dem zidium. atel. Nähe der Hohepforte. 4 Uhr: die in 3 Acten. se in 3 Acten. Geckenhuus. e von Köln. ageszettel. Der, Ring. Dessert). Lilsen. na nach allen staurateur. riterein. z. eingelad. der nlung 11¼ Uhr im asser Taverne chung ngelegenheit. stands- u. nstitut öln, denstr. 30. sangekündigt -Cursus .November, ige Damen und n können bald. erbeten. ck, trasse 30. als venkranke, 1, I. St., ssen. und—6 Uhr igen—11 Uhr. eph Mies, des Herrn Proer Herren Oberdden und Grase an der Wassen Dr. Mermagen ialb. I. Baum, rzt erkrankheiten, aße 16 nstaufenbad) Vm.,—5 Nm ichprinten Peterstraße 53, er=Hospital. n..Sachem den allgemeiner zn, für den An m. Alle in Kö## Geschäftsstelle und Anzeigen-Annahme Marzellenstraße 20, Ecke d. Bahnhofstr. K Anzeigen-Ureis: Für Röln und Vororte 12½ Ofg. englinen gleis: die einspaltige Zeile; für auswärts 20 Ofg.— Bevorzugt verlangte Anzeigen(erste u. letzte Seite) 20% höher.— Stellen=, Dienst=, Arbeits=Gesuche und=Angebote, Mieth=Anzeigen und dergl. bis zu 10 Zeilen 5 Ofg. die Heile. Jede vierte Einrückung derselben Anzeige kostenfrei. Offerten=Annahme 25 Ofg. 17#ird täglich in jedes Haus von Köln sowie in Deut und allen Ke Vororten unentgeltlich getragen. Für Stockwerke und Hinterhäuser mit Sonntags-Veilage 30 Ofg. monatlich. EEEE kölner Anzeigen=Besteller erhalten bei Dorherbestellung einer ihre Anzeige enthaltenden Nummer(zur Vertheilung oder Versendung an ihre Kundschaft oder in weitere Kreise) dieselbe zu unserm Selbstkostenpreis: ½/ Bogen M..50, 3/4 Bogen.—, ¼/1 Bogen.50 für je 100 Stück. S General-Anzeiger für die rheinische Hauptstadt und Fremdenblatt. ***** Nr. 46.(Colonia.) Sonntags=Beilage. Sonntag, 12. November 1893. Feuilleton des Kolner Local=Anzeiger. 12. Nov. 1893. 6 Die Geschichte eines Partes. Aus dem Tagebuch einer jungen Frau. Von Arpad Berczik. Genehmigte Uebersetzung von Paul Raché.*) Venedig, den 15. April. Kaum drei Tage verheirathet, und ich kann schon aus Erfahrung sprechen! Als Leo mich heute Morgen küßte, fühlte ich etwas unangenehm Kratzendes auf meinen Lppen. Ich sah meinen Mann aufmerksam an, und zu meiner großn Verwunderung bemerke ich, daß sein sonst so glatt rasirtes Gesicht wie ein Stoppelfeld aussah und seine Wangen voller Stacheln waren. „Leo, du hast dich seit zwei Tagen nicht rasiren lassen,“ sagte ich und bemühte mich, richt ernst auszusehen. Er lachte, bog sich zu mir hernieder, schlang seinen Arm um mich und fragte scherzend:„Gefalle ich denn so meiner lieben Victoria nicht?“ „Nein, ganz und gar nicht. So siehst du abscheulich aus!“ „Abscheulich? Wirklich abscheulich?“ fragte er in demselben scherzenden Tone weiter. „Ja, ganz gewiß.“ „Du bist also meine Frau geworden, bloß weil ich hübsch war?“ „Das hat zum mind sten viel dazu beig tra en. Ich würde mich in meiner Eitelkeit gekränkt fühlen, wenn ich meinen Mann nicht zu den schönen Männern zählen könnte.“ Leo begann zu lachen und trat an den Spiegel. „Höre'mal, meine Liebe, so ganz abscheulich finde ich mich nun trotz den Bartstoppeln nicht, im Gegentheil, ich sehe noch ganz passabel aus...'s ist doch ein ganz hübscher Kerl, der mir da aus dem Spiegel entgegenlacht.“ „Ich bin anderer Meirung, und ich hoffe, daß du in diesem Punkte mehr auf den Geschmack deiner Frau sehen wirst als auf deinen eigenen,“ sagte ich und fuhr dann freundlicher fort:„Komm', Leo, sei vernünftig und geh’ zu einem Barbier, geh'.“ Ich glaubte nun nichts anderes, als Leo würde von seinem Stuhle aufspringen, mir einen Kuß auf die Lippen drücken, seinen Hut ergreisen und schleunigst zu einem Barbier laufen, um nach einer Viertelstunde wiederzukommen, mich zu umarmen und zu fragen:„Nun, gefalle ich dir jetzt?“ Aber Leo ist mir heute unbegre flich. Er blieb ruhig in seinem Stuhle sitzen; er griff nicht nach seinem Hute und dachte noch weniger darau, mich zu umarmen. Ja, er ging selbst so weit, mir ganz gelassen zu erklären, daß er den Bart vorläufig noch stehen lassen wolle. „Aber Leo!“ rief ich aus,„ich verstehe dich nicht mehr!“ „Nun, ich glaubte deine Liebe gewonnen zu haben durch die Reinheit meines Charakters, durch mein Herz, meinen Verstand, du scheinst mich aber nur genommen zu haben, weil ich hübsch war. Das kann ich nicht vertragen, und nun will ich dich auf die Prode stellen und sehen, ob du mich auch in einem solchen, wie du meinst, abscheulichen Zustande lieben kannst. Und nun kieide dich an, mein Herz, wir haben von Venedig noch so gut wie gar nichts gesehen. In einer halben Stunde bin ich wieder zurück.“ Und er ging fort. Ich warf mich auf das Sopha und fing an zu weinen. Welch eine Veränderung! Kaum drei Tage sind seit unserer Vermählung verflossen, und schon weigert er sich, mir einen Gefallen zu thun. Sollte es denn wahr sein, daß es für eine Frau kein Glück gibt, außer in der Brautzeit? Sollte denn die Ehe in der That weiter nichts sein, wie ein fortwährender Streit zweier verschiedener Charaktere? Wer hätte es denken können von einem Manne, der noch vor wenigen Wochen so zärtlich, so liebevoll war? O Leo, Leo! Florenz, den 20. April. Seit unserm Aufenthalt in Venedig habe ich mit Leo kein Wort mehr über seinen Bart gesprochen. Ich glaubte, er würde sein Unrecht einsehen und sich den Bart abnehmen lassen. Aber Leo sieht sein Unrecht nicht ein. Der Bart wird immer stärker, die Wangen immer stacheliger... Kein Zweifel: Lo will mich bloß ärgern, er läßt seinen Bart wachsen als einen Widerspruch gegen meine Macht. O. liebe Minna, wie hattest du ihn gleich durchschaut, als du mir sagt st, daß Leo nicht der Mann sei, der sich einer Frau fügen werde Hinter seinem ruhigen, stillen Wesen steckt ein fester, unbeugsamer Wille, und Minna hatte Recht, wenn sie mir sagte, daß ich ihm gleich vom eisten Tage an meine Autorität zeigen musse Minng's Mann hatte die Gewohnheit, fortwährend mit den Beinen zu schlenkern. Minna hatte ihm dies ganz abgewöhnt, und wenn er sich ja ein Mai wieder vergessen sollte, so genugt ein einziger Blick Minna's, und er ist sofort wieder runig. „Aber Leo schleukert nicht mit den Beinen,“ habe ich ihr geantwortet. *) Abdruck ist nicht gestattet. Gesetz v. 11. Juni 1870,§§. 7 u. 10. D. Red. „Doch er raucht, und das mußt du ihm abgewöhnen. Aber da denke ich plötzlich noch an ctwas, liebe Victoria: wenn du ihn dazu bewegen könniest, daß er sich seinen Bart abnehmen ließe.“ Ich erschrak. Welch' ein Verlangen! Der Bart Leo's war ein Prachtstück, und er stand ihm so gut. „Fordere das nicht von mir,“ sagte ich zu Minna. „So willst du also keinen Einfluß auf deinen Mann haben?“ „Nein, es liegt gar nicht in meiner Absicht, über ihn herrschen zu wollen.“ Aber Minna gab sich nicht zufrieden.„Wenn eine Frau ihren Mann leiten will, so thut sie das nicht aus Herrschsucht, sondern nur zur Sicherung ihres ehelichen Glücks. Und übrigens," fügte sie hinzu,„durch dieses Opfer, das er dir bringen soll, lernst du am besten kennen, wie sehr er dich liebt.“ Ich gab nach. Ich habe Leo so lange mit Bitten bestürmt, bis er sich seinen schönen Bart abnehmen ließ,„weil er mir nicht gefiele" In dem Augenblick, als wir in den Wagen stiegen, um nach dem Bahnhof zu fahren, sagte Minna noch leise zu mir:„Sieh' nur zu, daß Lio nicht mit einem Bart zurückkehrt." Gerade, als ob sie ein Vorgefühl gehabt hälte. Florenz, 21. April. Ich befinde mich wirklich in einer verzweifelten Lage und weiß nicht, was ich thun soll. Es gibt für eine Frau drei Mittel, um den Mann nachgiebig zu machen, sagt Minnr: Trotzen, Zanken und Weinen. Aber ich habe mich noch zu keinem entschließen können; denn weder das Eine, noch das Andere liegt in meinem Charakter. Minna, Minna, ich sehe dich schon im Geiste nach dem Bart blicken und sagen:„Ei, ei, dein Mann trägt wieder einen Bart?" Und mir ist auch bange, meinen Einfluß auf Leo zu verlieren, und eine Frau, die ihren Einfluß verliert, verliert auch zugleich ihren Mann, sagt Minna. „Sein Bart muß fort," dachte ich auf's neue, als wir nach Besicht gung des Museums in ein Café gehen und uns dort ein Bißchen erfrischen wollten. Ich sah gerade das Aushängeschild eines Barbiers, blieb stehen und sagte zu Leo:„Mein lieber Leo...“ „Was denn?“ „Nicht wahr, ich habe mit dir nie wieder über deinen Bart gesprochen, seitdem wir Venedig verlassen haben. Du wolltest wissen, ob ich dich nur lieb hätte, weil ich dich hüt sch fand. Nun, ich glaube, du bist wohl jtzt von dem Gegentheil überzeugt. Thu' mir aber auch jetzt den Gefallen...