchtete den Raum. Ich kann mir kaum denken, daß die Kadetten bei diesem scharfen Licht schlafen können, meinte der Kaiser. Gewiß, Majestät, erwiderte der begleitende Kommandant, Kapitän z. D. Vüllers, sie sind nach dem strammen Tagesdienst ehrlich müde. Wollen doch mal sehen, ob die Leutchen wirklich schlafen, äußerte etwas ungläubig der Kaiser. Er rüttelte heftig an der Hängematte eines Kadetten, bis dieser erwachte. Na, schlafen Sie hier eben so gut wie zu Hause? fragte der Kaiser den Erwachenden. Dieser erkannte den Monarchen sofort und erwiderte schlagfertig: Besser, Majestät! Lächelud verließ der Kaiser das Gemach. ** Zu der Explosion in der St. Michnelskirche liegt jetzt auch ein von einem Pionieroffizier erstattetes militärisches Gutachten vor, das gleichfalls die Behauptung von einem Pulverattentat als unbegründet nachweist. Die militärischen Sachverständigen konnten feststellen, daß Rückstände verbrannten Pulvers— Pulverschleim— in dem Gotteshaus nicht vorhanden waren. Ebensowenig konnte eine Brandstelle, welche sich am Explosionsherd unbedingt hätte bilden müssen, entdeckt werden. Ferner fehlte ein weiteres charakteristisches Zeichen für Sprengstoffexplosionen, geschwärzte Stellen, in der Kirche gänzlich, und auf Grund dieser Thatsachen konnten die militärischen Sachverständigen das unbedingte Urteil abgeben, daß eine Pulverexplosion vollständig ausgeschlossen sei. ** Königsberg i. Pr., 23 April1901. Wie die Königsberger Hartungsche Zeitung aus Tilsit meldet, wurde der dortige in den achtziger Jahren stehende praktische Arzt Dr. Heydenreich in seiner Wohnung mit einem Stich im Halse tot aufgefunden. Nach den bisherigen Ermittelungen liegt ein Mord vor. Als Mörder ist der aus Insterburg gebürtige Tapezierer Foermer ermittelt. Er hat die That eingestanden. Die Uhr des Ermordeten und 800 M. wurden im Ofen in Foermers Wohnung vorgefunden. S. Hamburg, 25.April 1901. Der Dampfer Taher ist unweit von St. Mauritius gestrandet. 40 Personen sind ertrunken. ** Metz, 22.April1901. Die Gesamtzahl der Typhuskranken im zweiten Bataillon des 8. bayerischen Infauterieregiments in Metz beträgt gegenwärtig 282, die Zahl der Todesfälle beträgt 12. Ein Zugang an ausgesprochenen Typhusfällen fand in den letzten zwei Tagen nicht statt. Wegen Typhusverdachtes werden gegenwärtig noch zwölf Fälle beobachtet. Im Befinden des größten Teiles der Schwerkranken ist eine deutliche Besserung eingetreten. 60 Paris, 24.April1901. Zwei Fälle von Hungertod werden heute von den Blättern erzählt. In der Rue Jacob(lateinisches Viertel) lebte der siebenundachtzigjährige, aus Ungarn stammende Andreas Huttner. Stets wohlgekleidet verließ er morgens früh seine Wohnung, um erst abends zurückzukehren. Er sprach mit niemand der Nachbarschaft und wurde oft als„ewiger Inde" bezeichnet. Da er seit drei Tagen sich nicht hatte blicken lassen, ließ der Hauswirt seine Wohnung durch die Polizei öffnen. Hüttner lag tot auf dem Bette, der Arzt bestätigte: Tod aus Hunger.— Der fünfundzwanzigjährige Klempner Brault war aus Esconnes gekommen, um in Paris Arbeit zu suchen. Bevor er solche gefunden, waren alle seine Mittel aufgezeyrt. Drei Tage lang irrte er ohne jegliche Nahrung in der Stadt herum, bis er in der Rue Descartes zusammenbrach. Man eilte ihm zu Hülfe, aber der Magen vermochte keine Nahrung mehr zu vertragen, so daß Brault sehr bald den Geist aufgab. D Paris, 24.April1901. Auf dem Bahnhos Protet St. Simon auf der Bahnlinie Toulose=Bayonne stieß heute Nacht ein nach Lourdes gehender Sonderzug, worin sich zahlreiche Wallfahrer befanden, mit einer Lokomotive