Elderfeld-Barmen. Einzeldreis 15 Goldbfennig. Monkag. den 26. Oktober 1925. Nr. 250. 12. Ranrgung.. Erscheint täglich nachmittags, außer Sonntags.— Bezugspreis monatlich 8 AA.— Bei Nichterscheinen keine Erstattung des Bezugsgeldes. Postscheckkonto: Köln 9928. Bei allen Ueberweisungen wird um genaue Angabe der Anzeigen= und Zeitungsnummer gebeten. Freie Presse Anzeigenpreis: 1 mm Oöhe(86 mm breit) 10 Reichspfennig. Reklamen, 1 uum Höhe(84 mm br.) 40 Reichspfennig. Angeigenrechnungen sind ofort zahlbar. Für Aufnahme von Inzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen u. für teleph. Aufträge wird keine Gewähr übernommen. Bei Störungen durch höhere Gewalt können Ersatzansprüche nicht sichtigt werden. Zeitung der Sozialdemokratischen Partei für das bergische Land Sonderbeilagen: Bilder vom Tage„Volk und Zeit",„Feierstunden",„Die arbeitende Frau",„Das neue Werden".„Die arbeitende Jngend". Redaktion: Elberfeld, Robertstr. 8a. Fernsprecher 1041.— Hauptgeschäftsstelle Elberfeld, Robertstr. 8. 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Ander Spitze der Parteien in Berlin marschiert mit starkem Vorsprung die Sozialdemokratie. Auch sie hat leider in Anbetracht der schwachen Wahlbeteiligung ebenso wie alle anderen Parteien rein zahlenmäßig einen Berlust erlitten, ohne daß sich aber die Mandatsstärke im Stadtparlament verringern würde. Man kann im Gegenteil annehmen, daß die Fraktion statt bisher mit 82 jetzt mit 85 Mandaten in das rote Haus einziehen wird. Verhältnismäßig gut haben sich die Kommunisten gehalten. Aber das ist weniger auf ihre politische Tätigkeit, als auf die allgemeine Unzufriedenheit großer Volksteile zurückzuführen. Gerade in den letzten Wochen hat das Handwerk der Schlichter in Berlin infolge unzulänglicher Schiedssprüche große Verärgerung hervorgerufen, die jetzt in dem Wahlergebnis ihren Ausdruck findet. Es kommt hinzu, daß zweifellos auch ein Teil der verschwundenen beutschnationalen Wähler vorübergehend wieder einmal zu den Kommunisten übergesiedelt ist. Immerhin bleibt als erfreuliches Ergebnis der Berliner Wahlen eine starke proletarische Mehrheit festzustellen. In welchem Maße sie arbeitsfähig ist, wird in den kommenden Tagen von der Vernunft der Kommunisten abhängen. Das vorläufige Ergebnis der Berliner Wahlen in folgendes: Sozialdemokraten 533 794. Deutschnationale 326 046, Bolkspartei 91 469, Kommunisten 304 149, Demokraten 150 354, Wirtschaftspartei 63826, Zentrum 55 366, USP. 23 224, Bölkische Freiheitsbewegung 23 586, Soziale Partei 21 829. Wie in Berlin, so können wir uns auch mit dem Ergebnis der Wahlschlacht in Baden zufrieden stellen. Unsere Genossen haben sich verhältnismäßig gut geschlagen und den starken Sturm der Bürgerblockparteien gegen ihre Reihen entschieden abgewehrt. Aber auch hier hat die schlechte Wahlbeteiligung auf den zahlenmäßigen Bestand aller Parteien ihre Rückwirkung gehabt. Am stärksten litten, wie das auch in Berlin festzustellen ist, die Rechtsparteien, während die Linke sich verhältnismäßig gut zu behaupten vermochte. Die badischen Rechtsparteien wollten den völligen Sieg erringen, doch ist die Wahl für sie zu einer schweren Wiederlage geworden. Nicht einmal die in dem alten Landtag bestehende Zweidrittelmehrheit der Weimarer Koalition haben sie erledigen können. Das badische Wahlresultat ist folgendes: Sozialdemokraten 160553(198 593), Zentrum 283 404(342 698, Demokraten 66 842(92 535), Deutsche Volkspartei 72882(97 719), Wirtschaftliche Vereinigung 22 858(16 697), Aufwertungspartei 4176 (gar keine), Nationalsozialisten 8889(19 160), Rechtsblock, bestehend aus Deutschnationalen und Landbund 93 727(147 697), Kommunisten 47 304(64 952), Deutschvölkische Freiheitsbewegung 6590(3405), Pächter=Verband 2829.— Insgesamt wurden abgegeben 770 041 Stimmen gegenüber 996 627 bei der letzten Reichstagswahl. An Abgeordneten sind gewählt: Zentrum 28(34), Sozialdemokraten 16(21), Demokraten 6(7), Rechtsblock 9(15), Deutsche Volkspartei 7(5), Wirtschaftliche Vereinigung 2(1), Kommunisten 4(4). In Zukunft stehen 50 Sitze der Regierung gegenüber 21 der Oppositionsparteien. Alles in allem zeigen die Wahlergebnisse trotz der schlechten Wahlbeteiligung eine Entwicklung nach links. Das ist für die in Aussicht stehenden Reichstagswahlen ein gutes Symptom. Zu dem Ausgang der Berliner Wahlen schreibt der Vorwärts:„Es ist erfreulich, daß die Katastrophe des Bürgerblocks, soweit man bisher übersehen kann, fast ausschließlich auf das Konto der Deutschnationalen und der Volkspartei zu setzen ist. Die Aufwertungsschwindler, die Zollwucherer und Steuerräuber müssen es erleben, daß ihre Zeit ein für allemal vorbei ist. Ihr Aufstieg war eine Inflationserscheinung. Es wird eine beschämende Erinnerung bleiben, daß einmal die Deutschnationalen haben hoffen können, die stärkste Partei in Berlin zu werden. Heute sind sie so gründlich geschlagen, daß die Erinnerung an diese Zeit bald ausgelöscht sein wird. Gestützt auf das gestrige Wahlergebnis, werden die Deutschnationalen nur noch sehr ungern in einen entscheidenden Reichstagswahlkampf hineingehen, der sie um vieles weiter zurückwerfen muß. Die Sozialdemokratie hat sich in diesem Wahlkampf gut behauptet. Sie marschiert selbstverständlich überall an der Svitze aller Parteien. Sie wird im neuen Rathaus wieder weitaus die stärkste Partei sein und alle anderen Gruppen in weitem Abstand hinter sich zurücklassen. Ihr Ziel, das sie in Berlin niemals aufgeben kann, die Mehrheit zu erobern, hat sie diesmal noch nicht erreichen können. Sie weiß, daß im kommenden Jahre die Kämpfe nur diesem Ziel zu gelten haben und daß sie es in Berlin erreichen wird.“ Das amtliche vorläufige Berliner Wahlergebnis Berlin, 26. Okt.(Durch drahtlosen Fernspruch.) Das vorläufige Ergebnis der Berliner Stadtverordnetenwahlen ist nach den Meldungen des Hauptwahlamtes folgendes: Sozialdemokraten 589 703, Deutschnationale 370 604, Deutsche Bolkspartei 104 809, Kommunisten 332 109, Demokraten 166896, Wirtschaftspartei 71 062, Zentrum 61 271, USP. 24426, Freiheitspartei 26 411, Deutschsoziale 25 193. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch dieses Ergebnis noch geringe Aenderungen erfährt. An der Tatsache aber, daß die Sozialdemkraten und Kommunisten gegenüber den bürgerlichen Parteien mindestens einen Borsprung von 180000 Stimmen haben, dürfte nichts mehr geändert werden. Wahlzusammenstöße in Berlin Berlin, 26. Okt. Alle Parteien boten am eigentlichen Wahltage starke Kräfte zur letzten Propaganda auf.. Zahlreich vertreten waren insbesondere die Kommunisten und Hakenkreuzler. Auch das Reichsbanner beteiligte sich an der Wahlarbeit für die republikanischen Parteien. Im Laufe des Tages kam es an verschiedenen Stellen der Stadt zu Zusammenstoßen zwischen Stahlhelmleuten und Reichsbanner bezw. Kommunisten und Reichsbannerleuten. So in Pichelsdorf=Spandau, wo ein Arbeiter und ein Bäcker durch Messerstiche an den Händen und Armen verletzt wurden. An einer anderen Stelle im Zentrum der Stadt überfielen 100 Kommunisten 20 Reichsbannerleute. Zwei durch Messerstiche verletzte Anhänger des Reichsbanners wurden von Samaritern verbunden und mußten sich dann in ärztliche Behandlung begeben. Drei Kommunisten, die als Anführer des Ueberfalls gelten, wurden in Schutzhaft genommen. Wie immer, erlebte natürlich auch der Kurfürstendamm wieder einen Zwischenfall. Die Hakenkreuzler fühlen sich hier besonders sicher. Mit Schlagringen und Messern bewaffnet gingen sie auf Reichsbannerleute los, von denen zwei durch schwere Stiche verletzt wurden. Die Polizei schritt ein und führte vier Stahlhelm= und drei Reichsbannerleute zur Vernehmung ab. Alle Zwischenfälle konnten durch die ruhige Art der Polizei schnell und ohne großen Auflauf erledigt werden. Einzelresultate aus Baden Karlsruhe: Zentrum 14 720(17 864), Demokraten 6470(8805), Deutsche Volkspartei 14 848(18 987), Wirtschaftliche Vereinigung 2647(2299), Aufwertungspartei 402(283), Nationalsozialisten 1660(2408), Sozialdemokraten 26 207(28 555), Rechtsblock 10 456(17 507), Kommunisten 5474(7584), Deutsche Volkspartei 1272(935), PächterVerband 111. Mannheim: Sozialdemokraten 88 232(45 422), Zentrum 21 857(26 156), Demokraten 9405(13 866). Deutsche Volkspartei 17 403(21 545), Wirtschaftliche Vereinigung 4325(3387), Aufwertungspartei 1543 (1058), Nationalsozialisten 1600(3430), Rechtsblock 7004(10 417), Kommunisten 14 935(18 400), Deutschvölkische 603(44), PächterVerband 130. Heidelberg: Sozialdemokraten 12781(16 256), Zentrum 10370(12 194), Demokraten 6437(8712), Deutsche Volkspartei 7135(7358), Wirtschaftliche Vereinigung 1073(537), Aufwertungspartei 414, Nationalsozialisten 1115(2624), Rechtsblock 7783(9332), Kommunisten 4199(4299), Deutschvölkische 226(402), Pächter=Verband 69. Freiburg: Sozi uldemokraten 8291(11 128), Zentrum 19588(25 376), Demokraten 3356(5759), Deutsche Volkspartei 3678(6093), Wirtschaftliche Vereinigung 2753(2469), Aufwertungspartei 368, Nationalsozialisten 249(607), Rechtsblock 4796(7836), Kommunisten 1331(2952), Deutschvölkische 387(128), Pächter=Verband 416. Flucht der deutschnationalen Minister aus der Regierung Vorläufig hat in der Deutschnationalen Volkspartei die Parteiangst, die Furcht, durch Zustimmung zum Vertrag von Locarno den Zusammenbruch der Partei herbeizuführen, den Sieg davongetragen. Dies ergibt folgende Mitteilung der deutschnationalen Reichstagsfraktion:„Der Vorstand der deutschnationalen Reichstagsfraktion trat am Sonntagnachmittag um 5 Uhr zusammen und beriet über die durch den Beschluß des Parteivorstandes und der Landesverbandsvorsitzenden vom Freitagabend geschaffene Lage. Nach etwa einstündiger Beratung begann um 6.20 Uhr die Sitzung der Fraktion, die von über 60 Mirgliedern(sie besteht aus über 100! D. Red.) besucht war. Der Reichsinnenminister Schlieben nahm an der Sitzung teil. Nachdem der Vorsitzende der Fraktion, Graf Westarp, Bericht erstattet und den Vorschlag des Fraktionsvorstandes vorgelegt hatte, nahm die Fraktion um 6.45 Uhr den Vorschlag des Fraktionsvorstandes an und beschloß danach: „Im Verfolg des Beschlusses der Reichstagsfraktion vom 21. d. M. und des Parteivorstandes und der Landesverbandsvorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei vom 23. Oktober billigt die Fraktion den Entschluß der Herren Minister Schlieben, Neuhaus und Schiele, noch heute durch den Herrn Reichskanzler ihre Entlassung nachzusuchen.“ Nachdem der Beschluß gefaßt war, verließ Minister Schiele die Sitzung. Die Fraktion blieb aber noch zusammen und sprach sich über die Lage aus.“ Somit hat, um in der Sprache der Hergt und Westarp zu reden, in der Deutschnationalen Partel Wie Straße“ den Sieg davongetragen, was gleichbedeutend ist mit der Tatsache, daß damit die deutschnationale Reichstagsfraktion sich das Brandmal der Feigheit aufgedrückt hat. Das spricht sogar ein sehr weit rechts stehendes Blatt der Deutschen Volkspartei, die Köln. Ztg., aus, die heute früh zu dem Beschluß der deutschnationalen Fraktion sagt: Die Deutschnationale Partei hat sich mit dem schweren Vorwurf belastet, daß sie die von ihr durch Unterzeichnung der Note vom 20. Juli eingegangene Verpflichtung gegenüber der inneren und äußeren Politik gebrochen hat, ehe die in dieser Note eingeschlagene politische Linie unterbrochen oder abgebogen war. Sie setzen sich damit dem Verdacht aus, daß sie aus einem gewissen Gefühl der Feigheit vor den hinter ihnen stehenden Wählermassen heraus lieber die gesamte bisherige Außenpolitik verleugnen, als in ihrem Rahmen den Kampf für die in ihrem Sinne liegenden Verbesserungen und Ergänzungen führen wollen. Die Deutschnationale Volkspartei hat damit nicht nur sich selbst, sondern auch das Reichsinteresse nach innen und außen schwer geschädigt. Sie hat das Kabinett seiner Autorität bei den kommenden Verhandlungen mit den Vertragsgegnern beraubt, im Innern eine vielversprechende Gesundung unseres Parteisystems jäh und willkürlich unterbrochen und damit den Mächten der Weimarer Koalition ohne Gegenwehr die inner- und außenpolitische Macht überantwortet. Diese Worte der Kölnischen Zeitung über die schwere Schuld der Deutschnationalen treffen den Kern der Sache. Nichts rettet die Deutschnationalen vor der Verantwortung, auch nicht die Flucht ihre Minister aus der Rechtsregierung. Denn der„Vertrag von Locarno", der jetzt zur Debatte steht und in der Deutschnationalen Partei so stark umstritten wird, ist, wie Briand und Chamberlain hervorgehoben haben, auf Initiative der deutschnationalen Reichsregierung zurückzuführen. In der Tat gäbe es heute keinen„Vertrag von Locarno“, wenn das Memorandum vom 9. Februar und die Note zum 20. Juli sowie der deutsche Vorschlag, in London eine Juristenkonferenz zur Vorbereitung eines Sicherheitspaktes abzuhalten, nicht existieren wurden. Verantwortlich für all diese Dinge ist die Regierung Luther in ihrer Gesamtheit. Ihre Mitglieder haben wiederholt einstimmig bei den verschiedensten Gelegenheiten die Außenpolitik des Ministers Stresemnann unterstützt, und in der Reichstagsdebatte vom 22. Juli hat Graf Westarp für seine Fraktion ausdrücklich erklärt, daß auch sie sich auf den Boden der Note vom 20. Juli stellt. Schließlich erfolgte die Reise der deutschen Delegation in vollem Einverständnis der deutschnationalen Fraktion, und die Paraphierung wurde vollzogen in Uebereinstimmung mit den deutschnationalen Minisiern. Sie stimmten nach der Rückkehr des Reichskanziers und des Außenministers und nach Rücksprache mit ihrer Fraktion außerdem dem gesamten Vertragswerk zu. Das gleiche tat der deutschnationale Reichspräsident von Hindenburg. Er dankte bei dieser Gelegenheit den Ministern für ihre Arbeit und brachte zum Ausdruck, daß er den Vertrag unterzeichnen werde. Damit steht die Verantwortlichkeit der Deutschnationalen Partei einwandfrei fest. Die bisher von ihr gebilligte Außenpolitik steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem„Vertrag von Locarno". Alles Gerede und die Flucht aus der Regierung befreien sie nicht im geringsten von der Verantwortung für das Werk von Locarno. Aus dieser selbstverständlichen Schlußfolgerung ergibt sich die Haltung der republikanischen Parteien. Der Parlamentarismus kennt nur Rechte und Pflichten. Er verbindet das Recht, die Macht im Staate zu übernehmen, mit der Pflicht zur Verantwortung. Die Deutschnationalen aber wollen nur herrschen, ohne für ihre Taten verantwortlich zu zeichnen. Dieser Zustand darf im deutschen Parlamentarismus nicht erst einreißen. Wer herrschen will— und das wollten die Deutschnationalen— soll seine Regierungskunst auch verantworten. Aber es handelt sich schließlich noch um mehr. Es gilt vor allem einer neuen innerpolitischen Beunruhigung unseres Volkes durch eine neue deutschnationale Hetze vorzubeugen. Die Flucht der deutschnationalen Minister aus der Regierung hat doch schließlich den Sinn, eines Tages andere Parteien für das verantworrlich zu machen, was deutschnationale Regierungskunst mit vollbracht hat. Das Ergebnis wird sein, daß republikanische Persönlichkeiten für den Verzicht auf Elsaß=Lothringen in den Tod gehetzt werden, obwohl eine deutschnationale Regierung diesen Verzicht in eine juristische Formel brachte und ihn durch ihre Vertreter in Locarno paraphieren ließ. Welche der republikanischen Parteien wünscht aber die Wiederkehr der Zustände von 1921 bis 1923? Sie alle sollten den Wunsch nach einer Konsolidierung der innerpolitischen Verhältnisse hegen und den Deutschnationalen infolge dessen jede Verantwortung an dem„Vertrag von Locarno“ zuschieben, die ihnen zukommt. Ein Appell an das Volk ist jetzt die gegebene Antwort auf das verantwortungslose Spiel der stärksten„Regierungs“Partei. Sitzung des Berlin, 26. Okt.(Durch brahtlosen Fernspruch.) Das Reichskabinett tritt heute vormittag zusammen, um sich mit dem Austritt der deutschnationalen Minister zu befassen. Es ist noch nicht ganz sicher, ob der Reichspräsident die Demission bewilligt. Er scheint unter dem Druck der deutschnationalen Fraktion eine neue Methode einführen zu wollen. Es hat den Anschein, daß die Deutschnationalen ihre letzte Hoffnung auf Sindenburg geseyzt haben, um ihre Macht trotz ihrem„Unannehmbar“ zu erhalten. Aber das wird ihnen nichts nutzen. Mit einer Gesamtdemission der Regierung ist jedenfalls vorläufig nicht zu rechnen. Berlin, 26. Okt.(Durch drahtlosen Fernspr.) Die entscheidende Sitzung der Reichsminister ist auf heute mittag 12 Uhr anberaumt worden. In ihr soll die endgültige Entscheidung über den Rücktritt der deutschnationalen Minister fallen. Die Fernwirkung der Ministerflucht Paris, 26. Okt.(Durch drahtlosen Fernspr.) Die Nachricht von dem Rücktritt der drei deutschnationalen Minister ist hier ziemlich spat eingetroffen, so daß sehr wenige Blätter Gelegenheit hatten, sie zu kommentieren, aber diese, wenn auch wenigen Auslassungen beweisen, wie glücklich bis jetzt die Bemühungen der Deutschnationalen gewesen sind, das nach Locarno aufgekommene gegenseitige Vertrauen zu untergraben. Der Matin ist der Ansicht, daß in der einen oder anderen Weise die Annahme der Locarnoer Verträge durch den Reichstag gesichert ist. Doch aus den eigentümlichen Widersprüchen der deutschen Politik— so schreibt das Blatt— könnte man leicht die Folgerung ziehen, daß das, was in Deutschland vorgeht, eine Erpressung sei, um den Alliierten ein Höchstmaß von Konzessionen abzuzwingen. Sollte dies den Tatsachen entsprechen, so würde diese Politik eine bedauernswerte Rückkehr zu den alten Methoden bedeuten, die Deutschland nichts Gutes versprechen. Die Manöver der Deutschnationalen, die die alliierten Minister veranlassen sollen, ihren Einfluß in der von Deutschland gewünschten Richtung geltend zu machen, seien eher azu geeignet, die alliierten Minister zu zwingen, Zurückhaltung an den Tag zu legen. Das Echo de Paris schreibt, daß es den Optimismus, der nach dem Ausgang der Locarnoer Konferenz allgemeinen geherrscht hat, nicht zu teilen in der Lage war. Das Blatt stellt fest, daß seine Befürchtungen nicht grundlos gewesen seien. Es könne nunmehr als sicher angenommen werden, daß selbst, wenn die Locarnoer Verträge im Reichstag eine zweifelhafte Mehrheit finden würden, sie doch jeden reellen Wertes entbehren würden. Die Konferenz würde aber auch dann nicht nutzlos gewesen sein, denn sie habe die Deutschnationalen gezwungen, Farbe zu bekennen. Noch einmal würde Frankreich gezwungen sein, die negativen Resultate der Politik der Konzessionen festzustellen. Das sei vielleicht eine bedauernswerte Tatsache, aber sie könne nicht bestritten werden. Glänzender sozialdemokratischer Sieg in Landsberg Lanosverg an der Warthe, 26. Okt.(Durch drahtlosen Fernspr.) Hier erfolgte am Sonntag die Neuwahl zum Stadtverordneten=Kollegium. Der Ausgang zeigt einen Aufstieg der Sozialdemokraten und Rückgang der Rechtsparteien. Es erhielten die Demokraten 764, Zentrum 576, Sozialdemokraten 6283, Kommunisten 927 und die gemeinschaftlich aufgetretenen Rechtsparteien 7517 Stimmen, außerdem entfielen auf die Liste der Mieter 1666 Stimmen. Das neue Stadtparlament wird bestehen aus 2 Demokraten(bisher gar keine), 1 Zentrum(bisher gar keine), Sozialdemokraten 13(bisher 9), Kommunisten 2(bisher 1), Arbeitsgemeinschaft 16(bisher 21), Mieter 4(bisher 7). Ein mannhafter Schritt Der Darmstädter Oberbürgermeister Dr. Glässing, bisher Mitglied der Deutschen Volkspartei, war mit letzterer in Konflikt geraten, weil er zu liberal handelte, sich zur Republik bekannte und am Reichsbannertag die städtischen Gebäude schwarzrotgolden erstrahlen ließ. Dieser Konflikt ist jetzt beendet, und zwar mit einer Niederlage der monarchistischen Volkspartei. In einem Schreiben an diese legt der Oberbürgermeister ein entschiedenes Bekenntnis zur Weimarer Verfassung ab. Er erklärt, daß die Arbeit des Wiederaufbaues nur auf dem Boden der Verfassung vor sich gehen könne. Seine Stellungnahme zu der Teilnahme der Stadtverwaltung an dem Reichsbannertag in Darmstadt rechtfertigt er wie folgt:„Die Stadtverwaltung hat, wie zu den Zeiten der Monarchie, die Pflicht, in dem Augenblick eine Veranstaltung zu verlassen, in dem in taktloser Weise die Staatsform der Gegenwart verletzt wird. Nur parteipolitische Voreingenommenheit kann einer Veranstaltung (Reichsbannertag), die auch zu Ehren der gegenwärtigen Staatsverfassung erfolgt, die Vaterlandsliebe absprechen." Am Schluß seines offenen Antwortschreibens erklärt der Oberbürgermeister seinen Austritt aus der Deutschen Volkspartei. Hitlerleute und„Roter Jungsturm" im Kampf Zusammenstöße in Dortmund. Dortmund, 25. Okt.