“ Ich zeigte auf den Barbierladen hin. „Wir haben jetzt keine Zeit mehr, und ich habe Hunger," war seine Antwort. „Aber wie kann sich denn Jemand mit einem solchen Gesicht auf der Straße sehen lassen?" fragte ich ärgerlich. „O, Niemand kennt mich hier," erwiderte er lachend. Das Lachen machte mich vollends ä gerlich. „Nun wohl, so gehe ich mit dir auf keinen Fall in das Café." Leo autwortete darauf, daß er mich dann sofort auf mein Zimmer bringen würde. Und das that er auch wirklich! Er hat mich nach unserm Hotel gebracht und ist dann allein wieder fortgegangen. O, was für eine Hochzeitsreise! Pisa, den 24. April. Was habe ich von all' den Merkwürdigkeiten der Stadt bis jetzt gesehen? Nichts! Ich bin so niedergeschlagen, so unlustig, daß es mich nach nichts mehr verlangt. Leo ist desto fröhlicher. Er umarmt mich— natürlich gegen meinen Willen— und ist so freundlich wie sonst. Er erzählt allerlei Lustiges, und ich muß oft darüber lachen, mag ich wollen oder nicht. Meist bin ich auch freundlich, denn es ist schwer, immer ein finsteres Gesicht zu machen. Leo scheint das auch zu sehen, denn neulich sagte er zu mir:„Laß gut sein, Püppchen, thu' nur nicht so, als ob du böse wärst, das kriegst du doch nicht fertig!" Püppchen! Er nennt mich sein Püppchen! So weit ist es schon gekommen? Also seine Puppe bin ich, gut genug, um damit spielen zu können!!! Genua, den 26. April. Heute Abend hat Leo Champagner bestellt und die ganze Flasche allein getrunken! „Als wir in unserm Zimmer waren, hat er mich küssen wollen, aber ich habe mein Gesicht versteckt. „Was hast du denn, Püppchen?“ fragte er verwundert. „Was das=Püppchene hat? Es küßt kein solch stacheliges Gesicht.“ „Immer der Bart!“ „Jawohl, immer und immer wieder, so lange er nicht fort ist.“ Ich mußte ziemlich nachdrucksvoll gesprochen haben, denn mein Mann ließ seinen scherzenden Ton fahren und sah mich so ernsthaft an, als ob er mir durch die Augen in die Seele blicken wolle. Ich dachte an Minna und mußte den Blick niederschlagen. Plötzlich fing Leo an zu lachen, so daß ich verwundert aufblickte. „Sage'mal, ist es wirklich deine Absicht, mich nie wieder zu küssen, so lange der Bart nicht fort ist?“ „Jawohl.“ „Run gut, morgen ist er fort, und nun umarme mich'mal recht schön.“ „Wirklich?“ rief ich freudig aus. „Wirklich.“ Ich flog an seinen Hals... Die Uhr der Domkirche schlug Mitternacht... wir söhnten uns aus, und ich jubelte in meinem Innern:„Er liebt dich doch!“ Nizza, 27. April. Eigentlich sollte sich Leo gleich am andern Morgen den Bart abrasiren lassen; aber der Zug ging so früh, daß keine Zeit mehr dazu übrig blieb. „Aber in Nizza gehst du doch zu einem Barbier, nicht wahr? „Gewiß.“ Die Riiera ist doch ein herrliches Land, besonders wenn man am Morgen nach einer Versöhnung hindurchreist mit einem Manne, den man liebt und von dem man wieder geliebt wird. Für ein Liebespaar kann kein anderer Weg schöner sein. Welch' eine Menge Tunnels! Ein Engländer saß mit uns im gleichen Abtheil. Nach dem dritten Tunnel stieg er aus und nahm in einem andern Waggon „Wir haben ihn durch unser Küssen fortgejagt,“ sagte Leo, sich vor Lachen schüttelnd. „Wie kann das möglich sein? Es ist ja in den Tunnels so dunkel, daß er nichts hat sehen können.“ „Aber gehört hat er's, Schatz,“ sagte Leo und— nun, es war gut, daß wir allein waren; denn dies Mal hätte er es wirklich gehört. Nizza, 28. April. Leo hat mir einen Possen gespielt! Heute Morgen habe ich ihn zum Barbier geschickt, er ist auch fortgegangen und wieder zurückgekommen— aber immer noch mit seinem Bart. Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu dürfen. „Leo!“ „Und?“ „Dein Versprechen?" „Was für ein Versprechen?“ fragte er ruhig. „Du hast doch vorgestern Abend in Genua versprochen, dir den Bart abnehmen zu lassen?“ „Ja, richtig, das habe ich allerdings versprochen.“ Diese Ruhe, dieses fortwährende Lächeln auf seinem Gesichte machte mich sprachlos. „Du willst dein Versprechen nicht halten?“ rief ich endlich in heftigem Zorn aus. „Ich würde deinen Wunsch recht gern erfüllt haben; aber ich habe seit einigen Tagen wieder Zahnschmerzen, ich muß mich wohl erkältet haben, und um das Kinn besser zu schützen, will ich den Bart liebr stehen lassen.“ „Ich starrte ihn unbeweglich an. So etwas war doch unerhört. „Komm, Fräuchen, wir wollen ein Bißchen spazieren gehen,“ sagte Leo dann in einem Tone, als ob nichts vorgefallen wäre. „Geh' allein,“ antwortete ich kurz. „Auf Wiedersehen denn.“ Und mit leichtem Schritte ging er fort. Ich setzte mich hin und weinte vor Aerger. Nizza, den 29. April. Wie soll das enden? Ich weiß es nicht. Die Beleidigung ist so schwer, daß von Versöhnung keine Rede sein kann. Mit Leo habe ich seit gestern kein Wort mehr gesprochen. Endlich muß er doch nachgeben. Ich hatte mich so auf Nizza gefreut, und nun sitze ich hier den lieben langen Tag in meinem Zimmer und langweile mich. Nizza, den 30. April. So kann es nicht länger fortgehen, es muß bald zu einer Entscheidung kommen. Aber Loo ist immer so ruhig, so freundlich und gibt nie Veranlassung zu einem Streit. O, dieser Bart! Wie er wächst und jeden Tag größer und stärker wird! Nizza, den 2. Mai. Ich habe Leo erklärt, daß wir nicht länger in Nizza bleiben, sondern nach Paris gehen wollten. „Aber du hast ja noch gar nichts von Nizza gesehen!“ Das Herz wollte mir fast brechen bei dem Gedanken, daß wir diese herrliche Gegend verlassen sollten. Aber— ich durfte auf keinen Fall nachgeben. Paris, den 10. Mai. Hier mache ich es nicht, wie in Nizza; denn ich allein hatte darunter zu leiden. Wir gehen zusammen spazieren, besichtigen alle Merkwürdigkeiten, gehen in's Theater, in Concerte— aber unsere gegenseitige Unterhaliung ist kühl und gemessen. Paris, den 12. Mai. Diesen Abend waren wir in der Comédie Francaise. Es ist bis jetzt immer noch zu keiner Entscheidung gekommen.„Heute oder nie,“ Seit. 2. Kölner Local-Anzeiger Nr. 46= Sonntag, 12. November 1893. sagte ich zu mir, während wir die Treppe zu unserm Zimmer hinaufstiegen. Leo summte eine lustige Melodie vor sich hin— natürlich nur, um mich zu ärgern. Der Gegensatz zwischen seiner und meiner Stimmung war zu groß, als daß ich hätte ruhig bleiben können. Als wir auf unser Zimmer kamen, standen mir die Thränen in den Augen, und ich fing an zu schluchzen. Wie lange ich auf dem Sopha gelegen und geweint hatte, weiß ich nicht. Mit einem Male war es mir, als ob Jemand neben mir schnarche. Es war Leo. War das möglich? Während ich weinend da lag, war er ohne ein Wort zu sprechen eingeschlafen. Er konnte schlafen! Mit einem Sprung war ich bei ihm und schüttelte ihn heftig. Er öffnete langsam die Augen, gähnte und fragte dann erstaunt, was es gäbe. „Morgen früh reise ich geradeswegs nach Hause zurück.“ „Aber ich nicht.“ „Dann reise ich allein.“ „Allein? Wie du willst!“ Nach diesen Worten drehte er sich nach der andern Seite und schlief ruhig weiter. Das war zu viel. Das Blut stieg mir nach dem Kopfe. Ich faßte ihn an der Schulter und rief mit zitternder Stimme:„Du sollst nicht schlafen, ich will nicht, daß du schlässt.“ „Aber ich bin todtmüde.“ „Desto schlimmer," rief ich, und nicht mehr Herr über mich selbst, warf ich mich an seine Brust und schluchzte:„O, Leo, warum liebst du mich nicht mehr?“ „Was sagst du da?“ „Wozu die Frage?... Du weißt es ganz gut, stelle dich nur nicht unschuldig.“ Leo schwieg einen Augenblick; dann flüsterte er mir zu:„Aergerst du dich noch immer über den Bart?“ Ich nickte. „Ja, liebes Kind, was hast du denn eigentlich gegen meinen Bart?“ „Früher hätte es mich nur ein Wort gekostet und du thatest alles, was ich wollte.... O, damals warst du auch noch mein Verlobter und ich dein Mädchen, das du liebtest; jetzt bin ich deine Frau, und was brauchst du denn deiner Frau ein Opfer zu bringen!" Leo richtete sich auf, nahm meinen Kopf in seine Hände und sah mich lächelnd an. „Bist du es, die das Opfer verlangt?“ „Nun, wer denn anders?“ „Vielleicht ist es bloß dein Eigensinn, und Minna ist die Ursache, wie?“ „Leo!“ Ich brachte nur dies eine Wort hervor. Ich fühlte, wie meine Wangen glühten, mein Herz klopfte— Leo wußte alles! Ich war gefangen! Ich wollte mich aus seiner Umarmung los machen, doch er hielt mich fest. Dann holte er seine Brieftasche und übergab mir ein Schreiben. Ich las: „Budapest, den 12. April. „Lieber Freund! „Du wirst Dich jedenfalls wundern, schon auf der ersten Station Deiner Hochzeitsreise einen Brief von mir zu erhalten. Ich würde Dich auch in Deinem jungen Eheleben keine Minute stören, wenn ich nicht eine wichtige Ursache dazu hätte. Heute bekam meine Frau Besuch von einer Freundin, und beide führten ihre Unterhaltung im Nebenzimmer so laut, daß ich unwillkürlich Z uge derselben wurde. Das Gespräch drehte sich um uns Männer. Minna rühmte sich zuerst, wie sie mich von meiner Angewohnheit, mit den Beinen zu schlenkern, abgebracht hätte und jetzt vollständig Herr über mich wäre. Auch Du würdest bald unter dem Pantoffel stehen, meinte Minna und fuhr fort:„Ich bin nur neugierig, ob er mit oder ohne Bart zurückkommt. Kommt er mit Bart zurück, so ist das ein Zeichen, daß er Herr und Meister ist, im andern Falle steht er unter dem Pantoffel seiner Frau.