zusammen. Ein Reisender wurde getötet, vier schwer und über 20 leicht verletzt. ** Bie Bilanz von Monaco. Die soeben veröffentlichte diesjährige Spielbilanz von Monte Carlo ergab im Vergleich mit dem vorigen Jahre eine Abnahme von 60000 M. Die Gesamteinnahmen betragen 19104000 M. Die Dividende ist um 8 M. gesunfen, bekommt doch der Fürst jetzt jährlich 1400000 M. gegen 1 Million Mark, die er früher erhielt. Albert von Monaco sind außerdem weitere 500000 M. für die Erhaltung seiner Leibgarde zugestanden worden, sowie die Bezahlungen der Ausgaben des Hofes ** Kapstadt, 21 April1901. Bisher sind hier 456 Pestsälle vorgekommen, wovon 185 tödlich verliefen. Kapstadt, 25.April1901. Amtlich wird mitgeteilt, die Zahl der in der vergangenen Woche in Kapstadt vorgekommenen Pestfalle beträgt 64, wovon 33 einen tötlichen Ausgang hatten. Unter #rkrankten befinden sich 17, unter den Gestorbenen vier Europäer. Kalkutta, 25.April1901. Ein heftiger Staubsturm suchte am 23. d. Mandalay heim. Der Sturm war begleitet von einen wolkenbruchartigen Regen, der große Verwüstungen aurichtete. Auch sind Verluste an Menschenleben zu beklagen, deren Zahl nach der letzten Nachrichten zwölf beträgt. Vermischtes. ** Der polizeiliche Schutz des Kaisers in Berlin.„Streckenbesetzung"— das ist ein Wort, wodurch jedes Polizeirevier in eine gewisse Aufregung versetzt wird. Besonders jetzt nach dem Bremer Zwischenfall sind entgegen allen Dementis die Vorsichts=, Ueberwachungs= und Absperrungsmaßregeln bedeutend verschärft worden Ueber diesen polizeilichen Schutz des Kaisers berichtet eine Korrespondenz folgendes: Die Polizeireviere, welche an der alltäglichen Strecke liegen, wie z. B. die Reviere 3, 33, 76, die beiden Tiergartenwachen, Revier 32 und die inneren Charlottenburger Reviere, haben meistens die Strecke zu besetzen, d. h. den Weg, den der Kaiser bei seinen Spazierfahrten,=Gängen oder=Ritten vermutlich benutzen wird, zu beaussichtigen und abzusperren. So kommt jetzt fast täglich morgens gegen 8 Uhr und nachmittags gegen 2 Uhr die Depesche an die Reviere:„Die Wagen—(oder Pferde)— für Se. Majestät sind zu 8¾ bzw. 2 Uhr(oder später) bestellt.“ Dann wird es auf den Wachen lebendig. Alle Beamten, welche irgend verfügbar sind, müssen auf die Straße, sodaß auf einzelnen Wachen außer dem Telegraphisten und den Schreibern nur ein Mann zur Besorgung notwendiger Gänge zurückbleibt. Auch die Reviervorstände(Leutnants) sind verpflichtet, sich auf den verkehrreichsten, also auch gefährlichsten Punkten der„Strecke“ aufzuhalten. Nachdem die Beamten durch die Wachtmeister auf die „Strecke“ verteilt worden sind, beginnt die Zeit des Wartens. Wenn auch die Wagen zu 2 Uhr bestellt wurden, so wird es doch gewöhnlich ½5 Uhr, manchmal auch noch viel später, ehe der Kaiser ausfährt. Ebenso häusig kommt es vor, daß der Kaiser einer eigenen Anordnung zufolge einen ganz anderen, als den angesetzten Weg nimmt. Dann weiß von den entlegeneren Revieren, wie z. B. 32 und 33, niemand, wo sich der Kaiser befindet, der vielleicht irgendwo im Tiergarten oder im Grunewald spazieren geht. In solche: Fällen wird es mitunter 6 Uhr, und die„Strecke“ ist noch immer besetzt, ohne daß man vom Kaiser irgend etwas gesehen oder gehört hat. Das soll ziemlich langweilig sein, denn abgelöst darf vor der Präsidialdepesche„Posten einziehen" niemand werden. Wenn endlich die„Strecke“ aufgehoben ist, dann können auch nicht alle Beamten auf einmal zur Wache eilen denn die Straßenposten müssen besetzt bleiben. So kommt es, daß dieser oder jener Beamte statt des nachmittags drei Stunden, deren sechs zu stehen