(Eig. Ber.) Am Sonnabendnachmittag kam es in Dortmund zu ernsten Zusammenstößen zwischen Hitlerleuten und roten Jungstürmern. Nachmittags 5 Uhr ereigneten sich im Nordviertel der Stadt in der Münsterstraße die ersten ernsten Krawalle. Zwischen Hitlerleuten und Jungstürmern kam es zu Schlägereien, bei denen ein Hitlermann durch Messerstiche am Arm leicht verletzt wurde, während ein Jungstürmer von einem Mitglied der Hitler=Organisation mit einem Dolch einen lebensgefährlichen Bauchstich erhielt. Der Täter wurde verhaftet. Gegen 8 Uhr trafen auf telephonische Meldung der Hitlerleute in Dortmund über 20 bis zum Brechen beladene Lastkraftwagen mit Verstärkung aus der Umgegend ein. Aus Dortmund allein kamen acht Autos an. Als die lange Autoreihe in der Münsterstraße erschien, wurde sie an der Ecke der Lortzingstraße mit einem Steinhagel empfangen. Hierbei wurden 25 Hitlerleute durch Steinwürfe mehr oder weniger schwer verletzt. Die Verletzten erhielten auf der Sanitätswache Notverbände. Als Polizeiverstärkungen erschienen, verschwanden sowohl die Hitlerautos wie auch die Jungstürmer. Zu weiteren Zwischenfällen ist es am Sonnabendabend nicht mehr gekommen. Am Sonntagabend herrschte in Dortmund Ruhe. Die Notlage der Beamten, Angestellten und Arbeiter Ein Appell des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes an den Reichstag. Die am 24. und 25. Oktober tagende Vertreterkonferenz der Landes= und Provinzialausschüsse des Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes stellt nach eingehender Aussprache über die wirtschaftliche und besoldungspolitische Lage folgendes fest: 1. In weitesten Kreisen der Beamtenschaft, auch soweit sie nicht dem Allgemeinen Deutschen Beamtenbund angehört, hat sich auf Grund der jüngsten Wirtschafts=, Steuer= und lohnpolitischen Vorgänge die Erkenntnis durchgesetzt, daß der auf der Arbeitnehmerchaft lastende unerträgliche Druck eine Folge der Machtstellung ist, die sich das Industrie= und Finanzkapital in Politik und Wirtschaft trotz Republik und Demokratie zu verschaffen gewußt hat. Auch die Haltung, die die Reichsregierung— geführt vom Reichsfinanzminister, getragen von den Mehrheitsparteien des Reichstages, unterstützt von der kapitalistischen Reichsbahngesellschaft sowie maßgebenden Selbstverwaltungskörperschaften— einnimmt, ist ein unmittelbarer Ausdruck des Einflusses dieser kapitalistischen Mächte. Ferner ist erwiesenermaßen der wirtschaftliche Niedergang der Beamten und der Arbeiter in öffentlichen Betrieben aufs stärkste gefördert worden durch die von der Reichsregierung— leider mit Zustimmung des Deutschen Beamtenhundes— durchgesetzte Trennung der Besoldungspolitik von der Lohnpolitik. Angesichts dieser Tatsachen ist die Konferenz der Ueberzeugung, daß das nicht mehr zu überbietende wirtschaftliche Elend der öffentlichen Arbeitnehmer, insbesondere der Beamten in den gering besoldeten Gruppen, nur unter der Voraussetzung behoben werden kann, daß die durch die Gemeinsamkeit der Interessen gebotene Einheitsfront der öffentlichen Arbeiter, Angestellten und Beamten wieder hergestellt wird. II. Die durch die systematische Niedriahaltung der Gehälter und Löhne für die Arbeitnehmer geschaffene Lage ist aufs äußerste verschärft worden durch die Politik, die Reichsregierung und Reichstagsmehrheit in Steuer=, Zoll= und Wirtschaftsfragen betrieben haben. Ohne sachlichen Zwang, vielmehr lediglich in einseitiger Berücksichtigung der kapitalistischen Wirtschaftsinteressen, sind die Hauptlasten der aus dem Londoner Abkommen sich ergebenden Reparationsverpflichtungen auf die Schultern der ohnedies durch Kriegs= und Inflationsfolgen aufs schwerste betroffenen wirtschaftlich und sozial schwachen Schichten des deutschen Volkes— auf die Arbeiter, Angestellten und Beamten— gelegt worden. Vom Deutschen Reichstag, dessen Mehrheit für diese Politik verantwortlich ist, verlangt die Beamtenschaft deshalb, daß er mit der vom Reichsfinanzminister betriebenen Besoldungsund Lohnpolitik endlich Schluß macht. Im vergangenen Jahre wurden die berechtigten Wünsche der Beamtenschaft mit dem Hinweis auf die schlechte Finanzlage des Reiches abgelehnt; gleichwohl brachte dieses Etatsjahr einen Ueberschuß von mehr als 2 Milliarden. Auch jetzt wieder begründet der Reichsfinanzminister die Verweigerung jeder Angleichung der Gehälter an die gestiegene Teuerung mit dem Hinweis auf die angeblich schlechte Finanzlage des Reiches, obwohl die Steuereingänge trotz des Defizits bei den Besitzsteuern schon wieder einen Ueberschuß von mehreren hundert Millionen ausweisen. Nach Ansicht der Konferenz steht der Reichstag jetzt vor der Frage, ob wiederum diese Ueberschüsse auf indirektem Wege als Entschädigungen, Kredite usw. für die„Wirtschaft“ verschwinden sollen, oder ob diese auf Grund der Steuerleistungen der breiten Masse verfügbaren Mittel den Beamten, Angestellten und Arbeitern des Reiches, der Länder und Gemeinden als einem erheblichen Teil der die Wirtschaft tragenden Kreise durch eine angemessene Erhöhung ihres Lohnniveaus zugeführt werden sollen. Die Konferenz fordert deshalb vom Reichstag, daß er die vom Reichsfinanzminister verweigerte Anpassung der Beamtengehälter an die Teuerung durch eine ausreichende Erhöhung der Beamtenbezüge sofort nach seinem Zusammentritt von sich aus beschließt. Caillaux im offenen Gegensatz zu den Linksparteien Paris, 25. Okt.(Eig. Ber.) Der französische Finanzminister Caillaux hat sich in einer am Sonntag in seinem Wahlbezirk gehaltenen Rede ganz entschieden gegen die von den Sozialisten und Radikalsozialisten verlangte Vermögensabgabe ausgesprochen und sich auf diese Weise in einen offenen Gegensatz zu dem Linkskartell gestellt. Während Painleve in seiner am Sonnabend gehaltenen Ansprache die Möglichkeit von zwei Wegen zur Lösung der schwebenden Finanzkrise erwähnt hat und die Entscheidung dem für Montag angesetzten Ministerrat vorbehielt, hat sich Caillaux, ohne den Inhalt seiner Finanzpläne bekannt zu geben, nur für die eine der beiden Möglichkeiten ausgesprochen. Er zeichnete in seiner Rede zunächst die Vorgeschichte der gegenwärtigen Finanzkrise auf und wies darauf hin, daß anläßlich des Verfalls der hohen Beträge von Schatzscheinen ihm sich die Möglichkeit geboten habe, zu einer zwangsweisen Konsolidierung dieser Schatzscheine zu schreiten. Er habe jedoch diesen Weg, der eine Ablehnung der vom Staate übernommenen Verpflichtungen bedeutet hätte, ablehnen müssen. Ebenso müsse er auch die von den Sozialisten vorgesehene Vermögensabgabe ablehnen. Die Erfahrungen, die man damit im Auslande gemacht habe, hätten gezeigt, daß die Vermögensabgabe überall, wo man sie durchzuführen versucht habe, kläglich gescheitert sei und überall Ruin und Verfall hinter sich gelassen habe. Auch habe er bemerkt, daß diese sozialistischen Gedankengänge merkwürdigerweise eine Unterstützung bei den Mächtigen der Finanz fänden, und das müsse noch das Mißtrauen gegen die Kapitalabgabe steigern. Denn die Finanzmacht hege die Hoffnung, aus der durch die Kapitalabgabe hervorgerufenen Verwirrung in der ganzen Wirtschaft Kapital zu schlagen. Caillaux erklärte sich dann für einen Anhänger der demokratischen Finanzgesetzgebung, die neben einer progressiven Einkommensteuer und Luxussteuern auch eine strikte Oekonomie der Ausgaben mit einbegreife. Nur auf diese Weise werde man, so erklärte er, die gegenwärtigen Schwirigkeiten überwinden können. Der Weg sei jedoch weit. Zeit, Ausdauer Methode und Vertrauen den Regierenden sei die Formel. Bevorliehende Friedensverhandlungen mit Ab el Krim? Paris, 26. Okt. Nach einer Meldung aus Madrid wird aus Melilla berichtet, daß Abd el Krim in Begleitung mehrerer seiner Führer und zweier Europäer nach Tanger unterwegs sei, um mit Frankreich und Spanien Friedensverhandlungen einzuleiten. Wie der Matin hierzu mitteilt, erhielt die französische Regierung bis 1 Uhr nachts keine amtliche Nachricht, die diese Mitteilung bestätigt. Grabski behält das Bertrauen Warschau, 24. Okt.(Durch drahtlosen Fernspr.) Der polnische Seim lehnte am Freitag die gegen die Regierung vorliegenden Mißtrauensanträge ab. In dieser Abstimmung dürfte eine Billigung der Außenpolitik des jetzigen Kabinetts zu suchen sein, obwohl die innerpolitische Situation der Regierung Grabski äußerst schwierig ist. Allgemein wird die Auffassung vertreten, daß ein Kabinettswechsel in Polen nicht zu vermeiden ist, sobald die Sanierungsgesetze unter Dach und Fach sind. Verschärfung des griechisch-bulgarischen Konflikis? wib Sofia, 26. Okt. Die Bulgarische Telegraphen=Agentur berichtet: Die griechische Artillerie beschießt seit heute morgen die Orte Piperitza und Pertovo. Man meldet bereits zahlreiche Tote und Verletzte unter der Bevölkerung. Die griechischen Truppen fohren fort, weitere Stellungen auf bulgarischem Gebiete zu besetzen. Es besteht nicht das geringste Zeichen, daß sie einen Rückzug beabsichtigen. Genf, 26. Okt.(Durch drahtlosen Fernspruch.) Die Antwort der griechischen Regierung auf die Depeschen des Völkerbundssekretariats ist erst am Sonntag in Genf eingetroffen Sie erklärt, daß die griechischen Truppen von den Grenzen erst zurückgezogen werden würden, wenn die zwei von Bulgaren besetzten Posten wieder zurückgenommen seien. Das griechische Vorgehen sei lediglich eine legitime Verteidigung und könne nicht im Sinne des Artikels 12 des Völkerbundspaktes ausgelegt werden. Trotz alledem werde die griechische Regierung, aus Achtung vor dem Völkerbund, das Eingreifen des Völkerbundsrates nicht ablehnen. — Auch Bulgarien hat die Entscheidung des Völkerbundsrates engenommen. Kulturbilder vom Balkan Aus Bulgarien: Amtlich wird gemeldet, daß im Gefängnis von Varna die Agrarkommunisten Nedew und Erebalakow von den Wächtern erschossen wurden,„weil sie die Wache durch Beschimpfungen reizten". Die zwei Unglücklichen gehörten zu den 32 Angeklagten, die im Riesenprozeß von Varna zum Tode verurteilt und vom König beanadiat worden sind. Dieser Vorfall deutet darauf hin, daß die Militärliga, die die eigentliche Beherrscherin Bulgariens ist, und die sich in wildem Blutdurst gegen jede Amnestie gewendet hat, die Todesurteile, dercn gesetzmäßigen Vollzug der König verweigert, auf eigene Faust vollstreckt, d. h. die Verurteilten in den Gefängnissen einfach umbringen läßt Eine einzige Nummer einer bulgarischen Zeitung enthält über die noch immer fortdauernde Arbeit der Kriegsgerichte folgende Angaben: In Rustschuk 131 Angeklagte, vier Todesurteile. der Rest Kerkerstrafen von 15 bis 2 Jahren; Philippopel 52 Angeklagte, 3 Todesurteile, der Rest 13 Jahre Kerker; Schumla 427 Angeklagte, gegen 136 Antrag auf Todesstrafe. Aus Rumänien: Der Kriegsminister hat befohlen, daß der große Prozeß in Kischinew bis zum 9. November beendet sein muß. Infolgedessen verbandelt das Gericht nunmehr auch bei Nacht. Die mehreren hundert angeklagten Bauern müssen also Tag und Nacht stehen. Ein Angeklagter nach dem anderen erzählt, solange ihn der Gerichtshof reden läßt, wie sie von den Gendarmen geschlagen und gefoltert wurden, bis sie alle gewünschten Protokolle, die sie nicht lesen können, unterschrieben. Dazu erklärt der Vorsitzende wiederholt:„All das interessiert uns nicht und ist ohnedies bekannt.“ Keine Erkrankung Wirths. Bei der in Freiburg wohnenden Mutter des Reichskanzler a. D. Wirth ist ein Telegramm eingegangen, in dem Dr. Wirth die Nachrichten über seine Erkrankung als unrichtig bezeichnet. Sein Gesundheitszustand sei immer sehr gut gewesen. Randbemerkungen Eine republikanische Zeitschrift, die sich um die Aufdeckung der Fememorde besonders verdient gemacht hat, schreibt über den von der Schwarzen Reichswehr geplanten Handstreich gegen Berlin folgendes:„Der Führer der schweren Batterie Leutnant Augustin und die beiden Wachtmeister Landgenwalder und Kirsch hatten die Stellung ihrer Geschütze vor dem Reichstag und am Königsplatz erkundet und auf die Ziele das Parlament und das Innenministerium eingemessen.“ Das ist ja sehr schön! Die Geschütze der„Schwarzen Reichswehr“ waren also in Gedanken bereits vor dem Reichstag in Stellung gebracht! Herr Geßler, unter dessen Fittichen diese merkwürdige Spielart der republikanischen Wehrmacht mit ihren Feuerstellungen gegen den Reichstag und ihrer Feme=Justiz herangewachsen war, erklärt im Reichstag, zu diesem Thema interpelliert, mit lachendem Mund:„Wenn eine Frau mit allen Männern in der Stadt was hat, dann erfährt es gewöhnlich zuletzt der Gatte!“ Das ist sehr nett vom Reichswehrminister der Republik und eine Glanznummer für ein politisches Kabarett! Man würde darüber lächeln, wenn die Feme ihre Opfer lediglich„entführt“ oder nach den Methoden des Ku=Klur=Klan verulkt hätte. So aber liegen zwanzig junge Reichswehrsoldaten erschlagen in den Sümpfen und Tümpeln der Mark Brandenburg und Mecklenburgs! Herr Geßler aber macht Witze über eine Frau, die mit irgendwem„etwas hat". Ein feiner Wehrminister der Republik! Der deutschnationale Polizeimajor Borck scheint eine würdige Stütze der deutschnationalen preußischen Landtagsfraktion zu sein. Er hat in das amtliche Handbuch des Landtags folgende Bemerkungen eingetragen:„Während der zweiten Hälfte des Krieges Generalstabsoffizier, Major a. D. Am 19. Juli 1919 in die Organisationsleitung der Sicherheitspolizei übernommen. Aufstellung der ostpreußischen Sicherheitspolizei geleitet. Langjähriger erster Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger Polizeioffiziere Preußens.“ In einer flammenden Rede hatte Herr Borck am 16. Oktober im Landtag erklärt, daß es in der preußischen Schutzpolizei in erster Linie an Wahrhaftigkeit fehle. Nun hat der demokratische Abg. Barteld, Hannover, die Eintragung dieses merkwürdigen ehemaligen Polizeimajors in das amtliche Handbuch des preußischen Landtages 1925 als eine fortgesetzte Lüge bezeichnet. Barteld stellt fest, daß Herr Borck bei dem Ausscheiden aus dem Heer den Charakter eines Majors überhaupt nicht erhalten habe, daß er keineswegs der Organisationsleitung der Sicherheitspolizei, sondern lediglich der Inspektion Wilmersdorf angehört habe, daß er keineswegs die ostpreußische Sicherheitspolizei aufgestellt, sondern lediglich zwei Monate in untergeordneter Stellung dort tätig war, ferner daß die Behauptung dieses sonderbaren Majors, er sei langjähriger erster Vorsitzender der Vereinigung ehemaliger Polizeioffiziere Preußens gewesen, eine üble Uebertreibung ist, daß er vielmehr nur wenige Monate den Posten innegehabt hatte. Was tut ein preußischer Major, wenn man ihn öffentlich der Lüge zeiht? Früher mußte er sich totschießen oder einen andern— und jetzt? Lassen wir ihn der Deutschnationalen Volkspartei! * In der Deutschen Tageszeitung hat ein gewisser Kapitän Kircheiß dieser Tage folgendes Inserat losgelassen:„Welcher Deutsche, der es mit seinem Deutschtum wirklich ernst meint, leiht zinslos dem von dem Helden des Seeadlers her bekannten Kapitän Kircheiß 15000 4? Kapitän Kircheiß will mit einem von ihm selbst erworbenen Fischkutter innerhalb zwei Jahren um die Erde fahren, um gegen die Kriegsschuldlüge in allen größeren Hafenplätzen der Welt Vorträge zu halten.“ Das wird den Kongonegern und Malaien mächtig imponieren, wenn der Herr Kapitän mit seinem gepumpten Kahn einläuft, um sie von der„Lüge an der Alleinschuld Deutschlands am Weltkrieg“ zu kurieren! Wir wünschen dem geschäftstüchtigen deutschnationalen Kapitän, daß er einen Dummen findet, dem er die 15 000 A abknöpfen kann— zur höheren Ehre Deutschlands und der Deutschnationalen Partei! * Diese Kombination von Politik und Geschäft hat eine Firma in Dauerbrandöfen„Gebr. Gienanth=Eisenberg“ ebenfalls erkannt. Sie läßt sich durch ihren Propagandachef, der offensichtlich früher einmal Kapitän der bayerischen Hartschiers war, einen„Freiherr v. R.“, folgendes Propagandablatt zum Oktoberfest 1925 entwerfen: „Ottoberfest! Im offenen vierspännigen Wagen, begleitet von einer Ehreneskorte, fährt der Landesherr mit seinem Hofstaate durch seine vieltausendköpfige Menge zum Festplatz. Lustig flattern die weißblauen Wimpel der Lanzenreiter im Herbstwind; kernige Gestalten, von der Glut der Sonne dunkel gebräunt, auf ausgesuchten, schnittigen Pferden, denen man die Anstrengungen der eben überstandenen Manöver anfieht. Brausende Hochrufe, Hüte= und Tücherschwenken begleiten die stolze Fahrt. Und dann der dumpfe Donner der Geschütze! Königssalut, gegeben von einer Batterie des alten Regiments, das sonahe mit dem Königshaus verknüpft ist. Vor dem Königszelt die Ehrenkompagnie des Leibregiments. Das alte, in hundert Schlachten bewährte Feldzeichen senkt sich vor dem Landesherrn, der Präsentiermarsch mit seinem unvergleichlichen Rhythmus läßt die Herzen aller derer höher schlagen, die im Volksheere harte, aber auch erhebende Stunden durchlebten." Die„schnittigen Pferde“ und der„dumpfe Donner der Geschütze" haben es den Dauerbrandöfen der Firma Gienanth offenbar angetan! Ob die bayerischen Bauern auf diese plumpe Art der Geschäftspropaganda hereinfallen? Wir wissen es nicht. Es ist ihnen zu gönnen, daß ihnen die Brandöfen den Rest ihrer Gehirne verräuchern. Der Linzer Bischof hat ein eigenes Reglement über das Turnen der Mädchen erlassen. Hierzu schreibt ein Genosse unserem Parteiblatt in Wien:„Das Turnen bringt den dicken Bauch und damit jedes würdevolle Aussehen zum Schwinden. Da es außerdem eine rein sexuelle Angelegenheit ist, ist eine Trennung nach Geschlechtern dabei unbedingt notwendig, damit auch die unschuldsvollen Zuseher, die den Mann vom Weibe nicht zu unterscheiden vermögen, gleich wissen, wo etwas Unanständiges zu sehen ist!" Die Arbeiter=Sport= und„Kinderfreunde"=Bewegung unserer österreichischen Bruderpartei hat es dem reaktionären Klerus der Christlichsozialen offenbar furchtbar angetan. Der Erlaß des Eischofs von Linz hat immerhin den Reiz einer neuen Methode im Kampf gegen den bösen Feind, den Arbeitersport. Ob man jedoch durch den Befehl zum Tragen von Barchentunterröcken die Arbeiterbewegung abdrosseln kann, ist eine Frage für sich. Die„Wege zur Kraft und Schönheit" gehen in Oesterreich offenbar noch einen ganz anderen Gang wie bei uns!“ Lokales Elberfeld=Barmen Der Notbetrieb auf der Schwebebahn Der Deutsche Verkehrsbund teilt uns mit: Die Schwebebahn hat mit den Kontrolleuren der Schwebe= und Talbahn sowie einigen Streikbrechern einen Notbetrieb aufgemacht, der kaum die erforderliche Sicherheit für das Publikum bietet. Die Eigenheit der Schwebebahn macht es notwendig, daß nach Dienstschluß jeder Wagen auf seine Betriebssicherheit nachgeprüft werden muß. Das ist aber, da die Werkstelle nicht arbeitet, ausgeschlossen. Eine fachmännische Untersuchung und Abklopfung des Drebgestells, in dem der ganze Wagen hängt, die äußerst wichtige Prüfung der Luftdruckbremse usw. kann daher nicht erfolgen. Auf all diese Dinge legt die Verwaltung anscheinend wenig Wert. Auch ist die Sicherheit auf der Strecke nicht so gegeben, wie das notwendig wäre. Eine große Anzahl von Stationen sind überhaupt nicht besetzt und kann daher das Sicherheitssignal auf diesen Stationen nicht bedient bezw. bei automatischer Schaltung nicht beobachtet werden. Auf der Station Kluse ist gestern das Sicherheitssignal von einer weiblichen Person bedient worden, die bisher diese Arbeit nicht verrichtet hat. Ob die Aufsichtsbehörde die Genehmigung zur Verwendung einer weiblichen Person im Sicherheitsdienst gegeben hat, wissen wir nicht, bezweifeln aber, daß die Aufsichtsbehörde ihre Zustimmung dazu geben würde. Wir empfehlen dem Publikum, in die Betriebssicherheit dieses Notbetriebes nicht allzu viel Vertrauen zu setzen. Auch der Arbeiterschaft möchten wir aus diesem Grunde und ganz besonders aus Solidarität gegenüber den streikenden Arbeitsbrüdern empfehlen, solange der regelmäßige Betrieb nicht aufgenommen ist, nicht mit der Schwebebahn zu fahren. * Raubüberfall. Am 14. Oktober, gegen 11.30 Uhr abends, wurde ein von Ratingen kommender Straßenbahnzug der Rheinischen Bahngesellschaft kurz vor der Grenze der Stadt Düsseldor“ auf dem Gebiete der Bürgermeisterei Eckamp durch einen quer über die Gleise gelegten Holzblock zum Halten gebracht. Als der Führer sich anschickte, das Hindernis zu beseitigen, sprangen plötzlich drei maskierte Räuber aus dem Dunkeln hervor, bedrohten das Fahrpersonal mit Schußwaffen und raubten den beiden Schaffnern die Geldtaschen mit Inhalt. Dann zwangen sie den Führer zur Weiterfahrt. Die Räuber sind unerkannt entkommen, sie werden als untersetzte kräftige Männer beschrieben, die strumpfartige Masken über den Kopf gezogen hatten. Einer der Täter soll etwa 1,80 Meter und die beiden andern etwa 1,65 Meter groß sein. Es wird dringend gebeten, alle Wahrnehmungen, die auf die Spur der Täter und zu ihrer Feststellung führen könnten, schleunigst der Kriminalpolizei in Düsseldorf mitzuteilen. Auf die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von 500 A ausgesetzt. Die Verteilung erfolgt unter Ausschluß des Rechtsweges. * Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß Anträge auf Erteilung der Erlaubnis zum Betriebe einer Gast= oder Schenkwirtschaft oder zum Kleinhandel mit Branntwein und Spiritus bei der Ortspolizeibehörde, das ist im hiesigen Bezirke die Staatspolizei, einzureichen sind. Elberfeld, 26. Oktober. Auslegung der Stimmkartei(Wählerliste) zur Provinziallandtagswahl Die Stimmkartei(Wählerliste) für den Wahlkreis Elberfeld liegt bis einschl. Sonnabend, den 7. November 1925, und zwar an den Werktagen vormittags von 9 bis 1 Uhr und nachmittags von 3 bis 5 Uhr(mit Ausnahme der Samstagnachmittage), am Sonntag (1. November) nur vormittags von 9 bis 1 Uhr beim Wahlamt, Rathaus, Zimmer Nr. 61, 2. Obergeschoß links, zur allgemeinen Einsicht öffentlich aus. Wer die Stimmkartei für unrichtig oder unvollständig hält, kann dies bis einschl. Sonnabend, den 7. Nov., nachmittags 1 Uhr, bei dem Beig. Dr. Michaelis schriftlich anzeigen oder zu Protokoll geben, er muß dabei die Beweismittel für die behaupteten Tatsachen, falls sie nicht offenkundig sind, beibringen. Später eingehenden Einsprüchen kann nicht mehr stattgegeben werden. Jeder Wähler, der in die Stimmkartei aufgenommen worden ist, hat auch diesmal vom Wahlamt durch eine Postkarte(grünes Papier) die Benachrichtigung über seine Eintragung mit Angabe des Bezirks, in dem er zu wählen hat, und seiner Nummer in der Stimmkartei erhalten. Diese Benachrichtigung ist lediglich als Wahlausweis zu betrachten und dem Wahlvorsteher bei der Wahlhandlung vorzulegen. Jeder, der eine derartige Karte erhält, hat dadurch die Gewißheit, daß er in der Stimmkartei aufgeführt ist und kann sich das Nachsehen beim Wahlamt ersparen. Wahlberechtigte, die noch keine Wahlausweiskarte erhalten haben, werden im Interesse einer schnelleren Abfertigung gebeten, sich zunächst beim Einwohner=Meldeamt, Schalter 6(Eingang vormittags Friedrichstraße, nachmittags Rathaus, Hauptportal), eine gebührenfreie Bescheinigung über ihre polizeiliche Anmeldung ausstellen zu lassen(soweit sie nicht bereits über eine solche verfügen), und diese alsdann dem Wahlamt, Rathaus, Zimmer Nr. 61, vorzulegen. Das Meldeamt ist— aber nur für die Ausstellung dieser Bescheinigungen— während der gleichen Dienststunden geöffnet wie das Wahlamt. Die Begrenzung der Stimmbezirke, die Namen und Wohnungen der Wahlvorsteher und deren Stellvertreter sowie die Wahllokale werden demnächst bekanntgegeben. Schluß=Akt ber schwarzweißroten Presseprovokation. Der Verein Wuppertaler Presse e. V. teilt mit: „In der öffentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammluna vom 17. Juli 1925 haben die Stadtverordneten Abendroth und Schön persönliche Angriffe gegen einen Redakteur des Täglichen Anzeigers gerichtet. Dem Verein Wuppertaler taler Presse, der sich daraufhin mit dem Vorfall beschäftigte, hat Oberbürgermeister Dr. Kirschbaum unterm 17. Oktober 1925 folgende Mitteilung zugehen lassen: „In einer Sitzung des Verwaltungsrats des Täglichen Anzeigers unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters fand eine eingehende Aussprache über die Vorkommnisse in der Stadtverordnetensitzung vom 17. Juli 1925 statt. Dabei erklärte Herr Abendroth, daß er seine Aeußerungen in bezug auf den Redakteur des Täglichen Anzeigers, soweit sie in der Form über das parlamentarisch übliche Maß hinausgingen, als nicht gescheyen zu betrachten bitte. Dabei wurde von allen Seiten dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß derartige persönliche Angriffe unterbleiben möchten.