= Als ich dies hörte, bin ich sofort in mein Bureau gegangen, um Dich zu benachrichtigen. Nachher will ich meiner Frau'mal was Odentliches vorschlenkern. Ich bin neugierig, was sie für Augen machen wird. Du weißt also, was Du zu thun hast. Laß Deinen Bart ordentlich wachsen und gedeihen. Lebe wohl! Arthur." Ich konnte vor Lachen und Aerger kein Wort hervorbringen. Aber Leo war so edelmüthig, mir mein Bekenntniß zu ersparen. Er verschloß mir den Mund mit einem Kuß. „Keines von uns Beiden soll herrschen, sondern wir wollen die Macht theilen. Nicht wahr, mein thörichtes Weibchen?“ „O, Leo!“ Budapesth, den 30. Mai. Minna hat uns heute mit ihrem Manne in unserm neuen Heim besucht. Als sie kam, umarmte sie mich und blickte dann auf Leo.„Das ist doch dein Mann nicht?“ „Natürlich!“ „Ich würde ihn gar nicht wiedererkannt haben," und zu Leo gewandt, fuhr sie fort:„Sie tragen wieder einen Bart?“ „Allerdings,“ antwortete mein Mann.„Auf der Reise hatte ich viel von Zahnschmerzen zu leiden, und da rieth mir Victoria, doch wieder den Bart stehen zu lassen. Sie glaubt das Kinn so besser vor Kälte geschützt.“ Ich warf Leo einen dankbaren Blick zu. Was für ein lieber, guter Mann ist er doch Wir setzten uns. Arthur beginnt mit dem Fuße zu schlenkern. Minna wirft ihm einen der berühmten Blicke zu. Arthur thut, als ob er gar nichts bemerkt. Minna beißt sich ärgerlich auf die Lippen. Arthur sieht es nicht; er schlenkert mit dem Fuße, daß es eine Lust ist. „Arthur, du machst mich noch nervös mit deinem Schlenkern," lricht Minna endlich los. „Ach so, entschuldige,“ sagte Arthur. Er hört einen Augenblick auf, und dann begann das Schlenkern von neuem. Westdeutschland. * Trier, 8. Nov. Ueber den Eisenbahn=unfall wird amtlich Folgendes gemeloer:„Der 5 Uhr 10 Min. Nachmittags von Trier l. M. nach Ehrang fahrende Personenzug entaleiste gestern Abend bei der Einfahrt in den Bahnhof Ehrang in Folge eines verborgen gebliebenen Schadens am Weichengestänge. Locomotive und Packwagen stürzten um, wobei Locomotivführer und Heizer durch Verbrühen erheblich verletzt wurden. Sonstige Personen wurden nicht verletzt, und auch der Schaden am Material ist verhaltnitzmäßig kein sehr bedeutender. Bis Abends 10 Uhr war die Strecke nach Trier l. M. vollständig und von der Bahn nach Trier r. M. ein Geleise gesperrt.“ Wie bereits durch den Draht gemeldet, sind die beiden Verletzten in verflossener Nacht gestorben. 3.=Gladvach, 10. Nov. Der Dom von Altenberg, dieses altehrwürdige Denkmal aus der Blüthezeit des Mittelalters, zieht auf's neue die Blicke des Staates und der Kunstfreunde auf sich. Der Staat läßt die verfallenen Grabmäler der bergischen Herzöge wiederherstellen, und ein Kreis von Privaten hat sich die Aufgabe gestellt, Mittel für die Wiederherstellung der unschätzbaren Grisaille=Fenster zu beschaffen. Fünf bunte Grisaille=Fenster sind bereits bestellt, und ihre Ausführung ist mit Genehmigung des Cultus=Ministeriums dem Glasmaler Architekten Linnemann in Frankfurt übertragen worden. Ein Autependium, die Grablegung Christi in Bronze=Relief darstellend, wird in nächster Zeit an einem Seiten=Altar des Domes eingefügt. Es ist zu wünschen, daß das Interesse für den bergischen Dom, der bekanntlich paritätisch ist und abwechselnd in getrennten Theilen und an verschiedenen Tagen von Angehörigen der katholischen und protestantischen Confession benutzt wird, allerorten erwacht. Der Herr Erzbischof hat einen Vortrag über diese Angelegenheit freundlich entgegen genommen und seinen Antheil an der Sache bekundet. dt Düsseldorf, 8. Nov. In der gestrigen geheimen Sitzung der Stadtverordneten wurde beschlossen, für die beim Bau des Lagerhauses vorgekommenen Fehler die Hafenbau=Gesellschaft im Proceßwege für den der Stadt entstandenen Schaden verantwortlich zu machen; ferner gegen die bei der Sache betheiligten Beamten des städtischen Tiefbau=Amtes das Disciplinar=Verfahren zu beantragen und dieselben civilrechtlich für den Schaden haftbar zu machen. Es wurde des weitern beschlossen, das Protokoll über diese Verhandlungen der geheimen Sitzung so ausführlich zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, daß die Bürgerschaft über den Stand der Angelegenheit vollständig aufgeklärt werde. Td Düsseldorf, 9. Nov. Am 4. November verschwand hier ein bis dahin auf der Güter=Expedition beschäftigter Kassenbote, ohne daß man einen Grund für sein Verschwinden anzugeben wußte. Gestern kehrte der Bote freiwillig zurück und gab die Erklärung ab, daß von einer größern eincassirten Summe ihm 2000 M. abhanden gekommen seien und er sich deshalb aus Angst entfernt habe. Ob die Sache sich demgemäß verhält, werden wohl die polizeilichen Ermittelungen ergeben.— Wegen Kindesmordes wurde hierselbst ein Dienstmädchen verhaftet, das in einem Heuschober zu Obercassel sein neugeborenes Kind versteckt hatte. Ob das kleine Wesen nach der Geburt noch gelebt, wird die eingeleitete Untersuchung feststellen. * Emmerich, 7. Nov. Ein mit Kohlen beladenes Schiff stieß auf der Thalfahrt beim Laviren heute Vormittag gegenüber der Stadt auf einen vor Anker liegenden Dreimaster und sank sofort. Die Mannschaft vermochte, laut der Rh. und.=Ztg., sich zu retten, jedoch unter Verlust aller ihrer Habe. Beide Masten des Schiffes mit den Segeln ragen weit aus dem Wasser hervor. X: Essen, 10. Nov. Heute Morgen halb acht Uhr wurde der Raubmörder Gustav Uebelgünn aus Sprockhövel durch Scharfrichter Reindel aus Magdeburg auf dem Hof des hiesigen Amtsgerichts hingerichtet. pl Sterkrade, 8. Nov. Ein schreckliches Unglück hat sich in der Nachbargemeinde Hiesfeld zugetragen. Ein junger Mann machte sich mit einem Gewehr zu schaffen, welches er allem Anschein nach nicht zu handhaben verstand, denn dasselbe ging plötzlich los und der Schuß traf den jüngern Bruder so unglücklich, daß derselbe hierdurch seinen Tod fand. pi Styrum, 8. Nov. Aus dem Bureau des Leim=Fabricanten Schöner wurde in einer der letzten Nächte ein kleiner eiserner Geldschrank mit über 5000 M. Inhalt gestohlen. Alle Versuche, den Geldschrank zu zertrümmern, waren erfolglos geblieben. Man fand denselben unversehrt in einem kleinen Gebüsch auf der Dümptener Grenze unter Laub versteckt. Die Polizeibehörde hat auf die Entdeckung der Diebe eine Belohnung ausgesetzt. Ib Mainz, 10. Nov. Die Strafkammer des hiesigen Landgerichts verurtheilte in ihrer letzten Sitzung einen gefährlichen, vielbestraften Hochstapler und Gauner, den Pferdehändler Levi Süßkind aus Wickerath, der in dem letzten halben Jahr hier und in andern Städten mittels entwertheten americanischen Papiergeldes größere Summen Geldes sich erschwindelte, zu fünf Jahren Zuchthaus, 600 M. Geldbuße und fünf Jahren Ehrverlust. Um seine Opfer, größtentheils Hoteliers, Kellner usw., leichter zu fangen, gab Süßkind ihnen zuerst echtes americanisches Papiergeld, und alsdann am folgenden Tage aber größere Summen werthloses americanisches Geld als Zahlung oder Pfand. Ehe Süßkind, der bereits zwölf Jahre im Zuchthaus zugebracht, die hier gegen ihn erkannte Strafe antritt, wird er noch von einer Reihe auswärtiger Gerichte, Mannheim, Karlsruhe, Straßburg, wegen gleicher Gaunereien abgeurtheilt werden. Wochen=Planderei. „Von der Maas bis an die Memel“ klingt das Lied, dem Deutschland über alles geht; von der Memel bis zum Rhein reist der deutsche Generai=Postmeister, Doctor und Dichter v. Stephan zur Einweihung neuer Postpaläste. Vor wenigen Wochen in Memel— am Mittwoch, der da kommen soll, ist er in Köln. Wo einst die frommen Prediger=Mönche des h. Dominicus durch die langgewölbten, feierlich widerhallenden Gänge wanderten, lehrend und meditirend, wo dann, an Geist so verschieden, das Volk des Mars sich niederließ— an dieser Stelle ragt heute der neue Kölner Postpalast empor, wohl abgesteckt und geradlinig, wie ein römisches Castrum, mit vier Eckthürmen bewehrt und drinnen mit zwei großen Höfen gleich Herzkammern, aus denen es in die Adern des Weltverkehrs strömt und die aus dessen Adern wiederum das Ihrige empfangen. Hier thront Gott Mercur und verfügt über seine Unterthauen Dampf und Blitz, über Eisenbahn, Dampfer und Telegraph, Tag wie Nacht gönnt er dem Getriebe nicht Ruh, nicht Rast, nicht einen Augenblick der Beschaulichkeit. Stillstand ist Ruckschritt, und nur der Fortschritt wird hier anerkannt. Er überschwemmte längst mit seinen Wogen altes, versunkenes Land, das Land der Romantik. Hin und wieder dringt noch ein Glockenklang märchenhaft aus der Tiefe der Zeu zu uns herauf, hin und wieder spitzen wir das Ohr, um einen Schall aus jenen Tagen zu vernehmen, die wir selbst vielleicht nicht mehr erlebt und von denen nur die Vorfahren uns zu erzählen wissen. Ein Klang aus jenen Tagen, wo, in lieblicher Maiennacht die Silberwölkchen flogen und Lenau's Postillon