hat. Honneur soll der Schutzmann dem Kaiser auf specielle Anordnung des Monarchen auf„Strecke“ nicht erweisen. Er muß mit„halber Frout“ stehen, d. h. der Beamte soll sich mit dem Gesicht nach der Richtung hin aufstellen, von welcher der Kaiser erwartet wird, so, daß er die„Strecke" bis zum nächsten Beamten übersehen kann. Der Schutzmann muß sowohl das Publikum als auch den Straßendamm und den kaiserlichen Wagen übersehen können. Was er nicht sieht, das bemerken Kriminalbeamte, die ebenfalls auf der ganzen„Strecke“ verteilt stehen und das Publikum überwachen. Geht der Kaiser im Tiergarten spazieren, so sind die dort postierten Beamten in eine schlimme Lage versetzt. Es ist ein strenger Befehl, daß diese Schutzleute„alles“ sehen sollen, aber— sie dürfen sich von dem Kaiser unter keinen Umständen erblicken lassen. Sieht der Monarch einen Schutzmann, so schickt er fast stets einen seiner Begleiter zu ihm und läßt ihm etwas sagen, was nachher zumeist eine Rüge zur Folge hat. Bekanntlich hat der Kaiser einmal vor einigen Jahren geäußert, daß er nicht unter Polizeiaussicht stehen wolle. Entgegen anderen Meldungen will die Deutsche Tagesztg. wissen, daß demnächst in der polizeilichen Ueberwachung des Kaisers auf Auregung des Monarchen eine umfassende Aenderung eintreten wird, da sich das geschilderte System zu aussehenerregend gestaltet und auch zum größten Teil nicht praktisch geuug zeigt. ** Ein moderner Harun al Raschid. Die Neigung Viktor Emannels III. von Italien, überall mit eigenen Angen nach dem Rechten zu sehen, hat für gewisse Kreise seiner Unterthanen schon manche peinliche Situation im Gefolge gehabt, und waren namentlich die Beamten vom Civildienst der angenehmen Meinung gewesen, im traditionellen Schlendrian sich noch weiter ihres Daseins erfreuen zu können, so sind sie inzwischen eines Besseren belehrt worden. ais neulich morgens der Minister des Auswärtigen Prinetti mit seiner Dokumentenmappe im Quirinal erschien, um für verschiedene Vorlagen die Unterschrift des Herrschers einzuholen, legte dieser ein auf die dringend notwendige Vermehrung des Beamtenversonals im auswärtigen Ministerium bezügliches Aktenstück mir der 1 n Bemerkung beiseite, er werde nächster Tage auf diese Angelegenheit zuruckkommen. Gegen 9 Uhr am folgenden Morgen durchsch“, Könia Vittor Emannel unbeobachtet das Portal des Ans## Amte um in den zahllosen Bureauräumen irgend ein lebendes Wesen auszutreiben, das ihm Rede und Antwort stehen könne. Doch es sollie tm wie dem Prinzen in Dornröschens verzaubertem Schlosse ergeben: im äußersten Mansardenstübchen erst stieß er angesen: hageres Mänuchen, das sich mit flinken Fiugern sie der anderen drehte.„Schon so eifrig bei der Arbeit, mein Lieber“ redete der König den seine heutige Ausnahmspünktlichfeit h verwünschenden Sekretär an,„darf ich fragen, wie sich mit dar Vormittagsdienststunden in diesem Ressort verhält, und wan## Herren Kollegen ihre Thätigkeit beginnen hre Seite 4. Kölner Local-Anzeiger Nr. 113= Sonntag, 28. April 1901. zwar die Zeit von—12 Uhr vor, doch pflegt sich selten jemand vor 11 Uhr einzufinden,“ gab der Befragte stotternd zu, in seiner tödlichen Verlegenheit mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge haltend. „Ich weiß genug; lassen Sie sich nicht länger im Rauchen stören, verabschiedete sich ironisch lächelnd der Monarch,„setzen Sie aber beiläufig Ihren Herren Chef von meinem Besuche in Kenntnis!" Das Entsetzen des Ministerialdirektors und die bestürzten Mienen seiner 300 beim Dienstschwänzen abgefaßten Unterbeamten zu schildern, ware des Stiftes eines Hogarth