“ Stadtverordneter Schön hat keine Erklärung abgegeben. Der Verein Wuppertaler Presse legt auch bei der Stellung, die Herr Schön derzeit in der Oeffentlichkeit einnimmt, keinen Wert mehr auf eine solche Erklärung.“ Herr Schön sprach in der am 17. Juli stattgefundenen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung in bezug auf den Täglichen Anzeiger auch von„spucken“. Jetzt hat Herr Schön ausgespuckt und muß es sich gefallen lassen, daß der Verein Wuppertaler Presse auf ihn und seine nicht abgegebene Erklärung„spuckt". e. Das Wahlamt Elberfeld macht darauf aufmerksam, daß die aus Anlaß der am 29. November stattfindenden Wahlen zum Provinziallandtag herausgegebene Bekanntmachung des Provinzialwahlleiters an sämtlichen Plakattafeln der Stadt angebracht wird und außerdem beim Wahlamt im Rathaus, Zimmer Nr. 61, 2. Obergeschoß links, zur Einsicht ausliegt. o. Kinder=Heimkehr. Der Ortsausschuß für Arbeiterwohlfahrt Elberfeld teilt mit: Die Kinder aus Weilmünster kommen am Mittwoch, den 28. Oktober, abends um 8.85 Uhr, von Hagen kommend, auf dem Hauptbahnhof an. Die Eltern werden dringend gebeten, den Bahnsteig nicht zu betreten. Die Kinder werden durch die Sperre links kommen. e. Die Empfänger von Militärrenten werden an die pünktliche Abholung für November erinnert. Die Zahlung samtlicher Militärrenten erfolgt Donnerstag, den 29. Oktober, in der Zeit von 8 bis 12.30 Uhr vormittags und 3 bis 6 Uhr nachmittags. n. Die Empfänger von Renten aus der Invaliden= und Unfallversicherung werden an die pünktliche Abhebung für November erinnert. Die Zahlung der Renten erfolgt an zwei Tagen jedesmal von 8 bis 12.30 Uhr vormittags und 8 bis 6 Uhr nachmittags. 1. Tag: Montag den 2. November: a) Unfallrenten Nr. 10000 bis 10500, b) Sozialrenten Nr. 1 bis 5000. 2. Tag: Dienstag, den 3. November: a) Unfallrenten 10 501 bis Schluß, b) Sozialrenten 5001 bis 10 000. e. Die Leitung der städischen Gewerblichen Berufsschule für Mädchen macht darauf aufmerksam, daß an ihrer Schule die Oktoberferien fortfallen. Die Arbeitgeber werden darauf hingewiesen, daß sie sich durch Zurückhalten der Mädchen strafbar machen. Die 10 Ferientage werden den Weihnachtsferien angeschlossen, so daß auch für die Schülerinnen der Berufsschule für Mädchen die gleiche Zahl an Ferientagen herauskommt. e. Im Hemd wurde in der vergangenen Nacht ein älterer Mann verhaftet und zur Wache abgeführt. Der Alte skandalierte aus dem Fenster seiner zu ebener Erde belegenen Wohnung und sprang, als ihn ein Schupobeamter zur Ruhe aufforderte, auf die Straße und setzte sein Randalieren fort. Der Aufforderung des Beamten, sich erst anzukleiden, kam der Mann nicht nach, und so ah sich der Beamte gezwungen, ihn wie er war, nämlich nur mit dem Hemde bekleidet, zur v. d. Hedytsgasse mitzunehmen. Hoffentlich hat ihm der luftige nächtliche Spaziergang nichts geschadet. n. e. Verwegener Ausbruch aus dem Gefängnis. In der Nacht zum Samstag gelang es einem„schweren Jungen" namens Hans Krebsbach, der wegen Falschmünzerei und anderer Verbrechen noch 9 Jahre Zuchthaus abzumachen hat, aus seiner im zweiten Stockwerk belegenen Zelle auszubrechen und mit noch einem gefangenen Genossen über die hohe Hofmauer über das Bahngelände zu entfliehen. Ein dritter Insasse, der sich dem Ausbruche angeschlossen hatte, vermochte die hohe Gefängnismarer nicht zu überklettern und mußte zurückbleiben. Soviel die bisherigen Feststellungen ergaben, hat Kr. mit einer Säge, die ihm auf irgendeine Weise in die Hand gespielt worden ist, die Eisengitter vor seinem Fenster lautlos durchsägt, sich an einem Seile auf den Hof hinabgelassen und dann vermittels des Strickes die Gefängnismauer überklettert. Vermutlich haben ihm dabei dritte Personen von außerhalb Hilfe geleistet. Trotz intensivster Nachforschungen ist es bis jetzt nicht gelungen, der Ausreißer wieder habhaft zu werden. n. é. Thaliatheater: Johann Strauß=Festwoche mit der Fledermaus=Operette. Rosalinde: Bertl Graebener. Die Hörer des Rundfunks Elberfeld erhalten heute und Freitag gegen Vorzeigung ihrer Radioquittung auf allen Plätzen 20 Prozent Ermäßigung. (Siehe Anzeige.) e. Der bedeutendste Sänger zur Laute: Sepp Summer, hat sich zu einem einmaligen Gastspiel=Konzert am Mittwoch, 28. Oktober, im Evang. Jugendhaus, Bergstr. 50, verpflichtet.(Siehe Ins.) Barmen, 26. Oktober. Es sind ja„nur“ Kriegsopfer Stadtverwaltung und Winterversorgung. Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten usw. schreibt uns: Eine eigentümliche Taktik hat sich bei der Stadtverwaltung in Barmen herausgebildet in der Behandlung der Anträge der Kriegsopfer. Bisher wurde den notleidenden Opfern des Krieges in jedem Jahre seitens der Kriegsfürsorge ein gewisses Quantum Kohlen und Kartoffeln zu einem bedeutend verbilligten Preise gegeben, um sie über die Not des Winters hinwegzuhelfen. So gab man im verflossenen Jahre z. B. den Kriegsbeschädigten, deren Einkommen den Betrag der Vollrente einschließlich Zusatzrente nicht überstieg und der Witwe, deren Einkommen nicht über die Rentensätze einer erwerbsunfähigen Hinterbliebenen hinausging, pro Familie 20 Zentner Kohlen und pro Kopf 3 Zentner Kartoffeln zu einem Viertel des Beschaffungspreises. Eine ähnliche Regelung der Winterversorgung fand auch bei den durch das Wohlfahrtsamt Unterstützten statt. Die Organisationen der Kriegsopfer stellten bereits im Frühjahr d. J. entsprechende Anträge, um die Winterversorgung in diesem Jahre in ähnlicher Weise durchzuführen. In der Beiratssitzung der Kriegsfürsorge machte dann die Verwaltung einen Vorschlag, der zwar nicht den Umfang der vorjährigen Regelung erreichte, aber im Hinblick auf die allgemeine wirtschaftliche Lage von den Beiratsmitgliedern angenommen wurde, zumal damit wenigstens den allerärmsten Kriegsopfern geholfen war. In der Sitzung des Fürsorgeausschusses am 18. d. M. machte jedoch dieselbe Verwaltung unter vollständiger Außerachtlassung ihres früheren Vorschlages und des daraufhin erfolgten Beschlusses des Beirates neue Vorschläge, bei denen die Kriegsopfer leer ausgehen. Nur ein geringer Teil der Kriegereltern wird nach diesem Vorschlag Kohlen und Kartoffeln bekommen, die sie zudem noch zur Hälfte des Preises zurückzahlen müssen. Wie es bei den„fürstlichen" Bezügen der Kriegereltern, die monatlich 29,55 A bezw. 33,25 A betragen, möglich sein soll, hiervon noch 4 A einzulassen, ist unerklärlich. Wir nehmen nicht an, daß die Deutschnationale Volkspartei dasVorgehen ihres, von uns nie ernst genommenen Vertreters im Beirat billigt, glauben auch nicht, daß die neuen Vorschläge auf ihn zurückzuführen sind. Es wäre ihm tatsächlich zu viel Ehre angetan. Sollte der wahre Urheber dieser Regelung nicht in der Person des Beig. Dr. Neinhaus zu suchen sein, der noch rechtzeitig genug aus dem Urlaub gekommen ist, um sich gleich zur Hilfsstellung die Dezerneneten der umliegenden Kreise und Städte herbeizuholen? Diese Herren waren sich natürlich von vornherein darüber klar, daß jede Sonderregelung für Kriegsopfer in der heutigen Zeit nich mehr in Frage komme. Ihnen sind die§§ 20—32 der Reichsgrundsätze über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge ein Dorn im Auge. Das Vorgehen der Verwaltung in dieser Sache berührt um so eigentümlicher, wenn man bedenkt, daß die Mittel für die Winterversorgung bereits bei Aufstellung des Etats berücksichtigt worden sind. Wären der Verwaltung wegen ihres ersten Vorschlages Bedenken gekommen, so wäre es Pflicht gewesen, den Beirat, der zu diesem Vorschlage schon Stellung genommen und entsprechend beschlossen hatte, nochmals zu hören. Aber ungeachtet der eigenen früheren Vorschläge dem Fürsorgeausschuß andere Vorschläge zu unterbreiten, bei denen die Kriegsopfer leer ausgehen, bedeutet eine Provokation und Verhöhnung derselben, die sie nicht gewillt sind, sich bieten lassen. Wir erwarten von der am Dienstag tagenden Stadtratssitzung, daß sie sich der Sache annimmt und dafür Sorge trägt, daß zum wenigsten der erste Vorschlag der Verwaltung, der durch den Beschluß des Beirates der Kriegsfürsorge sanktioniert ist, angenommen wird; gleichzeitig aber dem Dezernenten des Kriegsfürsorgeamts auch zu verstehen gibt, daß nicht Beschlüsse von Dezernentenzusammenkünften, sondern Beschlüsse des Beirates und der zuständigen Verwaltungsausschüsse durchzuführen sind. Wir hoffen, daß die Stadtverordneten auch heute noch nach sieben Jahren wissen, was sie den Opfern des Weltkrieges schuldig sind. Etwas von der Freudenbergstraße, was keine Freude macht. Zu den Zuständen in den Barmer Außenbezirken wird uns noch geschrieben: In einer der letzten Nummern der Freien Presse war unter der Ueberschrift„Unschönes aus den Barmer Außenbezirken" die Rede von demjenigen, was an der Lentzestraße im Freudenbergviertel nicht geschieht. Um das Bild dieses Stiefkindes unter unseren Stadtvierteln aber korrett zu zeichnen, muß man auch davon reden, was an den Straßen dort geschieht. Da wurde z. B. die Freudenbergstraße im vorigen Jahre in wochenlanger Arbeit von der Huldastraße an bis zum Hakenbergschen Besitz ausgehackt und mit einer neuen Decklage versehen. Die Anwohner reuten sich und die zahlreichen Arbeiter, welche gerade diese Straße passieren, noch mehr, daß die Gefahr des Hals= und Beinbrechens dort um etwa 50 Prozent verringert war. Aber die Freude war nicht von langer Dauer, denn nach einigen Wochen erchien eine neue Kolonne von Arbeitern, welche die eben erst so chön geglättete Straße wieder aufriß und Wasserleitungsrohre hineinlegte. Warum das eine nicht früher und das andere nicht später erfolgte, versteht ein gewöhnlicher Sterblicher nicht. Daß nach Kanalisationsarbeiten die Straßen gewöhnlich nicht sehr schön imstande sind, weiß wohl jeder. Als Schreiber dieses einen bei den erwähnten Arbeiten beschäftigten Mann fragte, warum man wohl eigentlich die Leitung nicht früher gelegt hätte, zuckte er vielagend die Achseln und meinte, daß dies von dem„sozialen Empinden" der maßgebenden Herren Zeugnis ablege, denn durch diese Art und Weise würde doch die— Arbeitslosigkeit verringert! * Wenn man den Weg von der Freudenbergstraße durch die Montag- und Dienstagstraße fortsetzt, fällt einem auf, daß zwischen den dort benutzten Pflastersteinen sich ein ganzer Teil Basaltsteine befinden. Nun hat ja der Basalt bekanntlich die Eigenschaft, daß er sich beim langen Gebrauch sozusagen poliert und abrundet. Diese abgerundeten und spiegelglatten Basaltsteine sind nun bei den erwähnten abschüssigen Straßen für die Passanten im höchsten Grade lebensgefährlich. Bei nassem Wetter oder bei Schneefall sind Straßen mit so starkem Gefälle obnehin schwer zu begehen und die Gefahr wird hier durch die Basaltsteine noch verdoppelt! Wie mancher ist auf diesem Pflaster schon gefallen und hat sich größere oder geringere Verletzungen zugezogen. Es ist ohnehin schon Unfug, abgenutzte Pflastersteine aus den Hauptstraßen zum Pflastern von Bergstraßen zu verwenden und besonders, wenn sich unter denselben Basaltsteine befinden. Renommierstraßen für unsere Straßenbauverwaltung sind die Sonntag= und Montaatraße sicherlich nicht. b. Eine Sitzung der Stadtverordneten=Versammlung findet am Dienstag, den 27. Oktober, nachmittags 5 Uhr, statt. Auf der Tagesordnung stehen 17 Sachen, u. a.: Erhöhung der Wohlfahrtsunterstützung und Durchführung von Winterhilfsmaßnahmen. Neue Satzung der städtischen Sparkasse. Bewilligung von 13 000 Mark für Einrichtung von zwei Schulkinder-Gärten in der Schule Werlestraße und Schulbaracke Eichenstraße. Antrag der Bergischen Heilstätte für lungenkranke Kinder auf Bewilligung eines Baukostenzuschusses von 20 000 Mark. Wahl von Vertrauenspersonen zur Mitwirkung bei der Wahl von Schöffen und Geschworenen für das Jahr 1926. b. Volkshochschule. Infolge Störung im Stromnetz mußte der Beginn der Vorlesungsreihe von Dr. Pfennig: Tagesfragen der Wirtschaft mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse im Wuppertaler Industriebezirk und der Arbeitsgemeinschaft von Dr. Messer: Deutsche Baukunst um eine Woche verschoben werden. (27. bezw. Okt.). An diesen wie auch den übrigen Lehrgängen können noch Hörer teilnehmen. Auf die Vorträge über Tuberkulose(mit Film, Lichtbildern, Photographien usw.) Mittwochs 8.30 Uhr im Realgymnasi:m, wird noch besonders hingewiesen. Preis 1 Mark für die ganze Vorlesungsreihe. Karten auch im Realgymnasium. b. Einbruch. In der Nacht vom 23. zum 21. Oktober wurden durch Einbruchsdiebstahl in einem Lebensmittelgeschäft in der Fischertalerstraße folgende Sachen gestohlen: 300 bis 400 Eier, 5 Büchsen Oelsardinen(1 Kilogramm), 60 kleine Büchsen Oelsardinen und Krabben, zirka 30 kleine Büchsen Lachs in Scheiben, Marke„Rheinkrone", 2 kleine Dosen Heringe in Remouladen=Sauce, etwa 50 Tafeln Schokolade verschiedener Größen und Marken, wie Mauxion, Sprengel und Mont Blanc und 2 Stück Ananas. Sachdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminal=Inspektion, Kleiner Werth 9, Zimmer 80-31. b. Einer Dame wurde in der hiesigen Mittelstraße aus einer Handtasche ein kleiner silberner Briefmarkenbehälter, ein Medaillon mit Brillanten besetzt und 4 Lichtbilder entwendet. Zweckdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminal-Inspektion, Kleiner Werth 9, Zimmer 81=82. b. Brand. Am 25. Oktober, vormittags gegen 8.30 Uhr, entstand im Hause Adlerstraße 18 ein Balkenbrand. Die herbeigerufene Feuerwehr konnte den Brand in kurzer Zeit löschen. Der Sachschaden beträgt ungefähr 200 Mark. Sozialdemokratische Partei Unterbezirk Elberfeld=Barmen. Kreis Mettmann. 8. Bezirk Elberfeld. Am Mittwoch, den 28. Oktober, abends 8 Uhr, findet in der Schule Tiergartenstraße eine wichtige Bezirksversammlung statt. Tagesordnung: 1. Vortrag des Genossen Hauschildt, Elberfeld über„Politische und wirtschaftliche Demokratie". 2. Parteiangelegenheiten. Es ist Pflicht aller Parteigenossen, in dieses Versammlung zu erscheinen. 92. Bezirk Elberfeld. Am Mittwoch, den 28. Oktober, abends 8 Uhr, findet im Lokale Mertens, Düsseldorferstraße, eine wichtige Bezirksversammlung statt. Tagesordnung:„Politische und wirtschaftliche Demokratie". Referent: Provinziallandtagsabg. Genosse Hoffmann. Es ist Pflicht aller Parteigenossen, an dieser Versammlung teilzunehmen. 12., 13., 13a. Bezirk Elberfeld. Dienstag, den 27. Oktober, abends 8 Uhr, bei Issing, Marienstraße: Wichtige Funktionärsitzung. Vorstand des Ortsvereins Barmen. Am Dienstag, den 27. Oktober, abends 7.30 Uhr, findet im Parteibureau, Wegnerstraße 8, eine wichtige VorstandsSitzung statt, an der auch der engere Vorstand der Arbeiterwohlfahrt teilnimmt. Da sehr wichtige Tagesordnung zu erledigen ist, werden alle Vorstandsmitglieder gebeten, pünktlich zu erscheinen. Berein Arbeiterwohlfahrt Barmen. Donnerstag, den 29. Oktober, abends Punkt 8 Uhr: VollVersammlung im Parteibureau, Wegnerstraße 8, I. Tagesordnung: 1. Bericht über Vereinbarung mit Elberfeld. 2. Vortrag des Genossen Hirsch über„Soziale Gerichtshilfe“. 3. Eventuell: Weihnachtsfeier. 4. Verschiedenes.— Das Erscheinen aller in der Wohlfahrtspflege tätigen oder sich gerne betätigenden Genossinnen und Genossen wird erwartet. Der Vorstand. Reichsbanner Schwarz=Rot=Gold Abteilung Barmen 3. Zug. Freitag, den 80. Oktober, abends 3 Uhr, bei Werle, Loherstraße 29: Wichtige Versammlung aller A= und P=Mitglieder. Verantwortlich für Politik: R. Hauschildt-Elberfeld; für Lokales Elberfeld=Barmen: Emil Quihzau=Elberfeld; für Gewerkschaftliches, Genossenschaftliches, Aus aller Welt, LennerRemscheid=Mettmann. Kunst und Sport und den unterhaltenden Teil: Oskar Hoffmann-Elberfeld; für den Inseratenteil: Friedrich Heyck-Elberfeld.— Rotationsdruck und Verlagz Verlagsanstalt Freie Presse, Molkenbuhr u. Ko., Elberfeld,— Berliner Redaktion: Berlin SW., Lindenstr. 8. 1 1 Jnderzatung Oac kloina. Coco'oder sachtaitung. Aps N 2nue 503 Provinziallandtagswahl. Die Bekanntmachung des Provinzialwahlleiters vom 22.10.25, betr. Aufforderung zur Einreichung von Wahlvorschlägen, wird von heute ab im Rathaus, und zwar im Flur des untersten Stockwerks an der bei Zimmer 15 befindlichen Tafel, zur Einsicht ausgebängt. Remscheid, den 24. Oktober 1925. Der Oberbürgermeister. Ausschneiden! Familien=Fürsorge, Velbert Oststraße 31. Stillprobe: Jeden Dienstagnachmittag von 3 bis 4 Uhr für alle Bezirke. Rutterberatung: Jeden Donnerstagnachmittag von 3—5 Uhr für alle Bezirke. Am 1. und 3. Donnerstag im Monat ist der Kreiskommunalarzt anwesend, Rutterberatung: Am Baum: Jeden 2. und 4. Montag im Monat von 2—3½ Ubr. Sprechstunden: Bezirk II: Dienstagnachmittag von 3—6 Uhr Schwester Amalie Kröning: Hezirk I: Mittwochnachmittag von 3—6 Uhr Schwester Hanna Haulenbach; Bezirk u1. Freitagmorgen von 8½—12½ Uhr Schwelter Marait Schlüter G Ausschnelden! Aufbewahren Elberfeld, Herzogstraße 1 Person VorzuUSkartk 1 Person gültig Dienstag, 27., Mittwoch, 28., und Donnerstag, 29. 10. 1925. Bel Abgabe dieser Karte gewähren wir unserer Kasse folgende Preisermäbigung: II. Parkett l.„ Balkon.. Loge.. statt Mk. 1.—, nur Mk. 0.70 „„ 1.80,„„ 1.20 „„ 2.50,„„ 2. „„ 3 50,„„ 3.— Was ist das Ziel? Lege dir diese Frage an jedem Morgen recht ernst vor, denn ziellos oder gar mit falschem Ziel vor Augen in den Tag hineinleben, heißt seine Kraft vergeuden. Das Ziel des modernen Arbeitsmenschen ist, gerade seine Krätte erhalten und stärken, trotz aller Mühe, die das Leben mit si bringt. Du erreichst es am sichersten durden täglichen Genuß des ärztlich empoblenen altberühmter Köstritzer Schwarzbieres. Es bildet neue Blukörperchen und gibt dir somit neue Kräfte. Köstritzer Schwarzhier ist ein berber, vollwürziger rank, der den Appetit anregt und die aufgenommene Nahrung sicher und gut verdauen hilft. Das echte Köstritzer Schwarzbier ist erhältlich in Barmen bei Emil Thönes, Barmen=Ritth., Biergroßhandlung. r. 2 u. Bockmühlstr. 25, TeleEwaldstr. phon 1881; o 101, RathausDrogerie Emil Jansen, Wertherstr. 8. Fernlpr. 430 und 4107; in Elberfeld bei Richard Neu, Biergroßhandlung, Taubenstraße 9-13, Telephon 4483; in Beyenburg bei Willy Engels, Biergrohhandlung, Tel. 7, oder in allen durch Plakate tenntlichen Geschäften. Nachahmungen sind vorbanden, darum verlange ausdrücklich das echte Köstritzer Schwarzbier. Reklame! Die Essener Allgemeine Zeitung schreibt: Es gibt viele Beispiele von alteingeführten Häusern, die langsam absterben, nur, weil sie die Weltmacht der Anzeige nicht erkennen. Andere, die ihren Fehler rechtzeitig einsehen, wissen sich zu halten. Das bezeichnendste Beispiel dafür sind die Gummireifen von Dunlop. Der Absatz der Firma ging immer mehr zurück, bis sie schließlich einen großen Anzeigenfeldzug eröffnete und damit ihren Absatz auf die alte Höhe brachte. Die Zeitungsanzeige ist die beste und billigste Reklame. Die Freie Presse ist ein ganz vorzügliches Insertionsorgan! Ausschneiden! Aufbewahren! Elberfeld, Herzogstraße 1 Person Variuyskartt 1 Person gültig Dienstag, 27., Mittwoch, 28., und Donnerstag, 29. 10. 1925. Bei Abgabe dieser Karte gewähren wir an unserer Kasse folgende Preisermäßigung: II. Parkett... statt Mk. 1.—, nur Mk. 0.70 „..„„ 1.80,„„ 1.20 Balkon...„„ 2.50,„„ 2.— Loge...„„ 3 50,„„ 3.— la frisch. 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Verhandlungstage hielt Reichstagsabgeordneter Dr. Külz, der Vorsitzende des Wohnungsausschusses des Reichstages, einen Vortrag über Reichtag und deutsche Wohnungspolitik. Der Vortragende gab eine Darstellung der vom Deutschen Reich betriebenen Politik zur Behebung des Wohnungsmangels. Die Mietzinssteuer wurde von ihm verteidigt. Zwar will er sie nicht als reine Finanzsteuer, aber er ist der Meinung, daß sie zu Zwecken der Wohnbauförderung unentbehrlich ist. Er wünscht jedoch eine Veredelung der Mietzinssteuer, etwa eine Staffelung nach der Höhe des Mietzinses. Weiter sagte er, ohne starke Bezuschussung aus Mitteln der öffentlichen Hand sei eine Beschaffung von Wohnraum bis auf weiteres undenkbar. Die Privatwirtschaft sei weder imstande noch gewillt, das hierzu nötige Kapital im Wohnungsbau zu injektieren. Nach Erörterung der Mietzinsbildung ging der Redner ausführlich auf die Fragen des Mieterschutzes ein. Eine Lockerung des Mieterschutzes könne nicht anders als nach Maßgabe der fortschreitenden Behebung der Wohnungsnot vor sich gehen. Kein glücklicher Griff sei die jetzt geplante Aenderung des Mieterschutzgesetzes. Der Redner kam zu dem Ergebnis, daß die Verhältnisse im Wohnungswesen Deutsillands in quantitativer und qualitativer Hinsicht noch weit von normalen Zuständen entfernt sind. Prof. Dr. Schäfer, Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Dresden, sprach als zweiter Redner über die Wohnungsnot. Er führte u. a. aus: Eine Wohnungsnot sei vorhanden: Die Zahl der Haushaltungen übersteige die der Bauplanungen. Wo liege die Ursache? Die Bautätigkeit habe sich früher ganz allgemein nach Angebot und Nachfrage gerichtet; im besonderen aber auch nach der Lage des Kapitalmarktes. Sei das Kapital billig gewesen, habe man stärker gebaut, in Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur dagegen weniger. So sei 1910 bis 1913 verhältnismäßig wenig gebaut worden und der Wohnungsvorrat(für den man normal 3 v. H. Ueberschuß rechnen müsse), sei schon bei Kriegsbeginn sehr knapp gewesen, in Dresden sogar unter 1 v. H. heruntergegangen. 