auf rasselndem Wagensitz schmetternd und schmelzend dem todten Kameraden, der da drüben am Bergeshang ruhte, ein Lied zur ewigen Ruhe blies. Dem Kameraden hat seitdem die wohllöbliche Behörde nach dreißigjähriger Nutznießung sein weiteres Anrecht an die Ruhestätte schon lange aberkannt, das geschmeidige Scepter des Postillons aber ist mit Trauerflor hinübergegangen mit vielen andern in das große Museum der Vergangenheit, und sein Schneckenhörnlein verstummte. Verstummte? Nicht ganz, aber es ist nicht mehr das Lied der Romantik, was es hinausschmettert, es ist nicht der lauschende Wald, der den Gruß mit tausend Ohren auffängt und durch den Mund des Echo dankbar erwidert. An Straßen=Kreuzungen, in wogendem Meer des Menschen= und Karren=Verkehrs, in der großen Stadt, dort pflegt der moderne Mensch fast allein noch die Weise des Postillons zu vernehmen: aber sie klingt ihm mehr warnend, als erfreuend, weniger sich selbst Zweck als das ausposaunte Bekenntniß rücksichtsloser Unaufhalisamkeit. Und an den Riesenfronten der Häuser bricht sich der Schall, hart zurückgeworfen, seine Wellen vermischend mit dem chaotischen Straßenlärm, der für das Ohr, was für das Auge der Staub der Straße ist, ein Getöse, grau wie der Staub, gemischt und unentwirrbar. Sich selbst Zweck wird dies eine Mal das Lied des Posthorns sein, beim Einzug des General=Postmeisters, beim feierlichen Umzug aus dem alten in das neue Heim; aber es ist das Massenaufgebot einer wochenlang wohl eingeschulten Bläserschwadron, die nicht aus ihrer Seele, sondern nach vo geschriebenen Notenblättern bläst. Das wird recht schön, recht feierlich, recht malerisch und bunt— und es ist bei uns auch noch nie dagewesen. Selbst die postrothesten Doppelstreifen an der neuesten Postmütze, selbst der zierlichste Degen an der Hüfte des hoffnungsvollsten Aspiranten wird darob in den Schatten der Bedeutungslosigkeit versinken; aber das ganze Heer der Beamten und Diätare wird dem schmucken Corps seinen Triumph gönnen und vielleicht in diesen Augenblicken des Festgefühls seine Assistenten=, freiwillige Sammlungs= und Gehalts=Schmerzen eben so vergessen, wie die Kölner Handelskammer ihre Telephonschmerzen. „Wir halten nichts nach, Excellenz“— und veranstalten Ihnen zum Beweise dessen mit Vergnügen eine Ehren=Mahlzeit. Die Stadt Köln aber muß schon der Kundschaft wegen ein Uebriges thun— bezieht doch die Post von ihr die Elektricität— im städtischen Bewirthungshause. Und dann— wie wär's mit einem neuen Ehrenbürger? Fürst Bismarck fühlt sich doch schon längst vereinsamt an der hohen Spitze unseres Adreßbuches. Dazu hat Postmeister Stephan auf seiner aufstrebenden Laufbahn mitten unter uns lange Zeit den Marschallstab im Tornister getragen. Sollte Jemand verlegen darum gewesen sein, wie ihm eine besondere Ehrung zu bereiten, so schmeicheln wir uns, allen derartigen HerzensBeklemmungen durch den Hinweis auf das Adreßbuch ein Ende bereitet zu haben. Wenn man hohe Herren gebührend feiert, werden Sinn und Sitte ihnen mild. Carpe diem, sagt Horaz, nutze den Tag, und zeige, wie rückschrittlich es wäre, wenn nun doch noch das Packetporto erhöht werden sollte. Bestärke unsern General=Postmeister in dem Gefühl seiner Herrschaft, daß er sich nicht hinten herum auf dem Wege der Besteuerung der Postpacket=Adressen eine thatsächliche Erhöhung des Porto's ablisten lasse. Der kaiserlich deutschen Post nutzt es nichts und dem Publicum macht es keine Freude. Doch, da sind wir bei dem bekannten Punkte angelangt, wo die Gemüthlichkeit aufhört, und wir wollen uns doch selbst den Spaß nicht verderben. Versuchen wir lieber noch einen Griff in die Nähe und in die Gegenwart, ob sich nicht doch ein Stück Post=Romantik oder ein Joyll herausfischen läßt. Stilles Waldthal, rauschende Mühle wer sie als nothwendiges Requisit dazu verlangt— der kann sich freilich z. B. nicht mit einer Postfahrt von Grevenbroich über Bocklemünd nach Köln zufrieden geben. Wer aber schon darin eine reine Freude findet, vor der Sonne zu erwachen, in der Morgenfrische mit gehobener Brust hinfahrend durch die vierscheibigen Feuster der rasselnden Postkutsche nach den blauen Wirbeln auszulugen, die wie frohe Mückenschwärme auf den ländlichen Kaminen tanzen und über das Gesände dann als Duftschleier sich breiten, ganz anders als die dickgeballten Qualmwolken der städtischen Fabrikschlote; wen die bethauten Halme und Baumkronen wie im Verständniß grüßen und das fern verschwebende Morgen=Ave der in die gesegneten Gefilde verstreuten weißen Thürme an so viel Tausende erinnert, die täglich fromm ihr Tagewerk auf der Scholle beginnen— der kann auch dort, wo einst die Wasser meilenweit das Land geglättet, in der eintönigen Ebene mehr als einen sympathischen Ton finden. Das ist so etwas wie Feriengefühl— aus der Anspruchslosigkeit eines kindlich empfindenden Herzens sprießen solche Freuden. Vielleicht, daß der Schwager auch bei einem Schlagbaum Halt macht, der sich noch in die Zeit der Freiheit von Wegezoll — leider nicht von Brückenzoll— hinübergerettet hat; an einem Schlagbaum, der uns jene Zeit der Duodez=Herrschaften im Lande mit ihrer amtsgewichtigen Paßbehandlung und Zollverwaltung in die Erinnerung zurückuft. Freilich sind diese Schlagbäume heute so selten wie altpreußische Freimarken. Dort, wo solch ein ZebraBalken noch seine Schattenlinie quer über die Straße wirft, war einst unter demselben schützenden Dach der Sammelpunkt regen Verkehrs, Hotels ersten und dritten Ranges, Unterschlupf und Erquickung für jeden Stand, den Diplomaten auf Reisen und den Gesellen auf der Walze, ein Mittelpunkt des Verkehrs und damit manchfachen Erwerbs, Schmied, Sattler und Wagenbauer obenan. Unsere neuen Postpaläste sind jenen Stationen an der Landstraße darin ähnlich; auch sie werden zu Erwerbsmittelpunkten, aber die Rollen haben stark gewechselt, und Handwerker sind es nicht mehr, welche da auf der Bühne des Tageslebens im Vordergrunde stehen. Wollte man den Kölner Wasserthurm an einen ganz andern Punkt der Weltstadt Köln versetzen, es würde wohl nicht viel schwieriger sein, als dem Kölner Telephon=Netz einen andern Mittelpunkt geben. Darum macht auch die Telephon=Centrale den Umzug, wo alles Sonstige zieht, nicht mit und bleibt an ihrer alten Stelle; darum wird man auch die kaiserlich deutschen Telephonistinnen in dem festlichen Aufzug des nächsten Mittwoch vermissen. Vielleicht bietet sich später ein Mal Gelegenheit. Seit die Damen der Heilsarmee uniformirt durch die Straßen marschiren, werden kaiserlich deutsche Telephonistinnen in Uniform wohl auch einen Achtungs= und keinen bloßen Neugier=Erfolg haben. Und nun mag General=Postmeister Stephan kommen, um vierspännig den Triumph zu feiern, den der Kölner Senat ihm bewilligt hat; mag Köln sich eines guten Geruchs bei ihm erfreuen — schwer wird das ja bei all', den Johann Maria Farinas nicht fallen. Der alte Meidinger erzählt in seiner Anekdoten=Sammlung von einer robusten westsälischen Dienstmagd, welche mit einem däftigen Holz=Eimer beim Apotheker erschien und en bitken Kölsch Water verlangte. Als wenn— je nun, das weiß ja jedes Kind, daß man Kölnisches Wasser nicht eimerweise kauft. Und doch ist das, Kölner Local-Anzeiger Nr. 46= Sonntag, 12. November 1893. Seite 3. Irrwas jedes Kind weiß, ein Irrthum— wenigstens dann ein thum, wenn wir aus der ganz besondern Betheiligung des Provincial=Steuerdirectors in Köln an dem neuesten Feldzug gegen die Parfumerie=Fabrication auf unser edeles Kölnisches Wasser schließen dürfen. Besagter Feldzug ist eröffnet worden, nachdem der SteuerFiscus mit Nase und Zunge sich davon überzeugt hat, daß aus gewerblichen Gründen steuerfreigelassener Spiritus so ein Bißchen wohlriechend, aber darum nicht ungenießbar gemacht und dann faßweise unter der Flagge Parfumerie zum Verbrauch als Schnaps abgesetzt worden ist. Gewiß eine ganz nette Abwechstlung, daß auch der Schnaps ein Mal, nicht nur der Wein allein,„Blume hat, vielleicht gar„mille fleurs“, woran selbst ein Cabinetswein nicht tippen kann. Aber es ist und bleibt doch Betrug, wenn man den Staat auf solchem Wege um seine sauer erworbenen Ansprüche Trinkschnaps brinat. Von nun an wird es vorsichtshalber an den Trinkschnaps bringt. Von nun au wur wieder so sein, wie jedes Kind bisher es wußte: die wohlriechenden Wasser dürfen nur mehr in Schoppenfläschchen verzapft werden die die größern, hübsch umflochtenen Flaschen sind verpönt, und die Auslagen der Schaufenster müssen sich fürder mit einem Liliput flaschen=Geschlecht begnügen, das zum Ersatz gewiß eine noch großere Manchfaltigkeit der Form erhalten wird. Wo, wann und wie dem Fiscus eine Nase gedreht worden ist, darüber bewahren die Acten eine gewissenhafte Verschwiegenheit; es wird auch Keinem einfallen auf die guten Kölner Firmen zu zeigen, die