würdig gewesen. Signor Prinetti aber, zum Könige befohlen, erhielt den bündigen Bescheid, anstatt eine weitere Einstellung von Beamten zu erstreben, sei es dringend geboten, die vorhandenen zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten. [0] Die Musik in China. Von P. Stenz. S. V. D. (Abdruck nicht gestattet.) An einem schönen Pfingsttage hatten sich mehr als tausend Christen aus allen Gemeinden meines großen Missionsbezirkes in meiner Hauptstation Tschantjatschuang eingefunden. Die guten Leute, die meist nur in mehr oder weniger armseligen Räumen ihren Gottesdienst feiern können, freuen sich jedesmal auf derartige Feste, die deshalb auch, wenn möglich, in größeren Kirchen gefeiert werden. Die Kirche war mit Blumen und Guirlanden schön geschmückt, und ich suchte den Gottesdienst selbst möglichst feierlich zu gestalten, um auch dadurch die Leute für die mancherlei Opfer etwas zu entschädigen, die sie wegen des Christentums zu bringen haben. Tschantjatschuang hatte eine Musikkapelle, die in der ganzen Mission bekannt war. Auch diese mußte zur Feier beitragen, indem sie während des Gottesdienstes ihre Melodieen spielte. Der Gottesdienst war beendet, und ich suchte für eine halbe Stunde Ruhe in meinem Zimmer. Da höre ich plötzlich, wie aus weiter Ferne, ein leises, dumpfes Rollen, das langsam, wie Gewitterrollen, stärker und stärker wird, zuletzt aber wieder in der Ferne leise sich verzieht. Bei diesem klaren Himmel konnte doch kein Gewitter ausbrechen! Ich ging deshalb hinaus, um die sonderbare Erscheinung mir erklären zu lassen— und sah nun, daß die Christen mir ein Ständchen bringen wollten. Zwei riesige Trommeln waren rechts und links von meiner Hausthüre aufgestellt und wurden in einem gewissen Rhythmus geschlagen. Das ganze Dorf, alle Festbesucher waren herbeigeströmt und lauschten andächtig und still diesen Gewittermelodieen; die beiden Künstler bearbeiteten mit bewundernswertem Eifer die Trommelfelle, bis sie in Schweiß gebadet die Schlägel zwei anderen in die Hände drückten. In meinen Ohren sauste es ob des künstlichen rollenden Donnerwetters ganz gewaltig, zumal nun auch noch zwei andere Künstler losschlugen. Endlich war es mir aber doch zu arg und ich brachte es fertig, dem Gewitter Einhalt zu gebieten. Auf ihren Bambusflöten bliesen sie dann stillere Dudelsacksmelodieen, die, wie die Ruhe nach dem Wetter, wohlthuend wirkten. Ich muß gestehen, als ich zum erstenmal chinesische Instrumen talmufik hörte, glaubte ich in einem Konzerte„geschwänzter Gäste“ zu sein. Das war ein Kreischen und Schreien und Flöten und Quiksen und Gurgeln, untermischt mit dem dumpf rollenden, heftigen Tamtam und schallender Posaune, ohne jeglichen Takt, ohne jede Melodie. Als ich aber später öfter Gelegenheit hatte, die bezopften Tonkünstler zu hören— und selbst ein halber Chinese geworden war—, da wollte mir diese Musik manchmal gefallen. Ich fand da wirklich Rhythmus und Melodieen, die manchmal gar einschmeichelnd und wohlklingend waren. An Trauer= und Begräbnistagen ahmten die Musiker durch Flöten und Klarinetten und Geigen das Klagen und Weinen der Trauernden manchmal recht sinnig nach, während die langgezogenen Posaunentöne, die dazwischen ertönten, wie das plötzlich schmerzliche Aufschreien der Leidtragenden sich anhörten. Ebenso hörte ich auf Theatern und an Hochzeitstagen Melodieen, die wohl geeignet waren, Freude ins Gemüt und Bewegung in die Glieder zu bringen Jedes Volk hat seine eigene Musik und findet gerade diese schön. Um dieselbe zu verstehen, muß man mit dem Volke fühlen gelernt haben. Wie uns die chinesische„Katzenmusik“ anfangs nicht gefällt, so findet der Chinese auch an unserer Musik keinen Gefallen, wenn er nicht durch steten Umgang mit Europäern selbst wenigstens Halbeuropäer geworden ist. Ich habe gesehen, wie Chinesen, die jahrelang europäische Musik gehört, doch noch, wenn sie ihre heimatlichen Weisen wieder hörten, diesen den Vorzug gaben. In den Hafenstädten, wie Singapore, Hongkong, Shanghai, in Amerika z. B. unterhalten sie ihre eigenen Musikdanden, die ihnen nur chinesische Melodieen mit chinesischen Instrumenten vorspielen. Der Chinese liebt die Musik. Wenn nur möglich, hält er sich ein Vöglein(das er selbst auf Spaziergängen im Käfig mit sich führt), das ihm das Leben durch sein liebes Zwitschern versüßen soll. Sehr gern hat der Chinese auch die Grille, die er in winzigen Käfigen im Hause oder im Garten aufhängt. Bei feierlichen Gelegenheiten, besonders bei Hochzeiten, Begräbnissen, bei Theatervorstellungen darf die Musik nicht fehlen. Wie bei uns die hinkenden und nicht hinkenden Boten häufig als Orgeldreher umherziehen, so im„blumigen Reiche der Mitte“ die Blinden. Fahrende Sänger singen und sagen von alten Kaisern und Göttern und begleiten ihren Gesang mit der Cymbel oder einer hölzernen kleinen Trommel, aus der sie mit hölzernem Schlägel oft gar hölzerne Töne hervorzaubern. Die chinesische Musik soll ihrer Bestimmung nach nur dem Gottes= und Ahnenkult dienen und alle Naturreiche sollen durch sie ihre Huldigung darbringen. Der Mensch verherrlicht das höchste Wesen durch seine melodische Stimme, das Tier durch den Klang des gegerbten Felles(Trommel), das Mineralreich ist durch den„Klangstein“(King) vertreten, Metalle liefern Glocken und Tamtam(zum Glockenguß sollen sechs Pfund Kupfer auf ein Pfund Zinn gebraucht werden), die Erde stellt das Hiuen(ein Instrument aus Terrakotta), die Flora dient mit Bambus, Kola bassen u.., Seide liefert die Saiten usw. Als der erste, der die verschiedenen Instrumente zu einem harmonischen Ganzen vereinte, wird der Kaiser Huanti(im 27. Jahrhundert v. Chr.) genannt. Einer seiner Minister ließ aus Bambus verschieden lange und breite Röhren schneiden, die er zu Flöten umarbeitete. Als Grundton des Tonsystems nahm er das k, den Grundton der Natur, an, der auch mit dem Rauschen ### Soanabo(Fluß) übereinstimmte. Von diesem Grunotone ausgehend bildete er ein fünftöniges System. Um den Rauminhalt der Röhren genau zu bestimmen, soll er dieselben mit Hirsenkörnern angefüllt haben, die er dann zählte. Im Laufe der Zeit hatte sich eine reiche musikalische Litteratur gebildet, die aber durch den groben Kaiser Schihuangti(246—209) mit der übrigen Litteratur fast ganz zu Grunde ging. Der Nachkomme des Confucius unterhält für seine Opfer an den großen Ahnen seit unvordenklichen Zeiten noch eine Musikbande in seiner Residenzstadt Küfu, die, wie ich gehört habe, ganz andere Melodieen spielt, als sonst gebräuchlich sind. Ich habe versucht, die Melodieen zu erhalten, aber bis jetzt umsonst. Da in China die mündliche Ueberlieferung sehr viel gilt, so wäre es vielleicht möglich, bei Confucius noch einige der älteren Musikstücke zu finden. Später haben einzelne Männer wieder versucht, die alte Musik zu beleben, doch ist das nicht gelungen. Noch im 16. Jahrhundert wurde das Lülütsingjü herausgegeben, in welchem der Verfasser glaubte, die alte Musik wiedergefunden zu haben. Aber auch ihm ist das nicht geglückt. Aus dem 9. Jahrhundert stammt noch ein Werk über das Trommelschlagen(Khikhulu), in welchen mehr als 100 verschiedene alte Trommelstücke angegeben sind. Lesen wir von der alten chinesischen Musik, so