1913 habe es in Dresden nur 1412 Leerwobnungen, dagegen über 5000 Haushaltungen ohne eigene Wohnung in Untermiete gegeben. Das habe man nicht als anormal empfunden und sei deshalb nicht als offene Wohnungsnot zu bewerten gewesen; es sei wohl ein Mißverhältnis zwischen Haushaltungen und Eigenwohnungen, aber kein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gewesen. Nun habe der Krieg zunächst den Wohnbedarf noch verringert. Aber durch die lange Dauer des Krieges und durch die Gewöhnung an die Kriegsverhältnisse sei der Wohnbedarf, der Wunsch, eine eigene Wohnung zu besitzen, wieder hervorgetreten und immer mehr angewachsen, ohne daß natürlich im gleichen Schrilte gebaut werden konnte. Die Eheschließungszahl, früher lange Jahre immer acht aufs Tausend, sei 1919 auf 12 und 1920 auf 14 aufs Lausend emporgeschnellt. Erst 1924 sei wieder die Normalzahl in Erscheinung getreten. Die Bautätigkeit habe aus wirtschaftlichen Gründen aber viel länger daniedergelegen. So sei das Mißverbältnis zwischen Angebot und Nachfrage entstanden. Das Anziehen der Mieten habe bisher auf das Angebot von Wohnungen noch keinerlei merkbaren Einfluß ausgeübt. Zudem habe sich die Zahl der Haushaltungen in den letzten Jahren ganz außerordentlich vermehrt. 1910 habe es in Dresden 55(00 Paare mit keinem oder einem Kinde gegeben, 1925 aber 980000. Auch noch die zwei=, drei- und vierköpfigen Haushaltungen seien angestiegen. Erst die mehrköpfigen Haushaltungen hätten nachgelassen. Die Zahl der einköpfigen Haushaltungen sei(vielleicht mit durch Vermehrung der selbständigen Frauenhaushalte) von 24 v. H. auf 33 v. H. angewachsen! Es seien ganz außergewöhnliche Verschiebungen und Wandlungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung eingetreten. Man müsse sich auf diese veränderten Verhältnisse einstellen und, soweit irgend möglich, mit Vermehrung der Bautätigkeit zu Hilfe kommen. Der Bundesausschuß hielt eine öffentliche Bundesausschuß=Sitzung ab, in welcher der zweite Bundesvorsitzende, Rechtsanwalt Groß, über die mieterpolitische Lage sprach, die er als ernster denn je bezeichnete. Er meinte, den Bestrebungen Freie Presse. die öffentliche Wohnraumbewirtschaftung zu lockern, müsse die Mieterschaft den schärfsten Widerstand entgegensetzen. Wer die Aufhebung des Reichsmietengesetzes anstrebe, gebe unsere Wirtschaft einem neuen Währungszerfall preis. In einer einstimmig zur Annahme gelangten Entschließung wurde entschiedene Verwahrung gegen jede Lockerung des Mieterschutzes eingelegt und an Stelle der jetzigen Systemlosigkeit auf dem Gebiete der Wohnungswirtschaft umfassende gesetzliche Neuregelung nach den Grundsätzen der Reichsverfassung verlangt. Im weiteren Verlauf der Veranstaltungen des Bundestages wurde auch der Film als Hilfsmittel zur Aufklärung benutzt. Einem großen Festarte wohnte auch Oberbürgermeister Blüher=Dresden bei. In seiner Begrüßungsrede brachte er u. a. zum Ausdruck, das Problem der Wohnungsnot werde von den Gemeindeverwaltungen in seiner ganzen Schwere erfaßt und als gründlichste Aufgabe der Gemeinden erkannt. Das Ideal der Zukunft muß nach seiner Auffassung sein, jedem deutschen Familienvater seinen Wunsch nach einem eigenen Heim und eigenem Garten zu erfüllen und so auch die Mieterorganisation zuletzt unnötig zu machen. Von Interesse waren noch einige Angaben, die der Bundesvorsitzende Herrmann in seiner Festrede über die Zusammensetzung des deutschen Mieterbundes machte. Er erklärte, in den Anfängen der Mieterbewegung sei die Arbeiterschaft auffällig schwach darin vertreten gewesen. Jetzt seien aber im Bunde organisiert 44 v. H. Arbeiter, 21 v. H. Beamte, 28. v. H. Handel= und Gewerbetreibende und 11 v. H. freie Berufe. Als letztes Ziel der Mieterbewegung bezeichnete der Redner den Gedanken der Heimstätte. Wenn unser Volk hinausgeführt werde ins Freie, dann werde es wieder an Leib und Seele gesunden. Für Siedlung und Wohnungsbau Eine Massenkundgebung zur Boden=, Siedlungs= und Wohnungspolitik des Reiches, der Länder und der Gemeinden, insbesondere der Stadt Berlin, zu welcher sämtliche Spitzengewerkschaften, der Bund deutscher Bodenreformer und die übrigen interessierten Großorganisationen der Mieter, Kleingärtner, Kriegsbeschädigten usw. eingeladen hatten, fand im Zirkus Busch zu Berlin unter Beteiligung von mehr als 5000 Menschen statt. Die Teilnehmer waren in geschlossenen Zügen mit ihren Bannern und Fahnen heranmarschiert. Nach einem Referat des Leiters der Kundgebung, Gen. Viktor Noack, sprachen Dr. Damaschke, Dr. Martin Wagner und Stadtrat Treffert. Eine vorgeschlagene Entschließung wurde einstimmig angenommen. In ihr wird gefordert: Alle öffentlichen Mittel, die nicht für andere unaufschiebBeslage zu Nr. 250. lare Aufgaben erforderlich sind, vor allem aber der volle Ertrag der Hauszinssteuer, sind für ein verstärktes Wohnungsbauprogramm einzusetzen. Bevorzugung des Kleinhauses bei öffentlich-rechtlicher Bodeneigentumsbindung in Erbbau= oder Reichsheimstättenrecht, Ausbau des Mieterschutzes, Reform des Hypothekenrechts, Erhaltung erträglicher Miete, Abgrenzung von Reichsheimstätten= und Reichsheimstättengartengebieten(Dauerlaubenkolonien) nach dem Reichsheimstättengesetz. Enteignung des erforderlichen Grund und Bodens zu dem nach Abgrenzung der Gebiete verbleibenden gemeinen Wert. Bekämpfung des Baustoffwuchers. Beschaffung billigen Baugeldes für die Träger des gemeinnützigen Wohnungsbaues. Zu der Versammlung waren Zustimmungserklärungen eingelaufen vom Bund Deutscher Mieter(Sitz Dresden), vom Verein abstinenter Aerzte und von der sozialdemokratischen Fraktion des Preußischen Landtages. Die außerordentlich bemerkenswerte Zustimmungserklärung der sozialdemokratischen preußischen Landtagsfraktion lautet: „Die sozialdemokratische Fraktion ist der Auffassung, daß die Frage der Bodenreform eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart ist. Als Beweis dient, daß es unseren Bemühungen gelungen ist, durch namentliche Abstimmung die Willensäußerung des Landtages zum Ausdruck zu bringen, daß der Reichstag sobald als möglich ein Gesetz verabschiedet, das den Vorschlägen des ständigen Beirats für Heimstättenwesen beim Reichsarbeitsministerium entspricht, wonach der erleichterte Erwerb und besserer Gebrauch des deutschen Bau= und Wirtschaftslandes als Bodenreformgesetz Gesetzeskraft erhält. Gleichfalls sind wir bemüht, dahin zu wirken, daß den Vorschlägen des Reichsverbandes der Kleingartenvereine Deutschlands insoweit entsprochen wird, daß die Gemeinden aufgefordert werden, Gartenheimstättengebiete auszuweisen. Die sozialdemokratische Fraktion wird mit allem Nachdruck dafür sorgen, daß alle im Landtag eingebrachten Anträge bezüglich der Siedlungen, Kleingartenvereine, Heimstätten usw. sobald als möglich ihre Erledigung finden." Der Berkehr im Städtebau Die zweite Dresdener Städtebau=Woche. Die Verstopfung der amerikanischen Riesenstädte durch das Kraftfahrzeug, die in neuester Zeit in England gegründeten Gartenstädte und die Arbeiten der holländischen Städtebauer haben in deutschen Städtebaukreisen eine Fülle von Problemen aufgewühlt, von denen das schwerwiegendste, die groß- und zwischenstädtische Verkehrsfrage, Gegenstand der Erörterung der zweiten Dresdener Städtebauwoche vom 12. bis 17. Oktober war. Die Veranstalter, das Städtebau=Seminar der Technischen Hochschule Dresden und die Sächsische Arbeitsgemeinschaft der Freien Deutschen Akademie des Städtebaues, hatten ein reichhaltiges Programm aufgestellt, das die technische Seite der Verkehrsfragen in jeder Weise behandelte und den zahlreichen aus allen Teilen Deutschlands stammenden Teilnehmern für die Praxis wertvolle Anregungen gab. Man hörte Vorträge über amerikanischen Städtebau, über Landesplanung, über die Hygiene der Straßen und Wasserstraßen, über Kraftfahrzeugbau, über neuzeitliche Straßendeckungen, über Schnellstraßenbahnen und Städteschnellbahnen, über Eisenbahnbauten und Wasserstraßen in der städtebaulichen Planung, über Kraftwagenstraßen— alles unter der stillschweigenden Annahme eines zu erwartenden großartigen Verkehrs. Die Frage, ob für die deutsche Volkswirtschaft eine größere Verkehrsentwicklung in absehrbarer Zeit zu erwarten sei, blieb ziemlich außer acht. Der Referent, der über die Verkehrsfrage in wirtschaftlicher Beziehung zu sprechen hatte, berührte diese Frage überhaupt nicht. Sie wurde angeschnitten nur von Prof. Heiser, dem Inhaber des Lehrstuhls für Wasserstraßenbau an der Dresdener Hochschule, und dies nicht von ungefähr, denn die deutsche Binnenschiffahrt steht heute infolge der Tarispolitik der Reichseisenbahn und dem verminderten innerdeutschen Güterumlauf in einer harten Krise. Deshalb war die Frage nach dem Bedürfnis eines stärkeren Verkehrs nur zu berechtigt. Man muß die Bedürfnisfrage für den Güterverkehr im allgemeinen verneinen. Aber auch dann wird der Städtebau zeitweise verkehrsbauliche Aufgaben erhalten, teils dadurch, daß die bestehende Verkehrsanlage überlastet ist(Hauptbahnhof Köln)— oder daß dem Verkehr neue Wege geöffnet werden (Neckarkanalasiation). Anders verhält es sich mit dem groß- und zwischenstädtischen Personenverkehr. Hier herrscht zumal im Vorortverkehr in Um die Freiheit Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525. Von Robert Schweichel. 48 Fortsetzung Da zückte Käthe das Messer auf die schöne Gabriele. Herr Stephan ließ es gelten, daß Max die Tat als ein Symptom des überbrausenden Hasses auffaßte, den die Unterdrücker in der ländlichen Bevölkerung unablässig aufgehäuft hatten. Er leitete aber die Notwendigkeit daraus ab, daß man dem Volke nicht die Zügel lassen dürfe, wenn es nicht unberechenbaren Schaden anrichten sollte. „Das heißt, um es nach anderer Willen zu lenken,“ bemerkte Max nicht ohne Bitterkeit.„Nur den Reiter soll es tauschen.“ „Geht, geht, Ihr seid ein Schwarzseher, Doktor!“ lachte Stephan von Menzingen. Es schwebte Max eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, allemn ein Blick Elses ließ sie ihn unterdrücken. Nur natürlich war es, daß ihn seine Beziehungen zu den an dem Ereignis Beteiligten eine tiefere Teilnahme einflößten. Welch ein unheilvolles Verhängnis ging von diesem schönen Weibe aus, dem die ersten Regungen seines erwachenden Herzens gehört hatten! Um Gabrielens willen war er von seinem Vater verstoßen worden, hatte den jungen talentvollen Goldschmied ein frühzeitiger Tod ereilt, war jetzt das Mädchen, das er an dessen Grabe bitte stehen sehen zur Verbrecherin geworden! Und er erinnerte sich, mit welch zorniger Verachtung Gabriele an dem Dreikönigstage gegen ihn über das Volk sich geäußert hatte. Nun hatte gerade sie der Stachel dieses Volkes, dessen Schweiß sie ihren Reichtum verdankte, bedroht! Zufall konnte es nicht sein. Es erhöhte aber seine Teilnahme für Käthe, da ihm das Auftreten ihres Bruders in der Versammlung bei dem Tuchscherer nach Lautners Begräbnis Achtung eingeflößt hatte. Da kam am Tage vor Mittfasten zu ihm Kaspar Etschlich, der nichts unversucht lassen wollte, um Käthe zu helfen. Nach seiner Ueberzeugung zog selbst der Enkel von des Teufels Großmutter den Kürzeren, wenn er sich mit einem Advokaten in Streit einließ. Von Max hatte ihm sein Freund Lautner erzählt, und er bot ihm alle seine Ersparnisse an und war überzeugt, daß Simon Neuffer ein Stück Geld hinzufügen würde, wenn er Käthe aus der Schlinge zöge.„Behaltet Eure Ersparnisse nur im Sack,“ erwiderte Max; „es war bereits beschlossen, daß ich mich des Mädchens annehmen wollte, ehe Ihr kamet. Aber damit ich das kann, müsset Ihr mir alles erzählen, was Ihr etwa in bezug auf die beabsichtigte Tat des Mädchens wisset.“ Kaspar betrachtete ihn mit großen Augen. Denn ein Advokat. der den Armen in ihrer Not umsonst beistand, erschien ihm wie ein Wunder. So weihte er denn Dr. Max in die Herzensgeschichte seines toten Freundes und Käthes ein. Nur über das, was zwischen dieser und der schönen Gabriele auf dem Kirchhofe geschehen war, um der ersteren das Messer in die Hand zu drücken vermochte er keinen Aufschluß zu geben. Erleichterten Herzens durch die Aussprache und voll Hoffnung verliek er Max. Jetzt müßte doch der Teufel sein Spiel haben, dachte er, wenn Käthe nicht auf die eine oder andere Weise freikommt. Max war am Morgen eben beschäftigt, dem Stadtrichter zu schreiben, daß er die Verteidigung Käthes übernähme und deshalb um freien Zutritt zu der Gefangenen bäte, als vom Galgentore ber ein lustig Pfeifen und Trommeln heraufkam. Den Spielleuten roraus tanzte ein Pickelhering mit einer kurzstieligen Fahne, die er über seinem Haupte schwenkte in die Luft warf und wieder auffing, oder jetzt unter dem linken, jetzt unter dem rechten Beine hindurchwirbeln, hinter seinem Rücken aufflattern ließ und mit einer Drehung seines Korpers geschickt wieder auffing. Sein Fahnenspiel und seine Sprünge fanden lauten Beifall bei den euten, welche Trommler und Pfeifer herbeilockten. Diesen folgten in ihrem besten Zeuge, das Schwert an der Seite, einige dreißig Bauern, von deren beiden Führern, Simon Neuffer und Wendel Haim, nur der erstere Max bekannt war Hinter ihnen trug Paul Ickelsamer ein in den Farben der Stadt rot und weiß gestreiftes Banner, das schon auf mancher Kirchweih lustig in der Luft gerauscht haben mochte. Unter Trommel= und Pfeifenklang, mit Fahnenspiel und schallenden Jauchzern schritt der Zug, von einer immer größeren Menschenmenge begleitet, durch den Torbogen des Weißen Turmes in die innere Stadt und über den Hauptmarkt hinunter zum Bären des Gabriel Langenberger. Bei dem unerwarteten Zuspruch, der rasch den geräumigen Flur und die weite niedrige Trinkstube füllte, wurde das käsige Gesicht Langenbergers noch etwas fahler. Die Gäste schrien gar zu ungestüm nach Wein, und Mittfasten war doch nicht Kirmes, daß die Ohrenbacher mit ihren Wehren daherkamen. Zu den Ohrenbachern hatten sich Bauern aus anderen Dörfern, die gerade in der Stadi waren, darunter etliche aus Brettheim, gesellt. Von der Bürgerschaft hatten sich nur einige eingefunden, unter ihnen Hans Krätzer und ein gewisser Lorenz Knobloch, der im Dienste des Johanniterhofes stand. Er hatte Mönch werden sollen, war aber aus der Klosterschule entlaufen und hatte sich etliche Jahre als Landsknecht umhergetrieben Jetzt war er verheiratet, lebte jedoch lustig wie ein Junggeselle. Er drängte sich an Simon Neuffer, der in dem Schreien, Singen, Lachen und Bechergestampf eine ernste Haltung bewahrte. Kaspar Etschlich ward von einer fieberhaften Unruhe umgetrieben und rief ein über das andere Mal:„Drauf! drauf!“ Plötzlich hieß es:„Der Stadtrichter!“ und Georg Hörners gedrungene Gestalt zeigte sich in der Tür der Schankstube. Simon Neuffer hob sich ihm gelassen entgegen.„Was ist dies? Was heißt das? Was wollet Ihr?“ fragte der Stadtrichter mit einer den Lärm beherrschenden Stimme, und es ward stille. „Wir halten den Freitrunk, Herr, der uns von alters her zusteht aus den Strafgeldern unseres Rügegerichts,“ gab der Dorfmeister ruhig zur Antwort. „Und dazu habt Ihr Eure Schwerter umgeschnallt, als ob es Kirchweih' oder sonst ein Fest wäre?“ rief der Stadtrichter.„Das darf nicht sein; das ist Unfug, den ich nicht dulde!“ „Halten zu Gnaden, gestrenger Herr Stadtrichter,“ mischte Wendel Haim sich demütig ein, indem er dazu die treuherzigsten Augen machte.„Wir sind der Herrschaft allzeit willig und gehorsam, aber Ihr werdet doch nit die alten Bräuch' abschaffen wollen?“ „So beweiset Euren Gehorsam, indem Ihr unverweilt die Stadt räumt,“ herrschte Georg Hörner ihn an. „Nu aber," erscholl aus der Menge.„Was, wir sollen unseren Freitrunk nicht halten dürfen, wo es uns gefallet?“—„Die Stadt will er uns verbieten, die wir mit unserem sauren Schweiß ernähren?"—„Die alten Brauch' will er abschaffen?“ „Ruhe," donnerte der Stadtrichter.„Und Ihr, Dorfmeister, tut Eure Pflim als Obrigkeit und führet die Leute hinweg.“ „Mit Gunst, Herr, das Herkommen ist auch ein Recht und es ist älter als Euer Befehl“ erwiderte Simon mit gerunzelter tirn. „Unfug treiben wir halt nit. Wir sind nit dahergelaufen, wir sind setzhafte Bauern und zahle. teuern bei Heller und Pfennig, ob sie uns auch dermaßen beschweren, daß wir laum das Leben haben.“ „Ihr weigert Euch, zu geho n? Wollt Ihr mich zwingen, Genalt anzuwenden?" drohte Hörner. Ein wildes Geschrei erhob sich.„Drohen will er uns?“ „Was soll das Schwatzen?“—„Stoß ihm dein Messer in den Wanst, Simon!"—„Dran. dran!" So tobte urcheinander,“ und manche Faust fuhr an den Schwertgriff. Auch der Stadtrichter legte die Hand an seine Wehr. Es wäre jetzt zum Losschlagen gekommen, wenn Simon nicht.nd seine Hand erhoben hätte. Er hatte mit raschem Blick die Anwesenden überflogen. Die Bürger, die, wie Krätzer und Knobloch nur eben abermals versichert hatten, ihnen zufallen würden, sobald sie nach Rothenburg kämen, waren ausgeblieben. Den Rat zu stürzen, daran war unter diesen Umständen nicht zu denken „An meinem Leben liegt nichts," sprach der Stadtrichter unterdessen mit einer Entschlossenheit, die Eindruck machte.„Aber mein Blut kommt über Euch. Denket an ure Weiber und Kinder.“ „Wir begehren Euer Blut nicht, wir gar leicht Ihr euch mit unserem Leben umspringet," erwiderte Simon Neuffer.„Wir wollen unser gutes altes Recht nit daran geben, weil's Euch nit gefallen tut.“ Er wollte noch weiter reden, der Stadtrichter unterbrach ihn jedoch:„Ziehet heim, sag' ih, ziehet heim!“ „Gut,“ entschied Simon,„aber nit anders, als daß Ihr mir meine Schwester herausgebet, die Ihr in den Turm gesteckt habt.“ „Ja, ohne die Käthe verlassen wir die Stadt nicht,“ trotzten die Ohrenbacher. „Aber so nehmt doch Vernunft an, Leute, das hängt ja nicht von mir ab, das ist des Rats Sache,“ entgegnete Georg Hörner. „So er es befiehlt, laß' ich die Dirne frei.“ „So schaffet den Befehl des Rates herbei,“ rief Paul Ickelsamer, und die übrigen Ohrenbacher riefen:„Wir gehen nit eher fort.“ „Lasset Euch doch von ihm nit narren,“ hetzte Lorenz Knobloch, der weit im Hintergrunde stand, und Wendel Haim sagte mit einer kläglichen Stimme:„Ach, es tut nimmer gut, Ew. Gnaden, daß Ihr so hart mit uns armen Leut seid. Wir sind's freilich nit anders gewöhnt von der Oberkeit, aber gut tu's halt nimmer.“ „Und jetzt ist's genug," rief Kaspar Etschlich.„Mit Gutem kriegen wir die Käthe nit frei. Auf, nach dem Weiberturm!“ „Nach dem Weiberturm! Nach dem Weiberturm!“ wiederholten alle den Ruf.(Fortsetzung folgt.) den Morgen= und Abendstunden eine fast katastrophale Verstopfung der Verkehrseinrichtungen, hier hat der Städtebauer Aufgaben zu lösen. Für den Vorortverkehr forderte Pros. Genamer, der bisherige Leiter des Dresdener Städtebau=Seminars, die Schnellstraßenbahn auf eigener für den übrigen Verkehr unzugänglicher Fahrbahn, in der Innenstadt, soweit technisch und wirtschaftlich möglich, als Untergrund= und Hochbahn weitergeführt. Auch der zwischenstädtische Verkehr ist erweiterungsfähig, wobei Oberbaurat Geisler, Duisburg, auf die Entwicklung der Köln— Bonner Rheinuferbahn hinweisend, mit Recht hervorhob, daß neue Verkehrsmittel verkehrshebend wirken. Sie sind als Städteschnellbahnen mit eigenem Bahnkörper und starrem Fahrplan leistungsfähiger als die Eisenbahn. Die geplante Schnellbahn Köln—Dortmund wird wohl im kommenden Jahre in Bau genommen werden, weitere Bahnen in anderen Wirtschaftsgebieten werden folgen. Das Gespenst der„Autopest“ verscheuchte Prosessor Wawrzinick, Dresden, der an Vorführungen im Institut für Kraftfahrzeugbau nachwies, daß der moderne Kraftfahrzeugbau imstande ist. geräusch= und geruchlos arbeitende Wagen zu liefern. Wenn heute noch der Großstädter die Nachteile des Kraftfahrzeugs so sehr wahrnimmt, so sind es entweder ältere Wagen oder Nachlässigkeit des Führers. Oberbaurat Klnae. Dresden, berichtete über die Versuche, möglichst staubfreie, die Inanspruchnahme durch den gesteigerten Kraftwagenverkehr aushaltende Straßen zu bauen. Die in Amerika eingeführten Betonstraßen sind zu brüchig. Kluge will Beton nur als Unterbau verwenden, eine Decke aus Asphalt, mit Sand und Steinen vermischt, wird empfohlen. Professor Genzmer will be ondere Kraftwagenstraßen, möglichst gradlinig, bei der Durchquerung von anderen Straßenzügen mittels steiler Rampe unter diesen hindurch, führen Bei der Ueberlastung des innerstädtischen Verkehrs sind besondere Kraftwagen=Ringstraßen anzulegen. die den Verkehr, vor allem den Durchganasverkehr, um den Stadtkern herumführen soll. Für die Notwendigkeit einer einheitlichen Verkehrsplanung über größere Bezirke durch Verkehrsbänder trat Prof. Muesmann, der neue Leiter des Dresdener StädtebauSeminars, ein. Deutschland und die Kolonialmandate Die Frage, ob Deutschland in Zukunft wieder unter die Mächte eintreten soll. denen koloniale Besitzungen als„Treuhänder" übertragen werden, wird in englischen politischen Kreisen ohne Animosität diskutiert Niemand vertritt heute noch die Auffassung, daß Deutschland nicht fähig sei Kolonialgebiete zu verwalten. Auf der anderen Seite ist man sich aber bewußt daß die Frage nicht unmittelbar aktuell ist, trotzdem man in gutunterrichteten Kreisen viel von deutschen Aspirationen auf einen gewissen ökonomisch schlecht bewirtschafteten holländischen Kolomalbesitz spricht. Da es sich hier aber weniger um einen Anspruch auf einen Kolonialbesitz als um das Recht der ökonomischen Bewirtschaftung(oder Ausbeutung?) handeit, so hat man dieses Problem nicht zum Gegenstand einer prinzipiellen Auseinandersetzung gemacht und in den Zeitungen war davon bisher überbaupt noch nicht die Rede. Im übrigen kommt die Auffassung sowohl des Durchschnitts-Engländers als der politisch interessierten Kreise vielleicht am klarsten aus den folgenden Ausführungen des immer gutunterrichteten diplomatischen Korrespondenten des Daily Telegraph zum Ausdruck, der übrigens in den letzten Wochen mehr und mehr aus seiner journalistischen Anonymität herausgetreten ist und als Parlamentskandidat der Liberalen Partei seinen politischen Einfluß nicht nur als Journalist sondern auch als politischer Redner auszuüben sucht. Prof. Gerothwohl schreibt im Daily Telegraph über dieses Problem folgendes: „Was die Frage der Kolonialmandate betrifft, so wird Deutschland als ein mit allen Rechten eingesetztes Mitglied des Völkerbundrats natürlich das Recht besitzen, als ein möglicher Mandatsträger zu fungieren. Aber aus rein praktischen Gründen dürfte die Frage für die nächste Zeit eine rein akademische sein, da es in diesem Augenblick keine verfügbaren Kolonialmandate gibt, noch solche voraussichtlich in nächster Zukunft geben wird. Die früheren deutschen Kolonien, über die Großbritannien oder einzelne Dominiens das Mandatsrecht ausüben, sind nicht britische, sondern„Empire=Mandate" und es wäre die Zustimmung der Mitglieder der Empire nötig, ehe ein derartiges Mandat zugunsten Deutschlands aufgegeben werden könnte. Ein solches Abkommen kann als höchst unwahrscheinlich bezeichnet werden; aber auch wenn es zustandeläme, so ist es noch keineswegs ausgemacht, daß sich im Völkerbundrat die für die Uebertragung des Mandats an Deutschland notwendige Stimmeneinhelligkeit erzielen lassen würde, da der Bau oder die Ausdehnung einer Kriegsflotte die gewöhnliche Folgeerscheinung eines solchen Kololonialbesitzes zu sein pflegt.