ihr Fabricat sicher nicht zum Schnaps entwürdigen werden. Daß die beste véritable, double Eau de Cologne der verschiedenen Gegenüber, der Nonne und Klosterfrau schon seit Jahren als edeler Schnaps genossen wird, dafür können sie nicht. Aber es ist so, wenn die mit nur halb lauter Stimme erzählende Londoner Scandal=Chronik nicht lügt, was sie aus den Boudoirs von Ladies und Misses berichtet. Aber was will das Brr des zart besaiteten Wesens, das hierüber sich entsetzt, sagen gegenüber dem Wohlbehagen, mit dem der Russe an de Grenze unserm Spiritus Denaturatus maßvoll huldigt? der ∆ Was draußen vorgeht. Der Ausfall der preußischen Landtags=Wahlen ist jetzt vollständig zu übersehen, nachdem auch die Wahlmänner ihr Geschaft besorgt. Zunächst sei erwähnt, daß das Centrum seinen Besitzstand bis auf drei Mandate behalten hat; verloren ging der Sieg in Tuchel, welcher nur vorübergehend Dank besondern Umständen gewonnen worden war, verlosen gingen dann auch die beiden Sitze in Ratibor, wo das Centrum Jahrzehnte lang einen festen Besitz besessen hatte. Der Verlust ist einer entwürdigenden Schacherei eines Theils der dortigen Centrumspartei mit den Frei=Conservativen zuzuschreiben, der Lohn dafür war, daß den Geschäftsmachern die Felle sämmtlich davon trieben; denn die Frei=Conservativen haben ihre Mehrheit rücksichtslos ausgebeutet, als sie sahen, daß die Centrumspartei, die an ihrem eigenen Leibe gewüthet, keine zu fürchtende Größe war. Die Zusammensetzung des neuen Abgeordnetenhauses ist folgende: 147 Conservative, 59 Frei=Conservative, 90 National=Liberale, die sich um vier Mann verstärkt haben, 95 Centrum, 17 Polen, 14 Mitglieder der freisinnigen Volkspartei, 6 von der freisinnigen Vereinigung, 2 vom Bund der Landwirihe, 2 Dänen und Einer von unbestimmter Parteirichtung. Wie man sieht, ist es dem National=Liberalismus nicht gelungen, diejenige Mehrheit aus der Welt zu schaffen, welche für ein Schulgesetz auf entschieden christlicher Grundlage stimmen könnte. Da er gerade mit Bezug auf das gefallene Zedlitz'sche Schulgesetz seine Agitation vor der Wahl einrichtete, könnte er somit sich geschlagen fühlen, wenn er nicht noch an dem beruhigenden Bewußisemn zehrte, daß ja auch damals das christliche Schulgesetz gefallen ist, als der Liberalismus nicht die Mehrheit hatte. Und wenn es gelten sollte, durch Erhebung lauten Geschrei's wiederum Eindruck zu machen, eine„Gefahr“ zu beseitigen, so wollen die Herren National=Liberalen das Nöthige schon zum zweiten Mal besorgen. Von besonderm Interesse ist noch, daß in dem Abgeordnetenhause nicht weniger als 43 Landräthe sich befinden— welche Aussichten für solche Leute, welche das Abgeorductenhaus am liebsten zu einem Zweige der Staatsverwaltung machen möchten! Die neuen Steuer=Vorlagen zur Herbeiführung der ReichsSteuerreform sind dem Bundesrath zugegangen. Diese„Reform“ besteht darin, daß 100 Millionen neue Steuern aufgebracht werden sollen, 60 Millionen für die neue Militair=Vorlage und 40 Millionen, um sie den Bundesstaaten zu überweisen, ohne daß diese Bundesstaaten vom Reiche irgend etwas verlangt hätten. Damit will also der Erfinder des neuen Steuerplanes die Bundesregierungen einfach für seine Elfindung ködern. Es handelt sich um indirecte Steuern; statt diese so hoch anzusetzen, als das Bedürfniß des Reiches es erfordert, werden sie um höher angesetzt, damit eben dieser Köder für die Bundesstaaten mit abfalle. Sonderbares Verfahren! In Aussicht genommen ist zunächst eine Besteuerung von Actien, Staatspapieren, Provinz= und Gemeinde=Papieren, Quittungs=Steuer, Check=Steuer, Erhöhung der Eisenbahnfrachten unter dem Namen einer Besteuerung der Ladescheine und Frachtbriefe. Ferner eine Tabak=Steuer, welche eigens erfunden zu sein scheint, um die lange deutsche Pfeife aus der Welt zu schaffen. Nachdem schon die Steuer der achtziger Jahre den Rauchtabat wesentlich vertheuert hat, soll er jetzt weiter mit zwei Fünfteln seines Verkaufswerthes besteuert werden, Cigarren haben dagegen nur ein Fünftel Steuer=Eihöhung zu tragen, Schuupftabak dafür aber sogar eine Vertheuerung um die Hälfte. Schließlich kommt noch die Winsteuer=Vorlage; dieselbe hält an dem großartigen Gedanken, daß mit dem Preise von 50 Pfg. pro Liter der Qualitätswein anfange, fest— das Münchener Vier, welches gerade so viel kostet, ist ja auch Qualitätsbier— und fängt gleich mit dieser Siufe an zu besteuern, aber nicht etwa mäßig, sondern dieser kleine Wein hat gerade so viel zu tragen wie der theuerste. Das nennt man sachgemäß und förderlich! Kunstwein soll mit ein paar Pfennigen mehr besteuert werden als Naturwein; wenn man aber geglaubt hat, dadurch die Winzer zu trösten und zu versöhnen, dann sieht man Holz=Essig für Wein an. In den deutschen Reichslanden hat sich ein erfreuliches Bestreben unter den dortigen Katholiken gezeigt, Fühlung mit der deutschen Centrumspartei zu nehmen. Die führenden Blätter in Straßburg und Muthausen befaßten sich in eingehenden Aufsätzen mit dieser Frage. Dies hat den Abbé Winterer, welcher zwar sehr verdient ist um die sociale Sache, dessen Sympathieen aber nicht diesseits der Vogesen zu liegen scheinen, zu einem Ausfall in einem Metzer Blatte veranlaßt, worin er zu der Behauptung sich verstieg: „Unsere elsassischen Landsleute finden das Programm des Centrums als ihren berechtigten Bestrebungen gegenüber allzu fremd.“ Das setzt entweder eine arge Unkenntniß des Centrums voraus oder es ist ein Selbstbekenntniß, mit dem aber jene Blätter nichts zu thun haben wollen, welche für den Anschluß an das deutsche Centrum eintreten. Rumänien hat in diesen Wochen ein Mal die Aufmerksamkeit hauptsächlich der deutschen Katholiken auf sich gezogen. Dies geschah durch die schismatische Taufe des ersten Sprößlings des Thronfolgers, Prinzen Fe dinand von Hohenzollern, welcher mit einer Anglicanerin verheirathet ist, der Prinzessin von Edinburgh. Als im Januar dieses Jahres die katholische Eheschließung von dem Paare in Rom bei der Curie begehrt wurde, willfahrte die Curie diesem Verlangen nur, nachdem das Paar durch eigenhändige Unterschrift erklärt hatte, es werde die von der katholischen Kirche geforderten Bedingungen erfüllen und insbesondere die etwaigen Nachkommen katholisch erziehen lassen. Aber schon die nächste Bedingung, welche mit der Trauung zusammenhing, wurde nicht erfüllt; man ließ nämlich eine protestantische Nachtrauung vornehmen, wie jetzt das Erzbischöfliche Kirchenblatt von Freiburg ausdrücklich bestätigt. Neuerdings hat man eine weitere Bedingung verletzt, indem man den eben geborenen Prinzen schismatisch taufen ließ— ein großes Aergerniß, wie dasselbe Blatt es bezeichnet. Nachdem die kirchliche Behörde sich so deutlich geäußert, bleibt für keinen Zweifel mehr Raum: der Kirche gegenüber sind völlig ausreichende, deutliche Erklärungen gegeben worden, Papst, Erzbischof trauender Priester und Katholiken überhaupt konnten also nichts anderes als die volle Erfüllung der kirchlichen Bedingungen erwarten. Nun machen sich gewisse Leute, die— post festum— alles besser wissen, das Vergnügen, zu behaupten,„eingeweihte Kreise“ hätten niemals daran geglaubt, daß die katholische Kinder=Erziehung bei dem rumänischen Thronfolgerpaar gesichert sei. Das müssen doch sonderbare eingeweihte Kreise sein, die unter dem unmittelbaren Eindruck eines gegebenen und schriftlich bekräftigten Wortes an dessen Werth nicht geglaubt haben wollen. Zu den Katholiken gehören diese Kreise sicher nicht. ölner Kirchen=Kalender. Sonntag, 12. November. Fünfundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten. (Evangelium: Von dem Unkraut unter dem Weizen. Matthäus XIII, 24 30.)— Cunivertus, Erzbischof. 8. S Kinder=Communion: im Dom, in St. Columba, in St. in St. Ursula, in St. Maria in der Kupfergasse. Kirchweibfest, ausgenommen die hohe Tomtirche.— In St. Martin: Fest des heiligen Bischofs martinus, Kirchenpatrons mit vollkommenem Ablaß und Schluß des 40stündigen Gebets. Abends ½6 Uhr Complet, ½57 Uhr Feupreo gt, Umgang und Tedeum.— In St. Cunibert: Fest des heinigen Kölnischen Bichofs Cunibertus, Patrons der Kirche St Cunibert. Abends zum Schluß Umgang und Tedeum.— In St. Ursula: Nachmittags 3 Uhr Versammlung des dritten Ordens mit Predigt.— In der Minoritenkirche von Seiten der St. Antonius= und Franciscus=Bruderschaft Morgens 7 Uhr Bruderschaftsmesse, Nachmittags 4 Uhr Andacht mit sacramentalischem Umgang.— In der Vincenzkapelle(Stolkgasse): Mäßigkeits=Bruderschaft. Abends ½/26 Uhr Rosenkranz, 6 Uhr Predigt und Andacht mit Segen. Einführung des Armen=Seelen=Vereins. ontag, 13. November. Stanislaus Kostka, Bekenner. In St. Ursula: Morgens 8½2 Uhr General=Exequien für die Verstorbenen aus der St. Ursula=Biudorschaft. Diustag, 14. November. Serapion, Martyrer. In St. Andreas: Nachmittags ½5 Uhr Aussetzung der Reliquien des seligen Albertus Magnus.