müssen wir notwendig annehmen, daß dieselbe höher gestanden hat als die heutige meist schreiende und lärmende Musik. Sonst kann man die alten Sagen und Legenden von hervorragenden Tonkünstlern nicht begreifen, die durch ihre Musik Menschen und Tiere bezauberten. Der verknöcherte Chinese selbst ist auch nicht mehr leicht zu idealerem Schwunge fähig. Er liebt zwar Musik, aber die Musikanten von Profession sind verachtet und ihre Enkel und Urenkel können nicht einmal zu Staatsprüfungen und höheren Aemtern zugelassen werden. Und doch wird der„weiseste aller Lehrer und aller Zeiten“, Confucius, vielfach mit der Harfe oder Zither abgebildet. Wie die Griechen ihren Orpheus haben, so erzählen die chinesischen Sagen von einem Minister des Kaisers Jao, der so vorzüglich den Klangstein schlug, das Menschen und Tiere unwillkürlich dabei tanzten. Wupa rührte die Harfe so lieblich, daß die Vögel vor Freude ihren Gesang einstellten und die Fische im Wasser tanzten. Tschintsin sang eine Elegie so ergreifend, daß die gerade vorüberziehenden Wolken des Himmels in ihrem Zuge stehen blieben, um seiner Stimme zu lauschen. Von Confucius wird erzählt, er sei durch Musik einmal derart bezaubert worden, daß er tagelang das Essen und Trinken vergaß. Liupang, der Begründer Handynastie(206—195) führte in seinem Heere, das er gegen Pauang zum Kampfe führte, einen Flötenspieler mit sich, der einmal während der Nacht sich an das feindliche Lager heranschlich und seine Flöte blies, so wehmütig, so elegisch, daß das feindliche Heer— davonlief. Derartige„Mondscheinsonaten“ mit solchen Wirkungen kennt der Chinese von heute nicht mehr. Eine eigentliche Notenschrift hat der Chinese nicht. Die verschiedenen Töne bezeichnet er mit einzelnen Buchstabencharakteren. Kaiser Khanghi wunderte sich sehr, als die alten Jesuitenmissionare die Melodieen, die sie hörten, sofort in Noten schreiben konnten. Meistens lernen die Musiker eine Melodie zuerst singen, worauf sie dann dieselbe auf dem Instrumente aus dem Gedächtnisse spielen. 8 Das vollständige Orchester ist reich an Instrumenten. Ich nenne hier nur einige der am meisten gebrauchten. Saiteninstrumente: a. die Sientse und Yöotjin, eine Art Guitarre und Mandoline mit 3 bzw. 4 Saiten; b. Hutjin, c. Huhu, Streichinstrumente mit—4 Saiten, die an einem längeren Bambusstabe unten einen schmalen kleinen Resonanzboden aus Bambus haben; d.’ip'a, e. Guintjin, Art Geigen; k. Jantjin, g. Zeng, Art Zither und Harfe; h. Latjin, Art Streichzither. Blasinstrumente: a Titse, Flöte; b. Siao, Klarinette; c. Nuentse, Pfeife; d. Scheng, Instrument aus verschieden langen, dünnen Bambusröhren, Ton sehr schreiend, ähnlich dem Dudelsack; e. Hao, Posaune. Schlaginstrumente: a. Trommeln verschiedener Größe; b. Luo, Tamtam; c. Cymbeln; d. Holztrommeln. Von unseren europäischen Instrumenten gefallen den Chinesen am besten die Flöte, Geige, Trompete, besonders aber die Spieldose. In meinem Missionsbezirke hatte ich einen Mandarin als Beamten, der sehr europäerfreundlich war und deshalb auch sein Leben mit europäischen Annehmlichkeiten umgab. Er hatte auch ein kleines Harmonium sich gekauft, ohne vom Spielen nur eine Ahnung zu haben. Ich war mit dem Herrn befreundet, und so zeigte er mir denn auch seine Schätze. Ich freute mich, einmal wieder nach langen Jahren Harmonium spielen zu können. Aber wie war das Instrument verstimmt! Da der Herr sah, daß ich auf den Tasten die Finger bewegen konnte, mußte ich trotz aller Verstimmung spielen. Melodie konnte man keine mehr heraushören— aber mein Spiel war„wundervoll, wie das melodische Singen und Zwitschern der Vögel im Walde!