“ Der letzte Satz beweist, auf welcher Ebene in England, trotz aller scheinbaren wohlwollenden Neutralität, die Bedenken gegenüber der Frage eines deutschen Kolonialbesitzes liegen. Es ist klar daß England nichts tun wird, was eine militärische Stärkung, insbesondere aber eine maritime Stärkung Deutschlands im Gefolge haben kann. England hat den Alpdruck den ihm die deutsche Flotte vor dem Krieg bereitet hat, noch lange nicht vergessen. Darum herrscht in den politisch maßgebenden Kreisen die natürliche Neigung, dies Problem eines neuen deutschen Kolonialbesitzes wohlwollend hinauszuschieben. Die Wiederkehr einer Arbeiterregierung könnte in dieser Frage für Deutschland unzweifelhaft eine günstigere Basis schaffen, allerdings lediglich dann, wenn diese in einem höheren Maße, als das heute der Fall ist, davon überzeugt werden könnten, daß Deutschland mit seinen machtpolitischen Vorkriegsgewohnheiten endgültig gebrochen hat.* Locarno war ein Anfang. Aber man gebe sich darüber keiner Täuschung hin, daß der unzweifelhafte Eindruck der Ehrlichkeit und des guten Willens, den die deutsche Delegation in Locarno gemacht hat, noch lange nicht geeignet ist das tiefeingewurzelte Mißtrauen gegen deutsche„Realpolitik“— die Engländer verwenden hierfür immer ironisch das deutsche Wort— auszurotten insbesondere, wenn auch in Zukunft die Zeitungen Tag für Tag ihren erstaunten Lesern von militaristischen Demonstrationen, Brandreden von Exgenerälen und Rachegesängen aus den Reihen der deutschen bürgerlichen Jugend zu berichten haben sollte. Gerichtszeitung Der Münchener Deichstoß-Proreß Ein uns vorliegender längerer Bericht über die MittwochsVerhandlung des Dolchstoßprozesses erbringt nicht viel Neues. Es wurde zunächst der ehemalige Oberst Fritz von Manthey vernommen. Er war vom 20. Juli 1918 ab Chef des Gardekorps in Berlin und will als solcher die Wahrnehmung gemacht haben, daß die Güte der Truppen zu der Zeit, als er den Berliner Posten antrat, bereits gelitten hatte. Die sonderbare Auffassung dieses ehemaligen Obersten über die Dinge, die zu dem angeblichen Tolchstoß führten, ergibt sich u. a. aus seiner Aussage, die Haltung der Bevölkerung gegenüber den Öffizieren sei 1918 eine ganz andere als früher gewesen. Das lasse sich daraus schließen, daß ihm einmal eine Schoffnerin auf der elektrischen Straßenbahn in unehrerbietiger Weise entgegengekommen sei. Inwiefern die deutsche Sozialdemokratie an der vorgeblichen Unterwühlung des Frontgeistes die Schuld tragen soll, darüber wußte der Zeuge nichts Positives zu sagen. Er ist abe: der naiven Auffassung, daß, wenn der Vorwärts in den letzten Kriegsmonaten täglich in großen Lettern die Ueberschrift gebracht hätte:„Haltet aus!“, der Dolchstoß unterblieben wäre. Von dem Verteidiger Dr. Hirschberg befragt, was er denn eigentlich unter Dolchstoß verstehe, kann der derr Oberst nur antworten, daß man unter Dolchstoß die Unterbindung der Kräftezufuhr an das Heer zu begreifen habe. Dann marschiert einer der Hauptzeugen des Klägers Coßmann auf, der Vizeadmiral von Trotha, der von 1917 an Chef der Hochscestreitkräfte war. Der mehr als dreistündige Vortrag dieses Zeugen machte es zur absoluten Gewißheit, daß der Hauptzweck dieser merkwürdigen Zeugenmethode darin besteht, durch ganz ausführliche Darstellung von Dingen und Tatsachen, die mit dem Prozeßstoff nur in ganz losem Zusammenhang stehen, Reden zum Fenster hinaus zu halten zu dem Zweck, politische Wirkungen zu Die Justiz wie sie nicht sein soll Letzter Tag der Justizdebatte im Preußischen Landtag spd. Berlin, 23. Oktober. Der Preußische Landtag setzte am Freitag die allgemeine Aussprache zum Justizbaushalt fort. Nach der Mitteilung eines Regierungsvertreters kann sich das Ministerium im Mordfall Hemrich Ellzel in Hirschberg nicht für die Begnadigung entschließen. Im Verlauf der Aussprache kommt Staatssekretär Fritze auf die von dem völkischen Abgeordneten Wulle erwähnte Versetzung seines Parteifreundes Dr. Körner zu sprechen. Die Versetzung Körners, erklärt der Staatssekretär, ist lediglich aus dienstlichen Gründen erfolgt und hat mit seiner Tätigkeit als Abgeordneter nichts zu tun. Von einer Verletzung des Artikels 36 der Reichsverfassung kann keine Rede sein. Genosse Heilmann übt dann in einer längeren, im Hause viel beachteten Rede, die ebenso durch ihre konziliante Form wie durch ihre sachliche Schärfe auffiel, unerbittlich Kritik an dem preußischen Richtertum: Man kann dem Herrn Justizminister unmöglich zumuten, mit einem Beamten seines Ministeriums zusammenzuarbeiten, der ihn in so gemeiner und ehrenrührigen Weise angreift, wie es der Oberjustizrat Körner in seinen Kleinen Anfragen getan hat. Bismarck sagte einmal im Preußischen Abgeordnetenhaus, er würde es schwer ertragen, Minister zu bleiben= wenn er genötigt sei, in seinem Ressort einen Beamten zu beschäftigen, der ihm öffentlich jede Achtung versage auf die er(der Minister) Anspruch habe.(Hört, hört! bei den Soz., Zurufe bei den Völkischen.) Wir schließen uns voll und ganz dem Bedauern des Herrn Staatssekretärs darüber an, daß der Justizminister an den Verhandlungen nicht teilnehmen kann glauben aber, daß die Situation im Justizministerium zu einer Negelung drängt. Es geht nicht an, daß das Justizministerium lange Zeit ohne leitende Hand bleibt. Wir können an der Spitze des Justizministeriums einen gesunden und tatkräftigen Mann nicht entbehren. Unsere Justizkritik ist hier im Plenum etwas merkwürdig aufgenommen worden. Daß die Nichter nicht solche Schurken sind, daß sie absichtlich das Recht beugen, ist ganz selbstverständlich. Etwas derartiges ist auch von uns nie behauptet worden.(Zuruf bei den Komm.: Lesen Sie einmal Kuttners Broschüre!) Auch in Kuttners Broschüre geht der Vorwurf gegen die Richter nur dahin, daß sie durch ihre klassenmäßige Einstellung zu falschen Urteilen kommen. Das Richterkollegium in ganz Preußen setzt sich versonell so zusammen, daß 95 Prozent der Nichter auf dem Standpunkt der Rechtsparteien stehen. Das eine ist jedenfalls sicher, daß von allen preußischen Richtern nicht 5 Prozent ausgesprochene Republikaner und vielleicht nicht 1 Prozent ausgesprochene Sozialdemokraten sind. Eine solche Zusammensetzung muß im Laufe der Zeit zu Fehlurteilen und Irrtümern führen. Was muß nun das Parlament gegen diese Justig tun? Der Preußische Landtag bat am 11. Juli 1922 auf Antrag Dr. von Campe, Dr. Porsch. Dr. Preuß und Heilmann folgendes beschlossen: die leitenden Stellen in der Justiz sind nur solchen Personen zu übertragen, die unbedingt zuverlässige Vertreter der republikanischen Verfassung sind.(Hört, hört! links.) Das Personalreferat in allen Zweigen der Justiz darf nur an solche Beamte übertragen werden, die hervoragend sachkundig und unbedingt zuverlässige Vertreter der republikanischen Verfassung sind.(Lebhaftes Hört, hört! links.) Das ist ein schöner Beschluß, und es wird immer eine Ehre für die Deutsche Volkspartei bleiben, daß sie diesem Beschluß die entscheidende Formulierung gegeben hat.(Sehr gut! links.) Unter sämtlichen Landgerichts=, Amtsgerichts= und Oberlandesgerichtspräsidenten in ganz Preußen findet sich aber kaum ein halbes Dutzend Herren, die durchaus loyale Diener der Republik sind. Ausgesprochene Republikaner finden sich unter diesen Präsidenten überhaupt nicht. Was bedeutet das für die Praxis? Ein Beispiel: Ich habe hier ein Urteil des Amtsgerichts Berlin=Mitte, Mietabteilung, vom 5. Juli 1924. unterzeichnet von dem Amtsgerichtsrat Dr. Schubarth. Ein Hauswirt namens Nordheimer wird von einem Mieter, einem Ausländer,„deutsches Schwein“ genannt. Das Gericht weist die Klage ab, und zwar mit der Begründung: Der Kläger ist unbeschadet seiner deutschen Staatsangehörigkeit der Abstammung nach(er war Jude) nicht eine Persönlichkeit, die der Sprachgebrauch des Volkes zu den Deutschen zählt.(Lebhaftes Hört, hört!) Von dem Anwalt des Klägers wird über dieses Urteil Beschwerde geführt. Der Herr Amtsgerichtspräsident antwortet darauf, er könne nicht einschreiten, das sei ern Akt der Rechtsprechung und er habe darüber keine Disziplinargewalt. Der Herr Kammergerichtspräsident hat dann allerdings nach Beschwerde beim Justizministerium gefunden, es sei doch wohl eine Sache, die zum disziplinarischen Einschreiten Anlaß gäbe. Der Amtsgerichtspräsident Lieber hat jedoch gegen den fraglichen Nichter nichts veranlaßt. Was ist nun das Schicksal republikanischer Richter bei demselben Gericht unter demselben Amtsgerichtspräsidenten? Der Fall des Amtsrichters Dr. Scholz ist bekannt. Er hat in seiner Urteilsbegründung gegen eine Zahnarztfrau betont, diese habe sich vor Gericht so ungebührlich betragen, wie das eine Arbeiterfrau nie tun würde. Wegen dieser Bemerkung Versetzung von der Schöffenabteilung zur Vormundschaftsabteilung! Als Vormundschaftsrichter wurde Herrn Scholz ein Fall unterbreitet, in welchem eine Ehe geschieden war und die Kinder der Ehefrau zur Erziehung übergeben worden waren; nach Jahren erhob der Mann Anspruch auf die Kinder, weil die Frau mit einem anceren Manne im Konkubinat lebe. Amtsgerichtsrat Dr. Scholz wies den Anspruch zurück, weil das Verhältnis ein durchaus geordnetes und, auch ohne gesetzlichen Ebeschluß, so eheähnlich sei, daß keine Gefärhdung der Kinder in Betracht komme. Ergebnis: Dr. Scholz wurde wegen Förderung der Unsittlichkeit von der Vormundschaftsabteilung zur Vollstreckungsabteilung versetzt. Vor etwa drei Jahren nannte ich einmal gegenüber dem Herrn Justizminister bei Erörterung unserer Beschwerden auf dem Gebiete der Zusammensetzung des Richtertums einen Namen. Da schlug der Justizminister die Hände über dem Kopf zusammen und sagte: der gehört zu Ihnen? Das ist ja der bestqualifizierte Richter in Berlin. (Hört, hört! bei den Soz.) Anderthalb Jahre nach diesem Gespräch war dieser bestqualifizierte Richter so gründlich erledigt, daß von irgendwelcher Beförderung gar nicht mehr die Rede war.(Hört, hört! links.)— In diesem Zusammenhang ein Wort über den Fall Krohner. Wie liegen die Tatsachen? Herr Krohner schreibt einen Artikel gegen das Magdeburger Urteil. Es wird deswegen Beleidigungsklage gegen ihn erhoben.( wird in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt, aber die zweite Instanz hebt dieses Urteil wegen nachgewiesener Befangenheit des erstinstanzlichen Richters auf. Zu einer neuen Verhandlung kommt es nicht, es tritt die Amnestie ein. Was hat in der Strafverbandlung gegen Herrn Krohner, soweit sie stattgefunden hat, der Generalstaatsanwalt Lindow ausgeführt? Er hat gesagt: Krohner hat an dem Magdeburger Urteil Kritik geübt. Ich kann nicht umhin, zuzugeben, daß die Kritik nicht nur scharf, sondern daß sie auch großenteils berechtiat ist und daß Herr Krohner seine Absicht großenteils mit Erfolg durchgesetzt hat. Seine Kritik des Magdeburger Urteils erscheint mir in vollem Umfange beachtenswert.(Hört, hört! bei den Soz.) Man nimmt Herrn Krohner übel, daß er seine Kollegen, die Richter, kritisiert habe. Warum solidarisiert sich der preußische Richterverein gerade mit den zwei Richtern von Magdeburg? Daß das Magdeburger Urteil anfechtbar ist, das hat wohl auch Here Dr. Deerberg von den Deutschnationalen nicht bestreiten wollen. Die Ernennung Krohners zum Oberverwaltungsgerichtsrat anzufechten, liegt also gar keine Ursache vor. Es ist durchaus erfreulich, wenn ein Mann, der einmal ein offenes Wort gegen Unrecht gewagt hat, in seinem Kampf ums Recht Anerkennung findet.(Sehr wahr! bei den Soz.) Das ist in der preußischen Justiz leider ein ganz seltener Ausnahmefall. Namentlich im Bereich des Justizministeriums haben wir solche Ausnahmefälle überhaupt noch nicht erlebt, und darum muß an die Spitze des Ministeriums ein Mann, der sich darüber klar ist, daß die einseitige, aus der Kaiserzeit stammende Zusammensetzung des Richterkorps in politischer und sozialer Beziehung eine Gefahr für den Staat ist. (Sehr wahr! bei den Soz.) Die Justizkritik, schließt Heilmann, war im letzten Jahre lebhafter und hat weitere Kreise gezogen. Ich erinnere nur en das Verfahren auf Dienstentsetzung gegen den Pastor Fuchs in Eisenach, weil dieser einen Protest gegen die Klassenjustiz veröffentlicht hatte; ich erinnere an die Justizkritik, die an das Magdeburger Urteil und an den Fall Höfle anknüpft. Wir fordern und verlangen eine Justizreforn an Haupt und Gliedern. Ich könnte mir sehr wohl denken, daß unsere Justizkritik auch dann nicht schweigt, wenn etwa an der Spitze des Justizministeriums zufällig ein Sozialdemokrat stände. Die Uebelstände der Justig liegen tiefer als daß sie mit einem bloßen Personenwechsel beseitigt werden können. Aber um den Kampf gegen diese Mißstände zu führen, ist vor allem an der Spitze des Justizministeriums ein Mann notwendig, der das Ziel kennt und den Weg mit festem Schritt geht.(Sehr richtig! und lebhafter Beifall bei den Soz.) In der Einzelberatung trägt Genossin Helfers verschiedene Beschwerden, u. a. über die geringe Bezahlung der Spezialarbeiten der Gefangenen vor.— Abitimmung am 29. Oktober.— Nächste una am 28 Oktober. erzielen. Admiral von Trotha bekannte sich von neuem als überzeugter Anhänger des rücksichtslosen U=Bootkrieges, der, konsequent durchgeführt, Deutschland nach seiner Meinung unbedingt den Sieg gebracht hätte. Beweise für diese Auffassung konnte der Zeuge allerdings nicht anführen. Als ein Hauptzug seiner Wirstellung war ganz deutlich die Verteidigung der Tirpitzschen Seekriegspolitik zu erkennen. Wie die drei ersten, so zeigte auch der vierte Verhandlungstag, daß sich der Kläger Coßmann ausschließlich auf typische Vertreter des wilhelminischen Obrigkeitsstaates stützt. Den Höhepunkt in dieser Richtung brachte aber der fünfte Verhandlungstag mit der Vernehmung des Kontreadmirals a. D. von Levetzow. Was sich dieser Zeuge als früherer Chef des Stabes der Seekriegsleitung, also die rechte Hand des Admirals Scheer im Großen Hauptquartier, an Anmaßung und Terror des ganzen Gerichtssaales leistele, dürfte wohl in den Annalen der deutschen Prozeßgeschichte einzig dastehen. Es hatte zunächst den Anschein, daß seine Vernehmung recht kurz vürde, da der Zeuge selbst erklärte, der von ihm im ersten Dolchstoßheft abgedruckten Denkschrift nichts wesentliches hinzufügen zu können. Durch das Drängen des Vorsitzenden ließ er sich jedoch herbei, die 17 Seiten seiner Denkschrift in den Süddeutschen Monatsheften nahezu Wort für Wort vorzulesen und dazu überall dort, wo er es aus politischen Gründen für vorteilhaft hielt, lärmende und schimpfende Einschaltungen kritischer Art zu machen, so daß seine„Vernehmung", d. h. seine Philippika gegen das Kriegskabinett des Kanzlers Prinz Max von Baden, chließlich drei volle Stunden in Anspruch nahm. Wie oft er auch einen Kasernenhofton bis zum Gebrüll steigerte, wie oft er auch mit beiden Fäusten in die Luft und auf den Tisch trommelte, wie rüde und überheblich er sich wiederholt gegen den Prinzen Max von Baden, gegen Herrn von Payer und andere ausließ— nicht ein einziges Mal unterbrach ihn der Vorsitzende. Gegen einen so unerhörten Mißbrauch einer Zeugenaussage kann nicht scharf genug Einspruch erhoben werden. Abgesehen davon, daß es nicht statthaft ist, daß ein Zeuge seine Aussage größtenteils wörtlich aus einer gedruckten Zeitschrift abliest, so entbehrte es jedenfalls vollständig jeden Zusammenhanges mit dem Prozeßstoff, wenn dieser beschäftigungslose Admiral in einer langen Randbemerkung zu seiner Denkschrift eine leidenschaftliche persönliche Verteidigungsrede auf Ludendorff hielt und ihn als „einen gewaltigen Menschen, eine Titanenkraft" im Vergleich setzte zu den„sammervollen und kläglichen“ Gestalten des Kriegskabinetts Prinz Max von Baden. Was kümmerte diesen Militaristen reinsten Wassers die zwiespältige Hasardeurhaltung Ludendorffs vom 29. September bis 1. Oktober 1918, als dieser von der Reichsregierung die sofortige Einleitung von Waffenstillstandsverhandlungen verlangte, während er ihm gegenüber nur den Wunsch nach baldigen Verhandlungen aussprach! Auf Grund der schweren Beschuldigungen des Admirals v. Levetzow gegen den Prinzen Mar von Baden und den Vizekanzler von Payer erklärte der Verteidiger Dr. Hirschberg, daß er im Anschluß der bisher vom Vorsitzenden zugelassenen Zeugenliste seinen schon vor Monaten gestellten Antrag auf Ladung dieser beiden Persönlichkeiten: Max von Baden und v. Payer als Zeugen wiederholen werde, damit diese beiden Männer Gelegenheit hätten, von der Stelle des Gerichts aus für den Schutz Ehre selbst einzutreten. Einige kurze Fragen des Verteidigers Dr. Hirschberg lehnte der Zeuge in schnoddrigem Feldwebelston ab, zu beantworten. Begreiflich, denn diese Fragen waren ihm außerordentlich unbequem, so vor allem die Frage, ob ih i bekannt sei, daß sich Prinz Mar von Baden der Forderung Ludendorffs nach sofortigem Waffenstillstand mit allen Mitteln widersetzte und sich erst dann fügte, als Ludendorff sein Verlangen mit der katastrophalen Lage an der Westfront begründete. Drei weitere Stunden füllte die Vernehmung von drei ehemaligen Kapitänen, Hintzmann, Scheibe und v. Waldeyer=Hartz aus. Aus dem Liebesleben eines Modells. München, 24. Okt.(Frt. Z.) Das gebnteuerliche Schicksal einer Künstlersgattin, der geschiedenen Frau des Maler Professor Waldschmidt, beschäftigte in einem Meineidsprozeß das Landgericht München I. Frau Waldschmidt hatte als Modell ihren Mann kennen gelernt. Obwohl sie, die aus einfachen Verhältnissen stammte, sich in ihren neuen Lebenskreis geschickt hineingefunden hatte, kam es zur Scheidung. In Wartenberg in Oberbauern, wohin sie dann gezogen war, freundete sie sich mit einem verheirateten Viehhändler Schallbeck an, mit dem sie sich nach dem Tode von dessen Frau verlobte. Zwischen Aufgebot und Hochzeit kam jedoch ein früherer Bekannter der Frau, der mit ihr zusammen Modell gestanden hatte, nach Wartenberg und zeigte dem Verlobten und anderen Leuien in den Wirtschaften kompromittierende Photographien der Braut aus deren Atelierzeit, was Schallbeck zur Auflösung der Verlobung veranlaßte. Darauf strengte Frau Waldschmidt einen Schadensersatzprozeß gegen ihren früheren Verlobten an, indem sie gute Zeugnisse von Professoren, bei denen sie Modell gestanden hatte, über ihren Charakter und ihre Lebensführung vorlegte. Schallbeck war jetzt geneigt, die Verlobung zu erneuern, als sich ein Tagelöhner Summerer ihm gegenüber in der Trunkenheit intimer Beziehungen zu Frau Waldschmidt rühmte, was Schallbeck sich sofort schriftlich geben ließ. Frau Waldschmidt brachte jedoch Summerer dadurch, daß sie ihm die Schädigung ihres Rufes vorhielt und ihm einredete, seine Frau würde, wenn sie von seiner Untreue erfahre, ins Wasser gehen, dazu, in einem von ihr diktierten Briefe seine Beziehungen zu ihm abzuleugnen. Als Summerer diese Ableugnung unter Eid vor Gericht wiederholte, wurde gegen ihn wegen Meineides und gegen Frau Waldschmidt wegen Anstiftung dazu Anklage erhoben. In dem Prozeß vor dem Landgericht München leugnete Frau Waldschmidt jede strafbare Handlung. Der Staatsanwalt nannte es frivol und unverantwortlich von der Frau, daß sie es gewagt habe, gegen den Mann. der wegen ihrer zweifelhaften Vergangenheit die Verlobung aufgelöst habe, Schadensersatzansprüche zu stellen zu der gleichen Zeit, in der sie ihm nicht einmal treu gewesen sei. Es sei auch unerhört, daß sie als geistig überlegene Frau den einfachen Arbeiter zum Meineid verleitet habe. Er beantragte gegen die Angeklagte vier Jahre, gegen Summerer ein Jahr drei Monate Zuchthaus. Das Urteil lautete auf zwei Jahre Zuchthaus für Frau Waldschmidt und ein Jahr drei Monate Gefängnis für Summerer. Tagung des Bundes der freien Schulgesellschaften in Dortmund Richtigstellung. Meine Ausführungen auf dem Dortmunder Bundestag sind in dem Bericht der Freien Presse in der 1. Beilage zu Nr. 248 vom 23. Oktober z. T. ungenau und mißverständlich wiedergegeben, besonders in bezug auf die Stellung des Bundes zur Simultanschule. Ich habe den später einmütig angenommenen Antrag, der die Simultanschale ablehnt und von den Bundesmitgliedern verlangt, daß sie dieselbe auch nicht als Teilziel empfehlen, eingebracht und begründet. Dabei habe ich darauf hingewiesen, daß außer der einflußlosen Demokratischen Partei und dem noch einflußloseren Dautschen Lehrerverein niemand die Simultanvolksschule fordert, vor allem, daß keine Volksschuleltern vorhanden sind, die diese Schule für ihre Kinder verlangen. Der bevorstehende Schulkampf wird nur unter der Parole geführt werden:„Die konfessionelle Schule— hie weltliche Schule!