— In der Minoritenkirche: Morgens ½0 Uhr Hochamt von Seiten des Cardinal=Comite's. #ttwoch,.. November. Albertus Magnus, Leopold. In St. Andreas: Fest des seligen Albertus Magnus. Morgens 6 Uhr heilige Messe, celebrirt vom hoch bürdigsten Herrn Cardinal mit gemeinschaftlicher heiliger Communion für die Mitglieder des dritten Ordens vom heiligen Dominicus. Morgens 9½ Uhr Hochamt und 11 Uhr Segensmesse, Nachmittags 5 Uhr Complet, Abends 6 Uhr Predigt und danach Einsetzung der Reliquien.— In St. Johann=Baptist: Abends von—10 Uhr SühneAndacht für Männer und Jünglinge. Donnerstag, 16. November: Eomundus, Erzbischof. Freitag, 17. November. Gregor. In St. Aposteln: Abends von—10 Uhr Sühne=Andacht zum göttlichen Herzen Jeiu für Männer und Jünglinge. Samstag, 18. November. Engen. In St. Maria in der Kupfergasse: Verter Samstag zur Verehrung der Menschwerdung Jeiu Christi mit vollkommenem Ablaß Sonntag, 19. November. Sechsundzwanzigster Sonntag nach Pfingsten. (Evangelium: Vom Seufkörnlein.)— Elisabeth. Anmerkung: Am Mittwoch den 22. November ist der„Buß= und Bettag", ein gebotener Feiert g. Fest Maria=Aufopferung, Dreizehnstündiges Gebet. Unterhaltendes ** Wie man in America Zuckerrüben zieht. In dem westlichen Theile der Vereinigten Staaten schwärmen zur Zeit die meisten Landwirthe für Zuckerrüben=Bau, da dieser in Folge der von der Bundesregierung gezahlten Zuckerprämie größern Nutzen verspricht, als der Getreidebau. Diese Schwärmerei wird bereits von Schwindlern ausgebeutet. Einige unternehmende„Geschäftsleute" in New=York zeigten nämlich in einer Zeitung ein einfaches Mittel an, um Runkelrüben zu ziehen: Franco=Antwort nach Empfang von 1 Dollar in Postmarken. Verschiedene Landwirthe riskirten 50 Zweicentsmarken und erhielten als Antwort die überraschend richtige Mittheilung:„Fasse die Rübe oben fest mit der Hand und dann ziehe.“ geheimnißvollen AufschrifLeibe nicht etwa JemanKoboldchen wieder. Und auf lange Zeit; „nun ein Mal Hrn. B. einen Zettel mit nicht minder ten und gab ihm schließlich den Rath, bei dem etwas zu borgen, sonst komme das siehe da: das Koboldchen war weg! Freilich nicht denn Hr. B. ist, wie er treuherzig versicherte,„ gut“, und hat trotz der Warnung in der Zwischenzeit wieder Sachen verborgt. Jetzt ist das Koboldchen in Folge dessen wieder da. In welch' verzweifelte Stimmung Hr. B. durch das Treiben des Koboldes versetzt worden ist, vermochte dieser kaum zu schildern:„Er habe das Blaue vom Himmel herunter geschimpft und das Grüne in's Mistloch“— es war alles beim Alten geblieben. Hr. B. ist übrigens in Diera nicht der Einzige, welcher felsenfest an das Koboldchen glaubt. Wie einer der Zeugen erklärte, ist der Aberglaube im Dorfe nabezu allgemein. Bloß noch ein Beispiel hierfür: Als ein dortiges Grundstück in andern Besitz überging, fand der Käufer in einer Ecke des Kellers einen Haufen von alten, zum Theil verdorbenen Speckgrieben, und es stellte sich heraus, daß der Vorbesitzer damit das Koboldchen„gefüttert hatte, um es bei guter Laune zu halten! Gesehen hat Hr. B. das Koboldchen noch nicht, aber gehört hat er es öfter schon. Als er in der Nacht ein Mal in Folge eines Geräusches nach dem Kuhstall gegangen, hätten die Kühe ihn traurig angesehen, und er habe es gehört, wie es „huit" vorübersauste. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er denn nicht Katzen oder Fledermäuse im Hause habe, meinte Hr. B. mit überlegener Bestimmtheit, die wisse er schon vom Koboldchen zu unterscheiden. Dies ist der einfache Sachverhalt, welcher vor Monaten in gedrängter Kürze von den Zeitungen berichtet worden war, wobei nur der schon Eingangs erwähnte Irrthum unterlief. Der Landes=Scharfrichter Brand hatte deshalb Straf=Antrag wegen Beleidigung gestellt, und die Redacteure wurden je zu 50 Mark Strafe verurtheilt! Gegen den Geisterbeschwörer, Hrn. Uhlig aus Alt-Chemnitz, ist eine gericht liche Untersuchung eingeleitet, jedoch, so viel bekannt ist, wieder eingestellt worden. Doch nun kommt das Beste: Einer von den Zeugen versicherte nach der Verhandlung:„Nun wird der Aberglaube bei uns erst rechten Boden gewinnen, denn man ist der Meinung, daß das Koboldchen nicht zugelassen hat, daß Hr. U. aus Chemnitz bestraft wird; dagegen geht es Allen, die an seine Macht nicht glauben(das sind hier die verurtheilten Redacteure), übel!“ Man sollte es kaum für möglich halten, daß in dem„hellen“ Sachsen, wenige Stunden von der Residenz entfernt, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch ein derartiger Aberglaube existiren könnte. ** Die Hochzeitsreise im Luftballon, wird von der Wittwe Charbonnet wie folgt geschildert. Das Wetter war prachtvoll, kein Rauch regte sich und kerzengerade stiegen wir auf. Wir flogen über Berge hinweg, und bald berührte unser Ballon fast die Erde. Ich wollte Anker werfen, mein Mann aber, von der Schönheit der Fahrt wie berauscht, hinderte mich daran und warf so viel Ballast aus, daß wir mit schwindelerregender Schnelligkeit in die Höhe schossen und die Höhe von 6500 Meter(?) erreichten. Ich hielt das Barometer in der Hand, um die Höhe zu messen, und sprach mit meinem Gefährten, allein wir hörten einander nicht, wir sahen wohl die Bewegung unserer Lippen, vernahmen aber keinen Laut. Aus den Ohren, aus der Nase, unter den Fingernägeln hervor schoß uns das Blut; aus allen Poren drangen die rothen Tropfen. Mein Mann versuchte den Ballon zum Fallen zu bringen, umsonst. Ein heftiger, wirbelnder Wind, der uns plötzlich umtoste, ris uns wieder empor und fegte uns durch die Lüfte. Plötzlich ändert der Ballon seine Richtung, gleichzeitig fällt er in einem Augenblick(?) aus der Höhe von 6000 Meter auf 3000, und gerieth in einen Schneesturm von solcher Wuth, daß der Ballon erfaßt, gedreht und umgestülpt(?) wurde. In entsetzlicher, furchtbarer, tödtlicher Angst klammerten wir uns an das Netzwerk an, vier Mal wurde der Ballon kopfüber gedreht, vier Mal sahen wir uns frei im unendlichen Raume am schwachen Strickwerk hängen! Einen Augenblick später— ein Schlag, ein Stoß, ein Ruck— der Ballon war an die Felskanten eines Berges gestoßen. Das Netz des Ballons hatte sich in eine Felszacke verfangen, und wir schwebten über dem Abgrund, den Tod jeden Augenblick erwartend. Ein neuer Windstoß reißt uns los, der Ballon wird an eine andere Felswand geschleudert und erhält einen klaffenden Spalt. Und plötzlich wieder ein Ruck, und die Gondel wurde auf ein Eisfeld geschleudert. Es war gegen 2½ Uhr Nachmittags. Wir lagen da auf dem Eise, fassungslos, an Leib und Geist zerschlagen. Indessen raste der Sturm immer heitiger über uns weg.„Laßt uns beten“, sagte ich da. Und nun beteten Alle mit dem Geiste, mit dem Herzen, mit den Lippen:„Vater unser, der du bist...“, und als wir zur Stelle kamen„gib uns heute unser tägliches Brod“, da rief Durando:„O, wenn ich nur ein Stückchen hätte!" Dann betete er weiter.„Amen“, sagten wir, und in demselben Augenblick schrie Durando laut auf:„D Madonna, Madonna Santa, seht dort hin!“ Und da lag, vom Schnee, vom Regen aufgeweicht, eines der Brode, das wir mitgenommen hatten, und das aus der Gondel wie durch ein Wunder hierher gefallen war. Wir verbrachten die Nacht in der fürchterlichsten Lage; dennoch schliefen wir vor Ermüdung ein. Früh wachte ich zuerst auf und weckte Alle. Und wir begannen den Abstieg. Durando, der Arbeiter, voran, dann ich, dann mein Mann, dann mein Schwager. Plötzlich glitt mein Mann dicht bei einem Abgrunde aus, doch wir vermochten es, ihn zu fassen und zu halten. Zwei Schritte weiter glitt er neuerdings aus, und ehe wir Zeit hatten, ihn zu erfassen, versank er in den Gletscherspalt. Was wir da fühlten, was wir da sagten, was wir da thaten, ich weiß es nicht; es ist mir noch immer, als sähe ich ihn, die Arme emporgestreckt, den Blick auf mich gerichtet, versinken. Wie ich den Abstieg vollendete, ich weiß es nicht mehr. Gegen Mittag hörten wir plötzlich Glockenklang herübertönen. Noch eine Nacht, noch einen Tag dauerte unsere Marter; endlich, Mittwoch früh, gelangten wir an das Bett eines Wildbaches. Zehn Minuten später sahen wir eine Hütte, eine Stunde darauf waren wir dort. Dort unter Menschen. Und er, er war im ewigen Eis, und nie mehr werde ich ihn sehen. ermischtes. ** Eine Art Hexenproceß wurde dieser Tage vor dem Landgericht in Freivera in Sachsen verhandelt. Es waren jedoch nicht Heren zu verurtheilen, sondern sechs Redacteure sächsischer Zeitung nebst einem Berichterstatter, die in ihren Blättern von einem abergläubischen Landwirth und seinem„Koboldchen“ berichtet und dabei nur den Irrthum begangen hatten, den Landesscharfrichter Brand als Geisterbeschwörer mitwirken zu lassen, während die Beschwörung in Wahrheit von einem Andern, einem„Naturarzt" besorgt worden war. Die kaum glaublichen Vorgänge haben sich in Diera bei Meißen abgespielt. Der Gutsbesitzer Beeger hatte die Beobachtung gemacht, daß in seiner Wirthschaft nicht alles so war, wie es hätte sein können. Die Kühe gaben nicht genügend Milch, die Milch keine gute Butter, der Hafer auf dem Felde war weniger geworden. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, meinte Hr. Beeger mit seiner Frau; es könne nur ein böses„Koboldchen“ sein, das ihnen diese Streiche spiele. In dieser Ueberzeugung wurde Hr. B. noch durch einen Handelsmann bestärkt, der ihm erzählte, daß in Alt=Chemnitz ein Mann, ein Scharfrichter lebe, der es verstehe, das Koboldchen unschädlich zu machen. Nach vielen Fragen war es ihm gelungen, den Mann ausfindig zu machen; daß derselbe nicht Scharfrichter war, sondern sich bloß„Naturarzt“ nannte, that nichts zur Sache. Er kam eines schönen Tages nach Diera und stellte dort Recherchen nach dem Koboldchen an. Dann machte er allerlei geheimnißvolle Zeichen über Thor und Thüre. aab Buntes ** Rittmeister a. D. v. Meyerinck genoß, da das Urtheil im Hannover'schen Spieler=Proceß noch nicht rechtskräftig geworden war, im Untersuchungsgefängniß gewisse Begünstigungen und Beqnemlichkeiten. Er hat nun von einem Sessel die Borte abgetrennt und sich mittels derselben an der Thüre aufgeknüpft. Montag früh wurde der Selbstmord entdeckt. ** Ueberschwemmungen in Italien. Die Stadt Cassino ist meterhoch überfluthet. Es fehlt an Trinkwasser. In Salerno ist in Folge der Anschwemmung von Erdreich ein Haus eingestürzt; mehrere Häuser stehen unter Wasser, eine Person ist ertrunken. Aus der Provinz werden noch weitere Hochwasserschäden gemeldet. ** Im Bahnhof Dover stürzte ein Theil des Bahnhofsdaches auf die Locomotive eines Expreßzuges. Verletzt wurde Niemand. Abends stürzten zu zwei verschiedenen Malen weitere Theile herab. Lösung 214: F S Seite 4. Kölner Local-Anzeiger Nr. 46= Sonntag, 12. November 1893 Unter der Ueberschrift„Reiche Heirath“ veröffentlicht Jemand im Berl. Tagebl. 563, I. Beibl., Empfehlungen junger„netter“ Damen mit 180,000—240,000—350,000 M. Vermögen; zum Schluß heißt es:„Discredition liegt in der Natur der Sache!" Auch eine unfreiwillige Selbstkritik.V ** Unfall des Prinzen Ludwig Battenberg. Auf einer Inspectionsreise in Schottland besuchte der Prinz eine Geschützgießerei. Ein glühender Eisenfunke sprang ihm in's Gesicht und verletzte ein Auge. Die Verwundung ist schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Der Prinz mußte die Reise unterbrechen und nach London zurückkehren. Er wird etwa 10 Tage das Zimmer hüten müssen. ** Unterschlagen wurden dem Bauquier Lange in Berlin durch einen Kassenboten 25,000 M. Der Bote war zum Incasso von 7000 M. zur Darmstädter Bank, dann zur Zahlung von 6000 M. zum Kassen=Verein, endlich zur Depotabhebung zur Reichsbank gesandt. Bei der Reichsbank vermißte der Bote fünf Puckete zu 5000 M. und machte sofort Anzeige, doch besteht der dringende Verdacht, daß der Bote das Geld unterschlagen hat. Der Bote wurde verhaftet; derselbe unterschlug auch Stempelmarken in ziemlich hohem Betrage; letzteres gestand er ein. ** Ertrunken. Der Königsberger Allg. Ztg. zufolge ist am Samstag ein mit Ziegeln beladener Kahn bei dem herrschenden SüdwestSturme durch herangetriebene Holzflöße im Pregel zum Sinken gebracht worden. Der Eigenthümer, dessen Frau und zwei Kinder fanden hierbei den Tod in den Wellen. ** Der spanische Consul in Tetuan tödtete mit einem Revolverschuß einen Spanier, den er hatte verhaften lassen, in dem Augenblick, als dieser den Versuch machte, ihn zu erdolchen. (0 Aus Constantinopel, 31. Oct., wird der Köln. Volksztg. geschrieben: In Angora und Umgebung wurde vorigen Donnerstag ein starker Erdstotz, von Westen nach Osten gehend, verspürt.— Die Hungersnoth macht sich dieses Jahr wiederum in Erzerum fühlbar. Die Behörden von Trapezunt haben Weisung erhalten, 30,000 Kilo Getreide nach den nothleidenden Gegenden zu schicken. ** Eisenbahn=Räuber in America. Ein Passagier=Eisenbahn= zug, welcher auf dem Wege von Little Rock nach St. Louis war, wurde am 3. d. in Oliphant(Arcansas) von einer Bande von sieben maskirten Räubern geplündert. Die Räuber tödteten den Conducteur, und nachdem sie den Expreßwagen geplündert, begaben sie sich in die Schlaf= und andern Wagen und beraubten alle Passagiere. Am gleichen Tage wurde der Versuch gemacht, einen Schnellzug auf der Knoxville= und Ohio=Eisenbahnlinie nahe bei Coal Creek, Tennessee, zum Stehen zu bringen. In diesem Falle hatten die Räuber keinen Erfolg. Einer der Bande wurde getodtet und ein anderer gefangen genommen. Explosion von Santander. Am vorigen Samstag verbreitete der Draht die Nachricht, daß bei Sautander, an der Nordküste Spaniens(am Biscayischen Meerbusen), ein mit Dynamit beladenes Schiff in Brand gerathen und in die Luft geflogen sei. Ueber das schreckliche Ereigniß liegen jetzt folgende ausführliche Meldungen. vor.„ Der spanische Dampfer Cabo Machichaco, der Vasco Andaluz=Gesellschaft gehörig, lag am Magliano=Werft und löschte seine Ladung, welche nach der Angabe des Capitains aus Eisen, Petroleum, Wein und Mehl bestand. In dem Schiffe sollen sich aber auch 500 Kisten Dynamit be funden haben. Wenn diese kolossale Menge declarirt worden ware, hätte das Schiff nicht in den Hafen einfahren dürfen. Es scheint jedoch, daß der Capitain nur 20 Kisten Dynamit angegeben hat und daß die große Masse dieses Explosivstoffes, dessen Bestimmung Geheimniß ist, unter der übrigen Ladung(Petroleum= und Melasse=Fässern) ver steckt gewesen ist. Um 3 Uhr Nachmittags, während die dung erfolgte, brach in einem der Kohlenraume des Schiffes ein Feuer aus und die Zollbehörden sowie die Polizei eilten herbei, um die wenigen declarirten Dynamitkisten zu entfernen. Das geschah auch, und die zwanzig Kisten wurden in einiger Entfer nung von dem Dampfer niedergelegt. Bald machte man die Ent deckung, daß eine Bewältigung des Feuers kaum möglich und das Schiff nicht zu retten sein werde. Deshalb wurde ein Schlepper herbei gerufen, um den Cabo Machichaco, wenn möglich, in die Bai hinaus zu bugsiren. Diese Versuche, die Flammen, die Funken und die Rauch wolken, welche von dem brennenden Schiff aufstiegen, hatten eine große Menschenmenge nach dem Hafen gezogen; das Werft, sowie alle Straßen, welche einen Ausblick nach dem Hafen gestatteten, waren von Menschen gefüllt. Das Feuer auf dem Schiff breitete sich immer mehr aus, und um halb vier Uhr, etwa anderthalb Stunden nach dem Ausbruch des Feuers, erreichte dasselbe den Raum, wo das Petroleum lagerte. Eine ganze Menge Menschen, welche dem interessanten Schauspiel, wie ein brennendes Schiff in See bugsirt wird, in der Nähe beiwohnen wollten, hatte sich auf das Schleppschiff begeben, allein die Bemühungen des letztern, den Cabo Machichaco von seinem Platz zu bringen, gelangen nicht.(Konnte man hier nicht näher kommen oder war es festgefahren? Diese Frage steht noch offen.) Als das Feuer auf dem brennenden Schiff die Petroleumlager erreichte, erfolgte eine Reihe furchtbarer Explosionen, wobei offenbar das Petroleum, der Dampfkessel und die ungeheuere Masse Dynamit nach einander Sie eine Vorstellung von den hierdurch plötzlich herbeigeführten Verheerungen zu machen, ist kanm möglich. Das brennende Schiff und der neben demselben liegende Schlepper verschwanden, nachdem sie buchstäblich aus dem Wasser hinausgesprengt worden waren, während alle Personen auf den beiden Schiffen sofort umkamen. Der Quai wurde nicht nur vollständig zerstört, sondern die Holz- und Eisen=Theile, sowie die große Menge der in der Nähe des gefährlichen Schiffes befindlichen Personen wurden hoch in die Luft und nach allen Seiten in die See und nach dem Lande hin geschleudert, während brennende Holzstücke und andere Trümmer jeder Art so weit weggeworfen wurden, daß sie massenhaft auf die Häuser in einem Radius von 2 Kilometer niederfielen. Von der Kraft der Explosion gibt folgendes Beispiel einen Beweis: der Anker des Cabo Machichaco wurde 800 Meter weit geschleu dert und fiel auf den Balcon eines Hauses, zerstörte den Balcon vollständig und sank dann tief in den Boden der Straße. Der durch die Explosion hervorgerufene Stoß wurde in allen Theilen der Stadt ver spurt. Die Häuser erzitterten bis in ihre Grundvesten, und 100 Häuser wurden durch die herumfliegenden brenuenden Trümmer in Brand gesetzt. Der Capitain des Oceandampfers Alsfonso XIII. hatte emne Dampfbarkasse, auf welcher sich die Offiziere und fast die ganze Mannschaft des Schiffes befanden, nach dem brennenden Machichaco gesandt, um demselben zu helfen. Die Barkasse langte gerade im Augenblicke der Explosion an und wurde mit allem, was sich auf ihr befand, zerstört— nicht eine Spur ist geblieben. Viele kleinere Fahrzeuge— man spricht von 