“ Spricht man von Musik, so muß man auch vom Gesange etwas sagen. Wie schön ist's in unserer deutschen Heimat, wo frohe Kinderschaaren und kräftige Männer in Wald und Flur, zu Hause und in Versammlungen frische, fröhliche Lieder singen! Wir begeistern uns durch Gesang, wir trösten uns im Gesang, wir drücken alle unsere Gefühle und Empfindungen in Liedern aus. Der Chinese singt nicht. Nur hin und wieder hört man auf den Wegen einen unreifen bezopften Jungen unartikulierte Kehllaute jodeln, die er vom Theater aufgelesen, sonst aber hört man das Volk nicht singen. In Theatern freilich tragen die Schauspieler ihre Rollen mehr oder weniger mit Ausdruck vor, wodurch eine Art Melodie entsteht, die Blinden ziehen von Haus zu Haus und leiern unter Guitarre= oder Holztrommelbegleitung ihre Bettelgedichte her, einzelne Sänger tragen auch auf Märkten oder Schiffen oder in Versammlungen die Heldensagen der Ahnen vor; die Melodieen sind eintönig und der Glanzpunkt ihrer Leistungen liegt immer in dem entsetzlichen Jodler, der kreischend und ächzend aus der Kehle gezwängt wird. Aber das Volk als solches singt nicht. Und doch hat der Chinese so schöne Gedichte und Sagen! Ich möchte nicht gern das Wort des deutschen Dichters auf ihn anwenden:„Böse Menschen haben keine Lieder. Der Chinese ist ein trockener, idealloser Mensch Für die Christen haben die alten Missionare einzelne Melodieen erfunden, die sich schnell und gut eingebürgert haben Sie sind dem chinesischen Charakter angepaßt. Deutsche Me lodieen gefallen dem Volke weniger als die französischen Weisen. selecke. (Nachdruck und Nachbildung aller Teile untersagt.) Zum Sei stark mein Herzi ertrage still Der Seele tiefes Leid. Denk', daß der Herr es also will. Der fesselt und befreit. Und traf dich seine Hand auch schwer, In Demut nimm es an; Er legt auf keine Schulter mehr, Als sie ertragen kann. Schachaufgabe. Schwarz. a b d e* g h a b d Weiß.(544) Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt. Zahlenquadrat. In die neun Felder sind neun aufeinanderfolgende Zahlen derart einzutragen, daß die Summe jeder wagere##ten, jeder senkrechten und jeder der beiden Querreihen 30 betlägt. Entwickelungsrätsel. von wickeln durch Ausrufzeichen angegeben ist 31 D 0 J G 0 R E N R D E N Logogriph. Mit o zieht's von hinnen, Mit a hilft's gewinnen, Wird gezogen, getrieben, Auch läßt es sich schieben Mit e, da begründet's. Wer findet's? Kapselrätsel. Herdenbesitzer, Kaufmann, Meister, Palleska, Scheitel. In jedem der vorstehenden Wörter ist ein anderes Wort versteckt. Die obigen Wörter sind nun so zu ordnen, daß die darin eingekapselten Wörter im Zusammenhang einen biblischen Spruch ergeben. Bilderrätsel (Die Auflösung folgt nächsten Sonntag.) Auflösungen der vorigen Sonntags-Zeilage. Skataufgabe. Kartenverteilung: V. a, eB, aK; bK; cA, 8, 7: dK. D. 8. M. b. dB, aA. 10 D H. b10, D, 8. 7 Skat: bA. dA. 10. D, 9, 8, 7; b9, CD. 7; c10, K, 9; 410, 9, 7. Spiel: 1. V. cA. eD. e10(— 24). 2. V. bK. b9, b10(— 14). 3. H. bD. e7, a7. 4. M. bB, cK. aB(—). 5. V. dD, aA. 07. 6. M. d B, d10, CB(— 14). Hiermit haben die Gegner 60. Wenn der Spieler seine Jungen nicht vorsetzt, geht auf ak noch ein dritter Trumpfstich ab. Füllrätsel. M A I E MS P FE I L A M E R I KA B RI E G 0 K A D A N Akrostichon. a. Alter. Bart, Aal. Alm, Lias, Adel, Abel, Asche, Stern, Eid. v. Walter, Abart, Saal. Halm, llias, Nodel, Gabel, Tasche, Ostern, Neid. Washington. Delphischer Spruch. Ockfer, f. Oper. Bilderrätsel. Aberglaube. Verlag und Druck von J. P. Bachem. Verantwortlicher Redacteur: 8. Reuter in Köuf.