“ Darum kann es sich für uns in der gegenwärtigen Situation nur darum handeln, die völlig weltfcemden Einheits= und VolksgemeinschaftsschulIdeologien zu zerstören und zum mindesten das gesamte Proletariat für die freie, weltliche Schule zu gewinnen, die erst in der zu erkämpfenden klassenlosen Gesellschaft des Sozialismus die wahre Einheitsschule des gesamten Volkes sein wird. Fricke, Barmen. Kommunale Rundschau Die allgemeine Finanzlage der Gemeinden. Amtlich wird gemeldet: Die Vorstände der Spitzenverbände der Gemeinden und Gemeindeverbände kamen am Dienstag auf Einladung des Reichsfinanzministers von Schlieben im Reichsfinanzministerium unter Beteiligung von Vertretern der Landesregierungen zur Aussprache über die allgemeine Finanzlage zusammen. Der Reichsfinanzminister erklärte, er beabsichtige in keiner Weise, sich in die Zuständigkeit der Länderregierungen oder Gemeinden in unberechtigter Weise einzumischen oder auf die Gemeinden einen unzulässigen Druck auszuüben. Er halte es jedoch für seine Pflicht, in offener Aussprache mit den berufenen Organisationen der Gemeinden die Aussichten auf steuerlichem Gebiete für die nächste und spätere Zukunft festzustellen. Der Minister gab dann an Hand der veröffentlichten Uebersichten eine eingehende Darlegung der finanziellen Lage. Unter Hinblick auf die neuen Steuergesetze warnte er dringend vor der Annahme, daß mit einem Mehraufkommen von rund 400 Millionen Mark, das sich bekanntlich in der ersten Hälfte des laufenden Rechnungsjahres gegenüber dem Voranschlag ergeben hat und zum größten Teil den Ländern und Gemeinden zugutegekommen ist, auch in der zweiten Hälfte des Rechnungsjahres gerechnet werden könne. Reich, Länder und Gemeinden, die in enger Notgemeinschaft miteinander verbunden seien, müßten durch strengste Sparsamkeit den sächlichen und persönlichen Ausgabenbedarf so stark wie möglich einschränken. Der Vizepräsident der Reichsbank, Kauffmann, wies auf die Notwendigkeit der Einschränkung der Aufnahme von Auslandanleihen durch Gemeinden hin. In eingehender Aussprache wurden seitens der Vertreter der Gemeinden und Gemeindeverbände die Möglichkeiten der Ausgabenersparung erörtert. Die Auslandkredite deutscher Städte. Das Reichsfinanzministerium teilt mit: Durch die Presse gehen jetzt fast täglich Meldungen über Verhandlungen oder Abschlüsse von Anleihen deutscher Städte mit amerikanischen Geldgebern. Dadurch kann in der Oeffentlichkeit der Anschein erweckt werden, daß bereits eine große Anzahl deutscher Stadtanleihen dem amerikanischen Kapitalmarkt zugeführt worden ist oder in der nächsten Zeit zugeführt werden soll. Die bei dem Reichsfinanzministerium gebildete Beratungsstelle für Auslandkredite, deren Begutachtung die Auslandkredite der Kommunen unterliegen, weist deshalb darauf hin, daß bisher mit Zustimmung der Beratungsstelle nur die Anleihen der Städte Zerlin. Köln und München in den Vereinigten Staaten von Amerika zur Ausgabe gelangt sind. In letzter Zeit sind verschiedentlich Anträge anderer Kommunen durch die zuständigen Landesregierungen der Beratungsstelle zur Begutachtung vorgelegt worden. Die Beratungsstelle wird in allen Fällen die unbedingte Notwendigkeit und Nützlichkeit derartiger Anleiheanträge prüfen. Die Beratungsstelle steht auf dem Standpunkt, daß nur in ganz besonderen Ausnahmefällen die Produktivität der von Städten erstrebten Auslandkredite nachzuweisen sein wird. Sie ist aber der Meinung, daß in allen Fällen, in denen das nicht möglich ist, die Ausgabe von Auslandanleihen deutscher Städte im Hinblick auf den Schutz der deutschen Währung zu unterlassen ist. Es muß auch verhütet werden, daß die vom Auslande für die deutsche Wirtschaft verfügbaren Gelder durch Anleiheaufnahmen der Städte geschmälert werden; denn es erscheint viel dringlicher, Industrie und Landwirtschaft, soweit sie die Kredite für Hebung des Exports oder mittelbar zur Minderung des Imports verwenden können, mit Auslandkrediten auszustatten, als den Kommunen Mittel zuzuführen für Zwecke, die zwar an sich wertvoll sind, aber auf eine spätere Zeit zurückgestellt werden können. Gewerkschaftliches Der Straßenbahnerstreik im Ruhrgebiet. wtb. Köln, 24. Okt. Zum Beschluß der Essener Straßenbahner, heute in den Ausstand zu treten, berichtet Wolffs Provinzialdienst aus Essen, daß der Verkehr auf sämtlichen Linien ruht. Auch die Straßenbahnlinien von Groß=Dortmund und Umgegend sind heute früh infolge des Streiks außer Betrieb gesetzt worden. Die Einigungsverhandlungen vor dem Rechs- und Staatskommissar sollen am Montag, den 26. d. M., stattfinden. Annahme des Schiedsspruchs in der Hohenlimburger Eiseninbustrie. wtb. Dortmund, 24. Okt. In der Streitsache der Hohenlimburger Eisenindustrie haben beide Parteien den Schiedsspruch vom 21. d. M. angenommen. Damit ist der Streik verhindert. Machtkampf gegen die Angestellten Das Recht der Angestellten, an der Gestaltung ihrer Arbeitsverhältnisse gleichberechtigt mitzuwirken, hat nicht in allen Kreisen der Arbeitgeber Anerkennung gefunden. Der Tarifvertrag, den sich die Angestellten durch den Zusammenschluß in ihrer Berufsgewerkschaft errungen haben, ist besonders in neuerer Zeit vielachen Anfeindungen ausgesetzt. Es fehlt in manchen Arbeitgeberkreisen die geistige Umstellung, den Angestellten nicht mehr als den Untergebenen, sondern als den Mitarbeiter im Geschäft anzuerkennen. Und doch hängt von der sozialen Gestaltung des Arbeitsvertrages das Maß der Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreudigkeit der Angestellten ab, die wiederum für das Gedeihen des Unternehmens unerläßliche Voraussetzungen sind. Hier begegnen sich bis zu einem gewissen Grade die Interessen beider Teile. Um so unverständlicher ist es, daß dem Abschluß von Tarifverträgen seitens einzelner Arbeitgebergruppen die erdenklichsten Schwierigkeiten bereitet werden. Man geht sogar dazu über, die Entscheidungen behördlicher Schlichtungsstellen zu mißachten, verbindlich erklärte Schiedssprüche auf dem Rechtswege anzufechten. So hat z. B. der Verband Berliner Metallindustrieller gegen einen verbindlich erklärten Schiedsspruch Feststellungsklage erboben, weil angeblich Vorschriften des Verfahrens verletzt worden sind. Weiter geht der Arbeitgeberverband für das Berliner Zeitungsgewerbe, der den Angestelltenverbänden die Aktivlegitimation zum Abschluß von Tarifverträgen bestreitet. Ohne Rücksicht auf den Ausgang dieser schwebenden Prozesse werden die Angestellten in ihrem wirtschaftlichen Interesse sich um so fester in ihre gewerkschaftliche Organisation eingliedern müssen, weil sie sich das Recht der Mitbestimmung an der Gestaltung ihrer Existenz nicht verkümmern oder gar nebmen lassen dürfen. Für diesen Kampf der Angestellten wird jeder Einsichtige volles Verständnis aufbringen. Die Gehälter der Angestellten in den vorgenannten Industrien haben bestenfalls die Nominalsätze der Vorkriegszeit erreicht, in Einzelfällen vielleicht um ein geringes überschritten. Die Kaufkraft derselben hat aber im Hinblick auf die überhöhten Preise um einen sehr erheblichen Teil nachgelassen. Darum ist der Widerstand der Arbeitgeberverbände um so ungerechtfertigter. Aber nicht nur in Berlin, sondern auch an anderen Plätzen Deutschlands zeigen sich die gleichen Schwierigkeiten. So schwebt z. B. in Mannbeim seit Mitte August ein Verfahren um Erhöhung der Gehälter. Der Landesschlichter machte den Parteien einen Vergleichsvorschlag auf eine Erhöhung der Gehälter um 10 Prozent ab 16. August bis 31. Oktober und verwies auf den Weg der direkten Verhandlung. Die Angestellten nahmen den Vorschlag an, die Arbeitgeber lehnten ihn ab. Nach Anruf der amtlichen Schlichtungsstelle regten nunmehr die Arbeitgeber eine Verhandlung zwischen den Parteien an, aber nur, um den Angestellten nahezulegen, ihre Forderungen zurückzuziehen. Die Verhandlung vor dem Schlihtungsausschuß fleg auf. Man einigte sich dann auf eine freiwillige Schlichtungsstelle, die die Septemberforderungen regeln sollte. Hier wurde ein Spruch gefällt, der eine Erhöhung der Gehälter um 8 Prozent für die Zeit vom 1. September bis 31. Dezember 1925 festsetzte. Während die Angestellten den Spruch annahmen, erklärten die Arbeitgeber, daß sie ihn ablehnen würden. Wenn so mit den Angestellten umgesprungen wird, darf man sich über ihre zunehmende Erbitterung nicht wundern. Sie ziehen aus diesen Vorgängen die Lehre, daß die Auffassung des Zentralverbandes der Angestellten die richtige ist, durch Stärkung der gewerkschaftlichen Organisation die Grundlage zu schaffen, um das, was die Arbeitgeber freiwillig zu geben sich weigern, nötigenfalls auf dem Wege gewerkschaftlichen Kampfes zu erobern, nämlich eine einigermaßen den Teuerungsverhältnissen angepaßte Bezahlung. Remscheid-Lennep Remscheid, 28. Oktober. Metallarbeiter=Versammlung in Remscheid Gestern morgen tagte im Lokale Jähnichen die QuartalsVersammlung des Deutschen Metallarbeiterverbandes. Der Bevollmächtigte, Kollege Volkmann, gab den Geschäftsbericht, der erkennen ließ, daß auch hier am Orte der Verband in stetigem Wachsen begriffen ist. In der Diskussion sprachen zwei Anhänger der KPD. und legten eine der bekannten Resolutionen vor, welche von der Versammlung mit großer Mehrheit abgelehnt wurde. Unter Verbandsangelegenheiten teilte der Vorsitzende u. a. mit, daß der Vorstand und erweiterter Beirat beschlossen haben, ab 1. Januar eine Beitragserhöhuna eintreten zu lassen, und zwar in der 1. Klasse um 30 Pfg. Die Streikunterstützung wird von 9 auf 15 Mark wöchentlich erhoht. Die KPD. hatte in ihren Kreisen für diese Versammlung eifrig die Reklametrommel gerührt, ihre Anhänger waren denn auch ziemlich restlos erschienen. Die vorgeschickten Redner konnten allerdings auf die Versammlung absolut keinen Eindruck machen. Vertreterversammlung der Konsum-Genossenschaft. Einigkeit“ Am kommenden Sonntag findet die ordentliche Vertreterversammlung der Genossenschaft statt.(Näheres siehe Inserat.) Die Remscheider Talsperre Auch wenn die bessere Jahreszeit vorbei ist, die Bäume nicht mehr ihr schmuckes grünes Kleid tragen und die Vögel verstummt sind, bat die Talsperre im Eschbachtal mit ihren prachtvollen Waldungen ihren besonderen Reiz. Was Wunder, daß sie deshalb auch in der Herbst= und Winterzeit von vielen besucht wird, die hier ihre Erholung finden. Wer dann im Anschluß an den Spaziergang noch ctwas Kleingeld übrig hat, geht nach dem Restaurant, um sich auszuruhen und lieblich zu kräftigen.— Solange die Talsperre besteht, ist der Aufenthalt in diesem Restaurant während der schlechten Jahreszeit nicht immer recht angenehm gewesen. Man spürte stets, es fehlte etwas. Das ganze Gebäude allein schon kann nicht den Anspruch erheben, daß es eine moderne Erholungsstätte ist, das der Umgebung angepaßt ist. Die Gründer dieser Stätte haben jedenfalls nur ein Provisorium damit gewollt oder gespart, wo es nicht angebracht war. Vornehmlich waren es die vielen kalten Ecken, die im Winter den Aufenthalt nicht schön machten. Diese Mängel sind der zuständigen Stelle stets bekannt gewesen. Die Zeitverhältnisse der letzten Jahre waren aber nicht dazu angetan, alle Uebelstände zu beseitigen. Nunmehr mußte festgestellt werden, daß es so nicht weiter gehen kann. Besonders ist es die große Veranda, woran der Zahn der Zeit genagt und vollständig unbrauchbar geworden ist. Die städtische Werkskommission hat beschlossen, mit der Neuanlage der Heizung zugleich den Umbau der Veranda vorzunehmen. Mit dieser Aenderung wird das ganze Restaurant wesentlich verbessert. Der Innensaal, der wegen Licht und Luftabzug alles zu wünschen übrig ließ, wird von allen diesen Uebeln befreit. Zudem werden die unschönen Ecken beseitigt und einen Gesamtraum geschaffen, der über 500 Personen fassen kann. Die Arbeiten haben bereits begonnen und in kurzer Zeit wird das Restaurationsgebäude auch im Winter einen angenehmen Aufenthalt bieten. Kreis Mettmann Belbert, 26. Okt. Zum Kapitel Wohnungsnot wird uns geschrieben: Die letzte Stadtratssitzung brachte zum Schluß eine Anfrage des wichtigen Herrn Breuer über das Wohnungsamt. Herr Wichtig, der Geschäftsführer der hiesigen Haus= und Grundbesitzer, Verwalter einer großen Anzahl Miethäuser, gelegentlicher Konkursverwalter, Reichstagskandidat und als solcher tätiges Mitglied der D. V. P. und scheinbar so nebenher noch Justizobersekretär is., war bei Beurteilung einer Wohnungsangelegenheit, die den Deutschen Metallarbeiterverband betraf, nicht auf seine Kosten gekommen. Der D. M. V. will 6 Zimmer für Geschaftsräume frei haben und stellt dafür dem Wohnungsamt 10 neu erbaute Räume zur Verfügung. Das lehnt der Geschäftsführer des Haus= und Grundbesitzervereins ab(Ludwig werde dort Mitglied), weil der Genosse Ellenbeck ihm nicht das Haus eines seiner Mitglieder freigab. Dieser Hausbesitzer hatte 3000 AA für die Räumung einer 3=Zimmerwohnung geboten. Gen. Ellenbek, der den Beschluß des Wohnungsfürsorgeausschusses verteidigte, sagte wohl mit Recht, daß er mit den 3000 M kaum ein einzelnes Zimmer schaffen könne und daß der D. M. V. mehr gebe, als er verpflichtet sei. Es war nur schade, daß nicht auf den Fall Klute=Maunz näher emgegangen wurde, der vom Gen. E. entgegengestellt wurde und dem die Vertreter der Haus= u. Grundbesitzer zugestimmt hatten. Dabei sollten der Firma Kiute acht Wohnräume für Geschäftszwecke freigegeben werden und die Firma zahlte nur 14 000 A. Ja, wenn es nicht der D. M. V. gewesen wäre. Man hatte auch alle Ursache, sich aufzuregen. Trotz bürgerlicher Mehrheit bekam die Konsumgenossensch. Vorw.=Befr., Barmen den in der besten Lage Velberts der Stadt gehörenden Laden, der D. M. V. sein Haus frei. Ja, Artur, das ist— Diktatur und der Breuer ist nächstens etwas schlauer. Dahlhausen, 26. Okt. Filmabend. Sonntag, den 8. November veranstaltet der Ortsausschuß„Wupperorte" einen Filmabend, und zwar wird der in Arbeiterkreisen beliebte Film „Schmiede über die Leinwand gehen. Der hiesige Arbeitergesangverein hat sich in anerkennenswerter Weise in den Dienst der Sache gestellt und unter der feinsinnigen Leitung seines Dirigenten, Musiklehrer Erwin Fischer, Dahlhausen=W., dem Abend eine besondere Note geben. Die Leitung des musikalischen Teils ist ebenfalls von Herrn Fischer übernommen und steht somit den Besuchern der Veranstaltung ein genußreicher Abend bevor. Eintrittskarten zum Preise von 50§ sind bei den Vertrauensleuten der Gewerkschaften und den Delegierten des Ortsausschusses zu haben. Aus aller Welt wp. Duisburg, 24. Okt. Versuchter Selbstmord. Ein hiesiger Schneidermeister hatte versucht, sich mit seinem 11 Jahre alten Sohne durch Gas zu vergiften. In bewußtlosem Zustande wurden beide in dem Schlafzimmer aufgefunden, aber dem Leben zurückgegeben. Schwermut und Nahrungssorgen dürften den Mann zu der Tat veranlaßt haben. wp. Biersen, 24. Okt. Auseinem fahrenden Zuggestürzt. Auf der Strecke Viersen—Anrath stürzten zwei Kinder aus dem Ruhrgebiet aus einem fahrenden Zug. Das eine, ein Knabe, wurde leicht verletzt, das andere, ein Mädchen, so schwer, daß es kurz nachher im hiesigen Krankenhaus verschied. Lörrach, 25. Okt. Vonseiner Frau ermordet. Der frühere Verleger des hiesigen Oberländer Bote Gutsch wurde heute nachmittag von seiner Frau durch Schüsse in Kopf und Brust getötet. Die Ursache der Tat, die erfolgte, während Gutsch beim Mittagessen war, ist noch nicht restlos aufgeklärt, dürfte aber in zerrütteten Familienverhältnissen liegen. Der Getötete stand Ende der 50er Jahre. Die Täterin wurde verhaftet. wtb. Berlin, 24. Okt. Eine Ehetragödie in der Unterarundbahn. Aus noch unbekannter Ursache hat gestern abend der 28 Jahre alte Uhrmacher Ehlert in einem Abteil 2. Klasse der Untergrundbahn zwischen den Bahnhöfen Alexanderplatz und Klosterstraße seine Ehefrau erschossen und sich selbst dann durch einen Kopfschuß getötet. Beide wurden vom Bahnhof Klosterstraße nach dem Leichenschauhaus gebracht. wtb. Breslau. 24. Okt. Kein Attentat auf ein Breslauer Denkmal. Wie sich nunmehr herausgestellt, ist der Verdacht, daß ein Attentat auf das Denkmal Kaiser Wilhelms I. unternommen worden sei, fälschlich entstanden. Es handelt sich tatsächlich um Instandsetzungsarbeiten, die an dem Denkmal von der Stadt vorgenommen werden. Die Arbeiten sollten vor Eintritt von Frost fertiggestellt werden, weshalb auch bis in die späten Abendstunden an dem Denkmal gearbeitet wurde. wtb. London, 24. Okt. Aufhoher Seeverschwunden! Die Station Landsend empfing eine drahtlose Meldung des Dampfers„City of Fairbury, daß der von der„City of Fairbury“ auf der Reise begleitete 3000=Tonnen=Dampfer„Vojslaw“ während eines Wolkenbruchs spurlos verschwunden sei. Die„City of Fairbury“ habe fünf Stunden mit vergeblichem Suchen nach den „Vojslaw“ verbracht und befürchtet, daß er mit der Mannschaft gesunten ist. Die zerstückelte Frauenleiche. Auf der Schnellzugsstrecke Rom—Turin fand, wie italienische Blätter melden, vor kurzem der Streckenwärter zwischen den Gleisen zwei mit Seidenstrümpfen bekleidete Frauenbeine; sie wurden in die öffentliche Leichenkammer in Rom eingeliefert und der Fund öffentlich bekanntgegeben. Es meldeten sich Leute, welche gesehen haben wollen, daß Eisenbahnbeamte aus dem Packwagen eines Zuges ein kleines Paket hinauswarfen, dem sie ein größeres folgen lassen wollten, was sie aber unterließen, da sie sich beobachtet sahen. Zwei Tage nach dem grausigen Fund meldete sich ein Mann, der die gefundenen Beine zu sehen verlangte, da er fürchte, es handle sich um seine vermißte Frau; er besichtigie die Seidenstrümpfe, die ein mit Wolle gestopftes Loch aufwiesen. Der Mann, der 29jährige Kaufmann Frank Cattanco, aus angesehener Genueser Familie, konnte jedoch erst an einem Male an einem Fuß feststellen, daß es sich tatsächlich um seine Frau Erina Barbero handelt. Der Mann wurde verhaftet, obwohl er sein Alibi nachwies. Die Untersuchung ergab, daß die beiden Ehegatten nach Uebereinkunft eigene Wege gingen, ein Wanderleben führten, bald hier, bald da in einem Hotel dritten Ranges lebten; es wurde außerdem festgestellt, daß die ermordete Frau kokainsüchtig war und im Rausche alles Mögliche ausplauderte. Wenige Tage später fand ein Kind in einem Neubau in Rom ein anderes Paket, das den Rumpf der Ermordeten enthielt, dessen Arme auf dem Rücken festgebunden waren, während der Kopf fehlte. Bei einer Durchsuchung im Hause des Mannes wurde blutbefleckte Wäsche gefunden. Da die anatomisch regelrecht ausgeführte Zerstückelung der Leiche unmöglich von dem Manne allein ausgeführt sein konnte, suchte man nach den Komplicen des Verbrechers. Unter den Verhafteten befindet sich der Neffe des bekannten Universitätsprofessors Bertini, ein Student, der sich bei der Verhaftung zu erschießen versuchte. Weitere Spuren zur Aufklärung des Mordes sehlen. Ein mysteriöser Mord. Budapest, im Okt.(Frk. Zig.) Nach einer hierher gelangten Zuschrift der Leipziger Polizeibehörde wurde in einem Walde bei Leipzig die Leiche eines elegant gekleideten, etwa 60jährigen Mannes aufgefunden, an dessen Hals Spuren erfolgter Drosselung gefunden wurden. Aus den bei der Leiche vorgefundenen Schriften konnte festgestellt werden, daß der Ermordete mit dem 61jährigen Musiker Robert Ewald identisch ist. Wie nun die hiesige Polizei erhoben hat, ist Ewald im Jahre 1917 nach Budapest gekommen und fand in einem hiesigen Kino Anstellung. Nach Ungabe seiner hiesigen Quartiergeber verfügte er über ein Vermögen von mehreren hundert Millionen Kronen, die er stels in Valuten umwechselte. Im Mai d. J. nahm er einen längeren Urlaub, um, wie er sagte, seine in Deutschland lebenden arnen Verwandten aufzusuchen. Er versprach wiederzukommen und wollte dann ständig in Ungarn bleiben. Sein Quartiergeber war ihm beim Verpacken des Geldes behilflich. Seither hat Ewald kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Die hiesige Polizei setzt ihre Nachforschungen fort, da es nicht ausgeschlossen ist, daß zwischen den Leipziger Tätern und hiesigen Personen irgendeine Verbindung bestanden hat. Filmschau Elberfeld. Modernes Theater am Wall. Die neue Woche steht unterm Zeichen nordischer Darstellungskunst.„Zirkus Pat und Patachon" ist zweifellos ein Filmlustspiel allererster Klasse. Die beiden dänischen Komiker sind in Deutschland längst volkstümlich geworden, volkstümlicher fast, als in ihrem eigenen Vaterlande. Was den langen, latschigen, schnauzbärtigen Pat und seinen Kollegen, den kleinen, kugelrunden Patachon mit Rauchet Du Mont's eehten Roten Kopf ein gesunder, vorzüg icher Rauchtabak. Nur echt mit dem Namen Du Mont auf jeder Tutte. ) Vertreter: Firma Edmund Schulten, Elberteld, Kieselstraße 5 der gummiballartigen Kehrseite auszeichnet, das ist ihre natürliche, selbstverständliche Komik. Die beiden spielen ihre Rollen nicht, sie leben sie. Man glaubt ihnen jede Type, jede Maske. Es ist, als ob sie von Kindesbeinen so und nicht anders gelebt, ausgesehen und sich bewegt hätten. Der Film erzählt in launiger Szenenfolge, wie ein von der Theke bis zum Rittergut emporgestiegenes Schlächtermeisterehepaar durch drei wandernde Komödianten („Zirkus Pat und Patachon") vom Raffkefimmel kuriert wird. In dürren Worten läßt sich die urgelungene Angelegenheit gar nicht wiedergeben. Man lacht Tränen. Den Höhepunkt der Handlung bilden die Zirku s= und die Gespensterszene. Tühtige Kräfte wirken mit.— In 6 hübschen Marlittakten filmt uns Gumar Tolnaes mit einem guten Ensemble vor,„was Mädchen träumen Die Tanz= und Sensationsmanie der modernen Jugend wird fein tronisiert. Tolnaes aber als ziviler Onkel ist nicht recht glaubhaft, sein Gebiet ist der exotische Film im Stile der„Lieblingsfrau des Maharadscha“.— Die interessante„Ufa=Woche“ ergänzt. U. T. an der Herzogstraße. Ein Meisterwerk deutscher Filmkunst ist„Des Lebens Würfelspiel". Erzählt wird, wie der Krieg 1914=18 die Schicksale der Menschen durcheinandergewürfelt, den Freiherrn und Oberleutnant zum Kellner, den kleinen Geschäftsmann zum Millionär macht, und wie dann die von der Welle der Inflation hochgetragenen Existenzen wiederum in ihr ursprüngliches Nichts zurücksinken, während diesen und jenen die eigene Tüchtigkeit und der Zufall vielleicht an die Stelle setzen, die ihm gebührt. Ein gut gesehenes Zeitbild. Der Höhepunkt von größter Spannung und echt dramatisch: die beiden Typen des nachkrieglichen Deutschland, der hochgekommene neureiche Bankier und der am„Dank des Vaterlandes“ zum Bettler gewordene Frontkämpfer einander gegenüber. Der erstere pochend auf seine Kapitalien, verständnislos vor der wirtschaftlich-sozialen Not, dünkelbaft herabschauend auf alles gesellchaftlich unter ihm Stehende. Der letztere Achtung erzwingend em ehrlichen Bemühen ums tägliche Brot. Gespielt wird ganz vorzüglich. Man sieht Paul Hartmann, Ferninand v. Alten, Hella Moja, Brausewetter, Diegelmann, Klein=Rhoden, Vallentin u. m. a.