100 und mehr— welche in der Nähe des Dynamitschiffes waren, gingen sofort zu Grunde und andere fingen durch die herumfliegenden Brander strter. Unter der Bevölkerung von Sautander— die Stadt zählt 50,000 Einwohner— entstand eine furchtbare Panik. Die meisten von Den jenigen, welche der Explosion beiwohnten, waren so betäubt und er schreckt, daß sie keine Hulfe leisten konnten. Sie flohen entsetzt über die Todten und Sterbenden hinweg durch die Promenade, welche an den Quai anstößt. Ueberall sahen die erschreckten Menschen die Wirkungen der Explosion: brennende und zerstörte Häuser, verwundete Bekannte und Verwandte und Leute, die Verunglückte suchten. Viele sollen den Verstand verloren haben. In manchen Fällen wurden gar keine Versuche gemacht, den Bränden Einhalt zu thun. Die Leute waren zu sehr erschreckt, um an etwas anderes als an ihre eigene Sicherheit und diejenige ihrer Familien zu denken. Viele Menschen sind weit von dem Schauplatze der Katastrophe durch niederfallende Trümmer getödtet wor den— der merkwürdigste Fall dieser Art ist vielleicht derjenige, in welchem ein Mann in Penancestillo, zwei Kilometer vom Hafen ent fernt, getödtet wurde. Ein eben so merkwürdiger Zwischenfall ist die Zerstörung eines Localzuges, welcher, mit Passagieren gefüllt, gerade in der Station in dem Augenblick angekommen war, als die Explosion erfolgte: der Zug fing Feuer und wurde zerstört, wobei viele Passagiere umgekommen sein sollen. Nach geraumer Zeit erst hatten einzelne Leute ihre Besinnung so weit wieder erlangt, daß sie von den nächsten Eisenbahn=Stationen Telegramme nach Madrid, Bilbao, Burgas, Barcelona und Valladolid sandten und um Hülfe baten. Alle verfügbaren Aerzte wurden herbeigerufen und Verbandzeug herbeigeschafft. Als es dunkel wurde, rötheten die noch immer nicht bewältigten Feuersbrünste den Himmel. Die Mendez-Nunez=Straße, welche dem Quai parallel läuft, stand von einem Ende zum andern in Flammen, und das Aufsuchen der Verschütteten und Todten wurde unter dieser unheimlichen Beleuchtung fortgesetzt. Niemand dachte daran, das Feuer zu löschen, welches die ganze Nacht durch wüthete, ein Haus nach dem andern zerstörend, bis die ganze Straße ausgebrannt war. Während dieser Schreckensnacht verließen die Einwohner zu Tausenden ihre Häuser und flohen in die benachbarten Dörfer und auf's freie Feld, während in den Straßen sich entsetzliche Scenen ereigneten: Männer und Frauen aller Bevölkerungsklassen suchten verzweifelt unter den verstümmelten Leichen nach ihren Angehörigen, verlassene Kinder irrten weinend und nach ihren Eltern rufend umher. Viele dieser Kinder waren am Morgen in dem Stadthause untergebracht, wo man für sie sorgte. Am Sonntag=Morgen glich Sautander, welches noch 24 Stunden früher eine der blühendsten Städte Spaniens war, einer Todtenstadt. Die Läden blieben geschlossen, die Straßen waren leer und die Häuser blieben in dem Zustande, wie sie die Leute in der Nacht verlassen hatten. Viele Einwohner wagten selbst nach dem Anbruche des Tages nicht in die Stadt zurückzukehren. Zahlreiche außerordent liche Rettungen werden erzählt. Ein Mann, der sich in der Menge befand, als die Explosion erfolgte, wurde hoch in die Luft geschleu dert und fiel in ziemlicher Entfernung fast unverletzt wieder auf den Boden. Ein anderer wurde in's Meer geschleudert, welches einige Zeit nach der Katastrophe sehr unruhig war, wie von einem Sturme gepeitscht— der Mann wurde betäubt und bewußtlos um 10 Uhr Abends aufgefischt, fünf Stunden nach der Explosion. Auf der andern Seite werden entsetzliche Scenen mitgetheilt. Man sah einen Vater, welcher seine sterbende Tochter nach Hause trug, und als er sein Heim erreichte, fand er dasselbe in Flammen, und während er in Verzweifelung vor dem Hause stand, gab die Tochter in seinen Armen ihren Augenzeugen schildern die Katastrophe als einem heftigen Erdbeben ähnlich. Wasser Schlamm und Steine wurden aus der Tiefe des Hafenbassins in Form einer mächtigen Wassersäule in die Höhe ge schleudert. Zwei Matrosen des Cabo Machichaco sind dadurch gerettet worden, daß sie weit in die See geschleudert wurden. Sie fielen auf eine Masse brennender Trümmer, konnten aber durch Schwimmen das Ufer erreichen, an einem mehrere Meilen vom Hafen entfernten Punkte. Sie hätten, so erzählen sie, nicht gewußt, daß außer den declarirten 20 Kisten sich noch Dynamit an Bord ihres Schiffes befunden habe. Einige Augenblicke vor der Explosion sei der Schiffsmaat auf's Deck gekommen und habe ausgerufen:„Jedermann muß sofort das Schiff verlassen und vom Quai fortlaufen, da das Feuer das Dynamit er reicht". Alle seien dann nach der Schiffstreppe gestürzt, und es habe ein verzweifeltes Ringen stattgefunden, um au's Land zu kommen, allein die Explosion sei erfolgt, als nur einige Wenige sich hatten retten können. Einem der Geretteten ist das Haar verbrannt, dem Andern ist der Arm verletzt. Was die vom Alfonso XIII. abgesandte Barkasse anbetrifft, so behaupten die geretteten Matrosen, daß die erste Frage des Capitains des Alfonso XIII., welcher persönlich das Commando übernommen hatte, gewesen sei, als er an dem brennenden Schiffe an legte:„Habt ihr irgend welche Explosivstoffe an Bord?“ worauf der Capitain geantwortet habe:„Nein, alles Dynamit ist gelandet.“ Der Capitain des Alfonso XIII. habe dann vorgeschlagen, den brennenden Dampfer sofort in Tiefwasser zu bugsiren und dort zu versenken, da es sonst nicht möglich sei, die Flammen zu löschen. Unter den Todten befinden sich der Civil=Gouverneur, der Oberst eines in Burgos stehenden Regiments, drei Marine=Offiziere, der Haupt lootse, der Staatsanwalt, 27 Mann der Bürgergarde und alle Po lizisten mit Ausnahme von zweien. Viele Leichen sind so verstümmelt daß ihre Erkennung unmöglich ist. Andere wieder liegen da, als wenn sie schlafen, und wieder Andern sind alle Kleider vom Leibe gerissen Taucher haben auf dem Grunde der Bucht viele menschliche Körper theile gefunden. Unter den Vermißten befinden sich 20 Kinder. Der Bischof von Santander und verschiedene Priester waren unter den Ersten, welche den Verwundeten Hülfe brachten und verschiedenen sterbenden Personen in den Straßen und auf den Werften die letzten Sacramente spendeten.#an K.-LI Die Gesammtzahl der Todten wird auf 300 geschätzt, die Zahl der Verwundeten beträgt über 1000. Die Meisten erlitten lebensgefährliche Wunden. Um dem Unheil die Krone aufzusetzen, wurden die Telegraphenstangen in Folge der Explosion zerstört, so daß die benachbarten Orte nicht benachrichtigt werden konnten. Die Liste der Todten ist bisher noch nicht festgestellt A B Schach=Aufgabe. Schwarz. D E F Name und Wohnung(recht deutlich und genau) (Nachdruck und Nachbildung aller Theile untersagt.) Zum Ein frischr Trunk Macht Alte jung Machi Mude stark. Gibt Siechen Mark. * Was den Jüngling begeistert, Wird vom Manne bemeistert. * Greif nicht leicht in ein Wespennest, Doch wenn du greifst, so greife fest. 21.. Logogriph. Hast du von mir noch allzu viel Vor dir, bis du erreicht das Ziel, Dann thu', was ich dir werde setzen, Wenn du den Kopf mir abgeschlagen. Weiß. Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt. (Wir bitten bei dieser Aufgabe nicht gleich ein Versehen des Setzers zu #rmuthen, wenn auh dem grübten Löser die Lösung eigenartie Schwierigkeiten bereitet. Weiß verbirgt durch ein sehr feines Scheinmanöver die von ihm befolgte Idee!) 213. Kreuz= und Quer=Räthfel. Jüngst war ich in 1 und 2, Da gab's viel zu schauen, Viel Soldaten, feine Herr'n, Ach und seine Frauen. * Sah auch manche 2 und 3 In der feinsten Gegend, Doch vom Stadtrauch ganz beschmutzt 4 Und asch merst verregnet. Rings von 1 4 keine pr, Nichts von blum'gen Triften, Eirz'ge Zier 3 4 ist nur Dor an Leutnants Hüften 214. Preis=Bilder=Räthsel. Auf vorstehendes Preis=Bilder=Räthsel wird als Preis fünf Mal Band 9 von Bachem's Novellen=Sammlung (enthaltend: Das Fräulein von Groenerode. Nach Melati von Java von H. Schumacher. Schneekatherl. Erzählung von E. Franz) gesetzt. Lösungen sind auf den untenstehenden Abschnitt zu schreiben und bis nächsten Mittwoch an die Geschäftsstelle des Kölner LocalAnzeiger, Marzellenstraße Nr. 20, einzusenden, wo die Preise unter den Einsendern der richtigen Lösungen verloost werden. Man bezeichne den Brief=Umschlag äußerlich oben links mit dem Worte „Lösung". Die Namen der Gewinner werden in der folgenden Sonntags=Nummer mitgetheilt. 215. Königszug. der vorigen Sonntags-Beilage. 207. Charade. Wegweiser 203. Diamant=Räthsel. P O T D A 11 209. Arithmogriph. Gastein, Gast, Stein, Sang, Geist, Asien, Gaus, Eisen, Steg, Agnes, Ast 210. Preis=Bilder=Räthsel. Prachteinband. P E T U P L E D E N Verlag und Druck von J. P. Bachem. Derantwortlich: für den allgemeinen Cheil O. Brendgen, für den Anzeigen=Cheil E. Böhm, Alle in Köln.