— Eine gute Regieleistung ist auch der„Pakt mit dem Tode", von dessen 6 geschickt und mit vielen echten Bluffs zur Spannung geführten Akten mancher Filmmacher lernen könnte. Dazu ein dritter Film und die Deulig=Woche. er. (Volkswirtschaft/ Industrie/ Handel) Ein interessantes Geständnis. In der in Neustrelitz erscheinenden Landeszeitung(Nr. 243) stand in Form eines Inserats ein Aufruf des Mecklenburg=Strelitzschen Ministeriums, Abteilung des Innern, gezeichnet Schwabe, der sich mit der Preisgestaltung beschäftigte. In ihm heißt es u. a.: „Das Ministerium hat zu seinem Bedauern feststellen müssen, daß die Bestrebungen der Reichsregierung, die Preise, vor allem aber solche für Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Bedarfs, auf ein erträgliches Maß zurückzuschrauben, von den Handels= and Gewerbetreibenden in Mecklenburg=Strelitz gar nicht bezw. durchaus ungenügend unterstützt werden." Das ist ein sehr interessantes Geständnis. Denn hier wird der Reichsregierung durch ein deutschnationales Landesministerium bestätigt, daß ihre ganze Preissenkungsaktion für die Katz' gewesen ist. Es wird offen zugegeben, daß der Handel sich um die Verbilligungsaktion der Reichsregierung gar nicht kümmert und an den übersetzten Preisen festbält. Aber der Schritt des Mecklenburg=Strelitzschen Ministeriums hat auch seine Kehrseite. Wenn das Ministerium schon die Flucht in die Oeffentlichkeit ergriffen hat, muß es seine Ursachen dafür haben. Umsonst stößt man woblgeneigte Wähler nicht vor den Kopf. Alle Welt wird sich nun fragen, was die Abteilung des Innern im Mecklenburg=Strelitzschen Ministerium eigentlich tun will, um die Preissenkung der Reichsregierung zu forcieren. Der Aufruf der Regierung enthält in dieser Beziehung einen fast komisch klingenden Hinweis. Es heißt in ihm z. B., nachdem das Ministerium versichert hat,„gegen jede Uebersetzung der Preise mit ollen ihm zu Gebote stehenden Mitteln vorzugehen“, wie folgt: „Das Ministerium erwartet, daß die Handels= und Gewerbetreibenden von sich aus ihre Preise auf ein für die Bevölkerung erträgliches Maß bringen“ Wir sind davon überzeugt, daß die Mecklenburg=Strelitzsche Geschäftswelt diese stilistische Leistung des Ministeriums mit viel Behagen lesen und auch„zu den anderen legen“ wird. Die Bevölkerung von Mecklenburg=Strelitz wird also noch ebenso lange wie die übrige deutsche Bevölkerung auf die Erfolge der sagenhaften Preissenkungsaktion warten müssen, wenn man sich nicht endlich entschließt, gegen den Wucher mit wirklich energischen Mitteln vorzugehen. Wird was geschehen? Aus Gewerkschaftskreisen wird uns u. a. folgendes geschrieben: Die Berliner Polizei hat kürzlich festgestellt, daß zahlreiche Bäckermeister, entgegen der Abmachung, dem gesunkenen Getreide= und Mehlgroßhandelspreis durch Erhöhung des Brotgewichtes Rechnung zu tragen, den Brotkäufern nicht das vorgeschriebene Gewicht gegeben haben. Während durch die Abmachung eine Brotpreissenkung erreicht werden sollte, ist tatsächlich— ein Zeichen der Zerrüttung der Moral unserer Geschäftswelt— eine ganz empfindliche Brotpreiserhöhung eingetreten. Die Oeffentlichkeit hatte nach den Feststellungen der Berliner Polizei die sofortige Schließung der schuldigen Bäckereien erwartet. Damit hätte man unserem Wirtschaftsleben auch nur einen großen Dienst erwiesen. Eine andere Auffassung aber haben die in Frage kommenden Behörden. Sie teilten mit, daß erwogen würde, gegen die schuldigen Bäckermeister wegen Preistreiberei vorzugehen. Bis jetzt ist das aber auch noch nicht geschehen. Vielmehr haben die Berliner Bäckermeister Versammlungen abgehalten, in denen sie das Vorgehen der Berliner Polizei als„unqualifiziert" bezeichneten. In längeren Ausführungen begründeten sie auch, daß das Mindergewicht notwendig gewesen sei, wenn die Bäckermeister existieren wollten. Außerdem wird von den Bäckern darauf hingewiesen, daß die Behörden von diesem Mindergewicht seit langem unterrichtet gewesen seien. Gerade in diesem Falle handelt es sich um einen so ungeheuerlichen Vorwurf gegen die Behörden, daß unbedingt bald darüber Klarheit geschaffen werden muß. Im übrigen fragen wir, wie weit man die Langmut der Arbeiter noch in Anspruch nehmen will? Der Verbraucher wird an allen Ecken und Kanten bewuchert und betrogen und es ist schließlich kein Wunder, wenn die Geduld endlich einmal reißt. Angesichts der skandalösen Vorgänge in den Perliner Bäckereien müssen wir die Regierung doch einmal ernstlich fragen, ob sie es so weit treiben will? Zahlungsstockungen im Mühlengewerbe. Im Zusammenhange mit den Spekulationen auf dem Getreidemarkte, wozu insbesondere die Einführung der Agrarzölle anreizte, haben sich im Mühlengewerbe größere Zahlungsstockungen eingestellt. Nachdem Schwierigkeiten bei einer Reihe kleinerer Mühlen bereits bekannt geworden sind, wird jetzt berichtet, daß „ die Groß=Mühle H. Schaumlöffel in Merhausen bei Kassel infolge Zahlungsschwierigkeiten gezwungen siebt, einen außergerichtherneizuführen. Die Verbindlichkeiten werden auf 250000 Mar“ geschätzt, denen Vermögenswerie in Höhe von 890000 Mark gegenüberstehen. Den Gläubigern wird ein außergerichtlicher Vergleich von 20 Prozent angeboten. Des weiteren befindet sich die Schloß= und Neumüble Eilenburg in finanziellen Schwierigkeiten. Hier wird ein außergerichtlicher Vergleich von 50 Prozent in Erwägung gezogen. Weiter mußte die E. W. Humbsch=Stadtmühle in Roßwein i. Sa. Geschäftsaufsicht beantragen. Die Geschäftsaufsicht ist auf Kreditkündigung von Banken zurückzuführen. erwartet in eingeweihten Kreisen, daß die gemeldeten Schwierigkeiten insbesondere auf Frankfurter, Hamburger und Bremer Firmen zurückwirken werden. Verschlechterte Konjunktur. Köln, 22. Okt.(Eig. Ber.) Die Wirtschaftslage im rheinischwestfälischen Industriebezirk verschlechtert sich in katestrophaler Weise von Tag zu Tag. In Köln ist in den letzten Tagen in großen Werken der Metallindustrie wieder einigen hundert Arbeitern die Kündigung überreicht worden. Weitere Kündigungen stehen in den nächsten Wochen bevor. Auch in Remscheid haben die größeren Werke Betriebseinschränkungen vorgenommen und Arbeiter entlassen. In Hamborn hat die Thyssen=Hütte ihren Betrieb erheblich eingeschränkt. Sämtliche Neubauten wurden stillgelegt. Auch im Thyssen=Vergbau stehen neue Arbeiterentlassungen bevor. In einer Direktionssitzung wurde beschlossen, zum 15. November erneut 1000 Bergarbeitern zu kündigen. Aus Koblenz wird berichtet, daß die Konkordia=Hütte in Neuwied bei einer Belegschaft von 1200 Mann 400 Arbeitern gekündigt hat. In Andernach haben ebenfalls eine Reihe Fabriken ihren Betrieb entweder vollkommen geschlossen oder starke Betriebseinschränkungen vorgenommen. EUTOL BONBONS ind wieder überall 3u haben •PREIS nur 6O Pfg. Achten Sie auf die geschützte Wortmarke„EUTOL ins feindliche Leben! Im Kampf ums Dasein wird er um so ertelgreicher sein, je frischer er morgens und mittage seine Arbeit beginnen kann. Echter Kikuth Kaffee verscheucht Müdigkeit, regt die Geistes- und Körperkräfte an, gibt dem Ermüdeten neue Spannkraft und Frische, verleiht seiner Arbeit Schwung und macht ihn dadurch erfolgreich.— Der tägliche Genuß von Kikuth Kaffee Nr. 7 kostet nar wenige Pfennige und macht sich durch erhöhte Arbetteleistung vielfältig besahlt. Kikuth Nr. 7 ½2 Gegin nur Mk. Georg Plange» Düsseldorf Düsseldorf-Hafen Weizenmühle Telephon 7331-7333. Spezialmarken: Diamant und Kristall. 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Die zweite Aufgabe bringt die Arbeitnehmer als unterstützenden, nicht gegensätzlichen Faktor an die Seite des Unternehmers. Sie betont und fordert das verbundene Interesse der Arbeiter und Angestellten an der Unternehmung selbst. Arbeiter und Angestellten haben bisher in der Hauptsache ihre Hauptaufgabe in der Erledigung der Interessenvertretung gesehen; jedoch ist die zweite Aufgabe vom allgemein wirtschaftlichen Gesichispunkte aus gesehen, viel bedeutungsvoller. Das Gesetz macht hier eine Scheidung zwischen Unternehmer und Unternehmen, indem es die Arbeiter und Angestellten auf die„Betriebszwecke“ verweist. Zweck eines jeden Betriebes ist der Ertrag, d. h. ein Ueberschuß der Betriebseinnahmen über die Kosten. Die Gesamtheit der Tätigkeit des Unternehmers zur Erfüllung der Betriebszwecke ist die Geschäftsführung, Leitung, Verwaltung.„Verwaltung ist Durchführung der produktiven Unternehmerarbeit.“(Leitner.) Der Unternehmer dirigiert alle Betriebsarbeit auf den Betriebszweck. Wenn das Betriebsrätegesetz den Arbeitern und Angestellten die Aufgabe zuweist, den Unternehmer in der Erfüllung der Betriebszwecke zu unterstützen, so spricht es damit im Grundsatz eine Mitverwaltung durch die Arbeiter und Angestellten aus. Dieser Anteil an der Betriebsverwaltung ist jedoch nicht als ein gleichartiger Bestandteil der eigentlichen Betriebsleitung aufzufassen. Er stellt vielmehr eine in sich mehrfach gestufte, schwächere Form dar. Die Mitverwaltung ist teils mitberatende, teils mitbestimmende Tätigkeit. Die schwächere Form der Mitberatung überwiegt bei weitem im Gesetz. Mitberatung liegt beispielweise vor, wenn die Betriebsvertretung vor Einstellung und Entlassung von Betriebspersonen„gehört" werden muß. Wenn aber Betriebsratsmitglieder im Aufsichtsrat der Gesellschaft gleichberechtigt neben den übrigen Mitgliedern des Aufsichtsrats sitzen, so steckt hierin— theoretisch eine Mitbestimmung. Aber nicht nur dem Grade nach, sondern auch hinsichtlich des Gegenstandes, auf den sich die Mitverwaltung bezieht, bestehen unterschiedliche Stärken. Dem Inhalte nach lassen sich folgende Hauptanteilsverhältnisse heraushälen: 1. Ein Anteil in Personalangelegenheiten. 2. Das sachliche Mitwirkungsrecht. 3. Kontrollrechte und Aufsichtsbefugnisse. Die Mitwirkung in Personalangelegenheiten betätigt sich bei der Einstellung und Entlassung von Arbeitnehmern, im Schiedsamt, in den Disziplinarrechten des Betriebsrates, in gewissen Teilen der Fürsorgetätigkeit.— Das sachliche Mitwirkungsrecht zeigt sich bei der Feststellung der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsmethoden, bei der Einführung einer Arbeitsordnung und Betriebsvereinbarung. Hierher gehören ferner alle Fragen, die sich beziehen auf die Arbeitsstreckung und Betriebsstillegung.— Mit Kontrollrechten und Aufsichtsbefugnissen bezeichnen wir endlich die Ansprüche auf Aufschluß über Betriebsvorgänge, auf Erstattung des Vierteljahrberichts, auf Einsichtnahme in Lohnbücher, auf Bilanzvorlegung, endlich das Recht auf Entsendung von Arbeitern und Angestellten in den Aufsichtsrat.— Der Versuch des Betriebsrätegesetzes, eine Beteiligung der Arbeiter und Angestellten an der Verwaltung der Unternehmung herbeizuführen, zeigt naturgemäß erhebliche Mängel. Zu zahlreich sind ja auch die Probleme, denen dieser Versuch sich gegenüber befand. Das Versagen der Mitverwaltung in der Praxis auf der ganzen Linie ist auf diesen Umstand zurückzuführen. Im folgenden soll kurz versucht werden, die Hauptprobleme aufzuzeigen. Sie liegen teils auf gesetzgeberischem Gebiete, teils in der menschlichen Natur begründet. Zwei Triebkräfte halten das Rad der Wirtschaft in Gang: Kapital und Arbeit. Sie sind die Wirtschaftsfaktoren, oder, da alle Wirtschaft sich in„Betrieben“ vollzieht, auch „Betriebsfaktoren“. Kapital sind die von Menschenhand erzeugten Produktionsmittel. Streng genommen ist darum auch das Kapital nur eine besondere Form der Arbeit, eine Aufspeicherung von Arbeit. Die Arbeit ist daher ihrem Wesen nach der überragende Betriebsfaktor.— In der heutigen Betriebsverfassung kommt die Wesensnatur der Arbeit nicht zur Geltung. Die Arbeit wird vom Unternehmer, der in seiner Person den Betriebsfaktor Kapital verkörpert, lediglich nur als Mittel zur Erreichung seiner Gewinnzwecke benutzt. Für den Unternehmer ist die Arbeit nur eine Form der Kosten. Der Betriebswirtschafter sagt sich von dieser Auffassung und Uebung grundsätzlich los. Ertrenntden Unternehmer vom Unternehmen und erstrebt— zum Wohle der Ge*)§ 1 Betriebsrätegesetz vom 4. Februar 1925. samtwirtschaft— einen Höchstertrag nur für das Unternebmen. Aus dieser Auffassung fließt das Recht der Arbeiter und Angestellten auf eine Mitbestimmung in allen Betriebsvorgängen. Das Betriebsrätegesetz hat die einmal zueitandene Mibevoaltung nuch ogerchig bunchgethet, 6. hat die Interessenvertretung und die Betriebsmitverwaltung allzu sehr verquickt. Ferner versagt es den Begünstigten die esetzlichen Mittel, ihre Verwaltungsaufgabe zu erfüllen, inem es ihnen in der Hauptsache nur ein Mitberatungsrecht einräumt. Wer aber mitverwalten soll, muß mitbestimmen können. Besonders schwierig wird die Frage der tatsächlichen Ausübung der Mitverwaltung. Von Bedeutung ist zunächst die Frage nach der Größe des Unternehmens. Ob es sich um einen Bäckereibetrieb mit zwei Gesellen oder um ein großes Stahlwerk handelt, wird bei einer Lösung der Frage eine sehr unterschiedliche Rolle spielen. Die Verbindung der heutigen Betriebsvertretung mit der Betriebsleitung ist zu lose. Die jetzige Stellung des Betriebsrates neben der Betriebsleitung muß zu einer Stellung in der Betriebsleitung werden. Faßt man zunächst zum Studium der ganzen Frage die großen Gesellschaftsunternehmen ins Auge, so findet man bereits hier Verwaltungsorgane, an die sich eine Betriebsmitverwaltung möglicherweise anlehnen könnte. Es sind dies Vorstand, Aufsichtsrat, Generalversammlung. Man hat in dieser Richtung einen Versuch gemacht durch die Entsendung von Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsrat. Da die Vertreterzahl nicht mehr als zwei sein durfte, lassen sich aus diesem Versuch keine brauchbaren Schlüsse auf die Bewährung dieser Einrichtung ziehen.— Es wäre aber auch denkbar, daß der Betriebsrat eine selbständige Stellung im Betrieb erhielte, ausgestattet etwa mit ähnlichen Befugnissen wie der Aufsichtsrat oder die Generalversammlung. In allen Fällen bereitet es erhebliche Schwierigkeiten, das Maß festzustellen, nach dem sowohl dem„Kapital" wie auch der„Arbeit" der Anteil in der Betriebsverwaltung zuzumessen ist. Bei Abwägen der Gründe wird der Eignung der Arbeiter und Angestellten für ihre Aufgabe die ausschlaggebende Bedeutung zufallen. Deshalb ist die wirtschaftliche Schulung unausgesetzt zu pflegen. Doch ist die Sorge hierfür nicht nur eine private Angelegenheit der Arbeiter und Angestellten selbst. taat und Wirtschaft haben hier eine ebenso große Pflicht. In regelmäßigen Betriebsversammlungen sollte vom Unternehmer selbst praktische wirtschaftliche Schulung getrieben werden.— Das Können allein genügt aber nicht. Die Aufgaben in der Betriebsmitverwaltung müssen im Geiste wirtschaftlicher Verantwortung erfüllt werden. Darum muß die Arbeitnehmerschaft zum wirtschaftlichen Verantwortungsbewußtsein erzogen werden, noch ehe sie zur Mitverwaltung der Betriebe berufen ist. Das Interesse am Betriebe, das in jedem Arbeitsvertrage gefordert wird, und heute vielfach nur ein Interesse am Wohlergehen des Unternehmers sein soll, muß in jedem Arbeitenden geweckt und lebendig erhalten werden. Das Bewußtsein vom Wertder Arbeit, der Wille zur wirtschaftlichen Ertüchtigung, das reigewählte Verantwortungsbewußtsein chaffendie Grundlage, um die Unternehmung n Wahrheit zumorganischen Gliede der Geamtwirtschaft zu machen und die Menschen mBetriebeausdermindern Rolledesbloßen Mittels zum Zweck in die Geltung des Wirtwschaftszweckbst zuerheben. „Zurück zum Mittelalter?" Das Reichsschulgesetz Von Fritz Bartsch ist Die politische Seite des Entwurfes zum Reic bereits hinreichend behandelt worden. Je mehr wir uns mit seinem Inhalt im einzelnen beschäftigen, um so mehr wird es klar: dieser Entwurf führt uns zurück ins Mittelalter, er macht die heutige Staatsschule zur Kirchenschule! Die§§ 1 bis 8 legen die für den Gesetzestext notwendigen Begriffe fest. Unter Bekenntnissen sind immer„Religionsbekenntnisse" zu verstehen. Für sie muß eine Körperschaft des öffentlichen Rechts bestehen. Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind nach Artikel 137 der Reichsverfassung alle Religionsgesellschaften, die vor Inkrafttreten der Reichsverfassung dieses Recht erworben hatten. Andern Religionsgesellschaften sind auf ihren Antrag gleiche Rechte zu gewähren, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten. In Preußen besaßen bisher die katholische, die altkatholische Kirche und die frühern evangelischen Landeskirchen die öffentlichen Korporationsrechte. Daneben gibt es eine Anzahl Religionsgesellschaften, die nur eine private Rechtsfähigkeit besitzen: die Lutheraner (Altlutheraner), die Reformierten niederländischer Konfession (Kohlbrüggianer), die Herrnhuter und Böhmischen Brüder, die Synagogengemeinden, die Mennoniten und die Baptisten. Alle diese Religionsgesellschaften können nach Art. 137 die öffentliche Rechtsfähigkeit erwerben. Dazu kommen noch die Irwingianer, Nazarener, Deutsch=Katholiken, Philipponen, Quäker, Anglikaner, Darbysten, Methodisten und viele andre. Sie alle haben, voraussichtlich, daß sie Körperschaften des öffentlichen Rechtes werden, und dem stehl nach der Reichsverfassung nichts entgegen, Anspruch auf Schulen ihres Bekenninisses. Für Weltanschauungen, die nach dem Gesetzentwurf Anspruch auf Schulen ihrer Weltanschauung haben, werden die gleichen Voraussetzungen gefordert. Monistenbund, Freidenker und andre Weltanschauungsvereinigungen würden dort, wo sie öffentliche Körperschaftsrechte besitzen, Weltanschauungsschulen fordern können. In Ländern, wo sie Korporationsrechte noch nicht haben, können sie nach Art. 137 der Reichsverfassung beantragt werden. Die Rechte verleiht eine durch Landesgesetz bestimmte Stelle, die im allgemeinen nur nachzuprüfen hat, ob die Voraussetzungen, welche die Verfassung fordert, gegeben sind. Mit dieser Rechtslage ist die Möglichkeit einer völligen Zersplitterung unsres Schulwesens gegeben. Welche Forderungen stellt das Gesetz an die Bekenntnisschule? Die Kinder müssen einem Bekenntnis angehören. Wenn aber Schüler andrer Bekenntnisse aufgenommen werden oder auch bekenntnislose, so ändert das an der Eigenart dieser Schule als Bekenntnisschule nichts, selbst dann noch nicht, wenn in dieser Schule für Kinder eines andern Bekenntnisses Religionsunterricht erteilt wird. Die Lehrer müssen dem betreffenden Bekenntnis angehören. Für besondere Fälle ist die Beschäftigung und Anstellung von Lehrern andrer Bekenntnisse zulässig, aber die Beschäftigung(nicht Anstellung!) von Bekenntnislosen ist nur in besondern Ausnahmefällen und nur vorübergehend zulässig. Die Arbeit in der Bekenntnisschule mußz getragen sein vom Geiste des Bekenntnisses. Lehrplan und Lehrstoff haben darauf gebührend Rücksicht zu nehmen. Die religiösen Uebungen und Gebräuche sind zu pflegen. Bekenntnismäßige Feiertage und rellglöse Gedenktage(also nicht nur staatlich anerkannte Feiertage) sind zu halten. Lehrund Lernmittel, also Bilder, Karten und Bücher, haben Rücksicht zu nehmen auf das bekenntnismäßige Gepräge der Schule. Die Neueinführung von Lehr- und Lernmitteln hat im Benehmen mit der betr. Religionsgesellschaft zu erfolgen. Die Zahl der Religionsstunden aber ist im Einvernehmen mit der Religionsgesellschaft festzusetzen. Hierin darf sich der Staat nicht gegen die Ansprüche der Kirche entscheiden. Damit die Kirchen vollständige Sicherheit haben, verlangt der Entwurf, daß die Länder auf die Innehaltung dieser Bestimmungen zu achten und bei Verstößen für Abhilfe zu sorgen haben. Wer diese Verstöße feststellt, ob der Pfarrer oder der Vorsitzende des christlichen Elternvereins, das sagt der Entwurf nicht. Die Bestrafung der Lehrer, die gegen die Bestimmungen verstoßen, überläßt der Entwurf den Ländern. Die Schulverhältnisse Bayerns seit Inkrafttreten des Konkordats werden auf das ganze Reich übertragen. Die Merkmale für die Weltanschauungsschule sind die gleichen. Schüler und Lehrer müssen der Weltanschauung angehören. Aber, und hierin liegt die außerordentliche Bevorzugung des bekenntnismäßigen Lehrers, alle Lehrer können für alle Fälle an der Weltanschauungsschule Beschäftigung und Anstellung finden.(Vergl. hierzu die Bestimmungen über Anstellung von Lehrern an Bekenntnisschulen!) Lehrer, die Lehrstoff und Lehrplan haben Rücksicht zu nehmen auf die betr. Weltanschauung. Dasselbe gilt für Lehr= und Lernmittel. Analog dem Religionsunterricht ist ein besonderer Weltanschauungsunterricht zulässig. Hier gebraucht der Entwurf nun das Wort zulässig, er gibt auch den Weltanschauungsgemeinschaften nicht das Recht, die Zahl dieser Unterrichtsstunden zu bestimmen. Die weltliche Schule ist das Stiefkind des Entwurfs. Er enthält nur in§ 8 eine rein negative Bestimmung, die besagt, daß in der weltlichen Schule kein Religionsunterricht erteilt werden darf. Während für die Einrichtung einer Bekenntnis= oder Weltanschauungsschule immer die Mehrheit des Ortes den Ausschlag gibt, wird die weltliche Schule unter Sonderrecht gestellt. Sie kann praktisch nur durch einstimmigen Beschluß ermöglicht werden, denn§ 8 Abs. 2 besagt, daß zum Besuch der weltlichen Schule kein Kind gegen den Willen der Erziehungsberechtigten angehalten werden darf. Angenommen: eine Gemeinde mit hundert Kindern hat eine dreiklassige Gemeinschaftsschule. 88 Kinder sollen nach dem Willen der Erziehungsberechtigten in die weltliche Schule gehen. Dann, so würde man folgern, müßten die zwölf bekenntnistreuen Kinder mit in diese Schule gehen, und sie würden gesonderten Religionsunterricht erhalten. Das ist aber nicht zulässig. Für zwölf Kinder kann eine eigne Bekenntnisschule nicht beantragt werden, zum Besuch der weltlichen Schule dürfen diese zwölf Kinder aber nicht gezwungen werden. Also ist die weltliche Schule für diesen Ort unmöglich. Wären anderseits 51 bekenntnismäßige Kinder im Ort, so würde eine Bekenntnisschule eingerichtet werden können, die ihren Tharakter als solche auch nicht verliert, wenn 49 berenntnislose die Schule besuchen. Wo ist hier das gleiche Recht für alle? In den§§ 9 bis 23 werden die Grundsätze über Einrichtung und Beantragung von Sonderschulen aufgestellt. Der Entwurf unterscheidet dabei drei Reichsgebiete. l. Dort, woschonsetztgesetzmäßig Bekenntnisschulen besteyen oder solche möglich sind, bleibt es bei den landesgesetzlichen Bestimmungen. Es wird aber auch freigestellt, die Verhältnisse nach den Reichsbestimmungen zu ändern. Das ist eine außerordentliche Begünstigung der Bekenntnisschule, weil in diesen Fällen für ihre Errichtung Anträge überhaupt nicht nötig sind. 2. Dort, wo Schulen den verlangten Merkmalen im wesentlichen gleichen, ohne aber gesetzmäßig als Bekenntnisschulen festgelegt zu sein, gelten sie ohne weiteres als Bekenntnisschulen. Innerhalb von zwei Jahren müssen sie den Forderungen vollkommen entsprechen. Dieses allmähliche Hinübergleiten in die Bekenntnisschule ist eine noch größere Bevorzugung dieser Schulgattung, denn zur Errichtung der allgemeinen Volksschule ist in solchen Orten Antrag nötig. 3. Dort, wo keine gesetzlichen Bekenntnisschulenbestehen, auch keine wie unter Ziffer 2, dort muß die Errichtung von Bekenntnis= und Weltanschauungsschulen möglichst leicht gemacht werden. Der Weltanschauungsschule werden dieselben Rechte und Vergünstigungen wie der Bekenntnisschule eingeräumt. Das hat aber nur theoretische Bedeutung. Praktisch können diese Vergünstigungen nicht wirksam werden, weil es bisher Weltanschauungsschulen nicht gab. Soll eine Bekenntnis= oder Weltanschauungsschule einmal wieder aufgehoben werden, so bedarf es hierzu der Zustimmung der Schulbehörde. Für weltliche Schulen gilt diese Bestimmung nicht. Die Länder haben für eine Lehrerbildung Sorge zu tragen, die den Bedürfnissen und Erfordernissen der Bekenntnisschule entspricht. Für die übrigen Schularten kennt der Entwurf diese Fürsorge nicht. S8 24 bis 30 enthalten die Grundsätze über Religlonsunterricht an den Volksschulen. Religionsunterricht ist in Uebereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgesellschaft zu erteilen. Den Religionsgesellschaften ist ausreichende Gelegenheit zu geben, sich von der Erfüllung dieser Bestimmung zu überzeugen. Dies kann geschehen:„auch durch Besuch des Religionsunterrichts durch besondere Beauftragte". Daß der Entwurf hier das Wörtchen „auch“ gebraucht, läßt darauf schließen, daß man auch noch andre Möglichkeiten der Kontrolle in Aussicht genommen hat, etwa Befragen der Kinder und Eltern, Herumschnüffeln in der Gemeinde, Einfordern von Berichten usw. Zwei Begriffe bleiben ganz unklar und demnach der Auslegung durch die Länder überlassen: 1. Was ist ausreichende Gelegenheit und 2. Wer ist der Beauftragte der Religionsgesellschaft? Ist es der Geistliche, der Kirchenbeamte oder der Vorsitzende des christlichen Elternvereins? Wahrscheinlich darf jeder in die Schule inspizieren kommen. Endlich haben die Vertreter der Kirche auch wieder Sitz und Stimme in den örtlichen Schulverwaltungsorganen. Den Vertretern der Weltanschauungsgemeinschaften gesteht der Entwurf das gleiche Recht nicht zu. Hierfür sind wohl politische Gründe maßgebend? Bei Besetzung der Stellen von Schulaufsichtsbeamten ist auf die Art der ihnen unterstellten Schulen Rücksicht zu nehmen, d. h. im allgemeinen können nur bekenntnistreue Männer, die den Rechtsparteien nahe stehen, Schulaufsichtsbeamte werden. So arbeitet der Entwurf hin auf die Zerschlagung unsres Schulwesens.— Das öffentliche Leben zeigt im allgemeinen die Tendenz der Vereinheitlichung, die politische Praxis des Kabinetts Luther arbeitet in entgegengesetzter Richtung. Statt Aufbau des Schulwesens seine Zerspaltung, seine Aufteilung an die sonst feindlichen Brüder der Konessionen und Weltanschauungen! Alle Worte von Volksgemeinschaft bleiben schöne Theorie! Mit den praktischen folgen für unser deutsches Schulwesen werden wir uns noch zu beschäftigen haben. Religöser Sozialismus Von Pfarrer Liz. Dr. Hans Hartmann (Vortrag, gehalten in der größern Gemeindevertretung zu Ketzberg) (Wir alle spüren, daß wir jetzt in einer Uebergangszei leben. Aus einem ungeheuren Zusammenbruch der abendländische Kulturwelt will sich ein Neues erheben, aber die Formen diese Neuen sind auf allen Gebieten, auf wirtschaftlichem wie auf geist gem, auf politischem wie auf religiösem, erst ganz undeutlich sich var. Verständnis der Lage tut uns vor allem not, und dann Au zeigung der Linien und Kräfte, die in eine bessere Zukunft weise tonnen. Grundtendenzen der gegenwärtigen Wendezeit ist die daß der Einzelmensch und sein persönliches Glück sich nicht met Lys. genügt, sondern daß er zum Ganzen strebt, die Vei antwortung für das Schicksal von Menschheit und Welt viel tiefe spürt, als man es früher tat, und daß das Heil der Seele nur de eine Brennpunkt des religiösen Lebens ist: der andre, das Reit unter den Menschen, wie es zum Wesentlichen der Botscha darf nicht fehlen. Ein Wort des„Faust" gewinnt hie em Lichte der Gegenwart tiefere Bedeutung: Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen, Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, ich in meinem innern Selbst genießen Geist das Höchst' und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen, Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern, Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern.“ Unter den Bewegungen der Gegenwart, die das Leid der Mensch in seinen wahren Ursachen aus der Tiefe verstehen, tragen un die Wege zu seiner Heilung weisen wollen, darf der religiös werden. Gleich weit davon entfern ee partei obe eereinigung mit Statuten, Programm un Mitgliede n zu sein, wie einer schematischen Bekämpfung jedes Par tellebens zu ldigen, demuyen sich hier Menschen um Erkenntni der seelischen un'd leiblichen Not. Es gil wie der Bund religiöser Se Kres um Karl Mennicke und Prof. Tillich(„Blä Sozialismus“); aber diese sind untereinander rech ten auf wesentlich andern Wegen und wolle ais was der religiöse Sozialismus überhaus sein jano sein will: ein Element des Aufrütteln und derrruhsunin unen öffentlichen Leben, inmitten de furchtbaren Situation des Klassenkampfes, der Zerspaltenheit un grundsätzlichen Uneinigkeit in unserm Volke(wie auch in den ar en Völkern). Man hat Front nach zwei Seiten: dem durch egoist sche Taktik gefährdeten Sozialismus sagt man, daß er eine große, ja heilige Aufgabe habe, die er nicht verraten dürfe: nämlich, dem Willen Gottes Bahn zu bereiten, der auf Gerechtigkeit, Friede und Freude zielt. Das bedeutet, daß der Sozialismus erst von der Religion, vom Ewigen aus Sinn und Tiefe gewinnt. Würde er das Ewige aus dem Spiel lassen, so wäre er allerdings nur eine Brot= und Magenfrage. Denen aber, die in der überlieferten Religion ihr Genüge finden, wird das Gewissen geschärft, damit sie erkennen, wie die lähmende Sorge um das tägliche Brot, der Sumpf des Wohnungselends, der Zwang zur Selbstsucht in den heute herrschenden Verhältnissen wahrhaftig nicht der Boden ist, auf dem innere Besinnung, Erneuerung des Menschen, Verantwortung und Liebe gedeihen können. Zwar mag es möglich sein, daß Einzelne sich da vom Ewigen her herausreißen lassen, aber es ist Gottes Wille, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und daß Menschen, soweit sie können, die Hindernisse hinwegräumen, die der Möglichkeit des Menschseins im Wege liegen. Der religiöse Sozialismus hat eine bewegte und bedeutsame Geschichte gehabt. Schon vor dem Kriege gab es in England eine Bewegung, die ihre Wurzeln in Maurice und dem bekannten Dichter Kingsley hatte und etwa auch in der Tatsache zum Vorschein kam, daß 70 Geistliche der englischen Staatskirche Sozialisten waren — ein Zustand, der in Deutschland vor dem Kriege unmöglich war. Aber man kann sagen, daß in England fast die gesamte Arbeiterbewegung auf dem Boden des religiösen Sozialismus steht, wovon besonders einige den religiösen Fragen gewidmeter Jahresversammlungen Zeugnis ablegen. Nicht nur Macdonald, sondern auch Radikale wie der Quäker Ayles treten im religiösen Leben Englands führend hervor. Zu einer gewaltigen Gedankenmacht wurde der religiöse Sozialismus in der Schweiz. Dort haben Kutter und Ragaz. deren Wege später allerdings ganz auseinandergingen, mit prophetischer Wucht vor dem Kriege Dinge verkündigt, die die Kirchen und viele nachdenkliche Menschen in Erstaunen setzten. Sie verkündigten die absolute Gottlosigkeit der Welt, die sich durch Frömmigkeitsübungen und Gewohnheitschristentum darüber hinwegtäusche, daß die Welt absolut nicht mehr der Garten Gottes ist, sie sagten, daß da, wo der Notschrei am stärksten laut werde, also bei den Sozialisten, Gottes Wille geschehe— selbst wenn die Einzelnen Gott leugneten, daß sie also, ohne es zu wissen und gegen ihren Willen(wovon die Bibel ja manches Beispiel berichtet), Beauftragte Gottes seien. In äußerster Zuspitzung fand sich bei diesen tiefernsten und wahrhaft frommen Theologen der Satz, daß die Sozialdemokraten Gott haben, die Kirche ihn aber verleugne. Das ist so zu verstehen, daß jene eben unbewußte Beauftragte sind, die Kirche aber die Bruderliebe und die Verantwortung für die Brüder vergessen und sich vielmehr an das Kainswort gehalten habe: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Heute würde man wohl jene Formulierung nicht mehr gebrauchen. Infolge der Erschütterung des Krieges und der Nachkriegszeit sind dann die schweizerischen Gedanken nach Deutschland gekommen, zum Teil durch Karl Barth, einen Schüler Kutters. Aber sofort zerlegte die große Mannigfaltigkeit deutschen Wesens die Gedanken in mehrere Richtungen. Da ist die Neuwerks=Bewegung, eine Form der Jugendbewegung, die ohne engeres Verhältnis zu Parteien diese Gedanken des neuen Lebens und der Versöhnung hatte und auch in kleinen Kreisen auszuleben versuchte. Der Geist Christi ist die neuschaffende Kraft, ohne die die neue Welt ein Torso bleiben muß. In andern Bewegungen, wie in Sannerz(Eberhard Arnold) oder in der Weltwende(Württemberg) trat das messianische Element stärker hervor: Christus, der in dieser Weltwende wiederkommt und sich in der Gemeinschaft der Seinen bezeugt, ruft sie auf zur Bereitung seiner Herrschaft und zur Ablehnung der Herrschaft des Hasses, des Krieges, des Mammons. Der Kreis um Mennicke sucht vor allem in die Tiefe der gegenwärtigen Weltnot und ihrer Erlösungsmöglichkeiten zu dringen, steht aber auch mitten zwischen den Arbeitern, um von ihrer konkreten Situation aus immer wieder die Dinge recht zu sehen und zu verstehen. Der Bund religiöser Sozialisten versucht die Geister zu sammeln und auch innerhalb der Parteien zur Vertiefung aufzurufen. Unser Ketzberger Arbeitskreis hat vielleicht von allen etwas, er ist am weitesten von einem bestimmten Programm entfernt, glaubt aber gerade darin den Sinn der Stunde am besten zu erfüllen.— So verschiedene Strömungen sich also im deutschen religiösen Sozialismus finden, so kann man doch davon sprechen, daß sich in den lebhaften und ernsten Auseinandersetzungen der letzten Jahre gewisse Grundgedanken herausgeschält haben, die hier nur leitsatzartig wiedergegeben seien, die aber das öffentliche Denken in Bewegung setzen und zur Stellungnahme auffordern sollen. 1. Die heutige Wirtschaftsgestaltung tötet den Menschen, seinen Leib und seine Seele. Die Wohnungsnot ist schuld an Verkümmerung und Versumpfung und an der furchtbaren Tatsache der ungeborenen Geschlechter. Eine Wirtschaftsordnung, in der Geld für Tanks, Bomben und Kriegsschiffe, also zur Uebertretung des 5. Gebotes ausgegeben werden muß, anstatt für Brot und Beschaffung von produktiver Arbeit, widerspricht dem Willen Gottes. 2. Diese Wirtschaftsform gestattet verantwortungslosen Leuten die Ausbeutung ihrer Mitmenschen. Sie muß ersetzt werden durch eine Wirtschaftsform der Verantwortlichkeit, ohne daß man sich dabei auf ein sozialistisches Dogma festlegt. Ueber den Weg dazu muß jeder selbst sich frei und gewissenhaft seine Ueberzeugung bilden. Man muß scharf unterscheiden zwischen dem machtgierigen verantwortungslosen Ausbeuter und etwa dem„Kapitalisten“ eines guten Willens, der darunter leidet, daß eine Menschengruppe vorwiegend durch die Arbeit einer andern Menschengruppe lebt. 3. Der Sozialismus ist nicht Sache einer Klasse(der Arbeiterklasse), sondern aller gutgesinnten Menschen, die dem Willen Gottes Bahn bereiten wollen. In der vertrauensvollen Zusammenarbeit der Menschen aus verschiedenen Ständen(die etwas anders ist, als die„Arbeitsgemeinschaft“ zugunsten eines Standes) wird sich zeigen, wie weit notwendige objektive Gesetze der Wirtschaft Berücksichtigung fordern müssen und wie sich diese Eigengesetzlichkeit vereinbaren läßt mit der Notwendigkeit, den Menschen Brot und ein lebenswertes Leben zu schaffen. 4. 1. Joh. 2, 10:„Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht.“ Wirkliche Religion und Erfassung der Gotteswahrheit des Lichtes Christus ist also nur da möglich, wo Liebe zu den Brüdern und Verantwortung für sie die beherrschende Macht des Lebens ist. 5. Das Ziel alles Lebens und der Sinn aller Wirklichkeit ist Gott, der Ewige. Gott hat es also mit der gesamten Wirklichkeit, geistiger und materieller, seelischer und leiblicher zu tun, er will, daß ein neuer Himmel und eine neue Erde werde. Oder, wie es ein alter Theologe(Oetinger) einmal ausdrückt:„Das Ende der Wege Gottes ist die Leiblichkeit.“ 6. Der Sozialismus kann darum auch nur eine internationale Frage sein; da nämlich die„Not“ im Grunde überall gleich groß ist, muß auch in allen Völkern die Erkenntnis der Heilung kommen und der Weg beschritten werden. In allen Landen muß der Geist des Friedens und der Versöhnung lebendig werden. Soviel aus der Fülle dessen, was eigentlich zu sagen wäre. Es ist viel Kraft, Leben und Erkenntnis in der Bewegung des religiösen Sozialismus, auch noch viel Unausgeglichenes. Er zwingt alle die, die hören können, zur Antwort auf die tiefsten Fragen. Möge sich dem niemand entziehen. Am die russische Seele Goethe hat einmal gelegentlich die Bemerkung gemacht, daß unter Umständen politische Unterdrückung die Literatur einer Nation in ihrem Werte steigern kann; denn das ganze Leben des betroffenen Velkes konzentriere sich dann eben in seinem Schrifttum, weil andro Möglichkeit geistiger Betätigung abgeschnitten sei, und so erhalte die Dichtung eine Lebensfülle und Tiefe zugleich, wie man sie bei gluglichern und freiern Völkern nicht in dem Maße antreffe. Es ist, als wäre diese Bemerkung prophetisch auf die russische Literatur gemünzt, denn in der Tat hat das russische Volk gerade in seiner ungeheuren politischen Bedrückung in seiner Dichtung den vollen Ausdruck seiner Seele gefunden; der ganze Schmerz und der ganze Glanz der russischen Seele ist in den Worten der großen Dichter der russischen Erde niedergelegt, und Thomas Mann hat nicht so unrecht, wenn er die russische Literatur als eine„heilige Literatur bezeichnet. Das Studium der russischen Literatur bedeutet vielleicht mehr als bei jeder andern Nationalliteratur die Erkenntnis der liefsten Abgründe der Volksseele, der diese Dichtungen entstammen. Und diese Erkenntnis ist nachgerade nicht nur zu einer theoretischen, sondern zu einer praktischen Notwendigkeit für Westeuropa geworden; das russische Problem ist zum Weltproblem geworden, und wer dieses Problem verstehen will, muß die russische Seele verstehen lernen, muß sich also bemühen, in die russische Literatur einzudringen. Nun ist in Deutschland in letzter Zeit allerlei über Rußland geschrieben worden, aber vieles davon ist aus zweiter oder gar dritter Hand und darum von sehr zweifelhaftem Wert. Und was die Kenntnis der russischen Dichtung angeht, so ist man in Deutschland in weiten Kreisen auf Uebersetzungen angewiesen, und diese Uebersetzungen sind quantitativ sehr reichlich, aber qualitativ in sehr vielen Fällen minderwertig. Es ist deshalb als eine sehr bedeutsame und erfreuliche Erscheinung zu begrüßen, daß eine der größten deutschen Verlagsanstalten, das Bibliographische Institut in Leipzig, im Rahmen seiner rühmlichst bekannten Klassiker=Ausgaben nunmehr auch systematisch geordnet eine Auswahl russischer Dichter in sorgfältig gearbeiteten Uebertragungen erscheinen läßt. An der Spitze dieses umfassenden literarischen Unternehmens steht Arthur Luther, einer der besten Kenner russischer Literatur. Luther ist in Rußland geboren, hat lange dort gelebt und hat vor allem seine Studien über russische Literatur an der Moskauer Universität, unter Leitung hervorragender russischer Literarhistoriker gemacht. Man hat also bei ihm die sichere Gewähr, daß alles, was er gibt, aus erster Hand kommt. Als Grundlage zu dem ganzen Unternehmen hat nun Luther eine Geschichte der russischen Literatur geschrieben, die mit zu dem Allerbesten gehört, was wir in Deutschland auf diesem Gebiete besitzen. Mit der ältesten russischen Volksdichtung beginnend, führt uns dieser kundige Historiker bis zur unmittelbaren Gegenwart. Plastisch heben sich die einzelnen Epochen dieses Entwicklungsganges voneinander ab, stark treten die einzelnen großen Gestalten hervor, ohne jedoch den Zusammenhang mit dem großen Ganzen zu verlieren, die allgemeine Kultur ist überall als Hintergrund deutlich sichtbar. Die Darstellung ist durchweg lebendig und geschmackvoll und verfällt nirgends in den so beliebten„modernen“ abgrundtiefen Schwulst, die Werturteile durchdacht und wohlabgewogen. So ist es denn wirklich ein Genuß, dieses Buch zu lesen, das noch durch eine Fülle guter Abbildungen belebt und anschaulich gemacht wird. Von den Klassikern selbst liegen bis jetzt acht Bände vor. Die Uebersetzungen sind zum Teil von Luther selbst, zum Teil von andern gleichartigen Dolmetschern. Alle Dichtungen sind mit belehrenden Einführungen und Anmerkungen des Herausgebers versehen, die ohne Pedanterie das Verständnis erleichtern. Den Reigen eroffnet Puschkin(† 1837), mit dem die moderne lebendige russische Literatur beginnt. Puschkin hat sich in allen Gattungen der Dichtung betätigt: als Lyriker, Epiker, Dramatiker. Nach allen diesen Richtungen lernen wir ihn in den zwei Bänden kennen, die ihm gewidmet sind: wir finden eine Auswahl seiner Lyrik, die Tragödie„Boris Godunow“, die meisterhafte Erzählung „Die Hauptmannstochter“, eine Reihe kleinerer Dichtungen, und vor allem den Versroman„Eugen Onegin", eine der populärsten russischen Dichtungen; es gibt keinen gebildeten Russen, der nicht imstande wäre, aus dieser Dichtung zu rezitieren. Mit einem Band ist dann der zweite große Romantiker der russischen Dichtung, Lermortow, der jüngere Zeitgenosse Puschkins, vertreten. Sein Hauptwerk ist der Prosaroman„Ein Held unsrer Zeit“, der erste große psychologische Roman der russischen Literatur, wie Luther ihn charakterisiert. Von unsäglichem Reiz ist„Das Lied vom Zaren Iwan Wasiljewitsch, seinem jungen Leibwächter und dem kühnen Kaufmann Kalaschnikow", ein kleines hinreißendes Epos, ein strahlender Krondiamant russischer Dichtung. In zwei Bänden wird uns dann der große Gogol vorgeführt. Die Rolle dieses Mannes innerhalb der russischen Dichtung, ja innerhalb der Weltliteratur, kann nicht hoch genug gewertet werden. Man kennt in Deutschland meist nur seine Komödie„Der Revisor“, der ja auch zu den Meisterwerken der russischen Bühne gehört. Aber bedeutsamer ist er noch als Erzähler. Mit seinem großen Zeitroman„Die toten Seelen“ wird er, gleichzeitig mit dem Franzosen Balzac und dem Engländer Dickens, der Begründer des europäischen Realismus. Und wie in diesem Roman, so erweist er sich auch in seinen zahlreichen Novellen als ein Humorist, dem das Gelächter und die Träne in gleicher Weise zu Gebote stehen. Bei ihm tritt das sozialkritische Moment mit besonderm Nachdruck hervor, und so ist er denn der Vater der ganzen russischen„Anklageliteratur“. Einer seiner Novellen, „Der Mante!“, hat auf die nachfolgende Generation einen besonders tiefen Eindruck gemacht, und einer seiner berufensten Nachfolger, Turgenew, hat es kurz und bündig formuliert:„Wir kommen alle aus Gogols Mantel.“ In der Tat Turgenew, Tolstoi, Dostojewski, sie alle sind ohne Gogol nicht denkbar. Von Turgenew legt uns der Herausgeber einen Band feinsinnig ausgewählter Novellen vor. Turgenew war vor etwa einem halben Jahrhundert der einzige in Westeuropa bekanntgewordene russische Dichter; er ist dann später durch Tolstoi und Dostojewski zurückgedrängt worden. Mit Unrecht: denn wenn er auch nicht die Gewalt Tolstois noch die Tiefe des Raskolnikow=Schöpfers besitzt, so ist er doch der größere Künstler, ja wohl einer der größten Künstler der gesamten europäischen Literatur. Der vorliegende Novellenband dürfte dazu beitragen, das Interesse an ihm neu zu wecken. Einen Wunsch möchten wir noch äußern: daß Luther bald einen Zweiten Turgenew=Bano folgen lassen möge, der die„Aufzeichnungen eines Jägers“" enthält, diese für den Dichter wie für sein Land und Volk so unvergleichlich bezeichnende Prosa=Dichtung. Der in Deutschland so gut wie unbekannte Erzähler und Satiriker Michael Saltykow wird mit einem Band Geschichten und Märchen vorgeführt. Wir lernen da einen Erzähler von reicher Phantasie, starker satirischer Begabung und dabei doch völlig gegenständlicher Gestaltungskraft kennen. Die Schilderungen, die er z. B. aus der Zeit der Leibeigenschaft entwirft, pragen sich unauslöschlich dem Gedächtnis ein. Endlich bringt uns noch ein Band„Meisterwerke der russischen Bühne“, die in Deutschland bis jetzt fast unbekannt sind; es handelt sich um eine Auswahl, die uns die hauptsächlichsten Entwicklungsstufen des russischen Dramas, von der klassischen Verskomodie Gribojedows über den Realismus Ostrowwskijs und Pisemskys bis zum Stimmungs= und Zustandsdrama Tschechows vorführt.— Man ersieht wohl schon aus diesen kurzen Angaben, welch eine Fülle geistiger Werte in diesen Bänden aufgehoben ist, und man möchte den deuischen Lesern das antike Wort, das Lessing so geliebt, zurufen: Introite, nam et hic Dii sunt! Tretet ein, auch hier sind Götter! Dr. Simchowitz.